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[de] (orig)
Haltungen und Verhalten
von nichtjüdischen Deutschen gegenüber Jüdinnen
und Juden in Erinnerungsinterviews mit
Überlebenden des Holocaust (1933 bis 1938)
vorgelegt von
Sonja Niehaus
Von der Fakultät I Geisteswissenschaften
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktorin der Philosophie
- Dr. phil.-
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzende: Prof Dr. Sabine Hark
Berichter: Prof. em. Dr. Wolfgang Benz
Berichterin: PD Dr. Mona Körte
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 10.04.2013
Berlin 2013
D 83
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
2
Für Keke Wanda Kasa
Für immer Keki
für immer bin ich bei dir
Deine Mama
Schlaf gut Maus
Wir sehen uns bald
wieder
im Traumland
Ich hab Dich so lieb
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
3
Inhaltsverzeichnis
Prolog:
Begegnungen mit Überlebenden und die Wahrheit ihrer Zeugnisse 5
Einleitung
Fragestellung 18
Verortung in der historischen Forschung 22
Aufbau der Arbeit 27
Vorgehen und Methoden 33
1. Interaktionen zwischen Juden und Nichtjuden im Alltag
1.1 Ausgrenzung, Gewalt und die Idee der Volksgemeinschaft 38
1.2 Inga C. aus Frankfurt am Main 65
1.3 Jüdisches und „arisches“ Aussehen 80
1.4 Martha Kadisch aus Hamburg 93
1.5 Betty C. aus Berlin 105
1.6 Jenseits der Großstädte Das Zusammenleben in der Provinz 114
1.7 Harry T. aus Zürbach in Hessen 128
1.8 Fred K. aus Oberlauringen in Franken 134
2. Die Erfahrungen von jüdischen Kindern und Jugendlichen
2.1 Frank S. aus Breslau 140
2.2 Kinder im Nationalsozialismus 156
2.3 In der Schule: Mitschüler und Lehrer 173
2.4 Kinder in der Nachbarschaft und ehemalige beste Freunde 179
2.5 Erlebnisse mit Erwachsenen und Generationenkonflikte 184
3. Hilfe und Solidarität
3.1 Geleistete und unterlassene Hilfe 191
3.2 Helga Chomsky aus Hamburg 199
3.3 Ernst Valfer aus Frankfurt am Main 213
3.4 Vergleich der beiden Interviews und Schlussfolgerungen 225
4. Frauenspezifische Erlebnisse und Erinnerungen
4.1 Die Kategorie Geschlecht 228
4.2 Erna P. aus Berlin 233
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
4
4.3 Analyse des Interviews von Erna P. 249
4.3.1 Methoden 250
4.3.2 Analyse der Gendercodes in den beschriebenen Beziehungen 251
4.3.3 Schlussfolgerungen 268
Zusammenfassung und Schluss 273
Archiv- und Literaturverzeichnis 281
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
5
Prolog:
Begegnungen mit Überlebenden und die Wahrheit ihrer Zeugnisse
Die Beschäftigung mit Erinnerungen von Überlebenden des Holocaust hat in Deutschland in
den letzten 15 Jahren deutlich zugenommen. Davon zeugt die Arbeit von
Literaturwissenschaftlern mit erzählten Autobiografien von Überlebenden ebenso wie die
Befassung von Historikern mit Erinnerungen und mündlichen Erzählungen, meist auf der
Basis der Tradition der Oral History. In den Gender Studies werden Berichte von
überlebenden Frauen studiert oder Fragen nach Repräsentativität und geschlechtlichen
Codierungen in Erzählungen und Erinnerungen gestellt. Die Themen, die bearbeitet werden,
reichen von Alltagsgeschichte und Geschlechtergeschichte der Zeit zwischen 1933 bis 1945
über erinnerungstheoretische Fragestellungen und Biografieforschung bis zur
Vergangenheitspolitik in Deutschland. Fast überraschend scheint es dabei auf den ersten
Blick, dass Interviews mit Holocaustüberlebenden schon seit der Befreiung der
Konzentrationslager geführt, dokumentiert und archiviert werden. Diese vergleichsweise
älteren Sammlungen stehen jedoch vornehmlich in den USA, in England und in Israel, wie
dann ein zweiter Blick erhellt.1
Die Sammlungen entsprechender Interviews in Deutschland hingegen sind jüngeren
Datums. Ältere deutsche Oral-History-Projekte und Sammlungen, auch solche zum Thema
Nationalsozialismus, enthalten fast keine Zeugnisse von Überlebenden, sondern haben sich
1 Das Fortunoff-Archiv der Universität Yale beispielsweise wurde 1981 gegründet, dazu: Geoffrey Hartman,
Von Überlebenden lernen. Das Videozeugen-Projekt in Yale, in: ders., Der längste Schatten. Erinnern und
Vergessen nach dem Holocaust, Berlin 1999, S. 194215; ders., Videographie, Oral History und Bildung: Das
Yale Testimony Projekt, in: Cathy Gelbin u. a. (Hg.), Archiv der Erinnerung, Interviews mit Überlebenden der
Shoah. Videographierte Lebenserzählungen und ihre Interpretation, Potsdam 1998, S. 4164. Die Wiener
Library in London begann die Sammlung ihrer Eye-Witness-Accounts bereits 1954, vgl.
www.wienerlibrary.co.uk/collections/eyewitnessaccounts.aspx (letzter Zugriff am 3. 9. 2012). Die
Gedenkstätte Yad Vashem in Israel versucht seit Beginn ihres Bestehens, Zeugnisse von möglichst allen
Überlebenden zu sammeln, und betrachtet die Sammlung von Testimonies als Herzstück ihres Archivs, vgl.
http://www1.yadvashem.org/yv/en/remembrance/multimedia.asp (letzter Zugriff am 3.9.2012). Ebenso
wurden bereits in den Displaced-Persons-Camps Interviews mit ehemaligen Konzentrationslagerinsassen
geführt, vgl. voices.iit.edu (letzter Zugriff am 3. 9. 2010), auch die dortige Literaturliste. Vgl. zur Entwicklung:
Raul Hilberg, Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und interpretieren, Frankfurt am Main 2002, S. 53 ff.;
Irith Dublon-Knebel, Transformationen im Laufe der Zeit. Re-Präsentationen des Holocaust in Zeugnissen der
Überlebenden, in: Insa Eschebach u. a. (Hg.), Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen
des nationalsozialistischen Genozids, Frankfurt am Main 2002; Henry Greenspan, The Awakening of Memory.
Survivor Testimony in the First Years after the Holocaust, and Today, Washington 2001.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
6
fast ausschließlich mit den Erzählungen nichtjüdischer Deutscher befasst.2 Während in den
USA zu Beginn der 1980er-Jahre bereits Debatten darüber geführt wurden, ob die
Erinnerungen von überlebenden jüdischen Frauen andere Aussagen treffen und andere
Dinge zutage fördern als diejenigen von überlebenden jüdischen Männern,3 die
geschichtswissenschaftliche Befassung mit der Gruppe der Überlebenden also in der
dortigen scientific community als selbstverständlich gelten konnte, wurde in Deutschland
(schon/erst/noch) darüber gestritten, ob der Holocaust nicht besser „historisiert“ werden
sollte, damit man endlich zum historischen Tagesgeschäft übergehen könne.4
Historisierung, wie sie damals diskutiert wurde, meinte aber im Kern Entpersönlichung der
Geschichte, also genau das Gegenteil dessen, was das Anliegen der Befragung von
Überlebenden ist. Als Erklärung dafür kann man anführen, dass die Tradition der deutschen
Geschichtswissenschaft seit Ende des Zweiten Weltkrieges eher eine strukturgeschichtliche
gewesen ist, also andere Aspekte der vergangenen Gegenwart betont hat, und dass
andererseits in den USA die Oral History ihren Ursprung schon in den 1930er-Jahren des
letzten Jahrhunderts genommen, also eine viel längere und auch ganz andere Tradition
hatte und im Übrigen ebenfalls alles andere als unumstritten gewesen ist.5 Solche
wissenschaftlichen Traditionen, Entwicklungen, Methoden und Diskussionen haben jedoch
auch immer gesellschaftliche Gründe und sind selbstverständlich kein vom Rest der Welt
hermetisch abgeschirmter Bereich. Ganz im Gegenteil kann es heute als unumstritten
gelten, dass jede Wissenschaft, einschließlich der Naturwissenschaften, in ihren Fragen,
Methoden
2 Die Oral History mit ihrem Selbstverständnis einer Geschichtsschreibung „von unten“ ist in Deutschland seit
Ende der 1970er-Jahre populär und hat sich hier traditionell mit Arbeiter- und Frauengeschichte befasst. Eine
der ersten großen deutschen Oral-History-Untersuchung beruht auf der Sammlung Archiv Deutsches
Gedächtnis in Hagen: Lutz Niethammer u. a. (Hg.), Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930 bis
1960, 3 Bände, Berlin/Bonn 1983 und 1985. Einen guten Überblick über Themen und Arbeitsweisen bietet Lutz
Niethammer (Hg.), Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der „Oral History“, Frankfurt am
Main 1985. Zur Bedeutung der frühen Oral History-Projekte in Deutschland für die hiesige
Geschichtsschreibung des Nationalsozialismus vgl. Michael Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus,
Göttingen 2008, S. 10 ff.
3 Esther Katz/Joan Ringelheim (Hg.), Proceedings of the Conference: Women Surviving the Holocaust, New
York 1983, dokumentiert den Beginn dieser Debatte in den USA.
4 Siehe dazu „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der
nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987; Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, S. 11 ff.
5 Dazu Louis M. Starr, Oral History in den USA. Probleme und Perspektiven, in: Lutz Niethammer (Hg.),
Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der „Oral History“, Frankfurt am Main 1985, S. 3774;
zu US-amerikanischer Kritik an Zeugnissen als historische Quellen vgl. Hilberg, Quellen, S. 53 und 195 ff.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
7
und Ansichten aus dem hervorgeht, was um sie herum geschieht, aus ihrer bewusst und
unbewusst antizipierten Lebenswelt heraus agiert und ihre Forschungstätigkeit und -
richtung entsprechend entfaltet. Forschende Mediziner, Philosophen, Psychoanalytiker und
eben auch Historiker stellen ihre Fragen aus ihrer je eigenen individuellen, sozialen und
historischen Perspektive heraus, basierend darauf, was um sie herum geschieht und was sie
beschäftigt. Dabei sind wir nicht nur beeinflusst von den wissenschaftlichen Möglichkeiten
und Denkungsweisen um uns herum, wir gestalten sie ebenso mit, ob dies jeweils in unserer
Absicht liegt oder nicht.
Vor diesem Hintergrund eröffnet sich die Frage, aufgrund welcher sozialen Bedingungen die
Beschäftigung mit Überlebenden des Holocaust in Deutschland ausgerechnet in den letzten
Jahren so angestiegen ist, und nicht früher oder gar später. Zentral in diesem
Zusammenhang scheint mir die Feststellung, dass die akademische Trägerschicht dieser
Entwicklung eine neue Generation von Forschern und Forscherinnen ist. Diese Generation,
zu der ich mich zugehörig weiß, ist in Deutschland mit der Enkelgeneration nach dem
Nationalsozialismus und dem Holocaust identisch.6 Das bedeutet nicht nur, dass wir die
Enkelkinder derjenigen sind, die die Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust
persönlich miterlebt haben, also in Deutschland im Regelfall diejenigen der Täter und
Mitläufer. Außerdem sind wir die Kinder von Eltern, die, in den meisten Fällen, die
Handlungen der Täter oder das Wegsehen und In-Kauf-Nehmen von Erniedrigung,
Ausgrenzung, Diebstahl, Deportation und letztlich Mord durch die Mitläufer verschwiegen
haben und immer noch beschweigen. Ausnahmen gibt es zwar, sie sind aber doch selten,
meistens einer eher linksintellektuellen, gebildeten Mittelschicht angehörige ehemalige
68er, während der allergrößte Teil dieser Menschen, die man in einer durchschnittlichen
deutschen Stadt auf einer durchschnittlichen Straße trifft, die Täterschaft der eigenen Eltern
auf die eine oder andere Art nach wie vor verdrängt.7 Wir Enkelkinder haben im Laufe
6 Den Begriff der Generation gebrauche ich hier im Sinne von „Generationszusammenhang“ bei Karl
Mannheim, Das Problem der Generationen, in: ders., Wissenssoziologie, hrsg. von Kurt H. Wolff, Neuwied
1964, S. 509565.
7 Womit auch deutlich wird, dass die Auseinandersetzung mit dem NS-Erbe nicht zuletzt eine Klassenfrage ist.
Die 68er-Studierenden haben zwar neben einem Mythos auch eine Epoche geprägt, waren aber auch in der
eigenen Generation eine Minderheit. Im Sinne Karl Mannheims würde es sich wohl eher um eine
„Generationseinheit“ neben anderen als um einen „Generationszusammenhang“ handeln. Dan Bar-On schrieb
noch in seinem 1993 veröffentlichten Werk: Dan Bar.On, Die Last des Schweigens. Gespräche mit Kindern von
Nazi-Tätern, Frankfurt am Main 1993, S. 28, dass seine Interviewpartner „wie aus einem Vakuum heraus“ mit
ihm sprachen, das Thema also völlig unberührt vor ihm und ihnen lag.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
8
unserer Kindheit eher zufällig, spätestens dann in der Schule, aufgeschnappt und erfahren,
was in dem Land, in dem wir leben, vor 40, 50 Jahren geschehen ist.8 Mit dem wie nebenbei
Gelernten blieben wir häufig allein, auch in der Schule, da letztlich auch viele Lehrer, selbst
Angehörige eben jener Elterngeneration, dem Thema trotz guten Willens in menschlicher
Hinsicht nicht gewachsen waren, und es mit Schuld und Scham belegt war.9 Und oft wurde
dabei nicht thematisiert, dass das, was geschehen ist, auch getan wurde, dass da Menschen
waren, die Jüdinnen und Juden erniedrigt, ausgegrenzt, bestohlen, deportiert und
umgebracht haben. Die verdrängten und fehlenden Informationen zu ergänzen, blieb wohl
den meisten selbst überlassen. Die spärlichen Informationen über den Holocaust, die
manchmal durch Bemerkungen von Familienmitgliedern, häufig aber auch von Fremden wie
zufällig übermittelt wurden, bevor dann irgendwann in der Schule das Thema
durchgenommen wurde, streiften wohl eher selten die drängende Frage, die sie doch bei
allen, ausgesprochen oder nicht, evozieren mussten: wie konnte es dazu kommen?
Die Enkelgeneration, in den Pakt des Schweigens keineswegs nur passiv verwickelt,10 ist an
dieser symbolischen, immer verdrängten und zugleich präsenten Frage, die schon allein in
ihrer hilflosen, immer gleichbleibenden Formulierunge ein Verstrickung wider Willen
spiegelt, irgendwie kleben geblieben: Die Formulierung „wie konnte es“ möchte die
fantasierte Möglichkeit aufrechterhalten, dass „es“ so über uns kam, „es“ also so nicht hätte
geschehen müssen, und außerdem hätte „es“ ja auch anderen widerfahren können. So
gestellt hält die Frage einen Ausweg für das eigene abwehrende oder fassungslose Fühlen
und Denken bereit, das sich der Realität der Taten nicht zu stellen vermag. Das kleine
Wörtchen „dazu“ am Ende der Frage lässt im Dunkeln, worum es eigentlich geht. „Dazu“
versteckt hinter sich einen leeren Raum in uns und zwischen uns, der zwar diffus
8 Einige Studien und Sammelbände, in denen aus unterschiedlichen Perspektiven auch die
Enkelkindergeneration behandelt wird: Dan Bar-On u. a. (Hg.), „Da ist etwas kaputtgegangen an den Wurzeln.“
Identitätsformationen deutscher und israelischer Jugendlicher im Schatten des Holocaust, Frankfurt am Main
1997; Gabriele Rosenthal (Hg.), Der Holocaust im Leben von drei Generationen. Familien von Überlebenden
der Shoah und von Nazi-Tätern, Gießen 1997; Michael Kohlstruck, Zwischen Erinnerung und Geschichte. Der
Nationalsozialismus und die jungen Deutschen, Berlin 1997; Liliane Opher-Cohn u. a. (Hg.), Das Ende der
Sprachlosigkeit? Auswirkungen traumatischer Holocaust-Erfahrungen über mehrere Generationen, Gießen
2000; Kurt Grünberg/Jürgen Straub (Hg.), Unverlierbare Zeit. Psychosoziale Spätfolgen des Nationalsozialismus
bei Nachkommen von Opfern und Tätern, Tübingen 2001; Harald Welzer u. a., „Opa war kein Nazi“.
Nationalsozialismus und Holocaust im deutschen Familiengedächtnis, Frankfurt am Main 2002.
9 Dazu auch Gertrud Hardtmann, Auf der Suche nach einer unbeschädigten Identität. Die Dritte Generation in
Deutschland, in: Bar-On, Wurzeln, S. 112113.
10 Christian Schneider, Schuld als Generationenproblem, in: Mittelweg 36 (1998), 4, S. 2840.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
9
wahrgenommen, in seiner Dimension und Bedeutung aber doch weitestgehend
unausgesprochen, verdrängt und unverstanden bleibt. „Dazu“ – sprich: der millionenfache
Mord inmitten einer sich zivilisiert nennenden, modernen, westlichen Gesellschaft wird zu
einem bedrohlichen Mythos, der nicht greifbar ist und gerade deswegen auch zum
obsessiven Gedankeninhalt, z. B. in Form von Scham, Schuldgefühlen oder der Leugnung
von Verantwortlichkeit, werden kann. Gemeint ist damit das, worüber vergleichsweise viele
der Enkelkinder zwar mittlerweile nachdenken und auch laut sprechen können, jedoch
kaum oder nur unter großen persönlichen Schwierigkeiten mit den eigenen Eltern und,
sofern sie noch leben, den Großeltern. Damit bleibt eine grundlegende Distanz zum
Gegenstand erhalten, denn es handelt sich hierbei doch um die Verantwortlichen für die
Morde und um diejenigen, die das Schweigen einst auferlegten, diejenigen, die aus dem
Nationalsozialismus und dem Massenmord einst ein „dazu“ gemacht haben oder zumindest
aus der Sicht der Heranwachsenden dafür verantwortlich gewesen wären, es aufzuklären.
Eine Distanz, die einerseits bewusster als schmerz- und schambehaftet erlebt würde, würde
sie nicht so häufig verdrängt, die andererseits auch anstelle eines angemessenen Bekennens
der Selbstviktimisierung Vorschub leistet.
Hier ist die Quelle eines mittlerweile virulenten Fantasmas zu suchen, das die Angehörigen
der Enkelgeneration in Deutschland als Opfer imaginiert. Dabei spielt es jedoch keine große
Rolle, ob die Großeltern wirkliche oder nur vorgestellte Täter waren.11 Es ist vor allem das
Schweigen im vermeintlich privaten Raum, das die in weiten Teilen verdrängte permanente
Bedrohung und Belastung bedingt, und das die öffentliche Auseinandersetzung mit dem
Holocaust in Deutschland so schal macht.12 Das Beschweigen der eigenen grauenhaften
Geschichte, die ihre unmittelbaren Manifestationen, die Großeltern und Eltern, meist
unausgesprochen zu vorgestellten Vollstreckern des trotz allen Redens in den meisten
familialen Zusammenhängen immer noch unausgesprochen „dazu“ macht, beschädigt auch
die eigene Identität im Innersten und untergräbt das Weltvertrauen. Die zunehmende Rede
11 Dazu z. B. Margit Reiter, Die Generation danach. Der Nationalsozialismus im Familiengedächtnis, Innsbruck
2006. Ich stimme mit Reiter darin überein, dass die Nachkommenschaft von einem berühmten Täter oder
einer berühmten Täterin im Gegenteil auch entlastend sein kann, denn die Möglichkeit, Anerkennung für eine
moralische, vielleicht selbstgerechte Distanzierung zu erhalten, ist groß und verlockend. Freilich setzt dieses
Bedürfnis wiederum eine emotionale Verstrickung voraus.
12 „Schweigen“ bezieht hier auch die Rede über den Nationalsozialismus ein, das die die eigene Viktimisierung
und die eigenen „Heldentaten“ betrifft, aber unter anderem auch dazu dient, die Auseinandersetzung mit der
eigenen Täter- und Mitläuferschaft zu umgehen, sofern diese nicht kritisch ebenfalls thematisiert wird.
Besonders deutlich bei Welzer, Opa.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
10
vom Trauma in diesem Zusammenhang ist teilweise einer psychologischen Sensibilisierung
für die problematische Situation der Enkelgeneration geschuldet. Sie ist vielleicht
notwendig, weil sie jenseits von selbstdiffamierenden Schuld- und Schamgefühlen einen
Raum für schmerzhafte individuelle Auseinandersetzungen schaffen kann, die sich nicht in
Selbstgerechtigkeit verlieren, sondern Aufklärung fördern. Schwierigkeiten bereitet sie im
Zusammenhang mit der fortschreitenden Diffusion der Opfer- und Täterkategorien. Die
Angehörigen der Enkelkindergeneration in Deutschland sind keine Opfer. Sie wurden in
einen riesen Schlamassel hinein geboren, aber sie sind keine Opfer. Die Opfer, das sind die
Toten und die Überlebenden des Massenmordes.13
Aus dem wahrgenommenen Umgang mit der deutschen Geschichte erwuchs bei mir, einer
Angehörigen der Enkelgeneration, schon als Kind ein grundlegendes, zunächst wenig
bewusstes Misstrauen gegenüber älteren Deutschen und ein Gefühl der Isolation, dem ich
allerdings lange nicht adäquat zu begegnen vermochte. Erst nach dem Studium der
Geschichte und der Beschäftigung mit Psychoanalyse bin ich auf die Idee gekommen, mich
den jüdischen Überlebenden zuzuwenden, um ihnen meine Fragen zu stellen und um zu
hören, was sie zu sagen haben. Diese Suche des Gesprächs mit den Opfern ist eine Folge des
Misstrauens gegenüber den Erinnerungen und Geschichten von nichtjüdischen Deutschen,
auch den Berichten von Historikern und Historikerinnen. Nur die Perspektive der Opfer
eröffnet die Möglichkeit eines Bildes vom alltäglichen Leben im NS-Staat, dass auf den
Erfahrungen, Gedanken, Gefühlen, Handlungen und Perspektiven der aus der
„Volksgemeinschaft“ Ausgeschlossenen und Verfolgten beruht. Denn die Quellen der Opfer
sprechen nicht nur eine andere Sprache, sie sagen auch andere Dinge. Einzig die Perspektive
13 Treffend beschreibt der Psychoanalytiker Kurt Grünberg die Problematik der Anwendung des Traumabegriffs
auf die Nachkommen der Täter: „Bei den Nazi-Tätern und ihren Nachkommen gibt es keine Entsprechung für
die hier beschriebenen Traumatisierungen und Retraumatisierungen der Überlebenden und ihrer Kinder.
Weder die Täter noch deren Töchter und Söhne wurden durch die Taten, durch die von den Nazis verübten
Verbrechen traumatisiert. Offensichtlich begannen ihre Familien erst mit der (seltenen) Bestrafung von Tätern
oder mit dem Verlust gesellschaftlicher Positionen zu leiden oder dadurch, daß Täter auch gegenüber den
eigenen Kindern Gewalt ausüben. Es ist auch ein Versäumnis der Psychoanalyse in Deutschland, wenig
untersucht und verstanden zu haben, wie Nachkommen von Nazi-Tätern und Mitläufern unter der nach dem
Nationalsozialismus fortgesetzten „deutschen“ Erziehung im Sinne von Härte, emotionaler Kälte, Gehorsam
und Unterwerfung gelitten haben. Bis heute verstehen wir kaum, auf welche Weise in Nazi-Familien die
Täterschaft selbst weitergegeben wird.“ Kurt Grünberg, Vom Banalisieren des Traumas in Deutschland, in:
ders./Jürgen Straub (Hg.), Unverlierbare Zeit. Psychosoziale Spätfolgen des Nationalsozialismus bei
Nachkommen von Opfern und Tätern, Tübingen 2001, S. 181-222, hier S. 218, Fußnote 20, Hervorhebung im
Original.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
11
der angegriffenen Jüdinnen und Juden gewährleistet, deren Beschädigung nicht als
„existenzielle Ausnahme“ von einer eigentlichen „Normalität“, sondern als vollgültige, als
die eigentliche Geschichte erscheinen zu lassen. So formulierte Dan Diner in Anlehnung an
Walter Benjamin im Historikerstreit, und das gilt auch immer noch.14 Die Opfer, so meine
Erfahrung und meine Überzeugung, sagen immer die „Wahrheit“, wenn sie über sich und
ihre Erfahrungen sprechen, und sei sie noch so subjektiv. Vielleicht ist dem so, weil der
Holocaust auf diese Weise außer als Angriff auf Jüdinnen und Juden am ehesten auch als
Angriff auf die deutsche Gesellschaft und die Demokratie, auf die menschliche Gesellschaft
und auf die Menschlichkeit schlechthin begriffen werden kann.15 Die Verfolgung und der
anschließende Massenmord können nicht rein „objektiv“, sie müssen immer von einem
moralischen, parteiischem Standpunkt aus gesehen werden.
Als ich mich im August 2006 zum ersten Mal mit einem Interview mit einer Holocaust-
Überlebenden befasst habe, war ich in der Retrospektive zu diesem Austausch psychisch
noch nicht recht bereit. Hildegard B. kam während des Interviews wiederholt darauf zu
sprechen, welch ausgesprochen gutes Verhältnis sie zu ihrem gebildeten, linksintellektuellen
Vater gehabt habe, bevor er 1938 vor der in die Tschechoslowakei einmarschierenden
deutschen Wehrmacht zuerst nach Jugoslawien und später weiter nach Israel hatte fliehen
müssen, wo er einige Jahre nach Kriegsende starb.16 Hildegard B., die als ‚Halbjüdin’
Zwangsarbeit leisten musste, der Deportation aber trotz erfolgter ‚Vermessung‘ durch das
Rasseamt durch Glück und Zufall entgehen konnte, hatte ihren Vater vor seinem Tod nicht
wiedergesehen, was ihr das Herz gebrochen hat. Ihr Leben nach dem Überleben beschreibt
sie als eine einsame, ziemlich graue Aneinanderreihung von verschiedenen Jobs in der DDR
14 Dan Diner, Zwischen Aporie und Apologie. Über Grenzen der Historisierbarkeit des Nationalsozialismus, in:
ders. (Hg.), Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit, Frankfurt am Main
1987, S. 6273.
15 Dazu auch Yehuda Bauer, Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah in historischer Sicht. Interpretationen
und Re-Interpretationen, Frankfurt am Main 2001, S. 13. Dabei möchte ich mich von jeder Art der
„Auratisierung“ von Überlebenden des Holocaust abgrenzen, die sie wiederum zu etwas
„Außermenschlichem“ zu machen sucht. Siehe zur Kritik der „Auratisierung“ Raphael Gross, Der Holocaust in
primärer Erinnerung und historischer Forschung. Zur aktuellen Diskussion um die „Zeugenschaft“, in: Norbert
Frei/Sybille Steinbacher (Hg.), Bekennen. Die deutsche Nachkriegsgesellschaft und der Holocaust, Göttingen
2001, S. 127136, außerdem Christian Schneider,Trauma und Zeugenschaft. Probleme des erinnernden
Umgangs mit Gewaltgeschichte, in: Fritz Bauer Institut (Hg.), Zeugenschaft des Holocaust. Zwischen Trauma,
Tradierung und Ermittlung, Frankfurt am Main 2007, S. 157-175.
16 Videointerview mit Hildegard B. vom 20. 6. 1995, geführt von Cathy Gelbin und Vera Stutz-Bischitzky, MMZ
001, Transkript von Sonja Niehaus.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
12
und als Zeit der Aufopferung für ihre kranke Mutter. Meine Abwehrreaktion gegen die
Realität der Vernichtung bestand damals darin, sie um ihre mir wundervoll erscheinende
Beziehung zu ihrem Vater zu beneiden, die ich selber nie gehabt habe. In selbstgerechter,
moralisierender und irgendwie deutscher Manier hatte ich sofort verschiedene strukturelle
Unterdrückungsmechanismen zur Hand, mit denen ich mein eigenes Opfer-Sein
konservieren und die Verantwortung, die ich ja eigentlich zu übernehmen gedachte, erstmal
auf Abstand halten konnte.
Im Februar 2008 interviewte ich in einem zwischen Tel Aviv und Haifa gelegenen
israelischen Städtchen Olga G., eine Überlebende von Auschwitz.17 Das Interview verlief gut
und am Ende erhielt ich die Telefonnummer von einer Freundin von Olga G., die ebenfalls
Auschwitz überlebt hatte und sich vielleicht für ein Interview mit mir bereit erklären würde.
Da unser Treffen mehrere Stunden gedauert hatte und es mittlerweile abends und ein
wenig kühl geworden war, schenkte mir Olga G. einen Pullover für die Rückfahrt nach Tel
Aviv. Wir verabschiedeten uns herzlich und mit der Aussicht auf ein eventuelles weiteres
Treffen. Aufgrund von organisatorischen Problemen bei meiner damaligen Arbeitsstelle (ich
verlor nur wenige Tage nach diesem Interview meinen Job) ist es nicht zu einem zweiten
Treffen gekommen. Ihre Freundin habe ich ebenfalls nicht mehr angerufen, da ich wusste,
dass ich in meiner damaligen Situation keine Ruhe für dieses Interview gefunden hätte. Für
die enttäuschte und zutiefst verletzte Olga G. bedeutete das, wie ich bestürzt feststellen
musste, den Abbruch ihrer Beziehung zu mir. Auch ein noch viel später aus Berlin gesandter
Brief, in dem ich versicherte, dass das Ausbleiben des Treffens mit ihrer Freundin nichts mit
ihr zu tun habe und ich mich gern wieder melden würde, wenn ich das nächste Mal in Israel
sei, hat an ihrer Meinung über mich nichts geändert. Ich war in ihren Augen meiner
Verantwortung als Deutsche ihr gegenüber nicht genügend nachgekommen, hatte sie
verletzt, benutzt und versagt. Erst Monate später habe ich begriffen, was sie eigentlich
meinte. Damals hatte ich nach dem Credo gearbeitet, dass mir von akademischer Seite als
Oral-Historian-Frischling eingetrichtert wurde: Wir sind keine Therapeuten, sondern
Historiker, wir helfen also nicht, wir dokumentieren Geschichte. Obwohl bei
zwischenmenschlichen Begegnungen, vor allem solchen, die sich um unangenehme
17 Interview mit Olga G. vom 10. 2. 2008, geführt von Sonja Niehaus, Yad Vashem Archives, Transkript von
Sonja Niehaus.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
13
Erinnerungen drehen, evozierte Gefühle selbstverständlich immer eine Rolle spielen und das
Offensichtliche auch nie von mir geleugnet wurde, habe ich doch erst durch Olga G.
begriffen, welche psychologischen Tiefendimensionen und weitergehende Bedeutung
dieses Dokumentieren hat.
Ein Beispiel für eine hervorragend gelungene Begegnung habe ich bei einem Besuch der
Werkstatt der Erinnerung in Hamburg kennenlernen dürfen. Dort beschäftigte mich im
Februar 2010 das Interview mit Markus Naderssohn und Martin Winterfeld.18 Die beiden
Cousins graben im gemeinsamen Interview ihre Erinnerungen im wörtlichen Sinne vor der
Kamera aus, sich gegenseitig Hilfestellung gebend. Es war das erste Mal, seit sie vor den
Nationalsozialisten geflohen waren, dass die beiden Deutschland wieder betreten haben,
und sie sind außerordentlich erstaunt und überrascht darüber, wie sehr sich Hamburg und
die Deutschen seit ihrer Vertreibung geändert hätten. Martin Winterfeld erzählt, dass die
beiden Cousins nur wenige Tage vor dem Interview die alte Wohnung in Hamburg, in der er
als Kind mit seiner Familie gelebt hatte, besichtigt hätten. Sie hätten geklingelt, ein junger
Mann habe geöffnet, sie eingelassen, sich ihre Geschichte angehört und sie das alte Zuhause
anschauen lassen. Er sei furchtbar nett und verständnisvoll gewesen. Sie hätten ihm dann
allerdings nicht erzählt, dass das Klavier, das in seinem Wohnzimmer stand, dort schon seit
den 1920er-Jahren steht und eigentlich ihnen gehört: die Versöhnung, die sich gerade
abspielte, nicht zu stören, war ihnen wichtiger. Diese Begegnung, aber vielleicht mehr noch
das anschließende Erzählen und Dokumentieren der Begegnung vor laufender Kamera in der
alten Heimatstadt Hamburg, aus der sie einst von den Eltern und Großeltern eben jener
Menschen vertrieben wurden, die ihnen heute so freundlich begegnen, hatte für die beiden
Interviewten sehr heilende, weil angstnehmende und versöhnende Wirkung. Selbst die
Einwände der Interviewerin, dass es in Deutschland ja nun auch wieder junge Nazis gäbe,
konnten ihre Begeisterung nicht mildern, denn darum schien es hier gar nicht zu gehen.
Vielmehr bietet die gelungene dialogische Situation für Martin Winterfeld und Markus
Naderssohn einen Ausweg aus der traumatischen Erinnerung, einen Anknüpfungspunkt für
einen Wiederbeginn, eine Insel, auf der neues Weltvertrauen gedeien kann. Wie so viele
andere Überlebende hebt Martin Winterfeld am Ende des Interviews zu einer kleinen Rede
18 Videointerview mit Markus Naderssohn und Martin Winterfeld vom 17. 10. 1993, geführt von Sibylle
Baumbach, FZH/WdE 176, Transkript von Sonja Niehaus.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
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an, in der er vor laufender Kamera davor warnt, die Geschichte je zu vergessen und zu
verleugnen, und dazu auffordert, sie zu studieren, damit etwas Vergleichbares wie der
Holocaust nie wieder geschehen könne - dies im Bewusstsein, dass das Interview von
deutschen Historikern, Schülern und Studierenden angeschaut werden wird. Diese bei den
Interviews fast obligatorisch zu nennende Schlussrede vieler Überlebender verdeutlicht
einmal mehr, dass es hier auch um eine Begegnung geht, zwischen ihnen und uns, und dass
sie die große Anstrengung, die so ein Interview bedeutet, dafür in Kauf nehmen.
Die Beispiele verdeutlichen: die Verfolgungen und der Massenmord sind nicht nur
Geschichte, sie sind auch höchst gegenwärtig. Interviews mit Überlebenden des Holocaust
sind, anders, als die meisten anderen historischen Quellen, und nachhaltiger, als viele
andere Erinnerungserzählungen, ein Spiegel dieser Gegenwart und eine Form der
Begegnung zwischen Menschen19. Die Geschichte und die Geschichten, die sie vermitteln,
sind immer subjektiv, und zwar in jeder Hinsicht. Sie sind deswegen jedoch nicht weniger
„wahr“. Sie ermöglichen einen Einblick in die Alltagsgeschichte, der anders in der Regel
kaum beizukommen ist. Sie erzählen von kleinen Begebenheiten am Rande der großen
historischen Ereignisse, die jedoch für die Menschen, die sie betreffen, häufig genauso
wichtig oder sogar wichtiger gewesen sein können oder noch sind. Und sie berichten von
diesen Begebenheiten immer auch aus einer subjektiven Perspektive, aus dem eigenen
Blickwinkel, der durch die eigene Persönlichkeit mit den dazugehörigen Erfahrungen und
Gefühlen geprägt ist.
Die Geschichten, die in dieser Arbeit zitiert werden, haben vermutlich zum größten Teil noch
nicht den Weg aus den Archiven heraus gefunden. Sicherlich ist schon das Geben des
Interviews eine Form der Öffentlichkeit, und der ein oder andere Archiver oder Historiker
kennt die Video- oder Audioaufzeichnung. Aber die Erlebnisse und die Erzählungen von den
Erlebnissen der Verfolgten sollen auch ihren Platz in der deutschen Öffentlichkeit finden. Sie
gehören an die Seite der Erinnerungen und Geschichten unserer Großeltern und Eltern, so
wie unsere Großeltern und Eltern damals Nachbarn von den Verfolgten und später
Ermordeten und Vertriebenen waren. Und sie sollen das Bild, das unsere Großeltern und
19 Vgl. auch Sybille Baumbach, Die Verfolgung Hamburger Juden aus lebensgeschichtlicher Perspektive, in: dies
u.a., Rückblenden. Lebensgeschichtliche Interviews mit Verfolgten des NS-Regimes in Hamburg, S. 13-129, hier
insbesondere S. 14.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
15
Eltern uns vermittelt haben, nicht etwa ergänzen, sondern sie sollen die Perspektive
verschieben, mit der wir auf die Geschichte schauen. Sie sollen es ermöglichen, trotz der
eigenen familiaren und gesellschaftlichen Verstricktheit einen Zugang zur Geschichte zu
finden, der auf Empathie mit den Opfern beruht. Die Arbeit mit Zeitzeugnissen von
Überlebenden des Holocaust ist auch ein Weg, den selbst- und fremddestruktiven Kreislauf
der Abwehr von Leid, Scham, Schuld und Emphatie zu durchbrechen. Die Zeugnisse
ermöglichen es, den wahren Opfern ins Gesicht zu sehen und die Geschichte aus ihrer
Perspektive zu hören und zu verstehen. Darin liegt ein wichtiger Teil ihrer Stärke. Erst das
Zulassen einer menschlichen Begegnung ermöglicht eine empathische Anerkennung der
Geschichten, Perspektiven und Gefühle und vermag es, den Blick weg von der Selbstbeschau
zum Gegenüber zu lenken und sich auch gegenseitig zu spiegeln. Spiegeln meint jedoch
nicht die Identifikation mit den Opfern, sondern das genaue Gegenteil: im Kern geht es hier
um Einfühlungs(fähigkeit), indem ich zum Resonanzkörper für mein Gegenüber werde. Dem
Einlassen auf das, was das Spiegeln auszulösen vermag, steht in Deutschland meist noch
eine generationell weitergegebene narzißtisch-bedürftige Selbstbezüglichkeit entgegen, die
in der eigenen Verstricktheit mit der Geschichte und deren Abwehr wurzelt. Erst die
emphatische Annahme des Gegenübers ermöglicht es jedoch, durch das Zuhören zu
erfahren, was dabei über die Geschichte, aber auch über sich selber zu lernen ist. Gerade in
lebensgeschichtlichen Interviews, wie sie mit Überlebenden des Holocaust häufig geführt
wurden und werden, thematisieren die Zeitzeugen und zeuginnen ihr gesamtes Leben. Sie
erzählen zum Beispiel von ihren Kindheitserinnerungen, ihren Problemen mit den Eltern,
ihren Lieblingsspeisen, dann häufig erst von Einbruch und Verlauf von Verfolgung, Versteck
und Flucht und, ganz wichtig, vom Weiterleben danach. Durch das detailierte Erzählen des
ganzen Lebens kann beim Zuhörer und bei der Zuhörerin eine Nähe hergestellt werden, die
dem Zulassen der Begegnung förderlich ist. Am Ende des Interviews wird typischerweise
vom Biografen oder der Biografin betont, er oder sie habe sich zum Interview bereit erklärt,
um für die Wahrheit der Geschehnisse zu zeugen und auf diesem Weg dazu beizutragen,
dass sich die Geschichte nicht wiederhole. Überlebende betonen damit selber explizit den
Begegnungs- und Dialogcharakter des Zeugnisses, der von vielen als wichtiger angesehen
wird, als einen Beitrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung zu leisten.
Eine Arbeit mit den Zeugnissen, die das empathische Spiegeln nicht in den Mittelpunkt
stellt, leistet möglicherweise einer narzißtisch motivierten Distanzierung Vorschub. Zwar
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
16
sind moralische Befassung und historische Aufarbeitung nicht voneinander zu trennen,
sondern aufs engste miteinander verwoben. Der Hinweis scheint jedoch angebracht, dass
eine distanzierte, rein wissenschaftliche, „objektive“ Arbeit mit Zeitzeugen aufgrund der tief
im gesellschaftlichen und individuellen Unbewußten verankerten Thematik in Deutschland
kaum möglich ist und ins Gegenteil umzuschlagen droht, in die neuerliche Verleugnung der
eigenen Verstricktheit. Bei der Auseinandersetzung mit den Erzählungen sollte dies immer
im Hinterkopf sein. Auch wenn die meisten Geschichten, die ich hier zitiere, nicht
nachprüfbar sind, ist ihnen in jedem Falle eine eigene Wahrheit eigen, denn sie sind ein
subjektiver Spiegel der Geschichte des Überlebens und das, was davon übrig ist. Vielleicht
offenbart gar mancher Ruf nach objektiver Überprüfung von Erinnerungen schon ein
Bedürfnis, sich auf die subjektive Wahrheit der Erzählerinnen und Erzähler nicht einlassen zu
müssen.
Ich habe mich daher in den meisten Fällen darauf beschränkt, die Geschichten, die ich
zitiere, historisch einzuordnen, anstatt sie anhand von anderen Quellen zu verifizieren oder
zu falsifizieren. In den allermeisten Fällen wäre dies ohnehin nicht möglich: wie soll belegt
werden, was der Hausmeister Paschelke Inga C. im Hausflur ihres Wohnhauses angetan hat,
wie die Mutter von Frank S. versucht hat, die Nase seines Bruders zu glätten, was die
Klassenkameraden von Karl Lyon ihm im Schwimmunterricht angetan haben oder wer
weiterhin durch die Hintertür des Schuhladens von Elsa K. kam, um bei ihr einzukaufen? Das
können nur die Menschen selber, die dies erlebt haben. Zur historischen Einordnung der
Erzählungen gehörte jedoch die Recherche von Orten und Daten, soweit möglich. In
manchen Fällen schien es mir außerdem sinnvoll, zusätzliche Hintergrundinformationen aus
der Sekundärliteratur beizusteuern, die das Verständnis der Erzählungen erleichtern sollen.
Danken möchte ich an dieser Stelle der Hans-Böckler-Stiftung für die Finanzierung meines
Projektes durch ein Promotionsstipendium, meinem geduldigen und zuversichtlichen
Betreuer Wolfgang Benz, insbesondere für seinen Respekt vor meiner Arbeit, den
Archivaren und Archivarinnen, die mir den Zugang zu den Zeugnissen in verschiedenen
Teilen der Welt erst ermöglicht haben und mich mit zusätzlichen Informationen versorgt
haben, und natürlich vor allem den Überlebenden selber - und zwar auch denjenigen, die ich
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
17
im Laufe der Jahren kennenlernen durfte, ohne dass sie zwangsläufig einen expliziten
Eingang in diese Arbeit gefunden haben. Es ist unnötig, zu betonen, dass auch die Zeit, die
ich mit ihnen verbracht habe, meine Sicht auf den Gegenstand und die Ergebnisse der
Recherche beeinflusst haben.
Das letzte Wort soll denjenigen gehören, die nicht interviewt werden konnten, weil sie im
Holocaust ermordet worden sind. Die Toten das sei erlaubt, zu sagen, - würden noch
einmal ganz andere Dinge erzählen als die Überlebenden, wenn dies möglich wäre.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
18
Einleitung
Fragestellung
Die vorliegende Arbeit widmet sich der Frage, welche Rolle ganz gewöhnliche Deutsche bei
der Stigmatisierung, Ausgrenzung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden während der
30er Jahren in Deutschland gespielt haben. Mein Ziel ist es, einen Beitrag zur Diskussion
dieser gesellschaftlich wie innerakademisch viel und kontrovers diskutierten Frage zu
leisten, und zwar einen Beitrag, der sich dem Thema explizit und so gut wie ausschließlich
aus der Sicht der Verfolgten selbst nähert. Die Wahl dieser Perspektive ist die zentrale Säule
meiner Forschungsarbeit.
Ich untersuche Haltungen und Verhalten der deutschen nichtjüdischen Bevölkerung
gegenüber Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich in der Zeit von 1933 bis 1938. Von
welchen Haltungen und Verhaltensweisen ihnen gegenüber berichten Überlebende?
Welchen Themen sind dominant, welche marginal? Gibt es geschlechterspezifische
Erlebnisse, Erinnerungen und Erfahrungen? Eine weitere Frage, der ich nachgehe, betrifft
die Auseinandersetzung darüber, inwieweit antijüdisches Verhalten im Sinne positiver
Affirmation des Volksgemeinschaftsgedankens oder aus Angst vor negativen Folgen als
Anpassung an ein totalitäres Regime gedeutet werden kann, welche Bedeutung der
Antisemitismus hatte, der schon lange vor 1933 stark verbreitet war, welche Rolle der so oft
konstatierten „Indifferenz“20 zukommt und welche Möglichkeiten und Gründe Nichtjuden
hatten, sich unter schwierigen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen solidarisch
mit Juden zu zeigen und Hilfe zu leisten. Daran schließt sich die Frage an, welche Meinungen
gegenüber den staatlichen antijüdischen Maßnahmen vorherrschten und wie sich die
Interdependenz zwischen staatlicher Judenpolitik und Einstellungen der Bevölkerung
20 Der Begriff wurde von Ian Kershaw für die Beschreibung der dominaten Grundhaltung der
Bevölkerungsmehrheit geprägt und wird bis heute vertreten. Vgl. Ian Kershaw, Antisemitismus und
Volksmeinung. Reaktionen auf die Judenverfolgung, in: Martin Broszat u.a. (Hg.), Bayern in der NS-Zeit II:
Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt, München 1979, S. 281-348; ders., The Persecution of the Jews and
German Popular Opinion in the Third Reich, in: Leo Baeck Institute Year Book 26, 1981, S.261-289; ders.,
Popular Opinion and Political Dissent in the Third Reich. Bavaria 1933-1945, Oxford 1983; der., German
Popular Opinion and the „Jewish Question“. Some Further Reflextions, in: Arnold Paucker (Hg.), Die Juden im
nationalsozialistischen Deutschland, Tübingen 1986, S. 365-386; ders., Der Hitler-Mythos. Führerkult und
Volksmeinung, Stuttgart 1999; außerdem bei Peter Longerich, „Davon haben wir nichts gewusst!“ Die
Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945, München 2006.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
19
gegenüber den Verfolgten gestaltete.21 Die zugrunde liegende und zu prüfende These
lautet, dass antijüdische Haltungen und Verhaltensweisen in der deutschen Bevölkerung
weit verbreitet waren und als Teil der Judenverfolgung verstanden werden müssen, um die
Dynamik von Ausgrenzung und Verfolgung verstehen zu können, weil die staatlichen
Maßnahmen auf Duldung, Zustimmung und Unterstützung durch die Bevölkerungsmehrheit
angewiesen waren.
Nicht nur, aber besonders angesichts der von den Nationalsozialisten ideologisch
beanspruchten Identität von „Volk“, Staatsführung und Nationalsozialismus ist es nicht
unproblematisch, zwischen Bevölkerung und Funktionselite, zwischen Befehlsgeber und
Befehlsempfänger, zwischen Aktiv und Passiv zu unterscheiden. Daraus ergibt sich die Frage
nach der Form der Herrschaft, die Frage, wer Herrscher, wer Beherrschter, wer vielleicht
beides war, und wie sich die multiplen Beziehungen gestalteten. Es gibt unter
Holocausthistorikern sehr verschiedene Ansichten darüber, was nicht zuletzt daher rührt,
dass man sich verschiedener Sichtweisen auf diese Problematik bedient, die nicht immer
explizit gemacht werden. Ich halte die grundlegende Definition von Max Weber, derzufolge
Herrschaft eine zwar asymmetrische, aber wechselseitige soziale Beziehung ist und die
Zustimmung der Beherrschten vorraussetzt, für auf den Nationalsozialismus anwendbar.22
Alf Lüdtke hat auf die nationalsozialistische Herrschaft den Begriff der „sozialen Praxis“
angewandt und dadurch betont, dass die historischen Akteure auf dem amorphen
Kräftefeld, als das Herrschaft definiert wird, miteinander in vielfältiger Weise in Beziehung
standen, und dass die Herrschaft keine gegebene statische Struktur war auch wenn sie als
solche erschien und erscheint sondern ein historisches Phänomen, das auf Handlung und
21 Das die 'gute Stimmung im Volk' allgemein ein zentrales Anliegen der nationalsozialistischen Führung war
gilt zweifelllos, vgl. Norbert Frei, Der Führerstaat. Nationalsozialistische Herrschaft 1933 bis 1954, München
2001; Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, insbesondere S. 90; Wolfgang Benz, Geschichte des Dritten
Reiches, München 2000, S. 59 ff. Ursula Büttner ist darüber hinaus der Meinung, dass „das Verhalten der
Bevölkerungsmehrheit zur Judenverfolgung [...] nicht nur moralisch, sondern auch politisch von Bedeutung“
war, ohne dies jedoch zu spezifizieren. Ursula Büttner, Der Alltag der Judenverfolgung und der Anteil der
Bevölkerung, in: dies. (Hg.), Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich, Frankfurt am Main 2003,
S. 86-110, hier S. 91. Mit Yehuda Bauer sei auf Fälle hingewiesen, in denen Widerstand gegen staatliche
Maßnahmen erfolgreich war: die Proteste der Kirchen gegen die Euthanasie, gegen die Entfernung von
Kruzifixen aus bayrischen Schulen und diejenigen von nichtjüdischen Frauen für die Freilassung ihrer jüdischen
Männer in der Berliner Rosenstraße. Das Naziregime war demzufolge „nicht so totalitär[...], wie die meisten
Menschen anzunehmen scheinen“. Bauer, dunkle Seite, S. 59.
22 Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1972, S. 122; auch Alf Lüdtke, Herrschaft als soziale
Praxis, in: ders. (Hg.), Herrschaft als soziale Praxis, Göttingen 1991, S. 9-63; Michael Wildt, Volksgemeinschaft
als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939, Hamburg 2007, und
ders., Geschichte des Nationalsozialismus, S. 24 f. und 90.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
20
Verhalten von konkreten Menschen beruhte.23 Folgt man Hannah Arendt dahingehend, dass
Gewalt als Instrument der Herrschaftssicherung erst da auf den Plan tritt, wo Macht in
Gefahr ist,24 stellt sich die Frage, wodurch sich die Macht legitimiert, damit sich ihr die
Beherrschten freiwillig unterwerfen. Vielfach wurde die Erklärung für die Zeit des
Nationalsozialismus dafür in der Bedeutung und im Charisma Adolf Hitlers25 gesucht und
später in der Beschreibung des NS als „Politische Religion“,26 ich denke aber, dass diese
Erklärungen alleine zu allgemein sind und dem Status der Bevölkerungsmehrheit im
Herrschaftsgefüge nicht gerecht werden, weil sie die eigenständigen Handlungsantriebe der
Menschen, ob pathologisch oder nicht, nicht gezielt in den Blick nehmen und damit die
Wechselseitigkeit der Beziehungen ignorieren. Aus diesem Grund frage ich gezielt nach den
Handlungen der historischen Akteure und nach den ihnen zugrunde liegenden Motiven, in
denen sich auch ihre jeweilige Funktion und der durch sie erreichte materielle oder
psychische Gewinn wiederspiegelt.
Theoretisch knüpft die Arbeit an zwei aktuelle Diskussionen an: 1. Was bedeutet die seit den
1970 Jahren bis heute vor allem von deutschen Forschern immer wieder konstatierte,
weitverbreitete „Indifferenz“ der deutschen Bevölkerung gegenüber den Jüdinnen und
Juden und der staatlicherseits betriebenen Judenverfolgung aus der Sicht der Verfolgten
selber? Kann aus dieser Perspektive der entlastende Impetus, den der Begriff von Anbeginn
hatte, beibehalten werden, oder verlangt er nicht vielmehr nach einer grundsätzlichen
23 Lüdtke, Herrschaft.
24 Hannah Arendt, Macht und Gewalt, München 1970, besonders S. 57.
25 Die Bedeutung des „Faktor Hitler“ spielte im Streit zwischen „Intentionalisten“ und „Funktionalisten“ eine
entscheidende Rolle. Hier seien zur Illustration nur zwei Extrempositionen angeführt: Karl Dietrich Bracher,
demzufolge der Nationalsozialismus „tatsächlich Hitlerismus“ und Hitlers Einfluss unbegrenzt war, und Hans
Mommsen, der Hitler für einen „schwacher Diktator“ hielt. Vgl. Karl Dietrich Bracher, Zeitgeschichtliche
Kontroversen. Um Faschismus, Totalitarismus, Demokratie, München 1976, S. 85; Hans Mommsen,
„Nationalsozialismus“, in: Claus D. Kernig (Hg.), Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft. Eine
vergleichende Enzyklopädie, Band 4, Freiburg 1971, Spalte 702. Der Streit ist mittlerweile obsolet, die
Wahrheit, auf die sich geeinigt wurde, liegt, wie so oft, dazwischen. Vgl. auch Wildt, Geschichte des
Nationalsozialismus, S. 8 ff., der insbesondere darauf hinweist, „wie sehr die Zeitgeschichtsforschung selber
Teil von gesellschaftlichen Kontroversen und öffentlichen Deutungen ist.“ S. 7. In der ngeren Forschung wird
Hitlers Denken wieder mehr Gewicht gegeben, wenn es um Ideologie und Antisemitismus geht, und seine
Reden und Schriften werden wieder mehr zitiert. Schließlich war das auch etwas, was die Zeitgenossen lasen
und hörten. Wildt geht auch darauf ein, ebd., S. 24-25 und 87-89.
26 So z.B. Michael Burleigh, Die Zeit des Nationalsozialismus. Eine Gesamtdarstellung, Frankfurt am Main 2000;
Michael Ley/Julius H. Schoeps (Hg.), Der Nationalsozialismus als politische Religion, Bodenheim 1997; Michael
Ley, Genozid und Heilserwartung. Zum nationalsozialistischen Mord am europäischen Judentum, Wien 1993;
Wolfgang Benz, Herrschaft und Gesellschaft im nationalsozialistischen Staat. Studien zur Struktur- und
Mentalitätsgeschichte, Frankfurt am Main 1990. Die Formel vom NS als „politische Religion“ stammt
ursprünglich von Saul Friedländer.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
21
Revision? 2. Was kann der in den letzten Jahren viel diskutierte Begriff der
Volksgemeinschaft dazu beitragen, das Verhältnis, oder besser: die Verhältnisse zwischen
nichtjüdischen und jüdischen Deutschen im besagten Zeitraum aufzuhellen?
Mit Raphael Lemkin bin ich der Ansicht, dass der Holocaust lange vor der physischen
Vernichtung seiner Opfer mit der planmäßigen Zerstörung wesentlicher materieller,
politischer, sozialer und persönlicher Lebensgrundlagen begann.27 Der Zeitraum vor dem
Beginn der massenhaften Deportationen von Juden 'nach dem Osten' ist nicht nur relevant,
um zu begreifen, was sich später in den Vernichtungslagern abgespielt hat, sondern hat
auch eine eigene Dimension. Dazu kommt, dass sich Entfaltung und Radikalisierung der
Judenverfolgung bis zu den Deportationen anders als die physische Ermordnung mitten in
der deutschen Gesellschaft abgespielt haben. Aus diesen Gründen beleuchtet meine Studie
die Zeit von 1933 bis 1938 als eigenständigen Abschnitt in der Geschichte des Holocaust. In
einigen Fällen habe ich mich jedoch entschieden, auch auf die Zeit nach 1938 einzugehen.
Dies ist der Tatsache geschuldet, dass sich die Erinnerungen, von denen berichtet wird, nicht
immer in das allgemein als gültig anerkannte zeitliche Schema pressen lassen. Es ist
tatsächlich so, dass das Subjekt über eine solche Kraft verfügt, dass es historische Zäsuren
sprengen kann, und das gilt auch für die Überlebenden des Holocaust. Es kann aber auch
noch etwas anderes: die Schwammigkeit der Grenzen zwischen „oben“ und „unten“
aufzeigen.
27 Raphael Lemkin, Axis Rule in Occupied Europe. Laws of Occupation-Analysis of Government-Proposals for
Redress, Washington 1944, S. 79.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
22
Verortung in der historischen Forschung
Sowohl bei Ursula Büttner als auch bei Peter Longerich finden sich ausführliche
Besprechungen der mittlerweile älteren Forschung zu den Themengebieten popular
Opinion, Volksmeinung, Öffentlichkeit und Judenverfolgung, so dass hier nicht noch einmal
auf einzelne Arbeiten eingegangen werden muss.28 Insgesamt kann gesagt werden, dass seit
längerem Einigkeit darüber besteht, dass die deutsche Gesellschaft in der Zeit des
Nationalsozialismus durchaus keine homogene Masse war, sondern dass es eine große
Spannbreite an Haltungen zur Judenfrage gegeben hat. Die Meinungen über die Frage,
welches die dominante Grundhaltung in der Bevölkerung war und wie diese im
nationalsozialistischen Herrschaftsgefüge zu beurteilen ist, gehen allerdings noch immer
weit auseinander. Einige Forscher attestieren der Bevölkerung allein durch die Art der
Fragestellung eine lediglich beobachtende Position zwischen „Indifferenz“ und „passiver
Komplizenschaft“,29 andere fragen nach der aktiven Verwicklung in den Prozess der
Judenverfolgung.30 Exemplarisch dafür sind die beiden 2006 erschienenen Arbeiten von
Peter Longerich und Frank Bajohr, die in vielerlei Hinsicht zu völlig entgegengesetzten
Schlüssen kommen. Longerich geht davon aus, dass die Öffentlichkeit im
Nationalsozialismus kontrolliert und manipuliert gewesen sei, negiert die Existenz eines
„radikal-antisemitischen Konsens“ und beschreibt die nichtjüdische Bevölkerung im Ganzen
als passiv bis oppositionell. Dementsprechend fragt er nach der Reaktion der Bevölkerung
28 Büttner, Alltag; Longerich, Davon haben wir nichts gewusst.
29 Zum Begriff „Indifferenz“ vgl. Amn. 20. Passive Komplizenschaft“ wurde diagnostiziert von Otto Dov
Kulka/Aron Rodrigue, The German Population and the Jews in the Third Reich: Recent Publications and Trends
in Research on German Society and the „Jewish Question“, in: Yad Vashem Studies 16, 1984, S. 421-435; Otto
Dov Kulka, „Public Opinion“ in Nazi Germany and the „Jewish Question“, in: Jerusalem Quarterly 25, 1982,
S.121-144; ders., „Public Opinion“ in Nazi Germany: The Final Solution, in: Jerusalem Quarterly 26, 1983, S. 34-
45; ders., The German Population and the Jews. State of Research and New Perspectives, in: David Bankier
(Hg.), Probing the Depths of German Antisemitism. German Society and the Persecution of the Jews 1933-
1941, New York 2000, S. 271-281. Außerdem dieser Meinung sind Marlies Steinert, Hitlers Krieg und die
Deutschen. Stimmung und Haltung der deutschen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg, Düsseldorf 1970 und
Sarah Gordon, Hitler, Germans, and the „Jewish Question“, Princeton 1984.
30 Walter Laqueur, Was niemand wissen wollte. Die Unterdrückung der Nachrichten über Hitlers „Endlösung“,
Frankfurt am Main 1981; Konrad Kwiet, Nach dem Pogrom: Stufen der Ausgrenzung, in: Wolfgang Benz (Hg.),
Die Juden in Deutschland 1933-1945. Leben unter nationalsozialistischer Herrschaft, München 1988, S. 545-
659; Hans Mommsen/Dieter Obst, Die Reaktion der deutschen Bevölkerung auf die Verfolgung der Juden
1933-1943, in: Hans Mommsen/Susanne Willems (Hg.), Herrschaftsalltag im Dritten Reich. Studien und Texte,
Düsseldort 1988, S. 372-421; David Bankier, Die öffentliche Meinung im Hitler-Staat. Die „Endlösung“ und die
Deutschen. Eine Berichtigung, Berlin 1995; Daniel J. Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, München 1996;
Robert Gellately, Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der Rassenpolitik, Paderborn
1994; ders., Hingeschaut und Weggesehen. Hitler und sein Volk, Stuttgart 2002; Gisela Diewald-Kerkmann,
Politische Denunziation im NS-Regime und die kleine Macht der „Volksgenossen“, Bonn 1995; Büttner, Alltag.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
23
auf die von oben betriebene Judenverfolgung und konstatiert einen „Unwillen“, das eigene
Verhalten an die vom Regime verordneten Normen anzupassen. Die „sichtbar zur Schau
getragene Indifferenz und Passivität gegenüber der „Judenfrage““ möchte er als Möglichkeit
einer risikolosen „Verweigerungshaltung“ verstanden wissen.31 Frank Bajohr hingegen
vertritt die Ansicht, dass die Judenverfolgung nicht allein das Werk von staatlichen
Institutionen und Parteiorganen war, sondern dass große Teile der deutschen Bevölkerung
aufgrund eines „antijüdischen Konsens“ auf vielfältige Weise an ihr mitgewirkt haben und
sie nur deswegen habe stattfinden können. Er wendet sich strikt gegen den Begriff der
„Indifferenz“. Die „Grenzen des Konsenses“ seien erst mit den Deportationen erreicht
worden.32 Die Quellenbasis für die Arbeiten zum Thema sind hauptsächlich die
verschiedenen Stimmungs- und Lageberichte,33 Longerich untersuchte außerdem die
nationalsozialistische Propaganda. Bajohr hingegen bezieht in seine Arbeit maßgeblich die
Erfahrung der betroffenen Juden ein. Auch Marion Kaplan analysierte für ihr Buch über den
Alltag jüdischer Frauen und deren Familien im Nationalsozialismus Erinnerungen jüdischer
Überlebender.34 Sie konstatiert ebenso wie Bajohr eine aktive Rolle der nichtjüdischen
deutschen Bevölkerung bei der sozialen Isolation, der Demütigung und der Ausbeutung von
Juden. Die Ergebnisse der Forschungen hängen maßgeblich von den benutzten Quellen und
der unterschiedlichen Ausrichtung der Fragestellung ab.35
31 Longerich, Davon haben wir nichts gewusst, S. 52, 321 und 328.
32 Frank Bajohr, Vom antijüdischen Konsens zum schlechten Gewissen. Die deutsche Gesellschaft und die
Judenverfolgung 1933-1945, in: ders./Dieter Pohl, Der Holocaust als offenes Geheimnis/Die Deutschen, die NS-
Führung und die Alliierten, München 2006, S. 20-79.
33 Vgl.dazu Heinz Boberach, Meldungen aus dem Reich. Auswahl aus den geheimen Lageberichten des
Sicherheitsdienstes der SS 1939-1944, Neuwied 1965; ders., Meldungen aus dem Reich. Die geheimen
Lageberichte der SS 1938-1945, Herrsching 1984; ders., Überwachungs- und Stimmungsberichte als Quellen für
die Einstellung der deutschen Bevölkerung zur Judenverfolgung, in: Ursula Büttner (Hg.), Die Deutschen und die
Judenverfolgung im Dritten Reich, Frankfurt am Main 2003, S. 47-68; Otto Dov Kulka/Eberhard Jäckel, Die
Juden in den geheimen Stimmungsberichten 1933-1945, Düsseldorf 2004. Zu den Sopade-Berichten Klaus
Behnken, Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 1934-1940, 7 Bände,
Salzhausen/Frankfurt am Main 1980;, und Bernd Stöver, Volksgemeinschaft im Dritten Reich. Die
Konsensbereitschaft der Deutschen aus der Sicht sozialdemokratischer Exilberichte, Düsseldorf 1993. Der
Quellenwert dieser Berichte wird unterschiedlich eingeschätzt. Eine ausführliche Kritik findet sich bei
Longerich, Davon haben wir nichts gewusst, S. 23-53. Er kommt zu dem Schluss, „dass die Berichte mehr über
die Berichterstatter aussagen als über die Bevölkerung.“ Ebd., S. 50. Vgl. außerdem kritisch zum Quellenwert
Kershaw, Hitler-Mythos, und Bajohr, Vom antijüdischen Konsens. Boberach selber, der ausgewiesene
Lageberichtkenner, bleibt kritisch, vgl. ders., Überwachungs- und Stimmungsberichte, besonders S. 57.
34 Marion Kaplan, Der Mut zum Überleben. Jüdische Frauen und ihre Familien in Nazi-Deutschland, Berlin 2001.
35 Das war schon Thema in der Goldhagendebatte. Zur Verteidigung von Überlebendenerinnerungen Daniel J.
Goldhagen, Die Notwendigkeit eines neuen Paradigmas. Die Zeugnisse der Opfer, wichtige Beweise und neue
Perspektiven in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Holocaust, in: Jürgen Elsässer/Andrei S.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
24
Ein großer Teil der neueren deutschen Forschung zum Thema hat sich in den letzten Jahren
die Frage gestellt, welchen aktiven Anteil die nichtjüdische Bevölkerung an der
Judenverfolgung hatte.36 Grundlegend dafür waren die Arbeiten von Norbert Frei, Frank
Bajohr und Michael Wildt, die die zentralen Thesen und Fragestellungen formulierten.37
Demnach impliziert die bisher häufig gestellte Frage, was die Bevölkerung von den
Verbrechen gewusst habe, dass die Bevölkerung passiv war, und ignoriert, dass das Regime
mindestens auf einen antisemitischen Grundkonsens angewiesen war, um das
Verfolgungsprojekt durchführen zu können. Daher muss der Fokus weg vom Wissen, hin
zum individuellen und gesellschaftlichen Handeln gerückt werden, mit dem Hinweis, dass
auch eine unterlassene Handlung letzlich eine Handlung sei, die durch eine Entscheidung
herbeigeführt wird.38 Weiterhin verweist Bajohr darauf, dass die Judenverfolgung durch die
Interaktion zwischen Regime und Bevölkerung ihre spezifische Dynamik erst erhielt und es
daher kaum möglich sei, den aktiven Part der Bevölkerung unberücksichtigt zu lassen.39 Wie
Wildt und ebenso fast alle darauffolgenden Autoren bezieht sich Bajohr auf die historisch-
theoretischen Schriften von Alf Lüdtke, der Herrschaft als soziale Praxis definierte.40 In
jüngster Zeit sind die Termini Volksgemeinschaft, Inklusion und Exklusion zentrale Themen
von Diskussionen, die sich mit der Frage befassen, wie real die Volksgemeinschaft wirklich
war oder inwieweit es sich nicht doch um ein ideologisches Konstrukt handelte.41r diese
Markovits (Hg.), Die Fratze der eigenen Geschichte. Von der Goldhagendebatte zum Jugoslawienkrieg, Berlin
1999, S. 80-102. Gegenposition bei Norman S. Finkelstein/Ruth Bettina Birn, Eine Nation auf dem Prüfstand.
Die Goldhagen-These und die historische Wahrheit, Hildesheim 1998, die der „Versuchung“ wiederstehen
wollen, „die Stimme der Überlebenden und die moralischen Autorität, die damit einhergeht, zu übernehmen“,
ebd. S. 190.
36 Die deutschen Forschungen zu Volksgemeinschaft bekamen ihre Impulse auch aus der Täterforschung, die in
den 1990er Jahren einsetzte und sich mit der Vernichtungspolitik in Osteuropa befasste. Schon hier war der
Fokus auf die Akteure gerichtet. Siehe insbesondere Christopher Browning, Ganz normale Männer. Das
Reserve-Polizeibatallion 101 und die Endlösung in Polen, Reinbek bei Hamburg 1999. Vgl. auch Wildt,
Geschichte des Natinalsozialismus, S. 12 ff., der auf die internationale Entwicklung eingeht.
37 Norbert Frei, „Volksgemeinschaft“. Erfahrungsgeschichte und Lebenswirklichkeit der Hitler-Zeit, in: ders.,
1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen, München 2005, S. 107-128; Frank Bajohr/ Dieter
Pohl, Der Holocaust als offenes Geheimnis/Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten, München 2006;
Wildt, Volksgemeinschaft.
38 Bajohr/Pohl, Der Holocaust/Die Deutschen, Einleitung. Natürlich spielt auch der Zeitraum eine Rolle bei der
Fragestellung: in der Zeit, als Deportationen in die Lager im Osten stattfanden, ist die Frage, was man in
Deutschland gewusst hat, natürlich sehr berechtigt. Was aber mitten im eigenen Land passierte, dürfte allen
bekannt gewesen sein: es stand ja in der Zeitung, wie Überlebende immer wieder betonen.
39 Frank Bajohr, Vom antijüdischen Konsens, S. 16.
40 Ebd., S. 17; Wildt, Volksgemeinschaft; ders., Geschichte des Nationalsozialismus, S. 90.
41 Vgl. die aktuelle Diskussion in Detlef Schmiechen-Ackermann (Hg.), „Volksgemeinschaft“: Mythos,
wirkungsmächtige soziale Verheißung oder soziale Realität im „Dritten Reich“? Propaganda und
Selbstmobilisierung im NS-Staat, Paderborn 2012.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
25
Arbeit bediene ich mich ebenfalls dieser Begriffe. Meine These ist, dass die
Volksgemeinschaft in den Momenten, wo sich Nichtjuden und Nichtjüdinnen dieses
ideologischen Konstruktes bedienten, um sich von Juden und Jüdinnen abzugrenzen oder
sogar weitergehende verfolgerische Maßnahmen zu vollziehen, auch temporär und örtlich
begrenzt wahr und real wurde. Daher setzte ich das Wort auch nicht in Anführungsstriche,
obwohl die Debatte noch anhält.
Wichtiger noch als die theoretische Diskussion um Volksgemeinschaft ist für diese Studie die
andere Neuerung, die der Perspektivwechsel in der Holocaustforschung mit sich gebracht
hat: die Heranziehung von Erinnerungen der Verfolgten als Quellen und damit die Änderung
des Blickwinkels. Auch auf den Erkenntnisgewinn durch diese Neuerung hatte Bajohr schon
2006 hingewiesen.42 Es hatte schon früher einige Arbeiten gegeben, die sich mit der
Perspektive der Verfolgten beschäftigten, und ihr großen Raum gaben. Insbesondere auf
Saul Friedländers Das Dritte Reich und die Juden sei an dieser Stelle verwiesen.
Friedländer hatte 1997 in seinem in New York erschienenen Überblickswerk darauf
hingewiesen, dass die Stimmen der Opfer unverzichtbar für das Verständnis der
Vergangenheit seien, denn sie seien es, die offenbarten, was man wusste und was man
wissen konnte. Daher bemühe er sich um eine ständige Präsens der Opfer und ihrer
Perspektive in seinem Werk.43 Anders als bei Friedländer handelt es sich jedoch bei den
Repräsentanten und Beteiligten an den neueren Forschungen zu Volksgemeinschaft,
Inklusion und Exklusion meist um nichtjüdische Deutsche. Dass der systematische,
theoretisch untermauerte Perspektivwechsel, der sich geschichtswissenschaftlich ebenso
wie gesellschaftspolitisch begründen lässt, damit auch in der deutschen Forschung
angekommen ist und sich mehr und mehr Raum verschafft, ist sehr zu begrüßen. Die
Veröffentlichungen von Überlebendenzeugnissen hat in Deutschland durchaus eine längere
Geschichte. So hat Wolfgang Benz einen großen Teil seines historischen Schaffens der
Veröffentlichung von Zeugnissen von Überlebenden eingeräumt und dazu auch eine eigene
42 Bajohr, Vom antijüdischen Konsens, S. 19.
43 Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933-1939, München 2000, S. 12.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
26
Reihe im Fischer-Verlag herausgegeben.44 (Auto)Biografien, Tagebücher und Erinnerungen
von ehemals Verfolgten sind viel gelesene Bücher in Deutschland und können teilweise
einen hohen Bekanntheitsgrad aufweisen.45 Damit sind viele Stimmen von Verfolgten in
Deutschland zugänglich und über die professionellen historischen Kreise hinaus bekannt
geworden. Eine Weile jedoch schien es so, als ob Berichte von Überlebenden und
historische Forschung zwei verschiedene Dinge wären, die nebeneinander her existieren,
auch, wenn sie den gleichen Gegenstand zum Thema haben. Diese Arbeit versucht, beides
zu verbinden.
44 Die Reihe „Lebensbilder, jüdische Erinnerungen und Zeugnisse“, Fischer-Verlag, herausgegeben von
Wolfgang Benz. Vor nicht allzu langer Zeit erschienen und viel beachtet wurde Cioma Schönhaus, Der
Passfälscher. Die unglaubliche Geschichte eines jungen Grafikers, der im Untergrund gegen die Nazis kämpfte,
Frankfurt am Main 2006.
45 Einige wenige Beispiele, die besondere Berühmtheit erlangten: Inge Deutschkron, Ich trug den gelben Stern,
München 1992; Viktor Klemperer, „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten.“ Tagebücher 19331945 (Band I
VIII), Berlin 1995; Ruth Klüger, weiter leben. Eine Jugend, Göttingen 1992; Das Tagebuch der Hertha Nathorff.
Berlin-New York 1933 bis 1945, hrsg. von Wolfgang Benz, Frankfurt am Main 1988; Valentin Senger,
Kaiserhofstr. 12, München 1999; auch die Biografie der kleinen Marion Samuel von Götz Aly, Im Tunnel. Das
kurze Leben der Marion Samuel 1931-1943, Frankfurt am Main 2004.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
27
Aufbau der Arbeit
Die Arbeit orientiert sich sowohl an den Biografien der Überlebenden als auch an der
Hauptfragestellung nach den Interaktionen zwischen Juden und Nichtjuden. Auch wenn die
Hauptfragestellung der Studie im Fokus stehen muss, können die Biografien als solche nicht
vernachlässigt werden, ohne, um es sozialwissenschaftlich auszudrücken, einen bias zu
erzeugen.46 Daher gibt es in jedem Abschnitt sowohl thematisch orientierte Kapitel, denen
ein synoptischer Zugriff auf die Quellen zugrunde liegt, als auch ausführliche Darstellungen
einzelner Interviews. Den Erzählungen der Überlebenden im Originalton wird sehr viel Raum
gegeben.
Der erste Abschnitt befasst sich mit alltäglichen Interaktionen von erwachsenen Juden und
Nichtjuden. Im ersten Kapitel werden die Hauptthesen der Arbeit ausführlich theoretisch
und anhand von etlichen Beispielen aus den Quellen diskutiert. Dafür ziehe ich unter
anderem zwei Theoretiker heran, die bis dato kaum bzw. keine Beachtung in den
historischen Arbeiten zum Thema gefunden haben, den Soziologen Norbert Elias und den
Gruppenpsychoanalytiker Wilfred Bion.
Das zweite Kapitel besteht aus einer ausführlichen Darstellung der Erzählung von Inga C.,
einer Überlebenden des Holocaust aus Frankfurt am Main, die 1938 fliehen konnte und den
Massenmord überlebte. Von ihrem Vater wurde Inga im Zusammenhang mit den
Verfolgungsereignissen in Deutschland schon 1931 getrennt, und obwohl er den Holocaust
und den Zweiten Weltkrieg überlebte, sah sie ihn nie wieder. Ihr Bruder Freddy starb kurz
nach der Flucht in London. Ingas Mutter wurde von den Nazis ermordet.
Obwohl sich die von mir herangezogenen Interviews in Form und Inhalt teilweise sehr
deutlich voneinander unterscheiden, gibt es eine Reihe von Themen, Symbolen und
charakteristischen Erinnerungen, die in vielen Interviews vorkommen und als typisch gelten
können. Ein immer wieder auftauchendes Thema ist das „jüdische Aussehen“. Es war
lebensbestimmend, ob jemand mit dem von der Streicherpresse und in der Rassenlehre
kolportiertem „typisch jüdischem Äußerem Gemeinsamkeiten hatte oder nicht. Am
wichtigsten für die Jüdinnen und Juden waren Haar-, Haut- und Augenfarbe und die Form
46 Vgl. zu dieser Problematik im Umgang mit den Quellen Baumbach, Verfolgung, S. 24.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
28
und Größe der Nase. Da diesem Thema in den Erinnerungen sehr viel Aufmerksamkeit
geschenkt wirde, habe ich ihm ein eigenes Kapitel gewidmet.
Das vierte und das fünfte Kapitel widmen sich den ebenso individuellen wie exemplarischen
Erinnerungen von Martha K. aus Hamburg und Betty C. aus Berlin. Martha, die nach den NS-
Rassegesetzen eigentlich als „Dreivierteljüdin“ einzustufen gewesen wäre, unterschlug ein
jüdisches Großelternteil und überlebte als „Halbjüdin“ in Hamburg. Sie hat ein gutes
Erinnerungsvermögen gerade für alltägliche Begebenheiten, von denen sie viel zu berichten
weiß. Betty hat ihr Interview sehr früh, 1979, gegeben. Zu diesem Zeitpunkt war noch weit
weniger über die Verfolgungen während der Zeit des Nationalsozialismus bekannt, und
Betty fühlte sich auch in den USA als Jüdin und als Opfer der Nationalsozialisten nicht sicher.
Auch deshalb hing sie noch sehr an ihrer Heimat Berlin. Dieses frühe Interview ist anders
strukturiert als die späteren und viel kürzer. Die Interviewerin erscheint ebenso hilflos wie
Betty ohnmächtig. Beide sind, das ist deutlich zu merken, Pioniere auf ihrem Gebiet.
Insbesondere die Menschen, die an kleineren Orten aufgewachsen sind, beschreiben ihre
Heimatdörfer bzw. Städte. Die Erfahrung der ländlichen Herkunft scheint als etwas
Abweichendes wahrgenommenen zu werden, während eine Kindheit in Berlin, Hamburg,
Breslau oder Frankfurt als nicht weiter erklärungsbedürftig verstanden wird. Um dem
gerecht zu werden, ist auch zu diesem Themenkomplex ein eigenes Kapitel entstanden.
Exemplarisch werden die Erfahrungen von jüdischen Überlebenden aus kleinen Dörfern
anhand der Erinnerungen von Harry T. aus Zürbach in Hessen und Fred K. aus Oberlauringen
in Franken dargestellt. Dabei wird deutlich, dass die Interaktionen zwischen Juden und
Nichtjuden sich auf dem Land anders gestalteten als in der Stadt. Harry ging als Jugendlicher
1936 nach Frankfurt am Main, um dort eine Ausbildung als Tischler zu absolvieren, die ihm
die Auswanderung aus Deutschland erleichtern sollte. Der Schritt von Landjuden in die
Großstadt ging häufig der Flucht aus Deutschland voraus. Harry lebte als 16jähriger Jude
alleine im Frankfurt der 30er Jahre und wurde überdies für die Zürbacher Juden, die sehr
abgeschieden lebten, zu einer Art Vermittler zwischen Land und Stadt. Er musste viel
Verantwortung übernehmen. Harry konnte nach der Reichskristallnacht fliehen und
überlebte. Seine Familie, die in Zürbach geblieben war, wurde ermordet. Fred K. hatte schon
vor Beginn der Verfolgung ein sehr schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern, die er als stur
und apathisch beschreibt. Die Enge des Dorfes machte ihm sehr zu schaffen. Mit dem Jahr
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
29
1933 wurde das Leben für ihn als den jüngsten jüdischen Jungen in der Schule zur Hölle. Er
bettelte seine Eltern an, Deutschland, Oberlauringen und sie verlassen zu dürfen. Mit einem
Kindertransport kam er schließlich fünf Jahre später nach England, wo er genauso einsam
weiterlebte wie während seiner Kindheit in Deutschland. Fred hat seine Eltern nicht
vermisst und sich auch kaum je mal bei ihnen gemeldet. Im Dezember 1941 wurden sie
deportiert und anschließend ermordet.
Da das älteste Interview, das ich erschließen konnte, ist von 1979. Da die meisten aber in
den 1990er Jahren oder später entstanden sind, waren die Interviewpartner in den 1930er
Jahren in der Regel Kinder oder Jugendliche. Erfahrungen mit Kinderfreundschaften,
Mitschülern, Lehrern und Jugendgruppen spielen daher meist eine zentrale Rolle und
werden im zweiten Teil der Arbeit ausführlich thematisiert. Auch die Perspektive auf die
Gesellschaft, die Art der Wahrnehmung oder auch Nichtwahrnehmung der Bedrohung und
die Form der Erinnerungen sind altersspezifisch. Bei Interviewpartnern, die in den 30er
Jahren noch Kinder oder Jugendliche waren, spielen Erziehung, Elternhaus und die
erweiterte Familie im Interview eine noch viel größere Rolle als bei Erwachsenen.
Gleichzeitig waren gerade die Kinder besonders anfällig für schwerste Traumata, wenn das
Verhältnis zu den Eltern und der Familie unabhängig von den Verfolgungserfahrungen schon
ein schwieriges war. Überlebende mit solchen Hintergründen ordnen die Erfahrungen in der
sie umgebenden feindseligen Gesellschaft in auffälliger Weise anders ein als die Mehrheit
der Interviewpartner, die von einer schönen, wohlhabenden und geborgenen Kindheit
berichten. Kinder und Jugendliche erinnern sich häufig sehr bildhaft an die einschüchternde
Atmosphäre, die vor allem zu Beginn der Verfolgungszeit in den großen Städten herrschte.
Dazu gehören die Aufmärsche der Nazis, die haushohen Fahnen an den Häusern, die
Marschmusik, die gesungenen Lieder und die jubelnden Menschenmassen. Diese
Machtdemonstrationen und Einschüchterungsversuche, bei denen die Aktionen der Partei
mit dem Verhalten der nichtjüdischen Bevölkerung Hand in Hand gingen, haben bei vielen
Überlebenden bleibende traumatische Eindrücke hinterlassen. Dazu gehören auch die
ebenfalls sehr symbolträchtigen Uniformen als Zeichen von Zugehörigkeit bzw. Ausgrenzung
ebenso wie das SA-Kampflied „Ihr Sturmsoldaten jung und alt“, dessen antisemitischer Text
besonders brutal war und von den jüdischen Kindern oft wörtlich genommen wurde. Die
Angst vor Gewalt spielte bei Kindern eine besonders große Rolle, wird aber auch bei
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
30
Erwachsenen thematisiert. Ein großer Unterschied besteht darin, dass die meisten jüdischen
Kinder ihr von Anfang an im Alltag tatsächlich täglich ausgesetzt waren, und dass sie von
ihren eigenen Eltern nicht beschützt werden konnten. Auf dem Schulhof und auf dem
Schulweg wurden sie angegriffen und geprügelt.
Das Kapitel über Kinder und Jugendliche ist das einzige, in dem ich auch Quellen heranziehe,
die nicht aus jüdischer Perspektive berichten, und zwar einige nationalsozialistische
Schriften über die Erziehung. Das ist der Tatsache geschuldet, dass auch die nichtjüdischen
Kinder, die häufig die hemmungslosesten und brutalsten Nationalsozialisten waren,
gleichzeitig auch zu Opfern der nationalsozialistischen Welt geworden sind, in die hinein sie
erzogen wurden. Mittels der Zitation einiger zentraler nationalsozialistischer pädagogischer
Quellen versuche ich, der Komplexität des Themas gerecht zu werden. Es sei jedoch betont,
dass es nicht darum geht, die Sicht der nichtjüdischen Kinder zu vermitteln. Eher bin ich
bemüht, die Vielschichtigkeit der Täterschaft, beispielsweise die Beziehungen zwischen
antisemitischen Lehrern und indoktrinierten Schülern, über die auch die Überlebenden
zuweilen nachgrübeln, nachzuzeichnen.
Das Interview von Frank S. aus Breslau wird im Teil über Kinder und Jugendliche ausführlich
beschrieben und diskutiert. Wie die meisten anderen Überlebenden auch, beschreibt er
Demütigungen und Angriffe durch nichtjüdische Kindern als etwas, was damals wie
selbstverständlich zum Leben dazu gehörte. Frank schaffte es jedoch, selbst mit seinen
antisemitischen Schulkameraden befreundet zu bleiben. Eines von Franks Themen ist die
Anpassung an seine Umgebung als ein Grundbedürfnis von Kindern, um der Einsamkeit der
Ausgeschlossenen zu entgehen. Für Frank bedeutete das, dass er sich von seiner „jüdisch
aussehenden“ Mutter abwenden musste, um von seinen antisemitischen Schulfreunden
akzeptiert zu werden. Und das, obwohl gerade sie diejenige war, die ihren beiden Söhnen
beibrachte, immer unauffällig zu bleiben und sich überall anzupassen. Frank konnte 1939
aus Breslau und Deutschland fliehen.
Solidarität und Hilfe wird im dritten Abschnitt der Studie thematisiert. Anhand eines
Vergleichs zweier beispielhafter Erinnerungsinterviews arbeite ich heraus, dass Erzählungen
über Hilfe und Solidarität eine wichtige Funktion für die Erinnerung und die Sinngebung der
Überlebenden haben, unabhängig davon, wieviel Hilfe und Solidarität sie während der
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
31
Verfolgung tatsächlich erfahren haben. Helga Chomsky, die nach London geflüchtet ist und
dort zum Zeitpunkt des Interviews ein relativ glückliches Familienleben führt, macht die
Erfahrung von Solidarität zum Ausgangspunkt ihrer Erzählung. Verhaltensweisen, die dem
nicht entsprachen, werden als abweichend beschrieben, auch wenn es eine ganze Menge
sind: Helgas Bezugspunkt ist nicht das reale Verhalten der Menschen, sondern einerseits der
Wunsch, als Jüdin nicht aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden,
andererseits die moralische Norm, die sie sich zu eigen gemacht hat, und die
Unmenschlichkeit nicht duldet. Frank Valfer hingegen, ein in Oakland, Kalifornien ansässiger
Psychologe, setzt sich in seinem Interview mit der Gültigkeit und der Schwierigkeit des
Realitätsprinzips auseinander: immer wieder beweist er sich und seinen Zuhörern, dass die
deutsche Bevölkerung zu einem großen Teil hinter den Verfolgungsmaßnahmen des NS-
Regimes stand, und dass Helfer die Ausnahmen blieben. Dabei erweckt er den Eindruck,
dass er selber davon ausgeht, dass ihm kaum Glaube geschenkt wird, und dass er außerdem
Schwierigkeiten hat, sich mit dem abzufinden, was er immer wieder konstatiert.
Anhand der Lebenserzählung von Erna P. aus Berlin untersuche ich im vierten Teil der Arbeit
geschlechtsspezifische Erinnerungsweisen. Dabei stehen nicht so sehr
geschlechtsspezifische Erlebnisse im Vordergrund vieles ist in den Erzählungen deutlich als
geschlechtsspezifisch zu erkennen, auch wenn es von mir nicht besonders hervorgehoben
wird sondern die Art und Weise, wie Erna ihre Erinnerungen verarbeitet hat und wie sie
wiedergegeben werden. Ich habe dafür eine tiefenpsychologisch fundierte Methode
entwickelt, die ich anhand von Ernas Interview vorstellen möchte. Basierend auf der
psychoanalytischen Grundüberzeugung, dass die individuellen entwicklungsgeschichtlichen
Beziehungen prägend für alle weiteren Beziehungen im Leben eines Menschen sind,
untersuche ich zuerst die Darstellung ihrer Familienmitglieder durch Erna und anschließend
diejenige aller anderen wichtigen Personen, die in der Lebenserzählung vorkommen. Meine
These ist, dass die Darstellung der Beziehungen viel über Ernas Persönlichkeit aussagt und
damit über ihre Art, Erlebnisse wahrzunehmen, zu verarbeiten und wiederzugeben. Die
Erwähnung bestimmter Personen und die Thematisierung bestimmter Beziehungen haben
außerdem, ebenso wie diejenige von Ereignissen, eine bestimmte Funktion für die
Sinnherstellung der Lebenserzählung. Beziehungen können aber nicht ungegendert gedacht
und gefühlt werden. Es werden also Gendercodes in den dargestellten Beziehungen und
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
32
ihre möglichen Funktionen für Selbstdarstellung, Erinnerung und Lebenssinn
herausgearbeitet. Das die Studie Interaktionen zwischen Juden und Nichtjuden zum Thema
hat, unterstützt die Bedeutung von Beziehungen zusätzlich.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
33
Vorgehen und Methoden
Ich habe mich entschieden, für dieses Projekt keine eigenen Interviews durchzuführen. Das
hat den Grund, dass es in etlichen Archiven in Europa, Amerika und Asien sehr viel Material
gibt, das noch viel mehr Beachtung verdient. Es hat aber auch den inhaltlichen Hintergrund,
dass die verschiedenen Sammlungen in unterschiedlichen Ländern, zu unterschiedlichen
Zeitpunkten und mit unterschiedlichem Erkenntnisinteresse entstanden sind. Dadurch
ergibt sich eine Diversität des Materials, die ich alleine als Interviewerin niemals hätte
erreichen können. Das bedeutet natürlich auch, dass die Entstehungshintergründe der
Interviews bei der Auswertung und Interpretation der Quellen mit berücksichtigt werden
müssen. Bei der Auswahl habe ich mich vor allem von der Frage leiten lassen, wieviel die
Interviewpartner aus der Zeit zwischen 1933 und 1938 erzählen. Dabei habe ich einen rein
quantitativen Maßstab angewandt (Zeit, die über diese Zeit berichtet wird, und Anzahl von
Erzählungen). Es ist nicht so, das Überlebende, die wenig aus der betreffenden Zeit
erzählen, nichts darüber zu sagen hätten. Häufig sind die Erinnerungen an die 30er Jahre
jedoch überlagert von den verhältnismäßig schlimmeren Erfahrungen, die später gemacht
wurden. Allerdings ist das nicht-Erzählte sehr viel schwieriger zu rekonstruieren, und
Geschichten ist auf diesem Wege gar nicht beizukommen. So kommt es, dass der größte Teil
der ehemals Verfolgten, die hier Erwähnung finden, vor Beginn der Deportationen aus
Deutschland fliehen konnte.47 Diese Menschen berichten ausführlicher und detailierter über
die 30er Jahre. Das muß jedoch nicht heißen, das sie in den 30er Jahren anderes erlebt
haben als diejenigen, die in Europa überlebten. Die Unterschiedlichkeit der
Gesamterzählungen ist nicht auf der Erlebnis-, sondern auf der Erinnerungsebene
begründet.
Neben dem zeitlichen und inhaltlichen Schwerpunkt der Interviews war die Herkunft der
Interviewpartner relevant bei der Auswahl. Ich war um eine möglichst große Diversität
bemüht, ohne jedoch die Tatsache zu ignorieren, dass die meisten Juden in den Großstädten
Berlin, Frankfurt und Hamburg lebten. Weitere Auswahlkriterien waren Geschlecht und
Alter des Interviews.
47 Natürlich kommt noch dazu, dass die meisten Menschen, die nicht früh genug geflohen sind, ermordet
worden sind. Es gibt daher insgesamt weniger Interviews von Juden, die nie geflohen sind, und die im Versteck
oder im Lager überlebt haben.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
34
Die Interviews differieren, nicht zuletzt aufgrund der unterschiedlichen Herkunft, stark im
Aufbau. Manche sind eher kurz, viele lang, in einem Teil der Interviews gibt es viele
Nachfragen durch die Interviewer, andere zeichnen sich durch einen kaum unterbrochenen
Erzählfluss aus, und einige wenige, ältere Interviews decken kaum mehr als die Zeit der
Verfolgung ab, wohl, weil die Interviewten nicht aufgefordert wurden, ihr gesamtes Leben
zu erzählen. Diese Unterschiedlichkeit der Interviews gegeben, müssen auch verschiedene
Interpretationsverfahren angewandt werden. Ich habe mich bei der Arbeit vor allem an
Gabriele Rosenthals gestaltheoretische Arbeiten48 und an der Tiefenhermeneutik
orientiert49 und darauf basierend auch eigene Verfahren entwickelt.
Alle Interviews wurden von mir zunächst von Anfang bis Ende angeschaut, wenn es
Videoaufzeichnungen sind, bzw. angehört, wenn es sich um Audioaufzeichnungen handelt.
Anschließend, bei einem zweiten Durchgang, wurden sie von mir händisch transkribiert.
Dabei wurde auf eine penible phonetische Transkription Wert gelegt. Das bedeutet, dass
alles mit transkribiert wurde, was zu hören und gegebenenfalls zu sehen war: Dialekte,
Räuspern, geäußerte Emotionen, auch wenn sie nicht benannt wurden (zum Beispiel
weinen, lachen), Pausen, Satz- und Wortabbrüche usw. Für die Interpretation ist dies
wichtig, denn in den Interviews wird mehr als nur die gesprochene Sprache benutzt, um sich
zu äußern.50
48 Gabriele Rosenthal, Erlebte und erzählte Lebensgeschichte. Gestalt und Struktur biographischer
Selbstbeschreibungen, Frankfurt am Main 1995; dies., Zerstörtes Leben Fragmentierte Lebensgeschichten
von Überlebenden der Shoah, in: Wolfram Fischer-Rosenthal u.a. (Hg.), Biographien in Deutschland.
Soziologische Rekonstruktionen gelebter Gesellschaftsgeschichte, Opladen 1995, S. 452-476; dies./Wolfram
Fischer-Rosenthal, Analyse narrativ-biographischer Interviews, in: Uwe Flick u.a. (Hg.), Qualitative Forschung.
Ein Handbuch, Reinbek bei Hamburg 2005, S. 456-467; dies., Die erzählte Lebensgeschichte als historisch-
soziale Realität. Methodologische Implikationen für die Analyse biographischer Texte, in: Berliner
Geschichtswerkstatt (Hg.), Alltagskultur, Subjektivität und Geschichte. Zur Theorie und Praxis von
Alltagsgeschichte, Münster 1994, S. 125-138.
49 Zur tiefenhermeneutischen Methode vgl. Hans-Dieter König, Tiefenhermeneutik, in: Uwe Flick u.a. (Hg.),
Qualitative Forschung. Ein Handbuch, Reinbek bei Hamburg 2005, S. 556-568; Ilka Quindeau, Trauma und
Geschichte. Interpretationen autobiographischer Erzählungen von Überlebenden des Holocaust, Frankfurt am
Main 1995. Zur Grundlegung der Tiefenhermeneutik vgl. Georges Devereux, Angst und Methode in den
Verhaltenswissenschaften, Frankfurt am Main 1984, sowie die Schriften von Alfred Lorenzer.
50 Vgl. zur Vorgehensweise auch Roswitha Breckner, Von den Zeitzeugen zu den Biographen. Methoden der
Erhebung und Auswertung lebensgeschichtlicher Interviews, in: Berliner Geschichtswerkstatt (Hg.),
Alltagskultur, Subjektivität und Geschichte. Zur Theorie und Praxis von Alltagsgeschichte, Münster 1994, S.
199-222; Uwe Kaminsky, Zur Methode der Oral History, in: Sybille Baumbach u.a. (Hg.), Rückblenden.
Lebensgeschichtliche Interviews mit Verfolgten des NS-Regimes in Hamburg, Hamburg 1999, S. 413-418;
Dorothee Wierling, Oral History, in: Michael Maurer (Hg.), Aufriß der Historischen Wissenschaften, Band 7:
Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft, Stuttgart 2003, S. 81-151. Speziell zu Überlebenden
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
35
Als nächsten Schritt habe ich jeweils nach Abfassen der Transkription einen von mir so
genannten „Ersten Eindruck“ vom Interview abgefaßt. Der Erste Eindruck ist ein von mir
geschaffenes Interpretationswerkzeug, das eine Erweiterung des Gedächtnisprotokolls ist,
wie es in der Arbeit mit lebensgeschichtlichen Interviews üblichlicherweise angefertigt wird,
kurz nachdem ein Interview geführt wurde. Der Erste Eindruck zielt darauf, neben
Äußerlichkeiten und Besonderheiten vor allem die in der Psychoanalyse so genannte
Übertragung festzuhalten, also, etwas vereinfacht formuliert, die Gefühle, die das
Gegenüber vermittelt und auslöst. Der Erste Eindruck ist also kein Protokoll nach Abschluss
des Interviews, sondern ein Analyseverfahren, und zwar auch bei Interviews, die ich selber
gar nicht geführt habe. Meist stellt sich spätestens bei der Erstellung des Ersten Eindrucks
heraus, was die zentrale Botschaft der Erinnerungserzählung sein könnte, das latente Thema
und der rote Faden.
Als nächsten Schritt wurden die Transkripte in Anlehnung an das von Gabriele Rosenthal
vorgeschlagene Verfahren sequenziert. Das bedeutet, dass das gesamte Interview in kleine
Kapitel (Sequenzen) eingeteilt wird, die anhand von Themen, von Zeitabschnitten, aber auch
Wort- und Satzabbrüchen oder des Wechsels der Textart51 eingeteilt werden können. Die
Sequenzen werden anschließend noch einmal in Untersequenzen eingeteilt, die häufig nur
noch aus einer kleinen Erzählung bestehen können, die zum Beispiel über eine Viertelseite
geht. Ein Interview mag dann etwa 12 Sequenzen haben und 40 Untersequenzen (diese
Zahlen können starkt variieren!). Die Sequenzierung, hat den Vorteil, die Struktur des
Interviews sehr genau kennenlernen zu können. Und die Struktur, so die gestalttheoretische
Ansicht, gibt nicht nur Aufschluß über die Organisation des Inhalts, sondern ist selber schon
Inhalt, denn sie verrät die Assoziationsketten des Erzählenden und offenbart auch, was
ausgelassen wird.
Die Sequenzierung ist allerdings keine sinnvolle Arbeit, wenn Inhalt und/oder Struktur des
Interviews zu stark von den Interviewern vorgegeben ist, etwa durch Eingrenzung des
Themas auf die Zeit der Verfolgung oder durch viele unterbrechende Fragen (anstelle eines
des Holocaust siehe Ulrike Jureit, Erinnerungsmuster. Zur Methodik lebensgeschichtlicher Interviews mit
Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager, Hamburg 1999, und Baumbach, Verfolgung, S. 13-
15.
51 Textarten in Interviews können sein Erzählungen, Berichte, Beschreibungen, Argumentationen, Evaluationen
u.a. Vgl. Rosenthal, Lebensgeschichte, S. 240-241.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
36
Nachfrageteils am Ende des Interviews, wie es in lebensgeschichtlichen Interviews
gehandhabt wird). Vor allem in solchen Fällen habe ich mich für eine vor allem
tiefenhermeneutische Analyse des Interviews entschieden und, in Anschluß an Transkription
und Verfassen des Ersten Eindrucks, vor allem mit der Übertragung weitergearbeitet.
Auch Rosenthal arbeitet psychoanalytisch-hermeneutisch, wenn Untersequenzen
ausgedeutet werden.52 Rosenthal geht es bei ihrer Methode aber vor allem darum, anhand
der Textstruktur eine Unterscheidung zwischen tatsächlich erlebter und später erzählter
Lebensgeschichte treffen zu können. Das ist natürlich für die historische Arbeit mit
Interviews sehr sinnvoll. Anhand des geschlechtersensiblen Analyseverfahrens, das ich
entwickelt habe und das ich am Beispiel des Interviews von Erna P. im zweiten Teil der
Arbeit ausführlich vorstelle, möchte ich jedoch auch zeigen, dass die tiefenhermeneutisch
orientierte Arbeit ebenfalls auf eine Unterscheidung zwischen erlebter, erinnerter und
erzählter Lebensgeschichte zielen kann. Es geht auch hier darum, eine Struktur zu erfassen,
allerdings nicht allein im Text, sondern in dem, was uns der Interviewpartner sonst noch
gibt: einen Eindruck von seiner Person und der Art seiner Beziehungen, der sich in der
Übertragung manifestiert. Das Übertragungsgeschehen wird zum Werkzeug, zur einer Art
Brille, durch die hindurch der transkribierte Text gelesen wird, im Falle dieser Arbeit
natürlich insbesondere die Stellen über Begegnungen mit anderen, nichtjüdischen
Menschen.
In die Interpretationen der Interviews wurden von mir immer auch Ort und Zeitpunkt der
Entstehung, die Beziehung zwischen Interviewer und Interviewtem, die Interviewsituation,
die Interviewmethode, außerdem das Alter des Interviewpartners zum Zeitpunkt des
Interviews und bei der Verfolgung berücksichtigt. Auch die Verfolgungsgeschichte selber
spielt eine große Rolle für die Interpretation: die Ermordung der Eltern im Holocaust
beispielsweise wird häufig bei Kindern, die überlebt haben, zum zentralen Bezugspunkt der
Erinnerungserzählung, der in anderen Fällen nicht vorhanden ist. Dadurch werden aber
andere Erlebnisse mit Nichtjuden retrospektiv in einem neuen Licht gesehen. Auch
52 Ihre Methode ist u.a. angelehnt an die von Ulrich Oevermann konzipierte Objektive Hermeneutik, in der es
hauptsächlich um die Rekonstruktion von latenten Sinnstrukturen bzw. objektiven Bedeutungsstrukturen geht.
Dazu einführend Jo Reichertz, Objektive Hermeneutik und hermeneutische Wissenssoziologie, in: Uwe Flick
u.a. (Hg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch, Reinbek bei Hamburg 2005, S. 514-524. Vgl. hier auch zur
Sequenzanalyse.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
37
Geschlecht, Klassenzugehörigkeit, das Aufwachsen in der Stadt oder auf dem Land und
Behinderungen werden in die Interpretation der Zeugnisse und der Transkripte mit
einbezogen. Alle diese Dinge geben Aufschluß darüber, aus welcher Perspektive der
Interviewte seine Geschichte erzählt, und wo die Quellenkritik ansetzen muß.
Die Analysen der Interviews werden in der Studie selber kaum verhandelt. Die Analysen sind
als Quellenkritik zu verstehen, nicht als Thema der Arbeit, in der es um die Beziehungen der
nichtjüdischen zu den jüdischen Menschen geht. Wo dies anders gehandhabt wurde,
insbesondere bei den Interviews von Helga Chomsky, Ernst Valfer und Erna P., geht es
darum zu zeigen, wie sehr eine ausführliche Quellenkritik, wenn sie sich bestimmten
Themen widmet, den Blick auf die Erzählungen von den menschlichen Beziehungen noch
einmal verändern kann. Sowohl im Kapitel über Geschlecht als auch im Kapitel über Hilfe
wird dies exemplarisch mittels unterschiedlicher Methoden vorgeführt.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
38
1. Interaktionen zwischen Juden und Nichtjuden im Alltag
1.2 Ausgrenzung, Gewalt und die Idee der Volksgemeinschaft
Raphael Lemkin, ein amerikanischer Jurist polnisch-jüdischer Herkunft, ist 1939 im Alter von
39 Jahren vor den Deutschen aus Polen in die USA geflüchtet. Er hat sich intensiv mit den
Völkermorden an den Armeniern und den europäischen Juden befasst. 1948 wurde die
maßgeblich von ihm verfasste Konvention über die Verhütung und Bestrafung des
Völkermordes einstimmig von der Generalversammlung der Vereinten Nationen
angenommen.53 Sie ist bis heute unverändert gültig. 1944 hatte Lemkin auf der Basis seiner
Analyse der Behandlung der Juden durch das nationalsozialistische Deutschland den
englischen Begriff genocide geprägt, eine Zusammensetzung aus dem griechischen Wort
genos für Rasse/Volk und dem lateinischen cide für töten. Seine deutsche Übersetzung für
die Wortschöpfung lautete Völkermord. Lemkin definierte Völkermord als Zerstörung einer
Nation oder ethnischen Gruppe, die nach einem koordinierenden Plan abläuft. Ein solcher
Plan beinhaltet verschiedene Schritte, die auf die Zerstörung der Lebensgrundlagen der
betreffenden Gruppe zielen. Als wichtige Beispiele nennt er die Zerstörung von politischen
und sozialen Institutionen, der Kultur, der Sprache, des Nationalgefühls, der Religion, der
ökonomischen Existenzgrundlagen, aber auch der persönlichen Sicherheit, Freiheit,
Gesundheit und Würde. Lemkin betont, dass sich Völkermord gegen eine Gruppe richtet,
nicht gegen Individuen.54 Er beschäftigte sich zwar insbesondere mit den
Verfolgungspraktiken in den von den Deutschen besetzten Ländern und er hatte außerdem
die staatlichen Maßnahmen im Fokus, nicht die Verhaltensweisen der Bevölkerung in der
53 Vgl. dazu John Cooper, Raphael Lemkin and the struggle for the Genocide Convention, Basingstoke 2008.
54 „By genocide we mean the destruction of a nation or of an ethnic group […] Generally speaking, genocide
does not necessarily mean the immediate destruction of a nation, except when accomplished by mass killings
of all members of a nation. It is intended rather to signify a coordinated plan of different actions aiming at the
destruction of essential foundations of the life of national groups, with the aim of annihilating the groups
themselves. The objectives of such a plan would be disintegration of the political and social institutions, of
culture, language, national feelings, religion, and the economic existence of national groups, and the
destruction of the personal security, liberty, health, dignity, and even the lives of the individuals belonging to
such groups. Genocide is directed against the national group as an entity, and the actions involved are directed
against individuals, not in their individual capacity, but as members of the national group.” Lemkin, Axis Rule,
S. 79.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
39
unmittelbaren Umgebung der verfolgten Jüdinnen und Juden. Er arbeitete jedoch in seiner
Analyse einige besonders wichtige Punkte heraus. Die Verfolgung wurde planvoll und
systematisch praktiziert. Begonnen wurde mit der gezielten Isolation und Demütigung der
Betroffenen, es folgten die Zerstörung der sozialen Strukturen, die ökonomische Enteignung
und schließlich die systematische Ermordung von möglichst vielen Juden um jeden Preis. Die
jüdischen Menschen wurden verfolgt und ermordet, um das Judentum auszurotten, nicht
um ihrer selbst Willen. Individuelle Eigenschaften, Handlungen und Persönlichkeit der
betroffenen Menschen spielten dabei keinerlei Rolle. Die Verfolgung und die Ermordung
waren Selbstzweck. In dieser Hinsicht spielt es auch keine Rolle, ob die physische Ermordung
der jüdischen Menschen von Anfang an konkret politisch geplant war oder nicht. Folgt man
Lemkin, sind dem Plan, die Gruppe zu zerstören, die Ideen der Vernichtung und des
Massenmordes schon inhärent.55 Es gab ja auch schon in den frühesten Zeiten des
Nationalsozialismus immer wieder unverholene Äußerungen darüber, dass die Juden zu
vernichten seinen. Jeder Mensch konnte dies hören und wissen. „I mean, anybody with a
sound mind could see what was going on. After all, Hitler wrote Mein Kampf way ahead of
1933“, fasst der jüdische Überlebende Fred Meibergen dieses explizite Wissen über die
Pläne der Nationalsozialisten zusammen.56
Der Alltagshistoriker Alf Lüdtke hat 1991 die historisch-anthropologischen Grundlagen für
ein Verständnis des Holocaust als einer gemeinschaftlichen Tat gelegt. Er wendet auf die
Herrschaft im Nationalsozialismus den Begriff der „sozialen Praxis“ an und betont damit
zweierlei: erstens dass die verschiedenen gesellschaftlichen Akteure miteinander in
vielfältiger Weise in Beziehung standen und es sich um ein vieldimensionales
Herrschaftsgefüge handelte, nicht etwa um eine simple Befehlskette, die von oben nach
unten funktionierte, und innerhalb der kein Widerspruch möglich war. Zweitens dass die
55 Dies auch in Anlehnung an Friedländer: Man hat oft gefragt, ob die Nationalsozialisten über konkrete Ziele
und präzise Pläne verfügten. Ungeachtet interner Spannungen und sich wandelnder Umstände wurden in den
meisten Bereichen kurzfristige Ziele systematisch verfolgt und rasch erreicht. Doch die Endziele des Regimes,
die Leitlinien der langfristigen Politik, wurden nur in Umrissen bestimmt, und konkrete Schritte zu ihrer
Umsetzung wurden nicht formuliert. Doch diese vage formulierten langfristigen Ziele waren nicht nur als eine
Art Richtlinie entscheidend, sondern auch als Indikatoren für grenzenlose Ambitionen und Erwartungen: Für
Hitler und seine Clique waren sie Gegenstand echten Glaubens; sie mobilisierten die Energien der Partei und
verschiedener Sektoren der Bevölkerung; und sie waren Ausdruck des Glaubens an die Richtigkeit des Weges.“
Friedländer, Das Dritte Reich, S. 30, Hervorhebung von mir, S.N.
56 Fred Meibergen oral history interview OHP.8802, videointerview by Peggy Coster, October 24, 1989,
Transkript von Sonja Niehaus, S. 15.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
40
Herrschaft im Nationalsozialismus keine gegebene statische Struktur war, sondern ein
flexibles historisches Phänomen, das auf Handlung und Verhalten von Menschen beruhte,
also gesellschaftliche Praxis war.57 Mit Frank Bajohr kann man von einem „amorphe[n]
Kräftefeld“ sprechen, auf dem es keine eindeutige, scharfe Trennung von Befehlsgebern
und Befehlempfängern“ gegeben hat, auf dem vielmehr „die Akteure in vielfältiger Weise
miteinander in Beziehung“ standen.58 Es bietet sich zur Allegorisierung auch das moderne
Bild eines Netzwerkes an, das davon lebt, dass jeder und jede Beteiligte in der eigenen
Position eine oder mehrere Aufgaben für sich erkennt, annimmt und ausführt. Ohne die
Mitarbeit der Vielen an den verschiedenen Stellen im Netzwerk können der Verlauf der
nationalsozialistischen Herrschaft und der Prozess und der Vollzug der Judenverfolgung gar
nicht plausibel erklärt werden.
Legt man die allgemein anerkannte Definition von Völkermord zugrunde, die Lemkin
gegeben hat, insbesondere auch mit ihren zeitlichen Implikationen, und folgt man Lüdtke
und Bajohr auf die Ebene des Alltags und seiner Akteure, um das konkrete Handeln der
Vielen in den Fokus zu nehmen, kommt man zu folgendem Schluss: Der Holocaust, die
Verfolgung und der Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden, vollzog sich ab
der Machtübernahme, inmitten der deutschen Gesellschaft. Jeder wusste Bescheid, es stand
ja in der Zeitung. Nicht nur Staat und Partei, auch die nichtjüdische Bevölkerung hat
mitgewirkt, sofern sie nicht opponiert hat. Die Verfolgung von Jüdinnen und Juden war ein
Gemeinschaftsprojekt mit vielfältiger Beteiligung auf den unterschiedlichen Ebenen. Anders
wäre es gar nicht möglich gewesen, das Projekt in die Tat umzusetzen. Die Führung des
nationalsozialistischen Regimes ist mit der allgemeinen sozialen Realität konfrontiert
gewesen, dass sich kein Herrscher ganz ohne eine gewisse Zustimmung und Anerkennung
seiner Beherrschten etablieren kann, wie Max Weber grundlegend formulierte.59 Die
wirkmächtige Propaganda des Regimes bezeugt dies eindrücklich.60 Insbesondere die
Judenverfolgung war, als ein Kernelement der nationalsozialistischen Ideologie und Praxis,
ein gesellschaftlicher, ein sozialer Prozess mit vielfältiger Beteiligung. Die Dynamik der
57 Lüdtke, Herrschaft.
58 Bajohr, Vom antijüdischen Konsens, S. 17, Hervorhebung von mir, S.N.
59 Weber, Wirtschaft, S. 122 ff.
60 Adolf Hitler ist schon in „Mein Kampf“ ausführlich auf diesen Punkt eingegangen.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
41
Judenverfolgung ab 1933 in Deutschland war eine des engen Zusammenwirkens von
nationalsozialistischer Führung und nichtjüdischer Bevölkerung.
Norbert Elias hat mit seiner Figurationsanalyse ein soziologisches Instrument zum Verstehen
von Gesellschaft, Macht und gesellschaftlichem Handeln entwickelt, das, angewendet auf
die nationalsozialistische Gesellschaft, ein hohes Erklärungspotential bietet. Elias kritisiert
fundamental die Illusion der Autonomie der gesellschaftlichen Funktionszusammenhänge
von den gesellschaftlich organisierten Individuen. Er führt den Begriff der Figuration ein, um
modellartig zu zeigen, welche Positionen Individuen zueinander haben oder einnehmen
können. Unter Figuration sei ein sich stetig wandelndes Muster zu verstehen, das Individuen
„als Ganzes miteinander bilden, also nicht nur mit ihrem Intellekt, sondern mit ihrer ganzen
Person, ihrem ganzen Tun und Lassen in ihrer Beziehung zueinander.“61 Elias lenkt damit
den Blick weg vom einzelnen Individuum und rückt menschliche Beziehungen und
Interdependenzen in das Zentrum seiner Überlegungen für die Analyse von Gesellschaften.
Demnach sind Menschen in hohem Maße voneinander abhängig und sie handeln ihre
reziproken Abhängigkeiten mit verschiedenen Machtmitteln untereinander aus.
Veränderliche Machtbalancen bilden ein integrales Element aller menschlichen
Beziehungen. Macht ist nie ein-, sondern immer mindestens zweiseitig, und alle
Machtbalancen sind, wie menschliche Beziehungen, mindestens bipolare und meistens
multipolare Phänomene, so Elias.62 Er bietet verschiedene Spielmodelle an, in denen er den
Begriff der Macht durch denjenigen der „relativen Spielstärke“63 ersetzt. Wer über mehr
relative Spielstärke verfügt, ist weniger abhängig vom anderen, und umgekehrt, am Prinzip
der reziproken Interdependenz jedoch ändert das nichts.
Wendet man Elias Analyse auf den Nationalsozialismus an, bedeutet dies, dass die
verschiedenen Akteure im Dritten Reich, vom gemeinen Volksgenossen bis hinauf zum
Parteifunktionär, eine unterschiedliche Spielstärke, also unterschiedliche Anteile an der
gesellschaftlichen Macht hatten, und dass sie, so verschieden ihre Machtbereiche und deren
Qualität gewesen sein mag, in ihrer Ausübung voneinander abhingen. Stark schematisch
formuliert besagt das schlicht, dass eine einzelne Person, die im Machtapparat weiter unten
61 Norbert Elias, Was ist Soziologie?, Weinheim 2009, S. 142.
62 Ebd., S. 77.
63 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
42
stand, zwar nicht dieselbe gesellschaftliche Macht wie ein hoher Funktionsträger hatte.
Gleichwohl jedoch hatte sie eine Funktion und eine Aufgabe im Herrschaftsgefüge und war
für das Funktionieren des völkischen Zusammenschlusses mit verantwortlich. Im
Allgemeinen verfügten Personen der unteren Hierarchieschichten eher über konkrete
Macht, die in den Bereich des alltäglichen Vollzugs der Verfolgung fällt, etwa die der
Identifizierung von Jüdinnen und Juden, der sozialen Ausgrenzung, der Diffamierung, der
Denunziation, des Diebstahls, insbesondere als Lehrer die der Indoktrination, die Macht,
Hilfeleistungen zu unterlassen und zu bestimmten Zeitpunkten und an vielen Orten auch die
der physischen Angriffe auf die Verfolgten. Auch die Macht zur Solidarität gehört in diese
Aufzählung. Diese konkrete Macht konnte für die betroffenen Jüdinnen und Juden
weitreichende, auch tödliche oder lebensrettende, Folgen haben, und die jüdische
Bevölkerung befand sich in einem totalen, existentiellen Abhängigkeitsverhältnis gegenüber
jedem und jeder nichtjüdischen Deutschen. „Wer sich „Volksgenosse“ oder „Volksgenossin“
nennen durfte, regelte fortan die Rassendoktrin,“ formuliert Sybille Steinbacher.64 Gerade
aus der Perspektive der Verfolgten erscheint die Spielstärke, die konkrete Macht der kleinen
Leute, zu handeln oder Handlungen zu unterlassen, am deutlichsten als das, was sie war
oder jedenfalls immer sein konnte: als eine Macht über Leben und Tod.65
Dass das Regime in hohem Maße völkische und antisemitische Propaganda betrieb, muss
nicht zwangsläufig heißen, dass die Bevölkerung von der nationalsozialistischen Ideologie
und Praxis ständig neu überzeugt werden mußte.66 Eine gute Stimmung in der Bevölkerung
war zweifellos ein zentrales Anliegen der nationalsozialistischen Führung, aber die
Propaganda war dazu nur ein Beitrag der im hierarchischen Gefüge weiter oben Stehenden,
der auf eine entsprechende Reaktion der weiter unten Stehenden durchaus angewiesen
war. Die antijüdische Stimmung wurde nicht einfach von oben geschaffen, sondern
angeheizt und gelenkt, sowie der Antisemitismus ja auch keine Erfindung der
Nationalsozialisten war, sondern viel älter. Das neue Regime wurde in allen
gesellschaftlichen Schichten mit Begeisterung gefeiert, obwohl die antisemitische
Grundüberzeugung der Nationalsozialisten bekannt war, und die Begeisterung schwächte
64 Sybille Steinbacher, Einleitung, in: dies. (Hg.), Volksgenossinnen. Frauen in der NS-Volksgemeinschaft,
Göttingen 2007, S. 9-29, hier S. 13.
65 Vgl. Benz, Geschichte des Dritten Reiches, S. 84, allgemein zur Propagierung des Rechts des Stärkeren und
seiner Durchsetzung mit Gewalt.
66 So die These von Longerich, Davon haben wir nichts gewusst.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
43
erst ab, als die Volksgenossen das Gefühl bekamen, das die Versprechen, insbesondere die
ökonomischen, nicht gehalten werden konnten.67
Norbert Elias führt alles gesellschaftliche Geschehen immer und grundsätzlich auch auf
individuelle Interessen und Affekte zurück.68 Das zentrale Bedürfnis und die menschliche
Notwendigkeit, sich an andere und andere an sich zu binden, also Beziehungen einzugehen,
nennt Elias Valenz. Valenzen sind a priorische Gerichtetheiten auf Andere und Teil der
conditio humana. Valenzen, die Fähigkeit und die Notwendigkeit, sich zu binden, machen
auf verschiedene Weisen bedürftig und unfrei. Außer Personen, so Norbert Elias, seien
menschliche Zusammenschlüsse wie etwa Staaten und Stämme in besonderem Maße
Objekte gemeinsamer Identifizierungen von Individuen und Ziele gemeinsamer Bindung
individueller Valenzen. Dabei spiele das Vorhandensein oder die imaginierte oder reale -
Androhung von physischer Gewalt eine herausragende Rolle. Die primäre, heutzutage in der
Regel unbewusste Funktion des Zusammenschlusses von Menschen zu Gruppen sei der
Schutz vor der physischen Vernichtung durch andere, oder umgekehrt: die physische
Vernichtung von anderen. Elias nennt Zusammenschlüsse von Menschen, etwa Staaten,
daher „Überlebenseinheiten“.69
Gerade die archaische, ahistorische Sprache und die Rolle der physischen Gewalt und der
Vernichtungsdrohung für menschliche Zusammenschlüsse, die Elias postuliert, machen
seine Theorie der Valenzen als analytisches Werkzeug für die Funktionsweise von Macht
und Herrschaft im Nationalsozialismus interessant, denn sie handelt von eben dem, was im
Nationalsozialismus offen propagiert wurde. Die Fabel der Bedrohung durch das weltweit
organisierte Judentum wurde, stilisiert als Überlebenskampf der arischen Rasse, in den
eigenen Vernichtungswillen transformiert. Der Nationalsozialismus zerstörte systematisch
zwischenmenschliche Beziehungen,70 propagierte und inszenierte mit seinem Anspruch auf
Volksgemeinschaft, die Beziehungen ersetzen sollte, eine Eliassche „Überlebenseinheit“ und
imaginierte wüst und impertinent das Fantasma einer gegen sie gerichteten jüdischen
Weltverschwörung. Statt sich des archaischen Bedürfnisses nach Vernichtung des Feindes
67 Benz, Geschichte des Dritten Reiches, S. 35, 57 und 81.
68 Elias, Soziologie, S. 57.
69 Ebd., S. 152.
70 Durch Denunziationen, Inanspruchnahme der Menschen, insbesondere der Jugendlichen, durch
Organisationen, und durch das Propagieren von gegenseitiger Kälte etwa bei der Kindererziehung. Auf alle
diese Punkte wird weiter unten in der Arbeit noch eingegangen.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
44
als etwas, was die meisten modernen Großgruppen lieber ins Unbewusste verbannen, zu
schämen, wurde es aggressiv ausgelebt. Das nationalsozialistische Deutschland war so sehr
in seinen eigenen Großgruppennarzissmus verstrickt, so sehr von psychotischer
Vernichtungsangst und Größenwahn getrieben, dass die Wahrnehmung von Realität
geradezu per Definition, nämlich aus ideologischen Gründen, ausgeschlossen war. Was
natürlich mit dafür gesorgt hat, dass das tausendjährige Reich nur zwölf Jahre existiert hat
und dass anstelle der Verwirklichung des Projektes der Vernichtung der Juden ein jüdischer
Staat geschaffen wurde.71
Teil des antisemitischen Fantasmas ist die Negierung von Erkenntnis über die anderen, aber
auch über sich selbst und über das Zusammenleben in der eigenen Gruppe.72 Die
Deutschen, so der Historiker Wolfgang Benz, waren, wie auch ein großer Teil der übrigen
Welt, fasziniert von Hitler und kaum daran interessiert, über die wahre Natur des Regimes
Aufklärung zu finden.73 Der Gruppenpsychoanalytiker Wilfred Bion hat sich schon früh,
beginnend in den 1940er Jahren und getragen vom Eindruck des Faschismus und des
Zweiten Weltkrieges, mit unbewussten Haltungen und Strukturen in Gruppen befasst.74 Er
analysierte die Regeln, nach denen Menschen in Gruppen Projektionen aufbauen und damit
Einsichten und realitätsnahe Erkenntnisse verhindern, und forschte nach den Gründen für
solches Verhalten. Seine Konzepte der Arbeitsgruppe und der drei latent vorhandenen
Grundannahmen75 in Gruppen, die er empirisch gewonnen hat, wiederspiegeln unbewusste
repressive Strukturen, die von den Gruppenmitgliedern weitgehend mitgetragen und
ständig neu erschaffen werden. Die von Bion als repressiv und antiaufklärerisch verstandene
Zielsetzung des Verbleibens in der Grundannahme empfinden die Gruppenmitglieder selbst
71 Vgl. dazu die psychoanalytische Großgruppentheorie von Volkan: Vamik Volkan, Großgruppenidentität und
auserwähltes Trauma, in: Psyche, Sept/Okt. 2000, S. 931-953; Vamik Volkan u.a., The Third Reich in the
Unconscious. Transgenerational Transmission and its Consequences, New York 2002; Vamik Volkan,/ M. J.
Christopher Fowler, Large Group Narcissism and Political Leaders, in: Psychiatric Annals 39 (4), April 2009.
72 Dazu grundlegend Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Elemente des Antisemitismus. Grenzen der
Aufklärung, in: dies., Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 1969; Theodor
W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: ders., Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt am
Main 1970; Detlev Claussen, Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen
Antisemitismus, Frankfurt am Main 1987; Lars Rensmann, Kritische Theorie über den Antisemitismus. Studien
zu Struktur, Erklärungspotential und Aktualität, Hamburg 2001.
73 Benz, Geschichte des Dritten Reiches, S. 40.
74 Wilfred Bion, Erfahrungen in Gruppen und andere Schriften, Stuttgart 1971.
75 Kampf/Flucht, Paarbildung und Abhängigkeit, meist von einem Führer, sind nach Bion die drei Modi, in
denen die Gruppe unbewusst Erleichterung von ihrer Aufgabe sucht. Im Modus der Arbeitsgruppe hingegen
widmet sie sich ihrer Aufgabe.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
45
als Schutz vor möglicherweise schmerzhaften Einsichten und vor Verantwortung. Es ist
weiterhin interessant, dass Bion sich, ebenso wie der Soziologe Elias (und unabhängig von
ihm), des Begriffs der Valenz bedient. Bion bezeichnet mit Valenz die Bereitschaft des
Einzelnen, „durch die Grundannahmen und das Handeln nach den Grundannahmen eine
Verbindung mit der Gruppe einzugehen“,76 was immer bedeutet, sich der Arbeitsgruppe,
also dem Streben nach Abbau von Projektionen und nach realitätsgerechter Erkenntnis, zu
entziehen. Das ist der Preis für die Dazugehörigkeit. Elias bezeichnet beeindruckend analog
mit Valenzen Emotionen, die Menschen miteinander verbinden, und die durch die dadurch
bestehende Beziehung der Befriedigung von grundlegenden Bedürfnissen dienen. Die
Valenzen liegen allen gesellschaftlichen Verhältnissen und Interdependenzen zugrunde, von
denen man erst dann ein grundlegenderes Bild erhalten kann, so Elias, „wenn man die
persönlichen Interdependenzen, und vor allem die emotionalen Bindungen der Menschen
untereinander, als Bindemittel der Gesellschaft in den Bereich der soziologischen Theorie
miteinbezieht“.77 Die Funktion der valenzbedingten Bindungen ist jedoch bei den beiden
Theoretikern unterschiedlich definiert: bei Bion dient sie primär der Abwehr (psychotischer)
Angst, also der Angst davor, sich selber aufzulösen, bei Elias dem Bedürfnis nach Beziehung
und Zugehörigkeit. Letztlich scheinen dies jedoch nur zwei verschiedene Arten zu sein,
dasselbe auszudrücken, und für den Nationalsozialismus und die Volksgemeinschaft der
nichtjüdischen Deutschen ergibt auch Beides Sinn.
Die nationalsozialistische Volksgemeinschaft war sicher keine umfassende politische
Realität, aber zumindest zeitlich und räumlich punktuell von sozialer und psychologischer
Wirklichkeit, wenn man davon ausgeht, dass sie gerade in der Sehnsucht nach Gemeinschaft
und Zugehörigkeit zu sich gefunden hat, sich in dem Fürwahrhalten des Propagierten und
dessen Umsetzung in soziale Praxis immer wieder selbst neu erfunden und etabliert hat.78
Die Externalisierung des Über-Ich,79 die Identifikation mit der Gruppe und ihrem Führer,
76 Bion, Gruppen, S. 84.
77 Elias, Soziologie, S. 149.
78 Vgl. zu dieser Unterscheidung der verschiedenen Ebenen von Realität insbesondere Norbert Götz, Die
nationalsozialistische Volksgemeinschaft im synchronen und diachronen Vergleich, in: Detlef Schmiechen-
Ackermann (Hg.), „Volksgemeinschaft“: Mythos, wirkungsmächtige soziale Verheißung oder soziale Realität im
„Dritten Reich“? Propaganda und Selbstmobilisierung im NS-Staat, Paderborn 2012, S. 55-67, hier S. 66.
79 Die Projektion der eigenen erwachsenen Anteile auf die Gruppe und ihren Führer.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
46
Theoreme, die schon bei LeBon80 und Freud81 zu finden sind, finden in der neuesten,
psychoanalytischen und sozialpsychologischen Forschung zur nationalsozialistischen
Volksgemeinschaft wieder Anwendung.82 In Analogie und Ergänzung zu dem von Alf Lüdtke
geprägten und insbesondere von Michael Wildt und Frank Bajohr lancierten Begriff der
„sozialen Praxis“83 spricht der deutsch-amerikanische Historiker Thomas Kühne von der
nationalsozialistischen Volksgemeinschaft als einem „social body“, der vor allem emotional
fundiert gewesen ist.84
Unumstritten ist auch, dass die ständige Herstellung der Volksgemeinschaft auf der
Exklusion von Gemeinschaftsfremden basierte.85 Die Idee der Volksgemeinschaft hat
inkludiert, indem sie exkludierte, hat Valenzen gebunden, indem sie die Menschen zu ihren
eigenen Funktionsträgern machte, die über die Macht verfügten, andere zu exkludieren. Sie
bestand in dem vielfach geglückten Versuch, die ungesättigten Valenzen von Menschen zu
binden, indem andere Behinderte, sogenannte Asoziale, Sinti und Roma, Lesben und
Schwule und allen voran Jüdinnen und Juden aus der Überlebenseinheit exkludiert
wurden. „Die Herstellung der Volksgemeinschaft war Angelegenheit des „Volkes“ und sie
war eine Frage der Tat, nicht des Gesetzes“, so Michael Wildt.86 Entsprechend der
gesellschaftlichen Aufgabenverteilung beteiligte sich die Bevölkerung an der Herrschaft über
Jüdinnen und Juden. Die Mitarbeit an der Verfolgung oder deren Verweigerung war immer
80 Gustave LeBon, Psychologie der Massen, Stuttgart 2008. Übrings hat sich auch Adolf Hitler in seiner Schrift
„Mein Kampf“ auf LeBon bezogen, auch wenn er dies nicht kenntlich gemacht hat: Vgl. Adolf Hitler, Mein
Kampf, München 1941, S. 650 ff.
81 Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, in: Ders., Gesammelte Werke, Band 13, S. 76-87.
82 Rolf Pohl, Das Konstrukt „Volksgemeinschaft“ als Mittel zur Erzeugung von Massenloyalität im
Nationalsozialismus, in: Detlef Schmiechen-Ackermann (Hg.), „Volksgemeinschaft“: Mythos, wirkungsmächtige
soziale Verheißung oder soziale Realität im „Dritten Reich“? Propaganda und Selbstmobilisierung im NS-Staat,
Paderborn 2012, S. 69-84; außerdem die Beiträge in Markus Brunner u.a. (Hg.), Volksgemeinschaft, Täterschaft
und Antisemitismus. Beiträge zur psychoanalytischen Sozialpsychologie des Nationalsozialismus und seiner
Nachwirkungen, Gießen 2011; Stephan Marks, Warum folgten sie Hitler? Die Psychologie des
Nationalsozialismus, Düsseldorf 2007. Außerdem vgl. Werner Bohleber, Die Volksgemeinschaft
lebensbekleidender Uterus und ausstoßende Gewalt. Zu den unbewußten Wurzeln rechtsextremistischer
Phantasmen, in: Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik (40), 1/1998, S. 83-105.
83 Bajohr, Vom antijüdischen Konsens; ders., Fremde Blicke auf das Dritte Reich. Eine Bilanz, in: ders./Christoph
Strupp (Hg.), Fremde Blicke auf das Dritte Reich. Berichte ausländischer Diplomaten über Herrschaft und
Gesellschaft in Deutschland 1933-1945, Göttingen 2011, S. 13-37; Wildt, Volksgemeinschaft; ders., Geschichte
des Nationalsozialismus, Stuttgart 2007; Frank Bajohr/Michael Wildt (Hg), Volksgemeinschaft. Neue
Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2009.
84 Thomas Kühne, Belonging and Genocide. Hitler’s Community, 1918-1945, New Haven 2010.
85 Grundlegend zu diesem Gegensatzpaar und damit auch zu aktuelleren Forschungen um Inklusion/Exklusion
Detlev Peukert, Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde. Anpassung, Ausmerze und Aufbegehren unter dem
Nationalsozialismus, Köln 1982.
86 Wildt, Volksgemeinschaft, S. 68.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
47
auch zugleich eine Zustimmung oder eine Ablehnung der nationalsozialistischen
Judenpolitik. Ernst Valfer erzählt davon, dass ein nichtjüdischer Untermieter seinen
jüdischen Vater als Buchhalter anstellte, als dieser nach der Reichskristallnacht sein
Einkommen verlor. Dies ist ein einfacher, aber effektiver und nicht risikoloser Akt der
Solidarität gewesen.87 Erna P. erinnert sich daran, dass einige Nichtjuden jüdischen
Bekannten in der S-Bahn immer wieder etwas zu Essen zugesteckt hätten. Andere wiederum
haben die Notlage von Juden ausgenutzt, wie die Nachbarn von Erna P., die innerhalb von
nur wenigen Tagen, nachdem ihre Familie die Wohnung fluchtartig verlassen hatte, den
gesamten Hausrat gestohlen haben.88 Einige Nichtjuden haben die Verfolgung wissentlich in
Kauf genommen, wie die juristischen Kollegen von Hermann Iversens Vater, die den
jüdischen Richter von einem Tag auf den anderen nicht mehr kannten und seinen
gesellschaftlichen Abstieg fortan aus der Ferne beobachten konnten.89 Wieder andere
haben denunziert oder wurden gewalttätig. Die Beispiele hierfür sind zahlreich.
Das Regime bot unzählige Möglichkeiten an, sich auch formal zu integrieren. Dafür schuf es
unter anderem zahlreiche Organisationen,90 in denen die Mitgliedschaft meist lange oder
ganz und gar freiwillig war, wie die Hitlerjugend und die NS-Frauenschaft.91 Personen, die
diesen Organisationen beitraten, waren ausgewiesener Teil der Bewegung, ohne politische
Führung übernehmen oder gar Entscheidungen fällen zu müssen. „Politiker“ und
„Politikerinnen“ im nationalsozialistischen Sinne aber waren sie alle, denn sie wirkten daran
mit, die demokratische Struktur zu zerstören, indem sie sich den hierarchisch-rassistischen
Zusammenschlüssen der Bewegung anschlossen.92
87 Ernst Valfer oral history interview OHP.3980, videointerview by Simone Levine and Gail Moscoso,
September 5, 1996, Transkript von Sonja Niehaus.
88 Erna P., Videointerview vom 19.12.1995, geführt von Edgar Pankow und Sonja Miltenberger, MMZ 033,
Transkript von Sonja Niehaus.
89 Hermann Iversen, Audiointerview vom 21.05.1990, geführt von Beate Meyer, FZH/WdE 10, Transkript von
Sonja Niehaus.
90 Benz, Geschichte des Dritten Reiches, S. 89 f.
91 Die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend konnte erst ab März 1939 gegen den Willen der Eltern durchgesetzt
werden. Die NS-Frauenschaft war genausowenig verpflichtend wie etwa die Mitgliedschaft in der NSDAP, die ja
im Gegenteil 1933 nicht zuletzt wegen zu großem Zulauf eine vorübergehende Mitgliedersperre verhängte.
92 Zu den Widersprüchen der nationalsozialistischen Machtpolitik im Alltag der Volksgenossen und
Volksgenossinnen vgl. Michael Wildt, Gewalt als Partizipation. Der Nationalsozialismus als
Ermächtigungsregime, in: Alf Lüdtke/Michael Wildt, Staats-Gewalt: Ausnahmezustand und Sicherheitsregimes.
Historische Perspektiven, Göttingen 2008, S. 215-240; auch den Film „Herrenkinder“ von Eduard Erne und
Christian Schneider.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
48
Die Erinnerungen der Verfolgten, die von ihrer Ausgrenzung durch die nichtjüdische
Bevölkerung berichten, sind ein Maßstab für den Grad der Realität der Volksgemeinschaft,
weil der exkludierende Antisemitismus und die inkludierende Idee der Volksgemeinschaft
zwei Seiten derselben Medaille sind.93 Beides gehört zusammen, bedingt sich gegenseitig. In
dem Moment und an dem Ort, wo sich durch die antisemitische Tat die Exklusion von Juden
vollzog, manifestierte sich die Volksgemeinschaft ein Stückchen mehr. Eva G. erzählt eine
beispielhafte Episode aus dem Leben ihrer jüdischen Mutter. Mit Beginn des
Nationalsozialismus seien die meisten ihrer Freundinnen sehr schnell der NS-Frauenschaft
beigetreten. Sie bedrängten die Mutter, es ihnen gleichzutun, nicht wissend, dass sie Jüdin
war. Als sie nicht eintrat, weil sie das weder wollte noch durfte, entfremdeten sich die
Freundinnen sehr schnell von ihr. Eine Freundschaft schien ihnen unter diesen Bedingungen
nicht mehr möglich. Evas jüdischer Mutter blieb nur eine Freundin, eine emanzipierte
Intellektuelle. Die anderen Frauen grenzten sie aus, indem sie sich freiwillig - der
Bewegung anschlossen.94
Karsten Gerber wurde 1922 geboren und wuchs in Hamburg auf. Er erinnert sich an
zahlreiche antisemitische Zwischenfälle. Unter anderem beschäftigt ihn bis heute sein
damaliges Bemühen, sein Judentum aus Angst vor seinen nichtjüdischen Freunden zu
verstecken. Eigentlich, so Karsten, hatte er sehr schnell nur noch jüdische Freunde, denn er
befürchtete trotz seiner Anstrengungen die Entdeckung durch Nichtjuden. Er erinnert sich
an einen Vorfall im Zusammenhang mit der völkischen Inkludierung seiner nichtjüdischen
Freunde, der ihn vor große Probleme stellte.
„Ich hatte nachher noch einen Freund [...]. Der fragte mich dann: „Wieso bist du nicht in der
HJ?“ Und dann sagte ich dann dummerweise irgendwie, „meine Mutter kann sich das nicht
leisten.“ – „Wieso?“, sagt er, „das kostet doch nichts und die Uniform kriegst du doch
93 „Die Exklusion der deutschen Juden aus der Volksgemeinschaft der mit zahllosen staatlichen Maßnahmen
verordnete Ausschluss ebenso wie die alltägliche Ausgrenzung zog nicht bloß eine antisemitische Grenze,
ohne den nichtjüdischen Teil anzutasten. Diese alltägliche Exklusionspraxis veränderte die Gesellschaft selbst.
Die bürokratische Diskriminierung, die gesetzlichen Bestimmungen, jüdische Deutsche zu Staatsbürgern
minderen Rechts zu erklären, ebenso wie die gewalttätigen, antijüdischen Aktionen [...] zerstörten die
bürgerliche, rechtsstaatliche Ordnung und transformierten die deutsche Nation in eine aggressive, rassistische
Volksgemeinschaft.“ Wildt, Volksgemeinschaft, S. 13.
94 Eva G. Holocaust testimony (HVT-4392), interviewed by Joanne Weiner Rudof and Susan Millen, March 14,
2007, Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies, New Haven, Connecticut, Transkript von Sonja
Niehaus.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
49
gratis.“ – „Ach so, das wusste ich nicht, ja“, sagte ich, „dann will ich nochmal darüber
nachdenken.“ Also, aber sonst hatte ich nie Kontakte, man war schon bange, was zu
sagen.“95
Ein wichtiger Ausdruck der Volksgemeinschaft, der Teilhabe der Bevölkerung an der Macht
und der Politisierung des Alltags waren die allgegenwärtigen Uniformen. Uniformen hatten
inkludierende Effekte für diejenigen, die sie trugen, und dienten zugleich der Exklusion
derjenigen, die sie nicht trugen oder tragen durften oder denen sie Angst machen sollten.
Uniformen waren eine positiv konnotierte Kennzeichnung für die nichtjüdischen
Volksgenossen und Volksgenossinnen und damit eine Negativform zu der 1941 eingeführten
negativ konnotierten Kennzeichnung für Juden, den Stern.
Viele jüdische Kinder teilten die Erfahrung, von den Uniformen ihrer nichtjüdischen
Schulkameraden angezogen worden zu sein. Frank S. beschreibt in seinen Erinnerungen die
Uniformen aus seinem Alltag dezidiert und erzählt von seinem Neid auf die Träger.96 Wie er
und Sue Siegel, ein jüdisches Mädchen aus Landau, das 1933 10 Jahre alt war, erinnern sich
viele, dass sie auch eine Uniform tragen wollten, aber natürlich nicht durften.97 Sie waren
nicht für Hitler, und sie glaubten auch nicht an die antisemitischen Ideen der Nazis oder
dergleichen. Sie wollten nur dazugehören.
Der 1919 in Berlin geborene Hans-Peter M. erzählt von einer beängstigenden Begegnung
mit nichtjüdischen Deutschen, bei der er paradoxerweise durch die Uniform seines
jüdischen Vereines geschützt wurde. Nachdem sich seine Schulklasse um die Zeit um 1934
scharf in einen jüdischen und einen nichtjüdischen Kreis geteilt hatte, wurde der jüdische
Teil ein sehr enger Freundeskreis. Die 15 Schüler machten alles zusammen, erzählt Hans-
Peter, von Hausaufgaben über Sport bis hin zur Freizeitgestaltung. Geschlossen traten die
Jungen auch in den Bund deutsch-jüdischer Jugend ein, dessen 18. Zug sie wurden.98 Der
95 Karsten Gerber, Audiointerview vom 24.08.1995, geführt von Uwe Kaminsky, FZH/WdE 275, Transkript von
Sonja Niehaus, S. 31.
96 Frank S. Holocaust testimony (HVT-30), interviewed by Laurel Vlock, February 16, 1980, Holocaust Survivors
Film Project, New Haven, Connecticut, Transkript von Sonja Niehaus.
97 Sue Siegel oral history interview OHP.3359, videointerview by Peggy Coster, Jacob Offer and John Grant,
April 1, 1990, Transkript von Sonja Niehaus.
98 Der Bund deutsch-jüdischer Jugend, kurz BDJJ, wurde 1933 als Zusammenschluß der Deutsch-jüdischen
Jugendgemeinschaft, der Liberalen Jugend, den Jüdischen Kinder- und Jugendscharen und einigen C.V.-
Gruppen gegründet und stand politisch dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C. V.)
nahe.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
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enge Zusammenschluss war natürlich eine Reaktion auf den Auschluss durch die
nichtjüdische Umgebung. Durch diesen Zusammenschluss, erinnert sich Hans-Peter, wurde
die Abkehr der nichtjüdischen Schüler auch nicht als Verlust empfunden. Im Gegenteil
hätten sich beide Gruppe zunehmend gegenseitig abgegrenzt. Die jüdischen Jugendlichen
hätten sich eine eigene Welt geschaffen, in der es durchaus teilweise Ähnlichkeiten mit
derjenigen von Nichtjuden gab. Der BDJJ vergab Uniformen an seine Mitglieder,
veranstaltete Gruppenabende und Fahrten und stellte auf diese Weise ein
Zusammengehörigkeitsgefühl her, das die Gemeinschaft der Beteiligten sehr betonte. Bei
einer der Fahrten, berichtet Hans-Peter, kam es zu folgender grotesker Verwechslung.
„Wir haben immer Fahrten gemacht. Wir waren mal in Ketschendorf am Scharmützelsee.
Das war alles sehr schön. Da sind wir noch in Reih und Glied marschiert, mit der Fahne, BDJJ-
Fahne, und da war nur ein Ring drauf. Grau, der Ring war weiß auf grauem Untergrund. Und
wir sind durch die Straßen marschiert und das Publikum an der Straße hat ja nicht gewusst
wer da marschiert und hat uns mit Hitlergruß begrüßt! Und so sind wir bis nach Saarow
Pieskow in die Synagoge marschiert.“99
Die Uniform hatte die Funktion eines Erkennungszeichens, über das die Träger versehentlich
in die völkische, nichtjüdische Gemeinschaft inkludiert wurden. Die Verwechslung konnte
stattfinden, weil einerseits die Uniform an sich fälschlicherweise als exklusives Element der
Bewegung anerkannt wurde, als etwas, das nie und nimmer mit Judentum assoziiert werden
konnte, und andererseits, weil es so viele verschiedene Uniformen gab, dass die wenigsten
offenbar in der Lage waren sie alle zuzuordnen.
Die meisten Überlebenden, die in den 30er Jahren Kinder waren, erinnern sich an eine
Atmosphäre der Angst, die sich unter anderem an den Uniformen festmachte. Viele
berichten auch davon, dass ihre Angst vor Uniformen lebenslang anhielt. Eva G. hatte nach
ihrer Flucht nach England als Hausmädchen Probleme, die ihr zugedachte
Hausmädchenuniform zu tragen:
„The first job I had was strictly business. I was treated like a maid, and I was a maid. So then
after a while I thought about it and I started looking for another job. And one thing that
99 Hans-Peter M., Videointerview vom 13.06.1995, geführt von Maximilian Preissler und Matthias Cohn, MMZ
014, Transkript von Sonja Niehaus.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
51
bothered me personally was to wear the uniform, the maids uniform. I didn’t mind doing
the work, but I minded wearing the uniform. And so when they interviewed me […], I had
the courage to ask whether I would have to wear uniform. And she said only when some big
shot comes, who is the supervisor, otherwise no. I figured I could handle that.”100
Auch Karsten Gerber hat lebenslang Angst vor Uniformen gehabt, obwohl er selber als
Soldat verschiedene Uniformen getragen hat. Martha Kadisch erinnert sich daran, wie
innerhalb der Hitlerjugend, der ihr Sohn angehörte, die Uniform als Mittel der Ausgrenzung
benutzt wurde: wer keine hatte, weil die Eltern sie etwa nicht bezahlen konnten, musste
ganz hinten marschieren. Die Furcht ihres Sohnes, zu denen ganz am Ende zu gehören,
veranlasste sie, ihm eine verhasste HJ-Uniform zu schneidern, die zu Hause zu tragen sie ihm
jedoch strikt verbot.101
Viele Überlebende berichten davon, welche große Rolle Drohungen und physische Gewalt in
ihrem Leben gespielt haben. Das Gegenstück zur Gewaltbereitschaft auf nichtjüdischer Seite
war die Angst auf jüdischer Seite. Die Angst kann daher auch als Indiz dafür gelten, wie akut
die Gewaltdrohung im jeweiligen Umfeld war. Besonders häufig auftauchende Elemente bei
der Beschreibung der Atmosphäre der Gewalt und der Angst sind Aufmärsche und Paraden,
eine jubelnde und klatschende Bevölkerung, gewalttätige Kinder, Flaggen und Fahnen,
(Männer in) Uniformen und die Allgegenwart des blutrünstigen SA-Kampfliedes „Ihr
Sturmsoldaten jung und alt“ mit dem rohen, antisemitischen Text.
Hans-Peter M. erzählt auch von Begegnungen, bei denen seine Gruppe nicht durch eine
Uniform geschützt und daher der Willkür der Nichtjuden ausgesetzt war. In Görtzke
beispielsweise, in der Belziger Gegend, wurden die Jungen eines Nachts von örtlichen
Jugendlichen angegriffen. Sie warfen Steine auf die Fensterscheiben des Hauses, in dem
Hans-Peter und seine Freunde untergebracht waren. Einige Stunden später konnten sie in
den Wald hinein fliehen, ohne dass es zu einer Begegnung auf offener Straße kam.
Aus ihrer Heimatstadt regelrecht vertrieben wurde eine Familie aus Königsberg, mit der
Jerry Molton und seine Eltern eng befreundet waren. Sie besaß ein Warenhaus in
100 Eva G. Holocaust testimony, S. 10.
101 Martha Kadisch, Audiointerview vom 15.07.1991, geführt von Beate Meyer, FZH/WdE 109, Transkript von
Sonja Niehaus.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
52
Königsberg. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, erzählt Jerry, war dieses
Geschäft eines der der ersten und wichtigsten Angriffsziele, da es ein jüdisches Geschäft
war. Es wurde viele Male zerstört, bis es schließlich kaum noch wieder aufzubauen war. Die
Familie gab schließlich auf und ging nach Holland. Das war im Jahre 1934.102
Martin Winterfeld, geboren 1921, wuchs in St. Pauli auf. Sein Vater war Besitzer einer
Bekleidungsfabrik im selben Hamburger Stadtteil. Während des Nationalsozialismus,
erinnert sich Martin, habe sein Vater in seiner eigenen Fabrik die Hand vor seinen Bart
gehalten, weil er Angst vor seinen nichtjüdischen Arbeitern hatte. 1937 musste Martins
Vater seine nichtjüdischen Arbeiter entlassen. Die Fabrik konnte infolgedessen aufgrund von
Arbeitskräftemangel nicht mehr produzieren. Eines Tages, nicht viel später, erinnert sich
Martin, kam ein ehemaliger Arbeiter vorbei und bat den Vater um Arbeit.
„Wir haben keine Arbeiter mehr gehabt. Wir haben nur noch die Stoffe geschnitten und
verschickt. Wir konnten nicht mehr fabrizieren [...]. Und dann, eines Tages, kam einer
unserer ehemaligen Arbeiter und hat gesagt „ich muss Arbeit haben“. Wir hatten Arbeit,
Stoffe waren da und geschnitten. Und mein Vater sagte „okay, du kannst dir das mit nach
Hause nehmen und bei dir zu Hause Anzüge daraus machen.“ Aber er ist nie
zurückgekommen. Zwei Monate später hat mich mein Vater nach Harburg geschickt, mit
dem Fahrrad, um nachzusehen. Ich kam rein, er hat im Keller gewohnt, und ich war erst 16
Jahre alt. Und ich seh, eine SS-Uniform hängt dort. Und ich hab zu ihm gesagt „Herr
Soundso, mein Vater hat mich geschickt, wo sind unsere Anzüge? Sie haben uns doch
gesagt, sie brauchen Arbeit, es ist sehr schwer für uns zu leben, vielleicht haben sie schon
fertig genäht?“ – „Was hast du gesagt du kleiner Jude?“ ich hab gesagt „mein Vater...“
da hat er mich so geschlagen, das werd ich nie vergessen, in meinem ganzen Leben. Ich war
voller Blut, und Gott sei Dank ist seine Frau reingekommen, sie hat gehört wie ich
geschrieen habe, und sie sagte „aber du wirst ihn doch töten! Du wirst ihn töten, ist genug,
genug!“ Ich bin Gott sei Dank rausgekommen und mit dem Fahrrad zur Polizei, und ein
Polizist sagt zu mir, „was ist denn los mit dir“, ich hab ihm alles erzählt, und er sagte „aber
du lebst doch noch, Jude“.“103
102 Jerry Molton oral history interview OHP.8395, videointerview by Peggy Coster, June 19, 1990, Transkript
von Sonja Niehaus.
103 Markus Nadersohn und Martin Winterfeld Videointerview, S. 9.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
53
Was in dieser Erinnerung von Martin Winterfeld sehr deutlich wird, ist die Schwierigkeit der
Unterscheidung zwischen Bevölkerung, Parteigenosse und politischen Machthabern. Der
ehemalige Arbeiter gehörte allen drei Gruppen an. Genau das ist aber kennzeichnend für die
Idee der nationalsozialistische Volksgemeinschaft, die per definition alle mit ins Boot holen
wollte, die nicht systematisch ausgegrenzt wurden.
Karl Lyon wurde 1922 in Bühl geboren. Er erzählt in seinem Interview über die
beängstigende Atmosphäre in seiner Schule. Für Karl ist es typisch, seine Ängste eher
abstrakt zu umschreiben und seine Erlebnisse nur anzudeuten. Im Zentrum dieser Erzählung
über die Schulzeit steht der Dolch, den seine männlichen Schulkameraden am Gürtel trugen.
„ We were, of course, verbally abused, ridiculed, and made fun of, and cursed. You know, all
the German children had to join the Hitler Youth. It was mandatory.104 The boys joined the
Hitler Youth and the girls joined the girl’s Nazi organization.105 And many times during the
school year the German boys came to school in their Nazi uniform, the brown uniform. And,
in their belts they carried daggers. And on those daggers was inscribed the words “blood
and honor”. “Blut und Ehre”. So you can imagine what sort of a feeling of security we had as
rather defenseless Jewish children.”106
Ausgrenzung und Gewalt bzw. Gewaltdrohungen fanden überall statt, in der Schule, bei der
Arbeit, in Geschäften, auf der Straße, manchmal spontan, manchmal gezielt und
systematisch. Martin Winterfeld erzählt, dass es in seiner Kindheit in Hamburg Altona üblich
war, dass beim Fußballspielen auf der Straße nichtjüdische Jungen gegen jüdische antraten.
Das sei völlig normal gewesen.107 Der deutsch-jüdische Richter Ludwig Pick aus Magdeburg
hat schlechte Erfahrungen in seinem Arbeitsumfeld gemacht. Seine Kollegen waren bemüht,
ihn aus den eigenen Reihen auszuschließen, um ihre Arbeit und das eigene Leben möglichst
unbehelligt weiterführen zu können. Ludwig verließ daraufhin das Land. Das war 1933.108
104 Am 1. Dezember 1936 wurde das Gesetz über die Hitler-Jugend erlassen, dass die „gesamte deutsche
Jugend innerhalb des Reichsgebietes“ in der Hitlerjugend zusammenfasste. Die Mitgliedschaft in der
Hitlerjugend konnte jedoch erst ab März 1939 auch gegen den Willen der Eltern durchgesetzt werden.
105 Der Bund deutscher Mädel für Mädchen ab 13 war, ebenso wie der Jungmädelbund für Mädchen zwischen
10 und 13 Jahren, ein Teil der Hitlerjugend und keine eigenständige Vereinigung.
106 Karl Lyon oral history interview OHP.6039, vidoeinterview by Ann Feibelman, February 26, 1991,
Transkript von Sonja Niehaus, S. 5-6.
107 Markus Nadersohn und Martin Winterfeld Videointerview.
108 Ludwig Pick oral history interview OHP.3138, videointerview by Peggy Coster, August 8, 1990, Transkript
von Sonja Niehaus.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
54
Von gewalttätigen Angriffen auf Wohnhäuser berichtet Fred K. aus Oberlauringen in Bayern.
Während der 1930er Jahre, erinnert er sich, wurde das Haus seiner Familie mehrmals das
Ziel von Attacken, die von Ortsansässigen ausgingen.109
Karl Lyon berichtet von einem Überfall auf die Synagoge von Bühl, einem badischen Ort, der
1933 6647110 Einwohner hatte. Der Überfall von 1935 ging von örtlichen Protagonisten aus:
„I was bar mitzvahed in 1935. And there was an accident about six weeks before, or four
weeks before, my Bar Mitzvah. Our synagogue was desecrated and broken into, and I saw it
afterwards. It made a tremendous impression on me. I felt that this is what Jerusalem, the
temple must have looked like, when it was destroyed. Because inside the synagogue the
most dramatic thing that you see was the curtain from the Aron Kodesh being torn off, and
the ark open and some of the Sefer Torah taken out. There were prayer books and tefillin all
over. Just generally a mess. And then going outside the synagogue there was a muddy field
just about half a block away from it. It had rained that night. And in that field, the arsonist
he was an arsonist who had broken into the synagogue - had piled up several Sefer Torah
and prayer books and other prayer paraphernalia and had set fire to them. He tried to burn
them. But it rained that night which put the fire out before everything was burned up. But it
made a tremendous impression on me. And this happened just before my Bar Mitzvah.”111
Der Bühler Brandstifter von 1935 kam für ungefähr 10 Monate ins Gefängnis, wie Karl aus
Dokumenten weiß, die er viel später eingesehen hat. Die Tat wurde nicht von offizieller
Seite gedeckt oder gar begrüßt. Drei Jahre später jedoch, während der Reichkristallnacht im
November 1938, setzte derselbe Mann dieselbe Synagoge erneut in Brand und wurde mit
dieser Tat zum Volkshelden. Erst 10 Jahre später, nach dem Sieg über den
Nationalsozialismus, wurde er erneut verurteilt, diesmal für sechs Jahre Gefängnis.
Im Folgenden möchte ich auf vier Interviews eingehen, die auf unterschiedliche Weise von
der gesellschaftlichen Praxis der Ausgrenzung und der permanenten Gewaltdrohung gegen
die Exkludierten berichten. Howard F. erinnert sich ausführlich an den Antisemitismus vor
1933 und betont aus seiner subjektiven Sicht die Kontinuitäten. Barbara Shilo beschreibt die
109 Fred K. Holocaust testimony (HVT -1373), interviewed by Ada Bloom and Ellie Fier, November 30, 1990,
Baltimore Jewish Council, Baltimore, Maryland, Transkript von Sonja Niehaus.
110 Vgl. Rademacher, www.verwaltungsgeschichte.de, Eintrag zu Bühl (letzter Zugriff 3.9.2012).
111 Karl Lyon oral history interview, S. 4.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
55
Atmosphäre in Kassel 1933, die so gewalttätig war, dass ihre Familie noch im selben Jahr aus
Deutschland ins tschechische Sudetenland flüchtete. Dort machte Barbara allerdings auch
keine guten Erfahrungen mit der deutschen Bevölkerung. Hermann Iversen berichtet aus
den 1930er Jahren von den Schwierigkeiten, den sein Status als „jüdischer Mischling“ mit
sich brachte, ebenso wie Erika Fülster, die als halbjüdische Waise in Hamburg überlebte.
Der 1910 geborene Howard F., Geburtsname Hans Alexander Feibelmann, erinnert sich in
seinem Interview ausführlich an den Antisemitismus vor 1933. Antisemitismus habe es
immer gegeben und er habe merkwürdige Formen angenommen. Er sei als Jugendlicher fast
nur mit Nichtjuden befreundet gewesen, die durchaus antisemitisch gewesen sind, erzählt
Howard. Das gehörte dazu, mit diesen Widersprüchen habe man leben müssen. Einer seiner
besten Freunde habe ihn wiederholt bedroht, aber sie seien trotzdem immer Freunde
geblieben. Auf der Straße wurde Howard als Jude beschimpft, das gehörte zum Alltag. Er
gewöhnte sich daran.
„From my first school years on until I went to university I always felt to some extent anti-
Semitism. Undercurrent. And there was a very strong social anti-Semitism.112
Howard beschreibt die Veränderungen der Atmosphäre und des Verhaltens der Nichtjuden
im Laufe der 20er Jahren an zwei Beispielen.
„There were the so called Vereine, there was a so called Casino, and no Jew was permitted
to become a member. One knew that they would not be admitted. The time came when I
wanted to start playing tennis. All my very good school mates I had a very close relation to
quite a number of them joined a new tennis club. And Feibelmann was rejected. It was
suggested he should not apply to this club. They excepted just one Jewish girl because she
was such an extremely good tennis player. And when my school mates saw that I was not
admitted they started a small, private tennis club. We rented a tennis court somewhere and
we played tennis together. But as a long, range proposition, my school mates joined again
the other club.”113
112 Howard F. Holocaust testimony (HVT-685), interviewed by Edith Bayme and Kathy Strochlic, April 7, 1986,
Video Archive for Holocaust Testimonies at Yale, New York, New York, Transkript Sonja Niehaus, S. 3.
113 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
56
In den 1920er Jahren beobachtete Howard Fields den Aufstieg der NSDAP in Kaiserlautern
sehr genau und erinnert sich daran.
„I was always politically and historically aware, and I remember that there was a Nazi party
that started in the 20ies after 1923, when the Hitler Putsch was in Munich. And of course I
knew, at least by sight, who the leaders of this group were. And one was the district
attorney. He was the first one who wore the swastika. I could observe the growing of this
party. They had once, maximum twice a year a public meeting. And since this was held in a
public place, a big concert auditorium, they could not write on the invitation and on the
placards that Jews were not admitted. Otherwise they would not have gotten the permit. So
I went there and I observed. To see, not so much to listen to what they said, but I went to
see who of my hometown fellow citizens went there. And at the first meeting there were
perhaps two, three rows full in this big auditorium. Each year I went there and the
attendance became bigger. And in spring 1929, before I went to the university, and this was
the last time I went there, the place was full.”114
Auch auf den verschiedenen Universitäten, die Howard zwischen 1929 und 1933 besuchte,
waren der Nationalsozialismus und der Antisemitismus weit verbreitet. Howard engagierte
sich im deutsch-jüdischen Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen
Glaubens, um sich organisiert gegen den gesellschaftlichen Ausschluss und die vielen
Diffamierungen zur Wehr zur setzen.115 An der Universität München wurde er zum
Vorsitzenden des K.C. gewählt. Aus dieser Zeit ist ihm das Gefühl geblieben, ständig von
Feinden umringt zu sein: „I was 20 years old and I said to myself: those are all enemies
surrounding me“. Most of them were also catholic student representatives, but the majority
were Nazis.”116
Die Künstlerin Barbara Shilo lebt zum Zeitpunkt des Interviews in San Francisco.117 Sie
arbeitete als Interviewerin in demselben Projekt des Holocaust Center of Northern
114 Ebd., S. 4.
115 Zum K.C. vgl. Miriam Rürup, Ehrensache. Jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten
1886-1937, Göttingen 2008.
116 Howard F. Holocaust testimony, S. 6. Nach seiner Verhaftung während der Reichkristallnacht im November
1938 in Buchenwald konnte Howard im Februar 1939 zuerst nach England und dann weiter in die USA
ausreisen. Dort engagierte er sich Zeit seines Lebens für verschiedene jüdische Vereine.
117 Barbara Shilo oral history interview OHP.4390, videointerview by Anne Feibelmann, September 9, 2000,
Transkript von Sonja Niehaus.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
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California, in dem sie sich selbst interviewen ließ. Geboren wurde sie als Betty Schultz im
April 1923 in Fulda, lebte dort allerdings nur wenige Jahre und verzog dann mit ihrer Familie
nach Kassel in Hessen. Ihr Vater war Kaufmann und hat viel von der Atmosphäre im Land
mitbekommen, berichtet Barbara. Er war sehr wachsam. Nach den Veränderungen im Jahr
1933 beschloss die Familie, Deutschland zu verlassen, und ließ sich in Eger118 im
tschechischen Sudetenland nahe der Grenze zum Deutschen Reich nieder. Der Vater
bereiste Deutschland weiterhin und hatte auch viele jüdische und nichtjüdische Freunde, die
ihn mit Informationen versorgten. Zu Hause erzählte er einiges von dem, was er im
nationalsozialistischen Deutschland erlebte und auf den Straßen sah. 1938 floh die Familie
schließlich in die USA.
Barbara berichtet von Schwierigkeiten im Jahre 1933 in Kassel in der Schule und im Alltag.
Schon Mitte 1933 musste sie die öffentliche Schule verlassen, die sie besucht hatte, weil
jüdische Schüler dort unerwünscht geworden waren. Sie besucht für den Rest des Jahres ein
jüdisches Internat, was sie eher als chaotische Erfahrung beschreibt. Die Anzahl der Schüler
war rapide gestiegen und die Schule hatte große Schwierigkeiten, den regulären Unterricht
aufrecht zu erhalten. Barbara erinnert sich an viele bedrohliche Umzüge und Paraden aus
dem Jahre 1933 in Kassel. Die marschierenden Männer in ihren Uniformen, die haushohen
Hakenkreuzfahnen und die ausgelassenen Menschenmassen haben einen starken Eindruck
auf sie gemacht. Sie erinnert sich, dass sie von den Lehrern gezwungen wurde, mit der
Schulklasse den Paraden zuzusehen, während sie damals schon verstand, dass die Aufzüge
im Grunde gegen sie gerichtet waren. Die Menschen, die den Paraden zuschauten, hätten
laut gejubelt, geklatscht und „Heil Hitler“ gerufen.
„Of course, I felt I think it was very, very confusing. And I understood that they were the
enemy and they didn’t want us. And it was also very frightening. Very frightening. To this
day, I think I have a real inner anxiety about uniforms of that kind, because I’ve had a lot of
run-ins with them throughout you know, in that period of time.”119
118 Heute Cheb in Tschechien.
119 Barbara Shilo oral history interview, S. 4.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
58
Einmal ist Barbara auf der Straße von zwei Männern angehalten worden, die ihr gefälschte
Fahrkarten nach Palästina schenkten. Sie war sehr aufgeregt, rannte nach Hause und zeigte
die Tickets ihrer Mutter:
„I was thrilled. I was beyond myself with joy. I said, „look Mom, we can go to Palestine on
these tickets!“ And she didn’t laugh, but she informed me what that meant.”120
Kassel sei voller Nazisympathisanten und Antisemitismus gewesen, auch schon vor 1933.
1933 jedoch änderte sich die Stimmung noch einmal. Die Nachbarn haben sich plötzlich von
der Familie abgewandt. Ein Nachbar und Zahnarzt, der im Haus eine Praxis hatte,
verweigerte ihrem Vater von einem Tag auf den anderen die Behandlung, weil er Jude war.
Nach der Flucht nach Eger ist ihre persönliche Situation nicht besser geworden, erinnert sich
Barbara. Die Bevölkerung dort habe hauptsächlich aus Deutschen bestanden und die seien
noch viel antisemitischer und nationalsozialistischer gewesen als in Kassel. Barbara erinnert
sich daran, dass die sudetendeutsche Bevölkerung um sie herum unbedingt wieder zum
Deutschen Reich gehören wollte und dies lautstark kundtat. Ihre Situation in der Schule war
schwierig. Zwar hatte sie Freundinnen, aber die haben sich immer wieder von ihr
abgewandt und ihr die kalte Schulter gezeigt. Sie gehörte nur halb dazu. Die Lehrer waren
teils neutral, teils nationalsozialistisch eingestellt und trugen in der Schule eine Uniform. Der
Mathematiklehrer habe sie regelmäßig an die Tafel geholt und so angsteinflößend agiert,
dass sie kein Wort herausbrachte und für den Rest des Tages Magenschmerzen hatte. Sie
war eine Außenseiterin und ständig dem Sadismus ihrer Umgebung preisgegeben.
Trotzdem, erzählt sie, waren sie im tschechischen Sudetenland ein bisschen geschützt vor
den Ereignissen in Deutschland. Das Leben sei insgesamt nicht so bedrohlich und schwer
gewesen wie in Kassel, sondern sei wieder seinen gewohnten Gang gegangen.
Hermann Iversen, selber als „Mischling“ eingestuft,121 berichtet ausführlich von den
Erfahrungen seines jüdischen Vaters, ebenfalls ein Richter, mit seinen ehemaligen Kollegen.
120 Ebd., S. 17.
121 Zu „Mischlingen“ siehe Beate Meyer, „Jüdische Mischlinge“. Rassenpolitik und Verfolgungserfahrungen
1933-1945, Hamburg 2002; dies., Grenzgänger zwischen „Normalität“ und Verfolgung Die Situation
„jüdischer Mischlinge“ in der NS-Zeit, in: Sybille Baumbach u.a., Rückblenden. Lebensgeschichtliche Interviews
mit Verfolgten des NS-Regimes in Hamburg, Hamburg 1999, S. 130-205; dies., Erfühlte und erdachte
„Volksgemeinschaft“. Erfahrungen „jüdischer Mischlinge“ zwischen Integration und Ausgrenzung, in: Frank
Bajohr/Michael Wildt, Volksgemeinschaft. Neue Forschungen, S. 144-164.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
59
Sein Vater ist 1933 zwangspensioniert worden.122 Erst dadurch, erzählt Hermann, sei ihm
klar geworden, dass er jüdisch und „anders als die andern“ sei. Da Hermanns Mutter
Nichtjüdin ist, wurde die Ehe als privilegierte Mischehe eingestuft, was für den jüdischen
Vater ein Ruhegehalt und eine wenn auch noch so wackelige relative Sicherheit brachte.123
Der Lebensstandard der Familie änderte sich jedoch gewaltig. Herr Ivensen hat noch eine
Weile Rechtsauskunft124 gegeben. Dann wurde er zu verschiedenen Arbeitseinsätzen
kommandiert. Der ehemalige Richter mußten Hamburgs Straßen fegen und machte dabei
mehr als unangenehme Erfahrungen. Hermann erinnert sich an die Erzählungen seines
Vaters:
„Er musste also Straßen fegen und solche Dinge machen. Und bezeichnend ist also die
Begebenheit, wie er in Blankenese Straßen gefegt hat, als dann seine Juristen- und
Richterkollegen und die Anwälte, die ihn so kannten, wenn die morgens zum Büro gingen,
wie die ihm geflissentlich auswichen um ihn nicht zu sehen und nicht begrüßen zu
müssen.“125
Hermann erinnert sich auch noch an die Zeiten vor 1933:
„Ich weiß noch, dass er sich immer mit seinen Richterkollegen, damals in der guten Zeit,
morgens traf, immer am Eppendorfer Baum. Da trafen sich mehrere Juristen. Und die
gingen dann zusammen zu Fuß zum Gericht. Das taten die damals aus gesundheitlichen
Gründen. Ich erinnere mich noch genau, weil ich immer mitgegangen bin, wenn ich zur
Vorschule gegangen bin. Dann bin ich ein Stück immer mit denen gegangen. Die trafen sich
122 Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurde am 7. April 1933 erlassen und enthielt
den Arierparagrafen, der es erlaubte, jüdische Beamte aus dem Dienst zu entfernen. Viele erfüllten jedoch die
Voraussetzungen einer im Gesetz verankerten Ausnahmeregelung, dem sogenannten Frontkämpferprivileg, so
daß ein recht großer Teil ihren Beruf bis 1938 weiter ausüben konnte. Vgl. Wildt, Geschichte des
Nationalsozialismus, S. 80, und Joseph Walk (Hg.), Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat. Eine Sammlung
der gesetzlichen Maßnahmen und Richtlinien Inhalt und Bedeutung, Heidelberg/Karlsruhe 1981, S. 12.
123 Aufgrund der „Ersten Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der
deutschen Ehre“ vom 14. November 1935 bezeichneten die Nationalsozialisten Ehen, in denen ein Partner
jüdisch und der oder die andere nichtjüdisch war, als Mischehen. Als „priviligierte Mischehen“ galten sie, wenn
der Ehemann Jude war und die Kinder christlich erzogen worden sind.
124 Viele entlassene jüdische Anwälte und Richter arbeiteten als Rechtsberater weiter, denn bis 1935 war der
Personenkreis, der Rechtsberatung durchführen durfte, noch nicht gesetzlich eingeschränkt. Im Dezember
1935 wurde jedoch das Gesetz zur Verhütung von Mißbräuchen auf dem Gebiete der Rechtsberatung erlassen,
das jüdische Anwälte und Richter auch die Zulassung zur Erteilung der Rechtsberatung verweigerte. Vgl. Walk,
Sonderrecht, S. 145.
125 Hermann Iversen Audiointerview, S. 10.
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und haben dann noch geklönt unterwegs. Mein Vater war auch einer der wenigen Leute, die
schon ganz früh Fahrrad fuhren in Hamburg.“126
Während seine hochgestellten ehemaligen Kollegen sich nach 1933 offensichtlich seiner
Bekanntschaft schämten, nutzte ein nichtjüdischer Straßenfeger seine zufällig erworbene
Machtposition Hermanns Vater gegenüber schamlos aus:
„Als mein Vater, der nun wirklich körperliche Arbeit nicht so kannte, sich mal in den
Rinnstein gesetzt hatte, um sich zu erholen und eine Pfeife zu rauchen, da kam son Mann
von der Straßenreinigung, der die Aufsicht hatte über die ganze Gegend. Er kam vorbei und
sah meinen Vater, und der war auch nicht gewitzt genug schnell aufzustehen und die Pfeife
wegzustecken, sowas lag ihm nicht. Und da wurde er so angepöbelt von diesem Kerl, „wenn
ich dich hier noch mal sehe dann kommst du dahin wo du hingehörst“; naja. Das musste er
sich von so einem Lümmel von der Straße sagen lassen.“127
Allerdings hat Herr Iversen in seiner Nachbarschaft gerade mit einem Menschen gute
Erfahrungen gemacht, der eher den bildungsfernen unteren Schichten zuzurechnen ist. Er
hatte nach seiner Entlassung kaum noch Freunde, nur wenige, vor allem jüdische Menschen,
die er von früher her kannte. Mit einer Ausnahme:
„Mein Vater hatte sonst also nur Kontakt in Ochsenzoll128 zu einem ganz biederen,
anständigen Maurermeister, der hieß Häntze. Der wohnte ganz in der Nähe von uns. Der hat
also die ganze Zeit über zu uns gehalten. Und wir durften ja kein Radio hören. Wenn BBC
London Nachrichten kamen, dann ging mein Vater immer zu Häntze und dort wurden dann
die Nachrichten gehört.“129
Hermann Iversens Vater hat später versucht, sich das Leben zu nehmen.
Hermann selber hatte ebenfalls Probleme auf der Arbeit. Er hat 1937 oder 1938 seine
Mittlere Reife auf einer Privatschule gemacht. Eigentlich hatte er Abitur machen und
studieren wollen, aber das war für ihn unmöglich geworden. Er entschied sich für eine
Laufbahn als Maschinenbauingenieur:
126 Ebd., S. 22.
127 Ebd., S. 10.
128 Die Familie Iversen mußte schon 1933 innerhalb von Hamburg von Eppendorf nach Ochenzoll umsiedeln.
129 Hermann Iversen Audiointerview, S. 9.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
61
„Es war die einzige Möglichkeit, noch einen Beruf zu ergreifen, der irgendwie meinen
Neigungen entsprach, Maschinenbauingenieur zu werden. Voraussetzung dafür, die
Ingenieursschule zu besuchen, war hier in Hamburg ein zweijähriges Werkstättenpraktikum.
Es war gar nicht so leicht, überhaupt Praktikantenstellen unter diesen Umständen zu finden.
Schließich hat mein Vater durch persönliche Verbindungen eine Lehrstelle für mich
gefunden, im Hanseatischen Kettenwerk in Ochsenzoll. Da war ich dann nun ein knappes
Jahr und es wurde dann auch bekannt, dass ich ein jüdischer Mischling bin. Und daraufhin
musste ich also raus. Die nächste Schwierigkeit bestand dann darin, eine weitere Stelle zu
finden, denn ich musste ja meine 24 Monate voll machen. Und dann glückte es schließlich
auch nach einigen Schwierigkeiten, mir eine neue Praktikantenstelle zu verschaffen, in einer
Schlosserei. Da hab ich also die restliche Zeit zugebracht. Eine Kunst- und Bauschlosserei in
der Alsterdorfer Straße. Der Meister dort wusste, dass ich Mischling bin, dem musste man
das sagen. Man musste ja alle möglichen Geschichten unterschreiben und da stand meistens
in diesen Vordrucken immer schon vorne drin „sind Sie Jude“ oder „ist der Arierparagraph
erfüllt“.“130
Doch das Glück, das Hermann bei seiner zweiten Praktikumsstelle gehabt hatte, hielt nicht
lange an:
„Ich wollte dann die Ingenieurschule besuchen. Das ging aber eben nicht. Eben auch
aufgrund dieser ganzen Schwierigkeiten. Ich habe mehrere Male eingereicht und wurde
immer wieder abgelehnt. Und dann kam eines Tages ein Schreiben, „leisten Sie erst Mal
ihren Wehrdienst ab“. Und das konnte ich dann schon nicht mehr. So hab ich also diese zwei
Jahre völlig rausgeworfen.“131
Aber Hermann hat trotzdem nicht aufgegeben. Er suchte sich eine Lehrstelle.
„Dann blieb also nur die Möglichkeit für mich, kaufmännisch zu lernen. Mein Vater fand
schließlich einen Lehrherren in einer Zentralheizungsfirma, Großhandel für
Zentralheizungen, der mich beschäftigen wollte als Lehrling. Und als er dann erfuhr, dass ich
Mischling war, hat er einen Rückzieher gemacht. Er wollte mich nicht mehr beschäftigen.
Das hat dann eine endlose Korrespondenz gegeben zwischen meinem Vater und dem Mann.
130 Ebd., S. 5.
131 Ebd.
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62
Mein Vater hat an seine Fairneß appeliert und hat versucht, ihn umzustimmen. Was auch
schließlich geglückt ist dann. Und dann hab ich da die Lehre gemacht und abgeschlossen mit
der Handelsgehilfenprüfung. Ich kann nicht sagen, dass ich dort schlecht behandelt worden
bin. Aber ich hatte doch immer das Gefühl, dass ich da nur geduldet bin, weil mein Vater
sich so eingesetzt hat. Gern hatten die mich nicht da. Dieser Lehrherr war einer der ersten,
die nach der Befreiung 1945 sofort bei mir anriefen. Hat sich erkundigt, „wie geht es Ihnen
denn, wir haben ja so um Sie gezittert. Wir haben immer an Sie denken müssen“. Und so in
diesem Sinne. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Und wollte nach Möglichkeit einen
Persilschein haben.“132
Erika Fülster wurde 1915 in Görlitz in Schlesien geboren.133 Sie hat ihre Eltern schon sehr
früh verloren und ist bei ihrer jüdischen Großmutter aufgewachsen. Von den
Nationalsozialisten wurde sie als „Halbjüdin“ eingestuft. Noch als Schulmädchen ist Erika mit
ihrer Großmutter und ihrer Tante nach Fürstenberg in Mecklenburg gezogen. Der Ort hatte
1933 7054 Einwohner,134 sie waren die einzigen Juden, erinnert sich Erika. Die drei Frauen
eröffneten eine Pension. Fürstenberg ist nur ungefähr 20 Minuten vom Konzentrationslager
Ravensbrück entfernt. Bis 1938 haben sie dort gewohnt, dann haben sie den Ort auf
Veranlassung der Stadtverwaltung hin verlassen müssen. Dem vorausgegangen waren
Diffamierungen und Pöbeleien durch die Bevölkerung. Sie wurden regelrecht vertrieben, so
wie Ilse W. und ihre Familie aus Rotenburg.
Zu diesem Zeitpunkt, 1938, sei das Leben dort schon sehr ungemütlich geworden, erzählt
Erika, „so 1930, 32 fing das an“. Die Nachbarn von gegenüber seien regelrecht „wahnsinnig“
gewesen, „die haben uns angespuckt und so weiter“. Erika erzählt jedoch vor allem
Begebenheiten aus den Jahren 1935 und 1938. Jeden Mittwoch sei SA vor ihrem Haus
gestanden und habe laut SA-Kampflieder mit blutrünstigen Texten gesungen. Niemand im
Ort habe ihnen in diesen Situationen beigestanden. Während der Kristallnacht im November
1938, erzählt sie statt dessen, seien sämtliche Fensterscheiben und die Loggien der Pension
zerschlagen worden. Anschließend seien die Zerstörer in die Pension eingedrungen, die
132 Ebd., S. 5-6.
133 Erika Fülster, Audionterview vom 03.07.1991, geführt von Beate Meyer, FZH/WdE 058, Transkript von Sonja
Niehaus. Vgl auch die Ausführungen von Beate Meyer zum Interview mit Erika Fülster in: Meyer, Grenzgänger,
S. 141-150 und 162-170.
134 Vgl. Rademacher, www.Verwaltungsgeschichte.de, Eintrag zu Fürstenberg (letzter Zugriff 3.9.2012).
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
63
zugleich das Wohnhaus der Familie war, und hätten sie aufgefordet, auf der Straße zu
warten. Sie wollten die Inneneinrichtung des Hauses demolieren. Befreundete Nichtjuden,
die gerade zu Besuch waren, hätten interveniert und die Polizei gerufen. Die Möbel wurden
daraufhin von der Meute verschont.
Ihre Familie sei, so Erika, vor der Kristallnacht gewarnt worden. Man habe alle ihre zur
Pension gehörigen Boote anzünden wollen, aber aufgrund der Warnung konnten sie
rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Für den an der Pension entstandenen Schaden
mussten sie nicht aufkommen, da das Haus sich zu diesem Zeitpunkt schon in arischem
Besitz befand, was allerdings niemand wusste. Die Stadtverwaltung von Fürstenberg kam für
die Reparaturkosten auf.
Bei der schließlichen Vertreibung der Familie aus Fürstenberg haben städtische Behörden
und die ansässige Bevölkerung Hand in Hand gearbeitet. Erika, ihre Tante und ihre
Großmutter zogen 1939 nach Hamburg. Dort wohnte sie bis zu Erikas Emigration 1947 nach
England im Abendrothsweg 19 in der 1. Etage. Zu den Nachbarn hätten sie kaum
Beziehungen gehabt. Einmal sei von ihrem Balkon ein Blumentopf runtergefallen und
prompt hätten die Nachbarn aus dem Souterrain raufgeschrien „lassen Sie Ihren Judendreck
oben!“, erinnert sich Erika. Von den Nachbarn aus dem Parterre sei sie ebenfals häufig
angepöbelt worden, aber insgesamt, meint Erika, sei das Haus eher „judenfreundlich“
gewesen. Im zweiten und im dritten Stock hätten noch andere Juden gewohnt, sie seien
dann aber alle „weggekommen, natürlich“. Während der Bombenangriffe auf Hamburg sei
sie nur einmal zusammen mit den Nichtjuden im Keller gewesen und dann nie wieder. Erika
erzählt nicht, was dieses eine Mal passiert ist, sie betont nur, dass sie nie wieder da hin
wollte.
Von 1939 bis 1947 war Erika bei einem Doktor Erich Weis in Altona angestellt gewesen.
Erich Weis war NSDAP-Mitglied, betont sie, aber er sei immer „anständig“ zu ihr gewesen,
und daher habe sie ihm auch, als „das alles zu Ende war, den Persilbrief geschrieben“. Er
habe sie persönlich gemocht, deswegen habe er sie beschützt.
„Ich musste auch immer wenn jemand kam „Heil Hitler“ sagen und so weiter, was ich
versucht habe, nicht zu tun, aber er war eben Parteigenosse. Warum so viele
Parteigenossen geworden sind er hätte es vielleicht nicht nötig gehabt, als selbstständiger
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
64
Arzt. Aber er war einer und hat das auch nie geleugnet. Gleich in die Partei rein, und Fahne
angesteckt. Er war sehr beliebt als Arzt und hatte viele Patienten.“135
Mit Beate Meyer sei darauf hingewiesen, dass das Verhalten des Arztes Erika gegenüber
wohl eher darin begründet lag, dass sie eine sehr gute Angestellte gewesen ist. Immerhin
arbeitete sie von morgens 8 Uhr bis abends 22 Uhr. Sie war von Dr. Weis abhängig und ihm
ausgeliefert. Er nutzte das schamlos aus, indem er sie so lange arbeiten ließ. Es sei
außerdem typisch für „Mischlinge“ gewesen, so Meyer, immer und überall einen guten
Eindruck machen zu wollen. „Mischlinge“ waren besonders auf die Gunst ihres Gegenübers
angewiesen, und wenn sie gefielen, konnten sie, anders als „Volljuden“, auch akzeptiert
werden.136
Erikas jüdischer Großmutter und ihrer jüdischen Tante ist auch von niemandem geholfen
worden. Beide sind in Lagern ermordet worden. Der helfende Arzt, Parteigenosse oder
nicht, war in der Minderheit, und zeigte überdies kein Interesse daran, die jüdische Familie
seiner halbjüdischen Angestellten zu unterstützen.
Von England ist Erika Fülster 1958 nach Kanada emigriert und lebte zum Zeitpunkt des
Interviews mit ihrem englischen Mann in Vancouver. Mit ihrer alten Freundin Martha
Kadisch ist sie bis heute befreundet und sie ist auch während des Interviews anwesend. Für
die 1939 verhinderte Heirat mit einem Nichtjuden in Hamburg hätte sie nach dem Krieg eine
Entschädigung bekommen können, aber dafür hätte sie wieder Deutsche werden müssen.
„Und das hab ich natürlich abgelehnt“, so Erika, „die hätten mir ne Millionen bieten können
ich will nie wieder Deutsche sein“.137
135 Erika Fülster Audionterview, S. 16.
136 Meyer, Grenzgänger, S. 141-150. Das Dr. Weis immer „anständig” geblieben sei, könnte sich auch darauf
beziehen, dass Erika sich ihm sexuell ausgeliefert fühlte, wie Meyer ebenfalls andeutet.
137 Ebd., S. 17.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
65
1.1. Inga C. aus Frankfurt am Main
„I’m very blessed that I have a lot of strength, and I think that strength came from my
mother. The twelve years that I was fortunate to have my mother. Because she continuously
gave me strength, and I think that was love, that she embedded in me, that made me go
on.”
Inga C., Dallas/Texas, 16. März 1986
Inga C. ist 60 Jahre alt, als sie 1986 zwei Interviewern in Dallas, Texas ihr Leben erzählt. Sie
wirkt beherrscht, auf eine etwas hartnäckige, starre Weise um Haltung bemüht. Die
Kränkungen, die sie darunter zu verbergen sucht, scheinen trotzdem durch. Sie ist als
jüdisches Kind in Frankfurt am Main groß geworden und mußte 1938 im Alter von 12 Jahren
aus Deutschland fliehen. Sie floh zuerst nach England. Einige Monate später, noch im selben
Jahr, emigrierte sie in die USA. Ihren Vater hatte Inga schon 1931 verloren, als er nach
Russland ging, und nie wieder gesehen. Die durch die erlittenen Verfolgungen in
Deutschland bedingten Verletzungen, die Trauer um Vater und Mutter und um den Verlust
des geordneten Lebens vor dem Machtantritt der Nazis trägt sie ihr Leben lang mit sich
herum. Die Gradlinigkeit und die Würde, mit der Inga Czerner ihre Lebensgeschichte erzählt,
nötigem dem Zuhörer Respekt ab. Sie redet flüssig und mit klarer Stimme, formuliert trotz
der Schwere der Geschichten sehr schön strukturierte Sätzen und Erzählungen, und bleibt
auch an den emotionalsten Stellen im Interview klar und deutlich.
Geboren wurde Inga C. im Dezember 1926. Sie hatte einen älteren Bruder namens Freddy.
Freddy spielt eine wichtige Rolle für Inga, er war Zeit ihres Lebens ihr Vorbild. Das ist freilich
auch schwer für sie. Der dem großen Bruder verliehene Glanz und seine Größe blieben für
Inga unerreicht, nicht zuletzt aufgrund des Geschlechtsunterschieds. Ihre Kindheit
beschreibt Inga als komfortabel und schön. Sie lebte mit Freddy, ihren Eltern, ihren Tanten
und ihrer Großmutter in einem schönen, großen Haus, das der Großvater selber gebaut
hatte. Dazu gehörte ein beachtlicher und geschmackvoll angelegter Garten.
„I was very loved and spoiled“, erzählt Inga, „because I was the only girl in the entire large
family. Every Sunday we would have large family gatherings in my home, because my
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
66
grandmother was sort of a matriarch, and we had cakes and coffee and lunch, and
everybody would come and go, all day long. It was really a very, very beautiful, very
enriching and protected time.138
Während ihr Bruder der allseits bewunderte und überaus kluge Ältere war, war sie, die
kleine Schwester, verwöhnt und geliebt wie ein kleines Nesthäkchen.
Antisemitismus habe es immer in Frankfurt gegeben. Ihr Bruder sei in der öffentlichen
Schule, die er anfangs besuchte, belästigt und beschimpft worden, weil er Jude war. Ihr
Vater sei sehr erschüttert darüber gewesen und habe ihn sofort von der Schule genommen.
Obwohl er eigentlich dagegen gewesen war, seine Kinder auf rein jüdische Schulen zu
schicken, ließ er seinen Sohn von da an eine teure jüdische Privatschule besuchen, um ihn
vor den Attacken seiner Mitschüler und Mitschülerinnen zu beschützen. Ab ungefähr 1930,
erinnert sich Inga, begann sie damals selber zu spüren, dass sich um sie herum etwas
veränderte. Der Vater, der unter anderem einen Tabakgroßhandel in Frankfurt betrieb,
hatte zunehmend geschäftliche Schwierigkeiten. Er verlor immer mehr Kunden. Anders als
der größte Teil der Juden in Deutschland hing er nicht allzusehr an Deutschland, und so zog
er sehr früh die Emigration in Erwägung. Da er russischer Staatsbürger und Kommunist war,
traf er die verhängnisvolle Entscheidung, 1931 ins zu diesem Zeitpunkt stalinistische
Russland zu gehen, um dort ein neues Leben für sich und seine Familie aufzubauen.
„He belonged to a Russian group in Frankfurt that met all the time. They had the same
political views that he had. Yet none of them went back to Russia. They talked a lot. My
father talked a lot, too, he gave many speeches. He was an excellent public speaker,
everyone looked up to him. He was sort of the shining example of a communist, let’s face it,
that’s what he was […] Yet, he was the only one who had the courage to do what he said
and actually go to Russia.”139
Seine Frau und seine Kinder wollte er später nachholen. Inga war damals vier Jahre alt. Von
nun an, erinnert sie sich, begann sich ihr Leben Stück für Stück umzukrempeln.
138 Inga C. Holocaust testimony (HVT-752), interviewed by Ann Gadol and Bob Lovitt, March 16, 1986,
Memorial Center for Holocaust Studies, Dallas, Texas, Transkript von Sonja Niehaus, S. 1.
139 Inga C. Holocaust testimony, S. 5.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
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„In 1931, when I was four years old, he went to Russia. And that was really the beginning of
really not such a good time for me anymore, and for my mother and my brother and
everyone concerned. He went to Russia and thought that he was going to be able to bring us
over there as a family, a total unit. And month after month my mother realized it wasn’t
going to happen. Because when he got to Russia, he found out that he went from the fat
into the frying pan. That to be a Jew in Russia even in 1931 was not a very good thing. And
then, my mother had to fend for herself. And it was by that time 1932.”140
Die Briefe, die vom Vater kamen, zerstörten Stück für Stück die Hoffnungen auf eine
Ausreise der Familie nach Russland und auf ein baldiges Wiedersehen, und nach einem Jahr
erfuhren sie von Bekannten, dass der Vater bei dem Versuch, aus Moskau zu fliehen, um zu
seiner Familie in Deutschland zurückzukehren, verhaftet worden und anschließend als
vermeintlicher Spion zu Tode verurteilt worden sei.141 Später jedoch, im Gefängnis, habe er
sich bei einer Partie Schach gegen einen Aufseher sein Leben zurückerspielen können und
sei daraufhin auf die Krim deportiert worden. Dort wurde er Traktorfahrer. Sie habe
aufgrund ihres jungen Alters nicht allzuviele konkreten Erinnerungen an diese Zeit, erzählt
Inga, aber sie erinnere sich an die traurige und hoffnungslose Atmosphäre zu Hause. Die
Familie steckte in finanziellen Schwierigkeiten. Sie bestand zu diesem Zeitpunkt fast nur aus
Frauen: die Mutter, die Tanten und die Großmutter. Außer Inga war noch ihr großer Bruder
da. Der Vater hatte ein bisschen Geld für die teure Schulausbildung seines Sohnes da
gelassen. Inga selbst war noch zu jung für die Schule. Die beiden Tanten arbeiteten als
Krankenschwester und als Personalchefin in einem großen Warenhaus. Außerdem hatte die
Familie noch die oberen Stockwerke des Hauses vemietet. Ingas Mutter, die sich bis zu
diesem Zeitpunkt rund um die Uhr um Kinder und Haushalt gekümmert hatte, eröffnete
nebenher ein Strickwarengeschäft, um das Familieneinkommen aufzubessern:
„She started a knitting business. People came to her and she made all sorts of very elegant
knit suits and sweaters and everything, and worked all day and night. I mean I used to see
her at four o’clock in the morning, still making things for people to pick up the next day. For
wealthier Jewish people in Frankfurt, who could afford this. And also I might add, for some
140 Ebd., S. 1.
141 Ingas Vater fiel als russischer Staatsbürger unter das von Stalin verhängte Ausreiseverbot aus der
Sowjetunion.
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of the Jews who were leaving Germany already at that time, who were smart enough to
know, that things were getting so bad.”142
Inga ist es wichtig festzuhalten, dass die Familie in den folgenden schweren Jahren mehr
zusammenwuchs. Ihr Mutter habe mit sehr viel Hingabe und Liebe weitergemacht und die
Erinnerung an den Vater aufrecht erhalten. Aber in diesen Zeiten, so Inga, habe es auch gar
keine Wahl gegeben. Man habe weitermachen müssen, auf eigene Faust. Hilfe von
außerhalb habe es nicht gegeben.
Inga wurde mit 6 Jahren in dieselbe jüdische Privatschule wie ihr Bruder eingeschult.
Dadurch blieben ihr vermutlich einige unangenehme Erlebnisse, von denen jüdische Kinder
berichten, die nichtjüdische Schulen besuchten, erspart. Der Weg zur jüdischen Schule
konnte trotzdem manchmal schwer sein.143 Im Jahre 1936 wurde das Haus der Familie von
Nationalsozialisten konfisziert. Sie wurde gezwungen, in eine viel kleinere Mietwohnung zu
ziehen. Trotz all dem lebte Inga noch in einer Art Kokon, wie sich sich erinnert. Sie war jung,
sie war behütet, sie war das kleine Mädchen in der Familie. Doch dann, um das Jahr 1937
herum, wurde auch sie, nunmehr 11 Jahre alt, von der antsemitischen Wirklichkeit um sie
herum eingeholt: ihr wurde klar, dass sie Jüdin ist. Sie sucht Schutz und Hilfe bei ihrer
Mutter.
„Until then I was kind of in a cocoon, living in the loving apartment, surrounded by loving
friends and relatives and my mother and my grandmother and my aunts and my brother. I
was still so young, to me that was the kind of live I was supposed to be living. But then, in
1937, I realized that of course I was Jewish […]. Because when I went downstairs to play in
the street, sometimes Christian children would point at me and say, “oh there’s Inga, she’s
Jewish, let’s not play with her because she’s filth”. And I would run upstairs to my mother
and I’d say, “what are they talking about, mama? Why am I different? Why don’t they
wanna play with me anymore?” And that happened when Hitler had started the Hitler Youth
movement. The girls were also in the Hitler Youth, they wore little brown skirts, little white
142 Inga C. Holocaust testimony, S. 2.
143 Vgl. auch die Erinnerungen von Irmgard Marx, Der alltägliche Terror, Manuskript, Jüdisches Museum
Frankfurt am Main, abgedruckt in: Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden (Hg.),
Frankfurter jüdische Erinnerungen. Ein Lesebuch zur Sozialgeschichte 1864-1951, S. 227-232, hier S. 228, und
Inge Schlotzhauer, Das Philanthropin 1804-1942. Die Schule der israelitischen Gemeinde in Frankfurt am Main,
Frankfurt 1990, S. 120.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
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blouses, with the arm band and the swastika, and the Hitler Youth of course wore little
brown uniforms and they were very, very proud. And they loved it. You know, they were
little replicas of the SS and the SA, only young. And sometimes I came home from school
and they would drag me into the bushes, and tear of my coat, and throw ink all over me,
and pull my hair and that sort of thing […]. If I came home from school without my brother -
because he used to go with me most of the time, because he was much older and a big boy,
and I was, you know, a little girl but many times I would wanna go home by myself. I don’t
remember why I did that, but I would walk home by myself, and then these things
happened.”144
In der jüdischen Schule, die Inga besuchte, war man bemüht, die Schüler zu schützen. Man
änderte die Schulzeiten, um die Kinder auf dem Schulweg nicht der Begegnung und den
unvermeidlichen Attacken der nichtjüdischen Schulkinder der öffentlichen Schulen
auszusetzen. Statt um 8:15 Uhr, wie bisher, begann die Schule nun um 7:45 Uhr, und die
Kinder gingen auch ein bißchen früher nach Hause. Sie wurden angehalten, direkt nach
Hause zu gehen und unterwegs nicht zu trödeln.145
Zu ihrem 12. Geburstag im Jahre 1938 veranstaltete Ingas Mutter für ihre Tochter eine
Geburtstagsparty bei sich zu Hause. Alle ihre verbliebenen Freundinnen kamen, nur jüdische
Mädchen selbstverständlich, wie Inga betont. Es war eine tolle Party. Inga bekam Rollschuhe
geschenkt. Ihre Mutter, die eine talentierte Rollschuh- und Schlittschuhläuferin war, nahm
sie mit auf die Straße, um ihr das Rollschuhlaufen beizubringen. Daraus wurde aber nichts.
„My mother, who was a very good rollerskater, and an excellent iceskater, too, took me
downstairs. And she was gonna teach me how to rollerskate. Well, that didn’t work.
Because we were told, that Jewish children were not allowed to rollerskate on the street,
the sidewalk. I’m not talking about the middle of the street. And we had very wide
sidewalks, because we lived on a wide avenue. So that was out. So I rollerskated in the
house. We had a real long hall and I would just rollerskate back and forth at home. I didn’t
144 Inga C. Holocaust testimony, S. 6.
145 Leider läßt sich nicht eruieren, um welche Schule es sich handelt, da die Akten der jüdischen Schulen
Frankfurts nicht erhalten sind.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
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mind it, you know, I just couldn’t understand why I couldn’t rollerskate outside. And so my
mother, again, explained everything to me.”146
Im Sommer zog es die Familie zum Schwimmen in einen Park mit einem riesigen,
öffentlichen Schwimmbad. Am Wochenende war dort die Hölle los, erinnert sich Inga.
Freunde, Bekannte, Verwandte, große und kleine Kinder mit ihren Eltern, auch Ingas
späterer Ehemann als kleiner Junge, und Inga liebte es, dort zu sein. Ihre Mutter brachte
immer einen Picknickkorb mit. 1936 wurde es Juden verboten, dort zu sein. Statt dessen
wurde ein Badesee außerhalb Frankfurts auserkoren und zum jüdischen Badesee erklärt. 147
„But they were nice enough, if you could call it that, to let us go to another place, much
further away. It used to take about an hour and a half by trolley car, but there was another
place where we could go swimming. And it was a very, very nice place, and we would look
forward to that. And there we would meet everybody, and everybody was Jewish. Only Jews
were allowed in that particular area of Frankfurt to go swimming. Which was really quite
amazing, that they still let us do that, you know what I’m saying?”148
Nachdem Freddy und Inga durch das Verhalten nichtjüdischer Kinder in den öffentlichen
Schulen gezwungen waren, eine rein jüdische Schule zu besuchen, wurde nun per Gesetz ein
weiterer Schritt in Richtung Segregation verordnet, der einen Eingriff in die
Freizeitgestaltung darstellte. Das Umfeld der Familie wurde ungewollt - immer jüdischer.
Inga fielen irgendwann in dieser Zeit Schilder an Geschäften auf, auf denen „Juden
unerwünscht“ stand - an Geschäften, in denen sie früher eingekauft hatte. Überall in der
Stadt liefen Männer in Uniformen herum. Auch lernte es Inga, die Gestapomänner auf der
Straße zu erkennen, obwohl sie zivile Kleidung trugen. Es war ihr Verhalten, beschreibt Inga,
wartend, aufmerksam. Sie hatte immer Angst und lernte, ihre Umgebung genau zu
beobachten und zu deuten. Sie war immer auf der Hut. In den Straßen wurden öffentliche
146 Ebd., S. 9.
147 Im Mai 1936 wurde Juden die Benutzung aller öffentlicher Schwimmbäder der Stadt Frankfurt mit einer
Ausnahme untersagt: das Strandbad Niederrad wurde zum „Judenbad“ erklärt und den Frankfurter Juden
gegen Bezahlung einer Pachtsummer zur ausschließlichen Benutzung überlassen. Die Schaffung eines solchen
Judenbads war einzigartig. Das „Judenbad“ hatte Bestand bis einschließlich Sommer 1938, danach wurde an
die SA-Gruppe Hessen vermietet. Siehe Wolfgang Wippermann, Das Leben in Frankfurt zur NS-Zeit, Band I: Die
nationalsozialistische Judenverfolgung. Darstellung, Dokumente und didaktische Hinweise, Frankfurt am Main
1986, S. 78-82.
148 Inga C. Holocaust testimony, S. 8.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
71
Lautsprecher installiert.149 In den Schaufenstern, in Hauseingängen, von überall her wurden
die Menschen mit Marschmusik und Propaganda per Rundfunk bedröhnt.
„You constantly heard marching songs from the radio. All Nazi oriented, with the most
horrible words in them. We couldn’t help but listen. You couldn’t put cotton in your ears,
that was impossible. So we would walk along the street and we would hear that. And Hitler
speeches. If he made a speech the night before, you heard it on the radio right then, and the
next day you heard it again and again and again. And they picked out the highlights of those
speeches, mostly directed towards the Jews, in the most vile words that you could possibly
imagine.”150
Die Eindrücke waren überwältigend, und Inga hatte Angst. Die abstrakte und die konkrete
Bedrohung war überall, und Gefahr lauerte ihr praktisch allerorten und zu jeder Zeit.
Manchmal in Form von nichtjüdischen Kindern, manchmal in Form von Drohungen aus den
aufgestellten Lautsprechern, Männer in Uniformen, ehemalige Bekannte, alles vermischte
sich, alles arbeitete Hand in Hand. Inga konnte aber nie ganz begreifen, warum sie so
bedroht wurde, was das Problem mit ihr war, was sie falsch gemacht hatte. Die jüdischen
Rückzugsräume, wie der Badesee außerhalb der Stadt, wurden sehr wichtig für sie.
Sicherheit, auch körperliche Unversehrtheit, wurde zu einem bestimmenden Thema in Ingas
jungem Leben. Zum täglichen Höhepunkt wurde es, nach der Schule nach Hause zu
kommen. Sie rannte die Treppen des Mietshauses hoch, in den zweiten Stock, betrat die
Wohnung, und wusste sich in Sicherheit:
„I remember running up those flights of stairs and, I couldn’t, I was, [fasst sich ans Herz] my
heart was always beating, until I finally knocked on the door and said „Mama, ich bin
Heim!“. I’m home. And my grandmother and my mother would open the door and I would
just fall into their arms. And I was just you know that was the highlight of my day
probably.”151
149 Bei Festakten wurden insbesondere Hitlerreden per Lautsprecher live übertragen. Als Hitler am 23. Februar
1933 in der Frankfurter Festhalle redete, musste das Haus wegen Überfüllung geschlossen werden, und
Lautsprecher wurden in Sachsenhausen, auf dem Börsen- und dem Opernplatz installiert. Die Rede wurde live
übertragen und im Rundfunk gesendet. Siehe Wolfgang Wippermann, Das Leben in Frankfurt zur NS-Zeit, Band
III: Der Alltag. Darstellung, Dokumente und didaktische Hinweise, Frankfurt am Main 1986, S. 18.
150 Ebd., S. 7.
151 Ebd.
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72
Da die Wohnung in einem innerstädtischem Wohnbezirk von Frankfurt am Main lag, war
Inga auch zu Hause nicht sicher vor der angsteinflößenden antisemitischen Propaganda.
Häufig wurden in ihrer Gegend kleinere und größere Paraden abgehalten. Alles war voller
SS-Männer und Uniformen. Fackeln brannten, wichtige nationalsozialistische
Persönlichkeiten präsentierten sich in offenen Wagen, und die Menschen jubelten ihnen zu.
Überall wurden Hitlergrüße gezeigt, die ganze Zeit, erinnert sich Inga. Überall hingen
Hakenkreuzflaggen aus den Fenstern der angrenzenden Mietshäuser. Nur bei ihnen nicht,
erinnert sich Inga, Juden war das Flaggen verboten. Dadurch waren sie sofort als Juden
erkennbar, was sehr bedrohlich war, und Inga hatte auch in der Wohnung Angst. Abends
konnte sie manchmal nicht schlafen, wenn die Fackeln zu hell schienen, die Tritte der
marschierenden Stiefel auf den Pflastersteinen zu laut waren. Häufig schlief sie zum Klang
des SA-Kampfliedes „Ihr Sturmsoldaten jung und alt“ ein:
„And then I would go to sleep hearing live, I mean this was live singing, the Nazi song about
the Jews. About the blood. They wanted to kill all the Jews with knifes. I can’t repeat the
words, it’s a little difficult at this point […]. But the very song that they sang was in reference
to “we are going to kill all the Jews”, and to this day, it still concerns me that my mother did
not arrange for us to leave a little more urgently.”152
Der Hausmeister des Mietshauses, in dem Inga und ihre Familie seid 1936 wohnten, wohnte
mit im selben Haus. Er belästigte Inga wiederholt, missbrauchte sie sexuell und bedrohte sie
anschließend. Das jüdische Mädchen hat es, mit Hilfe ihrer Mutter und seiner nichtjüdischen
Ehefrau, geschafft, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen.
„We had a super in our building, who lived on the top floor. He took care of everything, he
was a genitor. And he loved little girls. He was perverted, and a very, very big Nazi. Member
152 Ebd., S. 8. „Ihr Sturmsoldaten jung und alt“ ist der Titel des Liedes, die Textzeile lautet im Original: „Wenn
der Sturmsoldat ins Feuer geht, ei da hat er frohen Mut, und wenn das Judenblut vom Messer spritzt, ei da
geht’s nochmal so gut.“ Diese vierte Strophe des Liedes wird in den verschiedenen Liederbüchern der Zeit
unterschiedlich wiedergegeben. Häufig findet sich auch die abgeschwächte Version: „Wenn der Sturmsoldat
ins Feuer geht, ei, da hat er frohen Mut, Und wenn die rote Fahne vor uns weht, dann gehts nochmal so gut.“,
z.B. in Wohlauf Kameraden! Ein Liederbuch der jungen Mannschaft von Soldaten, Bauern, Arbeitern und
Studenten. Im Auftrag des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes, der Rechsschaft der
Studierenden an den deutschen Hoch- und Fachschulen, der deutschen Fachschulschaft, der deutschen
Studentenschaft und in Verbindung mit dem Reichsbund Volkstum und Heimat hrsg. Von Gerhard Pallmann,
Zweite Auflage, Bärenreiterverlag zu Kassel 1934, S. 60. Vgl. auch http://www.kollektives-
gedaechtnis.de/texte/vor45/lieder.html (letzter Zugriff 3.9.2012).
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
73
of the Nazi party, with the pin, the whole thing. And I’ll never forget his name, his name was
Paschelke. He had a little wife who was scared to death of him, because he would beat her
every night and he’d be drunk as a lord. Several times when I would come home from school
he would wait for me in the entrance hall. He would start feeling me. And he said to me, “if
you tell anybody about this I’m going to put you all in a concentration camp.” […] He was
also the man who told the Nazis on the night, the Kristallnacht, where to go to destroy my
apartment […]. There came a time when I just couldn’t keep it to myself. And then he
stopped. I have a feeling that my mother told his wife. And his wife was the one who said,
look, you better don’t do this anymore, because I don’t know what I’ll do”. Because I used to
go up to visit her, his wife, when he was not home, and she would try to make up to me
what he did in her small nice way. She was a good German lady, who was unfortunately
marries to a beast […]. To this day I have an aversion to breath that smells of bear.”153
Die Frau des Hausmeisters war eine von wenigen nichtjüdischen Deutschen, die Inga und
ihre Familie mit ihren bescheidenen Mitteln unterstützen. Inga erzählt, dass sie weiterhin in
einigen nichtjüdischen Lebensmittelgeschäften einkaufte, auch nachdem die Inhaber „Juden
unerwünscht“-Schilder ins Schaufenster gestellt hatten.154 Sie ließen sie durch die Hintertür
rein. Immerhin seien sie jahrelang gute Kunden bei ihnen gewesen, so Inga, und schließlich
wollten sie sich auch ihr Geschäft nicht vermasseln lassen.
In ihrer Familie war außerdem seit vielen Jahren eine Haushälterin beschäftigt. Sie war mit
einem wichtigen Frankfurter Parteigenossen verheiratet, und sie war selber Parteimitglied.
Inga glaubt aber, dass sie keine Nationalsozialistin gewesen sei, weil sie der Familie immer
mal wieder mit Lebensmitteln vom Land ausgeholfen hat. Sie habe ihr sehr nah gestanden,
und sie hat sie immer „mein Ingelein“ genannt.
„We had a maid that had been with us for many, many years, who was also married to a big,
big Nazi official in the city of Frankfurt. But she was not a Nazi, even though she was a
member of the Nazi party. She was not a Nazi. She had to pretend to be one, but she wasn’t.
And she would bring us food from her farm, butter and rabbits, the first time I ate rabbit,
but we were happy to get it. She would bring us pieces of meat and all sorts of things, and
153 Inga C. Holocaust testimony, S. 9.
154 Dazu auch Marx, Der alltägliche Terror, S. 230.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
74
she laid her life on the line by doing that. If her husband had ever found out he would have
either killed her or she would have been sent to a concentration camp […]. So we still knew
some Germans who were good Germans, who did things for us, but unfortunately they were
never enough, as time has shown.”155
Inga erinnert sich, im Laufe des Tages überall in der Stadt bewaffnete Hitlerjungen gesehen
zu haben, die jüdische Geschäfte zerstörten.156 Inga war an diesem Morgen wie jeden Tag in
die Schule gegangen. Im Laufe des Tages wurden alle Schüler vom Direktor
zusammengerufen, gewarnt und nach Hause geschickt.
„The headmaster in our school called us all into the auditorium, the entire group of children,
and said, “I want you all to go home, but go in groups, and go straight home. And I don’t
think you’ll come back for the next few days. We already know something terrible is going
to happen tonight, and what we want you to do is try and leave your homes if you can. Stay
with gentiles if you can, or just go any place, go to the country, hide!” So we all walked
home.”157
Zu Hause entschied Ingas Mutter, dass sie alle die Wohnung verlassen würden, um sich an
getrennten Orten zu verstecken. Die Mutter und die Großmutter fuhren zu nichtjüdischen,
entfernten Verwandten aufs Land. Inga und ihr Bruder blieben bei einer ihrer Tanten, und
zwar bei derjenigen, die nicht jüdisch aussah.
„I was left with my brother and my aunt, the one who used to live with me here in Dallas
and who did not look Jewish. Typical Jewish. I hate the word, but my aunt and my mother
were both very fair haired and had blue eyes, and this particular aunt didn’t have a big nose.
She looked like a Schikse! Let’s face it. So my mother thought, “well this is a good thing, we
let aunt Trudy find a place for you and Freddy”, my brother’s name was Manfred, “and see
you tomorrow.” We split completely up, we closed the door to the apartment and we all
left.”158
155 Inga C. Holocaust testimony, S. 10.
156 Inga nennt den 9. November 1938, verwechselt aber das Datum, denn die Pogrome in Frankfurt begannen
erst in den Morgenstunden des 10. November. Vgl. Wippermann, Leben in Frankfurt I, S. 101 ff.
157 Inga C. Holocaust testimony, S. 12.
158 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
75
Juden, die nicht so aussahen, wie von der NS-Propaganda lanciert, hatten es häufig
einfacher, sich in der nichtjüdischen Umwelt zu bewegen. Sie fielen weniger auf, sie wurden
seltener angegriffen. Das lässt darauf schließen, das die antisemitische Propaganda ihre
Wirkung tat, und dass viele Menschen in Deutschland wirklich glaubten, was Julius
Streichers Stürmer über Juden, Jüdinnen und jüdisches Aussehen schrieb und nicht zuletzt
auch darauf, dass nichtjüdische Deutsche sich als jüdisch identifzierten Menschen
gegenüber mindestens unsolidarisch verhielten. Denn sie konnten sich nicht sicher fühlen.
In Frankfurt begann die Gestapo am 10. November damit, Juden zu verhaften und zur
Festhalle zu verbringen. Ingas Familie wollte nicht zu Hause bleiben, aber es fand sich
niemand, der sie, ihren Bruder und ihre Tante in der Nacht vom 10. zum 11. November bei
sich aufnahm. Sie liefen und fuhren sie mit der Straßenbahn von Wohnung zu Wohnung,
von einer Bekannten zum nächsten, aber immer wurde ihnen die Tür vor der Nase
zugeschlagen.
„“Sorry, we can’t take you in, we are afraid.“ We went from place to place, and it went on all
night. We were riding on a street car, the three of us, and I was sitting in that street car like
this [faßt sich mit der Hand um die Nase]. This is the truth. Thinking that if I covered up my
nose they wouldn’t think I was a Jewish child […]. I don’t know what made me do this but I
did. My brother said, “you’re stupid, don’t do that, they know you are Jewish anyway,
because you’re sitting there huddled together. They know who you are”. But no one paid
attention to us. They were too busy doing terrible things all over the city.”159
Gegen vier Uhr morgens am 11. November waren sie wieder zurück im eigenen Viertel.
Ausgerechnet dort fanden sie schließlich einen Unterschlupf. Eine alte Freundin von Tante
Trudy, seid Jahren Parteigenossin, ließ sie in ihre Wohnung. Sie wurden auf dem Dachboden
versteckt und instruiert, sich mucksmäuschenstill zu verhalten, nicht zu schreien, nicht zu
weinen.
„As soon as we were in the house the Gestapo came. We heard it. I was holding onto my
brother and my aunt was shielding us. And we heard the Gestapo saying, “we know you
used to have Jewish friends, are you hiding anybody?”, and she spit at them and said, “what
are you taking me for? Heil Hitler, I’m a Nazi, my sons are Nazis, they are in the Luftwaffe,
159 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
76
and my husband is a Nazi. Here is my Nazi pin and here is my card. What are you taking me
for? I hate the Jews. There is nobody here”. […] They went away because they probably had
ten other houses left to search, and there wasn’t that much time left. Around eight o’clock
she said to us, “I think it looks a little clear now, I want you to leave, you can’t stay here
anymore”.”160
Noch im Schockzustand liefen sie nach Hause. Es war ein kurzer Weg durch die Stadt, nur
fünf Gehminuten. Zurück in ihrem Apartment fanden sie ein Desaster vor. Man hatte dort
gewütet, alles war zerstört, ein einziges Chaos, beschreibt Inga. Und mittendrin war Ingas
Mutter, die, durch die traumatischen Ereignisse zugleich entrückt und äußerlich
vollkommen ruhig erscheinend, die Wohnung putzte.
„We walked home which was five minutes from the house. We walked upstairs and there
was my mother. She had gotten back. And my grandmother. And what do you think she was
doing? She was sweeping up everything that the Nazis had done to our apartment in the
middle of the night. The only room they didn’t touch was the kitchen, because for some
reason it was far side through the house and the door was closed, and they didn’t know that
there was another room or thought it was a bath room. So that was the place where we
finally sat down. And I remember very, very clearly my mother with a broom and a huge
shuffle, and that she was shuffling up all her magnificent dishes and her crystal. Everything
that I was never allowed to touch, that was in a special China cabinet and that she was
saving for me. And she swept it up and threw it in a big bucket […]. We knew in that
moment, that day, that point of time, that this was the end of the beginning, or the
beginning of the end, whichever way you wanna put it. We knew, it clicked in our heads,
that if we didn’t leave we were all gonna get killed.”161
Inga beschreibt im Folgenden detailliert, wie die Wohnung nach der Verwüstung aussah.
Das wertvolle Porzellan und das Kristall waren zertrümmert und zerbrochen worden, und
die Scherben lagen überall herum. Die Teppiche waren aufwendig in kleine Stücke
zerschnitten und in der Badewanne mit Tinte übergossen worden. Das ganze Silber, das sich
im Besitz der Familie befunden hatte, war gestohlen. Der Wert dieser Dinge, so Inga, war
160 Ebd., S. 13
161 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
77
den Tätern offensichtlich gar nicht bekannt, weder der materielle, noch der künstlerische,
noch der ästhetische. Sie hatten Sachen zerstört und gestohlen, von denen sie offenbar
keine Ahnung gehabt haben. Inga fehlen die Worte, das zu beschreiben, was sie bei diesem
Anblick gefühlt hat, erklärt sie. Aus dem Bild, was sich ihr geboten habe, habe nur der
blanke Hass gesprochen. Ihre Mutter habe eine großartige Ruhe bewahrt. Sofort am
nächsten Tag habe sie angefangen sich darum zu bemühen, ihre Kinder schnellstmöglich aus
Deutschland herauszubekommen. Sie hatten Verwandte in London, die ihre Hilfe anboten,
und so konnte es recht zügig arrangiert werden, dass Inga und ihr Bruder im Mai 1939
Frankfurt und Deutschland verlassen konnten und nach England flüchteten. Inga war 12
Jahre alt, ihr Bruder etwas älter. Freddy hatte sich noch in Frankfurt bemüht, für die Mutter
ein Visum nach Amerika zu erhalten, jedoch vergeblich. Es hatte zwar Verwandte in den USA
gegeben, die gerne bereit waren, Mutter und Großmutter aufzunehmen, aber die Mutter
war durch die einstige Heirat mit dem Vater, der ja russischer Staatsbürger war, damals
staatenlos geworden. Als Frau hatte sie bei der Heirat aufgrund der frauenfeindlichen
Gesetzgebung nur die Wahl gehabt, entweder Russin zu werden oder staatenlos. Ihre
eigentliche, deutsche Staatsangehörigkeit hatte sie nicht behalten dürfen. Sie hatte sich
damals gegen die russische Staatsangehörigkeit ihres Mannes entschieden. So kam es, das
sie Anfang 1939 als Staatenlose eine sehr, sehr hohe Quotennummer zugeteilt bekam, die
ihr eine Ausreise in Richtung USA trotz Affidavit praktisch unmöglicht machte. Geld, um die
Konsuln zu bestechen, wie es in so vielen Fällen vorkam, hatte sie nicht. Sie blieb in
Deutschland und wurde später nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde.
Ingas Bruder reiste eine Woche vor ihr ab. Er war sehr tapfer, erinnert sich Inga. Sie selber
sei das nicht gewesen. Die ganze letzte Nacht hat sie zusammen mit ihrer Mutter
durchgeweint, weil sie sie nicht verlassen wollte. Sie wusste, dass sie es ihr noch schwerer
machte, konnte aber nicht anders. Der Tag ihrer Abreise nach England war der 70.
Geburtstag ihrer Großmutter. Sie war so alt und schon so gebrechlich, dass sie es nicht
vermochte, Inga zum Bahnhof zu begleiten. Sie und ihre Mutter versicherten Inga immer
wieder, dass es kein Abschied für immer sei, dass sie sich wiedersehen würden, und, so Inga,
sie hätten das auch alle wirklich geglaubt. Trotzdem war es sehr schwer. Inga wurde von
ihrer Mutter und der Haushälterin, derjenigen, die die Familie jahrelang heimlich mit
Lebensmitteln vom Land versorgt hatte, zum Bahnhof begleitet. Die Haushälterin, schildert
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
78
Inga, habe gewusst, dass die Mutter das alleine nicht durchstehen und auf dem Bahnhof
zusammenbrechen würde. Deswegen sei sie mitgegangen, um sich um die Mutter kümmern
zu können. Inga bestieg den Zug nach Dover, von wo aus sie mit dem Schiff weiter nach
England fuhr. Sie sah ihre Mutter noch einmal aus dem Zugfenster, wie sie am Bahnhof
stand, und dann, wie sie von der Haushälterin in deren Arm weggeführt wurde.
Inga und ihr Bruder lebten sich trotz der schweren Trennung mit Hilfe ihrer fürsorglichen
Verwandten unter vergleichsweise guten Bedingungen in London ein. Der Bruder begann
ein Studium in Cambridge. Inga bekam jeden Tag eine Postkarte von ihrer Mutter, und auf
jeder Karte versicherte sie ihr, dass es ein baldiges Widersehen geben würde. Später erfuhr
Inga, dass es einen Punkt gegeben hatte, an dem die Mutter die Möglichkeit zur Flucht über
Belgien nach Frankreich gehabt hätte. Sie war Anfang 40 und gesund. Aber sie brachte es
nicht übers Herz, ihre eigene Mutter, Ingas Großmutter, alleine in Deutschland zurück zu
lassen, und so blieb sie bei ihr in Frankfurt. Irgendwann schrieb sie Inga, dass sie beide jetzt
einen gelben Stern tragen müssten. Und dann kam eine Karte, auf der stand, dass sie und
die Großmutter morgen eine lange Reise antreten würden, auf die sie nur Schuhcreme und
eine Zahnbürste würden mitnehmen dürfen. Am nächsten Tag, am Tag ihrer Deportation,
wurden Mutter und Großmutter, die so lange zusammengehalten hatten, doch noch
getrennt, kurz vor ihrem Tod. Die Großmutter wurde nach Theresienstadt verfrachtet, wo
sie im Januar 1944 verstarb, wie Inga später herausfand. Ihre Tochter, Ingas Mutter, wurde
nach Auschwitz deportiert. Dort verliert sich jede Spur von ihr.
Nach dem Erhalt dieser letzten Karte machten Inga und ihr Bruder stundenlange,
schweigsame Spaziergänge durch London. Der einzige Trost, den sie beide hatten, war das
Wissen, dass es vielen anderen Menschen in diesem Moment so oder so ähnlich ging wie
ihnen selber, erinnert sich Inga. Nur wenige Monate nach der Flucht nach England erkrankte
Ingas Bruder Freddy an Tuberkolose. Weil die Krankenhausbetten für die Soldaten
gebraucht wurden, konnte nicht richtig für ihn gesorgt werden, und er verstarb im Alter von
23 Jahren in London. Inga mußte ihm kurz vor seinem Tod noch versprechen, Europa zu
verlassen und nach Amerika zu gehen. Ingas Tanten haben beide Verfolgung und Krieg als
Haushälterinnen in England überlebt. Inga hatte zeitlebens mit ihrer Tante Trudy ein sehr
enges Verhältnis. Die Tante hat für Ingas eigene kleine Tochter gesorgt, während Inga
gearbeitet und Karriere gemacht hat.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
79
In den USA hat Inga auch ihren zukünftigen Ehemann wiedergetroffen, den kleinen
jüdischen Juden vom Frankfurter Badesee, dessen Eltern mit ihren Eltern befreundet
gewesen waren. Er war mit seiner Familie auf einem der letzten Flüchtlingsschiffe von
Deutschland in die USA gekommen. Das Wiedersehen und die bald folgende Hochzeit mit
ihm haben, so Inga, ihr Leben ein weiteres Mal verändert.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
80
1.3 Jüdisches und „arisches“ Aussehen
Inga C. macht in ihrer Erzählung darauf aufmerksam, welch wichtige Rolle das Aussehen des
Gesichtes, insbesondere der Nase, und die Haar- und Augenfarbe für die antisemitischen
Verfolgungen im deutschen Alltag hatte. So erzählt sie, dass ihre Tante Trudy sich freier
bewegen konnte, weil sie äußerlich weit weg von dem Bild war, was von der Stürmer-Presse
als „typisch jüdisch“ propagiert wurde und was daher landläufig als „typisch jüdisches
Aussehen“ galt: dunkle Haare, dunkle Haut, dunkle Augen und eine auffällige Nase. Mit
ihren blonden Haaren, den blauen Augen und der eher kleinen (jedenfalls nicht großen)
Nase entsprach Tante Trudy der antisemitischen Rassenlehre zufolge eher dem als „arisch“
deklarierten Typ. Sie wurde von ihr nicht bekannten Menschen schlicht nicht als Jüdin
erkannt, und daher wurde sie auch weniger behelligt. Das Aussehen spielte für die
Betroffenen auf eine selbstverständliche Art eine so große Rolle, das Ingas Mutter ihre
beiden Kinder am Abend der Reichskristallnacht in die Obhut der „arisch“ aussehenden
Tante Trudy gab, weil ihr das als der größtmögliche Schutz erschien.
Die immense Bedeutung, die das eigene Aussehen für die Verfolgten hatte, wiederspiegelt
die zentrale Rolle, die der Topos Körper in der nationalsozialistischen Ideologie und
Wirklichkeit hatten. Die Nazis haben, so Christina von Braun, die „Imagination der
Gemeinschaft biologisiert bis in den einzelnen Körper hinein“.162 Die Idee des
nationalsozialistischen „Volkskörpers“ hing ebenso von der Vorstellung davon ab, wie der
individuelle „arische“ Körper beschaffen sei, wie von der Herstellung eines „jüdischen
Körpers“. Ohne „jüdischen Körper“ keinen „arischen“ Körper und keinen deutschen
„Volkskörper“. Ohne Juden kein Nationalsozialismus.
Die beiden einflussreichsten NS-Rassenforscher Hans F. K. Günther und Ludwig Ferdinand
Clauß beschrieben den „arischen“ Körper als groß, schlank, breitschultrig, mit schmalen
Oberschenkeln, langen Beinen und hohen Hüften versehen. Der Schädel sei schmal, ebenso
die Nase, die ungezwungenen, fließenden Bewegungen seien angenehm für den Betrachter
und ruhig. Insgesamt mache der „Arier“ einen edlen Eindruck, der an die alten Griechen
162 Christina von Braun, Religiöse Geschlechterordnung und politische Religion. Der Körper des „Juden“ und
des „Ariers“ im Nationalsozialismus, in: Paula Diehl (Hg.), Körper im Nationalsozialismus. Bilder und Praxen,
München 2006, S. 79-90, hier S. 82.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
81
erinnere, und dieser Eindruck werde ergänzt durch einen „schlanken“, gradlinigen
Charakter. Im Gegensatz dazu sei der Jude klein und gedrungen, habe kurze Arme und
Beine, eine schmächtige Brust, ein breites Becken und neige zu Beleibtheit, was sich
insbesondere in Doppelkinn und Fettansammlungen an Nacken und Schultern bemerkbar
mache. Der Kopf sei klein und immer von einem charakteristischen Audruck von Müdigkeit,
Verschlafenheit und Zerbrechlichkeit geprägt, die dunkle Haarfarbe sei ebenfalls „müde“.
Der Körper wird als stark behaart beschrieben. Außerdem stinke der Jude aufgrund
körperlicher Veranlagung und fehlender Hygiene.163
Der Topos blond und blauäugig gleich „arisch“, dunkel gleich jüdisch ist weder eine
nationalsozialistische Erfindung gewesen, noch ist er bis heute vollständig aus der Welt.
Dennoch kann die Herstellung eines typisch jüdischen Körpers als nationalsozialistisches
Projekt bezeichnet werden.164 Die nationalsozialistische Ideologie und Praxis beruhte im
Kern auf dem propagierten Unterschied zwischen den postulierten Rassen und dem
Antisemitismus und der Körper wurde zum Träger dieser Ideologie und ihres Vollzugs, und
zwar ebenso symbolisch als auch real, individuell und kollektiv. Dabei basierte die, wie Boaz
Noiman formuliert, „körperliche Ontologie der Nationalsozialisten“ nicht nur auf den
individuellen Körpern, sondern auch auf der Idee des „Volkskörpers“, der wiederum
unabhängig von den einzelnen, der Biologie unterliegenden menschlichen Körpern sei.165
Tatsächlich haben sich die Nationalsozialisten auf den von ihnen beanspruchten
Lebensraum wie auf einen Organismus bezogen, der über „Schlagader“, „Blutdruck“ und
einen „Blutkreislauf“ verfügte.166 So macht Noiman auf ein Plakat aufmerksam, dass im
Rahmen der Ausstellung „Wunder des Lebens“ 1935 zu bestaunen war: darauf war ein
menschlicher Körper abgebildet, der von einem Autobahnnetz durchzogen war, die das
menschliche Nervensystem symbolisierten sollten. Der geografische „Lebensraum“ der
Deutschen wurden so mit einem menschlichen Körper analogisiert, die Deutschen als
Bewohner dieses Raumes wurden visuell zum „Volkskörper“.167
163 Nach Boaz Noiman, Die Weltanschauung des Nazismus, Göttingen 2010, S. 169-170.
164 Vgl. Michaela Christ, (Un-)Sichtbare Körper. Über die Wirkungsmacht von jüdischen Körperbildern während
des Nationalsozialismus, in: Medaon. Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung, Heft 2/2008
(http://www.medaon.de/archiv-2-2008-artikel.html, letzter Zugriff 3.9.2012), S. 1.
165 Noiman, Weltanschauung, S. 129.
166 Ebd., S. 138.
167 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
82
Dementsprechend wurden die Feinde der Nationalsozialisten biologisiert. Die Weimarer
Demokratie sei den Körper „zersetzendes Gift“ gewesen, der Versailler Vertrag eine „offene
Wunde, die Gliedmaßen amputiert“ habe. Die Juden wiederum wurden imaginiert als ein
Fremdkörper, der den deutschen „Volkskörper“ von innen zersetze, oder als Krebsgeschwür,
das ihm anhänge. Sie galten als der ultimative Fremdkörper, der in ontologischem
Widerspruch zum arischen (Volks)Körper stand.168
Die Herstellung und Formung „arischer“ und jüdischer Körper wurde sowohl auf politischer
als auch auf intellektueller, performativer und visueller Ebene betrieben. Antisemitische
Klischees, bezogen auf Aussehen und Namen, wurden im Stürmer, in Schulbüchern, auf
Postkarten, in Zeitschriften und sonstigen Alltagsmedien verbreitet und sorgten auf diesem
Weg für die vollständige und totale Durchdringung des Alltags mit Ideen darüber, wie das
Aussehen von Juden und Jüdinnen beschaffen sei und welche Namen Juden tragen. Die
pseudowissenschaftliche Fundierung der Rassentheorien tat ihr übriges dazu, diese
Vorstellungen zu verankern. Auf diese Weise wurden die Blicke der Menschen „erzogen“,
wie Christ formuliert, um anschließend die Maßnahmen der Verfolgung darauf zu
gründen.169 Das „Wissen“ darüber, wie ein Jude und eine Jüdin aussehen und wie ihre
Körper beschaffen sind, diente Nichtjuden dazu, vermeintliche oder echte Juden zu
erkennen, zu exkludieren, zu isolieren und anschließend auf verschiedene Weisen zu
verfolgen.
Dieser sozialen Praxis stehen die Reaktionen der verfolgten jüdischen Menschen gegenüber,
die sich an die postulierten Axiome über das jüdische Aussehen anpassten und
entsprechend verhielten. Einerseits konnten gerade die antisemitischen Überzeugungen
über das Aussehen von Juden eine Schutzfunktion ausüben für diejenigen jüdischen
Verfolgten, die dem nicht entsprachen. Auf der anderen Seite waren diejenigen, die dunkle
Augen und Haare und/oder eine „jüdische“ Nase hatten, schon allein durch ihr Aussehen als
Juden gekennzeichnet und allen ihren Mitmenschen ausgeliefert. Daher wurde häufig mit
168 Ebd., S. 142.
169 „Michel Foucault hat gezeigt, dass jegliche Macht darauf dringt, ihre Souveränität durch die Formierung und
Zurichtung der Körper zu etablieren. Die vollständige Macht, dies geht aus Foucaults Studie zum Gefängnis
hervor, findet ihren Ausdruck im unbarmherzigen Zugriff auf die Körper der Gegner, denn erst im absoluten
Zugriff auf den Leib, sprich auf die körperliche Integrität des Feindes, realisiert sich die Macht endgültig. Es ist
also nicht überraschend, dass die nationalsozialistische Ideologie und Praxis auf die Physiognomie ihrer Gegner
abzielte: Zunächst auf die Definition der jüdischen Körpers, dann auf seine Ausgrenzung und Kennzeichnung
und schließlich auf deren vollständige physische Zerstörung.“ Christ, (Un-)Sichtbare Körper, S. 1-2.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
83
diversen Praktiken versucht, als jüdische definierte Körpermerkmale auszumerzen. Haare
wurden gefärbt und Kopftücher umgebunden, Bärte rasiert, Gesichter bandagiert,
Menschen stellten sich stumm, um einen jiddischen Akzent zu verbergen, und sogar
Operationen an Nasen wurden durchgeführt. Der Körper wurde eine
„Überlebensressource“, die über Leben und Tod entscheiden konnte.170
Neben dem Aussehen gehörte auch der Name zum konstruierten jüdischen Körper, und
anhand von Vor- und Nachnamen meinte man, Juden zweifelsfrei erkennen zu können. Um
dessen auch ganz sicher zu sein, wurde 1941 zwangsweise die zusätzlichen Vornamen Sara
für jüdische Frauen und Israel für jüdische Männer eingeführt - und damit gleich die Idee
des jüdischen Names ad absurdum geführt.171 Ein frühes Beispiel für die wirkmächtige
Idiotie der Idee des jüdischen Names als Erkennungsmerkmal ist die von Goebbels noch zu
Zeiten der Weimarer Republik inszenierte Isidor-Kampagne.172 Goebbels war der jüdische
und sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin, Bernhard Weiß, ein Dorn im Auge
geworden, und er benutze ihn als Aushängeschild für eine antisemitische Kampagne. Er
erfand den Namen „Isidor“ für ihn, um ihn öffentlich zu demütigen. Damit hatte er Erfolg:
der als Schmähname gedachte jüdische Name bliebt an Weiß haften. Für das Funktionieren
der stigmatisierenden Isidor-Kampagne war Goebbels auf die Mithilfe von Seiten der
Bevölkerung angewiesen war. Goebbels verbreitete die Idee, aber die Menschen, die
mitmachten, verhalfen ihr erst zu ihrer Wirkmächtigkeit.173 Es gab nur einen Goebbels, aber
170 Beispiele ebd., S. 7-8, 10 und 13.
171 Dasselbe gilt für den 1941 eingeführten Judenstern: man konnte sich doch nicht so ganz darauf verlassen,
jeden Juden und jede Jüdin auch wirklich am Aussehen zu erkennen. Beispielhaft sind die Erzählungen von
Sternträgern darüber, wie erstaunt ihre Umwelt mitunter reagierte, als sie plötzlich mit dem Judenstern
auftauchtern, denn niemand habe sie bis dahin für jüdisch gehalten. Zum Beispiel Erna P. Videointerview.
172 Dietz Bering, Kampf um Namen. Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels, Stuttgart 1991.
173 Vgl. die Beschreibung bei Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, S. 43-44: Seit März 1927 war
Bernhard Weiß, Verwaltungsjurist, Sozialdemokrat, Jude, der stellvertretende Polizeipräsident Berlins für
Goebbels das ideale Angriffsziel einer anhaltenden antisemitischen Kampagne. Die ständigen giftigen und
gehässigen Attacken im „Angriff“ gegen Weiß verbanden sich stets mit dem erfundenen Schmahnamen
„Isidor“. Um irgendwelche Sachkritik ging es in keiner Weise, sondern allein um eine hasserfüllte,
effektsuchende und wirksame Diskurspolitik. Die „Isidor“- Kampagne konnte indes nur gelingen, wenn sie auf
antisemitische Ressentiments bei den Lesern traf, die als gelungenen Witz oder unterhaltsame Satire
betrachteten, was in Wirklichkeit entwürdigende Verleumdung war. Die Denunziation gelang. Alfred
Hirschberg, Funktionär des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Berlin und enger
Freund von Weiß, schrieb in seinem Nachruf 1951, dass Goebbels’ Propaganda es geschafft hatte, dass alle
Welt nur von „Isidor“gesprochen habe. Eine Medizinstudentin erlebte eine Demonstration an der Berliner
Universitat samt Polizeieinsatz mit, bei dem auch Weiß anwesend war. Sofort hatten die Studenten
angefangen, laut „Isidor, Isidor“ zu rufen. Weißs Bemühungen, sich gerichtlich gegen die
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
84
Nichtjuden und jüdinnen, die sich an der Säuberung des deutschen Volkskörpers zu
beteiligen suchten, gab es überall.
Name, Physiognomie und die Haar- und Augenfarbe hatten eine immense Bedeutung im
Alltag der verfolgten Jüdinnen und Juden und bestimmten, ob, wie und wo sie es wagen
konnten, aufzutreten, sich aufzuhalten und zu bewegten. Einige Passagen aus der
Lebenserzählung von Claus Shelling belegen dies aus der Sicht eines kleinen Kindes ebenso
wie die Erinnerungen von Inga C. Der 1929 in Breslau geborene Claus Shelling hat wenige
Erinnerungen an Antisemitismus, er sei einfach zu jung gewesen, glaubt er. Seine Kindheit
habe er im Gegenteil als sehr behütet erlebt. Seine Eltern hätten jedoch schlimme
Erfahrungen gemacht und für sie sei es, anders als für ihn, sehr schwer gewesen. Sie sind
sich der Gefahren für Seele, Leib und Leben auch ihres kleinen Sohnes bewusst gewesen.
Ähnlich den Eltern von Inga C., die ihre Kinder von den öffentlichen Schulen genommen und
an einer jüdischen Privatschule angemeldet haben, haben Claus Shellings Eltern ihn auf eine
katholische Schule geschickt, um ihn vor den antisemitischen Schikanen und Demütigungen
an den öffentlichen Schulen zu beschützten. Das hat funktioniert, und Claus erinnert sich an
eine wundervolle Schulzeit unter der Obhut von katholischen Nonnen.
„I was sent to a Catholic convent, raised by nuns. And I have actually very good feelings
about it. I went to school there till I was nine, about three years. And I remember being very
religious. I was actually raised as a Catholic for about three years even though my parents
were not religious at all. The Catholics were also not in Hitler’s favor. Not to the extent that
the Jews were, they were not hassled to that extent, but they were quite sympathetic of
Jews, at least in our school. And it was sort of a better class. More educated kids that went
there. Because I imagine there was a tuition. I don’t really remember that, but I do not recall
a lot of prejudice in that school. In fact, I have pleasant memories about my childhood there,
my experiences in school. I considered myself one of the leaders. I remember being sort of a
leader, among the kids, and enjoying sports like soccer. We’d play soccer in the playground
next to the school. And I was also a good student. I really enjoyed school. And I remember
religion was my favorite subject at that time. I was awed by it. I remember there was a
Verleumdungskampagne zu wehren, blieben vergeblich und gaben Goebbels immer wieder Gelegenheit, ihn
im „Angriff“ öffentlich erneut mit Häme zu übergiesen.“
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
85
beautiful church, and I was really quite touched by the Catholic religion at that time. It gave
me something to hang onto, I suppose.“174
Claus begründet diese Nischenerfahrung, die Abwesenheit von Antisemitismus und die
Respektierung und Wertschätzung seiner Person, vor allem mit dem katholischen
Hintergrund seiner Schule und damit, das Katholiken ebenfalls kein hohes Ansehen unter
den Nationalsozialisten genossen und aus der gemeinsamen Erfahrung des
Ausgestoßenseins heraus eine gewisse Solidarität mit den Juden hatten. Er fügt auch hinzu,
dass seine Mitschüler aus bessergestellten Familien stammten, womit er implizit, aber sehr
deutlich, antisemitisches Agieren eher den sozial schlechter gestellten und bildungsfernen
Schichten zuordnet. Zu seinem „nichtjüdischen Aussehen“ stellt er an dieser Stelle noch
keinen Zusammenhang her. Allerdings stellt das Wissen darum, das Claus im späteren
Verlauf der Erzählung preisgibt, die Erinnerung in ein anderes Licht. Es sollte zumindest die
Frage formuliert werden, ob Claus‘ Mitschüler, die immerhin in den 30er Jahren
aufgewachsen sind, einen kleinen jüdischen „leader“ akzeptiert hätten, der weniger dem
hochgehaltenen „arischen“ Ideal entsprach.175
Claus’ Eltern flohen 1936 aus der Gegend von Breslau vor dem dort besonders gewalttätigen
Antisemitismus nach Berlin. Er selber blieb zunächst noch eine Weile in der Obhut der
katholischen Nonnen. Direkt nach der Reichskristallnacht im November 1938 organisierten
die Nonnen dann seine Flucht aus Breslau nach Berlin. Dort kam er, gerade einmal 9 Jahre
alt, wieder mit seinen Eltern zusammen. Von Berlin aus wurde die erfolgreiche Flucht der
Familie aus Deutschland organisiert.
In der Zeit in Berlin spielte das Aussehen eine herausragende Rolle, wie sich Claus lebhaft
erinnert. Er selber habe nicht jüdisch ausgesehen, betont er, sein Vater jedoch schon. Der
habe sich deswegen zusammen mit dem Rest der Familie die meiste Zeit bei Bekannten
versteckt und nur die Verstecke verlassen, wenn es nicht zu umgehen war. Restaurant und
Hotels waren für ihn absolut tabu. Die Gefahr, von nichtjüdischen Deutschen als jüdisch
identifiziert zu werden, war zu groß. Ganz anders hingegen bei Onkel und Tante.
174 Claus Shelling oral history interview OHP.8415, videointerview by Beatrice Netter, Gina Margillo and
Cathy Miller, December 11, 1991, Transkript von Sonja Niehaus, S. 3-4.
175 Und übrigens auch dem männlichen: ein fußballspielendes Mädchen als Anführerin kann man sich hier nur
schlecht vorstellen.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
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„My uncle and aunt had absolutely no fear of being identified as Jews, or getting arrested,
because they sort of looked like everybody else. They just fit into the crowed. They weren’t
very conspicuous looking people. And I didn’t look Jewish. I had blue eyes and relatively light
hair, so nobody thought of me as a Jewish kid. So we just went around. My uncle just took
me everywhere.”176
Mit seinem Onkel sei er völlig unbehelligt über die großen Warenhäuser Berlins hergefallen
und habe sich mit neuer Kleidung eindecken lassen. Er hat den Berliner Zoo besucht und die
dortigen Tiere bestaunt.
„I was a 9 year old kid. I was taken of school, because this happened in November [1938,
S.N.], and I was delighted with that. I remember my uncle taking me all around Berlin. It was
a fabulous experience. I mean, these were grim times, but I had an absolutely wonderful
time in Berlin. He took me to the big department stores, because all my clothes were left
behind. I got all new clothes in Berlin. And he took me to the zoo. They had a fabulous zoo.
Berlin, as I recall , was a fabulous city […]. So, it was very pleasant.”177
Für seinen jüdisch aussehenden Vater war das Leben in Berlin ganz und gar nicht einfach.
Kurz vor der Flucht wurde er auf dem Kurfürstendamm von der Gestapo verhaftet. Solche
grundlosen Verhaftungen von Juden waren an der Tagesordnung, trafen aber nur
diejenigen, die irgendwie auch als Juden erkennbar waren. Die Familie hatten Glück im
Unglück, und der Vater wurde freigelassen, weil er beweisen konnte, dass er seine
Emigration schon vorbereitet hatte und die Ausreise der Familie kurz bevor stand. Claus und
seine Eltern überlebten die Verfolgung und siedelten sich nach der Emigration in San
Francisco an.
Ebenso wie Claus Shelling und Inga C. betont Elsa K. in Ihrer Lebenserzählung die Bedeutung,
die das Äußere für den Alltag und das Überleben von Juden in den 1930er Jahren in
Deutschland hatte. Elsa wurde 1906 in Insterburg, russisch Tschernjachowsk,178 geboren. Als
sie das Interview im Mai 1989 gab, war sie 83 Jahre alt. Sie kam sehr gut vorbereitet zum
Interviewtermin und hatte sich genau zu Recht gelegt, was Sie sagen wollte. Das Meiste las
176 Claus Shelling oral history interview, S. 17.
177 Ebd., S. 10.
178 Damals Ostpreußen, heute Oblast Kaliningrad, die westliche Enklave Russlands.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
87
sie einfach von einem Manuskript ab, das sie vorher formuliert hatte.179 Elsa hatte Zeit ihres
Lebens in Deutschland Probleme mit nichtjüdischen Deutschen. Sie erzählt, 1922, im Alter
von 16 Jahren, Zionistin geworden zu sein, weil sich schon damals gute Freunde aus
antisemitischen Gründen von ihr angewandt hatten. Bis zu ihrer Enteignung 1937 betrieb
Elsa alleine und erfolgreich ein großes Schuhgeschäft in Insterburg. Ihre drei Kinder zog die
alleinstehende Frau gleichzeitig und ohne fremde Hilfe auf. Das Geld für die Auswanderung
der Familie 1939 hat sie ebenfalls ganz alleine aufgebracht, betont die bemerkenswerte
Elsa. Niemand habe ihr je geholfen.
Auf der Straße habe man damals immer Angst haben müssen, weil man nie wusste, was die
Leute dachten, und was sie vorhatten. Sie wusste nie, wer ihr feindlich gesonnen war und
wem sie egal war, vor wem sie sich in Acht nehmen musste und vor wem nicht. Sie fühlte
sich nie und nirgends sicher vor Entdeckung als Jüdin, vor Demütigungen und physischen
Angriffen. Obwohl sie von ihrem Eindruck berichtet, dass einige nichtjüdische Deutsche sich
für die nationalsozialistische Politik und das Verhalten ihrer Volksgenossen schämten,
betont sie auch, dass nicht ein einziger Nichtjude ihr jemals geholfen hat. Die jüngeren
Deutschen, erinnert sich Elsa, seinen gefährlicher gewesen als die älteren. Unter älteren
Menschen habe es manchmal einige gegeben, die mit den Juden sympatisierten und sie dies
auch spüren ließen. Jüngeren Deutschen sollte man hingegen lieber nicht trauen, denn
einige spionierten sogar ihre eigenen Eltern aus.
Was das Überleben für Elsa K. und ihre Familie in den 1930er Jahren erheblich vereinfacht
und vielleicht ermöglicht habe, so Elsa, sei ihr nichtjüdisches Aussehen gewesen. Es habe sie
einfach niemand für eine Jüdin gehalten. Sie konnte sich daher verhältnismäßig frei
bewegen, erzählt sie, und deswegen habe sie es geschafft, durchzukommen. Ihr „arisches
Aussehen“ war ihr großes As im Ärmel.
Was bei Claus Shelling die Religion und der soziale Hintergrund ist, ist für Elsa K. das Alter:
ein Merkmal, anhand dessen sie die Gefährlichkeit von Nichtjuden einzuschätzen
vermochte. Tatsächlich erinnern sich sehr viele Überlebende der Verfolgung an die Rolle des
Alters bei der Abwägung der potentiellen Gefahr, die vom jeweiligen Gegenüber ausging.
179 Elsa K. Holocaust testimony (HVT-1313), interviewed by Ceceil Ehrich and Fred Ehrich, May 7, 1989, Halina
Wind Preston Holocaust Education Center, Wilmington, Delaware, Transkript von Sonja Niehaus.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
88
Der Nationalsozialismus war eine Ideologie der jungen Wilden, und es waren vor allem
junge Wilde, häufig Jugendliche, die seine antisemitische Umsetzung im Alltag vollzogen,
wie sich aus den Erinnerungen von Verfolgten ergibt. Von jungen Menschen ging mehr
Gefahr und Gewalt aus. Für das Erkennen der potentiellen Opfer war allerdings das
Aussehen von entscheidender Bedeutung.
Die Festlegung jüdischer Haarfarbe, Augenfarbe und Form und Größe der Nase fungierten
als Erkennungszeichen und waren damit ein wichtiges, unverzichtbares Element im
alltäglichen, schrittweisen Prozess der Ermittlung, Diskriminierung und Ausgrenzung von
Juden durch Nationalsozialisten und Volksgenossen. Das System konnte nur deshalb
funktionieren, weil Menschen die antisemitischen Kategorien erstens für sich angenommen
haben, und weil sie zweitens bereit waren, auf dieser Grundlage zu handeln. Es gelang und
gedieh, weil es von großen Teilen der Bevölkerung gebilligt und umgesetzt wurde. Jüdische
Menschen wussten das, und sie richteten sich in ihrem Alltag danach. Das „typisch jüdische
Aussehen“ und das „typisch arische Aussehen“ wurden daher auch von Jüdinnen und Juden
als Kategorien verinnerlicht, mussten verinnerlicht werden, um zu überleben.
Fred Meibergen erzählt in seinen Erinnerungen unter anderem davon, wie bedeutsam, aber
gleichzeitig grotesk die Stereotype über das Aussehen und der Umgang damit waren. Fred
wurde 1909 in Geistamunde bei Bremerhaven geboren. 1924, im Alter von 15 Jahren, ging
er nach Göttingen und verlebte dort einen Großteil der Weimarer Jahre. In Göttingen
machte Fred eine Lehre als Lederkaufmann. 1931 zog es ihn weiter in die Großstadt Berlin,
wo er die Zeit des Nationalsozialismus erlebte, bis er 1937 nach Japan fliehen konnte. Dort
angekommen, half Fred zusammen mit seinem Bruder, eine jüdische Hilforganisation in
Yokohama zu unterhalten, die den vielen jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland
Unterstützung im japanischen Exil bot. Mitte 1941 emigrierte er schließlich in die USA, als
sich ihm die erste Gelegenheit bot.
Fred erzählt ausführlich vom Antisemitismus der Weimarer Zeit. Der Antisemitismus sei
keine Erfindung der Nazis gewesen, erläutert er, es habe immer den „good old anti-
Semitism“ unter den nichtjüdischen Deutschen gegeben. Das sei immer ein Teil des Alltags
gewesen, der keine Verordnungen und Gesetze brauchte. Man habe eben als jüdisches Kind
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
89
gelernt, damit zu leben, weil es gar nicht anders ging.180 Judenfeindlichen Anfeindungen war
Fred schon zur Zeit des Ersten Weltkrieges in der Schule ausgesetzt gewesen. Er wurde
beschimpft und „dirty Jew“ genannt. Es habe auch Kämpfe zwischen den jüdischen und den
nichtjüdischen Schülern gegeben.181 Fred beschreibt eine ideelle und physische
Radikalisierung des Antisemitismus, die er als junger Erwachsener in der Universitätsstadt
Göttingen am eigenen Leib erfuhr. Zwischen 1924 und 1927, als er dort seine Ausbildung
absolvierte, wurde das Leben für ihn anstrengender, erinnert sich Fred.
„I remember I was fifteen when I left town. And I became an apprentice in Göttingen […].
And I remember distinctly that there was an increase in anti-Semitism. We Jews bunched
together a little bit, and we learned boxing in which I was never any good. We carried canes,
in case we were attacked or something like that. This whole thing was going on. Anti-
Semitism was there all along.”182
Fred Meibergen erinnert sich an den Antisemitismus als immerwährendes Phänomen, aber
er betont auch die Veränderungen, die es im Laufe der Zeit gegeben hat. Niemand habe
damals leugnen können, dass sich der Antisemitismus in den 20er und 30er Jahren immer
weiter zugespitzt habe und das den Juden zunehmend eine ernsthafte Gefahr gedroht habe.
Es sei so offensichtlich gewesen, auch für die Zeitgenossen. Die große Veränderung, die aus
seiner Sicht 1933 eingetreten sei, bestand darin, dass es quasi keine Möglichkeiten mehr
gab, sich zur Wehr zu setzen: „If you are a Communist, you can change your party affiliation.
You can become a Nazi. But you cannot become a Gentile when you are Jewish”,183 fasst er
die neue Dimension der Bedrohung zusammen.
Freds Erinnerungen bezeugen, dass der Antisemitismus, auch der physische, gewalttätige
Antisemitismus, Teil der deutschen Alltagskultur gewesen ist, schon bevor die
Nationalsozialisten, als sie an die Macht gewählt wurden, ihn in Gesetze gossen. Der NS-
Staat habe den Judenhass der Bevölkerung gelenkt, ihm auch neue Formen gegeben, aber
180 Fred Meibergen oral history interview, S. 8.
181 Ebd., S. 13.
182 Ebd.
183 Ebd., S. 21.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
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ihn nicht erfunden. Aus der Zeit in Berlin schließlich erinnert Fred folgende Episode, die sich
vermutlich Anfang Juni 1937 184 abspielte:
„You knew you were in danger […]. I was also a dealer in leather, as I said before, like my
father. And I had to do with some shoemakers. And I would say for myself that I was almost
well liked. And I loosed a lip sometimes. It could have backfired very easily. Once I was
visiting a shoemaker. It was just the time when a German battleship bombarded a Spanish
city, it was during the Spanish Civil War. I was visiting a shoemaker and in comes his son,
and he reports about that [die Bombardierung, S.N.], “the Jews did this, not the Germans.
The Jews caused this.” And the father shoemaker asks him, “Do you know any Jew? Do you
know what they look like?” – “Oh yes“, he said, “they have black hair, curly hair, and a nose
like this.” Almost like mine (lacht), which wasn’t so sad a shape in those early days, it got
that way a little later. And the father said, “Are you sure? Do you know that for sure?”- he
wasn’t anti-Jewish. And he said, “Now, you see Mr. Meibergen here, he is Jewish.” - “No
he’s not Jewish. He has no black curly hair and he has no hook nose”. So you see they made
them out to be like in the caricatures, like Monsters. He didn’t believe that Meibergen was a
Jew. That’s the way it was!“185
Die Schutzfunktion des „nichtjüdischen“ Aussehens, von der Fred auch in seinen guten
Arbeitsbeziehungen profitiert haben dürfte, nimmt in dieser Erinnerung absurde Formen an:
der Jude Fred wird für den Antisemiten zum Nichtjuden, weil er nicht ins Bild passt.
Ähnliches berichtet Eva G. Im März 1920 wurde sie in Berlin geboren. Das jüdische Mädchen
wuchs ähnlich wie Inga C. behütet und geliebt in einer fortschrittlichen Familie in der
Düsseldorfer Str. in Berlin Wilmersdorf auf. Eva machte im Verlauf ihrer Verfolgung viele
Erfahrungen, die als typisch gelten können. Ihre ersten Lebensjahre seien sehr
unspektakulär gewesen, erinnert Sie sich. Mit sechs Jahren sei sie in eine Privatschule
eingeschult worden. 1930 wechselte sie dann auf eine höhere öffentliche Schule. Aber
schon kurz darauf änderte sich das Klima und sie wechselte wieder zurück in eine private
Schule, wo sie vor antisemitischen Anfeindungen sicherer war.
184 Fred Meibergen berichtet in diesem Zusammenhang von der Bombadierung einer spanischen Stadt im
Spanischen Bürgerkrieg durch ein deutsches Kriegsschiff. Vermutlich handelt es sich um den Angriff auf den
Hafen der spanischen Stadt Alemría Ende Mai 1937.
185 Fred Meibergen oral history interview, S. 19-20.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
91
„And from that on things went downhill“, fasst sie die nun folgende Entwicklung
zusammen.186 Eva erinnert sich an die beängstigenden Straßenmärsche von uniformierten
Jungen und Männern. Ihre beste Freundin und deren Familie haben sich ebenfalls schon
früh von ihr abgewand. „They didn’t know me anymore. But I must be grateful that they
didn’t denounce us, because if they would have denounced us, you wouldn’t see me here”,
resümiert sie.187
Eva erzählt auch von den merkwürdigen Erfahrungen, die ihre Mutter gemacht hat. Sie habe
sehr „nichtjüdisch“ ausgesehen, und sie habe auch viele nichtjüdische Freundinnnen gehabt.
Die seien alle der NS-Frauenschaft beigetreten. Kurioserweise habe keine von ihnen so
richtig glauben wollen, dass Evas Mutter Jüdin ist, eben weil sie dem Stereotyp so gar nicht
entsprochen habe. Statt dessen hätten sie sie wiederholt bedrängt, doch endlich der NS-
Frauenschaft beizutreten. Natürlich haben sie sich dann schnell von ihr abgewendet, als sie
dies nicht tat. Die einzige Freundin, die ihr letztlich geblieben ist, war eine feministisch
eingestellte Lehrerin an einer Frauenuniversität. Sie wurde wegen ihrer Freundschaft mit
einer Jüdin fortan als Kommunistin beschimpft, erzählt Eva.
Es kommt häufiger vor, dass Juden, die die Verfolgung überlebt haben, sich an Vorfälle
erinnern, in denen die Absurdität der antisemitischen Stereotype und der Vorstellung von
einer „arischen Rasse“ auf groteske und humorvolle Art zu Tage tritt. Die Erinnerung daran
macht Spaß und gibt ein bisschen Kraft. Margaret Kaplan erzählt von einem lustigen
Zwischenfall in ihrer Schule in Stuttgart:
„I used to have long blond braids, hair parted in the middle and all that. My sister has dark
hair. And some photographer came up and wanted to have my picture taken as the typical
Ayran girl. I had those, what you wear for the books on my back and a little basket in my
hand for our handiwork. And the nurse188 said, “you couldn’t do that because she is Jewish“.
And the fellow said, “well, who’s to know!”.”189
186 Eva G. Holocaust testimony, S. 1.
187 Ebd., S. 2.
188 Margaret wurde von Krankenschwestern unterrichtet.
189 Margaret Kaplan oral history interview OHP.2725, videointerview by Evelyn Fielden, July 18, 1990,
Transkript von Sonja Niehaus, S. 4.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
92
Ähnlichkeiten dazu weist eine Erinnerung von Margaret Berlin auf. Margaret wurde 1921 in
Berlin geboren und erzählt davon, eine glückliche Kindheit in einer wohlhabenden Familie
verlebt zu haben. Als Kind habe sie keinen Antisemtismus gekannt. Die Familie sei auch sehr
assimiliert gewesen. Die Sommerferien habe man immer in den Bergen verbracht, da der
Vater sie so liebte, und unter ihren Freundinnen seien sowohl jüdische als auch
nichtjüdische gewesen. Ihre erste Erfahrungen mit Antisemitismus habe sie 1931 machen
müssen, als die von einigen älteren Jungen beschimpft worden sei. Danach habe sich alles
Stück für Stück verschlimmert. Einige Mitschüler wollten nichts mehr mit ihr zu tun haben.
Im Rassekundeunterricht, erinnert sich Margaret B., sei es in ihrer Klasse weniger darum
gegangen, schlechte Eigenschaften von Juden herauszustellen. Es wurde vom Lehrer
vielmehr Wert darauf gelegt, die arische Rasse als erhaben zu definieren. Das ist in der
Praxis jedoch in ihrem Fall nicht gelungen.
„It was mainly to point out how wonderful and superior the Ayran race was and that it had
to be preserved. I remember they took head mesurements. The Ayrans were supposed to
have a superior brain. And one of my Jewish friends turned out to have the best
measurement.”190
190 Margaret Berlin oral history interview OHP.2144, videointerview by Constance Berstein and April Lee,
August 9, 1990, Transkript von Sonja Niehaus, S. 6.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
93
1.4 Martha Kadisch aus Hamburg
„Ich sag immer, solange sie niemanden totgeschlagen haben. Man wurde ja bescheiden. Als
Auschwitz nachher kam, hat man diese kleinen Nadelstiche vergessen.“
Martha Kadisch, Hamburg, 15. Juli 1991
Martha Kadisch wurde im April 1903 geboren.191 Sie wuchs im Hamburger Stadtteil St. Pauli
auf. In der heutigen Bernhard-Nocht-Straße192 hatte ihr Vater, ein sehr liberaler deutscher
Jude, eine Arztpraxis. Sie oberen Stockwerke des Hauses in der Bernhard-Nocht-Straße sind
im Krieg zerstört worden, aber die Parterrewohnung, in der Martha und ihre Familie
gewohnt haben, ist noch da. Marthas Mutter ist nach den späteren NS-Rassegesetzen
Halbjüdin gewesen. Sie kam aus einer wohlhabenden und kosmopolitanen Familie, erinnert
sich Martha, mit einer englischen Großmutter und einer Kindheit in Frankreich. Martha und
ihre zwei Jahre ältere Schwester seien aber christlich erzogen worden.
Martha, mit einem jüdischen Vater und einer halbjüdischen Mutter dem Gesetz nach
eigentlich Dreivierteljüdin, hat sich ab 1933 als Halbjüdin ausgegeben, indem sie ihre
jüdische Großmuter mütterlicherseits verschwiegen hat. Als Halbjüdin und mit einem als
„arisch“ eingestuften Ehemann konnte sie die Zeit der Verfolgung in Hamburg überleben,
ohne fliehen zu müssen oder deportiert zu werden. Angst vor Entdeckung hatte sie immer,
trotzdem hat sie nie ein Blatt vor den Mund genommen. Was ihr dabei geholfen habe, sich
als Halbjüdin zu tarnen und einigermaßen unbescholten durchzukommen, sei ihr
nichtjüdische Nachname gewesen:
„Gott sei dank war unser Name nicht jüdisch, das war ja nun Glück, wenn man noch Levi
oder Cohn geheißen hätte, hätte man furchtbare Schwierigkeiten gehabt.“193
191 Hierfür und das folgende: Martha Kadisch Audiointerview. Zur Geschichte der Hamburger Juden während
der NS-Zeit siehe Beate Meyer, Die Verfolgung und Ermordung der Hamburger Juden 1933 bis 1945:
Geschichte, Zeugnis, Erinnerung, Hamburg 2006.
192 Damals Silbersackstraße.
193 Martha Kadisch Audiointerview, S. 11.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
94
Der Name hatte die Funktion eines Erkennungszeichen und war ähnlich symbolisch wie das
Aussehen. Nichtjuden reagierten auf einen jüdischen Namen sehr oft mit Ablehnung. Ein
jüdischer Name bedeutete noch größere Gefahr.
St. Pauli sei vor der Weimarer Zeit friedlich gewesen, erinnert sich Martha. Jeder wußte,
dass ihr Vater Jude war, aber St. Pauli sei weltoffen und liberal gewesen, „besonders die
Arbeiter“.194 Als Kind habe sie nie Antisemitismus gespürt.
„Ich bin ne St. Paulianerin, ne waschechte [...]. Es war natürlich ganz anders wie heute. Also
in den Straßen patroullierten die Schutzleute und wir liefen denen hinterher und riefen
immer „ule ule“, also, die Kinder konnten so rumlaufen, konnte nicht viel passieren.
Natürlich abends waren wir sowieso nicht auf der Straße. Mein Vater war auch Polizeiarzt,
da kamen natürlich abends nochmal Anrufe, dass da Schlägereien und so waren, aber im
großen und ganzen war St. Pauli sehr, sehr friedlich. Da wo ich gewohnt habe, in der
Bernhard-Nocht-Straße, das ist an sich auch ne ganz friedliche Ecke, direkt gegenüber von
der St. Pauli-Kirche da, und wir hatten auch so ein Stück Blick auf die Elbe.“195
Martha und ihre etwas ältere Schwester haben das Lyzeum in Altona besucht. Die
Schwester hat dort das Abitur gemacht und hat später studiert, Martha hat Hauswirtschaft
gelernt und ist bei ihrer Mutter geblieben. Dort gefiel es ihr, „das war immer sehr
harmonisch“196. Berufliche Ambitionen hatte sie nicht. In der Praxis des Vaters habe sie
gerne mal geholfen, erzählt Martha, aber woanders arbeiten wollte sie nicht.
„Nein, mir ist die Idee gar nicht gekommen, ich war im Tennisverein, hab morgens Tennis
gespielt, und dann haben wir viel unternommen, Freundinnen gehabt. Und wir haben
immer etwas getan, gehandarbeitet, oder ich habe sehr viel genäht, meine Kleider selber
gemacht. Und ich hab die Haushaltsschule besucht.“197
1926 ist ihr Vater gestorben, und Martha, damals 23 Jahre alt, ist mit ihrer Mutter nach
Hamburg-Eppendorf gezogen. Dort haben sie ein Mietshaus gekauft, ein großes Eckhaus in
der Cruschmannstr. 2, und darin eine Vier-Zimmer-Wohnung bezogen. Ihre Mutter sei von
194 Ebd., S. 3. Vgl. zum Wahlverhalten der Arbeiterschaft gegen Ende der Weimarer Republik Wildt, Geschichte
des Nationalsozialismus, S. 62.
195 Martha Kadisch Audiointerview, S. 1 und 2.
196 Ebd., S. 3.
197 Ebd., S. 4.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
95
Haus aus vermögend gewesen, erzählt Martha, und der Vater, der als Arzt immer sehr viel
gearbeitet hat, hinterließ ihr zwei Grundstücke, eins in St. Pauli und eins in Barmbek. Davon
haben sie dann ganz gut leben können. Auch die Inflation haben sie relativ unbeschadet
überstanden.
Ihre Schwester hatte nach dem Abitur einen nichtjüdischen Mann geheiratet, einen Lehrer,
und war zu ihm nach Berlin gezogen. Sie gebar 1929 eine Tochter. Diese Ehe hielt jedoch
den Umständen nach 1933 nicht stand „das ging auseinander wegen dieser jüdischen
Geschichte“, so Martha.198 Nach der Scheidung ist ihre Schwester mit ihrer kleinen Tochter
1936 zurück zu Martha und ihrer Mutter nach Hamburg gekommen. 1939 sind die
Schwester, ihre Tochter und ihre Mutter nach England geflohen und haben dort den Krieg
überlebt. 1932 hat Martha einen ebenfalls nichtjüdischen Deutschen geheiratet. Er war
Textilgroßhändler und hatte sein Büro am Neuen Wall. Ein Jahr später gebar sie ihren Sohn:
„Der ist 1933 geboren, „im Jahre des Heils“, hat er immer gesagt“.199
Im Grindel, wo sie wohnten, lebten sehr viele Juden, und dort fielen sie nicht weiter auf.
Martha erinnert sich aber daran, dass ihr Freundeskreis nach 1933 Stück für Stück kleiner
wurde. Jüdinnen und Juden verließen nach und nach das Viertel und es wurde einsamer. Sie
erzählt, das in den Geschäften in Hamburg Schilder auftauchten, auf denen „Juden
unerwünscht“ stand.
„Hübner war das erste Geschäft in Hamburg, die Konditorei Hübner am Neuen Wall [...], da
wo das Porzellangeschäft ist. Das war eine der ältesten Konditoreien in Hamburg, wirklich
sehr schön. Und da haben wir dann so nach dem Shopping mal morgens Schokolade
getankt. Die waren die ersten die ein Schid drangemacht haben „Juden unerwünscht“, dabei
war ihre Hauptkundschaft Juden. Gegenüber war Hirschfeld, ein jüdisches Geschäft, auf der
anderen Seite war Robinson. Die haben von den jüdischen Kunden gelebt! Und dann wars ja
auch kein Zwang, bis zuletzt ist es in dieser Gegend kein Zwang gewesen, dranzuschreiben
„Juden unerwünscht“. Wir haben auch einen Milchmann gehabt, in der Hochallee, der war
prima, der hat gesagt „Frau Kadisch, es ist kein Zwang. Wenn es Zwang wird, dann tu ich es,
ich hab Frau und Kinder, dann muss ich es tun, aber bevor es kein Zwang wird denk ich gar
198 Ebd., S. 3.
199 Ebd., S. 9.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
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nicht daran.“ Meyer zum Beispiel, der war einer der ersten der ein Schild dran hatte, der
Zigarettenmann. Und unser Elektriker, der hat es bis zuletzt nicht gemacht [...]. Das ist kein
Zwang gewesen. Aber es gab viele, die das doch so gleich gemacht haben. Und wir sind
natürlich dann alle nicht mehr hingegangen. [grinst] Aber heute noch, in unserem
Bekanntenkreis, „wo holst du ein? Ach, bei Nazimeyer, ja ist gut“, trotzdem er gar nicht
mehr da ist, der Nachfolger heißt aber immernoch Meyer, und in unserem Bekanntenkreis
heißt es dann immer „ach so ja ich hol mal die Wurst bei Nazimeyer“ [...]. Der hat zum
Beispiel im Schaufenster ein riesiges [Schild gehabt], als damals die Schlacht um was weiß
ich gewesen ist, eine große Schlacht, also „mit Mann und Roß und Wagen, hat sie der Herr
geschlagen“, also die Engländer. Der war ein ganz schwerer Nazi. Der wohnte hier
Eppendorfer Baum.“200
Martha war empört darüber, wie Jüdinnen und Juden behandelt wurden und sie reagiert
entrüstet und aufgebracht auf ihre Erinnerungen an das Verhalten der meisten Nichtjuden.
Viele der Erlebnisse, an die sie sich erinnert, sind zeitlich nicht genau einzuordnen. Martha
beschreibt jedoch die Atmosphäre, in der sie gelebt hat, sehr anschaulich. Sie erinnert sich
an die Namen von Menschen, von Straßen und von Geschäften und wer wo was gesagt hat.
Die 30er Jahre seien eine Zeit der „kleinen Nadelstiche“201 gewesen, immer und überall, und
die meisten Leute hätten damals mitgemacht. Helfer oder Nichtjuden, die ihre Abneigung
gegen den Antisemitismus oder gar den Nationalsozialismus gezeigt hätten, stellt sie als
rühmliche Ausnahmen heraus, die gezeigt hätten, dass es auch anders ginge. Martha
erinnert sich an die Präsenz des Judenhasses, der vom „Stürmer“ geschürt worden ist, und
in diesem Zusammenhang auch an das blutrünstige, angstmachende SA-Lied „Ihr
Sturmsoldaten jung und alt“. Davon, dass später Leute gesagt hätten, sie hätten von all dem
nichts mitbekommen, will sie nichts wissen. Die Propaganda sei ja überall gewesen, sagt sie,
man konnte gar nicht anders, als den mörderischen Antisemtismus zu realisieren.
Denunziationen seien an der Tagesordnung gewesen und ganz normal: „Wurde ja so
allgemein so gemacht, das gehörte ja zum guten Ton.“202 Sie selbst habe sich „immer mit
200 Martha Kadisch Audiointerview, S. 6.
201 Ebd., S.10.
202 Ebd., S. 15.
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den Leuten gestritten, aber das hat nichts gemacht, ich bin immer so auf dem Teppich
geblieben“203.
Martha hat sich viele Sorgen gemacht um ihren kleinen Sohn Peter und hat versucht, ihn so
gut es geht zu schützen. Das war natürlich schwierig, wie zum Beispiel folgende Geschichte
zeigt.
„Am Abteiplatz204 da hinten, da sitzen wir auf einer Bank und die Kinder spielen. Und da
war so ein Riesenzweig, der war so halb runtergebrochen. Da mussten sie dann alle drauf,
schaukelten sie dann so dran alle, und ich sitz auf der Bank, da sitzt ein Herr noch neben mir
und ein paar Damen, und da sagt auf einmal ne Dame zu meinem Jungen „du darfst nicht
mitschaukeln du bist Jude“. Und da wollt ich aufspringen, und da hat mich der Herr
festgehalten. Nachher war ich ihm dankbar, nicht. Ich sagte „wir gehen nach Hause“, und
wir sind nach Hause gegangen und er hinterher und sagt, „wenn so was ist, gar nicht um die
Leute kümmern, sie bringen sich und ihren Sohn nur in Gefahr. Sie kriegen unter diesen
Umständen ja nie Recht!“[...]. Aber so klein, so primitiv, meistens waren das primitive
Menschen, oh Gott, denen war man ja nunmal ausgesetzt.“205
Peter kam 1939 in die Schule. Die Lehrer seien ganz in Ordnung gewesen, obwohl es
teilweise auch in den Schulen Probleme gegeben habe. Nach der Schule hatte Peter noch
eine Extrastunde bei einer Lehrerin zu Hause. „Und wie wir reinkamen, das war die erste
Stunde, wie wir da reinkamen hatte die ein Gemälde, vom Boden bis zur Decke, Hitler.“206
Nach Beendigung des Krieges hat diese Lehrerin Martha um einen Persilschein gebeten,
immerhin habe sie ihren „halbjüdischen“ Sohn unterrichtet. „Sie muss schon - sonst hätte
sie mich gar nicht um so was gebeten“, kommentiert Martha, aber sie hat ihr trotzdem den
Persilschein geschrieben. „Ich sag immer, solange sie niemanden totgeschlagen haben. Man
wurde ja bescheiden. Als Auschwitz nachher kam, hat man diese kleinen Nadelstiche
vergessen.“207
203 Ebd., S. 14.
204 Martha meint vielleicht den Bolivarpark an der Abteistraße. Einen Abteiplatz gibt es in Hamburg nicht.
205 Martha Kadisch Audiointerview, S. 9.
206 Ebd.
207 Ebd., S. 10.
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Peter musste als sogenannter „Vierteljude“ 1939, als das Gesetz ihn dazu verpflichtete, in
die Hitlerjugend eintreten. Das war für ihn nicht ganz einfach, denn auch dort war er
Demütigungen ausgesetzt.
„Mein Sohn mußte in die Hitlerjugend. Und dann waren da auch diese kleinen Intrigen.
Dann sammelte er so mit so ner Büchse, ich ging sogar mit. Und dann kam eine Dame auf
uns zu, und er klöterte so, und sie sagt, „du darfst gar nicht sammeln du bist ja Jude“. Ich
sag, „komm mit weiter, brauchst dich gar nicht drum zu kümmern“. Was soll man seinen
Kindern auch sagen!“208
Martha war als jüdische Mutter in der unvorstellbar schwierigen Situation, ihr Kind kaum
schützen zu können. Sie wusste, das auch er dem aggressiven Antisemitismus ausgesetzt
war, und dass er in ständiger Lebensgefahr war. Sie musste mit ansehen, wie Peter
benachteiligt und gedemütigt wurde, ohne eingreifen zu können. Martha hat ihren Sohn
darüber aufgeklärt, dass sie selber Halbjüdin und er Vierteljude sei. Sie hat versucht, ihm zu
erklären, dass ihr Status prekär sei und dass er sich ruhig und unauffällig verhalten müsse,
um sie nicht zu gefährden.
„Ich hab zu ihm gesagt, „hör mal Peter, ich bin auch halb, so und so ist das, überall sagst du
„Heil Hitler“, wo du auch bist, nur nicht zu Hause. Da weißt du gleich Bescheid. Aber in der
Schule, und wenn du in den Laden gehst. Sonst kriegst du nichts!“ hab ich ihm gesagt. „Aber
hier“, er wusste es ganz genau, „hier im Haus ist es tabu“. Ne, das hat er mitgekriegt.“209
Peter war hin und her gerissen. Er wollte gerne dazugehören, er wollte, wie die meisten
anderen jüdischen Kinder auch, kein Außenseiter sein.
„Ich wollte ihm erst kein braunes Hemd kaufen. Ich sagte „zieh mal deine eigenen Hemden
an“. „Och Mutti“, sagte er, „die haben alle ein braunes Hemd, und wenn ich keins habe
muss ich als letzter hinterher marschieren“ - viele Eltern hatten ja kein Geld „und dann
muss ich immer mit den letzten gehen“ – „naja“, hab ich gesagt, und dann hatte meine
Freundin noch ein braunes Stück Stoff und ich sagte, „dann will ich mal selber was
zusammenschustern“. Das musste man ja, das konnte man nicht anders, denn dann wäre er
208 Ebd., S. 8.
209 Ebd., S. 18.
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hinterher marschiert. Und so haben sies gemacht, die Eltern die es nicht kaufen konnten, da
mussten die Jungen hinterhertraben.“210
Martha hat ihren kleinen Peter auch nicht auf die Fahrten der HJ fahren lassen. Er hat seinen
Dienst gemacht und gesammelt, aber fahren durfte er nicht. „Hätten ja andere auch so
machen können!“, kommentiert Martha, „aber die Leute haben sich auch gar nicht ein
bisschen ich weiß nicht, das deutsche Volk war furchtbar, wie soll ich das sagen, irgendwie
- naja sie müssen mal den Untertan lesen da steht alles drin.“211
Martha vermisste bei ihren nichtjüdischen Mitmenschen eine moralische Haltung
gegenüber dem Regime und dem Unrecht, das begangen wurde. Die Leute hätten alles
mitgemacht, was man ihnen gesagt hätte, und die meisten hätten das dann auch für richtig
gehalten, eben weil es ihnen gesagt wurde. Aufgeregt und beschwert darüber, dass einige
Menschen, insbesondere Jüdinnen und Juden, gedemütigt und schlecht behandelt wurden,
hätten sich die wenigsten. Besonders einige Frauen, so Martha, seinen geradezu verliebt in
Hitler gewesen: „Ne, da warn also einige hysterisch, besonders die Frauen. Ich hab das nie
verstanden. [...Hier ist ein Bild] von Hitler, so ein schlechtes, aber so muss er ja wirklich
ausgesehen haben, denn das ist ja ganz objektiv, ne Fotografie in einem Lexikon. Furchtbar!
Also von arisch oder so überhaupt keine Spur. Oh, und Goebbels und Göring, schrecklich.“212
Anders als die meisten Menschen um sie herum hat sich Martha immer wieder gegen
Ungerechtigkeiten zur Wehr gesetzt und mit ihrer Meinung auch oft nicht hinterm Berg
gehalten. Wenn es bei ihr zu Hause geklingelt hat, erinnert sie Martha, weil wieder
irgendjemand was gesammelt habe, hat sie sich immer aufgeregt.
„Die Russlandkämpfer, die hatten kein Zeug zum Anziehen, da klingeln die eines Tages und
einer sagt, ob ich Winterzeug und ob ich Skier hätte. Ich sag „mit Skiern wollt ihr den Krieg
gewinnen, wohl ‘n bißchen bekloppt. Ich hab auch keine.“ [...] Kurz nach dieser Kristallnacht
kam auch Hitlerjugend und sammelte Zahnpasta. Ich sag, „ihr wollt meine Zahnpasta, holt
210 Ebd.
211 Ebd. Martha meint das Buch Der Untertan von Heinrich Mann.
212 Ebd., S. 27.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
100
euch die Sachen doch wieder aus dem Fleet raus! Was wollt ihr mit meiner Zahnpastatube!“
Das war für mich also, wenn man sich das überlegt!“213
In verschiedenen Situationen hat Martha immer wieder gezeigt, wie man sich trotz
Bedrohung und Denunziantentum verhalten konnte. Gerade weil sie als sogenannte
„Dreivierteljüdin“, die sich als „Halbjüdin“ getarnt hatte, in Lebensgefahr war, ist der Mut,
den sie bewiesen hat, bemerkenswert.
„Wie damals der Einmarsch in Russland im Radio war, [...] da saßen wir dann schon beim
Kaffetrinken und irgendwo waren auch Leute dabei, da sind sie einmarschiert und ich hab
gesagt, „Pack schlägt sich Pack verträgt sich“, Hitler und Stalin, oh, also die haben mich
beinahe gelyncht, wie man so was nur sagen konnte [...]. Hier hat mal einer bei mir
gesessen, der wollte auch sammeln [...], und er sagte mit den Juden, das müsse man ja
verstehen. „Ne“ sag ich, „versteh ich nicht. Wenn ich Ihnen jetzt ihre goldene Uhr
wegnehme wie nennen sie das dann, ist es Mundraub oder ist es Diebstahl?“ Den Juden
haben sie doch alles weggenommen! „Ja, sagen sie das bloß nicht so laut! Mir können Sies ja
sagen aber sagen Sie das bloß nicht so laut“.“214
Von gegenteiligen Situationen, in denen Nichtjuden sich unsolidarisch und autoritär
verhielten, weiß Martha zu Hauf zu berichten. Sie selbst sei einmal denunziert worden, weil
sie Auslandssender gehört habe. Es war jemand aus dem Kreis ihrer eigenen Mieter, aber
auf Nachfrage wollte niemand zugeben, es gewesen zu sein. Sie ist mit einer Warnung
davon gekommen. Aber die Atmosphäre im Haus war gefährlich, beschreibt Martha.
„Wir mussten ja Evakuierte aufnehmen […]. Und die eine, die war eigentlich ganz nett, die
war Kontoristin. Aber die haben natürlich alle gesagt, die wären es nicht gewesen. Ich weiß
auch nicht, wenn mal einer Kaffee röstete, und man roch das, das war gleich schon ich
mein, die Nachbarn hätten einen vielleicht nicht umgebracht, aber was weiß ich. Doch, sie
warn alle sehr, sehr für Hitler, alle.“215
213 Ebd., S. 10-11. Martha bezieht sich auf den traurigen Anblick des Hamburger Fleets nach der
Reichskristallnacht, in den viele geraubte Gebrauchs- und Wertgegenstände von Juden geschmissen worden
waren.
214 Ebd., S. 15.
215 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
101
Ein anderes Mal wurde sie von einer nichtjüdischen Bekannten vor einer Denunziation
gerettet.
„Mich hat auch mal einer angezeigt. So im Laden hab ich was gekauft, die Frau war sehr nett
die Frau vom Elektriker, ich sag „Gott ist ja furchtbar haben sie gehört da sind auf der
Moorweide wieder so viele Juden zusammengetrieben worden, schrecklich wenn man so
was hört“, kommen wir so ins Gespräch, aber sie gab keine Antwort mehr, inzwischen
waren da Kunden reingekommen. Und wie ich nach Hause komm ich war eben zu Hause da
ruft sie an und sagt „Frau Kadisch, tun Sie mir bloß den Gefallen, führen Sie doch im Laden
nicht solche Reden, die hinter Ihnen waren die haben das mitgehört, wie Sie raus waren
haben die zum mir gesagt, „sagen Sie mal, geben Sie mal die Adresse von der Frau, die eben
gesagt hat, dass sie so viele Juden auf der Moorweide zusammengetrieben haben“, da hab
ich natürlich gesagt „die Dame ist Laufkundschaft kenn ich nicht“.“ So haben die das
gemacht, in Geschäfte gegangen und rumgehorcht. Und bei dem Enkel kauf ich heute noch.
Ich sag immer zu ihm „ihre Großmutter hat mir das Leben gerettet“.“216
Martha hat Glück gehabt, dass die ihr bekannte Verkäuferin den Mut hatte, sie zu schützen.
Ein Bekannter von Martha, ein jüdischer Arzt, wurde hingegen mit tödlichen Folgen
denunziert. Die Episode muß sich nach September 1941 zugetragen haben, denn der Arzt
hat schon einen Stern getragen, den er in der Straßenbahn, die er nicht benutzen durfte,
versteckt hielt.
„Der Doktor Bauer, sehr guter Bekannter von uns, ein jüdischer Arzt, ist mit der
Straßenbahn gefahren [...]. Eine Patientin hat ihn in der Straßenbahn gesehen, ist zum
Schaffner und hat gesagt „das ist ein Jude, lassen Sie sich den Mantel zeigen“. Raus aus der
Straßenbahn, gleich die Polizei gerufen. Der Mann ist abgeholt worden, keiner hat ihn je
wiedergesehen. Den haben sie auch umgebracht [...]. Das sind Sachen gewesen, die waren
nicht nötig.“217
Bei Einführung der Kennzeichnungspflicht für Juden im September 1941 hatten Martha und
ihr Sohn Peter, der zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt war, eine vielsagende Begegnung,
ebenfalls im Zug.
216 Ebd., S. 16.
217 Ebd., S. 15.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
102
„Mein Sohn und ich sind einmal mit dem Zug gefahren, ich weiß nicht wohin, sitzen wir
gerade so im Abteil, saß ein Herr in Uniform uns gegenüber. Schlägt die Zeitung auf und liest
und sagt zu seiner Freundin „Gott sei Dank, endlich mal, jetzt müssen die Juden einen Stern
tragen.“ Hab ich nur zu meinem Sohn gesagt „Peter komm wir wollen gehn“, „ne“ sagt er,
„Mutti wir sitzen gerade so gemütlich“, sag ich „trotzdem, wir wollen in den Speisewagen
gehen“.“218
Martha erinnert sich auch an an das misslungene Stauffenberg-Attentat am 20. Juli 1944,
die anschließende Exekution Stauffenbergs und die spontanen Reaktionen der
nichtjüdischen deutschen Bevölkerung darauf:
„Ich hab hier sauber gemacht, da hör ich auf einmal, dass sie ihn gekriegt haben. [...] Ich bin
beinahe in Ohnmacht gefallen, dass das Attentat nicht geglückt ist. Und dann bin ich
nachmittags, oder am Tag darauf, in der Straßenbahn gefahren, und es wurde nur darüber
gesprochen, das sei ja unerhört, dass sie das auf Hitler gemacht hätten und alle waren
ziemlich erfreut, das Stauffenberg nun geschnappt worden war.“219
Die Befreiung im Mai 1945 haben Martha und ihr Sohn auf dem Land erlebt, wohin sie vor
den Bomben geflüchtet waren. Die Leute dort seien Hitleranhänger gewesen, aber durchaus
nett zu ihr.
„Die Leute trugen natürlich alle Parteiabzeichen. Aber sie hätten mich nicht umgebracht,
das waren gute Bauern. Hatten ne kleine Wirtschaft, wo wir wohnten. Umgebracht hätten
sie mich nicht. Aber wie dann Schluss war, da kamen sie dann an, „Frau Kadisch, sie können
doch Englisch sprechen, jetzt kommen die Engländer, was machen wir bloß, und hier sind
unsere Parteiabzeichen.“ Sag ich, „geben Sie mal her ich schmeiß sie ins Plumsklosett“, hab
sie ins Plumsklosett geworfen, noch ein bisschen was draufgetan, und das wars.“220
Martha wurde nach der Befreiung nicht nur von der Lehrerin ihres Sohnes ausgenutzt, die
einen Persilschein wollte. Es gab mehrere solcher schamlosen Begegnungen. Eine spielte
sich unter ihren eigenen Mietern ab.
218 Ebd., S. 18.
219 Ebd., S. 28.
220 Ebd., S. 29.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
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„Die Engländer kamen ja zur Besatzung und wollten dann auch unser Haus besetzen. Und da
hat einer, ein Arzt, ganz fieser Kerl, der erst meinen Mann angezeigt hatte und alles, aber
dann als die Engländer kamen hat er gesagt, „wissen Sie, die Hauswirtin ist Jüdin, hier
können Sie nichts machen“ – „ach so dann wollen wir das Haus nicht besetzen“. Da haben
sie mich dann als Schild genommen und das Haus wurde nicht besetzt. Gleich losposaunt,
„ne das können sie nicht!“ […] Die waren immer so, wie es ihnen gerade gepasst hat.“221
Martha wurde ausgenutzt, weil ihr Status als ehemalige Verfolgte Schutz versprach. Die
Menschen hatten Angst, und sie waren es gewohnt, ihre Meinungen und Überzeugungen
nach der aktuellen politischen Situation auszurichten. Es gab ihrer Meinung nach wenige,
die sich eine moralische Haltung leisteten. Es gab auch nach der Befreiung, als dies
eigentlich politisch ungefährlich gewesen wäre, kein Mitgefühl und keine Hilfe für Martha
und ihre Familie. Martha nahm es gelassen.
„Nachher waren sie alle furchbar feige, wie es zu Ende ging. Keiner wollte „Hitler“ gesagt
haben. Sie kamen immer zu mir, „Sie wissen das doch, dass wir das nicht waren“, und so.
„Ja, ja“, sag ich, „ich zeig keinen an, Sie können ganz beruhigt sein.“ Wo ich wusste, dass die
Leute niemanden angezeigt haben und nur harmlose Mitläufer waren. Das hätte man
vielleicht auch gemacht, da soll man nun keinen Stein werfen.“222
Wie Martha es geschafft habe, diese schwere Zeit so gut zu integrieren und psychisch zu
verkraften, möchte die Interviewerin gegen Ende von Martha wissen.
„Ich weiß nicht. Das haben viele gesagt. Kann ich eigentlich nicht sagen. Ich bin halt so ich
hab kein Blatt vor den Mund genommen [...]. Ich konnte meinen Mund nicht halten. Viele
sachten immer, „sei doch mal still!“ „Ne“, sag ich, das konnte ich nicht. Bisschen was muss
man doch sagen.“223
Als nach der Befreiung die Zeit des Hungers kam, hat Martha kurzentschlossen eine kleine
Näherei gegründet. Sie hat sich alte Militärmäntel und Hakenkreuzfahnen geschnappt, die ja
plötzlich niemand mehr haben wollte, und daraus warme Kinderkleidung genäht „mit
221 Ebd., S. 22.
222 Ebd., S. 29.
223 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
104
rotem Futter“224. Das Geschäft ging sehr gut, nach kurzer Zeit hatte sie sechs Näherinnen
und drei Lehrlinge. Martha freut sich immer noch an dem Gedanken, dass sie die
Genehmigung für das Geschäft von den Engländern bekommen hat, ohne drei Jahre Lehrzeit
und eine Abschlussprüfung vorweisen zu müssen: „Die haben das ganz unprobematisch
gemacht, das ging wunderbar“225.
Als Anfang der 50er Jahre die fabrikmäßige Produktion von Kinderkleidung wieder ins Rollen
kam und ihr Mann sein Geschäft wieder aufgebaut hatte, hatte Martha dann aber keine Lust
mehr zu arbeiten. Nachdem sie sich und ihre Familie aus dem schlimmsten Schlamassel
hinausgehievt hatte, zog sich die tatkräftige, patente Martha wieder zurück in ihre Welt der
Hauswirtschaft.
224 Ebd., S. 23.
225 Ebd., S. 24.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
105
1.5 Betty C. aus Berlin
„Berlin is much much more beautiful than New York ever will be.“
Betty C., Bridgeport/Connecticut, 6. August 1979
Während Frankfurt am Main für die Lebendigkeit seiner jüdischen Gemeinde berühmt war,
war Berlin rein zahlenmäßig die Stadt mit der größten jüdische Gemeinde in Deutschland.226
Hier, in Berlin Charlottenburg, wurde 1910 das jüdische Mädchen Betty C. geboren. Trotz
der großen, unüberwundenen Kränkung, die die Nationalsozialisten ihr zugefügt haben, hat
Betty ein sehr gutes Erinnerungsvermögen. Ihre traumatischen Erlebnisse haben sich als
sehr bildhafte Erfahrungen in ihrem Kopf festgesetzt, die sie mit viel Gestik, Mimik und
wörtlicher Rede wiedergibt. Bettys Erinnerungen an ihre schöne Kindheit und Jugend in
Berlin sind ihr heilig. Sie erzählt von Besuchen der Oper und der Berliner Philharmonie, von
guten Schulen und Hausmädchen, die für sie sorgten, und von ihrer Welt der schönen
Frauen und der wertvollen Felle. Schönheit spielte eine herausragende Rolle im frühen
Leben von Betty C., bis zum Beginn der Verfolgung 1933. Nichts, was irgendwann später
kam, reicht an diese frühen Lebenserfahrungen heran, wie Betty sehr schnell deutlich
macht:
„That life was just beautiful. We had a wonderful youth […]. Berlin is much much more
beautiful than New York ever will be“, so beginnt Betty ihr Interview.227 Diese Welt jedoch,
an der sie so hängt, ist für immer verloren. Es scheint Betty noch 40 Jahre später sehr
schwer zu fallen, dies zu realisieren, so schwer trifft sie der Verlust.
Das Interview mit Betty ist das älteste in der Sammlung des Fortunoff-Archivs in New Haven.
Betty war zum Zeitpunkt ihrer Befragung, 1979, 69 Jahre alt und hatte die letzten 40 Jahre
ihres Lebens in den USA verbracht. 1939 war die Tochter des Besitzers einer
Herrenbekleidungsfirma im Alter von 29 Jahren zusammen mit ihrem Ehemann und dem
226 Vgl. zur Geschichte der Juden in Berlin Andreas Nachama, Juden in Berlin, Berlin 2001; Reinhard Rürup,
Jüdische Geschichte in Berlin. Bilder und Dokumente, Berlin 1995, und ders., Jüdische Geschichte in Berlin.
Essays und Studien, Berlin 1995.
227 Betty C. Holocaust testimony (HVT -31), interviewed by Laurel Vlock, August 8, 1979, Holocaust Survivors
Film Project, Bridgeport, Connecticut, Transkript von Sonja Niehaus, S. 1.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
106
gemeinsamen Baby auf dem Dampfer Orinoco aus Deutschland geflüchtet, nachdem ihr
Pelzmantelgeschäft von den Nationalsozialisten unter Mithilfe der Berliner Bevölkerung in
der Pogromnacht 1938 zerstört und gewaltsam enteignet worden war. Betty blieb trotz
allem Zeit ihres Lebens eine stolze jüdische Berlinerin.
Die Selbst- und Fremddarstellungen in Bettys Erzählungen zeugen eindrücklich von der
Kränkung, die der erzwungene soziale Abstieg und die ständigen Demütigungen bis hin zu
ihrer Vertreibung aus der geliebten Heimat ihr zugefügt haben. Sie hat ihre Kraft daraus
gezogen, ihr Judentum ostentativ vor sich her zu tragen, gewissermaßen als Schutzmantel,
unter dem sie ihre Würde und ihre Selbstliebe zu bewahren suchte. Betty stammt aus einer
reichen Familie des gehobenen Berliner Bürgertums und in diesem priviligierten Milieu ist
auch ihr Selbstbild geformt worden sowie ihr Stolz mitbegründet. Aber auch ihre weibliche
Erziehung und Identifikation waren dabei ausschlaggebend, wie an einigen Stellen im
Interview deutlich wird.
Betty hat große Angst davor, angegriffen und von anderen in Frage gestellt zu werden. Sie
ist sehr vorsichtig. Deutlich ist zu spüren, dass 1979, als sie das Interview gegeben hat, nicht
unbedingt davon ausgegangen werden konnte, dass ihre Zuhörer jedem Detail ihrer
Geschichte Glauben schenken. Betty berichten von ihren Erfahrungen mit Leugnungen des
Holocaust. Wenig spricht sie über ihre Gefühle, ihr Innenleben versucht sie immer noch vor
anderen zu schützen. Am Ende des Interviews weint Betty, als die Sprache auf Initiative der
Interviewerin doch noch auf den Mord an einigen ihrer Familienangehörigen im Holocaust
kommt.
An den Ersten Weltkrieg erinnert sie sich kaum, war sie doch damals zwischen 4 und 8 Jahre
alt, wie sie betont. Sie vergegenwärtigt jedoch im Interview den Aufstieg der Nazis und den
beginnenden Antisemitismus Anfang der 1920er Jahre. Nach dem Besuch einer
Handelsschule fing sie als Bürokraft bei einer Firma an, die exklusive Pelzmäntel verkaufte
und vier eigene Mannequins unterhielt, wie Betty hervorhebt. Das war, ihrer Erinnerung zu
Folge, 1927. Ihre anschließende Karriere im Pelzgeschäft beschreibt sie knapp, aber stolz:
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
107
„I went to business school to learn typewriting and stenography and then I went to work
into an office. I started there just like any other office girl and worked my way up to be a
manager of the office. And then I got married.”228
Die Welt dieser Firma und des Pelzmarktes überhaupt war einzigartig, glitzernd und
glamourös. Die Pelze wurde überall auf der Welt verkauft, erinnert sich Betty. Sie fühlte sich
sehr wohl. Die Welt außerhalb dieses Kosmos begann derweil, sich zu verändern, was Bettys
Wahrnehmung durchaus nicht entging. Insbesondere an jüngere Deutsche erinnert sie sich,
die den Nationalsozialisten folgten, deren Uniformen trugen, in den Paraden marschierten
und die Hakenkreuzflagge grüßten. Sie schienen aufgrund ihres Alters nicht zu wissen, was
sie taten, ist Bettys Einschätzung. Natürlich kam auch der Zeitpunkt, an dem sich die
Geschlossenheit der erhabenen Glamourwelt selbst als Illusion erwies. Ausgerechnet eines
der vier schönen Mannequins outete sich in der Firma als Nationalsozialistin. Für Betty
brach eine Welt zusammen, in der Schönheit mit Kultur, aber auch mit weiblicher Unschuld
assoziiert war. Noch heute reagiert sie fassungslos auf diese Erinnerung: „How do you
expect a young woman, beautiful figure!, to believe in something like that! […] She was a
mannequin, she was a model. She did show all these nice things.“229
Betty berichtet auch von ein zweiten einschneidendes Erlebnis zu Beginn ihrer Verfolgung
als Jüdin. Ihre Firma hatte zu Beginn der 1920er Jahre einen Kriegsinvaliden als Türsteher
eingestellt. Jahrelang stand er an der Eingangstür zur Firma und durchsuchte Taschen. 1933,
direkt nach dem Machtantritt der Nazis, trat er der NSDAP bei keinen Tag später, aber
auch keinen Tag eher: sondern genau „the minute the Nazis started to walk into Berlin and
showing themselves off with those big flags.“230 Anders als bei dem Erlebnis mit dem
schönen Mannequin findet Betty für das Verhalten des invaliden Türstehers jedoch eine für
sie einleuchtende Erklärung: „He had nothing to loose! He wasn’t Jewish. So he belonged to
this party because he had figured, maybe someday he will have a very nice job with those
people.“231
228 Ebd., S. 2
229 Ebd.
230 Ebd.
231 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
108
In dieser interessanten Einschätzung von Betty, die sicher alles andere als unrealistisch ist,
spiegelt sich nicht nur vermuteter Sozialneid und Autoritarismus, sondern vor allem eine
völlige Empathielosigkeit mit den Juden: er hatte nichts zu verlieren, weil er kein Jude war,
formuliert Betty. Die reine Berechnung, die Betty bei dem ehemaligen Arbeitskollegen
vermutet und auf der sein Mitläufertum demnach beruhte, wird von ihr damit verknüpft,
dass er nicht jüdisch war. Mit der Ignoranz gegenüber dem Schicksal der ihn umgebenden
Juden einerseits, dem Antisemitismus der Partei seiner Wahl andererseits, wird aus dem
Mitläufertum aber Täterschaft.
Betty arbeitete im Pelzgeschäft für einen jüdischen Chef. Das war jedoch für sie, die sich
nicht den Mund verbieten ließ und auf ihren Stolz und ihrer Würde beharrte, allerdings
nicht einfach. Sie erinnert sich an die folgende, einschneidende Begebenheit mit ihrem
Vorgesetzten:
„One day I got a buzz on my telephone. And my boss said to me, “Miss F., I would like to talk
to you.” He was Jewish. Well, I said, yes and thought some dictation or something. And I
went into the office. And he said, “Miss F., I am terribly sorry to tell you that. I know how
you feel about it all. But they don’t really mean you and us.“ And I said “Mister L., let me put
you straight. You are a Jew, and so am I. Don’t tell me that they don’t mean you and me.
Because they don’t care that you were born here, or were you came from, they don’t ask.
Because you are a Jew.“ – “Well“, he said, “you know, I am calling you in because, this
particular man came into the office and told me, “if Miss F. is not greating the flag, I will
have to report that. And you know where she is going to end up. In a concentration
camp.”“232
Betty entschied, sich nicht an die Nazi-Gepflogenheiten anzupassen, und kündigte statt
dessen ihren Job. Mit der Kündigung, so scheint es, war dann die Angelegenheit für sie
erledigt. Freilich funktionierte das für sie, weil sie sich als Frau, zumal als eine wohlhabende,
nicht auf Arbeit außerhalb ihrer eigenen vier Wände angewiesen fühlte. Sie wechselte die
Sphäre und zog sich ein Stückchen weiter ins Privatleben zurück, um sich der
antisemitischen Atmosphäre nicht weiter auszusetzen. Der Schritt war aber sicher trotzdem
nicht einfach für sie, denn die Arbeit im Modegeschäft bedeutete ihr viel.
232 Ebd., S. 3
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
109
Betty hatte jedoch in der Zwischenzeit ihren zukünftigen Ehemann kennengelernt. Sie
bereitete sich nun darauf vor, in ihrer zukünftigen Rolle als Ehefrau und Mutter aufzugehen.
Das Kennenlernen des Ehemannes beschreibt sie in ihren ansonsten eher knapp gehaltenen
Ausführungen233 auffallend ausführlich. Während des Erzählens erlebt sie die betreffenden
Episoden noch einmal, und es bereitet ihr sichtlichen Genuss:
„He had worked for the same company. He was very ill at the time we met, he had a busted
appendix, and they gave him only a fifty fifty chance. So being in charge, you know, of the
office we felt that somebody should go and visit him. So I came to the hospital, and he was
really a mess. Didn’t eat, didn’t want to talk. And there was another man, a friend. My
husband was in charge of the fur department, very expensive furs, like those days mink, or
broadtail, you name it. So this man, this friend of his was there, too. And I was sick looking
at him because he was a very handsome young man. He had lost his parents, his mother had
died of cancer, and he lost his father ten days later, on a broken heard. So they were two
brothers, he and an older brother. To make a long story short, I said to him “Mister C., if you
promise me to eat” - I had never met him before, I mean we didn’t go out we just said hello
“if you behave now and you really get well again, and you promise that you are going to
finish your food, I promise you, we make a date.” And this other gentleman said, “you think
of me, I am in the room, too!” and I said “fine”. And sure enough. In the meantime I left for
vacation. To Holland. My sister was there, she was a designer for very beautiful evening
clothes […]. We married and I quit my Job because I didn’t want to go in a concentration
camp.”234
Nach der Hochzeit machten Betty und ihr Ehemann sich im Fellhandel selbstständig. Im
September 1938 gebar Betty eine kleine Tochter. Die Geburt war sehr schwierig und Betty
wurde krank und musste vier Wochen im Krankenhaus bleiben. Auch nach der Entlassung
war sie noch nicht in der Lage, alleine für sich und ihr Baby zu sorgen: „I couldn’t even stand
on my legs alone.“235 Sie brauchte eine Krankenschwester zu Hause. Dass sie nach den
damals gültigen antisemitischen Gesetzen keine Krankensschwester unter 45 Jahren
einstellen durfte, war für sie ein Schock und eine große Demütigung, auf die sie noch im
233 Das gesamte Transkript des Interviews hat nur 16 Seiten.
234 Betty C. Holocaust testimony, S. 3-4.
235 Ebd., S. 4.
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Interview mit Empörung und Verletzung reagiert. Die Schmerzen und die große Hilflosigkeit
nach der Geburt gipfelten nicht nur in einem Mangel an Anerkennung für ihre Leistungen als
Gebärende. Überdies wurden ihr und ihrem Ehemann in dieser schweren Situation durch
das rassistische Gesetz gedemütigt.236
Die Krankenschwester, die sie schließlich einstellte, war nett und eine große Hilfe, allerdings
war sie nur eine Woche bei ihr. Dann kam der 9. November 1938. Betty lag im Bett, die
Krankenschwester war bei ihr. Sie lebte mit ihrem Mann und ihrem Baby in Berlin-
Schöneberg, zwischen Innsbrucker Straße und Prinz-Regenten-Straße. Die schöne, neue
Synagoge an der Prinz-Regenten-Straße war vom Fenster ihres Eßzimmers aus zu sehen.
Plötzlich geriet ihre Krankenschwester in helle Aufregung: „The nurse called me and said,
“M’am, look at the dome!“ It was burning, like hell.“237 Das war am frühen Morgen, gegen
sechs Uhr. Um sieben Uhr bekam Betty einen Anruf von ihrem Schwager.
„We had an office by that time. My husband was on his own, we had opened up our own
office where we sold expensive furs. And my brother-in-law said to me, “Betty, darling, I’m
downtown. They destroyed completely Leo’s office and threw out all the furs!” Now furs,
you have to understand, if you sell them for coats, they have to be bundled up, 30 or 35 or
45, by size. They threw everything out. And he said to me, “there are thousands of people
grabbing clothing!” Well, can you feel what I felt at that time? My husband took the car and
went downtown, but there was nothing he could do. What we built up for three years, after
we got married, it was all gone! What are you going to do after that? And your bank account
was confiscated, too […]. There was nobody to complain to, nobody. You were a Jew. And
this is what happened to the Jews! It didn’t only happen to us, there were companies like on
5th Avenue, let’s say Macy’s or so, who had no windows anymore! They were burned down.
And they were stealing left and right. There was police around them but they closed their
eyes […] Stealing everything they wanted to take. Only the Jewish stores. They had put on
every store a Magen David and “Jude”[…]. One person regretted. I got a call that night. One
lady. She called us up and said she had a bunch of beaver, for a beaver coat, and she
236 Paragraph 3 der Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935 verbot die Beschäftigung weiblicher
Hausangestellter „deutschen oder artverwandten Blutes“ unter 45 Jahren in Haushalten von Juden. Vgl. Walk,
Sonderrecht, S. 127.
237 Betty C. Holocaust testimony, S. 4.
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wouldn’t be able to live with it. Could she come and drop it off. I said yes, why not. Not that
I could do anything with it. So she came and she gave it to me. And that was all.“238
Für Betty und ihre Familie war nun klar, dass sie Deutschland schnell verlassen mußten. Ihre
Bank hatte ihnen zu verstehen gegeben, dass sie das Geld für ein Ticket bekommen würden,
wenn Sie eine Schiffspassage vorweisen könnten. Natürlich handelte es sich dabei um ihr
eigenes Geld, was vorher konfisziert worden war. Bettys Eltern schafften es, nur einen
Monat nach der Kristallnacht nach England zu Bettys Schwester in London zu flüchten. Die
Designfirma, für die die Schwester in Holland gearbeitet hatte, war schon lange vor 1938
nach England übergesiedelt. Betty wird bei der Erinnernung daran sehr traurig. „Because
they knew what was going to come! And I knew what was going to come - they told you
this! But you ever had this feeling that they couldn’t do such a thing. How stupid can one
get. To say they couldn’t. Of course they could, they proved it.”239
Betty erinnert sich, dass es in Deutschland nicht nur kein Geheimnis war, wie die Juden
behandelt wurden, sondern dass es im Gegenteil von Anfang an lautstark verbreitet wurde.
Eigentlich wußte jeder Bescheid. Das Problem vieler Juden war jedoch, dass sie es nicht
glauben konnten. Die Nichtjuden hätten entweder zugestimmt oder weggehört oder
beides, je nachdem, was dem eigenen Fortkommen gerade besser diente.
Betty und ihre Familie konnten ausreisen. Sie schafften es, über Bekannte von Bettys Bruder
ein Affidavid für die Einreise in die USA zu bekommen. Ein reicher, entfernter Verwandter
bürgte für sie. Sie bezahlten eine Menge Geld für einige Papiere, erinnert sich Betty, und
gingen noch im November 1938 zum Büro der Hamburg-Amerika-Linie, das sich in Berlin
Unter den Linden befand. Dort vertröstete man sie auf den 29. März 1939, vorher war keine
Passage zu bekommen. Sie verkauften alle ihre Möbel, weil sie nichts mitnehmen konnten,
für sehr wenig Geld. Die Leute wussten, dass sie gezwungen waren, zu verkauften, und
niemand war bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen. Für ihr Geld konnten sie sich am
Ende nur Tickets für die Dritte Klasse leisten.
238 Ebd., S. 4-5.
239 Ebd., S. 5.
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112
Der Dampfer, die Orinoco, sei eine Katastrophe gewesen, erinnert sich Betty, und der
Kapitän des Schiffes ein Nazi. Ihr Baby war damals gerade sechs Monate alt, und Batty
machte sich große Sorgen. Die Dritte Klasse war in einem furchtbaren Zustand:
„The filthiest thing I ever saw. I was supposed to go downstairs, where they had those
bunkers. With the Baby. I said, “not me”. I figured, “what can they do, throw me in the
water, why, I have nothing to lose anymore”, and I stationed myself in a room where you
could sit down and write or read, with built-in benches, and fortunately I had taken the
beautiful carriage that I had for the Baby. And I don’t know why I took something along like
a leather belt in which I had a blanket rolled in, and I carried it in my hand like I had a little
handle. I was lucky I did this. I came into this room and I said “I’m not going to move out of
here anymore, I don’t care what they are gonna do. This is the room that I am going to stay
in with this Baby”. I put the belt around the wheels of the carriage and tightened it to the
table that was built in, too, you know, that didn’t move that table, and I said, “she will be
secure in that”. It was only a six months old little Baby, but the most beautiful Baby you
have ever seen. With light blonde hair, dark brown eyes. And the captain came in and said,
“you can’t stay here”, and I said, “Captain, I don’t care whether you like this or not. But I’m
going to stay here. I’m not going to move“. What I didn’t know was that on the trip before
us that boat Orinoco also had a Baby on it, and the Baby died. That I hadn’t known till we
left the boat in Havanna. So he didn’t put up a big fight.”240 Betty und ihre Familie kam
wenige Wochen später gesund in Havanna an.
Betty war die letzte aus ihrer Familie gewesen, die Deutschland verlassen hatte: „I didn‘t
want to go till everybody else was out“,241 sagt sie. Und sie würde nie wieder nach
Deutschland zurückgehen, nicht für eine Millionen Dollar. Es scheint ihr immernoch
unverständlich zu sein, wie ihre Verfolgung und ihre Vertreibung aus dem geliebten Land
und ihrem wohlgeordneten Leben in Berlin wahr werden konnte. Sie ist immernoch bemüht,
sich selbst von der Wahrheit dessen zu überzeugen, was sie sie erlebt hat. Sie habe von
Anfang an gesehen, wie sich die Dinge um sie herum entwickelten, aber sie haben es eben
trotzdem nicht glauben können. So geht es ihr bis heute.
240 Ebd., S. 6-7.
241 Ebd., S. 7.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
113
„Why did they do that. Why did they make us leave this country, that we were so
acquainted with and enjoyed it and had such beautiful times. You know I still remember the
schools, you couldn’t beat the education there. Why did they do this to us. And I should go
there today and say, “hello, how are you, I’m back again”. I swear, for a million Dollars I
wouldn’t go back […]. They took people like us. Educated people. Intelligent people. Who
never needed a penny from anybody else. Had a god business.“242
Den Bruch, den die Vertreibung in Bettys Leben darstellt, konnte sie nie überwinden. Ihr
Leben war, so erinnert sie sich heute, so eingerichtet, wie sie es sich gewünscht hatte, alles
passte zusammen. Obwohl sie den besten Zeiten ihres Lebens im Berlin der 1920er Jahre
nachtrauert, hält sie doch viel von den USA und ist dankbar dafür, dass sie dort neu
anfangen durfte:
„ I love this country that took us in and gave us an opportunity to start again from the
beginning. It was very tough, believe me. If you think it was easy here, no, it wasn’t.“243
Bis heute hat Betty Angst vor dem Unglauben, der ihr in den USA manchmal
entgegengebracht wird. Viele Amerikaner würden ihr ihre Geschichte nicht glauben, sagt
Betty. Gerade letzte Woche sei ihr das wieder passiert. Auch amerikanische Nazis
thematisiert sie am Rande des Interviews und ihre große Angst vor einer Wiederholung ihrer
oder ähnlicher Erlebnisse wird an dieser Stelle sehr deutlich.
242 Ebd.
243 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
114
1.6 Jenseits der Großstädte Das Zusammenleben in der Provinz
Die deutschen Juden, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lebten, gelten landläufig
als eine Bevölkerungsgruppe, die ausschließlich ein metropolitanes und oft hochkulturell
geprägtes Leben in den deutschen Großstädten geführt hat. Lange Zeit hat sich auch die
Forschung fast uneingeschränkt auf die jüdischen Eliten in Berlin, Frankfurt, Breslau und
Hamburg konzentriert, die ein solches Leben tatsächlich führten.244 Immerhin lebten 80%
der damaligen jüdischen Bevölkerung in Deutschland in großen Städten.
Dabei wird aber vergessen, dass Juden in den meisten deutschen Staaten als Ergebnis von
Verfolgungserfahrungen jahrhundertelang ausschließlich auf dem Land gelebt haben, weil
sie in den Städten nicht geduldet waren. In Franken, Hessen, Bayerisch-Schwaben, Baden,
Württemberg, dem Rheinland und in Westfalen lebten besonders viele Landjuden in
Kleinstädten und in sogenannten Judendörfern.245 Erst im Zuge der rechtlichen
Emanzipation vollzog sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts innerhalb von nur zwei
Generationen ein rasanter Prozess der Urbanisierung. Gegen Ende der Weimarer Republik
lebten dann in dessen Folge circa vier Fünftel der deutschen Juden in größeren und großen
Städten und fortan galten sie als städtische Gruppe par excellene: „Keine andere Minderheit
war so urbanisiert. Die Stadt war der Ort, an dem die deutschen Juden ihre größten
Leistungen im Wirtschafts- und Kulturleben vollbrachten, was ihre Bedeutung und
Sichtbarkeit im urbanen Raum zusätzlich erhöhte.“246, fasst Richarz das Ergebnis dieser
Entwicklungen zusammen.
Dennoch blieben die Land- und Kleinstadtjuden auch noch im 20. Jahrhundert mit einem
Anteil von 20% eine zahlenmäßig bedeutsame Minderheit, die auch kulturell eine wichtige
244 Kritik daran und Forschungsüberblick zu Landjuden bei Monika Richarz, Ländliches Judentum als Problem
der Forschung, in: dies./Reinhard Rürup (Hg.), Jüdisches Leben auf dem Lande. Studien zur deutsch-jüdischen
Geschichte, Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, 56, Tübingen 1997, S. 1-8.
Siehe auch Monika Grübel, Landjuden ein Leben zwischen Stadt und Land, in: Claudia Maria Arndt (Hg.),
Unwiederbringlich vorbei. Geschichte und Kultur der Juden an Sieg und Rhein, Zeugnissedischer Kultur im
Rhein-Sieg-Kreis, 3, Siegburg 2005, S. 52-71, die besonders auf die Bedeutung von Lokal- und
Amateurhistorikern bei der „Entdeckung“ der Landjuden eingeht. Siehe Christhard Hoffmann, Verfolgung und
Alltagsleben der Landjuden im nationalsozialistischen Deutschland, in: Monika Richarz/Reinhard Rürup (Hg.),
Jüdisches Leben auf dem Lande. Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte, Schriftenreihe wissenschaftlicher
Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, 56, Tübingen 1997, S. 373-398, hier S.1, Fußnote 2 und 4, für einen
Überblick über Arbeiten zu Landjuden unter dem Nationalsozialismus.
245 Grübel, Landjuden, S. 52 f. „Judendörfer“ wurden Orte genannt, in denen eine jüdische Synagogen-
Gemeinde bestand. Dazu Utz Jeggle, Judendörfer in Württemberg, Tübingen 1999, S. 17, und Ulrich Baumann,
Zerstörte Nachbarschaften. Christen und Juden in badischen Landgemeinden 1862-1940, Hamburg 2000, S. 12.
246 Richarz, Ländliches Judentum, S. 1.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
115
Funktion hatte. Auf dem Lande veränderten sich im Allgemeinen die kulturellen und
religiösen Traditionen viel langsamer, die meisten Landjuden blieben orthodox ob das
freilich immer aus freien Stücken so war, sei dahingestellt247- und die traditionelle jüdische
Kultur konnte hier viel eher bestehen bleiben als in der Großstadt. Das Landjudentum
verkörperte auch die Vergangenheit der Stadtjuden, ob geliebt, verhasst, bemitleidet oder
verachtet.248 Gerade auch die vielfach pejorative Abgrenzung der großstädtischen Juden
gegenüber denjenigen, die auf dem Land lebten, aber auch gegenüber den traditionelleren
Ostjuden, die im 20. Jahrhundert in die deutschen Großstädte flohen und dort eine eigene
Gruppe innerhalb der jüdischen Gruppe bildeten,249 zeugt von einer Nähe und
Zusammengehörigkeit, die zum Teil von Außen oktroiert, zum Teil aber auch Bestandteil der
jüdischen Großstadtidentitäten war. Immerhin hatten Juden seit Jahrhunderten fast
ausschließlich in der Provinz gelebt, bevor sie sich in kürzester Zeit urbanisierten, was das
kulturelle Gedächtnis der Gruppe nachhaltig geprägt hat.
In den über 700 Judendörfern, die es im Deutschen Reich 1932 noch gab, machten die Juden
noch über 20% der Gesamteinwohnerzahl aus.250 Damit waren sie präsent im Ort und
prägend für das dörfliche Leben. Dazu kommen noch etliche Landjuden, die in Dörfern
lebten, die keine eigene jüdische Gemeinde hatten, vor allem in Franken und der Pfalz, und
die jüdischen Bewohner von Kleinstädten bzw. kleinen Landstädten.
Während die Großstadtjuden auf die Landjuden gerne herabschauten, weil diese den
„Aufstieg“ (noch) nicht vollzogen hatten, galten innerhalb der ländlichen Lebenswelten die
Juden wiederum als ein modernes Element auf dem Dorf und als Trendsetter. Sie trugen
teurere, modernere Kleidung als die meisten christlichen Dörfler, besaßen moderne
Haushaltsgegenstände und verfügten häufiger über Neuerungen wie ein Telefon oder ein
Auto. Gailingen in Baden, nach absoluten Zahlen mit 375 jüdischen Einwohnern die größte
247 Vgl. Fred K.’s Hinweis zu dem vermuteten Unglück seines Vaters über seine von außen erzwungene
Zugehörigkeit zur Orthodoxie im Interview mit Fred K.. Siehe dazu die Ausführungen im Kapitel 1.8.
248 Arno Herzig, Landjuden Stadtjuden. Die Entwicklung in den preußischen Provinzen Westfalen und
Schlesien im 18. Und 19. Jahrhundert, in: Monika Richarz/Reinhard Rürup (Hg.), Jüdisches Leben auf dem
Lande. Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte, Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo
Baeck Instituts, 56, Tübingen 1997, S. 91-107, hier S. 91.
249 Andererseits gab es auch eine Bewegung, sich die ländlichen Ostjuden in ihrer vermeintlichenen kulturellen
„Authentizität“ zum Vorbild zu nehmen und sich in Zeiten allgemeiner Unsicherheit an ihrer Bodenständigkeit
zu orientieren. Der Kulturzionismus ist so eine Strömung. Vgl. dazu die Artikel in Andreas Herzog (Hg.), Ost und
West. Jüdische Publizistik 1901-1928, Leipzig 1996.
250 Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S. 12
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
116
jüdische Landgemeinde Deutschlands, wurde „Klein-Paris“ genannt oder in Anlehnung
daran, französisch verwitzelt, „Gelagee“, weil es aufgrund der hohen jüdischen
Einwohnerzahl als Modedorf galt. Während die traditionellen jüdischen Schulen auf dem
Land noch weniger als ein halbes Jahrhundert zuvor ein wenig hohes Niveau aufwiesen,
verfügten die Dorfjuden nun über eine im Schnitt höhere Bildung als ihre christliche
Umgebung. Die jüdische Modernität auf dem Lande erklärt sich wiederum auch aus der
engen Verbindung zu den größeren Städten.251 Fast jede Familie hatte Verwandte, die in die
Großstadt gegangen waren, meist Söhne, die sich dort ausbilden ließen.252
Trotz dieser zulässigen Verallgemeinerungen gab es jedoch kein einheitliches deutsches
Landjudentum, dazu waren die inneren, aber auch die territorialen, politischen und
ökonomischen Unterschiede in den verschiedenen deutschen Staaten zu groß. In den
ostelbischen Gebieten spielte beispielsweise die Abwanderung von Juden in den Westen
eine zusätzliche Rolle für die jüdische Sozialstruktur,253 in Schlesien hatten die Juden eine
ganz andere Berufsstruktur als in Baden, Württemberg und Hessen und waren
beispiesweise Gutsinspektoren, Pächter, Müller, Bäcker, Schankwirte, Brauer und
Schnapsbrenner.254 Es machte auch einen Unterschied für den Antisemitismus, ob die
umgebende christliche Landbevölkerung vorwiegend katholisch oder evangelisch war. Toury
weist außerdem darauf hin, dass die besondere Entwicklung des Antisemitismus in Hessen
auch damit zusammenhing, dass es hier mit Marburg und Gießen zwei Universitätsstädte
gab, in denen der Antisemitismus besonders grassierte, und von wo aus er auch die
umgebende Landbevölkerung erreichte.255
251 Über das quantitativ weniger bedeutende norddeutsch-preußische Landjudentum schreibt Herzig, dass es
gegenüber den in die Stadt abgewanderten Juden kaum noch ein Eigenleben führte. Die Verbindungen
zwischen Land- und Stadtjuden dürften jedenfalls sehr eng gewesen sein. Vgl. Herzig, Landjuden, S. 91.
252 Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S. 43-47, und Jeggle, Judendörfer, S. 152-153. Vgl. auch die
Ausführungen zum Interview mit Harry T. aus Zürbach in Kapitel 1.7.
253 Stefi Jersch-Wenzel, Ländliche Siedlungsformen und Wirtschaftstätigkeit der Juden östlich der Elbe, in:
Monika Richarz/Reinhard Rürup (Hg.), Jüdisches Leben auf dem Lande. Studien zur deutsch-jüdischen
Geschichte, Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, 56, Tübingen 1997, S. 79-
90, hier S. 80.
254 Herzig, Landjuden, S. 98.
255 Jacob Toury, Antisemitismus auf dem Lande: Der Fall Hessen 1881-1895, in: Monika Richarz/Reinhard Rürup
(Hg.), Jüdisches Leben auf dem Lande. Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte, Schriftenreihe
wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, 56, Tübingen 1997, S. 173-188, hier S. 174. Vgl. zur
Bedeutung von Akademikern als Wähler, Unterstützer und Parteimitgliedern der NSPAD Wildt, Geschichte des
Nationalsozialismus, S. 64 ff.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
117
Das Zusammenleben von Christen und Juden in den Dörfern war geprägt vom religiösen,
sozialen und wirtschaftlichen Spannungsfeld zwischen den beiden Gruppen. Anders als die
meisten Großstadtjuden waren die jüdischen Landbewohner eine von der christlichen
Mehrheit deutlich unterschiedene Gruppe. Die Religionszugehörigkeit spielte eine nicht zu
überschätzende Rolle in den Dörfern, Mischehen kamen so gut wie nie vor. Während die
Religion jedoch gegenseitig grundsätzlich toleriert wurde und zwar Distanz, mitunter auch
Verachtung schaffte, gleichwohl aber kaum Anlass für handfeste Auseinandersetzungen
bot,256 barg die strenge berufliche Dichotomie zwischen Juden und Christen ein großes
Konfliktpotential.
Die meisten Juden verdienten ihren Lebensunterhalt im Handel mit Vieh und
Landesprodukten, einem Bereich, in dem es nur wenige christliche Kollegen gab, und
erfüllten eine wichtige Funktion in der Agrarwirtschaft.257 Während die Juden im Dorf fast
ausschließlich Händler waren,258 waren die Christen als Landwirte und Handwerker tätig.
Diese Trennung war Ergebnis von jahrhundertelangen Beschränkungen. Juden war es bis ins
18. Jahrhundert hinein an den meisten Orten nicht gestattet gewesen, Land zur eigenen
Bewirtschaftung zu erwerben. Die auf diese Weise erzwungene berufliche Dichotomie war
die Basis sozialer Zuschreibungen, die für den traditionellen und modernen Antisemitismus
elementar sind. Die Juden, vorgestellt als Händlervolk, seien ständig unterwegs, geistig
überlegen, aber körperlich schwach und faul, während die Christen sesshaft, zwar geistig
unterlegen, dafür körperlich stark und arbeitsam seien.
Auch der nationalsozialistische Antisemitismus hat diese Elemente aufgegriffen und zu
Bestandteilen seiner Ideologie und Praxis gemacht. Die Bemühungen um die Vertreibung
der jüdischen Viehhändler von den Märkten beschäftigten die Nationalsozialisten sehr,
256 Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S. 61-67. Baumann fand für Mittelbaden zwischen 1862 und 1940
nur einen einzigen Fall, bei dem es zu einem gewalttätigen Konflikt um religiöse Angelegenheiten genommen
ist, für Südbaden keinen einzigen.
257 Jeggle, Judendörfer, S. 56 ff.; Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S. 29, 38, 53 ff.; Falk Wiesemann, Juden
auf dem Lande: die wirtschaftliche Ausgrenzung der jüdischen Viehhändler in Bayern, in: Detlev
Peukert/Jürgen Reulecke (Hg.), Die Reihen fast geschlossen. Beiträge zur Geschichte des Alltags unterm
Nationalsozialismus, Wuppertal 1981, S. 381-396, hier S. 381.
258 Der Anteil der Juden, die einen eigenen kleinen Laden aufmachen konnte, stieg allmählich an. Vor allem
wurden Textilien und Manufakturwaren gehandelt. Ein eigenes Geschäft bedeutete meistens mehr Wohlstand
und fast immer ein besseres Leben als dasjenige als Hausierer und auch als Viehhändler, denn auch, wenn die
Geschäfte gut liefen, war man doch oft tagelang unterwegs und von der Familie getrennt, man war unterwegs
antisemitisch motivierten Belästigungen ausgeliefert und hatte daher ein beschwerliches Leben. Vgl.
Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S. 38.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
118
wobei der Widerspruch, dass ohne jüdische Viehhändler die Geschäfte der Bauern nicht
liefen und die Versorgung mit landwirtschaftlichen Gütern bedroht war, ihnen sehr zu
schaffen machte. Die Parteiführung war schon ab Mitte 1933, als Hitler die
„nationalsozialistische Revolution“ für beendet erklärt hatte, bemüht, Einzelaktionen, die
darauf zielten, Juden von den Viehmärkten fernzuhalten, zu unterbinden, während Gestapo
und örtliche Nationalsozialisten einen ideologisch härteren Kurs vertraten und oftmals in
Alleingängen ihre Ziele durchsetzten. Das Ergebnis war, dass es in den unterschiedlichen
Ländern und Gemeinden uneinheitliche Regelungen für die Tätigkeiten der jüdischen
Viehhändler gab. Während es in einzelnen Gebieten, wie zum Beispiel in Franken, den Juden
(entgegen den Richtlinien des Reichswirtschaftsministerium) untersagt war, als Viehhändler
auf den örtlichen Märkten tätig zu sein, blieb an anderen Orten der Güterkauf und -verkauf
zwischen jüdischen Viehhändlern und christlichen Landwirten bis zur endgültigen
Vertreibung und Deportation der Juden gängig.259 Dabei spielte natürlich auch das
individuelle Verhalten der Landwirte in der Interaktion mit ihren jüdischen
Geschäftspartnern eine herausragende Rolle.
Trotz der religiösen Barriere und der meist sozial bedingten Konflikte hat es auf den Dörfern
immer auch enge Kontakte zwischen Christen und Juden gegeben, seien sie
nachbarschaftlicher oder ökonomischer Natur gewesen. Baumann weist darauf hin, dass das
harte Leben auf dem Lande anders auch gar nicht zu bewerkstelligen gewesen wäre.260 Eine
gute Nachbarschaft und eine damit verbundene gegenseitige Überlebenshilfe sei elementar
gewesen. Die nachbarschaftliche „Norm des Verpflichtet-seins“ sei keine verbriefte Satzung,
sondern, viel verbindlicher, eine Tradition gewesen, der sich zu entziehen schlimme
wirtschaftliche und soziale Folgen haben konnte. Die traditionellen nachbarschaftlichen
Hilfseinrichtungen lebten von der Gegenseitigkeit. Man half sich in Zeiten der Not, wenn es
besonders viel zu tun gab oder wenig Nahrung vorhanden war, weil das eigene Überleben
vom Überleben des Anderen abhing.
258 Günter Plum, Wirtschaft und Erwerbsleben, in: Wolfgang Benz (Hg.), Die Juden in Deutschland 1933-1945,
München 1996, S. 268-313, hier S. 297 ff.; Steven M. Lowenstein, The Struggle for Survival of Rural Jews in
Germany 1933-1938: The Case of Bezirksamt Weissenburg, Mittelfranken, in: Arnold Paucker (Hg.), Die Juden
im Nationalsozialistischen Deutschland, Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck
Instituts, 45, Tübingen 1986, S. 113-124; Wiesemann, Juden auf dem Lande.
260 Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S. 32 ff.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
119
Die grundlegende Begegnungsform der beiden Gruppen war jedoch der wirtschaftliche
Austausch. Gerade weil Juden als Händler und Christen als Landwirte tätig waren, war die
Zusammenarbeit nicht nur gewinnbringend, sondern unvermeidlich. Vor allem aus der
gegenseitigen ökonomischen Abhängigkeit und dem Güteraustausch ergaben sich die
nachbarschaftlichen und sozialen Kontakte, wie beispielsweise auch ein gemeinsames
Vereinsleben, das in vielen Dörfern durchaus bestand, die gemeinsam gestaltete
Gemeindepolitik und die Freizeit- und Wirtshausgeselligkeit.261
Trotz dieser Berührungspunkte war das Zusammenleben von Juden und Christen weit davon
entfernt, harmonisch und idyllisch zu sein. In vielen Vereinen blieb den Juden die
Mitgliedschaft verwehrt, auch lange nachdem es die rechtliche Gleichstellung gab.262 Juden
wurden gewohnheitsmäßig als Außenseiter betrachtet und vielfach öffentlich verachtet,
bedroht und verfolgt. Juden blieben die Anderen, auch wenn sie zunehmend als
Dorfbewohner akzeptiert waren. Jeggle zu Folge hat es bis etwa zur Mitte des 19.
Jahrhunderts nicht zuletzt auch deswegen eine Trennung der Ansiedlungsgebiete von Juden
und Christen auf den Dörfern gegeben etwa Juden auf der einen Seite des Flusses,
Christen auf der anderen, oder Juden außerhalb des eigentlichen Ortes oder eben eine
„Judengasse“ als eine Art Getto im Ort - um die Juden vor gewalttätigen Übergriffen durch
die christliche Mehrheit zu schützen. Manche Landesherren wiesen Juden zum Schutze gar
Siedlungsplätze im Bereich ihrer eigener Schlösser zu.263 Als in Folge der liberalen
Emanzipationsgesetze Juden das Recht bekommen sollten, im Ortskern des späteren
jüdischen „Modedorfes“ Gailingen in Südbaden Wohnsitz zu nehmen, drohte der christliche
Teil der Gailinger Bevölkerung per Petition mit einem Exodus.264
Insbesondere arme Juden und jüdische Kinder waren dem Spott, der Verachtung und der
Gewalt von Christen ausgesetzt. Jüdische Bettler und Hausierer zogen oft tagelang alleine
übers Land, um für den Lebensunterhalt ihrer Familien zu sorgen, und waren der
christlichen Umgebung wie Freiwild ausgeliefert. Die meisten hatten nicht nur aus
261 Hoffmann, Verfolgung, S. 374, und Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S. 24 und 106 -7. Baumann fand
Orte, in denen Juden und Christen gemeinsame Vereine betrieben, aber auch solche, in denen es rein
christliche oder jüdische Vereine gab. Bei der Frage der gegenseitigen Integration im Vereinswesen spielte die
grundlegende politische und soziale Struktur des Ortes eine wichtige Rolle.
262 Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S. 106 f.
263 Jeggle, Judendörfer, S. 22-25.
264 Ebd., S. 24.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
120
wirtschaftlichen Gründen ein sehr hartes Leben, sondern in Folge ihrer Stellung als
gesellschaftliche „Parias“ auch einen qualvollen und mitunter gewalttätigen Alltag.265
Jüdische Kinder waren ebenfalls mindestens doppelt betroffen von Ausgrenzung und
Gewalt, denn sie standen ganz am unteren Ende der ländlichen Hierarchie und hatten
wenige Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen. Kinder wurden insbesondere in der Schule
und auf dem Schulweg zu Opfern von christlichen Lehrern und Schülern. An ihnen konnte
man den Hass auslassen und seinen Spaß haben und an ihnen wurden auch gerne Exempel
statuiert.266
Die ländlichen Traditionen der Verachtung und der Gewalt auf der einen Seite und diejenige
der nachbarschaftlichen Beziehungen und der Gegenseitigkeit auf der anderen bestanden
seit langem nebeneinander. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Widersprüche durch die
Aufklärung und die „Emanzipation“267 im 19. Jahrhundert nicht gelöst, sondern
paradoxerweise verstärkt wurden. Die Bemühungen um die Integration der Juden, die von
vorne herein nur von einem Teil der nichtjüdischen Welt getragen wurden,268 gingen zudem
noch an den Betroffenen vorbei. Juden sollten einfach aufhören, Juden zu sein, um sich das
„Eintrittsbillet“ in die christliche, bürgerliche Gesellschaft zu erkaufen,269 aber selbst dann,
wenn Einzelne dazu bereit waren, blieben viele traditionellen Barrieren weiterhin bestehen.
Die deutschen Juden begannen ihren sozialen Aufstieg im 19. Jahrhundert daher auf einer
eigenen Leiter, wie Jeggle schreibt, da ihnen schon die unteren Sprossen der allgemeinen
sozialen Leiter fortwährend versperrt blieben. Sie bemühten sich, Ansehen über soziales
Prestige und Bildung zu gewinnen. Sie bemühten sich um wirtschaftlichen Erfolg, zogen in
die Städte und legten Wert auf weltliche Bildung. Dem alten Muster folgend, entwickelte
265 Ebd., S. 29.
266 Ebd., S. 31 und 54 f.
267 Zu den Emanzipationsdebatten Reinhard Rürup, Die jüdische Landbevölkerung in den
Emanzipationsdebatten süd- und südwestdeutscher Landtage, in: Monika Richarz/Reinhard Rürup (Hg.),
Jüdisches Leben auf dem Lande. Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte, Schriftenreihe wissenschaftlicher
Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, 56, Tübingen 1997, S. 121-138; Reinhard Rürup, Emanzipation und
Antisemitismus. Studien zur „Judenfrage“ der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1987; Reinhard
Rürup, German Liberalism and the Emancipation of the Jews, in: Yearbook Leo Baeck Institut, XX/1975,
London, S. 59-68; Jeggle, Judendörfer, S. 157 ff.
268 Rainer Erb/Werner Bergmann, Die Nachtseite der Judenemanzipation: der Widerstand gegen die
Integration der Juden in Deutschland 1780-1860, Berlin 1989.
269 Als „Entrebillet“, wie Heinrich Heine formulierte, galt nicht nur symbolisch die christliche Taufe.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
121
sich der moderne rassische Antisemitismus aus der Angst der Nichtjuden vor eben dieser
Entwicklung auf Basis der uralten, religiös und wirtschaftlich begründeten Antipathie.270
Äußerungen von Verfolgten über ein harmonisches Zusammenleben auf dem Dorf, dass
1933 plötzlich durch die Nazis gestört wurde, sind wohl meist retrospektive Projektionen,
mittels derer das Dorf als intakter Schutz- und damit Zufluchtsraum imaginiert wird, der von
außen kaputtgemacht wurde.271 Es gab auf dem Lande eine diversifizierte völkische
Bewegung, deren Träger nicht eine einzige Partei war, sondern verschiedene Gruppierungen
und Einzelpersonen. Das einigende Band alles war der Antisemitismus.272 Er wurde nicht von
der NSDAP in die Dörfer getragen, er war schon da und vermischte sich zunehmend mit
modernen ideologischen Elementen. Umgekehrt griff die nationalsozialistische Ideologie
einige antisemitische Elemente auf, die originär aus dem Landleben stammten und zur Basis
der eigenen Denkungsart wurden.273
Einen Wendepunkt im Alltag von Jüdinnen und Juden stellte der Machtantritt der
Nationalsozialisten 1933 gleichwohl dar, denn er löste in ganz Deutschland eine Welle von
antisemitischer Gewalt aus. Die Rohheit der antisemitischen Exzesse in ländlichen Gegenden
konnte dabei die Brutalität in den Städten zuweilen noch überbieten. Die allgegenwärtige
Gewalt ging meist von kleineren Gruppen und Einzelpersonen aus und war in den seltensten
Fällen zentral geplant und organisiert.274 Manche, bei weitem jedoch nicht alle Beteiligten,
waren Parteimitglieder oder hatten Ämter inne. Juden wurden mit Steinen beworfen und
270 Vom christlich-jüdischen Zusammenleben im 19. Jahrhundert schreibt Jeggle: „Man lebte […] nicht in
Eintracht, man täuschte sie allenfalls vor [...]. Die Unterdrückten und Ausgestoßenen hatten sich auf ihre
Weise ein Ansehen verschafft, das man nicht mehr übersehen konnte. Weil keine Integrationsbasis da war,
hatten sie Juden außerhalb des Systems zur sozialen Aufholung angesetzt. Das verstimmte die Christen
gerade in den Judendörfern und verstärkte ihre Abwehr. Aber die Verhältnisse waren nicht so
eindimensional, wie es scheint. Neben der Tradition des Hasses und der Verachtung gab es seid der Aufklärung
auch eine Tradition der Toleranz und der Achtung [...]. Verblüffend ist die Gleichzeitigkeit der beiden
Stömungen.“Jeggle, Judendörfer, S. 154-157.
271 Vgl. ebd, S. 375; Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S. 174; Wildt, Volksgemeinschaft, S. 82.
272 Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S. 184, und Jeggle, Judendörfer, S. 375, Wildt, Geschichte des
Nationalsozialismus, S. 45 ff.
273 Vgl. zur Bedeutung der Wahlerfolge der NSDAP auf dem Land Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, S.
45 ff. und 62-63.
274 Hierfür und für das Folgende siehe: Hoffmann, Verfolgung, S. 376., Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S.
228, Wildt, Volksgemeinschaft, S. 106 ff.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
122
verprügelt, ihre Häuser und Geschäfte beschmiert. An einigen wenigen Orten kam es zu
progromartigen Ausschreitungen.275
Anders als in der Stadt hörte die judenfeindliche Gewalt auf dem Lande nicht auf, als Hitler
im Sommer 1933 die „nationalsozialistische Revolution“ für beendet erklärte. Das Land
reagierte langsamer als die Stadt. Zum einen brauchten die Informationen länger, um hier
anzukommen, zum anderen herrschte dem Landleben eigene Eigenwilligkeit weiter. Auch
die Pogrome im November 1938 kamen in einigen ländlichen Gegenden mit Verspätung an,
häufig wurde hier erst am 10. November tagsüber und abends randaliert.276
Wie nahmen nun die Juden in der Provinz selber Haltung und Verhalten der sie
umgebenden nichtjüdischen Mehrheit ab 1933 wahr?
Zentral war für viele das Gefühl, der Umgebung vollkommen ausgeliefert zu sein. Im Dorf
wußte jeder, wer jüdisch war und wer nicht. Es brauchte weder einen jüdischen Namen
noch eine „jüdische Nase“, denn von vorne herein kannte jeder jeden. Man lebte auf dem
Präsentierteller. Harry T. aus Zürbach in Hessen erinnert sich deutlich an das Lebensgefühl,
alles einstecken zum müssen, und seine Mutter brachte ihm bei, dass es von vorne herein
sinnlos sei, auch nur daran zu denken, dass er sich wehren könnte und es womöglich für ihn
einen Ausweg aus seiner Situation geben könnte: „You gotta make the best out of it“ war
der Satz, der Harrys Kindheit geprägt hat.277
Auch die Juden in der Stadt waren den Menschen um sie herum ausgeliefert. Typisch für die
Zustände auf den Dörfern ist jedoch, dass das Ausgeliefertsein antzipiert wurde, weil die
Betroffenen es gar nicht anders kannten und weil sie keine Möglichkeit sahen, im Alltag
irgendwie unterzutauchen. Stillhalten war vielerorts Gewohnheit und Tugend. Darin bestand
ein wichtiger Unterschied zu der jüdischen Bevölkerung in den Städten. Die Menschen auf
den Dörfern waren von vorne herein ein härteres Leben gewohnt, sie waren anspruchsloser
und resignierter Baumann bescheinigt den Dorfmenschen, „Apathie als öffentliche
275 Berühmt-berüchtigt die Vorfälle in Gunzenhausen in Mittelfranken und in Rhina in Hessen, vgl. Hoffmann,
Verfolgung, S. 376.
276 Ebd., S. 390. Gleiches gilt jedoch auch für Frankfurt am Main, vgl. Wolf-Arno Kropat, Kristallnacht in Hessen,
Wiesbaden 1988.
277 Harry T. Holocaust testimony (HVT-39), interviewed by Laurel Vlock and Nanette Auerhahn, March 1, 1980,
Holocaust Survivors Film Project, New Haven, Connecticut, Transkript von Sonja Niehaus. Vgl. Auch Kapitel 1.7
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
123
Tugend“ vor sich her getragen zu haben.278 Aber die Landjuden waren auch
anpassungsfähiger als die Stadtmenschen, denn wer sich nicht zur Wehr setzen kann, muss
sich anpassen. Diese Haltungen und Verhaltensweisen hatten die Juden auf dem Land seit
Jahrhunderten eingeübt.
Wie Harry T. gingen die meisten der Juden aus der Provinz, die die Verfolgung überlebt
haben, in eine große Stadt, bevor sie in Erwägung zogen, aus Deutschland zu fliehen.279 Sie
flohen zuerst aus der Enge und in den meisten Fällen besonderen Rohheit des Dorfes.
Die Flucht der meisten Landjuden geht damit über zwei Stufen, war sehr beschwerlich, und
hat besonders viel Kraft, Initiative, Wille und auch finanzielle Mittel erfordert.280
Ilse W. und ihre Familie lebten in der kleinen Stadt Rotenburg an der Fulda in Hessen-
Nassau, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen.281 Zu diesem Zeitpunkt hatte
Rotenburg 3956 Einwohner.282 Die Lebensverhältnisse waren hier selbstverständlich anders
als diejenigen auf den kleinen Dörfern, gleichwohl unterschieden sie sich auch von
denjenigen in der Großstadt. Die jüdische Familie W. wurde regelrecht belagert und
schließlich aus ihrer kleinen, beschaulichen Heimatstadt Rotenburg vertrieben. Nachdem die
damals siebenjährige Ilse schon die öffentliche Schule hatte verlassen müssen, weil die
antisemitischen Zustände dort für sie nicht mehr auszuhalten waren, und nachdem der
ältere Bruder aus denselben Gründen auf ein jüdisches Internat in Kassel283 geschickt
worden war, sah sich die ganze Familie 1935 auf Grund des antisemitischen Terrors
gezwungen, die Stadt zu verlassen und sich in der großen Stadt Frankfurt am Main
niederzulassen. Dort erhoffte man sich mehr Anonymität, um der hasserfüllten Bevölkerung
weniger ausgeliefert zu sein. In Rotenburg, erinnert sich Ilse W., gab es ständig Aufmärsche
278 So Baumann, Zerstörte Nachbarschatften, S. 36, in Anlehnung an Jeggle.
279 Ähnlich waren die Ostjuden häufig zuerst in einer größere Stadt gezogen, bevor sie in den Westen
wanderten, vgl. Jersch-Wenzel, Ländliche Siedlungsformen, S. 80.
280 Vgl. die Ausführungen von Juliane Wetzel, Auswanderung aus Deutschland, in: Wolfgang Benz (Hg.), Die
Juden in Deutschland 1933-1945. Leben unter nationalsozialistischer Herrschaft, München 1996, S. 413-498,
hier S. 417 f.
281 Hierfür und für das folgende vgl. Ilse W. Holocaust testimony (HVT-2253), interviewed by Barbara Hadley
Katz und Helen Katz, October 18, 1993, Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies, New Haven,
Connecticut, Transkript von Sonja Niehaus. Es gibt auch eine sehr schöne Webseite, die ausführlich das Leben
von Ilse W. mit Fotos und Dokumente zeigt: http://www.hassia-
judaica.de/Lebenswege/Deutsch/Linz_Ilse/index.html#seite1.html (letzter Zugriff 3.9.2012).
282 Rademacher, www.Verwaltungsgeschichte.de, Eintrag zu Landkreis Rotenburg in Hessen-Nassau (letzter
Zugriff 3.9.2012).
283 Es handelte sich hierbei um die Internatsschule des Jüdischen Waisenhauses in Kassel.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
124
von Hitlerjugend und von älteren uniformierten Männern. Ständig habe man sich
Drohungen anhören müssen. SA-Gesänge, die besonders für Kinder bedrohlich waren,
waren allgegenwärtig. Ilse erinnert sich nur widerwillig und ungenau an eine Textzeile aus
dem Lied „Ihr Sturmsoldaten jung und alt“, die sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hat: das
Leben wurde für besser gehalten, wenn jüdisches Blut vom Messer spritzt, habe es dort
geheißen. Regelmäßig seien außerdem die Fensterscheiben von jüdischen Geschäften in
Rotenburg eingeworfen worden sind. Ilse W. erinnert sich daran, dass die Geschäfte von
innen mit Blut beschmiert worden seien.
Die Nähe und Enge einer kleinen dörflichen Gemeinschaft konnte es auch mit sich bringen,
dass Jüdinnen und Juden trotz allem irgendwie noch als ein Teil der Gemeinschaft
wahrgenommen wurden, die es vor einem Außen zu schützen galt. In gewisser Hinsicht
änderte der Machtantritt der Nationalsozialisten nichts an den weiter oben beschriebenen
Ambivalenzen, mit denen die Juden schon immer zu leben hatten. Die von Fred K. aus
Oberlauringen in Franken beschriebene Verhaltensweise einer christlichen Nachbarin, die
seiner notleidenden Mutter zu einem betrügerischen Preis das häusliche Silber abkaufte und
sich anschließend rühmte, ihr geholfen zu haben, gehört sicher in diese Kategorie.284 Rosalie
Hauser erinnert sich daran, wie ein Nachbar zu ihrer Großmutter sagte: „Brusch kei Angst
haben, Scheinele. Ich litt nit, dass Dich eber umbringt, ender tu ichs selber“.285
Die Dorfjuden werden von verfolgten Stadtjuden auch als stur und uninformiert
beschrieben. Diese Eigenschaften konnten lebensgefährliche Auswirkungen haben, wie in
einem Fall von Anfang 1938, an den sich Ernst Valfer aus Frankfurt am Main erinnert.286
Ernsts Familie war mit einer anderen jüdischen Familie befreundet, die nördlich von
Frankfurt auf dem Land in einem kleinen hessischen Dorf lebte, an dessen Name er sich
leider nicht erinnert. Dort seien die Verhältnisse anders gewesen, erzählt Ernst. Vielen Juden
sei nicht geläufig gewesen, wie gefahrvoll die Situation war, und sie kannten die
antijüdischen Restriktionen und Gesetze nicht. Die Menschen dort seien uninformiert
gewesen, aber sie haben auch nicht wahrhaben wollen, was um sie herum geschah. Der
284 Siehe Kapitel 1.8.
285 „Brauchst keine Angst haben, Scheinele. Ich laß nicht zu, daß Dich jemand umbringt, wenn, dann tu ichs
selber“. Rosalie Hauser, Erinnerungen (Masch.), Archiv des Leo Baeck Instituts, New York, zitiert nach
Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S. 246.
286 Ernst Valfer oral history interview.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
125
Familienvater der befreundeten Familie sei Viehhändler oder Schlachter gewesen, eins von
beiden, und natürlich ging es ihnen wirtschaftlich immer schlechter. Die Familie wollte nach
Palästina ausreisen, die Reise war schon im Detail geplant und das Ausreisedatum war
festgelegt. In der Nacht vor der geplanten Emigration, am Anfang des Jahres 1938, erzählt
Ernst, ereignete sich Folgendes. Ein paar Dorfkinder kamen und schmissen Steine in die
Fenster des Wohnhauses der jüdischen Familie. Der Vater wurde wütend und rannten den
Kindern hinterher, um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Mindestens eines der Kinder trug zu
diesem Zeitpunkt eine HJ-Uniform. Der Mann wurde daraufhin sofort festgenommen. Kurz
darauf beginn er Selbstmord. Er habe nicht gewußt, so Ernst, wie gefährlich die Situation
schon sei, daher habe er so kopflos gehandelt. Der Selbstmord deutet aber auch darauf hin,
wie verzweifelt der Mann schon lange gewesen sein muss.
Howard John Fields, geboren 1910 als Hans Alexander Feibelmann und aufgewachsen in
Kaiserlautern, hat nach dem Abitur Jura studiert und war von 1935 bis zu seiner Verhaftung
im Zuge der Reichskristallnacht im November 1938 Syndikus beim Centralverein deutscher
Staatsbürger jüdischen Glaubens in Frankfurt am Main.287 Als solcher kam er viel mit
Landjuden aus Hessen in Kontakt. Seine Aufgabe als Syndikus habe darin bestanden, den
Menschen in rechtlichen, sozialen und ökomomischen Fragen Beistand zu geben.
Die Situation der hessischen Landjuden, die zu ihm kamen und um seine Hilfe baten, sei
miserabel gewesen, erinnert sich Howard. Sie hätten nicht wahrhaben wollen, wie sehr sich
die Situation verändert hätte, und weigerten sich, in die Zukunft zu schauen. Sie sahen auch
nicht ein, warum sie ihr Leben ändern sollten, nur weil einige Gesetze es ihnen
vorschrieben. Sie seien heimatverbunden und fanatisch gewesen:
„First, they tried to hold on to all their licenses, as, let’s say antiques dealer or as cattle
dealers. Some soldiers, veterans of the First World War thought that this would still help
them. And I tried to evaluate their situation, and on the back I always had to tell them, “why
don’t you prepare your emigration. You now have to fight for the extension of your license
for one year, but what is going to happen afterwards?” […] I gave legal, official and social
advice to those people and hold their hands, so to say, when you saw them in their isolation
287 Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, kurz C.V., war als Vertretung der deutschen
Juden schon im Kaiserreich gegründet worden. Vgl. auch Avraham Barkai, „Wehr Dich!“. Der Centralverein
deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) 1893-1938, München 2002.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
126
in those small communities. But on the other hand they were fanatical, you know. People
were not permitted to do any kosher slaughtering, but there were some people who
confessed to me to do so. This was in 1936, 37. And I would have to say, “look, you are
risking your live for that”. There were people who were in the concentration camp with me,
in Buchenwald, who refused to eat anything but the little bread they gave us for strictly
orthodox reasons.”288
Am 10. November 1938 war sein Büro am Steinweg 9 in Frankfurt am Main überfüllt mit
jüdischen Menschen aus dem Frankfurter Umland, die verzweifelt waren und offensichtlich
weder wussten, was eigentlich vor sich ging, noch was sie tun sollten. Howard selber wusste
nicht mehr, was er ihnen raten sollte, so hoffnungslos war ihre Situation. Sie konnten
nirgends hingehen um sich zu verstecken, sie waren vollkommen schutzlos ausgeliefert und
sie waren hilflos und überfordert damit zu verstehen, was geschah.
„All day long people from smaller communities came to our office, telling me what was
going on there. That they were going into the synagogues and the private homes, that they
manhandled Jews and so on and so forth. I advised them to stay home. What could they
do?”289
Auch viele Stadtjuden glaubten sehr lange, die Situation sei eine Vorrübergehende, Hitler sei
ein Clown und die Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg würden sie letztlich schützen.
Der Hauptunterschied zwischen Stadt und Land liegt vielleicht darin, dass der größte Teil der
städtischen Juden der Verfolgung nicht zuletzt auch deswegen nicht nachgeben wollte, weil
sie für sich beanspruchen konnten, die Integration aktiv forciert und betrieben zu haben,
indem sie sich der Mehrheitsgesellschaft anpassten, während viele Landjuden sich vor allem
deswegen weigerten, das alte Leben aufzugeben, weil sie sich gar kein anderes vorstellen
konnten. Auch die Stadtjuden wollten ihre Heimat und ihren Besitz nicht aufgeben und
machten sich Sorgen darüber, die Sprachen der möglichen Zielländer nicht zu beherrschen.
Aber die Stadtjuden lebten mit dem Gefühl, auf der Höhe der Zeit, vielleicht sogar in der
Zukunft zu leben, während das Leben auf dem Dorf, auch oder vor allem für die Dörfler
selbst, etwas zeitloses hatte. Das Dorf war im Gegensatz zur Stadt immobil.
288 Howard F. Holocaust testimony, S. 9.
289 Ebd., S. 11
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
127
Baumann hat festgehalten, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der
Wahrnehmung der Situation der Landjuden gab. Frauen waren demnach eher bereit
einzusehen, dass die Qualität der Verfolgungen eine andere war als diejenige, an die die
Juden aus der Vergangenheit gewöhnt waren. Oft waren es die Frauen, die versuchten, ihre
Männer, denen die Entscheidung zustand, zur Flucht zu bewegen. Die meisten Männer
hingegen konnten diesen Schritt nicht tun. Sie waren in ihrem Denken und Handeln weniger
mobil.290
Vielleicht bedeutet das hier gesagte, dass die Landjuden, bedingt durch ihre
Lebensumstände, weniger Chancen hatten, die Verfolgung zu überleben. Aus den Quellen
geht hervor, dass die Landjuden, die es geschafft haben aus Deutschland zu fliehen und zu
überleben, in der Regel schon vor der Emigration in eine deutsche Großstadt geflohen sind,
oft ohne die endgültige Emigration geplant zu haben. In der Stadt fanden sich für viele eher
die Möglichkeiten, weiterzuziehen und das eigene Leben zu retten.
290 Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S. 237. Baumbach, Verfolgung, S. 100, ist der Auffassung, das
jüdische Frauen überall flexibler waren als die Männer, die sich stärker über ihren Beruf und ihren sozialen
Status definierten. Die höhere Flexibilität und Anpassungsbereitschaft der Frauen führte dazu, dass sie besser
in der Lage waren, pragmatisch zu handeln. Hier äußert sich wohl die ganz allgemeine Tatsache, dass sich
Frauen in einer Männerwelt bestimmte Eigenschaften antrainieren müssen, um zu bestehen. Flexibilität und
die Fähigkeit, den eigenen Stolz zurückzustellen, gehören sicher dazu.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
128
1.7 Harry T. aus Zürbach in Hessen
„We had no place to go, so we had to make the best out of it.“
Harry T., New Haven/Connecticut, 1. März 1980
Eine der ältesten Lebenserzählungen, die im Fortunoff-Archiv in New Haven, Connecticut
lagern, ist das 1980 entstandene Interview mit Harry T. aus Zürbach, einem kleinen Flecken
im Regierungsbezirk Wiesbaden, der wiederum zur Provinz Hessen-Nassau gehörte. Das
winzige Zürbach hatte 1933 78 Einwohner. 1939 waren es nur noch 69.291 Harry erinnert
sich, dass es während seiner Kindheit in Zürbach nur drei jüdische Familien gegeben hat.292
Außer ihn und seine Familie, zu der auch seine Großmutter und sein Großvater gehörten,
gab es zwei weitere jüdische Ehepaare im Ort. Harrys Großmutter ist im Februar 1938 in
Zürbach gestorben. Er selber war 1936 nach Frankfurt am Main gegangen, um dort eine
Ausbildung zum Tischler zu absolvieren. Alle anderen waren noch in Zürbach, als sich die
Reichskristallnacht dort ereignete.
Harry wurde 1921 geboren. Er war das einzige jüdische Kind im Ort und in seiner Klasse. Am
Anfang war das kein Problem, erinnert er sich, er hatte viele Freunde, mit denen er spielte,
und alles war normal. Mit der Zeit änderte sich das und mit dem Jahr 1934, erzählt Harry,
begann er ernsthafte Schwierigkeiten in der Schule zu haben. Niemand wollte mehr mit ihm
spielen und er wurde angefeindet, weil er ein jüdisches Kind war.
„The children I used to play with today, they were my friends, and tomorrow they were, I
should say, almost my enemies! Because they were stirred up by the youth leader of the
Hitler Youth. They wouldn’t play with me anymore, simply because I was Jewish. They said,
291 Rademacher, www.Verwaltungsgeschichte.de, Eintrag zu Zürbach (letzter Zugriff 3.9.2012).
292 Harry T. Holocaust testimony, S. 3. Das winzige Zürbach ist nicht in Paul Arnsbergs gut recherchiertem
lexikalischen Werk Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang, Untergang und Neubeginn, Frankfurt am
Main 1971, aufgeführt. Heute ist Zürbach ein Ortsteil von Maxsein in Rheinland-Pfalz. Die Juden Maxseins
wiederum waren nach Arnsberg, S. 249, 1933 der jüdischen Gemeinde Selters angeschlossen, es ist jedoch
unklar, dass das auch die Zürbacher Juden einschließt, denn der winzige Ort wurde erst 1970 Maxsein
zugeschlagen.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
129
“sorry, we can’t play with you no more as much as we would like to, because you are a
Jew”.”293
Harry erinnert sich deutlich daran, dass die jüngeren nichtjüdischen Deutschen in Zürbach
nationalsozialistischer waren als die Älteren. Insbesondere junge Lehrer, die häufig bei der
SA organisiert waren, waren bemüht, ihre antisemitischen Einstellungen an die Schüler
weiterzugeben. Dabei arbeiteten sie Hand in Hand mit der Hitlerjugend, erzählt Harry, die
wiederum die Kinder in der Schule und auf der Straße gegen die jüdischen Kinder
anstachelte.
Harry erzählte seiner Mutter davon, wie er in der Schule behandelt wurde, aber sie sah
keinen Weg ihm helfen zu können. Sich in der Schule zu beschweren schien ihr vollkommen
sinnlos, erinnert sich Harry, überhaupt gab es keine Instanz, an die man sich wenden
konnte. Eine Beschwerde oder sonst ein Versuch, die Situation zu verbessern, kam von
vorne herein nicht in Frage, weil dadurch alles nur verschlimmert werden würde. Seine
Mutter konnte ihm nicht helfen. Sie bestand aber darauf, dass er weiterhin die Schule
besuchte, damit er etwas aus seinem Leben machen könnte. Harry lernte also, stillzuhalten.
„My mother said, you gotta make the best out of it. Because to finish school, I was told, is
the only way for me to live. Make the best out of it […]. We understood there’s no way to
complain about it, because that’s the way it is and you gotta make the best out of it and live
with it.”294
Für die Juden in dem winzigen Dorf war die Lage aussichtslos, man lebte auf dem
Präsentierteller. Der Anpassungsdruck war enorm. Es gab in Zürbach keine jüdische Schule,
auf die Harry hätte wechseln können. Ein Umzug in einen anderen Ort oder in eine Stadt
wurde von Harry‘s Mutter nicht in Betracht gezogen. Harry musste durchhalten. Die Lektion
war hart, aber Harry hatte keine Wahl, als sie sich zu eigen zu machen.
Die antijüdische Propaganda, so erinnert sich Harry, habe sehr gut funktioniert. Überall habe
es Symbole und Zeichen gegen die Juden gegeben und die Menschen hätten sich darauf
eingelassen. Es seien die normalen Deutschen gewesen, vor denen man sich in Acht nehmen
musste, sie hätten viel über Juden geredet und geglaubt, dass die Juden die Deutschen
293 Ebd., S. 1.
294 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
130
ausbeuten würden. Antisemitismus sei einfach überall gewesen, auch dort, wo keine Juden
waren. Er habe sich daran gewöhnt und versucht, dass beste daraus zu machen. Zwar sei er
als Kind häufiger zur Zielscheibe geworden, aber sei es für ihn auch einfacher gewesen als
für seine Eltern und Großeltern, denn er hätte sich aufgrund seines Alters besser an die
Situation anpassen können. Sein Opa habe nach einer Weile nicht mehr arbeiten dürfen und
sei depressiv und verwahrlost geworden. Die alten Jüdinnen und Juden in Zürbach hätten
nicht verstanden, was eigentlich vor sich gegangen ist, und seien der Situation nicht nur
hilflos, sondern auch ahnungslos ausgeliefert gewesen.
1936, im Alter von 15 Jahren, ging er alleine nach Frankfurt am Main, um dort eine
Ausbildung zum Tischer zu machen, die ihm die Ausreise in die Vereinigten Staaten von
Amerika vereinfachen sollte. Frankfurt war eine stark frequentierte Anlaufstelle für
Landjuden insbesondere aus Hessen, die sich in der Anonymität der Großstadt wohler
fühlten. Häufig gingen gerade auch die jungen jüdischen Männer aus dem Dorf nach
Frankfurt, weil sie auf dem Dorf für sich keine Perspektive sahen. Harrys Weg ist daher als
prototypisch zu bezeichnen. Mit seinem Wegzug von seiner Familie aus Zürbach in die große
Stadt wurde er zugleich auch ein Vermittler zwischem der Großstadt und dem Land. Er fing
an, sich um seine Familie in der Peripherie zu sorgen und zu kümmern.
Zwar sei der Antisemitismus auch in der großen Stadt Frankfurt allgegenwärtig gewesen,
aber die Juden seien informierter und klüger im Umgang damit gewesen. Man habe nicht
alles mit sich machen lassen, sondern man habe darauf reagiert, was um einen herum
geschah. Harry führt das auch darauf zurück, dass die Menschen in der Stadt den Umgang
mit einer modernen, antisemitischen Umgebung gewöhnter waren als im kleinen Dorf
Zürbach, wo jeder jeden kannte und wo es ein traditionelles nachbarschaftliches
Miteinander gab.
„Some of the people who lived in Frankfurt before were used to that. In the village where
we lived we weren’t used to that. There were only three Jewish families living there. But in
the big cities, people were used to what even happened before [1933].”295
Diese von ihm sogenannte Ahnungslosigkeit der Juden auf dem Land hat Harry zufolge fast
groteske Schutzfunktionen angenommen: „I know that some doctors in Frankfurt
295 Ebd., S. 3.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
131
committed suicide before they got arrested. I think they were aware of what was going on
perhaps more then I was, because we lived in a little village.”296
Diese Schutzfunktion war Teil der Ambivalenz, die das Leben der Juden auf den Dörfern
inmitten der christlichen Umgebung immer schon bedeutet hat. Der Schutz dieser
Ahnungslosigkeit war nur ein scheinbarer, denn langfristig forcierte sie
Handlungsunfähigkeit und damit Tod und Untergang der Landjuden.
In sehr deutlicher Erinnerung hat Harry die Geschehnisse rund um den 9. und 10. November
1938. Auch diese gewalttätigen Ereignisse spielten sich für ihn zwischen Stadt und Land ab.
Harry war damals erst 16 Jahre alt, alleine von zu Hause weg und der Situation in Frankfurt
vollkommen ausgeliefert. Er wollte zu seiner Familie in Zürbach. Er fühlte sich als
Großstädter trotz seinen jungen Alters auch verantwortlich für seine Familie auf dem Land.
Als er nach langer Fahrt zu Hause ankam, waren die drei jüdischen Familien des Dorfes ohne
jedes Hab und Gut, ohne Kleidung zum Wechseln und vor allem ohne Nahrung aus dem Ort
vertrieben worden. Er fand sie hilflos in einem leeren Haus außerhalb des Dorfes. Sie
wussten nicht einmal, was eigentlich vor sich ging, geschweige denn, was sie dagegen
unternehmen sollten.
„I went to work in the morning,297 and I saw that nearby the synagogue was burning. I didn’t
understand what was going on. When I came to work, everything was closed and locked up.
I saw police moving and picking up people, putting them in vans. All the synagogues were
burning, people were getting picked up and we didn’t know what was going on. So what I
did was that I walked home to the place where I used to live. Two policemen came up to me
and asked me how old I was, I said “16” and they just laughed. I was very afraid, because I
still didn’t know what was going on. I wanted to go home, because mother and grandfather
were still living on the farm. So I took the train from Frankfurt to Limburg, another little
village, and from there I took a bus, and then I had to walk another three miles. When I
came home, our house was closed, everything closed, the barn, in which we still had some
cattle left, was empty, and the chickens were running around. I went across the street to my
neighbor to find out what it was all about. They said my grandfather and my grandmother
296 Ebd., S. 6.
297 Harry meint den 10. November 1938.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
132
and the two other Jewish families had moved into some empty houses. That was all they
knew. So I went to the mayor of the little village and asked him why. He told me that the
other two Jewish men were taken into a van and they didn’t know where too, but since my
grandfather was well advanced in age they left him.298 I asked, “where are they?”, and he
said, „in an empty house“, out a mile from where we used to live. So I went to see my
grandfather and mother and the two other Jewish women crying. I said, “what is going on
here?”, and they said: “They told us to leave and that we can’t go back anymore.” There was
little food and all they had was a couple of mattresses on the floor where they were
sleeping. The policeman from the village, which was perhaps ten minutes away from this
house, he was home, and I went over there to ask him what happened, and he said “they
arrested all the Jews”. Up to a certain age, I think 70, and I think my grandfather was 71 at
that time. “And they took them into concentration camps.” That was the answer I finally
got. I asked him if I could get some food, because the people had hardly anything to eat, and
well we agreed that we could go back to the house to get a certain amount of food. But we
would have to leave. He told us that it would be better if we would leave the village.”299
Harrys Erlebnisse sind in vielerlei Hinsicht typisch für Juden vom Land. Eindringlich
beschreibt er die Ahnungslosigkeit, aber auch eine gewisse Sturheit, die es den jüdischen
Menschen in den Dörfern unmöglich machte, zu reagieren. Er beschreibt auch das Gefälle
zwischen jüngeren und älteren jüdischen Dorfbewohnener als einen zusätzlichen Mangel an
Flexibilität bei den Älteren. Er, der zum Großstädter geworden ist, wird zum Vermittler,
dessen Aufgabe es ist, die im Dorf zurückgebliebenen Juden zu informieren und zu schützen.
Natürlich berichtet Harry aus seiner Perspektive und die Erinnerungen der im Dorf
Zurückgebliebenen würde vielleicht noch anderen Dinge offenbaren, die Harry nicht
erzählen kann. Es ist gut möglich, dass Harrys Familie oder die anderen Juden aus Zürbach
zur Zeit der Verfolgung Hilfe von christlichen Nachbarn bekommen haben, die ihnen zur
Seite gestanden haben. Aber Harry ist auch derjenige, der die Geschichte seiner Familie
erzählt, weil er der einzige Überlebende ist. Harrys Mutter ist in einem Konzentrationslager
der Nazis gestorben. Sie habe Deutschland nicht verlassen wollen, weil sie den Opa nicht
alleine lassen wollte. Harry kam nach einer langen Odysee über spanische Lager und über
298 Über den Verbleib von Harrys Vater ist aus dem Interview leider nichts zu erfahren.
299 Harry T. Holocaust testimony, S. 4.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
133
Portugal in die USA, wo er eine Familie gegründet hat. Seine beiden Kinder sind sehr aktiv in
der örtlichen Jüdischen Gemeinde.
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134
1.8 Fred K. aus Oberlauringen in Franken
„What comes to my mind about the early period there is really fear. The dominant feeling.
Big hammer nightmare.”
Fred K., Baltimore/Maryland, 30. November 1990
Fred K. wurde 1927 im fränkischen Oberlauringen geboren. Oberlauringen hatte 1933 711
Einwohner300 und einen jüdischen Bevölkerungsanteil von 6,6 %, gegenüber 13,7 % im Jahre
1910. Die jüdische Gemeinde bestand 1933 aus nur noch 46 Mitgliedern. Zwischen 1933 und
November 1938 verließ keine Jüdin und kein Jude den Ort. In den folgenden zwei Jahren
nach den Novemberpogromen flohen 20 jüdische Oberlauringer aus Deutschland, und zehn
weitere verließen den kleinen Ort und zogen in größere deutsche Städte. Die letzten
verbliebenen 17 Oberlauringer Juden wurden im Holocaust ermordet. Die Jüdische
Gemeinde Oberlauringen bestand bis 1942.301
Fred lebte zusammen mit seinem Vater, seiner Mutter, seiner älteren Schwester und seinem
sieben Jahre älteren Halbbruder. In seinem Interview von 1990 erinnert er sich an sein
Heimatdorf:
„I was born in Germany, in northern Bavaria, in 1927, November 10th, in a little village
called Oberlauringen. The Laur is a small river that has its beginning there. […] It is the
mountainless area in the northern part of Bavaria […]. It had a Jewish community of about
40 people I would say. We had a synagogue and were a formal community. I felt very much
part of the Jewish part of that community […]. In the 1930ies I see myself as part of the
Jewish community of the village, very much separated from the non-Jewish part. Even
though I went to the regular school. There was a village school, one for the lower grades and
one for the upper grades, and in my lower grade one I think there were three other Jewish
children. I was the only one my age.”302
300 Rademacher, www.Verwaltungsgeschichte.de, Eintrag zu Oberlauringen (letzter Zugriff 3.9.2012).
301 http://www.alemannia-judaica.de, Eintrag zu Oberlauringen (letzter Zugriff 3.9.2012).
302 Fred K. Holocaust testimony, S. 1.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
135
Freds Vater war der einzige jüdischen Metzger in Oberlauringen. Als Folge des
Schächtverbots verlor er schon im Mai 1933 sein Einkommen. Die Familie erlebte daraufhin
einen rasanten sozialen Abstieg, den Fred als sehr schmerzhaft erlebte:
„My father was a butcher. He was one of the two butchers in the village and he was the only
Jewish butcher. One of the early aspects of the Nazi regime was that the kosher killing of
meat was prohibited and this meant that my farther had no livelihood. He disappeared. And
so the circumstances were extremely bad. I was very conscious of the fact that they didn’t
know were the next piece of bread was gonna come from. We had to except Jewish welfare.
That was painful, because before the Nazi regime my parents were quite well off. We had a
maid that took care of the children and so on. But all that changed and my mother went to
do housework in a Rabbi’s home in a neighboring village.”303
Freds Mutter führte die Regie im Hause der Familie. Fred erinnert sich daran, dass er große
Probleme mit seinem Vater hatte, der, insbesondere nach dem Verlust seiner Arbeit, sich
immer mehr zurückzog und in Folge der Ereignisse depressiv wurde. Fred reflektiert auch
die schwierige Rolle seines Vaters als Ernährer einer jüdischen Familie auf dem Land
während einer Zeit, in der sich vieles im Umbruch befand.
„The women were left to hold things together and I guess that’s a fairly decent job in my
household. My mother was sort of the dominant person anyway, but my father, having lost
his livelihood, didn’t exactly help matters in making him assertive. But generally my father
was sort of an inward person. I later found out, 30, 40 years later during my stay in Israel,
that my farther read Shakespeare, and that come to think of somebody who probably left
school when he was 12 or 13 and became a butcher as his father was a butcher and his
brother was a butcher and the whole family worked with the butcher thing […]. Anyway,
during my years of childhood I was very angry with him and that he didn’t run the show,
didn’t rescue me, didn’t save us, didn’t support his family, didn’t have a livelihood. I was not
very forgiving of this man who wasn’t very protecting. One thing I was angry about was, he
used to smoke a pipe. And here he was puffing away tobacco while we didn’t know how to
feed ourselves. Many years later, even to this day, I have a yearning to smoke a pipe. […]
Smoking a pipe as my father, who seemed to be able to withdraw behind his pipe. He would
303 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
136
puff his pipe and the world didn’t seem to touch him […]. It seemed to provide a world of
refuge for him. Of course he didn’t find refuge, he ended up dead.”304
Die Beschreibung der Beziehung seiner Eltern deckt sich mit dem, was Baumann über die
Geschlechterverhältnisse auf dem Dorf in Bezug auf die Handlungsfähigkeit in der Zeit der
Verfolgung schreibt.305 Freds Mutter war diejenige, die den Haushalt trotz der Widrigkeiten
aufrechterhielt. Sein Vater hingegen wurde hilflos und untätig und suchte „Schutz“ hinter
seiner Pfeife. Er sah offenbar wenig Möglichkeiten, zu handeln, und verblieb in der Apathie.
Während Fred selbst zu Hause vor dem Hintergrund der offensichtlichen Abgeschiedenheit
seiner Familie im ländlichen Oberlauringen, des sozialen Abstiegs und der Überforderung
seiner Eltern mit der Situation keinen Rückhalt erfuhr, verschlimmerte sich die Situation des
jüngsten jüdischen Jungen in der Dorfschule.
„I was the only one my age. So what comes to mind about the early period there is this fear,
the dominant feeling in the sense I have a daily fear of going to school. A big hammer
nightmare of being beaten up on the way to school, being bullied during school. And after
school I may have to help the other kids with their homework, the ones who were beating
me up. The memory I have of school is a nightmare, every day. To and from school
particularly. I don’t remember talking with my parents about it. But I do remember begging
my parents that I wanted to get away […]. I begged my parents into trying to find a way for
me to get away. I know that my parents also tried to get the whole family to leave, and they
failed […]. Eventually they arranged for me to go on a children’s program to England […]. I
used to think that I was entirely responsible for that by begging and pulling into this, but of
course they must have arranged it […]. The school days were days of fear and horror. My
first record card that I brought home in 1933 […], on my first record card there was a one
sentence summary of what I was and it said in German: “Fred is scared”. Fred ist
ängstlich.”306
Freds Cousine Hannalore erinnert sich ebenfalls an den schlimmen Schulalltag in der
Dorfschule in Oberlauringen. Jeden Tag sei sie weinend nach Hause gekommen. Sie wurde
304 Ebd., S. 3.
305 Baumann, Zerstörte Nachbarschaften, S. 237.
306 Fred K. Holocaust testimony, S. 1-2.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
137
geschlagen und beschimpft. Ihre Eltern sprachen mit ihrem Lehrer, aber der meinte, er
könne nichts tun. Hannalores Eltern nahmen sie daraufhin aus der Schule, und ihr Vater, der
Kantor der Jüdischen Gemeinde, unterrichtete sie vortan privat zu Hause.307
Fred fühlte sich nicht umsorgt und beschützt. Er spürte, dass sein Vater weitgehend in der
Apathie verharrte und seine Eltern ihm nicht helfen konnten. Er wollte weg aus
Deutschland, egal, ob mit ihnen oder ohne sie. Der Hass und die Gewalt um ihn herum, die
Ausgrenzung durch seine Umgebung forcierte die Trennung von seinen Eltern, die er als
unfähig erlebte, weil sie ihn nicht beschützen konnten. Als er ging, ließ er seine Familie
hinter sich und dachte kaum noch an sie. Er beschreibt die Schuldgefühle, die er gegenüber
den zurückgelassenen und vergessenen Eltern hat, aber er glaubt auch, dass sie in einer
lethargischen Hilflosigkeit verharrten, die er nicht teilen wollte und nicht geteilt hat. Seine
Eltern, glaubt Fred, steckten fest, in Oberlauringen, in ihrer Geschichte und in ihrer
Tradition, und sie blieben stur. Sie gehörten zu den 17 Jüdinnen und Juden, die bis zum
Schluss in Oberlauringen blieben,308 und wurden von dort in den Tod deportiert.
„So what did happen in the village was that a number of families managed to leave [...] what
did it take to get out? Now, I said my father was not very assertive, my mother was a more
dynamic, vibrant person than my father, but she was not a pushy, assertive person either. In
contrast, a Jewish woman across from us was very pushy and aggressive. We didn’t like that,
but for instance during the Kristallnacht my mother and I hit and they smashed up our
house, and the Lady across the street, the pushy Lady, didn’t hide, and when the Nazis came
she opened the door and said, “come in, gentlemen”, and they came in and did not smash
up her house. And this Lady saved her family they got out. I don’t know, maybe they had
more relatives across than we had, but apart from that there might have been the matter of
assertiveness and pushiness that can have life and death consequences. They survived […]. I
checked with the Red Cross after the war and they told me the date when my parents were
picked up and declared dead. On the 1st of December 1941 […]. My parents were orthodox.
In my village all the Jewish families were orthodox. There was no choice. I always felt that
307 Hannalore F. Holocaust testimony (HVT-2517), interviewed by Joni-Sue Blinderman, February 2, 1993, A
Living Memorial to the Holocaust-Museum of Jewish Heritage, New York, New York, Transkript von Sonja
Niehaus. Hannalore und ihre Familie konnten sich nach der Reichskristallnacht nach Norwegen retten.
308 Vgl. http://www.alemannia-judaica.de, Eintrag zu Oberlauringen (letzter Zugriff 3.9.2012).
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
138
my father was not particularly basing it on conviction, that if he had felt he had a choice he
would have chosen something else. But there was no choice.”309
Fred sucht retrospektiv keine Schuld mehr bei seinen Eltern. Er versucht nun zu verstehen,
warum sie sich nicht wehren konnten. Er beschreibt seine Eltern anders als die vielen
deutschen Stadtjuden, die in den ersten Jahren, häufig sogar bis zur Reichskristallnacht,
daran geglaubt haben, dass ihnen niemand die grundlegende Zugehörigkeit zu Deutschland
absprechen könnte und würde, und die sich deswegen so lange nicht trennen konnten.
Freds Eltern, so scheint es, waren gefangen in ihrer eigenen Tradition, aus der sie sich weder
vor, noch nach 1933 befreien konnten, auch wenn sie ihr gar nicht so viel abgewinnen
konnten. Das Gefühl, keine Wahl zu haben, das Fred bei ihnen vermutet, erscheint viel
komplexer, und vermischt sich mit einer lähmenden Unbeweglichkeit.
In den frühen 1930er Jahren wurde Freds Vater zum ersten Mal von Nationalsozialisten
verhaftet. Die öffentliche Verwaltung, so Fred, stand aber in diesen frühen Jahren noch
hinter den Juden. Die Polizei wollte ihn dann auch wieder gehen lassen.
„My father was arrested once so mid-30ies, and during that time in the early years basically
the law enforcement offices were pretty much still behind the Jewish population as against
some sort of Nazi rabids who would arrest Jews. I’m talking about the early part of the Nazi
regime. It happened then that my father was taken to a local prison. Not local in the village,
our village had no prison […], but he was taken to the local regional prison. In Hofheim was
the county seat, which was 20 miles away. What I later found out was that the police told
him they had to arrest him but they advised him not to come home but to go to another
little townlet […] and spend a few weeks there and they would let him know when it was
save to come back. And he did that.”310
Mehrere Male, erinnert sich Fred, gab es in Oberlauringen gewalttätige Aktionen gegen
Juden, die aus der Mitte der Bevölkerung ausgingen. Juden wurden belästigt und Fenster
von jüdischen Geschäften und Wohnhäusern eingeschlagen. Noch 1937 jedoch ließ die
Jüdische Gemeinde von Oberlauringen das rituelle Bad zu renovieren.311 Sowohl das
309 Fred K. Holocaust testimony, S. 6.
310 Ebd., S. 2
311 http://www.alemannia-judaica.de, Eintrag zu Oberlauringen (letzter Zugriff 3.9.2012).
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
139
Verhalten der Juden als auch dasjenige der für Oberlauringen zuständigen Polizei lassen
darauf schließen, dass sich die neue, nationalsozialistische Ordnung im Ort viel langsamer
durchsetzte als in Frankfurt, Berlin oder Hamburg. Das trotz massiver Gewalt in vielerlei
Hinsicht scheinbar funktionierende öffentliche Leben der oberlauringischen Juden stand
jedoch in krassem Gegensatz zu Freds persönlichem Erleben. Fred betont, dass es die ganz
normalen Menschen waren, die das tödliche Regime möglich gemacht und mitgetragen
haben: „Its not monsters who did it, but ordinary people, the ordinary people in my village.
The nice people in my village. They are also responsible.“312
65 Jahre, nachdem Fred Deutschland verlassen hat, entschließt er sich zu einem eintägigen
Besuch in seinem Heimatdorf. Seine Schwester half ihm dabei, einige nichtjüdische
Oberlauringer zu kontaktieren und im Vorfeld von seinem Besuch in Kenntniss zu setzen.
Fred selbst, sagt er, konnte sich nicht an einen einzigen Nichtjuden erinnern: „I could
remember every Jewish face from the village, each person, what they looked like, where the
house was, and everything. I could not remember a single Christian.”313 Zusammen mit
seiner Frau machte er sich von Israel, seinem seinerzeitigen Wohnsitz, aus auf.
„We arrived in Frankfurt, about 80, 90 miles west from the village, rented a car and went
there. We went there, and in the middle of the village we met this very friendly Lady, and
then two or three or four other people started coming around, they were extremely
friendly. And I still could not remember a name or a face of any of these people. One man
embraced me saying, “don’t you remember me? We were the two smallest ones in class, we
always sat together”, I didn’t remember him, but I didn’t tell him. And they were very
friendly and gracious and so on. In the afternoon we went to the home of this man’s
mother. An old Lady, who, over coffee and cake, gave me the news that she was very nice to
my parents, to my mother particularly. She gave my mother food in exchange for silver. And
at the time I smiled, just smiled, and it didn’t hit me till the next day what she had said. The
next day after I left I was furious with myself for not having been furious with these people.
But the day was all cordial and friendly.”314
312 Fred K. Holocaust testimony, S. 12.
313 Ebd., S. 8.
314 Ebd., S. 9.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
140
2. Die Erfahrungen von jüdischen Kindern und Jugendlichen
2.1 Frank S. aus Breslau
„I grew up with this sort of things, and I got used to it. It was repulsive to me, but at the
same time I was always aware that I had to protect myself. Not to make any noisy remarks,
to behave in school, not to stand out, not to be separately punished. I tried to blend in like a
chameleon. And this chameleon-philosophy I think I kept through all my life.”
Frank S., New Haven/Connecticut, 16. Februar 1980
In Breslau wurde 1921 Frank S. als zweiter Sohn jüdischer Eltern geboren. Frank gab sehr
früh, als einer der ersten Überlebenden des Holocaust, 1980 in New Haven ein Interview. Er
schildert viele Erlebnisse und Situationen aus seiner Kindheit und Jugend in Breslau sehr
eindrücklich. Eingängig beschreibt er die Atmosphäre in der Stadt nach 1933 aus der Sicht
eines jüdischen Schuljungen und Auszubildenden.
Seine Kindheit sei sehr glücklich gesesen, erzählt Frank. Seine Eltern haben ein Restaurant in
Breslau betrieben, in dem er und sein älterer Bruder viel Zeit verbracht haben. Die Kinder in
dem Mietshaus, in dem sie gewohnt haben, seien seine Freunde und Spielkameraden
gewesen. An Probleme aus der Zeit der 1920er Jahre erinnert er sich nicht, seine Familie sei
sehr gut mit allen Menschen ausgekommen, mit Juden und mit Nichtjuden. In der
Grundschule habe er dazu gehört, so wie alle anderen auch. So erinnert sich Frank an einen
besonders netten Lehrer, der sich wirklich um seine Schüler gesorgt habe, unabhängig
davon, ob er es mit einem jüdischen oder nichtjüdischen Kind zu tun hatte. Er habe Frank
immer gut behandelt. Frank erzählt, dass er erst vor wenigen Jahren einen Brief von diesem
Lehrer gesehen habe, indem er sich nach Franks Befinden erkundigte.
Frank berichtet aber auch, dass seine Eltern ihr Restaurant in Breslau schon einige Zeit vor
1933 aufgeben mussten, weil sie Opfer antisemitischer Propaganda und Boykotte wurden.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
141
Ebenfalls vor 1933 musste die Familie aus ihrer bisherigen Wohnung ausziehen, „for various
reasons“315, wie Frank erklärt. Die neue Wohnung befand sich in einem Gebäude an der
Kaiser-Wilhelm-Straße. Die Kaiser-Wilhelm-Straße war eine der großen Hauptstraßen der
Stadt. An einem Ende, mitten in der Stadt, befand sich ein großes Rondell, am anderen Ende
mündete die Straße in einen schönen Park. Frank erinnert sich mit einer Faszination, die an
Bewunderung grenzt, an die moderne und gut organisierte Wahlpropaganda im Vorfeld der
Wahlen vom Januar 1933. Besonders gefielen ihm die Litfaßsäulen, weil sie für eine „great
Ordnung“316 sorgten. Niemand habe an Häuserwände plakatiert, alles sei an die dafür
vorgesehenen Litfaßsäulen gekleistert worden. Er und seine Freunde haben wie alle
anderen davor gestanden und die bunten Wahlplakate gelesen. Dabei sei er zum ersten Mal
mit Antisemitismus konfrontiert worden, erinnert sich Frank. Er habe damals den
antisemitischen Teil der nationalsozialistischen Ideologie einfältig und lächerlich, aber auch
sehr brutal gefunden.
Im Jahr 1933 vollzog sich ein tiefer Umbruch im Leben des 12jährigen. Frank erzählt davon,
wie seine Familie die Wahlergebnisse vom Januar 1933 aufgenommen hat. Anders als viele
Juden, den kleinen Frank eingeschlossen, erfaßte seine Mutter die desaströse Situation auf
Anhieb:
„In 1933, we were sitting at the supper table. I don‘t know whether it came in the news,
because we had no radio at that time, the radio was just coming up. So we probably read it
in the newspaper that Hitler had won the election. And I remember like today that my
mother said, “oh my God, this is terrible, this means war.” She said, “Hitler means war. The
British will come over and will send airplanes and they will bomb us“. This is what I
remember. My mother said it then and it was quite prophetic.”317
Die Kaiser-Wilhelm-Straße, an der die Familie seit kurzem wohnte, wurde von den Nazis in
„Straße der SA“ umbenannt. Hier wurden nun die Paraden und Aufmärsche veranstaltet.318
Frank, noch ein Kind, stand am Fenster und sah zu. Woran er sich am deutlichsten erinnert,
315 Frank S. Holocaust testimony, S. 1.
316 Ebd.
317 Ebd., S. 3
318 Heute heißt die Straße Ul. Powstańców Śląskich.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
142
erzählt er, sind die Uniformen, die geordneten Formationen bei den Paraden und die
militärische Ausstrahlung der Veranstaltungen.
Ihm hat gefallen, was er sah. Franks Familie war deutschnational orientiert und der
vorherrschenden deutschen, militaristischen und autoritären Mentalität sehr zugetan. Sein
Vater, Träger des Eisernen Kreuzes aus dem Ersten Weltkrieg, fühlte sich dem Spektakel
eher zugehörig als fremd, genauso wie er selber. Sehr deutlich wird das in dem folgenden
Zitat, in dem Frank seine Erinnerungen auf eine anschauliche, fast undistanzierte und
zynische Art zum Ausdruck bringt:
„The whole country marched. It was a militaristic kind of a thing. In school, when we went
out, anywhere we had to march, that was the most important thing, left right left right. Even
the school children, everybody, the whole country marched. I can remember even when my
mother and father went for a walk with us, my father used to remind us, “fall into step”. We
marched. We marched on the streets.“319
Alle trugen Uniform. Wenn man in eine Organisation oder einen Verein eintrat, berichtet
Frank, musste man Uniform tragen. Er beschreibt detailiert die Uniformen der SA, der SS,
der Sozialdemokraten, der Kommunisten, einer katholischen Organisation und die seiner
eigenen Organisation. Frank war Mitglied in einem deutschnational orientierten jüdischen
Verein, der sich Die schwarze Fahne nannte.320 Er ging zu den Treffen und zusammen mit
seinen Kameraden auf Wanderungen.
„I was in a Jewish group, in a Jewish club, called The Black Flag for some reason. It was a
national German oriented organization. We had a blue, dark blue navy like jacket, and we
had a light blue kerchiefs and a blue uniform. It was a big deal with the scouts for instance,
you had to do a good deed in order to deserve a kerchief, so the uniform played a very
important part in the growing up of any German youth. The small Nazis, the young people,
the Jungvolk had little black shorts, brown shirts and black ties. They were the young ones.
These were the ones I went to school with.”321
319 Frank S. Holocaust testimony, S. 2.
320 In der Weimarer Republik waren schwarze Fahnen, meist mit kämpferischen Symbolen versehen, Zeichen
von rechtsgericheten und deutschnationalen Verbänden und Vereinen.
321 Frank S. Holocaust testimony, S. 2.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
143
Seine eigene deutschnationale Erziehung und Einstellung machte es für Frank sehr schwer
zu begreifen, was vor sich ging. Die Leute, mit denen er sich selbst verbunden fühlte, waren
erklärte Antisemiten. Er wußte mit einem Mal nicht mehr, woran er glauben sollte und wer
er war. Der militärische Stil, der in der eigenen Familie gepflegt wurde, entpuppte sich mit
einem Mal als Waffe gegen die Juden in der Hand der Nationalsozialisten. Symptomatisch
für die angerichtete Verwirrung ist die Reaktion von Franks Vater auf das Ausbleiben von
Kunden: er stellte sich mit dem Eisernen Kreuz am Revers seiner Jacke vor sein Geschäft, um
den Passantinnen und Passanten seine deutsche Gesinnung unter Beweis zu stellen ohne
Erfolg. Der Antisemitismus der Nazis war eine Sache des Blutes, nicht der persönlichen
Einstellung und Überzeugung.
Frank selber beschäftigte sich intensiv mit seiner Obsession für Ordnung, Märsche,
Uniformen und mit seinem Stolz auf die Reichswehr. Er habe nie wirklich Angst vor den
Uniformen gehabt, das sei alles zu vertraut gewesen für ihn. Er wollte angepasst sein und
nicht auffallen, aber er hasste die Dummheit und die Primitivität der Nazis. Seine Reaktion
auf die verwirrenden Ereignisse richtete sich für eine lange Zeit nach innen, gegen ihn
selbst:
„I grew up with this sort of things, and I got used to it. It was repulsive to me, but at the
same time I was always aware that I had to protect myself. Not to make any noisy remarks,
to behave in school, not to stand out, not to be separately punished. I tried to blend in like a
chameleon. And this chameleon-philosophy I think I kept through all my life. This is how I
picked up speaking American with only a slight accent, because whatever country I went to I
tried to blend in.”322
Frank benutzt sehr häufig deutsche Worte, um seine Erinnerungen an seine Kindheit in
Deutschland zu beschreiben, insbesondere, wenn es sich um Begriffe handelt, die in den
ideologischen Horizont der Nationalsozialisten gehören oder von Frank damit assoziiert
werden. Angemessene englische Übersetzungen dieser Begriffe scheint es für ihn nicht zu
322 Ebd., S. 6.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
144
geben.323 Als er von der Allgegenwart der butrünstigen SA-Kampflieder erzählt, fängt er an,
vor der laufenden Kamera zu singen.
„The Horst-Wessel-song was traditional for the Nazis. Horst Wessel was one of the early
associates of Adolf Hitler. And he died or something and became the hero. So the Horst-
Wessel-song […] „Straße frei dem braunen Bataillone“, clear the streets for the brown
battalion. This was their fighting song. I don’t remember the other, only this, the second
verse, that they sang. [...] (singt:) „da da da da da da, die Strasse frei, dem braunen Bat-
talione, SA marschiert, da da da da da da, und when das Juu-denblut vom Messer spritzt,
denn gehts nochmal so gut“, something like that it went (grinst).“324
Noch lange nachdem er aufgrund der unerträglichen Zustände in seiner Schule bereits auf
eine jüdische Schule gewechselt war, blieb Frank verstrickt in das positive Deutschlandbild,
mit dem er aufgewachsen war. Immernoch glaubte er, dass ihm niemand das Recht
verwehren konnte, ein Deutscher zu sein, auch Hitler nicht. Er erinnert sich an seine
Abneigung gegen die Zionisten, die nach Palästina gehen wollten, um dort einen jüdischen
Staat aufzubauen. Das fand er verrückt und lächerlich, denn der Platz der deutschen Juden,
fand er, sei Deutschland, nirgends sonst. Erst nach und nach näherten sich die beiden
jüdischen Gruppen, die Deutschnationalen und die Zionisten, aneinander an, als langsam
allen klar wurde, dass ein Leben in Deutschland für Juden gefährlich und immer unmöglicher
wurde. Frank betont jedoch, dass auch dann noch die einzige Gemeinsamkeit zwischen
ihnen war, dass sie alle irgendwann raus wollten.
Die Schulzeit in der öffentlichen, nichtjüdischen Schule hat Frank in besonders negativer
Erinnerung. In der Schule begann sein eigentlicher Ärger, erzählt Frank, und das schließt die
Verwirrung über seine Identität mit ein. Frank erinnert sich:
„Everything was quite nice the first year. Uniforms started to appear. There were two Jews
in my class of 53. I heard that a friend of mine, who was in the same school about that time
and in the same little Jewish group that we had, began to have fights. He was one class
323 Unter anderem Litfaßsäule, Ordnung, Gymnasium, abwirtschaften, Schandvertrag von Versailles,
Rassenkunde, Autobahn, Lebensraum, nationale Arbeit und natürlich immer wieder Eigennamen wie
Reichswehr und Jungvolk.
324 Frank S. Holocaust testimony, S. 8. Frank vermischt in seiner Erinnerung den Text des Horst-Wessel-Liedes
mit dem SA-Kampflied „Ihr Sturmsoldaten jung und alt“. Beide Lieder wurden viel gesungen.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
145
higher than I was. He began to have fights, and people started picking on me, and it was
already - you know, I began to feel a little bit of pressure right then. People wouldn’t
associate with us very much. But at the same time I was a good athlete and we were quite
popular in the class […]. I walked together with a couple of my friends from High School who
were not Jewish, as a matter of fact they were members of the Jungvolk […]. I said, “what do
you have against Jews?”, and they said, “well, we have nothing against you, if they were all
like you it would be alright, but it’s the other Jews that we don’t like” […]. It was really
distasteful for me but I couldn’t really help myself because I was living with these people. I
answered them that all the others are like me […]. “Well”, they said, “they’re not like you”.
Because at that time they were reading the newspaper, that Streicher has put out, the
Stürmer. Which was a racist newspaper, the worst thing the world has ever seen […]. They
read this and their picture of a Jew was that of an ugly, miserable person. And this is what
happened when my mother came to pick me up from school: I came to school the next day,
and they told me, “who was the dirty Jew woman that picked you up from school?”. I said, “
that was my mother”. “Oh god”, they said, “you should be ashamed of yourself to have a
mother like this”. I came home crying […]. I said to my mother, “please don’t come and pick
me up anymore because the boys are bothering me”, and I told her what they said […]. She
was offended and she cried bitterly. It was a terrible situation in our family. I didn’t realize
what I was saying. I was only about ten, eleven years old [...]”.325
Frank vermag es, sehr anschaulich in seinen Erzählungen die verschiedenen Elemente zu
verquicken, die die Umwelt um ihn herum kennzeichneten und mit denen er zu kämpfen
hatte. Er erzählt vom Verhalten seiner Schulfreunde, seiner Peiniger, die jüdische Kinder
verprügelten und die seine Mutter beleidigten. Er beschreibt ihre ideologisch verdrehte Art,
die eigene Freundschaft mit dem jüdischen Kind Frank trotz ihrer antisemitischen
Anschauungen aufrechtzuerhalten. Er betont aber auch sehr deutlich die Indoktrination der
Kinder durch die nationalsozialistische Zeitung Julius Streichers, auf die sie sich berufen. Die
Jungnazis, bis vor kurzem noch unwissende Kinder, wurden in der Schule zum ausführenden
Organ der von den Nationalsozialisten propagierten Tat. Gerade Erzählungen von jüdischen
Schulkindern, wie diese Erinnerung von Frank, bringen die Verquickung immer wieder
illustrativ zur Anschauung. Die Kinder hielten ihre Gedanken und Emotionen weniger zurück
325 Ebd., S. 4 und 5.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
146
als die Erwachsenen, waren weniger gehemmt, was insbesondere die Ausübung von
psychischer und physischer Gewalt betraf, und sie waren natürlich viel formbarer. Frank
betont, dass die Kinder und Jugendlichen besonders grausam waren. Sie wurden als
Hitlerjungen trainiert, ihre Eltern zu verraten, was sie auch taten, wie Frank sich erinnert.326
Die Eltern hätten oftmals Angst vor ihren Kindern gehabt, nicht umgekehrt, erzählt er.
Frank berichtet offen von seinen eigenen Schwierigkeiten, unter den gegebenen Umständen
moralisch zu handeln. Er wollte sich seinen Freunden gegenüber keine Blöße geben. Sein
Verhalten seiner Mutter gegenüber macht ihn in seinen eigenen Augen zum Mittäter. Noch
schwieriger wurde die Situation für Frank dadurch, dass gerade seine Mutter diejenige war,
die ihm seine Chamläleon-Philosophie immer wieder einhämmerte, um ihn zu schützen:
„My mother pounded into us, „the most important thing is not to stand out. Never say a
loud word when you are in a trolley car. Always offer somebody your seat. Don’t speak
loudly to one another so that anybody can turn around and say, “this is a Jew. Look how bad
behaved he is”. Don’t ever do anything on the street that other people might notice. Don’t
be noticeable. Shrink into oblivion.“ This was the theme that my protective mother was
trying to apply for our education.”327
Die innere Zerissenheit und die Unmöglichkeit, sich unter den gegebenen Umständen richtig
zu verhalten, wird in Franks Verhältnis zu seiner Mutter besonders deutlich. Sie macht sich
große Sorgen um ihre Söhne und ist bemüht, sie zu schützen, und doch vergrößert sie damit
die Distanz zwischen ihnen und sich. Sie, die selbst als jüdisch aussehend identifiziert wird,
unterwarf sich der herrschenden Auffassung, weil sie nicht mächtig genug war, dagegen
anzukämpfen.
„My brother wrote a poem about it, remembering his childhood. He had a rather bend nose,
and my mother tried to straighten it out in his early years. She tried to neat his nose so that
his nose wouldn’t be crocked, you know, that he wouldn’t be recognizable as a Jew and be
attacked by the Nazis. Because at that time already the storm troopers were randomly
picking up Jews as soon as they recognized them and started to hassle them.”328
326 Ebd., S. 18.
327 Ebd., S. 4.
328 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
147
Außer unter seinen Mitschülern litt Frank auch unter den Lehrern an der öffentlichen
Schule. Viele von ihnen erschienen plötzlich in Uniform zum Unterricht. Der Lateinlehrer, ein
kleiner Herr mit großem Kopf, an den sich Frank gut erinnert, hatte die Schüler immer vor
jedem Untericht mit „salve dicipuli“ begrüßt, worauf sie ihm jeden Morgen mit „salvete
magister“ antworteten. Eines Tages nach den Wahlen erschien er in SS-Uniform in der
Schule, mit Totenkopf und gekreutzen Knochen, und von nun an hieß es jeden Morgen „Heil
Hitler, students“ und „Heil Hitler, teacher“.329
Die Eindrücklichkeit der Erlebnisse mit dem Lateinlehrer wurden jedoch durch die
skrupellose Gewaltsamkeit des Biologie- beziehungsweise Rassekundelehrer weit
überschattet. Frank erinnert sich an ihn und seinen Unterricht:
„Then we had a different curriculum because we had Rassenkunde, which is raciology, that
was a regular subject that we had. We were supposed to learn what the Ayran race is, and
opposed to the Ayran race were the Jews. The children were to learn, what makes the
difference between a blonde blue-eyed pure Ayran and a Jew. I hated this biology teacher.
He had a passion: he always pulled me on my sideburns and he put me in front of the class,
saying “now here is a Jew”, and he started to describe my nose and my cheekbones and my
hair and my features and how to recognize a Jew. I was very humiliated and I hated it, I felt
terrible about the whole thing. That was in front of the class of 53 […]. I was the living
example of what a Jew looks like […]. Then we began to have fights. People started to pick
on me, saying “you dirty Jew”, this kind of things. We started to fight in the breaktime.
There was always one of us fighting.”330
Wie Frank deutlich macht, begannen die Kämpfe mit seinen antisemitischen Mitschülern in
Anschluss an seine Demütigungen im Rassekundeunterricht. Der Lehrer hatte eine
unhinterfragte Vorbildfunktion und seine Schüler ließen sich dankbar formen. Frank
beschreibt in seine Interview auch ein weiteres wichtiges Problem, an das sich viele Juden
erinnert: dasjenige des richtigen Grüßens in der Schule.
„One order came out after another. One order said, „All Jews must greet the German
greeting“, German greeting was [macht den Hitlergruß] „Heil Hitler“ while raising your hand,
329 Ebd., S. 5 und 6.
330 Ebd., S. 6.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
148
then the next came out and said, “Jews are not allowed to greet people with the Heil Hitler
signal”. In Germany you had to greet every teacher. When you saw a teacher on the street,
you had to respect him, and you had to greet […]. And in school whenever you saw a
teacher you said, “good morning”, now this was changed to “Heil Hitler”. Now we were in
an impossible situation because we went up the stairs and we saw one teacher and we said
[macht den Hitlergruß] “Heil Hitler”, and he turned around, “aren’t you a Jew? You’re not
allowed to greet me with Heil Hitler”, but if I didn’t greet him at all the next teacher would
say “aren’t you supposed to say Heil Hitler”. This was always accompanied with a
punishment, blows in the face, and we were hit for that. Not all of them, but some of the
teachers would punish me, put me in a corner, humiliate me. In one way or another. And
the kids got very aggressive.”331
Wieder beschreibt Frank die Situation als ausweglos, und wieder betont er, dass sich die
Schulkinder zur Aggressivität von den Lehrern anstiften ließen. Alle diese
Herrschaftsmechanismen haben die Isolierung der jüdischen Schüler zum Ziel gehabt, denen
durch die fortwährenden Demütigungen jegliche zwischenmenschliche Empathie entzogen
wurde. Dadurch, durch den Mangel an Empathie, durch die Überzeugung, kein
gleichwertiges menschliches Wesen vor sich zu haben, wurden auch die tätlichen Angriffe
erst möglich.
Frank hielt es in der Schule irgendwann nicht mehr aus: „They didn’t allow me to live“, sagt
er, und meint damit sowohl seine Mitschüler als auch die Lehrer. Er bat seine Eltern, ihn aus
der Schule zu nehmen, und wechselte für die verbleibende kurze Zeit auf ein jüdisches
Gymnasium. Obwohl er ein guter Schüler war, sah er keinen Sinn darin, weiterzulernen.
Lieber wollte er ein Handwerk lernen. So ging er 1936, 15jährig, ganz von der Schule ab und
suchte sich einen Ausbildungsbetrieb. Ein Handwerk, sagte er sich, sei die einzige
Möglichkeit für ihn, zu überleben.
Zur gleichen Zeit veränderte sich die Situation seines Vaters. Seine Kunden blieben aus.
Einige sagten, „look, we would like to buy from you, but we are not allowed to do so“,
erinnert sich Frank. Seine Mutter begann als Schreibhilfe zu arbeiten und hielt fortan die
Familie auch finanziell über Wasser. Wieder beschreibt Frank die Paraden, denen er vom
331 Ebd., S. 6-7.
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149
Fenster aus nicht mehr zusehen durfte „Jews weren’t allowed to look out of the window!“
was er aber trotzdem noch tat, versteckt hinter einem Vorhang. Diesmal hatte er Angst:
„1936 Hitler came, he opened up the first Autobahn,332 which was the first highway, which
was built at that time for militaristic reasons, and my street became a part of it. It was a
main road. And he came past our windows, and there was one storm trooper facing this way
and another storm trooper facing that way, with loaded guns watching the houses and we
weren’t allowed to look out of the window, Jews weren’t allowed to look out of the
window!, we looked from behind the curtain. And it would have been very easy to hit him,
because he was down right below the street, but of course you don’t do things like that. It
was a very frightful, very frightful sight. All the Hitleryouth, there was always a band umba-
umba-umba and they came marching down the road. All the Nazis, the little ones and the
big ones and the fat ones and the thin ones, all the Nazi uniforms. They all came passing my
street.”333
Die meisten Juden versuchten nun, das Land zu verlassen, so Franks Eindruck. Auch er
strebte eine handwerkliche Ausbildung an, um sich die Emigration damit zu erleichtern. Er
war sehr unruhig, die Situation war ungewiss, nichts schien mehr klar zu sein, außer, dass er
raus wollte aus Deutschland. Für den 15jährigen begann die Phase der Vorbereitung seiner
Flucht. Das war 1936.
Freunde der Familie hatten einen Lampengeschäft, das noch nicht totboykottiert und
geschlossen worden war, erzählt Frank. Dort begann er seine Ausbildung. Das erste Jahr
einer Ausbildung in Deutschland sei zu dieser Zeit generall sehr hart gewesen, erinnert sich
Frank: „You were just a little better than an animal“.334 Sein Job war es, einen Handwagen
hinter einem Gesellen herzuziehen, der in Häusern Elektrizität installierte. Er war
verantwortlich für das Material, musste morgens früher da sein als alle anderen und durfte
abends erst als letzter den Arbeitsplatz verlassen. Wirklich schlimm aber war es, dass sein
Geselle ein Nazi und Antisemit der ersten Klasse gewesen sei, „and he made sure that my
332 Am 27. September wurde ein Autobahnteilstück von Breslau nach Liegnitz eingeweiht, es war aber nicht das
erste.
333 Frank S. Holocaust testimony, S. 7.
334 Ebd., S. 9.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
150
life was really miserable.“335 Dass er für eine jüdische Firma arbeitete, sei für ihn kein
Problem gewesen. Nach der Reichskristallnacht sei er als Obmann der Deutschen
Arbeitsfront für die Arisierung jüdischer Betriebe zuständig gewesen.
„He always made sure that when I came into an apartment house that we had to wire and
there were other people there, plumbers and carpenters and painters, to say, “this is my
little Jew apprentice here”, so that everybody knew immediately that I was a Jew […]. I had
to go at seven o’clock in the morning. I had to be there before him and carry his tools to
wherever we were, second floor, third floor or fourth floor, and spread out his tools. I was
responsible that when he came he could go on the ladder and say, “pliers, hammer, chisel”,
and it all had to be there. And if one thing was lost I was responsible. I started with two
marks a week […]. This man really gave me an awful hard time. I hated his guts. I must have
murdered him thousand times over and over again in my mind. I couldn’t do very much,
because I was only a 15 year old kid, and if I did anything wrong - any journeyman and any
master had the right at that time to hit an apprentice. The right to discipline by physical
means. And they made ample use of it. If I was plastering a whole and it wasn’t clean or
neat I got physical abused quite a bit. And I could never hit back. It was quite a terrible
situation […]. I built a psychological wall around myself with which I protected myself from
being hurt, because I was constantly being abused physically and mentally. But at the same
time I learnt my trait, after all I was an apprentice and I couldn’t help learning by doing. And
while I was learning I was being yelled at. I was always nervous, and whenever he wanted
something I made sure to run because if I didn’t run immediately to give him a pair of pliers I
was being yelled at that I was slow and no good like, “you Jews are no good anyways”, and,
“you just want to make money and you are no good as apprentices” and so on. One time we
were working in some kind of mansion with very high ceilings. We had an extension ladder
leaning up against the wall, and a parquet floor which was very slippery. He put me in front
to foot the ladder, which means to stand right in front of the ladder. And he said, “don’t you
go away, because if you leave this ladder I will fall and then I’ll kill you”. It was about 20 feet
high. So I was standing there and he was working, and then he yelled, “give me a pliers”.
And in my instant reaction I ran for the pliers, and this ladder came sliding down on the
parquet floor, and he came down and landed on his behind, from 20 feet up. So there was a
335 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
151
big chase, he chased me through this whole mansion, from one room to another, and finally
I went out to the street and ran all the way home. I didn’t go to work the next day. I stayed
home until my father found out from the master, my boss, that it was alright to come in
again. He lectured me but he didn’t kill me [...]. And there is another humorous story. When
I was pulling back my material some night, I had this wagon, a short cart, that was about six
feet long and about four feet wide, with two handles. And our extension ladder was about
12 feet, so it was sticking out beyond the handles. I had to pull the wagon by the front of the
ladder, and I had a red flag in the back. I was going through a narrow drive way and a cart on
a horse came towards me. There were very few trucks at that time. And I wanted to get out
of the way and I swung the ladder to the side, but I swung it a little hard. Not knowing, that
my journeyman was pushing in the back on the opposite side of the ladder. As I was
swinging the ladder around I hit him with it and he flew to the side. I was very happy about
that. It was the only time that I had my satisfaction, because he couldn’t anything to me. It
wasn’t my fault. This was my apprenticeship.”336
Ein Aspekt, den Frank wie nebenbei in den Erzählungen aus der Zeit seiner Ausbildung
aufgreift, ist das Verhalten der Arbeiter, die er und sein Geselle auf den Baustellen antrafen,
und denen er regelmäßig als „little Jew apprentice“ vorgestellt wurde. Frank besteht darauf,
dass die meisten Arbeiter ihn gut oder wenigstens neutral behandelten: „Surprisingly the
workers themselves, apart from a few, didn’t really give me a hard time. They yelled at me
not to go here or there and to get out of here, they made remarks, but only a very few […]
The workers in general were much more tolerant than my own journeyman.”337
Eine deutliche Positionierung von anwesenden Arbeitern hat es vermutlich nicht gegeben
es ist wahrscheinlich, dass Frank sich daran erinnern und das auch erzählen würde. Frank
beschreibt die Arbeiter als vergleichsweise harmlos, aber doch als mindestens indifferent bis
ablehnend seiner Gegenwart gegenüber. Es ist besonders bemerkenswert, dass aus seiner
Perspektive schon die Abwesenheit von eindeutigen Gewalttätigkeiten als „much more
tolerant“ beschrieben wird. Zugleich ist Frank überrascht davon, dass sie ihm nichts taten.
336 Ebd., S. 9 und 17-19.
337 Ebd., S. 10.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
152
Zur gleichen Zeit, als Frank seine Ausbildung absolvierte, bereitete er sich auf seine
Emigration aus Deutschland vor. Er hatte damals Angst vor dem bevorstehenden Alleinesein
in einem fremden Land und davor, was aus seinen Eltern werden würden, die er in Breslau
zurückließ, aber er beschreibt auch eine gewisse Abenteuerlust, die er fühlte, und betont
die allgemeine Atmosphäre um ihn herum, die ihm kaum eine andere Wahl gelassen habe,
als das Land so schnell wie möglich zu verlassen. „I was scared and I was looking forward to
it“,338 fasst er zusammen. Franks älterer Bruder verließ Deutschland 1938 in Richtung Israel.
Frank hatte das Glück, durch eine Tante in London eine Stelle vermitteln zu bekommen, was
ihm ein Visum nach England sicherte jedoch nicht, bevor er sich durch die deutsche
Bürokratie und tausende von Papieren durchgearbeitet hatte, wie er lachend hinzufügt.
Seine Eltern konnten einige Jahre später während des Krieges nach Shanghai fliehen.
Frank verließ Deutschland 1939 in Richtung London. Zwischen dem Entschluss von 1936, ein
Handwerk zu lernen, um den Nationalsozialisten zu entkommen, und der tatsächlichen
Flucht 1939 nach England ereignete sich im November 1938 die Progromnacht. Frank
erinnert sich, überhaupt nicht auf die Ereignisse vorbereitet gewesen zu sein. Er und seine
Familie wurden völlig davon überrascht. Eine langjährige, treue Hausangestellte der Familie,
Emma, klopfte um 6 Uhr morgens bei ihm an und warnte ihn, das Haus nicht zu verlassen.
„She said that her husband just came home from the night shift. She said, “don’t go out, the
synagogues are burning, all the Jewish stores are smashed, the people are looting all the
stores! Don’t be caught, they are arresting Jews!” So I stayed home. She came to warn me,
and I didn’t go to work.”339
Von zu Hause aus beobachtete er die Straße und sah ein Polizeiauto dort parken. Nebenan
wurde jemand verhaftet. Als die Polizei an der Tür seiner Nachbarn war, kam Emma erneut
zu ihm: „She said, „come quickly, go out the back door, and run away!““340
Frank flüchtete durch die Hintertür und rannte eine Seitenstraße entlang bis zum Haus eines
Freundes. Als er dort ankam, musste er feststellen, dass die Polizei schon da gewesen war
und den Vater des Jungen verhaftet hatte. Frank blieb einige Tage bei der Familie seines
338 Ebd.
339 Ebd., S. 11.
340 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
153
Freundes, traute sich nicht mehr raus. Vom Fenster aus konnte er beobachten, was auf der
Straße passierte:
„We saw young people being loaded up. And we saw people on the streets throwing stones
at them. The people in the streets stopped, and they said to each other, “look, they are
arresting Jews!” The spectators, that we saw from our window. And they were throwing
stones at them. This took one day.“341
Was bei ihm zu Hause derweil geschah, wusste er nicht: „ I didn’t dare to call home!“342 Sein
Vater war nicht mit ihm geflohen. Als sich die Situation nach zwei Tagen ein bisschen
beruhigt hatte und Frank sich nach Hause traute, fand er seine Familie unbeschadet. Seine
Familie teilte sich jedoch in der Zwischenzeit die Wohnung mit einer anderen jüdischen
Familie, die aus Oberschlesien nach Breslau geflohen war, weil es für sie als Juden in ihrer
Heimat nicht mehr auszuhalten gewesen war. Der Vater dieser Familie war in der Nacht
verhaftet und in ein Konzentrationslager verschleppt worden.
Sowohl die Hilfe durch eine nahestehende weibliche Hausangestellte als auch die
Beobachtung, dass zunächst unbeteiligte Nichtjuden ihre Zustimmung zu den Ereignissen in
der Nacht zum Ausdruck brachten oder sich sogar sich mit Begeisterung in das Geschehen
stürzten, sind immer wiederkehrende Elemente in Erinnerungsinterviews mit verfolgten
Juden. Die weiblichen Hausangestellten standen den Familien oft so nahe, dass sie sogar
häufig unter schwierigen Bedingungen aktiv halfen. Emmas Bruder, glaubt Frank sich zu
erinnern, gehörte dem kommunistischen Untergrund an. Auch in dem Betrieb, für den Frank
arbeitete, gab es einen Kommunisten. Er wurde später ermordet.
„With these people I talked in a negative way about the Nazis. But we didn’t dare to talk to
everyone negatively about the Nazis because there were so many spies! So much
provocation. They tried to get you to say something derogative about the Nazis. This is all
you had to do, and you were getting arrested immediately. And this is where my theory
comes in: don’t stick out, don’t say anything derogative about the Nazis or the state, just
don’t be recognized, save yourself so that you can get out as soon as possible.”343
341 Ebd.
342 Ebd.
343 Ebd., S. 14.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
154
Es gab wenige Menschen, denen Frank glaubte, vertrauen zu können. Aber sie blieben
immer Ausnahmen. „They weren’t all bad, the Germans. There were some, especially
among the working class - they didn’t talk much, but you could feel by your relationship and
by the way they talked to you that they weren’t with it. They were quite a few, they couldn’t
do very much and they weren’t organized […]. I do want to emphasize that with all these
things that were going on there were some Germans that were good to us. And I’ll never
forget them. There were some personalities. They were very much in the minority, there
weren’t very many of them. The majority of the Germans were our enemies.”344
Die übrigen, die in der großen Mehrheit waren, hatten entweder Angst oder waren
Nationalsozialisten oder Mitläufer. „The rest of the population was in hysterics over Hitler.
Either they yelled, „Heil Hitler Heil Hitler“ and, „Führer” [hebt an dieser Stelle den Arm zum
Hitlergruß], „Führerbefehl, wir folgen!“, „Führer, you order, we follow!“, either they were
Nazis or Nazi followers, or, the other ones didn’t dare to say anything.”345
Frank hatte Angst vor den normalen nichtjüdischen Deutschen, denen er auf den Straßen
begegnete. Er wusste, dass er ihnen ausgeliefert war, weil kein Gesetz ihn vor der völkisch-
antisemitischen Willkür retten konnte.
„I was telling you about processions which was the worst fear, because you had to raise
your hand and solute when the flag passed. And Jews weren’t allowed to do so. But when
you were recognized as a Jew, your goose was cooked. Sometimes I raised my hand.
Sometimes I just stopped and went behind a tree or something, the best way I could, and I
raised my hand to the Hitler salute. But most of the times, if there was a house with an open
door or a store, I used to go into the store, to avoid seeing the flag. If you didn’t solute you
were immediately recognized as a Jew and you really were left to the mercy of the people
who saw you. To what they would do with you. They could perfectly kill you and nobody
would say anything. There was no such a thing as a court. After all it was only a Jew. We
knew that we were on constant danger that if we’d stick out, we were left to the mercy of
the people. There was nobody to complain to […]. There was a joke going around in
Germany, among the Jewish people. One fellow would tell the other, „the Jews and the
344 Ebd., S. 18 und 19.
345 Ebd., S. 14.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
155
people who ride bicycles are at fault with everything that goes wrong”. And the other
person would ask, “why the person who ride bicycles?” Everything was blamed on the Jews
[…]. The Jews were the lowest of the lowest and they were the most dangerous. And when
we get rid of the Jews everything will be fine. We heard about the final solution, but we
thought this was all talk! Things to keep people in tension. We never thought that people
could react the way they did as actual enemies of the Jews, that people who talked to you
before and who have been your friends would turn around and hate you. There was a mass
hysteria.”346
346 Ebd., S. 15 und 18.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
156
2.2 Kinder im Nationalsozialismus
Frank macht zu Anfang seiner Erinnerungserzählung auf ein zentrales Thema aufmerksam:
die Propaganda der Nationalsozialisten habe sein Leben direkt und indirekt sehr beeinflusst.
Er berichtet von der Faszination, die sie auf ihn selber ausübte, und davon, wie stark sie auf
die nichtjüdischen Kinder in seiner Umgebung wirkte. Seine Mitschüler, erinnert sich Frank,
seien aufgehetzt gewesen. Ihre Vorstellung davon, wer und was ein „Arier“ oder ein Jude
sei, sei ihnen durch die Medien, die Schule, die alltägliche Atmosphäre im Hitler-Staat
vermittelt worden und sie hätten alles fraglos angenommen.
Propaganda war ein zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Politik, und die NSDAP
verdankte nicht zuletzt der in dieser Hinsicht vorbildlichen Modernität des Goebbelsschen
Denkens ihre Wahlerfolge.347 Aber man beließ es nicht bei der Propaganda allein. Um auch
ganz sicher zu gehen, um eigene, möglicherweise kritische Gedanken der Nichtjuden gar
nicht erst aufkommen zu lassen, bemühte man sich um einen möglichst totalen Zugriff auf
die nichtjüdischen Menschen. Das bedeutete die tendenzielle Abschaffung des Privatleben,
die Erfassung des gesamten Alltags durch Reglements und Parteiorganisationen. Die Partei
besetzte so gut wie alle Orte, Räume und Zeiten des Alltags. Erika Mann erzählt in ihrem
1938 erschienenen Buch über den Alltag von Kindern im Dritten Reich eine Anekdote, die ihr
zu Folge in den 30er Jahren kursierte: „Eine Anekdote aus dem neuen Deutschland, die sich
mit diesem Thema befaßt, entspricht durchaus der Nazi-Wirklichkeit, obwohl sie scherzhaft
klingt: Der Vater kommt heim, findet niemanden zuhause. Ein Zettel liegt auf dem Tisch:
„Bin im NS-Frauenbund. Komme spät zurück. Mutter.“ Da legt er seinerseits einen Zettel
hin: „Gehe auf die Parteiversammlung. Es wird spät werden. Vater.“ Als nächster kommt
Fritz, der Sohn. Er hinterläßt einen Zettel: „Haben Nachtübung, wird bis morgen dauern.
Fritz.“ Hilda, die Tochter, ist die letzte. Sie schreibt auf: „Muß auf Nachtversammlung des
BDM! Hilda.“ Als die kleine Familie sich gegen zwei Uhr morgens zusammenfindet, sind
Diebe dagewesen und haben alles gestohlen, was nicht niet- und nagelfest war, - die
Wohnung ist kahl und leer. Auf dem Tisch aber liegt ein fünfter Zettel: „Daß wir hier stehlen
konnten, danken wir unserem Führer. Heil Hitler! Die Diebe.““348
347 Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, S. 40 ff. und 48 ff.; Longerich, Davon haben wir nichts gewusst;
Benz, Geschichte des Dritten Reiches, S. 59 ff.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
157
Ob diese kleine Begebenheit tatsächlich so stattgefunden haben mag oder nicht ist
nebensächlich. Sie drückt aus, was viele Menschen damals empfunden haben dürften und
was ihren Alltag ausmachte: die Ausradierung privater Sphären und das Zuverfügungstellen
der eigenen Person für die Partei und die Volksgemeinschaft. Sich dem zu entziehen, war
schwierig, wenngleich sicherlich möglich, wie zahlreiche Beispiele belegen.
Die Kinder und Jugendlichen jedoch standen im Zentrum der Bemühungen und waren dem
totalen Zugriff aufgrund ihrer altersgemäßen Formbarkeit besonders ausgesetzt.349 Die
Beherrschung der Kinder, die Trennung von der Familie, die Regelung ihres Alltags, ihre
Indoktrination und die Verweigerung von Wissen war ein Anliegen, auf das die Zukunft des
„Tausendjährigen Reichs“ baute. Das nahmen schon Zeitgenossen wie Erika Mann wahr. Sie
schreibt: „Keine Menschengruppe aber im besonderen wurde so sehr, so entscheidend
erfaßt von den Wandlungen, welche die Nazi-Diktatur im Leben ihrer Untertanen vornahm,
wie die Kinder. Denn während der erwachsene Deutsche zwar erstens Nationalsozialist zu
sein hat, zweitens aber doch vorläufig noch Ladenbesitzer oder Fabrikant sein mag, ohne
daß sein Laden oder seine Fabrik verstaatlicht worden wären, ist das deutsche Kind schon
heute ein Nazi-Kind und nichts weiter. Die Schule, die es besucht, ist eine Nazi-Schule, die
Jugendorganisation, der es angehört, ist eine Nazi-Organisation, die Filme, zu denen man es
zuläßt, sind Nazi-Filme, und sein Leben gehört ohne Vorbehalt dem Nazistaat. Mögen die
Privat- und Einzelinteressen der Erwachsenen in bescheidenstem Ausmaß weiterbestehen, -
mag ihr Wissen um eine Welt außerhalb der Landesgrenzen, in der alles so anders aussieht
als in Hitlers Kopf, nicht ganz beseitigt worden sein, - die Jugend kennt keine
Privatinteressen mehr, und sie weiß nichts von einer anders und besser regierten
Umwelt.“350 Von dem durchaus unkritischen Unterton der deutschen Bevölkerung
gegenüber einmal abgesehen formuliert die Zeitgenössin Mann mit einer Eindrücklichkeit,
die retrospektiv nur schwer zu erreichen ist, dass es nicht zuletzt die Abschottung und die
Vereinnahmung war, die die Kinder, ahnungslos von dem, was die Welt sonst noch zu bieten
hatte, dem totalen Zugriff und der Indoktrination aussetzte. Mann hält die deutschen Kinder
schon 1938, fünf Jahre nach dem Machtantritt Hitlers und der NSDAP, für verloren.
348 Erika Mann, Zehn Millionen Kinder. Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich, München 1986, S. 27-28.
349 Benz, Geschichte des Drittens Reiches, S. 71 ff.
350 Mann, Zehn Millionen Kinder, S. 19-20.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
158
Wie war der Zugriff organisiert und wie wirkte er? Wolfgang Keim spricht von einem
Nebeneinander von „formaler Bildung“ durch Schule, Ausbildung und Hochschule, die dem
Staat zugeordnet gewesen ist, und der „Formationsbildung“, die in BDM, HJ, Arbeitsdienst
usw. stattfand, also den nationalsozialistischen Organisationen, und die der Partei
zugeordnet war.351 Das Nebeneinander lief, wie zu erwarten, nicht immer reibungslos,
letzlich jedoch wurde, ebenfalls nicht überraschend, den Parteiorganisationen die größeren
Rechte eingeräumt.352
Die Familie verlor, trotz gegenteiliger Propaganda vor dem Machtantritt, an Bedeutung.
Kinder, aber auch Eltern wurden von den Diensten in den Parteiorganisationen in Anspruch
genommen. Die zentrale Bedeutung der Familie lag fortan in der Weitergabe von Erbmasse
und in der Heranzüchtung von „reinrassig arischen“ und „erbgesunden“ Nachwuchs „für den
Führer“, wie Baldurch von Schirach, seinerzeit Reichsjugendführer, gerne formulierte.353 Das
Kind sollte nicht für sich selber, sondern zum Wohle des Volkes erzogen werden, es galt
nichts als Individuum, alles als Teil des Volkskörpers und der Volksgemeinschaft.354
Mit 6 Jahren kam das Kind in die Volksschule, die bis zum 14 Lebensjahr dauerte. Im Alter
von 10 Jahren begann die Zeit als bei den Jungmädeln oder im Jungvolk als „Pimpf“. Mit 14
Jahren konnte das Kind, oder nunmehr der oder die Jugendliche, eine Ausbildung
absolvieren oder, insbesondere wenn es männlich und nichtjüdisch war, sich für den Besuch
einer höheren Schule entschließen und die Universitätslaufbahn einschlagen.355 Ebenfalls
mit 14 Jahren begann die Zeit beim Bund deutscher Mädel bzw. in der Hitlerjugend.
351 Wolfgang Keim, Erziehung unter der Nazidiktatur, Band 2: Kriegsvorbereitung, Krieg und Holocaust,
Darmstadt 1997, S. 28.
352 Wolfgang Keim, Erziehung unter der Nazidiktatur, Band 1: Antidemokratische Potentiale, Machtantritt und
Machtdurchsetzung, Darmstadt 1995, S. 18, 86 und 123.
353 Keim, Kriegsvorbereitung, S. 32.
354 Klaus-Peter Horn, „Immer bleibt deshalb eine Kindheit im Faschismus eine Kindheit“ Erziehung im frühen
Kindesalter, in: ders./Jörg-W. Link (Hg.), Erziehungsverhältnisse im Nationalsozialismus. Totaler Anspruch und
Erziehungswirklichkeit, Bad Heilbrunn 2011, S. 29-58, hier S. 32.
355 Seit 1933 gab es einen geschlechtsspezifischen Numerus Clausus an den deutschen Universitäten: unter
15 000 Studienanfängern durften höchstens 1500 Frauen sein. Finanzielle Förderung durch die
Studentenwerke wurde den Studentinnen nur gewährt, wenn sie sich für „frauentypische“ Fächer entschieden
hatten. Schon an den höheren Schulen ging nicht zuletzt daraufhin der Anteil an Mädchen zurück. Zur
Hauptform der höheren Mädchenschule sollte eine 1-3jährige Frauenschule mit hauswirtschaftlichem
Schwerpunkt und einer Art „Puddingabitur“ werden, das nur eine eingeschränkte
Hochschulzugangsberechtigung versprach. Wer trotzdem auf die vollwertige Jungsschule wollte, musste
vorher eine hauswirtschaftliche Prüfung absolvieren und die eigene Qualifikation als Hausfrau und Mutter
nachweisen. Keim, Kriegsvorbereitung, S. 23-26.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
159
Die Hitlerjugend, der der BDM zugeordnet war, war die wichtigste
Erziehungsorganisation,356 während die Volksschule sich zumindest äußerlich am wenigsten
verändert hat. Die Volksschulen im Deutschen Reich sind sehr unterschiedlich gewesen. Es
gab Land- und Dorfschulen, in denen bis zu 70 Schülerinnen und Schüler von nur einem
Lehrer in einer Klasse unterrichtet wurden, und es gab städtische Volksschule mit einem
ausdifferenzierten Klassensystem, wie es heute üblich ist.357 Die Veränderungen, die hier
stattfanden, lagen weitestgehend in der Hand der Schulleiter und Lehrer selbst, sie waren
diejenigen, die zusammen mit der Elternschaft bestimmten, welche Atmosphäre an einer
Schule herrschte.358
Letzteres galt aber auch für die weiterführenden Schulen. In den Anfangsjahren des Dritten
Reiches gab es kaum eine zielgerichtete, einheitliche Schulpolitik, neue Richtlinien wurde
erst zwischen 1937 und 1939 erarbeitet und herausgegeben.359 Der zuständige Minister
Bernhard Rust spielte in den Jahren davor mit einigen Verordnungen und Erlässen, die mal
mehr, mal weniger durchführbar waren. Eine seiner Ideen war die sogenannte „Rollwoche“.
Damit der Samstag unterrichtsfrei und für „nationale Feiern“ reserviert bleiben konnte,
wurde der sechste Tag der Schulwoche einfach auf den darauffolgenden Montag verlegt.360
Die nächste Schulwoche fing also erst am Dienstag an, die übernächste am Mittwoch usw.
Erst nach einiger Zeit ging Rust auf, dass die Wochen, die ein Jahr hat, begrenzt sind. Er
entschied sich ob dieser Erhellung offenbar gegen die Einführung einer eigenen
Kalenderrechnung für die nationalsozialistische Schule und nahm den Erlass nach einigen
Monaten kurzerhand wieder zurück. Eine zeitgenössisch Reaktion darauf: „Der Rektor eines
mitteldeutschen Gymnasiums, der seine Ferien in Prag, wo er Verwandte hat, zu verbringen
pflegt, erzählte, im deutschen Schulwesen gäbe es jetzt ein neues Zeitmaß, genannt „ein
Rust“. „Ein Rust“, erläuterte der Rektor, „ist diejenige Spanne Zeit, die von der Erlassung
356 Keim, Antidemokratische Potentiale, S. 124; Kathrin Kollmeier, Ordnung und Ausgrenzung. Die
Disziplinarpolitik der Hitler-Jugend. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Band 180, Göttingen 2007, S.
39.
357 Keim, Antidemokratische Potentiale, S. 37.
358 Ebd., S. 48 und 49. Siehe auch Werner T. Angress, Erfahrungen jüdischer Jugendlicher und Kinder mit der
nichtjüdischen Umwelt, in: Ursula Büttner (Hg.), Die Deutschen und die Judenverfogung im Dritten Reich,
Frankfurt am Main 2003, S. 111-129, hier Fußnote 22, der außerdem auch die Bedeutung der geografischen
Lage der Schule aufmerksam macht sowie die Tatsache, dass die Schulen auf dem flachen Land dem
Antisemitismus oft am meisten verfallen waren.
359 Ebd., S. 46 ff.
360 Erlass vom 7. Juni 1934.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
160
eines Gesetzes durch den Unterrichtsminister bis zur Rückziehung ebendieses Gesetzes
durch den Unterrichtsminister vergeht.““361
Recht viel von der Umsetzung der nationalsozialistischen Erziehungsinhalte- und methoden
lag, zumindest bis zu den neuen Richtlinien ab 1937, bei den Schulleitern und Lehrern
selber. In den meisten Fällen funktionierte das tadellos, wurde doch schon 1933 per Gesetz
dafür gesorgt, dass alle „nichtarischen“ Lehrerinnen und Lehrer und solche, die nicht
Gewähr dafür bieten konnten, jederzeit rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat
einzutreten, vom Schuldienst entfernt wurden.362 Es gab jedoch auch widerständiges und
oppositionelles Verhalten von Lehrern und Lehrerinnen, besonders in der Anfangszeit des
Regimes. Es konnte von der Verweigerung des Hitlergrußes bis hin zur Solidarisierung mit
den jüdischen Schülern und Schülerinnen und emphatischen Sympathiebekundungen ihnen
gegenüber reichen. Letzteres hing nicht unbedingt von der Parteizugehörigkeit der Lehrer
ab.363
Die Ziele der nationalsozialistischen Erziehungspolitik hatte Hitler persönlich schon in
seinem damaligen Bestseller Mein Kampfformuliert und sie galten auch als pädagogische
Grundsätze im Dritten Reich für die Arbeit in Schulen und Parteiorganisationen.364 Dort
heißt es: „Er [der Staat] hat die Rasse in den Mittelpunkt des allgemeinen Lebens zu setzen.
Er hat für ihre Reinerhaltung zu sorgen. Er hat das Kind zum kostbarsten Gut eines Volkes zu
erklären. Er muß dafür Sorge tragen, daß nur, wer gesund ist, Kinder zeugt; daß es nur eine
Schande gibt: bei eigener Krankheit und eigenen Mängeln dennoch Kinder in die Welt zu
setzen, doch eine höchste Ehre: darauf zu verzichten. Umgekehrt aber muß es als
verwerflich gelten: gesunde Kinder der Nation vorzuenthalten. Der Staat muß dabei als
Wahrer einer tausendjährigen Zukunft auftreten, der gegenüber der Wunsch und die
Eigensucht des einzelnen als nichts erscheinen und sich zu beugen haben.“365 Weiter heißt
361 Erzählt von Mann, Zehn Millionen Kinder, S. 53-54.
362 Zum Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vgl. Anmerkung 122.
363 Keim, Kriegsvorbereitung, S. 313-334; Keim, Antidemokratische Potentiale, S. 113-4; Angress, Erfahrungen,
S. 117-118.
364 Jörg-W. Link, „Erziehungsstätte des deutschen Volkes“- Die Volksschule im Nationalsozialismus, in: Klaus-
Peter Horn/ders. (Hg.), Erziehungsverhältnisse im Nationalsozialismus. Totaler Anspruch und
Erziehungswirklichkeit, Bad Heilbrunn 2011, S. 79-108, hier S. 85.
365 Hitler, Mein Kampf, S. 446-7, Hervorhebung von mir, S.N. Was es mit der Vorstellung vom Kind als
kostbarstem Gut tatsächlich auf sich hatte, verdeutlichte Baldur von Schirach: „Mit Kindern bezeichnen wir die
nichtuniformierten Wesen niedriger Altersstufen, die noch nie einen Heimabend oder einen Aufmarsch
mitgemacht haben.“ Sie seien weinerlich und würden ständig zur Mutter rennen, wenn es Probleme gibt.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
161
es: „Wenn wir als erste Aufgabe des Staates im Dienste und zum Wohle seines Volkstums
die Erhaltung, Pflege und Entwicklung der besten rassischen Elemente erkennen, so ist es
natürlich, daß sich diese Sorgfalt nicht nur bis zur Geburt des jeweiligen kleinen jungen
Volks- und Rassegenossen zu erstrecken hat, sondern daß sie aus dem jungen Sprößling
auch ein wertvolles Glied für eine spätere Weitervermehrung erziehen muß.“366. Seine
Volksgenossen sind Hitler „gegebenes Menschenmateriel“367 mit guten „rassischen
Qualitäten“ - beispielsweise dem nordischen Langschädel - die es zu fördern gilt, um das
langfristige Ziel der völkischen Bewegung, die „Reinrassigkeit“ und die Abwesenheit von
„körperlich Degenerierten und geistig Erkrankten“, zu erreichen. Nichts anderes ist ihr Sinn
und ihr Lebenszweck. Das dauere im Übrigen vermutlich 600 Jahre.368
Um aber das Beste im Volksgenossen zu fördern, gelte es, das Augenmerk vor allem auf die
„körperliche Ertüchtigung“ zu lenken, denn „ein gesunder, kraftvoller Geist“ findet sich auch
nur in einem „gesunden und kraftvollen Körper“. 369 (Obwohl Hitler gerne zugibt, dass er
auch der reinen „Ästhetik“ von „schönen, wohlgeformten Körpern“ erlegen ist.370) Nach der
„körperlichen Ertüchtigung“ kommt an zweiter Stelle die Charakterbildung und erst auf Rang
drei die Wissensvermittlung, die alles in allem nicht so wichtig sei.371 Die „körperliche
Ertüchtigung“ ist aber keine Privatangelegenheit, die jeder nach Belieben betreiben oder
unterlassen kann: „Die körperliche Ertüchtigung ist [...] im völkischen Staat nicht eine Sache
des einzelnen, auch nicht eine Angelegenheit, die in erster Linie die Eltern angeht, und die
erst in zweiter oder dritter die Allgemeinheit betrifft, sondern eine Forderung der
Selbsterhaltung des durch den Staat vertretenen und geschützten Volkstums.“372 Ziel der
körperlich orientierten Erziehungsarbeit sei es, „daß die jungen Körper schon in ihrer
frühesten Kindheit zweckentsprechend behandelt werden und die notwendige Stählung für
Baldur von Schirach, Die Hitler-Jugend. Idee und Gestalt, Berlin 1934, zitiert nach Horn, Kindheit im
Faschismus, S. 31.
366 Hitler, Mein Kampf, S. 451, Hervorhebung von mir, S.N.
367 Ebd., S. 451.
368 Ebd., S. 488.
369 Ebd., S. 452. Auch im Parteiprogramm der NSDAP vom 25.2.1920 ist von der Pflicht der „körperliche[n]
Ertüchtigung mittels gesetzlicher Festlegung einer Turn- und Sportpflicht“ die Rede, vgl. dazu auch Keim,
Antidemokratische Potentiale, S. 9.
370 Hitler, Mein Kampf, S. 457-458.
371 Ebd., 452.
372 Ebd., S. 453.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
162
das spätere Leben erhalten.“373 Und weiter unten: „Vor allem aber, der junge, gesunde
Knabe soll auch Schläge ertragen lernen. Das mag in den Augen unserer heutigen
Geisteskämpfer natürlich als wild erscheinen. Doch hat der völkische Staat eben nicht die
Aufgabe, eine Kolonie friedsamer Ästheten und körperlicher Degeneraten aufzuzüchten.“
Das „Menschenideal“ sei vielmehr „in der trotzigen Verkörperung männlicher Kraft und in
Weibern, die wieder Männer zur Welt zu bringen vermögen“, zu sehen.374 Als Königsweg
dorthin empfiehlt Hitler das Boxen, denn „es ist nicht roher, wenn zwei junge Menschen
eine Meinungsverschiedenheit mit den Fäusten ausfechten als mit einem geschliffenen
Stück Eisen. Es ist auch nicht unedler, wenn ein Angegriffener sich seines Angreifers mit der
Faust erwehrt, statt davonzulaufen und nach einem Schutzmann zu schreien.“375
Was die Charakterbildung, die ja an zweiter Stelle steht, angeht, werden Selbstvertrauen,
eine gewisse Eitelkeit, die sich auf die Zugehörigkeit zum deutschen Volke bezieht,
Verschwiegenheit, Treue, Opferwilligkeit, Willens- und Entschlußkraft und
Verantwortungsfreudigkeit genannt.376 All dies sei von höchster Wichtigkeit. Über das
Selbstvertrauen beispielsweise heißt es: „Gerade unser deutsches Volk, das heute
zusammengebrochen den Fußtritten der anderen Welt [!] preisgegeben daliegt, braucht
jene suggestive Kraft, die im Selbstvertrauen liegt. Dieses Selbstvertrauen aber muß schon
von Kindheit auf dem jungen Volksgenossen anerzogen werden. Seine gesamte Erziehung
und Ausbildung muß darauf angelegt werden, ihm die Überzeugung zu geben, anderen
unbedingt körperlich überlegen zu sein.“377 Und über den durch und durch patriarchalen
Wert der Verschwiegenheit: „Hierher gehört auch, daß der Lehrer z.B. sich grundsätzlich
nicht von dummen Jungenstreichen Kenntnis zu verschaffen sucht durch das Heranzüchten
übler Angeberei. Die Jugend hat ihren Staat für sich, sie steht dem Erwachsenen in einer
gewissen geschlossenen Solidarität gegenüber, und dies ist selbstverständlich. Die Bindung
des Zehnjährigen zu seinem gleich alten Gefährten ist eine natürlichere und größere als die
zum Erwachsenen. Ein Junge, der seinen Kameraden angibt, übt Verrat und betätigt damit
eine Gesinnung, die, schroff ausgedrückt und ins Große übertragen, der des Landesverräters
373 Ebd. siehe für entsprechende konkrete Ratschläge Johanna Haarer, Die deutsche Mutter und ihr erstes
Kind, München 1934.
374 Ebd., S. 455.
375 Ebd., S. 454-455.
376 Ebd., S. 456-464.
377 Ebd., S. 456.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
163
genau entspricht.“378 Im Übringen soll der Knabe „lernen zu schweigen, nicht nur, wenn er
mit Recht getadelt wird, sondern soll auch lernen, wenn nötig, Unrecht schweigend zu
ertragen.“379
An dritter Stelle schließlich steht die Wissensvermittlung. Hier gilt zunächst: zu viel Ballast
schadet dem Gehirn. Das meiste, was Kinder in der Schule lernen, würden sie eh bald
wieder vergessen, nämlich 95 Prozent.380 Dies Wisssen sei auch nicht nützlich: von den 100
000 Schülern beispielsweise, die sich mit dem Französischen abquälten, seien es kaum 2000,
die irgendwann einmal Verwendung dafür hätten.381 Das viele Lernen sei also schlicht
Zeitverschwendung. Der völkische Staat könne sich das sparen und die Zeit, die durch das
Weglassen des unnötigen Schulunterrichts freiwerde, für die körperliche Ertüchtigung und
die Charakterbildung nutzen.382 Fremdsprachen sollten, wenn überhaupt, nur in ihren
„allgemeinen Umrissen oder, besser gesagt, in ihrem inneren Aufriß“ gelehrt werden, damit
der Schüler das Wesen dieser Sprache erfasse. Sie verstehen und sprechen zu können sei
nicht so wichtig.383 Im Geschichtsunterricht sollten nicht mehr „Daten, Geburtsziffern und
Namen“ gelehrt werden, sondern es sollen die „großen Entwicklungslinien“ erkannt werden,
denn die Geschichte würde schließlich nicht als Selbstzweck gelernt werden, sondern um ein
Mittel an der Hand zu haben, die Zukunft zu gestalten.384 Nebenbei bemerkt: „Es ist im
übrigen die Aufgabe eines völkischen Staates, dafür zu sorgen, daß endlich eine
Weltgeschichte geschrieben wird, in der die Rassenfrage zur dominierenden Stellung
erhoben wird.“385 Zur Wissensvermittlung hat Hitler damit schon alles Nötige gesagt. Noch
einmal „Zusammenfassend: Der völkische Staat wird den allgemeinen wissenschaftlichen
Unterricht auf eine gekürzte, das Wesentliche umschließende Form zu bringen haben.“386
Als einer der letzten Punkte seiner Gedanken zur Erziehung fällt Hitler die „staatliche
Auslese der Tüchtigen“ ein: „Er [der Staat] hat nicht die Aufgabe, einer bestehenden
Gesellschaftsklasse den maßgebenden Einfluß zu wahren, sondern die Aufgabe, aus der
378 Ebd., S. 461.
379 Ebd., S. 459, Hervorhebung im Original.
380 Ebd., S. 464.
381 Ebd., S. 465.
382 Ebd., S. 466.
383 Ebd.
384 Ebd., S. 467-468.
385 Ebd., S. 468.
386 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
164
Summe aller Volksgenossen die fähigsten Köpfe herauszuholen und zu Amt und Würden zu
bringen [...]. Es wird die Aufgabe eines völkischen Staates sein, in seinem Unterrichtswesen
dafür Sorge zu tragen, daß eine dauernde Erneuerung der bestehenden geistigen Schichten
durch frische Blutzufuhr von unten stattfindet.“387
Man war bemüht, die von Hitler in Mein Kampf formulierten pädagogischen Grundsätze in
Schule und Parteiorganisation umzusetzen. Gemeinschaftserziehung mit dem Ziel, Stolz
darauf zu empfinden, ein Teil der Volksgemeinschaft zu sei, die Erziehung zum Führervolk
inklusive Führerauslese und -bildung und ein „rassisches“ Empfinden und Weltbild gehörten
zu den Grundlagen dessen, was anerzogen werden sollte. Volk und Heimat waren zentrale
Begriffe der weltanschaulischen Bildung, während wissenschaftliche Kenntnisse nicht
unbedingt vermittelt werden sollten. Jungen sollten auf den Krieg, Mädchen vor allem auf
ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden.388 Trotzdem gab es zunächst kaum
neuen Schulbücher. Meist wurden die Bücher aus der Weimarer Zeit überarbeitet. Neben
diesen vergleichsweise noch harmlosen Schulbüchern spielten jedoch gewisse
Ergänzungsbroschüren im Schulunterricht eine wichtige Rolle, in denen
nationalsozialistische Themen didaktisch aufbereitet wurden. Diese kleinen Heftchen hatten
teilweise eine sehr große Verbreitung.389 Einige Beispiele aus dem Themenspektrum zählt
Wolfgang Keim auf: „Der Neubau des Deutschen Reiches“, „Über die Rassen“, „Die
deutschen Stämme“, „Volkszahl und Volksvermehrung im Deutschen Reich“, „Vom
Deutschtum in unseren Kolonien“, „Zur Wehrgeographie“, „Aufbruch der deutschen Nation
1914-1933“, „Die nationalsozialistische Revolution“, „Der nationalsozialistische Staat“,
„Germanische Kultur“ und „Volkwerden der Deutschen“ lauten die heute fasst unglaublich
anmutenden Titel.390
Mehrere Autoren betonen ebenso wie Überlebende in ihren Erinnerungen die Bedeutung
von Schulfeierlichkeiten für die Herstellung einer Atmosphäre an der Schule, die hochgradig
ideologisiert sein konnte und für die Verfolgten alltäglichen Terror bedeutete.391
387 Ebd., S. 480 und 481.
388 Link, Erziehungsstätte, S. 88.
389 Mann, Zehn Millionen Kinder, S. 60 ff.; Benjamin Ortmeyer, Schulzeit unterm Hitlerbild, Frankfurt am Main
1996, S. 51 ff.; Keim, Kriegsvorbereitung, S. 47. Erst ab 1939 gab es neue Schulbücher in den meisten Fächern,
vgl. ebd, S. 48.
390 Keim, Kriegsvorbereitung, S. 47.
391 Ebd., S. 54; Link, Erziehungsstätte, S. 89.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
165
Schulfeierlichkeiten wurden als quasi-religiöse Veranstaltungen verstanden und inszeniert:
Flaggenschwenken, Marschformationen, Hitlergrüße, Gesänge und Ansprachen. Ihnen
wurde immese Bedeutung beigemessen und es existierte eine ganze Menge Literatur
darüber, wie sie richtig zu gestalten seien. In dem Bändchen „NS-Feiern im Rahmen eines
Hitlerjahres für Schule und Volksgemeinschaft des 3. Reiches, „Ein Volk, ein Reich, eine
Schule““ von Gerhard Hellwig, das 1934 in Berlin erschien, finden sich genaue Anweisungen
zur Abhaltung aller Feiern im „Hitlerjahr“, beispielsweise für die „Feier des Geburtstages des
3. Reiches“, die „Horst Wessel Gedenkfeier“ und den „Tag der Mutter“. Für die
Reichsgründungsfeier am 18. Januar findet man unter anderem folgende Vorschläge für:
sechs „Gesänge“ (werden einzeln aufgeführt), drei „Vortragsgedichte“ (ebenfalls im
einzelnen aufgeführt) und eine Ansprache (vorformuliert, nur noch abzulesen).392 Für die
„Schulentlassungsfeier“ gibt es gar ein eigenes Buch, in welchem ein Herr A. Rolf allerlei
„Lieder, Gedichte, Sprüche, Sprechchöre und Aufführungen“ zusammengestellt hat, die ihm
passend erschienen.393 Derselbige Gerhard Hellwig, welcher sich schon für die nationalen
Schulfeierlichkeiten engagierte, hat auch einen „Redeschatz des Lehrers für die Schule des
Dritten Reiches“ zusammengestellt. Hierin finden sich „53 Reden und Ansprachen für alle
Anlässe im Amts-, Familien- und Vereinsleben des Lehrers“, wohl, weil niemand mehr den
Überblick über die ganzen Feiern behalten konnte, aber sicher auch, damit niemandem ein
falsches Wort herausrutschte.394 Es wurde nichts dem Zufall oder gar der Eigeninitiative
überlassen.
In den meisten Schulen im Nationalsozialismus dürfte strenge Disziplin geherrscht haben.
Prügelstrafen waren an der Tagesordnung, ebenso wie militärischer Drill, insbesondere im
Sportunterricht. Morgens wurden regelmäßig Fahnenappelle abgehalten, an denen auch die
jüdischen Schüler teilnehmen mußten.395 Trotzdem scheint es verfehlt, die
nationalsozialistische Pädagogik als reine Plattheit misszuverstehen. Vielmehr war sie
gewiefte Indoktrination.396 Ein wichtiges Ziel war es, den Schülern das selbstständige
392 Gerhard Hellwig, NS-Feiern im Rahmen eines Hitlerjahres für Schule und Volksgemeinschaft des 3. Reiches,
„Ein Volk, ein Reich, eine Schule“, Berlin 1934.
393 A. Rolf, Die Schulentlassungsfeier im Dritten Reich. Lieder, Gedichte, Sprüche, Sprechchöre und
Aufführungen, Berlin o.J.
394 Gerhard Hellwig, Redeschatz des Lehrers für die Schule des Dritten Reiches. 53 Reden und Ansprachen für
alle Anlässe im Amts-, Familien- und Vereinsleben des Lehres, Berlin o.J.
395 Link, Erziehungsstätte, S. 96.
396 Ebd., S. 96 ff.; Keim, Kriegsvorbereitung, S. 51.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
166
Denken und Fragenstellen abzugewöhnen bzw. gar nicht erst beizubringen. Zweifel galten
als Frevel, denn gelehrt wurde das Gegenteil des Zweifels: der Glaube. Damit arbeitete die
Pädagogik unter anderem recht erfolgreich auch einem erzieherischen Ziel zu, das Hitler
in Mein Kampf mit „Verschwiegenheit“ umschrieben hatte. Kamen doch mal Zweifel oder
Fragen auf, wurden sie in der Regel nicht geäußert. Nicht nur aus Angst vor einer
Denunziation oder Bestrafung, sondern auch aus Respekt vor der nationalsozialistischen
Wahrheit, dass der Glaube über allem stehe.
In den ersten Jahren war das Bemühen, an den Schulen eine nationalsozialistische
Revolution durchzuführen, nicht allzu groß.397 Die eigentliche völkische Erziehung fand in
der Hitlerjugend statt. Einmal in der Woche, meistens Mittwoch abends, traf man sich für
die Heimabende, die von nur wenig älteren Hitlerjungen oder -mädels geleitet wurden
getreu den Ausführungen Hitlers in Mein Kampf“, dass die Jugend einen „Staat für sich“
habe und den Erwachsenen „selbstverständlich“ in einer Art „geschlossenen Solidarität“
gegenüberstehe. Samstags gab es Dienste abzuleisten, außerdem war die Teilnahme an
allen möglichen Aufmärschen und Kundgebungen obligatorisch, und zwar auch die aktive.
Regelmäßig wurden Lager abgehalten, die eine Mischung aus Jugendfahrt und Militärlager
waren.398 Natürlich wurde Körperertüchtigung in den Jugendverbänden der Partei groß
geschrieben, auch bei den Mädchen. Eng damit verbunden war eine rassistisch
ausgerichtete Gesundheitsführung und die weltanschauliche Schulung im Sinne des
völkischen Gedankenguts der Nationalsozialisten. Die Körper, die abgerichtet wurden,
blieben Besitz der Partei und des „Volkes“. Lieder wurden gesungen, Sprechgesänge
abgehalten, Spiele wurden gespielt, alles gemäß den ideologischen Vorgaben. Wichtiger
Bestandteil der Erziehung war auch die einheitliche Kleidung der Kinder und Jugendlichen,
die alle Uniformen zu tragen hatten.399
Die Zugehörigkeit zur HJ oder zum BDM forderte den Mitgliedern also einiges ab. Trotzdem
dürften die meisten recht gerne Teil der Bewegung gewesen sein. Zumindest ist bekannt,
397 Benz, Geschichte des Dritten Reiches, S. 73.
398 Karl Heinz Jahnke/Michael Buddrus, Deutsche Jugend 1933-1945. Eine Dokumentation, Hamburg 1989, S.
16; Kathrin Kollmeier, Erziehungsziel „Volksgemeinschaft“ Kinder und Jugendliche in der Hitler-Jugend, in:
Klaus-Peter Horn/Jörg-W. Link (Hg.), Erziehungsverhältnisse im Nationalsozialismus. Totaler Anspruch und
Erziehungswirklichkeit, Bad Heilbrunn 2011, S. 59-78, hier S. 67. Blinde, Gehörlose und Behinderte wurden
übrigens separat orginisiert, vgl. ebd., S. 61.
399 Kollmeier, Erziehungsziel, S. 68-9. Die Kosten für die Uniformen waren so hoch, dass einige Kinder auf
diesem Wege davon abgehalten wurden, einer Parteiorganisation beizutreten.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
167
dass die meisten nichtjüdischen Deutschen bis heute gute bis sehr gute Erinnerungen an
diese Zeit haben. Neben Anpassungsdruck, körperlichen Schmerzen, Strafen etc. bot die
Zugehörigkeit eben auch Möglichkeiten der Inklusion und der Selbststilisierung. Mit der
Identifikation mit der Bewegung gingen Gefühle der Aufwertung, des Stolzes, der
Zugehörigkeit und der Zusammengehörigkeit einher. Wie schon bei Hitler zu lesen, wurde
den Kindern und Jugendlichen beigebracht, sich selber als das „kostbarste Gut“ zu
betrachten und sich dem Gefühl hinzugeben, allein aus „rassischen“ Gründen überlegene
Menschen zu sein. Das ist natürlich schmeichelhaft. Dass ein Einzelner oder eine Einzelne
nichts zählte, sondern nur als Teil einer Gemeinschaft als eben jenes „kostbare Gut“ galt,
war der Preis dafür, ebenso wie die Normierung durch Organisation, die gegenseitige
Überwachung des Alltages, der ständige Anpassungsdruck und die Gleischaltung der
Lebensläufe.400
Der Hitlerjunge sollte sein: stark, persönlichkeitsgefestigt, lebenstüchtig, leicht aktiviertbar,
körperlich leistungsfähig, beruflich tüchtig, ordentlich und diszipliniert. Er sollte sich durch
eine unbedingte, unhinterfrage Bindung an die vorgegebenen Normen auszeichnen,
Initiative nur in deren Rahmen zeigen, sein Selbstgefühl sollte auf seine Organisation und
seine Stellung in dersselben bezogen sein.401
Im Grunde galt für die Mädchen dasselbe. Der BDM war formal ein Teil der HJ und in der
Praxis wurden die Vorgaben für die HJ einfach auf den BDM übertragen, da es eigene meist
gar nicht gab.402 Die Mädchen, auch die eigenen, wurden im Nationalsozialismus aus Mangel
an Interesse und aus Dilletantismus vernachlässigt. Das Mädchenbild des BDM hatte,
insbesondere in den Anfangsjahren, durchaus etwas modernes, wildes und kämpferisches,
im Gegensatz zum zeitgenössischen Frauenbild, dass eher auf Sauerberkeitserziehung,
hauswirtschaftliche Bildung und Vorbereitung auf die Mutterrolle abzielte. Der BDM stand
mit diesem Bild von sich selbst aber ziemlich alleine da und eigene Initiativen wie
beispielsweise der Vorstoß, an den Streifendiensten teilnehmen zu dürfen, die den Jungs
vorbehalten waren, wurden im Keim erstickt.403
Vor 1933 hatte es kaum Verbände eigens für Mädchen gegeben. Mädchen blieben
entweder vollkommen unbeachtet oder zu Hause eingesperrt, wenn sie aus bürgerlichen
400 Ebd., S. 59-60, 65-66 und 69.
401 Ebd., S. 62.
402 Ebd., S. 63.
403 Ebd., S. 62; Kollmeier, Ordnung, S. 257 ff.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
168
Kreisen kamen. Die deutschen, nichtjüdischen Mädchen dürften auch deshalb das Angebot
des BDM dankbar angenommen haben, weil es etwas Neues für sie war, dass ihnen so
verhältnismäßig viel Beachtung, Aufmerkamkeit und Interesse geschenkt wurde. Im BDM
wurden die Mädchen zwar ebenso umgarnt und eingesponnen wie die Jungs in der HJ, aber
sie konnten doch ein von der Enge des Elternhauses freies Leben führen, was für sie neu und
wichtig war. Der BDM bot (scheinbare) Unabhängigkeit, Beteiligungsangebote und für
Mädchen noch viel mehr als für Jungen das Gefühl, wichtig zu sein und dazugehören zu
können. Die traditionellen Geschlechterrollen wurden jedoch im Nationalsozialismus nicht
angerührt, sondern gefestigt. Das Hauptziel war immer, die Mädchen auf Hausarbeit und
Mutterrolle vorzubereiten.404
Ein wichtiger, integraler Bestandteil der Erziehung sowohl in den Schulen als auch in den
Parteiorganisationen war die soldatische Ausbildung. Schon in Mein Kampf wird die
militärische Erziehung ausdrücklich gefordert und in Schule, Organisation und Militär wurde
sie umgesetzt. Der Alltag war quasi-militärisch stukturiert und Flagge, Marsch, Uniform,
(Ehren)Strafe, militärischer Drill und Härte gegen andere und sich selbst waren
allgegenwärtig. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis der Ausbildungsvorschriften für die
Hitlerjungend ist in dieser Hinsicht erhellend. Es liest sich wie folgt: „Organisation der HJ,
Dienstrangabzeichen, Das Ziel der körperlichen Ertüchtigung, HJ-Leistungsabzeichen; Teil A)
Grundschulung in den Leibesübungen (Spiele, Gymnastik ohne, mit und am Gerät, Turnen,
Nahkampfübungen, Schwimmen, die leichtathletischen Übungen, die Sportwettkämpfe der
Hitlerjugend); Teil B) Kleinkaliberschießen (Waffenlehre, Schießlehre, Zielübungen,
Anschlagsarten/Laden/Sichern, Das Schulschießen, Übersicht über die wichtigsten
gesetzlichen Bestimmungen über das Kleinkaliberschießen); Teil C) Ordnungsübungen (u.a.
Einzelausbildung, Kameradschaft, Schar, Gefolgschaft, der Gruß, Antreten und Melden der
geschlossenen Abteilung, Hissen und Einholen der Fahne auf Schulen und in Lagern,
Marschordnung der Hitlerjugend); D) Die Geländeausbildung (u.a. Kartenkunde,
Sinnesschärfung, Meldewesen); E) Angewandte Geländeausbildung; F) Die
Geländeübungen; G) Marsch, Fahrt und Lager; H) Erste Hilfe bei Unglücksfällen.“405
404 Dazu Kollmeier, Ordnung, S. 257-276, und Keim, Kriegsvorbereitung, S. 64-66.
405 Reichsjugendführung (Hg.), H.J. im Dienst. Ausbildungsvorschrift für die Ertüchtigung der deutschen Jugend,
Berlin 1940 (6. Auflage).
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
169
Die Identifikation mit der eigenen Organisation, der Bewegung und dem rassistisch-
völkischen Gedankengut der Nazis ging mit der Inklusion der nichtjüdischen Kinder und
Jugendlichen in die Volksgemeinschaft einher. Wie überall sonst im Nationalsozialismus
zahlten auch hier vor allem die Jüdinnen und Juden dafür. Jüdische Schüler wurden von den
Schulen verdrängt und besuchten zunehmend ausschließlich jüdische Schulen.406 Schulleiter
und Lehrer schufen eine Atmosphäre der Vertreibung, viele hatten gar den eigeninitiativen
Ehrgeiz, ihre Schule schnellstmöglich „judenrein“ zu bekommen, ohne dass es dafür
irgendwelche staatlichen Anordnungen gegeben hat.407 Benjamin Ortmeyer führt einen
Brief einer Lehrerin der Helene-Lange-Schule in Hamburg an, die sich dafür einsetzte,
jüdische und nichtjüdische Schülerinnen nur noch getrennt zu unterrichten, die jüdischen
Schüler also der Schule zu verweisen. Ihre Begründung: Jüdinnen und Nichtjüdinnen seinen
immer noch untereinander befreundet und das sei sicherlich nicht gut fürs Gemüt. Eine
Trennung hülfe da, vorzubeugen. Außerdem würden die Jüdinnen in der Klasse den
Rassenkundeunterricht stören. Sie stellten „ [...] fast jede Stunde irgendwelche Fragen, die
oft ganz unbewusst jede Stimmung zerstören. Gerade heute kann man auf die Kinder und
jungen Mädchen nur aus einer starken Gemeinschaftsstimmung heraus wirken, da sie sonst
viele Dinge nicht erleben können. Wir wollen sie ja nicht zum diskutieren abrichten, sondern
auf ihr Gemüt und ihren Willen einwirken.“408 Erst nach der Kristallnacht jedoch konnte sich
Minister Rust durchringen, jüdischen Schülern und Schülerinnen per Gesetz den Besuch
nichtjüdischer Schulen zu untersagen.409
Während Nichtjuden, die damals Kinder waren, sich in der Regel an eine gute Zeit erinnern,
findet man in den Erinnerungen von jüdischen Schülerinnen und Schülern nur Leid und
Elend. Für viele war die Zeit in der Schule, die Kinderzeit überhaupt, die schlimmste Zeit. Es
kommt häufig vor, dass Überlebende sich daran nicht erinnern möchten, und auch, dass sie
die schlimmsten Erlebnisse verdrängt und vergessen haben (und das auch sagen). Manche
versuchen, das Verhalten der ehemaligen Mitschüler zu relativieren oder Gründe dafür zu
finden und ihrem Erleben einen Sinn abzuringen. Die jüdischen Kinder waren mit einer
eisigen Kälte konfrontiert, mit Schweigen und Demütigungen, mit Prügel, körperlichen
406 Ortmeyer, Schulzeit, S. 35, zeigt eine Tafel über die Entwicklung des Schulbesuchs von jüdischen Kindern in
den 30er Jahren in Frankfurt.
407 Ebd., S. 36.
408 Ebd., S. 37.
409 Am 15. November 1938. Im Juni 1942 wurde dann jegliche „Beschulung“ von jüdischen Kindern untersagt
und die jüdischen Schulen geschlossen. Siehe dazu auch Ortmeyer, S. 43 ff.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
170
Schmerzen und Todesängsten. Die körperlichen Attacken entsprachen natürlich der körper-
und kampforientierten Erziehung der Nazis. Den Kindern und Jugendlichen wurde ja
beigebracht, alles, was sie lernten, sofort in die Tat umzusetzen: „Von höchster Wichtigkeit“,
so sinnierte Hitler in Mein Kampf, „ist die Ausbildung der Willens- und Entschlußkraft [...].
Die Furcht, aus Angst Falsches zu sagen, keine Antwort zu geben, muß beschämender sein
als eine unrichtig gegebene Antwort. Von dieser primitiven [!] Grundlage aus ist die Jugend
dahingehend zu erziehen, daß sie den Mut zur Tat erhält.“410
Die NSDAP war, ihrem Selbstverständnis und ihrem Aktionismus nach, eine Partei der
Jungen und Wilden.411 Viele Überlebende berichten, dass sie sich vor jüngeren Deutschen
mehr in Acht nehmen mussten als vor Älteren.412 Frank erzählt, dass es üblich war, dass
Kinder ihre Eltern bespitzelten und verrieten, wenn diese sich unvorsichtig äußerten.413
Auch Nichtjuden, die vorher beste Freunde gewesen waren, standen dem meistens in nichts
nach. Gerade die plötzliche Beendigung einer guten Freundschaft gehört zu den typischen
Erinnerungen. Positive Erinnerungen hingegen sind selten.414
Es waren die Lehrer, die den jüdischen Schülerinnen und Schülern zusetzten, und die
nichtjüdischen Klassenkameradinnen und kameraden. Die Schüler werden in den
Erinnerungen sehr oft als aufgehetzt beschrieben. Sie hätten einfach alles nachgeplappert
und nachgemacht, was man ihnen gesagt habe. Die „kleinen Nazis“415 waren hemmungslos
und feige. Sie redeten über Ritterlichkeit und Ehre und griffen als Gruppe Einzelne,
Schwächere und Kleinere an. Sie haben ihre Attacken regelrecht geplant, auf jüdische Kinder
gewartet und die Angriffe im Alltag institutionalisiert.
Die nichtjüdischen Kinder und Jugendlichen waren indoktriniert. Sie profitierten von dem,
was man ihnen erzählte und beibrachte. Sie folgten den Aufrufen zur antisemitischen Tat,
reagierten auf die Lehrer und Lehrerinnen und kopierten, was ihnen vorgelebt wurde.416
Trotzdem ist es nur schwer nachvollziehbar, mit welcher Selbstverständichkeit, mit welchem
410 Hitler, Mein Kampf, S. 462, Hervorhebung von mir, S.N.
411 Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, S. 65-66, auch die Literaturangaben in der Fußnote 37 zum
Generationenkonflikt der Nationalsozialisten.
412 Zum Beispiel Elsa K. Holocaust testimony und Harry T. Holocaust testimony.
413 Frank erwähnt jedoch auch, dass es in anderer Hinsicht für jüngere Juden einfacher war: sie waren flexibler
und konnten sich besser auf neue Situationen einstellen, und Emigration kam für sie häufiger in Frage.
414 Ortmeyer, Schulzeit, S. 79-86.
415 Ebd., S. 89 ff., auch für das Folgende. Beispiele für lebensgefährliche Attacken finden sich auf S. 93.
416 Vgl. auch die Beispiele bei ebd., S. 97-101.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
171
Spaß, welcher Lust und welchem Hass jüdische Kinder manchmal fertig gemacht wurden.417
Die kleinen Vollstrecker der Ideologie waren es schließlich auch, die ihren Opfern von
Angesicht zu Angesicht gegenüber standen und ihnen in die Augen geschaut haben. Daran
will sich allerdings heute niemand erinnern, wenn davon berichtet wird, dass die Zeit damals
alles in allem doch sehr schön gewesen sei.
Die jüdischen Kinder traf es am schlimmsten.418 Sie erlitten körperliche Schmerzen, erlebten
Hilflosigkeit, Einsamkeit, Demütigung und eine unfassbare, fiese Dummheit. Kindern,
Jugendlichen und Erwachsenen, allen wurden die jüdischen Kinder zur wehrlosen
Zielscheibe. Die Angreifer konnten ohne Vorwarnung und scheinbar vollkommen aus dem
Nichts heraus attakieren. Einem damals siebenjährigen jüdischen Mädchen wiederfuhr auf
der Straße folgendes: „Kurz vor unserer Auswanderung, als ich einen Brief meiner Mutter
zum Briefkasten nahm, wurde ich auf der Straße von einem 1,80 m großen Nazi-Weib
geohrfeigt, mit den Worten: „Du fieses Judenkind.419
Neben der plötzlichen Beendigung von Freundschaften und Attacken und Demütigungen in
der Schule und auf dem Schulweg sind die Beschreibungen von Paraden, Uniformen, SA-
Gesängen (das Lied vom Judenblut, das vom Messer spritzt), der täglichen Atmosphäre von
Angst und von Gewalt immer wiederkehrende Elemente in den Erinnerungen.420 Das alles
hat einen starken Eindruck auf jüdische Kinder gemacht haben, auch wenn teilweise
unterschiedlich damit umgegangen wurde. Dass jüdische Kinder Teil der Bewegung sein
wollten, sich Uniformen oder die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend wünschten, ist keine
Seltenheit. Die Ausgrenzung und Isolation, die Zuschreibung des Andersseins, unter der die
jüdischen Kinder gelitten haben, drückt sich in diesem Wunsch sehr stark aus. Verbreitet ist
auch die Erinnerung daran, sich versteckt halten zu müssen, um nicht aufzufallen, die
„chameleon-philosophy“, wie Frank formuliert. Waren die jüdischen Kinder jedoch einmal
gekennzeichnet, sei es durch antisemitische Lehrer oder schulische oder politische
417 Dazu Ortmeyer: „Natürlich stand hinter den Schülern eine viel gewichtigere Macht: der Staat, die NSDAP
und die GESTAPO! Aber ohne die Mithilfe der aufgehetzten Jugendlichen wäre der NS-Terror nicht bis ganz
untern, bis in die einzelnen Schluklassen durchgedrungen. Manchmal wird behauptet, das Jugendliche, die
andere verprügeln oder Häuser anzünden, nicht verantwortlich für ihr Tun sein. Man fährt große Geschütze
auf, um der Tatsache aus dem Weg zu gehen, daß einen Jugendlichen zu respektieren bedeutet, ihn in seinem
ganzen Tun ernst zu nehmen.“ Ebd., S. 88.
418 Dazu Angress, Erfahrungen, S. 111-112.
419 Marlise Hochschild Simon, „Du fieses Judenkind!“, in: Benjamin Ortmeyer (Hg.), Berichte gegen Vergessen
und Verdrängen von 100 überlebenden jüdischen Schülerinnen und Schülern über die NS-Zeit in Frankfurt am
Main, Witterschlick/Bonn 1995, S. 103.
420 Vgl. Auch Angress, Erfahrungen, S. 112-114.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
172
Maßnahmen, die auf ihr Judentum aufmerksam machen sollten, zog ein großer Teil der
nichtjüdischen Kinder mit und vollzog die Ideologie der Exklusion, häufig von einen Tag auf
den anderen. Allein die Tatsache, dass das eigene Judentum anderen Kindern bekannt war,
bedeutete schon Gefahr. Den nichtjüdischen Kindern, denen die jüdischen Kinder regelrecht
ausgeliefert wurden, gaben die Nazis die Möglichkeit, jemand zu sein, an sich glauben zu
können, dazuzugehören zur Volksgemeinschaft, die im schulischen Alltag jeden Tag aufs
neue geschaffen wurde, wenn immer ein jüdisches Kind ausgegrenzt wurde.
Welche seelischen Folgen die Exklusion und die Demütigungen für die Identität der
jüdischen Kinder hatten, wird bei Frank S. deutlich. Das Bild davon, wer und was ein Jude
und eine Jüdin ist, geriet auch bei vielen der Verfolgten selber durcheinander. Auch für
jüdische Kinder wurde das Wort „Jude“ zum Schimpfwort. Als jüdischer Junge, so Jerry
Molton, habe er lange Zeit geglaubt, „damn jew“ sein ein Wort.421
421 Jerry Molton oral history interview, S. 14.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
173
2.3 In der Schule: Mitschüler und Lehrer
Hermann Iversen wurde 1922 geboren und wuchs in Hamburger Stadteil Eppendorf in einer
Familie auf, die der höheren Mittelschicht angehörig war.422 Seine Kindheit beschreibt
Hermann als wohlbehütet, das Familienleben als harmonisch.423 Sein Vater, der jüdischer
Herkunft war, ist bereits vor seiner Geburt zum Christentum konvertiert und über Juden und
Judentum habe er eigentlich, so Hermann im Interview, als Kind nie etwas gehört. Seine
Mutter war Christin. 1928 wurde er eingeschult und ab 1932 besuchte er dann die
Oberrealschule Eppendorf in der Hegestraße.424 Dort erlebte Hermann in den folgenden
Monaten den Aufstieg der NSPAD zur allein regierenden Partei. Er erzählt im Interview von
der Atmosphäre in seiner Schule zu dieser Zeit:
„Am Anfang war das Klima sehr nett und sehr schön, ich habe viele Freunde gehabt, mit
denen ich auch schon in der Vorschule zusammen war, und mit denen ich auch zu Hause
gespielt hatte, in unserer Umgebung. Das änderte sich aber ziemlich abrupt nach 1933. Da
kam der Begriff Jude mit einmal ins Gespräch, ein Begriff von dem ich vorher eigentlich noch
nie richtig etwas gehört hatte [...]. Ich wusste dann eben, ich bin anders als die anderen, und
die anderen, die das also auch wussten und mich kannten, die ließen mich das merken. Ich
wurde eigentlich immer mehr isoliert, und auch im Klassenverband stand ich nachher
ziemlich isoliert da [...]. In den Schulstunden selbst machte sich das nicht so bemerkbar,
aber es war eben so, dass die Klassenkameraden ins Jungvolk eintraten, erzählten von ihren
Fahrten und von ihren Unternehmungen, von ihren Heimabenden, und ich fand das
natürlich alles sehr toll was die da erzählten und hab eigentlich sehr darunter gelitten, dass
ich das nicht mitmachen konnte. Naja, ich war eben Außenseiter. Und Kinder sind grausam,
wenn einer nicht mitmachen kann weil er Jude ist, dann wird er geschnitten und keiner
spielte mit ihm und keiner wollte mit ihm zu tun haben. Ich war eben isoliert.“425
Der etwa gleichaltrige Willi F. machte in Berlin-Spandau ähnliche Erfahrungen wie Hermann
in Hamburg-Eppendorf, allerdings etwas später, ab 1935. Willi stammt ebenfalls aus einer
nur teilweise jüdischen Familie: sein Vater war jüdisch, seine Mutter nicht. Er wurde 1923 in
422 Eppendorf war einer der Hamburger Stadtteile, in denen besonders viele Juden wohnten. 1925 waren es
15% der Hamburger jüdischen Bevölkerung. Vgl. Baumbach, Verfolgung, S. 65.
423 Das ist typisch für die Erinnerungen der meisten deutschen Juden, vgl. ebd., S. 92.
424 Heute Gymnasium Eppendorf.
425 Hermann Iversen Audiointerview, S. 2-3.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
174
Berlin geboren und wuchs im Bezirk Spandau auf. Er habe eine sehr unbeschwerte Kindheit
gehabt, erzählt er. Er erinnert sich lebhaft an die Auseinandersetzungen und Kämpfe
zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten in seinem Kiez, an imposante
Arbeiterdemonstrationen von hungernden Menschen und an den Eindruck, den der
stimmgewaltige Ernst Thälmann schon damals auf ihn gemacht hatte. Die Erfahrung des
kleinen Jungen der sozialen Ungleichheit um ihn herum haben Willis Perspektive auf seine
Umwelt sehr geprägt, noch bevor die Nazis an die Macht kamen, erzählt er. Später wurde er
Kommunist. Schon nach wenigen Minuten kommt er jedoch im Interview auf die
Veränderungen zu sprechen, die der Machtantritt der Nationalsozialisten im Leben des
damals 10jährigen bedeutete:
„Dann kam 1933 und die Nazis marschierten durch Spandau [...]. Meine Freunde traten alle
in die Hitlerjugend und in die Pimpfe ein. Ich war bis dahin bei den katholischen Pfadfindern
gewesen, wir nannten uns Wölfe. 1935 wurde dieser katholische Pfadfinderverband
aufgelöst. Kurze Zeit später bekam ich in der Schule einen Zettel mit, DIN A 5, da waren so
einige Fragen drauf gedruckt, den sollte ich meinen Eltern geben. Ich hab diesen Zettel mit
nach Hause genommen und meiner Mutter gegeben. Meine Mutter hat ihn mir aber nicht
wiedergegeben, sondern hat ihn selber in der Schule abgegeben. Naja, von da an hatte ich
keine Freunde mehr und keiner spielte mehr mit mir. Keiner wollte mehr mit mir was zu tun
haben, und auf dem Schulhof haben sie mir nachgerufen „halb und halb ist auch einer!“. Eh
ich begriffen habe, was da eigentlich los ist ich wusste bis dahin ja überhaupt nicht, das
mein Vater Jude ist! Eh ich begriffen habe, dass ich nun ganz alleine bin. Weder Pfadfinder,
noch Freunde, denn die gingen alle zur Hitlerjugend oder waren bei den Pimpfen. Kein
Mensch hat mich mehr angesehen. Eh ich das verdaut haben, dass war schon ein ganz
schöner Krieg bei mir.“426
Karl Lyon wurde wie Hermann 1922 geboren und wuchs in dem kleinen, malerischen
Städtchen Bühl im heutigen Baden-Württemberg auf. Anders als Hans-Peter und Willi
stammte er aus einer Familie, in der die jüdische Identität und Religion hoch gehalten und
gepflegt wurde. Karl eröffnet seine Erzählung dementsprechend mit einer Darstellung der
426 Willi F., Videointerview in zwei Teilen: Teil 1 vom 02.10.1995, Teil 2 vom 28.03.1996, geführt von Eva Lezzi
und Cathy Gelbin, MMZ 004, Transkript von Sonja Niehaus, S. 1.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
175
70 Mitglieder starken jüdischen Gemeinde von Bühl, mit Erinnerungen an die wenigen
gleichaltrigen jüdischen Kinder und den eindrucksvollen, dicken Kantor, der zugleich der
Religionslehrer war. Symbolisch für die Zerstörung des deutschen Judentums durch die
Nazis ist für ihn ein Überfall auf die Synagoge, der 1935 nur vier Wochen vor seiner Bar
Mitzwah stattfand. Erst auf Nachfrage der Interviewerin erzählt er dann von den
Erfahrungen, die er als Schuljunge mit seinen nichtjüdischen Mitschülern gemacht hat:
„The Nazis came to power in 1933, January 30th. And the time frame is that I left in June
1937.427 So during all this time I was attending school which became quite an ordeal after a
while. Eventually, each of us Jewish children had to sit in the back of the room, at a desk by
ourselves. Our contacts with the non-Jewish children became less and less. We were, of
course, verbally abused, ridiculed and made fun of, und cursed […]. We were constantly
afraid that something would happen to us, particularly during gym classes when there was a
lot of physical activity. For example, when we were jogging or running in a group we were
constantly afraid that we’d be tripped and knocked over. I mean, that’s just the mildest part
of it, okay? But there was constant fear of physical attack. So this is what we had to live
with.”428
In einem späteren Interview erzählt Karl, dass er auch im Schwimmunterricht immer Angst
davor hatte, lebensgefährlich attakiert zu werden: „I was afraid of that. I don’t think they
ever actually did it. But the effect that it had was that I never learned to swim. To this day, I
don’t know how to swim.“429
Während sich für Hermann die Situation in der Schule sofort nach dem Machtantritt der
Nazis änderte und Willi bis 1935 verschont bliebt, erinnert sich Karl daran, dass es
beginnend mit der Machtübergabe im Januar 1933 eine stetige, graduelle Verschlechterung
der Verhältnisse für ihn im Schulalltag gab. Alle drei Formen der Erinnerung an den
Antisemitismus in der Schule sind dabei repräsentativ und spiegeln jeweils einen großen
Anteil der Erlebnisse von Überlebenden wieder, wie sie in den Interviews berichtet werden.
427 Karl Lyon verließ Deutschland 1937 mit Hilfe von US-amerikansichen Verwandten und ließ sich zunächst in
Kansas City, Missouri nieder, bevor er nach San Francisco ging, wo er bis heute lebt.
428 Karl Lyon oral history interview, S. 5.
429 Karl Lyon, videointerview by Alyssa G., Alex K. and Bobby A., May 1, 2003, www.tellingstories.org.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
176
Alle Drei beschreiben darüber hinaus keine konkreten Vorfälle, sondern erzählen eher
allgemein von der antisemitischen, gewaltgeladenen Atmosphäre. Karl begründet das damit,
dass die Erinnerung an konkrete Ereignisse zu schmerzhaft und zu demütigend sei und dass
er immer versucht habe, gerade diese Dinge zu vergessen.430 Auch viele andere
Interviewpartner deuten wiederholt an, dass die Erinnerungen zu belastend seien, und
bleiben auf einer allgemeinen, abstrakteren Ebene, in der weniger Erzählungen über
konkrete Ereignisse, als allgemeine Berichte und Beschreibungen der Atmosphäre,
manchmal auch der eigenen Gefühle im Vordergrund stehen. Häufig entsteht auch der
Eindruck, dass die Erzählenden Schuldzuweisungen ausweichen wollen, um den
lebenswichtigen Bedürfnissen nicht nur des Vergessens, sondern auch der Versöhnung
Raum zu geben.
Trotzdem fallen in den Beschreibungen immer wieder Verschränkungen auf zwischen
antisemitischen Maßnahmen von Partei und Regierung und dem Verhalten von Lehrern und
von Mitschülern, wie besonders deutlich im Beispiel von Willi F., dessen schwere Zeit erst
begann, als sein jüdischer Hintergrund überprüft worden war, und sich herausstellte, dass er
„Mischling“ ist. Das Konstatieren der jüdischen Identität wirkte hier wie ein Aufruf zur Tat,
Willi zu isolieren und zu demütigen. Dass für die meisten Erzählenden in der Erinnerung an
die Schule die Isolation, die Demütigungen, die Angst vor Attacken und, gerade bei
sogenannten „Mischlingen“, die Identitätsdiffusion im Vordergrund stehen, weniger die
Vorfälle selber, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ein konkreter Feind sehr schwer
auszumachen war. Die Feindseligkeiten und die Gefahr waren immer und fast überall
gegeben, alleine schon durch die Atmosphäre der Gewalt und der Angst. Das ständige
Gefühl des Ausgeliefertseins hat das Fühlen, das Verhalten, den gesamten Schulalltag der
jüdischen Kinder bestimmt.
Vor allem jüngere Lehrer, häufig Partei- oder SA-Mitglieder, kamen in Uniform zur Schule
und fungierten als ein neuer Typus von Vorbild. Ältere Lehrer werden häufig als weniger
antisemitisch beschrieben (es gibt allerdings auch Beispiele, die genau das Gegenteil
herausstellen). Insbesondere aus der Anfangszeit des Regimes berichten Überlebende aber
auch immer wieder von Lehrern, die sie in der einen oder anderen Form geschützt hätten.
430 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
177
Häufig berichten die Interviewpartner allerdings auch überhaupt nichts über ihre Lehrer,
was als Zeichen dafür gewertet werden kann, dass die entsprechenden Personen Dienst
nach Vorschrift gemacht haben und weder besonders ausfällig geworden sind, noch
Anstrengungen unternommen haben, ihre jüdischen Schüler zu schützen oder ihnen den
Schulalltag ein wenig zu erleichtern.
Hannalore F. aus Oberlauringen erinnert sich daran, sehr stolz gewesen zu sein, als sie in die
Schule kam. Sie habe neue Kleidung bekommen und eine riesige Schultüte voller
Süßigkeiten, und alles sei ganz aufregend gewesen. Das hielt jedoch nicht lange an. Nach
kurzer Zeit schon kam sie jeden Tag weinend nach Hause. Sie wurde ständig von Mitschülern
verprügelt und mit „little Jew girl“ beschimpft. Der Lehrer konnte oder wollte nicht helfen
und empfahl den Eltern, das Mädchen aus der Schule zu nehmen, was sie nur wenige
Monate nach ihrem hoffnungsvollen Schulbeginn auch taten.431
Ernst Valfer, der 1925 in eine liberale jüdische Familie geboren wurde, wuchs in Frankfurt
am Main auf. Den Machtantritt der Nazis begrüßte der damals Achtjährige, der bunte
Uniformen und Fahnen mochte und gerne mit Zinnsoldaten spielte. Der 1. April 1933, der
Boykotttag der Nazis gegen jüdische Geschäfte, belehrte ihn eines besseren, und die
Uniformen, die vor seinem Haus postiert wurden, bekamen plötzlich etwas sehr
bedrohliches. Ernst bemühte sich noch lange um eine ruhige, gefasste Fassade, wollte
erwachsen wirken und sich nach Außen hin nichts anmerken lassen, trotz der Ängste, die ihn
in seinem Innern beschäftigten. Der Wechsel in die höhere Schule 1937 brachte ihn
schließlich aus der Fassung. Er berichtet von der Unmöglichkeit für die jüdischen Kinder, sich
angesichts der Verhältnisse unauffällig und neutral zu verhalten und keine Aufmerksamkeit
zu erregen:
„Getting up every morning and you were in this predicament as a Jew. You were not
allowed to say “Heil Hitler”. In Germany as in France, were I went to school later on,432
when the teacher came into the classroom the whole class got up, and when Hitler came to
power instead of saying, “good morning, Mr. teacher”, the class would say, “Heil Hitler” and
give salute, which was mandatory. And if you didn’t salute, than you were made fun of, and
431 Hannalore F. Holocaust testimony.
432 Ernst flüchtete als Teenager nach Frankreich, bevor er in die USA emigrierte.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
178
accused of not showing respect for Germany. And if you did salute, you were made fun of
because Jews would salute the name of Hitler and the Third Reich. So you were constantly
whatever you did was disapproved.”433
Niemand kümmerte sich um die Not der jüdischen Kinder. Sie wurden mit dem unlösbaren
Dilemma alleine gelassen. Dennoch hatten Schullehrer einen gewissen Spielraum bei der
Einhaltung von Vorschriften. Nicht zuletzt die vielen Erinnerungen der ehemaligen jüdischen
Schüler zeugen davon, was den Lehrern an hilfreichen Verhaltensweisen möglich war und
wo die Grenzen waren. Erst aus der Perspektive der Betroffenen jedoch wird richtig
deutlich, wie sehr es den Schulalltag verändern konnte, wenn sich Lehrer ihnen gegenüber
aufmerksam und freundlich benommen haben, oder wenn sie über die Einhaltung von
Regeln hinwegsahen in Situationen, in denen es für die jüdischen Kinder unmöglich war, sich
den Vorschriften entsprechen zu verhalten. Das Beispiel von Erna P.s Lehrer verdeutlicht,
welch große Hilfe er in der schweren Zeit für sie war.434 Andere Erzählungen hingegen
illustrieren anschaulich, wie das Ineinandergreifen von antijüdischen Maßnahmen und
Gesetzen auf der einen Seite mit dem antijüdischem Verhalten auf Seiten der nichtjüdischen
Bevölkerung funktionierte. Das zugleich gebotene und verbotene Grüßen mit dem
Hitlergruß, von dem außer Ernst V. und Frank S. noch viele andere Überlebende in den
Interviews berichten, bot ein Einfallstor für antisemitische und nationalsozialistische Lehrer,
den Kindern das Leben schwer zu machen,435 ebenso wie der obligatorische
Rassenkundeunterricht. Erna‘s Erzählung über den sie schützenden Rassekundelehrer macht
überdies deutlich, dass es für sie gar nicht so wichtig war, was er denn nun über Juden
erzählte oder nicht. Was für sie im Vordergrund stand und steht, ist, dass der Lehrer
ostentativ zu ihr gehalten hat. Er hat es dadurch sogar vermocht, sie zumindest während der
Schulstunden vor Attacken durch die Mitschülerinnen zu schützen.
433 Ernst Valfer oral history interview, S. 4. Die Erinnerung an das unausweichliche Problem mit dem Hitlergruß
ist sehr typisch und kommt in den allermeisten Interviews vor.
434 Vgl. die entsprechenden Ausführungen im Kapitel über Erna P.
435 Angress, Erfahrungen, S. 119.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
179
2.4 Kinder in der Nachbarschaft und ehemalige beste Freunde
Margaret Kaplan, geboren 1926 in Stuttgart, wurde 1936 als Folge der Verfolgung im Alter
von 10 Jahren von ihren Eltern getrennt und lebte in den drei folgenden Jahren in zwei
verschiedenen Ländern, bevor sie sich 1939 in San Francisco niederließ. Zu diesem Zeitpunkt
war sie gerade einmal 13 Jahre. Die Entwurzelung in ihrer Kindheit hat Margaret sehr
geprägt und drückt sich nicht zuletzt darin aus, dass sie trotz erkennbaren Bemühens ihrer
Erzählung keine klare Struktur zu geben vermag. Die Länder- und Städtenamen, die in kurzer
Folge in ihrem Interview fallen, scheinen sie zu beherrschen, nicht umgekehrt. Jedoch
kommt Margaret aus einem wohlhabenden, behüteten Elternhaus und hat als Kind
durchaus gelernt, ein selbstbewusstes Mädchen zu sein, das sich nicht so leicht etwas
gefallen ließ. Die wenigen Erzählungen aus der Zeit vor der Flucht aus dem Deutschen Reich
offenbaren anders als die unlineare Struktur ihrer Erzählung Selbstvertrauen und Energie.
Margaret erinnert sich:
„One day my sister and I beat up this little boy. He was a real, you know, little guy. Because
he was calling us names. And then our folks told us we better not do that again.“436
Obwohl sie den Jungen und seine Angriffe offenbar leicht weggesteckt hat, war auch
Margaret in ihrem Stolz verletzlich:
„The one thing I remember is that after a while we weren’t invited to birthday parties
anymore. That was quite a blow“.437
Das sie nicht mehr eingeladen wurde, muss für die selbstbewußte Margaret zunächst vor
allem überraschend gewesen sein. Für freundliche Verhältnisse in der Stuttgarter
Umgebung ihrer Kinderzeit zeugt es sicherlich nicht.
Für Sue Siegel war es eine einschneidende Erfahrung, in Folge der Veränderungen in der
Gesellschaft ihre damalige beste Freundin zu verlieren. Sue wurde 1923 in Landau geboren.
Auch sie betont ihre schöne, behütete Kindheit in einer liebevollen Familie und erzählt
zunächst ausführlich von der intellektuellen Begabung ihres Bruders und vom tragischen
frühen Tod ihrer älteren Schwester, die im Jahre 1934 einer Hirnhautentzündung erlegen
436 Margaret Kaplan oral history interview, S. 4.
437 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
180
war. Sich selber beschreibt sie als ein eher ängstliches und verträumtes Kind. Sue erlebte
den Beginn der Verfolgung durch die Nationalsozialisten folgendermaßen:
„As far as the Nazis are concerned, I have some very early memories that are very vivid in
my mind. And one of them is one that I also haven’t made peace with. And it’s about a
girlfriend whose name was Hilla Knäbel, whose father owned a little small electric shop in
town. And her father’s store was opposite to my piano teacher. And so every opportunity
we had after my piano classes and after school we would play. And that was when I was
maybe nine, ten and going into eleven. And she and I had the most wonderful relationship. I
had just a perfect playmate there. She was very imaginative. She also was sort of a dreamy
girl and carried on with me on these imaginative things that we accomplished together. And
sometimes she played at my house and sometimes I played at her house. She had very sort
of dark olive skin and dark eyes and dark hair. I was very light blonde as a kid and I have blue
eyes. I don’t think my nose had turned into the Semitic shape it has today. It was fairly
obvious that I looked more German than she did. And the memory that I have in my mind
that focused on sort of the first time I experienced personally anti-Semitism was when we
walked home from school one day towards her house. And at one point she said to me,
“why don’t you keep going? I have to stay here right now and then I’ll catch up with you.”
And I sort of looked at her like is she crazy or something, and I remember standing there.
And then when she caught up with me I said, “you know, what is this all about?” And she
said, “well, you see, you are Jewish. And my father told me that I can’t be seen with you
because then people will boycott his store. Because I’m not permitted to have any Jewish
friends.” And I cannot describe to you how I felt. Except that I have never forgotten it. And it
was probably a combination of amazement, totally unbelieving, totally crushed. It was
nothing physical, you know. But it was just a mental blow that I have never been able to
forgive her.”438
Etwas später wurde Sue von einigen älteren Jungen auf der Straße beschimpft und mit
Steinen beworfen. Es ist bezeichnend für ihr Erleben, dass der Verlust der ehemals besten
Freundin für Sue ein weit größerer Schock war als die physische Attacke der älteren Jungen:
438 Sue Siegel oral history interview, S. 8-9.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
181
„I feel that the whole subject of loss is something that has somewhat dominated my life
experience.”439
Ilse S. wurde 1925 in Grottkau, Schlesien440 geboren. Auch sie kommt aus einer gut
situierten Familie. Der Vater war eine bekannte Persönlichkeit in der Stadt und hatte ein
Auto mit Chauffeur, erinnert sich Ilse stolz. Die Mutter war berufstätig und Ilse verbachte
viel Zeit mit ihrem Kindermädchen. Sie spielte als Kind mit jüdischen und christlichen
Kindern und wurde auf ihren eigenen Wunsch schon mit fünfeinhalb Jahren in eine
katholische Schule eingeschult, weil sie mit ihrer liebsten Freundin zusammenbleiben
wollte. Ihre schönen Kindheitserinnerungen decken sich nicht ganz mit dem Alltag der
Eltern, von dem Ilse auch zu berichten weiß. Das Geschäft des Vaters ging mit
zunehmendem Antisemitismus immer schlechter, so dass Ilses Eltern, ebenso wie die Eltern
von Frank S. aus Breslau in Schlesien, es schon vor 1933 ganz schließen mußten. Sie gingen
in eine andere Stadt, wo man sie nicht kannte. Die Familie zog nach Leobschütz,441 und Ilses
Eltern eröffneten dort ein Seifen- und Parfümgeschäft. Das gepflegte Geschäft ging zunächst
sehr gut. Erst ab 1935 setzten Ilses Wahrnehmungen von Feindlichkeiten in ihrer
Leobschützer Umgebung ein. Die Lehrer waren nicht mehr so nett zu ihr, die Kinder ärgerten
sie, beschimpften sie als Jüdin und rannten hinter ihr her. Dann erzählt auch sie vom Bruch
mit ihrer besten Freundin als eindringlichstem Ereignis aus dieser Zeit:
„I think, the thing that really was so bad is, I remember I had a girlfriend, whom I really
dearly loved. You know, we were ten years old and very close. And I remember I used to go
with Ursula after school. We couldn’t part, you know. She would walk me home and then I
would walk her home and then she’d walk me home again. And then one day Ursula said to
me, “you know, I can’t do this anymore. My father works for the university, he is a
professor, and he won’t get advanced, and my mother told me that I really mustn’t walk
with you anymore. And certainly not come to your house.” That was a big shock. And then I
had another friend who eventually wasn’t my friend anymore. And I got rather lonely.”442
439 Ebd., S. 21.
440 Heute Grodków, Polen.
441 Heute Glubczyce, Polen.
442 Ilse S. Holocaust testimony (HVT-2722), interviewed by Phyllis O. Ziman and Gabriele Schiff, May 16, 1993, A
Living Memorial to the Holocaust-Museum of Jewish Heritage, New York, New York, Transkript von Sonja
Niehaus, S. 4.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
182
Hans-Peter M., geboren 1919 in Berlin und aufgewachsen in Charlottenburg, hat im Alter
von 14 Jahren genau wie Ilse und Sue ebenfalls seinen besten Freund verloren, weil der
Vater die Freundschaft seines Sohnes mit einem jüdischen Kind nicht mit seinem Beruf zu
vereinbaren wusste. Hans-Peter besuchte 1933 die Kaiser Friedrich Schule am Savigny
Platz.443 In der Schule spielte es vor 1933 überhaupt keine Rolle, ob jemand Jude oder Christ
war, erinnert er sich. Schon 1933 hat sich das jedoch geändert.
„Mein bester Freund, der wohnte um die Ecke in der Droysenstraße. Er kam eines Tages zu
mir. Sein Vater war Flieger im Ersten Weltkrieg gewesen und jetzt arbeitslos. Sein Vater
hätte jetzt eine hohe Anstellung als Fluglehrer bei der neuen bei Hitler. Und er dürfte jetzt
nicht mehr mit mir spielen.“444
Hans-Peter tut die Erfahrung mit einem Schulterzucken ab, man habe ja Bescheid gewusst
und sich eben dann mehr mit den jüdischen Schülern zusammengeschlossen. Hans F., wie
Frank S. aus Breslau stammend, beschreibt die Erfahrung, von nichtjüdischen Kindern
ausgeschlossen, geärgert und verfolgt zu werden, als „very common“.
„The early remembrances that I have were of a very pleasant early youth enjoying life as any
youngster would, but I do very vividly remember the time, when things started to be not so
nice, when there were bullies who would shout „dirty Jew“ at us and who were trying to
catch us and beat us, and I remember a number of instances like that. I also remember the
two older sons of the family that lived in the same apartment building, who would do the
same kind of things, and that there were times when I was very apprehensive about leaving
or coming home and furtively making sure that they either would or would not be around to
see me entering. [The actions] seemed to occur randomly, in no relation to anything that I
might have done or any other common events of the day […]. We, the Jewish kids, were
very conscious of this, because you had to go to a Jewish school, you were not allowed to go
to a public school, and so many other of your fellow school maids would tell similar stories,
and you mingled and played only with other Jewish children that you met in school, and that
443 Heute Joan Miro Grundschule.
444 Hans-Peter M. Videointerview, S. 2.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
183
used to be a very common topic of conversation amongst us, how to evade these kinds of
things.”445
445 Hans F. Holocaust testimony (HVT-1043), interviewed by Bernard Weinstein, May 2, 1987, Kean College
Oral Testimonies Project, Union, New Jersey, Transkript von Sonja Niehaus, S. 1.
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184
2.5 Erlebnisse mit Erwachsenen und Generationenkonflikte
Neben den Erfahrungen mit anderen Kindern und in der Schule haben jüdische Kinder auch
unter den Veränderungen im Leben der eigenen Eltern gelitten. Deren Demütigung und
Entmündigung wurde von jedem und jeder unterschiedlich verarbeitet, wobei sich jedoch
zwei grundsätzliche Richtungen ausmachen lassen: während die einen sich aus Scham und
Unsicherheit von den Eltern abwandten, übernahm die Mehrheit der jüdischen Kinder schon
früh die Rolle von Erwachsenen, die sich auch um die eigenen Eltern kümmern.
Für Fred K. bewirkte die Tatsache, dass sein Vater seinen Beruf nicht mehr ausüben durfte,
über das Leiden aufgrund der finanziellen Schwierigkeiten hinaus eine Entfremdung vom
Vater, die sein gesamtes späteres Erwachsenenleben bestimmte. Er konnte die
vermeintliche Schwäche seines Vaters und den sozialen Status seiner Familie nicht
verkraften und reagierte mit Scham und Ablehnung gegenüber der eigenen Herkunft und
der eigenen Familie. Da Fred das Verhältnis zu seinen Eltern als schwierig empfand und er
sich von ihnen nicht ausreichend geschützt fühlten konnte, hat er sich immer sehr einsam
und ausgeliefert gefühlt.446
Die Flucht nach England 1939 mit einem Kindertransport, die für so gut wie alle Kinder den
Schock der Trennung von den Eltern mit sich brachte,447 empfand er damals vor allem als
Befreiung aus den beschämenden und nach 1933 sozial schwierig gewordenen Bedingungen
in seinem eigenen Elternhaus. Dort angekommen, erwarteten ihn aber wiederum sehr
qualvolle Bedingungen im von Anna Essinger geleiteten Internat für jüdische
Flüchtlingskinder in Kent. Auch hier konnte der 12jährige nicht die emotionale Sicherheit
und Unterstützung bekommen, die er so sehr brauchte. Er beschreibt die Zeit in dem Haus
als schrecklich, einsam und zum Teil grausam. Manchmal sei den Kindern sogar das Essen
446 Fred K. Holocaust testimony. Vgl. Auch die Ausführungen im entsprechenden Kapitel über Fred.
447 Wobei die beobachtbaren Reaktionen auf den Schock sehr unterschiedlich waren. Vgl. Ute Benz,
Traumatisierung durch Trennung. Familien- und Heimatverlust als kindliche Katastrophe, in: Wolfgang Benz
u.a. (Hg.), Die Kindertransporte 1938/39: Rettung und Integration, Frankfurt am Main 2003, S. 136-155. Vgl. zu
den Kindertransporten auch die weiteren Texte in diesem Band. Siehe außerdem Rebekka Göpfert, Der
jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39: Geschichte und Erinnerung, Frankfurt am
Main 1999; dies. (Hg.), Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern nach England 1938/39,
München 1994; Claudia Curio, Verfolgung, Flucht, Rettung. Die Kindertransporte 1938/39 nach
Großbritannien, Berlin 2006; und Christiane Beith, Die Kindertransporte nach Großbritannien 1938/39.
Exilerfahrungen im Spiegel lebensgeschichtlicher Interviews, Hamburg 2005.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
185
verweigert worden, um sie zu bestrafen.448 In England habe er dann aber Hertha Karger
kennengelernt und durch sie einen Kreis jüdischer Intellektueller und er begann sich für
Wissenschaften zu interessieren.
Nach seiner Emigration in die USA vermochte Fred es lange nicht, sich ein sicheres zu Hause
schaffen. Zum Zeitpunkt des Interviews, erzählt er, sei er mehr als 36 mal umgezogen. Freds
Eltern und sein Bruder waren im Holocaust ermordet worden, außer ihm konnte nur seine
Schwester entkommen. Während für Karl Lyon die jüdische Identität eine Kraftquelle war
und eine Zuflucht geboten hat, von der er Zeit seines Lebens zehren konnte,449 hat Fred als
Kind gelernt, seine Wut über die empfundene Einsamkeit gegen die eigenen Eltern und das
Judentum zu wenden, dem er eigentlich so zugetan war. Erst viel später in seinem Leben, im
Alter von 38 Jahren, hat er für sich erkennen können, dass er so lange einsam bleiben
würde, wie er seine jüdische Identität leugnen würde. Er heiratete daraufhin eine jüdische
Frau und emigrierte nach Israel. Später ging er zurück in die USA und wurde Mitglied einer
Child Survivor Gruppe in Baltimore. Von den enormen Anfeindungen und Attacken gegen
ihn in seiner Schulzeit erfährt man in Freds Interview eher ausschnitthaft. Sein Interview
handelt dagegen von der Suche nach Schutz und Identität und von seinem lebenslangen
Versuch, eine Heimat zu finden, was ihm nach der Erfahrung der Verfolgung in
Oberlauringen so gut wie unmöglich scheint.
Gewisse Ähnlichkeiten dazu weist die Geschichte auf, die Karsten Gerber von sich erzählt.
Der 1922 Geborene wuchs in St. Pauli auf, wo er mit Mutter und Großmutter zusammen
lebte, bis er Ende 1938 nach Holland ging. Die Großmutter beschreibt er als eine traditionell
jüdische Frau, die gegen den Willen der Mutter dafür sorgte, dass er eine jüdische Schule
besuchte. Die Mutter, eine Schauspielerin, wird von Karsten offen verachtet. Er beschreibt
seine Kindheit als grausam, begründet das aber nicht mit den Erfahrungen mit
Antisemitismus, die er zur Genüge gemacht hat, sondern mit dem Regime seiner Mutter zu
Hause. Sie habe sich mit Männern amüsiert, während er den Haushalt schmeißen musste.
Sie habe ihn auch geschlagen. Als Kind habe er Erwachsene gehasst, erinnert er sich, und
448 Diese Erinnerungen stehen im Gegensatz zum dem Bild, das von der bekannten Schule Bunce Court
School/New Herrlingen allgemein kolportiert wird. Vgl. Hildegard Feidel-Martz, Identitätsbildung und
Integration. Exilschulen in Großbritannien, in: Wolfgang Benz u.a. (Hg.), Die Kindertransporte 1938/39: Rettung
und Integration, Frankfurt am Main 2003, S. 102-119; Göpfer, Der jüdische Kindertransport, S. 130 ff.; Curio,
Verfolgung, S. 164.
449 Karl Lyon wurde später Vorsitzender der zionistischen Vereinigung San Francisco.
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glaubt den Grund dafür in seinem Verhältnis zur Mutter gefunden zu haben. Die von ihm als
dominat beschriebene Mutter hat ihn offenbar auch dem Judentum entfremdet, denn, so
sagt er zusammenfassend, sie sei eben alles andere als eine typisch jüdische Mutter
gewesen.450
Bei dem 1906 in Magdeburg geborenen Ludwig Pick war es hingegen der deutschnationale
Vater, der gegen das Judentum eingestellt gewesen sei, und der mit herrschsüchtiger
Dominanz die Familie zerstört habe. Die Mutter sei hingegen nur ein Schatten gewesen, eine
„sorry story“. Immerhin konnte Ludwig mit ihrer Unterstützung seine Bar Mitzwah feiern.
Ludwig wurde später Richter, was vielleicht als nachträglicher Versuch gelesen werden
kann, zwischen den Eltern, aber auch zwischen dem Judentum und einer
selbstzerstörerischen Form von Deutschtum, schlichten zu wollen. Als ein Richterkollege ihm
noch vor 1933 nahelegte, Deutschland zu verlassen, weil er als jüdischer Richter in diesem
Land keine Chance hätte, verließ er Deutschland noch vor der nationalsozialistischen
Machtübernahme. Aber Ludwig wollte auch weg von seinen Eltern und dem von ihnen
repräsentierten Schisma: der Unmöglichkeit, Jude in Deutschland zu sein, eine Identität und
eine Heimat zu haben. Er lebt von seiner Frau geschieden und hatte, wie Fred K., sein Leben
lang Probleme sich niederzulassen und eine Heimat zu finden.451
Häufiger jedoch als von einer Entfremdung von den eigenen Eltern berichten Überlebende
davon, dass sie schon früh erwachsen sein und Verantwortung übernehmen mussten.
Hermann Iversen, der einen jüdische Vater und eine nichtjüdische Mutter hatte, erinnert
sich an einen Selbstmordversuch seines Vaters. Der Vater sei die gesamte Zeit der
Verfolgung über sehr depressiv gewesen und habe mit dem Gefühl, die Familie zu
gefährden, nicht mehr leben können. Er versuchte, sich zu erhängen, konnte jedoch gerettet
werden. Hermann erzählt, dass seine Mutter nach der Rettung des Vaters zum ihm
gekommen sei und ihn gebeten habe, mit dem Vater zu reden, ihn zu trösten und ihm zu
versichern, dass die Familie ihn brauche. Das habe er auch getan, er habe sich um den
schwer depressiven Vater gekümmert.452
450 Karsten Gerber Audiointerview.
451 Ludwig Pick oral history interview.
452 Hermann Iversen Audiointerview.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
187
Ernst Valfer beschreibt, wie er im Alter von 13 Jahren erwachsen wurde. Sein Vater wurde in
der Folge der Reichskristallnacht im November 1938 in Buchenwald inhaftiert und er selber
wurde bei der Verhaftung in der eigenen Wohnung, so erinnert er sich, nur knapp
verschont. Ernst war überfordert mit der Situation und reagierte mit Verleugnung: „This was
my first period [...] of denial.“453 Er fing an, alles besonders amüsant zu finden und machte
ständig Witze. Nur fünf Monate später verließ er Frankfurt mit einem Kindertransport in
Richtung Paris. Er beschreibt seinen seelischen Zustand zu diesem Zeitpunkt:
„I remember saying good bye to my mother who did not want to go to the train station. And
she put on a brave face, as my mother was able to do, but I am sure the moment the door
had closed she broke down. I didn’t know that. I didnt really want to know it. My father
took me to the train station and he was crying bitterly. And I was calm. Partially, because I
didn’t really know that this was separation for life […] and partially it was by that time a very
well built defense mechanism. After all I had been six years under this particular kind of
anti-Semitism and persecution […]. There is a total difference if you are in an anti-Semitic
local environment, even in the deep south, and I have lived in the south here, but where you
know that at least the law is on your side […]. In Germany that law was not on your side, the
country was not on your side. There is no way you can ask a policeman for protection. They
would laugh at you.”454
In Frankreich verblieb Ernst noch lange in diesem Zustand der Verleugnung: „I felt very
French”, sagt er dazu. Nach seiner Flucht in die USA wurde er amerikanischer Soldat und
kam Ende 1943 oder Anfang 1944 als solcher nach Europa zurück. Er kämpfte für die
amerikanischer Armee und als ein Teil dieser kam er nach der Befreiung vom
Nationalsozialismus 1945 auch ins Konzentrationslager Dachau, wo er die Aufsicht über
einige ehemalige Waffen-SS-Männer hatte. Auch zu diesem Zeitpunkt verbliebt Ernst Valfer
noch in der Verleugnung, wie seine Erinnerungen an diese Zeit offenbaren:
„I picked up a truckload of SS people for daily duties. And my sense of fury must have been
frightening to me, and so I really suppressed it totally, totally. Instead, I went over the other
way […]. I became very polite. Almost gentle. Made sure they had enough food while they
453 Ernst Valfer oral history interview, S. 7.
454 Ebd., S. 15.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
188
were working, and there was never any need for water. They were well treated. I can kick
myself for it, but that’s the way I had to act.”455 In seinem späteren Leben, nachdem er sich
als professioneller Psychologe in Oakland, Kalifornien niedergelassen hatte, konnte Ernst
wenigstens teilweise über seine verlorene Kindheit trauern.
Sue Siegel erinnert sich daran, sich als Kind verantwortlich gegenüber den eigenen Eltern
gefühlt zu haben. Sue beschreibt Landau als eine sehr kleine Stadt, in der sie sich sehr
alleine gefühlt hat, als sich alle Kinder von ihr abgewendet haben. Dazu kam der Tod der
bewunderten älteren Schwester und die Flucht ihres Bruders 1933. Sie war nun das einzig
verbliebene Kind ihrer Eltern und ständig darum bemüht, ihnen alles Recht zu machen und
sie über den Verlust und die schwierigen Umstände hinwegzutrösten. Sie beschreibt
Schuldgefühle, die sie ständig hatte, weil sie ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht
werden konnte und die Sehnsucht danach, auch eine Naziuniform tragen zu dürfen, um
dazuzugehören.456
Ähnlich verantwortungsbewusst reagierte die in Hannover geborene und in Berlin
aufgewachsene kleine Eve S., als sie 1933 mit den politischen und gesellschaftlichen
antijüdischen Ereignissen konfrontiert wurde. Obwohl sie erst sechs Jahre alt war, bemerkte
sie die Nervösität ihrer Eltern und den Namen Hitler, der ständig in den Gesprächen
auftauchte. Sie spürte die Gefahr, in der sie und ihre Familie sich befanden. Aber niemand
gab ihr Antworten auf ihre Fragen nach Hitler.
„I decided that there must be a way to deal with it, that’s been my problem all along. I
remember skipping along the sidewalk in Berlin and thinking of somehow getting to Hitler.
Inviting him over for supper, and he would see and meet my family, and eat some
Emmentaler Käse and some Wurst and drink some tea or beer, and he would be convinced
that there is no problem! […] And then everything would be alright. And as I skipped along I
licked my icecream cone [...]. I had figured out the solution!”457
455 Ebd., S. 25-26.
456 Sue Siegel oral history interview.
457 Eve S. Holocaust testimony (HVT-649), interviewed by Lucille B. Revito and Mindy Brownstein, January 17,
1986, Video Archive for Holocaust Testimonies at Yale, New Haven, Connecticut, Transkript von Sonja Niehaus,
S. 1.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
189
Einige Überlebende, die in den 30er Jahren noch Kinder waren, berichten von Erlebnissen
mit nichtjüdischen Erwachsenen, die sie gehabt haben. Karsten Gerber erzählt ausführlich
von seinen Erinnerungen an Begegnungen mit nichtjüdischen Erwachsenen, sowohl solchen,
die antisemitisch eingestellt waren, als auch freundliche und hilfreichen Menschen. In der
folgenden Passage erzählt er von einer Begegnung, die noch vor 1933 stattfand:
„Eines schönen Tages fanden wir auf dem Schulweg ein Portemonnaie, der Peter und ich.
Und da sag ich, „weißt du was? Wir werden uns jetzt einen Spaß erlauben [...] und da haben
wir einen Hundeköttel gefunden, und den haben wir ins Portemonnaie getan. Und dann
haben wir dem Schaffner das Portemonnaie gegeben und gesagt, „da ist das Fahrgeld drin“.
Und da sagte der, guckte uns an: „Jau, das ist doch ein richtiger Judenstreich. Da sieht man
ja wo ihr herkommt.“ Das werd ich nie vergessen, „da sieht man ja wo ihr herkommt“.“458
In der jüdischen Schule, die Karsten besuchte, gab es zwei nichtjüdische Lehrer. Einer von
den beiden war der Sportlehrer, Herr Mehl. Herr Mehl, erzählt Karsten, habe die ganze
Entwicklung schon früh erfasst und war bemüht, seine Schüler auf seine Art darauf
vorzubereiten:
„Das werd ich nie vergessen, [...] der sagte zu uns, „ich schleif euch wie die preußischen
Rekruten, und wenn die zu euch Judenlümmel sagen dann haut ihnen auf die Nase, dass das
Nasenbein springt, dann sagen se nichts mehr!“ Und da hab ich gesagt „um Gottes Willen“
weil ich Jude war! Das war unmöglich, einen Juden zu Gewalt, zum Kraftsport zu
erziehen!“459
Karsten hatte auch einen nichtjüdischen Freund, Emilio, dem er allerdings nicht verriet, dass
er Jude ist und auf eine jüdische Schule ging.460 Statt dessen hatte er ihm erzählt, er besuche
eine Realschule, deren Gebäude sich direkt hinter der jüdischen Schule befand. Er erinnert
sich an eine Begegnung mit seinem Sportlehrer Herrn Mehl, der auch Trainer beim FC St.
Pauli war. Er traf ihn eines Tages, als er mit seinem Freund Emilio unterwegs war.
458 Karsten Gerber Audiointerview, S. 2.
459 Ebd., S. 3.
460 Karsten besuchte die Talmud-Tora Schule in Hamburg-Eppendorf. Vgl. zu dieser Schule Baumbach,
Verfolgung, S. 70 ff. und 116 ff., und den Eintrag http://www.dasjuedischehamburg.de/inhalt/talmud-tora-
schule-ttr.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
190
„Wir stehen am Sportplatz, und da ist der Mehl mit einer Gruppe so am dribbeln, und sieht
mich am Tor und winkt und sagt, „na mein Junge, was machst du denn hier?“ „ja, ich guck
mich hier so um“. Da sagt der Emilio zu mir, „wer ist denn das, kennst du den?“, und ich sag
„ja natürlich, das ist mein Sportlehrer!“. „Ach“, sagt er, „dann kannst du ja nicht auf ne
Judenschule gehen. Dann kannst du ja kein Jude sein, wenn du so einen Sportlehrer
hast.““461
Zusammen mit seinem jüdischen Freund Peter habe sich Karsten immer „die Nasen platt
gedrückt“462 an den Schaufensterscheiben ihres liebsten Spielwarengeschäftes in der
Dammtorstraße. Dann, 1933, habe dort plötzlich ein Schild gehangen: „Juden und Hunde
keinen Zutritt“.
461 Karsten Gerber Audiointerview, S. 2.
462 Ebd., S. 4.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
191
3. Hilfe und Solidarität durch Nichtjuden
3.1 Geleistete und unterlassene Hilfe
Immer wieder berichten Überlebende in ihren Erinnerungen von verschiedenen Formen von
Hilfeleistungen durch Nichtjuden. Aus der ersten Hälfe der Zeit der Verfolgung, dem
Zeitraum zwischen 1933 und 1938, handelt es sich dabei häufig um schlichte
Solidaritätsbekundungen. Nachbarn, Freunde, Bekannte, Kollegen oder Fremde haben auf
unterschiedliche Weise zu verstehen gegeben, dass sie mit der Ausgrenzung und
Diskriminierung von Jüdinnen und Juden nicht einverstanden waren, etwa durch Blicke,
Worte oder kleine Handlungen. Das war für die Betroffenen besonders wichtig. Es ist auch
als ein kleiner Akt des Widerstands zu werten, denn eine solche Form der Solidarität mit
Jüdinnen und Juden unterlief den Verlauf der Verfolgung in entscheidender Weise, nämlich
bezüglich der Exklusion aus der Volksgemeinschaft. Immer dann und dort, wo Jüdinnen und
Juden erleben konnten, dass jemand auf ihrer Seite stand, war die Logik der
Volksgemeinschaft durchbrochen, und sie waren ein kleines Stückchen weniger einsam. An
diesen ganz einfachen Akten der Solidarität wird deutlich, wie wenig es manchmal brauchte,
um in schlimmen Zeiten Trost und Mitgefühl zu spenden, aber auch, wie sehr die Verfolgung
auf die Mitarbeit der Bevölkerung angewiesen war und wie verhältnismäßig einfach diese,
zumindest in den ersten Jahren, zu verweigern war.
Erna P. berichtet in ihrer Erzählung davon, dass ihr Klassenlehrer in ihrem letzten Schuljahr
immer zu ihr gehalten hat. Nicht so sehr, was er gesagt hat, wenn er in den Pausen mit ihr
geredet hat, sondern das er ostentativ zu ihr stand, war für sie eine Quelle der Kraft, die bis
heute nicht versiegt ist. Die Erinnerung an den solidarischen Lehrer ist eine Insel der
Zuversicht für Erna, wo überall rundherum nur Leere und Trauer ist.463 Ilse W. erinnert sich
daran, dass sie in ihrem Haus christliche Nachbarn hatte, die ihre Familie jedes Jahr zu
Weihnachten eingeladen haben. Das habe auch nach 1935 nicht aufgehört.464 Hans-Peter
463 Erna P. Videointerview.
464 Ilse W. Holocaust testimony.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
192
M. erinnert sich daran, dass eine jüdische Freundin von ihm täglich in der Berliner S-Bahn
von demselben Mann einen Apfel in ein offenes Buch gelegt bekam, das sie in der Hand
hielt. Diese Handlung wurde zu einer Institution. Gesprochen hätten die beiden nie ein Wort
miteinander. Auch sein Klassenlehrer habe sich solidarisch verhalten. Er sei 1933 zu Hans-
Peter nach Hause gekommen, um seine Eltern zur Ausreise zu bewegen. Er habe sich Sorgen
um sie gemacht.465 Martha Kadisch erzählt, wie ein fremder Mann sich eingemischt hat, als
sie und ihr kleiner Sohn auf einem Spielplatz in Hamburg antisemitisch beschimpft wurden.
Er habe ihr Trost gespendet und auf sie aufgepasst, damit sie nicht zu heftig reagiere und
das ganze Unglück dadurch noch vergrößere.466 Margaret Kaplans Lehrer hat der jüdischen
Schülerin etwas nettes ins Poesiealbum geschrieben, was ihr damals viel Mut gemacht hat.
Das sei auch eine gefährliche Handlung gewesen, betont sie.467 Herman Iversen berichtet
davon, dass sein Vater, der von seinen Richter- und Anwaltskollegen schon 1933 im Stich
gelassen wurden, einen einzigen Menschen in der Nachbarschaft gefunden habe, der zu ihm
gehalten habe, einen „ganz anständigen, biederen Maurermeister“. Mit ihm zusammen
habe sein Vater immer BBC hören können. Die Beschreibung dieser kleinen Episode läßt
erahnen, wie einsam die Familie Iversen gewesen ist, und wie wichtig der Kontakt zum
Maurermeister Häntze war. 468
Solche Beispiele für Akte der Solidarität tauchen immer wieder in den Erinnerungen auf. Es
sind für die ehemals Verfolgten besonders wichtige Erinnerungen, denn sie haben die Logik
der Exklusion durchkreuzt und ermöglichten dadurch das Festhalten an einer Idee der
universalen Menschlichkeit. Freilich zeigen die Solidaritätsbekundungen und kleinen
Hilfeleistungen im Alltag vor allem zweierlei: zum einen, dass es in vielen Fällen ohne großen
Aufwand möglich war, zu den Verfolgten zu halten, wenn es mitunter auch großen Mut
erforderte. Zum anderen wird deutlich, wie selten diese Akte gewesen sind.469 Hilfe gab es
465 Hans-Peter M. Videointerview.
466 Martha Kadisch Audiointerview.
467 Margaret Kaplan oral history interview.
468 Hermann Iversen Audiointerview, S. 9.
469 Wolfgang Benz, Juden im Untergrund und ihre Helfer, in: ders. (Hg.), Überleben im Dritten Reich. Juden im
Untergrund und ihre Helfer, München 2003, S. 11-48, hier S. 12 und 26.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
193
immer irgendwo, wie viele Überlebende betonen, aber es blieb eben immer bei der
Ausnahme.470
Vor allem waren die verfolgten Jüdinnen und Juden auf sich alleine gestellt.471 Das trifft auf
die meisten großen, organisierten Rettungsaktionen während des Holocaust ebenso wie auf
den Alltag in Deutschland zu, den es zu meistern galt. Auch gegenseitige Hilfe unter Juden
war keine Seltenheit, wenn sie auch manchmal besonders schwer zu bewerkstelligen war.
Eva S. erzählt von einer solchen Episode, die sich während der Reichskristallnacht in Berli
abspielte:
„Another incident happend in Crystall night, and I‘m sure that is sort of ever present, too
[...]. Crystall night was, as we all know, the event in 1938 which changed everything, and
nobody believed that things would get better anymore. In the morning of Crystall night, we
had gotten up and started off to go to our school. But it was different, there was something
in the air […]. It was a 24 hours thing, and it was evolving and developing. We were send
straight home from school, and then it really started with the synagogues burning and the
looting and so on. I remember running out and looking at our synagogue, even though we
were not supposed to run out. This impression of the flames, that was just very, very
frightening. I ran home again. My farther wasn’t there for the longest time, and we were
afraid he might have been caught or imprisoned that night. It got dark and we were
standing looking out without lights, and there were so many sirens and so many songs and
so much smashed glass, people were screaming and singing, the SS was singing “put the
Jews against the wall”. I mean this scenario. We were living near the center of Berlin so a lot
of things were going on. Then suddenly my farther appeared and we were relieved. We
stood near the window, but it was dark, without light. And suddenly the door got rung. My
mother said, “don’t open it, because I’m sure it’s the Gestapo, and they are gonna get us”.
But my farther did open it […]. He said “Gestapos don’t ring bells” and opened. And it was a
young man. They were after him, and he saw our name which was a Jewish name, so he
rang the bell. And he was very shocked up. He must have been about 22. And my farther
470 Vgl. Markus Nadersohn und Martin Winterfeld Videointerview; Frank S. Holocaust testimony; Inga C.
Holocaust testimony; Karl Lyon oral history interview.
471 Wolfgang Benz, Solidarität mit Juden während der NS-Zeit. Eine Einführung, in: Beate Kosmala/Claudia
Schoppmann (Hg.), Überleben im Untergrund. Hilfe für Juden in Deutschland 1941 bis 1945, Berlin 2002, S. 9-
16, hier S. 13; ders., Untergrund, S. 12.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
194
acted like nothing was wrong, he said “just sit down”, and the young man sat down, and he
said “now relax, relax, nobody can see us here”. And he took out the best Brandy he had,
and he gave him a glass of Brandy. We were all watching this, and we forgot what was going
on outside […]. I remember the light of the street lamp shining on this little group giving the
young man Brandy. And then my farther drew him a little map on how to get out of the
house through the back alleys and escape. It made an enormous impression on me, because
I realized first of all what a person my father was, how he could, no matter what, manage to
do this things, and also how everybody could call up in this new person with us and forgot
about the detentions of the moment. It was sort of good what we were doing. And it taught
me a lot. I remember it and it makes me glad. Through all the difficulties that I’ve had, I have
these wonderful memories.”472
In Evas Erzählung wird besonders deutlich, wieviel ihr als Helferin die Rettung des verfolgten
jüdischen Mannes gegeben hat. Nicht nur Akte der Hilfe durch Nichtjuden durchbrachen die
unmenschliche Logik der Verfolgung, auch die gegenseitige Hilfe bot etwas, woran sich
Retter und Gerettete festhalten konnten. Es wird aber auch deutlich, wie ausweglos die
Situation für den jungen Mann gewesen wäre, hätte er nicht zufällig einen jüdischen Namen
an einem Klingelschild entdeckt: bei Nichtjuden hätte er sich wohl niemals getraut, zu
klingeln und ernsthaft auf Hilfe zu hoffen.
Es gibt bestimmte Hilfekonstellationen, die immer wieder auftauchen. Insbesondere
Haushaltshilfen in jüdischen Haushalten werden häufig als Helferinnen genannt, die zu den
verfolgten Familien hielten. Dafür gibt es recht viele Beispiele. So berichtet Ilse W. aus
Frankfurt davon, dass eine ehemalige Hausangestellte für sie Essen schmuggelte. Jede Nacht
brachte sie etwas von einem Bauernhof aus dem Umland von Frankfurt mit. Aber mit der
Zeit bekam sie Angst. Sie befürchtete, dass sie beobachtet worden war, und stellte die
Hilfeleistungen schließlich ein.473 Frank S. erwähnt die ehemalige Hausangestellte Emma, die
die jüdische Familie vor der Reichskristallnacht warnte.474 Inga C. erinnert sich daran, dass
die nichtjüdische Hausangestellte ihrer Familie ebenfalls Essen brachte, um das Überleben
zu sichern. Dies sei besonders bemerkenswert gewesen, da sie eine Parteigenossin gewesen
472 Eve S. Holocaust testimony, S. 9.
473 Ilse W. Holocaust testimony.
474 Frank S. Holocaust testimony.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
195
sei und ihr Mann ein großer Nationalsozialist. Auch die Putzfrau der Familie von Ernst V., die
sie vor der Reichskristallnacht gewarnt hat, war mit einem SA-Mann verheiratet. Deswegen
habe sie auch lange vor diesem Ereignis darüber Bescheid gewußt.475 Offensichtlich half die
Nähe zu den Betroffenen, sich über den Zeitgeist hinwegzusetzen.
Manchmal wird von jüdischen Geschäftsbesitzern erzählt, dass ehemalige nichtjüdische
Kunden weiterhin in ihrem Laden einkauften, auch wenn dies oft nur noch im Geheimen
und durch die Hintertür möglich war.476 Auch beschreiben einige Überlebende das
Verhältnis von nichtjüdischen Angestellten zu ihren jüdischen Vorgesetzten als unverändet
gut.477 In diesen Fällen haben gut funktionierende Geschäftsbeziehungen zwischen Juden
und Nichtjuden länger Bestand gehabt. Kommunisten und Kommunistinnen werden
ebenfalls häufig als hilfsbereit eingeschätzt. Der Bruder von Emma, dem nichtjüdischen
Hausmädchen der Familie S., das sie vor der Reichskristallnacht gewarnt hat, sei ein
Kommunist gewesen, erzählt Frank. Daher habe er auch Bescheid gewußt und Emma die
Information weitergeben können.478 Die Mutter von Eva G.s Freundin hingegen wurde von
ihrem nichtjüdischen Umfeld als Kommunistin beschimpft, weil sie zu ihrer jüdischen
Freundin hielt. Manche Überlebende erwähnen auch, das ihrem Eindruck nach
Arbeiterinnen und Arbeiter ganz allgemein nicht so viel von der Judenverfolgung hielten.479
Martin Winterfeld und Max Nagel hingegen erinnern sich im Gegensatz daran, dass einige
ehemalige Kommunisten in Hamburg 1933 praktisch über Nacht zu Nationalsozialisten
wurden.480
Es gibt immer wieder Geschichten über Frauen, die trotz des Unwillens ihrer Ehemänner
oder gar deren Verstrickungen in den Nationalsozialismus Hilfe leisteten. Die
Hausangestellten von Ernst Valfer und Inga C. gehören dazu, ebenso wie Beuke, die
Freundin von Erna P., die ihr lange Zeit gegen den Willen ihres Mannes Unterschlupf
gewährte.481
475 Ernst Valfer oral history interview.
476 Elsa K. Holocaust testimony; Karl Lyon oral history interview.
477 Sue Siegel oral history interview; Karl Lyon oral history interview.
478 Frank S. Holocaust testimony.
479 Ebd.
480 Markus Nadersohn und Martin Winterfeld Videointerview.
481 Erna P. Videointerview. Claudia Schoppmann, Rettung von Juden: Ein kaum beachteter Widerstand von
Frauen, in: Beate Kosmala/dies. (Hg.), Überleben im Untergrund. Hilfe für Juden in Deutschland 1941 bis 1945,
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
196
Manchmal wird auch erwähnt, dass Parteigenossen, sogar SS-Leute, zu Helfern wurden.
Willi F. machte seine Lehre bei einem Parteigenossen und wurde gut behandelt.482 Erika
Fülster betont, wie gut ihr Arbeitgeber immer zu ihr gewesen sei, ein Arzt und bekennender
Nazi aus Hamburg.483 Erna P.’s Bruder wurde im Untergrund von einem Nationalsozialisten
mit goldenem Parteiabzeichen unterstützt.484 Hermann Iversens Vater wurde während der
gesamten Zeit der Verfolgung von einem SS-Mann geschützt, der früher einmal
Rechtsreferendar bei ihm gewesen war. Freilich haben sie erst später davon erfahren.485
Solche Hilfeleistungen durch erklärte Nationalsozialisten waren keine Einzelfälle.486 Es ist
jedoch auch nicht verwunderlich, dass Hilfeleistungen durch Parteiangehörige in den
Erinnerungen eine besondere Aufmerksamkeit gewährt wird, weil sie besonders
eindrucksvoll erscheinen. Die Überraschung, die ein solches Verhalten mit sich brachte,
bewirkt auch, dass die Erinnerung daran besonders lebendig bleibt. Andererseits bleibt
häufig ein bitterer Beigeschmack. Was soll man von jemandem halten, der zwar in einer
konkreten Situation hilft, aber der Partei der Verfolger angehört? In jeden Fall jedoch
beweisen diese Erzählungen, dass es in sehr vielen Situationen möglich war, sich solidarisch
zu zeigen. Es gibt keine Bevölkerungsgruppe, über die man verallgemeinernd sagen könnte,
dass sie einen besonders großen Anteil an Hilfeleistungen, Solidarität und
Rettungsversuchen hätte.487
Einige Überlebende spekulieren in ihren Erinnerungen darüber, warum es einzelne
Nichtjuden gab, die sich helfend verhielten, und warum andere dies nicht taten. Erika
Fülster ist der Ansicht, dass ihr Arbeitgeber, der nationalsozialistische Arzt aus Hamburg, sie
eben einfach mochte. Deswegen habe er sie geschützt. Das Verhalten ihres Arbeitsgebers
gibt ihr aber trotzdem Rätsel auf.488 Hannalore F. aus Oberlauringen in Franken erzählt
Berlin 2002, S. 109-126, referiert darüber, dass die Mehrzahl der Hilfeleistungen und Rettungen durch
Nichtjuden von Frauen ausgingen.
482 Willi F. Videointerview.
483 Erika Fülster Audionterview.
484 Erna P. Videointerview.
485 Hermann Iversen Audiointerview.
486 Beate Kosmala/Claudia Schoppmann, Überleben im Untergrund. Zwischenbilanz eines Forschungsprojekts,
in: dies. (Hg.), Überleben im Untergrund. Hilfe für Juden in Deutschland 1941 bis 1945, Berlin 2002, S. 17-32;
Beate Kosmala/Revital Ludewig-Kedmi (Hg.), Verbotene Hilfe. Deutsche Retterinnen und Retter während des
Holocaust, Donauwörth 2003, S. 19. Vgl. insbesondere die Arbeiten von Wolfram Wette aus dem Projekt
„Retter in Uniform“.
487 Schoppmann, Rettung, S. 125.
488 Erika Fülster Audiointerview. Da Erika als “Mischling” eingestuft war, ist diese Vermutung nicht abwegig.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
197
davon, dass das Haus ihrer Familie in der Reichskristallnacht von einem Nachbarn beschützt
wurde, der ein Nationalsozialist war. Es seien trotz allem gute Menschen gewesen, die dort
wohnten, sagt sie. Außerdem sei ihre Mutter im Dorf sehr beliebt gewesen, weil sie immer
allen half, und deswegen sei ihnen nichts passiert.489 Elsa K. betont zwar, dass es nur sehr,
sehr wenige Deutsche gegeben habe, die sich solidarisch gezeigt hätten, und niemanden,
der ihr je geholfen habe. Sie berichtet aber auch von ihrem Eindruck, dass einige Deutsche
deswegen ein schlechtes Gewissen gehabt hätten. Sie seien eingeschüchtert gewesen und
hätten es nicht vermocht, sich anders zu verhalten, als es ihnen vorgeschrieben wurde. 490
Ilse S. dachte immer, dass ihre Familie gut integriert gewesen sei. Als die Nationalsozialisten
an die Macht kamen, blieben die Besuche der Freundinnen ihrer Mutter jedoch aus.491 Auch
hier fehlten die Kraft, die moralische Integrität und der Mut, sich anders zu verhalten. Ob
jemand ein Nazi gewesen sei oder nicht, so Hans-Peter M., sei gar nicht unbedingt
ausschlaggebend gewesen, wenn es um Hilfe für Juden und Jüdinnen ging. Manche
„Obernazis“ hätten sich anständig und hilfreich verhalten, wenn es um etwas ging, während
ganz normale Leute ohne Rückrad gehandelt hätten oder schlimme Antisemiten waren.492
Hilfeleistungen sind häufig ein widersprüchliches Thema in den Erinnerungen, nicht nur
wenn es darum geht, Hilfe und Solidarität durch Parteiangehörige einzuordnen.493 Es gibt
auch Erzählungen über Hilfeleistungen und solidarische Handlungen, die nicht angenommen
werden konnten, weil sie einen schalen, unglaubwürdigen Beigeschmack hatten. Betty C.
erzählt davon, dass nach der Reichskristallnacht eine Frau zu ihr kam, um ihr einen Pelz
widerzugeben, den sie bei der Plünderung von Bettys Geschäft gestohlen hatte. Sie hatte ein
schlechtes Gewissen. Obwohl ihr dieser Weg zu der von ihr bestohlenen Jüdin schwer
gefallen sein dürfte, hatte Betty nichts dafür übrig. Diese Handlung der Frau hat ihr nicht
darüber hinweghelfen können, was ihr vorher durch sie und viele andere angetan worden
ist.494 Fred K. erzählt von der Begegnung mit einer ehemaligen Nachbarin in Oberlauringen,
als er 65 Jahre, nachdem er aus Deutschand geflohen war, zum ersten Mal wieder sein
Heimatdorf besuchte. Sie erzählte ihm, dass sie nach seiner Flucht seine zurückgebliebenen
489 Hannalore F. Holocaust testimony.
490 Elsa K. Holocaust testimony. Vgl. auch Karl Lyon oral history interview.
491 Ilse S. Holocaust testimony.
492 Hans-Peter M. Videointerview. Siehe auch Benz, Untergrund, S. 41 ff., und Schoppmann, Rettung, S. 124 ff.
493 Kosmala, Überleben im Untergrund , S. 19; Schoppmann, Rettung, S. 125; Benz, Untergrund, S. 23 f.
494 Betty C. Holocaust testimony.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
198
Eltern unterstützt habe, indem sie ihnen Nahrungsmittel für ihr Silber eintauschte.
Verständlicherweise empfand Fred das nicht als Hilfeleistung, wie die Frau es darstellte,
sondern als Ausnutzung der Notsituation seiner Eltern. Die Nachbarin hat auch 65 Jahre
später kein schlechtes Gewissen gezeigt.495
Die Geschichten und Berichte über Hilfeleistungen und Solidarität für verfolgte Jüdinnen
und Juden sind immer Einzelfälle.496 Alltagsgeschichten der Hilfe können fast ausschließlich
anhand von Erinnerungen rekonstruiert werden. Umso wichtiger ist es, die Bedeutungen
dieser Geschichten für die erinnernden Menschen richtig zu erfassen. Die Frage, welchen
Stellenwert eine Erfahrung mit helfenden Nichtjuden hat, muß immer gestellt werden, um
die Erzählung verstehen und richtig einordnen zu können.
Im Folgende werde ich das anhand zweier Beispiele aufzeigen. Helga Chomsky aus Hamburg
und Ernst Valfer aus Frankfurt am Main sind zwei Überlebende, die sich an Akte der Hilfe
und Solidarität erinnern, sie aber ganz unterschiedlich erfahren haben und auch verschieden
in ihr Erleben einordnen. In einem abschließenden Vergleich der beiden
Erinnerungserzählungen werden ich aufzeigen, welche Gemeinsamkeiten sich trotzdem
feststellen lassen.
495 Fred K. Holocaust testimony.
496 Benz, Untergrund, S. 22. Vgl. die Beiträge in den Publikationen Petra Bonavita, Mit falschem Pass und
Zyankali. Retter und Gerettete aus Frankfurt am Main in der NS-Zeit, Stuttgart 2009; Wolfgang Benz/Mona
Körte (Hg.), Rettung im Holocaust. Bedingungen und Erfahrungen des Überlebens. Solidarität und Hilfe für
Juden während der NS-Zeit, Band 4, Berlin 2001; Wolfgang Benz (Hg.), Überleben im Dritten Reich. Juden im
Untergrund und ihre Helfer, München 2003.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
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3.2 Helga Chomsky aus Hamburg
„Hitler kam nach Hamburg. Da war dieser große Umzug am Dammtor, und ich stand da
hinten. Da waren diese Leute auf beiden Seiten. Und ich sah ihn, und ich weiß noch wie ich
dachte, Gott, warum hat denn niemand den Willen diesen Mann totzuschießen? Hier isser!“
Helga Chomsky, London, 23. Mai 1991
Helga Chomsky wurde im August 1919 in Hamburg geboren. Dort hat sie auch während der
Zeit der Verfolgung bis zu ihrer Emigration nach England im Jahre 1939 gelebt. Während
ihrer gesamten Zeit in Hamburg ist sie nur einmal umgezogen, als die Familie aus dem
angestammten Haus am Hellkamp 1936 in das neu eingerichtete „Judenhaus“ in die
Schlachterstraße zwangsumgesiedelt wurde.497 Seit ihrer Emigration lebt Helga in England,
hat dort geheiratet und eine Familie gegründet. Sie erzählte ihre Lebensgeschichte in ihrer
Wohnung in London bei Kaffee und Kuchen. Es ist in mancher Hinsicht eher ein
ungezwungenes Gespräch als ein lebensgeschichtliches Interview. Die Atmosphäre ist durch
das Setting und Helgas Erinnerungs- und Erzählstil sehr viel familiärer als bei den Interviews,
die im Studio stattfinden. Helga versteht es, eine gemütliche Plauderei zu inszenieren.
Der Atmosphäre entspricht die Erinnerung von Helga in Form und Inhalt. Sie erzählt viel und
gern von Ereignissen und Personen, die für positive Wendungen stehen oder mit denen sie
Erfreuliches assoziiert. Zu Beginn und während des Interviews benutzt sie mehrfach
Familienfotos, um sich auf das Erzählen einzustimmen, aber auch, um sich von signifikanten
Themen abzulenken. Ihre Familie ist in Helgas Leben immer besonders wichtig gewesen.
Hier fühlte sie sich immer wohl und behütet. Als Nachzüglerin war die einzige Tochter von
vergleichsweise alten Eltern (die Mutter war bei Helgas Geburt 39, der Vater 43 Jahre alt)
das Nesthäkchen der Familie. Ihre drei Brüder sind zwischen 6 und 19 Jahre älter als sie.
Helga erwähnt bei der Vorstellung der wichtigsten Familienmitglieder gleich zu Beginn des
Interviews, dass ihr jüngster Bruder, dem sie immer sehr nahe stand, früher Karl geheißen
497 Erst seid dem Reichsgesetz über die »Mietverhältnisse mit Juden« vom 30. April 1939 war formal die freie
Wohnungswahl für Juden aufgehoben. Vgl. Walk, Sonderrecht, S. 292. Dass Helgas Familie eher in eines der
Hamburger „Judenhäuser“ ziehen musste, in denen Hamburger Jüdinnen und Juden gewissermaßen gettoisiert
wurden, bedeutet wahrscheinlich, dass die Vermieter ihnen aus freien Stücken gekündigt haben.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
200
habe, sich seit seiner Emigration nach England aber Ken nennen lässt. In England hat ein
größerer Teil der Familie, ebenso wie sie selber, eine neue Heimat und Identität gefunden.
Der Bruch in ihrem Leben und demjenigen ihrer Familie, die Flucht und die mit Verfolgung
und Emigration verbundenen Identitäts- und Zugehörigkeitsproblematiken werden am
Symbol des Namens von Helgas Bruders gleich zu Anfang thematisiert. Neben der
Vorstellung der ihr unmittelbar nahestehenden Familienmitglieder findet außerdem die
Erwähnung einer angeheirateten nichtjüdischen Verwandten Platz in der ersten
Untersequenz ihrer Erzählung, die Ehefrau ihres ältesten Bruder Adolfs. Deren Solidarität
mit der verschwägerten jüdischen Familie während der Zeit der Verfolgung ist Helgas
Eingangserzählung gewidmet. Sie, Regina, habe die Koffer ihrer Schwiegereltern, Helgas
Eltern, zum Zug getragen, als diese 1941 deportiert worden seien, und sie dabei auf ihrem
Weg soweit begleitet wie sie konnte und durfte. Helga erwähnt in diesem Zusammenhang
auch, dass Regina „englischer Abstammung“498 gewesen sei. Gerade weil es nur ihre
Urgroßmutter war, die zudem aus Schottland kam, wie Helga hinzufügt, ist dieser Hinweis
Helgas bemerkenswert. Er verweist, nach der Thematisierung von Hilfe und Solidarität,
zusammen mit der erwähnten Namensänderung Kens auf das zweite Thema, was die
Erzählung Helgas wie ein roter Faden durchzieht: die Abgrenzung von Deutschland bis heute
und die Affirmation alles Englischen und der neuen englischen Heimat.
Das Unwohlsein und die negativen Gefühle, die durch alles mit Deutschland Assoziierte bei
Helga geweckt werden, bestimmen die Struktur ihrer Erzählung. Es ist ein eher latentes
Thema, das, seinem Inhalt entsprechend, negativ seinen Platz findet, in Auslassungen und
Andeutungen. Ausführliche Erzählungen, Berichte und Beschreibungen zu diesem
problematischen Feld finden sich hingegen kaum. Demgegenüber findet das erste Thema
einen expliziten Eingang in das Interview in der Form der Betonung von Begebenheiten, die
gute Gefühle bei ihr auslösen. In dem Streben, soweit als möglich die positiven Seiten des
Lebens zu sehen, spiegelt sich Helgas Glaube an das Gute in allen Menschen und vielleicht
auch ein großes Urvertrauen, das sie als geliebtes und behütetes kleines Nesthäkchen in
ihrer schützenden Herkunftsfamilie erwerben durfte. Helga erzählt dementsprechend
vergleichsweise viele Begebenheiten von helfenden Menschen und hebt die Personen
498 Helga Chomsky, Audiointerview vom 23.05.1991, geführt von Sybille Baumbach und Beate Meyer, FZH/WdE
43, Transkript von Sonja Niehaus, S. 1.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
201
hervor, die zu ihr und ihrer Familie gehalten haben. Während diese Form von Erleben
besonders betont wird, spart Helga negative Eindrücke eher aus, indem sie die Erinnerung
daran beiseite schiebt.
Die Erinnerungen an die demütigenden Erfahrungen von Ausgestoßensein und Verrat und
die damit verbundenen Emotionen drohten ihr Weltbild zu sprengen, würde sich Helga allzu
ausführlich auf sie einlassen. Daher benutzt sie verschiedene Mittel und Wege,
Verletzungen und Traumatisierungen vor sich selbst zu verharmlosen. Dazu gehören das
schlichte Auslassen auf der Ebene des Erzählens, das Unterdrücken von Erinnerung, die
Verharmlosung durch witzige Darstellung, das Lachen an Stellen, die eigentlich nicht
komisch sind, und, besonders charakteristisch, das Zurückkommen auf die Familienfotos an
verschiedenen Stellen im Interview, um sich von bestimmten Erinnerungen und den
dazugehörigen Gefühlen abzugrenzen und sich zu vergewissern, das ihre Welt trotz allem
noch in Ordnung ist. Helga ist eine sehr warmherzige, starke Persönlichkeit, die diesen Weg
der Darstellung ihrer Lebensgeschichte nicht ganz unbewusst gewählt hat. Nicht nur, dass
sie am Ende des Interviews ihre Schwierigkeiten mit Erinnerungen an qualvolle Erlebnisse
durchaus selber andeutet. Sie formuliert darüber hinaus auch ihr Lebensmotto: „Wenn man
älter wird [...] vergisst man nicht und man kann das auch nicht irgendwie vergeben. Aber
man hasst nicht. Ich hasse nicht. Wenn man hasst, dann verdirbt man sein Leben.“499
Getreu dieser Maxime ist Helgas Erzählung ist hören, zu lesen und zu verstehen. Die
Betonung der positiven Erfahrungen entspricht ihrer humanistischen Überzeugung, die ihre
Welt auch nach dem Holocaust zusammenhält. Helga lebt zum Zeitpunkt des Interviews als
glückliche Ehefrau und Mutter von drei erfolgreichen Kindern zusammen mit ihrem
englischen Ehemann in London. Es scheint ihr gelungen zu sein, sich trotz Traumatisierungen
erneut in der Welt zu etablieren und ein ausgeglichenes und zufriedenes Leben zu führen.
Dass ihr die Widersprüche und die Brüchigkeit ihrer Erfahrungen aber dennoch bewusst
sind, spiegelt sich auch in ihrer Aussprache des Englischen wieder, von der sie sagt, dass sie
bis heute von einem deutschen Akzent untermalt sei den allerdings Engländer häufig für
einen Schottischen halten würden.
499 Ebd., S. 28.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
202
Eine tragende Person in Helgas Erzählung ist ihre ehemalige Lehrerin Martha Possel. Sie sei
eine langjährige Freundin der Familie, erzählt Helga, die ihr während der Schulzeit geholfen
habe. Sie war Nazigegnerin, formuliert Helga eher unspezifisch, die es immer irgendwie
geschafft habe, sie als Schulkind vor ausgrenzenden Erfahrungen und Beleidigungen durch
andere Schülerinnen zu schützen.500 Erst als Helga sie in den 1950er Jahren in Hamburg
besuchte, erfuhr sie, dass Martha Possel während der Zeit der Verfolgung einen genauen
Zeitpunkt gibt Helga in ihrer Erzählung nicht die Klassenkameradinnen einmal
zusammengetrommelt hätte und mit ihnen über Helgas Status als Jüdin gesprochen hätte.
Sie habe den Mitschülerinnen gesagt, dass sie als ihre Lehrerin es sich sehr zu Herzen
nehmen würde, wenn jemand sich Helga gegenüber antisemitisch äußern würde. Helga
sieht darin rückblickend den Grund, dass sie in ihrer Schulzeit nie schlechte Erfahrungen mit
Antisemitismus gemacht hat. Außer Martha Possel erwähnt Helga zwei Lehrer, die ihr in
Erinnerung sind: den Kunstlehrer Herr Frank, ein junger, gutaussehender, „furchtbar
freundlicher“ Mann, den insbesondere alle Mädchen sehr gerne mochten, und der, „so wie
es möglich war“, in SS-Uniform erschien. Dann gab es noch einen anderen Lehrer, der „in
der braunen Uniform“ kam, auf den sie jedoch nicht näher eingeht. Morgens gab es in der
Schule Morgenappell, dort musste „man das Heil Hitler Lied singen, oder Horst-Wessel-Lied,
so was Ähnliches, ich weiß nicht mehr“, und das war es auch schon: an mehr aus dem
schulischen Alltag könne sie sich nicht erinnern, was „nationalsozialistisch irgendwie“
gewesen sei. 501 Helga entsinnt sich keiner für sie besonders unangenehmen Vorfälle aus
ihrer Schulzeit.
Sie verließ die Schule früh, weiß aber nicht mehr warum. Sie vermutet, dass ihre Leistungen
nicht besonders gut waren und sie deswegen von der Schule abging, ist sich allerdings
dessen nicht ganz sicher. Andere mögliche Gründe, zum Beispiel einen antisemitisch
motivierten Schulausschluss, oder die Möglichkeit, dass ihre Eltern sie von der Schule
genommen haben, um sie zu schützen, zieht sie nicht in Betracht.
Statt dessen erinnert sie sich an dieser Stelle im Interview an einen lustigen Vorfall aus der
Schulzeit, wie, um von einem problematischen Thema abzulenken. Helga gehörte zu den
500 Helga besuchte die Mädchenschule in der Lutterothstraße 80. Ihrer Erinnerung zu Folge wurde Martha
Possel später Schulleiterin dieser Schule, als Nachfolgerin von Herrn Haase.
501 Helga Chomsky Audiointerview, S. 5.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
203
zahlreichen jüdischen Schülerinnen und Schülern, die, in Unkenntnis ihres Judentums, als
typisch arisch aussehend vor die Klasse gestellt wurden, wie sie schmunzelnd erzählt, mit
ihren „schönen langen Zöpfe, die so ganz lang waren, und ich stand da dann so.“502 Neben
der Bagatellisierung der Bedrohlichkeit des Vorfalls durch die Witzigkeit der Darstellung in
der Erzählung verweisen die Geschichte und Helgas Wortwahl darauf, das Helga ein
hübschens, niedliches Mädchen gewesen ist. Sie stand einfach nur da, war also scheinbar
ganz passiv und unbeteiligt an den Geschehnissen. Helga malt gerne ein Bild von sich, das in
ein als klassisch weiblich vorgestelltes Schema paßt. Über die Passivität wird ihre Unschuld,
aber auch ihre Verantwortungslosigkeit thematisiert, eine für Helga typische
Assoziationskette, die sich im Interview häufiger findet. Eine mit Unschuld und
Verantwortungslosigkeit assoziierte Weiblichkeit dient Helga als Vehikel, sich für viele Dinge
nicht zuständig zu fühlen, sie ignorieren zu können, aber auch, sich weniger betroffen zu
fühlen. Dazu gehört auch alles „politische“, wie sie sagt. Das „nur politische“ gehört nicht in
ihre Welt, was sie auch vor der Auseinandersetzung damit bewahrt hat:
„Man hatte das Gefühl, wenn ich so darüber nachdenke, dass das immer wieder gut würde.
Also dass das nicht so furchtbar schnell - dass das alles nur politisch war, dass der
Antisemitismus nicht so ganz hervorkommt bei den Nazis. Ich weiss, dass unsere Nachbarn
es uns glaube ich nicht sehr schwer gemacht haben, nein, das glaube ich nicht, und unsere
Geschäftsleute auch nicht. Aber die Freundin ein Mädchen, eine Familie Schütt wohnte im
Hellkamp 39 oder 41, und Frieda Schütt war eine sehr dicke Freundin von mir. Sie hatte zwei
Brüder. Und es war wie man so als Kind eingeladen wird zu Geburtstagsfeiern, ich war da
und sie war bei uns und so weiter. Ich weiß nicht, ob sie plötzlich ganz schnell dem Bund der
deutschen Mädel angehörig wurde, der eine der Brüder trat auch der Partei bei
wahrscheinlich. Und mit ihr durfte ich dann gar nicht mehr, von einem Tag auf den anderen
- plötzlich hatte sie Uniform an und ich durfte dann gar nicht mehr mit ihr spielen und durfte
nicht mehr zu ihr nach Hause kommen, „mit dir spiel ich jetzt nicht mehr, ihr seid ja Juden“,
das war das einzigste. Die Erfahrungen von meinem Bruder, der war 5 Jahre älter, seine
Erfahrungen sind wahrscheinlich viel stärker, denn er war älter, ihm war mehr bewusst. Also
ich war 14.“503
502 Ebd.
503 Ebd., S. 8-9.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
204
Das Erlebnis mit Frieda Schütt wird von Helga an der Stelle thematisiert, wo der
Antisemitismus nicht mehr abstrakt-politisch, sondern sozial von ihr erfahren wurde, als er
Einzug in den Alltag ihrer Mädchenwelt hält. Aber auch hier beschreibt Helga keine
enttäuschten Gefühle, sondern tut die Erfahrung ab als etwas, was eher kurios gewesen sei.
Einerseits benutzt sie, wie an vielen vergleichbaren Stellen in ihrer Erzählung auch,
relativierende Wörter, um die Schwere der Geschehnisse abzuschwächen und erträglicher
zu machen: sie wisse nicht, ob die Freundin dem BDM beigetreten sei, und deren Bruder sei
nur „wahrscheinlich“ in der NSDAP gewesen. Aus ihrer Erzählung wird jedoch deutlich, dass
die BDM-Zugehörigkeit für Frieda ziemlich sicher zutreffend ist, denn sie erinnert sich an die
Uniform der Freundin. Sie liefert an dieser Stelle ganz manifest die Widersprüchlichkeit ihrer
Erinnerungen und Erzählung gleich mit. Sie erwähnt außerdem, dass sie aufgrund ihres
vermeintlich jungen Alters gar nicht so viel mitbekommen habe. Die Vermutung liegt nahe,
dass sie tatsächlich gar nicht so viel mitbekommen wollte, trotz ihrer immerhin 14 Jahre.
Dort, wo es für sie brenzlig wird, tauchen in Helgas Erzählungen oft Männer auf, auf die sie
den Part der aktiven Auseinandersetzung projiziert. Helga erwähnt einerseits den älteren
Bruder Friedas, der in die Partei eingetreten sei. Er fungiert damit als Vorbild für seine
jüngere Schwester und wird dadurch vielleicht auch mitverantwortlich für das Tun der
kleinen Schwester. Ob er tatsächlich ein Parteigenosse war oder nicht, ist vor diesem
Hintergrund für Helga gar nicht relevant; wichtig ist die Funktion, die er in Helgas Erinnerung
hat. Weiterhin erwähnt Helga ihren eigenen, ebenfalls älteren Bruder, der vermutlich mehr
bewusste Erfahrungen gemacht habe, obwohl Helga selber zum genannten Zeitpunkt schon
14 Jahre alt und kein Kind mehr gewesen ist. Die Zuschreibung der Verantwortlichkeit
aufgrund des Alters mischt sich auch hier mit derjenigen der Aktivität aufgrund des
männlichen Geschlechts.
An späterer Stelle kommt Helga in einem anderen Zusammenhang noch einmal auf die
ehemalige Freundin Frieda zu sprechen. Sie berichtet von der für viele jüdische Überlebende
typischen Erfahrung, dass ihr Freundeskreis im Laufe der Zeit erst schrumpfte und dann rein
jüdisch wurde, und erwähnt einen rein jüdischen Club am Grindelberg, wo sie und andere
jüdische Jugendliche sich getroffen haben, als die nichtjüdischen Bekanntschaften sich
aufgelöst hatten. Zu der Zeit habe sie schon in der Schlachterstraße gewohnt, „also im
jüdischen Getto“. Dann fällt ihr spontan Friedas Vater ein, der Herr Schütt, „dessen Tochter
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
205
plötzlich Mitglied der Bund deutscher Mädchen BDM wurde“,504 wie sie nun ohne
sprachliche Relativierung berichtet. Der Herr Schütt sei am Hauptpostamt angestellt
gewesen, erinnert sie sich. Helga berichtet, dass ihre Mutter ihn getroffen habe, zu der Zeit,
als die Familie schon zwangsumgesiedelt worden sei, also nach 1936.
„Er traf meine Mutter. Und einige Leute waren ganz eigenartig. Er hat sich furchtbar
entschuldigt für seine Kinder und für seine Familie. Das war, als wir schon in diesem Getto
wohnten, in diesen fruchtbaren Häusern, schrecklich, ja. Das war so, „na Frau L., wie nett
das ich sie treffe, es tut mir so furchtbar leid das alles, mit meinen Kinder, was kann ich da
schon tun“, und so weiter. Und das war so einer der aber ganz abgesehen davon traf man
nicht mehr sehr viele von den ehemaligen Freunden und Bekannten.“505
Helga macht in dieser Erzählung sehr anschaulich, wie wenig sie von der Entschuldigung des
Herrn Schütt hält und vermutlich schon damals gehalten hat. Die Erinnerung an die kleine
Episode offenbart mit zynischer Grausamkeit das Verhältnis, das zwischen ihr und ihrer
nichtjüdischen Umgebung bestand. Sie war als Jüdin so gut wie vollkommen sozial isoliert
und die Isolation wurde vom nichtjüdischen Teil der Bevölkerung aktiv mitgetragen. Gerade
die Entschuldigung von Herrn Schütt und seine etwas seichte Einschätzung, er könne ja
nichts für das Verhalten seiner Familie, machen Helgas Perspektive überdeutlich, aus der er
sich tatsächlich wenig um das Schicksal ihrer Familie geschert hat. Er hat zwar um ihre Not
gewusst, aber seine Worte an Helgas Mutter scheinen nicht nur oberflächlich, sondern
geradezu eine Entlastung für ihn gewesen zu sein. Es spricht aus der Erzählung in erster Linie
ein schlechtes Gewissen, das befriedigt werden soll. Für diesen Zweck musste Helgas Mutter
herhalten. Das Treffen zwischen ihr und Herrn Schütt ist nicht auf seine Initiative, sondern
zufällig zu Stande gekommen. Helga läßt die Gründe für seine Einstellung und sein Verhalten
offen und spekuliert nicht darüber, der entsprechende Satz wird von ihr taktvoller Weise
nicht vollendet. Sie ergeht sich auch nicht in Mutmaßungen, welche Möglichkeiten Herr
Schütt gehabt hätte, aus seinem schlechten Gewissen zivilgesellschaftlich wertvollere
Schlüsse und Handlungen abzuleiten. Ihre Erzählung läßt dagegen in aller Deutlichkeit
spüren, was diese in der historischen Forschung häufig als indifferent bezeichnete Haltung
für sie als Jüdin beteudet hat: sie bleibt gänzlich isoliert und auf sich gestellt in einer
504 Ebd., S. 11.
505 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
206
gefährlichen Situation, in der sie vollkommen entrechtet und ausgeliefert ist. Dass sie die
Geschichte über die Begegnung ihrer Mutter mit Herrn Schütt mit dem Judenhaus assoziiert,
unterstreicht die Erinnerung an die Empfindung der räumlichen und sozialen Isolierung zu
diesem Zeitpunkt und das Gefühl, alleine und ohne Hilfe und Solidarität gewesen zu sein.
Trotzdem Helga bemüht ist, hilfeleistende und freundliche Einstellungen ihr gegenüber zu
betonen, offenbaren diese Erzählungen fast ungewollt die Hoffnungslosigkeit und
Einsamkeit ihrer damaligen Situation. Die evaluierende Äußerung am Schluss, man habe
ehemalige Bekannte kaum noch getroffen, unterstreicht diese Bedeutung der Erinnerung.
Die Familie Chomsky gehörte dem Guttemplerorden an, über den Helga im Interview
ausführlich berichtet. Diese Organisation ist ein altgediegener Zusammenschluss von
Menschen, die ohne Alkohol und andere Drogen leben, und die es sich zur Aufgabe machen,
Alkoholabhängigen zu helfen, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Der Vater sei
schon lange Mitglied des Ordens und später auch Logenvorsitzender gewesen, Helga betont
jedoch, dass er keine Probleme mit Alkohol gehabt habe, wie sie „glaube“. Im
Guttemplerorden habe es mehrere Juden gegeben und niemals Antisemitismus. Zu Beginn
der „Hitlerzeit“ wurden die Juden aus dem Orden ausgeschlossen. Helga erinnert sich daran
als ein einscheidendes Ereignis für ihre Familie:
„Es war an und für sich sehr schlimm. Denn ich weiß, mein Vater war sehr verbittert
darüber. Er sagte, „ich versteh das überhaupt nicht, der Mohr hat seine Schuldigkeit getan
der Mohr kann gehen. [...] Wann - 33 kam Hitler oder wars 32?, ne 33, ja, wir mussten
wahrscheinlich schon 34 raus, nehm ich an, ich glaub ich war 15, ungefähr. Leider, leider
waren da Mitglieder, die sich sofort von uns absetzten und nichts mehr von uns wissen
wollten. Da waren natürlich auch andere, die zu uns hielten.“506
Unbehagen löst bei Helga das Sprechen über die Machtübernahme durch die
Nationalsozialisten aus, über deren Zeitpunkt sie sich zunächst unsicher ist. Der
Sprachduktus im darauffolgenden Satz ist ebenfalls markant: dass sich einige Mitglieder
nach dem Ausschluss von der Familie abwendeten, wird durch das einleitende „leider,
leider“ in seiner Bedeutung abgeschwächt, eher als unerwartete, traurige Entgleisung
Einzelner dargestellt, während es für Helga „natürlich“ ist, dass andere wiederum zu ihnen
506 Ebd., S. 4.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
207
hielten, wie sie auch sofort hinzufügt. Die traurige Begebenheit des Ausschlusses und des
darauffolgenden Abwendens Einzelner von der jüdischen Familie darf so nicht stehen
bleiben, sie wäre zu schwer zu verkraften. Daher macht Helga diese Menschen auch nicht
verantwortlich für ihr Verhalten. Ebenso abschwächend wirkt der Zusatz im einleitenden
Satz, es sei „an und für sich“ sehr schlimm gewesen, ausgeschlossen zu werden.
Bezeichnenderweise kommt Helga schon im darauffolgenden Satz auf die wichtige
Helferfigur Martha Possel zu sprechen, obwohl es hier keinen anderen Zusammenhang gibt
als den, dass Martha Possel ein positiv besetzter Erinnerungsträger für Helga ist. Die
ehemalige Klassenlehrerin soll als Helferin den Eindruck der Solidarität verstärken.
Im Zusammenhang mit der vorher diskutierten Sequenz über die soziale Isolation, die Helga
mindestens ab 1936 empfunden hat, kann hinzugefügt werden, dass auch diejenigen
Ordensmitglieder, die nach dem Ausschluß zu den jüdischen Familien hielten, zwei Jahre
später nicht mehr Teil in deren Leben waren. Auch hier kann man daher von einer
Abwendung sprechen, die jedoch zögerlicher und schleichender vollzogen wurde.
Das der Ausschluss selber für Helga eine schlimme Erfahrung war, drückt sie indes nur über
den enttäuschten Vater und dessen Reaktion darauf aus. Die eigenen Gefühle der damals
immerhin 15jährigen finden keinen Eingang in die Erzählung. Sie lässt zu diesem traurigen
Anlass lieber den Vater für sich agieren und sprechen und erklärt dessen Gefühle und
Verhalten für universell aussagekräftig und gültig, als ob sie selber unbeteiligt an der
Situation gewesen wäre. Wie sie den Ausschluss erlebte und was sie tat und sagte, erfährt
man aus dem Interview nicht. Auch hier mischt sich die Delegation des Sprechens und
Einschätzens der Situation an den Vater mit den geschlechtsspezifischen Möglichkeiten, zu
agieren, die Helga zur Verfügung stehen. Diese Vermutung wird dadurch noch verstärkt, das
an dieser Stelle genausowenig wie an vergleichbaren anderen Helgas Mutter Erwähnung
findet.
Helgas Familie war sozialdemokratisch orientiert, zumindest die Männer. „Sie war sehr
kommunistisch, unsere Familie, ich glaub, mein Vater war Sozialdemokrat“,507 erinnert sie
sich. Der Bruder habe die drei Pfeile der Sozialdemokraten in der Öffentlichkeit getragen,
noch 1933, und sie habe immer Angst um ihn gehabt und ihn wiederholt gebeten, er möge
507 Ebd., S. 8.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
208
das Abzeichen verstecken. Die Politik wird auch hier augenscheinlich an die männlichen
Familienmitglieder delegiert, während Helga selbst sich um das Wohlergehen des Bruders
sorgt. Allerdings offenbart die kurze Episode in der Mitte des Interviews auch etwas, was in
eine ganz andere Richtung weist: Helga drückt hier, ohne sich dessen bewusst zu sein, aus,
dass die zu diesem Zeitpunkt 14jährige sehr wohl um die politische Situation wusste, sonst
hätte sie die Gefahr, in die sich ihr Bruder begab, gar nicht erkennen können. Ihr
vorhandenes politisches Bewusstsein kommt aber nicht zum Tragen, wird ihr selber nicht
richtig bewusst, sondern verbirgt sich hinter der ihr passender erscheinenden Haltung der
Fürsorge gegenüber ihrem Bruder.
Es sind daher Zweifel angebracht gegenüber der wiederholten Äußerung Helgas, dass sie
Ereignisse und Entwicklungen um sie herum aus Gründen ihres jugendlichen Alters nicht
wahrgenommen hätte. Es ist naheliegend, zu vermuten, dass sie im Gegenteil sehr
aufmerksam gewesen ist und aus Angst vor allzu schmerzhaften Erinnerungen zumindest
retrospektiv viel vor sich und anderen zu verbergen sucht. Sie wollte und will sich nicht
damit befassen, um sich nicht allzusehr ängstigen zu müssen. Sie bemüht sich,
schmerzhaftes zu verdrängen, wegzulassen und zu relativieren, und sie benutzt auch die
klassischen Geschlechterklischees, um Bedrohliches aus den Bereichen, für die sie sich als
Frau zuständig fühlt und fühlen will, zu verbannen.
An einer anderen Stelle, die ebenfalls diese Lesart nahelegt, berichtet Helga, dass ihr Vater
noch lange nach 1933 „furchtbar508 viel Vertrauen“ in die Überzeugung hatte, dass sich alles
schon bald wieder zum Besseren wenden würde, und dass er wiederholt davon abgehalten
werden musste, die schwarz-rot-goldene Fahne aus dem Fenster zu hängen als Zeichen
seines Bekenntnisses zum Deutschtum, wie er es verstanden wissen wollte:
„Mein Vater war Unteroffizier im Ersten Weltkrieg, er hat das Eiserne Kreuz gehabt. Er war
sich selber dessen so bewusst, dass er Deutscher war und dass er den Krieg mitgemacht
hatte, dass wir ihn tatsächlich irgendwie davon abhalten mußte, die Fahne rauszuhängen
[lacht]. Er hatte immer ne schwarz-rot-goldene Fahne. Wir mussten ihm sagen, „du darfst
508 Das Adjektiv furchtbar ist bei Helga C. auch wörtlich zu verstehen, wie die verschiedenen Stellen, an denen
es zum Einsatz kommt belegen: nicht nur im Sinne von besonders viel, sondern eben auch von schrecklich,
entsetzlich. In dieser Situation war das Vertrauen des Vaters furchtbar auch im zweiten genannten Sinne, weil
es die fatale Folge hatte, dass er zu lange in Deutschland blieb, seine verspäteten Emigrationsversuche
misslangen und er ermordet wurde.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
209
das nicht mehr raushängen“, besonders meine Brüder. Er konnte das überhaupt nicht
verstehen, „nein, wir werden schon wieder in Ordnung kommen“. Er hatte so furchtbar viel
Vertrauen, dass uns nichts geschehen würde.“509
Nach der Stimmung ihrer Eltern befragt, erinnert sich Helga daran, dass ihr Vater
zunehmend deprimiert gewesen sei. Er habe seine Freunde und Bekannten verloren und
nicht verstehen können, wie sich Menschen von einem Tag auf den anderen so verändern
konnten. Er habe auch seine Arbeit verloren und musste später Zwangsarbeit im Hamburger
Hafen leisten. Ihm sei ein diffamierendes Schild mit der Aufschrift „Jude“ umgehängt
worden. Wovon die Familie eigentlich gelebt habe zu der Zeit, erinnert Helga nicht. Ihre
Mutter erwähnt sie nicht.
Von der letzten Erinnerung an ihren Vater erzählt sie weinend. Es ist der Abschied von ihm,
als sie nach England emigrierte, der dann ein Abschied für immer wurde. Der Vater sei unter
anderem so deprimiert gewesen, weil der elegante, gutaussehende Mann sich für seinen
finanziellen und sozialen Abstieg so sehr schämte. Als Helga am Tag ihrer Emigration nach
England von ihrer Mutter zum Hamburger Rathaus gebracht wurde, wo sie den Bus bestieg,
sei der Vater verspätet erschienen und dann am Rande des Platzes stehen geblieben, weil er
sich für seine schäbige Zwangsarbeitskleidung so sehr geschämt habe. Sie haben aus der
Distanz Abschied voneinander genommen:
„Er stand nur da [weint]. Das war das letzte Mal, das ich ihn sah. Meine Mutter hatte ihre
Gefühle viel besser unter Kontrolle, konnte sich besser beherrschen, ich weiß es nicht. Er
sah furchtbar aus. Ich weiß nicht, ob das Haus noch da ist, aber ich weiß genau, wo, wie es
war.“510
Helga hat, neben ihrem Schmerz über den Abschied, Mitleid mit ihrem Vater. Ihre Mutter
konnte sich um sich selbst kümmern, so jedenfalls hat es Helga wahrgenommen. Es ist
bittere Ironie, dass sie an dieser Stelle, ebenso wie in der Episode mit der schwarz-rot-
goldenen Fahne, ihren Vater eigentlich auch als kindlich darstellt, als jemanden, um den sich
Helga, die sich immer hinter ihrem jungen Alter versteckt, kümmert.
509 Helga Chomsky Audiointerview, S. 6.
510 Ebd., S.22.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
210
Helga lernte in einem Haushaltskurs, der vom Israelitischen Humanitären Frauenverein511
ausgerichtet wurde, und den sie besuchte, weil sie ihren Berufswunsch Säuglingsschwester
im nationalsozialistischen Deutschland nicht wahrmachen konnte, ihre neue beste Freundin
Ilse kennen, mit der sie noch zum Zeitpunkt des Interviews Kontakt hat. In diesem Kurs habe
sie ein Gefühl für ihre jüdische Identität bekommen. Vorher, insbesondere vor 1933, sei ihr
das eigene Judentum nicht besonders bewusst gewesen. Sie und Ilse, die zwei ältere Brüder
hatte, hätten viel von dem gemacht, was für Juden verboten war. Sie gingen zu Tänzen an
der Elbchaussee.
Nachdem sie den einjährigen Haushaltskurs absolviert hatte, ging Helga zunächst für wenige
Monate als Haushaltshilfe zu Verwandten in Neubrandenburg. Dort sei es allerdings
furchtbar gewesen und sie ist nach kurzer Zeit regelrecht wieder nach Hause geflohen.
Helga erzählt, dass diese jüdischen Verwandten ein Bekleidungsgeschäft gehabt hätten. Sie,
Helga, hat die Aufgabe gehabt, abends bei Kunden ausstehendes Geld einsammeln zu
müssen. Das sei damals, „in der Nazizeit, als junges Mädchen“, nicht sehr angenehm
gewesen. Genaueres darüber, was ihr beim Geld einsammeln passiert ist, berichtet Helga
jedoch nicht.
Nach ihrer Rückkehr nach Hamburg ist Helga unter anderem bei zwei verschiedenen
jüdischen Arztfamilien in Stellung gewesen, deren Babys sie hütete. Beide Familien, die
Wolfs und die Bonins, sind während der Zeit ihrer Anstellung bei ihnen emigriert. Bei Bonins
hat Helga von Dezember 1935 bis Januar 1937 gearbeitet. Dort ist auch eine nichtjüdische
Köchin angestellt gewesen, erinnert sich Helga. Diese habe immer zu ihren Arbeitgebern
gehalten. Als sie gehen mußte, hat sie sogar geweint, sie wollte gar nicht weg. Doktor Bonin
kam einmal zu Helga nach Hause in die Schlachterstraße und versuchte, ihren Vater zur
Emigration zu bewegen. Zu diesem Zeitpunkt war Helgas Vater jedoch noch nicht von dieser
Idee zu überzeugen. Nachdem die Bonins Anfang 1937 nach Johannesburg geflüchtet sind,
ging Helga zur Familie Wolf, um dort auf die kleine Hannelore aufzupassen. Dort war sie
auch während der Kristallnacht im November 1938. Doktor Wolf wurde in der Nacht
abgeholt. Was bei ihrer eigenen Familie passierte, erfuhr sie erst am nächsten Morgen. Ihre
511 Der Israelitische Humanitäre Frauenverein war ein moderner, sozialarbeiterisch agierender Verein, der von
1893 bis 1938 in Hamburg bestand. Er residierte in der Innocenziastr. 21. Vgl. den Eintrag
http://www.dasjuedischehamburg.de/inhalt/israelitisch-humanit%C3%A4rer-frauenverein.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
211
beiden Brüder Karl und Hermann wurden abgeholt und ins Konzentrationslager
Sachsenhausen deportiert, ihr Vater wurde aufgrund seines hohen Alters verschont.512
Helga konnte 1939 nach England ausreisen. Dort ließ sie sich als Hebamme, Kranken- und
Säuglingsschwester ausbilden und lernte ihren späteren Ehemann kennen, den sie nach
seiner Rückkehr aus dem Krieg heiratete. Mit seiner Mutter gab es zunächst Probleme, sie
wollte nicht, das ihr Sohn eine Jüdin heiratete. Aber alles hat sich für Helga schließlich zum
Guten gewendet.
Helgas Eltern und ihr Bruder Hermann wurden im Holocaust ermordet. Ihre anderen beiden
Brüder, Adolf und Ken, überlebten. Helga betont immer wieder, wie vieles sie vergessen hat.
Wahrscheinlich, sagt sie an einer Stelle, würde ihr mehr einfallen, wenn sie sich mehr darauf
einlassen würde, aber das bereite ihr Unbehagen. Ihre Tochter habe einige Jahre in Israel
gelebt, und eine Nichte von ihr habe die Familiengeschichte aufgeschrieben. Helga fühlt sich
dadurch unangenehm berührt:
„Meine Tochter hat zwei Jahre in Israel gelebt und sie hat immer gesagt, ich müsste das alles
aufschreiben. Sie wollte die Familiengeschichte wissen. Meine Nichte, die Tochter meines
Bruders in Brüssel, die hat so was gemacht. Ich glaube, sie lebt in einem jüdischen Kreis und
ist dadurch sehr beeinflusst. Ob das gut ist oder nicht, weiß ich nicht. Zuerst, als diese
Fernsehbilder kamen und als man wusste, was da war, was da los war, und mein Mann
diese Bilder von diesen furchtbaren Plätzen zeigte, Auschwitz und Belsen und so weiter, ich
konnte das nicht ansehen. Ich kann das nicht. Aber dann sagt man sich, man muss davon
wissen. Wenn man älter wird, verändert sich was.“513
Helga fühlt sich immer noch als Hamburgerin, sagt sie, aber sie ist nicht gerne in Hamburg.
Sie habe vieles vergessen, betont sie mehrmals, sagt aber andererseits, dass sie nicht
vergessen könne. Sie ist versucht, die Widersprüchlichkeit ihrer Gefühle durch
Verallgemeinerungen zu relativieren. Ihre Bemühungen, die Erinnerungen an den Holocaust
und ihre eigene Verfolgung abzuschwächen, um sich ein Weiterleben zu ermöglichen, sind
in ihren Reflektionen am Ende der Lebenserzählung deutlich spürbar:
512 Helga erzählt nicht, was in der Kristallnacht mit ihrem ältesten Bruder Adolf geschehen ist. Adolf hat die
Verfolgung und den Krieg überlebt und sie später auch in England besucht. Helgas Mutter ist nichts geschehen.
513 Helga Chomsky Audiointerview, S. 28.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
212
„Ich mochte nie gerne da sein [in Deutschland], ich weiß nicht, ich hatte immer das Gefühl,
vielleicht bist du das gewesen, der was gemacht hat, oder du bist das gewesen. Es wird
allmählich besser, aber nein, ich könnte nie da leben. Ich könnte da nie wohnen, das ist zu
tief. Aber hassen, das kann man nicht, das ist ein großes Unrecht. Warum dieses Unrecht,
warum sollte das sein, ich meine, so viele Millionen Menschen in der Welt, da ist so
furchtbar viel, so furchtbar viel Trauriges und Tragisches, man muss weitermachen, man
muss auch für die anderen Leute fühlen. Nicht? In Südamerika und in all diesen Ländern, da
ist so fuchtbar viel Tragisches, wir sind nicht die einzigen, die so was erlebt haben. Man soll
das nicht vergessen. Ich war erstaunt, wie wenig von der Hitlerzeit, von dieser Nazizeit, wie
wenig die Kinder in Deutschland davon wissen.“514
514 Ebd., S. 29.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
213
3.3 Ernst Valfer aus Frankfurt am Main
„I remember saying good bye to my mother who did not want to go to the train station. And
she put on a brave face, as my mother was able to do. But I am sure the moment the door
had closed she broke down. I didn’t know that, I didn’t really want to know it. My farther
took me to the train station, and he was crying bitterly. And I was calm.”
Ernst Valfer, San Francisco/Kalifornien, 5. September 1996
Ernst Valfer ist Psychologe und lebt und arbeitet in Oakland, Kalifornien, als er 1996 sein
Interview dem Bay Area Holocaust Oral History Project gibt. Er wurde 1925 in Frankfurt am
Main geboren, ist 1996 71 Jahre alt. Man merkt ihm sei Alter nicht an. Ernst redet mit einer
ungewöhnlichen Offenheit, mit der er sich mit allen seinen Verletzungen zeigt, einschließlich
der Ohnmacht und Hilflosigkeit, die manche Erinnerungen immer noch auslösen. Ernst nutzt
das Interview, um seine Lebens- und Verfolgungsgeschichte zum wiederholten Male
durchzuarbeiten, im Bewusstsein der Öffentlichkeit seines Zeugnisses. Seine starke
Bewegtheit und die ungeheure Anstrengung, die diese Arbeit für ihn bedeutet, machen sich
auch körperlich bemerkbar. Manchmal scheint ihm das Atmen schwer zu fallen, häufig ist
seine Gesichtshaut stark gerötet und er steht unter starker Anspannung. Gelegentlich ist er
dem Weinen nahe. Einmal bittet er den Interviewer und den Kameramann, eine Pause
einzulegen, damit er sich wieder fassen kann.
Ernst ist sein eigener Regisseur. Er braucht keine Vorgaben und gibt dem Interview die
Struktur und die Inhalte vor, die ihm als die richtigen erscheint, erzählt, was er für wichtig
hält, was ihm in den Sinn kommt. Dabei bleibt er stringend und weitestgehend
chronologisch, und manchmal scheint es, er erzähle vor allem für sich selber, so sehr vertieft
er sich in seine Erinnerungen und die Gefühle, die sie hervorrufen. Nach ungefähr
einstündiger zusammenhängender Erzählung, die an keiner Stelle von längeren Pausen oder
Nachfragen unterbrochen ist, beendet er vorläufig seine Erinnerungserzählung mit
folgenden Worten an den Interviewer: „I have a few words at the end, but I am open [...] for
interview now.“515 Daraufhin folgen vertiefende Fragen, denen Ernst gewissenhaft
515 Ernst Valfer oral history interview, S. 41.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
214
antwortet, und nach einer weiteren Stunde formuliert er zum Abschluß die angekündigten
Schlußbemerkungen. Ernst erzählt jetzt eine Geschichte aus einem Buch von Ernst Papanek,
dass den Titel „Out of the Fire“516 trägt. Ernst Papanek war der Leiter eines jüdischen
Waisenhauses in Frankreich, in dem Ernst Valfer als 14jähriger nach seiner Flucht aus
Deutschland zusammen mit anderen jüdischen Kindern vor seiner endgültigen Emigration in
die USA gelebt hat. Folgende Geschichte wird erzählt: Ernst Papanek hat kurz vor der Flucht
vor den Nazis aus Nordfrankreich in den Süden in unmittelbarer Nähe des Gebäudes, in dem
die jüdischen Flüchtlingskinder untergebracht waren, seine Tagebücher, Fotos und andere
Unterlagen vergraben. Noch lange nach Beendigung des Krieges und der Verfolgung, die er
überlebte, vermochte er es nicht, zurückzukehren, um diese Dinge wieder auszugraben,
unter anderem, weil der Freund, mit dem zusammen er sie begrabe hatte, nicht mehr lebte.
Nach vielen Jahren nahm sich seine Frau Lena, damals Ärztin im Waisenhaus und nach dem
Krieg eine berühmte Psychiaterin in New York, ein Herz, mietete ein Auto und fuhr mit Ernst
Papanek von Paris aus die Straße zum Waisenhaus entlang. Nach langer, zunächst
erfolgloser Suche die Straße hatte sich sehr verändert meinten sie den Ort gefunden zu
haben, an dem das alte Waisenhaus gestanden hatte. Dort streckte sich jetzt ein moderner
Wohnkomplex in die Höhe. Daneben befand sich eine dazugehörige Parkanlage, in der
Kinder spielen. Der Name des Wohnkomplexes war neben dessen Eingang in einen Pfeiler
eingraviert: „La maison des enfants“. Am Eingang zum Park fanden Lena und Ernst Papanek
eine glänzende Tafel mit einer eingravierten Widmung befestigt: „Gewidmet den Kindern
von Soisy - den Helden des Widerstands von der dankbaren Bevölkerung, war darauf zu
lesen. Gemeint waren eben jene jüdischen Kinder, die vor der Flucht in den Süden dort im
Waisenhaus untergebracht gewesen waren. Einer von ihnen war Ernst Valfer. Gerührt
wandten sich Lena und Ernst an die überall um sie herum spielenden Kinder: ob sie wüssten,
was da auf der Tafel stehe und warum der Komplex das Haus der Kinder genannt würde?
Und die französischen Kinder, nicht wissend, wer vor ihnen stand, begannen ganz eifrig,
ihnen die Geschichte der Kinder von Soisy und des jüdischen Waisenhauses zu erzählen.
„We had become part of their curriculum. They taught about us in school, from our children
to their children. What better monument could we have asked than that?“, beendet Ernst
Valfer mit den Worten Ernst Papaneks die Geschichte. Und das, und damit beschließt er
516 Ernst Papanek, Die Kinder von Montmorency, Wien 1980, engl. Out of the Fire, New York 1975.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
215
weinend sein Interview, das sei der Grund dafür, warum er seine Erinnerungen teilen wolle
und das Interview gegeben habe.517
Der inszenierte Ausklang und das Fazit offenbaren Sinn und Bedeutung des Interview. Der
großen Wert der Erinnerungen von Ernst liegt in seiner Offenheit und in der bewegenden
Emotionalität. Ernst zeugt nicht nur, indem er erzählt, sondern vor allem, indem er sich ganz
bewusst zeigt. Die Verschwommenheit der Grenzen zwischen Historie und Person, Emotion
und Ereignis, vor allem in der Erinnerung und der Erinnerungserzählung, wird dadurch
besonders anschaulich.
Die Abschlusserzählung von Ernst Valfer ist hoffnungsvoll. Die neue Generation, die
spielenden Kinder, sind als Träger der Erinnerung an die jüdischen Kinder die Träger dieser
Hoffnung. Mit ihnen und ihrer Version der Geschichte haben auch die jüdischen
Waisenkinder überlebt. Dass Ernst seinem Interview diesen Schluss gibt, steht in starkem
Konstrast zum Inhalt seiner Erzählung, in der nur vereinzelte, isolierte Helfer so gut wie
einflußlos den Massen von Menschen gegenüber stehen, die die Verfolgung tolerierten oder
unterstützt haben.
Typisch für Ernst ist, neben seiner schonungslosen Offenheit, seine wissenschaftliche
Genauigkeit. Er erwähnt und zeigt im Interview mehrere Bücher, die seine Erinnerungen und
die Deutungen, die er ihnen gegeben hat, illustrieren sollen. Er hat sein eigenes Leben
recherchiert und seine Erfahrungen mit dem, was die Geschichtsschreibung sagt,
abgeglichen. Dem liegt sein starker Drang zugrunde, wissen zu wollen. Der wiederum gilt vor
allem einem Thema, der drängenden Frage, wie so viele Menschen in Deutschland das
zulassen konnten, was ihm, seinen Eltern und anderen Juden und Jüdinnen wiederfahren ist.
Ernsts besonderes Augenmerk im Interview gilt dem Verhältnis der nichtjüdischen
Bevölkerung zu den verfolgten Juden und zum Nationalsozialismus, der, wie er es ausdrückt,
„willingness of so many Germans, to identify with all the goals of Hitler, especially those of
his antisemitism. It wasn‘t a small percentage.“518 Seiner Erfahrung nach war die deutsche
Bevölkerung zutiefst antisemitisch. 40% der nichtüdischen Deutschen seien für den
Nationalsozialismus gewesen, inklusive seines exessiven Antisemitismus. Weitere 40% seien
517 Ernst Valfer oral history interview, S. 86.
518 Ebd., S. 9.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
216
in der Mitte gestanden, womit er meint, dass sie sich nicht darum scherten, was um sie
herum geschah, solange es ihnen einigermaßen gut ging und sie zufrieden mit ihrem
eigenen Status quo seien konnten. Sie kümmerten sich nicht um die Juden, sondern nahmen
deren Verfolgung wissentlich in Kauf. Nur 20% der nichtjüdischen Deutschen sind nach
Ernsts Einschätzung gegen das System Hitler gewesen, wovon wiederum nur ein Viertel, also
5% der Gesamtbevölkerung, diese Einstellung mitunter zeigte und Juden Hilfe leistete oder
auf andere Weise aktiv gegen das System arbeitete.519
Begegnungen mit solchen Menschen, die Ernst zu den 5% zählt, würdigt er in seinem
Interview ausdrücklich, auch wenn er nur von ihnen gehört hat. Sie scheinen ihm Beweis zu
sein, dass ein hilfeleistendes Verhalten durchaus möglich war, auch wenn einige sich dafür
in Todesgefahr begeben mussten, wie er betont. Die Erinnerungen an diese Menschen
geben ihm Halt, weil sie, wie die Geschichte der Kinder von Soisy, mit der er sein Interview
beendet, die Logik der Einsamkeit und des Ausgeliefertseins, damals wie in der Erinnerung,
durchkreuzen. Sie zeugen für die Aufrechterhaltung einer Form von Menschlichkeit und
Normalität, die im Holocaust eigentlich vollständig negiert ist. Es scheint so, als gewönne
Ernsts Leben mit jedem Helfer, von dem er erzählt, wieder ein Stückchen von dem Wert und
der Würde zurück, die man ihm einst zu nehmen suchte.
Einen zweiten Schwerpunkt der Erzählung bildet die Frage des Copings. Ernst denkt
ausführlich darüber nach, wie er und andere Überlebende mit der Verfolgung,
währenddessen und danach, umgegangen sind. Er selber hat die Verletzungen, die
Demütigungen und Verluste, die ihm zugefügt wurden, lange vor sich selber verleugnet und
vor anderen verschwiegen. Er arbeitet immernoch daran, einen Modus der Offenheit zu
finden, der ihm angemessen scheint und nicht verletzend auf andere wirkt.
Ernst war 1933 erst 7 Jahre alt. Mit dem Umschwung, den die Ernennung Hitlers zum
Reichskanzler am 30. Januar auslöste, verbindet er eine Art Vorfreude, die er damals gefühlt
hat: die vielen Uniformen, die bunten Fahnen, das ganze Gewese there was a lot of
commotion and a lot of anxiety on the part of my parents which I naturally as a seven year
519 Zum Vergleich die Zahlen von der Volksabstimmung am 19. August 1934, als sich das Regime schon etabliert
hatte: Wahbeteiligung 95,7 %, 10,1 % Neinstimmen, 2 % ungültige Stimmen. Ernst Valfer liegt mit der
Einschätzung aufgrund seiner Erfahrungen nicht sehr weit davon entfernt. Benz, Geschichte des Dritten
Reiches, S. 117.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
217
old, didn’t really understand. I was German enough I suppose having played with soldiers
and having heard that Hitler was going to bring the army back that I thought it’s gonna be
very colorful and red and green and blue, and sort of a tin soldiers environment. I thought it
was gonna be fun.“520
Doch schon zwei Monate später mit dem Aprilboykott relativiert sich dieser Eindruck und
mit ihm die Vorfreude. Im selben Haus wie seine Familie wohnte und praktizierte ein
jüdischer Arzt. Während des Boykotts standen SA-Posten am Hauseingang und an der Art
und Weise, wie sie die Patienten davon abhielten, Dr. Levinson aufzusuchen, nahm schon
der 7jährige die Bedrohung wahr und fühlte zunehmend die Atmosphäre der Angst, die sich
verbreitete. Nach außen hin blieb er ruhig, so Ernst, aber in seinem Innern, wo er seine
Eindrücke und Gefühle von nun an vor anderen versteckte, wurde er zunehmend unruhig,
ängstlich und unsicher.
Der jüdische Arzt Dr. Levinson und seine Familie waren die einzigen jüdischen Nachbarn im
Haus. Niemand dort kümmerte sich um die beiden jüdischen Familien. Sie wurden nicht
belästigt, aber auch nicht unterstützt, sondern generell höflich, formell und distanziert
behandelt, „which is what Germans are, basically, or used to be“.521 Eine Familie sei
nationalsozialistisch aufgetreten, sie seien besonders zugeknöpft gewesen. Nebenan haben
zwei Kinder gewohnt, mit denen Ernst befreundet war. Jeden Tag spielten sie miteinander.
Dann kam eines Tages ihre Mutter und sagte, die Hitlerjugend hätte verboten, dass ihre
Kinder mit jüdischen Kindern spielten. Fortan blieben Ernst nur noch die jüdischen Kinder
zum Spielen, mit denen er sich jetzt enger zusammenschloss. Noch bis 1937 vermochte er
es, einen gefühlt schismatischen Zustand aufrecht zu erhalten und trotz des Drucks und der
Angst, die er fühlte, äußerlich das Leben eines behüteten Kindes in einem liberalen,
liebevollen Elternhaus zu leben. Ernst betont, dass er zu Witzigkeit neigte, während er die
zunehmende Bedrohung um ihn herum verdrängte. Dann kam der Antisemitismus im
sozialen Alltag des 11jährigen an. Ernst erinnert sich zuerst an die Unmöglichkeit, sich in der
Schule unauffällig zu verhalten, die aus den widerprüchlichen Anweisungen über das
Grüßen mit dem Hitlergruß entsprang. Er erinnert sich an Propagandafilme, die in der Schule
gezeigt wurden, und an die Prügel durch andere Kinder, der er als jüdischer Junge auf dem
520 Ebd., S. 3. Vgl. die Ausführungen zum Interview von Frank S. im Kapitel 3.1, der zunächst ähnlich reagierte.
521 Ernst Valfer oral history interview, S. 60.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
218
Schulweg ausgeliefert war. Innerhalb sehr kurzer Zeit wurden diese Verhältnisse für ihn
untragbar und seine Eltern sahen sich gezwungen, ihn von der Schule zu nehmen. Er
besuchte dann für eine kurze Zeit, bis zu seiner Flucht nach Frankreich, die berühmte
jüdische Privatschule Philanthropin in Frankfurt am Main.522 Dort wurde er sehr sportlich.
Später erfuhr er, dass einer der Sportlehrer der Schule, nichtjüdisch, aber mit einer Jüdin
verheiratet, mit seiner Frau zusammen den Zug nach Auschwitz bestiegen hatte und dort
mit ihr ermordet wurde, weil er sich geweigert hat, sie alleine gehen zu lassen.523 Ernst
erzählt diese Geschichte, in die er nicht involviert gewesen ist, im ersten Drittel seines
Interviews. Er illustriert damit, welche existentielle Bedeutung Akte der Hilfe und der
Solidarität aus der Zeit der Verfolgung für ihn heute haben, und wie allgegenwärtig Tod und
Mord in seinem Leben sind. An späterer Stelle im Interview kommt er darauf zurück und
beschreibt, wie sich sein Leben und seine Persönlichkeit durch die Erfahrung von
existenzieller Bedrohung verändert haben. Anders als für die allermeisten Menschen, die
solche Erfahrungen nicht gemacht haben, sei für ihn ein mögliches Ende des Lebens und des
Seins oder weitere schwere Schicksalsschläge immer präsent, immer im Bewusstsein, immer
im Bereich des Vorstellbaren. Die Realität des mehrfach durchgearbeiteten Traumas bringt
eine gewissermaßen entzauberte Sicht der Welt mit sich und die Kraft, diese auch
auszuhalten. Aus dieser Perspektive erzählt Ernst seine Geschichte und von seinem Umgang
damit. Die namentliche Nennung von Auschwitz, wo Ernst selber nie war, als Symbol des
Todes und des Bösen, und im Zusammenhang damit die Erwähnung des nichtjüdischen
Lehrer, von dessen tödlichem Akt der Solidarität Ernst durch Dritte erfuhr, versinnbildlichen
die extremen Koordinaten, in denen sich Ernst beim Erzählen bewußt bewegt. Ernst gehört
zu den Überlebenden, die diesen Extremen nicht ausweichen, sondern vielmehr ihr weiteres
Erleben an ihnen messen.
Ernst ist bemüht, seine eigenen Erfahrungen wissenschaftlich zu fundieren, weil er
befürchtet, dass ihm sonst kein Glaube geschenkt wird. Den Mangel an Selbst- und
Fremdvertrauen bekräftigt er an mehreren Stellen im Interview. Das zitieren von Büchern ist
522 Vgl. Schlotzhauer, Philanthropin.
523 Ernst Valfer kennt die Geschichte von dem Sportlehrer Emil Stelzer aus dem Buch von Ortmeyer, Schulzeit,
S. 83. Benjamin Ortmeyer kennt er, weil er selber in dessen Büchern zu Wort kommt, vgl. ebd., S. 83, und
ders., Berichte, S. 39. Vgl. zur Geschichte von Emil Stelzer auch die Erinnerungen von Ernest Stock in ebd., S.
93.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
219
sein Königsweg, dies zu kompensieren. Daher sind auch die von ihm erzählten Geschichten,
die er nicht selbst erlebt hat, von besonderer Bedeutung. Sie sind Symbole, mit denen er
etwas auszudrücken sucht, für das er nur schwer eigene Worte zu finden vermag. Auch
diese anderweitig schon dokumentierten Geschichten bieten daher einen historischen
Mehrwert, indem sie den subjektiven Zugang zu Ernsts Geschichte und Erzählung erhellen
und anzeigen, wie diese zu lesen sind. In Verbindung mit seiner Schwierigkeit, sich selbst
Glaube zu schenken und darauf zu vertrauen, dass auch andere dies tun und seine
Erzählungen ernst nehmen ein aus der Traumaforschung bekanntes Phänomen
gewinnen solche Fremderzählungen sogar einen besonderen Wert: sie bilden eine
symbolische Sprache, die trotz traumabedingter Sprachlosigkeit gesprochen werden kann.
Die Geschichte vom nichtjüdischen Sportlehrer, der in Auschwitz ermordet wurde, ist auch
ein Symbol dafür, dass Unterstützung, wie wertvoll und aufopferungsbereit sie auch war,
letzlich wie ein Tropfen auf dem heißen Stein blieb. Denn dieser solidarische Akt blieb, trotz
seiner immensen Bedeutung, gleichzeitig bedeutungslos: niemand wurde gerettet. Damit
illustiert der kleine Bericht auch die 5% der nichtjüdischen Bevölkerung, die gegen den
Nationalsozialismus eingestellt waren und bemüht waren, Juden zu unterstützen. Selbst die
Hilfeleistungen, die weitgehend ohne messbaren Effekt blieben, sind symbolisch wertvoll,
weil sie einen Gegenpol bieten zur Erfahrung von Hoffnungslosigkeit und Tod. Den Akten
der Hilfe und der Solidarität ist damit immer auch ein ambivalentes Moment
eingeschrieben.
Unter den 5% der Nichtjuden, die sich solidarisch mit den verfolgten Juden verhielten, war
auch Joseph Stumpf, ein Untermieter der Familie, der im Laufe der Zeit zum Freund wurde.
Er war Architekt. Abends saß er mit dem Vater zusammen und die beiden Männer
diskutierten über Politik oder spielten Karten. Er wohnte bis zur Kristallnacht bei den
Valfers. Ernst erinnert sich an das vertrauensvolle Verhältnis, das er zur Familie hatte:
„During the night of the Kristallnacht he moved out. Before that, for a while he was an
architect at the Siegfriedline, you know, German defense line.524 I remember him coming
home for visits on weekends or so and there were all the maps he had. They were just lying
524 Gemeint ist die von den Alliierten sogenannte Siegfriedlinie, die von Holland bis zur Schweiz zwischen 1938
und 1940 ausgebaute Grenze im Westen des Deutschen Reiches, die in Deutschland Westwall genannt wurde
und nicht zu verwechseln ist mit der Siegfriedlinie im Ersten Weltkrieg.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
220
on the table, and if anybody had found out that he leaves his top secret maps in the house
of a Jew, with his pistol on top of it, they would have caught him right there and then. He
never moved back, he couldn’t after Kristallnacht. But we were in contact constantly. When
my father’s accounts were blocked, he employed my farther, with considerable risk I would
say, as a bookkeeper, so he could pay him. So my parents could pay rent and food. And after
my parents were transported, he sent the money, and he showed me, when I visited him
after the war in 1945 […], in the meticulous way the Germans are, a receipt from his money
order, that he had sent my mother. She had signed it while she was either in Lwow or
wherever she was. He stayed to the bitter end, and totally couldn’t have been oblivious.
But, to him, this was more important. He is the five percent of this that took on danger for
humanity. I have his name inscribed in Yad Vashem.”525
Die Valfers war mit einer jüdischen Familie befreundet, die nördlich von Frankfurt auf dem
Land in einem kleinen Dorf lebte. Diese Familie wollte nach Palästina ausreisen. Alles war
geplant und organisiert. In der Nacht vor der vorgesehenen Ausreise kamen ein paar
Dorfkinder und griffen das Haus der Familie an. Der Vater ließ sich das nicht gefallen und
setzte sich zur Wehr. Er wurde daraufhin sofort festgenommen. Daraufhin beging er
Selbstmord und niemand aus seiner Familie ging nach Palästina. Mutter und Tochter kamen
nach Frankfurt, und die Tochter, Elisabeth, wurde vorrübergehend in der Familie Valfer
aufgenommen. Sie wohnten direkt gegenüber vom Hotel Basler Hof.526 Das war ein Hotel, in
dem Parteiangehörige regelmäßig verkehrten. Insbesondere, wenn Hitler in der Stadt war,
habe es in dieser Gegend Paraden gegeben, erinnert sich Ernst, und die Straßen seien Tag
und Nacht voll gewesen mit Menschen, die ihm zujubelten:
„I would see him go on the balcony, greet the masses, because people would line up the
street, like this. I could have jumped out of the third story window and I never would have
525 Ernst Valfer oral history interview, S. 51.
526 Die Familie Valfer wohnte in der Gutleutstraße 85. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich in
der Gutleutstraße 74-78 der Seitenflügel des Hotels Baseler Hof. Haus Nr. 78 war ab spätestens 1935 auch Sitz
einer Standarte des SS-Reitersturms 10. Weiter westlich, Gutleutstraße 112, lag die Gutleutkaserne, die 1877-
1918 Unterkunft des 1. Kurhessischen Infanterie-Regiments Nr. 81 und danach Polizeikaserne war. Ab 1940
war dort die Unterkunft des wegen Kriegsverbrechen an der Ostfront berüchtigten Polizeibataillons 306. Im
Nationalsozialismus befand sich dort außerdem die Heeresstandortverwaltung Frankfurt. Ich danke Michael
Lenarz für diese Hinweise.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
221
hit the pavement. Lined up day and night shouting for Hitler to come on the balcony and to
greet them.”527
Elisabeth habe eines Tages angefangen, über die Straße hinweg mit einem SS-Mann zu
flirten, der im Baseler Hof residierte. Sie fingen an, sich zu treffen, bis Ernsts Mutter es ihr
verbot. Es sei eine Form der Identifikation mit dem Unterdrücker gewesen, so Ernst. Sie
habe sich nicht anders zu helfen gewusst, als sie ihren Vater verlor, und fand diesen Weg,
um selber unter den schwierigen Umständen zu überleben.
Für Ernst und seine Familie wurde die Kristallnacht zum Wendepunkt der Erfahrung der
Verfolgung. Aus der Zeit vor 1938 erzählt Ernst wenig. Seine Eltern waren typische liberale
deutsche Juden, die lange an ihrem Glauben an die Zivilisiertheit der deutschen Kultur
festhielten. Wenn Deutschland es doch zuließe, dass es zum Schlimmsten kommt, dann
würden die anderen westlichen Ländern dies letztlich zu verhindern wissen, war ihre
Überzeugung. Schließlich befände man sich im 20. Jahrhundert. Ernsts Vater war als Soldat
im Ersten Weltkrieg gewesen, ein eher steifer Deutscher, der selbst bei Fahrten ins Grüne
immer einen Anzug trug. Alles in allem, so Ernst, seien seine Eltern viel zu wenig flexibel
gewesen, um das Land zu verlassen, als es noch möglich war, „especially being German.“528
Als sie Mitte 1938 begannen, sich um die Ausreise zu bemühen, war es bereits zu spät. Die
Valfers gehörte zu denjenigen, die vor der Kristallnacht gewarnt worden sind von einer
treuen, nichtjüdischen Hausangestellten, die mit einem SA-Mann verheiratet war und
deswegen Bescheid wußte.
„She told us in the spring of 1938, that we should leave the country, because something
horrible was going to happen in the fall. She didn’t know when or what, she just knew
something horrible.”529
Trotz der Warnung war die Kristallnacht in dieser Grausamkeit auch für sie unerwartet,
betont Ernst. Sein Vater wurde nachts abgeholt und nach Buchenwald deportiert. Die in
Frankfurt verhafteten jüdischen Männer wurden in der Nacht vom 9. zum 10. November zur
Festhalle gebracht. Dort wurden sie fast einen ganzen Tag lang eingesperrt. Die Juden in
527 Ernst Valfer oral history interview, S. 30.
528 Ebd., S. 6.
529 Ebd., S. 5.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
222
Frankfurt wussten davon, auch Ernsts Mutter. Sie ging zur Sammelstation, um ihren Mann
zu sehen. Ernst betont, dass er nicht mitging glücklicherweise, wie er sagt. Die Eindrücke,
die seine Mutter von dort mitbrachte, wurden eine zentrale, traumatisierende Erfahrung für
ihn:
„My mother went. I didn’t. I’m fortunate I didn’t. But I heard she came back. And she said,
that this exposition hall was ringed with hundreds, probably thousands of Frankfurters,
Germans. And they were yelling “kill the Jews”.”530
Ernst schwangt beim Erzählen der Geschichte zwischen tiefer Betroffenheit über dieses
Ereignis, Scham für seine Erniedrigung als Jude und Mitleid für seine Mutter. Diese
Menschen, die dort „kill the Jews“ schrieen, mögen solche gewesen sein, die in der Nacht
davor keine oder nicht genügend Möglichkeiten hatten, ihren „Zorn“ rauszulassen, ist die
Einschätzung von Ernst. Sie waren freiwillig dort und skandierten freiwillig, niemand hatte
das von ihnen erwartet oder ihnen etwas vorgeschrieben. Ihre Demonstrationen vor der
Halle seien nicht organisiert gewesen, sondern spontan, ebenso wie einige Menschen sich
spontan an den Verbrechen der vorherigen Nacht beteiligt hatten.531
Die Mutter habe, während der Vater in Buchenwald war, zu Hause das Heft in die Hand
genommen und sich bemüht, die Emigration zu organisieren. Im Falle ihres Sohnes mit
Erfolg. Sie vermochte es, mit Hilfe des jüdischen Waisenhauses in Frankfurt seine Flucht
nach Frankreich zu ornganisieren:
„To her great credit this woman, who was a quiet Hausfrau, who had in the old tradition the
home and the kitchen and the family […] – also, in 1938 my farther took her into the
business to train her in case something happened to him she went to work and she
prepared for immigration. And she, in essence, saved my life, because while my father was
in Buchenwald, this woman, besides buying a few things that she felt we needed for
immigration and working as much as she could on getting my father out, she went to the
530 Ebd., S. 8. Die Frankfurter Festhalle wurde von der Stadtverwaltung vom 10. bis 16. November 1938 als
„Sammellager“ für über 3.000 verhaftete jüdische Frankfurter und aus den Städten und Dörfern des gesamten
Regierungsbezirkes Wiesbaden zur Verfügung gestellt. Anschließend erfolgten von hier aus die Deportationen
der Inhaftierten Juden nach Buchenwald und Dachau. Vgl. Wippermann, Die nationalsozialistische
Judenverfolgung, S. 105, der angibt, der „Frankfurter Mob“ habe am Südbahnhof auf die zu deportierenden
Juden gewartet und gegrölt, nicht an der Festhalle.
531 Ernst Valfer oral history interview, S. 8.
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Israeli Orphanage in Frankfurt. She went to the director and said: “Listen, we have given to
you generously”. My parents were very generous in the past. “Now you have to do
something for me. Take my son out.” Because she knew that they were organizing small
transports of children. And they listened to her, and before it was impossible, they took me
out.”532
Vor seiner Ausreise wurde Ernsts Vater ohne die übliche Auflage, Deutschland binnen
kürzester Zeit verlassen zu müssen, aus dem Konzentrationslager Buchenwald freigelassen.
Das war zynischerweise das Todesurteil für seine Eltern, so Ernst, denn sie versuchten
weiterhin, nach England oder in ein anderes westliches Land auszureisen und weigerten
sich, China oder Russland als Fluchtziel ernsthaft in Betracht zu ziehen. Ernst erfuhr erst
1945, als amerikanischer Soldat in Deutschland, dass sie ermordet worden waren. Der
Verlust seiner Eltern im Holocaust ist für ihn die zentrale Verletzung, an der er bis heute
leidet.
Ernst spricht viel über seine und die Versuche anderer Überlebender, mit dem Erlebten
umzugehen und weiterzuleben. Die Zeit, in der sein Vater in Buchenwald eingesperrt war,
bezeichnet Ernst als seine “first period of denial”.533 Während seine Familie darum kämpfte,
seinen Vater wieder frei zu bekommen und die Emigration zu organisieren, während
Dokumente besorgt und vervielfältigt werden mussten, während sie in langen Schlangen
anstehen mußten, erzählte er andauert Witze. Er wollte Spaß haben. Das war seine Art des
copings, resümiert er, des Umgangs mit einer Realität, die anders zu ertragen er nicht in der
Lage war. Als er in Frankreich lebte, im Waisenhaus, fühlte Ernst sich sehr französisch, wie er
sagt. Auch das war eine Form der Abwehr, und zwar insbesondere gegenüber seinen Eltern,
die er verloren hatte. Ein Freund von ihm, der im selben Waisenhaus in Frankreich war und
ebenfalls seine Eltern verloren hatte, redete niemals über seine Herkunftsfamilie. Statt
dessen identifizierte er sich später stark mit seinen amerikanischen Pflegeeltern, bei denen
er in den USA lebte. Auch seine jüdische Herkunft spielte für ihn keine Rolle mehr.534
532 Ebd., S. 9. Siehe auch Helga Krohn (Hg.), Vor den Nazis gerettet. Eine Hilfsaktion für Frankfurter Kinder
1939/40, Sigmaringen 1995.
533 Ernst Valfer oral history interview, S. 7.
534 Auch Claus Shelling hat sich nach seiner Flucht in die USA jahrelang sehr amerikanisch gefühlt und seine
deutsch-jüdische Herkunft negiert. Vgl. Claus Shelling oral history interview.
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224
Ernst spricht im Interview über seine Hemmungen, die er sein Leben lang mit sich herum
trägt. Er versteht sie als Folge seiner Verleugnungen seiner Selbst während der Verfolgung.
Während Elisabeth sich in ihrer Verliebtheit in den SS-Mann voller Selbstverleugnung mit
dem Aggressor idenfitiziert habe, sei er immer besonders hart gegen sich gewesen und habe
anderen nie gezeigt, wer er eigentlich sei und was in ihm vorgehe. Eigentlich, so gesteht er,
glaube er in seinem tiefsten Innersten nicht daran, dass es wirklich interessant für jemanden
sei, was er zu sagen habe. An anderer Stelle erzählte Ernst, dass er, als er im Auftrage der
amerikanischen Armee nach Kriegsende in Deutschland als intelligence officer arbeitete,
auch mit Überlebenden der Konzentrationslager zu tun hatte, die in Displaced Persons-
Camps lebten. Er habe ihnen geholfen, wo immer er konnte, habe illegale Einreisen nach
Palästina, von denen er wußte, nicht gemeldet, und habe den DPs überhaupt jeden nur
erdenklichen Schutz angedeien lassen. Aber er habe sie niemals im Lager besucht und er
habe niemals ein persönliches Wort mit ihnen gesprochen. Die ehemaligen SS-Leute, mit
denen er ebenfalls zu tun hatte, habe er hingegen sehr höflich behandelt. Er habe immer
dafür gesorgt, dass sie genug zu essen hatten und es ihnen an nichts mangelte.
Das alles seien verschiedene Arten, in denen sich Hemmungen und Selbstverleugnungen als
Folge der Verfolgung ausdrücken. „None of us is really complete“, sagt Frank über die Kinder
aus dem französischen Waisenhaus, die überlebt haben.535
535 Ernst Valfer oral history interview, S. 37.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
225
3.4 Vergleich der beiden Interviews und Schlußfolgerungen
Die beiden Interviews von Helga Chomsky und Ernst Valfer erscheinen auf den ersten Blick
recht unterschiedlich. Ernst betont widerholt, wie durchweg feindselig und antisemitisch
seine Umwelt in den 30er Jahren in Deutschland gewesen ist. Auf alle davon abweichenden
Verhaltensweisen weißt er nachdrücklich hin, beurteilt sie jedoch als Ausnahmen. Wenn
Ernst von Hilfeleistungen erzählt, handelt es sich immer um einzelne Menschen, während
Täterschaft bei ihm typischerweise mit geradezu atmosphärischen Erzählungen von Massen
korrespondiert. Dazu passt die Einschätzung, nur 5% der nichtjüdischen Deutschen hätten
sich Juden gegenüber solidarisch verhalten, während 40% den extremen Antisemitismus der
Nationalsozialisten unterstützt hätten. Insbesondere die Erzählungen über die Massen, die
bei den Paraden applaudiert und gejubelt haben, und über die Menschenmenge, die bei der
Gefangennahme nach der Reichsprogromnacht „kill the Jews“ gerufen hat, sind zentral für
das Interview von Ernst. Auch das zweite wichtige Thema seines Interviews, die
Copingstrategien von Überlebenden, unterstreicht diese Erlebnis- und Erinnerungsweise.
Für Ernst besteht ein wichtiger Sinn seines Zeugnisses darin, die Unüberwindlichkeit der
Kränkungen und Verletzungen darzustellen, die ihm in Deutschland zugefügt wurden. Er
kämpft damit, seine Wahrheit ans Licht zu befördern, um sie mit gutem Grund als
allgemeingültige Wahrheit zu präsentieren. An einer Stelle im Interview sagt er, dass er sich
nicht recht vorstellen kann, dass andere wirklich etwas von dem, was er zu sagen hat,
wichtig fänden. Mitunter scheint es so, als müsse er sich selber immer wieder davon
überzeugen und als sei er stets unsicher, ob andere ihm Glauben schenken. Ernst gehört zu
den Überlebenden, die das Wort Auschwitz im Interview aussprechen und betonen. Er sagt
es mehrmals, um es der Verdrängung zu entreißen.
Helga lässt ebenso wenig Zweifel daran aufkommen, wie bedeutsam die stützenden
Begegnungen für sie waren, für sie scheint dies jedoch selbstverständlicher. Ebenso ist die
Interviewatmosphäre bei Helga gelöster und das Gespräch plätschert vor sich hin: bei Kaffee
und Kuchen plaudert sie über ihr Leben. Leicht ist das Interview für Helga trotzdem nicht. Im
Gegenteil bemüht sie sich um eine freundlich wirkende Atmosphäre, um es sich selber
leichter zu machen. Immer wieder kommt sie im Gespräch auf die stützenden Familienfotos
zurück, immer wieder stellt sie an prägnanten Stellen im Gespräch „Geländer für sich auf
Bemerkungen, Berichte, einzelne Wörter an denen sie sich festzuhalten vermag. Von
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
226
Erlebnissen, die schmerzhaft waren und sind, berichtet sie weniger ausführlich, als wären sie
nebensächlicher als die positiven Ereignisse. Wie Ernst formuliert auch Helga den Grund,
warum sie weiterleben kann, und damit den Sinn ihres Lebens. Sie habe dem Hass
abgeschworen. Ohne sich der Illusion hinzugeben, das Geschehene, den Massenmord,
ignorieren zu können sie betont mehrmals, sie könne nicht vergessen hat sie die für sie
einzig gültige Lehre gezogen: es anders zu machen als ihre Verfolger. Aus dieser Perspektive
werden Hilfeleistungen und solidarisches Verhalten, so selten sie waren, zum Eigentlichen,
während Ausgrenzungen, Demütigungen und Angriffe als Abweichungen verstanden
werden.
Ernst, der Psychologe, führt aktiv durch sein Interview hindurch, lässt keinen Zweifel
aufkommen, was wichtig und was weniger wichtig ist, behält zu jedem Zeitpunkt die
Kontrolle und betont auch seine Angst, diese zu verlieren. Anders Helga, die Kranken- und
Säuglingsschwester: im herzlichen Gespräch mit dem Besuch aus Deutschland, im Beisein
ihres englischen Ehemannes, der den Kuchen serviert, ist ihr Interview von der Liebe zu ihrer
Familie und zu den Menschen durchzogen wie ein roter Faden. Das ist ihre Art, mit der
Angst umzugehen. Die Differenzen sind in den Persönlichkeiten und, nicht zuletzt, in der
Geschlechtszugehörigkeit der beiden Interviewpartner begründet. Sie offenbaren zunächst
die Unterschiedlichkeit ihrer Stärken: die Stärke von Helga, die enge, unerschütterliche
Bindung an ihre Familie und der Glaube an das Gute im Menschen, und diejenige von Ernst,
die Kraft, an der rücksichtslosen Suche nach der Wahrheit festzuhalten, und sei sie noch so
schmerzhaft für andere und ihn selber.
Durch diese Sinngebungen hindurch sind auch die Geschichten zu verstehen, die Helga und
Ernst von Hilfe und Solidarität erzählen. Erst vor dem Hintergrund der Bedeutungen, die sie
jeweils für die Persönlichkeiten Helgas und Ernsts und ihren Erinnerungen haben,
offenbaren sich auch die Ähnlichkeiten zwischen ihnen. Sowohl bei Helga als auch bei Ernst
bleiben Erzählungen und Berichte von Helfern Einzelfälle. Sie sind immer an einer einzelnen
Person festgemacht, die anders handelt als die Umgebung. Wenn Helga formuliert, dass es
„natürlich“ Helfer gegeben hat und „leider“ auch Menschen, die sich von ihr abwandten,
sind das sprachliche und emotionale Konstruktionen, die ihr helfen, an ihrem Leben
festzuhalten. Anders Ernst: die Bestimmtheit, mit der er die Einzigartigkeit von
Hilfeleistungen herausstellt, mag für ihn selbstzerstörerisch sein, aber er zeigt die Kraft, die
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
227
Konfrontation mit der damaligen Realität zuzulassen, auch wenn sie ihn schmerzt. Gerade
deswegen sind auch für Ernst die Helfer so wichtig. Aus den Erinnerungen daran, dass es
auch in den finstersten Zeit Menschen gegeben hat, die sich allen Umständen zuwider
menschlich verhalten haben, kann er Kraft schöpfen. So geht es auch Helga, und so geht es
den meisten Überlebenden, wie die Interviews offenbaren. Die Erzählungen von
Hilfeleistungen und Solidarität sind wie ein Geländer, an dem man sich festhalten kann. Weil
es sie gibt, herrscht das Böse nicht alleine, weil es sie gibt, können Menschen nach
Auschwitz und nach dem Holocaust weiterleben. Diese Erinnerungen sind Brücken in die
Zeit vor der Verfolgung, die oft als die „gute Zeit“ vorgestellt wird ob sie das tatsächlich
immer war, ist an dieser Stelle nebensächlich - , und können daher eine gewisse Kontinuität
ermöglichen. Nicht zuletzt ermöglichen sie den Kontakt zur heutigen Welt einschließlich der
Interviewer.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
228
4. Frauenspezifische Erlebnisse und Erinnerungen
4.1 Die Kategorie Geschlecht
Dass die nationalsozialistische Gesellschaft eine durch und durch patriarchal organisierte
und funktionierende Männergesellschaft war, daran bestand nie und besteht kein Zweifel.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Frauen in ihr keinen Platz hatten ganz im Gegenteil.
Frauen waren nicht nur ein integraler, sondern ein zentraler Bestandteil des
gesellschaftlichen Gefüges.536 Ohne Frauen hätte die Hierarchie gar nicht funktioniert. Den
Frauen wurden bestimmte Räume, Aufgaben und Funktionen zugewiesen. Und, so zeigt die
neuere Forschung, diese wurden, trotz ihrer Enge, von den Frauen mehrheitlich dankbar
angenommen.
Dass Männer dominierten und die wichtigsten politischen Funktionen übernahmen, war
natürlich keine Besonderheit des Nationalsozialismus, sondern war und ist meist noch
überall gängige Praxis. Anders an der nationalsozialistischen Gesellschaft war, dass den
Frauen ebenso wie den Arbeitern scheinbar ein gewisser Respekt entgegengebracht
wurde. Immerhin wurden sie für das Gebären von Kindern ausgezeichnet und sogar bezahlt.
Der deutschen Mutter war ein zentraler Bestandteil im nationalsozialistischen Jahreszyklus
gewidmet, und es wurden Lieder auf sie getextet, die wahre Lobeshymnen waren.537 Diese
neuartige Form von Anerkennung hat sicherlich einen immensen Beitrag dazugeleistet,
536 Steinbacher macht darauf aufmerksam, dass Hitler, ungemein modern, schon in den 1920er Jahren seine
Reden und Vorträge häufig mit der expliziten Anrede von Frauen eröffnete: „Deutsche Volksgenossen und
Volksgenossinnen!“-„Meine lieben Volksgenossen und Volksgenossinnen!“-„Deutsche Volksgenossen und
genossinnen!“ etc. Vgl. Sybille Steinbacher, Differenz der Geschlechter? Chancen und Schranken für
„Volksgenossinnen“, in: Frank Bajohr/Michael Wildt (Hg.), Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur
Gesellschaft des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2009, S. 94-104, hier S. 96 und Fußnote 8.
537 Vgl. als ein Beispiel unter vielen: Musikalische Feiergestaltung. Ein Werkweiser guter Musik für die
natürlichen und politischen Feste des Jahres, Feste und Feiern deutscher Art, Heft 27, bearbeitet von Wilhelm
Ehmann, Dr. Phil. Habil. am musikwissenschaftlichen Institut der Universität Freiburg i. Br., Hanseatische
Verlagsanstalt Hamburg 1938. Es finden sich unter anderem Empfehlungen für die Feiergestaltung von
Sommerzeit, Tag der nationalen Arbeit, Maisingen, Tag der Machtergreifung, Sommersonnenwende,
Erntedankfest, Tag der Wintersonnenwende und dem Tag der Mutter. Vgl. auch Benz, Geschichte des Dritten
Reiches, S. 76.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
229
Frauen an das Regime zu binden. Der NS-Mutterkult reduzierte Frauen in weiten Teilen zwar
auf die Mutterrolle,538 unterstrich aber gleichzeitig die Wichtigkeit derselben.
Die Wichtigkeit von Frauen insbesondere als Mütter ist aufs engste verknüpft mit der
antisemitischen Politik der Exklusion und der Inklusion in die Volksgemeinschaft. Dabei war
die Inklusion der Frauen in die Volksgemeinschaft wesentlich mit der Politisierung des
Privaten verbunden.539 Der Mutterkult bezog sich nicht auf jüdische oder „erbkranke“
Mütter, sondern ausschließlich auf „arische“ und kerngesunde. So wurde schon ab 1933 die
Zurückzahlung des Ehestanddarlehen, das an die Ehemänner ausgezahlt wurde, wenn die
Ehefrau bei der Eheschließung die Berufstätigkeit aufgab und beide Eheleute „arisch“
waren, pro Geburt um ein Viertel verringert. 1936 wurde das Kindergeld eingeführt
(allerdings erst ab dem fünften Kind), das ebenso wie das 1939 eingeführte Mutterkreuz
selbstverständlich ebenfalls nur „arische“ Mütter erhielten.540 Die Inklusion der „arischen“
Frauen erfolgte genauso wie die der Männer entlang rassistischer Leitlinien,541 und sie war
ebenso auf die Mitarbeit der Frauen angewiesen, nicht zuletzt auch in der eigenen, als
weiblich definierten Sphäre.542 Die nichtjüdischen Frauen als Teile der Volksgemeinschaft
stehen ebenso wie die nichtjüdischen Männer den jüdischen exkludierten Frauen und
Männern gegenüber.543
Ungeachtet dessen blieb die Geschlechterdichotomie auch bei den Jüdinnen und Juden
bestehen. Jüdische Frauen und Männer unterlagen unterschiedlichen antisemitischen
538 Dass das wie in jeder anderen Gesellschaft nicht durchgängig aufrecht zu erhalten war, wird schon an den
Rollen deutlich, die berühmte berufstätige Frauen wie Leni Riefenstahl und Zarah Leander innehatten, aber
auch an der inhaltlichen Füllung der Mutterrolle selbst: die „arischen“ Kinder sollten von ihr in aller Härte zu
kleinen Kampfmaschinen erzogen werden, wie das meist verbreitete Erziehungsbuch „Die deutsche Mutter
und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer es postulierte. Diese inhaltliche Füllung wiederspricht der
traditionellen Mutterrolle, die sich vor allem durch selbstaufopfernde Liebe auszeichnet. Vgl. die ausführliche
Analyse von Johanna Haarers Schrift bei Gesa Koch-Wagner, Gefühlserbschaften aus Kriegs- und Nazizeit.
Mutter-Tochter-Beziehungen unter dem Einfluss von Kriegstraumen und nationalsozialistischen
Ideologiefragmenten, Aachen 2001.
539 Steinbacher, Einleitung, S. 13.
540 Zum Mutterkreuz Benz, Geschichte des Drittens Reiches, S. 76.
541 So die zentrale These von Gisela Bock, Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik
und Frauenpolitik, Opladen 1986.
542 Vgl. die Ausführungen von Claudia Koonz, Mütter im Vaterland. Frauen im Dritten Reich, Freiburg 1991.
543 Siehe dazu allgemein Steinbacher, Differenz; die Beiträge in dies., Volksgenossinnen. Frauen in der NS-
Volksgemeinschaft. Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus Band 23, Göttingen 2007, und in Kirsten
Heinsohn, (Hg.), Zwischen Karriere und Verfolgung. Handlungsräume von Frauen im nationalsozialistischen
Deutschland, Frankfurt am Main 1997; außerdem Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, S. 98 ff.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
230
Zuschreibungen, wurden vom Regime und von Nichtjuden allgemein unterschiedlich
behandelt und haben Unterschiedliches erlebt. Es waren ausschließlich jüdische Männer, die
im Zuge der Reichskristallnacht verhaftet wurden, während die Frauen alleine blieben und
für die Familien sorgen mussten. In Folge dessen waren es auch vor allem Männer, die in
den anschließenden Monaten aus Deutschland flüchteten, weil das häufig die Bedingung für
die Freilassung aus dem Konzentrationslager war. Frauen waren insgesamt weniger mobil
als Männer. Es gibt sehr viele Berichte darüber, dass Töchter, Schwestern und Mütter nicht
emigrierten, weil sie Zurückbleibende nicht alleine lassen wollten, während Söhne und Väter
häufiger alleine flohen. Marion Kaplan stellt heraus, dass jüdische Männer deutlich häufiger
physischen Misshandlungen ausgesetzt waren als jüdische Frauen, und dass sich daraus
resultierend die Energie der Frauen zunächst vor allem darauf richtete, die Männer zu
schützen.544 Frauen, die sich während der Verfolgung versteckt hielten, hatten häufig mehr
Möglichkeiten, unterzutauchen und dabei unentdeckt zu bleiben. Frauen fielen weniger auf.
Viele Frauen standen den Ereignissen distanzierter als ihre Männer gegenüber und
verfügten über die Fähigkeit, die Ausweglosigkeit ihrer jüdischen Existenz in Deutschland
einzusehen.545 Frauen litten unter anderen Verfolgungsmaßnahmen, und sie hatten andere
Aufgaben zu bewältigen als Männer. Es ließen sich zahlreiche Beispiele dafür aufführen, die
belegen, dass jüdische Frauen und Männer unterschiedlich behandelt wurden und sich
demzufolge ihre Lebenswelten voneinander unterschieden. Die Erinnerungen von
weiblichen und männlichen Überlebenden können daher auch Aufschluß über
unterschiedliche Ereignisse und Erlebnisweisen geben.
Anfang der 1980er Jahre fand in New York eine Konferenz zum Thema „Women Surviving
the Holocaust“ statt. Spezifisch weibliche Erfahrungen von Überlebenden sollten von
Forscherinnen thematisiert werden. Weibliche und männliche Überlebende erschienen
jedoch auf der Tagung und erklärten die Untersuchung von geschlechtsspezifischen
Erlebnissen, Erinnerungen oder Copingstrategien von Überlebenden zum Sakrileg.
Angesichts des Horrors und der Greuel des Holocaust überwiege die existenzielle Erfahrung
von Terror, Tod und Verlust, die das Leben in ein Davor und ein Danach unterteile und
Persönlichkeit und Identität der Betroffenen unwiederbringlich verändere, wenn nicht
544 Kaplan, Der Mut zum Überleben, S. 18.
545 Vgl. dazu auch die entsprechenden Ausführungen im Kapitel 1.6. Siehe außerdem die Erinnerungen von
Frank S. aus Breslau an seine Mutter wie dargestellt im Kapitel 2.1.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
231
zerstöre. In Anbetracht dieser Gemeinsamkeiten von Holocaustüberlebenden ginge das, was
im normalen Leben Geschlechtsrollen und identitäten sind, in der Bedeutungslosigkeit
unter. Verknüpft mit dieser Position war die Befürchtung, die Fokussierung der Kategorie
Geschlecht hierarchisiere die Opfer in moralisch unstatthafter und historisch falscher
Weise.546
Diese letzte Befürchtung war leider begründet, wie sich an einigen Veröffentlichungen aus
den 80er und 90er Jahren aus dem Forschungsfeld Frauen und Holocaust zeigt, in denen
Frauen als die solidarischeren, selbstloseren, besseren Opfer dargestellt werden, was
zweifellos verdreht und weder wissenschaftlich noch ethisch nachvollziehbar ist.547 Aber es
zeigte sich seit der Konferenz in 30 Jahren Forschung auch, dass Männer und Frauen sehr
wohl Unterschiedliches erlebt und erlitten haben, und auch unterschiedliche Wege haben,
das Erlebte zu verarbeiten und zu erinnern. Offenbar war aber die Aufrechterhaltung der
Vorstellung einer hermetisch geschlossenen Kategorie von Überlebenden den Besuchern
und Besucherinnen der Konferenz in New York damals noch wichtiger als die Erörterung
bestimmter eigener Erfahrungen vor Publikum. Die damit einhergehende Betonung der
Funktion der „moralischen Zeugenschaft“548 dient den Betroffenen selber als Schutz vor
Nicht-Anerkennung und Verleugnungen der eigenen Erfahrungen durch die umgebenden
Gesellschaften.
Die moralische Zeugenschaft von Überlebenden erschwert andererseits die kritische, auch
wissenschaftliche, Hinterfragung der Erinnerungen und Erzählungen. Mittlerweile hat es
jedoch einige weibliche Überlebende gegeben, die sich ganz anders als die an der New
Yorker Konferenz Beteiligten geäußert haben und welche die Notwendigkeit der Betonung
von geschlechtsspezifischen Erfahrungen und Copingstrategien unterstreichen.549 Von
diesen couragierten Frauen sei hier beispielhaft Lucille Eichengreen herausgegriffen. Sie hat
nicht nur darauf bestanden, dass die Erfahrungen von Jüdinnen im Holocaust sich eklatant
von denen von Juden unterschieden und einigen ermordeten Frauen und deren Schicksalen,
546 Katz/Ringelheim, Proceedings.
547 Vgl. zur Kritik dieser Positionen Zoe Waxman, Unheard Testimony, Untold Stories: the representation of
women’s Holocaust experiences, Clare Evans Memorial Fund Price Essay 2001, in: Women’s History Review,
12/4/2003, S. 661-677.
548 Vgl. Aleida Assmann, Vier Grundtypen von Zeugenschaft, in: Fritz Bauer Institut (Hrsg.), Zeugenschaft des
Holocaust. Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung, Frankfurt am Main 2007, S. 33-51.
549 Vgl. Waxman, Unheard Testimony, die die Thematisierung von geschlechtsspezifischen Erfahrung in
Interviews in zeitlicher und ursächlicher Verbindung mit den Frauenbewegungen sieht.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
232
die sie in der Erinnerung bewahrt hat, zum öffentlichen Gedächtnis verholfen, sie hat auch
den außerordentlichen Mut gehabt, jüdische Männer Verbrechen zu bezichtigen, die sie
während des Judäozids an Frauen und Mädchen begangen haben.550 Für die Frage der
Bedeutung von Zeugenschaft haben Jüdinnen wie Lucille Eichengreen vor allem eines getan:
sie haben gezeigt, wie komplex die Kategorien der Überlebenden und der Opfer sind.
Dadurch wurde Menschen wieder mehr Subjektivität verliehen, deren Symbolfunktion für
die umgebende Gesellschaft für sie auch einengend und entindividualisierend sein kann.551
Die Betonung der Individualität der Opfer kann befreiende Effekte haben, denn sie zeigt die
Anschlusstellen der Überlebenden an ihre Umwelt und ihre Gemeinsamkeiten mit als
„normal“ vorgestellten Menschen. Eine dieser Gemeinsamkeiten ist das heterosexuelle
zweigeschlechtliche Ordnungsschema, in dem die meisten Menschen organisiert sind:
Männer auf der einen, Frauen auf der anderen Seite.
550 Lucille Eichengreen, videointerview by Julianne, Leah, Matthew and Howard Levin, May 30, 2002,
www.tellingstories.org; dies., videointerview by Ilana, Michelle, Sam and Howard Levin, April 24, 2003,
www.tellingstories.org; dies., Von Asche zum Leben Erinnerungen, Hamburg 1992; dies., Rumkowski, der
Judenälteste von Lodz. Autobiografischer Bericht, Hamburg 2000; dies., Frauen und Holocaust. Erlebnisse,
Erinnerungen und Erzähltes, Bremen 2004.
551 In Anlehnung an die Thesen von Assmann, Grundtypen, zu moralischen Instanzen und Wahrheitsmission, S.
45.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
233
4.2 Erna P. aus Berlin
„Ich weiß nicht, was in das deutsche Volk reingefahren ist. Das war wie als ob die alle
hypnotisiert waren.“
Erna P., Berlin, 19. Dezember 1995
Das Mädchen Erna P. wurde 1919 in Berlin als drittes Kind jüdischer Eltern geboren. Die
Familie des Vaters stammte aus Polen, die der Mutter ursprünglich aus Westpreußen. Die
Familie war religiös, hielt die jüdischen Feiertage ein und lebte streng koscher. Neben Erna
gehörten noch ihre acht Jahre ältere Schwester und ihr fünf Jahre älterer, taubstummer
Bruder Jakob zur Familie. 1925 gebar Ernas Mutter ein weiteres Mädchen, Ernas kleine
Schwester. Erna wuchs während der 20er und 30er Jahren im Berliner Arbeiterbezirk
Wedding auf, in einem Haus an der Ecke Usedomer Straße und Brunnenstraße. Das Haus
wurde im Krieg zerstört. Heute steht ein neues Haus auf dem Grundstück, Usedomer Str. 32,
neben einer Aral-Tankstelle.
1928 verstarb der Vater, für die Familie vollkommen überraschend, an einem Schlaganfall.
Der Tod des Vaters wurde zu einem ersten traumatischen Bruch in Ernas Leben, der alles
veränderte. Dass sie von nun an ohne Vater aufwuchs, war sehr prägend für sie. Neben der
Verfolgung als Jüdin sind das Fehlen des Vaters, die Behinderung ihres großen Bruders, der
Zusammenhalt, aber auch die Schwierigkeiten ihrer großen Familie und der Verlust ihrer
Mutter im Holocaust die Themen, die ihr Leben und ihre Lebenserzählung grundlegend
bestimmten. Schon im ersten Absatz ihres Interviews weist sie sehr deutlich darauf hin.
„Mein Name ist Erna P. Ich bin Jahrgang 1919 und in Berlin geboren. Und ich bin Volljüdin.
Mein Vater kam aus Polen, und meine seelige Mutter aus Westpreußen. Mein Vater ist 1928
in Berlin ganz plötzlich verstorben, im Alter von 44 Jahren. Und dadurch war meine Jugend
schon geprägt. Der Vater fehlte. Wir waren vier Kinder und mein Bruder, der etwas älter war
als ich, war behindert, er war gehörlos. Taubstumm.“552
552 Videointerview mit Erna P., S. 1.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
234
Die Verfolgungszeit erlebte Erna vor dem Hintergrund des fehlenden Vaters. Der
Zusammenhalt der restlichen, mit Ausnahme des taubstummen Bruders Jakob weiblichen
Familienmitglieder, wird vor diesem Hintergrund immer wieder von ihr thematisiert und
zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Erinnerungen an die Nazizeit.
Erna war beim Tod ihres Vaters im Jahre 1928 neun Jahre alt. Ihre Mutter hatte von nun an
alleine für die große Familie zu sorgen. Sie kümmerte sich um ihre Kinder und um das
finanzielle Auskommen der Familie. Nahe der Grenze zwischen den Berliner Bezirken
Wedding und Prenzlauer Berg eröffnete sie ein kleines Lebensmittelgeschäft.
Erna war im Jahr 1925 in die 250. Volksschule in der Wattstraße in Berlin-Wedding
eingeschult worden. Ihre Klasse war eine reine Mädchenklasse. Das Jahr 1933 wurde zu
einem zweiten Bruch in Ernas Leben und ihre vor allem mit der Schulzeit und den
Mitschülerinnen verknüpften Erinnerungen daran sind sehr bildhaft und lebendig. Alle 29
Mitschülerinnen seien von einem Tag auf den anderen ihr gegenüber feindselig geworden,
erinnert sich Erna.
„1933 ging ich noch zur Schule. Durch den Tod meines Vaters bin ich damals nicht auf eine
höhere Schule gekommen, weil das gerade der Jahrgang war [1933, S.N.], und Mutti nicht
wusste, ob sie das Schulgeld aufbringen konnte, da mein Bruder internatsmäßig
untergebracht war. In der Israelitischen Staubstummenanstalt.553 Und das hat auch schon
eine Menge Schulgeld gekostet. So war ich in Berlin in Wedding in der Wattstraße, in der
Volksschule. Wir waren 30 Mädels, und ich war eine von den 30. Aber 1933, da stand ich auf
einmal ganz alleine da. Da war, möchte ich sagen, die ganze Klasse gegen mich.“554
Mit einer Ausnahme, wie Erna betont: sehr positive Erinnerungen hat sie an ihren loyalen
Klassenlehrer, der ihr in ihrem letzten Schuljahr zur Seite gestanden und sie unterstützt hat.
Er hat versucht, sie vor ihren Mitschülerinnen zu schützen, und er hat sich bemüht, den
antisemitischen Alltag in der Schule für Erna ein wenig abzupuffern. Erna erzählt, dass der
Klassenlehrer sie einmal in der Pause beiseite genommen und zu ihr gesagt habe, er müsse
553 Die Israelitische Taubstummenanstalt wurde 1873 von Markus Reich in Fürstenwalde gegründet. Die
Internatsschule zog 1890 nach Berlin-Weißensee in die Parkstraße 22 und wurde im April 1942 im Zuge der
Auflösung aller jüdischen Schulen in Berlin geschlossen. Vgl. Vera Bendt/Nicola Galliner (Hg.), Öffne deine
Hand für die Stummen. Die Geschichte der Israelitischen Taubstummen-Anstalt Berlin-Weißensee 1873 bis
1942, Berlin 1993.
554 Videointerview mit Erna P., S. 1.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
235
den Rassekundeunterricht leider abhalten, weil es der Lehrplan so vorsehe. Er würde sich
bemühen, im Klassenzimmer das Wort „Jude“ zu vermeiden und den Kindern nur „die
Mendelschen Formen“ bei zu bringen, er könne aber nicht garantieren, daß nicht eine der
Schülerinnen die antisemitische Rassenlehre der Nazis explizit anspreche. Sie, Erna, dürfe
vom Unterricht fernbleiben, wenn sie das wünsche, und er würde ihr trotzdem eine gute
Note geben. Ein anderes Mal hatte der offenbar allseits sehr beliebte Lehrer an seinem
Geburtstag diverse Geschenke nach Hause zu tragen und er erwählte Erna und ein anderes
Mädchen, ihm dabei zu helfen. Erna verstand das als ein klares Zeichen ihrer Bevorzugung.
„Mein Klassenlehrer war vorzüglich, möchte ich sagen. Der war sehr, sehr nett und der war
bei allen beliebt. Der hatte Geburtstag und da haben alle ihm Blumen und weiß ich was
mitgebracht. Er wohnte in Hermsdorf, am Bahnhof, in der Nähe vom Bahnhof
Gesundbrunnen. Und dann sagte er, er könne die Blumen nicht alleine nach Hause bringen,
und er brauche zwei Schülerinnen, die ihm dabei helfen. Und da hat er mich ausgewählt.
Also, das war schon, dass er zeigen wollte nach außen, dass er zu mir steht. Und in der
Pause eben immer, nach dem Rassekundeunterricht, hat er mir immer tröstende Worte
gesagt und mir Mut zugesprochen. Und als ich 1945 aus der Illegalität rauskam war einer
meiner ersten Wege nach Hermsdorf, und da war er kurz vor Kriegsende gestorben. Das hat
mir sehr leid getan, ich hätte ihm gerne gesagt, dass ich noch am Leben bin. Ich weiß genau,
da hätte er sich gefreut.“555
Ihre Klassenkameradinnen haben sie im letzten Schuljahr immerfort mit „Jude“ beschimpft,
sie beleidigt und ihr in die Hacken getreten, wenn sie in der Pause über den Schulhof „in
Reih und Glied“ zur Turnhalle marschieren mussten. „Sie wussten ja, ich konnte mich nicht
groß wehren“, erinnert sich Erna.556 Sie habe den plötzlichen Gesinnungswechsel überhaupt
nicht nachvollziehen können.
„Das war ganz komisch gewesen. Ich kann mich erinnern, wir haben „Wahlen“ gelernt. Eine
Gruppe waren die Kommunisten und die SPD, links, und rechts standen zwei, die für die
NSDAP waren. Und im nächsten Jahr waren sie alle NSDAP. Ich weiß nicht, was in das
deutsche Volk gefahren ist. Das war wie als ob die alle hypnotisiert waren [...]. Kinder
555 Ebd., S. 2.
556 Ebd., S. 2.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
236
können sehr herzlos sein, das sage ich immer wieder. Aber ich meine, wir waren ja nun
keine Kleinkinder mehr mit 13, 14 Jahren. Da war man ja schon ein bisschen, das man
annehmen müßte aber da hat sich überhaupt keine Freundschaft mehr entwickelt im
letzten Schuljahr. Im Gegenteil, die wurden dann und ich meine, wenn ich einen
schlechteren Lehrer gehabt hätte wäre das noch ausgeprägter gewesen. Denn die haben ja
auch gespürt, dass der Lehrer zu mir gehalten hat.“557
Das Gefühl, damals von den Mädchen verraten worden zu sein, macht Erna immer noch
traurig. Sie fühlte sich von der Gruppe ausgestoßen, zu der sie einmal fest dazu gehört
hatte. Dass es eine reine Mädchengruppe war, machte den Ausstoß für Erna noch
unverständlicher, Verrat durch Frauen scheint noch unbegreiflicher zu sein und wird von ihr
als unnatürlich empfunden. Einmal sind Erna die Hänseleien zu bunt geworden und sie hat
vor dem Schulhof auf eine ihrer Mitschülerinnen gewartet und eine Schlägerei mit ihr
angefangen. Eine Lehrerin ist dazwischen gegangen, hat aber nicht für Erna Partei ergriffen.
„Ich hab mich einmal vorm Schuleingang hingestellt und hab mit einem Mädel eine
Schlägerei angefangen. Als junger Mensch macht man das ja wohl. Dann kam eine Lehrerin
und hat gesagt, „das gehört sich nicht für junge Mädchen sich zu schlagen“. Aber sie hat
nicht für mich Partei ergriffen. Sie hat nicht gesagt, dass ich im Recht war. Und ich fühlte
mich eben im Recht […]. Trotzdem ich bestimmt keine Schlägerin war, oder sein wollte. Aber
wie gesagt, ich war immer ein bisschen aufsässig. In dem Sinne, ich konnte Unrecht nicht
leiden. Auch heute noch nicht.“558
Vordergründig handelte die Lehrerin, indem sie Erna an ihre weibliche Rolle gemahnte.
Dadurch ließ sie Erna, als Jüdin stigmatisiert und ausgeschlossen, im Stich, half ihr nicht in
der schwierigen Situation. Ernas Ausschluss aus der Klassengemeinschaft wurde durch das
Verhalten der Lehrerin bestätigt, da sie als angegriffene Jüdin bei ihr keine Schutz und keine
Verteidigung gefunden hat. Dass dies mit Verweis auf die weibliche Rolle des Mädchens
geschieht, verkompliziert die Situation für Erna noch. In ihrer Rolle als Mädchen wird sie
scheinbar in die Gemeinschaft inkludiert, da die Gemeinsamkeiten mit den anderen
Mädchen betont werden, aber als Jüdin bleibt sie dennoch außen vor.
557 Ebd., S. 7.
558 Ebd., S. 2.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
237
Erna hat sich aber nicht so leicht unterkriegen lassen, wie sie immer wieder betont. Ihre
Erinnerungen an den Boykott jüdischer Geschäfte und Praxen am 1. April 1933 sind von
ihrem eigenen rebellischen Verhalten geprägt. And diesem Tag sind es ebenfalls einige ihrer
Schulkameradinnen, die den sozialen Ausschluss vor dem Hintergrund des von der NSDAP-
Führung verordneten und von der SA durchgeführten Boykotts jüdischer Geschäfte
vollziehen, wie sich Erna erinnert.
„Nun kam der 1. April, Boykotttag. Da stand die SA vor den jüdischen Geschäften. Und
meine Mutter hatte so nen kleinen Lebensmittelladen. Und den hatten wir natürlich zu. Und
dann kamen drei oder vier Schulkameraden und klopften ans Fenster, „hallo“, ganz
gehässig, „ach heute traust dich wohl nicht raus.“ Naja, dann hab ich meine Mutter gebeten
mir Geld zu geben, und dann bin ich zum Lieferanten gegangen, in die Brunnenstraße,
Gebrüder Weinberger, und hab Butter geholt, um eben zu beweisen, dass ich doch den Mut
habe. Also ich war immer schon son bisschen kontra eingestellt. Ich hab mir nicht so leicht
was gefallen lassen.“559
Ebenfalls am 1. April 1933 bekam Ernas Mutter von einem Mann in SA-Uniform Besuch. Es
war ein früherer Bekannter und Geschäftspartner ihres verstorbenen Mannes, der die Gunst
der Stunde nutzen wollte, um alte Rechnungen zu begleichen.
„Mein Vater hatte damals einen Kompagnon, der war Christ. Der hat ihn betrogen. Und das
hat ihn ach, wie soll ich sagen, der hat innerhalb von zwei Tagen Schlaganfall und
Gehirnschlag gehabt, weil er sich so aufgeregt hat. Die Firma von damals existiert heute
noch. Der Kompagnon hat die Außenstände abkassiert und nicht in der Firma abgeliefert,
sondern in die eigene Tasche gesteckt. Und der kam am Boykottag in SA-Uniform zum
Laden. Meine Mutter war aus dem Geschäft rausgegangen und der sollte ihr eine Abfindung
zahlen, und die hat er nicht zahlen können, er hatte einen Offenbarungseid geleistet. Und
dann kam er in den Laden und hat gesagt, er möchte eine Bescheinigung, dass er uns nichts
schuldet. Da hat meine Mutter gesagt, „das ist nicht mein Geld, sondern das Geld meiner
Kinder. Und was vorher Recht war muß auch jetzt Recht bleiben“. Das war schon alles sehr
deprimierend [...]. Mutti hat ihm nichts gegeben. Als ich 1945 an ihn rantrat, mit
Rechtsanwalt, hat er gesagt, er hätte meiner Mutter Lebensmittel dafür geliefert, für den
559 Ebd.
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238
Laden. Aber Mutti lebte nicht mehr, und meine älteste Schwester, die das bezeugte konnte,
lebte auch nicht mehr, und mein Bruder war taubstumm, [...] die Kleine war damals drei
Jahre alt [...] und ich war auch noch kein vollwertiger Mensch. Das war ne Zivilsache und der
hat gesagt, er schuldet uns nichts mehr. Ja.“
Überall spürte Erna 1933 das Klima der Bedrohung, das im Wedding sehr plötzlich einsetzte,
wie sie sich erinnert. „Ich muss sagen, das war der rote Wedding. Und am 1. Mai wurde
immer geflaggt, mit roten Fahnen. Und am 1. Mai 1933, da hatten die roten Fahnen alle das
Hakenkreuz in der Mitte. Also das ging, ich kann gar nicht sagen wie, das ging schlagartig.“560
Erna verließ kurze Zeit später, nach Abschluss der achten Klasse, mit 14 Jahren die Schule
und wurde Schneiderin bei einem holländischen Juden. Sie lernte zu nähen und fing einige
Zeit später an, als Schneiderin zu arbeiten. Auf der Arbeit lernte sie die Nichtjüdin Beuke
Adam kennen, die in ihrem Leben eine bedeutende Rolle gespielt hat. Beuke nahm sie vor
antisemitischen Arbeitskolleginnen in Schutz und wurde ihre beste Freundin.
Erna hat neben der Lohnarbeit als Schneiderin auch der Mutter viel bei der Hausarbeit
helfen müssen. Zweimal in der Woche sei außerdem nachmittags Religionsschule gewesen
und Sonnabends ging es zu Verwandten zu Besuch. Die wanderten dann aber 1935 oder
1936 aus. Der Familie ging es finanziell zunehmend schlechter. Der kleine Lebensmittelladen
wurde aufgrund der jüdischen Inhaberschaft von den bisherigen Zuliefererfirmen nicht mehr
beliefert und die Mutter musste ihn schließlich aufgeben. Sie stellte ein paar Betten in die
Räume und vermietete sie gegen ein geringes Entgeld an Angehörige der ORT-Schule, eine
1937 gegründete jüdische Handwerksschule zur Vorbereitung auf die Emigration.561 Auch
hier vollzog sich mit dem Ausschluß aus der Volksgemeinschaft die Integration in eine rein
jüdische Lebenswelt, die es so vorher nicht gegeben hat. Erna’s Freundes- und
Bekanntenkreis wurde immer kleiner. Die sehr freundliche, gesellige Frau litt in dieser Zeit
stark unter dem zunehmenden Ausschluß aus dem gesellschaftlichen Leben, der von den
560 Ebd.
561 ORT, Organization for Rehabilitation through Training, wurde 1880 in Russland gegründet. Die Organisation
verfolgte die schulische Ausbildung von Juden im Handwerk. In Berlin wurden in den 1930er Jahren einzelne
Kurse angeboten, bevor die Schule 1937 in der Siemensstraße 15 gegründet wurde. Sie wurde von 15-
17jährigen jüdischen Jungen besucht. Etwa die Hälfte der ORT-Angehörigen konnte sich im August 1939 mit
einem Kindertransport nach England retten. Vgl. Monica Lowenberg, Bildung oder Ausbildung? Das Jawne-
Gymnasium und die ORT-Schule in Deutschland und England, in: Wolfgang Benz u.a. (Hg.), Die
Kindertransporte 1938/39, Frankfurt am Main 2003, S. 120-135; www.ORT-deutschland.de (letzter Zugriff
3.9.2012).
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
239
täglich neu verkündeten antijüdischen Gesetze getragen und von der nichtjüdischen Umwelt
meist brav oder mit selbstverständlicher Überzeugung vollzogen wurde. Sie konnte nicht ins
Kino und nicht tanzen gehen, und auch der Umgang mit ihren nichtjüdischen Freundinnen
wurde schwieriger. Erna beschreibt, wie sich der zunehmende Ausschluss entfaltete, bis sie
schließlich so gut wie gar keinen Kontakt mehr zu Nichtjuden hatte.
„Die ganze Jugend war ziemlich eingeschränkt mit Verboten. Irgendwie war man ja
Außenseiter [...]. Es waren eigentlich mehr jüdische Freunde. Denn mit den anderen
konnten wir nicht verkehren. Es sei denn mit dieser Kollegin [Beuke, S.N.] mal ab und an.
Wenn die abends tanzen gehen wollten, nach Feierabend, wir wohnten nah beieinander,
sind se zu mir gekommen und ich hab denen die Haare gekämmt und hab sie zur U-Bahn
gebracht. Aber ich durfte ja nicht mitgehen. Und das ist für ein junges Mädel nicht gerade
immer sehr leicht gewesen. Ich war im Sportverein drin. Und durch meinen Chef562 damals
hab ich die Woche 50 Pfennig für eine Sonderleistung bekommen. Die hat er aber nicht
ausgezahlt, sondern dafür musste ich ins Jüdische Kulturbund-Theater563 mitkommen, mit
ihm und meiner Chefin. Das war mein erster Weg an die Kultur ran. Meine erste Oper war
„Der Freischütz“ im Jüdischen Kulturbund-Theater. Einmal im Monat gab es Stücke, also die
Goebbels erlaubt hatte. Und nur jüdische Schauspieler. Kann man gar nicht glauben, was.
Aber wie gesagt, wenn die Kollegen irgendwo hingegangen sind, war ich immer
ausgeschossen. Die haben zwar gesagt „kannst doch mitkommen“, aber im Grunde
genommen habe ich Angst gehabt, dass ich entdeckt werde. Denn es waren ja oft
Kontrollen.“564
Mit Beginn des Jahres 1939 musste Erna aufgrund eines antijüdischen Gesetzes den
zusätzlichen Namen Sara annehmen.565 Von da an wurde sie unversehens von einer Kollegin
am Arbeitsplatz nur noch Sara gerufen.
562 Ernas früherer Arbeitgeber, der holländische Jude, war mittlerweile zurück nach Holland gegangen, und
Erna hatte bei einem Juden bei ihr um die Ecker eine Anstellung gefunden.
563 Der Jüdische Kulturbund bestand von 1933 bis 1941 und bot jüdischen Künstlern und Musikern Anstellung,
die bei ihren bisherigen Institutionen nicht mehr arbeiten konnten. Vgl. Henryk M. Broder/Eike Geisel,
Premiere und Pogrom: der Jüdische Kulturbund 19331941, Berlin 1992; Volker Dahm, Kulturelles und
geistiges Leben, in: Wolfgang Benz (Hg.), Die Juden in Deutschland 1933-1945. Leben unter
nationalsozialistischer Herrschaft, München 1996, S. 75-267.
564 Videointerview mit Erna P., S. 3 und 6.
565 Die Zweite Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und
Vornamen vom 17. August 1938 trat am 1. Januar 1939 in Kraft. Vgl. Walk, Sonderrecht, S. 237.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
240
„Wir mussten dann an das Standesamt schreiben, „wir bitten um den Zusatznamen Sara“,
beziehungsweise für Männer Israel. Und die eine Kollegin hat mich dann immer Sara
betitelt. Dann hat sie [Beuke, S.N.] sich immer aufgeregt, „die heißt nach wie vor Erna“ und
„was ihr euch so einbildet“. Ich wohnte ganz in der Nähe der Arbeitsstelle. Manchmal bin ich
mittags nach Hause. Und dann hat se mir das Futter von meinem Mantel aufgeschnitten,
eine Kollegin, wollte sehen, ob ich Devisen versteckt hatte [...]. Man war eben kein freier
Mensch mehr. Als junger Mensch war das schon ganz schön deprimierend.“566
1939 konnte Ernas kleine Schwester im Alter von 13 Jahren Deutschland mit der
Kinderalija567 verlassen und nach nach Palästina flüchten. In der Nacht vor ihrer Abreise
nähten ihr die mittlerweile 20jährige Erna und ihre Freundin Beuke noch Kleider für die
Fahrt. Am nächsten Abend brachte Erna sie zum Anhalter Bahnhof in Berlin Kreuzberg. Bei
der Abfahrt des Zuges um 10 Uhr abends konnte sie nicht dabei sein, denn sie hatte vor der
für Juden geltenden Sperrstunde568 nicht mehr auf der Straße zu sein. Sie musste ihre kleine
Schwester alleine am Bahnhof stehen lassen.
Ernas acht Jahre ältere Schwester hatte Mitte der 30er Jahre einen aus Leipzig stammenden
Juden geheiratet, der polnischer Staatsangehöriger war. In Folge der Ereignisse, die als
Polenaktion bekannt wurden,569 reiste sie mit ihrem Mann und ihrer einjährigen Tochter
Evelyn im April 1938 nach Warschau aus. Erna schaffte es, den Kontakt mit ihr aufrecht zu
erhalten, auch als den Juden das Telefonieren schon längst verboten war.570 Sie nahm ihren
Judenstern ab, den sie seit September 1941 zu tragen verpflichtet war, und meldete im
Hotel Kempinski am Berliner Kurfürstendamm ein Ferngespräch nach Warschau an. Dort,
566 Videointerview mit Erna P., S. 3.
567 Alija ist der hebräische Begriff für die Auswanderung nach Palästina bzw. Israel. Mit der 1933 von Henrietta
Szold gegründeten und organisierten Auswanderung von jüdischen Kindern und Jugendlichen nach Palästina
konnten 5000 Menschen aus Deutschland gerettet werden. Vgl. Brian Amkraut, Between Home and
Homeland: Youth Aliya from Nazi Germany, Tuscaloosa 2006.
568 Seit dem 1.9.39 durften Juden im Winter nach 20 Uhr, im Sommer nach 21 Uhr nicht mehr auf der Straße
sein. Vgl. Walk, Sonderrecht, S. 303.
569 Die zwangsweise Austreibung von mindestens 18 000 im Deutschen Reich lebenden Juden polnischer
Staatsangehörigkeit fand in der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober 1938 statt. Durch ein Abkommen zwischen
Polen und dem Deutschen Reich vom 24. Januar 1939 konnten 6000 zurückgebliebene Frauen und Kinder zu
ihren Männern nach Polen nachreisen. Ernas Schwester und ihre Nichte Evelyn waren unter ihnen. Zur
Polenaktion siehe Jerzy Tomaszewski, Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung polnischer Juden aus
Deutschland im Jahre 1938, Osnabrück 2002; Trude Maurer, Abschiebung und Attentat. Die Ausweisung der
polnischen Juden und der Vorwand für die „Kristallnacht“, in: Walter Pehle (Hg.), Der Judenpogrom 1938. Von
der „Reichskristallnacht“ zum Völkermord, Frankfurt am Main1992, S. 52-73.
570 Verbot der Benutzung öffentlicher Fernsprechstellen durch Juden am 12.12.1941, vgl. Walk, Sonderrecht, S.
360.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
241
im Ghetto, arbeitete ihr Schwager beim Joint,571 direkt an der Ghettomauer Tlomackie, und
dort gab es ein Telefon, über das sie mit ihrer Schwester redete. Das letzte Lebenszeichen
von ihr erhielt sie Anfang 1942. Seit dem sind die ältere Schwester und ihre Familie
verschollen.
Immer mehr Gesetze und Verbote machten Erna das Leben schwer und sie erinnert sich an
viele demütigende Einzelheiten.
„Wir mußten ja alles abgeben. Radio, Schmuck, Pelze, Kultgegenstände, die waren ja
meistens in Silber. Und an den Feiertagen, ich bin an sich ziemlich religiös, nicht fromm, es
wurde gleich gesagt, „wenn du am Versöhnungstag fehlst oder Neujahr, das ist verboten“
[...]. Zur Arbeit durften wir nur fahren mit dem Stern, wenn wir einen Ausweis hatten, also
in diesem Fall von zu Hause von der Usedomer Straße bis zur Weberstraße zum
Straußberger Platz, das wars. Und wer nicht im Arbeitsprozess war oder nahe dran wohnte,
hat keine Fahrerlaubnis bekommen. Und auch mit Fahrerlaubnis durfte man sich nicht in der
Bahn hinsetzen.“572
Erna erinnert sich auch noch genau an die Einführung des ausgrenzenden und
diffamierenden Judensterns als Kennzeichen für Juden und Jüdinnen, und auch für „jüdische
Wohnungen“.
„Wir hatten 13 Untermieter bei uns. Juden durften ja nicht mit Ariern zusammen wohnen
und mußten Wohnungen aufgeben, wo der Hauswirt arisch war. Und dann mußten sie in
jüdischen Wohnungen Unterkunft finden. Und auch an unserer Wohnungstür war der weiße
Stern dran [...] Als wir den Stern tragen mußten, ich glaube es war ein Donnerstag. Und
dann Freitag oder Samstag kam eben die Kollegin [Beuke, S.N.] an mit dem Kinderwagen,
das Baby war noch kein Jahr alt. Und ich sag, „Du geh weg, geh vor mir oder nach mir, ich
trag nen Stern“. Und sie „nein, ich komm extra, und wir holen noch Hinzlein“, das war auch
ne Kollegin von uns, eine Halbjüdin, die auch Sternträgerin war, „und ich will rechts und
links einen Stern haben“. Und da haben sie die Leute ganz schön angefeindet. Aber die
Courage hatte sonst weiter keiner. Ich kann mich noch erinnern an den ersten Tag in der U-
Bahn, das war Gesundbrunnen. Ich sah nicht jüdisch aus, ich war aber dunkelhaarig, und
571 American Jewish Joint Distribution Committee, jüdische Hilfsorganisation seit 1914.
572 Videointerview mit Erna P., S. 5.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
242
meine Kollegin war blond, die war Mischling, aber es gab ja nichts arischeres, die sah so
arisch aus. Und die Leute kannten uns ja, weil wir zur selben Zeit aus der U-Bahn ausstiegen,
sind ja immer dieselben Leute. Wie die uns mit dem Stern gesehen haben, also für die war
es nicht glaubwürdig, das wir Juden sind.“573
Erna war kurz nach Kriegsausbruch im September 1939 zur Zwangsarbeit verpflichtet
worden, zunächst bei Siemens in Berlin-Spandau und später in Berlin-Mitte. Dort machte sie
mit einer vertrauten nichtjüdischen Arbeitskollegin eine Erfahrung, die sie ganz besonders
hart getroffen hat. Als das Gesetz in Kraft trat, das Juden untern anderem den Besitz von
Pelzen Verbot,574 gab sie der Kollegin einen Pelzschal in Verwahrung. Durch Zufall erfuhr sie
später, dass diese vermeintliche Freundin den Schal heimlich benutzte, ohne Erna vorher
gefragt zu haben. Erna empfand das als Verrat und war tief verletzt.
Ich kann mich erinnern, ich hatte ein graues Kostüm, so als Schneiderin, und dann hatte ich
zwei sone Viecher hier so hängen. Also Nerze warens nicht, ich weiß nicht, was es war. Aber
die durften wir nicht mehr haben. Und da hab ich sie meiner Arbeitskollegin gegeben, die
wohnte in der Putbusser Straße. Ich sagte „Kannst du mir die mal aufheben?“ Man war ja
noch so blöd und dachte, es kommt alles wieder, nicht. Und dann hab ich sie mal besuchen
wollen und sie kam mir auf der Treppe entgegen mit meinen Tieren da um den Hals.Und das
hat mich derartig vor den Kopf gestossen. Wenn se gefragt hätte, „Erna, kann ich die mal
benutzen?“, hätte ich doch ja gesagt. Aber ich hab se ja bloß zum Aufbewahren gegeben,
nicht. Und dann hat sie gleich die Viecher genommen.“575
Am 19. November 1942 wurde Ernas Mutter im Zuge einer Sonderaktion auf der Straße
verhaftet und vermutlich mit dem Transport am 29. November 1942 nach Auschwitz
deportiert, von wo sie nie zurück kam.576 Erna und ihr fünf Jahre älterer taubstummer
Bruder Jakob, die beiden letzten verbliebenen Familienmitglieder, entschloßen sich noch am
selben Tag, in die Illegalität zu gehen, um der auch ihnen drohenden Deportation zu
entgehen. Sie versteckten sich getrennt. Erna wurde von ihrer Freundin Beuke Adam in
573 Ebd., S. 10.
574 Juden hatten im Rahmen einer Sammelaktion für die Ostfront im Januar 1942 Pelze, Wollsachen, Skier und
Bergschuhe abzugeben. Vgl. Walk, Sonderrecht, S. 361 und 362.
575 Videointerview mit Erna P., S. 5.
576 Erna nennt das Datum der Deportation nicht, ihre Mutter war aber wahrscheinlich bei diesem Transport
nach Auschwitz dabei.
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243
deren Zwei-Zimmer-Wohnung in der Schönhauser Allee in Berlin-Prenzlauer Berg versteckt
und hielt sich dort die meiste Zeit bis zu ihrer Befreiung auf.
„Dann bin ich zu meiner Kollegin hin. Die hatte in der Schönhauser Alle zwei Zimmer und
Küche, drei Kinder, Toilette war eine halbe Treppe höher, das war ja damals nicht so mit den
sanitären Anlagen. Der Mann war Soldat. Und dann hat sie mich beherbergen können. Bloß
meinen Bruder nicht, für den musste ich ja irgendwie Unterkunft finden. Denn für einen
Mann war das schon schwer, weil er, wenn er bei einer Kriegersfrau übernachtet hätte,
hätte es geheißen die hat einen Freund, nicht. Bei einer Frau ist das nicht so ins Gewicht
gefallen. Dann kamen ja die Bombennächte, die Kriege, die Bombenangriffe, und denn war
man eben ausgebombt oder so. Den Stern habe ich während der illegalen Zeit nicht
getragen, konnt ich nicht. Ich mein, schon die Kinder, die hätten ja dann vielleicht was
verraten. Den hab ich abgemacht. Luftschutzkeller betreten war verboten für Juden, und
Bunker. Ich bin manchmal die Straße langgelaufen und die Weinachtsbäume sind vor mir
sagte man so, wenn se die so runtergeschmissen haben, damit es so leuchtet. Und trotzdem
habe ich mich eigentlich über jede Bombe gefreut, die runter gekommen ist. Wenn Alarm
war, wurde nicht nach Juden gesucht. Und das war eigentlich die leichtere Zeit. Aber dann
hat man ja wieder Angst vor den Bomben gehabt.“577
Beukes Ehemann, Herr Mars, war gegen die Anwesenheit Ernas in der Wohnung. Die meiste
Zeit war er als Soldat im Krieg, aber wenn er zu Hause war, schikanierte er seine Frau und
drohte damit, die beiden Freundinnen zu verpfeifen, erzählt Erna.
„Bloß ihr Mann, wenn der auf Urlaub kam, die haben sich nicht verstanden. Die haben sich
auch gleich scheiden lassen nach dem Krieg. Aber der hat sie dann damit erpresst. Also,
wenn sie nicht so spurt wie er will, dann hätt er gleich gesagt „dann verrat ich dich“. Mars
hieß der damals, der erste Mann. Der kannte mich schon aus der Zeit vor dem Krieg, also als
wir zusammen auf einer Arbeitsstelle waren. Dann hat er damals mal seine Frau abgeholt,
und dann kannte man sich ja. Man hat ja auch nicht gewusst, warum man das hätte
verheimlichen sollen. Das kam ja erst später.“578
577 Videointerview mit Erna P., S. 10-11.
578 Ebd., S. 13.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
244
Den Kindern haben sie erzählt, Erna sei ihre Tante. Auch Beukes Schwester wusste von Ernas
Status und half den beiden Freundinnen manchmal aus, obwohl sie an der Richtigkeit der
Handlungen ihrer Schwester zweifelte, weil diese sich und ihre Kinder gefährdete.
„Ich war die Tante. Stern hatte ich ja abgemacht. Und im Alter waren wir gleich, sind ein
Jahr auseinander, also ist ja gut möglich. Die Schwester hat es auch gewusst, die hat uns
auch geholfen. Frau Adams Schwester. Die hat auch manchmal gesagt, „mensch weißte
denn was du machst,“ und wollte sie davon abbringen, „du bringst dich und die Kinder in
Gefahr.“ Aber die hat sich nicht [abbringen lassen]. Sagte sie „na was solls“. Hätten mal
mehr Leute die Courage gehabt. Beuke bekam 128 Mark als Kriegersfrau, weil sie drei Kinder
hatte. Die waren ja noch klein. Und dann haben wir beide so Änderungen gemacht, genäht,
und uns so ein paar Mark dazuverdient. Und die Schwester hat auch manchmal
Lebensmittel gebracht, die war alleinstehend, der Mann war Soldat und sie hat in einer
Fleischwarenfabrik gearbeitet. Die hat uns dann sehr geholfen, mit Naturalien und auch mit
Geld. Denn es war ja eine lange Zeit nicht, und Miete hats auch gekostet. Und Essen. Und ich
hatte wirklich nichts, nur was ich auf dem Leib trug.“579
Die Wohnung habe Erna fast nie verlassen, weil es zu gefährlich war. Nur manchmal ging sie
abends raus, getarnt zum Beispiel mit einer Sonnenbrille. Ein oder zwei Mal, erinnert sie
sich, wurde sie auch tatsächlich auf der Straße angesprochen, ob sie nicht Erna G. sei, und
dann hat sie sich verleugnet. Zu den Zeiten, wo Erna nicht in der Wohnung der Freundin sein
konnte, weil es zu gefährlich war, schlug sie sich auf der Straße durch. Sie arbeitete zuweilen
illegal als selbstständige Nährerin bei nichtjüdischen Deutschen zu Hause, meistens
hochgestellte Parteigenossen, die nichts vom ihrem Status als illegale Jüdin wussten. Auf der
Straße war sie ganz auf sich alleine gestellt.
Einmal wurde Erna von einem Untermieter einer ihrer vermutlich zahlreichen Wirtinnen,
einem Soldaten von der Luftwaffe, ins Varieté eingeladen, weil dessen Frau gerade keine
Zeit hatte. Um ihren schrecklichen Hunger eine Weile zu vergessen ging sie mit.
„Ich hatte nichts mehr zu essen. Und auch kein Geld. Ich hatte unheimlichen Hunger, ich
konnte kaum geradeaus gucken. Und die Wirtin, da hab ich im Wohnzimmer schlafen
dürfen, und die ist nach Ostpreußen gefahren zu ihren Eltern und hatte das andere Zimmer
579 Ebd., S. 13-14.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
245
vermietet an einen Soldaten von der Luftwaffe. Und sie hatte gesagt, ich soll noch so lange
bleiben in der Wohnung wie er, damit ich sehe, dass da nichts aus der Wohnung weggeht
was nicht zu gehen hat. Der klopfte eines Tages bei mir und sagte, er hätte Karten für irgend
so ein Varieté, und seine Frau käme nicht, ob nicht nicht mitkommen wolle. Ich sagte nein,
und dann hab ich überlegt, „mensch, geh doch einfach, vergisst du den Hunger“. Dann hab
ich angeklopft und gesagt „ich habs mir überlegt, ich komm doch mit“. Also wirklich, ich
hatte einen derartigen Hunger, den wollte ich irgendwie vergessen. Und dann habe wir da
vis á vis gesessen, er in Luftwaffenuniform, ich hier. Und dann haben sich noch zwei Männer
in Zivil und eine Frau dazugesetzt. Und dem einen muss ich wohl gefallen haben, und der
hat mir unterm Tisch, der dachte, wir gehören zusammen, hat mir unterm Tisch einen Zettel
zugesteckt. Hat draufgeschrieben, daß er morgen an die Front muss und er würde mich
gerne mal treffen, ob ich nicht noch zum Stettiner Bahnhof kommen wolle. Ich bin da nie
hingegangen, aber ich hab den Zettel umgedreht. Und da war das ne ganze Tagesration für
Soldaten. Da warn was weiß ich, 200 Gramm Fleisch drauf, ein Viertelliter Milch, 100 Gramm
Butter, also, ich konnte mich damit über vier Wochen zu normalen Preisen über Wasser
halten. Also solche Zufälle [...] und für mich war das die Rettung.“580
Jakob, der die Reimann-Schule581 besucht und eine Ausbildung als Grafiker absolviert hatte,
wurde in der Illegalität von einem Parteigenossen, seinem ehemaligem Arbeitgeber,
unterstützt. Er kaufte dem Künstler Bilder ab. Mit dem Geld konnte Jakob sich auf dem
Schwarzmarkt durchschlagen.
Mein Bruder hatte, bevor er Zwangsarbeit machen mußte, bei einer Firma gearbeitet, die
aber arisiert wurde. Da hat er so Farbspritzarbeiten gemacht, also Bronzefiguren. Und der,
der die Firma übernommen hat, hatte ein goldenes Parteiabzeichen. Aber der war eigentlich
immer nett zu meinem Bruder. Und mein Bruder wußte, dass der in Königs-Wusterhausen
irgendwo ein Grundstück hatte. Und dann ist er da hingegangen und hat gefragt, ob er da
mal übernachten kann. „Um Gottes Willen, nein, aber kommen sie immer Donnerstags,
jeden zweiten Donnerstag, und bring“ - mein Bruder hat viel gemalt „bring Bilder, die du
gemalt hast, und ich werd sie dir abkaufen.“ Und das hat er auch gemacht. Und mit dem
580 Ebd., S. 14.
581 Zur Reimann-Schule und ihrer Geschichte vgl. Swantje Kuhfuss-Wickenheiser, Die Reimann-Schule in Berlin
und London 1902-1943. Ein jüdisches Unternehmen zur Kunst- und Designausbildung internationaler Prägung
bis zur Vernichtung durch das Hitlerregime, Aachen 2009.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
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Geld konnte sich mein Bruder auf dem Schwarzmarkt Lebensmittel beschaffen und die
Miete bezahlen. Dann hat er noch einen taubstummen Freund gehabt, den hat er mit
reingenommen, und dann haben sie zu zweit da gewohnt, haben sich die Miete dann geteilt.
Trotzdem der ein goldenes Parteiabzeichen hatte. Der hätte genausogut Donnerstags, wenn
mein Bruder kam, irgendjemanden hinbestellen können, der ihn verhaften sollte.“582
Erna wurde am 22. April 1945 in Berlin-Weißensee im Hause eines befreundeten belgischen
Fremdarbeiters namens Henry, für dessen Kinder sie Kleidung nähte, von den Soldaten der
Roten Armee befreit.
„Ich hab dann durch Beziehungen Kontakt gehabt zu den Fremdarbeitern. Unter anderem
war da ein Belgier, der hatte eine deutsche Freundin mit zwei Kindern und da fragte er, ob
ich den Kindern, ich hatte Stoff organisiert und der hatte Beziehungen zu Brot und ich
wußte, wo Butter war, dann hat man so getauscht, und ich sollte für seine Kinder, für den
Jungen und für das Mädchen son Anzug nähen. Und ich könnte da eben wohnen. Der
wusste ja, das ich Jude bin. Aber seine Freundin nicht. Und dann bin ich in die
Wiegandsthaler Straße in Weißensee, mit dem Fahrrad. Und ich sitz an de Nähmaschine und
seh auf einmal, das war im vierten Stock, dass die Ziegel kaputtgehen. Denk, was ist denn
hier los. Die Frau war einkaufen gegangen. Und der Nachbar kam und fragte, ob die Kinder
da sind und ob Frau W. da ist, ich sag „nee“, „das ist nicht das Übungsschießen der Flak,
sondern die russische Artillerie“, ich sollte die Kinder nehmen und in Keller gehen. Dann
kam der Henry und sagte „du, drüben sind die Russen“, ich hab gedacht das kann doch nicht
wahr sein, ich kanns nicht beschreiben, was das für ein Gefühl war. Ich hatte in der illegalen
Zeit meine Tage nicht bekommen und war dann ganz dick. Und wie ich die ersten Russen
gesehen habe, da hat sich mein Körper von ganz alleine normalisiert und ich bin auch
schlank, also dünner geworden. Ich war vorher ein paar Mal bei nem Arzt, der war mit einer
Christin verheiratet, der hat mir Spritzen gegeben, hat alles nichts geholfen, aber als die
ersten Russen zu sehen waren, das war, ich weiß nicht wie ich das beschreiben soll, das
Gefühl, ich seh die heute noch.583
582 Videointerview mit Erna P., S. 15.
583 Ebd., S. 16.
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247
Schon in der zweiten Nacht darauf entging Erna nur knapp einer Vergewaltigung durch
einige russische Soldaten, die sie erst aus dem Keller ins Hochparterre schleppen, sich dann
aber vor ihrem dreckigen Schlüpfer ekelten und sie gehen ließen. In den folgenden Tagen
ließ sie sich von Henry beschützen, der sie unter seine Fittiche nahm.
„Bloß nachts kam es dann anders. Die zweite Nacht. War auch so ne Glückssache. Da haben
die mich aus dem Keller geholt, das war Hochparterre. Und ich sagte vorher noch zu der
Frau W., wenn die Artillerie aufhört zu schießen, muss ich mal nach oben und mich waschen
und saubere Wäsche anziehen. Dazu ist es nicht gekommen, und dann hab ich denen
meinen dreckigen Schlüpfer gezeigt. Und dann hat der gesagt ich soll gehen. Hat auch das
mich vor der Vergewaltigung geschützt. Bin am nächsten Tag zum russischen
Kommandanten gegangen und hab gesagt, ich möchte eine Bescheinigung haben, „ne, Hitler
hat alle Juden umgebracht, es gibt keine Juden“. Und da hat mich dann der Belgier unter
seine Fittiche genommen, dass ich dann irgendwie geschützt war ein bißchen. Musst ich ja
noch warten bis Kriegsende.“584
Erna wurde bald nach der Befreiung schwanger von einem nichtjüdischen Deutschen, der
ihrem Bruder in der Zeit des Verstecks geholfen hatte und nun nach Kriegsende Hilfe bei ihr
suchte. Sie hatte, so erzählt sie, ein schlechtes Gewissen und wollte ihn nicht abweisen. Vor
der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter im Juli 1946 heiratete sie ihn. Sie hatte Deutschland
eigentlich verlassen wollen, aber ihr nun angetrauter nichtjüdischer Ehemann wollte in
Deutschland bleiben und ließ sie nicht gehen, nicht mit und nicht ohne Tochter. Sie plante
einen Fluchtversuch mit Hilfe eines Onkels aus Miami, korrespondierte mit ihm über eine
Deckadresse, aber der Plan misslang, weil der Onkel plötzlich verstarb.
Erna blieb also in Deutschland. Ihr Mann wurde mit den Jahren alkoholkrank, ging nicht
mehr arbeiten, und sie kümmerte sich um ihn und um die Tochter. Von
Entschädigungszahlungen, die sie in Westberlin bekommen hatte, hatte sie ein paar
Nähmaschinen gekauft und einen Betrieb mit 18 Näherinnen aufgemacht. Damit sorgte sie
jetzt für ihre Familie. Ihre unglückliche Ehe endete 1960 durch den Tod des Ehemannes.
Ernas Tochter emigrierte nur drei Jahre später in die USA zu Ernas jüngerer Schwester, die
mittlerweile in Kalifornien lebte. Erna blieb in Berlin zurück, ihren taubstummen Bruder
584 Ebd.
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248
Jakob wollte sie auch jetzt nicht alleine lassen, sagt sie. Manchmal besuchte sie Beuke Adam
im Ostteil der Stadt. 1995, zum Zeitpunkt des Interviews, lebt Erna nach wie vor in Berlin,
der Bruder ist mittlerweile verstorben, die Freundschaft mit Beuke besteht immer noch. Auf
Ernas Betreiben war Beuke für ihre Hilfeleistungen von Yad Vashem585 und, nach vielen
mühevollen Interventionen, auch von der deutschen Bundesregierung ausgezeichnet
worden. Erna besucht jedes Jahr im Sommer ihre Tochter in Kalifornien. Sie engagiert sich
bei der Jüdischen Gemeinde und geht regelmäßig schwimmen, um der Einsamkeit und den
Erinnerungen zu entfliehen, die sich ihr mit zunehmendem Alter mehr und mehr
aufdrängen.
585 http://www1.yadvashem.org/yv/en/righteous/about.asp (letzter Zugriff 3.9.2012).
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
249
4.3 Analyse des Interviews von Erna P.
„Mein Name ist Erna P. Ich bin Jahrgang 1919 und in Berlin geboren. Und ich bin Volljüdin.“
Erna P., Berlin, 19. Dezember 1995
Als ich das Interview mit Erna P. zum ersten Mal im Archiv des Berliner Haus der
Wannseekonferenz angesehen habe, habe ich mir meinen ersten Eindruck notiert. Darin
hielt ich fest, dass Erna sehr depressiv und hilfsbedürftig auf mich wirkte. Gleich zu Beginn
des Interviews thematisiert sie das Fehlen von männlichen Bezugspersonen am Beispiel des
früh verstorbenen Vaters. Mit fiel auch sofort auf, dass sie ihre Mutter häufiger eine „arme
Frau“ und „Mutti“ nennt, was bei mir den Eindruck der Hilfsbedürftigkeit verstärkte und auf
eine nach wie vor vorhandene große emotionale Nähe zu den damaligen Ereignissen und
auf Schuldgefühle schließen ließ. Das Sprechen über ihre eigene Stärke und ihr Rebellentum
in alltäglichen Situationen bereitete ihr Freude und Genugtuung, aber sie vermittelte mir
gerade deswegen auch das Gefühl von Ohnmacht. Zwischen dem, wie sie ihre Mutter
beschrieb, und dem, was ich in ihr sah, bestand im Grunde wenig Differenz. Sofort fiel mir
auf, dass der Lehrer eine enorm wichtige Person für sie war und sie sich an ihrer Erinnerung
an ihn festhielt. Er und der Vater sind Retterfiguren, notierte ich mir, und sie sucht immer
noch Hilfe. Dazu passt, dass sie eine Art unhinterfragtes Vertrauen in die Interviewer
vermittelt, in denen sie auch etwas zu suchen scheint. Sie weckte in mir den Wunsch, sie zu
schützen.
Ich hatte das Übertragungsgefühl, ein Kind vor mir sitzen zu haben, ein Kind im Körper einer
76jährigen Frau. In vielerlei Hinsicht entsprach Erna einem Klischee von einer schwer
traumatisierten Überlebenden des Holocaust. Sie ist ohne Zweifel eine Kämpferin, wirkte
aber auch hilflos, einsam und ohnmächtig auf mich, wie eine Überwältigte. Es gab aber noch
etwas anderes, mit der Hilflosigkeit eng Verwobenes, was sich nicht ohne weiteres in das
Traumakonzept zu fügen schien, eine das Interview bestimmende Thematik, die ich mit
Erlösungshoffnung umschreiben möchte. Erna P. wartete, so mein Eindruck, immer noch auf
irgendeine Form von Rettung, die ich nicht genauer spezifizieren konnte. Die von Erna
beschriebenen traumatischen Erfahrungen aus der Zeit der Verfolgung und ihrem Leben
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
250
danach entfalteten sich, so mein Eindruck, retrospektiv in ihrer Erzählung vor dem
Hintergrund der Erfahrung des fehlenden Vaters und schienen nur unter Bezugnahme
darauf verständlich zu werden. Neben seiner zionistischen Einstellung hat Erna gleich zu
Beginn des Interviews seine Männlichkeit thematisiert. Ich beschloss deshalb nach diesem
ersten Einblick in das Interview, eine Analyse in Hinblick auf die Ernas Leben und Erzählung
zu Grunde liegenden Gendercodes vorzunehmen.
4.3.1 Methoden
Ernas Interview wurde zunächst von mir wie alle anderen Interviews auch, und wie im
Methodenkapitel am Anfang der Arbeit beschrieben, analysiert. Als zweiten Schritt habe ich
eine Analyse der Geschlechterkonstruktionen im Interview von Erna P. vorgenommen. Die
leitende, zu prüfende Arbeitshypothese dabei lautete, dass bestimmte Gendercodes, die für
Erna P. gültig sind, eine bedeutsame Rolle für die Strukturierung ihrer Erinnerung und für
die individuelle Verarbeitung ihrer Verfolgung spielen. Ich habe mich dabei nicht auf die
Darstellung der zahlreichen, sehr bedeutenden lebensgeschichtlichen Erfahrungen
konzentriert, die Erna aufgrund ihres Geschlechts gemacht hat, sondern war bemüht, ein
das Interview strukturierendes, heteronormes Muster aus dem Transkript herauszuarbeiten.
Anhand dessen habe ich ermittelt, wie die Verinnerlichung von Gendercodes Ernas
Erinnerungen und Erzählungen strukturiert und wie Erfahrungen, Wertungen und Wünsche,
die in Zusammenhang mit Zweigeschlechtlichkeit, Weiblichkeit, Liebe, Begehren, Macht und
Ohnmacht stehen, mit der Erfahrung der Verfolgung aufs Engste verwoben sind. Die
Ergebnisse sind im Kapitel Schlussfolgerungen zusammengefaßt.
Die hier versammelten Analysen berühren nicht den historischen Wahrheitsgehalt von Ernas
Erzählungen, der nicht verhandelt wird. Es geht um die Bedeutungen der Struktur ihrer
Erzählung und der darin vorkommenden Symbole. Die Offenlegung von an der Konstruktion
der Biografie und den Erinnerungen beteiligten gegenderten Vorstellungen dient dazu, den
Verlauf der Erinnerungen und die verschiedenen Bedeutungsschichten der Erzählung besser
zu verstehen und eine Annäherung an spezifisch weibliche Erfahrungen der Verfolgung zu
versuchen. Alle hier gemachten Analysen sind als Deutungsvorschläge zu verstehen.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
251
Im Fokus meiner auf psychoanalytische Theorien und Methoden586 gestützten Analyse
stehen die Menschen, die in Ernas Erzählung auftauchen. Jeder Mensch, der in ihrer
Deutung der Vergangenheit vorkommt, erfüllt eine bestimmte Funktion, was auch
begründet, warum gerade diese Figur erinnert und dargestellt wird. Einerseits dienen diese
Funktionen der Selbstdarstellung in der Gegenwart, bei Erna zum Beispiel derjenigen als
begehrenswerter Frau, andererseits können sie unbewusst Aussagen mittransportieren, die
wörtlich nicht geäußert werden.
Ich gehe davon aus, dass schon durch die Herausarbeitung und Beschreibung der Rollen, die
die einzelnen Mitglieder in der Familie P. für Erna haben, ein grundlegendes Schema von
Gendercodes sichtbar wird, dessen Bestandteile für alle Erzählungen über Menschen und
Begebenheiten in Ernas Erinnerungen grundlegende Bedeutung haben. Anders formuliert,
die Brille, durch die Erna die Männer und Frauen ihrer Familie sieht, hat sie immer auf,
durch sie nimmt sie auch alle anderen Menschen wahr. Ich werde also zunächst
herausarbeiten, wie Erna ihre Beziehungen zum Vater, zur Mutter, zu den Geschwistern und
zu ihrer Tochter im Interview darstellt und wie diese Beziehungen alltagspraktisch
symbolisiert werden. Anschließend werde ich zeigen, wie sich die so ermittelten, zum Teil
bewussten, zum Teil unbewussten Gendercodes auch in der Erzählung über andere,
nichtjüdische Menschen bemerkbar machen und welches geschlechtsspezifische Wissen
Ernas Darstellung damit zu Grunde liegt. Ich betrachte dabei Erna und die von ihr
beschriebenen Menschen nicht als voneinander unabhängige Einzelwesen, sondern ich
stelle die dargestellten Beziehungen zwischen ihnen und die Alltagspraxen, mittels derer die
Beziehungen aufrechterhalten, symbolisiert und gedeutet werden, in den Vordergund der
Betrachtung.
4.3.2 Analyse der Gendercodes in den beschriebenen Beziehungen
Vater. Der Vater ist, abgesehen von Erna selbst, die sich zu Beginn namentlich vorstellt, der
erste Mensch, der im Interview auftaucht. Die gesamte erste Interviewszene handelt von
586 Siehe dazu v.a. Quindeau, Trauma und Geschichte, insbesondere S. 55-114. Das von Quindeau entwickelte
Interpretationsverfahren ist angelehnt an das psychoanalytische Konzept des szenischen Verstehens nach
Alfred Lorenzer.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
252
ihm. Das Thema, das von Erna gleich zu Beginn bearbeitet wird, ist aber nicht die Person des
Vaters, von der wir fast nichts erfahren. Es ist vielmehr sein Fehlen, das thematisiert wird.
Wäre er nicht so früh gestorben, schlussfolgert Erna, wäre er mit der Familie schon früh
ausgewandert, da er schon damals Zionist gewesen sei. Durch sein Fehlen hingegen sei es
der Familie nicht möglich gewesen, aus Deutschland zu fliehen, „ohne Mann“ und „mit nem
behinderten Kind“587. Äquivalent dazu wird insbesondere die Mutter implizit und
unausgesprochen als passiv und hilflos imaginiert, denn sie kommt in Zusammenhang mit
dem Thema Auswanderung in dieser Szene nicht vor. Emigration ist hier gleichbedeutend
mit Rettung vor Nationalsozialismus, Holocaust und Tod, Emigration steht für Überleben der
ermordeten Opfer der Familie, der Mutter und der älteren Schwester. Erna betont in
Zusammenhang mit der Ausreise der kleinen Schwester, dass sie selbst ohne die Mutter
Deutschland niemals verlassen hätte, dass sie es nicht übers Herz gebracht hätte, die Mutter
alleine zurück zu lassen.
Vor diesem Hintergrund konstruiert Erna den Vater im Interview zum fehlenden Retter einer
fast ausschließlich weiblichen Familie. Das er „im Grunde“588 schon damals Zionist gewesen
sei, unterstützt die Konstruktion, in der Männlichkeit mit politischer Aktivität
korrespondiert. Nicht dem Vater, aber doch dem Fehlen des Vaters ist Erna bemüht, Schuld
für das Desaster der Familie zu zu sprechen, um der Tragödie vermittelt über Gendercodes
einen nachvollziehbaren und aushaltbaren Sinn zu verleihen. Erna errettet sich mittels
dieser Konstruktion aus der ihr von außen zugewiesenen Position als jüdische
Ausgestoßene, als jüdischer Nicht-Mensch, indem sie per Geschlecht wiederum eine
Verbindung zu der sie umgebenden Welt herstellt. Das Fehlen eines Mannes kann als
einsichtiger Grund für katastrophale Entwicklungen akzeptiert werden, nicht jedoch die
völlige, weil beispiellose, Sinnlosigkeit, mit der sie ohne ihre Retterkonstruktion in die
Vernichtung entlassen würde.
Die Idee des Vaters als fehlendem Retter steht deswegen im Mittelpunkt ihrer
Gesamtdeutung ihrer Verfolgungserfahrungen. Die Vorstellung des Vaters als stark und
potent weisst ihr selbst darüber hinaus einen Platz zu, an dem sie sich zumindest
oberflächlich vor den empfundenen Überlebensschuldgefühlen schützen kann, denn die
587 Videointerview mit Erna P., S. 1.
588 Ebd. Die Formulierung unterstreicht, dass es sich hierbei vor allem um einen Wunsch von Erna handelt.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
253
Identifizierung als Frau bleibt eine als passiv und als weniger verantwortungsbelastet. Die
Heranziehung gängiger, stereotyper Gendercodes zur Erklärung der außergewöhnlichen
Ereignisse bietet Erna Halt in einer bekannten Welt, die sie trittsicher begehen kann.
Interessanter Weise erwähnt Erna gegen Ende des Interviews, dass sie selbst in der Womens
International Zionist Organization (WIZO) engagiert ist. Es fällt jedoch auf, dass sie die
politische Dimension der Organisation oder ihre Mitgliedschaft als politische
Stellungsnahme mit keinem Wort thematisiert. Das ist bemerkenswert, weil sie den Vater
gerade durch seine Eigenschaft als Zionist retrospektiv zum gescheiterten Retter erklärt.
Statt dessen erzählt sie relativ ausführlich von ihren Kaffeekränzchen mit berühmten Frauen
und ihrer karitativen Arbeit im Rahmen der WIZO.
Bruder. Der taubstumme Bruder Jakob, geboren 1914 und damit 5 Jahre älter als Erna,
taucht ebenfalls zu Beginn des Interviews in der ersten Sequenz auf, und zwar als
„behindertes Kind“.589 Er ist bei Erna neben dem Fehlen des Vaters der zweite Grund,
warum es der Familie nicht möglich war, zu emigrieren. Er war überdies der Grund, dass
Erna so früh von der Schule abgehen musste, denn die Israelitische Taubstummenanstalt,
die er besuchte, was so teuer, dass für sie nichts mehr übrig blieb. In der Illegalität leistet sie
ihm Hilfestellung dabei, ein Zimmer zu mieten. Nach ihrer Befreiung sieht Erna sofort nach
ihm, scheint sich für ihn verantwortlich zu fühlen wie eine Mutter. Später, als ihr Ehemann
schon verstorben war, ist es wiederum der Bruder, den sie als Grund dafür angibt, Berlin
und Deutschland nicht verlassen zu können. Der Bruder ist für Erna also zunächst vor allem
ein Problem. Dass er für Erna in ihren Kindertagen als benachteiligter Junge, der viel Geld,
Aufmerksamkeint und Rücksicht forderte, ein mächtiges Ärgernis gewesen sein muss,590
wird von ihr nicht thematisiert, ebenso enthält sie sich aber jeder positiven
Gefühlsbekundung ihm gegenüber. Die Beziehung wird nicht explizit thematisiert. Jakob
darf, obwohl er dasjenige Geschwisterkind ist, dass Erna Zeit ihres Lebens begleitet hat, im
589 Videointerview mit Erna P., S. 1.
590 Vgl. Heike Neumann, Verkürzte Kindheit. Vom Leben der Geschwister behinderter Menschen, Königsförde
2001. Die Texte befassen sich vor allem mit geistiger Behinderung, die berichteten schwierigen Erfahrungen
und die theoretischen Artikel lassen sich jedoch fast alle weitgehend verallgemeinern. Geschwister von
behinderten Kindern werden dargestellt als Kinder, die in der Familie häufig zu kurz kommen, früh
Verantwortung übernehmen (müssen), sich durch problematische Phasen in den Beziehungen zu den
behinderten Geschwistern durchkämpfen müssen, schließlich ein ausgeprägtes moralisches Empfinden
entwickeln. Insbesondere Mädchen seien früh erwachsen, Jungen verhielten sich hingegen weniger typisch
maskulin als ihre Altersgenossen.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
254
Interview keine herausragende Rolle spielen. Ich interpretiere das als Strafe dafür, dass er es
nicht vermochte, den fehlenden Vater als Retter zu ersetzen. Damit hat er in ihrer
Konstruktion keine für sie sinnvolle und nützlich Bedeutung. Das muss nicht heißen, dass sie
trotz allem kein liebendes, geschwisterliches Verhältnis zu Jakob hatte, sondern es heißt,
dass er in ihrem Schema nicht zu einem Bedeutungsträger werden konnte.
Mutter. Die Mutter, zu der Erna eine besonders nahe Beziehung hat, wird von ihr als ein
„sehr mitfühlender Mensch“ beschrieben, dem es „mehr weh getan“ hat, „wenn sie andere
leiden gesehen hat, als wenn sie selber gelitten hat“ 591. Das wird von Erna positiv
dargestellt, ist aber doch eine Eigenschaft, die das Überleben insbesondere auch in der
damaligen Zeit nicht gerade einfacher gemacht hat und sicher hier auch gleichzusetzen ist
mit Hilflosigkeit. Vielleicht ist es aber auch eine Umschreibung für Schwäche und Passivität.
Ich glaube, daß Erna damit auch meint, dass sie selbst mit der Mutter mitfühlt.592 Erna ist in
einer symbiotischen Beziehung mit ihrer Mutter gefangen, die sie selbst auch ohnmächtig
macht. Die Bedeutung der demonstrierten Aktivität und des Rebellentum von Mutter und
Tochter bleibt dabei für Erna selber oberflächlich und dient vor allem dazu, Stärke zu
demonstrieren, wo kein männlicher Retter anwesend ist.
Für die Darstellung der Beziehung zur Mutter ist dafür eine Erzählung symbolisch, in der die
Mutter einen SA-Mann aus ihrem Laden wirft. Dabei steht der SA-Mann als männlicher,
nationalsozialistischer Täter der jüdischen, alleinerziehenden Mutter gegenüber, was einem
David-gegen-Goliath-Bild gleicht. Erna erzählt diese mutige Tat der Mutter offensichtlich
gerne, weil sie stolz darauf ist und sich gerne mit dem Mut der Mutter identifiziert. Ihr Mut
bietet auch für sie, die Tochter, eine Möglichkeit, sich ein aktives und starkes Rollenvorbild
einzuverleiben. Tatsächlich ist dieser Mut der Mutter die Kehrseite ihrer Wahrnehmung als
ohnmächtig und passiv durch Erna. Erna selbst beschreibt sich im Interview durchgängig als
Rebellin, die ihren eigenen Kopf hat und sich nicht so leicht etwas sagen lässt. Aber wie bei
der Mutter steht diese Selbstdarstellung auch bei ihr in eklatantem Widerspruch zur
weiblich konnotierten Ohnmächtigkeit, die sich als Subtext durch ihre Geschichte zieht. Die
Rebellion wird manifest, die Ohnmacht latent thematisiert. Symbolisch für die
591 Videointerview mit Erna P., S. 10.
592 Das ergibt sich aus dem konkreten Zusammenhang des Zitates: „Ich hoffe nur, dass sie in Auschwitz nicht
sich zu lange quälen brauchte, denn sie war ein sehr mitfühlender Mensch, sie hat es mehr weh getan, wenn
sie anderen leiden gesehen hat, als wenn sie selber gelitten hat“. Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
255
Ohnmächtigkeit ist vor allem die Selbstlosigkeit, die mehrmals von Erna thematisiert wird.
Einerseits gibt sie an, dass sie niemals ohne die Mutter Deutschland verlassen hätte. Die
selbstlose Mutter-Tochter-Symbiose wird damit zur Falle, die über Leben und Tod
entscheiden kann. An einer anderen Stelle verknüpft sie ihre Selbstlosigkeit und Demut der
Mutter gegenüber direkt mit Deportation und Tod. Es ist die emotionalste Stelle im
Interview:
„Ich war arbeiten und hab 70 Stunden die Woche gearbeitet. Und meine Mutti wollte uns
was Gutes tun, eine frühere Kundin wollte ihr Fleischkarten geben, weil wir ja keine hatten
und ich sollte dafür der Tochter ein Kleid nähen. Sagt Mutti: „mach das doch“, sag ich
„Mutti, ich muß 70 Stunden arbeiten, ich hab keine Lust“. Und dann hab ich mir das nachts
überlegt. Und dann hab ich zu ihr gesagt: „weißte“, morgens als sie mir meine Stullen
geschmiert hat, „ich hab mir das überlegt, ich sag ich hab Magenschmerzen und denn bleib
ich einen Tag zu Hause und dann nähe ich das Keid, damit du deine Karten hast“. Und da
war sie sehr glücklich drüber und wir haben uns wie immer, aber noch herzlicher wie immer
verabschiedet, weil sie gesehen hat, dass ich ihren Wunsch erfüllen wollte. [weinend:] Bin
nach Hause gekommen und hab meine Mutter nie wieder gesehen.“593
Die weibliche Selbstlosigkeit, die Übrigens an dieser Stelle deutlich dem entspricht, was
häufig als weiblicher Solidarität (miss)verstanden wurde,594 wird hier nicht belohnt, sondern
mündet in Trennung, Leere und der Ermordung der Mutter in Auschwitz. Erna hat den
Verlust nie überwunden und es auch nicht vermocht, eine innere Distanz zur Mutter
herzustellen, die zum Zeitpunkt des Interviews immerhin seit vermutlich 53 Jahren tot ist.
Dafür hat sie zu große Schuldgefühle ihr gegenüber. Sie konnte sich nie auf eigene Beine
stellen, nie eine angemessene Autonomie erreichen, die es ihr ermöglicht hätte, ihr Leben
selbstbestimmt zu leben, weil sie überlebt hat, nicht aber die Mutter. Ihre Schuldgefühle
wurden durch die frühere symbiotische Beziehung potenziert, innerhalb der sie sich mit der
als hilflos vorgestellten Mutter identifizieren muß, um sie nicht alleine zu lassen. Mehrere
Stellen im Interview deuten darauf hin, dass sie schon als Jugendliche in den 30er Jahren
manchmal die Mutterrolle gegenüber der eigenen Mutter eingenommen hat. Allerdings
spiegelt sich gerade in diesem Rollentausch auch die Fantasie, die Position des Vaters
593 Ebd., S. 9.
594 Vgl. dazu die Ausführungen im Kapitel Die Kategorie Geschlecht.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
256
einzunehmen, ihn zu ersetzen, um es der Mutter etwas leichter zu machen. Dass sie den
Vater nicht ersetzen und aufgrund ihrer Weiblichkeit nicht als Retterin der Mutter auftreten
konnte, potenziert die Schuld- und Versagensgefühle ein weiteres Mal. Erna verbringt dann
auch ihr Leben ohne einen Mann, den sie lieben kann und der sie liebt. Genau wie ihre
Mutter lebt sie kein leichtes Leben, bleibt auf sich gestellt, ohne die Freiheit genießen zu
können. Sie wiederholt damit außerdem den traumatischen Verlust des Vaters in ihrer
Kindheit.
Aber noch etwas anderes ist an diesem Zitat bemerkenswert. Erna verknüpft die Ermordung
ihrer Mutter nicht nur mit ihrer Selbstlosigkeit, sondern auch mit Haus- und Handarbeit. Die
Verbindung zur Mutter wird über das Stullen schmieren und Nähen hergestellt. Sie ist damit
eine mustergültige weibliche Verbindung, die sprichwörtlich in aller Unschuld besteht.
Verbunden mit der bei Erna vorherrschenden Konnotation des Weiblichen als hilfsbedürftig,
aber auch als unschuldig, kann die Stelle daher auch als ein Versuch gelesen werden, sich
von der subjektiv empfundenen (Überlebens)Schuld freizumachen.
Jüngere Schwester. Über die sechs Jahre jüngere Schwester erfährt man durch das
Interview nicht allzu viel. Was und wie Erna erzählt, deutet auf ein liebevolles
geschwisterliches Verhältnis hin, das jedoch durch die Ereignisse stark belastet und nur
mittels Distanz gut ausgehalten werden kann. Die Schwester bekommt von Erna an zwei
Stellen besondere Bedeutung zugesprochen, einmal bei ihrem Abschied 1939, als sie sich
auf den Weg nach Palästina macht, dann beim späteren Wiedersehen in Berlin und in
Zusammenhang mit dem Weggang der Tochter nach Kalifornien zur eben jener Schwester.
Nur beim ersten Bericht kommt es zur plastischen Erzählung mit wörtlicher Rede. An die
letzten Tage mit ihrer kleinen Schwester erinnert sich Erna folgendermaßen:
„War ne sehr bedrückende Situation, mehr Tränen als Lachen in unserm Leben [...]. Sie
bekam ein Telegramm, dass sie Sonntag ausreisen konnte. Und dann kam sie zu mir, das war
bloss ne Ecke weiter rauf, und fing an zu weinen. Und dann wollt ich sie trösten, da sagt se
nee, ich wein nicht, weil ich aus Deutschland raus muß, ich hab nur Angst, du schaffst nicht
[lachend:] meine Kleider zu ändern“. [...] Da ist Frau Adam noch gekommen, haben wir die
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
257
ganze Nacht gesessen und haben genäht, damit wir ihr was auf den Weg mitgeben
konnten.“595
Es ist beeindruckend, wie sehr diese Erzählung die Stärke der beiden jungen Frauen in
Anbetracht der sie umgebenden übergroßen Traurigkeit und Trostlosigkeit vermittelt. Diese
Stärke war sicherlich aufgrund der Umstände vorhanden, musste vorhanden sein, um
weitermachen zu können. Die zur Schau gestellte Gelassenheit der kleinen Schwester wird
von Erna geradezu aufgesogen bei ihrer Suche nach für sie gangbaren, weiblichen Wegen
der Selbstvergewisserungen, die Aktivität und Mut demonstrieren. Wie schon beim
Abschied von der Mutter ist die beschriebene Szene eine geradezu idealtypisch weiblich
konnotierte. Die jungen Frauen trösten sich, machen sich gegenseitig Mut und verhalten
sich solidarisch, bis hin zur nichtjüdischen Freundin von Erna, Beuke. Das Nähen schafft auch
in dieser Erzählung eine durch und durch weibliche Aura des Zusammenhaltens, im
wörtlichen Sinne über die verordneten „Rasse“grenzen hinweg, und man sieht geradezu
bildlich vor sich, wie Erna Seite an Seite mit ihrer nichtjüdischen Freundin Beuke am
heimeligen Tisch noch Nachts die Kleidung für die kleine Schwester näht, damit diese auf
der Reise nicht friert. Es ist nicht nur der Prototyp der weiblichen Unschuld, der hier
demonstriert wird, sondern überdies ein (Wunsch)Bild authentischer, kleinbürgerlicher
Gemütlichkeit, das vermittelt werden soll. Die die Situation einleitende Bemerkung, dass es
mehr Tränen als Lachen in ihrem Leben gab, unterstreicht die Idylle noch, weil die Stärke
der beteiligten Frauen dadurch noch betont wird. Aber wie schon bei der letzten Begegnung
mit der Mutter kommt auch hier der Zusammenhalt und die Selbstaufopferung nicht gegen
eben jene abstrakten äußeren Umstände an, die männlich konnotierte Täterwelt.
Ältere Schwester. Die Beziehung zur älteren Schwester ist ähnlich derjenigen zur jüngeren,
trotz deren unterschiedlichen Schicksals. Anders als bei der jüngeren Schwester jedoch, um
die sich Erna kümmert, hat die Ältere Vorbildfunktion für sie. Sie habe sie „sehr verehrt“,
erzählt sie erst am Ende des Interviews, „also die war für mich der Inbegriff alles Klugen und
Schönen, die sprach Esperanto, Englisch, Französisch. Im Gegensatz zu mir Doofer
(lacht)“.596 Die ältere Schwester hat ihr damals, wenn auch nur für kurze Zeit, das Leben
595 Videointerview mit Erna P., S. 21.
596 Ebd., S. 31.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
258
vorgelebt, das sie sich auch für sich selber gewünscht hätte. Erna erinnert sich an ihre
Schwester und die zerstörte Familienidylle:
„Ich hab sehr an ihr gehangen, das war mein Vorbild, mein ein und alles. Ich hab jeden
Abend was aus dem Haushalt zu ihr mit hingenommen. Und der Schwager hat dann mal
gesagt, „Du brauchst nicht Euer ganzes Haus leer machen, Du kannst auch so Deine
Schwester besuchen kommen. Und als das Kind geboren wurde, das war meiner Mutters
erstes Enkelkind und auch bewusst das Einzige. Die hätte glaube ich war wohl schlimmer
als bei der eigenen Geburt.“597
Als der Schwager nach Polen abgeschoben wurde, zogen Schwester und Baby Evelyn
zunächst einmal zurück zur Familie, denn es war ja „keen Ernährer“ mehr da, so Erna. „Wir
waren son richtiges Auffanglager“598, beschreibt sie die Situation. Auch bei der Darstellung
der Beziehung zur älteren Schwester steht die Fürsorgepflicht und das Gruppengefühl im
Vordergrund. Wie bei Mutter und jüngerer Schwester ist auch die lebhafteste Erinnerung an
die ältere Schwester an eine typische weibliche Arbeit geknüpft, in diesem Fall die
Hausarbeit. Indem Erna der Schwester bei jedem Besuch etwas aus dem eigenen Haushalt
mitbringt, stellt sie die schwesterliche Beziehung immer wieder her. An diese über den
Haushalt und die Hausarbeit hergestellte Verbindung ist die Erinnerung an die geliebte und
bewunderte Schwester geknüpft. Der Einwurf des Schwagers, das sei gar nicht nötig, soll
einerseits die Festigkeit der Beziehung demonstrieren, andererseits wiederum eine
gewissen Selbstlosigkeit, die Bedingung für das viele Schenken ist. Damit korrespondiert das
Auftreten der Mutter, die für Erna das Symbol für Selbstlosigkeit darstellt. Damit wird aus
der weiblichen Zweierbeziehung eine Gruppe, analog zur Vorstellung der Beziehung zur
jüngeren Schwester, die ebenfalls durch Hinzuziehung von Beuke als Gruppe imaginiert
wird.
Klassenkameradinnen. Schon als Schulmädchen musste Erna die Erfahrung machen, dass
ihre Klassenkameradinnen sich gegen sie wendeten, weil sie Jüdin ist. Das Gefühl, von den
Mädchen verraten worden und alleine gelassen zu sein, macht sie immer noch traurig. „Wir
waren 30 Mädels und ich war eine von den dreißig, aber 1933, da stand ich auf einmal ganz
597 Ebd., S. 26.
598 Ebd.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
259
alleine da, da war, möchte ich sagen, die ganze Klasse gegen mich“, erzählt Erna zu Beginn
des Interviews, gleich im Anschluß an die einleitende Szene über das Fehlen des Vaters.599
Sie fühlt sich in ihren Erinnerungen von den Mädchen um sie herum im Stich gelassen. Mehr
noch: die Mädchen werden in ihrer Erzählung zu ihren ersten persönlichen Feindinnen, die
sie auch nach der Schule antisemitisch verfolgten und ärgerten. Ihre Klassenkameradinnen
waren die ersten, gegen die sich Erna zur Wehr setzten mußten. Auf dem Schulhof wurde
sie zum ersten Mal zur Rebellin.
Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass alle 30 Mädchen Erna von einem Tag auf den anderen
als persönliche Feindinnen gegenüber standen. Warum Erna es dennoch so wahrgenommen
hat und so erinnert, erklärt sich ebenfalls im obigen Zitat: sie hatte einmal zu ihnen gehört.
Analog zur Familie wird auch die Schulklasse als Gruppe wahrgenommen, zu der sie sich
zugehörig und in der sie sich sicher gefühlt hat. Sie hatte dort, unter den andern Mädchen,
ihren Platz. Die Gruppe als solche ist es nun, von der sie ausgestoßen wird. Sie nennt kein
einzelnes Mädchen beim Namen, erzählt auch nicht, wie sehr viele andere Überlebende,
von einem plötzlichen Bruch mit einer ehemals besten nichtjüdischen Freundin. Ihr geht es
vielmehr um ihren Platz in der Gruppe und um ihre Zugehörigkeit. Die Heftigkeit, mit der
Erna auf die Erinnerung reagiert, die relative Ausführlichkeit, mit der sie erzählt, und die
Tatsache, dass die Geschichte über ihre Klassenkameradinnen und sie als zweite Szene
direkt auf die Erzählung über das Fehlen des Vaters folgt, symbolisiert einen traumatischen
Bruch gleich zu Beginn der Verfolgung 1933.600
Darüber hinaus handelt es sich bei den Akteuren jedoch nicht einfach um Kinder, sondern
um Mädchen, was für Erna aufgrund ihrer Deutung alles Weiblichen als hilfsbereit und
hilfsbedürftig, solidarisch und aufopfernd, liebend, wärmend und unschuldig den Schock
potenziert. Weil sie ein solches Verhalten gerade von Mädchen nicht erwartet hätte, weil es
so vollkommen ihren Erfahrungen und ihrem eigenen Wertesystem widerspricht, dass sie es
nicht einordnen kann, wird in ihrer Erzählung aus vielleicht vielen, aber doch einzelnen
Verfolgerinnen ein geschlossener Trupp kleiner Monster. Einerseits spiegelt sich darin, dass
sie den Mädchen deren gemeines Verhalten besonders übel nimmt, zugleich jedoch schützt
599 Ebd., S. 1.
600 Über ihre Kindheit vor 1933 berichtet Erna außer dem Ableben des Vaters nichts, was aus
gestalttheoretischer Sicht ein weiteres Indiz für einen traumatischen Bruch ist.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
260
sie sich vor dem völligen Einbruch ihres Wertesystems, indem sie auf diese Weise
verhindert, sich mit den Taten von Einzelnen auseinanderzusetzen und sie einer genaueren
Betrachtung zu unterziehen. Statt einzelnen Mädchen die Verantwortung für ihr Handeln
anzulasten, sie als aktive Täterinnen zu identifizieren, verbleibt Erna in einer traumatischen
Distanz und die Täterinnen dadurch anonym. Indem sie sich über die Mädchen nicht nur als
antisemitisch, sondern eben auch als Mädchen empört, leistet sie der Vorstellung von
Tätern als männlich Vorschub. Diese Vorstellung ist für Erna entlastend, denn sie festigt ihr
eigenes weibliches Selbstbild. Sie verhindert eine Perspektive auf die Geschehnisse, die den
Rauswurf aus der Gruppe als einen antisemitischen Akt ihrer Entweiblichung als Bedingung
für die Fremdeinjudung601 offenbart und vollzieht. Die Vorstellung von Jüdinnen als
geschlechtslos ist deswegen virulent, weil sie den jüdischen Frauen die mit Weiblichkeit
assoziierte Unschuld nimmt. Erna wehrt sich gegen die ihr zugewiesene Schuld, wie auch die
folgende Analyse der Szene mit der Lehrerin untermauert.
Lehrerin. Interessanter Weise thematisiert Erna an der Figur der Lehrerin ihre eigene
Befangenheit mit der weiblichen Rolle. Sie lässt sie vordergründig auftreten, um sich selbst
von der durch die Lehrerin repräsentierten Position abzugrenzen, die der Ansicht ist, dass
Mädchen sich nicht prügeln und sich nicht ungezogen verhalten sollten. In der Lehrerin gibt
Erna aber zugleich der eigenen inneren Stimme eine Verkörperung. Erst dadurch kann Erna
sich als die Rebellin darstellen, die sie zwar wirklich war, die aber von ihr nur oberflächlich
gezeichnet wird, weil sie sich selber nicht glaubt und an ihrer Stärke zweifelt, bzw. zweifeln
möchte, um weiblich zu bleiben. Die verhandelten Widersprüche werden in der Szene an
der betreffenden Stelle deutlich:
„Ich hab mich einmal vorm Schuleingang hingestellt und hab mit einem Mädel eine
Schlägerei angefangen. Als junger Mensch macht man das ja wohl. Dann kam eine Lehrerin
und hat gesagt, „das gehört sich nicht für junge Mädchen sich zu schlagen“. Aber sie hat
601 Der Begriff Fremdeinjudung beschreibt die antisemitisch motivierte Zuweisung einer jüdischen Identität
durch Andere. Der oder die Betroffene hat darauf keinen Einfluss, und es ist für die Zuschreibung irrelevant, ob
er oder sie für sich selber eine jüdische (Teil)Identität in Anspruch nimmt oder nicht. Ich benutze den Begriff in
Anlehnung an die Wortschöpfung „Selbsteinopferung“ von Konstanze Hanitzsch, Schuld und Geschlecht.
Strategien der Feminisierung der Shoah in der Literatur nach 1945, in: Bulletin Nr. 32: Gendererträge, hrsg.
vom Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der HU Berlin, Berlin 2006, S. 180-205, hier besonders
S. 190. Hanitzsch bezeichnet damit eine in Tätergesellschaften verbreitete feminisierte Verlagerung des
eigenen Subjekts in die Opferposition. Feminisiert deswegen, weil Opfer = unschuldig = weiblich imaginiert
wird.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
261
nicht für mich Partei ergriffen. Sie hat nicht gesagt, dass ich im Recht war. Und ich fühlte
mich eben im Recht […]. Trotzdem ich bestimmt keine Schlägerin war, oder sein wollte. Aber
wie gesagt, ich war immer ein bisschen aufsässig. In dem Sinne, ich konnte Unrecht nicht
leiden. Auch heute noch nicht.“.“602
Erna stellt die Ansicht der Lehrerin nicht in Frage, grenzt sich im Gegenteil von ihrem
eigenen Verhalten ab und stellt es als Jugendsünde hin. Gleichzeitig hält sie daran fest, dass
sie Gerechtigkeit wollte, und es eben deswegen nicht vermochte, ihr Verhalten den eigenen
heteronormen Vorstellungen anzupassen. Das Aufbringen der Thematik der Gerechtigkeit
dient auch dazu, sich von eventueller Schuld freizusprechen, die sie auf sich geladen hat,
weil sie sich wie ein Junge verhalten hat. Der Widerspruch zwischen dem Bedürfnis,
dazuzugehören, das sich in dem schlechten Gewissen wegen ihres unweiblichen Verhaltens
ausdrückt, und demjenigen nach Gerechtigkeit, das explizit formuliert wird, wird nicht
zuletzt dadurch unlösbar, dass sich ihre Gegnerinnen ihr gegenüber eben gar nicht an die
von ihr postulierten weiblichen Verhaltensweisen halten. Gegenüber der de-feminisierten
Jüdin sind die geschlechtercodierten Verhaltensregeln außer Kraft gesetzt. Die Lehrerin hat
in der Erzählung die Funktion, diesen Widerspruch zu verkörpern. Sie handelt nicht nur als
Nichtjüdin, indem sie Erna, dem jüdischen Mädchen, keine Gerechtigkeit widerfahren lässt,
sondern auch als Frau, die die jüngere an ihre weibliche Rolle gemahnt. Während Erna
Gerechtigkeit als Jüdin will, scheint ihr die weibliche Rolle nach wie vor begehrenswert, und
sie trachtet danach, sie zur eigenen und zur der Zufriedenheit aller zu erfüllen.
Neben der Widersprüchlichkeit ihrer eigenen Situation zeigt sich auch die Entlastung der
möglicherweise antisemitischen Lehrerin durch die von Erna applizierten Gendercodes, die
sie mit der Lehrerin verbinden. Es ist nicht möglich, aus der Erzählung zu schließen, ob die
Lehrerin aus antisemitischen Motiven handelte, zum Beispiel gehässig war wie Ernas
Mitschülerinnen, ob sie Erna zur Weiblichkeit erziehen und ihr gar noch einen Gefallen
damit tun wollte, ob beides zutrifft, oder ob die Lehrerin etwa die Prügelei stoppte, um Erna
nachfolgenden Ärger zu ersparen. Es ist nur mit Sicherheit festzuhalten, dass sich Erna
zumindest als angegriffene Jüdin nicht von der älteren Lehrerin unterstützt fühlte. Ihre
Stärke und ihr Rebellentum scheint deswegen ebenfalls mit ihrem angegriffenen Judentum
602 Videointerview mit Erna P., S. 2.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
262
verknüpft zu sein. Das umso stärkere Bedürfnis nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Schutz
sucht sie hingegen im Ausleben der weiblichen Rolle und durch die Zugehörigkeit zu
anderen Frauen zu befriedigen. Beides geht nicht zusammen.
Zwei Arbeitskolleginnen. Von den verschiedenen Gruppen von Arbeitskolleginnen wird als
Gruppe nur diejenige der Zwangsarbeiterinnen bei Siemens verhandelt, eine Gruppe von
Entrechteten und Ausgestoßenen also. Hier betont Erna, analog zur Familiensituation, den
Zusammenhalt und die Solidarität. Eine Einzelne tritt auch hier nicht hervor. In Ernas
Erzählung spielen hingegen zwei nichtjüdische Arbeitskolleginnen eine Rolle als
Bedeutungsträgerinnen. Eine von ihnen tritt vermutlich Anfang 1939 vor Beginn der
Zwangsarbeit noch am regulären Arbeitsplatz in Ernas Leben, die zweite in der Zeit der
Zwangsarbeit bei der Firma am Alexanderplatz Ende 1941 oder Anfang 1942. Von der ersten
Kollegin berichtet Erna, dass sie sie immer Sara genannt habe und das sie das Futter ihres
Mantels aufgeschnitten habe, um zu prüfen, ob Erna Devisen versteckt halte. Diese
Erzählung dient unter anderem dazu, den Mut und die Hilfsbereitschaft Beukes zu
demonstrieren, die ebenfalls an dieser Stelle auftritt als diejenige, die Erna vor der
antisemitischen Kollegin geschützt hat. Sie veranschaulicht aber auch eine Dimensionen der
Täterinnenschaft von Frauen, die sich auf einer Beziehungsebene abgespielt hat. Der
Mangel an politischer Macht hat es mit sich gebracht, dass Antisemitinnen und andere
Nutznießerinnen des Systems bei der Demonstration ihrer politischen Haltung fast
vollständig auf den privaten Bereich angewiesen waren, wo die Haltung umso
rücksichtsloser ausgelebt wurde.
Die andere Kollegin aus der Zeit der Zwangsarbeit hat Erna nicht beschimpft oder offen
schlecht behandelt. Im Gegenteil hatte Erna so viel Vertrauen zu ihr, dass sie ihr ihren
Pelzschal in Verwahrung gab. Erna erzählt:
„Ich kann mich erinnern, ich hatte ein graues Kostüm, so als Schneiderin, und dann hatte ich
zwei sone Viecher hier so hängen. Also Nerze warens nicht, ich weiß nicht, was es war. Aber
die durften wir nicht mehr haben. Und da hab ich sie meiner Arbeitskollegin gegeben, die
wohnte in der Putbusser Straße. Ich sagteKannst du mir die mal aufheben? Man war ja
noch so blöd und dachte, es kommt alles wieder, nicht. Und dann hab ich sie mal besuchen
wollen und sie kam mir auf der Treppe entgegen mit meinen Tieren da um den Hals.Und das
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
263
hat mich derartig vor den Kopf gestossen. Wenn se gefragt hätte, „Erna, kann ich die mal
benutzen?, hätte ich doch ja gesagt. Aber ich hab se ja bloß zum Aufbewahren gegeben,
nicht. Und dann hat sie gleich die Viecher genommen.“ 603
Dass die Kollegin den Schal, ohne Erna vorher um Erlaubnis zu fragen, benutzte, hat Erna als
schmerzhaften Verrat empfunden. Diese Episode ist so wichtig und so verletzend für Erna,
weil diese Kollegin sich durch den Akt bewusst und wissentlich zur Nutznießerin eben jenes
Regimes gemacht hat, unter dem Erna gelitten hat, und zwar unter direkter Ausbeutung
ihrer Situation. Die Heimlichkeit der Handlung, mit der sie in Ernas Augen Position gegen sie
und für die Nationalsozialisten bezog, ist ein weiterer Aspekt des Vertrauenbruch. Drittens
findet sich auch hier ein gegendertes Element in der Erzählung, denn der Verrat ist für Erna
umso größer dadurch, dass er von einer Frau getätigt wurde, die sie für ihre Vertraute
gehalten hat.
Beuke und ihre Schwester. Beuke Adam wird von Erna als ihre „Lebensretterin“604
bezeichnet. Sie und Erna waren Freundinnen, seit sie sich Ende 1938 als Arbeitskolleginnen
zum ersten Mal begegnet sind, und Beuke hat von Beginn an zu Erna gehalten. Sie hat Erna
gegenüber alltäglichen, interpersonellen und systematischen antisemitischen Angriffen zu
schützen gesucht, ihr ihre Solidarität gezeigt, ebenso wie sie anderen Nichtjuden gezeigt
hat, was sie von deren Indifferenz oder Feindseeligkeit hielt. Beuke hat Erna zweieinhalb
Jahre gegen den Willen ihres Ehemannes in ihrer Wohnung versteckt. Erna weiß, dass sie
der Freundin ihr Leben verdankt, und die Erzählung mit der besonderen Betonung der
Elemente der unbedingten Solidarität und der Konstanz der Beziehung bis zum Zeitpunkt
des Interviews klingt bei ihr fast märchenhaft. Unstimmigkeiten, Streits, Zweifel zwischen
den beiden haben in der Erinnerung keinen Ort. Über die beträchtliche lebensgeschichtliche
Bedeutung der Freundin hinaus wird Beuke als Bedeutungsträgerin zum Beweis für Ernas
Gendercodes über die zugeschriebenen „Rasse“grenzen hinweg. Ihre Rolle und ihre
Bedeutung sind ebenso bruchlos und eindeutig wie ihr Auftreten in der Erzählung. Sie
vermittelt die Konstanz in Ernas Leben und gibt ihr Sicherheit, erstens durch ihre Präsenz,
zweitens durch ihre Funktion der Aufrechterhaltung der weiblichen Werte, die Erna von
ihrer Mutter und ihrer großen Schwester gelernt hat. Damit bestätigt sie Ernas Weiblichkeit.
603 Ebd., S. 5.
604 Ebd., S. 3.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
264
Drittens verhindert Beuke die vollständige Exklusion Ernas aus der Gesellschaft. Beukes
Funktion für Erna ist es, vermittelt über ihre Weiblichkeit Ernas Inklusion in der Gesellschaft
aufrechtzuerhalten.
Beukes Schwester hält trotz einigem Zweifel ebenfalls zu den beiden. Sie macht aus dem
Zweiergespann eine Gruppe, und zwar eine familiäre, schwesterliche. Wie Beuke damals zu
Erna und ihrer kleinen Schwester gehalten hat, als sie sich an der nächtlichen Nähaktion
kurz vor der Ausreise der Kleinen nach Palästina beteiligte, hält Beukes Schwester jetzt zu
Erna und versorgt sie manchmal mit Geld und Nahrung. Die Nahrung ist dabei analog zum
Nähen wiederum ein Symbol für Weiblichkeit und mütterliche Fürsorge. Beukes Schwester
steht für Zusammenhalt, die Erna sich von Frauen erhofft und erwartet und die sie im
weiblichen Teil von Beukes Familie auch bekommen hat.
Lehrer. Der Klassenlehrer tritt zusammen mit den Klassenkameradinnen direkt nach dem
fehlenden Vater in der zweiten Szene auf. Er schützt Erna einerseits gegen ihre
Schulkameradinnen, andererseits vor dem verordneten Rassekundeunterricht. Er
übernimmt damit eine Pufferfunktion zu beiden Seiten des Regimes und seiner
Herrschaftsträger. Erna vergöttert ihn, weil er es zumindest zeitweise vermag, die vom Vater
nicht ausgefüllte Position des Retters einzunehmen. Er wird zu ihrem Prinzen, als die Gruppe
der Mädchen sie verstößt. Gerade auch ihre Bevorzugung gegenüber den anderen erinnert
in der Konstellation an eine Liebesgeschichte, bei der Erna ihre Konkurentinnen in die Flucht
geschlagen hat. Mehrmals erwähnt sie, dass der Lehrer bei allen beliebt war, und
unterstreicht damit die Bedeutung dieses Schatzes für sie. Es gibt eine gewisse
Gegenüberstellung mit der Lehrerin, die fast gleichzeitig auftritt. Während diese das
14jährige Mädchen an die weibliche Rolle und die damit einhergehenden Zwänge gemahnt,
die Ernas Hilflosigkeit gegenüber dem Antisemitismus mit bedingen, verkörpert er die
Rettung aus diesem Dilemma, indem er schützend für sie wirkt und sie auf angenehme
Weise in ihrer Weiblichkeit bestätigt. So wenig Grund es dafür gibt, die Geschichte
anzuzweifeln, so deutlich haftet ihr auch das Erlösungsmoment durch den männlichen
Retter an, auf den Erna wartet. Seine Rolle als Mann sollte es sein, sie aus der misslichen
Lage zu befreien. Er ist damit ebenso eindeutig gezeichnet wie Beuke und verkörpert einen
konstanten Wunsch in Ernas Leben. Die symbolische Bedeutung des Lehrers als Retter wird
noch dadurch unterstrichen, dass Erna zwar erzählt, er würde versuchen sie im
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
265
Rassekundeunterricht zu beschützen. Was dann aber während der Schulstunden tatsächlich
passierte, erzählt sie nicht. Was vor allem zählt, ist seine Zuwendung.
Henry, der belgische Fremdarbeiter. Henry, der belgische Fremdarbeiter, bei dem Erna die
Befreiung erlebt, übernimmt ebenfalls die Funktion eines männlichen Retters. Während der
Tage kurz nach der Befreiung beschützt er sie vor den russischen Soldaten und bewahrt sie
damit vielleicht vor einer oder mehreren Vergewaltigungen. Die Vergewaltigung ist das
wirkmächtigste Symbol nicht nur der weiblichen Schande, sondern auch der Schwäche und
Unterlegenheit. Nur ein Mann konnte Erna in der damaligen Situation davor schützen. Sie
scheint beim Erzählen dennoch nicht empört darüber, dass sie in eine Situation geraten ist,
in der sie so schutzlos ausgeliefert war. Das scheint mit der zwiespältigen Rolle der
russischen Soldaten als Befreier und Vergewaltiger zusammenzuhängen. In Ernas
Darstellung sind die sexistischen Attacken Racheakte gegen die nichtjüdischen Deutschen
und sie ist bemüht, sich nicht „gemeint“ zu fühlen. Es ist auch möglich, dass sie die
Geschichte so präsentiert, wie sie es tut, um den glücklichen Ausgang zu betonen und die
Tatsache, dass es einen Mann gab, der auf sie aufgepasst hat.
Wehrmachtssoldat im Varieté. Als Erna zur Zeit ihrer Illegalität vollkommen ausgehungert
von einem Soldaten der Luftwaffe ins Varieté eingeladen wird, setzen sich zwei andere
Soldaten zu ihnen an den Tisch. Erna erzählt:
„Und dem einem muss ich wohl gefallen haben, und der hat mir unterm Tisch, der dachte
wir gehören zusammen, hat mir unterm Tisch einen Zettel zugesteckt. Hat
draufgeschrieben, dass er morgen an die Front muss und er würde mich gerne mal treffen,
ob ich nicht noch zum Stettiner Bahnhof kommen wolle. Ich bin da nie hingegangen, aber
ich hab den Zettel umgedreht. Und da war das ne ganze Tagesration für Soldaten. Da warn
was weiß ich, 200 Gramm Fleisch drauf, ein Viertelliter Milch, 100 Gramm Butter, also, ich
konnte mich damit über vier Wochen zu normalen Preisen über Wasser halten.“ 605
Auch hier wird der Mann, der unbekannte Soldat, zum Retter, wenn auch unwissentlich.
Erna betont die Tatsache, dass sie ihm gefallen hat, gleich darauf meldet sich jedoch ihr
schlechtes Gewissen und sie fügt eilig hinzu, dass es nie zu einem Treffen gekommen ist.
605 Ebd., S. 14. Die Mengenangaben, die Erna im Interview gut 50 Jahre später aufzählt, sind realistisch und
entsprechen tatsächlichen Tagesrationen von Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
266
Gerade die Tatsache, dass dieser Soldat für Erna ein ganz unbekannter Mensch war, lässt
Projektionen ihrerseits zu. Sie nutzt die Geschichte nicht für weitere Ausführungen, dafür ist
der Hunger und das Wunder der Soldatenration, die ihr zugeflogen ist, zu groß. Sie stellt
aber die Begebenheit so dar, dass ihr das Leben gerettet wurde, weil sie eine
begehrenswerte junge Frau war.
SS-Mann. Der SS-Mann, ein ehemaliger Chef von Jakob, wird zu seinem Helfer in der
Illegalität. Er will mit Jakob keinen persönlichen Kontakt, aber er rettet ihn dennoch, indem
er ihm Bilder abkauft, die der Künstler malt. Dadurch kann er sich am Leben halten. Das
Auftreten des SS-Manns durchbricht eine abstrakte damit männlich konnotierte
Gleichung: Nazi gleich Täter, hält aber Ernas konkrete weiblich konnotierte
Zuschreibung: Mann gleich Retter aufrecht. Erna berichtet darüber, dass es viele Nazis
gegeben hätte, die nicht in der Partei gewesen seien, andersherum seien viele
Parteimitglieder weniger unmenschlich und antisemitisch gewesen. Helfergeschichten
gerade von SS-Leuten kommen tatsächlich häufiger in Erinnerungsinterviews mit
Überlebenden vor und es besteht kein Grund, sie anzuzweifeln. Bei Erna ist die Funktion
dieser Geschichte einerseits die Differenzierung zwischen männlichen Deutschen, die bei ihr
bei weitem nicht nur als Täter vorkommen. Diese Differenzierung leitet ihrer Vorstellung
von einigen nichtjüdischen deutschen Männern als ihren Rettern Vorschub beziehungsweise
korrespondiert damit. Sie ist zweitens eine Darstellung ihrer Gendercodes vermittelt in der
Art, wie der SS-Mann hilft: er will keinen persönlichen Kontakt, hilft nicht mit Nahrung oder
dergleichen, sondern, indem er mit Jakob Geschäfte macht. Dadurch wird der Akt der
Menschlichkeit zugedeckt und in ein rationales Tauschgeschäft transferiert.
Beukes Ehemann und Ernas Ehemann. Beukes Ehemann, Herr Mars, und Ernas Ehemann
scheinen beide eine große Bedrohung für Erna darzustellen, da sie trotz ihrer wichtigen
lebensgeschichtlichen Rollen nur kurz erwähnt und anschließend vor allem als Leerstellen
im Interview thematisiert werden.
Beukes Ehemann war zeitweise lebensbedrohlich für Erna als Jüdin, weil er damit gedroht
hat, sie zu verraten. Beuke hat sich in ihrer Eigenschaft als Frau für Erna geopfert, indem sie
ihm alle seine Wünsche erfüllte, um ihn zu besänftigen. Erna präsentiert mit dieser Szene
Beuke als solidarisch bis zur Selbstaufopferung. Herr Mars wird gerade dadurch, dass er vor
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
267
allem als Leerstelle im Interview vorkommt und dass Erna verschweigt, was denn seine
Wünsche gewesen sind, zum Bedeutungsträger des sexuell konnotierten männlichen Bösen,
das die beiden Frauen von außen bedroht. Das er Erna am Ende nicht verrät, wird von ihr
nicht explizit festgehalten. Es ist auffallend, dass sich seine Eigenschaften als Nichtjude und
als Mann so sehr verschränken bzw. so unaufgeklärt bleiben, dass Erna nichts darüber
erzählt, warum er eigentlich gegen ihre Anwesenheit und damit Rettung gewesen ist, ob
zum Beispiel aus Eifersucht, aus Machtkämpfen mit seiner Frau heraus oder aus
Antisemitismus. Das scheint für Erna keine Rolle zu spielen.
Ernas Ehemann nimmt eine nämliche Rolle ein wie Herr Mars. Er tritt vor allem mit
negativen Aspekten von Männlichkeit hervor. Weil er ein Helfer von Jakob war, fühlte sich
Erna verpflichtet, ihn bei sich aufzunehmen, erzählt sie. In dieser Darstellung opfert sie sich
diesem Mann für Jakob, da sie sich als Dank für die Hilfe, die ihm wiederfahren ist, hingibt.
Es besteht eine offensichtliche Parallele zum Verhalten ihrer Freundin gegenüber deren
Ehemann. Das sie vermutlich nach der Befreiung ein starkes Bedürfnis nach einer
Verbindung und einer Familie hatte, thematisiert Erna nicht.606 Sie beschreibt die Geschichte
ihrer Ehe von Anbeginn als zwiespältig, sich selbst als wenig überzeugt. Die Hochzeit sei zu
Stande gekommen, weil sie ihr Baby nicht unehelich zur Welt bringen wollte. Ihr Mann lässt
sie, nach allem was sie in Deutschland durchgemacht hat, nicht aus dem Land, was somit
zum zweiten Mal zu ihrem Gefängnis wird, diesmal aufgrund ihres Geschlechts. Auch hier
reagiert sie laut Darstellung durchaus kämpferisch, versucht mit der Hilfe eines Onkels zu
fliehen, scheitert aber, weil dieser Onkel stirbt. Sie sieht offenbar keine Chance, ihren Mann
und Deutschland ohne männliche Hilfe und auf eigene Faust zu verlassen. Sie wiederholt das
Trauma, nach dem Tod ihres Vaters mit ihrer Familie ohne Retter in Deutschland
eingeschlossen zu werden. Der Ehemann wird durch seine Alkoholkrankheit zum Kind, das
gepflegt werden muss, während sie für Familie und Haushalt alleine aufkommen muss. Erna
erzählt sehr wenig über diese schrecklichen Erfahrungen. Diese Zeit ihres Lebens bleibt
vage, aus dem Interview sind nur Andeutungen zu erfahren. Das Erna seinen Namen nicht
nennt, kommt ebenfalls einer Auslöschung gleich.
606 Sehr viele Überlebenden haben gleich nach der Befreiung Familien gegründet, was als Wunsch nach
Geborgenheit nach der einsamen Zeit der Verfolgung und Zeichen des Sieges gleichermaßen gewertet werden
kann.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
268
Für Erna sind die beiden Ehemänner in ihrer Eigenschaft als Männer das absolute Böse, nicht
jedoch als Nichtjuden, denn als solche waren sie letzlich beide solidarisch. Die Abwertung
der konkreten Männer in ihrem Leben und dem Leben ihrer Freundin korrespondiert mit der
Überhöhung ihres abstrakten Männerbildes, wie sie es auf die verhältnismäßig vielen
Rettertypen in der Erzählung projiziert. Aus der Nähe ist der Mann zwiespältiger, die
Glorifizierung funktioniert nicht mehr. Die Enttäuschung darüber macht den Umgang mit
den beiden Ehemännern, die in Ernas Darstellung eher Kindern als Prinzen gleichen, so
schwierig. Das Begehren nach dem Mann bleibt ungestillt, wird sogar in beiden Geschichten
als negatives Erlebnis geschildert: einmal in Form der Drohungen von Beukes Ehemann
gegen sie, deren Inhalt Erna verschweigt, einmal in Form von Ernas Schwangerschaft, die ihr
den Ehemann aufhalst.
Vielleicht entsprechen die strukturellen Leerstellen im Interview dem selbst auferlegten
Verbot, direkte Wünsche und Begehren zu äußern, wie es schon in der Erzählung über den
Wehrmachtssoldaten deutlich wurde. Dafür dienen dann die Männer mit der Retterfunktion
als Projektionsfläche. Vielleicht werden sie aber auch zu Leerstellen, weil sie weder
eindeutig Retter seien können, noch als solidarische Nichtjuden eindeutige Täter. Sie
durchkreuzen letzlich das Schema, ebenso wie Jakob.
4.3.3 Schlussfolgerungen
Lebenserzählungen wie das Interview von Erna P. bieten den Interviewpartnern die
Möglichkeit, kontingente biografische Erfahrungen zusammenhängend zu berichten und
dadurch nicht integrierte Selbstanteile in eine narrative Kontinuität einzubetten. Identitäre
Integration heißt, Erinnerungen Sinn geben. Bei extremtraumatischen Erfahrungen wie der
Verfolgung im Holocaust ist dies jedoch meist nicht oder nur bedingt möglich. Für viele
dieser Erfahrungen gibt es keine Sprache. Weil sie nicht symbolisiert werden können,
können sie auch nicht integriert werden. Die Erzählungen ermöglichen deshalb keine präzise
Rekonstruktion der erlittenen Traumata. Sie beschreiben die Traumatisierung nicht selbst,
wohl aber die subjektiven Versuche, mit ihr zu leben.607 Anders als häufig in der Literatur
über Extremtraumatisierung von Überlebenden des Holocaust beschrieben, ist jede
607 Dazu auch Quindeau, Trauma und Geschichte, S. 31 und 83-88.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
269
Traumatisierung individuell, abhänging von der Lebensgeschichte und der Persönlichkeit der
Betroffenen,608 und ebenso individuell sind die Copingstrategien. Die Erzählungen geben
Einblicke in die subjektive Bedeutung des individuellen Traumas und den Umgang damit.
Erna P. erzählt von einigen Bewältigungsversuchen, die als typisch für Überlebende der
Verfolgung gelten können. Sie leidet an Selbstvorwürfen und Überlebensschuld, weil sie es
geschafft hat, zu entkommen, während andere ermordet wurden. Die subjektiv
empfundene Schuld und die Trauer fesselt sie vor allem an die Mutter und verhindert die
eigene Autonomie.609 Ihre Überlebensschuldgefühle haben aber ambivalente Wirkungen,
denn sie geben dem Leben nach der Verfolgung auch einen Sinn, weil Schuld immer auch
Bindung voraussetzt und schafft.610 Erna sucht Zugehörigkeit und Anerkennung, die ihr
entzogen wurden, nicht zuletzt in der Idealisierung ihrer Mutter und ihrer Herkunftsfamilie.
Die Erinnerung an die Zeit vor dem Verlust der Familie, an das stabilisierende „holding-
environment“ (Winnicott), hilft ihr dabei, einer narzisstischen Entleerung vorzubeugen, was
gleich bedeutend damit wäre, sich selbst aufzugeben.611 Denn Erna hat ihren
überlebensnotwendigen primären Narzißmus immer zu verteidigen gewusst. Sie war 14
Jahre alt, als ihre Verfolgung begann, und durch das dadurch erzwungene frühe
Erwachsenwerden und die Sorge für andere unter schwierigsten Bedingungen, die sie als
Jugendliche schon übernommen hat, hat sie eine ungewöhnliche Ich-Stärke entwickeln
müssen, von der später auch ihr nichtjüdischer Ehemann zehren konnte. Der frühe Tod des
Vaters und die Behinderung des Bruders haben die Notwendigkeit von Stärke und
Durchhaltevermögen bei Erna noch um ein Vielfaches potenziert. Auch ihr Rebellentum und
ihre Schlägerei mit der Klassenkameradin zeugt, als nach außen gewendete Aggression, für
ihren Willen, zu überleben. In der Betonung ihres Mutes kämpft sie an gegen die verordnete
Sinnentleerung, die in ihrer antisemitischen Exklusion aus der menschlichen Gemeinschaft
kulminierte.
608 Vgl. Ebenda, S.63-71.
609 Siehe ganz allgemein zur Problematik von Mutter-Tochter-Bindungen und Autonomiedefiziten von Töchtern
aus psychoanalytisch-relationaler Sicht Jessica Benjamin, Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus
und das Problem der Macht, Frankfurt am Main 1996.
610 Vgl. die ausführlichen Ausführungen zu Schuld und Schuldkonstruktionen als Mittel zur Bindung in Chris
Paul, Schuld Macht Sinn. Arbeitsbuch für die Begleitung von Schuldfragen im Trauerprozess, Gütersloh
2010.
611 Vgl. Quindeau, Trauma und Geschichte, S. 47.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
270
Das geschieht im Interview jedoch implizit. Die Infragestellung ihres Menschseins wird von
Erna nicht als Sujet reflektiert, sondern nur narrativ umschrieben, und zwar mittels
Thematisierung ihrer individuellen Copingstrategien. Um die Exklusion aus der menschlichen
Gemeinschaft unstatthaft und damit, so der Wunsch, zumindest vor ihr selbst ungültig
erscheinen zu lassen, bedient sich Erna heteronormer Geschlechterstereotype, die sie
gleichermaßen auf sich selbst und ihre Umwelt anwendet. Das Schema der
Zweigeschlechtlichkeit gibt ihr Halt, indem es eine konstante Struktur vorstellt, über die sich
Menschen jenseits von „Rasse“zugehörigkeiten definieren und identifizieren. Erna kämpft
gegen die Geschlechtslosigkeit an, die ihr durch den Antisemitismus und durch ihre
Lebensumstände verordnet werden. Indem sie auf ihrer weiblichen Identität beharrt,
weigert sie sich, der zwangsweisen Fremdeinjudung nachzugeben. Weiblichkeit und
Heteronormativität werden als Normalität vorgestellt und dienen der Entlastung: „Der
Shoah wird als dem unmenschlichsten Ereignis der Zeit das Menschliche
entgegengestellt“.612 Die Integration in die menschliche Gemeinschaft soll
geschlechtsspezifisch wiederhergestellt werden. Heteronormativität wird bei Erna als
natürlich imaginiert und ihre Vorstellung von Weiblichkeit nicht in Frage gestellt.
Um die eigene, inkludierende Weiblichkeit aufrechtzuerhalten, bedarf es aber ihrer
Spiegelung durch Nichtjuden und -jüdinnen, die ebenfalls als Träger der von Erna
gebrauchten Gendercodes fungieren. Ist dies nicht der Fall, wie bei den
Klassenkameradinnen und der vertrauten Arbeitskollegin, reagiert Erna mit großer
Traurigkeit, Empörung und Unverständnis. Beuke und ihre Schwester hingegen stehen für
die Gültigkeit und Konstanz des Wertesystems.
Anders als viele andere Überlebende flieht Erna im Laufe der 30er Jahre nicht in eine
ausschließlich jüdische Umwelt, obwohl sie über den zwangsweisen Rückzug in die Familie
und die „Halbheit“613 ihrer Freundschaften mit Nichtjüdinnen reflektiert. Sie hält aber
immer zusammen mit ihrer nichtjüdischen Freundin und heiratet kurz nach der Befreiung
ebenfalls einen Nichtjuden. Diese Verhaltensweisen können als offensive, unversteckte
Abwehr gegen die Einschränkung ihres Lebens gelesen werden und als Verweigerung ihrer
Entmenschlichung.
612 Hanitzsch, Schuld und Geschlecht, S. 181.
613 Videointerview mit Erna P., S. 7.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
271
Die Ich-Stärke, die der jüdischen Identität zugeordnet ist, und die von Erna favorisierte
weibliche Rolle sind beides Formen des Widerstandes gegen die Exklusion, aber sie
vertragen sich nicht sehr gut miteinander. Während die Ich-Stärke bei Erna zum Symbol von
Maskulinität wird,614 dient die Feminisierung ihrer Position der Entlastung von der subjektiv
empfundenen Überlebensschuld. Dabei folgt sie gesellschaftlich virulenten Vorstellungen
von Weiblichkeit als angepasst und unschuldig, die mit Mut und Stärke nicht gut
korrespondieren.
Konstanze Hanitzsch hat vergleichbare Mechanismen der Entschuldung durch Feminisierung
auf Seiten von nichtjüdischen Deutschen nach dem Holocaust festgestellt. Der „Wunsch
nach Unschuld“ an der Shoah auf der Täter- und Mitläuferseite soll mittels „Feminisierung
als Narcoticum des Guten“ realisiert werden: „In meiner These ist die Feminisierung der
(Schuld an der) Shoah die Funktion, welche zur Selbsteinopferung führt und (dem/der
Leserin) eine unschuldige Opferposition suggeriert. Der Effekt ist der Schutz vor Kritik und
Schuld. Im Hinterfragen der Strategie der Selbsteinopferung durch Feminisierung gelingt die
Aufdeckung der Schuldabwehr. Die Feminisierung der Shoah dient der Vergeschlechtlichung
und damit Verschiebung der Shoah in einen z.T. sexualisierten und entpolitisierten
Bereich“.615 Schuld als ein sowohl das Menschsein als auch die Nachgeschichte des
Holocaust mitkonstituierendes Grundelement wird bei den Opfern ebenso wie auf der
Täterseite qua Feminisierung relativiert und isoliert. Dabei spielt es für die Funktion der
Abwehr keine Rolle, ob die Schuld real ist oder subjektiv empfunden, moralisch oder
psychologisch begründet, individuell oder als kollektiv vorgestellt. Die Schuld gehört
untrennbar zum Judäozid und muss auf der Täter- und der Überlebendenseite verhandelt
werden. Erna setzt eine als weiblich vorgestellte Rolle zum Schutz vor ihren Selbstvorwürfen
in der subjektiv empfundenen Überlebensschuld ein.
Da sie des Konstruktes der Zweigeschlechtlichkeit ebenso wie die nichtjüdischen
Nachkommen ihrer Verfolger als Schuldabwehr bedarf, hat auch sie Probleme, Frauen in
ihrer Rolle als Täterinnen anzuerkennen. Täterschaft bleibt bei Erna ebenso wie in den
614 Wobei das ambivalent bleibt: Ernas Mutter wird von ihr zwar nie explizit stark genannt, aber doch im
Grunde so beschrieben, ebenso wie sie selber. Es handelt sich um eine als spezifisch weiblich vorgestellte Art
von Stärke, wie ich weiter unten zeigen werde.
615 Hanitzsch, Schuld und Geschlecht, S. 181-182.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
272
Nachfolgegesellschaften des Nationalsozialismus männlich konnotiert,616 gerade weil sie
sich über die dadurch stattfindende Bestätigung ihrer selbst als Frau der Fremdeinjudung zu
entziehen sucht. Sie hält damit die Vorstellung aufrecht, dass nur Männer aktiv sind, was sie
auf der anderen Seite auch begehrenswert macht, denn auch als Retter und Beschützer
müssen sie Aktivität und Potenz demonstrieren. In den beiden Fällen, wo Männer in ihrer
Erzählung in ihrer Eigenschaft als Ehemänner oder Vater eine bedeutsame Rolle spielen,
versagt das männliche Geschlecht allerdings. Umso stärker bleibt die unbefriedigte
Sehnsucht nach einem Retter mit den ganzen begehrenswerten männlichen Eigenschaften,
der sie erst wirklich in ihrem Frausein bestätigen kann.
Frauen hingegen werden von Erna meist in Gruppenzusammenhängen dargestellt, womit
ihre Individualität tendenziell in den Hintergrund gedrängt wird. Im Falle der
Klassenkameradinnen, wo die von Erna postulierte Solidarität der Frauenwelt durch den
Antisemitismus in Frage gestellt wird, führt das zum Verbleib von Täterinnen in der
Anonymität.
Dass Erna Frauen, insbesondere sich selber, auch als stark beschreibt, ist kein Widerspruch,
wie Erna es empfindet. Es unterstreicht die weibliche Aufgabe der Selbstaufopferung, ist die
Kehrseite von dieser. Denn gerade die Passivität, das sich-schwach-Stellen, das warten und
das sich opfern erfordert eine Art von Stärke, die es eben für so ein weibliches Martyrium
braucht. Insbesondere durch die Aufrechterhaltung der Bindung an die Mutter, hinter der
die subjektiv empfundene Überlebensschuld steht, bekommt dieses Martyrium immer neue
Nahrung.
616 Dies ist bei den meisten Überlebenden der Fall. Vgl. auch die Geschichte von Betty C. im entsprechenden
Kapitel dieser Arbeit. Bei männlichen Überlebenden dient die Schuldzuweisung vor allem an die Männer der
Aufrechterhaltung der Gleichung männlich=stark. Es gibt auffällig viele Interviewpartner, die, wie Betty C., die
Durchkreuzung dieses Genderschemas thematisieren, ohne sie fassen zunnen, d.h. ohne
Geschlechterstereotype als solche zu thematisieren und in Frage zu stellen.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
273
Zusammenfassung und Schluss
In der vorliegenden Studie wurden die Haltungen und Verhaltensweisen von Nichtjuden
gegenüber verfolgten Jüdinnen und Juden in Deutschland zwischen 1933 und 1938
untersucht. Als Quellen wurden Erinnerungsinterviews mit Juden verwendet, die die
Verfolgung überlebt haben. Damit wurde ganz bewusst ein perspektivischer Zugriff auf die
Thematik gewählt, ausgehend von der Überzeugung, dass den Erinnerungen der Verfolgten
immer eine spezifische Form von Wahrheit zu eigen ist, die ausschließlich den Zeugnissen
vorbehalten ist. Damit wird die Relativität einer objektiven Geschichtsschreibung betont,
indem Geschichte als etwas verstanden wird, was immer Verhandlungen unterliegt, getreu
dem Motto des englischen Satirikers Samuel Butler, der im 17. Jahrhundert behauptete:
„Der Unterschied zwischen Gott und den Historikern besteht hauptsächlich darin, dass Gott
die Vergangenheit nicht mehr ändern kann“. 617 Butlers frühe Einsichten werden hier am
konkreten Fall damit begründet, dass die Verfolgung und der Massenmord keine
abgeschlossenen Kapitel sind, weder in der jüdischen, noch in der deutschen oder der
Weltgeschichte, sondern dass es sich um nicht zuletzt im individuellen und im
Familiengedächtnis virulente Themen handelt. Nicht zuletzt die dazugehörigen Traumata
sind nach wie vor aktuell. Zweitens ist die Wahl der Quellen damit begründet, dass die
persönlichen Erinnerungen den besten Einblick in den Alltag und insbesondere in die
Interaktionen zwischen Juden und Nichtjuden gewähren. Für fast alle Erinnerungen, die hier
erzählt wurden, gibt es keine andere Quellen.
Der Aufbau der Arbeit orientiert sich einerseits an der Fragestellung, zum anderen an den
erzählenden Interviewpartnern und deren Biografien. Neben thematischen Kapiteln werden
insgesamt neun Personen und ihre Biografien ausführlich in jeweils eigenen Kapiteln
vorgestellt. Dahinter steht das Bemühen, die Art der Quellen, das Zeugnis, zu würdigen und
ihnen gerecht zu werden. Die Themen der anderen Kapitel sind sämtlich aus der Arbeit mit
617Jürgen Kocka, Wozu der Aufwand? Ein Vortrag über Geschichte vor Nicht-Historikern, in: Franz-Josef
Jelich/Stefan Goch (Hg.), Geschichte als Last und Chance, Essen 2003, S. 15-25, hier S. 15.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
274
den Interviews selbst entstanden, also an dem orientiert, was für die Überlebenden selbst
wichtig ist.
Der erste Abschnitt behandelt die Welt der Erwachsenen. Den Hintergrund dafür bilden die
Theorien des Alltagshistorikers Alf Lüdtke, des Soziologen Norbert Elias und des
Gruppenpsychoanalytikers Wilfred Bion. Lüdtke unterstreicht in seiner vielgelesenen Schrift
„Herrschaft als soziale Praxis“ den Herrschaftsbegriff Max Webers. Dieser definiert
Herrschaft als grundsätzlich vieldimensional und postuliert, dass jede Form der Herrschaft
auf die Unterstützung der „Beherrschten“ angewiesen ist. Dieser Herrschftsbegriff, so
Lüdtke, sollte auch auf die Zeit des Nationalsozialismus angewendet werden. Er betont
außerdem, dass die herrschaftsförmige Gestaltung von Gesellschaften auf Praktiken beruht
und lenkt damit die Blicke der Alltagshistoriker auf die Akteure. Um diese Überlegungen
soziologisch zu begründen, eignet sich die Figurationsanalyse von Norbert Elias. Elias geht
davon aus, dass jede gesellschaftliche Entwicklung auf den Interaktionen von Einzelnen
beruht, und dass diese Einzelnen nicht nur durch ihr Denken, sondern auch durch ihr Fühlen
auf die Interaktionen einwirken. Die Einzelnen haben unterschiedliche Machtanteile am
gesellschaftlichen Geschehen, aber sie sind immer an dessen Zustandekommen beteiligt.
Elias bietet mit seiner Figurationsanalyse ein soziologisches Fundament für die Theorie der
Alltagsgeschichte, wie sie von Lüdtke entworfen worden ist. Wie nun die Interaktionen
gestaltet werden untersucht der Gruppenpsychoanalytiker Wilfred Bion, dessen Theorien im
selben Kapitel diskutiert werden. Bion hat in seiner psychoanalytischen Arbeit mit kleinen
und großen Gruppen feststellen können, dass Gruppen immer nach bestimmten Schemata
zusammen funktionieren und dass sie fast immer danach streben, sich mehr damit zu
befassen, die Gruppe selbst aufrecht zu erhalten, als dass sie danach streben, produktiv zu
sein. Zur Produktivität gehört beispielsweise die Aufklärung über die Gründe für das
Bestehen der Gruppe, aber auch über dasjenige von anderen Gruppen, die Selbsterkenntnis
also. Die kritische Selbsterkenntnis steht dem Ziel, die eigene Gruppe aufrecht zu erhalten,
meist im Wege und wird deswegen negiert. Einer von Außen auferlegten Aufgabe hingegen
kann sich eine Gruppe oft recht gut widmen, denn eine solche Aufgabe schweißt zusammen
und verhindert, dass Fragen gestellt werden, die das Weiterbestehen der Gruppe gefährden.
Die Erkenntnisse von Bion ergänzen die Theorien von Elias sehr gut, der die Auffassung
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
275
vertrat, dass sich Menschen bevorzugt mit großen Gruppen wie Nationen identifizieren und
dort Bindung ihrer menschlichen Bedürfnisse nach Nähe und Zusammengehörigkeit suchen.
Die nationalsozialistische Gesellschaft hat diese Strukturen nicht erfunden, sie hat sich ihrer
jedoch exzessiv bedient. Dazu gehörte die Zerstörung der zwischenmenschlichen Bindungen
und deren Ersetzung durch eine starke Bindung an die „Bewegung“ und den „Führer“, die
als hierarchisch gestaltete Beziehungen weniger Reife erforderten als komlexe gleichwertige
Beziehungen. Die Ziele des Nationalsozialismus, das eigene Überleben zu sichern, in dem
andere ausgerottet werden, sind ebenfalls keine nationalsozialistische Erfindung. Auch hier
gilt, die einzige Originalität darin besteht, dass den archaischsten menschlichen Regungen
schamlos Ausdruck verliehen wurde. Die Formel, der Nationalsozialismus sei ein Rückfall in
die Barbarei gewesen, besagt eben dies.
Für die nationalsozialistische Gesellschaft wurde in der vorliegenden Arbeit das Bild eines
Netzwerkes herangezogen, um diese Struktur zu veranschaulichen. In einem Netzwerk hat
jeder und jede seine und ihre Position. Das Netzwerk kann nur funktionieren, wenn alle die
entsprechenden Aufgaben an den jeweiligen Positionen erfüllen. Ohne die Mitarbeit der
Vielen an den verschiedenen Stellen im Netzwerk können der Verlauf der
nationalsozialistischen Herrschaft und der Prozess und der Vollzug der Judenverfolgung
nicht plausibel erklärt werden.
Als Belege für diese Aussagen wurde im ersten Kapitel der Arbeit Erinnerungen von
Holocaustüberlebenden zitiert, die veranschaulichen, wie nichtjüdische Deutsche im
nationalsozialistischen Alltag ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Projekt der
Judenverfolgung geleistet haben. Im Alltag, so zeigen die Erinnerungen, wurden Jüdinnen
und Juden aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen. Dies geschah auf verschiedene
Weise. Kinder wurden von anderen Kindern und Jugendlichen angegriffen, Lehrer
demütigten jüdische Schüler, nichtjüdische Nachbarn grenzten sich von Juden ab,
Nichtjuden kündigten ehemaligen jüdischen Freunden die Freundschaft, Vereine schlossen
jüdische Mitglieder aus, auch wo dies nicht nötig war. Nichtjuden traten der Bewegung bei
in Form der Hitlerjugend, der NS-Frauenschaft, der Partei und äußerten dann ihren
jüdischen Mitmenschen gegenüber, dass für sie der Kontakt mit ihnen von nun an untersagt
sei. Der Beitritt zur Bewegung erfolgte in den meisten Fällen jedoch freiwillig.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
276
Kennzeichnend war, dass die Inklusion in die Bewegung die Exklusion der Juden zur
Kehrseite hatte, das eine ging nicht ohne das andere. Die Verweigerung der Zugehörigkeit
zur Bewegung bedeutete für Jüdinnen und Juden, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu
sein, weil die Bewegung überall war. Der Nationalsozialismus drang in die Privatssphäre der
Menschen ein und zerstörte nicht nur deren Beziehungen, sondern auch ehemals private
Räume. Selbst für ein Familienleben blieb oft keine Zeit mehr. Der gesellschaftliche Raum
für Juden wurde im Gegenzug aufs ärgste eingeschränkt. Die Erinnerungen belegen, dass
sich die Inklusion der Nichtjuden und damit die Exklusion der Juden alltäglich im ehemals
privaten Raum abspielte und von den Menschen selbst vollzogen wurde.
Immer wieder betonen Überlebende in den Interviews, wie wichtig das Aussehen war.
Menschen, die „jüdischer“ aussahen, also dunkle Haare und Augen hatten und evt. eine
große Nase, hatten es im Alltag oft schwerer. Sie wurden eher von Fremden als Juden
erkannt bzw. lebten mit der Angst, dass dies jederzeit geschehen konnte. Für die Wichtigkeit
des Aussehens gibt es viele Belege. Es zeigte sich daran, dass es ständig und überall
gefährlich war, jüdisch auszusehen. Man konnte immer behelligt werden, da eine „jüdisch“
aussehende Person in der deutschen Gesellschaft nicht mehr sicher war. Der Vater von
Claus Shelling verließ sein Hotelzimmer nicht mehr, weil er befürchtete, auf der Straße als
Jude erkannt zu werden. Diese Angst ist das Gegenstück zur Gewalttätigkeit der Drohungen
und der immerwährenden Präsenz der Gefahr, die von der deutschen Gesellschaft ausging.
Der Aggressor, mit dem Claus Shellings Vater konfrontiert war, war nicht die politische Elite.
Die wusste von seiner Existenz und von seinen Ausreiseplänen. Vor wem er sich in Acht
nehmen musste, dass waren die nichtjüdischen Menschen auf den Straßen von Berlin.
Ein weiteres Thema, auf das ich in einem Kapitel näher eingehe, sind die Erfahrungen von
Juden auf dem Land. Die meisten Juden lebten in den großen Städten, und somit gibt es
auch mehr Erinnerungen an das Verhalten von Nichtjuden in den Städten. Juden vom Land
erzählen jedoch anders von ihren Erlebnissen. Ihre Erinnerungen von den Interaktionen mit
den Nichtjuden auf den Dörfern legen nahe, dass die Verhältnisse dort komplexer waren,
weil jeder jeden kannte. Die Juden waren dadurch angreifbarer. Gleichzeitig konnte das
gegenseitige Kennen auch einen gewissen Schutz bieten.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
277
Den Erfahrungen von Kindern wurde ein eigener Abschnitt vorbehalten. Jüdische Kinder
waren häufig diejenigen, die es am härtesten traf. Sie waren der Gewalt am unmittelbarsten
ausgesetzt und sie machten überdies die Erfahrung, dass ihre Eltern sie nicht schützen
konnten. Im Fall von Fred K. hat dies die Beziehung zu seinen Eltern extrem gestört. Es war
ihm nicht möglich, sich mit ihnen auszusprechen, bevor sie in Auschwitz ermordet wurden.
Die jüdischen Kinder waren häufig auch diejenigen, die mit der nationalsozialistisch
indoktrinierten Jugend am engsten konfrontiert waren, da sie gemeinsam zur Schule gingen
oder weil sich nichtjüdische Kinder jüdische Kinder als Gegner und Opfer suchten.
Um der besonderen Komplexität des Themas Kinder und Jugendliche als Täter und
Täterinnen gerecht zu werden, habe ich in diesem Abschnitt auch nationalsozialistische
Quellen zur Erziehung herangezogen. Die nichtjüdischen Kinder wurden von der
nationalsozialistischen Bewegung auch zu Opfern gemacht, indem sie für die Bewegung
rekrutiert wurden. Die Entfaltung ihrer Persönlichkeiten wurde gezielt bekämpft. Ein
erklärtes Ziel der nationalsozialistischen Erziehung war es, die Kinder klein zu kriegen und
ihren Willen zu brechen. Sie sollten sich freiwillig und voller Stolz den Zielen der Bewegung
unterordnen und opfern. Freilich haben sie auch außerordentlich davon profitiert. Es wurde
ihnen beigebracht, als Teil der menschlichen Herrenrasse den Anspruch auf Weltherrschaft
zu verkörpern. Die meisten Nichtjuden erinnern sich dann auch an die Kinderzeit in den 30er
Jahren als eine schöne Zeit. Die Interaktionen mit den jüdischen Kindern, den wirklichen
Opfer des Nationalsozialismus, werden ausgeblendet.
Der dritte Abschnitt widmet sich den Themen Hilfe und Solidarität für verfolgten Juden und
Jüdinnen durch Nichtjuden. Nach einem einführenden Kapitel, in dem der Forschungsstand
referiert wird, werden die Erinnerungsinterviews von Helga Chomsky und Ernst Valfer
ausführlich dargestellt und anschließend verglichen. Dabei stehen nicht die berichteten
Erlebnisse im Vordergrund, sondern die Frage, welche Bedeutung die Themen Hilfe und
Solidarität für die Erinnerungen und in den Interviews haben. Der vierte Abschnitt ist damit
auch methodisch ausgerichtet. Im Vergleich der beiden Interviews wird gezeigt, dass trotz
der Unterschiedlichkeit der Erzählerpersönlichkeiten und ihrer Erinnerungen die Bedeutung,
die dem Thema Hilfe zu kommt, dieselbe ist. Unabhängig davon, wie sehr betont wird, dass
es Helfer und solidarische Menschen gegeben hat, und auch unabhängig davon, wie viele
solche Erzählungen in einem Interview auftauchen, lässt sich feststellen, dass diese
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
278
Helfergeschichten immer Einzelfälle sind. Sie zeigen vor allem, das Hilfe oder zumindest
Solidarität in vielen Situationen möglich war, aber nur sehr selten stattgefunden hat. Das
stimmt mit den Ergebnissen der bisherigen Forschungen zu diesem Thema überein. Auch
wenn es den Anschein hat, dass Erinnerungen von Überlebenden häufig ein Bild von den
nichtjüdischen Deutschen zu Tage befördern, in dem diese eine eher negative Haltung
gegenüber der Judenverfolgung einnehmen, zeigt ein genauer Blick, dass die Erinnerungen
an Helfer vor allem dazu dient, den Glauben an die Idee der Menschlichkeit auch in den
finstersten Zeiten aufrecht zu erhalten.
Im letzten Abschnitt wurde das Interview mit Erna P. aus Berlin exemplarisch einer
geschechtsspezifischen Analyse unterzogen. Damit wurde aufgezeigt, wie tiefgehend die
Erlebnisse, die Erinnerungen und die Erzählungen über Verfolgung und Holocaust
geschlechtsspezifisch geprägt sind. Die Analyse zeigt, dass es nicht sinnvoll ist, die Kategorie
Geschlecht in der Arbeit mit Erinnerungsinterviews auszublenden, weil dadurch nicht nur
Informationen verloren gehen, sondern auch falsche Schlüsse gezogen werden können.
Weiterhin wird verdeutlicht, dass auch Holocaustüberlebende ganz „normale Menschen“
sind, indem die Alltäglichkeit ihrer menschlichen Beziehungen und Bindungen auch während
der Verfolgung betont wird. Dadurch wird der immer noch verbreiteten Auratisierung und
Stilisierung von Überlebenden zu etwas Außermenschlichem der Boden entzogen. Drittens
wird anhand der Analyse des Interviews mit Erna P. eine psychoanalytisch orientierte
Analysemethode vorgestellt, die die Beziehungen der Menschen und die Geschlechtsspezifik
jeglicher Erinnerung und Erzählung in den Vordergrund stellt.
Aus den Erinnerungen der Verfolgten ist häufig eine antisemitische Einstellung der sie
umgebenden Gesellschaft zu erkennen. In einigen Erzählungen wird jedoch deutlich, dass
die betreffenden Nichtjuden die antijüdischen Maßnahmen eher als etwas in Kauf nehmen,
was für die Erreichung der völkischen Ziele der Bewegung notwendig ist. Was sich hier vor
allem zeigt, sind die inneren Bindungskräfte der Führerideologie. Den Nichtjuden war kein
Preis zu hoch, um die eigene Zugehörigkeit zur Herrenrasse zu erkaufen. Es bieten sich dafür
insbesondere die erläuterten gruppenpsychologischen Erkenntnisse von Bion als Erklärung
an. Wie Michael Wildt in Anlehnung an Alf Lüdtke herausgearbeitet hat, sind jedoch
Inklusion der Nichtjuden in die Volksgemeinschaft und Exklusion der Juden aus derselbigen
nicht voneinander zu trennen, vielmehr häufig ein und derselbe Schritt. Dass dem so ist, war
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
279
den Zeitgenossen bekannt und es wurde akzeptiert. Auch wenn durchaus einige
Erinnerungen ein zögerliches Verhalten, ein schlechtes Gewissen oder eine Form von
„Indifferenz“ erkennen lassen, die Verfolgung der Juden wurde immer akzeptiert. Die
Akzeptanz der Judenverfolgung, insbesondere aber die aktive Beteiligung daran, kann nicht
erklärt werden ohne anzuerkennen, dass es einen grundlegenden Antisemitismus in der
deutschen Gesellschaft gegeben hat, der es erlaubte, die Verfolgung aufzunehmen.
„Indifferenz“ gegenüber der Judenverfolgung setzt Antisemitismus voraus. Es besteht nur
eine Unsicherheit darüber, wie weit der Antisemit zu gehen vermag. Daher bedeutet
„Indifferenz“ aus der Perspektive der Verfolgten vor allem die Preisgabe als Freiwild. Die
Verschränkung von Inklusion und Exklusion verdeutlicht weiterhin, dass auch wer indifferent
war, sich letztlich an der Verfolgung beteiligte, sobald die Herrschaft der Nationalsozialisten
anerkannt wurde. Immer wieder erinnern sich ehemals verfolgte Juden daran, dass
Nichtjuden sich beschwichtigend geäußert haben: „Man müsse das ja verstehen mit den
Juden“, musste sich Martha Kadisch von jemandem anhören, der im Auftrag der Partei bei
ihr sammelte. Über ihre Begegnungen auf dem Land sagt sie: „Die Leute trugen natürlich
alle Parteiabzeichen. Aber sie hätten mich nicht umgebracht, das waren gute Bauern“. Die
Verfolgung mitgetragen haben die „guten Bauern“ zweifellos.
Die Grenzen des antisemitischen Konsenses im Deutschen Reich, um eine Formulierung von
Frank Bajohr zu bemühen, sind erst mit Beginn der Deportationen erreicht worden, so
besagt es der aktuelle Forschungsstand. Für den hier untersuchten Zeitraum konnte anhand
der zu Grunde liegenden Quellen nicht festgestellt werden, dass die nichtjüdische
Bevölkerung der Judenverfolgung ablehnend gegenüber stand. Damit steht die
Untersuchung in Einklang mit dem größten Teil der Forschungen zum Thema. Was
herausgearbeitet werden konnte, ist die Bedeutung von indifferenten, unsicheren
Haltungen für die betroffenen Jüdinnen und Juden, die solche Äußerungen und
Handlungsweise manchmal schlimm getroffen haben. Betty C. konnte nichts damit
anfangen, dass eine Frau, die am Abend vorher ihr Geschäft beraubt hatte, einen kleinen
Teil des Diebesgutes am nächsten Tag zurückbrachte, und Erna P. ist bis heute vor den Kopf
gestoßen davon, dass eine Arbeitskollegin, der sie vertraut hat, ihre Notlage als Jüdin
ausgenutzt hat, um sich mit dem ihr anvertrauten Pelzschal zu schmücken. Solche
Interaktionen wirkten in keiner Weise unterstützend für die verfolgten, sie verschlimmerten
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
280
vielmehr deren Situation. „Indifferente“ standen auf der Seite der Verfolger, weil sie den
Gedanken der Volksgemeinschaft positiv affirmierten, gerne Nutznießer des Regimes waren
und weil sie die Volksgemeinschaft vollzogen, immer da und in den Momenten, wo auch sie
Jüdinnen und Juden ausgrenzten und sich auf diese Weise am Verfolgunsprojekt beteiligten.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
281
Archiv- und Literaturverzeichnis
Archive
Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies, Yale University Library, New Haven
Bei den Interviews aus dem Fortunoff Archiv sind nach Vorgabe des Archives die Nachnamen der
Interviewpartner abgekürzt.
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Survivors Film Project, Bridgeport, Connecticut.
Elsa K. Holocaust testimony (HVT-1313), interviewed by Ceceil Ehrich and Fred Ehrich, May 7, 1989,
Halina Wind Preston Holocaust Education Center, Wilmington, Delaware.
Eva G. Holocaust testimony (HVT-4392), interviewed by Joanne Weiner Rudof and Susan Millen,
March 14, 2007, Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies, New Haven, Connecticut.
Eve S. Holocaust testimony (HVT-649), interviewed by Lucille B. Revito and Mindy Brownstein,
January 17, 1986, Video Archive for Holocaust Testimonies at Yale, New Haven, Connecticut.
Frank S. Holocaust testimony (HVT-30), interviewed by Laurel Vlock, February 16, 1980, Holocaust
Survivors Film Project, New Haven, Connecticut.
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1990, Baltimore Jewish Council, Baltimore, Maryland.
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1993, A Living Memorial to the Holocaust-Museum of Jewish Heritage, New York, New York.
Hans F. Holocaust testimony (HVT-1043), interviewed by Bernard Weinstein, May 2, 1987, Kean
College Oral Testimonies Project, Union, New Jersey.
Harry T. Holocaust testimony (HVT-39), interviewed by Laurel Vlock and Nanette Auerhahn, March 1,
1980, Holocaust Survivors Film Project, New Haven, Connecticut.
Howard F. Holocaust testimony (HVT-685), interviewed by Edith Bayme and Kathy Strochlic, April 7,
1986, Video Archive for Holocaust Testimonies at Yale, New York, New York.
Ilse S. Holocaust testimony (HVT-2722), interviewed by Phyllis O. Ziman and Gabriele Schiff, May 16,
1993, A Living Memorial to the Holocaust-Museum of Jewish Heritage, New York, New York.
Ilse W. Holocaust testimony (HVT-2253), interviewed by Barbara Hadley Katz und Helen Katz,
October 18, 1993, Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies, New Haven, Connecticut.
Inga C. Holocaust testimony (HVT-752), interviewed by Ann Gadol and Bob Lovitt, March 16, 1986,
Memorial Center for Holocaust Studies, Dallas, Texas.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
282
Holocaust Center of Northern California Oral History Project, San Francisco
Die Interviewpartner des Holocaust Center of Northern California Oral History Project erscheinen
unter ihren natürlichen Namen.
Barbara Shilo oral history interview OHP.4390, videointerview by Anne Feibelmann, September 9,
2000.
Claus Shelling oral history interview OHP.8415, videointerview by Beatrice Netter, Gina Margillo
and Cathy Miller, December 11, 1991.
Ernest Weil oral history interview OHP. 3531, videointerview by Sue Siegel and Barbara Harris,
April 2, 1990.
Ernst Valfer oral history interview OHP.3980, videointerview by Simone Levine and Gail Moscoso,
September 5, 1996.
Fred Meibergen oral history interview OHP.8802, videointerview by Peggy Coster, October 24,
1989.
Jerry Molton oral history interview OHP.8395, videointerview by Peggy Coster, June 19, 1990.
Karl Lyon oral history interview OHP.6039, vidoeinterview by Ann Feibelman, February 26, 1991.
Lewis Weil oral history interview OHP.3529, videointerview by Peggy Coster, June 12, 1990.
Ludwig Pick oral history interview OHP.3138, videointerview by Peggy Coster, August 8, 1990.
Margaret Berlin oral history interview OHP.2144, videointerview by Comstance Berstein and April
Lee, August 9, 1990.
Margaret Kaplan oral history interview OHP.2725, videointerview by Evelyn Fielden, July 18, 1990.
Sue Siegel oral history interview OHP.3359, videointerview by Peggy Coster, Jacob Offer and John
Grant, April 1, 1990.
Archiv der Erinnerung - Moses Mendelssohn Zentrum Postdam /Haus der Wannseekonferenz Berlin
Bei den Interviewpartnern des Archiv der Erinnerung sind nach Vorgabe des Archivs die Nachnamen
abgekürzt.
Erna P., Videointerview vom 19.12.1995, geführt von Edgar Pankow und Sonja Miltenberger, MMZ
033.
Hans-Peter M., Videointerview vom 13.06.1995, geführt von Maximilian Preissler und Matthias
Cohn, MMZ 014.
Hildegard B., Videointerview vom 20. 6. 1995, geführt von Cathy Gelbin und Vera Stutz-Bischitzky,
MMZ 001.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
283
Julius G., Videointerview in drei Teilen: Teil 1 vom 10.07.1995, geführt von Sonja Miltenberger und
Veronika Lipphardt, Teil 2 vom 25.09.1995, geführt von Sonja Miltenberger und Anne Lipphardt, Teil
3 vom 22.04.1996, geführt von Sonja Miltenberger und Eva Geffers, MMZ 005.
Ralf G., Videointerview vom 14.06.1995, geführt von Cathy Gelbin und Vera Stutz-Bischitzky, MMZ
007.
Willi F., Videointerview in zwei Teilen: Teil 1 vom 02.10.1995, Teil 2 vom 28.03.1996, geführt von Eva
Lezzi und Cathy Gelbin, MMZ 004.
Werkstatt der Erinnerungen Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg
Die Interviewpartner der Werkstatt der Erinnerungen erscheinen unter vom Archiv vergebenen
Aliasnamen.
Erika Fülster, Audionterview vom 03.07.1991, geführt von Beate Meyer, FZH/WdE 058.
Hermann Iversen, Audiointerview vom 21.05.1990, geführt von Beate Meyer, FZH/WdE 10.
Helga Chomsky, Audiointerview vom 23.05.1991, geführt von Sybille Baumbach und Beate Meyer,
FZH/WdE 43.
Karsten Gerber, Audiointerview vom 24.08.1995, geführt von Uwe Kaminsky, FZH/WdE 275.
Martha Kadisch, Audiointerview vom 15.07.1991, geführt von Beate Meyer, FZH/WdE 109.
Markus Nadersohn und Martin Winterfeld, Videointerview vom 17.10.1993, geführt von Sybille
Baumbach, FZH/WdE 176.
Telling Their Stories: Oral History Archives Project, The Urban School of San Francisco,
www.tellingstories.org.
Die Interviewpartner erscheinen unter ihren natürlichen Namen.
Karl Lyon, videointerview by Taylor A., Joanna H. and Leah P., May 14, 2002.
Karl Lyon, videointerview by Alyssa G., Alex K. and Bobby A., May 1, 2003.
Lucille Eichengreen, videointerview by Julianne , Leah, Matthew and Howard Levin, May 30, 2002.
Lucille Eichengreen, videointerview by Ilana , Michelle, Sam and Howard Levin, April 24, 2003.
Niehaus, Nichtjüdische Deutsche in Erinnerungsinterviews mit Überlebenden des Holocaust
284
Yad Vashem Archives
Der Nachname der Interviewpartnerin ist abgekürzt.
Interview mit Olga G. vom 10. 2. 2008, geführt von Sonja Niehaus, Yad Vashem Archives.
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Wohlauf Kameraden! Ein Liederbuch der jungen Mannschaft von Soldaten, Bauern, Arbeitern und
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Gerhard Pallmann, Zweite Auflage, Bärenreiterverlag zu Kassel 1934.
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