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[en] (orig)
Einführung
Musik im Alter und mit Alzheimerdemenz.
Fähigkeiten im Umgang mit kurzen
musikalischen Rhythmen.
Dissertation
zur Erlangung der Doktorwürde
im Fach Musikwissenschaft
der Fakultät für Kulturwissenschaften der
Universität Paderborn
vorgelegt von
Astrid Söthe-Röck
Erstgutachter: Prof. Dr. Heiner Gembris
Zweitgutachter: Prof. Dr. Johannes Schröder
Paderborn,
Dezember 2009
Einführung
Mit herzlichem Dank an die Gutachter
Prof. Dr. Heiner Gembris und Prof. Dr. Johannes Schröder,
an das Netzwerk AlternsfoRschung Heidelberg,
sowie an die Universität Paderborn
für die Finanzierung der Arbeit im Rahmen eines
Promotionsstipendiums.
Für
Hannah Clara & Henri Julius
Einführung
Inhaltsverzeichnis
I. Theoretische Einbettung
1 Einführung ...................................................................................................................................5
2 Alter und Altern ...........................................................................................................................9
2.1 Demografische Situation...................................................................................................9
2.2 Lebensphase „Alter“ .......................................................................................................10
2.3 Der alternde Körper und Geist........................................................................................15
3 Alzheimerdemenz ......................................................................................................................27
3.1 Epidemiologie.................................................................................................................27
3.2 Neuropsychologie der Alzheimerdemenz.......................................................................28
3.3 Ursachen und Entwicklung der Alzheimerdemenz.........................................................30
3.4 Alzheimerdemenz und Musik.........................................................................................33
4 Musik im Alter...........................................................................................................................36
4.1 Laienmusiker: Altersbild und gesellschaftliche Position................................................36
4.2 Singen und Musizieren im Alter .....................................................................................39
4.3 Zusammenfassung Musik im gesunden Alter.................................................................54
5 Musiktherapie bei Alzheimerdemenz.........................................................................................55
5.1 Was ist Musiktherapie? ...................................................................................................56
5.2 Wirkung der Musiktherapie bei Alzheimerdemenz.........................................................58
5.3 Grenzen der Musiktherapie/ Grenzen der Methoden......................................................61
5.4 Weitere Bereiche Musik und Alzheimerdemenz.............................................................62
5.5 Musikalische Ressourcen von Alzheimerpatienten.........................................................68
5.6 Zusammenfassung Musik bei Alzheimerdemenz............................................................69
6 Plastizität....................................................................................................................................71
6.1 Plastizität allgemein........................................................................................................71
6.2 Besonders gutes Beispiel: Musik....................................................................................72
6.3 Plastizität im Alter...........................................................................................................73
6.4 Plastizität bei Alzheimerdemenz.....................................................................................74
6.5 Zusammenfassung Plastizität..........................................................................................75
7 Rhythmus als musikalisches Element........................................................................................76
7.1 Warum Rhythmus?..........................................................................................................76
7.2 „Innere Uhr“/ Interner Zeitgeber....................................................................................79
7.3 Zusammenfassung Rhythmus .........................................................................................89
II. Experimentelle Studie
8 Stichprobe ..................................................................................................................................90
8.1 Rekrutierung: Probleme und Schwierigkeiten................................................................91
8.2 Soziodemografische Daten..............................................................................................94
8.3 Musikbiografische Daten................................................................................................95
8.4 Musikbezogene Charakteristik........................................................................................97
Einführung
9 Experimentelles Setting...........................................................................................................100
9.1 Leitfragen der Studie.....................................................................................................100
9.2 Aufgaben.......................................................................................................................100
9.3 Material.........................................................................................................................107
9.4 Ablauf der Studie ..........................................................................................................114
9.5 Analyse des Datenmaterials..........................................................................................117
10 Ergebnisse................................................................................................................................125
10.1 Gesunde Ältere..............................................................................................................125
10.2 Patienten........................................................................................................................133
10.3 Junge Kontrollgruppe....................................................................................................143
10.4 Vergleich der drei Gruppen...........................................................................................146
10.5 Zusammenfassung Ergebnisse......................................................................................163
11 Fazit der Studie ........................................................................................................................165
12 Exkurs (Fallbeispiel)................................................................................................................166
13 Diskussion und Ausblick..........................................................................................................168
13.1 Diskussion von Methodik und Ansatz...........................................................................168
13.2 Diskussion der Ergebnisse ............................................................................................173
13.3 Perspektiven, Grenzen und Möglichkeiten...................................................................180
14 Anhang.....................................................................................................................................182
14.1 Literaturverzeichnis.......................................................................................................182
14.2 Tabellen- und Abbildungsverzeichnis...........................................................................195
Einführung
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1 Einführung
Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.
Franz Kafka
Musik macht Spaß, ganz gleich, wie alt man ist. Warum sonst würden unzählige Menschen viel Zeit
mit ihrem Instrument verbringen, viele Stunden ihres Lebens mit Üben verbringen und all die
Hürden und Wege des Musizierens auf sich nehmen? Wie sonst sollte die vielfältige und aktive
Musikkultur in Deutschland entstanden sein, wenn Musik nicht in erster Linie Freude bereiten
würde?
Aber Musik ist nicht ausschließlich schöner Zeitvertreib. Aktives Musizieren und Musikhören sind
nicht nur beliebige Freizeitaktivitäten. Musik ist ein wesentlich menschliches, kulturelles Gut. Die
Teilhabe an Musik ist somit gleichzeitig eine Teilhabe an Kultur und an Menschlichkeit. Die
Voraussetzungen für diese Teilhabe sollten für alle Menschen gleich sein. Lange Zeit hat man sich
vor allem um die Förderung und Unterstützung des Musizierens von Kindern und Jugendlichen
bemüht. Jetzt öffnet sich immer mehr die Perspektive für „lebenslanges“ Musizieren. Gerade weil
Musik das tägliche Leben positiv bereichern kann, weil Musik den Menschen große Freude bereitet,
müssen die Voraussetzungen und Möglichkeiten zu dieser Teilhabe auch gerade für ältere Menschen
optimiert werden. Die Menschen werden immer älter und haben immer mehr Jahre gesunden
Alterns vor sich. Dementsprechend wachsen die Bedürfnisse nach gesellschaftlicher Antizipation
und sinnvoller Beschäftigung. Musik kann Bedürfnisse des Alters besonders gut erfüllen. Die
Potentiale von Musik sind bisher noch nicht ausreichend ausgeschöpft.
Zum Altern gehört auch die Wahrscheinlichkeit, an der Alzheimerdemenz zu erkranken. Die Zahl
der Patienten wird in den kommenden Jahrzehnten rasant steigen. Auch Menschen, die an der
Alzheimerdemenz erkranken, haben ein Recht auf kulturelle Teilhabe und auf Sinngebung im
Alltag.
Im Themenfeld Musik und Alter, bzw. Musik und Alzheimerdemenz ist die Praxis der Wissenschaft
um wesentliche Erfahrungen voraus. Gemeinsam müssen Wissenschaft und Praxis an der
Nachhaltigkeit des musikalischen Angebots im Alter und mit Alzheimerdemenz arbeiten.
Das Thema bewegt sich dabei in einer Schnittmenge unterschiedlichster Disziplinen:
Einführung
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Musikwissenschaft, Musikpädagogik und Musikgeragogik, Gerontologie und Gerontopsychiatrie.
Dementsprechend muss die hier vorliegende Dissertationsarbeit als interdisziplinäre Arbeit
verstanden werden. Diese Arbeit wurde von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Denkprozessen und
Arbeitsweisen, aber auch persönlichen Fachleuten der Medizin, Psychologie, Gerontologie und
Gerontopsychiatrie angeregt.
Ausgangsbasis und Wurzeln der vorliegenden Arbeit jedoch liegen in der Musikwissenschaft.
Primär muss der Arbeitsprozess demnach aus einer musikwissenschaftlichen Perspektive verfolgt
werden, da sich aus dieser die Handlungsspielräume der Erhebung, als auch die theoretische
Abhandlung entwickelt haben.
Altern aus Perspektive der Musikwissenschaft, was bedeutet das überhaupt?
Die systematische Musikwissenschaft beschäftigt sich mit dem im weitesten Sinne musikalisch
aktiven Menschen, den Rahmenbedingungen und Voraussetzungen seiner Aktivität, sowie der
Stellung und Funktion von Musikhören und Musizieren im Lebenslauf und der Gesellschaft (zur
Einführung in die Musikpsychologie siehe „Musikpsychologie. Das neue Handbuch“,
herausgegeben von Bruhn, Kopiez & Lehmann, 2008). Der Begriff Alter spielt in die im engeren
Sinne als Musikpsychologie bezeichnete fachliche Auseinandersetzung auf (mindestens) zweierlei
Weise hinein. Zum einen sind mittleres und höheres Erwachsenenalter, und auch das sehr hohe oder
hochbetagte Alter, natürliche Phasen des musikalischen Lebenslaufes. Die Musikpsychologie hat
sich bisher traditionell vor allem um die Phase der Kindheit und Jugend gekümmert. Immer mehr
jedoch rücken auch die nachfolgenden Lebensphasen in den Vordergrund der Betrachtungen.
Demnach ist die Integration des Alters in die musikalische Entwicklungspsychologie eine
notwendige Ausweitung der Perspektive und der Forschungskonzentration.
Das Altern spielt aber neben dem lebenslaufbezogenen Faktum noch in zusätzlicher Weise in den
Fokus der Musikpsychologie. Die Musikpsychologie befasst sich auch mit den menschlichen
Grundvoraussetzungen, bzw. menschlichen Eigenheiten der musikalischen Perzeption. Das heißt,
mit der Frage, was der Mensch an Voraussetzungen (z.B. Gedächtnis, Hörfähigkeiten, neuronale
Muster, siehe hierzu Stoffer, 2008; Kopiez, Lehmann & Bruhn, 2008) mitbringt, um Musik als
Musik wahrnehmen zu können. Innerhalb dieses Zusammenhangs ist es vor allem der sehr junge
Mensch, der in seiner Entwicklung dieser Fähigkeiten beobachtet und erforscht wird und wurde.
Hier bewegte man sich in der jüngsten Vergangenheit immer weiter hin zum Ursprung des Lebens,
bis zum Säugling („der musikalische Säugling“ Spitzer, 2002; Ivaldi, 2008) oder sogar Fötus im
Mutterleib (van de Rijt, 2003; Parncutt, 2004).
Musikalische Wahrnehmung kann nicht angemessen beschrieben werden, wenn nicht auch das
Subjekt der Wahrnehmung differenziert beschrieben wird. Einen „alterslosen“ Prototyp
musikpsychologischer Verhaltensweisen/ Voraussetzungen kann es demnach nicht geben.
Einführung
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Altern ist ein mehrdimensionaler Prozess, der nicht nur Auswirkungen auf Persönlichkeit, Präferenz
und Bedürfnisse haben kann, sondern auch auf grundlegende Prozesse der (musikalischen)
Perzeption.
Der Prozess der Wahrnehmung ist immer ein subjektiver Prozess, der sich an Erlebtem, Erfahrenem
und an erlernten Schemata orientiert. Während Säuglinge und junge Kinder im Vergleich sehr
„unerfahren“ an Musik herangehen, und Wissenschaftler sich gerade für ihre „Offenohrigkeit“
(Hargreaves, 1986) interessieren, differenzieren sich Menschen im Laufe ihres Lebens in ihren
Musik- und Hörbiografien immer weiter voneinander. Innerhalb der Konstellation „Individuum –
Musik“ nimmt das Individuum im Laufe des Alters einen immer spezialisierteren Standpunkt ein.
Dieser wird nicht nur von den tatsächlichen Erfahrungen (abhängig von konkreter musikalischer
Aktivität) geprägt, sondern auch von körperlichen/ kognitiven Fähigkeiten, familiären Beziehungen,
beruflichen Situationen, finanziellen Möglichkeiten, individueller Neugier und Interessen, oder
auch persönlichem Altersbild (was man im Alter noch „darf“). Das von der Musikpsychologie zu
untersuchende Konstrukt der Musikrezeption und Musikproduktion, innerhalb einer Umwelt-
Mensch-Konstellation, wird im Laufe der Entwicklung vom Jugendlichen zum Erwachsenen und
zum Hochbetagten, immer komplexer. Die zu berücksichtigenden Dimensionen innerhalb eines
Gesamtzusammenhanges nehmen immer weiter zu.
Die folgende Arbeit möchte einen kleinen Teil dieses musikpsychologischen Gesamtkonstrukts
„Musik im Alter“ mithilfe interdisziplinärer Herangehensweisen näher untersuchen. Im
Vordergrund stehen dabei die oben genannten altersbedingt veränderten physiologischen/
kognitiven Faktoren seitens des Individuums. Die Frage, welchen Einfluss der normale
Alterungsprozess, aber auch, welchen Einfluss der Prozess der Alzheimererkrankung auf die
Perzeption eines musikalischen Elements hat, soll im Folgenden beantwortet werden.
Gerade aufgrund der musikpsychologischen Wurzeln der Arbeit, sind aber nicht nur die Ergebnisse
der durchgeführten empirischen Studie als Antworten auf die oben genannte Frage zu verstehen.
Vielmehr ist der gesamte Prozess der Arbeit einerseits eine konkrete Verortung innerhalb eines
neuen Forschungsfeldes, aber auch ein Aufzeigen unterschiedlichster Möglichkeiten und
Herangehensweisen.
Im Folgenden wird die Thematik vorerst in den theoretischen Gesamtzusammenhang eingeordnet.
Dabei wird ein sukzessiver Aufbau vom Allgemeinen zum Speziellen verfolgt. Über „das Alter“
allgemein, über die Alzheimerdemenz als eine Form des Alterns, hin zur Integration des
Musikalischen in die Lebensphase Alter. Neben der musikalischen Aktivität im gesunden Alter stellt
die therapeutische Anwendung eine spezialisierte Anpassung an Bedürfnisse der älter werdenden
Gesellschaft dar. Während im ersten Schritt die Seite des Individuums konkretisiert und spezifiziert
wird (gesundes Alter, Alzheimerdemenz), wird im zweiten Schritt auch die musikalische Seite
Einführung
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angesichts der empirischen Überprüfung konkretisiert (Rhythmus als musikalisches Element).
Im Anschluss an diese theoretische Einbettung und Hinführung, wird im zweiten Teil der Arbeit die
empirische Prüfung aufgestellter Leitfragen beschrieben. Auch der empirische Teil der Arbeit
reflektiert den gewählten eigenen Standpunkt innerhalb eines großen und vielseitigen
Forschungsfeldes. Abschließend werden die erhobenen Daten angesichts der vorher geleisteten
theoretischen Einbettung diskutiert.
Insgesamt ist die Arbeit als reflektierter Prozess einer beginnenden Beschäftigung der
Musikpsychologie mit dem Thema Altern und Demenz zu verstehen. Dabei sollen neue Impulse
und inhaltliche Anregungen für zukünftige Forschungsvorhaben gegeben werden.
Alter und Altern
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2 Alter und Altern
„Wann beginnt, der gängigen Phaseneinteilung des Lebens zufolge, die Altersphase? Den Römern
zufolge mit fünfzig. Für die Griechen hingegen erst mit sechzig. Die letztere Datierung war auch
später insgesamt weiter verbreitet. Kant beispielsweise hat sie vertreten. Und an ihr hält man in
unserem Kulturkreis immer noch fest. Seniorenkarten erhält man mit sechzig“
Wolfgang Welsch, 2008, S. 200
2.1 Demografische Situation
Leben impliziert Zeitlichkeit, Zeitlichkeit bedeutet Altern. Die Themen „Älter werden“, „altern“
und „alt sein“ prägen das menschliche Leben von Grund auf. Alte Menschen sind eine feste Größe
der Gesellschaft, unabhängig von Lebenserwartung und Altersverteilung. So gesehen bedarf es der
Beschäftigung mit dem Thema Alter keinerlei weitere Rechtfertigung. Sie bezieht sich auf einen
existenziellen Bereich des Lebens an sich.
Die momentane demografische Entwicklung spitzt die Thematik jedoch forcierend zu. Die
Gesellschaft steht vor einer neuen Herausforderung und alle Instanzen, sei es gesellschaftlicher,
politischer, gesundheitlicher oder sozialer Art, sind aufgefordert, neue Möglichkeiten und Wege im
Umgang mit der großen Anzahl an älteren Menschen zu entwickeln und zu durchdenken.
In einer Pressemitteilung vom 7.11.2006 stellt das Statistische Bundesamt aktuelle Ergebnisse der
11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen vor (Pressemitteilung des Statistischen
Bundesamtes Deutschland Nr. 464 vom 7.11.2006). Die Bevölkerungszahl allgemein sinkt, es wird
weniger Kinder und mehr ältere Menschen geben, die noch dazu immer älter werden. Die
Lebenserwartung der 65-jährigen steigt bis zum Jahr 2050 um 4,5 Jahre. Im Jahre 2050 wird die
Zahl der 60-jährigen doppelt so hoch sein wie die Zahl der Neugeborenen. Schon 2005 gab es fast
gleich viele Neugeborene wie 60-jährige. hrend die Zahl der Kinder und Jugendlichen
kontinuierlich sinkt, wird sich die Zahl der 80-jährigen und Älteren von knapp 4 Millionen (2006)
auf 10 Millionen im Jahr 2050 fast verdreifachen. Der Altersquotient für das Renteneintrittsalter
von 65 Jahren liegt 2006 bei 32 (bezogen auf 100 Personen im Erwerbsalter). 2030 wird er bereits
50 oder 52 betragen und 2050 60 oder 64 erreichen, sodass er 2050 doppelt so hoch ist wie aktuell.
„Deutschland hat die Demografie entdeckt – und mit ihr die demografische Katastrophe“ so ist es in
der Online-Version des Dossiers „Demografie“ der ZEIT unter www.zeit.de/2006/24/Demografie-
Alter und Altern
10
1_xml (Datum des letzten Zugriffs: 18.12.2009) zu lesen. Mittlerweile dürfte die aktuelle Debatte
um die „Vergreisung“ in Deutschland bekannt und in unterschiedlichste Richtungen diskutiert sein.
Auch wenn 2003 noch 52 Prozent der Deutschen noch nie den Begriff „demografischer Wandel“
gehört haben sollen (Kröhnert, van Olst & Klingholz, 2005, Studie „Deutschland 2020“ des Berlin-
Instituts für Bevölkerung und Entwicklung), wird durch zahlreiche auch populärwissenschaftlicher
Veröffentlichungen die Aufmerksamkeit auf die Altersentwicklung in Deutschland gelenkt
(Dinkel, 2008, S. 97).
Die Beschäftigung mit dem Alter, mit den Alterungsprozessen, die Suche nach möglichst optimalen
sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen für das Alter, findet in diesen Zahlen nicht nur ihre
Begründung, sondern wird aus ihnen zur Notwendigkeit. Die demografische Entwicklung stellt die
Gesellschaft vor ein bisher noch nicht erfahrenes Problem, für dessen Umgang Wege und Formen
entwickelt werden müssen. Der individuelle und gesellschaftliche Umgang mit der großen Zahl an
älteren Menschen muss erst gelernt und erfahren werden. Das Altersbild in der Gesellschaft befindet
sich im Wandel und zeigt neben großen Ambivalenzen in Werbung und Medien auch deutlich
optimistischere Entwicklungen vor allem unter jungen Menschen (siehe dazu qualitative Studie von
ReifeNetzwerk & EYE research, 2007).
Demografische Alterung ist kein rein deutsches Phänomen (Dinkel, 2008, S. 97). Seit 1970 sei die
demografische Alterung ein „nahezu universelles Problem“ (ebd., S. 97). „In wenigen Jahrzehnten
werden viele Populationen in Asien oder Lateinamerika, die darauf im Moment noch gar nicht
vorbereitet sind, gleichartige Erfahrungen machen, die in Europa über ein jahrhundert gestreckt
graduell entstanden und damit Zeit für Anpassungen in Gesellschaft und Politik boten“
(Dinkel, 2008, S. 97). Das Tempo der demografischen Alterung spielt demnach für den Umgang mit
dem Phänomen eine entscheidende Rolle.
Diese Zahlen vermitteln einen Eindruck über den aktuellen Stand des Alterns (in) der Gesellschaft.
Für jeden einzelnen Menschen ist der Alterungsprozess jedoch vielmehr eine individuelle
Entwicklung, die sich fern ab von Bevölkerungsprognosen und politischen Debatten vollzieht.
Bisher ist die Forschung noch weit entfernt davon, den komplexen Prozess des Alterns in seinen
vielfältigen Formen annähernd schlüssig beschreiben zu können.
2.2 Lebensphase „Alter“
Jeder möchte alt werden ohne zu altern. Ein möglichst langes Leben wünscht sich jeder, jedoch am
Besten in einem jungen Körper und vitalem Geist.
Alter und Altern
11
Das „Alter“ ist zunächst ein sehr schwer zu fassender Begriff. Der Prozess des Alterns wird
modelliert von gesellschaftlichen Verhältnissen und eigenen Lebensweisen, von Wahrnehmungen
und Deutungen der eigenen Epoche (Ehmer, 2008, S. 149). Welche Zielgruppe dieser Begriff
letztendlich umschreibt, bleibt offen und ist abhängig von selbst bestimmten zugrunde gelegten
Definitionen.
“Alter ist gleichzeitig ein körperliches, psychisches, soziales und geistiges Phänomen“
(Gruß, 2007, S. 15). Dies macht die Fassung und Beschreibung der Lebensphase „Alter“ so
schwierig und komplex. Erst eine interdisziplinäre Herangehensweise kann die Beleuchtung dieses
Begriffes aus unterschiedlichsten Dimensionen gewährleisten. Während es aus
naturwissenschaftlicher Perspektive relativ leicht erscheint, ältere und jüngere Exemplare einer
Spezies voneinander zu unterscheiden, erweist es sich beim Menschen weitaus schwieriger, einen
Menschen als „alt“ zu bezeichnen (Kaufmann, 2008, S. 191). Nach Kaufmann herrscht eine
„verbreitete Irritation über den Begriff des Alters“. Diese entstehe durch die Ablösung des subjektiv
empfundenen Alters vom gesellschaftlich kodierten Alter, das sich vor allem auf das chronologische
Alter reduzieren lässt (Kaufmann, 2008, S.121). Vor allem aus rechtlicher Perspektive wird die
Unterteilung in grobe Altersgruppen (nach chronologischem Alter) durch verbindliche
Altersgrenzen gefördert (Schmidt, 2008, S. 139).
Eine grobe Unterteilung in Lebensphasen nach reinem Lebensalter ist auch hier notwendig, um die
Komplexität des Begriffs zu reduzieren. Allgemein wird zwischen drittem und viertem Lebensalter,
zwischen jungen und alten Alten (Gruß, 2007, S. 16) unterschieden. Diese Bezeichnung geht auf
Laslett (1995) zurück, der zwischen dem „Alter der Selbsterfüllung“ (sog. drittes Lebensalter) und
dem „Alter der Abhängigkeit und Altersschwäche“ (sog. viertes Lebensalter) unterschieden hat.
Heute bezieht sich die Bezeichnung Drittes Lebensalter meistens auf die Lebensjahre zwischen 65
und 80 Jahre, das Vierte Lebensalter auf die Älteren über 80/85 Jahre.
Die begriffliche, inhaltliche und bildhafte Füllung dieser beiden Altersphasen scheint scherenartig
auseinander zu brechen. Baltes und Singer stellten schon 2001 eine wachsende Begeisterung für
eine „neue“ und „glückliche“ Gerontologie fest (Baltes & Singer, 2001, S. 60), die sich auf die
jungen Alten („Third Age“, bis ca. 80) bezieht. Für die noch älteren Menschen über 80 Jahren
(„Fourth Age“) sehe die Zukunft weniger positiv aus (S. 61). Auch außerhalb wissenschaftlicher
oder politischer Überlegungen ist es notwendig, den Begriff des „Alters“, der häufig als
Sammelbegriff für alle über 60-, bzw. 65-jährigen benutzt wird, aufzubrechen, um detailliertere
Unterscheidungen und Begriffe finden zu können.
Zwischen der Lebens- und Entwicklungsphase des 60-jährigen und des 80-jährigen können enorme
Unterschiede liegen. Innerhalb von 20 Jahren entwickelt sich ein Säugling zum jungen
Alter und Altern
12
Erwachsenen, oder wird aus einer jungen Mutter eine Großmutter. Da liegt es nahe, dass auch
zwischen z.B. einem 60- und einem 80-jährigen ebenso vielfältige Entwicklungsphasen und
Veränderungen stehen. Dennoch verleitet der gesellschaftlich bedeutende Einschnitt des
Renteneintritts immer noch viel zu sehr zu einer gedanklichen Grenzziehung zwischen dies- und
jenseits des Rentenalters. Auch die deutsche Rechtsordnung fördert durch ihre definierten drei
großen Altersgruppen der „Kinder und Jugendlichen“, der „Erwachsenen im Erwerbsalter“ und der
„Alten“, bzw. Personen im Ruhestandsalter (Kaufmann, 2008, S. 122) die pauschale Dreiteilung der
Gesellschaft. Damit vernachlässigt man innergesellschaftlich aber die enorm reichhaltige,
vielseitige und auch heterogene Spanne des Erwachsenenalters. Ebenso wie es nicht mehr ausreicht,
zwischen dies- und jenseitigem Rentenalter zu sprechen, so reicht auch das „Drei-Generationen-
Denken“ nicht mehr aus. Zusätzlich zu den gängigen drei Generationen der Kinder, der Eltern
(Erwachsenen) und Großeltern (Alten) ist die Generation der Hochbetagten entstanden.
2.2.1 Das „Vierte“ Lebensalter
Von der Altersverteilung ausgehend sind es tatsächlich die ganz Alten, die sich „neu“ erschaffen
haben, -immer mehr Menschen werden weit über 80 Jahre alt. In diesem Vierten Lebensalter
entsteht das Bild eines mehr und mehr gleichförmigen Verlustgeschehens in praktisch allen
Dimensionen des Lebens. In seiner Entwicklungsrichtung ist das Vierte Alter durch die zunehmende
Pathologie, die Alters-Multimorbidität (Gruß, 2007, S. 16), homogener als das Dritte Alter. Die
Menschen des Vierten Lebensalters sind nicht körperlich oder geistig fitter als die „Alten“ von vor
dreißig Jahren. Heute erreichen sie nur ein höheres Lebensalter. Das heißt, die Phase des Alterns mit
einhergehenden körperlichen und geistigen Verlusten wird durchschnittlich erst später erreicht. Das
Vierte Lebensalter ist dabei eigentlich eine extrem positive Selektion: etwa 95 % der
Geburtskohorte sind dann schon verstorben. Es ist mehr als fraglich, ob sich die historische
Erfolgsgeschichte des jungen Alters auf das Vierte Lebensalter ausdehnen lässt, so Gruß (2007, S.
28). Dennoch besteht Hoffnung: Nach der Theorie der Kompression der Morbidität im hohen Alter
könnten die negativen Aspekte des Alterns (z.B. Krankheiten), bei einer angenommenen
Lebenserwartung von durchschnittlich etwa 90 bis 100 Jahren, auf einen immer kürzeren Zeitraum
vor dem „natürlich“ Tod reduziert werden (Gruß, 2007, S. 30).
Hochbetagte können einen Verlust an kognitivem Potential und adaptiver Ich-Plastizität erleben.
Dass viele sehr alte Menschen nicht zufrieden sind mit ihrer Lebenssituation, zeigt der Wunsch der
90- bis 100-jährigen, bei durchschnittlich 60 bis 70 Jahren im Alterungsprozess stehen geblieben zu
sein (ebd., S. 26).
Das Erlernen neuer kognitiver Lernstrategien, wie etwa das Lernen spezieller Gedächtnistechniken,
Alter und Altern
13
wird im hohen Alter zunehmend schwieriger (S. 26). Bei einer komplizierten kognitiver Technik,
wie der „Methode der Orte“ (eine Mnemotechnik, die darin besteht, die zu lernenden Objekte mit
bekannten Orten zu kombinieren) zeigt sich, dass diese von 90- bis 100-jährigen unter normalen
Lernbedingungen fast nicht mehr erlernbar ist (S. 26).
Sie sind insgesamt weniger zufrieden, von Einsamkeit und weniger Selbststeuerung geprägt. Für die
Musik bedeutet das hochbetagte Alter eine deutliche Reduzierung der Möglichkeiten. Das aktive
Spielen eines Instruments wird zunehmend erschwert. Die damit zusammenhängende körperliche
und geistige Anstrengung wird nur noch ein stark begrenzter Anteil der hochbetagten Musiker
leisten. Über hochbetagte Musiker ist bisher noch nicht viel bekannt. Es fehlen
Langzeitbeobachtungen von alternden Musikern, die über einen längeren Zeitraum in einem
kognitiv-psychosozialen Zusammenhang beobachtet werden.
2.2.2 Das „Dritte“ Lebensalter
Innerperspektivisch gesehen ist es jedoch die Gruppe der „jungen“ Alten, die sich neu formatieren
und die es in dieser Form früher nicht gab. Diese Phase des frühen Alterns ist durch körperliche
Fitness und geistige Ansprüche und Erwartungen an das Leben geprägt. Zu einem „alten“ und
gebrechlichen Alten (nach Altersstereotype) entwickelt man sich heute erst in einem viel höheren
Alter. Dass das Thema Alter und Altern in den Medien sehr populär geworden ist, trägt nicht zu
einer Identitätsstiftung dieser gesellschaftlichen Gruppe bei. Der Begriff Alter schwebt hier
zwischen „anti aging“ und „erfolgreichem Altern“, zwischen Degeneration und Plastizität. Das
Fassen und Beschreiben dieser Entwicklungsphase wird durch eine große Heterogenität zwischen
den Individuen erschwert. Während die Begriffe Kindheit und Jugend noch bestimmte
allgemeingültige Entwicklungsschritte und äußere Einschnitte umfassen, steht der Begriff Alter,
sieht man vom Renteneinstieg ab, völlig isoliert von äußeren Haltepunkten dar. Ältere Menschen
differenzieren sich durch ihre sich immer weiter entwickelnden individuellen Biografien immer
deutlicher voneinander, wobei die persönlichen Ansprüche, Bedürfnisse und Haltungen immer
drängender und stärker werden. Je mehr Lebenserfahrung den Menschen prägen, desto größer
werden die interindividuellen Unterschiede. “Genetische, gesellschaftliche, psychologische und
Zufallsprozesse wirken zusammen, sie ko-konstruieren mehr oder weniger schnelle und inhaltliche
variable Altersverläufe“ (Gruß, 2007). Dies muss sich in der Forschung widerspiegeln: je älter die
Menschen sind, über die wissenschaftlich „verhandelt“ wird, desto individueller ist der Einzelne der
Gruppe, desto größer müssen die Abweichungen vom Durchschnitt sein.
Epidemiologen und Demografen geben an, dass die gegenwärtig 60-jährigen biologisch etwa 5
Jahre jünger sind, als die 60-jährigen der vorherigen Generation (Staudinger & Baumert, 2007, S.
Alter und Altern
14
240). Dieser demografische Trend wurde in seiner Wirkung durch eine zweite große Trendlinie
verstärkt: den dramatischen technologischen Wandel und der Globalisierung der Ökonomie
(Staudinger & Baumert, 2007, S. 240). Der technologische Wandel sorgt dabei für Veränderungen
der Berufs- und Qualifikationsstruktur, die ökonomische Globalisierung für eine Dynamik ihrer
regionalen Verteilungsmuster. Das heißt, es entstehen zunehmende Anforderungen an die
Flexibilität und Lernfähigkeiten der Arbeitnehmer. Staudinger und Baumert sehen in diesen
Prozessen vor allem stärkere Anforderungen an Selbstregulationsfähigkeit, Flexibilität und
Verantwortung für die eigne körperliche und geistige Fitness (Staudinger & Baumert, 2007, S. 241).
Es entstehe so aber auch ein Veränderungsdruck auf Arbeitsorganisationen, Bildungsinstitutionen,
soziale Sicherungssysteme und den gesamten institutionalisierten Lebenslauf.
Die Altersspanne zwischen 60 und 80 Jahren wird weiter an Komplexität und Vielfältigkeit
zunehmen, je mehr jüngere Kohorten in diese Phase „hineinwachsen“. Die dann betreffenden Alten
haben ein Erwachsenenalter erlebt, das weiterführendes Lernen und Weiterqualifikation nicht nur
unterstützt, sondern voraussetzt. Gerade das Internet als ganz entscheidende
Kommunikationsmöglichkeit gehört schon für viele dieser dann neuen „jungen Alten“ zum Alltag.
Dies wird sich deutlich in den individuellen Ansprüchen und erworbenen Möglichkeiten
widerspiegeln. Der Gebrauch des Internets wird die Haltung der älteren Menschen zur Welt und die
Ansprüche an die Welt verändern. Wenn Generationen altern, die mit diesem und anderen neuen
technischem Medien „groß geworden“ sind, wird sich einiges am gesellschaftlichen Umgang mit
Älteren, an der gesellschaftlichen Eingliederung der Älteren und auch am Selbstbewusstsein dieser
Altersgruppe ändern. Sie werden Erwartungen lauter aussprechen, präziser formulieren und mit
mehr Nachdruck ihre Wünsche durchsetzen wollen und können. Dies betrifft nicht nur persönliche,
individuelle, sondern auch vor allem kulturelle, soziale, gesundheitliche oder auch politische
Wünsche. Das Internet ermöglicht uneingeschränkte geistige Anregung, kulturelle Information und
auch Versorgung, zwischenmenschliche Kommunikation und Austausch, Information über
Gesundheit, Bestellen von Arzneien und Lebensmitteln, Information und Anmeldung zu Kursen und
Veranstaltungen, aktuellste Lexika und vieles mehr.
Die zielgruppenspezifische Ansprache und inhaltliche Entwicklung, sowie das entsprechende
Angebot für diese Zielgruppe der Senioren im Internet, wird sich wahrscheinlich in den nächsten
Jahren enorm beschleunigen.
Alter und Altern
15
2.3 Der alternde Körper und Geist
„Unglückliches Geschick der Menschen! Kaum ist der Geist zu seiner Reife gelangt, beginnt der
Körper dahinzuwelken.“
Charles de Montesquieu
Die schwierige und nicht nur in der Philosophie mit breiter Tradition diskutierte „Leib-Seele“
(heute „Geist-Gehirn“) – Problematik wird unter dem Alterungsprozess besonders konzentriert
(unter dem Fokus psychiatrischer Arbeit z.B. dargestellt von Schäfer, 2005; allgemein einführend
z.B. von Edelman & Tononi, 2002). Altern ist ein mehrdimensionaler und schwer messbarer Prozess
(Gunzelmann, 2008; Thomae, 1988). Grundsätzlich können psychologische und physiologische
Alterungsprozesse unterschieden werden. Beide Prozesse sind zwar miteinander verwoben, können
dennoch eigenständige Altersentwicklungen durchlaufen.
Die körperliche Entwicklung im Alter, die mit pathologischen Prozessen und Einschränkungen
assoziiert wird, steht vorerst in einem augenscheinlichen Gegensatz zu der sog. Altersweisheit
(„persönliche Weisheit“, wie sie von Dittmann-Kohli, 1997 beschrieben wird), oder dem
„seelischen“ Altern des Menschen. Aber Körper und Geist sind nicht zwei isolierte Entitäten, die
unabhängig voneinander altern. Geistige und körperliche Prozesse werden gleichermaßen vom Alter
geformt, miteinander vermischt und sind zudem voneinander abhängig. Peter Gruß (2007)
verdeutlicht dies mit folgendem Beispiel: Eine Gruppe ältere Frauen steht in der Straßenbahn und
unterhält sich. Plötzlich holpert die Bahn, die Älteren sind in Gefahr, ihr Gleichgewicht zu
verlieren. Sie beenden ihr Gespräch und konzentrieren sich auf ihren festen Stand. Junge Menschen
dagegen reden einfach weiter (S. 22).
„Je mehr Bewegung und Koordination des Körpers verbrauchen, umso weniger ist übrig für
die eigentlichen geistigen Aktivitäten, zumal die Gesamtmenge unseres Intelligenzkontos,
unserer geistigen Kapazitäten im Alter kleiner wird. Das Körperliche wird also zu einer
quasipermanenten und immer teurer werdenden Hypothek des Geistes“ (Gruß, 2007, S. 22).
Körperliches Training im Alter bedeutet demnach auch Entwicklung von freien Kapazitäten für
kognitive Anforderungen. Je mehr Kraft der Körper bei seinen alltäglichen Aufgaben benötigt,
Alter und Altern
16
desto weniger Reserve bleibt für kognitive Ansprüche. Genauer untersucht wird der Zusammenhang
körperlicher und kognitiver Ressourcen innerhalb von sogenannten
„dual task“ -Studien. Dabei werden die Leistungen motorischer und kognitiver Fähigkeiten, bei
gleichzeitiger Aufgabenstellung, untersucht (z.B. Gehen und in Siebener-Schritten rückwärts
zählen). Dabei können eventuelle Leistungseinbußen eines der beiden Bereiche beobachtet werden
(z.B. Lindenberger, Mariske & Baltes, 2000; Li, et al., 2001). Bisher ist die Forschungslage zu
altersbedingten Defiziten bei zwei parallel zu lösenden Aufgaben relativ unheterogen (Göthe,
Oberauer & Kliegl, 2007), jedoch wird die „dual task“ -Fähigkeit auch als Marker für die
Alzheimerdemenz diskutiert (ebd. S. 596, Camicioli, et al., 1997). Demnach sollen frühe Defizite
bei der Bearbeitung von „dual-task“ Aufgaben auf die Entwicklung einer Alzheimerdemenz
hindeuten.
Durch körperliche Abbau- und Verschleißprozesse kann das Spielen eines Instruments im Alter die
Aufmerksamkeit vor alle auf die motorischen Grundlagen lenken. Alterserscheinungen erschweren
die motorische Realisierung und verzögern somit die nötige Freiheit für die Interpretation der
Musik. Ist die Aufmerksamkeit des Spielers zu sehr von motorischen Aspekten beansprucht, bleiben
weniger kognitive Reserven für eine „inhaltliche Durchdringung“ des Stückes. Dies kann dazu
führen, dass Ältere länger üben müssen, um ein ähnliches Ergebnis wie Jüngere zu erreichen. In der
„dual task“ -Studie von Göthe, Oberauer und Kliegl (2007) erreichten die Älteren im Vergleich zu
den Jüngeren jedoch auch trotz mehrwöchigen Übungseinheiten nicht annähernd ähnliche
Leistungen wie die jungen Teilnehmer.
Im musikalische Kontext muss berücksichtigt werden, dass die motorischen Aspekte des
Musizierens umso weniger Energie einnehmen, je länger sie trainiert und je früher mit dem Training
begonnen wurde (Hund-Georgiadis & Cramon, 1998). Sind die motorischen Abläufe beim
Musizieren schon seit Kindheitstagen fest „programmiert“, werden auch im Alter immer noch
ausreichend Reserven für den „geistigen“ Aspekt der Musik vorhanden sein.
2.3.1 Fähigkeitsentwicklungen
In der Gesellschaft sind ganz unterschiedliche Altersstereotype zu finden. Diese können sowohl
eher negativ (Krankheit und Gebrechlichkeit), als auch positiv (Aktivität und Teilnahme) belegt sein
(siehe hierzu Schmitt, 2004). Das Alter ist wie jede andere Entwicklungsstufe auch, von sowohl
persönlichen Gewinnen, als auch Verlusten geprägt. Mit steigendem Alter wächst jedoch die
Schwierigkeit, eine positive Balance zwischen Gewinnen und Verlusten aufrecht erhalten zu können
(Baltes, 1996).
Alter und Altern
17
Verluste scheinen eher im Verhältnis zu vorhergehenden Stationen zu entstehen. Aus der Sicht des
Kindes zeigt ein Jugendlicher immer weniger kindliche Verhaltensweisen. Diese für den
Jugendlichen neuen Verhaltensweisen dürften aus Sicht des Kindes Defizite sein, wie z.B. fehlendes
Interesse an Familie, Verlust des Spieltriebes und der Kommunikationslust. Jedoch erscheinen aus
der Sicht des Erwachsenen diese Prozesse nötig, um den Schritt ins Erwachsenenalter meistern zu
können. Aus Perspektive des Erwachsenen sind es also vor allem Gewinne, die die veränderten
Verhaltensweisen des Jugendlichen charakterisieren, z.B. an Zuverlässigkeit, Vernunft oder
Selbstständigkeit. Als Perspektive für das Alter kann es nur die Entwicklungsstufe unterhalb des
hohen Alters geben, da im Anschluss der Tod folgt. Es wird also immer eine Altersstufe geben,
diejenige des hohen Alters vor dem Sterben, die wir nicht anhand dessen betrachten können, wofür
die möglichen Veränderungen nötig sind und welche Gewinne sich langfristig aus ihnen ergeben
werden. Diesem Mangel an Perspektiven auf das hohe Alter wird man nicht umgehen können. Es
kann nur die Perspektive des Erwachsenen, des „jungen“ Alten herangezogen werden, aus deren
Sicht sich die Veränderungen im hohen Alter vor allem als Verluste und Defizite darstellen.
Martin, Kliegel & Tesch-Römer (2008) definieren Entwicklung im Alter „als Veränderung und
Stabilität, die sinnvollerweise auf die Zeitdimension Lebensalter bezogen werden“ (S. 14). Dabei ist
Entwicklung von nachhaltigen Veränderungen abhängig. Veränderung und Stabilität über die Zeit
hinweg, aber auch gleichzeitig in unterschiedlichen Ressourcen, soll insgesamt zu „hoher Stabilität
in Zielgrößen wie der Autonomie oder dem Wohlbefinden führen“
(Martin, Kliegel & Tesch-Römer, 2008, S. 15).
Der Alterungsprozess verläuft individuell und intraindividuell in unterschiedlichem Tempo und
Ausmaß. Demnach kann allgemeingültige und „absolute“ Beschreibung von Defiziten und
Gewinnen des Alterungsprozesses stattfinden. Die Entwicklung im Alter ist abhängig von
gegebenen Umweltbedingungen (aktuelle Lebenssituation), aber auch von erworbenen Ressourcen
und dem entwickelten Lebensstil (Ernährung, Bewegung).
Dennoch bietet die Konzentration auf positive oder negative Aspekte (nicht wertend, sondern in
Form von „Verminderung“ oder „Zuwachs“), die Möglichkeit, diese Station möglichst objektiv zu
skizzieren.
Prägend für das Alter ist ein „Dualismus“ von Körper und Geist. Die gängigen mit dem Alter
einhergehenden Veränderungen sind körperlicher Natur (z.B. Bewegungseinschränkungen,
Reaktionsfähigkeiten oder Kraft). Häufig können diese körperlichen Veränderungen Abbau-
Verschleiß- oder Verlangsamungsprozessen zugeordnet werden.
Der „Geist“ scheint dabei vielmehr von kulturellen oder gesellschaftlichen Tendenzen beeinflussbar
zu sein. Geistige Fitness im Alter wird heute immer selbstverständlicher. Der kausale
Alter und Altern
18
Zusammenhang zwischen Alterungsprozessen des Körpers und des Geistes ist, wenn er existiert,
vielschichtig und nicht transparent. Wechselwirkungen jeglicher Art sind zumindest anzunehmen.
Die Konstruktion von Altersbildern in Werbung und Medien (z.B. Röhr-Sendlmeier & Ueing, 2004)
zeigt deutlich eine Phase des Unschlüssigen, Unentschiedenen und der Heterogenität. Was ist das
Alter, wie nehmen wir alte Menschen wahr und welche Rolle spielen ältere Menschen in unserer
Gesellschaft? Diese Fragen werden in der Zukunft eine bedeutende Rolle spielen, z.B. für den
alltäglichen Umgang miteinander, für das gesellschaftliche Alltagsbild in der Öffentlichkeit und die
marktwirtschaftliche Entwicklung. Kaufmann (2008, S. 124) sieht in der „Inkongruenz zwischen
kollektiven Altersstereotypen und alltäglichen wie auch wissenschaftlichen Erfahrungen und der
Variabilität individueller Alterserscheinungen“ eine bedeutende Ursache für die „Irritationen“ des
Themas „Alter“ heute. Altersstereotype treffen nach Kaufmann aufgrund der zunehmenden
Variabilität von Gesundheitszustand und Leistungsfähigkeit im Alter zwischen 40 und 70, bzw. 80
Jahren weit weniger zu, als bei Jüngeren und Älteren (S. 124).
Um sich dem Alterungsprozess vorerst möglichst objektiv zu nähern, stellt eine Beschreibung der
Fähigkeitsveränderungen, oder auch Stabilitäten und Zunahmen im Alter, eine erste Basis dar.
2.3.2 Verluste/ Neuronale Ebene
“As we age our brains shrinks in volume, particularly in the frontal cortex. As our
casculature ages and our blood pressure ries the possibility of stroke and ischaemia increases
and our white matter developes lesions. Memory decline also occurs with ageing and brain
acitvation becomes more bilateral for memory tasks“ (Peters, 2006, S. 84).
Mit dem Alter verbundene Risiken und Veränderungen sind den meisten Menschen weitläufig
bekannt. Eine reduzierte Gehirnleistung im Alter ist für viele Menschen jedoch mit der größten
Angst verbunden (Esiri, 2007, S.181). Das Gehirn steht dabei für das eigene Wesentliche, für die
Persönlichkeit, - und es führt an Grenzen, sich den Verlust des eigenen Selbst vorzustellen. Eine
nicht unbedeutende Rolle spielt dabei die Beobachtung, dass das Gehirn einiger Menschen viel
besser altern kann, als das Gehirn Anderer (Esiri, 2007, S. 181). Obwohl seit dem 19. Jahrhundert
die Gehirnveränderungen im Alter studiert werden, bestehen doch überraschende Uneinigkeiten
über diese Veränderungen und deren Hintergründe. Das Gehirnvolumen reduziert sich im Alter
zwischen 30 und 50 Jahren um 0.1 – 0.2 % pro Jahr. Im Alter über 70 Jahren reduziert sich das
Gehirnvolumen durchschnittlich um 0.3 – 0.5% pro Jahr. Dies liegt in Übereinstimmung mit
Gehirngewichtsstudien (Esiri, 2007, S. 182). Nach Peters (2006) reduziert sich das Gehirnvolumen
um 5 % pro Jahrzehnt, nach einem Alter von 40 Jahren. Jedoch ist die Veränderung nicht in allen
Alter und Altern
19
Gehirnregionen gleichermaßen anzutreffen (Peters, 2006, S. 84).
Es besteht noch eine große Kontroverse über das Vorhandensein und das Ausmaß an neuronalem
Verlust (S. 182). Alterseffekte auf das Gehirn und auf Kognition sind weit verstreut und haben
multiple Kausalitäten (Peters, 2006, S. 84). Frühe Studien, beginnend in den 1950ern, untersuchten
den neuronalen Verlust im zweidimensionalem Raum: sie kamen auf einen neuronalen Verlust von
ca. 10 - 60 %, die genauen Werte waren abhängig von der Studie und der neuronalen Population die
untersucht wurde (Esiri, 2007, S. 182). Burke & Barns (2006) betonen aber, dass in den meisten
Gehirnarealen ein neuronaler Verlust keine signifikante Rolle spiele, in Bezug auf den
altersabhängigen kognitiven Verlust (S. 30). Dies ist gegensätzlich zu den oben genannten frühen
Studien, in denen über einen neuronalen Verlust mit steigendem Alter berichtet wurde. Durch neue
technische und methodische Möglichkeiten wurden jedoch nach Burke & Barns (2006) die alten
Daten revidiert (S. 30). Demnach sei das signifikante Zellensterben im Hippocampus und
Neocortex kein Charakteristikum normalen Alterns (S. 30).
Die Prozesse des „normalen“ Alterns zu verstehen ist Grundlage dafür, ein Verständnis typischer
Alterserkrankungen wie Alzheimerdemenz oder Parkinson zu entwickeln. Das Verständnis der
degenerativen Prozesse bei Alzheimerdemenz oder Parkinson setzt somit das Verständnis für die
neuronalen Veränderungen beim „normalen“ Alterungsprozess voraus (Esiri, 2007, S. 183; Burke &
Barns, 2006, S. 30).
2.3.3 Verluste/ Kognition und Gedächtnis
„Die Angst vor dem Verlust der geistigen Fähigkeiten, ja die Angst vor dem geistigen
Verfall im Alter, stellt eine der uralten Menschheitsängste dar und suggeriert ein
Schreckensbild, das an seinem individuellen Drohpotential trotz modernster
naturwissenschaftlicher Medizin und neuesten Pflegeansätzen bis heute nichts eingebüßt
hat“ (Zehender, 2005).
Eine unspezifische Verlangsamung und eine verringerte Flexibilität in Bezug auf Umweltreize
werden oft von älteren Menschen selbst oder ihrem nahen Umkreis festgestellt. Einen
altersbedingten allgemeinen leistungsmindernden Faktor kann man auf die stärkere Korrelation der
Intelligenzdimensionen zurückführen. Die Intelligenz ist also zwar noch mehrdimensional
strukturiert, jedoch weisen die einzelnen Dimensionen im Alter eine stärkere Korrelation
miteinander auf (Smith & Baltes, 1999). Auch werden die Sinnessysteme tatsächlich generell etwas
weniger sensitiv gegenüber Umweltreizen (Tesch-Römer & Wahl, 1996). Das heißt, der
Wahrnehmungsprozess wird selektiver gegenüber eintreffenden Reizen. Die Umwelt des alternden
Alter und Altern
20
Menschen wird dadurch subjektiver. Eine Verlangsamung in der Verarbeitung neu eintreffender
Reize ist z.B. begründet in einem längeren Erhalt des visuellen Speichers. Ältere Menschen
brauchen im Vergleich zu Jüngeren mehr Zeit bis der ikonische Speicher geleert und wieder
aufnahmebereit ist (Setz, 2003). Für den akustischen Speicher (Echo) wurden analoge Ergebnisse
berichtet (Balota, et al., 2000, zitiert nach Setz, 2003, S. 396).
Ein weiterer geradezu mit dem Alter assoziierter Faktor ist das Nachlassen des Gedächtnisses. Dies
ist auch die am häufigsten thematisierte und am deutlichsten selbst wahrnehmbare kognitive
Veränderung im Alter (Peters, 2006, S. 84). Gesunde ältere Menschen zwischen 70 und 80 Jahren
erinnern sich bei standardisierten Gedächtnistests etwa an halb so viele Informationen, wie jüngere
Personen um die 20 (Troyer, 2001, zitiert nach Setz, 2003, S. 396). Jedoch sind nicht alle
Gedächtnissysteme gleichermaßen betroffen.
Das Gedächtnis kann in vier Bereiche aufgeteilt werden: episodisches Gedächtnis, semantisches
Gedächtnis, prozedurales Gedächtnis und Arbeitsgedächtnis. Die ersten beiden Gedächtnisbereiche
sind in Bezug auf den Alterungsprozess am stärksten betroffen (Peters, 2006, S. 85). Ab dem
mittleren Alter nimmt die Leistung des episodischen Gedächtnisses ab. Außerdem ist ein Verlust
innerhalb des episodischen Gedächtnissen charakteristisch für den signifikanten Gedächtnisverlust
bei Alzheimerdemenz (Peters, 2006, S. 85). Das semantische Gedächtnis steigert sich graduell vom
jungen bis zum mittleren Alter, nimmt aber dann im hohen Alter wieder ab. Die Gründe für diesen
im hohen Alter absteigenden Verlauf sind noch weitestgehend ungeklärt.
“It has been hypothesised that the very elderly have less resources to draw on and that their
performance may be affected in some tasks by slower reaction times, lower attentional
levels, slower processing speed, detriments in sensory and or perceptual functions, or
potentially a lesser ability to use strategies“ (Peters, 2006, S. 85).
Das Arbeitsgedächtnis ist vom Alterungsprozess am deutlichsten betroffen. Bei einer von Wingfield
und Mitarbeitern (1988, zit. nach Parkin, 1996) sog. “loaded word span” -Aufgabe, schneiden
Ältere deutlich schlechter ab als ihre junge Kontrollgruppe. Diese Aufgabe forderte die Teilnehmer
auf, Sätze zu lesen und zu entscheiden, ob dieser sinnvoll ist oder nicht. Dabei wurden die
Teilnehmer zu unterschiedlichen Zeiten aufgefordert, das letzte Wort des gelesenen Satzes zu
wiederholen. Diese Resultate weisen auf einen altersbezogenen Abbau des Arbeitsgedächtnisses hin
(Parkin, 1996, S. 182). Diese Annahme wird durch eine Vielzahl weiterer Untersuchungen im
Paradigma des Arbeitsgedächtnisses unterstützt (z.B. Morris, et al., 1988; Gick, et al., 1988; zitiert
nach Parkin, 1996, S. 182). Das Arbeitsgedächtnis kann als Set aus Subsystemen beschrieben
Alter und Altern
21
werden, die jeweils durch eine zentrale Exekutive kontrolliert werden. Das Arbeitsgedächtnis
integriert Informationen verschiedener Quellen und ist fundamental involviert in Prozesse des
Denkens, Problemlösens, Entscheidens und in nahezu alle kognitiven Operationen des Alltags.
Bisher herrscht Einigkeit darüber, dass Altersunterschiede im Arbeitsgedächtnis bestehen (S. 45).
Die genaue Natur der reduzierten Leistung des Arbeitsgedächtnisses wird dabei unterschiedlich
diskutiert. Salthouse (1990) begründet die Defizite durch eine Reduzierung der
Prozessgeschwindigkeit. Hier kommt die „Restaurantanalogie“ zum Tragen. Sie beschreibt die
Kapazität eines Restaurants als stärker abhängig von der Geschwindigkeit der Arbeit in der Küche,
als von der Anzahl der Plätze.
Es fällt Älteren schwer, sich Stimuli einzuprägen und sie nach einer Periode der Ablenkung zu
reproduzieren. Dabei sind die Alterseffekte jedoch konstant, d.h. sie wachsen nicht mit
zunehmender Dauer der Ablenkungsphase. Trotz gravierender Einbrüche der Fähigkeit zur freien
Wiedergabe des gelernten Materials, sind jedoch die Leistungen des Wiedererkennens kaum
verändert (z.B. White & Cunningham, 1982, zit. nach Parkin, 1996, S. 183). Das liefert nach Micco
& Masson (1992) einen Hinweis auf den altersbedingten Abbau der Fähigkeit, kontextspezifische
Informationen zu enkodieren und abzurufen. Gibt man also statt der freien Reproduktionsaufgaben
sogenannte Wiedererkennungsaufgaben vor, die weniger selbstinitiierte Aktivität verlangen, ist der
Unterschied zwischen den Altersgruppen gering (Gold, 1995, S. 81; Parkin, 1996, S. 183). Auf
Ebene des Langzeitgedächtnisses verschlechtert sich also die Wiedererinnerungsleistung im Alter,
wenn sie durch sog. Recall-Aufgaben ermittelt werden (freie Wiedergabe).
Wiedererkennungsleistungen jedoch (getestet durch Aufgaben die z.B. mit „bekannt“ oder
„unbekannt“ beantwortet werden können) werden kaum oder gar nicht vom Alter beeinflusst
(S. 46). Defizite der Wiedererinnerungsleistung werden häufig auf defekte Encode- und
Retrievalprozesse zurückgeführt, in Verbindung mit mangelnder Kontexthilfe.
Typische Befunde beim Vergleich von Behaltensleistungen zwischen älteren und jungen
Teilnehmern sind nach Perlmutter (1979): beide Altersgruppen erzielen bei der
Wiedererkennungsleistung die höchsten, bei der freien Reproduktionsleistung die niedrigsten
Leistungen. Leistungsunterschiede zwischen den Altersgruppen fallen bei der
Wiedererkennungsaufgabe am geringsten aus (Gold, 1995, S. 81). Besonders deutlich sind
Leistungsunterschiede zwischen den Altersgruppen, wenn Abrufhilfen vorgegeben werden. Diese
Hilfen können nicht effektiv genutzt werden, sodass anstelle einer kompensatorischen
Behaltenssteigerung eine Zuspitzung von Altersunterschieden resultiert (Gold, 1995, S. 81).
Außerdem steigen die Leistungsunterschiede zwischen jung und alt bei zunehmender
Aufgabenkomplexität (sog. „Alters-Komplexitäts-Effekt“, Denksportaufgabe mit stufenweiser
Alter und Altern
22
Erhöhung der Komplexität, beschrieben z.B. von Clay (1954; zitiert nach Gold, 1995, S. 99)).
Dieser Effekt gilt als sehr robust (Gold, 1996, S. 99) und hat sich für eine Vielzahl kognitiver
Leistungsanforderungen nachweisen lassen (Überblick: Salthouse, 1991a; zitiert nach Gold, 1996).
Die empirische Anbindung des theoretischen Konstrukts „Komplexität“ erfolgt in der Regel über
Lösungswahrscheinlichkeiten und Reaktionszeitdifferenzen. „Leichtere Aufgaben sind leicht, weil
sie von vielen Personen (besonders schnell) gelöst werden, schwere Aufgaben sind komplex, weil
sie nur von wenigen Personen erfolgreich bearbeitet werden“ (Gold, 1995, S. 100).
Altersbezogene Leistungseinbußen in beträchtlichem Umfang sind auch bei der Prüfung des
expliziten Gedächtnisses (verbale oder visuell-räumliche Gedächtnisaufgaben) aufgetreten (Gold &
Hasselhorn, 1991; Gold, 1995; Gold & Gruber, 1996; Schugens, et al., 1997; zitiert nach Setz,
2003, S. 21). Ältere Teilnehmer erinnern bei ähnlichen Aufgaben zwar insgesamt weniger Items als
jüngere Menschen, aber es existiert keine Altersunterschiedlichkeit in der Rate des Vergessens über
die Zeit hinweg (Parkin & Walter, 1991, zit. nach Cohen, 1996, S.45). Alzheimerpatienten dagegen
zeigen eine schnellere Vergessensrate als gesunde Ältere (Morris, 1986, zit. nach Cohen 1996, S.
45).
Die unterschiedlichen Gedächtnisebenen (semantisch, episodisch und prozedural) zeigen insgesamt
unterschiedliche Altersabhängigkeiten. Die Dissoziation von Alterseffekten legt nahe, dass ein
Mindestgrad an Verletzbarkeit / Anfälligkeit besteht (Cohen, 1996, S. 46). Dabei ist das episodische
Gedächtnis für defizitäre Alterungsprozesse am anfälligsten, das semantische Gedächtnis weniger
anfällig und das prozedurale Gedächtnis nur minimal beeinflussbar.
In der freien Wiedergabe (free recall) von Wortlisten, bei Erinnerungsfähigkeiten mit Hinweisreizen
(cued recall) innerhalb eines gepaarten Assoziationslernens, sowie bei Gedächtnisleistungen für
Texte, zeigen Ältere im Vergleich zu Jüngeren für alle Aufgabenbereiche konsistente
Altersunterschiede.
Auch das Gedächtnis für persönlich erfahrene Ereignisse scheint ähnlich beeinträchtigt zu sein.
Cohen, Convay & Maylor (1994, zit. nach Cohen, 1996) testeten das Behalten einer Situation in der
ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis gelernt wurde 11 Monate später bei ihren Probanden. Die
ältere Gruppe erinnerte weniger Details und machte mehr konfabulative Fehler (S. 47) als die
jüngere Gruppe.
Die Organisation des semantischen Gedächtnisses verändert sich im Alter jedoch nicht. Dies lassen
Tests zur Wortassoziation oder zu Kategorienurteilen vermuten.
Das prozedurale Gedächtnis für gut gelernte motorische Fähigkeiten bleibt im Alter sehr gut
erhalten. Jedoch wird das prozedurale Lernen neuer Fähigkeiten langsamer (S. 47). Dies spricht
dafür, dass denjenigen Älteren das Musizieren leichter fällt, die in ihrer Kindheit damit begonnen,
Alter und Altern
23
bzw. Erfahrungen damit gewonnen haben. Das Neulernen der motorischen Fähigkeiten für das
Instrumentalspiel dürfte demnach schwerer sein.
Das implizite Gedächtnis scheint kaum vom Alter beeinflusst zu sein. Altersunterschiede beim
Silbenvervollständigen (z.B. „So“ in „Sonne“) sind kleiner, als die der expliziten
Gedächtnisfähigkeiten. Einige Studien deuten darauf hin, dass das implizite Gedächtnis gar nicht
vom Alter beeinflusst wird (Light und Singh, 1987).
Nicht nur für Wissenschaft und Forschung ist es essenziell, normales Altern von pathologischen
Prozessen abzusetzen. Für viele ältere Menschen ist diese imaginäre Grenze zwischen „noch
gesund“ und „schon pathologisch“ sehr wichtig. Sie fragen sich, ob die bei sich selbst beobachteten
Fähigkeitsverluste im Alltag normal sind oder krankhaft. Normales Altern und Demenz liegen auf
einer kontinuierlichen Dimension (Cohen, 1996, S. 44). Im Alter werden die Menschen
heterogener: die intra- und interindividuellen Unterschiede bei der Bearbeitung einer Aufgabe
können groß sein (Cohen, 1996, S. 44). Experimentelle Studien weisen auf viele Dissoziationen hin,
d.h. die Fähigkeiten innerhalb eines Testbereiches sind unabhängig von denen in anderen
Testbereichen. Hieraus ergibt sich eine System- versus Prozess-Debatte (Cohen, 1996, S. 44). Die
Systemtheorie geht von vielen verschiedenen modularen Gedächtnissystemen aus, die unabhängig
voneinander vom Alter berührt werden. Die Prozesstheoretiker gehen davon aus, dass die
Prozesskapazität oder Prozesseffizienz reduziert ist. Das heißt, eine verminderte Leistung beruht auf
Übersteigung der Prozesskapazitäten, oder auf einem defekten Prozess (Cohen, 1996, S. 44).
Ein interessantes Detail, bei der Stellung von Lernaufgaben bei älteren Menschen, wird durch eine
Studie von Gold & Gruber (1996, zitiert nach Setz, 2003, S. 89) deutlich: Leistungsbezogene
Rückmeldungen während des Lernprozesses (positives oder negatives Feedback) trugen nicht dazu
bei, die Altersunterschiede zwischen alt und jung zu verringern (Setz, 2003, S. 89). Vielmehr
wurden die Leistungsunterschiede sogar noch verstärkt. Dies spricht für eine altersdiskrepante
Verarbeitung der Leistungsrückmeldung (Gold, 1995) und dürfte ist abhängig von der
Aufmerksamkeitsrichtung des Probanden. Diese ist entweder auf die Leistung gerichtet (durch
Feedback), oder auf die Aufgabe (ohne Feedback). Eine Lenkung der Aufmerksamkeit des
Probanden (oder Schülers) auf die Leistung durch Feedback erhöhte hier die Leistungsdiskrepanzen
zwischen alt und jung.
Alter und Altern
24
2.3.4 Verluste / Musikalische Gedächtnisleistungen
Diese im Alterungsprozess beobachteten Defizite sind innerhalb der Psychologie vor allem mit
verbalem oder visuellem Material beobachtet worden. Für musikalisches/ auditorisches Material
liegen bisher wenig Befunde vor. Aber auch hier zeichnen sich Altersunterschiede ab, z.B. brauchen
Ältere mehr Zeit und Übung, um ähnliche Leistungen zu erzielen wie jüngere Teilnehmer (Mack,
1982). Ältere zeigen nach Bartlett & Snelus (1980, nach Gembris, 2008) geringere Leistungen im
musikalischen Langzeitgedächtnis. Auch im Kurzzeitgedächtnis fallen ältere Probanden durch
geringere Leistungen auf (Smith, 1991, zit. nach Gembris 2008). Dowling et al. (2008) haben den
Einfluss von Alter auf die Diskriminationsleistung von Melodien in langsamen und schnellem
Tempo untersucht. Sie beziehen sich in ihrer Studie auf eine frühere Untersuchung von Andrews
(1998) zu demselben Thema. Dabei wurden drei Altersgruppen miteinander verglichen (18-30, 31-
59, über 60). Neben dem Altersfaktor wurde musikalische Vorerfahrung und Vertrautheit mit dem
Material berücksichtigt. Die Leistung, zwei vorgegebene Melodien nach Übereinstimmung oder
Verschiedenheit zu beurteilen, sinkt nach Dowling et al. (2008) leicht mit dem Alter und steigt mit
zunehmender musikalischer Vorbildung. Neben den drei Altersgruppen wurden drei Gruppen
musikalischer Vorerfahrung (Unerfahren, moderate Erfahrung und professionelle Musiker) gebildet.
Dabei war der Effekt der musikalischen Vorerfahrung deutlich stärker als der Alterseffekt.
Blanchet, Belleville & Peretz (2006) haben die Fähigkeit zum episodischen Enkodieren im Alter
mit musikalischem Material getestet. Mit Hilfe ihres Studienparadigmas konnten sie den Einfluss
der Aufmerksamkeitsreserve auf episodische Gedächtnisleistungen für neue musikalische Stimuli
testen. Geteilte Aufmerksamkeit reduzierte bei den älteren Probanden die Enkodierleistung des
musikalischen Materials. Somit gehen die Autoren davon aus, dass der altersbedingte Verlust der
Fähigkeit zur geteilten Aufmerksamkeit domänenunabhängig und nicht auf verbales Material
beschränkt ist. Ebenso wurden altersbedingte Verluste beim Wiedererkennen und Benennen von
bekannten Gesichtern (Maylor, 1990) auf das Wiedererkennen und Benennen musikalischer
Sequenzen aus dem Fernsehen (Maylor, 1991) übertragen.
Diese Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich die durch allgemeine psychologische Studien
erwiesenen Befunde zur Verringerung der Gedächtnisleistungen mit dem Alter, auch auf den
musikalischen Bereich übertragen lassen. Insgesamt sind die Untersuchungen zum musikalischen
Gedächtnis im Alter aber noch rar und insgesamt nicht ausreichend systematisch. Die hier
vorgestellten Erkenntnisse werden in der Diskussion der eigenen Ergebnisse nochmals aufgegriffen.
Alter und Altern
25
2.3.5 Nicht beeinträchtigte Bereiche
Den oben beschriebenen Beeinträchtigungen im Alter steht ein ungemein breites Spektrum an
höchst unterschiedlichen, individuellen Alterungsprozessen entgegen.
Fortschritte in der gerontologischen Längsschnittforschung trugen in den 90er Jahren zu einer
Korrektur vieler Vorstellungen über das psychische Altern bei. Längsschnittstudien (z.B. Schaie,
1995, Seattle-Längstschnittstudie; zitiert nach Lehr, 2003, S. 76) bestätigen die Stabilität der
wichtigsten mentalen Fähigkeiten bis zur Mitte der achten Dekade. Die Abnahme der Intelligenz
und Gedächtnisfunktionen im Alter wird nicht bestätigt (Lehr, 2003). Die Bonner Gerontologische
Längsschnittstudie (BOLSA) (Lehr, 2003) stellte ebenfalls erst nach dem Eintritt ins neunte
Lebensjahrzehnt Verschlechterungen der Intelligenzleistungen fest.
Ältere Menschen weisen trotz eines allgemeinen leistungsmindernden Faktors im Alter, eine
enorme interindividuelle Variabilität (abhängig auch von Schulbildung, Lebensweise, Gesundheit,
Aktivität etc.) in der gesamten Altersspanne und bei allen Fähigkeiten auf (Smith & Baltes, 1999).
Grundsätzlich weist dies auf vielfältige Mechanismen und Wirkfaktoren hin, die nötig sind, um den
Abbau oder die Erhaltung der geistigen Fähigkeiten im Alter zu erklären.
Weitgehend unbeeinflusst von Alterungsprozessen bleibt das Gedächtnissystem der
Kurzzeitspeicherung. Altersunterschiede in Aufgaben zum Kurzzeitgedächtnis, wie Zahlen- oder
Buchstabenspannen, sind meistens klein oder nicht existierend (Cohen, 1996, S. 45).
Dieses unmittelbare Gedächtnis bleibt auch im späteren Lebensabschnitt erhalten (die Leistung
nimmt lediglich um ca. acht Prozent ab; z.B. Botwinick & Storandt, 1974, zitiert nach Parkin,
1996, S. 182). Diese Resultate sind seid vielen Jahren beachtlich konsistent (Kausler, 1990, zitiert
nach Parkin, 1996, S. 182).
Die psychische Lage alter Menschen wird in der Berliner Altersstudie von Mayer & Baltes (1999)
weitaus positiver gezeichnet, als Vorurteile es erwarten ließen. Alte Menschen weisen im
Durchschnitt ein aktives Interesse an der gegenwärtigen Umwelt, der eigenen Person und sozialen
Beziehungen auf (Hinweise aus Antworten zu der offenen Frage „Wer bin ich?“). Besonders
bedeutsam für die Lernsituation im Alter dürfte die durch das Alter praktisch unbeeinflusste
internale Kontrolle sein (Baltes, 1999). Diese bezeichnet z.B. die Auswahl und Verfolgung eines
persönlichen Ziels. D.h., die für das Lernen neuer Inhalte nötige Motivation und Konzentration,
sowie das selbständige Fassen eines Lernziels, sind unverändert im Alter erhalten.
Insgesamt bleibt bei ausreichender Hilfestellung die Merk- und Lernfähigkeit bei Personen ohne
klinische Demenzdiagnose bis ins höchste Alter erhalten (Reischies & Lindenberger, 1999).
Nach dem Modell der Dedifferenzierung kognitiver Funktionen, „verschmelzen“ im höheren
Alter und Altern
26
Lebensalter verschiedene Dimensionen zu zwei zentralen Dimensionen: kristalline und fluide
Leistungen. Dabei sind die kristallinen („power“) Fähigkeiten stark bildungs-, milieu- und
übungsabhängige Leistungen, während die fluiden („speed“) Fähigkeiten inhaltsübergreifende
kognitive Grundfunktionen sind (Oswald & Gunzelmann, 1991, S. 29). Die Leistungen der
jeweiligen Kategorie korrelieren unterschiedlich stark mit dem Altersgradienten. Während die
kristalline Pragmatik im Alter stabil bleibt, nimmt die fluide Mechanik ab. Kristalline Leistungen
sprechen auch auf Trainingsmaßnahmen an und sind bis ins hohe Lebensalter steigerbar (Hüppe,
1998). Musikalische Fähigkeiten sind sowohl von fluiden als auch von kristallinen Fähigkeiten
abhängig. Die Wahrnehmung von Musik, die reiche Verknüpfung der eintreffenden
Reizinformationen mit zusammenhängenden Erfahrungen und Wissenseinheiten dürfte im Alter
demnach eher wachsen und reicher werden. Alles was zur “Interpretation” von Musik, zur
emotionalen Einordnung, oder auch zum tieferen “Begreifen” von Musik gehört, kann im Alter
(eine kontinuierliche Beschäftigung vorausgesetzt) wachsen.
Jedoch darf nicht übersehen werden, wie sehr die Fähigkeiten der „fluiden Mechanik“ zur präzisen
Ausübung eines Instrumentes beansprucht werden. Allein das Lesen und “Verstehen” von Noten,
das Mitverfolgen einer Partitur, oder auch das Verfolgen mehrerer Stimmen in einer Fuge, verlangt
ein hohes kognitives Niveau an Reaktionsschnelle, Flexibilität, etc.. Die notwendigen Fähigkeiten
nehmen beim Spielen eines Instrumentes noch zu. Der “ältere Mensch am Musikinstrument” stellt
ein interessantes, noch viel zu unbeachtetes “Forschungsobjekt” dar. Dabei ist zu erwarten, dass
z.B. Laien und professionelle Musiker ganz unterschiedlich mit ihren Fähigkeiten im Alter
umgehen. Während beim erfolgreichen Solisten vielleicht noch das Prinzip der Selektion,
Optimierung und Kompensation (SOK-Modell, Baltes & Baltes, 1990) greifen kann, müssen
Berufsmusiker in einem Orchester andere Strategien verfolgen, mit veränderten Fähigkeiten
umzugehen.
Es zeigt sich insgesamt also, dass das Bild der Defizite und der nicht beeinflussten Bereiche (oder
sogar Gewinne) im Alter sehr differenziert betrachtet werden muss. “Das Alter” ist mehr als jede
andere Entwicklungsphase eine Begriffshülle, die durch die Charakteristika der aktuell betreffenden
Generationen gefüllt wird. Mit neu in das Alter wachsenden Generationen werden sich auch die
Fähigkeiten im Alter deutlich verändern. Zwischen der jetzigen Rentnergeneration und künftigen
Rentnergenerationen liegen immer größer werdende Unterschiede in der Entwicklungsförderung
vom Kindesalter an. Durch den Mediengebrauch und das Internetzeitalter gestalten sich
Hörentwicklungen facettenreicher und vielfältiger. Heutige Jugendliche wachsen mit unzähligen
Möglichkeiten auf, sich musikalisch zu inspirieren und zu „finden“ und auch für heute Erwachsene
stellt z.B. das Internet eine selbstverständliche Informationsquelle dar. Jetzige Senioren dagegen
Alzheimerdemenz
27
berichten von nur begrenzten Möglichkeiten, in Kindheit und Jugend überhaupt zuhause Musik
gehört haben zu können. Für musikalische Förderung war aufgrund von Kriegs- oder
Nachkriegserfahrungen meistens nicht der Raum. Durch die sich so deutlich veränderte Umgebung
und Entwicklungsgeschichte der kommenden Rentnergenerationen verändern sich also auch die
Lernbedingungen deutlich.
3 Alzheimerdemenz
„Wie heißen Sie?“
„Auguste.“
„Familienname?“
„Auguste.“
„Wie heißt Ihr Mann?“
„Ich glaube…Auguste.“
„Ihr Mann?“
„Ach so.“
„Wie alt sind Sie?“
„51“
„Wo wohnen Sie?“
„Ach, Sie waren doch schon bei uns.“
„Sind Sie verheiratet?“
„Ach ich bin doch so verwirrt.“
„Wo sind Sie hier?“
„Da werden wir noch wohnen.“
„Wo ist Ihr Bett?“
„Wo soll es sein?“
Protokoll von Alois Alzheimer zur Befragung seiner Patientin Auguste Deter, 25.11.1901
3.1 Epidemiologie
Mit dem Wachsen eines neuen gesellschaftlichen Potentials steigt mit der sich ausdehnenden
Alterszeit auch die Wahrscheinlichkeit, unter der Alzheimerkrankheit zu leiden. Die
Alzheimerdemenz gilt als häufigste neurodegenerative Erkrankung des höheren Lebensalters
(Bickel, 2001). Eine Demenz ist zwar keinesfalls eine natürliche Folge von Alter, dennoch wächst
die Wahrscheinlichkeit an ihr zu erkranken mit dem Alter dramatisch (Kukull & Ganguli, 2000, zit.
nach Petersen, S. 1). Denn Demenzen, aber auch zahlreiche andere psychische Erkrankungen, treten
überwiegend im höheren Lebensalter auf. Allgemein gehören gerontopsychiatrische Erkrankungen
Alzheimerdemenz
28
zu den häufigsten geriatrischen Leiden und werden bei fast einem Viertel der über 65-jährigen
beobachtet (Bickel, 2002, zit. nach Schröder, Pantel & Förstl, 2004, S. 225).
„Nach umfangreichen Studien aus Deutschland und anderen Industrieländern leiden
zwischen 6 und knapp 9% der Menschen im Alter von über 65 Jahren an einer Demenz –
einer erworbenen Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit, die Gedächtnis,
Sprache, Orientierung und Urteilsvermögen einschränkt und so schwerwiegend ist, dass die
Betroffenen nicht mehr zu einer selbstständigen Lebensführung in der Lage sind“
(Informationsblatt 1 der Deutschen Alzheimergesellschaft, Bickel, 2008).
Nach Angaben der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft leiden in Deutschland gegenwärtig ca. eine
Million Menschen an mittelschweren und schweren Demenzerkrankungen. Diese Zahl steigt rapide,
rechnet man die leichten Demenzerkrankungen hinzu. Bis 2050 wird mit einer Verdopplung der
Erkrankungen gerechnet. Man geht davon aus, dass etwa zwei Drittel der Demenzen
Alzheimerdemenzen sind. Die Alzheimerdemenz mit ihrer weiten Verbreitung und ihres
progredienten Verlaufs prägt erheblich das aktuelle Altersbild und formt weit verbreitete Vorurteile
über das Alter (Schröder, Pantel & Förstl, 2004, S. 225).
3.2 Neuropsychologie der Alzheimerdemenz
Die Alzheimerkrankheit ist durch einen hochgradig selektiven Untergang von Nervenzellen
gekennzeichnet: einige Systeme werden vollständig vernichtet (Zentren der limbischen Schleife,
sensorische und frontale Assoziationsfelder), andere dagegen bleiben erhalten (primäre und
sekundäre Felder des Neokortex). “Über einen Zeitraum von Jahren oder Jahrzehnten kommt es zu
einem progredienten Verlust intellektueller Fähigkeiten, der in einem Zustand schwerer Demenz mit
erheblichen Beeinträchtigungen selbst basaler Funktionen des alltäglichen Lebens mündet” (Pantel
& Schröder, 2006, S.1). Prägend für die Symptomatik demenzieller Erkrankungen sind Störungen
des deklarativen Gedächtnisses, Störungen der Orientierung und anderer kognitiver Leistungen,
sowie psychopathologische Symptome und Wesensveränderungen.
Allgemein haben demenzielle Erkrankungen keine einheitliche Ursache, sondern können durch
unterschiedlichste Krankheitsprozesse verursacht werden. Die Alzheimerdemenz verläuft chronisch
in fünf bis neun Jahren, gerechnet ab klinischer Manifestation der Symptomatik. Die klinischen
Symptome werden durch einen fortschreitenden Verlust an Nervenzellen hervorgerufen, was
wiederum mit einer Schrumpfung des Gehirns um bis zu 20% einhergeht (Informationsblatt 2 der
Deutschen Alzheimergesellschaft, Arendt, 1999). Durch den Untergang an Nervenzellen wird die
Alzheimerdemenz
29
Informationsweiterleitung und Informationsverarbeitung gestört. Das Absterben der Nervenzellen
geht einher mit einer Bildung von abnormen Eiweißbruchstücken, die sich im Gehirn ablagern. Dies
sind zum einen Neurofibrillenbündel bestehend aus Tau-Protein, zum anderen die zwischen den
Nervenzellen auftretenden Plaques (Arendt, 1999).
Eingeleitet wird die Erkrankung von einer subklinischen Symptomatik, der „leichten kognitiven
Beeinträchtigung“. Diese bezeichnet „kognitive Defizite, die physiologische Altersveränderungen
überschreiten, ohne aber den Schweregrad einer Demenz zu erreichen“ (Schröder, et al., 2007). Mit
der leichten kognitiven Beeinträchtigung geht ein erhöhtes Demenzrisiko einher (Pantel &
Schröder, 2006). Schröder et al. (2007) haben Prävalenz und Verlauf der Leichten kognitiven
Beeinträchtigung mit der Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE)
anhand 500 Probanden der Geburtsjahrnge 1930/32 untersucht. Zum ersten
Untersuchungszeitpunkt (Durchschnittsalter 62 Jahre) betrug die Prävalenz der LKB schon 13,4%.
Nach vier Jahren stieg die Prävalenz der Gruppe auf 24%. Somit ist die Leichte kognitive
Beeinträchtigung schon unter „jungen Alten“ ein häufig anzutreffendes Faktum (Schröder, et al.,
2007). Umso wichtiger wird bei wissenschaftlichen Untersuchungen die Abklärung des
neuropsychologischen Status der älteren Stichprobe.
Heute geht man davon aus, dass die entscheidenden neurodegenerativen Prozesse zur Entstehung
einer Alzheimerdemenz lange Zeit vor der diagnostizierten Alzheimerdemenz einsetzen. Das
können bis zu 10 oder 20 Jahre vor eigentlicher Manifestation der Symptome sein (Schröder, Pantel
& Förstl, 2004, S. 226). Bereits Jahrzehnte vor der klinischen Alzheimerdiagnose sind erste Zeichen
dieser Krankheit in Form von einem Defizit im episodischen Gedächtnis festzustellen (Small,
Herlitz & Bäckman, 2004), aber auch Defizite in der Wahrnehmungsgeschwindigkeit,
Sprachfähigkeit und dem abstrakten Denken sind schon frühzeitig durch Tests feststellbar. Auch
signifikante Unterschiede im MMSE-Test (Mini-Mental-State-Examination; Folstein, Folstein &
McHugh, 1985 ) weisen schon frühzeitig auf diejenigen Personen hin, die an der
Alzheimerkrankheit erkranken werden (Small, et al., 2000; Tierney, et al., 1996; zitiert nach Small,
Herlitz & Bäckman, 2004). Es scheint, als zeichne die Alzheimerdemenz ein langes, Jahrzehnte
überdauerndes Plateau der erkennbaren Defizite aus, bevor der rapide Erkrankungsverlauf
ausbricht. Andere Autoren sprechen sogar davon, dass selbst Ergebnisse neuropsychologischer
Testungen aus der Kindheit schon auf eine spätere Erkrankung hindeuten können (Whalley, et al.,
2004). Die Trennlinie zwischen gesunden Alten und demenzerkrankten Menschen verschwimmt
und die Unterscheidung wird zu einer eventuell im Krankheitsverlauf rein zeitlichen
Unterscheidung.
Alzheimerdemenz
30
3.3 Ursachen und Entwicklung der Alzheimerdemenz
Die Alzheimerdemenz wird in drei Verlaufsstadien unterteilt: leichte Demenz, mittelgradige
Demenz und schwere Demenz. Der Verlauf der Erkrankung ist stetig. Für die gute Behandlung der
Demenz ist vor allem eine möglichst frühe Diagnose und Identifikation wichtig (Cummings, 2003).
Eine möglich frühe Erkennung ermöglicht es, den Fortschritt der Erkrankung zu verlangsamen und
die Symptome zu kontrollieren. Die Phase der relativ erhaltenen Fähigkeiten ist zu verlängern und
die Periode der Degeneration zu verkürzen (Cummings, 2003, S. 41). Auch sind die Medikamente
in der Phase der milden Demenz noch am wirkungsvollsten.
Die Ursachen der Alzheimerkrankheit sind noch nicht klar erforscht. Der Ausbruch der
Alzheimerkrankheit korreliert mit einem langen Leben, d.h. je älter die Menschen werden, desto
größer wird die Zahl der Alzheimerpatienten.
Die Depression ist ein Risikofaktor für die Alzheimerdemenz (Cummings, 2003, S. 42), wenn sie in
den letzten zehn Jahren vor Ausbruch der Alzheimerdemenz stattfand. Somit mag die Depression
ein früher oder vorklinischer Event in der Entwicklung zur Alzheimerdemenz sein (Cummings,
2003, S. 43).
Doch gerade die Grenze zwischen normalem Altern und sehr frühen Zeichen einer Beeinträchtigung
sind nur sehr schwer zu ziehen. Obwohl Demenz und Alzheimerdemenz gerade in den letzten
Jahren sehr viel an medialem Interesse gewonnen haben, weiß man über die die kognitive Funktion
normalen Alterns noch sehr wenig (Petersen & Morris, 2005, S. 2). Es gibt vor der eigentlich
identifizierten Alzheimerdemenz eine Phase, in der erste kognitive Defizite bemerkt werden. Diese
Phase wird „Mild cognitive Impairment (MCI)“ oder Leichte kognitive Beeinträchtigung (LKB)
genannt. „Leichte kognitive Beeinträchtigung im Alter“ bezeichnet kognitive Defizite, die über
normale Altersbegleiterscheinungen hinausgehen, aber nicht den Schweregrad einer demenziellen
Erkrankung erreichen (Kratz, et al., 1998, S. 1; Schröder, 2007). Vielleicht zum ersten Mal wurde
diese Form der MCI von Kral (1962) beschrieben (Petersen & Morris, 2005), ohne dass er aber eine
Weiterentwicklung dieser Defizite hin zu einer Demenz formulierte (S. 16).
Alltagsfähigkeiten sind in dieser Phase noch vollständig intakt, es werden aber meistens
Gedächtnisprobleme festgestellt (Petersen & Morris, 2005, S. 3). Die Diagnose einer MCI lässt aber
nicht zwangsläufig den Schluss zu, dass sich im weiteren Verlauf eine Alzheimerdemenz entwickeln
wird. Neben der tatsächlichen Entwicklung hin zu einer Demenz, kann in selteneren Fällen die
MCI auch nur eine extreme Form normalen Alterns darstellen. Eine aktuelle Studie von Toro,
Schönknecht & Schröder (2008) zeigt eine deutlich erhöhte Konversationsrate von Personen mit
diagnostizierter (nach AACD-Standard ) MCI hin zur Demenz, als Personen ohne diagnostizierter
Alzheimerdemenz
31
MCI. Demnach stellen Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung eine Risikogruppe für die
Entwicklung einer Alzheimerdemenz dar.
Doch nicht nur pathologische Prozesse führen zu Gedächtnisschwierigkeiten, auch gesundes Alter
ist oftmals mit Gedächtnisproblemen verbunden. “Most population-based studies of aging indicate
that the vast majority of elderly subjects develop a decline in information processing speed and
episodic memory function with age“ (Petersen & Morris, 2005, S.9). Dies erschwert die
Abgrenzung zu ersten pathologischen Prozessen wie der MCI.
2.3.1 Allgemeine Gedächtnisfähigkeiten von Alzheimerpatienten
Da es an musikwissenschaftlichen Studien zu musikalischen (Gedächtnis- und Lern-) Leistungen
bei Alzheimerdemenz mangelt, müssen Erkenntnisse über allgemeine Gedächtnisfähigkeiten für die
theoretische Einbettung der experimentellen Studie herangezogen werden.
Insgesamt charakterisieren und definieren Gedächtnisprobleme das Krankheitsbild der
Alzheimerdemenz. Auch für den Laien sind diese Gedächtnisschwierigkeiten oft das erste auffällige
Merkmal der demenziellen Erkrankung. Die meisten neuropsychologischen Studien stimmen
darüber ein, dass Gedächtnisdefizite die ersten und stärksten kognitiven Defizite der
Alzheimerkrankheit darstellen (Fox & Rossor, 1999; Reid, et al., 1996; Storey, et al., 2001; zitiert
nach Germano & Kinsella, 2005, S. 2). Sogar sechs Jahre vor der eigentlichen Diagnose einer
Alzheimerdemenz zeigen zukünftige Patienten in Tests zum episodischen Gedächtnis schlechtere
Leistungen als die Gesunden (Bäckman, Small & Fratiglioni, 2001). Bäckman et al. (2001) stellte
heraus, dass zukünftige Patienten sowohl 3 als auch 6 Jahre vor der Diagnose schlechter in Tests
zum episodischen Gedächtnis (Wiedergeben und Erinnern) waren, während sich die Leistungen des
Kurzzeitgedächtnisses nicht voneinander unterschieden. Diese selektive Beeinträchtigung des
episodischen Gedächtnisses vor der eigentlichen Diagnose kongruiert mit der Annahme, dass frühe
Veränderungen im Hippocampus eine wichtige Rolle im Vorstadium der Alzheimerkrankheit
spielen. Dass hier keine Steigerung der Defizite zwischen sechs und drei Jahren vor Diagnose zu
erkennen war, spricht für eine lange vorklinische Periode, in der die Defizite erkannt werden
können. Eine exakte Trennung zwischen gesunder und pathologischer Phase ist in diesem Sinne fast
unmöglich. Dies ist ein wesentliches Faktum für die wissenschaftliche Erforschung des Alters. Das
gesunde Alter ist aufgrund dieser langen vorklinischen Phase kaum exakt auszumachen.
Bisher ist noch unklar, ob die lange vorklinische Phase durch vorhandene kognitive Reserven
beeinflussbar ist. Ein sehr hohes kognitives Potential (Reservepotential) könnte z.B. die
vorklinische Phase verlängern, oder aber den Beginn der vorklinischen Phase direkt nach hinten
verschieben. Hätte die kognitive Reserve tatsächlich Einfluss auf den Verlauf der pathologischen
Alzheimerdemenz
32
Entwicklung, müsste diese auch durch Interventionen beeinflussbar sein (siehe hierzu Kapitel 3.2
„Freizeitaktivitäten im Alter“).
Untersuchungen zu musikalischen Fähigkeiten oder musikbezogenen Trainingsaufgaben innerhalb
dieser vorklinischen Phase (rückwirkend durch eine spätere Demenzdiagnose bestätigt), im
Vergleich mit nicht erkrankten Probanden, könnten das Spektrum der Forschungsmöglichkeiten
erweitern.
Während also Einigkeit der Forscher über die Probleme im episodischen Gedächtnis während der
Frühphase der Demenz herrscht, ist die Ansicht über die Natur dieser frühen Defizite konträr
(Germano & Kinsella, 2005). Es gibt Hinweise sowohl für ein Abspeicherungsdefizit (Encode) als
auch für ein Abrufdefizit (Retrieval). Insgesamt jedoch wächst die Anzahl der Hinweise auf ein
Defizit im Aneignen neuer Informationen durch einen Enkodierfehler in der frühen Demenz
(Albert, et al., 2001; Greene, et al., 1996; Grober & Kawas, 1997; Hodges, 2000; zitiert nach
Germano & Kinsella, 2005, S.3). Hodges (2000) bemerkt dazu: “patients are unable to learn
(encode) new information, but the little they learn is retained reasonably well” (Hodges, 2000,
S.445; zitiert nach Germano und Kinsella, 2005, S.3). Alzheimerpatienten könnten demnach zwar
nicht viel Neues lernen, das wenige aber, was gelernt wird, wird erstaunlich gut behalten. Also kann
das erschwerte Aufnehmen von neuen Informationen auch durch die Form der Informationen
verändert werden. Eventuell könnten akustische Reize, insbesondere musikalische Reize besser
oder anders als die bisher untersuchten Materialien enkodiert und demnach auch behalten werden.
Letztendlich beruhen viele Ungewissheiten in der Wahrnehmung und Verarbeitung akustischer
Reize im Alter und bei der Alzheimerkrankheit auch auf der Tatsache, dass sich der Großteil
psychologischer/ medizinischer Studien allein auf visuelles oder verbales Material konzentriert.
Gedächtnistraining bei Alzheimerpatienten wirkt sich allgemein nicht oder nur sehr begrenzt auf
generelle neuropsychologische Leistungen oder das Alltagsgedächtnis aus. Innerhalb der
Trainingsaufgaben können jedoch Verbesserungen erzielt werden (Cahn-Weiner, et al., 2003).
Außerdem profitieren Alzheimerpatienten weniger von Hilfestellungen, als gesunde Probanden. Es
spricht also wenig dafür, dass durch Transfereffekte musikalischen Trainings andere
Gedächtnissysteme positiv beeinflusst würden. Ein musikalisches Training allein wird z.B. das
Alltagsgedächtnis wahrscheinlich wenig verbessern können. Aber die wesentliche Frage zielt
darauf, wie Musik für den Patienten positiv eingesetzt werden kann, d.h. wo mögliche Potentiale
der Musik liegen können. Ansatzpunkte wären beispielhaft, wie musikalisches Training das
Selbstbild oder Selbstbewußtsein verbessern und somit eine positivere Grundlage für die
Bewältigung anderer Aufgaben schaffen kann. Oder wie z.B. Musik innerhalb eines Trainings
aktive Verknüpfungen zu anderen Gedächtnisinhalten herstellen könnte. Allein aufgrund der Breite
Alzheimerdemenz
33
musikalischer Mittel und Inhalte stehen vielfältige Möglichkeiten zu Verfügung, die konsequent
durchdacht und erforscht werden müssen. Ein weiterer Hinweis auf versteckte Potentiale von
Alzheimerpatienten, selbst im Bereich des Gedächtnisses, liefert eine Studie zum Wiedererkennen
von gesehenen Bildern (Karlsson, et al., 2003). Es wurden Alzheimerpatienten und einer
Kontrollgruppe bis zu 1000 Bilder gezeigt, die benannt werden sollten (bei einem der Patienten hat
diese Prozedur fast neun Stunden (gestaffelt) gedauert!). Im Wiedererkennungstest wurden jeweils
Bilderpaare gezeigt, bei dem eines bekannt, das andere unbekannt war. Auch wenn die Patienten
weniger wiedererkennen als die gesunde Gruppe, erkennen sie doch den größten Teil der Bilder
wieder. Diese Menge an wiedererkannten Bildern bei mittel bis schwer erkrankten Demenzpatienten
zeugt für eine immer noch große Aufnahmekapazität. Insgesamt wies die Anzahl der gezeigten
Bilder keinen Einfluss auf den Wiedererkennungsfaktor auf.
Insgesamt sind Gedächtnisstörungen primäres Charakteristikum der Alzheimerdemenz. Vor allem
Störungen im episodischen Gedächtnis sind lange vor Diagnose der Demenz zu erkennen.
Traditionelles Gedächtnistraining hat keinerlei Einfluss auf das Alltagsgedächtnis oder auf weitere
neuropsychologische Faktoren. Jedoch ist es Alzheimerpatienten möglich, sich innerhalb gestellter
Aufgaben zu verbessern und somit auch Lernleistungen zu erzielen. Mögliche Kapazitäten zeichnen
sich zwar ab, sind aber nur schwer zugänglich und können noch nicht ausreichend genutzt werden.
Man kann davon ausgehen, dass Alzheimerpatienten zwar lernen können, die Art und Weise jedoch,
und die sinnvolle Nutzung dieses Potentials, ist noch nicht verstanden. Ebenso unklar ist, wie sich
Musik in dieses spezifische Bild der Alzheimerkrankheit, wie es hier beispielhaft durch vereinzelte
Forschungsergebnisse beschrieben wurde, einfügen kann.
Deutlich wird jedoch, dass auch musikbezogene Aspekte der Alzheimerdemenz nur interdisziplinär
erforscht werden können. Die Musikwissenschaft und Musiktherapie sind dabei auf grundlegende
psychologische und medizinische Forschung angewiesen. Eine enge Verzahnung der jeweils
fachspezifisch differenzierten Erkenntnisse ist für diesen Forschungsbereich notwendig. Nur in der
interdisziplinären Zusammenarbeit können neue Wege für die Musik, oder für die Forschung mit
musikalischen Mitteln, entdeckt und konzipiert werden.
3.4 Alzheimerdemenz und Musik
Neben den musiktherapeutischen Angeboten für Patienten mit Alzheimerdemenz (siehe hierzu
ausführlich Kapitel 4), kann Musik auch einen „Eigenwert“ im Leben und Alltag des Betroffenen
haben. Das Thema Musik und Alzheimerdemenz wird bisher vor allem aus therapeutischer
Alzheimerdemenz
34
Perspektive betrachtet. Dabei spielt Musik vor allem als „Hilfsmittel“ eine Rolle, es wird die
Einsetzbarkeit von Musik zu bestimmten Zwecken und Zielen diskutiert. Aber Musik kann auch
neben dem direkten therapeutischen Einsatz einen wesentlichen Einfluss auf Krankheitsbewältigung
oder Umgang mit der Krisensituation haben.
Die Alzheimerdemenz verläuft schleichend, sodass die eigentliche Diagnosestellung inmitten der
aktiven demenziellen Entwicklung stattfindet. Musikalische Alltagsgewohnheiten begleiten den
Menschen auf seinem Weg in die Krankheit und mit der Krankheit. Somit ist das Thema Musik und
Alzheimerdemenz nicht nur ein im engeren Sinne therapeutisches Thema. Musik kann auch als
spiritueller Lebensbegleiter verstanden werden, der einen wesentlichen Teil der persönlichen
Lebensweise darstellt. Musik kann die Reflexion über das eigene Schicksal (z.B. nach
Diagnosestellung) anregen und mit dazu beitragen, „Normalität“, Identität und Reflexion zu
erleben. Über die individuellen Bedeutungen von Musik im Alltag der Patienten ist bisher kaum
etwas bekannt. Ganz allgemein sind diese qualitativen Bereiche der Musiknutzung und des
Musikgenusses von Patienten mit Alzheimerdemenz noch weitgehend unerforscht, vor allem
hinsichtlich ihrer Relevanz für die Krisenbewältigung. Der an der Alzheimerdemenz erkrankte
Mensch durchläuft innerhalb von einigen Jahren gravierende Veränderungen der eigenen Identität,
der Umwelt und der eigenen Fähigkeiten. Wie und ob sich parallel zu dieser Entwicklung die Musik
als feste Größe für den Einzelnen entwickelt, entwickeln kann, ist bisher nur ansatzweise erarbeitet.
Ob und wenn ja, wie sich die Wahrnehmung von Musik, das Empfinden von Musik und der
persönliche Nutzen von Musik im Laufe der Krankheit verändert, ist bisher unklar. Aufgrund großer
interindividueller Unterschiede in der Entwicklung der Demenz, sowie in den bestehenden
musikalischen Biografien, wird man keine allgemeingültigen Aussagen über das Verhältnis zur
Musik im Krankheitsverlauf treffen können. Es können aber theoretische Möglichkeiten, Beispiele
und Tendenzen skizziert werden.
Physiologische Grundlagen bei der Entwicklung der Alzheimerdemenz lassen zumindest die
Möglichkeit einer lange erhaltenen musikalischen Rezeptionsfähigkeit offen. Das auditorische
System bleibt in allen seinen Anteilen weitgehend frei von pathologischen Veränderungen der
Alzheimerdemenz und bildet damit, gefolgt vom motorischen System, den am besten erhaltenden
Funktionsbereich. Für eine Entwicklungsreserve im musikalischen Bereich spricht zusätzlich, dass
an Demenz erkrankte Menschen emotionale Gehalte aus auditorischen Stimuli (Schreien, Lachen)
im Vergleich zu einer gesunden Stichprobe ohne Defizite erkennen, sowie emotionale Prosodie
(glückliche, traurige Stimmen) zuordnen können (Koff, et al., 1999). Die emotionale Wahrnehmung
im Visuellen weist jedoch Defizite auf. Da der musikalische Gehalt sich durch Emotionen
vermittelt, ist es wahrscheinlich, dass auch aus der Musik die emotionalen Gehalte ohne Defizite
Alzheimerdemenz
35
erkannt werden können und somit der Kern der musikalischen Aussage erhalten bleibt.
Wenig ist bisher zu grundlegenden musikalischen Fähigkeiten bei der Alzheimerdemenz bekannt. In
etlichen Einzelfallstudien werden erhaltene musikalische Fähigkeiten beschrieben (Fornazzari, et
al., 2006; Beatty, et al., 1992; Cowles, et al., 2003). Diese Beobachtungen können zu der Vermutung
verleiten, dass insbesondere auch das Gedächtnis für Musik bei der Alzheimerdemenz erhalten
bleiben könnte (Cuddy & Duffin, 2005).
Quoniam et al. (2003) untersuchten musikalische Langzeitgedächtnisfähigkeiten für kurze
musikalische Melodien. Den Probanden wurden Melodien vorgespielt, bekamen aber keine
Instruktionen zum Einprägen oder Behalten der Melodien. Nach einem zeitversetzten Abfragen der
Melodien (Wiedererkennen) zeigten sich Defiziten bei den Alzheimerpatienten. Halpern &
O`Connor (2001) untersuchten ebenfalls Gedächtnisfähigkeiten für unbekannte Melodien. Auch
hier wurden die Probanden nicht über die zukünftige Abfrage informiert. Hier wurden keine
Gruppenunterschiede in den Wiedererkennungsleistungen gefunden.
Auch Bartlett, Halpern & Dowling (1995) finden in den Gedächtnisleistungen für kurze Melodien
keine Unterschiede zwischen gesunden Älteren und Alzheimerpatienten. In beiden letztgenannten
Studien jedoch zeigen sowohl die gesunden Älteren, als auch die Patienten insgesamt nur geringe
Leistungen. Darauf weisen auch Mènard & Belleville (2009) kritisch in ihrer Studie hin. Sie haben
sowohl in den Kurzzeit- als auch Langzeitgedächtnisfähigkeiten für Melodien deutliche Defizite der
Alzheimerpatienten im Vergleich mit den gesunden Älteren gefunden.
Trotz eventueller Einbußen im Lernen und Behalten neuen musikalischen Materials, wird die
musikalische Biografie des Einzelnen fortgeschrieben. Ein von Musik begleiteter Weg liegt hinter
dem alternden Menschen, und wenn die Umstände es ermöglichen, auch vor dem erkrankten
Menschen. Die wesentlichen Punkte des Lebens wurden durch Musik markiert: Hochzeit,
Beerdigung, Partys, etc. (Crozier, 1997). Nicht nur als Erinnerungswert haben die musikalischen
Episoden des Lebens ihre Bedeutung, sondern auch als Teil der Identität und der eigenen
Entwicklung. Gerade in der Pubertät spielt Musik eine wichtige Rolle zur Entwicklung und
Integration des Selbst (Larsson, 1995, zitiert nach Crozier, 1997, S. 72). Außerdem haben
musikalische Vorlieben auch über die Phase der Pubertät hinaus einen großen Einfluss auf die
persönliche und soziale Identität. Alzheimerdemenz geht durch einen Verlust an zeitlicher
Kontinuität auch mit einem Verlust der eigenen Identität einher. Musik kann eventuell durch
Erinnerungsmomente oder durch neue musikalische Erlebnisse die Integrität des eigenen Selbst
wieder fördern. Das Fortführen der musikalischen Biografie, die Weiterentwicklung des
musikalischen Erlebnishorizontes des Patienten wird somit zum Verbindungsglied zwischen den
Episoden des Lebens. Eine musikalische Begleitung des Einzelnen kann eine Form von Kontinuität
Musik im Alter
36
in Zeiten großer Umbrüche (häuslich, familiär, persönlich) unterstützen. Weitere
Anknüpfungspunkte werden in den folgenden beiden Kapiteln (Kapitel 4: Musiktherapie bei
Alzheimerdemenz und Kapitel 3 Musik im Alter) entwickelt.
4 Musik im Alter
„Wie schafft er das eigentlich – zum Beispiel beim jüngsten Japan-Gastspiel der Staatsoper Unter
den Linden? Morgens probt Daniel Barenboim drei Stunden mit dem Orchester, nachmittags
dirigiert er fünf Stunden „Tristan und Isolde“, und dazwischen übt er mit jungen Musikern für ein
Konzert in Deutschland. Die Fahrten durch Tokios dichten Autoverkehr kommen dazu. Pianist,
Dirigent und Orchestergründer mit unbändiger Energie – Daniel Barenboim wird an diesem
Donnerstag (15.11.07) 65 Jahre alt. Anzeichen, dass der Maestro etwas kürzertreten will, gibt es
nicht“
(Esteban Engel, dpa, in WE Kultur, 14.11.07, www.derwesten.de/nachrichten/kultur/2007/11/14/news.de, Datum des
Zugriffs: 06.01.09)
4.1 Laienmusiker: Altersbild und gesellschaftliche Position
Das Altersbild des musizierenden Menschen wird vor allem durch den alternden professionellen
Musiker geprägt. Der musikalische Laie wird demnach nicht nur viel zu selten von der
Wissenschaft, sondern auch vom Einzelnen bisher viel zu wenig wahrgenommen.
Obwohl das obige Zitat verdeutlicht, dass auch bei professionellen Musikern eine „Einhaltung“ von
bestimmten Altersgrenzen erwartet wird, so führt aber das Bild des alternden, professionellen
Musikers vor allem zu einem Bild des „weisen“ Musikers. Dieser „weise“ Musiker vollbringt
demnach gerade im Alter besonders große und bedeutende Leistungen, sei es durch beeindruckende
Kompositionen („Alterswerke“), oder durch eindringliche Interpretationen. Hier steht der Aspekt
der Lebenserfahrung positiv mit musikalischer Leistung, im Sinne von emotionaler oder geistiger
Qualität, in assoziativer Verbindung. Eher mit körperlichen Höchstleistungen verbundene
musikalische Leistungen dagegen, scheinen auch in der Musik negativ mit dem Alter assoziiert zu
werden.
Hartogh & Wickel tragen in ihrem Buch „Musizieren im Alter“ (2008) eine Reihe an jenen
professionellen musikalischen „Altersbeispielen“ vor. Die Reihe beginnt mit Johannes Heesters,
Musik im Alter
37
der noch mit über 100 Jahren auf der Bühne steht, sie reicht über Johann Sebastian Bach, der trotz
starker gesundheitlicher Beeinträchtigungen vor seinem Tode die Kunst der Fuge komponierte und
die h-moll-Messe vollendete. Heinrich Schütz schrieb sein berühmtes Magnifikant 1671 im Alter
von 86 Jahren (Hartogh & Wickel, 2008, S. 17) und Camille Saint-Saèns komponierte noch mit 85
Jahren Oboen- und Klarinettensonaten. Leos Janàcek konnte sich erst nach seiner Pensionierung als
Musiklehrer ganz dem Komponieren widmen, sodass in seinem letzten Lebensjahrzehnt der größte
Teil seiner Meisterwerke entstand (Hartogh & Wickel, 2008, S. 18). Auch hier gewinnt man den
Eindruck, dass das Alter allgemein bei Künstlern und Musikern zu „reiferen“ Werken führt.
Lebenserfahrung und auch Todesnähe (in der Retrospektive) gewinnen bei Musikern mit hohem
Bekanntheitsgrad an Potential. Insgesamt stellen diese Einzelbiografien erfolgreicher Komponisten
aber Ausnahmen dar.
Die Frage, ob Alterswerke eines Künstlers generell bestimmte charakteristische Merkmale tragen,
sei es struktureller oder emotionaler Art, bleibt bisher ungeklärt. Todesnähe spielt in der Kunst
allgemein eine bedeutende Rolle und wird altersübergreifend thematisiert. Altersspezifische
Merkmale von Musik, die sich durch einen Alterungsprozess des Komponisten in vermittelter Weise
bemerkbar machen, könnten objektiv untersucht werden. Dies wäre anhand von Kategorien wie z.B.
Tempowahl, Instrumentierung oder rhythmische Komplexität zu untersuchen. Ähnliche Merkmale
untersuchte Simonton (Simonton, 1989, zit. nach Gembris, 2008, S. 103). Späte Werke sollen die
Tendenz haben zu melodischer Einfachheit und kürzerer Aufführungsdauer. Simonton erklärt diese
Tendenz aber (zit. nach Gembris, 2008) nicht etwa durch Abhängigkeit vom Lebensalter, sondern
von der Nähe zum Tod. Diese Erklärung muss eine Art Todesvorahnung oder ein nahes
Todesempfinden vor dem eigentlichen Tod einschließen, was experimentell nur schwer zu prüfen
ist.
In ähnliche Richtung geht eine Studie von Jennen & Gembris (2000), die der Frage nachgeht, ob
Dirigenten mit dem Alter eventuell ein langsameres Tempo einschlagen als jüngere Dirigenten. Hier
wurde der Todesbezug ausgeklammert und allein eine Abhängigkeit von reinem Lebensalter
untersucht. Es wurde zwar ein Alterseffekt gefunden, der jedoch von anderen, z.B. Kultureffekten
überlagert werden kann. Insgesamt stellt die Analyse von Werken alternder Musiker (sei es
Komponisten, Dirigenten oder Interpreten) eine reiche Quelle an Beobachtungsmerkmalen dar.
Aufgrund der guten digitalen Erschließung wären auch rein technisch gute Analysemöglichkeiten
gegeben. Jedoch muss man auch von der Möglichkeit ausgehen, dass sich Altersfaktoren individuell
ganz unterschiedlich wieder spiegeln und, wenn überhaupt, bemerkbar machen. Um mögliche
Kompensationen oder Strategien zur Bewältigung möglicher Alterseffekte zu erfassen, müssten
zusätzlich Interviews mit den Künstlern geführt werden, was die Auswahl (auf lebende Künstler)
stark begrenzt. Eine umfangreiche Analyse könnte eventuell auch ohne zusätzliche Interviews eine
Musik im Alter
38
Richtung an Altersmerkmalen offenbaren und individuelle Unterschiede durch den Grad der
Kompensation oder des Umgangs mit diesen Alterseffekten darstellen. Die Untersuchung der
Auswirkungen von Alterungsprozessen auf professionelle Musiker stellt also eine Möglichkeit der
Beobachtung von Wechelwirkungen zwischen Musik und Alter dar (siehe hierzu Barton, 2002).
Deutlich gegensätzlich zu dem Altersbild des professionell Musizierenden steht das Altersbild des
musizierenden Laien, bzw. des musikalischen alternden Menschen.
Das positiv besetze Altersbild des professionell Musizierenden ist im Wesentlich abhängig von der
erbrachten Leistung/ vom gesellschaftlichen Ansehen des Musikers. Ab welchem Bekanntheitsgrad
oder auch eher Leistungsgrad genau die Schere der Altersbilder auseinanderdriftet, kann nicht
genau definiert werden. Es zeigt sich jedoch, dass im Laienbereich kein ebenso deutliches
Altersbild des Musizierenden existiert.
Viel deutlicher scheinen beim Bild des musikalischen Laien auch negative Assoziationen
aufzutreten. Der „normale“ alternde Mensch wird im musikalischen Bereich eher als nicht mehr
lernfähig und nicht mehr kompetent eingeschätzt. Es gibt auch für Laien und Amateure keine
Orientierungshilfen, keine Lernstandards oder Leitfäden, keine Erwartungen und Anregungen (siehe
dazu Gembris, 2002). Es scheint, als sei der bisher musikalisch unerfahrene alternde Mensch von
Natur aus „unmusikalisch“. Und dies ist umso auffälliger in Anbetracht der übersteigerten
„Altersweisheit“ alternder Musiker.
In den letzten Jahren wurde immer mehr eine möglichst frühe musikalische Förderung propagiert.
Inzwischen bieten Musikschulen Eltern-Kind-Kurse für Babys ab der Geburt an. Während hier
wissenschaftliche Erkenntnisse erfolgreich in die Praxis umgesetzt wurden und werden, suggeriert
das immer weiter „nach vorne“ rückende Fenster musikalischer Förderung auch ein relativ frühes
„Schließen“ dieser Entwicklungsfenster. Schon 1996 wird in der Zeitschrift „Focus“ (1996, Nr. 10,
eingesehen am 11.12.09 unter www.focus.de/wissen/wissenschaft/kindergehirn-kluge-
koepfchen_aid_157330.html) in einem Bericht über die Entdeckung von Zeitfenstern für die
Entwicklung des Gehirns, der Hirnforscher Singer mit folgender Aussage zitiert:
„Wenn die Verschaltung der Nervenzellen nicht zum richtigen Zeitpunkt erfolgt, lässt sich das nicht
mehr nachholen“. Außerdem wird das US-Magazin „Newsweek“ mit folgenden Worten zitiert: „Die
Fenster fallen zu, ein nach dem anderen, mit jeder neuen Kerze, die auf der Geburtstagstorte
brennt“. Diese Erkenntnisse und Thesen zum möglichst frühen Beginn musikalischer Aktivitäten
bestärken aber auch gerade das Vorurteil, im Alter musikalisch nicht mehr lernfähig zu sein. Das
Umdenken in Bezug auf frühe musikalische Fähigkeiten im Kindesalter hat sich hin zum
„musikalischen Säugling“ (Spitzer, 2002) entwickelt. Die Entdeckung dieser musikalischen
Kompetenz im Säuglingsalter darf nicht dazu führen, dass andere Altersgruppen weniger motiviert
Musik im Alter
39
sind, sich musikalisch zu betätigen, sondern vielmehr muss die musikalische Kompetenz während
des gesamten Lebenslaufes unterstrichen werden.
Ein positives Altersbild des Musizierens kann durch vermehrte Aufklärungs- und
Öffentlichkeitsarbeit unterstützt werden. Das Image des Musizierens im mittleren und höheren
Erwachsenenalter ist bisher noch nicht wissenschaftlich erforscht worden. Dennoch kann man
davon ausgehen, dass es hier deutlichen Handlungsbedarf gibt, um die gesellschaftliche
Anerkennung des Musizierens zu fördern, aber auch um mögliche Hemmschwellen eigener
musikalischer Aktivität im Alter entgegen zu wirken. Hinsichtlich einer wachsenden Anzahl an
wissenschaftlichen Erkenntnissen, vor allem auch hinsichtlich gesundheitlicher Wirkungen des
Musizierens, werden Imagekampagnen unterfüttert. Das Musizieren im Alter könnte z.B. in der
Zukunft weitaus stärker mit Gesundheitsbewußtsein oder mit „Wellness“ assoziiert werden.
Bisher fehlen genaue Daten über Altersbilder in der Musik. Auch zur scherenartigen
Auseinanderdriftung der Altersbilder zwischen professionellen und im Laienbereich aktiven
Musikern liegen bisher kaum Daten vor. Wie schätzen ältere Menschen ihre eigene Musikalität im
Alter ein, und welchen Einfluss hat das auf die musikalische Aktivität? Antworten auf diese Fragen
könnten wesentlich zum Abbau möglicher Hemmschwellen musikalischer Aktivität im Alter
beitragen. Wechselwirkungen zwischen tatsächlich auseinandergehenden Fähigkeiten und
vorherrschendem „Vorurteil“, müssten fokussiert und dokumentiert werden. Eine Konzentration auf
den Aspekt der „Altersweisheit“ berühmter Musiker und deren öffentliche Präsentation und
Ausarbeitung kann auch zu einem erweiterten Altersbild von musikalischen Laien führen, was sich
wiederum auf Förderung und Entwicklung dieser Zielgruppe positiv auswirken mag.
4.2 Singen und Musizieren im Alter
Musik im Alter findet nicht nur im Chor, Musikunterricht oder im Orchester statt. Auf diese drei
Bereiche musikalischer Aktivität soll in den folgenden Unterkapiteln näher eingegangen werden.
Musik erfüllt aber auch Alltagsfunktionen und kann fördernd zum zwischenmenschlichen Dialog
beitragen. Musik wird z.B. in der Sozialen Arbeit gezielt eingesetzt und nimmt in der Altenarbeit
eine exponierte Position ein. Nach Marianne Künzel-Schön zählen zu den zentralen Aufgaben der
Sozialarbeit in der Altenarbeit die Erhaltung des Selbstwertgefühls, der Selbständigkeit und der
Selbstbestimmung des älteren oder alten Menschen, außerdem seine Integration in die
Gemeinschaft und Gesellschaft (Hedtke-Becker & Künzel-Schön, 1995, zit. nach Wickel, 2001,
S.71). Musik dient dabei als kommunikatives Medium im Rahmen einer erfolgreichen
psychosozialen Arbeit. Musik nehme mit der Entfaltung ihrer ureigenen Wirkungen wesentliche
Musik im Alter
40
Aufgaben wahr und werde für das Erreichen sozialpädagogischer Ziele zweckgebunden eingesetzt.
„Wir setzen voraus, dass Musik als eines der wichtigsten und wirksamsten Güter unserer Kultur den
Menschen -gleich welchen Alters- erreichen und hochwirksame emotionale Prozesse initiieren und
beeinflussen kann, die sich für viele psychosoziale Hilfeangeboten anbieten (vgl. Wickel, 1998a).
So können z.B. Singen, aktives Musizieren und assoziations- und erinnerungsstimulierendes
Musikhören helfen, das Selbstvertrauen, die Kommunikations- und die Kontaktfähigkeit des älteren
Menschen zu stärken und damit der Isolation und Vereinsamung entgegenzuwirken und Verluste
aufzufangen. Seine psychische und physische Gesundheit kann durch Musik gefördert, seine Merk-,
Konzentrations- und Koordinationsfähigkeit trainiert werden, ihm kann Trost gespendet und
geholfen werden, seine sinnliche Wahrnehmung zu steigern bzw. länger zu behalten und vieles
mehr. Musik kann zur Bewegung stimulieren und die allgemeine Ausdrucksfähigkeit positiv
beeinflussen.“ (Wickel, 2001, S. 75)
Die sich aus einem allgemeinen Bildungsgedanken entwickelte Wissenschaft der Altenbildung ist
die Geragogik. Von Hartogh & Wickel wurde sie weiterentwickelt zur speziellen Form der
Musikgeragogik, die die Aneignung musikalischer Kompetenzen im Alter unterstützen soll. Die
Musikgeragogik setzt es sich zum Ziel, musikalische und musikbezogene Fähigkeiten zu vermitteln
und auszubilden, sowie die positiven Wirkungen des Musizierens auf den Einzelnen zu nutzen
(Hartogh & Wickel, 2008, S. 22). Grundgedanke ist dabei eine Steigerung der Lebenszufriedenheit
durch musikalische Aktivität. Dabei geht es weniger um konkrete Lernerfolge und
Leistungssteigerungen, sonder “vielmehr geht es in erster Linie um das Inszenieren von
Erfahrungsräumen, die in der musikalischen Biografie der Beteiligten verankert sind und in denen
sich jeder einzelne Teilnehmer auf seinen individuellen Weg macht, um seine eigene musikalische
Biografie fortzuschreiben – und sei diese noch so rudimentär.“ (so Hartogh & Wickel, 2008, S. 23).
Die dabei zugeschriebene positive Wirkung von Musik könne nicht auf einzelne Kräfte
zurückgeführt werden, sondern sie erkläre sich aus einem vielschichtigen Zusammenhang. Dieser
ergibt sich aus dem individuellen soziokulturellen Hintergrund, der musikalischen Sozialisation und
sich daraus ergebenden musikalischen Vorlieben und Abneigungen (Hartogh & Wickel, 2008, S.
30). Die hier eingenommene lebensgeschichtliche Perspektive spricht dafür, dass der Genuss von
Musik vor allem eine soziale Erfahrung ist (Crozier, 1997). Musik markiert die wesentlichen Punkte
eines jeden Lebens: Hochzeit, Beerdigung, Feste. Außerdem haben musikalische Vorlieben
bekanntermaßen einen großen Einfluss auf die persönliche und soziale Identität vieler Menschen.
Diese Erkenntnisse kommen jedoch größtenteils aus der Forschung zur Pubertät, -diese Phase stellt
meistens den Höhepunkt der Beschäftigung mit Musik dar. In der Pubertät kann Musikhören eine
wichtige Rolle zur Entwicklung und Integration des Selbst einnehmen (Larsson, 1995, zit. nach
Musik im Alter
41
Crozier, 1997, S. 72).
In der Lebensperspektive älterer Menschen vermehren sich mit zunehmendem Alter die sozialen
Ereignisse, die musikalisch begleitet wurden und werden. Gerade das Durchleben von Trauer-
Ritualen, die Teilnahme an Beerdigungen werden mit steigendem Alter wahrscheinlicher. Das heißt,
in der gesamten Lebensspanne sind auch ganz neue Erlebnisse mit Musik möglich. Für die Praxis
bedeutet diese individuelle Kohortenspezifität ein notwendiges Wissen um die jeweils aktuellen
musikalischen Vorlieben einer Generation. Das Beobachten der musikalischen Entwicklung und
Orientierung mit zunehmendem Alter von heute jungen Menschen, wird viele offene
Forschungsfragen klären. So auch die kontrovers diskutierte Frage, ob sich generell im Alter eine
größere Offenheit für klassische Musik entwickelt, oder ob die jetzige Vorliebe vor allem älterer
Menschen für klassische Musik sich aus kohortenspezifischen Konstellationen entwickelt hat. Es ist
auch für die Musikgeragogik eine herausfordernde Aufgabe, die „Altengeneration“ als sich
verändernd und als dynamische Prozesshaftigkeit wahrzunehmen. Neben der Wichtigkeit dieser
Wahrnehmung für Wissenschaft und Forschung, wie es in dieser Arbeit schon mehrfach thematisiert
wurde, sind gerade auch die praktischen, anwendungsnahen Disziplinen (Musikgeragogik,
Musikvermittlung, Erwachsenenbildung), die sich möglichst flexibel und zeitnah den individuellen
Bedürfnissen einer Generation anpassen müssen.
Unter der Leitung von Prof. Dr. Hans Hermann Wickel und in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Theo
Hartogh und Prof. Dr. Rosemarie Tüpker wird seit einigen Jahren ein Weiterbildungs- und
Fortbildungsprogramm innerhalb des Themenbereichs Musikgeragogik angeboten (nähere
Informationen zu diesem Programm findet man unter www.musikgeragogik.de/weiterbildung.html).
Hier wird das Konzept der Bildung und des ganzheitlichen Lernens im Alter mit Hilfe der Musik
erfolgreich umgesetzt. Der Rat der Europäischen Union zum lebensbegleitenden Lernen „weist
darauf hin, dass lebensbegleitendes Lernen im Vorschulalter beginnen und bis ins Rentenalter
reichen und das gesamte Spektrum formalen, nicht formalen und informellen Lernens umfassen
muss. Zudem ist unter lebensbegleitendem Lernen alles Lernen während des gesamten Lebens zu
verstehen, das der Verbesserung von Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen dient und im Rahmen
einer persönlichen, staatsbürgerlichen, sozialen und/oder beschäftigungsbezogenen Perspektive
erfolgt. Das Ganze sollte schließlich auf den Grundsätzen beruhen, dass der Einzelne im
Mittelpunkt des Lernens steht, wobei für echte Chancengleichheit gesorgt und auf die Qualität des
Lernens geachtet werden muss“ (Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften vom 9.7.2002 C
163/2).
Gerade Musik als nicht formale, informelle Form des Lernens findet hier ihren Platz. Lernen
während des gesamten Lebens, Lernen, das nicht unbedingt mit formalen Stationen des Lebens
Musik im Alter
42
(Job, Schule, Abschluss) verbunden ist, muss gefördert werden. Eine Verbesserung von Fähigkeiten
und Kompetenzen innerhalb einer persönlichen Perspektive dürfte durch musikalische Aktivitäten
möglich sein. Wenn der Einzelne im Mittelpunkt des Lernens stehen soll, dann ist auch der
Alzheimerpatient angesprochen und hat ein Recht auf „Lernen“. Hier kommt die Chancengleichheit
ebenso zum Tragen, wie die Forderung nach Qualitätssicherung. Sowohl für musikpädagogische
Konzepte im Alter, als auch vor allem für Menschen mit Demenz, mangelt es noch an Ausbildung
und Reflexion.
Allgemeine Erörterungen zur Bildungsarbeit im Alter können hier herangezogen werden.
„In Hinblick auf die Begründung und Zielsetzung der Bildungsarbeit mit alten Menschen kann
Bildung als Prozess und Beitrag zur Selbst- und Weltreflexion als theoretisches Paradigma dienen.“
(Breloer, 2000). Bildung wird hier als Unterstützung einer autonomen Lebensweise betrachtet und
liefert einen Beitrag zur Klärung offener Lebensfragen. Sie bietet außerdem Hilfe zum Umgang mit
alltäglichen Problemen. Bildungsprozesse regen zu einer kognitiven Ordnungsleistung an und
führen so auch zur emotionalen Ordnungsleistung. Daraus können eine Verhaltensänderung im
Alltag und eine abschließende Beurteilung dieses Verhaltens resultieren. Eine kognitive
Reorganisation des Sinnsystems angesichts eintretender Veränderungen im Alter, ist beeinflussbar
durch Lern- und Bildungsangebote (Breloer, 2000, S.48). Sie können Hilfen darstellen für die
Findung einer neuen Struktur und zur Unterstützung der Funktionsweise des persönlichen
Sinnsystems. Als wichtigsten Ertrag der bildungstheoretischen Erörterungen sieht Breloer (2000),
dass in der Bildungsarbeit mit alten Menschen die Reflexionen über das zugrunde liegende
Menschen-, Alten- sowie Weltbild nicht fehlen dürfen (S.48).
Aus einer Tagung in Münster im Jahre 2001, deren Beiträge von Tüpker & Wickel (2001) in einem
Band veröffentlicht wurden, hat sich als wesentlicher Impuls der Tagung das „Recht auf Kultur für
Jedermann“ herausgestellt. Kultur ermöglicht Grundbedürfnisse des Menschen: Erleben, Ausdruck
und Kommunikation.
Musikalische Aktivität im Alter kann zusammenfassend als Bildung im weitesten Sinne auf
unterschiedlichsten Ebenen verstanden werden. Durch die sozial- und lebenslaufbezogene Prägung
des Einzelnen, durch individuell bedeutsame Musikerfahrungen, wird jede musikalische
Auseinandersetzung im Alter zur Fortschreibung einer eigenen musikalischen Biografie. Das
Fortschreiben der musikalischen Biografie fördert einen facettenreichen Prozess, der sich in der
Eigenwahrnehmung, im Erleben von Emotionalität oder in kultureller Teilhabe ausdrücken kann.
Im Folgenden wird die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Musikalischer
Aktivität im Alter“ skizziert. Dabei werden drei Gruppen musikalischer Aktivität, bzw. drei
Gruppen der wissenschaftlichen Herangehensweise an das Thema unterschieden: allgemeine
Freizeitaktivität im Alter, Singen im Alter und Musizieren im Alter. Während letztere
Musik im Alter
43
Unterscheidung sich von selbst versteht, muss darauf hingewiesen werden, dass sich der
Forschungszweig zu gesundheitlichen Wirkungen aktiven Freizeitverhaltens im Alter immer stärker
entwickelt und indirekt auch die Wirkungen musikalischer Aktivität mit einbezieht.
3.2.1 Freizeitaktivitäten im Alter
Aktivität und Engagement sind zwei wesentliche Begriffe, wenn von zufriedenem und gesundem
Altern gesprochen wird. In Kapitel 4 (Musiktherapie bei Alzheimerdemenz) wird die mögliche
prophylaktische Wirkung musikalischer Aktivität auf die Entwicklung einer Alzheimerdemenz
thematisiert. Die theoretische Grundlage einer solchen prophylaktischen Wirkung ist die Annahme,
dass allgemeine Aktivität, oder auch, damit verbunden, ein hohes kognitives Reservekapital,
protektiv auf den Ausbruch der Alzheimerdemenz wirken können. Musikalisches Engagement ist
innerhalb dieses theoretischen Zweiges eine Möglichkeit unter Anderen, seine Freizeit aktiv zu
gestalten.
Kausale Zusammenhänge sind hier nur schwer herzustellen, weil unklar ist, ob die aktive
Freizeitgestaltung tatsächlich protektiv gegen Demenz wirkt, oder ob nicht vielmehr die
präklinische Phase der Demenz das Engagement in Freizeitaktivitäten verringert.
Die Reservehypothese (z.B. in einem Review anschaulich beschrieben von Valenzuela, 2008)
bezieht sich auf die Annahme, das Gehirn gehe aktiv mit pathologischen Veränderungen um. Man
geht davon aus, dass eine möglichst hohe kognitive Reserve (hohes Ausbildungsniveau, Training
mentaler und kognitiver Fähigkeiten, Engagement) einen besonders effektiven Umgang mit der
Erkrankung ermöglicht.
Ausgangsfrage der „Kognitiven Reservehypothese“, wie sie von Whalley und Kollegen (z.B. im
Überblick 2004) beschrieben wird, ist, warum Individuen mit denselben neurodegenerativen
Veränderungen unterschiedliche Ausmaße des kognitiven Alterns und der klinischen Demenz
aufweisen. Intelligenz, Ausbildung und Aktionslevel sind wesentliche Komponenten der
sogenannten kognitiven Reserve. Jeder Mensch entwickelt im Laufe seiner Biografie ein
individuelles Maß an kognitivem Reservekapital (Stern, 2002). Das Gehirn reagiert bei
Schädigungen nicht passiv, sonder durch aktive Kompensation. Durch große epidemiologische
Studien konnte der Zusammenhang zwischen höherer Bildung und niedrigerem Demenzrisiko
nachgewiesen werden (Ngandu, et al., 2007; Qiu, et al., 2001). Die bekannte Nonnen-Studie konnte
nachweisen, dass eine niedrigere linguistische Fähigkeit im jüngeren Erwachsenenalter mit einem
höheren Alzheimerrisiko im Alter zusammenhing (Snowdon, et al., 2003). Bickel & Kurz (2009)
haben deutsche ordenszugehörige Schwestern hinsichtlich ihres Demenzrisikos untersucht. Die
Stichprobe innerhalb der religiösen Gemeinschaft erleichtert methodisch das Ausschließen
Musik im Alter
44
anderweitiger Lebensstilvariablen. Die untersuchten Variablen Bildung, berufliche Fortbildung und
das Innehaben einer Leitungsposition hatten einen signifikanten Einfluss auf das Auftreten einer
Demenz.
Nithianantharajah & Hannan (2009) haben die kognitive Reservehypothese mit dem Konzept der
„angereicherten Umgebung“ in Tiermodellen kombiniert und dessen neurobiologischen Grundlagen
experimentell untersucht. Auch hier sind mentale und physische Aktivität Mediatoren kognitiver
und physischer Gesundheit im Alter.
Neuere Studien mit großen Datensätzen belegen, dass eine aktive Lebensweise („lifestyle“) vor dem
Ausbruch der Demenz schützt, und dass der Schutz mit dem Ausmaß des Engagements steigt
(Paillard-Borg, et al., 2009). Detaillierter Aussagen darüber, welche Faktoren der Freizeitaktivität zu
einer protektiven Wirkung beitragen, werden in der Zukunft zunehmen. Akbaraly et al. (2009)
haben die Freizeitaktivitäten einer Stichprobe von über 5000 Teilnehmern in „stimulierend“,
„passiv“, „physisch“ und „sozial“ kategorisiert. Nur diejenigen Teilnehmer, die einer
„stimulierenden“ Freizeitbeschäftigung nachgingen, wiesen auch ein signifikant niedrigeres Risiko
auf, an einer Alzheimerdemenz (und ihren Subtypen) zu erkranken.
Während also die Literatur zum Einfluss allgemeiner Freizeitaktivitäten auf das Demenzrisiko stetig
wächst, findet man im Speziellen zum Einfluss musikalischer Aktivität bisher nichts. Bisher kann
nur angenommen werden, dass auch musikalische Aktivität, als Teil eines aktiven Lebensstils,
ebenso positiv auf das Demenzrisiko wirkt. Eventuell kann und sollte man das Gesamtkonstrukt
einer aktiven Lebensweise nicht in einzelne Elemente zerlegen. Vielleicht sind es nicht die
Einzelaktivitäten an sich, die sich direkt und unvermittelt auf den Gesundheitszustand auswirken,
vielleicht sind diese Aktivitäten nur ein Zeichen, ein Ausdruck einer Lebenseinstellung, einer
Lebenssituation, die durch Kindheit und Erziehung, durch finanziellen und sozialen Status, aber
auch durch persönliche und individuelle Lebenserfahrungen geprägt ist. Grundeinstellungen wie
„Neugierde“, „Interesse“ oder „Wachheit“ in Bezug auf das Leben und seine Mitmenschen, wird
man als Werte an sich nur schwer messen können. Vorerst zeigen die Forschungsergebnisse, dass
Eigeninitiative wirken kann, dass es nicht egal ist, wie der Einzelne sein Leben gestaltet. Wie in
diesen Gesamtzusammenhang die Musik eingeordnet werden kann, was diese eventuell auszeichnet,
muss durch weitere Untersuchungen, aber auch durch theoretische und begriffliche Überlegungen,
zusammen getragen werden.
Im Folgenden wird, auf der Basis der allgemeinen Aktivität im Alter, die musikalische Aktivität am
Instrument und beim Singen fokussiert.
Musik im Alter
45
3.2.2 Singen im Alter
Singen ist eine musikalische Aktivität, die ohne Instrumentarium und ohne spezielle Kenntnisse der
Handhabung spontan und direkt ausgeführt werden kann. Melodiöse Sprache und Gesang sind
(neben dem rhythmischen Herzschlag der Mutter) die ersten musikalischen Erfahrungen, die der
Mensch am Beginn seines Lebens macht.
Das Singen im Chor vereint die individuellen Komponenten des Singens als basales körpereigenes
Instrument, mit den Vorteilen einer verbindenden Gruppenaktivität. Gerade im Alter gewinnt das
Singen im Chor neue Beliebtheit und Bedeutung für den Alltag. Immer mehr werden dem Singen
positive Wirkungen auf Physiologie und Gesundheit zugeschrieben. Jetzt rückt auch die Wirkung
des Singens auf Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden stärker in den Vordergrund.
Singen trainiert vorerst primär diejenigen physiologischen Prozesse, die zur Realisierung dieser
musikalischen Aktivität notwendig sind. Somit werden z.B. die Atmung, die Stimmorgane, sowie
die Artikulationsmuskulatur (Schmutte, 2001) trainiert. Die Durchblutung wird gefördert. Auf
mentaler Ebene trainiert Singen die Aufmerksamkeit, Konzentration und Reaktion, das Gedächtnis
für Melodie und Liedtexte. Außerdem bietet insbesondere der Gesang eine Anregung zur
Sprachverarbeitung und eine Strukturierung zeitlicher Abläufe. Auf emotionaler Ebene kann der
Gesangsunterricht (das Singen im Chor) die Freude am Klang und an der eigenen Stimme wecken.
Somit ist gerade das Singen ein Mediator für die eigene Körperwahrnehmung. Singen kann als
Bewältigungsstrategie im Alltag genutzt werden (Schmutte, 2001). „Singen ist auch
Alltagsbewältigung und effektives Gesundheitsverhalten. Singen erfüllt nicht ersetzbare
existentielle Funktionen“ (Adamek, 1996). Adamek fasst außerdem die Ergebnisse seiner
umfassenden Studie zum Singen als Bewältigungsstrategie folgendermaßen zusammen: „Personen,
die über einen positiven Zugang zum Singen verfügen und tatsächlich viel singen, sind gegenüber
denen, die diesen Zugang nicht haben, in Bezug auf ihre Alltagsbewältigung im Vorteil und
durchschnittlich psychisch und physisch gesünder“ (Adamek, 2008). Adamek weist explizit darauf
hin, dass auch Erwachsene die Fähigkeit zum Singen als Bewältigungsstrategie erlernen und
anwenden können.
Die Bedeutung des Singens dürfte im Alter durch die leichte Ausführbarkeit (keine
Instrumentanschaffung) und durch die intensive Körper- und auch Gruppenarbeit zunehmen. Das
Singen im Chor ist kann als erster Schritt in Richtung musikalische Aktivität dienen. Die
gemeinsame Aktivität, oder die gemeinsame Spiritualität (im Kirchenchor) kann stärkerer Antrieb
zum gemeinsamen Singen sein, als das eigentliche Interesse an der Musik. Im günstigsten Fall
können beim Chorsingen viele Bedürfnisse des älteren Menschen gleichzeitig befriedigt werden:
Gemeinsamkeit, Gleichgesinnte treffen, Aktivität, Spiritualität und Sinn. Während die
Forschungsliteratur zu positiven gesundheitlichen Wirkungen des Singens wächst, fehlen bisher
Musik im Alter
46
Aussagen über Motivationen und Beweggründe zum Singen im Alter. Was suchen Menschen, die
im Alter in einen Chor eintreten?
Am Beispiel älterer Frauen kann dieser Frage nachgegangen werden. Gerade Frauen der jetzigen
Altengeneration, die durch ihre Bildungschancen in der Kindheit und ihrer Stellung in der eigenen
Familie als Hausfrau und Mutter, bisher nicht die Gelegenheiten hatten, sich selbst zu „entdecken“
und weiter zu entwickeln, könnten den Weg in den Chor wählen. Nach Sandgren (2009) sind es
insgesamt gerade Frauen, die sich öfter gesanglich engagieren als Männer. Der Frauenchor kann in
der nachfamiliären Phase eine psychodynamische Funktion einnehmen, die bisher noch nicht
ausreichend untersucht/ thematisiert wurde. Niessen (1993) bemerkt ebenso in Bezug auf die
(Wieder-) Aufnahme von Instrumentalunterricht bei Frauen, dass diese beginnende Aktivität mit
einer Reduzierung familiärer Aufgaben (z.B. durch Auszug der Kinder) einher gehe. Gerade Frauen
wünschen sich oftmals, neue und intensive Beziehungen einzugehen, sodass der Chor gerade unter
Frauen Freundschaften und intensive Kontakte ermöglichen kann. Wissenschaftliche Hinweise
hierzu findet man in der Literatur zur Genderforschung (z.B. Verarbeitung der nachfamiliären Phase
bei Frauen („empty-nest“-Phänomen), oder zum „unterschiedlichen“ Altern von Männern und
Frauen (Backes, et al., 2006). Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, hinsichtlich der
Erwartungen und Bedürfnisse, dürften beim Chorsingen im Vergleich zum Instrumentalunterricht,
aber auch im Vergleich zum Orchester, deutlich ausgeprägter sein.
Die Forschungsliteratur zu den allgemeinen positiven Wirkungen des Singens (Chorsingens)
dagegen wächst. Da oft gerade Erwachsene oder ältere Menschen im Chor aktiv sind, sind es auch
Studien mit nicht primär alterswissenschaftlichen Interessen, die wesentliche Erkenntnisse zu
diesem Thema beitragen. Clifts et al. haben im Jahr 2008 in einem systematischen Review 35
Studien zum Thema Singen und Gesundheit/ Zufriedenheit identifiziert. Diese Studien, publiziert
seit den 1960er Jahren, gehen nach Clifts et al. (2008) in Theorie und Methodik weit auseinander.
Das Singen im Chor kann gerade für Menschen in schwierigen Lebenssituationen positiv erlebt
werden (Clifts, et al., 2007). Das Singen verstärkt unmittelbar positive Stimmungen (Beck, et al.,
2000). Aber das Chorsingen wirkt sich so vermittelt auch auf z.B. Medikamenteneinnahme oder
Anzahl an Arztbesuchen positiv aus (Cohen, et al., 2007). Nach Sandgren (2009) wurde die erste
Studie zu den Effekten des Chorsingens auf emotionale Zustände im Jahr 2000 von Beck et al.
durchgeführt. Kreutz et al. (2004) untersuchten die Wirkungen des Singens auf
Stimmungsregulation und Immunabwehr. Grape (2003) untersuchte diese beiden Parameter anhand
von Gesangsstunden (Sandgren, 2009). Dabei hat Grape zwischen professionellen Sängern und
Amateursängern unterschieden, und fand dabei auch unterschiedliche Wirkungen des Singens für
beide Gruppen. Die Amateursänger zeigten nach der Gesangsstunde mehr Wohlbefinden als die
Musik im Alter
47
professionellen Sänger. Grape beschreibt, dass die professionellen Sänger weniger emotional von
den Stunden profitieren, weil sie auf Technik und Stimmapparat konzentriert seien, während die
Laiensänger die Gesangsstunde für eher selbstbezogene Aspekte (auch emotionalen Ausdruck)
nutzen. Beide Untersuchungen mit physiologischen Messmethoden zur Erfassung der Wirkungen
des Singens, bestätigen, dass positive Emotionen, wie sie beim Singen erzeugt werden, die
Immunabwehr unterstützen.
Clifts et al. haben 2009 die Antworten von über 1000 Chorsängern auf folgende Frage ausgewertet:
„What effects, if any, does singing in a choir have on your physical health?“. Es wurde somit die
möglichst offene Frage gestellt, ob überhaupt, und wenn ja, welche Wirkungen das Singen im Chor
auf die physiologische Gesundheit habe. Fast 75% der Befragten konnten diese Frage beantworten
und gaben mindestens eine positive Wirkung des Singens auf ihre physiologische Gesundheit an.
Die Autoren haben die genannten positiven Effekte unterschiedlichen inhaltlichen Kategorien
zugeordnet. Die meisten Teilnehmer nehmen positive Effekte auf Lungenfunktion und Atmung
wahr. Wie anfangs geschildert, sind es vor allem die zur Ausführung nötigen körperlichen
Funktionen, die aufgrund der Tätigkeit trainiert werden. Die Wirkungen dieses rein körperlichen
Trainings scheinen für den Einzelnen sehr deutlich wahrnehmbar zu sein. Die zweit größte
Effektkategorie jedoch verweist auf einen ganz anderen Bereich: „Positiver Effekt und
Glücklichsein“. Das Singen im Chor scheint vor allem auch über die Vermittlung von Zufriedenheit
und positiven Gefühlen die Gesundheit des Einzelnen zu fördern.
Während physiologische Wirkungen des Singens gut messen kann (siehe Studie von Kreutz, et al.,
2004 und Grape, 2003), sind emotionale Wirkungen oder langfristige Effekte auf den Alltag des
Einzelnen schwerer nachzuweisen. Insgesamt weist gerade das Singen im Chor eine Vielzahl
unterschiedlichster Facetten und Dimensionen auf, dessen Wirkungen, in Verbindung mit
individuellen Motivationen und Bedürfnissen, nur schwer zu isolieren und zu verorten sind.
In etlichen eigenen Gesprächen mit älteren im Chor aktiven Frauen, kamen aber auch negative
Erfahrungen zur Sprache. Mehrfach berichteten die Frauen über einen Ausschluss aus dem Chor
aufgrund ihrer „stimmlichen Veränderungen“. Dieser für die Frauen unverständliche Ausschluss,
ging mit großen emotionalen Belastungen einher. Es bleibt offen, ob tatsächliche stimmliche
Einbußen oder auch negativ geleitete Vorurteile der Chorleiter zu diesem Entschluss führten.
Zusätzliche Schilderungen über Probleme oder Erfahrungen beim Suchen eines geeigneten Chores
zeigen sehr deutlich, dass das Singen in einem Chor von den Frauen als sehr „persönlich“
empfunden wird. Viele kämpfen mit Hemmungen, der eigenen Stimme und anderen Menschen
gegenüber. Persönliche Erfahrungen lassen die Vermutung zu, dass die heute ältere Generation im
Durchschnitt betrachtet, über ein nur wenig ausgeprägtes musikalisches Selbstbewusstsein verfügt.
Musik im Alter
48
Aufgabe der kommenden Jahre muss es sein, dieses Selbstbewusstsein zu entwickeln, und für den
Einzelnen gewinnbringend zu fördern.
3.2.3 Instrumentalunterricht im Alter
Viele der bisher genannten Aspekte zum Singen können auch auf den Instrumentalunterricht im
Alter übertragen werden. Durch erstmalige Anschaffung, konkrete Lehrersuche, und die
Einzelsituation, wird der Einstieg in den Instrumentalunterricht im Alter erschwert. Beim Neustart
muss die Instrumentenwahl individuell an die Wünsche und Erfahrungen, aber auch an
physiologische Einschränkungen angepasst werden. Der erste Schritt hin zu einem
Instrumentalunterricht im Alter wird durch musikalische Vorerfahrungen in der Kindheit oder
Jugend erleichtert. Aber auch andere Anregungen, wie das gemeinsame Musizieren mit den Enkeln
oder Kindern, können Anlass für den konkreten Unterrichtswunsch sein. Die jetzigen Älteren haben
oftmals in Kindheit und Jugend nur wenige Möglichkeiten gehabt, ein Instrument zu erlernen. Nach
der Berufs- und Familienphase wird dieser Wunsch wieder aktuell und kann aufgrund der
finanziellen Möglichkeiten im Alter realisiert werden. Bisher gibt es keine Zahlen zu der
Diskrepanz zwischen denjenigen, die sich wünschen, ein Instrument zu erlernen, und denjenigen,
die dies auch realisieren. Der Einstieg in die Musikalität am Instrument muss fortlaufend erleichtert,
Hemmungen erkannt und abgebaut werden.
Immer mehr Musikschulen kooperieren mit anderen örtlichen Bildungseinrichtungen (z.B. VHS)
oder bieten gesonderte Bereiche (z.B. Akademie für Erwachsene) an, mit eigener Servicenummer
und eigenem Namen. Aktuell sind in der Bundesrepublik insgesamt nur 0,96% der Schüler über 60
Jahre. Der Anteil der Schüler zwischen 26 und 60 Jahren liegt im Bundesdurchschnitt bei 7%
(Statistisches Jahrbuch der Musikschulen in Deutschland, 2006).
Durch vermehrtes Wissen um neuronale Lernmechanismen wird ein immer frühzeitiger
musikalischer Einstieg in die Welt der Musik für Kinder empfohlen. Diese Empfehlungen
suggerieren ein „Fenster“ musikalischen Lernens, das sich relativ frühzeitig wieder schließt. Das
Gefühl, „zu alt“ zum Erlernen eines Instruments zu sein, kann schon mit Ende 20, oder sogar noch
früher auftreten. Im Internet finden sich etliche Beiträge in unterschiedlichsten Foren, die von dem
Zweifel, „noch mit“ 24, 28 oder 33 Jahren ein Instrument zu lernen, berichten. Dieses Vorurteil wird
in der jüngsten Vergangenheit zwar durch neuste neurologische Erkenntnisse zur Plastizität des
Gehirns entkräftigt (siehe hierzu Kapitel zur Plastizität).
Der neue Denkprozess zum „lebenslangen Musiklernen“ muss jedoch konstruktiv voran getrieben
werden. Das Image des Musizierens muss vor allem für Erwachsene und Ältere (wieder) attraktiv
werden.
Musik im Alter
49
Neben der Forschung zu neurologischen Grundlagen des Musiklernens im Alter, wachsen auch
Berichte und Studien aus der Musikpädagogik. Schon Ende der 1990er Jahre hat der Verband
deutscher Musikschulen eine Studie zu erwachsenen Instrumentalschülern veröffentlicht. Über 950
Erwachsene wurden zwei Jahre lang beobachtet. Klüppelholz (1999) bewertet das Projekt insgesamt
als großen Erfolg, da es zeigt, dass auch Erwachsene „erfolgreich“ ein Instrument erlernen können.
Grimmer & Schroth (2004) stellen in ihrem Artikel in der Zeitschrift „Üben & Musizieren“ das
Musiklernen am Instrument in den Kontext „konstruktiven Alterns“ und werfen dabei vor allem
pädagogische und didaktische Fragen auf.
Niermann & Wimmer (2004) sammeln in ihrem Band „Musiklernen – Ein Leben lang“ Beiträge
eines Kongresses zum Thema „Weiterbildung – Lifelong Development“. 2005 kam das
Themenheft der Zeitschrift MusikForum (Juli-September 2005) zum „Musizieren im dritten
Lebensalter“ heraus, 2006 das Themenheft der Zeitschrift Üben und Musizieren (April/ Mai 2006)
mit dem Titel „Ein Leben lang…“.
In seiner Dissertationsschrift „Erwachsene lernen Musik“ hat Beckers (2004) den aktuellen
Forschungsstand aus vor allem musikpädagogischer Perspektive ausführlich referiert. Nach Beckers
(2002) existiert keine Theorie zum musikalischen Lernen im Erwachsenenalter. Bersch-Baural
berichtet in ihrer Dissertationsarbeit von 2004 ausführlich über den Stand der Forschung zu
Musikpräferenzen im Erwachsenenalter. Aktuell hat Spiekermann (2009) ein Buch mit dem Titel
„Erwachsene im Instrumentalunterricht“ veröffentlicht, das wesentliche Fragen rund um den
Unterricht im Alter thematisiert. Neben einer umfassenden theoretischen Einbettung eines an der
Hochschule für Musik in Detmold durchgeführten Projektes, kommen in Ihrer Veröffentlichung
viele erwachsene Instrumentalschüler selbst zu Wort. In der Verbindung zwischen Originalaussagen
der Schüler und beteiligten Lehrer, sowie der wissenschaftlichen Einbettung des Themenkomplexes,
gelingt es Spiekermann, für die besondere Situation des erwachsenen Schülers zu sensibilisieren.
Die Thematik „Instrumentalunterricht im Alter“ umfasst zwei wesentliche, grundsätzlich vom
jungen Menschen zu unterscheidende Ausgangslagen: die körperliche Situation, einschließlich
kognitiven Aspekten, und die motivationale Situation, die Bedürfnisse und Wünsche des Schülers.
Der erwachsene Mensch bringt im Vergleich mit jüngeren Instrumentalschülern sowohl Einbußen,
als auch Gewinne mit.
Ältere Menschen zeigen ein großes Maß an Eigenbestimmtheit (Walsleben, 2001). Das eventuell
verlangsamte Lernen wird kompensiert durch die Freude zu Üben, durch vorhandene
Lernstrukturen und eine gute Eigeneinschätzung (Walsleben, 2001). Eigene Ziele können
angemessen reflektiert und gestaltet werden.
Musik im Alter
50
Das Spielen eines Instruments fördert aber auch gerade im mittleren und höheren Erwachsenenalter
unterschiedlichste Fähigkeiten und Fertigkeiten. Wie auch beim Singen werden vorerst jene
Fähigkeiten trainiert, die zur direkten Erzeugung des musikalischen Klanges notwendig sind.
Während das beim Singen vor allem Lungenfunktion und Atmung sind, fordert das Spielen auf
einem Instrument zunächst die motorische Realisierung. Ein Instrument muss gehalten und
„bedient“, ein musikalischer Klang erzeugt werden. Diese „Bedienung“ ist vorerst eine motorische
Aktivität, die sich primär nicht von anderen motorischen Aktivitäten und Bewegungen
unterscheidet.
Wie sehr die eigenen motorischen Fähigkeiten mit dem Alter abnehmen, und wie deutlich dies vom
Einzelnen als Einbuße wahrgenommen wird, ist von der Ausgangslage und von der aktuellen
Beanspruchung der motorischen Abläufe abhängig. In einer Befragung von Gembris (2008) unter
Laienmusikern im Orchester, gab gut die Hälfte der durchschnittlich 71 Jahre alten Musiker an,
unter altersbedingten Beeinträchtigungen des Musizierens zu leiden (Gembris, 2008). Die
empfundenen Einbußen steigen wie zu erwarten mit dem Alter an. Die meistgenannten Einbußen
beziehen sich auf physische Parameter wie motorische Fähigkeiten, Haltungsschwierigkeiten,
Mobilitäten der Extremitäten, etc.. Gefolgt werden diese Beschwerden von allgemeiner
Verlangsamung, kognitiven Problemen und sensorischen Defiziten, wie z.B. akustische oder
visuelle Einbußen. Ob diese geschilderten Einbußen motorischer oder kognitiver Art auch im
Alltag, bei anderen Aufgaben und Aktivitäten, beobachtet werden, und wie sich das Verhältnis
dieser wahrgenommenen Defizite im Alltag zu denen der musikalischen Aktivität verhält, wurde
nicht erhoben. Es könnte sein, dass die Defizite, die beim Instrumentalspiel auffallen, im Alltag gar
nicht wahrgenommen werden. Demnach wäre das Musizieren eine Spezialisierung von Fertigkeiten,
die altersbedingte Einbußen besonders sensitiv offenbart. Oder aber die bemerkten Defizite treten
im Alltag noch viel stärker auf, als beim Musizieren. Hier läge die Erklärung eventuell in einer
besseren Kompensation der Einbußen durch das Medium Musik, durch das spezielle Training oder
durch die musikalische Motivation und Emotion. Dies spräche umso mehr dafür, Musik als
motorische Rehabilitationsmaßnahme anzuwenden, da musikalische Elemente die motorischen
Defizite besser überwinden oder „trainieren“ könnten.
Die musikalische Aktivität am Instrument ist aber ein Training ganz unterschiedlichster
Fähigkeiten. Die notwendigen motorischen Voraussetzungen sind nur ein Element erfüllten
Musizierens. Es werden kognitive, emotionale und motorische Bereiche integriert und beansprucht.
Auch Gedächtnisfähigkeiten spielen für die Realisierung des Instrumentalspiels eine wesentliche
Rolle. Das „Zusammenwirken der verschiedenen Intelligenzen für den Vorgang des Musizierens
macht deutlich, warum sich das Instrumentalspiel, vor allem das Klavierspiel, als das geeignete
Musik im Alter
51
Medium des Gedächtnistrainings etabliert hat“ (Walsleben, 2001, S. 44).
Nach Gieseke (2001, zit. nach Walsleben, 2001) werden insbesondere vier Gedächtnisteilleistungen
gefordert: das Hörgedächtnis (Spieler weiß, wie das Stück zu klingen hat), das Greifgedächtnis oder
haptische Gedächtnis, das visuelle Gedächtnis („Instrumentenaufsichtsgedächtnis“ und
Notenschriftgedächtnis), sowie das musiktheoretische Gedächtnis. Während sich Walsleben auf das
Intelligenzmodell von Gardner (1983) bezieht, das unterschiedliche Intelligenzbereiche
unterscheidet (wie sprachliche, mathematische, räumliche, musikalische, bewegungs-,
interpersonale und intrapersonale Intelligenz) fasst er zusammen, dass Musizieren alle
Intelligenzarten außer der sprachlichen Intelligenz fördere (Walsleben 2001, S. 44).
Experimentelle Untersuchungen zur Wirkung von Instrumentalspiel auf Gedächtnisleistungen sind
insgesamt relativ gering. Bugos et al. (2007) haben sich genau diesem Defizit gewidmet, indem sie
die Wirkung von Instrumentalunterricht auf Aufmerksamkeits- und Arbeitsgedächtnisleistungen
untersuchten. Die Autoren gehen davon aus, dass Gedächtnistraining optimalerweise
unterschiedliche Bereiche ansprechen müsse, wie z.B. eine progressiv zunehmende Schwierigkeit,
motivierte Übungen, immer neue Stimuli und Aufgaben, sowie eine multimodale sensorimotorische
Integration (Bugos, et al., 2007). Diese Facetten sprechen für den Einsatz von Musik als
Gedächtnistraining. Insgesamt 15 ältere Teilnehmer (Durchschnittsalter 69,5) erhielten im Vergleich
zu einer Kontrollgruppe mit 16 Teilnehmern (Durchschnittsalter 71,4) „Individualized Piano
Instruction (IPI)“. Unterricht fand einmal in der Woche für eine halbe Stunde statt, und es wurde
erwartet, dass die Teilnehmer mind. 3 Stunden in der Woche alleine üben. Die Unterrichtsstunde
wurde aufgezeichnet (Audio) und die Übungszeiten innerhalb der Woche notiert. Der Unterricht
wurde ein halbes Jahr durchgeführt und die neuropsychologischen Testungen vor Beginn des
Unterrichts, nach den 6 Monaten Unterricht und nach nochmals 3 Monaten nach Beendigung des
Unterrichts. Vor Unterrichtsbeginn wurde bei allen Teilnehmern ein Musikalitätstest durchgeführt
(AMMA, Advanced Measures of Music Audiation, Gordon, 1989). Vier Subtests des Wechsler
Intelligenztests für Erwachsene (WAIS III. Wechsler, 1997) wurden zu allen drei Testzeitpunkten
erhoben (digit Symbol, digit Span, Block Design, Letter number sequencing), wie auch der Trail
Making Test (TMT Parts A and B, Reitan & Wolfson, 1985). Insgesamt wurden Verbesserungen der
Musikgruppe im Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsleistungen gefunden (Digit Span und TMT).
Somit seien Verbesserungen in kognitiven Teilleistungen gefunden worden, die in dieser Weise
nicht im Instrumentalunterricht geübt worden seien (Bugos, et al., 2007, S. 469). Die
Transferleistung eines bestimmten kognitiven Trainings auf eine andere kognitive Leistung sei in
der Literatur zur Alternsforschung bisher äußerst rar gewesen. Nicht von Bugos et al. thematisiert
ist die insgesamt vorhandene „Rarheit“ eines guten Nachweises von Transferwirkungen von
Musikunterricht auf andere kognitive Fähigkeiten (z.B. bei Kindern und Jugendlichen) (siehe hierzu
Musik im Alter
52
Gembris, Kraemer & Maas, 2000). Dennoch ist diese Studie wegweisend darin, die einmaligen
Möglichkeiten des multimodalen Musizierens im Alter, als Training unterschiedlichster Bereiche zu
untersuchen.
3.2.4 Musizieren im Seniorenorchester
Um den Nutzen von musikalischer Aktivität für ältere Menschen zu beschreiben, muss man nicht
notwendigerweise auf Transferwirkungen zurückgreifen. Musik und musikalische Aktivität besitzen
für den Einzelnen, für das individuelle Leben, eine Reihe an positiven Eigenschaften. Gembris
(2008) hat sich in einer großen Fragebogenstudie auf ältere Amateurmusiker in Laienorchestern
konzentriert. Seniorenorchester stellen eine feste Größe im kulturellen Leben dar und doch wurden
Motivation, Leistungsentwicklungen oder Wirkungen der Orchestermusiker noch nicht
wissenschaftlich untersucht. Die Studie von Gembris (2008) umkreist dabei drei Fragestellungen: 1.
Wer spielt überhaupt in einem Seniorenorchester (sozialer, biografischer und musikalischer
Hintergrund, 2. Funktion und Bedeutung der musikalischen Aktivität, sowie 3. Altersbedingte
Einbußen und Kompensationsstrategien (Gembris, 2008, S.104). Ein auf diese Fragestellung hin
entwickelter Fragebogen wurde an 43 Seniorenorchester im deutschsprachigen Raum verschickt.
Insgesamt weisen die Ergebnisse auf eine große Bedeutung der kindlichen musikalischen Erziehung
für die Aktivität im Alter hin. Über 80% der Befragten lernten ihr Instrument in den ersten 20
Lebensjahren (Gembris, 2008, S. 104). Fast alle Teilnehmer habe ihre musikalische Aktivität im
Zeitraum zwischen dem 20. und 60. Lebensjahr unterbrochen. Andere Verpflichtungen wie Beruf
und Familie sind hier relevant. Umso wichtiger die Tatsache, dass nach einem so langen Zeitraum
dann doch wieder das Bedürfnis nach musikalischer Aktivität erwacht. Jedoch verändern sich die
Wünsche und Bedürfnisse an das eigene Musizieren. Nur ein Drittel der Befragten äußert Interesse
an individuellem Instrumentalunterricht. Zwei Drittel der Befragten bekundet kein Interesse an
Instrumentalunterricht, wobei das Interesse mit dem Alter abnimmt (ebd., S. 104). Die Gründe
hierfür dürften vielfältig sein. Einerseits verändern sich Ziele und Bedeutungen der eigenen aktiven
Musikalität mit dem Alter. Es stehen weniger die konkrete Leistung und „Erfolg“ im Vordergrund,
als vielmehr Selbstentfaltung und Sinngebung durch Musik. Jedoch können auch falsche
Vorstellungen und fehlende Informationen mit dafür verantwortlich sein. In den letzten Jahren
haben sich viele spezielle Angebote für die ältere Zielgruppe in den Musikschulen entwickelt.
Eventuell hat die Vorstellung von Musikschule und Instrumentalunterricht für Ältere aber immer
noch zu viel mit „Kindheit“ zu tun. Negative Vorstellungen beziehen sich eventuell auf eine nicht
altersgerechte Ansprache im Musikunterricht, oder auch auf nicht altersgerechte Literatur. Eigene
Unterrichtserfahrungen in der Kindheit, die sich grundlegend von heutigen musikpädagogischen
Musik im Alter
53
Maßstäben unterscheiden dürften, spielen sicherlich auch eine große Rolle. In eigenen Befragungen
etlicher älterer Menschen, wurde über eher negative Erinnerungen und Assoziationen an den
eigenen Instrumentalunterricht in der Kindheit berichtet. Dieser wird oft mit großer Autorität und
vermehrtem Druck (auch aus dem Elternhaus) assoziiert. Das jetzt im Alter neu auftretende Gefühl
der „Freiheit“ am Instrument wird bewusst genossen und geschützt. Dieser Erklärungsansatz
kongruiert mit der Tatsache, dass das Interesse an Unterricht mit zunehmendem Alter abnimmt.
Demnach dürfte der eigene Musikunterricht in der Kindheit umso autoritärer und nach heutigen
pädagogischen Maßstäben „veralteter“ sein, je älter die Befragten sind. Demnach könnte man davon
ausgehen, dass das Interesse an individueller Förderung, an eigener Leistungssteigerung, auch in
der Musik mit der Generationenverschiebung steigen wird. Die Ansprüche der Älteren werden
wachsen. Mit einer optimistischeren Füllung eigener Altersbilder, hin zu einem kompetenten,
lernenden und geförderten Älteren, wird auch die Nachfrage an Musikunterricht steigen.
Die Hälfte der Befragten der Studie von Gembris (2008) geben an, altersbedingte Einbußen beim
Musizieren zu spüren. Das heißt auch, dass die andere Hälfte keinerlei altersbedingte Einbußen
verspürt. Mehr als die Hälfte der Befragten geben an, ihre aktuelle Performanz 80-100% ihrer
Bestleistung zu erreichen (Gembris, 2008, S 107). Ein Fünftel geben sogar an, ihre absolute
Bestleistung zwischen 60 und 69 Jahren erbracht zu haben. Dies verdeutlicht den großen Einfluss
der musikalischen Aktivität auf das Selbstkonzept und Selbstwertgefühl der älteren Musiker (ebd.,
S. 107). Bei allgemein verschlechterter körperlicher Verfassung und als Teil eines defizitären
Altersbildes, kann ein mit Höchstleistungen besetzter Fähigkeitsbereich einen enormen Stellenwert
einnehmen. Gerade nach Ausscheiden aus Beruf und familiären Verpflichtungen werden Sinnfragen
und Fragen an das eigene „Nützlichsein“ gestellt. Musik als Aufgabe, Musik als Sinn und
Forderung, dürfte da eine tragende Rolle einnehmen. Dies spiegelt sich auch in einem weiteren
Ergebnis der Studie. In keinem anderen Lebensabschnitt der Befragten war Musik ihnen so wichtig
wie im Alter. Auch in der Phase der Adoleszens wird die Bedeutung der Musik nicht so bedeutend
eingestuft, wie im Alter. Dabei zu beachten ist, dass die Probanden die Bedeutsamkeit respektiv
beurteilen.
Aktivität im Seniorenorchester stellt eine positive Ressource für ältere Menschen dar. Es wird eine
Steigerung der Vitalität, der Lebensqualität und der Zufriedenheit genannt. Ebenso bedeutend sind
sozialer Kontakt und Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe. Insgesamt zeigt diese Studie deutlich die
Rolle und Funktion aktiven Musizierens im Alter an. Gerade das Musizieren mit anderen in einer
Gemeinschaft mag gesteigerte Wirkungen, bzw. andere Wirkungen erbringen, als das Musizieren
für sich allein. Die Bedeutung des Musizierens für das Selbstkonzept im Alter dürfte darüber hinaus
noch ein besonders spannendes Feld sein.
Musik im Alter
54
4.3 Zusammenfassung Musik im gesunden Alter
Insgesamt ist das Feld Musik im Alter deutlich in Bewegung. Musikschulen haben ihre neuen
Möglichkeiten zum Teil schon erkannt und arbeiten mit viel Kreativität und Engagement an neuen
Konzepten für ältere Musikschüler. Um einen höheren Anteil der älteren Bevölkerung zu erreichen,
ist aber vor allem noch viel Öffentlichkeits- und Imagearbeit nötig. Die „Musikschule als
Ausbildungsort für Kinder“ dürfte vor allem in den Köpfen der Älteren noch verankert sein. Auch
eigene, vielleicht negative Erfahrungen mit Instrumentalunterricht in der Kindheit stellen eine zu
überwindende Barriere dar. Gute Ansatzpunkte böten nach der Studie von Gembris (2008) vor allem
Gemeinschaftsangebote, bei denen der Spaß und die Lebensfreude im Vordergrund stehen.
Bewegung ist auch innerhalb der musikpädagogischen Praxis zu beobachten. Fortbildungen und
Weiterbildungen (entwickelt und etabliert von Hartogh, Wickel und Tüpker) im Bereich der
Musikgeragogik nehmen zu und erfreuen sich einem regen Interesse. Es wird sowohl die
Zielgruppe der Pflegenden von Demenzpatienten, als auch der Musikschullehrer angesprochen.
Im Feld der Forschung eröffnen sich unzählige Vertiefungsfelder in einem zukunftsträchtigen
Sektor. In allen Bereichen rund um das Thema Musik und Alter müssen die Arbeiten jedoch immer
vorausschauend gedacht werden. Der Umgang mit Musik und die Ansprüche an Musik sind sehr
kohortenspezifisch und werden sich im Laufe der Jahre, durch andere Mediennutzungen und
veränderte musikpädagogische Erfahrungen in der Kindheit grundlegend verändern.
Die gesamtgesellschaftliche „Unbestimmtheit des Alters“ (Kaufmann, 2008, S. 134) wirkt sich auch
auf den musikalischen Bereich aus. Nicht nur in der Wissenschaft, auch in der Gesellschaft ist
unklar, welche „Erwartungen und Leitbilder“ heute für ältere Menschen relevant sind (S. 134).
Besonders diejenigen, die mit guter Gesundheit aus dem Berufsleben ausscheiden und nun noch
einige Jahrzehnte Lebenszeit vor sich haben, sehen sich mit völlig unpassenden Altersbildern
konfrontiert. Formen und Rahmen ihrer nützlichen und intensiven Beteiligung am
gesellschaftlichen Leben müssen erst entwickelt und etabliert werden. Die Unausgeformtheit eines
Altersbildes in der Musik dürfte ebenso zutreffend sein angesichts des bisherigen
Forschungsmangels. Der alternde Mensch als musikalisch Lernender, als musikalisch Geprägter
und in gewisser Weise „weiser“ Musiker, muss sich erst etablieren. Musikalische Aktivität im Alter
kann aber in einem zweiten Schritt auch Möglichkeit zur aktiven Teilhabe und zur aktiven
Einbringung in die Gesellschaft sein. Nicht nur die Mitwirkung an Chören und Orchestern, auch die
Weitergabe musikalischer Freude und Traditionen an jüngere Generationen, spielt für die Zukunft
eine bedeutende Rolle.
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
55
5 Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
Bisher wird das Thema Musik und Alzheimerdemenz vorrangig durch den Fokus der Musiktherapie
betrachtet. Etliche Erfahrungsberichte und Praxisratgeber schildern sehr positive Reaktionen von
Alzheimerpatienten auf Musik (z.B. Latz, 1995; Harms & Dreischulte, 2001). Die positive
Resonanz der Praxis drängt zu einer genaueren Untersuchung, um Musik bei möglichst vielen
Alzheimerpatienten zu ermöglichen und in etablierte Wege leiten zu können. Jedoch steckt die
wissenschaftliche Erforschung dieses in der Praxis gut beobachteten Zusammenhangs, noch in den
Kinderschuhen. Grundlegende erste Forschungsansätze zur Musiktherapie bei Alzheimerpatienten
kommen vor allem aus dem angelsächsischen Raum (für Überblicke siehe: Grümme, 1997;
Kneafsey, 1997; Lou, 2003; Sherratt, Thornton & Hatton, 2004; Vink et al., 2004; Koger, Chapin &
Brotons, 1999). In Deutschland herrschen Praxisanleitungen, Ratgeber und Erfahrungsberichte vor
(Hartogh & Wickel, 2008; Füller, 1997; Grümme, 1998; Blanckenburg, 1989).
Insgesamt sind fast alle Herangehensweisen an den Themenkomplex „Alzheimerdemenz und
Musik“ durch den musiktherapeutischen Kontext geprägt. Untersuchungen zu musikalischem
Lernen, musikalischer Expertise oder allgemeiner Musikwahrnehmung sind deutlich
unterrepräsentiert bzw. nicht vorhanden. Dabei kann der Themenkomplex Alzheimerdemenz und
Musik durch verschiedene Fragenbereiche konkretisiert und skizziert werden. Diese Bereiche
können anhand von vier Dimensionen kategorisiert werden:
1. Musik in der Biografie
2. Musikalische Expertise
3. Neuronale Grundlagen der Musik bei Alzheimerdemenz
4. Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
Musik ist in jeder menschlichen Biografie in anderer Weise repräsentiert und involviert. Innerhalb
des Krankheitsprozesses der Alzheimerdemenz kommt der musikalischen Biografie eine besondere
Rolle zu. Das eigene, labiler werdende Selbstkonzept findet in musikbiografischen
Anknüpfungspunkten Wurzeln und Halt. Die enge Verknüpfung zwischen Musik und Biografie
führt zum Einsatz von Musik zur Gedächtnisförderung. Muthesius (1999, 2002) hat aus einem
praxisorientierten Ansatz das Verhältnis Musik und Biografie näher beschrieben. Biografiearbeit
und musiktherapeutische Arbeit gehen dabei miteinander einher, und können nicht getrennt
voneinander betrachtet werden.
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
56
Der Bereich der musikalischen Expertise umfasst Fragen zur Fähigkeitsentwicklung innerhalb des
Krankheitsprozesses, zu Lernfähigkeiten und zu eventuellen musikalischen Ressourcen. Die
Untersuchung von Musikern mit Alzheimerdemenz, wie es in einigen Einzelfallstudien schon
geleistet wurde, fällt ebenso unter diesen Punkt. Der an Alzheimerdemenz erkrankte Laie und der
Profimusiker in ihrem Umgang mit musikalischen Anforderungen und Aufgaben stehen hier im
Vordergrund.
Der Bereich der neuronalen Grundlage von Musik bei Alzheimerdemenz zielt auf die
Wechselwirkung von neuronaler Degeneration und Musikwahrnehmung. Es stehen die Fragen im
Vordergrund, welchen Einfluss pathologische Prozesse auf die Musikrezeption haben, oder welche
neuronalen Charakteristika für eine musikalische Ressource bei Alzheimerdemenz sprechen.
Der Komplex der Musiktherapie umfasst die Entwicklung eines Wirkungsmodells sowie die
Klärung der Elemente der Musik, die relevant sind für die Wirkung auf bestimmte symptomatische
Verhaltensweisen. Außerdem die Erschließung der Fragen, welche Faktoren der Erkrankung sich für
einen Einsatz von Musiktherapie besonders auszeichnen, und wie die Anwendung und Verbreitung
der Musiktherapie bei Alzheimerpatienten vorangetrieben werden kann.
Die Lage der Forschungsliteratur zu diesen vier groben Themenkomplexen ist jedoch noch sehr
ungleich verteilt. Wie schon angesprochen, zielt die bisherige Literatur vorrangig auf den
musiktherapeutischen Bereich. Doch um die Wirkung von Musik in breiteren Netzwerken verstehen
zu können, müssen auch die anderen Bereiche aus unterschiedlichsten Fachdisziplinen fokussiert
und bearbeitet werden.
5.1 Was ist Musiktherapie?
Die deutsche Gesellschaft für Musiktherapie definiert Musiktherapie wie folgt: „Musiktherapie ist
der gezielte Einsatz von Musik im Rahmen der therapeutischen Beziehung zur Wiederherstellung,
Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit. Musiktherapie ist eine
praxisorientierte Wissenschaftsdisziplin, die in enger Wechselwirkung zu verschiedenen
Wissenschaftsbereichen steht, insbesondere der Medizin, den Gesellschaftswissenschaften, der
Psychologie, der Musikwissenschaft und der Pädagogik. Der Begriff „Musiktherapie“ ist eine
summarische Bezeichnung für unterschiedliche musiktherapeutische Konzeptionen, die ihrem
Wesen nach als psychotherapeutisch zu charakterisieren sind, in Abgrenzung zu pharmakologischer
und physikalischer Therapie.“ (www.musiktherapie.de weiter unter Definition, Datum des Zugriffs:
26.11.08). Diese Definition ist Ergebnis einer im Jahre 1994 stattgefundenen Konferenz von
Vertretern aller musiktherapeutischen Verbände, der „Kasseler Konferenz musiktherapeutischer
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
57
Vereinigungen in Deutschland“. Hier stand die Suche nach Konsens in der Definition der
Musiktherapie im Vordergrund, was dazu führte, dass 1998 in der Fachzeitschrift
„Musiktherapeutische Umschau“ (Band 19, S. 232) die „Kasseler Thesen zur Musiktherapie“
erschienen, und stark verkürzt die oben genannte Definition skizzieren. Da Musiktherapie in ihrer
Konzeption und Praxis sehr stark differenziert ist, fällt es schwer, über DIE Musiktherapie zu
sprechen. Im Kontext der Musiktherapie, und somit auch der Musiktherapieforschung, muss immer
der genaue Einsatz der Musik oder einzelner musikalischer Parameter, sowie das entsprechende
Setting der musiktherapeutischen Intervention, beschrieben und berücksichtigt werden.
Grundvoraussetzung der Musiktherapie ist die Klangsprache Musik, die nach Thaut et al. (2004,
S.36) komplex sensorisch, stark mustergeprägt und temporal strukturiert ist. Sie spricht dabei die
sowohl die sensorische, motorische, perzeptiv-kognitive und auch emotionale Ebene an. Nach
Thaut kann die Musiktherapie durch neuronale Stimulation und Integration Veränderungen des
Verhaltens-, Verarbeitungs- und Wahrnehmungsprozesses bewirken. Innerhalb der Musiktherapie ist
diese Definition mit Einbeziehung neuronaler Wirkfaktoren nicht selbstverständlich. Wie in der
Philosophie bis heute Kontroversen über die Geist-Gehirn-Problematik diskutiert werden, vor allem
darüber, ob sich auch „seelische“ Prozesse auf neuronale Zusammenhänge des Gehirns reduzieren
lassen, so gibt es auch innerhalb der (vor allem praktischen) Musiktherapie noch große
Unterschiede in den vorausgesetzten Wirkungszusammenhängen. Die Erklärungsansätze der
Praktiker mögen stark von der eigenen Ausbildung abhängig sein, die in Deutschland noch sehr von
einzelnen Schulen geprägt ist.
Nach Wormit et al. (2002, S. 321) braucht Musiktherapie den Wettbewerb auf dem
Gesundheitsmarkt, qualitätssichernde Maßnahmen und empirisch belegte Forschungsstandards.
Außerdem brauche die Musiktherapie die Sicherung der berufspolitischen- und rechtlichen Stellung
als Behandlungsverfahren.
Musiktherapie insgesamt, aber auch insbesondere bei Alzheimerdemenz, ist in Deutschland noch
nicht allgemein als Behandlungsverfahren anerkannt und etabliert. Die Gesellschaft ist zwar für die
besondere Bedeutung der Musik für ältere und an Demenz erkrankte Menschen sensibilisiert,
dennoch bleibt die Musiktherapie am Rande des selbstverständlichen, routinierten Einsatzes. Musik
und Musiktherapie, gerade bei alten und/oder an Demenz erkrankten Menschen, bewegt sich leider
in vielen Köpfen (noch) nicht über die Vorstellung einer “schönen Beschäftigung” hinaus. Dieser
Zustand mag auch darin begründet sein, dass grundlegende Forschung innerhalb dieses Bereiches
einfach fehlt. Aufgabe der Forschung muss dabei auch sein, für Fragen der Musiktherapie zu
sensibilisieren, und auf das spezielle Verhältnis zwischen musikalischen Mitteln und Krankheitsbild
der Demenz hinzuweisen.
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
58
5.2 Wirkung der Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
Die bisherigen musiktherapeutischen Studien aus dem angelsächsischen Raum beziehen sich vor
allem auf die positiven Wirkungen der Musiktherapie auf Symptome der Alzheimerdemenz. Eine
Meta-Analyse von 21 empirischen Studien ergibt im Ganzen einen hochsignifikanten Effekt (Koger,
Chapin & Brotons, 1999). Es werden in der musiktherapeutischen Forschung vor allem Effekte der
Musiktherapie auf symptomatische Verhaltensmuster untersucht, z.B. auf
1. Unruhezustände (Witzke, et al., 2008; Ragneskog, et al., 2001; Brotons & Pickett-Cooper,
1996; Gerdner & Swanson, 1993),
2. Aggressivität (Clark, Lipe & Bilbrey, 1998; Snyder & Olson, 1996),
3. Umherwandern (Groene, 1996),
4. allgemeine Verhaltensweisen (Sherratt, Thornton & Hatton, 2004; Suzuki, et al., 2004; Van
de Winckel, et al., 2004; Pollack & Namazi, 1994)
5. Apathie (Holmes, et al., 2006)
6. Gedächtnisleistungen (Quoniam, et al., 2003; Foster & Valentine, 2003)
7. Sprachfunktionen (Brotons & Koger, 2001)
8. Depressivität (Ashida, 2002)
Diese Studien zielen auch auf eine Verbesserung des Pflegealltages hin und erheben oft große
Wirkungen durch verhältnismäßig geringe Mittel. Beispielhaft kann eine Studie von Clark und
Mitarbeitern (Clark, Lipe & Bilbrey, 1998) vorgestellt werden. Diese untersuchte die Wirkung von
bekannter Musik auf aggressives Verhalten von Alzheimerpatienten während des Badens. Dazu
wurden 18 Patienten mit bis zu schwerer Demenz innerhalb von vier Wochen in insgesamt 20
Episoden beobachtet. Es wurde eine signifikante Abnahme des aggressiven Verhaltens des Patienten
festgestellt. Vor allem äußerte sich auch die pflegende Person positiv über die Verhaltensänderungen
des Patienten und die Verbesserung der Atmosphäre innerhalb der Pflegesituation. Musik kann
demnach dazu beitragen, alltägliche Pflegesituationen zu entspannen und dadurch die Arbeit des
Pflegepersonals positiv zu unterstützen. Mit individueller Musik kann eine routinierte, vielleicht
schon automatisierte Pflegesituation wieder individualisiert werden. Somit ist der Einsatz von
Musik bei Alzheimerpatienten immer auch ein Einsatz für das Pflegepersonal bzw. die pflegenden
Angehörigen. In ähnliche Richtung zielen die Studien von Götell, Brown & Ekman (2008, 2003,
2002 und 2000). Sie untersuchen innerhalb ihrer Studien zwischen 2000 und 2008 aufbauend die
Wirkung von Hintergrundmusik und Singen der Pflegeperson auf körperliche Haltung, Bewegung
und sensorische Aufmerksamkeit (2003), bzw. auf vokal ausgedrückten Emotionen und
Stimmungen der Patienten bei der morgendlichen Pflege. Die Ergebnisse wurden vorrangig durch
qualitative Inhaltsanalysen von Videoaufnahmen erzielt. Hintergrundmusik und Singen der
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
59
Pflegeperson kann innerhalb einer ritualisierten Pflegesituation die gemeinsame Kommunikation
anregen sowie Aggressionen reduzieren und positive Emotionen fördern (ebd., 2008).
Hintergrundmusik und Singen bewirkt außerdem ein deutlich erhöhtes körperliches und
sensorisches Bewusstsein sowie stärker zielgerichtete und symmetrischere Bewegungen als die
Kontrollgruppe ohne Musik (2003).
Die Studienteilnehmer der Studie von 2008 waren hier dieselben wie die der zwei vorhergehenden
Studien (2002, 2003) (n=9). Die Autoren beschreiben in ihrer Veröffentlichung (2008) sehr deutlich
die Veränderungen während der Waschsituation ohne Musik, mit Hintergrundmusik und mit
singender Pflegekraft.
„When music played in the background during the morning care session, the emotions and
moods were altered compared to the usual session. The music seemed to relieve the
caregiver of the responsibility of expending so much of her own energy to elicit behaviors
and create pleasant moods; the music seemed to do some of that work all on its own.”
(Götell, et al., 2008, S. 6).
„Caregiver singing seemed to alter the characteristics of the emotions and moods of the
interaction between caregivers and PWD`s (persons with dementia, Anm. Söthe-Röck)
compared to the two previous sessions. There was a sense of mutual vitality, but compared
to the light-heartedness of the interaction with background music playing, the dynamic with
singing was characterized by a sense of sincerity, openness, intimacy, and even vulnerability.
The prevailing moods were solemn, serious, and sincere“ (ebd., 2008, S. 6).
Anhand dieser Studienreihe können allgemeine Probleme bei der Beurteilung musiktherapeutischer
Forschung im Feld der Alzheimerdemenz beispielhaft dargestellt werden. Nach streng
quantitativem, objektivem und „evidenzbasiertem“ Maßstab zeigen sich (hier beispielhaft) kritische
Vorgehensweisen in Methodik und Durchführung der Studie (z.B. Durchführung unterschiedlicher
Studien mit denselben Probanden bei geringer Teilnehmerzahl, die Analyse der
Videoaufzeichnungen durch zwei der Autoren ohne Fremdbeurteilung oder die schwierige
Grenzziehung zwischen Interpretation und Objektivität der Ergebnisse). Aber es liegen auch
ungemeine Potentiale in dieser und anderen Studien dieser Art. Die Publikationsreihe der Autoren
legt nahe, dass sie sich über einen langen Zeitraum mit dieser Thematik auseinandersetzen und die
Studien aufeinander aufbauend initiieren. Man kann davon ausgehen, dass die Autoren ihre
Probanden gut kennen und sie besonders dafür geeignet sind, ihr Verhalten zu bewerten und zu
analysieren. Aus diesem inneren Geflecht an nicht direkt verifizierbaren Eindrücken und
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
60
Emotionen, kann man ganz am Anfang eines Forschungsstandes viele wesentliche und
weiterführende Informationen sammeln. In einem weiteren Schritt ist es sicherlich zu empfehlen,
diese durch eher qualitative Einzelfallschilderungen gewonnen Ansätze an einer großen Zahl von
Patienten mit möglichst objektiven Werkzeugen zu replizieren. Innerhalb dieses Forschungsfeldes
fällt insbesondere eine innere „Teilung“ in qualitative und quantitative Forschungsmethodik auf.
Gerade in diesem interdisziplinären Feld, sowohl aus medizinischen – naturwissenschaftlichen, als
auch geisteswissenschaftlichen Forschungssträngen, liegt diese methodische Vielfalt auf der Hand.
Diese Vielfalt birgt Potentiale, sie muss aber auch forschungsperspektivisch gebündelt werden. Das
kann nur durch starke Vernetzung und interne, interdisziplinäre Kommunikation gelingen.
Eine etwas größer angelegte aktuelle Studie (Raglio, et al., 2008) untersucht die Wirkungen von 16
Wochen musiktherapeutischen Sitzungen auf Symptome der Alzheimerdemenz. Es zeigen sich
signifikante Verbesserungen der musiktherapeutisch betreuten Gruppe in Teilen des BPSD
(behavioral and psychological symptoms of dementia), wie z.B. Unruhe, Angst, nächtliche Unruhe,
Irritiertheit. Insgesamt wurden 59 Probanden auf eine Interventions- und Kontrollgruppe aufgeteilt.
Die Interventionsgruppe nahm über 16 Wochen an insgesamt 30 musiktherapeutischen Sitzungen
teil, während die Kontrollgruppe eine geleitete Betreuung mit anderen
Unterhaltungsbeschäftigungen erhielt. Zu den Erhebungsinstrumenten zählt der MMSE zur
Erfassung des Erkrankungsgrades, der Barthel Index sowie das Neuropsychiatrische Inventar.
Neben den Verbesserungen der BPSD zeigt auch der NPI (Neuropsychiatrisches Inventar) über die
Zeit hinweg signifikante Verbesserungen in der Interventionsgruppe.
Insgesamt weist die Literatur innerhalb des engeren therapeutischen Zusammenhangs auf
beeindruckende Wirkungen von Musik auf die Symptome der Alzheimerdemenz hin. Die
Studienansätze sind bisher noch sehr unterschiedlich und verfolgen verschiedene Ausrichtungen. Da
die wissenschaftliche Arbeit mit Alzheimerpatienten eine schwierige Hürde darstellt, und gerade die
musikalische Arbeit innerhalb eines therapeutischen Zusammenhangs wissenschaftlich schwer
erfassbar ist, müssen viele einzelne Studien in eine Richtung weisen. Das Bemühen, auf
unterschiedlichen Wegen Wissen über die Wirkungen von Musik auf Alzheimerpatienten zu
generieren, sollte die unterschiedlichen Disziplinen zu einem gemeinsamen Weg führen.
Grundlegendes Ziel weiterer Forschungen im Bereich der musiktherapeutischen Praxis sollte auch
die Konzeption eines Wirkungsmodells sein. Denn die Frage, wie und warum die beschriebenen
Wirkungen erzielt werden, ist bis heute nicht beantwortet (siehe auch Brotons, Koger & Pickett-
Cooper, 1997).
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
61
5.3 Grenzen der Musiktherapie/ Grenzen der Methoden
Neben der wachsenden Anzahl eher kleinerer Studien zu positiven Wirkungen der Musiktherapie
auf symptomatische Verhaltensweisen, existieren auch Studien, die entweder keine signifikanten
Wirkungen der Musiktherapie oder Grenzen der Wirksamkeit auf Demenzpatienten feststellen
können.
Grenzen der Wirkung von Musiktherapie sind bisher im Langzeiteffekt gefunden worden. Bruer et
al. (2007) finden zwar signifikante Verbesserungen kognitiver Funktionen am Folgetag der
musiktherapeutischen Intervention, jedoch keine signifikanten Unterschiede mehr zwischen den
Gruppen (Interventionsgruppe: Musiktherapie, Kontrollgruppe: Film) nach einer Woche der letzten
Sitzung (3x wöchentlich über einen Zeitraum von 8 Wochen). Ebenso fanden Ledger & Baker
(2007) bei ihrer Untersuchung der Wirkung von Musiktherapie auf das Symptom der Unruhe zwar
positive Kurzzeiteffekte, aber keine Langzeitwirkung. Sie untersuchten eine Interventionsgruppe im
Vergleich zu einer nicht „behandelten“ Kontrollgruppe im Ein-Jahres-Verlauf mit einer
wöchentlichen Sitzung Musiktherapie bei mittel bis schwer erkrankten Alzheimerpatienten. Es
wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen der Experimental- und der Kontrollgruppe in
Range und Frequenz des Unruheverhaltens über die Zeit hinweg festgestellt.
Auch eine deutsche interdisziplinäre Arbeitsgruppe (Berger, et al., 2004) verfolgte einen klinisch-
experimentellen Ansatz um die Wirkung einer Kombination aus Angehörigengruppe und
Musiktherapie/Gedächtnistraining zu untersuchen (zusammengefasst von Frölich & Bernhardt,
2004). Über einen Zeitraum von 2 Jahren wurden jeweils 18 Patient-Angehöriger-Paare mit
Musiktherapie/ Gedächtnistraining in Kombination mit einer Angehörigen-Selbsthilfegruppe und
der Kontrollgruppe (Gruppe parallelisiert nach Alter, Geschlecht, Diagnose, Schweregrad der
Demenz, Lebenssituation und Medikation) verglichen. Die Interventionen für Patient und
Angehörige fanden einmal wöchentlich parallel statt. Die Kontrollgruppe dagegen erhielt nur
Beratung und medizinische Behandlung. Es wurde kognitiver und funktionaler Status des Patienten,
BPSD (Behavioral and psychological symptoms of dementia) und subjektives Wohlbefinden und
Depression der Angehörigen erhoben. Insgesamt konnten über dem Zeitraum hinweg (nach 6, 12
und 24 Monaten) keine positiven Effekte der Therapiegruppe gefunden werden. In der deutschen
Zusammenfassung berichtet Frölich über eine gewisse Diskrepanz der geschilderten positiven
Reaktionen der Musiktherapie-Teilnehmer und den objektiv gemessenen Outcomes. Frölich schließt
nicht aus, dass die Messinstrumente, die durch Pharmakotherapiestudien etabliert sind, für die
Darstellung musiktherapeutischer Wirkungen bei Demenzpatienten nicht ausreichen. Insbesondere
wird auf notwendige Erfassung der Interaktionsfähigkeit hingewiesen.
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
62
Die Ergebnisse zur Wirkung der Musiktherapie auf Symptome der Alzheimerdemenz sind sehr
heterogen. Berichte aus Praxis und Anwendung und etliche Studien vorrangig aus dem
angelsächsischen Raum weisen auf positive Effekte hin. Dabei bewegen sich diese Studien
zwischen einerseits eher geringer Methodenqualität und andererseits positiver Anpassung an die
gegebenen Umstände und Besonderheiten im Umgang mit Alzheimerpatienten. Oftmals sind es
Studien mit besonders objektiven Messinstrumenten, die geringere oder gar keine signifikanten
Wirkungen feststellen. In Anlehnung an Frölich muss man davon ausgehen, dass noch keine
optimalen Messinstrumente gefunden bzw. entwickelt wurden, um die Wirkungen
musiktherapeutischer Anwendungen beim Patienten mit Alzheimerdemenz optimal belegen zu
können. Um zielgerichteter untersuchen und Messinstrumente entwickeln zu können, bedarf es auch
eines Erklärungsansatzes. Bisher sind die vorhandenen Studien in diesem Feld untereinander noch
sehr isoliert, es gibt keine Forschungsstränge oder sogar Repliken. Viele einzelne kleine Hinweise
werden verfolgt, ohne dass eine Richtung vertieft werden könnte.
5.4 Weitere Bereiche Musik und Alzheimerdemenz
Die Verbindung Musik und Alzheimerdemenz geht weit über diesen engen therapeutischen Rahmen
hinaus. Es sind weitaus mehr theoretische Zusammenhänge denkbar und sind zum Teil auch in der
Forschungslandschaft angedeutet. Im Folgenden werden leistungsfördernde, diskriminatorische
und prophylaktische Aspekte der Musik als Möglichkeiten des wissenschaftlichen Ansatzes
vorgestellt.
5.4.1 Musik als Leistungsförderung?
Musik könnte als leistungsförderndes, leistungssteigerndes Medium im Falle einer
Alzheimerdemenz eingesetzt werden. Gerade neuste Erkenntnisse über den Einsatz von Musik bei
der Rehabilitation von Schlaganfallpatienten dürften dieser Hoffnung wieder Auftrieb geben. In
einer finnischen Studie (Särkämö, et al., 2008) ist es gelungen, allein durch regelmäßiges, tägliches
Musikhören das verbale Gedächtnis und die Aufmerksamkeitsleistung von Schlaganfallpatienten
signifikant zu verbessern. Außerdem zeigte das Musikhören einen deutlichen Einfluss auf die
Stimmung der Patienten.
Als allgemeines Beispiel der Annahme positiver Transfereffekte von Musik auf kognitive
Leistungen kann man auf den „Mozart-Effekt“ hinweisen. Unter diesem Begriff versteht man einen
kurzzeitig fördernden Einfluss passiven Hörens von einigen Minuten Mozart-Musik auf
verschiedene intellektuelle Leistungen (Jäncke, 2008, S. 24). Rauscher berichtete 1993 erstmalig
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
63
von einer Steigerung des räumlichen, logischen Denkens nach dem Hören von Mozart-Musik beim
Menschen. Dieser allgemeine „Mozart-Effekt“ wurde zuvor bei Ratten durchgeführt, die nach dem
Hören von Mozart lernfähiger und leistungsstärker waren (im Labyrinth). Es entsteht im Anschluss
eine für wissenschaftliche Verhältnisse heftige Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern dieses
Modells. Besonders zu nennen ist die Arbeitsgruppe um Steele et al. (1999), die etliche
Versuchswiederholungen durchführte, ohne die Rauscher-Ergebnisse replizieren zu können. Eine
gute verständliche Zusammenfassung dieser Debatte unter neuropsychologischen Gesichtspunkten
findet man bei Jäncke (2008). Trotz der großen medialen Popularität dieses Effektes und des
Einflusses auf pädagogisch-schulische Konzepte blieb bisher eine direkte Übertragung auf das Alter
oder die Alzheimerdemenz aus. Die finnische Studie (Särkämö, 2008) gibt Hoffnung: allein
tägliches Musikhören steigert Leistungsbereiche und regt unser Gehirn neuronal an. Ein ähnlicher
Versuch wurde schon 1990 von Thompson unternommen. Es wurde untersucht, ob allein das
begleitende Hören von Vivaldi die Kategorienflüssigkeit gesunder und an Alzheimerdemenz
erkrankter älterer Menschen fördert. Die Kategorienflüssigkeit wird durch die Aufgabe getestet,
innerhalb begrenzter Zeit möglichst viele Dinge einer bestimmten Kategorie (z.B. Tiere)
aufzuzählen. Die Testung der Kategorienflüssigkeit gehört zum Standard bei der Demenzdiagnose.
Oben genannte Studie stellt eine Verbesserung der Leistung beim Bearbeiten mit klassischer Musik
von Antonio Vivaldi im Gegensatz zum Bearbeiten ohne Musik fest.
Etwas differenzierter, aber in ähnliche Richtung, geht eine Untersuchung von Foster & Valentine
(2003) vor. Sie stellt eine gesteigerte autobiographische Erinnerungs- und Wiedergabeleistung vor
dem Hintergrund unterschiedlicher auditorischer Stimulationen fest. Die auditorischen
Stimulationen sind: bekannte Musik, unbekannte Musik, Cafegeräusche und Stille. Signifikant
bessere Leistungen wurden mit Geräusch im Vergleich zur Stille, und mit Musik im Vergleich zum
Geräusch erzielt (Foster & Valentine, 2003). Durch Musik im Gehirn aktivierte Netzwerke wirken
demnach positiv auf Gedächtnis- oder verbale Fähigkeiten. Im Vergleich zu der regen Diskussion
um Wirkungen von Musik und Musizieren bei Kindern (auch im Zusammenhang mit
Strukturveränderungen der Schulorganisation nach der PISA-Studie), ist die Übertragung auf das
Alter oder die Alzheimerdemenz aber noch sehr gering. Es fehlt eine Einbettung des fördernden
Aspekts der Musik bei gesunden Älteren, z.B. auf der Grundlage einer allgemein fördernden
Reizumgebung, oder von der Wirkung musikalischen Trainings auf die neuronale Plastizität.
Bei der letztgenannten Studie (Foster & Valentine, 2003) sollte aber auch einen anderen Ansatz
berücksichtigt werden. Die Möglichkeit der Musik als besonders günstiges Medium zum „Greifen“
autobiografischer Gedächtnisinhalte. Auch Irish et al. (2006) untersuchten den Effekt von Musik auf
autobiografische Erinnerungsleistung. Es wurde die Reproduktion autobiografischer Erinnerung
unter Musikbedingungen (Vivaldi) im Vergleich zur Stille verglichen. Die Autoren fanden
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
64
Verbesserungen in der Musikbedingung und führten diese auf eine ermittelte Reduzierung der
Ängstlichkeit während der Musikbedingung zurück. Die Grundthese der positiven Wirkung von
Musik auf autobiografische Erinnerungsleistungen dürfte implizit etlichen Studien zur Wirkung von
Musiktherapie zugrunde liegen und auch ein in der Praxis vorherrschender Grundgedanke sein
(siehe hierzu vor allem die Arbeiten von Muthesius, 1997, 1999). Eine systematische Untersuchung
des Zusammenhangs Musik und autobiografische Gedächtnisleistung liegt bisher aber nicht vor.
Den beiden Studien liegt aber noch ein weiterer Ansatz zugrunde: der Einsatz von Musik als
Hintergrundmusik. Hintergrundmusik wirkt sich zum einen positiv auf symptomatische
Verhaltensweisen bei Alzheimerpatienten aus (siehe hierzu Ziv et al., 2007). Außerdem kann
Hintergrundmusik aber auch durch Schaffung bestimmter musikalischer Stimmungen
Lernbedingungen und Lernsituationen positiv beeinflussen. Hierbei ist bisher die Frage offen,
mithilfe welcher Faktoren Musik besonders günstige Lernsituationen für Alzheimerpatienten und
auch gesunde Ältere ermöglichen kann. Mögliche Faktoren sind dabei Bekanntheitsgrad der Musik,
Musikstil oder musikalische Charakteristika wie z.B. Tempo.
5.4.2 Exkurs: Enriched Environment
Genau zwischen den Bereichen „Leistungsförderung“ und „Prophylaxe“ soll ein Nebengedanke
eingebracht werden, der diese unterschiedlichen Arbeitsstränge unter einem theoretischen Modell
subsummiert. Sowohl der „Mozart-Effekt“, als auch allgemeine neuronale Wirkungen auditorischer
Stimulationen, wurden innerhalb von Tiermodellen untersucht. Tiermodelle sind in biologischer,
neurologischer oder medizinischer Forschung ein gängiges und etabliertes Instrument. Häufig
werden Mäuse oder Ratten verwendet. Tiermodelle bieten praktische Vorteile, wie eine starke
Kontrollierbarkeit der Rahmenbedingungen und physiologischer Parameter. Außerdem stellen
derartige Versuche mit Tieren eine kostengünstige Möglichkeit dar. Bevor Rauscher den Mozart-
Effekt beim Menschen untersucht und publiziert hat, wurde die Wirkung von Musik bei Ratten
anhand deren Leistungen beim Durchqueren eines Labyrinths geprüft. Dies rief wiederum eine
große Kontroverse über die Einsetzbarkeit von Ratten für einen Versuch mit Musik ins Leben, die
sich vor allem auf Hörfähigkeiten von Ratten und der Vergleichbarkeit mit Hörfähigkeiten des
Menschen bezog. Dies soll hier aber auch nur als Anknüpfungspunkt dienen. Andere
neuropsychologische Studien haben gezeigt, dass z.B. Mäuse von einer aktiven Teilhabe einer
„angereicherten Umgebung“ (enriched environment: Möglichkeiten zur sozialen Interaktion,
Exploration und körperlicher Aktivität) auf unterschiedlichsten Ebenen profitieren. Kempermann
konnte in seinen Untersuchungen belegen, dass Neurogenese, also das Wachstum neuer
Nervenzellen im Gehirn durch Umweltreize angeregt wird und dass sich das Ausmaß der
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
65
Neurogenese in einer Verbesserung von kognitiven Fähigkeiten (Lernfähigkeiten) zeigt. Eine
Vertiefung und nähere neurobiologische Beschreibung und Darstellung dieser Arbeiten von
Kempermann findet man unter seiner online zugänglichen Habilitationsschrift (http://edoc.hu-
berlin.de/habilitationen/kempermann-gerd-2002-01-29/HTML/, Datum des Zugriffs: 15.12.08).
Ganz stark vereinfacht ist die These, dass eine reizreiche Umgebung das Neuwachstum und den
Erhalt von neuronalen Nervenzellen fördert. Zu diesem Zusammenhang explizit hinsichtlich des
Einsatzes von Musik äußert sich Altenmüller wie folgt:
„Die neurobiologischen Grundlagen derartiger günstiger Auswirkungen einer mit adäquaten Reizen
angereicherten Umgebung sind in der Zwischenzeit an Tiermodellen sehr gut untersucht worden. So
konnte gezeigt werden, dass ältere Versuchstiere, die aus einer Käfighaltung ohne Spielgeräte und
Klettermöglichkeiten in eine „angereicherte Umgebung“ mit zahlreichen Klettermöglichkeiten
versetzt werden, eine Zunahme an Synapsendichte, an Nervenzellfortsätzen, an
Gehirngewicht und an Nervenwachstumsfaktoren aufweisen (Übersicht bei Godde, et al., 2002).
Musizieren ist für den älteren Menschen eine vergleichbare Situation einer „angereicherten
Umgebung“ oder – auf neudeutsch - eines „enriched environments“.“ (Altenmüller (2003) in der
Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum der AEC (Association Europeene des Conservatoires,
Academies de Musique et Musikhochschulen).
Ausgehend von Erkenntnissen aus den Tiermodellen sollte der Versuch unternommen werden, in
einem theoretischen Entwurf den Begriff der „reizreichen Umgebung“ auf den Menschen zu
übertragen. Was ist eine „reizreiche Umgebung“ für den Menschen, welche Elemente muss diese
beinhalten und können diese Gedanken auf den Alterungsprozess ausgedehnt werden? Kempermann
konnte zeigen, dass auch im Hippocampus sehr alter Mäuse Neurogenese vorkommt, die durch eine
anregende Umwelt stimuliert wird (Kempermann, Kuhn & Gage, 1998). Die Wirkung von Musik
innerhalb eines solchen Konzeptes der „reizreichen Umgebung“, die motorische, soziale und
kulturelle Komponenten enthalten muss, wird sich genau zwischen Leistungssteigerung und
Prophylaxe bewegen. Die Rolle der Musik im Vergleich zu z.B. motorischen Komponenten
innerhalb dieses Konstrukts muss dabei näher erforscht und beschrieben werden.
5.4.3 Musik als Prophylaxe?
Die mögliche prophylaktische Wirkung musikalischer Aktivität auf den Ausbruch einer
Alzheimerdemenz ist Untersuchungsgegenstand einiger Arbeiten. Dieser Grundgedanke entspringt
der Tatsache, dass Menschen mit einer großen kognitiven Reserve erst später an den Symptomen
der Alzheimerdemenz leiden. Menschen mit hohen, evtl. sogar durch regelmäßiges Training
gesteigerten kognitiven Ressourcen verfügen über mehr Möglichkeiten, mit ersten Anzeichen der
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
66
Demenz umzugehen, bzw. bemerken die ersten Symptome tatsächlich erst zu einem viel späteren
Zeitpunkt. Eng verwoben ist dieser Grundgedanke mit der oben beschriebenen These, dass der
musikalische Reiz an sich positive Wirkungen auf außermusikalische Leistungen aufweist. Der
prophylaktische Ansatz ist aber auf den Menschen konkretisiert und orientiert sich stärker an
psychologischen und neuropsychologischen Studien zur Alzheimerdemenz.
Musikalische Aktivität kann als Teil einer aktiven Lebensweise prophylaktisch wirksam sein
(Coyle, 2003). Demnach ist Musik eine Form von Aktivität und Teilhabe und kann dadurch wie
andere aktivierende Tätigkeiten auch vor dem Ausbruch einer Alzheimerdemenz schützen. Verghese
et al. (2004) hat innerhalb der „Bronx Aging Study“ den Zusammenhang zwischen Teilnahme an
Freizeitaktivitäten und Demenzerkrankung untersucht. Die Autoren konnten dabei feststellen, dass
eine erhöhte Freizeitaktivität (Lesen, Kreuzworträtsel, Brettspiele, Diskussion, Instrument spielen
oder schreiben) mit einem geringeren Risiko für die Entwicklung einer Demenz einhergeht, im
Gegensatz zu rein physischer Aktivität. Es wurden insgesamt 469 Teilnehmer über 75 Jahren
untersucht, die zum Zeitpunkt der Baseline keine Demenzerkrankung aufwiesen. Die Frage, ob
gesteigerte Freizeitaktivitäten das Risiko einer Demenz reduzieren oder ob eine Demenz in der
vorklinischen Phase mit einem Rückzug der Freizeitaktivitäten einhergeht, kann mit dieser Studie
nur annähernd bestimmt werden. Es wurde ein signifikanter Zusammenhang zwischen
Freizeitaktivität und gesenktem Demenzrisiko festgestellt. Welche kausale Richtung hier jedoch
vorliegt, kann nicht beurteilt werden. Die Autoren sind sich dieser Problematik bewusst und stellen
ihre Studie in diesen Diskussionszusammenhang. Viele Faktoren wie Bildungshintergrund oder die
lange präklinische Phase fließen hier zusammen. Der breite Ansatz jedoch dieser Studie mit dem
Einschluss unterschiedlicher Aktivitäten kommt dem Ansatz einer „angereicherten Umgebung“
recht nahe. Der große Teilnehmerumfang und die lange Beobachtungszeit stellen die Ergebnisse auf
einen soliden Untergrund. Weitere Ausführungen zur kognitiven Reserve siehe Kapitel 3.2
„Freizeitaktivitäten im Alter“.
Der Gedanke, speziell Musik als Kernkompetenz auch für den Fall einer späteren Erkrankung zu
trainieren und einzusetzen, ist ein zukunftsträchtiger und noch nicht weit verfolgter Gedanke. Sollte
die Wahrnehmung von Musik dem Alzheimerpatienten bis zum Ende seiner Krankheit erhalten
bleiben, könnte Musik tatsächlich zwischen “gesundem Leben” und dem Leben mit
Alzheimerdemenz als Konstante vermitteln. Musikalische Aktivität als kognitive Reservestrategie
meint demnach das Trainieren kognitiver Fähigkeiten durch Musik um den Ausbruch der
Alzheimerdemenz hinauszuzögern, oder im Falle einer Erkrankung, mit der trainierten „Reserve“
arbeiten zu können.
Der umgekehrte Schluss jedoch, dass Musiker per se weniger von der Alzheimerdemenz betroffen
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
67
sind als andere Personengruppen, ist so leicht nicht zu ziehen. In einer Studie von Grant & Brody
(2004) werden bei der Untersuchung eines Orchesters weniger Erkrankungen festgestellt als es die
Wahrscheinlichkeit hätte erwarten lassen. Jedoch wurden keine Vergleichspopulationen
hinzugezogen, mit z.B. ähnlichem biographischem Hintergrund, noch wurden andere, sich von der
Durchschnittsbevölkerung unterscheidende Faktoren wie z.B. Ernährung, Bildungsgrad, Lebensstil,
etc. ermittelt.
5.4.4 Musik als „Diskriminator“?
Haben musikalische Aufgaben die Fähigkeit, zwischen gesunden Älteren und an Alzheimerdemenz
erkrankten Menschen zu unterscheiden? Lipe (2000) geht von diesem Gedanken aus und schlägt
vor, zur Feindiagnostik einer Demenz musikalische Aufgaben neben den kognitiven Tests
einzusetzen. Ihre Studie ermittelt starke Zusammenhänge zwischen musikalischen und kognitiven
Testleistungen (Lipe, 2000, S. 148). Es gab Unterschiede in der Bewältigung der Aufgaben
zwischen gesunden und an Demenz erkrankten Probanden, wobei die Ergebnisse der Patienten
weiter streuten. Es wurde festgestellt, dass zuerst die verbalen Fähigkeiten beeinträchtigt waren,
dann die Singfähigkeiten. Die rhythmischen Fähigkeiten hingegen schienen erhalten zu bleiben.
Einen etwas anderen und doch ähnlichen Ansatz folgte York (1994), die einen musikalischen Test
(RMST: Residual music skills test) in Anlehnung an den MMSE-Test (Mini Mental State
Examination) entwickelte. Der Musiktest soll Musiktherapeuten eine Übersicht über die noch
vorhandenen Fähigkeiten des Patienten vermitteln. Dabei umfasst er zum Beispiel Aufgaben wie
das Singen von Wörtern zu einem bekannten Lied, die Identifikation von bekannten Liedern und
Instrumenten oder das spontane Nachahmen von gerade gehörten Rhythmen und Melodien. Hier
stand bei der Konzeption also weniger eine diagnostische Einsetzbarkeit im Vordergrund, auch
wenn die tatsächliche Anwendung eventuell darauf hinauslaufen könnte.
Die Richtung dieses Ansatzes sollte für viele Fachrichtungen von Interesse sein. Gerade Musik als
kognitiv anspruchsvolle und für den Menschen einzigartige Fähigkeit könnte geeignet sein,
frühzeitig Defizite bei Alzheimerpatienten aufzudecken. Leider steht diese Forschungsrichtung
jedoch noch ganz am Anfang. “Even though researchers are beginning to study the preservation of
musical skills in older adults with dementia, the precise relationship between musical ability and
overall cognitive functioning in this population remains unclear” (Lipe, 2000, S.139).
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
68
5.5 Musikalische Ressourcen von Alzheimerpatienten
Ein Schwerpunkt des gesellschaftlichen Diskurses über die Alzheimerkrankheit und im Umgang mit
Alzheimerpatienten liegt auf den vorhandenen und den noch einsetzenden Defiziten. Das Lernen
von Neuem wird aufgrund des Krankheitsbildes geradezu ausgeschlossen. Es besteht die
Unklarheit, über welche Ressourcen Alzheimerpatienten ab dem mittleren Erkrankungsstadium
noch verfügen und wie diese Ressourcen trotz des Fehlens einiger Kernkompetenzen, wie z.B. der
sprachlichen Kommunikation, trainiert werden könnten. Die Suche nach musikalischen
Kompetenzen des Alzheimerpatienten wird vor allem durch die Frage geleitet, wie die
möglicherweise noch vorhandenen Ressourcen erreichbar sind und systematisch erfasst werden
können. Es wird berichtet, dass überraschende musikalische Fähigkeiten des Patienten nur in
seltenen, vom Patienten selbst gewählten Situationen auftreten, in denen unerwartet musiziert oder
gesungen wird. In diesen Momenten der freien musikalischen Aktivität scheint diese musikalische
Fähigkeit völlig isoliert vom sonstigen allgemeinen Zustand und den allgemeinen Fähigkeiten des
Patienten zu stehen. Jedoch fällt es schwer, diese (wenn noch vorhandenen) Fähigkeiten
wissenschaftlich zu erfassen. Das Vorhaben kann an einfachen methodischen Schwierigkeiten
scheitern, wie z.B. dem Patienten die Studienaufgabe zu erklären oder ihn zur Teilnahme zu
motivieren. Wie also kann man sich diesen Fähigkeiten nähern und sie wissenschaftlich greifbar
machen? Einen Lösungsvorschlag bietet die Studie von Cuddy & Duffin (2005). Ein musikalischer
Test ganz ohne sprachliche Anweisungen und Instruktionen wurde innerhalb einer Fallstudie
durchgeführt (Cuddy & Duffin, 2005). Bei der Testperson handelte es sich um einen
Alzheimerpatienten mit einem Mini-Mental-Status Score 8 (von 30) und der Unfähigkeit, normale
Instruktionen zu verstehen oder zu wiederholen. Der entwickelte Test beinhaltet weder verbale
Instruktionen noch Kommunikation. Aufgabe des Patienten war es, bekannte von unbekannten
Melodien sowie richtig wiedergegebene Melodien von “falsch konstruierten Melodien” zu
unterscheiden. Der Patient reagierte auf bekannte Melodien durch sofortiges Mitsingen, auf
“gefälschte“ Melodien mit mimischen Expressionen wie Lachen, Überraschung oder ein Ausruf.
Auf die unbekannten Melodien reagierte der Proband nicht. Die Ergebnisse des Patienten stehen
innerhalb der durchschnittlichen Spannbreite einer älteren Kontrollgruppe. Insgesamt stellte sich
hier ein deutlicher Kontrast zwischen der Reaktion auf Musik und der dazugehörigen
Diskriminationsfähigkeit einerseits, sowie dem Mini-Mental-Status andererseits. Außerdem wurde
deutlich, dass mit verbalen, traditionellen Testmethoden der Erhalt des musikalischen Gedächtnisses
nicht ermittelt worden wäre. Hier kam ein alternatives Studiendesign zum Einsatz, der es möglich
machte, sprachliche Defizite zu umgehen. Leider jedoch werden die Grenzen dieses beispielhaften
Studiendesign schnell deutlich. Die hier direkt messbaren Reaktionen sind ein Einzelfall und für die
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
69
Forschung auch ein Glücksfall. Wie eine größere Menge an Alzheimerpatienten im mittelschweren
Stadium untersucht werden kann, bleibt aus dem oben formulierten Schwierigkeiten noch offen.
Soll geklärt werden, ob es sich bei den musikalischen Fähigkeiten um eine allgemeine Ressource
innerhalb der Alzheimerdemenz handelt, sind Studien mit einer größeren Probandengruppe
unumgänglich. Bei Einzelfallstudien ist es schwer zu beurteilen, ob die ermittelten Fähigkeiten
nicht vielmehr „überlernte“, individuell „antrainierte” Fähigkeiten sind.
Die wesentliche Frage ist, ob Musik eine allgemeine Ressource darstellt, die zugunsten des
Patienten ausgebaut, gefördert und weiterentwickelt werden kann. Denn nur dann ginge das
Arbeiten mit Musik am Alzheimerpatienten einen Schritt über das bereits Bestehende hinaus, und es
könnte mit neuem Material auf der Grundlage der noch vorhandenen Fähigkeiten neue Erlebnisse
und Verbindungen hergestellt werden. Zwei Einzelfallstudien beschreiben jeweils einen Patienten,
der fähig war, neues musikalisches Material zu lernen (Fornazzi, et al., 2006; Cowles, et al., 2003).
Bisher ist keine Studie bekannt, in der über Einzelfallstudien hinaus die musikalischen Fähigkeiten
von Alzheimerpatienten systematisch untersucht wurden. Es ist wahrscheinlich, dass auch der
Fähigkeitsbegriff, bzw. der Begriff des Lernens im Kontext Musik und Alzheimerdemenz neu
definiert werden muss.
5.6 Zusammenfassung Musik bei Alzheimerdemenz
Es existiert ein breites Spektrum an Forschungsrichtungen zum Thema Musik und Musiktherapie
bei Alzheimerdemenz. Etliche einzelne Studien eröffnen ganz unterschiedliche Richtungen und
Zielsetzungen. Das umfasst im engeren musiktherapeutischen Rahmen die Wirkung von
Musiktherapie auf Symptome der Alzheimerdemenz, reicht über die Wirkung von Musik auf
außermusikalische kognitive Bereiche, und mündet in der Frage, ob Musik vor einer Demenz
schützen kann. Alle Forschungsrichtungen kämpfen mit großen methodischen und inhaltlichen
Schwierigkeiten, die sich aus der Alzheimerkrankheit selbst, oder auch der schweren Fassbarkeit
des Musikbegriffs oder der Musiktherapie, ergeben. Schwierigkeiten, die aus der Erkrankung selbst
entspringen, sind z.B. das breite, individuelle und schwer eingrenzbare Krankheitsspektrum der
Alzheimerdemenz oder auch die nur begrenzte diagnostische Abklärung. Die Alzheimerdemenz
beginnt bei den ersten Anzeichen und Auffälligkeiten in Gedächtnisfähigkeiten und endet mit der
Bettlägerigkeit. Dazwischen liegen unterschiedliche pathologische Phasen, Prozesse und
Abstufungen, sowie große individuelle Unterschiede. Die bisherige musiktherapeutische Forschung
widmet sich vorrangig der mittelschweren Demenz bei Bewohnern von Pflegeeinrichtungen. Dies
begründet sich mit einem aktuellen therapeutischen Bedarf dieser Teilnehmergruppe, auch in Bezug
auf den Umgang mit Pflegenden/ Angehörigen. Patienten mit erst beginnender Alzheimerdemenz
Musiktherapie bei Alzheimerdemenz
70
stehen noch nicht im Fokus der musiktherapeutischen Forschung. Diese Patienten sind schwer
erfassbar durch ihre eigenständige Lebenssituation und/ oder die Unwissenheit in Bezug auf die
eigene Krankheit. Dabei wäre die Untersuchung auch gerade diese Gruppe von Bedeutung, wenn es
um den frühen Einsatz therapeutischer und sonstiger Strategien zur Bewältigung der
bevorstehenden Krankheit geht. Aber auch das letzte Stadium der Alzheimerdemenz ist bisher erst
wenig thematisiert (explizit mit der späten Phase der Demenz beschäftigen sich Clair, 2000; Clair &
Bernstein, 1993; Clair, Bernstein & Johnson, 1997). Fehlende sprachliche Kommunikation ist eine
wesentliche zu überwindende Hürde. Die Wirkung von Musik und Musiktherapie im letzten
Stadium der Alzheimerdemenz ist somit wissenschaftlich nur schwer zu erfassen. Deswegen sind
auch hier nur wenige Einzelfallstudien zu finden. Dass selbst genaue Analysemethoden, wie direkte
Beobachtung, Analyse von Videoaufzeichnungen und Pulsmessungen, nicht ein so eindeutiges
Ergebnis aufzeigen können, wie es der subjektive Eindruck des Durchführenden erlaubt, zeigt eine
Studie von Norberg, Melin & Asplund (2004). “There are no objective methods available to assess
the emotional quality of the patients reactions. However, the subjective impression of the authors is
that both patients reacted positively to the music” (S. 447).
Trotz aller Schwierigkeiten kann man auch große Potentiale in der bisherigen Forschungsliteratur
ausmachen. Der etablierteste Bereich innerhalb der Forschung zum Einsatz von Musik(therapie) bei
Alzheimerpatienten ist die Forschung zur Verringerung der Begleitsymptome der
Alzheimerdemenz. Hier finden sich “traditionelle” musiktherapeutische Ansätze und Modelle in der
Anwendung und Untersuchung wieder. Die Forschungsmöglichkeiten sind hier aufgrund des
therapeutischen Ansatzes erschwert. Die vorliegenden Studien konnten signifikante Wirkungen der
Musiktherapie auf symptomatische Verhaltensweisen der Demenz belegen. Die Entwicklung von
möglichen Wirkungsmodellen steht noch aus.
Neben diesem engen musiktherapeutischen Bereich existieren weitere Forschungsstränge, die grob
in die oben genannten Untergruppen eingeordnet wurden. Musikalische Aktivität als kognitive
Reservestrategie gegen den Ausbruch einer Alzheimerdemenz, (Hintergrund-) Musik als
leistungsfördernden Einfluss und musikalische Tests als Erweiterung der Diagnostik sind nur drei
Richtungen einer Vielzahl verschiedener Denkansätze. Der Einsatz von Musik bei
Alzheimerdemenz ist dementsprechend vielfältig denkbar.
Plastizität
71
6 Plastizität
6.1 Plastizität allgemein
Der Begriff Plastizität meint in der Neurobiologie vereinfacht den dynamischen Zusammenhang
zwischen Form und Funktion (Kempermann, 2007, S. 39). Plastizität meint die Kapazität des
Gehirns, seine kortikalen Repräsentationen aufgrund von Erfahrungen zu verändern (Baltes &
Singer, 2001). Plastizität ist leitendes Stichwort neurowissenschaftlicher Arbeiten, die versuchen zu
zeigen, dass Aspekte der Kultur, der Umgebung und des Lernens, die Struktur und Funktion des
Gehirns auf besondere Weise beeinflussen (Baltes & Singer, S. 61). Dies macht den Reiz der
Plastizität aus: Formen der Umwelt, ganz konkret Formen des eigenen Lebens, haben anscheinend
direkten Einfluss auf die Strukturierung unseres Gehirns. Das eigene Gehirn ist demnach keine
abstrakte unveränderliche Instanz, sondern vielmehr unserer Lebensweise und unseren täglichen
Anforderungen unterworfen. Betrachtet man das Gehirn und seine Fähigkeiten über die Zeit
hinweg, so muss man das Gehirn immer als abhängige Variable betrachten. Das Gehirn ist keine
statische Festplatte: “the brain is definiteley not a computer“ (Whalley, 2003, S. 15). Neuronale
Netzwerke werden in ihrer Stärke, in ihrer Zahl und ihrer Form durch Erfahrungen und Lernen
verändert (Whalley 2003, S. 15). Das entwickelte Gehirn steht in ständiger Abhängigkeit zu seiner
Umwelt, verschiedene Maße an Stimulation prägen und führen es in seinen Aktivitäten (Baltes &
Singer 2001, S. 62). Der Geist ist dabei eine „bio-kulturelle Ko-Konstruktion“ zweier interaktiver
Systeme. Dem internen genetisch-biologischen und dem externen materiell-sozial-kulturellen
System (Baltes & Singer 2001, S. 61). Mit genetischen Determinismen sind die direkten Kontrollen
der Intelligenz und Denkfähigkeiten durch die Gene gemeint. Neuronale Determinismen meinen
dagegen umweltsensitive Gehirnleistungen, die das menschliche Verhalten beeinflussen (Baltes &
Singer, 2001, S. 60). Größe und Form der Gehirnstruktur sind bei der Geburt durch genetische
Faktoren bestimmt. Als Erwachsener ist die Gehirnstruktur zum Teil genetisch bestimmt, zum Teil
Produkt individueller Erfahrungen (Whalley, 2003, S. 14).
Was auf den ersten Blick faszinierend klingt, ist im Detail jedoch noch unklar. Denn der
tatsächliche kausale Zusammenhang, die „bi-direktionale Wechselwirkung“ ist noch kaum
ausreichend erklärt. Der Begriff Plastizität an sich verweise nach Kempermann (2007) auf
unscharfe Inhalte. Dabei ist der grundlegende Zusammenhang zwischen geistigen Prozessen und
neuronalen Repräsentationen noch völlig unklar. Der Begriff der neuronalen Plastizität suggeriert
quasi eine direkte Wechselwirkung zwischen neuronaler und geistiger Aktivität.
Neben dieser so schnell nicht lösbaren Thematik können folgende geschichtliche Fakten
Plastizität
72
zusammengetragen werden: In den vierziger Jahren entdeckte Donald Hebb („Hebb`sche Postulat“)
das „Lernen“ auf Ebene der Nervenzellen und Synapsen. Der Begriff der „synaptischen Plastizität“
wurde geprägt. Er entdeckte, dass zwei gleichzeitig aktive Nervenzellen die zwischen ihnen
bestehenden Synapsen verstärken. Eine ungleichzeitige Aktivierung führe zur Schwächung der
Kontakte (Kempermann, 2007, S. 41).
Es entstanden griffige Slogans wie “Neurons that fire together wire together” oder „use it or lose
it“. Hebb zeigte als erster im Tierversuch, dass Ratten aus reizreichen Umgebungen besser in
Verhaltenstests abschnitten, und dass obwohl diese Tests unabhängig von den Umweltbedingungen
waren (Kempermann, 2007, S. 41). Das heißt, dass allgemeiner Reizreichtum sich auch auf
Fähigkeiten auswirkt, die nichts mit dem Gelernten zu tun haben. Es folgte der Gedanke, dass
reizreiches Leben vielfältigste Konsequenzen für die Biochemie und Anatomie des Gehirns hat.
Greenough konnte zeigen, dass Reizreichtum Dendriten mehr verstärkt als reizarme Umgebungen
(Kempermann, 2007, S.42). Forscher wie Kempermann gehen dabei von Informationen als
Netzwerkzustand und nicht etwa als etwas Stoffliches aus (S. 42). Das Gehirn nutzt im Gegensatz
zu einem Computer, der Informationen linear als Kette von Einsen und Nullen speichert und
verarbeitet, die räumliche Dimension (Kempermann, 2007, S. 42). Plastizität wird hier auch als ein
Oberbegriff für ein „Nicht-Statischsein“ benutzt (S. 43). Als Beispiel gibt Kempermann die
Möglichkeit an, dass sich auch Erinnerungen im Laufe der Jahre verändern können, je nach
Umdeutung, äußeren Zusatzinformationen, etc.. Auch das Entstehen ganz neuer Nervenzellen im
erwachsenen Gehirn ist möglich. Dies konnte man bisher in zwei privilegierten Gehirnregionen
beobachten. Dabei wird diese “adulte Neurogenese“ aktivitätsabhängig reguliert (Kempermann
2007, S. 44), dass heißt durch Umweltanforderungen angeregt. Die „adulte Neurogenese“ sei (nach
Kempermann) zwar eher die Ausnahme als die Regel, aber allein die Tatsache, dass es möglich ist,
lässt hoffen.
6.2 Besonders gutes Beispiel: Musik
Neuronale Plastizität kann besonders schön anhand musikalischer Expertise nachgewiesen werden.
Die flexible Anpassung des Gehirns an musikalisches Training hat in den letzten Jahrzehnten viele
Forscher dazu angeregt, gerade Musikergehirne genauer zu untersuchen. Schlaug et al. (2005,
S.219) bemerkt dazu: “The musician-nonmusician comparison is an ideal model for examining
whether and, if so, where such functional and structural brain plasticity occurs, because musicians
acquire and continuously practice a variety of complex motor, auditory, and multimodal skills (e.g.,
translating visually perceived musical symbols into motor commands while simultaneously
monitoring instrumental output and receiving multisensory feedback)”. Es hat sich gezeigt, dass
Plastizität
73
musikalisches Training sich sehr deutlich im Gehirn abzeichnet und man einfach zwischen
Musikergehirnen und Nichtmusikergehirnen anhand deren Verarbeitungsmuster unterscheiden kann.
Auch im Erwachsenenalter verändern z.B. schon kurze Übungseinheiten an der Geige die kortikale
Repräsentation des kleinen Fingers signifikant (Kim, et al., 2004). Die Plastizität des Gehirns im
Alter hat man jedoch auch im Bereich Musik bisher noch sehr selten untersucht. Bis etwa 1980 hielt
man das erwachsene Gehirn für weitestgehend unveränderlich (Dinse & Eysel, 2003). Heute jedoch
besteht „kein Zweifel mehr daran, dass Leistungssteigerung und Selbstreperatur des Gehirns bis ins
hohe Alter möglich ist“ (Dinse & Eysel, 2003, S. 17).
6.3 Plastizität im Alter
Allgemein nimmt im Alter die rein genetisch-basierte Plastizität und das biologisches Potential ab
(Baltes & Singer, 2001, S.64). “Evolutionary biology was not a good friend of age“ meinen Baltes
und Singer (S. 64), und auch für Baudisch (2008) offenbart der Versuch, Altern mit den Gesetzen
der Evolution in Einklang bringen zu wollen, zunächst ein Paradox (S. 82). Altern hat sich vorerst
als Nachteil im Wettlauf der Evolution gezeigt, da nicht zuletzt die Reproduktion als
Schlüsselfaktor für die Evolution gilt. Aber neben der biologisch-basierten kognitiven Mechanik
existiert die kulturell-basierte kognitive Pragmatik. Gerade in Bezug auf letztere hat die Forschung
über psychologische Plastizität viel Optimismus über den alternden Geist erzeugt (Baltes & Singer,
S. 67). Heute ist die lebenslange kognitive Plastizität ein wesentlicher Teil der neuen Gerontologie.
Ältere profitieren lebenslang vom Lernen und die Ausdehnung der Plastizität im Alter ist größer, als
man anfangs erwartet hatte (Baltes & Singer, S. 68). Betrachtet man jedoch die Verhaltensplastizität
innerhalb der Lebensspanne, profitieren Ältere weniger von Trainingsprogrammen als junge
Erwachsene. Ältere brauchen mehr Praxis und mehr Zeit um vergleichbare Ergebnisse wie junge
Menschen zu erreichen (Baltes & Singer, S. 68). Festzuhalten ist, dass Ältere enorme kognitive
Potentiale haben zum Lernen von Neuem. Je höher jedoch das erreichte Lebensalter, desto geringer
das Level des noch Lernbaren. In einigen Bereichen erreichen Ältere auch gar nicht mehr dasselbe
Level wie Jüngere (S. 68).
Hier wird Plastizität vor allem als neuronale Veränderung aufgrund von Umgebungseinflüssen
untersucht. Der Trainingsgedanke aufgrund von ausgewählten Umweltbedingungen kann auch
außerhalb der neuronalen Zusammenhänge verfolgt werden. Spezifiziert durch das Alter stehen
dann Fragen zur Wirkung kognitiver Stimulation auf allgemeine kognitive Fähigkeiten im
Vordergrund (Salthouse, Berish & Miles, 2002).
Auch diese Arbeiten knüpfen an dem oben schon erwähnten Slogan „use it or lose it“ an. Salthouse
Plastizität
74
weist darauf hin, dass die Neutralität zwischen Forschungsfeld und Forscher nicht mehr ganz
gegeben sei, denn eine Gruppe mit besonderem Interesse an diesem Thema seien
Universitätsprofessoren (2002, S. 548). Gerade Professoren hätten ein besonderes Interesse an
einem positiven Ergebnis zwischen kognitiver Stimulation und kognitiven Fähigkeiten im Alter.
Bisher jedoch müssen insgesamt positive Ergebnisse mit Vorsicht betrachtet werden. Effekte
spezieller Expertisen haben sich als sehr fachspezifisch erwiesen (Salthouse, et al., 2002, S. 549).
Bisher zeigen sich nur wenige Hinweise, dass ein Transfer von einem Expertisebereich zu anderen
kognitiven Bereichen stattfindet. Die Expertiseforschung böte demnach wenig Grundlage für die
Annahme, dass generell kognitive Stimulation breite Effekte habe auf viele verschiedene Typen
kognitiver Variablen (S. 549). So wird Kreuzworträtseln oft als Beispiel genannt, seine kognitive
Leistungsfähigkeit zu bewahren. Hambrick, Salthouse und Meinz (1999) haben dies in einer Serie
von Studien erfolglos versucht nachzuweisen. Insgesamt lässt sich dieses Themenfeld nur schwierig
wissenschaftlich erschließen, da Kausalitäten nur schwer nachzuweisen sind.
Eine große kognitive Stimulanz führt nicht zwangsläufig zu einer größeren kognitiven Fähigkeit im
Alter. Falls Zusammenhänge bestehen, können diese noch nicht erklärt und kausal zugeordnet
werden. Kognitive Fähigkeiten im Alter sind von verschiedensten Variablen abhängig.
6.4 Plastizität bei Alzheimerdemenz
Bei der Alzheimerdemenz zeigen sich Kompensationsmechanismen des Gehirns besonders deutlich.
Es herrscht allgemein keine strenge Korrelation zwischen dem Ausmaß der Plaqueansammlung
(neuropathologisches Merkmal) im Gehirn und dem Schweregrad der Demenz. Das heißt, das
Gehirn kann Schädigung in unterschiedlichem Ausmaß noch funktionell kompensieren
(Kempermann, 2007, S.48). Größere kognitive Reserven erlauben einen höheren Grad an
Kompensation, was sich durch einen späteren „Ausbruch“ der Demenz oder einen langsameren
Verlauf des Krankheitsprozesses zeigen kann. Kognitives Training und kognitive „Fitness“ im
gesunden Alter ist eine elementare Ressource. Wenn die Schäden bereits vorhanden sind, kann
Training zwar viel erreichen, der Aufwand ist aber sehr groß. Es zahlt sich also aus, früh zu
beginnen und präventiv aktiv zu sein. Die neuronale Reserve muss frühzeitig angelegt werden. Im
Bereich Musik hat diese Folgerung weitreichende Konsequenzen. Je eher mit musikalischer
Aktivität begonnen wird, umso größer sind die Möglichkeiten mit diesem Material im Alter und mit
Alzheimerdemenz zu arbeiten. Wenn Musik sich tatsächlich als ein besonders geeignetes Medium
für Alzheimerpatienten darstellt, und Wirkungen oder Effekte besonders stark gezeigt werden
können, so hat das Konsequenzen bis in die musikalische Frühförderung hinein. Denn ein
musikalisch gefördertes Kind, ein musikalisch begleiteter Jugendlicher und ein musikalisch aktiver
Plastizität
75
Erwachsener stellen die größten Möglichkeiten des Einsatzes von Musik im Alter und mit
Alzheimerdemenz dar.
6.5 Zusammenfassung Plastizität
Plastizität wird zum Schlüsselbegriff einer neuen „optimistischen“ Gerontologie. Im umfassenden
Sinne wird damit nicht nur neuronale Flexibilität sondern auch persönliche Aktivität, das Lernen
von Neuem und Trainieren kognitiver Fähigkeiten in Verbindung gebracht. Die neuronale
Plastizität, also neuronale Anpassung des Gehirns an bestimmte Umweltbedingungen, ist eine Art
Beweis für die Nachhaltigkeit des Lernens im Alter. Es scheint, als könne man dadurch besonders
deutlich machen, dass Lernen auch im Alter „Sinn“ macht. Auch wenn dies schon viel früher
selbstverständlich war, so liefert doch nun die Neurowissenschaft einen scheinbar „greifbaren“ und
sichtbaren Zusammenhang. Lernen im Alter ist sowohl möglich, als auch begrenzt. Die Literatur
verweist hier auf noch unheterogene Daten. Dies betrifft die Wirkung von spezifischem Training auf
allgemeine kognitive Fähigkeiten, aber auch die Leistungen älterer Menschen bei Lernaufgaben im
Vergleich zu jüngeren insgesamt. Dem Training kognitiver Fähigkeiten im gesunden Alter kommt
im Falle einer Alzheimererkrankung besonderer Bedeutung zu. Je nach Status der kognitiven
Ressourcen kann das Gehirn degenerative Ausfälle mehr oder weniger gut kompensieren.
Obwohl sich musikalische Expertise als besonders geeignet zur Erforschung der neuronalen
Plastizität erwiesen hat, ist der Einschluss von Alterungsprozessen in diesen Zusammenhang noch
viel zu selten. Dabei lässt die Verknüpfung von einerseits spezieller neuronaler Plastizität durch
Musik und andererseits von Alterungsprozessen besondere Erkenntnispotentiale erhoffen.
Rhythmus als musikalisches Element
76
7 Rhythmus als musikalisches Element
7.1 Warum Rhythmus?
In den bisherigen Ausführungen wurde der Begriff „Musik“ nicht weiter definiert. Musik als Teil
eines therapeutischen Settings oder als Teil der Freizeitgestaltung implizierte bisher einen
ganzheitlichen Musikbegriff. Musik wurde auch in den vorgestellten wissenschaftlichen Studien
vorrangig „unverarbeitet“ verwendet. Die Zerlegung von Musik in einzelne musikalische Elemente
fand innerhalb der bisherigen Forschung zu gesunden oder an Demenz erkrankten Älteren kaum
statt.
Innerhalb der Musiktherapie ist der Einsatz von Musik abhängig von den Bedürfnissen und
Wünschen des Patienten. Die Auswahl der musikalischen Elemente richtet sich nach dem aktuellen
Nutzen für den Patienten. Systematische Untersuchungen zur Wahrnehmung einzelner Parameter
der Musik wie Melodie, Tempo oder Rhythmus, bleiben bislang in diesem Feld weitestgehend aus.
Dabei legt gerade die Frage nach den Wahrnehmungsfähigkeiten im Alter und mit
Alzheimerdemenz eine Trennung unterschiedlicher musikalischer Parameter nahe. Nur durch eine
Isolierung einzelner musikalischer Elemente können z.B. Beziehungen zwischen
Alterungsprozessen und musikalischen Fähigkeiten transparent beschrieben werden. Musik als
Gesamtkonstrukt involviert ein Geflecht an Bedingungen, wie z.B. Erinnerung, Bekanntheit,
Präferenz oder Emotionalität, das innerhalb einer systematischen Grundlagenuntersuchung die
direkte Zuordnung und Argumentation erschwert.
In der hier vorgelegten Studie wurde das musikalische Element Rhythmus untersucht. Im Folgenden
werden Gründe und Vorteile dieser Konzentration angeführt.
Auhagen (2008, S. 437) schreibt zur Definition des musikalischen Rhythmus:
„(…) und der Rhythmusbegriff wandelte sich zu einem die Struktur musikalischer Zeitabläufe
neutral umschreibenden Terminus. So lässt sich Rhythmus als Gliederung einer Zeitstrecke durch
Ereignisse definieren, und Tempo kann als die Geschwindigkeit der Abfolge dieser Ereignisse
verstanden werden.“ Rhythmus ist vorerst weniger ein direkt musikalisches Element, als vielmehr
ein grundlegendes Merkmal menschlichen und natürlichen Lebens. Pfleiderer führt in die
psychologische Rhythmusforschung mit folgenden Worten ein: „Befassen sich Psychologen mit
Rhythmusphänomenen, so stehen die inneren und äußeren Verhaltensweisen im Blickpunkt, mit
denen Menschen zeitlich strukturierte Ereignisfolgen erzeugen oder auf zeitliche Strukturen in ihrer
Umwelt reagieren.“ Der Umgang mit rhythmischen Strukturen außerhalb von direkt musikalischen
Aufgaben ist täglich gegeben. Die Umwelt ist ohne zeitliche Strukturierung nicht zu denken (z.B.
Rhythmus als musikalisches Element
77
Tag und Nacht, Schlafen und Wachen, Wechsel der Jahreszeiten, oder rhythmisch geprägte
Aktivitäten wie Laufen, Joggen, Treppensteigen). „Empirische Befunde belegen, dass musikalische
Timingverläufe der Beschleunigung und Verlangsamung gleichen mathematischen Regelen folgen
wie die Geschwindigkeitsänderung physikalischer Körper“ (Auhagen, 2008, S. 453, berufen auf
Epstein, 1995; Kronman & Sundberg, 1997). Die Erfahrung musikalischer Bewegung, insbesondere
hervorgerufen durch rhythmische Strukturierung, ist demnach Teil grundsätzlicher
Umwelterfahrung.
Krampe & Engbert (2005) beschreiben in der Enzyklopädie der Psychologie (Musikpsychologie
Band 1) drei Gründe für die Beschäftigung mit Rhythmus (S. 483):
1. Rhythmus verspricht einen Einblick in “Kultur, Kommunikation oder die Struktur
menschlichen Erlebens” da Rhythmus ein “zentraler Bestandteil von kulturellen
Universalien wie Musik, Tanz und rituellen Handlungen darstellt”.
2. Rhythmus ist “ideales Feld für das Studium interindividueller Unterschiede und ihrer
Ursachen”, da alle Altersgruppen, Zivilisationen und gesellschaftliche Schichten rhythmisch
aktiv sind.
3. Das empirische Studium der Rhythmusproduktion verspricht Aufschluss über generelle
Funktionsweisen des menschlichen Gehirns, da “Rhythmusproduktion ein Mikrokosmos
von spezifischen Aufgaben und Verhaltenweisen” darstellt.
Evolutionsgeschichtlich wird Rhythmus als erste musikalische Kommunikation diskutiert (Hauser
& McDermott, 2003). Die Wahrnehmung von Rhythmus ist außerdem eine kulturelle Universalie
(Grahn, 2009). Der von Krampe & Engbert (2005, S. 483) zuletzt angeführte Punkt, dass
Untersuchungen zur Rhythmusproduktion Aufschluss über generelle Funktionsweisen des
menschlichen Gehirns geben können, wird im Rahmen der Alzheimerforschung noch spezifiziert.
Verluste innerhalb der Alzheimerkrankheit, z.B. an räumlicher und zeitlicher Orientierung oder an
Empfinden für Kontinuität, deuten auf einen Mangel an rhythmischer, zeitlicher Ordnung hin.
Defizite von Alzheimerpatienten bei der Wahrnehmung oder Produktion von Rhythmen, können auf
die beteiligten neuronalen Prozesse bei der “normalen” Rhythmusverarbeitung hinweisen.
Rhythmus als einziges zeitlich aufgelöstes, intentionales Medium neben der Sprache, hat in der
bisherigen Forschung (sowohl musikpsychologische als auch psychologisch) noch nicht die
angemessene Beachtung gefunden. Auch Jones (1976, zit. nach Pfleiderer, 2006) beklagt, „dass in
der psychologischen Forschung zu Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis die zeitliche
Struktur der verwendeten Stimuli nur ungenügend berücksichtigt wird“ (Pfleiderer, 2006, S. 38).
Rhythmus als musikalisches Element
78
Die Zeitdimension insgesamt spielt bei der Konstruktion eines Wirklichkeitsmodells eine große
Rolle. Zeitliche Struktur ist „one of the defining properties of our world and so of ourselves (Jones
1976, S.352, zit. nach Pfleiderer, 2006, S. 38). Wie sehr die Wahrnehmung von Rhythmus und
Zeitlichkeit mit der Interpretation von Wirklichkeit verbunden ist, wird insbesondere durch Arbeiten
der Gestaltpsychologie belegt. Demnach ist ein wahrgenommener Stimulus (Rhythmus oder
Melodie) nicht etwa eine Aneinanderreihung völlig unabhängiger Elemente, und somit die Summe
der einzelnen Teile. Vielmehr entsteht aus der Zusammenstellung der einzelnen Reize in ihrer
Reihenfolge eine eigene „Gestaltqualität“.
1890 führte Christian von Ehrenfels den Gestaltbegriff ein. Die sich daraus entwickelnde
Gestaltpsychologie (Wertheimer, 1912) setzte damit eine Gegenposition zur „elementaristischen
Auffassung des Behaviorismus, der einzelne Sinneseindrücke und in Abhängigkeit davon einfache
Reaktionstendenzen postuliert“ (Herber, 2000, S. 84). Nach der Gestaltpsychologie sind nicht die
Elemente selbst für das Wahrnehmen und Erkennen relevant, sondern die Beziehungen zwischen
den Elementen (ebd.). Demnach ist eine musikalische Gestalt nicht abhängig von den konkreten
ausgeführten Tönen (Tonhöhen), sondern von dem Verhältnis der Töne untereinander
(Ehrenfels, 1890). Eine rhythmische Gestalt kann demnach auch bei unterschiedlich ausgeführten
Tempi erhalten bleiben. Für den Einsatz rhythmischer Elemente in Wissenschaft und Forschung
bedeutet dies, dass das Wahrnehmen eines Rhythmus nicht ausreichend mit dem Wahrnehmen
seiner Einzelteile beschrieben werden kann. Die Gestaltpsychologie fußt auf „Gestaltgesetzen“
(Städler, 1998, zit. nach Auhagen, 2008, S.439), die diejenigen Prinzipien der Gruppenbildung
formulieren, die bei der Wahrnehmung einer Folge an Ereignissen unterschiedlicher Merkmale
eintreten. Die in den „Gestaltgesetzen“ beschriebenen Wahrnehmungsmuster orientieren sich z.B.
an den Merkmalen Gleichheit und Ähnlichkeit, Nähe, Bewegungsrichtung oder Verlauf (Auhagen,
2008, S. 439). Die Gestaltgesetze können als „Basisprinzipien der Wahrnehmung“ beschrieben
werden, die „die Vermutung zur Universalie nahelegen“ (nach Drake, 1998, zit. nach Auhagen
2008, S. 439). Die Fähigkeit zur Wahrnehmung von Gestalten dürfte im Fall der Alzheimerdemenz
eine zusätzliche Erlebnisdimension sein, die von der reinen zeitlichen Erfassung der Einzelelemente
abzuheben ist. Maurer & Prvulovic (2009) beschreiben in ihrem Aufsatz „Wenn die Gestalt zerfällt“
eindringlich die Entwicklung des Malers Carolus Horn im Prozess der Alzheimererkrankung.
Anhand ihrer Beobachtung und Analyse der im Krankheitsverlauf entstehenden Werke skizzieren
die beiden Autoren einen Verfall der visuellen Gestaltwahrnehmung. „Am Beispiel seiner
Krankengeschichte können die durch die AD bedingten visuellen Defizite bis hin zum vollständigen
Gestaltzerfall eindrucksvoll beobachtet werden. Dies wiederum erlaubt es, einen so nie
dagewesenen Eindruck zu gewinnen in die durch die Erkrankung veränderte Wahrnehmungswelt
des Alzheimer-Patienten“ (Maurer & Prvulovic, 2009, S.366).
Rhythmus als musikalisches Element
79
Neben der Wahrnehmung zeitlicher Strukturen, spielt das Produzieren zeitlicher Handlungsabläufe
in der Umwelt eine wesentliche Rolle. Zeitliche Präzision und zeitliche motorische Kontrolle
bestimmten den Alltag von Grund auf. Alltägliche Handlungsabfolgen müssen in richtigem
zeitlichen Ablauf ausgeführt, oder eine Kombination von Handlungsfolgen realisiert werden.
Zeitlichkeit und Regelmäßigkeit sind wesentliche Grundlagen aller biologischen Systeme. „Für alle
biologischen Systeme ist es lebensnotwendig, die Vielfalt ihrer Abläufe und Zyklen von Moment zu
Moment untereinander abzustimmen und mit den zyklischen Veränderungen in ihrer Umwelt zu
synchronisieren: mit dem periodischen Wechsel von Tag und Nacht, den Gezeiten und Jahreszeiten“
(Pfleiderer, 2006, S. 44).
Das Ausführen präziser zeitlicher Handlungen innerhalb musikalischer Aktivitäten wird als Timing
bezeichnet. „In der Regel jedoch wird unter Timing die Gestaltung der Zeitspannen von einem
Toneinsatz zum nächsten bezeichnet, und ein übliches Maß zur Charakterisierung der Gestaltung
sind die Zeitspannen zwischen zwei Toneinsätzen, sog. Interonset intervals (IOI)“ (Auhagen, 2008,
S.447). Timing ist aber auch außerhalb musikalischer Aktivität eine grundlegende menschliche
Verhaltensweise. Die Wurzeln dieser Fähigkeit sind noch nicht vollständig erklärt.
Die Frage, wie diese hochkomplexen Fähigkeiten zustande kommen und wodurch sie ermöglicht
werden, leitet die folgenden Ausführungen. Die menschlichen Fähigkeiten zur präzisen zeitlichen
Handlung werden detailliert dargestellt.
7.2 „Innere Uhr“/ Interner Zeitgeber
Unter dem Begriff des internen zentralen Zeitgebers versteht man im Groben denjenigen
Mechanismus, der es dem Menschen erlaubt, zeitlich strukturierte Elemente (sei es eine Folge von
Metronomschlägen oder ein hochkomplexer Rhythmus) exakt zu erfassen, zu repräsentieren und zu
reproduzieren. Dabei zeigt der interne Zeitgeber unterschiedlichste Fähigkeiten. Bei der
Synchronisation mit einer vorgegebenen Schlagfolge gelingt eine hoch akkurate Annäherung an den
Originalpuls. Feinste Veränderungen in den Sequenzabständen werden sofort erkannt und
umgesetzt. Beim Spiel eines komplexen Rhythmus müssen unterschiedliche Zielintervalle im
Verhältnis zueinander repräsentiert und ausgeführt werden. Der Gedanke der progressiven
Ausführung („Stück für Stück“) ist mittlerweile veraltet. Vielmehr wird eine zentrale Einheit
vorausgesetzt, die den Rhythmus mit seinen Zeitwerten insgesamt repräsentiert, und einzelne
Zielintervalle jeweils Konstrukte des Gesamten sind.
Fokussiert werden die Fähigkeiten, Handlungen genau zu timen und externen Reizen anzupassen,
innerhalb von Synchronisationsleistungen. Diese werden in sog. Tappingaufgaben untersucht, die
Rhythmus als musikalisches Element
80
weitestgehend auf eine Kontextumgebung verzichten und das Paradigma auf den äußeren Stimulus
und das Eingabeinstrument reduzieren. Die Sensorimotorische Synchronisation (SMS) wird als
zeitliche Koordination zwischen motorischer Aktion und externem Rhythmus beschrieben. Repp
(2005) beschreibt die Anwendung dieser Fähigkeit im Alltag folgendermaßen: „Musicians playing
in an ensemble must synchronize their actions with the audible and visible actions produced by
other members of the ensemble. Orchestral musicians must, in addition, follow the gestures of a
conductor. During practice, classical musicians often use a metronome to pace their actions. Jazz
and popular musicians coordinate their actions with beats produced by the rhythm section of a band
or with a click track during recording. Soldiers march to music, and dancers dance to it. When
people listen to music, they generate temporal expectations (a form of covert, internal
synchronization), and they may move in synchrony with the musical beat“ (Repp, 2005, S. 969).
Das Interesse an den Synchronisationsleistungen, gemessen durch eng umschriebene
Tappingaufgaben, lässt bis heute nicht nach. Durch den Einbezug moderner bildgebender Verfahren
können neue Dimensionen miteinbezogen werden (z.B. Chen, Penhune & Zatorre, 2008).
Zeitgeberfunktionen sind insgesamt für eine Vielzahl an Handlungen relevant, was sie für
unterschiedlichste Disziplinen spannend macht.
Hier soll der Themenkomplex der Synchronisation vorrangig durch Arbeiten von Ralf Krampe und
seine Mitarbeiter beschrieben werden. Krampe und Mitarbeiter untersuchen Rhythmusproduktion
unter dem Gesichtspunkt der genauen Handlungskontrolle. Seine Arbeiten stehen vor dem
Hintergrund motorischer Alltagsleistungen und Einbußen im Alter. Die folgenden Abschnitte zu
Synchronisationsleistungen wurden vorrangig durch diese Arbeiten angeregt.
7.2.1 Zeitgeber im Alter
Was haben Synchronisationsleistungen mit dem Alter zu tun? Schon auf den ersten Blick scheint es
einen starken Zusammenhang zwischen Fähigkeiten der Handlungskontrolle und
Alterungsprozessen zu geben. Alltagshandlungen, z.B. im Haushalt, brauchen immer mehr bewußte
Aufmerksamkeit zur Ausführung, nehmen immer mehr kognitive Ressourcen zur Durchführung ein
und gelingen dadurch immer weniger automatisiert. Auch bei beginnender Alzheimerdemenz sind
verschwindende Fähigkeiten beobachtbar, z.B. leichte motorische Aufgaben im Haushalt mit wenig
kognitivem Aufwand zu erledigen. Der motorische Automatisierungsprozess lange geübter
Handlungen wird gestört. Zeitaspekte fließen in jegliche Handlungsaspekte ein, keine motorische
Aktion kann ohne zeitliche Organisation durchgeführt werden. Besondere Bedeutung kommt dem
zeitlichen Aspekt bei einer ganzen Folge von Zielhandlungen zu, bei zeitlichen Begrenzungen oder
Rhythmus als musikalisches Element
81
kausalen Zusammenhängen. Der Zusammenhang zwischen Alterungs- und zeitlichen
Kontrollprozessen wird explizit durch die General Slowing Hypothese (Cerella, 1985; Myerson, et
al., 1990; Salthouse, 1996) hergestellt.
Diese allgemeine altersbedingte Verlangsamung, wie sie z.B. von Salthouse (1996) diskutiert wird,
könnte sich in Leistungen des zentralen Zeitgebers widerspiegeln. Altersbedingte Veränderungen
des Timings wurden mit einer allgemeinen Verlangsamung der zentralen Uhr (des zentralen
Zeitgebers) bei älteren Menschen in Verbindung gebracht (z.B. Salthouse, Wright und Ellis, 1979).
Mathematisch kann man zeigen, dass eine langsamere Uhr auch eine größere Variabilität bei den
produzierten Intervallen erzeugen muss (Krampe, Engbert & Kliegl, 2001). Der Gedanke, dass sich
die in bestimmten Bereichen im Alter zu beobachtende Verlangsamung kognitiver Fähigkeiten auch
auf interne Timingmechanismen auswirke, ist gut nachzuvollziehen. Krampe und seine Kollegen
betrachten Rhythmusproduktion als eine Art Handlungskontrolle. Die kognitiv-motorischen
Funktionen stehen hierbei im Vordergrund, eingebettet in ein übergeordnetes repräsentierendes
Zeitsystem. Jegliche Handlungen im Alltag sind Teil bestimmter Sequenzierungsleistungen, das
heißt, sie werden mit einem bestimmten Ziel, mit bestimmten definierten Zielintervallen und
innerhalb einer angestrebten Zeitsequenz, ausgeführt. Die Basishypothese geht davon aus, dass
altersabhängige Verlangsamungseffekte die Geschwindigkeit des zentralen Zeitgebers und dazu die
zeitliche Auflösung (Exaktheit) einschränkt (Krampe, Engbert & Kliegl, 2001). Als Träger der
zentralen Zeitgeberkapazitäten werden bestimmte Neuronengruppen diskutiert, die die Realisierung
nichtlinearer Oszillatoren (siehe Treisman, Faulkner, Naish & Brogan, 1990) sowie die Verzögerung
der Abläufe im Cerebellum bewirken (ebd.).
Krampe und Kollegen halten ein sog. Zeitzähler-Modell (Clock-counter) für plausibel. Demnach
produziere der zentrale Zeitgeber Pulse im Millisekundenbereich. Diese laufen solange weiter, bis
das Zielintervall erreicht ist. In Bezug auf die altersbezogene Verlangsamung hieße das, dass eine
„junge Uhr“ mehr Pulse im gleichen Zielintervall liefert, als eine „alte Uhr“. Das ließe eine größere
interindividuelle Variabilität der Intervallgenauigkeit bei älteren Menschen im Vergleich zu jungen
Teilnehmern erwarten. Insgesamt werden die Leistungen bei den Tapping – Aufgaben durch zwei
Bereiche realisiert: dem internen Zeitgeberfunktionen einerseits und den motorischen Funktionen
andererseits. Nach einem schon in den 70er Jahren entwickelten Modell (Wing & Kristofferson,
(1973) können diese beiden Funktionseinheiten voneinander getrennt bewertet werden.
7.2.2 Theoretische Modelle
Insgesamt existieren zwei theoretische Rahmenmodelle bei der Untersuchung von
Bewegungskontrolle, bzw. Rhythmusproduktion. Die Rhythmusprogrammhypothese von Vorberg
Rhythmus als musikalisches Element
82
und Wing (1994, 1996) baut auf der Tradition des klassischen Zwei-Ebenen-Modells von Wing und
Kristofferson (1973) und des Timekeeperansatzes von Vorberg und Hambuch (1978, 1984) auf.
Außerdem elaboriert sich ein Ansatz dynamischer Systeme (Krampe bezieht sich auf Gruppen um
z.B. Mike Turvey, Scott Kelso und Poeter Beck, S. 494), der sich auf bisherige Denkansätze
bereichernd auswirkt.
Prägend für das repräsentationale Modell ist die Annahme eines übergeordneten Zeitgebers, der ein
abstraktes „Wissen“ um die gesamte Zeitstruktur des vorgegebenen Reizes besitzt. Auf dieser
übergeordneten Ebene ist es unwichtig, welche Muskeln und Gelenke den Rhythmus später
tatsächlich realisieren. Das Zwei-Ebenen-Modell unterscheidet zwischen einer übergeordneten
kognitiven Ebene der Repräsentation, und einer zweiten Ebene der motorischen Implementation.
Dabei entsteht eine zeitliche Verzögerung zwischen den vom Zeitgeber erzeugten Zielintervallen
und den motorischen Ausführungen (motorische Verzögerungen).
Eine negative Korrelation der Varianz direkt benachbarter Intervalle belegt diese Annahme. Die sog.
Negative Autokorrelation beschreibt den Zusammenhang zweier benachbarter Intervalle bei
motorischer Verzögerung des ersten Zielintervalls. Dauert das erste Intervall aufgrund zufälliger
Schwankungen länger als repräsentiert, verkürzt sich das darauf folgende Intervall automatisch um
dieselbe Dauer, da die repräsentationale Uhr ihre Signale unbeeinflusst weiter sendet. Dies ist ein
gut nachgewiesenes Phänomen und spricht für das beschriebene repräsentationale Zwei-Ebenen-
Modell. Das sog. erweiterte Zwei-Ebenen-Modell von Vorberg und Hambuch (1984) erklärte das
Timing bei bimanuellen Tapping-Aufgaben durch die Fähigkeit der zentralen Uhr, sowohl die
motorischen Aktionen verschiedener Hände, als auch beider Hände simultan zu kontrollieren und
auszulösen. Ein Problem dieses Modells besteht in den positiven Korrelationen nicht benachbarter
Intervalle. Das Modell sagt für nicht benachbarte Intervalle eigentlich Nullkorrelationen vorher, was
sich aber so nicht bestätigen ließ (Engbert & Krampe, 2005).
Die Rhythmusprogrammhypothese von Vorberg und Wing (1994, englisch 1996) erweitert das
ursprüngliche Zwei-Ebenen-Modell. Unter Rhythmusprogramm wird analog zum Motorprogramm
ein Set von Parameterspezifikationen für die Ausführung eines speziellen Rhythmus verstanden
(Engbert & Krampe, 2005). Die eine zentrale Zeitgebereinheit wird durch viele verschiedene
kleinere auf unterschiedlichen Ebenen ersetzt. Übergeordnete Zeitgeber arbeiten eng mit
untergeordneten Zeitgebern zusammen. Vorgeschaltet ist die Parameterspezifikation, in der alle
Zeitgeber ihre Zielwerte als Bruchteil des Gesamtkonstrukts erhalten. Die aktuelle „Rate“ gibt
demnach das spezifische Tempo des Rhythmus an. Auf einer zweiten Ebene werden die
programmierten Zeitgeber linear verkettet (ebd., 499). Dann werden von den einzelnen Zeitgebern
Impulse z.B. an die Hände gesendet. Die Varianz ist dann Summe der drei Arbeitsschritte:
Parameterspezifikation, Ausführung der Zeitgeber und motorische Implementation.
Rhythmus als musikalisches Element
83
Dynamische Systeme verzichten auf die Annahme kognitiver Repräsentationen bei der
Rhythmusproduktion.
7.2.3 Timing im Alter und mit Alzheimerdemenz
Die Unterscheidung des Zwei-Ebenen-Modells zwischen einer Ebene des zentralen Zeitgebers und
der motorischen Implementation, wurde durch Studien zur Variation des Tempos gut belegt
(Engbert & Krampe, 2005). Es wurde ein Anstieg der Intervall-Varianz mit zunehmender Zeitdauer
des Intervalls festgestellt. Das heißt, ganz exaktes Timing ist besonders schwierig, bei sehr
langsamen Tempi. Dieser Varianzanstieg wird durch Prozesse der zentralen Zeitgeberebene
ausgelöst. Wing und Kistofferson konnten dies mithilfe ihrer Methode der Zerlegung der
Varianzanteile beobachteter Zeitreihen beweisen. Auch mathematische Simulationen zeigen, dass
die Varianz von biologischen oder chemischen „Uhren“ (im Sinne von periodischen Prozessen) mit
dem Mittelwert der Periodendauer ansteigt (Creelman, 1962; Killeen & Weiss, 1987; Winfree,
1980: nach Engbert & Krampe, 2005, S. 503). Die motorischen Verzögerungen bleiben dagegen bei
Tempoveränderungen relativ stabil.
Woodruff & Jaeger (1998) untersuchten eine Probandengruppe zwischen 20 und 89 Jahren. Sie
stellten eine altersabhängige signifikante Zunahme der Zeitgeber-Variabilität fest. Die Variabilität
der motorischen Komponente bleibt mit dem Alter stabil. Die motorische Ausführung eines vom
Zeitgeber festgelegten Intervalls (hier wurde 550ms getestet) ist ohne Defizite, jedoch lässt die
Genauigkeit des Zeitgebers nach. In einer gleich gestalteten Studie von Duchek, Balota & Ferraro
(1994) wurden zusätzlich leicht erkrankte Alzheimerpatienten untersucht. Sie fanden bei den
Patienten einen deutlichen Einbruch der Zeitgeberfunktionen, jedoch blieben die motorischen
Funktionen erhalten. In dieser Studie zeigten die gesunden Älteren gleiche Leistungen sowohl bei
den Zeitgeberfunktionen, als auch den motorischen Komponenten wie jüngere Teilnehmer.
Krampe und Kollegen führten selbst eine Studie (2001) mit jüngeren und älteren Versuchspersonen
mit unterschiedlichen Experimenten durch. Die Untersuchung richtete sich auf drei verschiedene
Aufgabenbereiche innerhalb derselben Probandengruppe. Aufgaben waren: isochrones Tapping,
Produktion eines einfachen Rhythmus und Produktion eines komplexen Rhythmus. Nach
Hypothese des Zwei-Ebenen-Modells müssten für alle drei Aufgabenbereiche gleiche Leistungen
(beobachtete Variabilität der Zielintervalle) gezeigt werden. Denn die Hypothese geht davon aus,
dass Rhythmusproduktion nur die Prozesse erfordert, die auch beim Timing einfacher isochroner
Tapping-Aufgaben notwendig sind (Engbert & Krampe, 2005, S. 510). Außerdem müsste der
Anstieg der Variabilität mit der Dauer des Zielintervalls (Tempovariation) in allen drei
Rhythmus als musikalisches Element
84
Aufgabenbereichen ähnlich sein. Die Rhythmusprogrammhypothese geht dagegen davon aus, dass
die unterschiedlichen Aufgaben die von ihr vorausgesetzten Prozesse (Spezifikation der
Zielintervalle, Ausführung der programmierten Zeitgeber und motorische Implementation) in
unterschiedlichem Ausmaß beanspruchen. Demnach sollte ein Intervall mit gleicher Dauer in den
drei Aufgaben mit unterschiedlicher Variabilität produziert werden. Die durchgeführte Studie
bestätigt dies: die Variabilität nimmt mit Komplexität der Aufgaben zu. Der Anstieg der Variabilität
mit der Intervalldauer ist bei den Rhythmusaufgaben steiler als bei der isochronen Tappingaufgabe.
Altersbezogen gibt es in der isochronen Tappingaufgabe keine Unterschiede zwischen jungen und
älteren Teilnehmern. Bei den Rhythmusaufgaben jedoch zeigen sich negative Alterseffekte, bei der
Spezifizierung von drei Zielintervallen deutlich mehr als bei zwei Zielintervallen. Daraus schließen
die Autoren eine spezifische Alterssensitivität von Prozessen, die mit der Spezifikation von
Zielintervallen zusammenhängen (Engbert & Krampe, 2005). Prozesse, die schon spezifizierte
Zielintervalle ausführen sowie die motorische Implementationen bleiben bis ins späte Alter
erhalten. Dies spricht dafür, dass unterschiedliche neuronale Strukturen für die unterschiedlichen
Prozesse verantwortlich sind. Dabei steht das Kleinhirn als mögliches Ausführungsorgan von
programmierten Intervallen in Diskussion, während die Repräsentation und Programmierung
komplexer motorischer Schema präfrontalen Strukturen zugeschrieben wird. Alterungsprozesse
beeinflussen beide Hirnbereiche eventuell in unterschiedlichem Ausmaß (ebd.).
7.2.4 Bimanuelle Rhythmusproduktion im Alter
Bimanuelle Rhythmusproduktion stellt eine besonders beanspruchende Fähigkeit dar. Es müssen
weitaus mehr Muskeln und Gelenke kontrolliert und koordiniert werden. Dabei ist bimanuelle
Rhythmusproduktion mehr als ein willkürlicher paralleler Ablauf zweier unimanueller Lösungen.
Es kommt genau auf die Phasenrelationen zwischen den beiden Handschlägen an (Krampe &
Engbert, 2005, S. 488). Dabei stellt sich die in der Forschung viel diskutierte Frage, auf welcher
Ebene die Handlungskontrolle für beide Hände zusammengefasst wird, und ob sie unabhängig oder
parallel ist. Das heißt, wie und wo derjenige Prozess zu beschreiben ist, der sowohl die Abläufe der
einzelnen Hände exakt realisiert, als auch der eine Art „Gesamtrepräsentation“ des Ganzen hat, um
beide Hände aufeinander abzustimmen. Es wird dabei zwischen integriertem und parallelem Timing
unterschieden. Letztere setzt eine relative Handunabhängigkeit voraus, während das integrierte
Timing die bimanuelle Rhythmusproduktion als lineare Abfolge von gemeinsamen durch
verschiedene Hände realisierte Ereignisse betrachtet (ebd., S. 490). Es wurde herausgefunden, dass
ein paralleles Timing nur von Profimusikern bei sehr hohem Tempo genutzt wird. Amateure und
Experten bei gemäßigtem Tempo nutzen nur integriertes Timing.
Rhythmus als musikalisches Element
85
Krampe und Kollegen untersuchten in ihrer Studie (2001) Timingfähigkeiten bei bimanuellen
Rhythmen. Dazu wurden zwei mit beiden Händen zu spielende Rhythmen untersucht. Ein
synkopischer Rhythmus und eine polyrhyhtmische Sequenz (3 gegen 4).
Aus einer Studie von 1996 (Krampe und Ericsson) ist bekannt, dass die maximale Rate des
Tappings eines einzelnen Fingers vergleichbar ist zwischen jungen und älteren Amateurpianisten.
Das maximale Tempo eines abwechselnden Fingertappings ist jedoch bei den älteren Teilnehmern
langsamer.
Es zeigten sich keine Alterseffekte hinsichtlich dem überprüftem Kriterium „Fehler in der
Fingerabfolge und längere Unterbrechungen“. Negative Alterseffekte traten bei der Störung der
rhythmischen Struktur und Exaktheit des durchschnittlich realisierten Tempos im Vergleich zum
Original auf. Beide Alterseffekte sind jedoch begrenzt auf die polyrhythmische Aufgabe. Bei den
jungen Teilnehmern traten bei 2.68% der polyrhythmischen Sequenzen Fehler in der rhythmischen
Struktur auf, bei den älteren Teilnehmern waren es 18.58% der Sequenzen (Krampe, et al., 2001, S.
18).
Nimmt man aber nun an, dass es einen internen Zeitgeber gibt, der von einer altersbedingten
Verlangsamung betroffen sei, so müsste sich diese Verlangsamung auf beide Aufgabenbereiche
auswirken und ähnliche Variabilität für vergleichbare Zeitdauern bewirken. Nach Krampe et al.
(2001) deuten die positiven Kovarianzen nicht benachbarter Intervalle auf eine hierarchische
Spezifikation der Ziellängen hin, auf das Vorhandensein abstrakter Repräsentationen.
Erklärungen zu den bisher widersprüchlichen Befunden zu altersbedingten Veränderungen in der
Genauigkeit des Timings könnten in der Menge des ermöglichten Trainings oder in der
Ermöglichung von Feedback auf die erbrachten Leistungen liegen. Ältere Teilnehmer könnten
gerade von diesen beiden „Zusatzleistungen“ profitieren. In einer Meta-Analyse von Block, Zakay
und Hancock von 1998 zu altersvergleichenden Studien zur Bewertung oder Reproduktion
dargebotener Intervalldauern, wurden keine Zeichen von Altersabbau gefunden, solange die
Probanden ausgiebiges Training und intensives Feedback erhielten (Engbert & Krampe, 2005, S.
507).
7.2.5 Zeitgeber bei Alzheimerdemenz
In einer frühen Studie (1994) untersuchten Duchek, Balota und Ferraro explizit Fähigkeiten von
Alzheimerpatienten zweier Schweregrade bei Fingertappingaufgaben. Duchek und Kollegen gehen
von einem Ansatz aus, spezifische Aspekte der kognitiven Aktivität zu isolieren und sie einzeln
unter Einfluss des Krankheitsprozesses zu beobachten. Der Bereich der motorischen Kontrolle bei
Rhythmus als musikalisches Element
86
Alzheimerpatienten war 1994 und ist heute noch ein unterrepräsentierter Bereich im Vergleich zu
Untersuchungen zum Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Sprache (Duchek, et al., 1994, S. 218). Die
vorliegende Studie verfolgt das Ziel, einzelne Prozesse der motorischen Kontrolle zu isolieren.
Duchek und Kollegen orientieren sich hierbei am Wing-Kristofferson-Modell, nach dem zwei
unabhängige Einheiten bei Timingprozessen beobachtet werden können: die interne Repräsentation
und die motorischen Verzögerungen. Eine weitere Studie zu Synchronisationsaufgaben bei
Alzheimerdemenz von Muller, Weisbrod & Klingberg (1991) stellte eine signifikante
Verlangsamung und eine größere Variabilität zwischen den Intervallen bei den Alzheimerpatienten
fest. Die Variabilität wurde jedoch nicht in die zwei Kernprozesse der internen Zeitgeberfunktion
und der motorischen Ausführung unterteilt. Dieser Defizit sollte von der Studie von Dutchek und
Kollegen ausgeglichen werden: Ziel der Studie von 1994 ist es, unterschiedliche Komponenten der
motorischen Kontrolle bei unterschiedlichen Stadien der AD zu isolieren.
Ergebnis der Studie ist ein Einbruch der Zeitgeberfähigkeiten bei Patienten mit leicht bis mittlerer
Alzheimerdemenz. Die Gruppe der leicht erkrankten Patienten zeigte ähnliche Zeitgeberfunktionen
(Variabilitäten) wie die gesunden Älteren unter und über 80 Jahren. Alle anderen Gruppen (Ältere
unter und über 80, Studenten, Parkinsonpatienten) wiesen keine signifikanten Unterschiede auf. Die
zentrale Zeitgeberfunktion innerhalb der motorischen Kontrollfunktion ist nur bei leichter bis
mittlerer Alzheimerdemenz beeinträchtigt und dabei bleiben die motorischen Ausführungen
(Implementation) relativ unbeeinträchtigt.
Die Bedeutung der zunehmenden Zerstörung zentraler Zeitgeberfunktionen innerhalb des
Krankheitsprozesses wurde bisher noch nicht, z.B. in Bezug auf die Wirkung auf Alltagsfähigkeiten,
eingehend diskutiert.
7.2.6 Timing und sozialer Kontext
Kirschner & Tomasello (2009) haben die bisher sehr „steril“ ablaufenden Tappingstudien um einen
sozialen Kontext erweitert. Grundlage ihrer Studie ist die bisherige Annahme, dass die sog.
Sensorimotorische Synchronisation (Repp) bei Kindern unter 4 Jahren noch nicht ausgeprägt ist.
Zwar können auch 4-jährige Kinder einen externen Stimulus motorisch „begleiten“, jedoch ist ihr
möglicher Temporadius kleiner als der von Erwachsenen. Die besten Synchronisationsergebnisse
werden bei einem Interstimulus Intervall von 400ms erzielt, was gleichzeitig auch das spontane
Tempo von Kindern dieses Alters darstellt (Drake, et al., 2000; Fitzpatrick, Schmidt, & Lockman,
1996; McAuley, et al., 2006; Provasi & Bobin-Bègue, 2003; zit. nach Kirschner & Tomasello, 2008,
S. 2).
Bisher jedoch gibt es nach den Autoren keine Studie, die einen natürlichen sozialen Kontext
Rhythmus als musikalisches Element
87
berücksichtigt. Dabei müssten Studien den natürlichen Hintergrund beachten, in dem das
untersuchte Verhalten meistens auftritt (Bispham, 2006; Fitch, 2006; Huron, 2001; McNeill, 1995;
Merker, 2000; zit. nach Kirschner & Tomasello, 2009). In nicht - westlichen Kulturen wird nicht
ebenso scharf zwischen Performer und Hörer unterschieden, wie es in westlichen Kulturen üblich
ist. Vielmehr steht Musik in der Gruppe (auch mit Tanz und Ritual) im Vordergrund (Nettl, 2005;
nach Kirschner & Tomasello, 2009). Die Autoren weisen darauf hin, dass musikalisches Verhalten
grundlegend kooperativ ist und dass es natürliche intentionale Handlungen involviert. Das heißt,
Kirschner & Tomasello stellen die Synchronisationsfähigkeiten des Menschen in einen
intentionalen sozialen Kontext.
Für die Interpretation der Ergebnisse zum Einbruch der Zeitgeberfunktionen bei Alzheimerpatienten
(Dutchek, et al., 1994), erschließt sich hier eine neue Hypothese. Kirschner & Tomasello (2009)
haben in ihrer Studie Kinder im Alter von durchschnittlich 2.5, 3.5 und 4.5 Jahren untersucht. Die
traditionell akustische Bedingung, in der der Proband aufgefordert wird, mit einem akustischen
Stimulus zu synchronisieren wird durch eine grundlegende soziale Bedingung sowie einer
Kontrollbedingung erweitert. In der sozialen Bedingung wird das Stimulussignal von einem
Erwachsenen innerhalb einer Spielsituation erzeugt. Der Erwachsene spielt die Stimuli auf einer
Conga dem Kind vor und wird dabei von einem externen Leitsignal über Kopfhörer kontrolliert.
Der Erwachsene wurde im Vorfeld darauf trainiert, seinen eigenen Pulsschlag auch bei Irritation
durch einen anderen externen Pulsschlag (Proband) aufrechtzuerhalten (Kirschner & Tomasello,
2009, S. 4). Da diese soziale Bedingung im Vergleich zur traditionellen reinen akustischen
Bedingung, bei der die Stimulusreize über einen Lautsprecher eingespielt werden, eine zusätzliche
visuelle Dimension enthält, wurde eine weitere Kontrollbedingung entwickelt. Diese enthält ebenso
einen visuellen Input, jedoch nicht den zwischenmenschlichen, sozialen Kontext. Hier führte eine
Maschine mit imaginärem „Arm“ den externen Stimulusschlag aus. So konnten Wirkungen die rein
auf der visuellen Bereicherung beruhen, ausgeschlossen werden. In ihrer Studie forderten die beiden
Autoren ihre jungen Probanden nicht ausdrücklich dazu auf, zum gegebenen Stimulus zu
synchronisieren. Es sollte die „spontane“ Synchronisation beobachtet werden, sodass die Kinder
lediglich aufgefordert wurden, „mitzuspielen“. Es wurden zwei Tempi untersucht, wobei die eine
Bedingung als leicht (400ms) und die andere als schwer (600ms) beurteilt wurde. Dies bezieht sich
auf das „spontane Tempo“ von Kindern dieses Alters bei ca. 400ms. In vorherigen Studien hatte
man herausgefunden, dass Kinder mit ca. 4 Jahren gut zu einem Tempo mit IOI von 400ms
synchronisieren können, jedoch nicht zu einem Tempo mit dem IOI von 600ms da es außerhalb
ihres spontanen Tempobereichs von 400ms liegt.
Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass die Varianz jeder Altersstufe in der sozialen Bedingung
Rhythmus als musikalisches Element
88
geringer ist. Die Varianz in der visuell-akustisch Bedingung (Maschine) unterschied sich von der
rein akustischen Bedingung nicht. Außerdem konnten die Kinder mit 2.5 Jahren ihr spontanes
Tempo nur in der sozialen Bedingung dem äußeren Stimulus von 600ms ISI (150 beats/minute)
anpassen. Diese Ergebnisse sind gegensätzlich zu den früheren Annahmen, dass Kinder dieses
Alters ihre Bewegungen nicht an ein Tempo von 600ms anpassen könnten, da es sich zu weit
außerhalb ihres spontanen Tempos befindet. Die Ergebnisse aus den nicht-sozialen Bedingungen
kongruieren dagegen gut mit früheren Befunden (Provasi & Bobin-Bègue, 2003; Eerola, et al.,
2006; zit. nach Kirschner & Tomasello, 2009, S. 13).
Als Erklärungsansatz dieser Befunde wird die Theorie von Tomasello et al. (2005) herangezogen.
Demnach ist es ein mensch-spezifisches Verlangen, Emotionen, Erfahrungen und Aktivitäten mit
anderen zu teilen. Dabei spielt die geteilte Aufmerksamkeit und die damit zusammenhängende
geteilte Intentionalität eine große Rolle. Tomasello & Carpenter haben dies 2007 näher ausgeführt
und sehen in dieser geteilten Aufmerksamkeit einen wichtigen Entwicklungsschritt in der frühen
kognitiven Entwicklung an. Erst hieraus ermögliche sich Lernen durch Andere und gemeinsames
Handeln in kollektiven Aktivitäten (Kirschner & Tomasello, 2009, S. 14).
Synchronisationsleistungen wurden bisher in reduzierten Settings untersucht. Durch die vorgestellte
Studie wurde nicht nur die soziale Dimension im Studienaufbau hinzugefügt, sondern auch der
Aspekt der gemeinsamen Intentionalität, der Begriff der „joint actions“ explizit mit
Synchronisationsleistungen in Zusammenhang gebracht. Damit werden diese Fähigkeiten in einen
evolutionären Zusammenhang gestellt. In Bezug auf die gefundenen Defizite von
Alzheimerpatienten innerhalb dieser Zeitgeberfunktionen (Dutchek, et al., 1994) eröffnen sich nun
ganz neue Interpretationsansätze. Es könnte hier eine Parallele gezogen werden zu den Fähigkeiten
von Kindern unter 4 Jahren. Kirschner & Tomasello konnten zeigen, dass auch Kinder mit 2.5
Jahren in einer sozialen Bedingung fähig sind, ihr Tempo einem externen Stimulus auch außerhalb
ihres eigenen spontanen Tempos anzupassen. Dies ist jedoch in einer rein akustischen Bedingung
nicht der Fall. Eventuell sind auch Alzheimerpatienten in einer sozialen Situation besser fähig, ihre
eigenen motorischen Leistungen den externen Bedingungen anzupassen. Die gemeinsame
intentionale Handlung und Absicht könnte als zusätzlich erfahrene Dimension dem Patienten
Anhaltspunkte geben und sich somit positiv auf die eigenen Leistungen auswirken. Damit könnte
der intentionale, „zwischenmenschliche“ Aspekt der Musik als eine mögliche Ressource bei
Alzheimerpatienten herauskristallisiert werden.
Rhythmus als musikalisches Element
89
7.3 Zusammenfassung Rhythmus
Rhythmus als ein Element der Musik bietet sich aufgrund seiner direkten Verknüpfung in
Alltagshandlungen und -zusammenhänge besonders zur isolierten Untersuchung an. Als Basis jeder
musikalischen Kommunikation kann es als untersuchter Ausgangspunkt für weitere
Studienparadigmen dienen. Aufgrund der sehr basalen Rezeption von Rhythmus liegt der Schluss
nahe, dass auch im Laufe des Krankheitsprozesses der Alzheimerdemenz die Fähigkeit zur
Rhythmuswahrnehmung lange weitestgehend erhalten bleibt. Rhythmus ist Teil menschlicher und
auch zwischenmenschlicher Koordination und Synchronisation. Zeitlichkeit und genaues Timing
spielen in Alltagsaufgaben eine besondere Rolle. Durch die allgemeine Theorie der Verlangsamung
wird eine direkte Verbindung zu Timingprozessen hergestellt. Die Ergebnisse zu
Synchonisationsleistungen im Alter sind noch sehr heterogen. Eventuelle Unterschiede können zum
Teil durch vermehrtes Training relativiert werden. Bei bimanuellen oder polyrhythmischen
Aufgaben haben ältere Menschen deutlich mehr Schwierigkeiten als Jüngere. Bisher existieren erst
wenige Tapping- oder Timingstudien mit Alzheimerpatienten. Die wenigen existierenden Arbeiten
haben einen Einbruch der Zeitgeberfunktionen bei Alzheimerpatienten gefunden. Die von Kirschner
und Tomasello (2009) herausgearbeitete Bedeutung des sozialen Kontextes für
Synchronisationsleistungen im frühen Kindesalter, könnte auch für Patienten mit Alzheimerdemenz
relevant werden. Basis jeder musikalischen Kommunikation ist demnach der intentionale Akt einer
gemeinsamen Handlung. Gerade dieser könnte für die erfolgreiche Teilnahme der Patienten an der
musikalischen Interaktion wesentlich sein.
Stichprobe
90
II. Experimentelle Studie
Aus den bisherigen Ausführungen wurde ersichtlich, welch mannigfache und auch unterschiedliche
Möglichkeiten bei der Erforschung des Themenfeldes Musik und Alzheimerdemenz entstehen.
Studien, die in der Schnittstelle Musik und Alter und Alzheimerdemenz liegen, sind insgesamt
bisher rar. Es dominieren hierbei Forschungen zu Wirkungen der Musiktherapie auf Symptome der
Alzheimerdemenz. Diese kommen vor allem aus dem angelsächsischen Raum und weisen zum Teil
methodische Mängel auf. Wirkungsmodelle wurden bisher zu selten aufgezeigt oder thematisiert.
Alle anderen Forschungsrichtungen außerhalb des therapeutischen Kontextes sind bisher nur
angedeutet und vereinzelt vorzufinden. Über musikalische Wahrnehmungsfähigkeiten bei
Alzheimerpatienten und auch bei gesunden Älteren ist bisher kaum etwas bekannt. Einerseits
deuten sehr positive Reaktionen der Patienten in Bezug auf musikalische Angebote auf eine
Ressource im musikalischen Bereich hin. Andererseits jedoch fehlen bisher konkrete Hinweise, ob
und wenn welche Teilaspekte der Musik tatsächlich eine Ressource von Alzheimerpatienten
darstellen. Bisher wurden musikalische Wahrnehmungsfähigkeiten weder im gesunden Alter noch
bei Alzheimerpatienten systematisch untersucht. Die vorgestellte Studie orientiert sich deshalb an
folgenden Leitfragen.
8 Stichprobe
Es sollten musikalische Grundfertigkeiten im Umgang mit kurzen musikalischen Rhythmen
untersucht werden. Dafür wurden drei Probandengruppen in ihren Leistungen miteinander
verglichen. Eine Gruppe gesunder Älterer, eine Gruppe leicht erkrankter Alzheimerpatienten und
eine Gruppe junger Erwachsener. Alle Gruppen bestanden aus zehn Teilnehmern. Die zehn
gesunden Älteren wurden im Zuge des Parallelisierungsverfahrens nach Bildung und musikalischer
Vorerfahrung passend zu der Gruppe der Alzheimerpatienten, aus einem Gesamtpool von 46
getesteten gesunden älteren Probanden, ausgesucht.
Stichprobe
91
8.1 Rekrutierung: Probleme und Schwierigkeiten
Laut Studienplanung sollten die teilnehmenden Alzheimerpatienten aus örtlichen Alten- und
Pflegeheimen gewonnen werden. In langwieriger Arbeit wurde der Kontakt zu einem Pflegeheim
aufgenommen und intensiviert. In ersten Schritten musste die Heimleitung interessiert und die
Stationsmitarbeiter informiert werden. Durch Integration in den täglichen Stationsalltag wurden
erste Erfahrungen vor allem im Umgang mit Demenzen gewonnen. Nach der ersten Phase des
Kennenlernens der Bewohner konnten musikalische Themen in die tägliche Konversation
eingebunden werden. Das reichte von Berichten aus der Kindheit, über aktuelle Vorlieben und
Aktivitäten. Auch konnte eindrucksvoll miterlebt werden, wie einzelne Bewohner noch erstaunliche
Leistungen auf einem Instrument erbringen konnten.
Zu diesem Zeitpunkt stand auf der Basis der Literaturrecherche fest, dass sich die experimentelle
Studie auf das musikalische Element Rhythmus konzentrieren soll. Jedoch fehlte bisher das
praktische Wissen darüber, wie ein Percussionsinstrument bei älteren Menschen angenommen
würde, bzw. welche Reaktionen zu erwarten sind. So wurde im weiteren Verlauf der praktischen
Erfahrungen im Alten- und Pflegeheim, eine Conga einer Gruppe an Heimbewohnern vorgestellt.
Diese Gruppe fand sich täglich am Tisch des Gemeinschafstraumes ein. Erste Berührungen und
Proben des Instruments fanden sukzessive statt. Es sollten möglichst alle Teilnehmer dieser Gruppe
zum Spielen auf der Trommel angeregt werden. Der Großteil der Gruppe zeigte sich sehr
interessiert und neugierig. Jedoch gab es auch Bewohner, die eher ablehnend reagierten. Hierfür gab
es unterschiedliche Gründe. Beispielhaft ist anzuführen, dass Demenzen oft mit einem inneren
Rückzug einhergehen. Dies kann auch in Ablehnung oder Aggression umschlagen, wenn die
Situation für den Betroffenen nicht entsprechend eingeordnet werden kann. Diese Patienten z.B.
könnten nur in sehr langer gemeinsamer und individueller Arbeit an ein Instrument herangeführt
werden. Das Vorstellen der Conga in diesem Rahmen erwies sich also durchaus als ambivalent.
Zum Einen entstand eine von Grund auf positive Atmosphäre, die von Interesse und Neugier der
Bewohner geprägt war. Jedoch wiesen Reaktionen einzelner Bewohner auch auf die Schwierigkeit
hin, die bei jeglichem musikalischen Kontakt innerhalb dieser Zielgruppe entstehen kann:
musikalische Aktivität bedarf immer einer subtilen und sehr bedachten Einbettung und Hinführung.
Nur so können Menschen unterschiedlichster Gesundheitszustände integriert werden. Gerade dann,
wenn auch noch sehr gesunde ältere Menschen angesprochen werden sollen, dürfen Ansprache und
„Setting“ nicht zu „kindgerecht“ sein.
An einer ausgesuchten Teilgruppe der Bewohner wurden die zuvor erarbeiteten relevanten
Aufgabentypen mit kurzen Rhythmen erprobt und getestet. Diese Teilgruppe der Bewohner
bestätigte, dass sie mit den Aufgaben umgehen und sie teilweise lösen konnten.
Stichprobe
92
Die Arbeit mit den Bewohnern im Seniorenheim war für eine erstes Testen des Studienmaterials
und ein erstes Erfahren musikalischer Aktivität in diesem Umfeld sehr wesentlich.
Für die tatsächliche Rekrutierung der Alzheimerpatienten stellte sich dieser Weg jedoch als
ungeeignet heraus. Nachdem die Einverständniserklärungen für die Durchsicht der Patientenakten
eingeholt waren, offenbarte der Blick in die Akten eine sehr unklare diagnostische Lage der
Bewohner. Demenzen wurden dort kaum weiter spezifiziert oder klassifiziert. Hinzu kamen bei den
meisten Patienten oftmals weitere psychiatrische Erkrankungen, die einen Ausschluss aus der Studie
bedeuten. Die angetroffene unzureichende Diagnostik der Bewohner machte eine wissenschaftliche
Erfassbarkeit unmöglich.
Neben den genannten Schwierigkeiten erweist sich die ausschließliche Rekrutierung von Patienten
aus einem Pflegeheim als sehr selektiv. Dort finden sich naturgemäß nur diejenigen Älteren, die in
keinem anderen Umfeld gepflegt oder betreut werden können. Dass heißt, dass sie entweder sehr
gravierende Erkrankungen aufweisen, und/oder keine engeren Bezugspersonen vorhanden sind, die
die Pflege übernehmen können/ wollen.
Es bot sich nach diesen Erfahrungen die Zusammenarbeit mit einer Gedächtnisambulanz an. Dort
kommen Patienten in die Sprechstunde, die bei sich oder ihren Angehörigen erste
Gedächtnisprobleme feststellen. Hier wird eine ausführliche und abklärende Diagnostik
durchgeführt. Patienten mit beginnender, leichter Alzheimerdemenz können hier auf guter
Datenbasis rekrutiert werden. In diesem Zusammenhang entstand die Kooperation mit der
Gedächtnisambulanz der Universitätsklinik Heidelberg, Sektion Gerontopsychiatrie (unter der
Leitung von Prof. Johannes Schröder).
Aber auch hier gestaltete sich die Suche nach interessierten Patienten schwierig. Patienten und
deren Angehörige, die frisch mit einer gravierenden Diagnose konfrontiert sind, können nur schwer
für wissenschaftliche, nicht-klinische Studien gewonnen werden. Sie versprachen sich von der
angebotenen Studie keinen direkten Nutzen, da sie keinen therapeutischen Hintergrund aufweist.
Die Patienten wurden durch den tätigen Arzt der Gedächtnisambulanz, bzw. durch Auslage eines
Flyers angesprochen.
Die letztendlich hier beteiligten Patienten wiesen zumeist ein größeres allgemeines Interesse an
Musik auf, z.B. durch eigenes Musizieren, Musizieren der Kinder/ des Angehörigen, durch
besondere Affinität zur Musik, oder auch der Hoffnung, dem Angehörigen durch die musikalische
Stimulation zumindest kognitive Anregung bieten zu können. Außerdem wurden die Patienten für
ihre Teilnahme an der Studie entlohnt.
Die Gruppe der gesunden älteren Teilnehmer wurde durch einen Zeitungsaufruf rekrutiert. Die
Probanden wurden nicht für ihre Teilnahme entlohnt. Es zeigte sich, dass sich auf den
Zeitungsartikel hin viel mehr interessierte Ältere meldeten, als erwartet. Insgesamt meldeten sich
Stichprobe
93
ca. 60 Interessierte. Im Gespräch mit den Teilnehmern zeigte sich oftmals ein Interesse an den
eigenen kognitiven oder musikalischen Fähigkeiten, weil Unstimmigkeiten oder Verluste innerhalb
der eigenen Leistungen subjektiv beobachtet wurden. Die Angst, „etwas stimme nicht mit mir“
führte somit auch zu einer verstärkten Teilnahme an der Studie, um unter diesem Deckmantel eine
Abklärung der eigenen kognitiven Fähigkeiten zu erhalten. Die intensive neuropsychologische
Testung zum Ausschluss einer vorliegenden Demenz, stellte für die meisten Teilnehmer eine Art
„Bonus“ dar. Von den knapp 60 Anrufern mussten sowohl professionelle Musiker, als auch
Interessierte unter 60 Jahren im Vorfeld von der Teilnahme ausgeschlossen werden. Außerdem
zeigten einige Anrufer nach ersten Informationen zum Studienverlauf und zu Studieninhalten kein
Interesse mehr an der Teilnahme, oder wurden durch plötzlich eintretende Ereignisse an der
weiteren Teilnahme verhindert (Krankheit, längere Reisen, Besuch).
Es nahmen schließlich 45 ältere Menschen an der Studie teil, von denen für 42 Teilnehmer die
kompletten Daten beider Sitzungen vorliegen. Aus diesen 42 Daten wurden für die Auswertung 10
Teilnehmer ausgesucht, bei denen zum einen durch die neuropsychologische Testung eine Demenz
und eine leichte kognitive Beeinträchtigung ausgeschlossen wurde, und die zum Anderen der
Gruppe der Patienten in den Variablen Bildungshintergrund, Alter und musikalische Vorerfahrung
angepasst wurden. Das heißt, es gingen nur zehn Teilnehmer der Gesamtgruppe getesteter Älterer,
im Zuge des Parallelisierungsverfahrens, in die endgültige Auswertung mit ein.
Die jungen Studienteilnehmer wurden für ihre Teilnahme an zwei Sitzungen entlohnt. Die jungen
Teilnehmer wurden über einen Aushang an der Universität und in regionalen Supermärkten und
Bibliotheken rekrutiert. Obwohl durch die öffentlichen Aushänge eine Mischung der Zielgruppe im
Parameter Bildungshintergrund erreicht werden sollte, weist die junge Gruppe im Vergleich zu den
anderen beiden Gruppen einen durchschnittlich höheren Bildungsabschluss auf. In diesem Sinne
kann die junge Gruppe nicht mehr als „Kontrollgruppe“ bezeichnet werden, da sie neben dem
reinen Altersunterschied auch einen Kohorteneffekt aufweist. Dieser Kohorteneffekt beinhaltet eine
insgesamt verbesserte schulische Ausbildung und somit auch nicht vergleichbare Zugänge zu
musikalischen Angeboten.
Stichprobe
94
8.2 Soziodemografische Daten
Tabelle 8.1 Gruppenvergleich der soziodemografischen Daten
Patienten
(N=10) Gesunde Ältere
(N=10) Junge Gruppe
(N=10)
n n n
Geschlecht
Männer 6 1 4
Frauen 4 9 6
Schulabschluss
Abitur 1 8
Fachhochschulreife 1 2 1
Mittlere Reife 1 1 1
Volksschulabschluss 7 7
Jahre Jahre Jahre
Alter
Durchschnittsalter 73 70 27
Range 61-86 64-79 18-37
Standardabweichung 9 5 6
Das Durchschnittsalter der Patientengruppe ist im Vergleich zu den gesunden Älteren 3 Jahre höher.
Während der älteste Patient 86 Jahre alt ist, ist der älteste gesunde Teilnehmer 73 Jahre alt. Da die
Alzheimerdemenz eine altersabhängige Krankheit ist und die Wahrscheinlichkeit, an ihr zu
erkranken, mit dem Alter zunimmt, weisen Patienten mit Alzheimerdemenz zwangsläufig ein
höheres Durchschnittsalter auf. Patienten die in jüngeren Jahren an Demenz erkranken, leiden
häufig an anderen Formen der Demenz, jedoch nicht an der „typischen“ altersbedingten Demenz.
Dadurch, dass die gesunden Älteren durch einen Presseaufruf rekrutiert wurden, standen der
Untersuchung vor allem „jüngere“ Ältere zur Verfügung. Aus dem Pool der getesteten Gesunden
wurden diejenigen Teilnehmer herausgesucht, die jeweils zu den Patienten hinsichtlich Alter,
Schulabschluss und musikalischer Vorerfahrung passen. Der Altersfaktor konnte dabei nicht
vollständig ausgeglichen werden. Jedoch wurde der Unterschied des Altersdurchschnitts auf 3 Jahre
minimiert. Der Altersrange der Patientengruppe ist im Vergleich relativ hoch. Der jüngste
Teilnehmer der Patientengruppe ist 25 Jahre jünger als der älteste Teilnehmer der Gruppe. Diese
enorm große Altersspanne zeigt sich auch anhand der beiden Diagnosen, „leichte
Alzheimerdemenz“ und „Leichte kognitive Beeinträchtigung“. Da die leichte kognitive
Beeinträchtigung mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit verbunden ist, sich in eine
Alzheimerdemenz zu entwickeln, und man die LKB gemeinhin als „Vorstufe“ der Demenz
betrachtet, sind es die jüngeren Teilnehmer der Patientengruppe, die mit LKB diagnostiziert
wurden, und die älteren Teilnehmer, die eine Alzheimerdemenz aufweisen.
Stichprobe
95
Der Bildungshintergrund beider Gruppen ist dagegen durchaus ähnlich. Jeweils sieben Teilnehmer
der Gruppe haben einen Volksschulabschluss. Ein Patient hat das Abitur.
Die junge Gruppe unterscheidet sich hinsichtlich ihres Bildungshintergrunds wesentlich von den
beiden älteren Gruppen. Acht der jungen Teilnehmer haben das Abitur. Dieser große
Bildungsunterschied erklärt sich aus zwei Ansätzen. Zum einen ist der Volksschulabschluss für die
hier getestete ältere Kohorte ein typischer Schulabschluss. Flächendeckende Bildungsmöglichkeiten
waren zu Schulzeiten der entsprechenden Kohorte noch nicht etabliert. Das relativ niedrige
Bildungsniveau (in Form von Schulabschluss) ist also demnach ein Kohorteneffekt älterer
Generationen. Das Bildungsniveau der jungen Stichprobe sollte im Vorfeld durch bewusstes
Vermeiden studentennaher Rekrutierungsversuche gemischter gehalten werden. Aushänge wurden
in Supermärkten und in Stadtbibliotheken angebracht. Jedoch zeigte sich, dass sich auch auf diese
Weise vor allem Studenten zur Teilnahme an der Studie meldeten.
8.3 Musikbiografische Daten
Allen Teilnehmern wurden nach der Lernphase (auch zur Unterbrechung des Memorierens der zu
lernenden Rhythmen) zu ihren musikalischen Erfahrungen befragt. Diese Befragung erfolgte
anhand eines erstellten Fragebogens. Es werden nicht alle erhobenen Daten des Fragebogens in
dieser Arbeit präsentiert.
Stichprobe
96
Tabelle 8.2 Gruppenvergleich der musikbiografischen Daten
Diese Tabelle zeigt die musikbiografischen Daten der drei Teilnehmergruppen im Überblick. Dabei wird
zwischen eigenen musikalischen Aktivitäten (Instrument oder Chor) und musikalische Erfahrungen im
Elternhaus unterschieden.
Dadurch, dass die gesunden Älteren direkt zu der Gruppe der Patienten ausgewählt wurden, sind
diese beiden Gruppen in den musikbiografischen Daten gut vergleichbar. In beiden Gruppen hat
jeweils die Hälfte in der Kindheit Instrumentalunterricht erfahren, der in vergleichbarem Alter
begonnen wurde (mit 8, bzw. 9 Jahren). Die Patienten haben den Unterricht durchschnittlich etwas
länger fortgesetzt als die gesunden Älteren. In beiden Gruppen hat auch jeweils die Hälfte der
Teilnehmer in einem Chor gesungen. Die gesunden Älteren begannen durchschnittlich früher das
Chorsingen als die Patienten, dagegen haben die Patienten das Chorsingen im Durchschnitt länger
fortgesetzt.
Die junge Teilnehmergruppe unterscheidet sich jedoch auch in ihren musikbiografischen Daten von
den anderen beiden Gruppen. Während bei den beiden älteren Gruppen der Anteil derjenigen, die
ein Instrument erlernt haben bei der Hälfte liegt, haben neun der jungen Teilnehmer ein Instrument
erlernt. Das Instrument wurde ähnlich wie bei den beiden älteren Gruppen mit 9 Jahren begonnen.
Die jungen Teilnehmer setzten den Unterricht aber für durchschnittlich 9 Jahre fort (Gesunde Ältere
3 Jahre, Patienten 5 Jahre). Wie bei den anderen beiden Gruppen hat die Hälfte der jungen Gruppe
in einem Chor gesungen. Im Vergleich mit den beiden älteren Gruppen haben die jungen
Teilnehmer das Chorsingen sehr früh begonnen (mit durchschnittlich 11 Jahren, im Vergleich:
Patienten
(N=10)
Gesunde
Ältere
(N=10)
Junge
Gruppe
(N=10)
n n n
Musik im Elternhaus/Kindheit
Es wurde zuhause gesungen 8 6 9
Es wurde mit den Eltern gemeinsam Musik gehört 3 1
Geschwister haben ein Instrument gespielt 1 2 5
Eltern haben ein Instrument gespielt 6 3 5
Es wurde selbst ein Instrument gespielt 5 5 9
Es wurde selbst in einem Chor gesungen 5 5 5
Alter Alter Alter
Unterrichtsbeginn
Instrumentalunterricht 8 9 9
Chorsingen 21 15 11
Jahre Jahre Jahre
Dauer
Instrumentalunterricht 5 3 9
Chorsingen 4 3 6
Stichprobe
97
gesunde Ältere mit 15 Jahren, Patienten mit 21 Jahren). Während die gesunden Älteren das
Chorsingen durchschnittlich drei Jahre fortsetzten, und die Patienten für durchschnittlich vier Jahre,
sangen die jungen Teilnehmer mit durchschnittlich sechs Jahren am längsten im Chor. Schaut man
in die näheren musikbiografischen Daten der jungen Teilnehmergruppe, (siehe oben), fällt auch ein
musikalisch sehr interessiertes Elternhaus auf. Bei fast der Hälfte der jungen Teilnehmer hat ein
Elternteil ein Instrument gespielt. Das im Vergleich zu den beiden älteren Gruppen relativ hohe
musikalische „Bildungsniveau“ im Elternhaus ist wahrscheinlich auf einen Kohorteneffekt
zurückzuführen. In der Kindheit der heute älteren Menschen standen der Allgemeinheit keine
technischen Ausstattungen zur Verfügung, um nach Belieben Musik zu hören. In der Kindheit der
heute jungen Erwachsenen (vor ca. 20 Jahren) sah dies sicherlich ganz anders aus.
Nach eigenen Beurteilungen der älteren Studienteilnehmer konnte in der eigenen Kindheit durch
kriegsbedingte Erfahrungen oftmals „keine Zeit“, „kein Geld“ und „keine Muße“ für musikalische
Bildung aufgebracht werden.
Insgesamt unterscheiden sich die jungen Teilnehmer demnach deutlich hinsichtlich ihrer
Hintergrundvariablen von den beiden älteren Gruppen. Die Gruppe der jungen Teilnehmer verfügt
insgesamt über deutlich mehr Musikerfahrene, über einen längeren Übezeitraum (Unterricht) und
längere Beteiligungen am Chorsingen. Auch fällt ein sehr musikinteressiertes Elternhaus der jungen
Teilnehmer auf. Während also das Auswählen der gesunden Älteren aus einer Gesamtmenge an
getesteten Probanden hinsichtlich wesentlicher, mit den Patienten vergleichbarer Variablen geglückt
ist, ist die Verteilung der jungen Kontrollgruppe im Vergleich nicht ideal. Eine Auswahl jedoch der
jungen Teilnehmer aus einer größeren Stichprobe war aufgrund finanzieller und zeitlicher Aspekte
nicht möglich.
8.4 Musikbezogene Charakteristik
Neben den reinen faktischen Werten hinsichtlich eigener musikalischer Aktivität und Erfahrungen
mit Musik in der Kindheit, sollte auch eine allgemeine Charakteristik der drei Gruppen im Umgang
mit Musik gewonnen werden. Es wurden Aussagen zum aktuellen Umgang mit Musik und zur
Bedeutung von Musik vorgegeben. Diese musikbezogenen Aussagen konnten von den Teilnehmern
mithilfe der vier Kategorien „trifft sehr zu“, „trifft eher zu“, „trifft eher nicht zu“ und „trifft nicht
zu“ bewertet werden. Diese „Charakteristik“ sollte wesentliche Unterschiede der drei Gruppen im
alltäglichen Umgang mit Musik, oder der Bedeutung von Musik für den Alltag, ausschließen. Es
zeigten sich zwar geringe Tendenzen zu Gruppenunterschieden, jedoch können diese für die
Interpretation der Studienergebnisse aufgrund ihrer geringen Stärke unberücksichtigt bleiben.
Stichprobe
98
Für die Darstellung der Ergebnisse im Gruppenvergleich werden die Antwortkategorien in zwei
übergeordnete Kategorien zusammengefasst. Unter „zustimmend“ werden sowohl die
Antwortkategorien „trifft eher zu“ und „trifft sehr zu“, unter „ablehnend“ sowohl „trifft eher nicht
zu“, als auch „trifft nicht zu“ subsummiert. Da nur neun Patienten (und jeweils zehn Teilnehmer der
anderen beiden Gruppen) die Aussagen bewertet haben, werden die Ergebnisse für den
Gruppenvergleich in Prozent angegeben.
Diagramm 8.1 Bewertung musikbezogener Statements im Gruppenvergleich
Stichprobe
99
Die Balkendiagramme zeigen den jeweiligen Anteil der drei Gruppen, die der musikbezogenen Aussage
zustimmen, bzw. diese ablehnen. Die Antwortkategorien „trifft sehr zu“ und „trifft eher zu“ wurden unter
„zustimmend“ subsummiert. Die Antwortkategorien „trifft eher nicht zu“ und „trifft nicht zu“ wurden unter
„ablehnend“ subsummiert. Die Angaben sind aufgrund unterschiedlicher Gruppengrößen (Patienten n=9,
gesunde Ältere und junge Erwachsene n=10) in Prozentwerten dargestellt. Zu beachten sind die zur besseren
Lesbarkeit unterschiedlichen Skalenlängen (max. Prozentwerte) zwischen den einzelnen Diagrammen.
Insgesamt sind im Gruppenvergleich die Patienten zurückhaltender (ablehnend) bei eher
leistungsbezogenen Aussagen. Die gesunden Älteren nehmen bei diesen Aussagen eine
Mittelposition zwischen Patienten und jungen Erwachsenen ein (z.B. Musik sehr analytisch zu
hören oder Musikkenner zu sein). Bei den eher emotionalen Statements sind die jüngeren
Teilnehmer dagegen zurückhaltender in ihrer Zustimmung (z.B. dass vor allem die emotionale Seite
der Musik eine Rolle spiele). Die gesunden Älteren z.B. stimmen der Aussage, Musik zu genießen,
als Gesamtgruppe voll zu.
Ansonsten fallen nur geringe Unterschiede auf. Die jungen Teilnehmer hören z.B. Musik häufiger
Experimentelles Setting
100
nebenbei, als die anderen beiden Gruppen. Gesunde Ältere geben häufiger als die anderen beiden
Gruppen an, viel über Musik gelesen zu haben. Die Hälfte der jungen Teilnehmer stimmen zu, dass
die Bedeutung von Musik mit dem Alter abnimmt.
Insgesamt jedoch sind die Bewertungen der drei Gruppen relativ homogen. Für die Interpretation
der Ergebnisse der experimentellen Studie können die musikbezogenen Charakteristiken somit
unberücksichtigt bleiben.
9 Experimentelles Setting
9.1 Leitfragen der Studie
1. Wie wirken sich degenerative Veränderungen der Alzheimerdemenz auf das Wahrnehmen
und den Umgang mit kurzen musikalischen Rhythmen aus/ im Vergleich zum gesunden
Alterungsprozess?
2. Wie wirkt sich der „gesunde“ Alterungsprozesses auf das Wahrnehmen und den Umgang mit
kurzen musikalischen Rhythmen aus/ im Vergleich zu jungen Erwachsenen?
3. Gibt es Unterschiede zwischen Patienten mit Alzheimerdemenz, gesunden Älteren und
jungen Menschen im Umgang mit kurzen musikalischen Rhythmen?
4. Gibt es Unterschiede innerhalb der Gruppen und zwischen den Gruppen in folgenden drei
Fähigkeitsdimensionen:
o Lernen und Behalten von Rhythmen
o Exaktes Nachspielen von Rhythmen
o Rhythmen unterscheiden
An diesen Leitfragen orientiert sich das im Folgenden dargestellte experimentelle Vorgehen.
9.2 Aufgaben
Die vorgelegte Studie hat musikalische Grundfertigkeiten im Alter und mit Alzheimerdemenz
untersucht. Es wurden unterschiedliche Fähigkeitsdimensionen im Umgang mit Rhythmen,
innerhalb von drei Teilnehmergruppen getestet. Gesunde Ältere, Patienten mit Alzheimerdemenz
und junge Erwachsene wurden mit drei Aufgaben konfrontiert, die mit unterschiedlicher
Experimentelles Setting
101
Komplexität den Umgang mit kurzen Rhythmen erforderten.
Alle Probanden mussten drei Aufgaben im Umgang mit kurzen musikalischen Rhythmen
absolvieren:
1. Rhythmen einprägen und behalten
2. Rhythmen so exakt wie möglich nachspielen
3. Rhythmen unterscheiden
Diese drei Aufgabenbereiche erfassen grundlegende Umgangsformen mit Musik (rezeptiv und
aktiv) im Alltag. Sie reichen von der basalen Fähigkeit, zwei musikalische Elemente zu
Unterscheiden (3. Aufgabe), über das Reproduzieren des Gehörten (2. Aufgabe), und letztendlich
dem im Vergleich komplexen Einprägen und Erinnern nachgespielter musikalischer Elemente (1.
Aufgabe). In der gerade vorgestellten Reihenfolge nimmt die Anzahl der erforderlichen
Fähigkeitsbereiche für das Bearbeiten der Aufgaben zu. Beim Unterscheiden zweier Rhythmen
müssen vor allem kurzfristige Repräsentationen der beiden gehörten Rhythmen entwickelt, diese
miteinander verglichen und abschließend beurteilt werden. Diese Aufgabe fordert demnach die
Fähigkeit zur Repräsentation und Diskrimination. Rhythmen nachzuspielen verlangt ebenso die
Repräsentation des gehörten Rhythmus. Diese Repräsentation muss aber außerdem eine motorische
Aktion initiieren, die einen Rhythmus produziert, der dem gerade gehörten möglichst ähnlich ist.
Somit ist auch beim Nachspielen der Rhythmen ein Urteil über Ähnlichkeit zwischen zwei
Rhythmen zu treffen. Diese Aufgabe fordert demnach nicht nur die Fähigkeit zur Repräsentation
und Diskrimination, sondern auch zur aktiven Reproduktion. Beim Lernen und Behalten eines
Rhythmus wird nicht nur, wie bei den anderen beiden Aufgaben, das kurzfristige Repräsentieren des
gehörten Rhythmus beansprucht, sondern der Rhythmus muss aktiv in das Langzeitgedächtnis
übertragen werden. Für diese aktive Übertragung, für das erfolgreiche Aneignen, ist das möglichst
genaue Reproduzieren des vorgespielten Rhythmus ebenfalls notwendig (zumindest in dieser
Aufgabenstellung). Diese Aufgabe verlangt demnach neben Repräsentation, Diskrimination und
Reproduktion auch die Rekognition. Somit bauen die beanspruchten drei Fähigkeitsbereiche in ihrer
Komplexität in der gerade vorgestellten Reihenfolge aufeinander auf.
Im Folgenden werden die drei Aufgaben detailliert beschrieben.
9.2.1 Rhythmen einprägen und behalten
Zwei kurze Rhythmen sollten durch Übung angeeignet, eingeprägt und behalten werden (zu den
beiden Rhythmen siehe „Musikalisches Material“). Die Gedächtnisleistung für zwei kurze
Experimentelles Setting
102
musikalische Rhythmen wurde getestet.
Die Aufgabe bestand aus einem großen Block des Aneignens und Lernens, sowie zwei zeitlich
versetzten Abfragen. Die Lernphase, in der die beiden Rhythmen angeeignet und gelernt werden
konnten, wurde für alle Teilnehmer möglichst einheitlich gestaltet. Diese Strukturierung der
Lernphase umfasste folgende Punkte:
1. Einbettung der beiden Rhythmen in einen situativen Kontext
2. Instruktionen werden zuvor aufgezeichnet und den Teilnehmern über Lautsprecher
vorgespielt
3. Gleiche Reihenfolge der Übungseinheiten
Zu 1.: Einbettung der beiden Rhythmen in einen situativen Kontext
Die beiden Rhythmen wurden zur besseren Behaltensleistung in einen situativen Kontext
eingebettet. Die Einbettung in einen situativen Zusammenhang sollte nicht nur Möglichkeiten
anbieten, sich die Rhythmen auch mit Hilfe bildhafter Vorstellungen und Assoziationen
einzuprägen, sondern auch einen übergeordneten „Sinn“ der Lernaufgabe herzustellen. Dieser Sinn
ergibt sich aus einer Einladung zum „Spiel“. Das Lernen der Rhythmen findet nicht im direkten
Fokus der Studiensituation, sondern vermittelt über eine Spielatmosphäre statt. Eine solche
Einladung zum Spielen kann nicht nur motivieren, sondern auch zur Entspannung beitragen. Nach
eigener Erfahrung führte die folgende Einleitung der Lernaufgabe zu einer Reduzierung des
empfundenen Leistungsdrucks, aufgrund der übergeordneten thematischen Einbettung.
Folgender Text wurde den Teilnehmern, nach einführenden Erläuterungen zu den Aufgaben, über
Lautsprecher vorgespielt:
„Stellen Sie sich vor, die örtliche Blaskapelle muss auf dem heutigen Schützenfest spielen. Der
Kapellmeister jedoch hat kurz zuvor noch eine Erkältung bekommen und kann unmöglich die
Kapelle dirigieren. Kurzerhand hat man Sie dafür ausgesucht, für den kranken Dirigenten
einzuspringen. Dafür müssen Sie sich Rhythmen der einzelnen Aktionen auf dem Schützenfest
richtig gut einprägen und merken. Das wollen wir heute gemeinsam üben!
Die Kapelle spielt bei zwei wichtigen Ereignissen auf dem Schützenfest. Was passiert auf einem
Schützenfest? Die Kapelle zieht ein, und im Saal wird getanzt. Es gibt also einen Einzugs-Rhythmus
und einen Tanz-Rhythmus
Wir wollen diese zwei Rhythmen der Kapelle heute lernen! Damit das auf dem Schützenfest dann
auch so richtig klappt!“
Experimentelles Setting
103
Die konkrete Aufgabe sollte hierdurch nochmals möglichst spielerisch erläutert werden. Durch das
Vorspielen der Kontextbeschreibung wurde es dem Teilnehmer ermöglicht, sich an die Form der
aufgezeichneten (und über Lautsprecher vorgespielten) Instruktionen zu gewöhnen, und sich auf die
Aufgabe einzustimmen.
Zu 2.: Instruktionen werden zuvor aufgezeichnet und den Teilnehmern über Lautsprecher
vorgespielt
Alle Instruktionen der Lernaufgabe wurden vorher mit Hilfe eines digitalen Diktiergeräts
aufgezeichnet, und dem Teilnehmer während der Sitzung über Lautsprecher vorgespielt. Es zeigte
sich in den Testläufen, dass eine persönliche „Anleitung“ empfindlicher ist gegenüber Störungen
oder Abweichungen vom geplanten Ablauf. Diese Störungen oder Abweichungen können sich von
Seiten des Studienleiters, als auch von Seiten des Studienteilnehmers ergeben. Als direkte Reaktion
auf gezeigte Leistungen des Teilnehmers kann der Studienleiter dazu neigen, Instruktionen zu
verkürzen oder auszuweiten, Aufgaben zu wiederholen oder auszulassen. Dies war insbesondere
von Bedeutung, da sehr unterschiedliche Reaktionen der drei Teilnehmergruppen auf die Aufgaben
erwartet wurden. Nur durch die vorherige Aufzeichnung wurde ermöglicht, dass alle Teilnehmer
tatsächlich dieselben Instruktionen erhalten und die Rhythmen gleich oft vorgespielt bekommen.
Das „Festhalten“ an einen vorgegebenen Ablaufplan, und das damit verbundene persönliche
„Zurücknehmen“ des Versuchsleiters hat sich für die reibungslose Durchführung der Lernaufgabe
als sehr hilfreich erwiesen.
Zu 3.: Gleiche Reihenfolge der Übungseinheiten
Alle Teilnehmer lernten zwei Rhythmen innerhalb einer strukturierten Lernphase/ eines
strukturierten Ablaufes. Die Lernphase bestand aus folgenden Blöcken:
1. Rhythmus Hören (Rhythmen wurden immer zweimal hintereinander vorgespielt) und
Nachspielen im Wechsel. Ein Wechsel von Hören und Nachspielen (5-malige Wiederholung)
zur ersten Aneignung des Rhythmus (diese Übung wurde nur am Anfang zum ersten
Kennenlernen des jeweiligen Rhythmus durchgeführt).
2. Rhythmus hören (zweimaliges Vorspielen) und so lange auf der Trommel wiederholen, bis
der Teilnehmer das Gefühl hat, ihn sich richtig gut eingeprägt zu haben.
3. Rhythmus hören und im Kopf (Imagination) wiederholen, bis der Teilnehmer das Gefühl
hat, ihn sich richtig gut eingeprägt zu haben.
Insgesamt wurde jeder Rhythmus dreimal mit den Aufgabenschritten 2 und 3 geübt (siehe
Ablaufplan der Lernphase). Vor den jeweiligen Übungsphasen (Wiederholen und Imaginieren) der
Experimentelles Setting
104
einzelnen Rhythmen wurden Abfragen (cued recalls) gestellt („Können Sie sich noch an den ersten
Rhythmus erinnern? Wie ging nochmal der Einzugsrhythmus?“). Diese Abfragen innerhalb der
Lernphase gingen nicht in die Bewertung der Aufgabe mit ein. Sie sollten das aktive Memorieren
der Rhythmen unterstützen und den Prozess des aktiven Abrufens des gelernten Materials initiieren.
Tabelle 9.1 Ablaufplan Rhythmen lernen
Zeitlicher
Verlauf
Inhalt I. II. III.
1 Rhythmus 1
Hören - Nachspielen
im Wechsel
Hören - Mehrmals
Nachspielen
(nach Bedarf)
Hören-
Imaginieren
2 Rhythmus 2
Hören - Nachspielen
im Wechsel
Hören - Mehrmals
Nachspielen
(nach Bedarf)
Hören-
Imaginieren
3
Abfrage Rhythmus 1 „Wie ging noch mal der erste Rhythmus?“
„Können Sie sich noch an den Einzugsrhythmus erinnern?“
4 Rhythmus 1
Hören - Mehrmals
Nachspielen
(nach Bedarf)
Hören -
Imaginieren
5
Abfrage Rhythmus 2 „Wie ging noch mal der zweite Rhythmus?“
„Können Sie sich noch an den Tanzrhythmus erinnern?“
6 Rhythmus 2
Hören - Mehrmals
Nachspielen
(nach Bedarf)
Hören-
Imaginieren
7
Abfrage Rhythmus 1 „Wie ging noch mal der erste Rhythmus?“
„Können Sie sich noch an den Einzugsrhythmus erinnern?“
8 Rhythmus 1
Hören - Mehrmals
Nachspielen
(nach Bedarf)
Hören-
Imaginieren
9
Abfrage Rhythmus 2 „Wie ging noch mal der zweite Rhythmus?“
„Können Sie sich noch an den Tanzrhythmus erinnern?“
10 Rhythmus 2
Hören - Mehrmals
Nachspielen
(nach Bedarf)
Hören-
Imaginieren
Diese Tabelle zeigt den strukturierten Ablauf der Lernphase mit zeitlicher Reihenfolge der einzelnen
Lerninhalte/ Lernblöcke (erste Spalte). Innerhalb der inhaltlichen Phasen (zweite Spalte) ist die zeitliche
Abfolge von links nach rechts (von I. bis III.) abzulesen. Die konkreten zeitlichen Ausdehnungen der
einzelnen Blöcke wiederum, werden von den Teilnehmern und ihrer Nutzung der Übungssituation/ Bedarf an
Übungszeit individuell gestaltet. Insgesamt dauerte die Lernphase durchschnittlich 30 Minuten.
Experimentelles Setting
105
Nach Abschluss der gesamten Lernphase wurden die beiden Rhythmen an zwei Zeitpunkten
abgefragt. Der erste Abruf erfolgte am Ende der ersten Sitzung. Nach Abschluss der Lernphase
wurde das Memorieren des Lernmaterials für ca. 15 Minuten unterbrochen. Der zweite Abruf
erfolgte nach genau einer Woche zu Beginn der zweiten Sitzung. Der Abstand von einer Woche
wurde bei allen in die Auswertung einbezogenen Teilnehmern eingehalten. Der Abruf der beiden
Abfragen erfolgte durch folgende Modalitäten:
Freier Abruf (free recall): „Können Sie sich noch an einen oder zwei der Rhythmen
erinnern, die Sie heute/ letzte Woche gelernt haben?“
Abruf mit Hinweisreiz (Name des Rhythmus und zeitliche Einordnung) (cued recall):
„Können Sie bitte den Einzugsrhythmus spielen? Den Rhythmus, den Sie zuerst gelernt
haben?“
Wiedererkennen: Bei der Wiedererkennungsleistung wurden dem Probanden vier Rhythmen
vorgespielt, die als „bekannt“ oder „unbekannt“ bewertet werden sollten. Es waren jeweils
zwei bekannt und zwei unbekannt.
Leitfragen
Wieviele Teilnehmer der Gruppe der gesunden Älteren/Patienten/jungen Gruppe können
beide Rhythmen nach einer Woche noch erinnern und spielen?
Wieviele Teilnehmer der Gruppe der gesunden Älteren/Patienten/jungen Kontrollgruppe
können sich nach einer Woche nicht mehr an beide Rhythmen erinnern?
Gibt es Unterschiede zwischen den Gruppen?
Gibt es Unterschiede zwischen den Rhythmen?
Hat die musikalische Vorerfahrung einen Einfluss auf die Gedächtnisleistung?
Hat die Progredienz der Alzheimerdemenz einen Einfluss auf die Gedächtnisleistung?
9.2.2 Rhythmen Nachspielen
Es wurden 10 Rhythmen aus einem gängigen Musikalitätstest (Jungbluth & Hafen, 1996)
verwendet (siehe dazu „Musikalisches Material“). Diese nahmen in ihrem Schwierigkeitsgrad von
Rhythmus 1 bis Rhythmus 10 zu. Jeder Rhythmus wurde dem Probanden insgesamt dreimal
vorgespielt. Nach jedem Vorspielen musste der Proband den Rhythmus auf der Trommel
nachspielen. Insgesamt erfolgte also ein dreimaliger Wechsel von Vorspielen und direktem
Experimentelles Setting
106
Nachspielen. Dem Probanden wurde es somit ermöglicht, durch direktes Feedback (nochmaliges
Hören) sein Spielen zu korrigieren oder anzupassen. Somit sind zur Auswertung drei eingespielte
Rhythmen verfügbar. Insgesamt kann man davon ausgehen, dass bei dreimaligem Spielen die
Annäherung an den Originalrhythmus immer besser gelingt. Jedoch ist wiederum die Anzahl von
drei Versuchen für einen Rhythmus so gering, dass Störfaktoren wie Ablenkung, Unaufmerksamkeit
oder motorische Fehler deutlich zum Tragen kommen können. Deshalb bietet es sich an, von allen
drei eingespielten Rhythmen nicht etwa einen Mittelwert zu bilden, sondern nur den Besten der drei
eingespielten Rhythmen in die Auswertung mit einzubeziehen. Dies schließt einerseits situative
Fehlleistungen aus (wenn sie nur einen oder zwei der Rhythmen betreffen), andererseits
berücksichtigt dies aber auch Lernleistungen im Verlauf des dreimaligen Spielens.
Leifragen
Wie exakt können die drei Gruppen die einzelnen Rhythmen (von 1 bis 10) nachspielen?
Gibt es Unterschiede zwischen den Gruppen?
Wo befinden sich innerhalb des ansteigenden Schwierigkeitsgrades die Leistungsgrenzen
der drei Gruppen?
Wie groß ist der Anteil derjenigen Teilnehmer, die die einzelnen Rhythmen nicht
nachspielen können?
Gibt es Unterschiede zwischen den Gruppen?
Wie wirkt sich musikalische Vorerfahrung auf die Nachspielleistungen aus?
9.2.3 Rhythmen unterscheiden
Es wurden 9 Rhythmuspaare aus dem Musikalitätstest von Seashore (1960, deutsche Ausgabe hg.
Von Fischer & Butch, 1966) verwendet. Der Proband hörte den ersten Rhythmus eines
Rhythmuspaares zweimal. Dann hörte er den zweiten Rhythmus und musste beurteilen, ob es
derselbe Rhythmus ist, wie der erste, oder ein unterschiedlicher. Die Frage an den Teilnehmer
verwendete die Termini „gleich“ oder „ungleich“. Das zweimalige Vorspielen des ersten Rhythmus
sollte eine stärkere Festigung der Repräsentation des ersten Rhythmus ermöglichen. Der zweite
Rhythmus wurde nur einmal vorgespielt, um einerseits nicht die Repräsentation des ersten
Rhythmus zu sehr zu verwischen, und andererseits, um eine spontane Antwort zu ermöglichen. Es
wird davon ausgegangen, dass der Vergleich mit der Repräsentation des ersten Rhythmus nach
einmaligem Hören des zweiten Rhythmus unmittelbar geschieht.
Experimentelles Setting
107
Leitfragen
Wie viele Rhythmuspaare können die jeweiligen Gruppen richtig beurteilen?
Gibt es Unterschiede zwischen den Gruppen?
9.3 Material
9.3.1 Musikalisches Material
Es wurde in dieser Studie ausschließlich mit kurzen musikalischen Rhythmen gearbeitet. Ziel war
es, Musik von ihrer Vielschichtigkeit (Emotionalität, Erinnerung, Präferenz, Expertise) zu befreien
und an der Basis von Musik anzusetzen. Hierbei orientierte sich das Studienparadigma an der von
Krampe et al. (2001) beschriebenen naturwissenschaftlichen Forschungsperspektive, die Musik in
einzelne zu untersuchende Elemente differenziert.
Im Laufe der bisherigen Erörterungen wurde Rhythmus als besonderes Untersuchungsfeld in Bezug
auf Alter und/oder Alzheimerdemenz vorgestellt. Die Wahrnehmung von Rhythmus, von zeitlicher
Strukturiertheit, ist eine der grundlegendsten Fähigkeiten des Menschen.
Rhythmus eignet sich besonders zur Untersuchung von Laiengruppen, da Rhythmus durch tägliche
Anwendung in außermusikalischen Bereich präsent ist und keiner grundlegenden musikalischen
Ausbildung bedarf. Die Erzeugung eines einfachen, kurzen Rhythmus kann sofort und ohne
Hilfsmittel (Instrument oder Stimme) am Körper oder mit dem Körper ausgeführt werden. Da aber
andererseits die Arbeit mit reinen unmelodiösen musikalischen Rhythmen recht ungewöhnlich und
wiederum nicht alltäglich ist, kann bei den meisten Teilnehmern (Laien unterschiedlichen Alters)
mit derselben Ausgangsbasis gerechnet werden. Auch der geringe motorische oder physiologische
Aufwand (im Vergleich zu einem Instrument oder der Stimme) spricht hier die Arbeit mit
Rhythmen. Das Erlebnis von Rhythmus wiederum involviert Bewegung, Regelmäßigkeit,
Gruppierung, Akzentuierung und Auseinanderhaltung (Handel, 1998). Dies dürften grundlegende
psychologische Parameter im Umgang mit der Umwelt sein.
Die in der vorgelegten Studie verwendeten Rhythmen wurden aus gängigen Musikalitätstests
entnommen. Diese Rhythmen sind erprobt und von Experten konzipiert. Eigene Vorarbeiten
zeigten, dass selbst erstellte Rhythmen nur schwer einem „objektiven“ Schwierigkeitsgrad
zugeordnet werden können. Da außerdem keine etablierten Materialien explizit für die ältere
Zielgruppe zur Verfügung standen, wurde auf bestehende Rhythmen zurückgegriffen.
Experimentelles Setting
108
9.3.2 Material Lern- und Gedächtnisaufgabe
Während für die beiden anderen Aufgaben Rhythmen aus gängigen Musikalitätstests verwendet
wurden, wurden die beiden Rhythmen für die Lern- und Gedächtnisaufgabe selbst erstellt. Beide
Rhythmen sollten sehr eingängig und kurz sein, in ihrer Kürze aber schlüssig und „musikalisch“
sein. Das heißt, in ihnen sollte sich ein Mindestmaß an musikalischer Phrase wiederfinden, wie sie
z.B. in gängigen musikalischen Werken verwendet würde. Beide Rhythmen sollten sich hinsichtlich
ihrer Komplexität leicht voneinander abstufen. Der zweite Rhythmus beinhaltet insgesamt mehr
Zeitelemente sowie auch eine höhere Anzahl verschiedener Zeitelemente, als der erste Rhythmus.
Demnach ist der zweite Rhythmus objektiv gesehen komplexer als der erste Rhythmus. Beide
Rhythmen nehmen aber jeweils eine Zeitdauer von sechs Sekunden ein.
Die Rhythmen wurden im Laufe der Lernsitzung einerseits mithilfe ihrer Reihenfolge der
Einführung („Erster Rhythmus“, „Rhythmus den wir zuerst gelernt haben“), sowie mithilfe seiner
Kontexteinbettung (z.B. „Einzugsrhythmus“; siehe hierzu die Aufgabenbeschreibung) benannt. Es
muss darauf hingewiesen werden, dass beide Rhythmen in ihrer Form unabhängig von der
Kontextbeschreibung entwickelt wurden. Es sollten nicht explizit Rhythmen entwickelt werden, die
dem Begriff „Einzug“ oder „Tanzen“ besonders gut gerecht werden würden.
Tabelle 9.2 Rhythmen der Lernaufgabe
Noten
1. Rhythmus („Einzugsrhythmus“)
2. Rhythmus („Tanzrhythmus“)
9.3.3 Material Rhythmen nachspielen
Die eingesetzten Rhythmen dieser Aufgabe wurden aus dem Musik-Screening für Kinder Teil II
(8 – 11 Jahre) von Jungbluth & Hafen (1997), aus der Aufgabe „Rhythmen nachspielen“
entnommen. Die dem Musik-Screening entnommenen Noten, wurden in das
Experimentelles Setting
109
Musikverarbeitungsprogramm Cubase (der Firma Steinberg) eingegeben und im Midi-Format
gespeichert. Für die akustische Ausgabe innerhalb der Studie wurde der Percussionklang „Conga“
gewählt. Für die folgende Notendarstellung wurden die Midi-Daten der eingesetzten Rhythmen
wiederum in das Notenprogramm Octava eingelesen.
Die Rhythmen verfolgen vom ersten bis zum zehnten Rhythmus einen progressiven Anstieg des
Schwierigkeitsgrades. Alle Rhythmen werden im Tempo 80 bpm präsentiert. Nach Fraisse (1982, S.
155, zit. nach Auhagen, 2008, S. 442) „ist das Mitklopfen zu einer Folge von äquidistanten
Ereignissen im Bereich von 75 bis 150 bpm am präzisesten“ (Auhagen, 2008, S.443).
Tabelle 9.3 Rhythmen der Aufgabe „Rhythmen nachspielen“ in der dargebotenen Reihenfolge
(aus Musik-Screening für Kinder, Jungbluth & Hafen 1996)
Rhythmus 1-10 Noten Tempo: 80 bpm
1.
2.
3.
4.
5.
6.
Experimentelles Setting
110
7.
8.
9.
10.
9.3.4 Material Rhythmen unterscheiden
Für die Aufgabe, Rhythmen hörend voneinander zu unterscheiden, wurden Rhythmen aus Seashores
Musikalitätstest verwendet (Seashore, 1960, deutsche Ausgabe hg. Von Fischer & Butch, 1966). Die
Rhythmen werden im Tempo 80 bpm präsentiert (siehe oben).
Tabelle 9.4 Rhythmuspaare der Aufgaben „Rhythmen unterscheiden“
(aus Seashores Musikalitätstest (1960))
a. b. Ergebnis
1.
Gleich
2.
Ungleich
Experimentelles Setting
111
3.
Gleich
4.
Gleich
5.
Ungleich
6.
Gleich
7.
Gleich
8.
Ungleich
9.
Ungleich
9.3.5 Erfassung der Musikbiografie
Bei allen Teilnehmern wurde ein Fragebogen zur Erhebung der musikalischen Vorerfahrung
eingesetzt. Durchschnittlich dauerte die Befragung ca. 15 Minuten.
Die Musikbiografie älterer Menschen ist keine völlig isolierte Einheit der Gesamtbiografie. Aus
psychologischer Perspektive ist der Begriff „Musikbiografie“ noch nicht näher definiert und
erforscht. Als einen ersten Schritt in diese Richtung kann man die Integration des Musikalischen in
eine Theorie des allgemeinen Selbstkonzeptes bezeichnen (zum „musikalischen Selbstkonzept“
siehe Spychiger, 2009) Im Folgenden wird der Begriff „Musikbiografie“ demnach nicht weiter
spezifiziert verwendet. Es ist die kumulierte Erfahrung mit Musik gemeint, die vor allem durch die
Experimentelles Setting
112
Frage nach Instrumentalspiel und Chorsingen fassbar wird. Es werden nicht alle Fragen des
Erhebungsbogens vorgestellt. Hier sind vor allem jene Items von Interesse, die in einem möglichen
Zusammenhang zu den erbrachten Leistungen der zu bewältigenden Aufgaben stehen. Dies sind die
Fragen nach eigener musikalischer Aktivität und erlebter Musikalität im Elternhaus.
9.3.6 Neuropsychologische Testbatterie für die Gruppe der
„gesunden“ Älteren
Während schwere Demenzen auch für den Laien auffällig sind, sind gerade die frühe
Alzheimerdemenz und vor allem die leichte kognitive Beeinträchtigung vom normalen
Alterungsprozess nur schwer zu differenzieren. Im Gespräch mit den älteren interessierten
Teilnehmern stellte sich noch dazu heraus, dass sich gerade diejenigen besonders für die Teilnahme
an der Studie interessierten, die bei sich selbst subjektiv Leistungseinbußen oder kognitive
Veränderungen festgestellt haben. Somit ist die subtile Abklärung des kognitiven
Gesundheitszustandes von substanzieller Bedeutung. Nur so kann eine klare Trennung der Gruppe
der gesunden Älteren von der Gruppe der Patienten möglich sein.
Auch in der klinischen Praxis ist die Frühdiagnostik für die weitere Therapieintervention von
wesentlicher Bedeutung. Seit den späten 80er Jahren hat sich in Deutschland die Anwendung der
neuropsychologischen Testbatterie CERAD-NP etabliert (Barth, et al., 2005). Dieses „sollte als ein
standardisiertes Instrument zur Erfassung von klinischen, neuropathologischen und
neuropsychologischen Symptomen einer Alzheimer-Demenz eine Vereinheitlichung in der
Demenzdiagnostik bringen und wurde ursprünglich zur Erfassung derjenigen kognitiven Parameter
entwickelt, die auch schon in frühen Stadien der AD betroffen sind“ (Barth, et al., 2005, S.2).
Barth et al. (2005) konnten zeigen, dass die CERAD-Testbatterie nicht nur sensitiv genug ist, um
leichte Alzheimerdemenz vom gesunden Alter zu unterscheiden, sondern auch um zwischen leichter
Alzheimerdemenz und leichter kognitiver Beeinträchtigung (LKB) zu unterscheiden. Die
Unterscheidung zwischen LKB und altersgemäßer kognitiver Leistungsfähigkeit ist vor allem über
die Testung der verbalen Flüssigkeit und des Episodischen Gedächtnisses (Wortliste Gedächtnis,
Wortliste Abrufen, Konstruktive Praxis Abrufen) möglich.
Mit dieser Testbatterie wurden alle 49 Teilnehmer neuropsychologisch auf das Vorliegen einer
Demenz oder einer leichten kognitiven Beeinträchtigung getestet. Diese Testung fand am Ende der
zweiten Sitzung statt und dauerte ca. eine halbe Stunde. Bei sieben der 49 Teilnehmern zeigten sich
für die Alters- und Bildungsnormgruppe leicht unterdurchschnittliche Werte (>1SD). Es wurden nur
Teilnehmer in die Studie eingeschlossen, deren Testergebnisse in der Altersnorm liegen.
Experimentelles Setting
113
Die CERAD-NP-Batterie beinhaltet acht Untertests:
1. verbale Flüssigkeit (Kategorie Tiere)
2. modifizierter Boston Naming Test
3. Mini Mental State Examination
4. Wortliste Gedächtnis unmittelbar (3 Lerndurchgänge)
5. konstruktive Praxis
6. Wortliste Abrufen
7. Wortliste Wiedererkennen
8. konstruktive Praxis abrufen
Bis auf den Boston Naming Test wurden alle Untertests durchgeführt. Außerdem wurde noch der
Trail Making Test A und B, der Uhrentest sowie die GDS (Global Depression Scale) zum
Ausschluss depressiver Symptomatik eingesetzt. Im Folgenden werden die Untertests inhaltlich
kurz vorgestellt.
1. Bei der Testung der „verbalen Flüssigkeit“ wird die Kategorie Tiere vorgegeben. Der
Teilnehmer muss innerhalb von 90 Sekunden so viele Begriffe dieser Kategorie aufzählen
wie möglich. Dieser Test erfasst die verbale Produktionsfähigkeit, das semantische
Gedächtnis und kognitive Flexibilität (Barth, et al., 2005).
2. Der Mini Mental State wird sehr häufig innerhalb der Literatur (auch im
musiktherapeutischen Kontext) genannt. Innerhalb des MMSE werden Aufgaben zu
unterschiedlichen Fähigkeitsbereichen subsummiert. Er testet Orientierung (Fragen zur
Raum und Zeit), Konzentrationsfähigkeit, Merkfähigkeit, Sprache, Ideatorische und
Konstruktive Praxis (Ausführen eines dreiteiligen Befehls, Nachzeichnen abstrakter
Formen, Merken von drei Begriffen, Benennen von Gegenständen) (ebd.).
3. Die Wortliste prüft die unmittelbare Merkfähigkeit. Dem Teilnehmer wird eine Liste an
Wörtern vorgelesen und auf Karten gezeigt. Danach wird der Teilnehmer um direktes
Abrufen der Wörter gebeten. Dieser Durchgang wiederholt sich dreimal in unterschiedlichen
Wortreihenfolgen.
4. Die konstruktive Praxis testet visuokonstruktive Fähigkeiten, durch Nachzeichnen
verschiedener räumlicher Figuren (Reicht von der Raute bis zum dreidimensionalen
Würfel).
5. Die verzögerte verbale Merkfähigkeit wird durch das erneute Abrufen der Wortliste durch
freie Reproduktion getestet.
6. Danach wird die Wortliste durch Wiedererkennen abgefragt. Es wird eine Wortliste
vorgelesen, die sowohl die richtigen Wörter der bekannten Wortliste enthält, als auch
„fremde“ Wörter. Es zählen die als richtig bewerteten Treffer als auch die korrekt
Experimentelles Setting
114
zurückgewiesenen „falschen“ Wörter. Somit können Abruf- und Speicherdefizite erhoben
werden (Barth, et al., 2005).
7. Beim verzögerten Abrufen der konstruktiven Praxis sollen die Teilnehmer die vorher
gezeichneten Elemente aus dem Gedächtnis aufmalen. Es wird die verzögerte figurale
Merkfähigkeit durch die freie Reproduktion getestet (ebd.).
Zusätzlich zu der CERAD-Batterie wurde der Trail Making Test A und B durchgeführt. Bei Teil
A müssen die Teilnehmer auf dem Blatt verteilte Zahlen so schnell wie möglich miteinander
verbinden. Es wird die Anzahl der Fehler/ Korrekturen als auch die benötigte Zeit erfasst. Teil B
erfordert das Verbinden von Zahl-Buchstaben-Kombinationen (A-1-B-2-C-3 usw.). Auch hier
wird die Anzahl der Fehler sowie die benötigte Zeit erfasst. Der Trail-Making-Test wurde
zusätzlich eingesetzt um die Exekutivfunktionen und die
Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit zu erfassen.
Der ebenfalls eingesetzte Uhrentest fordert den Teilnehmer auf, in einen Kreis das Ziffernblatt
einer Uhr zu malen, dessen Zeiger auf zehn nach elf stehen. Der Uhrentest wird besonders zur
Bestimmung des Schweregrades einer Demenz eingesetzt.
9.4 Ablauf der Studie
Es wurden drei Teilnehmergruppen im Umgang mit kurzen musikalischen Rhythmen untersucht:
Gesunde Ältere, Patienten mit Alzheimerdemenz und junge Erwachsene. Die drei Gruppen nahmen
an zwei Sitzungen im Abstand von einer Woche teil. Die beiden älteren Gruppen (Gesunde Ältere
und Patienten mit Alzheimerdemenz) erschienen in der Uniklinik Heidelberg zur Durchführung der
Studie, die jungen Teilnehmer wurden in Räumen der Universität Karlsruhe getestet.
Jede Sitzung dauerte ca. eine Stunde. Die Gruppe der gesunden Älteren unterzog sich am Ende der
zweiten Sitzung nach Abschluss der Studie einer halbstündigen neuropsychologischen Testung,
sodass die zweite Sitzung für die jungen Teilnehmer und die Patienten kürzer ausfiel.
Die erste Sitzung umfasste eine Lern- und Gedächtnisaufgabe, eine Musikbiografieerhebung sowie
die erste Abfrage der gelernten Rhythmen. Die Erhebung der Musikbiografie hatte zudem die
Funktion, den zuvor initiierten Lernprozess zu unterbrechen. Der ersten Abfrage am Ende der ersten
Sitzung folgt die zweite Abfrage nach einer Woche zu Beginn der zweiten Sitzung. Außerdem
erwarteten die Teilnehmer in der zweiten Sitzung noch zwei weitere Aufgaben. Rhythmen so genau
wie möglich nachzuspielen und Rhythmen hörend voneinander zu unterscheiden.
Die Drop-Out-Rate hielt sich insgesamt relativ gering (n=3, aus den insgesamt 46 gesunden
Experimentelles Setting
115
Älteren/ keiner der jungen Teilnehmer/ ein Patient wurde von der Studie ausgeschlossen, da er mit
den Aufgaben aufgrund seines kognitiven Zustandes überfordert war).
Abbildung 9.5 Ablaufplan der zwei Sitzungen
Die zeitliche Ausdehnung der einzelnen Phasen ist abhängig von der Inanspruchnahme der Übungszeit. Die
beiden Sitzungen fanden im Abstand von genau einer Woche statt.
Abbildung 9.6 Studieninstrument Handsonic HPD-10 der Firma Roland
Bild wurde folgender Internetseite entnommen: http://www.roland.com/products/en/HPD-10/
Lernaufgabe
(2 Rhythmen)
1. Abfrage
der Rhythmen
Erhebung der
Musikbiografie
Rhythmen
nachspielen
2. Abfrage
der Rhythmen
Rhythmen
unterscheiden
Neuro-
psychologische
Testung
1. Sitzung 2. Sitzung
6
5
4
3
1
Minuten
10
20
30
40
50
60
Experimentelles Setting
116
Als Studieninstrument wurde eine Midi-fähige Handtrommel verwendet. Auf diesem flach auf dem
Tisch liegenden „Drumpad“ spielen die Probanden die Rhythmen ein. Die Handtrommel ist am
Notebook angeschlossen, sodass über das Programm „Cubase“ (der Firma Steinberg) alle gespielten
Rhythmen der Probanden aufgezeichnet werden können.
Im Anschluss an jede Aufgabe wurde der Teilnehmer um eine Einschätzung der Schwierigkeit der
gerade geleisteten Aufgabe gebeten, sowie nach seiner Konzentrationsfähigkeit gefragt. Auch wurde
nachgefragt, wie er sich an der Trommel gefühlt hat, ob es ihm fremd/gar nicht fremd oder
unangenehm/angenehm war. Fragen zur Konzentration und zum Umgang mit der Trommel sollten
mögliche beeinflussende Störfaktoren ausschließen. Probanden, die auf eine mangelnde
Konzentrationsfähigkeit hingewiesen hätten, wären von der Studienteilnahme ausgeschlossen
worden. Auf der Skala von „gut“, „eher gut“, „eher schlecht“ „schlecht“ beurteilte kein Proband
seine Konzentrationsfähigkeit als „eher schlecht“ oder „schlecht“. Negative Bewertungen
hinsichtlich des Umgangs mit der Trommel hätten zur kritischen Diskussion des Studienequipments
beigetragen. Insgesamt wurde die Midi-fähige Handtrommel jedoch von den Teilnehmern gut
angenommen. Diese Fragen zur Klärung der Hintergrundbedingungen wurden vor allem zur
Bestätigung/Korrektur des eigenen subjektiven Eindrucks herangezogen.
9.4.1 Pretest
Die hier vorgestellte Studie ist das Resultat eines im Vorfeld durch Testläufe modifizierten und
angepassten Studienvorhabens. Aus der bisherigen Forschungsliteratur konnten bei der Planung der
Untersuchung keine gängigen, erprobten Methoden zur Durchführung einer systematischen Studie
zu musikalischen Fähigkeiten von Alzheimerpatienten generiert werden. Aufgrund der bisher nur in
sehr geringer Anzahl vorliegenden dokumentierten Erfahrungen, war das Testen und Erproben des
vorläufig konzipierten Studiendesigns im Vorfeld dringend notwendig. Erst durch das Testen von
Studienmaterial (die verwendeten Rhythmen) und Studienablauf (Sitzungen, Aufgaben,
Instruktionen) konnte das hier vorgestellte Studienparadigma seine endgültige Fassung erhalten.
Insgesamt standen vier Alzheimerpatienten und zwei gesunde Ältere für die Testläufe zur
Verfügung. Die Veränderungen des vorläufigen Studiendesigns durch die in den Testläufen
gemachten Erfahrungen betrafen im Wesentlichen folgende Punkte:
1. Reduzierung der Anzahl der Sitzungen:
zu hohe Drop-Out-Rate
Nichteinhaltung der Mindestabstände zwischen den Sitzungen
Reduzierung von getesteten vier Sitzungen auf zwei Sitzungen
Experimentelles Setting
117
2. Reduzierung des Studienmaterials:
Überforderung
Überlagerung der Aufgaben (Leistungseinbußen)
Reduzierung der Rhythmen pro Aufgabe
3. Veränderung der Instruktionen
Abweichungen / individuelle Unterschiede
Konzentrationseinbußen durch Ablenkung
Einsatz vorher aufgezeichneter Instruktionen
4. Sicherung der Datenspeicherung
Fehler bei der Zuordnung eingespielter Rhythmen
Einsatz eines digitalen Aufnahmegeräts zur Aufzeichnung der Sitzungen
Somit wurde das Studiendesign von der ursprünglichen Planung, bis zur endgültigen Durchführung,
durch die Pretests vor allem hinsichtlich Machbarkeit und Realisierung im Umfang reduziert. Die
Machbarkeit der Aufgaben (Rhythmen lernen, nachspielen und hörend voneinander unterscheiden)
konnte in den Testläufen bestätigt werden. Änderungen betrafen somit einerseits eine Reduzierung
des Umfangs der Aufgaben, andererseits den Einsatz unterstützender Hilfsmittel zur besseren
Dokumentation und Durchführung der Aufgaben. Gerade im Umgang mit Alzheimerpatienten
erwies sich die Durchführung von Testläufen zur Erprobung des Studienmaterials als hilfreich.
9.5 Analyse des Datenmaterials
9.5.1 Grundlagen
Innerhalb des Settings mit der Midi-fähigen Handtrommel als Studieninstrument wurden Daten im
Standard-Midi-Format gewonnen. Diese wurden durch das Musikbearbeitungsprogramm Cubase
(der Firma Steinberg) bearbeitungsfähig aufbereitet. Jedes vom Teilnehmer geleistete Input kann
durch dieses Programm anhand einzelner Interonset-Intervalle dargestellt werden. Diese Interonset-
Intervalle werden in Millisekunden angegeben.
Experimentelles Setting
118
Abbildung 9.7 Relation zwischen Notation und den zeitlichen Rohdaten eines Rhythmus
Die obige Abbildung verdeutlicht mit Hilfe eines Beispielrhythmus den Zusammenhang zwischen
(notiertem) Rhythmus und ermittelten Zeitwerten der einzelnen Schläge. Dadurch dass sich die Zeitwerte auf
den Zwischenraum zwischen zwei Onsets (hier als senkrechter Strich auf der Zeitskala) beziehen, wird für
den letzten Schlag kein eigener Zeitwert angegeben. Die Lage des letzten Schlages ergibt sich aus dem
vorherigen Zeitwert. Da ein Perkussionsinstrument nur Schlagzeitpunkte, nicht Schlagdauern produzieren
kann, wird die Darstellung in Längen der Interonset-Intervalle (IOI, in dem Bild untere Zeile) der
Perkussionstechnik gerecht.
Aufgrund möglichst großer Objektivität und möglichst neutraler Darstellung der Leistungen, soll
auf eine subjektive Bewerterrolle verzichtet werden. Es wird in dieser Studie auf eine
ausschließliche Interpretation der Ergebnisse durch die subjektiven Kategorien „richtig“ und
„falsch“ verzichtet. Die Bewertung durch diese beiden Kategorien basiert auf zugrunde liegenden
Wertmaßstäben der Ähnlichkeit mit dem Originalrhythmus. Wesentliche Aufgabe bei der
Bewertung eingespielter Rhythmen ist der Vergleich des eingespielten Rhythmus mit einem
vorgegebenen Originalrhythmus. Es muss also ein Maßstab der Ähnlichkeit zum Originalrhythmus
herangezogen werden. Auch ein Bewerter orientiert sich bei der Einordnung eines Rhythmus in die
Kategorien „richtig“ oder „falsch“, an einer subjektiven Skala der Ähnlichkeit mit dem Original.
Diese subjektive Skala verfügt über eine oder mehrere Grenzen, nach dessen Überschreitung ein
Rhythmus nicht mehr als „richtig“ beurteilt wird. Diese subjektiven Maßstäbe sind jedoch nicht
einsehbar und transparent. Um diese subjektive Bewerterrolle zu umgehen, wird auf die
ausschließliche Kategorisierung in „richtig“ oder „falsch“ verzichtet. Die wesentliche Aussage über
Experimentelles Setting
119
die Genauigkeit eines eingespielten Rhythmus erfolgt lediglich durch das Maß der prozentualen
zeitlichen Abweichung vom Original.
Das wesentliche Merkmal zur Bewertung eines eingespielten Rhythmus ist somit die Anordnung
seiner Onsets auf der Zeitskala, und somit das Verhältnis der Interonset-Intervalle zueinander. Die
Längen der Interonset-Intervalle eines eingespielten Rhythmus werden mit den Längen des
Originalrhythmus verglichen.
9.5.2 Auswertung
Bei der Auswertung der eingespielten Rhythmen ist das Verhältnis der einzelnen Onsets zueinander
wesentlich, nicht der absolute Zeitwert der Interonset-Intervalle. Nach Ehrenfels geht es um die
„Gestalt“ des Rhythmus, nicht um die Summe der einzelnen Teile des Ganzen. Das Tempo des vom
Teilnehmer eingespielten Rhythmus geht nicht mit in die Auswertung ein. Zur Auswertung wird der
eingespielte Rhythmus auf die zeitliche Länge des Originalrhythmus normiert.
Die Gestaltqualität eines musikalischen Rhythmus bleibt erhalten, wenn die Relationen der
Zeitdauern untereinander erhalten bleiben (genauso wie die Gestaltqualität einer Melodie erhalten
bleibt, wenn sie transponiert wird). Wesentlicher Bewertungsmaßstab ist demnach die Fähigkeit,
das Konstrukt des Rhythmus, das heißt den Rhythmus mit seinen zeitlichen Relationen zu erfassen.
Die prozentuale Abweichung eines eingespielten Rhythmus zum Original wird in einem
mehrstufigen Prozess errechnet. Von den eingespielten Rhythmen erhält man durch die
Aufbereitung der Midi-Daten sowohl die Gesamtlänge des Rhythmus, als auch die Interonset-
Intervalle (in Milliesekunden). Somit können die prozentualen Anteile der einzelnen Schläge am
Gesamtrhythmus errechnet werden. Die prozentualen Dauern der Interonset-Intervalle des
eingespielten Rhythmus werden mit denjenigen des Originalrhythmus verglichen. Das setzt voraus,
dass nur diejenigen Rhythmen in die Bewertung eingehen können, die genau dieselbe Anzahl an
Schlägen aufweisen wie der Originalrhythmus. Nur so kann man davon ausgehen, dass der
analysierte Schlag sich auf denjenigen Schlag des Originalrhythmus bezieht, der dieselbe Stellung
im ganzen Rhythmus hat, wie der untersuchte. Eingespielte Rhythmen mit insgesamt mehr oder
weniger Schlägen als der Originalrhythmus wurden von der Analyse ausgeschlossen und werden als
„nicht auswertbar“ (n.a.) bezeichnet.
Vergleicht man dann die prozentualen Werte der Interonset-Intervalle des vom Probanden
eingespielten Rhythmus mit dem Original, entsteht eine Differenz in Prozentpunkten pro jeweiligen
Schlag des Rhythmus. Diese Abweichung in Prozentpunkten wird für den Gesamtrhythmus
summiert und ergibt einen Gesamtdifferenzwert. Dieser Gesamtwert der prozentualen Abweichung
Experimentelles Setting
120
ist der ausschlaggebende Wert der Analysen. Fälle, in denen es beim Spielen eines Rhythmus durch
den Teilnehmer zu einer Verbesserung/Veränderung des gespielten Rhythmus ohne deutliche
Unterbrechung oder Neuanfang kam, wurden gesondert markiert und für die Auswertung präpariert.
Folgendes Bild gibt Einblick in die Schritte der Auswertung.
Tabelle 9.8 Ausschnitt aus der Datenbearbeitung der Aufgabe „Rhythmen nachspielen“.
Original-
rhythmus
1. Versuch
Teilnehmer
Rhythmus 1 Längen
(ms) Anteil in
Prozent Längen
(ms) Anteil in
Prozent Differenz
zum Orig. Absolute
Differenz
1. Schlag 744 33,27 823 37,07 -3,8 3,8
2. Schlag 373 16,68 385 17,34 -0,66 0,66
3. Schlag 372 16,64 386 17,39 -0,75 0,75
4. Schlag 747 33,41 626 28,2 5,21 5,21
5. Schlag
Summe Summe 5,21 (%)
2236 2220 116,49 (ms)
Bei dieser Tabelle handelt es sich um einen Ausschnitt aus der Datenbearbeitung. Neben den Zeitwerten des
Originalrhythmus (ganz links) ist hier einer der drei Versuche eines Teilnehmers, den Rhythmus
nachzuspielen, notiert. Neben den exakten Längen zwischen den Schlägen in Millisekunden, ist auch der
Anteil der Schlagdauer am Gesamtrhythmus angegeben. Als Ergebniswert kann von jedem eingespielten
Rhythmus die prozentuale Abweichung vom Original in Prozentpunkten (%) und Millisekunden (ms)
errechnet werden.
Die obige Tabelle zeigt die Aufbereitung der Daten für einen einzelnen, vom Teilnehmer
nachgespielten Rhythmus im Verhältnis zum Originalrhythmus. Die Spalte ganz links zeigt die
Zeitwerte des vorgegebenen ersten Rhythmus (1. bis 5. Schlag). Die Länge der einzelnen Schläge
des Originalrhythmus werden in Millisekunden (unter Länge) und in Prozent vom Gesamtrhythmus
angegeben. Die Gesamtlänge des Rhythmus in Millisekunden wird unter „Summe“ angegeben (hier
2236 Millisekunden). Beim ersten Rhythmus nimmt z.B. der erste und vierte Schlag jeweils
gerundete 33%, der zweite und dritte Schlag jeweils gerundete 17% des Gesamtrhythmus ein. Der
letzte Schlag eines jeden Rhythmus kann nur durch das „Ende“ des vorhergehenden Rhythmus
angegeben werden, da er durch keinen nachfolgenden Schlag begrenzt wird.
Die drei darauffolgenden Spalten (rechts) zeigen die drei Versuche des Teilnehmers, den Rhythmus
nachzuspielen. Die jeweils erste Spalte zeigt die Längen der einzelnen Schläge in Millisekunden.
Die zweite Spalte wandelt die Rohdaten der Zeitwerte in prozentuale Anteile am Gesamtrhythmus
um. Dazu ist die Gesamtlänge des eingespielten Rhythmus (unter „Summe“) zu berücksichtigen.
Die Differenz („Diff.“) ermittelt die Differenz der prozentualen Anteile der Schläge des
eingespielten Rhythmus zu den prozentualen Anteilen der Schläge des Originalrhythmus. Diese
Experimentelles Setting
121
Differenzen zeigen sich entweder durch Verlängerung der Schlagzwischenräume (positiver
Differenzwert), bzw. durch eine Verkürzung (negativer Differenzwert). Die absolute Differenz
(„Abs.“) zeigt die Differenz unabhängig von der Art der Differenz (Verkürzung oder Verlängerung).
Der Ergebniswert ist die Summe der absoluten Differenz der einzelnen Abweichungen (geteilt
durch 2). Darunter wird die reale Abweichung in Millisekunden angegeben. Diese gibt hier z.B.
beim ersten Versuch 5,21 Prozentpunkte Abweichung vom Originalrhythmus (gerundete 116
Millisekunden) an.
Abbildung 9.9 Abweichung eines eingespielten Rhythmus vom Originalrhythmus
Die obige Grafik verdeutlicht das Auswertungsverfahren der Rohdaten nochmals im Detail. In der oberen
Zeile ist als Beispiel ein Originalrhythmus in seiner zeitlichen Abfolge skizziert. In der darunterliegenden
Zeile befindet sich eine schematische Darstellung eines vom Probanden eingespielten Rhythmus. Der
Abstand zwischen erstem und zweitem Schlag wird vom Probanden im Vergleich zum Original vergrößert,
während die folgenden Schläge, in Relation zum Originalrhythmus unverändert bleiben. In Relation aber zu
dem verlängerten ersten Schlag wird der nachfolgende Teil des Rhythmus zu kurz. Um aus der Summe
beider Abweichungen (2 x 20%) nur die eigentlich fehlerhafte Abweichung (1. Schlag) zu erhalten, muss die
absolute Differenz des eingespielten Rhythmus durch zwei geteilt werden.
Die genaue Berechnung der Abweichung eines eingespielten Rhythmus vom Originalrhythmus wird
in obiger Grafik detaillierter dargestellt.
50% des Gesamtrhythmus 50% des Gesamtrhythmus
70% des Gesamtrhythmus
(= Diff. zum Orig. von +20 Prozentpunkten) 30% des Gesamtrhythmus
(= Diff. Zum Orig. von -20 Prozentpunkten)
Originalrhythmus
Vom Probanden eingespielter Rhythmus
t
t
= absolut 40% Abweichung/ geteilt durch 2 ergibt die 20% Abweichung, die durch den
eigentlich fehlerhaften ersten Teil des Rhythmus hervorgerufen wurde
Experimentelles Setting
122
Beim Originalrhythmus nimmt der erste Schlag 50% der Gesamtdauer des Rhythmus ein. Vom
Probanden wurde der zweite Schlag im Verhältnis zu den folgenden Schlägen verzögert gespielt.
Hier nimmt der erste Schlag 70% der Gesamtdauer des Rhythmus ein. Dadurch, dass sich der erste
Schlag prozentual im Verhältnis zum Gesamtrhythmus verlängert, nehmen die anderen Schläge
prozentual weniger Zeit des Gesamtrhythmus ein. Der Fehler des Probanden ist also nicht nur durch
eine Verzögerung des zweiten Schlages zu definieren, sondern auch durch ein Nichtanpassen des
folgenden Teils des Rhythmus an diese Verzögerung. Stellen wir uns vor, der Proband hätte den
zweiten Schlag zwar verzögert, aber die darauffolgenden Schläge ebenso im Verhältnis verlängert,
dann hätte der Rhythmus sein Gesamtkonstrukt beibehalten und die prozentualen Anteile der
Schläge hätten sich ähnlich dem Original verteilt. Es rhythmischer Fehler ist hier demnach immer
ein auftretendes Ungleichgewicht der Zeitdauern einzelner Schläge. Die Abweichung eines
einzelnen Schlages kommt relativ gesehen durch eine einzelne Verlängerung oder Verkürzung
seiner Zeitdauer bei gleichzeitiger Nichtanpassung der anderen Schläge zustande. Zeitwerte können
im Gesamtkonstrukt des Rhythmus nur als Verhältniswerte betrachtet werden. Nimmt z.B. ein
fehlerhafter Schlag zusätzliche prozentuale Anteile des Gesamtrhythmus ein, dann nimmt
notgedrungen der restliche Anteil des Rhythmus weniger prozentualen Anteil des Gesamtrhythmus
ein. Somit ist jede Abweichung (z.B. von 15% zusätzlichem Anteil) mit einer zweiten Abweichung
(hier 15% weniger Anteil) verbunden. Um demnach den eigentlichen veränderten prozentualen
Anteil zu erfassen, wird der Absolutwert prozentualer Abweichung durch zwei geteilt. Somit erhält
man nur die eigentlich „fehlerhafte“ Veränderung innerhalb des Gesamtrhythmus.
9.5.3 Bewertung
Die Beurteilung der Leistung, zehn Rhythmen so genau wie möglich nachzuspielen, erfolgt über
zwei Werte. Zum einen wird erfasst, welche prozentuale Abweichung vom Original beim
Nachspielen des Rhythmus auftritt. Für jeden der zehn Rhythmen erzielt jede der drei Gruppen
somit einen Mittelwert der prozentualen Abweichung vom Original. Jedoch muss beim erzielten
Mittelwert immer auch die Anzahl der Probanden, die überhaupt einen auswertbaren Rhythmus
eingespielt haben, berücksichtigt werden. Von der Auswertung werden eingespielte Rhythmen
ausgeschlossen, die nicht die gleiche Anzahl an Ereignissen (Schlägen) aufweisen, wie der
Originalrhythmus. In die Auswertung mit eingeschlossen werden also alle Rhythmen, die dieselbe
Anzahl an Ereignissen aufweisen, wie der Originalrhythmus.
Um einer Einordnung der eingespielten Rhythmen in die Kategorien „richtig“ und „falsch“ zu
umgehen, wird eine Skala der Abweichung vom Original eingesetzt. Diese enthält Werte in
Prozentpunkten, die auf der einen Seite durch den Ursprung „0“ (keine Abweichung vom Original)
Experimentelles Setting
123
begrenzt werden. Je weiter sich die Werte der prozentualen Abweichung an Null annähern, umso
genauer stimmen Originalrhythmus und nachgespielter Rhythmus überein. Die Skala der
Abweichung jedoch ist theoretisch durch keinen Wert begrenzt. Es gehen auch Rhythmen mit in die
Auswertung ein, die zwar dieselbe Anzahl an Schlägen aufweisen wie der Originalrhythmus,
ansonsten aber keinerlei Ähnlichkeit mit dem Originalrhythmus haben müssen. Diese Rhythmen
erzielen dann einen enorm hohen Wert der prozentualen Abweichung, der bei bis über 50
Prozentpunkten liegen kann. Diese eingespielten Rhythmen, die aufgrund der Stellung ihrer Onsets
(Schläge) nicht mehr mit dem Original vergleichbar sind, würden aber mit ihrer hohen Abweichung
zu einer deutlichen Verschiebung des Gruppenmittelwertes beitragen. Somit ist das Setzen einer
oberen Grenze auf der Skala der prozentualen Abweichung nötig. Diese Grenze soll diejenigen
nachgespielten Rhythmen ausschließen, die zwar dieselbe Anzahl an Schlägen wie der
Originalrhythmus aufweisen, die aber ansonsten keinerlei Ähnlichkeit mit dem Originalrhythmus
haben.
Zur Definition dieser Grenze war ein intensives Hören der eingespielten Rhythmen in Verbindung
mit ihrer errechneten prozentualen Abweichung vom Original erforderlich. Im Anschluss an diese
Höranalysen wurde die Grenze der prozentualen Abweichung vom Original für Rhythmen, die in
die Auswertung eingehen sollen, bei einschließlich 10 Prozentpunkten gesetzt. Somit werden
eingespielte Rhythmen, deren prozentuale Abweichung vom Original über 10,9% liegen, von der
Auswertung ausgeschlossen. Bei Rhythmen mit einer prozentualen Abweichung von über 10,9% ist
es außer Frage gestellt, dass diese Rhythmen „falsch“ sind. Die Skala zur Erfassung der
Abweichung vom Original sollte somit zu beiden Seiten abgegrenzt und somit der Wertebereich
konzentriert werden.
Insgesamt muss beachtet werden, dass diese Grenze der Abweichung keine Leistungsgrenze im
Sinne von „richtig“ oder „falsch“ darstellt. Auf diese Unterscheidung sollte bewusst verzichtet
werden. Insgesamt muss der Wert der prozentualen Abweichung als Vergleichswert angesehen
werden, der Unterschiede zwischen den drei Gruppen bei jeweils demselben nachzuspielenden
Rhythmus angibt. Der Abweichungswert darf dagegen nicht als Absolutwert betrachtet werden.
Aufgrund der steigenden Länge der Rhythmen mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad (Rhythmus 1
bis 10) nehmen auch die prozentualen Abweichungen automatisch zu.
Eine prozentuale Abweichung von z.B. 4 Prozentpunkten bei einem sehr kurzen Rhythmus (kurze
Gesamtzeitlänge und wenige Ereignisse) ist auch für den Laien eine „fehlerhaftere“ Einspielung, als
eine Abweichung von 4 Prozentpunkten bei einem sehr langen und ereignisreichen Rhythmus.
Deswegen müssen die prozentualen Abweichungen im Vergleich der drei Gruppen bewertet werden
und nicht absolut. Die Grenze der 10,9 Prozentpunkte ist so hoch gesetzt, dass sie auch bei den
schwierigeren Rhythmen eine deutlich „falsche“ Leistung widerspiegelt.
Experimentelles Setting
124
In der Literatur findet sich sehr wenig zu der Frage, mit welcher zeitlichen Abweichung ein
Rhythmus als “falsch“ empfunden wird. Caroline Drake hat viel Forschungsarbeit zur Perzeption
und Reproduktion von Rhythmen geleistet (siehe 2000, 2003, 1993a, 1993b), und bedient sich in
einer Arbeit von 1993 auch der 10%-Marke. In ihrer Arbeit werden nachgespielte Rhythmen als
„richtig“ bewertet, wenn „all of the durations in the reproduction corresponded to those in the
model presented to the subjects (+/- 10%) and/or all of the duration ratios of successive events
corresponded to those in the model (+/- 10%)” (Drake 1993, S. 29). Sie führt weiter aus: “The first
category means that the reproduction respected both the pattern of durations and the tempo of the
model (absolute); the second category means that the reproduction respected the pattern of
durations but not the tempo of the model (relative). The percentage of correct reproductions
(absolute and relative) is taken as the dependent variable in the following analyses” (ebd., S. 29).
Die von Drake als zweites angeführte Kategorie der relativen Werte (versus absoluter Werte)
korrespondiert mit den verwendeten Prozentwerten der vorliegenden Arbeit. Drake jedoch
verwendet die 10%-Marke als Grenze für jeden einzelnen Schlag. Das heißt, ist ein Onset im
Verhältnis zum Original um 10% länger oder kürzer, wird der Rhythmus als „falsch“ eingestuft.
Sind im eingespielten Rhythmus jedoch mehrere Onsets mit z.B. 8%-iger Abweichung, hätte das
bei Drake keine Konsequenzen. In der vorliegenden Arbeit dagegen werden auch sukzessive
Abweichungen addiert. Demnach müsste die hier verwendete Methode etwas sensibler gegenüber
Abweichungen vom Original sein. Jedoch wird bei Drake die 10%-Marke auch als absolutes
Ausschlusskriterium verwendet, nach dem die Rhythmen als „richtig“ oder „falsch“ nachgespielt
eingeordnet werden.
Abschließend kann man aufgrund der bisherigen Datenbasis keinen allgemeingültigen, objektiven
Marker finden. Wesentlich für die vorliegende Arbeit dürfte die Kontinuität in der eingesetzten
Methode sein, sowie der relative Gruppenvergleich. Es wird noch mal darauf hingewiesen, dass die
Rohwerte nicht an sich aussagekräftig sind, sondern nur im Vergleich zwischen den Gruppen.
Zusammenfassend: Es werden eingespielte Rhythmen von der Bewertung ausgeschlossen, deren
Anzahl an Schlägen nicht denen des Originals entspricht, sowie Rhythmen mit einer prozentualen
Abweichung von über einschließlich 10 Prozentpunkten. Der Terminus „auswertbar“ wird im
weiteren Verlauf der Arbeit auch zur besseren Lesbarkeit umgangssprachlich mit „annähernd
richtig“ beschrieben.
Die Beurteilung der Leistung erfolgt nur gemeinsam aus folgenden beiden Informationen:
1. Anzahl der Teilnehmer, die einen auswertbaren Rhythmus einspielen
2. durchschnittliche prozentuale Abweichung vom Original
Ergebnisse
125
Trotz der hier beschriebenen und zu diskutierenden Schwierigkeiten, ist der objektive Wert der
Genauigkeit, beschrieben durch die prozentuale Abweichung vom Original, ein wesentlicher
Zusatzwert bei der Leistungsbeurteilung. Erst durch diesen Wert kann die Frage nach dem „Wie
genau?“ beantwortet werden. Mithilfe traditioneller subjektiver Bewerterrollen (oder auch durch
eine objektive Ausschlussgrenze) hätte man nur auf den einen Wert zurückgreifen können, der die
Frage nach dem „Wieviele?“ beantwortet (in dieser Studie als „n.a.“, „nicht auswertbar“
bezeichnet). Somit wird mithilfe der eingesetzten Technik eine zusätzliche, wesentliche
Bewertungsdimension ermöglicht.
10 Ergebnisse
10.1 Gesunde Ältere
10.1.1 Gedächtnis für Rhythmen
Tabelle 10.1 Gedächtnisleistungen der gesunden Älteren für beide Rhythmen
Teilnehmer (N=10)
n
Abfrage 1 7
Abfrage 1 & 2 2
Diese Tabelle zeigt die Anzahl der Teilnehmer (von N=10), die beide Rhythmen bei Abfrage 1 und Abfrage 2
vollständig erinnern und spielen können.
Insgesamt konnten zwei Teilnehmer der Gruppe gesunder Älterer beide Rhythmen zu beiden
Abfragezeitpunkten abrufen und reproduzieren. Zum Abfragezeitpunkt 1, also nach einer
Unterbrechung der Lernphase von ca. 15 Minuten, konnten aber noch sieben Teilnehmer der
Gruppe gesunder Älterer beide Rhythmen erinnern und spielen. Das heißt, der kurzfristige
Aneignungsprozess ist bei den gesunden Älteren zum größten Teil geglückt. Die Übungs- und
Aneignungszeit hat ausgereicht, um eine kurzfristige Repräsentation der Rhythmen zu ermöglichen.
Jedoch hat ein Großteil derjenigen Älteren, die die Rhythmen bei der ersten Abfrage noch spielen
konnten, sie nach einer Woche „vergessen“. Dies spricht für ein Retrieval-Defizit bei den gesunden
Älteren. Es war ihnen nicht möglich, bei der zweiten Abfrage wieder auf die Rhythmen
zuzugreifen.
Ergebnisse
126
Tabelle 10.2 Gedächtnisleistungen der gesunden Älteren für Rhythmus 1 und 2 im Detail
Rhythmus 1 erinnern Rhythmus 2 erinnern
n n
Abfrage 1 3 4
Abfrage 1 & 2 1 2
Diese Tabelle zeigt die Anzahl der Teilnehmer (von N=10), die den jeweiligen Rhythmus bei Abfrage 1 und
Abfrage 2 vollständig erinnern und spielen können.
Der zweite Rhythmus wird von den gesunden Älteren besser selbstständig erinnert als der erste
Rhythmus. Dies zeigt sich sowohl durch eine erfolgreichere Aneignung (Abfrage 1) als auch durch
eine geringere „Vergessensrate“ (Abfrage 2).
Die folgende Tabelle differenziert die Gedächtnisleistungen anhand der unterschiedlichen
Abfragemodalitäten (freie Wiedergabe, Wiedergabe mit Hinweisreiz, Wiedererkennen).
Tabelle 10.3 Gedächtnisleistungen der gesunden Älteren differenziert nach Abfragemodalität
Rhythmus 1 Rhythmus 2
1. Abfrage
n 2. Abfrage
n 1. Abfrage
n 2. Abfrage
n
Gespielt und wiedererkannt 3 1 4 2
Gespielt nur mit Hinweisreiz und
wiedererkannt 4 1 2 1
Nur wiedererkannt 2 3 3 5
Nicht gespielt und nicht wiedererkannt 1 5 1 2
Mittelwert der prozentualen Abweichung vom
Originalrhythmus
5,7 (n=7) 3,0 (n=2) 7,4 (n=6) 8,4 (n=3)
Diese Tabelle zeigt die differenzierten Gedächtnisleistungen der gesunden Älteren (N=10) für beide
Abfragen. Außerdem kann die Genauigkeit der erinnerten/ gespielten Rhythmen in der untersten Zeile
abgelesen werden (als prozentuale Abweichung vom Original). Der zweite Rhythmus wird von den gesunden
Älteren besser erinnert als der erste Rhythmus.
Den ersten Rhythmus haben zwar nur drei gesunde Ältere bei der ersten Abfrage erinnert, richtig
gespielt und wiedererkannt. Aber nochmals vier Teilnehmer konnten den Rhythmus mit Hilfe eines
Hinweisreizes spielen. Zwei Teilnehmer konnten den ersten Rhythmus bei der ersten Abfrage nur
wiedererkennen. Bei der zweiten Abfrage kann nur ein gesunder Älterer den ersten Rhythmus
vollständig erinnern, noch mal ein Teilnehmer kann den Rhythmus mit Hinweisreiz spielen. Drei
Probanden der Gruppe haben den Rhythmus aber wiedererkannt, ohne ihn spielen zu können.
Der zweite Rhythmus wurde von vier Teilnehmern der gesunden Älteren bei der ersten Abfrage
erinnert, richtig gespielt und wiedererkannt. Aber nochmals zwei Teilnehmer konnten den zweiten
Ergebnisse
127
Rhythmus mit Hinweisreiz erinnern. Den Rhythmus nur richtig wiedererkannt haben drei der
gesunden Älteren bei der ersten Abfrage. Bei der zweiten Abfrage konnte die Hälfte der gesunden
Älteren den zweiten Rhythmus nur richtig wiedererkennen, nicht spielen. Zwei Teilnehmer konnten
den zweiten Rhythmus bei der zweiten Abfrage noch vollständig erinnern und spielen. Nochmals
ein Teilnehmer kann den Rhythmus mit Hinweisreiz reproduzieren. Insgesamt gelang den gesunden
Älteren das Lernen und Erinnern des zweiten Rhythmus deutlich besser als des Ersten.
10.1.1.1 Einfluss Musikalische Vorfahrung
Tabelle 10.4 Gedächtnisleistung der gesunden Älteren mit und ohne Instrumentalunterricht in der
Kindheit
Rhythmus 1
1. Abfrage
2. Abfrage
Instrument
Instrument
Instrument
Instrument
ja (N=5) nein (N=5) ja (N=5) nein (N=5)
n n n n
Gespielt und wiedererkannt 2 1 1 0
Gespielt nur mit Hinweisreiz und wiedererkannt 2 2 1 1
Nicht gespielt und nur wiedererkannt 1 1 2 1
Nicht gespielt und nicht wiedererkannt 0 1 2 3
Mittelwert prozentuale Abweichung
vom Originalrhythmus (in Prozentpunkten)
5,2 (n=4) 6,4 (n=3) 2,6 (n=2) 3,9 (n=1)
Rhythmus 2
1. Abfrage
2. Abfrage
Instrument Instrument Instrument Instrument
Ja (N=5) Nein (N=5) Ja (N=5) Nein (N=5)
n n n n
Gespielt und wiedererkannt 2 2 1 1
Gespielt nur mit Hinweisreiz und wiedererkannt 0 1 0 1
Nicht gespielt und nur wiedererkannt 3 1 3 2
Nicht gespielt und nicht wiedererkannt 0 1 1 1
Mittelwert prozentuale Abweichung
vom Originalrhythmus (in Prozentpunkten)
5,3 (n=2) 8,9 (n=3) 6,0 (n=1) 9,4 (n=2)
Die beiden Tabellen zeigen die Gedächtnisleistungen der Gruppe gesunder Älterer für beide Rhythmen im
Detail. Es wird dabei nach musikalischer Vorerfahrung in der Kindheit (Instrumentalunterricht) differenziert.
Außerdem kann die Genauigkeit der erinnerten/ gespielten Rhythmen in der jeweils untersten Zeile
abgelesen werden (in Prozentpunkten).
Ergebnisse
128
Instrumentalunterricht in der Kindheit wirkt sich bei den gesunden Älteren geringfügig positiv auf
die Gedächtnisleistung des aus. Der von der Gruppe insgesamt schwieriger zu lernende erste
Rhythmus wurde von den Teilnehmern mit musikalischer Vorerfahrung besser erinnert. Von
denjenigen mit musikalischer Vorerfahrung können mehr Teilnehmer den Rhythmus erinnern und
spielen. Außerdem spielen sie den Rhythmus trotz höherer Beteiligung mit einer geringeren
prozentualen Abweichung vom Original ein. Beim zweiten Rhythmus, der insgesamt leichter
gelernt und behalten wurde, zeigen sich keine Vorteile für die Musikerfahrenen.
Insgesamt zeigt sich hier lediglich die Tendenz, dass Instrumentalspiel in der Kindheit vor allem
den Umgang mit schwierigen musikalischen Aufgaben im Alter erleichtert.
10.1.1.2 Zusammenfassung Gedächtnisleistungen der gesunden Älteren
Die gesunden Älteren zeigten bei der kurzfristigen Aneignung der beiden Rhythmen gute
Leistungen. Sieben Teilnehmer der Gruppe konnten bei Abfragezeitpunkt 1 beide Rhythmen
erinnern und richtig spielen. Jedoch zeigte sich nach einer Woche ein deutlicher Abfall der
Gedächtnisleistungen. Nur noch zwei Teilnehmer haben beide Rhythmen noch nach einer Woche
richtig erinnert und reproduziert. Gesunde Ältere, die in ihrer Kindheit ein Instrument erlernt haben,
zeigen hier bei dem insgesamt schwieriger zu lernenden Rhythmus bessere Behaltensleistungen als
diejenigen ohne musikalische Vorerfahrungen. Außerdem kann der Rhythmus mit einer geringeren
prozentualen Abweichung zum Original eingespielt werden. Diese Unterschiede sind aber nicht
signifikant und zeigen sich nur bei dem Rhythmus, der in der Gesamtgruppe schlechtere
Behaltensleistungen hervorrief.
Ergebnisse
129
10.1.2 Rhythmen nachspielen
Im Laufe der zehn Rhythmen, die so exakt wie möglich nachgespielt werden sollten, zeichnet sich
bei steigender Leistungsanforderung (steigendem Schwierigkeitsgrad) eine Leistungsgrenze der
gesunden Älteren ab.
Tabelle 10.5 Leistungen Rhythmen nachspielen der gesunden Älteren
Anzahl der
Teilnehmer, die
einen
auswertbaren
Rhythmus
eingespielt haben
(von N=10)
n
Mittelwert
der
prozentualen
Abweichung
vom Original
Standard-
abweichung Notation des Originalrhythmus
Rhythmus 1 9 2,8 1,4
Rhythmus 2 10 2,5 2,2
Rhythmus 3 6 4,5 3,2
Rhythmus 4 8 6,6 2,8
Rhythmus 5 9 3,9 2,8
Rhythmus 6 7 2,8 2,0
Rhythmus 7 3 6,5 2,8
Rhythmus 8 3 5,2 2,2
Rhythmus 9 . .
Rhythmus 10 . .
Hier werden die Nachspielleistungen der Gruppe gesunder Älterer für die zehn Rhythmen dargestellt. Dabei
sind die zwei Dimensionen für die Beurteilung der Leistung wichtig: die Anzahl derjenigen Teilnehmer, die
überhaupt einen auswertbaren Rhythmus einspielen (n), sowie die Genauigkeit der eingespielten Rhythmen
(in prozentualer Abweichung vom Originalrhythmus).
Die ersten fünf Rhythmen spielen insgesamt relativ viele Teilnehmer mit einer eher geringen
Abweichung ein. Den dritten und vierten Rhythmus spielen etwas weniger Teilnehmer ein, bzw.
Ergebnisse
130
wird eine höhere Abweichung erzielt, als bei den anderen Dreien. Die eigentliche Leistungsgrenze
der Gruppe trifft beim siebten Rhythmus ein. Diesen spielen nur noch drei Teilnehmer der Gruppe
überhaupt auswertbar ein, wie auch den achten Rhythmus. Den neunten und zehnten Rhythmus
kann keiner der Gruppe mehr auswertbar einspielen.
10.1.2.1 Einfluss musikalischer Vorerfahrung
Fünf von zehn gesunden Älteren haben in ihrer Kindheit ein Instrument gelernt (siehe hierzu
musikbiografische Daten der gesunden Älteren). Im Folgenden werden die Leistungen im
Nachspielen von Rhythmen der Subgruppen mit musikalischer Vorerfahrung und ohne
musikalischer Vorerfahrung verglichen.
Ergebnisse
131
Tabelle 10.6 Leistungen Rhythmen nachspielen der gesunden Älteren mit und ohne
Instrumentalunterricht in der Kindheit
Anzahl der
Teilnehmer, die
einen
auswertbaren
Rhythmus
eingespielt haben
(von N=10)
n
Mittelwert der
Abweichung vom
Original
(in
Prozentpunkten) Standard-
abweichung Notation Originalrhythmus
Rhythmus 1
Instrument
Nein 43,5 1,7
Ja 52,2 0,8
Rh
y
thmus 2
Instrument
Nein 53,2 2,9
Ja 51,7 1
Rh
y
thmus 3
Instrument
Nein 36,7 3,2
Ja 32,3 0,9
Rh
y
thmus 4
Instrument
Nein 26,4 3,7
Ja 562,6
Rh
y
thmus 5
Instrument
Nein 45,2 3,9
Ja 52,9 1,3
Rh
y
thmus 6
Instrument
Nein 342,9
Ja 41,9 0,6
Rh
y
thmus 7
Instrument
Nein 19,7 .
Ja 24,9 0,3
Rh
y
thmus 8
Instrument
Nein 0
Ja 35,2 2,2
Diese Tabelle zeigt die unterschiedlichen Leistungen derjenigen gesunden Älteren mit und ohne
Instrumentalunterricht in der Kindheit. Auch hier können die unterschiedlichen Leistungen innerhalb zweier
Kategorien ausgemacht werden: sowohl bei der Anzahl derjenigen Teilnehmer, die überhaupt einen
auswertbaren Rhythmus nachspielen (n=), als auch bei der Genauigkeit der nachgespielten Rhythmen (in
prozentualer Abweichung vom Original).
Ergebnisse
132
Schon beim ersten Rhythmus zeigt sich eine bessere Leistung der Teilnehmer mit
Instrumentalunterricht in der Kindheit durch höhere Beteiligung, niedrigere Abweichung vom
Original und geringere Standardabweichung. Dies wird im weiteren Verlauf fortgesetzt.
Den zweiten Rhythmus und dritten Rhythmus spielen jeweils gleich viele Teilnehmer der beiden
Subgruppen auswertbar ein, wobei die Gruppe mit musikalischer Erfahrung bei beiden Rhythmen
eine geringere Abweichung (und ebenso geringerer Standardabweichung) einspielt.
Den vierten bis siebten Rhythmus spielen immer mehr Teilnehmer der Gruppe mit Musikerfahrung
ein, als Teilnehmer der Gruppe ohne diese Erfahrung. Außerdem erreicht die Gruppe mit
Instrumentalunterricht in der Kindheit durchweg geringere Abweichungen vom Original (und
ebenso geringere Standardabweichung) als die Gruppe ohne diesen Unterricht. Den achten
Rhythmus spielen noch drei Teilnehmer der Gruppe mit Musikerfahrung ein, während kein
Teilnehmer der anderen Gruppe noch einen auswertbaren Rhythmus einspielt.
Rhythmus 9 & 10 werden von keinem Teilnehmer der beiden Subgruppen auswertbar eingespielt.
Bei den gesunden Älteren zeigen sich sehr große Unterschiede in den Leistungen zwischen
denjenigen, die Instrumentalunterricht in der Kindheit erhalten haben und denjenigen, die keinen
Unterricht hatten. Die besseren Leistungen der Gruppe mit Instrumentalunterricht in der Kindheit
zeigen sich bei allen Rhythmen durch höhere Beteiligung, geringere prozentuale Abweichungen
vom Originalrhythmus und geringere Standardabweichungen. Außerdem erreichen die Teilnehmer
ohne Musikerfahrung im Verlauf der zehn Rhythmen früher ihre absolute Leistungsgrenze.
Die Subgruppe der gesunden Älteren mit musikalischer Vorerfahrung weist eine durchschnittlich
höhere Anzahl an Bildungsjahren auf als die Subgruppe ohne musikalische Vorerfahrung. Insgesamt
haben lediglich zwei Teilnehmer der Gesamtgruppe der gesunden Älteren Abitur und ein
Teilnehmer den Abschluss mittlere Reife. Alle anderen haben den Volksschulabschluss. Beide
Teilnehmer mit Abitur haben Instrumentalunterricht erhalten. Somit haben von den fünf gesunden
Älteren mit Musikerfahrung zwei Teilnehmer Abitur, drei Teilnehmer Volksschulabschluss. Von den
fünf gesunden Älteren ohne Musikerfahrung hat einer die mittlere Reife, vier den
Volksschulabschluss.
Kontrolliert man den Einfluss der Schulbildung und der musikalischen Vorerfahrung auf die
Nachspielleistungen, dann kann man zwar für beide Faktoren keine signifikanten Zusammenhänge
feststellen, jedoch korreliert die musikalische Vorerfahrung (durch Instrumentalunterricht ja oder
nein) in stärkerem Maße mit dem Mittelwert (über alle zehn Rhythmen) der prozentualen
Abweichung (Korrelation nach Pearson: -,624; Signifikanz: p= , 054) als der Bildungshintergrund
(Korrelation: -,429; Signifikanz: p= , 216).
Ergebnisse
133
Trotz dieser Schwierigkeiten bei der Beurteilung kann man festhalten, dass sich der Unterschied
zwischen den Teilnehmern mit und ohne musikalische Vorerfahrung bei dieser Aufgabe sehr viel
deutlicher zeigt, als bei der Gedächtnisaufgabe. Die bessere Leistung zeigt sich anhand fast
durchweg geringere Abweichungen vom Original, eine höhere Anzahl an spielenden Teilnehmern
sowie eine niedrigere Standardabweichung.
10.1.3 Rhythmen unterscheiden
Bei der letzten Aufgabe müssen die Teilnehmer nicht mehr aktiv musizieren, sondern durch genaues
Zuhören entscheiden, ob zwei vorgespielte Rhythmen gleich oder verschieden sind. Insgesamt
wurden den Probanden 9 Rhythmuspaare vorgespielt. Der erste Rhythmus jedes Paares wurde
immer zweimal hintereinander vorgespielt. Dann der zweite Rhythmus mit der anschließenden
Frage, ob es sich um denselben Rhythmus gehandelt hat oder um zwei verschiedene. Bei den
gesunden Älteren lag der Mittelwert der richtigen Entscheidungen bei 7,4 (von 9) mit einer SD von
0,8. Subjektiv entstand bei der Betreuung dieser Aufgabe der Eindruck, dass die meisten Teilnehmer
die Aufgabe mit den wenigsten Schwierigkeiten im Vergleich zu den beiden anderen Aufgaben
lösten. Bei den gesunden Älteren hat jedoch keiner der Gruppe alle Rhythmen richtig beurteilt.
Etwas mehr als die Hälfte der Teilnehmer konnten aber acht der Paare richtig bewerten.
Zur weiteren Bewertung dieser Aufgabe wird auf den entsprechenden Gruppenvergleich verwiesen.
10.2 Patienten
10.2.1 Gedächtnis für Rhythmen
Tabelle 10.7 Gedächtnisleistung der Patienten für beide Rhythmen
Teilnehmer (von N=10)
n
Abfrage 1 2
Abfrage 1 & 2 1
Diese Tabelle zeigt die Anzahl der Teilnehmer (von N=10), die beide Rhythmen bei Abfrage 1 und Abfrage 2
vollständig erinnern und spielen können.
Von den zehn Patienten konnte nur ein Teilnehmer beide Rhythmen zu beiden Zeitpunkten
vollständig erinnern und richtig spielen. Auch beim ersten Abfragezeitpunkt nach ca. 15 Minuten
Unterbrechung, haben nur zwei der Patienten beide Rhythmen erinnert und gespielt. Die Patienten
Ergebnisse
134
zeigen also schon bei der ersten Abfrage deutliche Defizite. Es kann daher davon ausgegangen
werden, dass die Patienten den Aneignungsprozess nicht zum Lernen und Einprägen der Rhythmen
nutzen konnten. Über die Hälfte der Patienten (n=6) konnten insgesamt (bei beiden Abfragen)
keinen Rhythmus erinnern und spielen.
Tabelle 10.8 Gedächtnisleistungen der Patienten für Rhythmus 1 und 2 im Detail
Rhythmus 1 Rhythmus 2
n n
Abfrage 1 2 3
Abfrage 1 & 2 0 3
Diese Tabelle zeigt die Anzahl derjenigen Teilnehmer (der Patientengruppe), die den jeweiligen Rhythmus
bei Abfrage 1 und Abfrage 2 vollständig erinnern und spielen konnten (von N=10).
Die Gruppe der Patienten konnte sich insgesamt den zweiten Rhythmus deutlich besser aneignen als
den ersten Rhythmus. Dies ist an der höheren Anzahl derjenigen Teilnehmer zu erkennen, die den
Rhythmus bei der ersten Abfrage erinnern können (beim zweiten Rhythmus sind das doppelt so
viele Teilnehmer wie beim ersten Rhythmus), als auch an der geringeren Vergessensrate von
Abfrage 1 zu Abfrage 2.
In der folgenden Tabelle wird die Gedächtnisleistung der Patientengruppe nach den
unterschiedlichen Abfragemodalitäten hin (freie Wiedergabe, Wiedergabe mit Hinweisreiz,
Wiedererkennen) differenziert dargestellt.
Tabelle 10.9 Gedächtnisleistungen der Patienten für beide Rhythmen differenziert nach
Abfragemodalität
Rhythmus 1 Rhythmus 2
1. Abfrage
n 2. Abfrage
n 1. Abfrage
n 2. Abfrage
n
Gespielt und wiedererkannt 2 3 3
Gespielt nur mit Hinweisreiz und wiedererkannt 1 1 1
Nicht gespielt nur wiedererkannt 4 3 5 5
Nicht gespielt und nicht wiedererkannt 3 6 1 2
Mittelwert der prozentualen Abweichung vom
Originalrhythmus
4,8 (n=3) 5,1 (n=1) 9,1 (n=4) 9,2 (n=3)
Diese Tabelle zeigt die differenzierten Gedächtnisleistungen (anhand der unterschiedlichen
Abfragemodalitäten) der Patientengruppe für beide Abfragen. Außerdem kann die Genauigkeit der
erinnerten/ gespielten Rhythmen in der untersten Zeile abgelesen werden (als prozentuale Abweichung vom
Original).
Ergebnisse
135
Bei beiden Rhythmen kann ein Großteil der Patientengruppe den jeweiligen Rhythmus zwar nicht
mehr erinnern und spielen, jedoch nach Vorspielen den Rhythmus richtig wiedererkennen.
Insgesamt gelang den Patienten das Lernen und Erinnern des zweiten Rhythmus deutlich besser als
das Lernen des ersten Rhythmus.
10.2.1.1 Patienten: Einfluss der Diagnose und musikalische Vorerfahrung
Bei der Patientengruppe insgesamt kann man keine Wirkung musikalischer Vorerfahrungen auf die
gezeigte Leistung ausmachen. Diese werden durch die pathologischen Prozesse progressiv
überlagert. Die Leistungen der Gedächtnisaufgabe sind stark von der differenzierten Diagnose
abhängig. Im Folgenden werden die Leistungen der beiden Subgruppen „Patienten mit
Alzheimerdemenz“ und „Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung“ differenziert
dargestellt.
Tabelle 10.10 Gedächtnisleistungen der Patienten mit leichter Alzheimerdemenz (AD) und leichter
kognitiver Beeinträchtigung (LKB)
Rhythmus 1
1. Abfrage
2. Abfrage
LKB (N=4)
n
AD (N=6)
n
LKB (N=4)
n
AD (N=6)
n
Gespielt
und wiedererkannt 1 1 0 0
Gespielt nur mit Hinweisreiz
und wiedererkannt 1 0 1 0
Nicht gespielt
nur wiedererkannt 1 3 1 2
Nicht gespielt
und nicht wiedererkannt 1 2 2 4
Mittelwert der prozentualen Abweichung vom
Original
5,6 (n=2) 3,2 (n=1) 5,1 (n=1)
Ergebnisse
136
Rhythmus 2
1. Abfrage
2. Abfrage
LKB (N=4)
n
AD (N=6)
n
LKB (N=4)
n
AD (N=6)
n
Gespielt
und wiedererkannt 2 1 3 0
Gespielt nur mit Hinweisreiz
und wiedererkannt 1 0 0 0
Nicht gespielt
nur wiedererkannt 1 4 1 4
Nicht gespielt
und nicht wiedererkannt 0 1 0 2
Mittelwert der prozentualen Abweichung vom
Original
8,9 (n=3) 9,7 (n=1) 9,2 (n=3)
Die beiden Tabellen zeigen die Gedächtnisleistungen der Patientengruppe für beide Rhythmen im Detail. Es wird dabei
nach Diagnosestellung (leichte Alzheimerdemenz versus leichte kognitive Beeinträchtigung) differenziert. Außerdem
kann die Genauigkeit der erinnerten/ gespielten Rhythmen in der jeweils untersten Zeile abgelesen werden (in
Prozentpunkten).
Der Vergleich der beiden Subgruppen fällt aufgrund der unterschiedlichen Gruppengröße schwer.
Insgesamt zeigen die Patienten mit LKB etwas bessere Leistungen als die Patienten mit AD.
Besonders fällt dies beim zweiten Rhythmus auf, den immerhin drei der Patienten mit LKB (von
n=4) bei der ersten und zweiten Abfrage einspielen. Von den Patienten mit AD spielt nur ein Patient
(bei der ersten Abfrage), bzw. kein Patient (bei der zweiten Abfrage) den Rhythmus ein.
Bei der Gesamtgruppe der Patienten (n=10) konnten keine Unterschiede in den
Gedächtnisleistungen zwischen denjenigen mit und ohne Instrumentalunterricht in der Kindheit,
gefunden werden. Im Folgenden wird die Gruppe der Patienten mit Alzheimerdemenz isoliert von
den Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung betrachtet.
Ergebnisse
137
Tabelle 10.11 Gedächtnisleistung der Patienten mit Alzheimerdemenz mit und ohne
Instrumentalunterricht in der Kindheit
Rhythmus 1
1. Abfrage
2. Abfrage
Instrument
Ja (N=3)
n
Instrument
Nein (N=3)
n
Instrument
Ja (N=3)
n
Instrument
Nein (N=3)
n
Gespielt und wiedererkannt 0 0 0 0
Gespielt nur mit Hinweisreiz
und wiedererkannt 1 0 0 0
Nicht gespielt nur wiedererkannt 1 2 1 1
Nicht gespielt und nicht wiedererkannt 1 1 2 2
Mittelwert prozentuale Abweichung vom Original
(in Prozentpunkten)
3,1 (n=1)
Rhythmus 2
1. Abfrage 2. Abfrage
Instrument
Ja (N=3)
n
Instrument
Nein (N=3)
n
Instrument
Ja (N=3)
n
Instrument
Nein (N=3)
n
Gespielt und wiedererkannt 0 0 0 0
Gespielt mit Hinweisreiz und
wiedererkannt 1 0 0 0
Nicht gespielt nur wiedererkannt 2 2 2 2
Nicht gespielt und nicht wiedererkannt 0 1 1 1
Mittelwert prozentuale Abweichung vom Original
(in Prozentpunkten)
9,7
(n=1)
Die beiden Tabellen zeigen die Gedächtnisleistungen der Patientengruppe mit Alzheimerdemenz (N=6) für
beide Rhythmen im Detail. Es wird dabei nach musikalischer Vorerfahrung in der Kindheit
(Instrumentalunterricht) differenziert. Außerdem kann die Genauigkeit der erinnerten/ gespielten Rhythmen
in der jeweils untersten Zeile abgelesen werden (in Prozentpunkten).
Bei den Patienten mit diagnostizierter leichter Alzheimerdemenz zeigen sich jeweils bei der ersten
Abfrage der Rhythmen geringe Unterschiede zwischen Teilnehmern mit musikalischer
Vorerfahrung und Teilnehmern ohne musikalische Vorerfahrung. Während kein Patient der Gruppe
ohne Vorerfahrung die Rhythmen bei der ersten Abfrage spielen kann, spielt jeweils ein Patient der
Gruppe mit Erfahrung den Rhythmus ein. Bei der zweiten Abfrage unterscheiden sich beide
Subgruppe bei beiden Rhythmen nicht voneinander.
Ergebnisse
138
Das heißt, die Patienten mit Erfahrung können sich die Rhythmen tendenziell besser aneignen. Die
Alzheimerpatienten ohne musikalische Erfahrung zeigten beim Aneignungsprozess stärkere
Defizite. Die langfristige Speicherung der Rhythmen wird aber bei den Alzheimerpatienten nicht
von der musikalischen Vorerfahrung beeinflusst.
Nach einer Woche sind keine Unterschiede mehr in der Behaltensleistung beider Gruppen zu
erkennen. Das heißt, auch Patienten mit musikalischer Vorerfahrung habe große Schwierigkeiten,
sich musikalische Rhythmen langfristigen anzueignen.
Insgesamt wird der erste Rhythmus auch von den Patienten langfristig weniger gut behalten, als der
zweite Rhythmus. Dies zeigte sich auch bei den gesunden Älteren. Die für die bessere Speicherung
verantwortlichen Komponenten (z.B. der Eingängigkeit oder Assoziationskraft) müssen demnach
auch bei den Patienten noch wirksam sein.
Bei den Patienten mit LKB (n=4) wirkt sich die musikalische Vorerfahrung nicht auf die
Gedächtnisleistungen für Rhythmen aus. Im Gegenteil erzielen diejenigen mit
Instrumentalunterricht in der Kindheit sogar deutlich schlechtere Leistungen, als diejenigen ohne
Unterricht. Aus dem eigenen subjektiven Eindruck heraus kann dieses Ergebnis mit dem sehr
unterschiedlichen kognitiven Status der Teilnehmer erklärt werden. Die Diagnose der leichten
kognitiven Beeinträchtigung ist zwar ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Alzheimerdemenz,
stellt aber keine notwendige Progression hin zur Demenz dar. Die leichte kognitive
Beeinträchtigung kann sich sogar im Verlauf wieder zurück entwickeln, sodass sich ein
unauffälliger kognitiver Zustand einstellt. Die hier teilnehmenden Probanden zeigten sich innerhalb
des Settings in subjektiv beobachteter Konzentrationsfähigkeit, Auffassung und Motivation sehr
unterschiedlich. Da die einzelnen Gruppen (musikalische Vorerfahrung/ keine Erfahrung) innerhalb
der Untergruppe LKB mit je nur zwei Teilnehmern sehr gering besetzt sind, können große
individuelle Unterschiede hier deutlich ins Gewicht fallen.
10.2.2 Rhythmen nachspielen
Insgesamt zeigte sich bei dieser Aufgabe eine große interindividuelle Variabilität innerhalb der
Patientengruppe. Im Ganzen kann bei den Patienten eine abrupte Leistungsgrenze beim siebten
Rhythmus ausgemacht werden. Den achten, neunten und zehnten Rhythmus spielte kein Patient
mehr richtig ein. Die ersten fünf Rhythmen wurden von großen Anteilen der Gruppe mit erhöhter
Abweichung eingespielt.
Ergebnisse
139
Tabelle 10.12 Leistungen Rhythmen nachspielen der Patienten
Anzahl der
Teilnehmer, die
einen auswertbaren
Rhythmus
eingespielt haben
(von N=10)
n
Mittelwert der
Abweichung
vom Original
(in Prozent-
punkten)
Standard
-abweichung Notation des Originalrhythmus
Rhythmus 1 10 4,4 3,2
Rhythmus 2 9 4,0 2,1
Rhythmus 3 6 5,1 4,0
Rhythmus 4 8 6,8 2,8
Rhythmus 5 6 2,7 ,8
Rhythmus 6 5 2,0 ,5
Rhythmus 7 1 10,5
Rhythmus 8
Rhythmus 9
Rhythmus 10
Diese Tabelle zeigt die Nachspielleistungen der Patientengruppe für die zehn Rhythmen. Dabei sind die zwei
Dimensionen für die Beurteilung der Leistung wichtig: die Anzahl derjenigen Teilnehmer, die überhaupt
einen auswertbaren Rhythmus einspielen, sowie die Genauigkeit der eingespielten Rhythmen (in
prozentualer Abweichung vom Originalrhythmus).
Die ersten vier Rhythmen spielen die Patienten mit einer relativ hohen Abweichung vom Original
ein. Mit Ausnahme des dritten Rhythmus ist die Beteiligung (Anzahl der auswertbar eingespielten
Rhythmen) aber recht hoch (>8). Den fünften und sechsten Rhythmus spielt zwar jeweils nur circa
die Hälfte der Patienten ein (fünf, bzw. sechs der zehn Teilnehmer), jedoch spielen diese Teilnehmer
die Rhythmen mit einer recht geringen prozentualen Abweichung vom Original. Beim siebten
Rhythmus setzt dann abrupt die Leistungsgrenze der Patientengruppe ein.
Insgesamt zeigt sich bei großer Beteiligung der Gruppe eine eher hohe Abweichung vom Original.
Sobald die Gruppenbeteiligung sinkt, wird die Abweichung geringer. Dies lässt darauf schließen,
dass einige Patienten die Rhythmen gut nachspielen können und dies auch bis zum sechsten
Rhythmus zeigen. Hier setzt dann auch für die leistungsstarken Patienten die Leistungsgrenze ein.
Andere Patienten zeigen eher schlechte Leistungen und erhöhen durch ihre Beteiligung die
Ergebnisse
140
prozentuale Abweichung vom Original. Diese Patienten stoßen schon weitaus früher an ihre
Leistungsgrenzen, was sich durch die geringere Beteiligung der Gruppe und die geringere
Abweichung vom Original ablesen lässt.
10.2.2.1 Einfluss der Diagnose
Die Gruppe der Patienten teilt sich in Patienten mit der Diagnose LKB (N=4) und mit der Diagnose
Alzheimerdemenz (N=6). Bei der Betrachtung unterschiedlicher Leistungen beider Subgruppen
muss die unterschiedliche Gruppengröße berücksichtigt werden.
Tabelle 10.13 Leistungen Rhythmen nachspielen der Patienten differenziert nach Diagnose
Anzahl der
Teilnehmer, die
einen
auswertbaren
Rhythmus
eingespielt
haben
(von N=10)
n
Mittelwert der
Abweichung vom
Original
(in Prozentpunkten)
Standard
-abweichung Notation Originalrhythmus
Rhythmus 1
Diagnose
LKB 4 5,3 3,0
AD 5 5,3 3,9
Rhythmus 2
Diagnose
LKB 4 4,4 2,0
AD 3 3,5 1,3
Rhythmus 3
Diagnose
LKB 3 5,8 3,8
AD 1 1,9
Rhythmus 4
Diagnose
LKB 3 6,7 3,5
AD 3 7 3,2
Rhythmus 5
Diagnose
LKB 2 2,6 0,3
AD 3 3,1 0,8
Rhythmus 6
Diagnose
LKB 2 2,4 0,25
AD 2 1,7 0,8
Rhythmus 7
Diagnose
LKB
AD 1 10,5
Ergebnisse
141
Diese Tabelle zeigt die Leistungen der Patientengruppe (N=10), differenziert nach ihrer Diagnose. LKB =
Leichte kognitive Beeinträchtigung, AD = Alzheimerdemenz. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die
Subgruppe der Patienten mit Alzheimerdemenz (N=6) größer ist, als die Gruppe der Patienten mit leichter
kognitiver Beeinträchtigung (N=4). Die Anzahl der Teilnehmer, die einen auswertbaren Rhythmus
einspielen, ist somit immer im Verhältnis zur Gruppengröße zu beurteilen und nicht absolut. Rhythmus 8 bis
10 wurden von keinem Teilnehmer gespielt.
Insgesamt ist der Einfluss der Diagnose bei dieser Aufgabenstellung nicht so deutlich festzustellen,
wie bei der Gedächtnisaufgabe. Die endgültige Bewertung wird durch die beiden unterschiedlichen
Gruppengrößen erschwert. Dennoch zeichnet sich im Ganzen ein ausgewogenes Bild, das geringe
Tendenzen zu einer etwas schlechteren Leistung der Alzheimerpatienten aufweist. Durch die
geringeren Teilnehmerzahlen bei den Patienten kann vermutet werden, dass die interindividuellen
Unterschiede hier stark ausgeprägt sind. Das heißt, die Patienten, die hier auswertbar eingespielt
haben, erzielen im Vergleich zu der Gruppe mit LKB annähernd vergleichbare Ergebnisse. Dagegen
sind aber einige Teilnehmer der Alzheimergruppe nicht oder nur kaum in der Lage, annähernd
richtig zu spielen. Dieser Anteil ist in der Gruppe mit LKB geringer. Die Frage, warum einige
Patienten mit Alzheimerdemenz deutlich bessere Leistungen zeigen als andere, kann eventuell
durch unterschiedliche musikalische Vorerfahrungen erklärt werden. Dies soll im nächsten Schritt
untersucht werden.
10.2.2.2 Einfluss musikalischer Vorerfahrung
Da der Faktor Diagnose (LKB versus Alzheimerdemenz) sich nicht gravierend auf die Leistungen
dieses Aufgabenbereichs auswirkte, wird die Wirkung musikalischer Vorerfahrung für die gesamte
Gruppe an Patienten (AD & LKB) untersucht. Es kann davon ausgegangen werden, dass sich die
gefundenen Unterschiede zwischen Teilnehmer mit und ohne musikalische Erfahrung noch
verstärken, wenn man Alzheimerpatienten von Patienten mit LKB getrennt voneinander untersucht.
Ergebnisse
142
Tabelle 10.14 Leistungen Rhythmen nachspielen der Patienten mit und ohne Instrumentalunterricht
in der Kindheit
Anzahl der
Teilnehmer, die
einen
auswertbaren
Rhythmus
eingespielt haben
(
von N=10
)
Mittelwert der
Abweichung vom
Original
(in
Prozentpunkten) Standard
-abweichung Notation Originalrhythmus
Rhythmus 1
Instrument
Nein 5 5,0 3,3
Ja 4 5,7 3,8
Rhythmus 2
Instrument
Nein 3 4,7 2,1
Ja 4 3,5 1,5
Rhythmus 3
Instrument
Nein 2 7,4 3,6
Ja 2 2,2 0,4
Rhythmus 4
Instrument
Nein 3 8,6 3,5
Ja 3 5 1,2
Rhythmus 5
Instrument
Nein 2 2,6 ,2
Ja 3 3,2 ,8
Rhythmus 6
Instrument
Nein 1 2,6
Ja 3 1,9 0,6
Rhythmus 7
Instrument
Nein 0 .
Ja 1 10,5
Diese Tabelle zeigt die Nachspielleistungen der Patientengruppe (N=10), differenziert nach ihren
musikalischen Erfahrungen in der Kindheit (Instrumentalunterricht in der Kindheit). Ergebnisdimensionen
sind einerseits Anzahl der Teilnehmer, die einen auswertbaren Rhythmus einspielen (n=), sowie die
Abweichung vom Originalrhythmus in Prozentpunkten. Rhythmus. Insgesamt haben 5 Teilnehmer der
Gruppe in der Kindheit Instrumentalunterricht erhalten, 5 Teilnehmer nicht. 8 bis 10 wurden von keinem
Teilnehmer eingespielt.
Tendenziell sind leichte Vorteile für diejenigen Patienten zu beobachten, die in ihrer Kindheit
Instrumentalunterricht genießen konnten. Beim zweiten, dritten und vierten Rhythmus erreichen die
Teilnehmer mit musikalischer Erfahrung eine geringere prozentuale Abweichung bei gleichzeitig
höherer oder gleich hoher Beteiligung wie die „Nichtmusiker“. Auch der sechste Rhythmus wird
von deutlich mehr Teilnehmern mit musikalischer Vorerfahrung auswertbar eingespielt, mit einer
insgesamt geringeren prozentualen Abweichung vom Original. Derjenige der Gruppe, der den
siebten Rhythmus noch als einziger auswertbar einspielt (wenn auch mit einer sehr hohen
Ergebnisse
143
prozentualen Abweichung), gehört zur Subgruppe der Musikerfahrenen.
Insgesamt erreichen Patienten, die in der Kindheit ein Instrument gelernt haben, bei dem
überwiegenden Teil der Rhythmen (außer beim ersten und fünften Rhythmus) bessere Leistungen
als Patienten ohne diese musikalische Erfahrung. Die bessere Leistung zeigt sich in geringeren
prozentualen Abweichungen zum Original, in einer größeren Beteiligung und einer geringeren
Standardabweichung.
10.2.3 Rhythmen unterscheiden
Bei der letzten Aufgabe müssen die Teilnehmer nicht mehr aktiv musizieren, sondern durch genaues
Zuhören entscheiden, ob zwei vorgespielte Rhythmen gleich oder verschieden sind. Insgesamt
wurden den Probanden 9 Rhythmuspaare vorgespielt. Die Patienten haben durchschnittlich 6,6
richtige Entscheidungen getroffen (mit einer SD von 1,64). Zur weiteren Einbettung der Ergebnisse
dieser Aufgabe wird auf den Gruppenvergleich verwiesen.
10.3 Junge Kontrollgruppe
10.3.1 Gedächtnis für Rhythmen
Tabelle 10.15 Gedächtnisleistungen der jungen Erwachsenen für beide Rhythmen
Teilnehmer (von N=10)
n
Abfrage 1 9
Abfrage 1 & 2 8
Diese Tabelle zeigt die Anzahl der Teilnehmer (von N=10), die beide Rhythmen bei Abfrage 1 und Abfrage 2
vollständig erinnern und spielen können.
Insgesamt acht junge Teilnehmer haben beide Rhythmen zu beiden Zeitpunkten vollständig erinnert
und richtig gespielt. Das heißt, es gelang jungen Teilnehmern fast vollständig, sich die beiden
Rhythmen langfristig anzueignen. Zum Abfragezeitpunkt 1 haben neun junge Teilnehmer beide
Rhythmen abgerufen und gespielt.
Ergebnisse
144
Tabelle 10.16 Gedächtnisleistungen der jungen Erwachsenen für Rhythmus 1 und 2 im Detail
Rhythmus 1 erinnern Rhythmus 2 erinnern
n n
Abfrage 1 9 9
Abfrage 1 & 2 9 8
Diese Tabelle zeigt die Anzahl der Teilnehmer (von N=10), die den jeweiligen Rhythmus bei Abfrage 1 und
2 vollständig erinnern und spielen können.
Die Gruppe junger Teilnehmer kann fast vollständig die beiden Rhythmen bei beiden Abfragen
erinnern. Bei der ersten Abfrage kann nur ein Teilnehmer die beiden Rhythmen nicht erinnern und
spielen. Während beim ersten Rhythmus keine Vergessensrate zwischen erster und zweiter Abfrage
zu beobachten ist, kann ein Teilnehmer den zweiten Rhythmus bei der zweiten Abfrage nicht mehr
erinnern und spielen.
Die Leistungen der jungen Teilnehmer unterscheiden sich zwischen den beiden Rhythmen nicht
wesentlich voneinander. Sie befinden sich nicht an ihrer Leistungsgrenze und können sich die
Rhythmen in der gegebenen Zeit sowohl erfolgreich Aneignen, als auch diese nach einer Woche
wieder richtig abrufen.
Im Folgenden werden die Gedächtnisleistungen differenziert nach Abfragemodalitäten (freie
Wiedergabe, Wiedergabe mit Hinweisreiz, Wiedererkennen) dargestellt.
Tabelle 10.17 Gedächtnisleistungen der jungen Erwachsenen differenziert nach Abfragemodalität
Rhythmus 1
Rhythmus 2
1. Abfrage
(von n=10)
2. Abfrage
(von n=10)
1. Abfrage
(von n=10)
2. Abfrage
(von n=10)
Gespielt und wiedererkannt 8 8 8 8
Gespielt mit Hinweisreiz und wiedererkannt 1 1 1
Nicht gespielt nur wiedererkannt 2
Nicht gespielt und nicht wiedererkannt 1 1 1
Mittelwert der prozentualen Abweichung vom
Originalrhythmus (in Prozentpunkten)
2,6 (n=9) 2,5 (n=9) 4,0 (n=9) 3,6 (n=8)
Hier sind die Gedächtnisleistungen der jungen Gruppe für beide Rhythmen und Abfragen detailliert nach
Abfragemodalität dargestellt. Außerdem kann die Genauigkeit der eingespielten Rhythmen abgelesen
werden.
Ergebnisse
145
10.3.2 Rhythmen nachspielen
Tabelle 10.18 Leistungen Rhythmen nachspielen der jungen Erwachsenen
Anzahl der
Teilnehmer, die einen
auswertbaren
Rhythmus eingespielt
haben
(von N=10)
n=
Mittelwert
der
prozentuale
Abweichung
vom Original Standard-
abweichung Notation des Originalrhythmus
Rhythmus 1 9 3,3 4,0
Rhythmus 2 9 2,3 1,4
Rhythmus 3 9 2,8 1,0
Rhythmus 4 9 4,5 2,6
Rhythmus 5 9 2,0 1,0
Rhythmus 6 9 2,2 1,0
Rhythmus 7 2 3,9 2,0
Rhythmus 8 3 4,5 ,5
Rhythmus 9 1 10,8
Rhythmus 10 2 6,9 1,5
Diese Tabelle zeigt die Leistungen der Gruppe junger Erwachsener, Rhythmen so exakt wie möglich
nachzuspielen. Ergebnisdimensionen sind Anzahl der Teilnehmer, die einen auswertbaren Rhythmus
einspielen, sowie prozentuale Abweichung vom Original.
Insgesamt ist die Gruppe der jungen Teilnehmer sehr leistungsstark bei der Aufgabe, Rhythmen
nachzuspielen. Dies zeichnet sich durch eine fast durchgängige hohe Beteiligung der Gruppe, durch
eine geringe prozentuale Abweichung und geringe Standardabweichungen aus. Der vierte
Rhythmus fiel der Gruppe etwas schwerer, hier trat eine im Vergleich zu den anderen eingespielten
Rhythmen, höhere Abweichung vom Original auf. Ansonsten spielten bis zum einschließlich
sechsten Rhythmus immer neun Teilnehmer der Gruppe einen gering abweichenden Rhythmus ein.
Ab dem siebten Rhythmus ist auch bei einem Teil der jungen Teilnehmer eine Leistungsgrenze
eingetreten. Der siebte bis zehnte Rhythmus wird nur noch von einem, zwei oder drei der
Teilnehmer überhaupt eingespielt. Diejenigen die diese Rhythmen spielen, erreichen aber eine
relativ geringe Abweichung vom Original. Nur der neunte Rhythmus wird auch von dem einen
Ergebnisse
146
spielenden Teilnehmer nur mit einer grenzwertigen Einspielung realisiert.
10.3.3 Rhythmen unterscheiden
Bei den jungen Teilnehmern lag der Mittelwert der richtig beurteilten Paare bei einer Gesamtzahl
von 9 bei 8,6 (SD 0,7). Die jungen Teilnehmer sind nicht an ihre Leistungsgrenzen gestoßen. Acht
von zehn Teilnehmern konnten alle Rhythmuspaare richtig beantworten. Bis einschließlich
Rhythmuspaar 7 wurden alle Rhythmuspaare von allen Teilnehmern richtig beurteilt. Das achte
Rhythmuspaar lösen nur sieben der Teilnehmer richtig, Rhythmuspaar neun wieder neun
Teilnehmer. Zur weiteren Beurteilung dieser Aufgabe wird auf den Gruppenvergleich hingewiesen.
10.4 Vergleich der drei Gruppen
10.4.1 Gedächtnis für Rhythmen
Insgesamt finden sich signifikante Unterschiede zwischen den Gedächtnisleistungen der drei
Gruppen. Die Signifikanz wird durch einen t-Test der Mittelwertvergleichbarkeit geprüft. Der
Mittelwert wird von der Anzahl nach beiden Abfragen erinnerter und gespielter, sowie der
wiedererkannten Rhythmen gebildet.
Die Gruppe der jungen Teilnehmer unterscheidet sich in der Anzahl der bei den beiden Abfragen
gespielten Rhythmen (p = , 023) als auch der Anzahl der wiedererkannten Rhythmen (p = , 010)
signifikant von der Gruppe der gesunden Älteren. Der Gesamtindex der insgesamt erinnerten
Rhythmen (gespielt und erkannt) zwischen Jungen und gesunden Älteren unterscheidet sich ebenso
signifikant (p = , 009). Die Gruppe der gesunden Älteren zeigt aber im Vergleich zu der
Patientengruppe wiederum eine signifikant höhere Gedächtnisleistung im Gesamtindex (p = , 020).
Die gesunden Älteren spielen bei beiden Abfragen insgesamt zwar signifikant mehr Rhythmen (p =
, 023), jedoch ist die Wiedererkennungsleistung der Patienten nicht signifikant schlechter als die der
gesunden Älteren (p = , 178). Die Patienten können also die Rhythmen zwar nicht abrufen und
spielen, erkennen diese aber ebenso gut wieder wie die gesunden Älteren.
Die jungen Teilnehmer zeigten dementsprechend auch eine signifikant bessere Gedächtnisleistung
als die Patienten (im Gesamtindex aus gespielten und wiedererkannten Rhythmen p = , 000). Die
Wiedererkennungsleistung der Patienten ist im Vergleich zu den jungen Teilnehmern ebenso
signifikant schlechter ( p = ,006).
Die jungen Teilnehmer zeigen demnach eine deutlich bessere Leistung als die gesunden Älteren und
die Patienten. Jedoch liegen auch zwischen den gesunden Älteren und den Patienten deutliche
Ergebnisse
147
Unterschiede in der Gedächtnisleistung für die beiden Rhythmen.
Die folgende Grafik und Tabelle zeigen insbesondere die unterschiedlichen Defizitbereiche der
gesunden Älteren, bzw. der Patienten, bei der Einspeicherung und dem Abruf der Rhythmen.
Diagramm 10.1 Gedächtnisleistung für beide Rhythmen im Gruppenvergleich
Diese Grafik zeigt die Anzahl derjenigen Teilnehmer, die bei den jeweiligen Abfragen beide Rhythmen
erinnerten und spielten (mit und/oder ohne Hinweisreiz).
Tabelle 10.19 Gedächtnisleistung für beide Rhythmen im Gruppenvergleich
Junge Gruppe
(N=10)
n
Gesunde Ältere
(N=10)
n
Patienten
(N=10)
n
Abfrage 1 9 7 2
Abfrage 1 & 2 8 2 1
Diese Tabelle zeigt Anzahl der Teilnehmer der drei Gruppen, die bei Abfrage 1 und Abfrage 2 beide
Rhythmen vollständig erinnern und spielen können.
Die obige Grafik und die Tabelle zeigen ganz deutlich, dass die Defizite der gesunden Älteren bei
dieser Aufgabe darin lagen, die Rhythmen nach einer Woche wieder abzurufen, während die
Patienten schon bei der Aneignungsphase Defizite aufwiesen.
Dies legt nahe, dass sich die gesunden Älteren die Rhythmen richtig angeeignet und kurzfristig
gespeichert haben. Defizite sind aber dann bei der Übertragung ins Langzeitgedächtnis feststellbar.
Nach einer Woche hat ein Großteil derjenigen Älteren, die den Rhythmus bei der ersten Abfrage
noch spielen konnten, die Rhythmen „vergessen“. Dies spricht für ein Retrieval-Defizit bei den
1. Abfrage
(nach 15 Min.) 2. Abfrage
(nach 1 Woche)
1
0
2
3
4
5
6
7
8
9
1
Anzahl Teilnehmer
Patienten
Gesunde Ältere
Junge Gruppe
Ergebnisse
148
gesunden Älteren. Es war ihnen nicht möglich, bei der zweiten Abfrage wieder auf die Rhythmen
zuzugreifen. Die Patienten jedoch zeigten schon bei der ersten Abfrage große Defizite, sodass
davon ausgegangen werden kann, dass schon beim Aneignen der Rhythmen Schwierigkeiten
aufgetreten sind. Dies spricht für ein Defizit im Prozess des Enkodierens.
Deutlicher wird der Unterschied noch durch eine Negativaussage: Insgesamt keinen Rhythmus
erinnert und gespielt (sowohl Abfragezeitpunkt 1 als auch 2) haben sechs Teilnehmer der
Patientengruppe, aber nur einer der gesunden Älteren (keiner der jungen Teilnehmer).
Differenziert man die Patientengruppe in die diagnostischen Subgruppen Alzheimerdemenz (AD)
und leichte kognitive Beeinträchtigung (LKB), dann kann ein gradueller Abstieg der
Gedächtnisleistungen für Rhythmen von den jungen Teilnehmern, über die gesunden Älteren, hin
zur LKB und AD beobachtet werden. Die Leistungsdifferenz zwischen Patienten mit LKB und den
gesunden Älteren ist dabei subtil, während der Unterschied zwischen Patienten mit LKB und AD
sehr deutlich ist. Siehe hierzu folgende Tabelle.
Tabelle 10.20 Gedächtnisleistung richtig erinnerter und wiedererkannter Rhythmen im
Gruppenvergleich
Mittelwert: Mittelwert:
Anzahl richtig
gespielter (erinnerter)
Rhythmen (max. 8)
nach beiden Abfragen
Anzahl richtig
wiedererkannter
Rhythmen (max. 4)
nach beiden Abfragen
Junge Gruppe (N=10) 7,6 (SD 1,3) 4
Gesunde Ältere (N=10) 5,2 (SD 2,7) 3,3 (SD 0,7)
LKB (N=4) 4,3 (SD 3,3) 3 (SD 0,8)
AD (N=6) 0,7 (SD 1,6) 2,5 (SD 1,4)
Diese Tabelle zeigt die Gedächtnisleistung für beide Rhythmen im Gruppenvergleich. Dabei wird die
Leistung im Abrufen und Spielen der gelernten Rhythmen, sowie des Wiedererkennens der gelernten
Rhythmen erfasst. Insgesamt konnten nach beiden Abfragen 8 richtige Rhythmen (Rhythmus 1 und 2
gemeinsam) gespielt werden, wenn bei beiden Abfragen beide Rhythmen sowohl ohne, als auch mit
Hinweisreiz richtig eingespielt wurden. Beim richtigen Wiedererkennen der gelernten Rhythmen konnten
insgesamt nach beiden Abfragezeitpunkten maximal 4 richtige Antworten gegeben werden.
Ergebnisse
149
10.4.1.1 Vergleich der drei Gruppen für beide Rhythmen im Detail
Tabelle 10.21 Gedächtnisleistung für beide Rhythmen detailliert im Gruppenvergleich
Junge
Gruppe
(von N=10)
n=
Gesunde
Ältere (von
N=10)
n=
Patienten
(von N=10)
n=
Rhythmus 1
Abfrage 1 9 7 3
Abfrage 1 & 2 9 2 1
Rhythmus 2
Abfrage 1 9 6 4
Abfrage 1 & 2 8 4 3
Hier werden die Gedächtnisleistungen für beide Rhythmen getrennt voneinander dargestellt. Es wird die
Anzahl der Teilnehmer angegeben (n), die bei Abfrage 1, bzw. Abfrage 1 und 2 den jeweiligen Rhythmus
vollständig erinnern und spielen konnten.
Insgesamt gelang den Patienten und den gesunden Älteren das Lernen und Erinnern des zweiten
Rhythmus deutlich besser als der erste. Dies widerspricht den Erwartungen, nachdem der zweite
Rhythmus nach objektiven Kriterien (wie Anzahl unterschiedlicher Zeitwerte, Anzahl Ereignisse
insgesamt sowie Länge des Stimulis) komplexer ist, als der Erste. Es scheinen andere Kriterien zum
Greifen zu kommen (wie z.B. subjektives Gefallen, Tempoempfinden oder Bekanntheitsgrad), die
den Lernprozess bei den gesunden Älteren, aber auch bei den Patienten positiv beeinflussen. Bei
den jungen Teilnehmern kommen diese Kriterien nicht zum Tragen, da sie sich nicht an einer
Leistungsgrenze befinden.
Im Folgenden werden die Gedächtnisleistungen detailliert nach Abfragemodalität (freie
Wiedergabe, Wiedergabe mit Hinweisreiz und Wiedererkennen) dargestellt.
Ergebnisse
150
Tabelle 10.22 Gedächtnisleistung differenziert nach Abfragemodalität im Gruppenvergleich
Rhythmus 1
1. Abfrage
2. Abfrage
Junge
Gruppe
n
Gesunde
Ältere
n
Patienten
n
Junge
Gruppe
n
Gesunde
Ältere
n
Patienten
n
Gespielt und wiedererkannt 8 3 2 8 1
Gespielt nur mit Hinweisreiz und
wiedererkannt 1 4 1 1 1 1
Nur wiedererkannt
2 4 3 3
Nicht gespielt und nicht
wiedererkannt 1 1 3 1 5 6
Mittelwert prozentualer Abweichung vom Originalrhythmus
(in Prozentpunkten)
2,6 (n=8) 5,7 (n=7) 4,8 (n=3) 2,5 (n=9) 3,0 (n=3) 5,1 (n=1)
Rhythmus 2
1. Abfrage
2. Abfrage
Junge
Gruppe
n=
Gesunde
Ältere
n=
Patienten
n=
Junge
Gruppe
n=
Gesunde
Ältere
n=
Patienten
n=
Gespielt
und wiedererkannt 8 4 3 8 2 2
Gespielt nur mit Hinweisreiz und
wiedererkannt 1 2 1 0 1 0
Nur wiedererkannt
3 5 2 5 5
Nicht gespielt und nicht
wiedererkannt 1 1 1 0 2 3
Mittelwert prozentualer Abweichung vom Originalrhythmus
(in Prozentpunkten)
4,0
(n=8) 7,4 (n=5) 9,1 (n=4) 3,6 (n=8) 8,3 (n=3) 9,2 (n=3)
Diese beiden Tabellen zeigen die Gedächtnisleistungen der drei Gruppen für beide Rhythmen im Detail. Die
Leistungen sind nach Abfragemodalität (linke Spalte) bei der jeweiligen Abfrage differenziert. Neben der
Anzahl derjenigen Teilnehmer (n), die die entsprechenden Abfragen richtig lösen, wird auch die Genauigkeit
der gespielten Rhythmen erfasst (letzte Zeile).
Insgesamt fallen die relativ hohen Zahlen derjenigen auf, die den Rhythmus nur mit Hinweisreiz
wiedergeben können. Bei den gesunden Älteren sind dies z.B. beim ersten Rhythmus/ erste Abfrage
vier von sieben Teilnehmern. Auch sind es insgesamt viele Teilnehmer, vor allem aus der
Ergebnisse
151
Patientengruppe, die die Rhythmen zwar nicht mehr spielen können, diese aber richtig
wiedererkennen. Bei beiden Rhythmen gelingt das Erinnern und Spielen der Rhythmen den jungen
Teilnehmern am besten. Die Rhythmen werden schon bei der ersten Abfrage gut erinnert und auch
bis zum zweiten Abfragezeitpunkt nicht vergessen. Bei beiden Rhythmen können zwar noch viele
der gesunden Älteren die erste Abfrage richtig lösen, jedoch fallen die Leistungen dann bis zur
zweiten Abfrage deutlich ab. Die Patienten können beide Rhythmen sowohl bei der ersten, als auch
bei der zweiten Abfrage nicht gut erinnern. Jedoch ist bei denjenigen, die die Rhythmen bei der
ersten Abfrage erinnern konnten, die Vergessensrate eher gering. Die Anzahl derjenigen, die den
jeweiligen Rhythmus weder gespielt noch wiedererkannt haben, ist bei den Patienten am höchsten
(vor allem beim ersten Rhythmus). Allen drei Gruppen fiel das Lernen und Erinnern des zweiten
Rhythmus leichter als des Ersten.
Bisher wurden die Leistungen der Gruppen nur durch die Anzahl überhaupt eingespielter Rhythmen
dargestellt. Doch die eingespielten Rhythmen können auch in ihrer Genauigkeit verglichen werden.
In den obigen beiden Tabellen sind in der untersten Zeile die mittleren Abweichungen vom
Originalrhythmus notiert. Diese werden innerhalb derjenigen Rhythmen gemittelt, die von den
Teilnehmern bei der jeweiligen Abfrage gespielt werden. Vergleicht man diese Mittelwerte
miteinander, werden einzelne Mittelwertsunterschiede signifikant (2-seitig).
Die gesunden Älteren spielen den ersten Rhythmus bei der ersten Abfrage signifikant (p= , 006)
schlechter ein als die junge Kontrollgruppe. Auch den zweiten Rhythmus spielen die gesunden
Älteren bei der ersten Abfrage (p= , 028) und zweiten Abfrage (p= , 004) signifikant schlechter ein
als die junge Gruppe.
10.4.1.2 Zusammenfassung Gruppenvergleich Gedächtnisleistungen
Es zeigen sich insgesamt sehr deutliche Gruppenunterschiede. Dabei fallen die Defizite sowohl der
Patienten, als auch der gesunden Älteren auf. Während aber die Patienten schon bei der ersten
Abfrage deutliche Schwierigkeiten zeigen, ist bei den gesunden Älteren gerade der Vergleich
zwischen erster und zweiter Abfrage mit einem Anstieg an Leistungseinbußen verbunden. Die
Patienten sind nicht in der Lage, sich die Rhythmen ausreichend anzueignen. Dementsprechend
können sie nicht ins Kurzzeit- oder Langzeitgedächtnis übertragen werden. Bei den gesunden
Älteren dagegen gelingt die Aneignung der Rhythmen im Vergleich besser als bei den Patienten,
jedoch auch schlechter als bei den jungen Teilnehmern. Am Ende der ersten Sitzung sind die
Rhythmen gut eingeprägt und abrufbar. Nach einer Woche jedoch ist ein deutliches Nachlassen der
Ergebnisse
152
Gedächtnisleistung für diese beiden Rhythmen zu beobachten. Sowohl die Patienten, als auch die
gesunden Älteren zeigten Unterschiede im Umgang mit den beiden dargebotenen Rhythmen. Beide
Gruppen konnten sich den zweiten Rhythmus deutlich besser einprägen und diesen auch behalten.
Die Patienten konnten die gegebenen Möglichkeiten zum Lernen und Einprägen der Rhythmen
nicht angemessen nutzen. Der Lernprozess wurde durch das Schema der Übungen, durch die
Anzahl der Wiederholungen und des Vorspielens der Rhythmen vorgegeben. Innerhalb der
vorgegebenen Übungen stand es den Teilnehmern frei, die Rhythmen genau so lange zu üben, bis
sie sich ihn gut eingeprägt haben. Die Patienten waren also auch weniger in der Lage, die Zeit
tatsächlich für den Aneignungsprozess zu nutzen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die
Gedächtnisleistung bei einem individuellen angepassten Lernprozess bei den Patienten deutlich
besser wäre.
Hier jedoch wurde gemessen, wie sehr es den Teilnehmern möglich ist, nach einem strukturell
vorgegebenen Ablaufplan die Rhythmen so gut zu lernen, dass sie langfristig gespeichert werden
können. Die gesunden Älteren konnten zum Großteil die Lernphase zur Aneignung der Rhythmen
nutzen. Im Vergleich zu den Jungen zeigen sie dennoch auch schon hier geringere Leistungen.
Die Leistungskurve der musikalisch erfahrenen Patienten ähnelt dem Leistungsverlauf der gesunden
Älteren. Die Gesamtgruppe der gesunden Älteren kann sich im Vergleich zu der Gesamtgruppe der
Patienten insgesamt bei der ersten Abfrage noch relativ gut an die Rhythmen erinnern und diese
spielen. Bei der zweiten Abfrage zeigen die gesunden Älteren dann aber größere Defizite. Dies
wurde mit einer besseren Aneignung der Rhythmen im Vergleich zu den Patienten begründet.
Während es sich demnach bei den gesunden Älteren bei der zweiten Abfrage um ein Abruf-Defizit
handelt, wurde bei den Patienten aufgrund der schlechten Leistungen schon bei der ersten Abfrage
ein Defizit im Enkodierungsprozess vermutet. Die Patienten jedoch mit musikalischer Erfahrung in
der Kindheit zeigen bei der ersten Abfrage deutlich höhere Leistungen als die unerfahrenen
Teilnehmer. Den musikalisch erfahrenen Patienten ist das Einprägen und Lernen der Rhythmen
besser gelungen ist als den musikalisch Unerfahrenen. Nach einer Woche jedoch zeigen sich jedoch
auch hier die bei den gesunden Älteren beobachteten Leistungsgrenzen.
Musikalische Vorerfahrungen aus der Kindheit wirken sich teilweise bei den gesunden Älteren und
deutlicher bei Patienten mit leichter Alzheimerdemenz (bessere Aneignungsfähigkeiten) positiv auf
die gezeigten Leistungen aus. Bei den gesunden Älteren zeigen sich leichte Unterschiede im
Umgang mit dem ersten Rhythmus, der insgesamt schlechter gelernt und behalten wurde, als der
zweite Rhythmus. Hier zeigten die musikalisch Erfahrenen leicht bessere Leistungen als die
Unerfahrenen. Bei den Alzheimerpatienten (LKB ausgeschlossen) wirkt sich musikalische
Ergebnisse
153
Vorerfahrung auf den Aneignungs- und Lernprozess aus. Die Patienten mit Vorerfahrung konnten
beide Rhythmen bei der ersten Abfrage besser erinnern und spielen, als die Patienten ohne
musikalische Erfahrung.
Stärker als die musikalische Erfahrung in der Kindheit wirkt sich der kognitive Status der
Teilnehmer auf die Gedächtnisleistungen aus. Ganz deutliche Unterschiede zeigen sich im Vergleich
der Leistungen zwischen Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (LKB) und leichter
Alzheimerdemenz (AD). Patienten mit LKB konnten im Vergleich zu den Patienten mit AD deutlich
besser die beiden Rhythmen bei der ersten und zweiten Abfrage erinnern.
Der zweite Rhythmus wurde generell von allen Teilnehmergruppen besser erinnert und behalten.
Dies widerspricht vorerst objektiven Kriterien (Länge, Anzahl an Ereignissen, Anzahl verschiedener
Notenwerte) nach denen der zweite Rhythmus komplexer ist als der erste. Dies legt nahe, dass es
andere Kriterien gibt, nach denen die Eingängigkeit von Rhythmen (wie z.B. Bekanntheit,
Bewegungsvorstellung, etc.) und somit auch deren Erinnerungsfähigkeit beschrieben wird. Da diese
„Präferenzunterschiede“ zwischen den beiden Rhythmen auch bei den Patienten feststellbar sind,
gezeigt durch die unterschiedlichen Leistungen für diese beiden Rhythmen, kann man davon
ausgehen, dass die Patienten noch eine intaktes Empfinden dieser subjektiven Kriterien für die
Eingängigkeit von Rhythmen besitzen.
10.4.2 Rhythmen nachspielen
Tabelle 10.23 Leistungen Rhythmen nachspielen im Gruppenvergleich
Junge Gruppe (N=10) Gesunde Ältere (N=10) Patienten (N=10)
Mittelwert Mittelwert Mittelwert
n
der Abweichung vom
Original
(Prozentpunkte) n
der Abweichung vom
Original
(Prozentpunkte) n
der Abweichung vom
Original
(Prozentpunkte)
Rhythmus
1 9 3,3 9 2,8 10 4,4
2 9 2,3 10 2,4 9 4
3 9 2,8 6 4,5 6 5,1
4 9 4,5 8 6,6 8 6,8
5 9 2 9 3,9 6 2,7
6 9 2,2 7 2,7 5 2
7 2 3,9 3 6,6 1 10,5
8 3 4,5 3 5,2
9 1 10,8
10 2 6,9
Diese Tabelle zeigt die Nachspielleistungen der drei Gruppen im Vergleich. Dabei können zwei Dimensionen
miteinander verglichen werden. Zum einen die Anzahl derjenigen Teilnehmer, die einen auswertbaren
Rhythmus einspielen (n), zum anderen die Abweichung vom Originalrhythmus (in Prozentpunkten). Die
unterschiedlich früh einsetzenden Leistungsgrenzen der drei Gruppen sind hier abzulesen.
Ergebnisse
154
Beim Vergleich der Leistungen, Rhythmen so genau wie möglich nachzuspielen, stehen zwei
Leistungsdimensionen zur Verfügung. Zum einen die Anzahl derjenigen, die überhaupt einen
auswertbaren Rhythmus einspielen, zum anderen die Genauigkeit der eingespielten Rhythmen im
Vergleich zum Original.
Auf den ersten Blick zeichnen sich die unterschiedlichen Leistungsgrenzen der drei Gruppen ab.
Die Patienten weisen bis zum einschließlich fünften Rhythmus eine ebenso hohe Beteiligung beim
Einspielen der Rhythmen auf, wie die anderen beiden Gruppen. Dabei erzielen sie aber eine höhere
Abweichung vom Original.
Hier sind die Leistungen der gesunden Älteren sowohl in der Beteiligung als auch der Abweichung
mit den Leistungen der Patienten vergleichbar. Die Gruppe der gesunden Älteren konnte sich bis
zum einschließlich achten Rhythmus beteiligen. Jedoch wird der siebte und achte Rhythmus nur
von wenigen Teilnehmern der Gruppe gespielt. Dagegen kann sich die Gruppe der jungen
Teilnehmer bis zum einschließlich zehnten Rhythmus beteiligen, auch wenn nur wenige Teilnehmer
den siebten bis zehnten Rhythmus spielen. Die Patienten beteiligen sich bis zum einschließlich
siebten Rhythmus, jedoch wird dieser nur von einem Teilnehmer nachgespielt. Insgesamt kann man
festhalten, dass die gesunden Älteren ihre absolute Leistungsgrenze eher erreichen als die junge
Gruppe, und die Patienten ihre absolute Leistungsgrenze eher erreichen als die gesunden Älteren.
Bis zum einschließlich sechsten Rhythmus spielen durchgängig neun Teilnehmer der jungen Gruppe
auswertbare Rhythmen ein. Bei den anderen beiden Gruppen variiert die Teilnehmerzahl in etwa
vergleichbarer Weise bis zu diesem Rhythmus (zwischen sechs und zehn Teilnehmern). Bis zum
einschließlich sechsten Rhythmus erzielt die junge Gruppe einen Mittelwert der prozentualen
Abweichung (Rhythmus 1 bis 6) von 2,9 Prozentpunkten, die gesunden Älteren erreichen im Mittel
3,8 Prozentpunkte und die Patienten 4,2 Prozentpunkte Abweichung vom Original. Die insgesamt
erreichten mittleren prozentualen Abweichungen vom Original unterscheiden sich zwischen den
Gruppen im Mittelwertsvergleichstest (t-Test) nicht signifikant.
Nach dem sechsten Rhythmus sind nur noch geringe Beteiligungen und zwischen den Gruppen
unterschiedliche Leistungen zu beobachten.
Das folgende Liniendiagramm visualisiert den Verlauf der Beteiligung der einzelnen Gruppen über
die zehn Rhythmen hinweg. Hier wird die Dimension der Anzahl derjenigen Teilnehmer erfasst, die
den jeweiligen Rhythmus nicht auswertbaren einspielen können.
Ergebnisse
155
Diagramm 10.2 Anteil der Teilnehmer die den jeweiligen Rhythmus nicht auswertbar nachspielen
können im Gruppenvergleich
Dieses Liniendiagramm zeigt im Gruppenvergleich den Anteil derjenigen Teilnehmer in Prozent (y-Achse),
die den jeweiligen Rhythmus (x-Achse) nicht mehr auswertbar einspielen können.
Für die Beurteilung der Gesamtleistung Rhythmen nachzuspielen ist die Beteiligung von
wesentlicher Bedeutung (siehe hierzu Analysemethoden). Deutlich zu erkennen ist die
Gesamtbeteiligung der jungen Kontrollgruppe bis zum einschließlich sechsten Rhythmus.
Außerdem ist ersichtlich, dass die Gruppe der gesunden Älteren für die Mehrzahl der Rhythmen
eine geringere Zahl an nicht Beteiligten aufweist, als die Gruppe der Patienten.
Im Folgenden schließt sich die Visualisierung der eingespielten Abweichungen für die einzelnen
Rhythmen im Verlauf an.
Ergebnisse
156
Diagramm 10.3 Erreichte mittlere prozentuale Abweichung vom Original (in Prozentpunkten) über
die zehn Rhythmen hinweg im Gruppenvergleich
Dieses Diagramm zeigt die Leistungen (prozentuale Abweichung vom Original) der drei Gruppen im
Vergleich, über die zehn Rhythmen (mit aufsteigendem Schwierigkeitsgrad) hinweg.
Nach dem siebten Rhythmus bei den Patienten, bzw. achten Rhythmus bei den gesunden Älteren, werden
keine auswertbaren Abweichungen mehr erzielt. Die Grundtendenzen (Empfindung für Schwierigkeit der
Rhythmen) sind bei allen drei Gruppen ähnlich (ähnliche Bewegungsrichtungen).
10.4.2.1 Zusammenfassung Gruppenvergleich
Insgesamt zeigen sich auch bei dieser Aufgabe deutliche Gruppenunterschiede.
Die jungen Erwachsenen zeigen bessere Leistungen als die gesunden Älteren, die gesunden Älteren
zeigen bessere Leistungen als die Patienten. Dies ist in allen drei Ergebnisdimensionen feststellbar:
höhere Beteiligung beim Einspielen der Rhythmen, eine geringere prozentuale Abweichung vom
Original, und später erreichte Leistungsgrenze innerhalb der zehn Rhythmen.
Für die Patienten liegt die absolute Leistungsgrenze beim siebten Rhythmus. Obwohl beim sechsten
Rhythmus noch von wenigen Teilnehmern ein recht gutes Ergebnis erzielt wurde, kann der siebte
Rhythmus nur noch von einem Patienten mit grenzwertiger Abweichung gespielt werden. Hier
zeigen sich bei den gesunden Älteren noch Reserven, bevor sie beim neunten Rhythmus ihre
Ergebnisse
157
Leistungsgrenze erreichen. Bei der jungen Teilnehmergruppe zeigten sich erst sehr spät
(Rhythmus 7) überhaupt Leistungseinbußen. Zu diesem Zeitpunkt haben die Patienten ihre absolute
Leistungsgrenze erreicht.
Grundlegend ergibt sich hier ein ähnliches Bild wie bei der Gedächtnisaufgabe. Während die jungen
Teilnehmer die besten Leistungen zeigen und die Patienten die größten Schwierigkeiten bei der
Bearbeitung aufweisen, liegen die gesunden Älteren im Mittelfeld. Bei den Patienten jedoch hat bei
dieser Aufgabe die Diagnosestellung weniger Einfluss auf die Leistungen als bei der
Gedächtnisaufgabe.
Musikalische Vorerfahrungen jedoch, belegt durch Instrumentalunterricht in der Kindheit, wirken
sich sowohl bei den Patienten, als auch bei den gesunden Älteren signifikant auf die Leistungen aus.
10.4.3 Rhythmen unterscheiden
Tabelle 10.24 Rhythmen unterscheiden im Gruppenvergleich
Richtig beurteilte
Paare (von N=9)
n= Standard-
abweichung
Junge Gruppe 8,6 0,7
Gesunde Ältere 7,4 0,8
Patienten 6,6 1,6
Die Gruppe junger Teilnehmer hat die meisten Rhythmuspaare richtig beurteilt. Die gesunden
Älteren haben weniger Paare richtig beurteilt als die jungen Teilnehmer, aber mehr als die Patienten.
Bei den Patienten fällt die größere Standardabweichung im Vergleich zu den anderen beiden
Gruppen auf. Das Ergebnis der jungen Teilnehmer unterscheidet sich signifikant von dem der
gesunden Älteren (p =, 004) und der Patienten (p = , 003). Die Gruppe der gesunden Älteren
unterscheidet sich nicht signifikant von der Gruppe der Patienten (p = , 234).
Subjektiv entstand bei der Betreuung dieser Aufgabe der Eindruck, dass die meisten Teilnehmer die
Aufgabe mit den wenigsten Schwierigkeiten im Vergleich zu den beiden anderen Aufgaben lösten.
Die jungen Teilnehmer sind nicht an ihre Leistungsgrenzen gestoßen. Acht von zehn Teilnehmern
konnten alle Rhythmuspaare richtig beantworten. Bei den gesunden Älteren hat jedoch keiner der
Gruppe alle Rhythmen richtig beurteilt. Etwas mehr als die Hälfte der Teilnehmer konnten aber acht
der Paare richtig bewerten.
Ergebnisse
158
Diagramm 10.4 Hörend richtig beurteilte Paare im Gruppenvergleich
Die Grafik zeigt den Anteil (in Prozent) der Teilnehmer der jeweiligen Gruppe, der das entsprechende
Rhythmuspaar (x-Achse) richtig beurteilt (gleich oder verschieden) hat. Den neunten Rhythmus beantworten
jeweils 100% sowohl gesunden Älteren als auch die Patienten richtig, was hier aufgrund der Überlagerung
nicht ersichtlich wird.
Die Schwierigkeit der zu beurteilenden Paare wird von den drei Gruppen weitestgehend ähnlich empfunden.
Innerhalb der Grafik kann die Tendenz zu „parallelen Bewegungen“ der Linien vor allem zwischen der
Gruppe der gesunden Älteren und der Patienten, zwischen Rhythmuspaar 5 bis 9 beobachtet werden. Somit
kann zwar ein geringerer Anteil der Patienten die jeweiligen Paare richtig beurteilen, jedoch bleibt das
Gespür für subjektiv empfundene Schwierigkeiten bei der Beurteilung der Rhythmen auch bei den Patienten
erhalten. Dies weist auch darauf hin, dass die Beurteilungen der Patientengruppe nicht zufällig entstanden
sind.
Zur besseren Einschätzung der Schwierigkeit der einzelnen Paare, werden im Folgenden die
Notationen dargestellt. Somit können Rückschlüsse von den eventuellen Schwierigkeiten der
Gruppe bei der richtigen Bewertung, auf musikalische Fakten/ Konstellationen innerhalb der
Rhythmen zurückgeführt werden.
Ergebnisse
159
Tabelle 10.25 Rhythmen unterscheiden, Gruppenvergleich der richtig beurteilten Paare im Detail
1. Rhythmuspaar
a. b. Ergebnis
Gleich
Anzahl Teilnehmer mit richtiger Beurteilung
Junge Gruppe 10
Gesunde Ältere 8
Patienten 8
2. Rhythmuspaar
a. b. Ergebnis
Ungleich
Anzahl Teilnehmer mit richtiger Beurteilung
Junge Gruppe 10
Gesunde Ältere 9
Patienten 8
3. Rhythmuspaar
a. b. Ergebnis
Gleich
Anzahl Teilnehmer mit richtiger Beurteilung
Junge Gruppe 10
Gesunde Ältere 8
Patienten 9
Ergebnisse
160
4. Rhythmuspaar
a. b. Ergebnis
Gleich
Anzahl Teilnehmer mit richtiger Beurteilung
Junge Gruppe 10
Gesunde Ältere 9
Patienten 7
5. Rhythmuspaar
a. b. Ergebnis
Ungleich
Anzahl Teilnehmer mit richtiger Beurteilung
Junge Gruppe 10
Gesunde Ältere 10
Patienten 8
6. Rhythmuspaar
a. b. Ergebnis
Gleich
Anzahl Teilnehmer mit richtiger Beurteilung
Junge Gruppe 10
Gesunde Ältere 10
Patienten 8
Ergebnisse
161
7. Rhythmuspaar
a. b. Ergebnis
Gleich
Anzahl Teilnehmer mit richtiger Beurteilung
Junge Gruppe 10
Gesunde Ältere 7
Patienten 6
8. Rhythmuspaar
a. b. Ergebnis
Gleich
Anzahl Teilnehmer mit richtiger Beurteilung
Junge Gruppe 7
Gesunde Ältere 3
Patienten 3
9. Rhythmuspaar
a. b. Ergebnis
Ungleich
Anzahl Teilnehmer mit richtiger Beurteilung
Junge Gruppe 9
Gesunde Ältere 10
Patienten 10
Alle Rhythmen wurden im Tempo 80 bpm vorgespielt.
Die vorliegenden Daten zeigen, dass alle Teilnehmer mit Rhythmuspaar 8 Schwierigkeiten hatten.
Nur noch sieben der jungen Teilnehmer und jeweils drei der gesunden Älteren und Patienten
Ergebnisse
162
konnten dieses Paar richtig beurteilen. Bis zum fünften zu beurteilenden Rhythmuspaar zeigen die
gesunden Älteren eine bessere Unterscheidungsfähigkeit als die Patienten. Beim sechsten Paar
zeigen beide Gruppen (gesunde Ältere und Patienten) größere Schwierigkeiten, jedoch urteilen
sieben Gesunde Ältere richtig und sechs Patienten. Das achte und neunte Paar wird von diesen
beiden Gruppen mit gleichem Anteil richtig beurteilt. Die jungen Teilnehmer beurteilen bis
einschließlich Paar 7 alle Rhythmuspaare richtig. Rhythmuspaar 8 lösen nur sieben Teilnehmer
richtig, Rhythmuspaar 9 wieder neun von zehn Teilnehmern.
Bei dieser Aufgabe können insgesamt ähnliche Muster entdeckt werden, wie bei den anderen beiden
Aufgaben. Die jungen Teilnehmer zeichnen sich durch die beste Leistung aus. Diese Gruppe
erreicht nicht ihre Leistungsgrenzen. Die gesunden Älteren zeigen zu Beginn der Aufgabe bessere
Leistungen als die Patienten. Man kann darauf schließen, dass Schwierigkeiten der einzelnen
Rhythmuspaare von den beiden Gruppen ähnlich empfunden werden. Ab dem siebten
Rhythmuspaar jedoch sinken die Leistungen der gesunden Älteren. Diese nähern sich dann den
Leistungen der Patienten an. Den zehnten Rhythmus können beide Gruppen wieder problemlos
richtig beurteilen.
Die hier ermittelten Gruppenunterschiede werfen Fragen auf. Die Aufgabe, Rhythmen hörend
voneinander zu unterscheiden, forderte die Teilnehmer nicht zu einer aktiven Handlung auf. Die
Teilnehmer hatten eine Aufgabe mental zu lösen und eine Beurteilung abzugeben. Die Hürde für
alle Teilnehmer musste viel größer sein, aktiv das Instrument zu benutzen und Rhythmen
einzuspielen. Die Rhythmen der Paare in dieser letzten Aufgabe waren sehr kurz (siehe Notationen).
Es wurde erwartet, dass die Rhythmen nach dem zweimaligen Hören in der auditorischen Schleife
aktiv gehalten werden, während der zweite Rhythmus dann zum Vergleich auf diese „Schablone“
gelegt wird. Die Aufgabe, zwei musikalische Ereignisse rezeptiv miteinander zu vergleichen, ist ein
wesentlicher Bestandteil nicht nur von Tests zur Überprüfung von Musikalität oder Rezeptivität
(z.B. bei Schlaganfallpatienten). Vielmehr ist das „Halten“ bestimmter repräsentierter musikalischer
Events für einen kleinen, begrenzten Zeitraum, auch für die Rezeption und das Erfassen von Musik
ganz allgemein, also für den alltäglichen Umgang mit Musik von Bedeutung. Bei dieser Aufgabe
unterschieden sich die Leistungen der drei Gruppen auf den ersten Blick geringfügig voneinander.
Jedoch relativiert sich diese Geringfügigkeit, angesichts der sehr schmalen Skala der möglichen
Leistungen. Die Wahrscheinlichkeit, die Hälfte der Paare per Zufall richtig geraten zu haben betragt
24%. Die Wahrscheinlichkeit, durch Raten genau die lfte richtig und die Hälfte falsch zu haben,
ist dabei am größten. Die hier innerhalb der drei Gruppen ermittelten Ergebnisse bewegen sich ab
sechs Richtige aufwärts. Die Wahrscheinlichkeit, das Ergebnis durch Raten erzielt zu haben, ist
somit bei dem Ergebnis der Patienten am größten, bei den gesunden Älteren geringer und den
Ergebnisse
163
jungen Teilnehmern am geringsten. Eine höhere Anzahl an zu vergleichenden Paaren hätte die
Wahrscheinlichkeit, das Ergebnis auch durch Raten getroffen zu haben, minimiert. Jedoch stellte
das durchgeführte Pensum für die Patienten ein noch gut realisierbares Format dar. Weitere
Aufgaben hätten die Konzentrations- und Aufmerksamkeitsleistung der Patienten deutlich reduziert.
Die Ergebnisse dieser Höraufgabe muss man daher vor allem im Zusammenhang mit den beiden
vorhergehenden Aufgaben betrachten. Die Aufgaben stellen von ihrer Struktur her eine fortlaufende
Reduzierung der untersuchten Parameter dar. Die Gedächtnisaufgabe setzt nicht nur eine sensible
Wahrnehmung, sondern auch exaktes Nachspielen sowie aktive Gedächtnisleistungen voraus. Das
Nachspielen von Rhythmen wird um die Gedächtnisanforderungen reduziert, und konzentriert sich
auf die Wahrnehmung und das exakte Wiedergeben. Die letzte Aufgabe verzichtet auch auf die
Wiedergabeleistung und testet allein das Wahrnehmen eines Rhythmus. Und es hat sich gezeigt,
dass die Veränderungen im Umgang mit Rhythmen, bis in die basalen Wahrnehmungsfähigkeiten
hineinreichen. Selbst bei der letzten Aufgabe sind Gruppenunterschiede zu erkennen, die im
Zusammenhang mit den Ergebnissen der vorherigen Aufgaben umso deutlicher werden. Die
Höraufgabe konnte somit die Wurzeln der unterschiedlichen Leistungen definieren. Diese reichen
bis hinein in die primäre Wahrnehmung und Repräsentation eines Rhythmus.
10.5 Zusammenfassung Ergebnisse
10.5.1 Gedächtnisaufgabe
Es hat sich gezeigt, dass die junge Kontrollgruppe zu großen Teilen beide Rhythmen nach einer
Woche noch abrufen und spielen kann. Die gesunden Älteren sind dazu nur in sehr viel geringerem
Maße fähig. Die Leistungen der gesunden Älteren nähern sich nach einer Woche deutlich den
Leistungen der Patientengruppe an. Jedoch zeigen die Leistungen bei der ersten Abfrage, dass die
nach einer Woche beobachteten Defizite bei beiden Gruppen nicht auf gleiche Wurzeln
zurückzuführen sind. Bei der Abfrage im Anschluss an die Lernphase (nach einer Unterbrechung
des Memoriervorgangs), zeigten die gesunden Älteren noch eine deutlich höhere
Gedächtnisleistung als die Patienten. Während die Patienten schon bei der ersten Abfrage kaum in
der Lage sind, die Rhythmen abzurufen, können knapp Dreiviertel der gesunden Älteren beide
Rhythmen bei der ersten Abfrage noch erinnern. Dies deutet drauf hin, dass die Lernphase bei den
Patienten nicht ausreichte, bzw. nicht angemessen umgesetzt werden konnte, um sich die Rhythmen
ausreichend anzueignen. Die gesunden Älteren konnten die Lernphase jedoch soweit nutzen, um die
Ergebnisse
164
Rhythmen kurzfristig abzuspeichern. Das Defizit der gesunden Älteren zeigte sich in der
„Vergessensrate“ nach einer Woche.
Insgesamt wurde der zweite Rhythmus besser behalten als der erste Rhythmus. Dies zeigte sich
über alle drei Gruppen hinweg. Demnach verfügt der zweite Rhythmus über subjektive Attribute
und Merkmale, die das Einspeichern erleichtern. Für diese subjektiven Attribute sind auch die
Alzheimerapatienten noch empfänglich, da sich auch in dieser Gruppe die „Präferenz“ hinsichtlich
des zweiten Rhythmus zeigte.
Der Zusammenhang zwischen musikalischer Vorerfahrungen und verbesserter Gedächtnisleistung
war nicht signifikant. Während sich die Leistungen der musikerfahrenen gesunden Älteren beim
zweiten Rhythmus nicht von den Leistungen der Unerfahrenen unterschieden, konnten die
Musikerfahrenen den ersten Rhythmus aber besser erinnern als die Unerfahrenen.
Die Alzheimerpatienten (LKB ausgeschlossen) mit musikalischer Vorerfahrung in der Kindheit
(Instrumentalunterricht) konnten die Lernphase zur Aneignung der Rhythmen besser nutzen. Dies
spiegelt sich in besseren Erinnerungsleistungen für die Rhythmen bei der ersten Abfrage wieder.
Die Erfahrungen verbesserten aber nicht eine langfristige Speicherung der Rhythmen. Bei der
zweiten Abfrage sind die Ergebnisse der musikerfahrenen und musikunerfahrenen Patienten
ähnlich.
Stärker als die musikalische Vorerfahrung fällt die Diagnosestellung der Patienten ins Gewicht.
Patienten mit LKB zeigen deutlich bessere Leistungen als Patienten mit leichter Alzheimerdemenz.
Bei den Patienten mit LKB zeigt sich kein Einfluss musikalischer Vorerfahrung auf die
Gedächtnisleistungen. Dies ließe sich durch die unterschiedlichen kognitiven Zuständen der
Probanden, als auch durch die sehr geringe Gruppengröße begründen.
10.5.2 Rhythmen nachspielen
Insgesamt können im Vergleich zu den anderen beiden Gruppe die meisten jungen Teilnehmer die
Rhythmen am genauesten nachspielen. Die Leistungsgrenze der jungen Teilnehmer ist im Vergleich
erst spät auszumachen. Bis zur Leistungsgrenze wird von den jungen Teilnehmern sowohl die hohe
Gesamtbeteilung, als auch die geringe Abweichung vom Originalrhythmus am weitesten innerhalb
der zehn Rhythmen fortgeführt. Die gesunden Älteren zeigen bei den ersten Rhythmen ähnliche
Leistungen wie die Alzheimerpatienten. Jedoch ist die absolute Leistungsgrenze der Patienten
deutlich vor der Grenze der gesunden Älteren auszumachen. Die bei den Patienten früh einsetzende
geringere Beteiligung am Nachspielen der Rhythmen weist darauf hin, dass die Gruppe der
Patienten in ihren Nachspielleistungen heterogener ist, als die der gesunden Älteren.
Sowohl bei den gesunden Älteren, als auch bei den Patienten wirkt sich eine musikalische
Fazit der Studie
165
Vorerfahrung aus der Kindheit deutlich auf die Fähigkeit aus, Rhythmen so exakt wie möglich
nachzuspielen.
10.5.3 Rhythmen unterscheiden
Auch bei dieser Aufgabe werden die vorher beobachteten Abstufungen deutlich. Während die
jungen Teilnehmer die meisten Rhythmuspaare richtig beurteilen, weisen die gesunden Älteren
durchschnittlich weniger richtige Beurteilungen auf. Die Patienten erreichen den geringsten
Mittelwert richtiger Urteile. Somit konnte gezeigt werden, dass die in den vorhergehenden
Aufgaben ermittelten Leistungsunterschiede bis in die basale Wahrnehmung von Rhythmen verfolgt
werden kann. Die Repräsentation eines gehörten Rhythmus erfolgt bei den Patienten und auch bei
den gesunden Älteren nicht in der Prägnanz, wie bei den jungen Teilnehmern.
11 Fazit der Studie
Bisher ist nur wenig über grundlegende musikalische Fähigkeiten im Alter und mit
Alzheimerdemenz bekannt. Bisherige Studien zur Wirkung von Musiktherapie bei Demenz weisen
vermehrt auf eine allgemeine Ressource im musikalischen Bereich hin. Hauptfokus der
vorliegenden Studie stellten die Wahrnehmungsfähigkeiten eines basalen musikalischen Elements
dar. Die Fähigkeit, grundlegende musikalische Elemente wahrzunehmen, sie zu repräsentieren und
ggf. auch zu speichern, dürfte grundlegend für alle weiteren Fragen musikalischer Anwendung und
Forschung sein. Es muss jedoch betont werden, dass durch eine veränderte Wahrnehmung nicht
zwangsläufig die Funktion von Musik oder das Empfinden von Musik verändert wird.
Die Erkenntnisse dieser Studie zeigen Unterschiede der Wahrnehmung von Rhythmen zwischen
drei Gruppen auf. Hierbei ist zum einen der Vergleich zwischen Jung und Alt, zum anderen der
Vergleich zwischen gesund alternden und pathologisch alternden (Alzheimerdemenz) Menschen
relevant. Junge Menschen nehmen Rhythmen anders wahr, als ältere Menschen und als
Alzheimerpatienten. Junge Menschen können sich Rhythmen nach kurzer Lernphase besser merken
als ältere Menschen. Alzheimerpatienten zeigen im Vergleich mit den gesunden Älteren größere
Schwierigkeiten im Umgang mit den Rhythmen. Der Klang eines kurzen Rhythmus ist für junge
Menschen so eingängig, dass sie ihn bis zu einer gewissen Grenze relativ sicher nachspielen
können. Bei älteren Menschen ist diese Grenze früher. Wird der Rhythmus länger und
Exkurs: Fallbeispiel
166
komplizierter, dann fällt es den älteren Menschen schwer, ihn gut und präzise zu erfassen. Das
Wahrnehmen eines komplizierten Rhythmus überfordert die Aufnahmekapazitäten im Alter. Für
Alzheimerpatienten ist das rein auditive Vorspielen eines Rhythmus nicht ausreichend fassbar. Wie
ein Patient sagte „der Rhythmus zerfällt gleich wieder“. Alzheimerpatienten erreichen nur schwer
und mit musikalischer Erfahrung eine „klare“ Repräsentation eines Rhythmus. Nach
Patientenbeschreibungen kann man sich das Wahrnehmen eines Rhythmus eher als Gesamtereignis
vorstellen. Der Rhythmus wird zwar wahrgenommen, jedoch nur als Gesamteindruck hinterlegt.
Der Charakter und die wesentliche Bewegung eines Rhythmus können dann natürlich präsent sein.
Jedoch ist keine detaillierte Wiedergabe der zeitlichen Ereignisse möglich. Die Leichtigkeit in der
Erfassung und Repräsentation eines Rhythmus scheint vor allem jungen Menschen eigen zu sein.
Der Umgang mit den Rhythmen gelang vor allem denjenigen Älteren und demenziell Erkrankten
besser, die in ihrer Kindheit bereits mit einem Instrument vertraut wurden. Selbst durchschnittlich
drei Jahre Instrumentalunterricht in der Kindheit verbessern den Umgang mit musikalischen
Rhythmen im Alter deutlich. Vor allem wenn pathologische Prozesse den kognitiven Zustand
angreifen, zeigen sich die früh angelegten Strukturen musikalischer Verarbeitung als
leistungsfördernd. Dass diese angelegten „Reserven“ auch Grenzen haben, zeigen die
Gedächtnisleistungen. Gedächtnisstörungen sind wesentliches und erstes Symptom der
Alzheimerdemenz. Schon im leichten Erkrankungsstadium wirken sich musikalische
Vorerfahrungen hier nicht mehr deutlich aus.
12 Exkurs: Fallbeispiel
Eine Patientin mit fortschreitender leichter Alzheimerdemenz erscheint mit ihrer Tochter in der
Klinik. Die Patientin möchte an der laufenden Musik-Studie teilnehmen. Bei Musik sei ihre Mutter
immer ganz glücklich, begründet die Tochter die Teilnahme an der Studie.
Im Gespräch stellt sich heraus, dass Musik ein wesentlicher Teil des Lebens von der Patientin ist.
Sie war zwar nicht Musikerin oder Musiklehrerin. Sie hat auch nicht seit frühester Kindheit ein
Instrument gelernt. Frau B. hat als junge Frau die Hauswirtschaftschule besucht und war später
vor allem Hausfrau und Mutter von vier Kindern. Musik zieht sich dennoch wie ein roter Faden
durch das Leben von Frau B . Es ist ihr religiöser Glaube, der die Verknüpfung zur Musik herstellt.
Frau B. wuchs in einer streng gläubigen Familie auf und erlebte von Kindesbeinen an private
Gottesdienste der kleinen Glaubensgemeinschaft. Das Singen spielte hier immer eine zentrale Rolle.
Bis heute besucht Frau B. regelmäßig diese Gottesdienste und singt weiterhin im Chor mit. „Über
Exkurs: Fallbeispiel
167
Musik kann ich immer mit meiner Mutter sprechen“ sagt die Tochter. Als sei die Musik auch eine
intime Verknüpfung zwischen ihnen beiden. Etwas gemeinsam zu tun, gemeinsam zu koordinieren
schenkt beiden Orientierung. Während sich so vieles verändert in ihrem Alltag und ihrer Beziehung,
tut Musik als feste Größe beiden gut.
Frau B. präsentiert sich mir im Gespräch als musikalisch noch sehr aktiv. Frau B. spielt noch
unzählige Kirchenlieder auswendig am Klavier. Als ihr jedoch ein kurzer Rhythmus vorgespielt
wird, kann sie diesen nicht nachspielen. Sie spielt eine lose Folge an Schlägen und schaut
erwartungsvoll hoch. War das richtig? Frau B. kann es nicht beurteilen. Ganz gleich wie oft ihr der
Rhythmus vorgespielt wird, egal wie kurz oder lang der Rhythmus ist, Frau B. kann keinen der
Rhythmen nachspielen. Sie selbst hat das Gefühl, die Aufgabe gut gemacht zu haben.
Musik habe sie ihr Leben lang begleitet sagen Mutter und Tochter. Dennoch scheitert die Patientin
an der Aufgabe, einen kurzen Rhythmus nachzuspielen.
Hier zeigt sich ein noch nicht erklärter Widerspruch. Sowohl Grenzen als auch Möglichkeiten der
Musik für Alzheimerpatienten lassen sich an diesem Beispiel ablesen. Die Grenzen sind durch die
Studienergebnisse sehr deutlich geworden. Das rein kognitive, bewußte Erfassen eines Rhythmus
geht im Laufe der Alzheimerdemenz verloren. Es ist anzunehmen, dass dies mit Melodien oder
Tonhöhen ähnlich verläuft. Jedoch scheinen sich diese kognitiv musikalischen Fähigkeiten im
direkten Umgang mit Musik vor allem für den Betroffenen, aber auch für andere Beteiligte, nicht zu
zeigen. Vielmehr wird Musik tatsächlich als Ressource erlebt. Dass sie dies im Sinne einer
Reservekapazität kognitiver Fähigkeiten nicht ist, wurde durch diese Studie gezeigt. Die positive
Resonanz der Patienten und Angehörigen aber im direkten Erleben werfen die drängende Frage auf,
was denn nun eigentlich die Ressource von Musik ist. Falls es nicht die kognitive Komponente ist,
bietet sich die emotionale oder auch interpersonale Komponente an. Informationen hierüber liegen
zunächst nur aus Erfahrungsberichten vor. Die Klärung desjenigen Elements von Musik, das als
DIE Ressource von Alzheimerpatienten innerhalb der Musik erklärt werden kann, dürfte
wegweisend für kommende Studien sein.
Diskussion und Ausblick
168
13 Diskussion und Ausblick
Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.
Arthur Schopenhauer
13.1 Diskussion von Methodik und Ansatz
Eine kritische Einbettung der vorgestellten Studie ist insbesondere notwendig, da sie sich nicht in
eine methodisch langjährig erfahrene Forschungstradition einordnen kann. Die Darstellung der
bisherigen Forschungsliteratur zeigte, dass sich gängige Studienparadigmen in Bezug auf die
Untersuchung des Zusammenhangs Musik und Alter, bzw. vor allem Musik und Alzheimerdemenz,
bisher noch nicht ausreichend etablieren konnten. Rückblickend kann das Paradigma der
vorgestellten Studie am ehesten aus einer psychologischen Perspektive heraus erklärt werden. Ein
wesentlicher Kernpunkt der hier vorgestellten Arbeit soll die integrierte Prozesshaftigkeit der
Studienplanung und Studiendurchführung sein. Als Ergebnis dürfen nicht nur die ermittelten
Enddaten diskutiert werden. Vielmehr muss der gesamte Bogen der eigenen Platzierung innerhalb
dieses Forschungsfeldes, aus einer von den Wurzeln musikwissenschaftlichen Perspektive heraus
diskutiert werden.
Die Planungen der vorliegenden Arbeit fußen auf einer Kombination aus wissenschaftlicher
Recherche und Erfahrungen der alltäglichen Praxis (in Altenzentren und Pflegeinrichtungen, siehe
hierzu Stichprobe Alzheimerpatienten). Allein auf dieser Basis eröffnete sich eine Vielzahl an
Möglichkeiten, den wissenschaftlichen Schwerpunkt anzusetzen. Die Entscheidung der
thematischen Zielsetzung fiel schließlich auf den Bereich der musikalischen Wahrnehmung. Von
einer anfänglichen Konzentration auf musikalisches Training wurde im Laufe der Planungen und
Vortests immer weiter Abstand genommen. Die grundlegende wissenschaftliche Haltung zielte auf
eine möglichst „objektive“, quantitative Untersuchung. Demnach entsprang das endgültige Design
weniger einer zugrundeliegenden Hypothese (theoretisches Hintergrundmodell), als vielmehr dem
Wunsch, eine grundlegende objektive Wissensbasis zu ermöglichen. Dieser Ansatz kann vor dem
Hintergrund der Anwendbarkeit kritisch diskutiert werden. Gerade aus dem Bereich der Pflege oder
der Musiktherapie entwickelten sich bisher Ansätze, die vor allem den Nutzen musikalischer
Interventionen für den Alzheimerpatienten, dessen Bedürfnisse und Wünsche fokussierten. Für die
hier vorgestellte Studie jedoch sollten Grundlagendaten zur musikalischen Verarbeitung generiert
werden, die primär nicht dem Einzelnen im therapeutischen Sinne dienen, die dagegen aber für die
Diskussion und Ausblick
169
Wissenschaft eine neue Ausgangsbasis ermöglichen sollten. Somit hat die durchgeführte Studie von
Grund auf explorativen Charakter.
Für die Interpretation der Ergebnisse ist bei der hier vorgestellten Studie vor allem der
Gruppenvergleich relevant. Die Einzelergebnisse als „Rohdaten“ haben wenig interpretatorisches
Potential, wohingegen die Relation zu den anderen Gruppen das wesentliche Element darstellt.
Somit stehen vor allem Eigenschaften der Stichproben zur Diskussion.
Bei den beiden älteren Gruppen (Gesunden Älteren und Patienten) ist die Alterseinordnung vor dem
Hintergrund der demografischen Veränderungen nicht scharf genug definiert. Als einziges
Alterskriterium für beide Gruppen wurde ein Mindestalter von 60 Jahren festgelegt. Gerade
angesichts der sich verändernden Altersstruktur und der damit einhergehenden Veränderung der
älteren Kohorte(n), sind subtilere Altersstufen immer notwendiger. Somit müsste die
Studienplanung einen festgelegten Altersbereich integrieren (z.B. nur drittes oder viertes
Lebensalter). Dieser zielgerichteten Selektion einer spezifischen Altersgruppe stehen jedoch rein
praktische Erwägungen im Wege. Die Wahrscheinlichkeit, an der Alzheimerdemenz zu erkranken,
wächst mit zunehmendem Alter, sodass Gruppen mit Alzheimerpatienten von Grund auf eine eher
höhere Altersstruktur aufweisen.
In der hier vorliegenden Studie ist zwar das Durchschnittsalter der beiden älteren Gruppen
annähernd ähnlich, jedoch ist die Spannbreite innerhalb der Gruppen sehr hoch. Sowohl in der
Patientengruppe, als auch in der Gruppe der gesunden Älteren ist zwischen dem jüngsten und
ältesten Probanden eine Differenz von ca. zwei Jahrzehnten. Aufgrund der paarweisen Zuordnung
der gesunden Älteren zu den Patienten, ist die Altersunterscheidung zwischen den einzelnen
Probanden einer Gruppe zumindest in beiden älteren Gruppen ähnlich. Bei folgenden Studien
jedoch sollte der Altersfaktor mit mehr Aufmerksamkeit in das Studienmodell integriert werden.
Die Zusammensetzung der Gruppe der Alzheimerpatienten ist aus einer weiteren Perspektive
kritisch einzubetten. Die Zusammenarbeit mit der Sektion Gerontopsychiatrie der Uniklinik
Heidelberg ermöglichte eine größtmögliche Expertise in der wissenschaftlichen Arbeit mit
Alzheimerpatienten. Somit wurde die Studie auf eine solide diagnostische Basis gestellt. Die
Rekrutierung von Alzheimerpatienten in dem angestrebten leichten Erkrankungsstadium wäre
außerhalb der Gedächtnisambulanz nicht möglich gewesen. Jedoch ist die hier untersuchte Gruppe
an Patienten hinsichtlich diagnostischer Kriterien nicht homogen. Die Patientengruppe teilt sich in
Patienten mit diagnostizierter Leichter kognitiver Beeinträchtigung und mit Alzheimerdemenz.
Diese diagnostische Differenz entstand durch den realisierten Rekrutierungsweg. Die Patienten der
Gedächtnisambulanz wurden über ausgelegte Flyer und direkt über den Ambulanzarzt
angesprochen. Erst nach Kontaktaufnahme und entsprechender Testung konnte die Patientenakte
Diskussion und Ausblick
170
hinsichtlich der genauen Diagnosestellung gesichtet werden. Während bei einem Großteil der
Gruppe die eindeutige Diagnose der beginnenden Alzheimerdemenz gestellt wurde, ist bei vier
Patienten die Diagnose der Leichten kognitiven Beeinträchtigung erfolgt. Alle Probanden der
Patientengruppe weisen keine weiteren ausschließenden psychiatrischen Erkrankungen auf. Die
jährliche Konversationsrate von Patienten mit Leichter kognitiver Beeinträchtigung liegt bei 15%,
das heißt, nach fünf Jahren sind 70-75% der dieser Patienten an Alzheimerdemenz erkrankt. Bei
allen eingeschlossenen Patienten mit Leichter kognitiver Beeinträchtigung lag ein erhöhter Wert des
tau-Proteins im Liquor vor, was auf eine weitere Entwicklung hin zur Alzheimerdemenz hinweist
(siehe Kapitel 3 zur Alzheimerdemenz). Die Bestimmung des tau-Proteins im Liquor ist eine
etablierte Methode zur Erfassung des Grads an Nervenzellverlusts (Teunissen et al., 2002) und
unterstützt damit die frühzeitige Diagnostik und Therapieintervention. Somit kann man davon
ausgehen, dass sich die hier eingeschlossenen Patienten mit LKB in einer klinisch vorgelagerten
Phase der Alzheimerdemenz befanden, bzw. das Risiko hierfür sehr hoch liegt. Somit ist die
Stichprobe der Patienten zwar in ihrem diagnostischen Hintergrund heterogen, jedoch kann man
davon ausgehen, dass der Prozess der entstehenden Alzheimerdemenz dabei im Ganzen abgebildet
wurde. Bei etlichen Fragestellungen wurden Patienten mit LKB getrennt von den Patienten mit AD
beobachtet und beurteilt. Für weitere Studien wäre es vom Vorteil, beide Subgruppen (AD und
LKB) durch eigenständige Gruppen mit jeweils gleicher Größe zu untersuchen. Für die hier
vorgestellte Studie erwies sich der ungeplante Einschluss von Patienten mit LKB als eine
Anpassung an die Realität, in der die Alzheimererkrankung viele Facetten aufweist und sich
individuell manifestiert.
Insgesamt ist vor dem Hintergrund der quantitativen Forschungslinie die geringe Stichprobengröße
kritisch zu diskutieren. Je geringer der Stichprobenumfang einer quantitativen Studie, desto breiter
ist die Streuung und desto weniger repräsentativ sind die Ergebnisse. Aus der Beschreibung der
Forschungslage wurde jedoch deutlich, dass sich das Themenfeld Musik bei Alzheimerdemenz
bisher vor allem aus deskriptiven Berichten oder Einzelfallstudien speist. Dies ist zum einen in der
noch jungen Tradition dieses Forschungsfeldes begründet. Zum anderen ist aber auch der
wissenschaftliche Umgang mit Alzheimerpatienten sehr zeitaufwändig und verlangt intensive
Einarbeitung und Betreuung. Altern im Allgemeinen und Alzheimerdemenz im Speziellen, ist ein
überaus individueller Prozess, der sich bei jedem Individuum anders manifestiert und präsentiert.
Der für die Wissenschaft „ideale“ gesunde Ältere/ Alzheimerpatient ist in der Realität jedoch leider
selten. Die Multimorbidität ist im Alter allgemein sehr hoch, was dazu führt, dass oftmals viele
verschiedene Krankheiten sich gegenseitig beeinflussen. Füsgen schreibt hierzu: „Multimorbidität
bedeutet dabei das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer signifikanter Erkrankungen, die
Diskussion und Ausblick
171
behandlungsbedürftig sind. Wegen der großen klinischen und pathologischen Bandbreite der
Multimorbidität ist die Diagnostik und Therapie beim alten Patienten immer eine ausgesprochene
Individualmedizin“ (Füsgen, 2002, S. 802). Gerade im Zusammenschalten mit Musik als vorrangig
subjektiv erlebtes Medium ergeben sich vielerlei Wechselwirkungen. Die geringe Stichprobengröße
war zum einen aus Zeit- und Kostengründen notwendig. Andererseits ermöglichte diese
Stichprobengröße aber auch eine deutliche Kontrolle, wie z.B. der diagnostischen Lage (Studium
der Patientenakten) als auch der subjektiven Eindrücke der einzelnen Probanden. Letztendlich
spielen bei der tatsächlichen Ergebnisdarstellung zwar nur objektive Werte eine Rolle, jedoch ergibt
sich bei der Bewertung und Interpretation dieser Ergebnisse ein Gesamtkonstrukt aus subjektiv
beobachtetem Umgang mit den Aufgaben und aus geschilderten Erfahrungen der Teilnehmer. Somit
kann die hier dargestellte Studie nicht vor dem Hintergrund einer straffen quantitativen Methodik
bestehen. Vielmehr sollten quantitative Methoden mit Hilfe objektiver Messinstrumente innerhalb
eines kleinen aber kontrollierten Stichprobenumfangs dazu beitragen, erste Tendenzen und
Möglichkeiten dieses Forschungsfeldes aufzuzeigen.
Die junge Kontrollgruppe unterscheidet sich von den anderen beiden Gruppen sowohl hinsichtlich
ihres Bildungshintergrundes, als auch ihrer musikalischen Vorerfahrungen. Dies erschwert die
Interpretation der Ergebnisse, da die junge Gruppe bei allen Aufgaben deutlich bessere Leistungen
zeigte, als die beiden älteren Gruppen. Somit muss die erhöhte Leistungsfähigkeit auch dem hohen
Bildungshintergrund und der musikalischen Erfahrungen zugeschrieben werden. Dies verweist aber
auch auf den ganz allgemein problematischen Zusammenhang zwischen Bildungshintergrund und
Musikbiografie.
Zur besseren Kontrollierbarkeit dieser beiden Einflussfaktoren können nur standardisierte Items
erhoben werden. Diese orientieren sich an objektiven Maßen, wie Zeitinvestitionen, z.B. in die
Ausbildung oder in das Erlernen eines Instruments. Die so ermittelten Kontrolldaten sind aber
hinsichtlich ihres Aussagewertes kritisch zu betrachten. Gerade im Alter sind Musikbiografie und
Bildungshintergrund vor dem Einfluss äußerer Umstände und Gegebenheiten zu betrachten.
Die Musikbiografie über die Lebensspanne hinweg spiegelt auch immer die entsprechende
Kohortenzugehörigkeit wieder. Die Kindheit der heute 70-jährigen fällt in die Kriegs- bzw.
Nachkriegszeit. Für viele war Neubeginn und Überleben der wesentliche Gedanke dieser Jahre.
Musikalische Bildung kann hier nur bedingt und in ganz eigenen Formen ihren Platz finden. Aus
den oft weitschweifigen Berichten der Teilnehmer können zusätzliche subjektive Informationen
gewonnen werden, als es die letztendlich erfassten und vorgestellten Rohdaten darstellen. Z.B.
berichten einige Teilnehmer, dass die Eltern zwar wenig Muße und Zeit für Musik fanden, dass aber
unter den Kindern die Lieder und musikalischen Spiele umso bedeutender wurden. Die Realisierung
Diskussion und Ausblick
172
tatsächlich formaler musikalischer Bildung, in Form von Instrumentalunterricht, konnte nur vor
dem Hintergrund eines bestimmten sozialen Status stattfinden. Musikalische Erfahrung kann aber
sehr vielfältig sein. Vor allem zu einer Zeit, wo flächendeckende formale Unterrichtsformen eher
spärlich vorhanden waren. Musikalische Erfahrung kann aus dem gemeinsamen Singen mit der
Mutter, mit den Freunden entstehen, oder durch das Hören von geliebter Musik in der Jugend. Auch
diese Erfahrungen werden wesentlich sein für das Hören von Musik im Alter und mit
Alzheimerdemenz. Jedoch werden diese Erfahrungen nicht mit der hier vorliegenden Studie erfasst.
Die hier beschriebene Studie scheint sehr gut diejenigen kognitiven musikalischen Fähigkeiten zu
testen, die im kindlichen Instrumentalunterricht angelegt und gefördert wurden (siehe Ergebnisse in
Abhängigkeit zu musikalischen Vorerfahrungen). Vielleicht lassen die Ergebnisse aber auch darauf
schließen, dass musikalische Erfahrungen außerhalb von geregeltem Unterricht zu dieser Zeit eher
schwierig waren. Es gab kaum Plattenspieler und es fehlten die Mittel und die Muße für die
Beschäftigung mit Musik. Auch das kann ein Grund dafür sein, dass gerade der
Instrumentalunterricht diese Wirkung bei den heute Älteren zeigt. Durch die im Gegensatz heute so
vielfältigen Möglichkeiten, sich musikalisch zu „bilden“, musikalische Erfahrungen zu sammeln,
wird es in der Zukunft vielleicht schwieriger werden, diese „musikalische Erfahrung“ anhand eines
einzelnen Items zu bestimmen.
Viele Ältere haben während der Befragung aber auch negative Erfahrungen mit dem
Instrumentalunterricht in der Kindheit geschildert. Es wurden die schon fast stereotypen strengen
Lehrer beschrieben, die gerne körperliche Strafen als Form des Unterrichts einsetzten. Oder es
wurden die strengen Eltern beschrieben, die die Freude an der Musik verdarben. Viele Teilnehmer
sind der Überzeugung, absolut „unmusikalisch“ zu sein. Sie entschuldigten sich im Voraus für Ihre
Teilnahme, wo sie doch so wenig von Musik verstünden. Oftmals wurde diesen Probanden ihre
„Unmusikalität“ in der Kindheit von einem Lehrer „diagnostiziert“. Auch Methoden, wie z.B. das
Singen vor der Klasse oder der öffentliche Ausschluss vom Chorsingen, stellen sich als heutige
Barrieren oder Hemmungen für die Betroffenen heraus. Es wäre spannend, wie solche Erfahrungen
und Schilderungen tatsächlich auf das musikalische Selbstkonzept wirken, oder vielmehr, wie sich
diese Art von musikalischem Selbstkonzept auf den weiteren Lebenslauf auswirkt.
Andererseits wurden auch etliche „erfolgreiche“ Musikbiografien geschildert. Hier ist es in der
Kindheit geglückt, eine musikalische Wurzel anzulegen. Diese Teilnehmer schildern, wie sie ihr
Leben mit der Musik/ dem Instrument verlebt haben. Diese spielen noch heute auf ihrem Instrument
und nehmen zum Teil sogar noch regelmäßig Unterricht. Spannend ist es hier zu beobachten,
welchen direkten Nutzen das Spielen des Instruments für den Einzelnen birgt und mit welcher
Motivation ältere Menschen ihr Instrument spielen. In diesem Sinne zeigte sich die Musikbiografie
im Alter als hochdifferenzieller Faktor, der an sich zu weiteren Untersuchungen veranlasst.
Diskussion und Ausblick
173
Insgesamt stellen alle drei Gruppen in Bezug auf musikspezifische Erfahrungen eine positive
Selektion dar. Es muss davon ausgegangen werden, dass alle drei Gruppen überdurchschnittlich
musikinteressiert sind. Dies zeigt sich in der Gruppe der jungen Teilnehmer durch die große Anzahl
an Teilnehmern mit Instrumentalunterricht, in der gesunden älteren Gruppe durch reges
musikalisches Interesse (z.B. Konzertbesuche).
Für die Auswertung der Rohdaten (eingespielte Inputs) wurde eine objektive Methode gewählt.
Diese ermöglicht die Einordnung der gespielten Leistung in den Grad der prozentualen Abweichung
vom Originalrhythmus. Neben dem grundlegend positiven Charakter der Objektivität und der
Eröffnung einer neuen Bewertungsdimension (nicht nur „wie viele“ sondern auch „wie genau“),
erschließt sich dieser objektive Maßstab dem Betrachter nicht ähnlich intuitiv wie die traditionelle
Kategorisierung in „falsch“ und „richtig“. Die endgültige Kategorisierung dieser Art, das heißt die
bewertende Einordnung der erbrachten Leistungen wird von jedem Einzelnen individuell
vorgenommen. Jedoch wird durch die objektive Datenlage eine gemeinsame neutrale Basis
ermöglicht, die die Leistung der Probanden für Jeden transparent darstellt. Diese Transparenz fehlt
bei einem (oder mehreren) subjektiven Bewerter(n).
13.2 Diskussion der Ergebnisse
Aufgrund der oben beschriebenen Eigenschaften der vorgelegten Untersuchung sind die Ergebnisse
immer vor dem Hintergrund der Positionierung innerhalb der aktuellen Forschungslandschaft zu
betrachten. Die Ergebnisse sind aufgrund der geringen Stichprobengröße nicht repräsentativ und
lassen nur bedingt Rückschlüsse über auch in der Allgemeinheit zu findende Verhaltensweisen und
Fähigkeiten zu. Statistische Methoden und Signifikanzprüfungen kamen durch die geringen
Gruppengrößen nur in begrenztem Ausmaß zum Tragen und müssen mit Vorbehalt interpretiert
werden. Dennoch können erste Tendenzen ausgemacht werden. Diese Tendenzen erlangen dadurch
an Stabilität, dass sie sich in allen drei Aufgabenbereichen abzeichnen. Die Progredienz der
Leistungsabnahme von den jungen Erwachsenen zu den gesunden Älteren und zu den demenziell
erkrankten Älteren, wird sowohl beim Behalten von Rhythmen, als auch beim Nachspielen von
Rhythmen und beim Unterscheiden von Rhythmen erkennbar.
Die Einbettung der Ergebnisse in den entsprechenden wissenschaftlichen Kontext soll im
Folgenden stattfinden. Hier werden Ergebnisse der allgemeinen Gedächtnisforschung im Alter
herangezogen, wie auch musikpsychologische Grundlagendaten.
Diskussion und Ausblick
174
Unter Einbeziehung der psychologischen Gedächtnisforschung stellen Ergebnisse zum Gedächtnis
für musikalische Rhythmen einen Teilbereich auditorischer Gedächtnisleistungen dar. Diese
auditorischen Gedächtnisleistungen wurden in der Vergangenheit vor allem mit Hilfe sprachlicher
Stimuli untersucht. Jedoch meint Spitzer (2005) „Wenn es Musik im Grunde überhaupt nur gibt,
weil es Gedächtnisleistungen gibt, so sollte es möglich sein, viel über Musik zu erfahren, indem
man das Gedächtnis näher studiert (und den Gedächtnispsychologen sei gesagt: das Umgekehrte
gilt ebenfalls!)“ (S. 119). Einige wenige Studien beziehen sich explizit auf musikalisches Material.
Mènard & Belleville (2009) haben das Gedächtnis für musikalische und verbale Stimuli untersucht.
In ihrem Artikel nennen Mènard & Belleville erst drei Studien, die bisher das musikalische
Gedächtnis bei Alzheimerdemenz untersucht haben (und zwar Quoniam et al. 2003, Halpern &
O`Connor 2000, Bartlett, Halpern & Dowling 1995, hierzu siehe Kapitel 3). In ihrer Studie
untersuchen die Autoren sowohl Kurzzeit- als auch Langzeitgedächtnisfähigkeiten anhand kurzer
Melodien. Es wurde sowohl musikalisches (Tonfolgen), als auch verbales (Silben) Material bei
gesunden Älteren und Patienten mit Alzheimerdemenz getestet. Insgesamt zeigte sich kein
Unterschied zwischen den Leistungen mit musikalischem und verbalem Material. Für beide
Teilnehmergruppen waren beide Aufgabentypen gleich schwierig. Mènard & Belleville (2009)
fanden aber deutliche Defizite der Patienten mit Alzheimerdemenz im Langzeit- und
Kurzzeitgedächtnis für neue, unbekannte Melodien. Der Temporallappen, der in das musikalische
Langzeitgedächtnis involviert ist (Samson & Zatorre 1991, 1992), ist frühzeitig im Verlauf der
Alzheimerdemenz beeinträchtigt. Die reduzierten Kurzzeitgedächtnisfähigkeiten für Melodien bei
den Alzheimerpatienten werden durch Erkenntnisse von White & Murphy (1998, zit. nach Mènard
& Belleville 2009) unterstützt. Im Vergleich mit dem getesteten verbalen Material erwies sich das
musikalische Gedächtnis der Alzheimerpatienten als ähnlich verletzlich. Im Gegensatz zu den
eigenen hier vorgelegten Befunden fanden Mènard & Belleville keine Beeinträchtigungen reiner
musikalischer Perzeption (Wahrnehmungsfähigkeit). Demnach schließen sie, dass die gefundenen
Leistungseinbußen nicht allein auf einen Enkodierfehler hinweisen. Außerdem sind die bei ihnen
gefundenen Defizite des Langzeitgedächtnisses nicht abhängig von den Defiziten des
Kurzzeitgedächtnisses. Im Vergleich mit diesen Ergebnissen zeigen sich insgesamt große
Gemeinsamkeiten sowohl im Versuchsdesign, als auch in den ermittelten Ergebnissen, wobei
Mènard & Belleville kurze Melodien (und sprachliches Material) benutzen, während hier
rhythmisches Material getestet wurde. Sowohl die eigene hier vorgestellte Studie, als auch die
Untersuchung von Mènard & Belleville (2009) demonstrieren, dass die Alzheimerdemenz mit
Defiziten der musikalischen Gedächtnisfähigkeiten einhergeht. Diese Defizite konnten demnach
bisher sowohl im Umgang mit kurzen Melodien, als auch mit kurzen Rhythmen festgestellt werden.
Diskussion und Ausblick
175
Auch Baird & Samson (2009) haben sich in einem Review mit den Gedächtnisfähigkeiten für
musikalisches Material beschäftigt. Angeleitet wurden die Autoren von Einzelfallstudien, die von
einem im Krankheitsprozess der Alzheimerdemenz erhaltenen Gedächtnis für Musik berichten. Sie
können der Aussage, Musik sei allgemein „unvergesslich“ für Alzheimerpatienten, nicht
zustimmen. Vielmehr müssen unterschiedlichste Gedächtnissysteme und interindividuelle
Voraussetzungen unterschieden werden. Es gäbe einzelne Musiker, für die das Spielen ihres
Instrumentes „unvergesslich“ bliebe (Baird & Samson (2009).
Auch alternspsychologische Befunde bestätigen unterschiedliche Lernleistungen zwischen jungen
und älteren Erwachsenen (Kliegl et al. 2003). Besonders beim Lernen neuen Materials ist ein
deutlicher Altersabbau zu beobachten. Älteren Menschen fällt es schwer, neue Informationen zu
erlernen und zu erinnern (Kruse & Rudinger, 1997). Jedoch legen neuere Studien zu
Gedächtnisfähigkeiten im Alter nahe, dass dies durch Veränderung der Rahmenbedingungen
(Lernzeit, Übungsstrategien) modifizierbar ist. Wiedererkennungsaufgaben lösen ältere Probanden
nahezu ähnlich wie junge Menschen, bei der freien, unstrukturierte Abfrage jedoch zeigen sich
meistens deutliche Altersdefizite (Kliegl et al., 2003). Die fehlende Erfahrung von studienähnlichen
Testsituationen älterer Menschen kann ebenfalls Einfluss auf die Testergebnisse nehmen (Kruse &
Rudinger 1997).
Die in der vorliegenden Studie anhand auditorischen Materials gewonnenen Erkenntnisse, fügen
sich in das Gesamtbild der Gedächtnispsychologie des Alters ein. Die älteren Teilnehmer zeigten im
Vergleich zu den jungen Teilnehmern schlechtere Leistungen sowohl innerhalb der
Gedächtnisaufgabe, als auch innerhalb der anderen beiden Aufgaben. Jedoch weist der deutliche
Leistungsabfall der gesunden Älteren von der ersten Abfrage der Rhythmen zur zweiten Abfrage
nach einer Woche, darauf hin, dass die Rhythmen tatsächlich „vergessen“ wurden. Die
Gedächtnisleistung kann man demnach nicht nur von einer eventuell nicht ausreichenden
Aneignungsphase abhängig machen. Die gesunden Älteren zeigen Schwierigkeiten beim
Wiederabrufen des gelernten Materials (retrieval-Defizit).
Die Alzheimerpatienten dagegen zeigen deutliche Schwierigkeiten beim Kodieren des zu lernenden
Materials. Schon bei der ersten Abfrage können nur wenige Patienten die Rhythmen erinnern. Diese
Schwierigkeiten lassen sich mit den pathologischen Prozessen der Alzheimerdemenz im medialen
temporalen Lappen erklären (Lowndes et al. 2008). Alzheimerpatienten weisen schon zu Beginn der
Erkrankung die Pathologie dieser neuronalen Strukturen auf, was zu Defiziten im Enkodierprozess
führen kann. Die Gruppe der Patienten kann die vorgegebenen Möglichkeiten zur Aneignung der
Rhythmen nicht ausreichend nutzen. Demnach unterstützen die hier ermittelten Ergebnisse
Diskussion und Ausblick
176
innerhalb der konträren Forschungslage (Germano & Kinsella, 2005) ein Enkodier-Defizit der
Patienten. Bisher sind die Erkenntnisse über die Natur der frühen Gedächtnisdefizite der
Alzheimerdemenz heterogen. Es gibt sowohl Hinweise für ein Abspeicherungsdefizit (Encode) als
auch für ein Abrufdefizit (Retrieval). Insgesamt jedoch wächst die Anzahl der Hinweise auf ein
Defizit im Aneignen neuer Informationen durch einen Enkodierfehler in der frühen Demenz (Albert
et al., 2001; Greene et al., 1996; Grober & Kawas, 1997; Hodges, 2000; zitiert nach Germano &
Kinsella, 2005, S.3). Diese Hinweise können mit den hier ermittelten Ergebnissen für den Bereich
auditorischen, musikalischen Materials unterstützt und erweitert werden. Die Aussage von Hodges
(2000), “patients are unable to learn (encode) new information, but the little they learn is retained
reasonably well” (Hodges, 2000, S.445; zitiert nach Germano und Kinsella, 2005, S.3), kann in
Bezug auf die Schwierigkeit des Lernens neuer Informationen bestätigt werden. Jedoch kann die
hier vorgestellte Studie keine Aussagen darüber treffen, inwieweit das wenige gelernte Material
behalten wird, da zu wenige Patienten sich die Rhythmen überhaupt aneignen können.
Während für allgemeine Gedächtnisleistungen im Alter eine Forschungstradition existiert, in die
diese speziellen Ergebnisse auditiver Stimuli kritisch eingebettet werden können, sind die anderen
beiden untersuchten Fähigkeiten schwieriger einzuordnen. Rhythmen so genau wie möglich
nachzuspielen, sowie Rhythmen hörend voneinander zu unterscheiden, verlangen vor allem genaue
auditorische Wahrnehmungsprozesse. Vergleicht man hier mit der Wahrnehmung von Sprache,
zeigen z.B. ältere Menschen deutlich größere Schwierigkeiten beim Verständnis zu schnellen
Sprechens, als jüngere Menschen (Janse, 2009). Dabei spielt vor allem das altersbedingte
Nachlassen des Gehörs eine wesentliche Rolle. Jedoch sind auch nicht-auditive Faktoren, wie
verlangsamte Informationsprozessgeschwindigkeit, für die Schwierigkeiten beim Verständnis
schnellen Sprechens verantwortlich. Auch in alltäglichen Situationen zeigen ältere Menschen
deutlich größere Schwierigkeiten, ob mit oder ohne Hörschädigung, gesprochene Sprache zu
verstehen (Schneider et al. 2002). Diese Schwierigkeiten treten vor allem auf, wenn störende
Hintergrundgeräusche das Sprachverständnis stören. Schneider et al. (2002) weisen auf das Problem
hin, dass in dem gängigen informationsverarbeitenden Ansatz keine klaren Linien zwischen
Sinneseindruck (sensation), Wahrnehmung und Kognition gezogen werden. Die Autoren weisen
darauf hin, dass das Sprachverständnis ein vielschichtiger, störanfälliger Prozess ist, der seine
Wurzeln nicht nur auf kognitiver Ebene, sondern auch in primären Wahrnehmungsprozessen hat.
Von den Autoren wird nicht ausgeschlossen, dass allein die Reizwahrnehmung als solche im Alter
fehlerhafter ist, als bei jungen Menschen. Im Alter sind vor allem störende Hintergrundgeräusche
und zu hohe Sprechgeschwindigkeit für Wahrnehmungsstörungen von Sprache verantwortlich.
Während in der hier vorgestellten Studie mit Rhythmen Nebengeräusche eher auszuschließen sind,
Diskussion und Ausblick
177
ist die Darbietungsgeschwindigkeit ein durchaus greifbarer Punkt. Beim Nachspielen von
Rhythmen steigt der Schwierigkeitsgrad einerseits durch die Zahl der Ereignisse innerhalb eines
Zeitfensters, andererseits durch die Länge des Rhythmus insgesamt. Eine Steigerung der Ereignisse
innerhalb eines Rhythmus bei gleichbleibender Zeitdauer kann mit einer Erhöhung der
Sprechgeschwindigkeit verglichen werden. In einem begrenzten Zeitabschnitt müssen mehr
Informationen verarbeitet werden. Auf welcher Ebene es bei der Bearbeitung der erhöhten
Informationswelle zu Schwierigkeiten kommt, also nach Schneider (2002), auf sensualer,
perzeptiver oder kognitiver Ebene, kann hier nicht geklärt werden. Die Einbeziehung auditorischer
Forschungsliteratur zu Hörleistungen im Alter stellt die hier gewonnenen Erkenntnisse aber in einen
neuen Rahmen. Betrachtet man die Studie nicht vor einem grundlegend musikorientierten
Hintergrund, bei dem der Rhythmus ein basales musikalisches Element darstellt, kann Rhythmus
auch als zeitlich strukturierter, auditorischer, nicht-sprachlicher Stimulus angesehen werden.
Dennoch lässt auch eine solche reduzierte Interpretation des Studiendesigns (auf nicht-sprachliche
Elemente) ebenso keine deutliche Grenzziehung zwischen Störfaktoren auf sensualer, perzeptiver
oder kognitiver Ebene zu.
Bisher wurden die beschriebenen Defizite der älteren Probanden im Vergleich zu den jungen
Teilnehmern direkt als kognitives Defizit interpretiert. Die Interpretation der Defizite als kognitiv
verwurzelt wird durch die Leistungen der Patienten unterstützt. Diese zeigen parallel zu ihren
verminderten kognitiven Fähigkeiten eine Leistungsminderung im Umgang mit den Rhythmen in
allen drei Aufgabenbereichen.
Dies spricht dafür, dass die Leistung stark von kognitiven Fähigkeiten abhängt, schließt aber nicht
aus, dass ebenso starke relevante altersbedingte auditive Störfaktoren existieren.
Neben den Gruppenunterschieden bei der Bearbeitung der drei Aufgaben, zeigte sich ein Einfluss
musikalischer Vorerfahrung auf die erbrachten Leistungen, sowohl im gesunden Alter, als auch mit
Alzheimerdemenz. Teilnehmer, die in ihrer Kindheit ein Instrument erlernt haben, zeigten bessere
Leistungen als Teilnehmer ohne diese Förderung.
Eine kurzfristige Erinnerungsleistung für Melodien steigt durch wiederholte Präsentation des
Stimulus stark an (Pembrook 1986, zit. nach Pfleiderer 2006, S. 64.). Nach Pfleiderer bauen sich im
Langzeitgedächtnis sehr schnell interne Repräsentationen gehörter Melodien auf. Musikalisch
trainierte Hörer profitieren von ihren gesammelten Erfahrungen und melodischen Schemata (Bertz
1995, zit. nach Pfleiderer 2006, S. 64). „(…) konkrete musikalische Erinnerungen oder aber
schematisch aufgebaute Erwartungen über einen regelmäßigen zeitlichen Verlauf, haben demnach
direkten Einfluss auf die musikalische Wahrnehmung, auf die Kapazität des musikalischen
Arbeitsgedächtnisses und damit auf die Dauer der psychologischen Gegenwart“ (Pfleiderer 2006, S.
Diskussion und Ausblick
178
64). Demnach stünden den musikalisch erfahrenen Teilnehmern Schemata zur Wahrnehmung
bestimmter rhythmischer Gestalten zur Verfügung, die das Repräsentieren der neuen Stimuli
erleichtern. Dennoch ist die Aufrechterhaltung der verwendeten Schemata über die Jahre hinweg
(von der Kindheit bis in das höhere Erwachsenenalter) erstaunlich.
In einer Dissertationsarbeit von Rosslau (2008) wurden bei der Untersuchung rezeptiver und
expressiver musikalischer Teilleistungsstörungen nach Schlaganfall, ähnliche Ergebnisse
vorgestellt. Auch hier zeigten Schlaganfallpatienten (Durchschnittsalter 40 Jahre) mit musikalischen
Vorerfahrungen deutlich bessere Leistungen als Patienten ohne Vorerfahrungen.
Die diesbezüglichen Ergebnisse der vorliegenden Studie überraschen, da die musikalischen
Vorerfahrungen einerseits dem Laienbereich zuzuordnen sind, andererseits etliche Jahrzehnte
zurückliegen. Einen in dieser Hinsicht spannenden Ansatz führt Braak (2003) aus. Braak beschäftigt
sich mit der Neuroanatomie der Demenz und hat hier eine vielzitierte Stadieneinteilung der
Neurodegeneration der Alzheimerdemenz erarbeitet (Braak & Braak, 1991). Braak geht davon aus,
dass im Verlauf der Alzheimererkrankung die Zerstörung der neuronalen Funktionen ihrer
ontogenetischen und phylogenetischen Entwicklung in umgekehrter Reihenfolge folgt. Demnach
wird zuerst zerstört, was sich zuletzt neuronal entwickelt hat. Diese Annahme geht auf den starken
Befall von Neuronen mit schwacher oder fehlender Myelinisierung zurück. Neurone mit starker
Myelinisierung dagegen sind vor einer neurofibrillären Veränderung geschützt. Bei der
Alzheimererkrankung sind nicht generell Nervenzellen betroffen, sondern vielmehr erleiden nur
wenige Nervenzelltypen Veränderungen. „Die Axone der für den Krankheitsprozess empfindlichen
Neurone beginnen vergleichsweise spät mit der Markscheidenbildung, sind extrem lang und dünn
und bleiben unter Umständen ungenügend myelinisiert“ (Braak 2003, S. 18). Braaks Vorschlag zur
Prävention bezieht sich darauf, „den spät erfolgenden, Außenwelteinwirkungen ausgesetzten
Reifungsprozess durch gezielte funktionelle Inanspruchnahme zu fördern“ (S. 19). Die somit
verstärkten Markscheiden könnten einen erhöhten Schutz gegen neurodegenerative Veränderungen
bewirken. Vor allem eine Förderung der Feinmotorik wäre hier nach Braak sinnvoll, da
feinmotorische Aufgaben sehr große Bereiche des Gehirns in Anspruch nehmen. Als Beispiel einer
solchen Förderung nennt Braak explizit das Erlernen eines Musikinstruments (S. 20). Nach Braak
hat der individuell unterschiedliche Myelinisierungsgrad der Hirnrinde das Potential, als Erklärung
für die individuell verschiedene Widerstandsfähigkeit gegenüber neuodegenerativen Erkrankungen
im höheren Lebensalter zu dienen.
Somit wäre ein in der Kindheit stattfindender Instrumentalunterricht nicht nur zur
Aufrechterhaltung musikalischer Fähigkeiten im Alter und mit Alzheimerdemenz sinnvoll (wie es in
der vorgelegten Studie gezeigt wurde), sondern auch zur Resistenz gegenüber neurodegenerativen
Veränderungen allgemein.
Diskussion und Ausblick
179
Jedoch verweist dieser Ansatz auf eine weitere theoretische Annahme. Die „Rückwärtsentwicklung“
im Verlauf der Alzheimerdemenz würde in Bezug auf musikalische Fähigkeiten intendieren, dass
die musikalische Entwicklung des Kindes sich rückwärts im Verlauf der Alzheimerdemenz
entwickelt. Dies fordert dazu auf, die Entwicklung musikalischer Fähigkeiten von der Geburt an mit
der Entwicklung musikalischer Fähigkeiten bei Demenz in Beziehung zu setzen. Somit könnten
eventuell wesentliche Erfahrungsqualitäten musikalischer Reize für Alzheimerpatienten kristallisiert
werden. Das Verständnis für musikalische Wahrnehmung bei Alzheimerdemenz könnte damit eine
andere Dimension erlangen.
Insgesamt kann diese Studie die Hoffnungen und Hinweise auf erhaltene musikalische Fähigkeiten
im Prozess der Alzheimerdemenz nicht unterstützen. Die Hoffnung, dass Musik eventuell ein
Bereich der Alzheimerdemenz ist, der nicht oder nur kaum von den pathologischen Veränderungen
betroffen sein könnte, kann hier nicht bestätigt werden. Im Umgang mit kurzen musikalischen
Rhythmen wurden auf unterschiedlichen Handlungsebenen (Gedächtnis, Reproduktion,
Diskriminierung) bei den Alzheimerpatienten geringere Leistungen festgestellt als bei den gesunden
Älteren.
Dennoch sprechen die hier ermittelten Ergebnisse nicht gegen die Wirksamkeit oder Vorteile der
Musiktherapie bei Alzheimerpatienten. Auch werden keine Aussagen über individuelle Bedeutung
der Musik für den Einzelnen getroffen. Der Fokus dieser Untersuchung war nicht darauf
ausgerichtet, Belege für oder gegen die Wirksamkeit der Musiktherapie zu finden. Auch waren
emotionale Reaktionen auf Musik, als ein Zeichen individueller Bedeutsamkeit, nicht das Ziel
dieser Untersuchung. Vielmehr sollten auf der Basis einer explorativen Grundlagenerhebung
Handlungsspielräume des Umgangs mit Musik im Falle einer Alzheimerdemenz skizziert werden.
Indem mithilfe dieser Ergebnisse Grenzen musikalischer Fähigkeiten aufgezeigt werden, können
auch Forschungsperspektiven eingegrenzt werden. Die vielen Schilderungen und Berichte aus der
Praxis, die eine besondere Reaktion der Alzheimerpatienten auf Musik beschreiben, stehen vorerst
in einem Kontrast zu den hier geschilderten Ergebnissen. Jedoch kann somit die Suche nach
denjenigen Elementen der Musik, die eine Erklärung für die positiven Reaktionen der Patienten
liefern können, konzentriert werden. Somit kann diese, und andere Studien dieser Art, durch den
Ausschluss einzelner Fähigkeitsbereiche den Wirkungskreis der Musik näher eingrenzen. Für den
musikalisch-kognitiven Bereich können vorerst keine positiven Ressourcen festgestellt werden.
Diskussion und Ausblick
180
13.3 Perspektiven, Grenzen und Möglichkeiten
„Wer lernt, lebt länger!“
(Aus den Empfehlungen der Akademiengruppe „Altern in Deutschland“)
Der Titel der Arbeit spricht von Perspektiven, Möglichkeiten und Grenzen der Musik im Alter und
mit Alzheimerdemenz. Am Ende dieser Arbeit soll ein kurzer Ausblick gewagt werden.
Am 26. März 2009 übergab die Akademiengruppe „Altern in Deutschland“ ihre Empfehlungen an
den Bundespräsidenten (www.altern-in-deutschland.de, Datum des Zugriffs: 29.03.09). In einem
knapp 120-seitigen Papier fassen die Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen ihre
dreijährige Forschungsarbeit zusammen. Es werden Vorschläge gemacht, wie die demografische
Entwicklung als Chance genutzt werden kann. Altern als Chance und Lebenserfahrung als
Ressource, sind Schlüsselthemen für die Implementierung des Themas „Musik im Alter“. Chancen
wecken Erwartungen und bergen Potentiale, Möglichkeiten machen neugierig. Im Blickfeld des
neugierigen, lernbegierigen älteren Menschen wird auch Musik erscheinen. Er wird sich fragen, was
er in der Musik, und auch, was die Musik für ihn leisten kann.
Die Akademiengruppe empfiehlt weiterhin, „…die Möglichkeiten eines neuen Altersbildes zu
erkennen und zu nutzen.“ Das Altersbild des Musizierenden ist es ein hochdifferenziertes
Konstrukt. Das Altersbild des Laienmusikers ist ein wesentlich anderes, als das Altersbild eines
erfolgreichen Dirigenten oder wiederum eines Orchestermusikers. Auf der Suche nach Altersbildern
im Laienbereich greift man vielmehr in einen luftleeren Raum. Die Entwicklung von Altersbildern
heißt demnach auch die Entwicklung von Möglichkeiten. Das individuelle Verständnis von
musikalischer Entwicklung im Alter, ermöglicht erst eine Annäherung an eigene musikalische
Perspektiven. Musizieren im mittleren und höheren Erwachsenenalter muss wieder „attraktiv“
werden.
Die Forscherkommission empfiehlt, „(…) neue Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Partizipation
zu schaffen“. Dies meint nicht nur ehrenamtliches Engagement durch ältere Menschen, sondern
auch Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe am Leben. Situationen und Orte zu schaffen, an
denen Menschen jeglichen Alters gemeinsam Erleben und Schaffen können. Für den Bereich Musik
bedeutet dies die Schaffung neuer Erfahrungsräume. Teilhabe älterer Menschen an aktuellen
künstlerischen Prozessen und Dialoge der musikalischen Erfahrungen. Nicht nur mehr „Konzerte
für Senioren“ sondern auch Konzerte, die Menschen jeden Alters verbinden. Musik kann als
Diskussion und Ausblick
181
generationsübergreifende Aktivität jung und alt verbinden.
Musik und musikalische Aktivität birgt Potentiale. Diese Potentiale sind viel deutlicher zu erfahren
und direkt zu spüren, als die Wissenschaft sie erschließen kann. Für die Wissenschaft ist es noch ein
weiter Weg, bis Musik und musikalische Aktivität im Alter „evidenzbasiert“ empfohlen werden
können. Ob dies überhaupt das Ziel ist, werden weitere Arbeiten zeigen.
Grenzen waren zur Realisierung der vorgestellten Studie notwendig. Und es wurden auch Grenzen
der Teilnehmer in ihren musikalischen Leistungen ermittelt. Diese Grenzen zeigen, dass
Musik keine „Ausnahme“ ist. Auch bei der Wahrnehmung von Musik stoßen Alzheimerpatienten,
aber auch gesunde Ältere an ihre Grenzen. Musik ist nicht ganz allgemein eine Ressource im Alter
und mit Alzheimerdemenz. Während vielleicht emotionale oder kommunikative Elemente der
Musik im Verlauf der Alzheimerdemenz länger erhalten bleiben, sind die rein kognitiven
musikalischen Fähigkeiten begrenzt. Aber gerade diese ermittelten Grenzen verweisen auf neue
Wege. Emotionalität oder Kommunikation in und durch die Musik dürften somit
Forschungsbereiche sein, die Potentiale vermuten lassen.
Grenzen bieten sich an, um mit ihnen zu argumentieren. Die Grenzen in der hier ermittelten
musikalischen Leistungsfähigkeit sind ein Argument dafür, dass es andere Faktoren der Musik
geben muss, die für die in der alltäglichen Praxis gewonnenen positiven Erfahrungen verantwortlich
sind. Erst eingegrenzte Ergebnisse führen die Argumentation und somit die Forschungsarbeit einen
Schritt weiter.
Abschließend kann die Entwicklung dieses Forschungsfeldes, Musik im Alter und mit Demenz, nur
mit großer Spannung beobachtet werden. Allein in den letzten Jahren hat sich in Deutschland hierzu
ein vielfältiges Forschungspotential entwickelt. Der Sinn und auch die Notwendigkeit für dieses
Forschungsfeld wird immer mehr erfasst und genutzt. Auch wenn es ein langer und vielseitiger
Forschungsweg sein wird, so werden sicherlich noch einige Potentiale der Musik für den alternden
Menschen offenbart werden.
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14 Anhang
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14.2 Tabellen- und Abbildungsverzeichnis
Tabelle 8.1 Gruppenvergleich der soziodemografischen Daten ........................................................94
Tabelle 8.2 Gruppenvergleich der musikbiografischen Daten...........................................................96
Tabelle 9.1 Ablaufplan Rhythmen lernen .......................................................................................104
Tabelle 9.2 Rhythmen der Lernaufgabe...........................................................................................108
Tabelle 9.3 Rhythmen der Aufgabe „Rhythmen nachspielen“ in der dargebotenen Reihenfolge...109
Tabelle 9.4 Rhythmuspaare der Aufgaben „Rhythmen unterscheiden“...........................................110
Tabelle 9.5 Ablaufplan der zwei Sitzungen .....................................................................................115
Tabelle 9.6 Studieninstrument Handsonic HPD-10 der Firma Roland............................................115
Tabelle 9.7 Relation zwischen Notation und den zeitlichen Rohdaten eines Rhythmus.................118
Tabelle 9.8 Ausschnitt aus der Datenbearbeitung der Aufgabe „Rhythmen nachspielen“. .............120
Tabelle 9.9 Abweichung eines eingespielten Rhythmus vom Originalrhythmus ............................121
Tabelle 10.1 Gedächtnisleistungen der gesunden Älteren für beide Rhythmen ..............................125
Tabelle 10.2 Gedächtnisleistungen der gesunden Älteren für Rhythmus 1 und 2 im Detail...........126
Tabelle 10.3 Gedächtnisleistungen der gesunden Älteren differenziert nach Abfragemodalität.....126
Tabelle 10.4 Gedächtnisleistung der gesunden Älteren mit und ohne Instrumentalunterricht in der
Kindheit............................................................................................................................................127
Tabelle 10.5 Leistungen Rhythmen nachspielen der gesunden Älteren ..........................................129
Tabelle 10.6 Leistungen Rhythmen nachspielen der gesunden Älteren mit und ohne
Instrumentalunterricht in der Kindheit.............................................................................................131
Tabelle 10.7 Gedächtnisleistung der Patienten für beide Rhythmen...............................................133
Tabelle 10.8 Gedächtnisleistungen der Patienten für Rhythmus 1 und 2 im Detail ........................134
Tabelle 10.9 Gedächtnisleistungen der Patienten für beide Rhythmen differenziert nach
Abfragemodalität .............................................................................................................................134
Tabelle 10.10 Gedächtnisleistungen der Patienten mit leichter Alzheimerdemenz (AD) und leichter
kognitiver Beeinträchtigung (LKB).................................................................................................135
Tabelle 10.11 Gedächtnisleistung der Patienten mit Alzheimerdemenz mit und ohne
Instrumentalunterricht in der Kindheit.............................................................................................137
Tabelle 10.12 Leistungen Rhythmen nachspielen der Patienten......................................................139
Tabelle 10.13 Leistungen Rhythmen nachspielen der Patienten differenziert nach Diagnose........140
Tabelle 10.14 Leistungen Rhythmen nachspielen der Patienten mit und ohne Instrumentalunterricht
in der Kindheit .................................................................................................................................142
Tabelle 10.15 Gedächtnisleistungen der jungen Erwachsenen für beide Rhythmen.......................143
Tabelle 10.16 Gedächtnisleistungen der jungen Erwachsenen für Rhythmus 1 und 2 im Detail....144
Tabelle 10.17 Gedächtnisleistungen der jungen Erwachsenen differenziert nach Abfragemodalität
..........................................................................................................................................................144
Tabelle 10.18 Leistungen Rhythmen nachspielen der jungen Erwachsenen...................................145
Anhang
196
Tabelle 10.19 Gedächtnisleistung für beide Rhythmen im Gruppenvergleich................................147
Tabelle 10.20 Gedächtnisleistung richtig erinnerter und wiedererkannter Rhythmen im
Gruppenvergleich.............................................................................................................................148
Tabelle 10.21 Gedächtnisleistung für beide Rhythmen detailliert im Gruppenvergleich................149
Tabelle 10.22 Gedächtnisleistung differenziert nach Abfragemodalität im Gruppenvergleich.......150
Tabelle 10.23 Leistungen Rhythmen nachspielen im Gruppenvergleich.........................................153
Tabelle 10.24 Rhythmen unterscheiden im Gruppenvergleich........................................................157
Tabelle 10.25 Rhythmen unterscheiden, Gruppenvergleich der richtig beurteilten Paare im Detail
..........................................................................................................................................................159
Diagramm 8.1 Bewertung musikbezogener Statements im Gruppenvergleich.................................98
Diagramm 10.1 Gedächtnisleistung für beide Rhythmen im Gruppenvergleich.............................147
Diagramm 10.2 Anteil der Teilnehmer die den jeweiligen Rhythmus nicht auswertbar nachspielen
können im Gruppenvergleich...........................................................................................................155
Diagramm 10.3 Erreichte mittlere prozentuale Abweichung vom Original (in Prozentpunkten) über
die zehn Rhythmen hinweg im Gruppenvergleich...........................................................................156
Diagramm 10.4 Hörend richtig beurteilte Paare im Gruppenvergleich...........................................158
Abbildung 9.5 Ablaufplan der zwei Sitzungen................................................................................115
Abbildung 9.6 Studieninstrument Handsonic HPD-10 der Firma Roland.......................................115
Abbildung 9.7 Relation zwischen Notation und den zeitlichen Rohdaten eines Rhythmus............118
Abbildung 9.9 Abweichung eines eingespielten Rhythmus vom Originalrhythmus.......................121