TRIALOGE
TD-Lab — Labor für transdisziplinäre Forschung der Berlin University Alliance
WERKSTATTBERICHT
Ein deliberatives Multi-Stakeholder*innen-Format
mit digitalen Wissensatlanten im Rahmen des
Schwerpunkts Social Cohesion
TD-Lab — Labor für transdisziplinäre Forschung
der Berlin University Alliance
Wiebke Hahn
durchgeführt mit der Berlin Governance Platform
DAS ZIEL DER BERLIN UNIVERSITY ALLIANCE
Die Berlin University Alliance ist ein Exzellenzverbund, bestehend aus der Freien Universität Berlin, der
Humboldt-Universität zu Berlin, der Technischen Universität Berlin sowie der Charité — Universitäts-
medizin Berlin und wird im Rahmen der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern gefördert.
Die Berlin University Alliance hat sich mit „Fostering Knowledge Exchange“ den Wissensaustausch
mit der Gesellschaft zum Ziel gesetzt. Das TD-Lab unterstützt die Zielerreichung mit der Stärkung
des transdisziplinären Forschungsmodus — der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Gesellschaft.
Akteur*innen aus den Wissenschaften und verschiedenen Bereichen der Gesellschaft wie Politik,
Wirtschaft oder Zivilgesellschaft bearbeiten gemeinsam Themenfelder der Berliner Spitzenforschung.
DIE ZIELE DES TD-LAB
Transdisziplinäre Forschungsarbeit
initiieren und unterstützen
Innovative Formate und Methoden
entwickeln für transd isziplinäre Forschung
Institutionalisierung transdisziplinärer
Forschung im Verbund stärken
INHALT
Das TD-Lab — Labor für transdisziplinäre Forschung der Berlin University Alliance 4
AUSGANGSLAGE: Wo setzten die Trialoge an? 6
ZIELE: Was wollten wir mit den Trialogen erreichen? 7
RESSOURCEN: Wie waren die Rahmenbedingungen für die Trialoge? 9
PARTNER*INNEN: Mit wem haben wir die Trialoge durchgeführt? 10
ZIELGRUPPE: Wie haben wir die Teilnehmenden gefunden? 11
ABLAUF: Wie kann ich mir einen Trialog genau vorstellen? 12
METHODE: Wie wurde der Trialog umgesetzt? 13
OUTCOMES: Welche Ergebnisse konnten wir mit den Trialogen erarbeiten? 15
LESSONS LEARNED: Was haben wir für das transdiszplinäre Forschen gelernt? 20
ZUSAMMENFASSUNG 21
TIPPS ZUM WEITERLESEN 22
IMPRESSUM 23
Das TD-Lab — Labor für transdisziplinäre
Forschung der Berlin University Alliance
Das TD-Lab — Labor für transdisziplinäre
Forschung der Berlin University Alliance (ehemals
Research Forums) stärkt den transdisziplinären
Forschungsmodus, sowohl innerhalb der
Berlin University Alliance als auch generell in
Berlin — auf individueller und institutioneller
Ebene. Dafür begleiten wir Wissenschaftler*innen
und gesellschaftliche Akteur*innen im trans-
disziplinären Forschen und etablieren dauerhafte
Strukturen für die transdisziplinäre Zusammen-
arbeit. Darüber hinaus bringt das TD-Lab eigene,
neu entwickelte transdisziplinäre Formate in
die nationale und internationale Community
transdisziplinär Forschender ein.
UNSER GRUNDVERSTÄNDNIS
DER UNTERSCHIEDLICHEN
AKTEUR*INNENGRUPPEN
In diesem Bericht nutzen wir die Bezeichnungen
„wissenschaftliche und außerwissenschaftliche
Akteur*innen“. Unter wissenschaftlichen
Akteur*innen verstehen wir Personen, die
wissenschaftlichen Tätigkeiten an einer Hoch-
schule und/oder außeruniversitären Forschungs-
einrichtung nachgehen, etwa Professor*innen,
wissenschaftliche Mitarbeiter*innen und
Dozent*innen. Als außerwissenschaftliche
Akteur*innen bezeichnen wir Personen,
die außerhalb der Wissenschaft tätig sind,
beispielsweise in Verbänden oder Start-ups.
Diese Bezeichnung schließt Personen ein, die mit
wissenschaftlichen Methoden in Behörden
oder Unternehmen arbeiten, aber auch Angehörige
der Verwaltung, die zwar an wissenschaftlichen
Institutionen tätig sind, dort aber nicht
wissenschaftlich arbeiten. Analog zur
Bezeichnung außerwissenschaftliche Akteur*-
innen verwenden wir für diese Gruppe die
Begriffe gesellschaftliche Akteur*innen und
Praxis partner*innen.
UNSER GRUNDVERSTÄNDNIS
VON TRANSDISZIPLINÄRER
FORSCHUNG
Transdisziplinarität ist ein Forschungsmodus, der
Erkenntnisse aus der Forschung mit Wissen aus
der Praxis vereint. Das Fachwissen einzelner
wissenschaftlicher Disziplinen reicht nicht aus,
die drängenden Herausforderungen unserer Zeit,
wie Klimakrise, Digitalisierung oder globale
Gesundheit, zu bewältigen. Diese Heraus-
forderungen verlangen zusätzliches konkretes
Handlungswissen, das gesellschaftliche
Veränderungen ermöglicht. Transdisziplinäre
Forschung setzt genau dort an: Sie schafft sowohl
wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn als auch
umsetzungsorientierte Problemlösungen, indem
wissenschaftliche und außerwissenschaftliche
Akteur*innen zusammenarbeiten. Gemeinsam
identifizieren diese ein spezifisches Problem und
formulieren dann die entsprechende Forschungs-
frage. Sie vereinbaren, wie sie zusammenarbeiten,
um zu neuen Erkenntnissen und konkreten
Lösungen zu gelangen. Transdisziplinarität ist
damit mehr als punktuelle Beteiligung in
Forschungsprojekten — es ist ein neues
Verständnis über den Umgang mit Wissen.
4
Format: Trialoge (Multi-Stakeholder*innen-Treffen)
Methode: Deliberation
Phase im Forschungsprozess: Co-Exploration; Co-Design und Re-Integration
EINORDNUNG DES FORMATS IN DEN
TRANSDISZIPLINÄREN FORSCHUNGSPROZESS
Adaption der Abbildung Transdisziplinärer Forschungsprozess aus Jahn (2021)
Akteursspezifischer
gesellschaftlicher Diskurs
Wissenschaftlicher Diskurs
Wissenschaftliche ProblemeGesellschaftliche Probleme
•Lebensweltbezug
•Akteursspezifisch
+ Expertise aus der Praxis Aufdecken
forschungsrelevanter
Herausforderungen.
Co-Exploration & Co-Design
Wissensintegration anhand
der Entwicklung
gemeinwohl-orientierter
Lösungen (Grundkonsens)
•Strittiges Wissen/Nichtwissen
•Fehlende Methoden
•Disziplinäre Spezalisierung
•Verallgemeinerung/Übertrag-
barkeit von Erkenntnissen
Ergebnisse für die
gesellschaftliche Praxis
•Strategien
•Konzepte
•Maßnahmen
•Prototypen
Ergebnisse für die
wissenschaftliche Praxis
•Methodische und
theoretische Innovation
•Neue Forschungsfragen
•Administration
•Institutionen
•NGOs
•Unternehmen
•Politik
Teambildung
akteursbezogen interdisziplinär
Konstitution gemeinsamer
Forschungsgegenstand
Transdisziplinäre
Integration
•Hochschulen
•Außeruniversitäre
Forschungseinrichtungen
•Industrieforschung
1
3
Neues anschlussfähiges Wissen
2
5
AUSGANGSLAGE
Wo setzten die Trialoge an?
Als erste Förderlinie benannte die Berlin
University Alliance das Thema Sozialer
Zusammen halt — Social Cohesion als Grand
Challenge. Von 2020 bis 2023 fördert sie in
diesem Rahmen insgesamt sechs Forschungs-
projekte (Exploration Projects), die verschiedene
Themen und Fragestellungen von Social Cohesion
interdisziplinär betrachten. Die Exploration
Projects arbeiten dabei in unterschiedlichem
Maße mit außerwissenschaftlichen Akteur*innen
zusammen: von klassischer Öffentlichkeitsarbeit
und Wissenschaftskommunikation bis hin
zu intensiver, langfristiger Einbeziehung von
Praxisakteur*innen. Das können ein kritischer
Beirat oder Forschungspartner*innen in
konkreten Fallstudien sein. Die Ausgestaltung
der Exploration Projects, und damit auch eine
Festlegung auf Forschungsfragen und Heran-
gehensweisen, stand bereits vor Beginn des
TD-Lab Schwerpunktes Social Cohesion fest.
Der TD-Lab Schwerpunkt Social Cohesion unter-
stützt die Exploration Projects Social Cohesion
im laufenden Forschungsprozess dabei, Wissens-
transfer und transdisziplinären Austausch zu
realisieren und entwickelt dafür entsprechende
Angebote. Eines davon waren die Trialog-
Veranstaltungen bei denen sich die Wissen-
schaftler* innen mit gesellschaftlichen Akteur*-
innen ausgetauscht haben. Die Trialoge wurden
von der Berlin Governance Platform — BGB
gGmbH (vormals Humboldt-Viadrina-
Governance-Platform) entwickelt, der
vorliegende Werkstattbericht baut in vielen
Punkten auf der dort geleisteten theoretischen
Arbeit der Formatentwicklung und der
praktischen Erfahrung der Trialoge auf.
DEFINITION TRIALOG
(NACH DER BERLIN GOVERNANCE PLATFORM)
Die Trialoge sind Multi-Stakeholder*innen-Treffen und ermöglichen einen vertraulichen
argumentativen Austausch. Ziel ist es, dass die Akteur*innen im vorstaatlichen Raum
gesellschaftliche Verständigungen über Grundkonsense und langfristige ‚nachhaltige‘
Politiken erarbeiten. Dabei folgen sie dem Verfahren der Deliberation. Drei Aspekte sind
kennzeichnend für die Trialoge: Perspektivenvielfalt organisieren, Argumente begründen
und Grundkonsens aufzeigen.
6
ZIELE
Was wollten wir mit den
Trialogen erreichen?
Mit der gemeinschaftlichen Entwicklung der Trialoge, den
Veranstaltungen und der Dokumentation dieser wollten wir, die
Berlin University Alliance und die Berlin Governance Platform:
• Perspektiven und Handlungslogiken der verschiedenen
Akteur*innen für diese erfahrbar machen
• neue Netzwerke zwischen den Wissenschaften und der
Gesellschaft knüpfen
• gemeinsame Themen identifizieren
• einen Wissensaustausch und damit ein gemeinsames Lernen
für die Teilnehmenden ermöglichen
Für die Wissenschaftler*innen schufen wir eine Perspektivenvielfalt
und organisierten ein transdisziplinäres Setting für den Wissens-
austausch, der insbesondere dann einen besonderen Mehrwert bot,
wenn die Forschenden bislang nicht vertieft transdisziplinär
arbeiteten. Der Austausch mit diversen Stakeholder*innen aus
Politik/Verwaltung, Wirtschaft und der organisierten Zivilgesell-
schaft vermittelt den Wissenschaftler*innen in kurzer Zeit ein
vielfältiges Bild an gesellschaftlichen Diskursen. Mit diesen neuen
Perspektiven prüfen die Wissenschaftler*innen ihre Arbeit
in den Exploration Projects und entwickeln gegebenenfalls ihre
Forschungsfragen weiter. Sie denken die Relevanz ihrer
Forschungs ergebnisse für die Berliner Stadtgesellschaft mit.
Darüber hinaus konnten die Wissenschaftler*innen bei wichtigen
Stakeholder*innen der Berliner Stadtgesellschaft mit ihren
Forschungsthemen sichtbar und bekannt werden.
Die Vertreter*innen aus Politik/Verwaltung, Wirtschaft und Zivil-
gesellschaft profitieren von den vielfältigen Perspektiven der
anderen Teilnehmenden und bekamen durch die Wissenschaftler*-
innen Einblicke in die aktuelle Forschung. Dadurch sind sie in
der Lage, ihre eigenen sozialen und politischen Entscheidungen
fundierter zu treffen.
7
FORSCHUNGSATLAS SOZIALER ZUSAMMENHALT
Vor Durchführung der Trialoge bereiteten wir mithilfe eines Forschungsatlas
das Themenfeld Social Cohesion im Berliner Raum thematisch auf.
Der Forschungsatlas ist eine interaktive Website. Grafisch zeigt sie die
verschiedenen Themen schwerpunkte von Social Cohesion, existierende
Forschungsprojekte mit Berliner Beteiligung ( universitär und außer-
universitär), Forschungsbedarfe aus der Gesellschaft sowie offene
Forschungs fragen der Wissenschaft auf. Dem zugrunde liegt die Clusterung
von 55, von der Berlin University Alliance geförderten Forschungsprojekten zu
Social Cohesion, ein umfangreiches Akteursmapping sowie 27 leitfaden-
gestützte Interviews mit Wissenschaftler *innen und gesellschaftlichen
Akteur*innen aus organisierter Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik/
Verwaltung. Aufbauend auf dem Forschungsatlas können unter schiedliche
Schwerpunkte im Themenfeld Sozialer Zusammenhalt transdisziplinär
diskutiert werden. Der Forschungsatlas ist ein lernendes Instrument: Weitere
Themen oder (Forschungs-)Projekte können das Bild verändern. Genauso
lassen Forschungsergebnisse oder gesellschaftliche Diskurse neue
( Forschungs-)Bedarfe erkennen.
Ausschnitt aus dem interaktiven Forschungsatlas Sozialer Zusammenhalt.
Link: https://viz.governance-platform.org/sozialer-zusammenhalt
8
RESSOURCEN
Wie waren die Rahmenbedingungen
für die Trialoge?
ORT
Die Trialog-Veranstaltungen fanden im Allianz-
forum in Berlin-Mitte statt. Der Veranstaltungsort
zeichnet sich durch seine zentrale Lage und die
ansprechenden Räume mit Blick auf das Branden-
burger Tor aus. Er verleiht den Veranstaltungen
einen exklusiven (im Sinne eines besonderen)
Rahmen und vermittelt den Teilnehmer*innen so
eine Wertschätzung.
Der Raum ist mit kleineren Tischen mit Dreh-
stühlen eingerichtet und ermöglicht es den
Teilnehmenden, sich unkompliziert der Person
zuzuwenden, die spricht. So sind auch Diskus-
sionen in großen Gruppen möglich und durch
die flexible Sitzordnung entsteht keine Hierarchie.
Die Räume für die Pausen bieten ebenfalls eine
hohe Aufenthaltsqualität, denn den Pausen-
gesprächen kommt bei den Trialogen eine
besondere Bedeutung zu.
THEMEN
Der Forschungsatlas (s. Kasten Forschungsatlas)
visualisiert das sehr breite Themenspektrum von
Social Coheshion. Die Trialoge hatten den
Anspruch, die bereits sehr diversen Themen-
schwerpunkte der sechs Berlin University
Alliance- Exploration Projects aufzugreifen und
diese Forschungsschwerpunkte der Projekte
miteinander zu verschränken. Im Vorfeld führten
wir mit Vertreter*innen aller Exploration Projects
ausführliche Interviews und erfassten so die
Schwerpunkte ihrer Arbeit, mögliche Schnitt-
stellen zu anderen Projekten und ihre besonderen
Interessen im Austausch mit gesellschaftlichen
Stakeholder*innen.
Basierend auf diesen Gesprächen haben wir drei
Themenschwerpunkte sowie eine Zuordnung der
Exploration Projects vorgeschlagen. Durch die
Bündelung einiger Exploration Projects zu einem
gemeinsamen Themenschwerpunkt konnten wir
Querverweise der Projekte untereinander sichtbar
machen und diskutieren.
Für die Berliner Stadtgesellschaft entwickelten wir
die Themen gezielt weiter und untermauerten
sie mit Leitfragen. Diese Themen-Spezifizierung
war notwendig, damit wir Akteur*innen aus
Politik/Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesell-
schaft gezielt ansprechen und ein für sie thema-
tisch interessantes und gewinnbringendes
Angebot entwickeln konnten. Wir haben für die
Themen bewusst einen breiten Zuschnitt gewählt.
Bei einer zu starken Zuspitzung des Themas auf
eine sehr kleine Nische ist es schwieriger, viel-
fältige Akteur*innen miteinzubeziehen.
Nur diverse Akteur*innen können verschiedene
Wissens formen berücksichtigen, was unseres
Erachtens für eine transdisziplinäre Verständi-
gung essenziell ist.
9
PARTNER*INNEN
Mit wem haben wir die Trialoge
durchgeführt?
Die Trialogreihe Sozialer Zusammenhalt konzi-
pierten und setzten wir gemeinsam mit der
Berlin Governance Platform — BGB gGmbH
(namentlich Gesine Schwan, Daphne Büllesbach,
Sebastian Flaeschner, Lukas Stolz und Lena
Barth) um. Die Berlin Governance Platform leitet
Daphne Büllesbach; Gesine Schwan ist
Präsidentin und Mit-Gründerin der Plattform.
Die Organisation hat sich der Förderung von
demokratischen Prozessen und Governance-
Strategien in Deutschland, Europa und der Welt
verschrieben. Die praktischen Erfahrungen aus
unzähligen Trialogveranstaltungen, sowie
natürlich der theoretische Hintergrund der
Formatentwicklung der Trialoge machte die
Organisation für uns zu einem wertvollen Partner
in der gemeinsamen Entwicklung der Trialog-
reihe Social Cohesion.
THEMENSPEKTRUM TRIALOGREIHE SOCIAL COHESION
Erster Trialog:
Sozialer Zusammenhalt, Migration
und Diversität
Leitfragen: Welche Herausfor-
derungen stellen sich aktuell (in
Berlin) im Hinblick auf Migration und
Diversität und wie können diese
Herausforderungen bewältigt
werden? Wie kann in einer pluralis-
tischen Stadtgesellschaft wie in
Berlin sozialer Zusammenhalt im
Hinblick auf Migration und Diversität
entstehen und erhalten werden? Wie
wird er aktuell gestaltet? Welche
Veränderungsbedarfe bestehen?
Welche transregionalen und globalen
Entwicklungen beeinflussen den
sozialen Zusammenhalt in
Deutschland?
Zweiter Trialog:
Recht, Partizipation und
soziale Teilhabe
Leitfragen: Welche Rolle spielen
Gesetzgebung und Recht für sozialen
Zusammenhalt? Welche Rolle spielen
Möglichkeiten von Partizipation
und sozialer Teilhabe? Wie können
Räume und Prozesse zwischen
Bürger*innen und den politischen
Institutionen so gestaltet werden,
dass eine vertrauens volle Debatten-
kultur etabliert werden kann?
Welche Herausforderungen birgt
Partizi pation durch (informell)
organisierte Zivilgesellschaft oder
formalisierte Bürgerräte?
Dritter Trialog:
Ernährung, Gesundheit und
sozialer Zusammenhalt
Leitfragen: Welche Rolle spielt
Ernährung zur Bewältigung der
Heraus forderung sozialen
Zusammen halts? Wie wird im
Gesundheits bereich sozialer
Zusammenhalt erlebt, umgesetzt
und ermöglicht? Welche Formen des
Zusammenhalts werden hier
besonders (oder gar nicht) deutlich?
10
ZIELGRUPPE
Wie haben wir die
Teilnehmenden gefunden?
Das Format des Trialogs entwickelte die Berlin
Governance Platform, um politische Entschei-
dungsfindungen vorzubereiten und durch
Pers pektivenvielfalt gerechter zu gestalten. Bei
dieser ursprünglichen Ausrichtung stehen die
Stakeholder*innen-Gruppen Politik/Verwaltung,
Wirtschaft und Zivilgesellschaft im Zentrum;
Wissenschaft und die Medien werden als beglei-
tende Elemente angesehen. Das Ziel — eine ge-
sellschaftlich fundierte Entscheidungsfindung für
die Politik vorzubereiten — stellt die Umsetzung
durch politische Akteure in den Vordergrund. Sie
sind in diesem Szenario die Adressat* innen.
Für den transdisziplinären Wissensaustausch
haben wir das Format des Trialogs gemeinsam
mit der Berlin Governance Plattform weiter-
entwickelt und dabei die Wissenschaftler*innen in
das Zentrum gerückt. Für eine ausgewogene
Diskussion während eines Trialogs ist ein aus-
geglichenes Verhältnis dieser vier beteiligten
Akteursgruppen — Wissenschaft, Politik/
Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft —
not wendig. Auch innerhalb der Akteursgruppen
sollte eine Meinungspluralität abgebildet werden.
Das ist ein Schlüsselfaktor für die möglichst
umfassende Diskussion zum gewählten Thema.
Zu den ausgewählten Themenbereichen haben wir
eine ausführliche Akteur*innen-Analyse durch-
geführt. Der Fokus lag hierbei auf Stakeholder*-
innen im Berliner Raum. Dabei profitierten
wir von dem Standortvorteil Berlins, da viele
Akteur* innen aus der organisierten, bundesweit
aktiven Zivilgesellschaft ihre Standorte in Berlin
haben. Erste Ansatzpunkte bot dabei der
Forschungsatlas, für den bereits qualitative
Interviews mit Akteur*innen aus Politik/
Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft
geführt wurden.
Die Trialoge erfordern angesichts ihrer Dauer ein
gewisses Commitment und genuines Interesse
an dem Format von den Teilnehmer*innen. Bei
einer erfolgreichen Teilnehmer*innen-Akquise
wird den eingeladenen Personen also der konkrete
Nutzen vermittelt, den sie aus der Veranstaltung
ziehen können. Besonders gute Erfahrungen
haben wir mit bekannten und gut vernetzten
Sprecher*innen gemacht, die als Inputgebende
eine hervorgehobene Rolle im Programm
ein nahmen. Ein möglicher Austausch mit ihnen
und das Networking mit weiteren interessanten
Teilnehmenden waren häufig ausschlaggebend für
die Teilnahme an der Veranstaltung. Zudem haben
wir in der Einladung betont, dass eine aktive
Beteiligung aller Teilnehmenden erwünscht ist,
denn die Expertisen und Sichtweisen aller
ein geladenen Personen bereichern die Diskussion.
In der Vorbereitung der Trialoge stellten uns
folgende Punkte vor Herausforderungen bei der
Teilnehmer*innen-Akquise: Nicht alle Themen-
schwerpunkte sind für alle Akteur*innengruppen
von gleichem Interesse. Zudem sind insbesondere
Personen aus Politik und Verwaltung oft kaum
für eine ganztägige Veranstaltung zu gewinnen,
da sie sehr wenig Zeit haben.
Die Einladungen zu den Trialogen verschickten
wir personalisiert. In einigen Fällen empfahlen die
Eingeladenen, die selbst nicht teilnehmen
konnten, Kolleg*innen und reichten die Einladung
so weiter. An den Trialogen nahmen pro
Veranstaltung zwischen 30—45 Personen teil.
11
ABLAUF
Wie kann ich mir einen Trialog
genau vorstellen?
Die Trialog-Veranstaltungen haben wir als
ganztägige Veranstaltungen angelegt. Neben
der Begrüßung durch uns — die Berlin
University Alliance und die Berlin Gover-
nance Platform — fanden am Vormittag
jeweils 15-minütige Input-Talks aus den
verschiedenen Stakeholder*innen-Gruppen
statt. So sprach jeweils ein*e Vertreter*in
aus Politik/Verwaltung, eine Person aus
der Wirtschaft und ein*e Vertreter*in für die
organisierte Zivilgesellschaft. Die Inputs
wurden anschließend mit allen
Teilnehmer* innen diskutiert, nach einfacher
Redeliste. Nach der Mittagspause folgten
Inputs aus den Forschungsprojekten. Je nach
Teilnahme der Exploration Projects variierte
dies zwischen drei und einem Input. Auch
diese wurden im Anschluss mit allen
Anwesenden diskutiert und Bezüge zum
Vormittag hergestellt. In einer Abschluss-
diskussion führte die Moderatorin die
Tagesergebnisse zusammen. Im Anschluss
gab es einen kleinen Empfang für Resümees
des Tages und Networking.
9:30 Auftakt
Einführung:
• Trialoge und Transdisziplinarität im Kontext der
Reihe Sozialer Zusammenhalt
Drei Inputvorträge aus unterschiedlichen
Stakeholder*innen-Gruppen:
• Politik und Verwaltung
• Wirtschaft
• organisierte Zivilgesellschaft
• Direkte Reaktionen aus den Forschungsteams
sowie Diskussion im Plenum
12:30 Mittagspause
13:30 Inputvorträge aus den Forschungsteams
Vertiefung der Diskussion
15:30 Kaffeepause
16:00 Abschlussdiskussion und
Zusammenführen der Tagesergebnisse
17:00 Empfang und Ausklang der Veranstaltung
Exemplarischer Ablauf eines Trialogs
12
METHODE
Wie wurde der Trialog umgesetzt?
Kern der Trialoge ist die deliberative Moderation.
Sie stellt Perspektivenvielfalt her und ermöglicht
damit eine Verständigung auf Herausforderungen
und Spannungsfelder, Handlungsempfehlungen
und Maßnahmen, Grundkonsense sowie offene
(Forschungs-)Fragen. Die Form der deliberativen
Moderation der Trialoge ist dabei dem
Habermas’ schen herrschungsfreien ethischen
Diskurs entlehnt, der davon ausgeht, dass
• gegenseitiger Respekt,
• eine Offenheit gegenüber anderen Positionen
und
• die prinzipielle Bereitschaft zur Verständi-
gung vorherrscht.
Die Grundhaltung, eigene Sichtweisen auch zu
hinterfragen und andere Sichtweisen als ebenso
wichtig anzuerkennen, betrachten wir auch
für den transdisziplinären Forschungsprozess
als essenziell.
Bei den Trialogen werden die Teilnehmenden
von der Moderation kontinuierlich gebeten, ihre
Positionen zu begründen und nicht bloße
Behauptungen aufzustellen. Sie sollen in der
Argumentation an bereits Gesagtes anknüpfen
und Bezüge herstellen. So wird dem reinen
Vortragen von (unbegründeten) Standpunkten
vorgebeugt und die Debattenkultur durch
die Begründung mittels von Argumenten an-
gereichert und belebt. Eine besondere Aufgabe
der Moderation ist das Zusammenführen der
unterschiedlichen Wissensformen und das
Aufzeigen von Querverbindungen.
Dabei kann Deliberation allgemein als Methode
zur Wahrheitssuche und Sicherung des guten
Ergebnisses verstanden werden: Durch einen
öffentlichen Austausch von Argumenten,
Begründungen und auch der Darlegung politi-
scher Präferenzen sollen ‚objektiv‘ die besten
politischen Vorschläge zustande kommen. Auch
die Wissenschaft betreibt mit ihren Methoden
Wahrheitssuche. Evidenzbasierte und damit
vermeintlich ‚objektive‘ Ergebnisse werden durch
wissenschaftliche Genauigkeit und ein strenges
Referenzsystem gesichert. Bringt man nun den
Anspruch eines deliberativen Verfahrens
zusammen mit Ergebnissen aus der Wissen-
schaft, kann der Trialog durch seine Perspekti-
venvielfalt einen ‚Realitätscheck‘ für die Wissen-
schaft ermöglichen, eine Prüfung der Annahmen
unter realgesellschaftlichen Gesichtspunkten.
13
KLASSISCHER TRIALOG WEITERENTWICKLUNG TRIALOG
TEILNEHMENDE
Politik und Verwaltung
Zivilgesellschaft
Wirtschaft
(Wissenschaft)
(Medien)
Politik und Verwaltung
Zivilgesellschaft
Wirtschaft
Wissenschaft
ZIELE
Gesellschaftlich tragfähige und gerechtere politische
Entscheidungen vorbereiten durch Verständigung auf
Grundkonsense
• Realitätscheck und Relevanzprüfung der wissen-
schaftlichen Erkenntnisse: Besprechung von
Forschungsergebnissen
• Besprechung von Bedürfnissen und Ideen
gesellschaftlicher Akteur*innen; Suche nach
Kooperationspartner*innen
Die Trialoge bieten den Teilnehmer*innen als nicht öffentliche Veranstaltung
einen geschützten und vertraulichen Rahmen. Dieser wird durch die
Wahrung der Chatham House Rule noch einmal unterstrichen. Mit dieser
garantieren wir den Teilnehmer*innen Anonymität, da sie mit ihren
Aussagen in der weiteren Dokumentation und Auswertung der Veranstaltung
nicht namentlich zitiert werden.
Der Ausschluss der Öffentlichkeit steht dem ursprünglichen Gedanken der
Deliberation entgegen — dieser bedingt die Öffentlichkeit. Dennoch
hat die Erfahrung gezeigt, dass die Teilnehmer*innen so besser in einen
tatsächlich vertrauensvollen, offenen Austausch miteinander kommen. Um
dennoch einen öffentlichen Rahmen zu gewährleisten, werden die
Diskussionen bei den Trialogen ausführlich dokumentiert und auf einer
interaktiven Website — dem Diskussionsatlas — der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht (s. Kasten Diskussionsatlas).
14
Während der Trialoge arbeitet die Moderation gezielt
darauf hin, im Sinne der deliberativen Verhandlung,
Grundkonsense der Teilnehmer*innen aufzuzeigen.
Darüber hinaus erfassen wir auch Spannungsfelder und
Heraus forderungen sowie Maßnahmen und Handlungsop-
tionen. Bei dem Zusammentragen der Herausforderungen
sowie der Handlungsoptionen achten wir auf Perspektiven-
vielfalt. In diesen Bereichen erfassen wir auch gegensätz-
liche Ansichten. Die Dokumentation haben wir um die
Kategorie Offene Forschungsfragen erweitert. Hierunter
fallen Themenbereiche, zu denen bislang scheinbar wenig
geforscht wird beziehungsweise die Forschung
nicht bekannt ist. Diese Kategorie ist insbesondere für
die Wissenschaftler*innen von Interesse.
Die Dokumentation der Veranstaltungen ist wie folgt
gegliedert:
• Grundkonsense
• Spannungsfelder und Herausforderungen
• Maßnahmen und Handlungsoptionen
• Offene Forschungsfragen
OUTCOMES
Welche Ergebnisse konnten wir mit
den Trialogen erarbeiten?
15
Ausschnitte aus dem Diskussionsatlas zur Trialogreihe Social Cohesion.
Link: https://viz.governance-platform.org/trialogreihe-social-cohesion/
Ausschnitte aus dem Diskussionsatlas zur Trialogreihe Social Cohesion.
Link: https://viz.governance-platform.org/trialogreihe-social-cohesion/
DISKUSSIONSATLAS SOZIALER ZUSAMMENHALT
Mittels einer interaktiven Website, dem Diskussionsatlas
Sozialer Zusammenhalt, haben wir die Diskussions-
Ergebnisse der drei Trialoge online dokumentiert. Durch die
Darstellungsweise von vernetzten Kreisen lässt sich die
Diskussion losgelöst von einer Hierarchisierung des Gesagten
abbilden. Zudem sind die Kreise mit weiterführenden
Informationen hinterlegt und weisen in der Regel eine
Vielzahl an Querverbindungen zu gemeinsam diskutierten
Punkten auf. Mit Videointerviews und anonymisierten
Zitaten ergänzten wir die Texte und lassen so die
Teilnehmer* innen der Trialoge zu Wort kommen. Durch die
ungewöhnliche Darstellungsform, erstmals angereichert
durch Videointerviews, ergeben sich nun verschiedene
Lesezugänge:
So kann man sich beispielsweise zu einem Trialog erst alle
Grundkonsense ansehen, bevor man zu den Spannungs-
feldern und den Handlungsoptionen übergeht. Ebenso kann
man aber auch bei einem Grundkonsens beginnen, dann den
Querverbindungen folgen und sich thematisch treiben
lassen. Die häufiger diskutierten Inhalte haben eine höhere
Anzahl von Querverbindungen und sind in der Darstellung
etwas größer angelegt. Die Quer verbindungen zu betrachten,
ist dabei besonders aufschlussreich, da sich hinter diesen,
Momente des gemeinsamen Lernens und der Wissens-
integration verbergen.
Unser Ziel, die Verständigung der Teilnehmer*-
innen und das gegenseitige Verständnis für die
Handlungslogiken der anderen, wurde in den
Trialogen erreicht. Die Teilnehmer*innen
bestätigten in der Evaluation mehrheitlich, dass
der Besuch des Trialogs dazu geführt hat, dass
sie ein tieferes Verständnis für die unterschied-
lichen Denk- und Handlungslogiken der anderen
Sphären entwickelt haben. Auf die Frage „Was
haben Sie aus der Veranstaltung mitgenommen?“
stimmten je nach Veranstaltung zwischen
56—75 % der Teilnehmenden der Aussage
„Verständigung über Handlungsinteressen“
(sehr) zu (dies entspricht den Antworten „Trifft
voll zu“ und „Trifft eher zu“). Dies findet sich
auch in den Statements der Inputgebenden
wieder. Diese Aussagen tätigten die Input-
gebenden in kurzen Videointerviews, die auf dem
Diskussionsatlas veröffentlicht sind. Sie werden
hier daher auch namentlich zitiert:
ÜBER DAS KENNENLERNEN
NEUER PERSPEKTIVEN:
„Man läuft immer wieder mal Gefahr, nur den
eigenen Teller zu sehen und nicht über den Tellerrand
zu schauen. Deswegen sind solche Austausche sehr
wichtig, damit man einfach den Perspektivwechsel für
sich selbst nachvollziehen kann.“
Sascha Rieth, Bio Company, Vertreter für
die Wirtschaft
Die Evaluation der Trialoge zeigt uns, dass
das Kennenlernen neuer Sichtweisen sehr gut
funktionierte. Zwischen 85 und 100 % stimmten
der Aussage „Ich nehme aus der Veranstaltung
neue Argumente und Sichtweisen mit“ voll oder
eher zu. Dies kann als ein erster notwendiger
Schritt gesehen werden, damit offener und
vertrauensvoller Austausch untereinander
entsteht. Dieser ist wiederum Basis für eine
potenzielle Zusammenarbeit.
ÜBER DAS HERSTELLEN VON
VERTRAUEN UND DEM OFFENEN
AUSTAUSCH UNTEREINANDER:
„Es war wirklich eine Offenheit da, aber auch gleich
das Vertrauen, dass man hier auch Kritik äußern kann
und sich herausfordern kann. Und das ist immer ein
gutes Zeichen, denn eigentlich ist es sehr schwer, das
herzustellen: ein Raum voller Personen, die sich zum
ersten Mal treffen, die alle ganz viel Erfahrung
mitbringen und sich dann so sehr zu vertrauen einer
anwesenden Professorin zu sagen ‚Hey, ich habe auch
eine Idee für die Wissenschaft!‘. Ich finde, das hat gut
funktioniert.“
Dr. Lukas Fuchsgruber, Technische Universität
Berlin, Wissenschaftler des Forschungsprojekts
‚Museums and Society‘
Um tragfähige Lösungen zu finden, ist ein
multiperspektivischer und transdisziplinärer
Austausch sehr hilfreich. Dies bestätigten im
Nachgang viele Teilnehmer*innen:
18
ÜBER DIE NOTWENDIGE
PERSPEKTIVENVIELFALT,
UM TRAGFÄHIGE LÖSUNGEN
ZU FINDEN:
„Ich finde es sehr faszinierend hier Menschen zu
treffen, die aus ganz unterschiedlichen Perspektiven
an dieser Frage mitdenken und ich glaube, nur in
dieser Multiperspektivität können wir Lösungen
finden.“
Annette Jensen, Sprecherin der Berliner
Ernährungsrats, Vertreterin der Zivilgesellschaft
„Eine gute Idee, […] dass der Dialog zwischen den
einzelnen gesellschaftlichen Sphären angestoßen wird.
Und so löst man eigentlich auch Probleme oder sollten
Probleme gelöst werden, da sie letztlich nicht nur
einen Bereich betreffen.“
Serttaş Dündar, Politischer Referent des Entwick-
lungspolitischen Ratschlags Berlin, Vertreter für die
Zivilgesellschaft
„[…] dazu sind diese Foren super, dass man sich
austauscht und genau auf diesen Punkt kommt, dass
man eigentlich an ganz ähnlichen Fragen sitzt.
Nur, dass wir das halt aus der Warte der Wissenschaft
machen und die andern aus der Warte der Praxis und
dass das eigentlich total produktiv ist, wenn das
zusammenkommt.“
Prof. Dr. Tahani Nadim, Humboldt-Universität zu
Berlin, Wissenschaftlerin des Forschungsprojektes
‚Museums and Society‘
In Wortmeldungen zeigte sich immer wieder,
dass die verschiedenen Handlungslogiken und
Rollenverständnisse der unterschiedlichen
Sphären die Teilnehmenden intensiv beschäf-
tigte. Hierbei setzten sich die Teilnehmenden
auch ausführlich mit der Rolle der Wissenschaft
auseinander:
ÜBER DIE ROLLE DER
WISSENSCHAFT:
„Was ich mit Freude gehört habe, auch aus der
Wissenschaft heraus, ist das klare Interesse […] sich
einzumischen und gesellschaftliche Relevanz zu
haben. Und das ist ein Impuls den ich aus tiefsten
Herzen nur unterstützen kann. Es geht am Ende bei
einer Wissenschaft auch darum, sich rein ins Hand-
gemenge zu begeben […].“
Katja Kipping, Berliner Senatorin für Integration,
Arbeit und Soziales
„[…] das heißt, die Akteure, die heute Teil des
Trialogs waren, kommen aus ganz unterschiedlichen
gesellschaftlichen, politischen Feldern und doch gab es
ein geteiltes Bewusstsein für die Problematik und auch
ein Gefühl, für die Notwendigkeit, darauf eine soli-
darische Antwort finden zu müssen. […] Und doch gibt
es immer den Verdacht, dass die anderen [Sphären]
noch mehr tun könnten, als sie tun, um eben diese
Probleme adäquat zu adressieren. Daraus kann aber
auch das Bewusstsein entstehen, durch so ein
konstruktives Gespräch, wie heute, dass man darin
zusammen arbeiten muss und die vermeintlichen
Gräben zwischen diesen Feldern — Wissenschaft,
Politik, Zivilgesellschaft — dass die gar nicht so tief
sind, weil: wir haben es ja geschafft, uns darüber zu
verständigen und […] eine gemeinsame Sprache
zu finden und die Probleme und die unterschiedlichen
Perspektiven ernst zu nehmen.“
Prof. Dr. Robin Celikates, Freie Universität Berlin,
Wissenschaftler des Forschungsprojekts
‚Transforming Solidarities‘
Insgesamt wurden die Trialoge in der Evaluation
überwiegend positiv bewertet. Rund 80 % der
Teilnehmenden gaben dem Trialog die Note sehr
gut oder gut, 20 % der Teilnehmenden bewerte-
ten ihn als befriedigend.
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Transdisziplinäre Forschung ist gekennzeichnet
durch die Berücksichtigung diverser wissen-
schaftlicher und gesellschaftlicher Sichtweisen.
Die Trialoge haben sich für uns als gute Möglich-
keit erwiesen, Wissenschaftler*innen, die in
einem nicht oder wenig transdisziplinärem
Forschungsprojekt involviert sind, in sehr
komprimierter und dennoch nicht verkürzter
Form Perspektiven und Fragen gesellschaftlicher
Stakeholder*innen zu vermitteln. Man kann dies
als eine Form der gesellschaftlichen Konsultation
bezeichnen. Trialoge haben demzufolge das
Potenzial in folgenden Phasen der transdiszipli-
nären Forschung zu unterstützen:
• Co-Exploration: Durch die Perspektiven-
vielfalt bei den Trialogen werden Wissen-
schaftler*innen mit für sie bislang wenig
bekannten Sichtweisen konfrontiert. Das
Forschungsthema wird um die Sichtweisen
der gesellschaftlichen Stakeholder*innen
komplementiert.
• Co-Design: Durch die Wahrnehmung anderer
Perspektiven werden weitere Unterthemen zu
dem Forschungsthema sichtbar. Wissen-
schaftler*innen können ggf. ihre Forschungs-
frage anpassen bzw. ausweiten, um auch die
Bedarfe und Realitäten der gesellschaftlichen
Stakeholder*innen miteinzubeziehen.
• Wissensintegration: Die Suche nach Grund-
konsensen bei den Trialogen ebnet zudem den
Weg für gemeinwohlorientierte Lösungen —
ein weiteres Merkmal transdisziplinärer
Forschung. Die Methode der deliberativen
Moderation eignet sich hierfür besonders, da
sie auf Verständigung und Konsens setzt.
Die eingebrachten Forschungsergebnisse
werden durch die Diskussion mit diversen
gesellschaftlichen Stakeholder*innen einem
Realitätscheck unterworfen, der einer
Wissens integration mit gemeinwohlorien-
tierten Fokus gleichkommt.
Die Trialoge haben das Potenzial, alle Phasen
der transdisziplinären Forschung zu bedienen
— unabhängig von der konkreten Phase eines
Forschungsprojektes. Auch bei einem bereits
recht fortgeschrittenen Forschungsprojekt, bei
dem die Wissenschaftler*innen ihre Erkenntnisse
präsentieren und es in der Diskussion zu
einer Wissensintegration kommt, spielen die
Co-Exploration und das Co-Design durchaus
eine Rolle. Nicht selten werden Nachfolge-
Forschungsprojekte entwickelt, denn die Wissen-
schaftler*innen stecken aufgrund des Projekt-
charakters des Wissenschaftssystems häufig
bereits in Überlegungen zu anschließenden
Forschungsfragen. Der Input von gesellschaft-
lichen Stakeholder*innen-Gruppen kann dabei
wichtige Impulse und Inspiration liefern. Um
dies noch zu verstärken, könnte nach einem
Trialog ein weiterer Workshop (Follow-up)
folgen, zu dem ausgewählte Akteur*innen des
Trialogs eingeladen werden, die bspw. eine
Forschungsfrage vertiefen oder weiterentwickeln.
Nicht zu unterschätzen ist: bei den Trialogen
kommt es durch den Erfahrungs- und begrün-
deten Meinungsaustausch der Teilnehmenden zu
einem gemeinsamen Lernen. Abstrahierende
Erkenntnisse der Wissenschaft kommen hier
zusammen mit dem spezifischen Fallwissen der
LESSONS LEARNED
Was haben wir für das transdiszplinäre
Forschen gelernt?
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ZUSAMMENFASSUNG
Im Rahmen des Schwerpunkts Social Cohesion führte das TD-Lab gemeinsam mit der Berlin Governance
Platform — BGB gGmbH die Trialogreihe Social Cohesion durch. Insgesamt fanden drei ganztägige
Trialoge mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten statt. Wissenschaftler*innen der Social Cohesion
Exploration Projects der Berlin University Alliance tauschten sich dabei mit Expert*innen aus organi-
sierter Zivilgesellschaft, Wirtschaft sowie Politik und Verwaltung aus.
Die Trialoge sind Multi-Stakeholder*innen-Treffen und ermöglichen einen vertraulichen argumenta-
tiven Austausch. Sie folgen im Wesentlichen dem Verfahren der Deliberation und bauen auf die aktive
Teilnahme aller Anwesenden auf. Drei Aspekte sind kennzeichnend für die Trialoge: Perspektivenvielfalt
organisieren, Argumente begründen und Grundkonsens aufzeigen.
Die Trialoge können daher sowohl im Bereich der Co-Exploration als auch des Co-Designs und der
Wissensintegration einen wertvollen Beitrag für transdisziplinäre Forschungsprozesse leisten.
Akteur*innen aus Politik/Verwaltung, Wirtschaft
und Zivilgesellschaft. So bestätigten die Teil-
nehmer*innen in der Evaluation zum zweiten
und dritten Trialog zu 100 %, dass sie aus der
Veranstaltung neue Anregungen für ihren
eigenen Arbeitsalltag ziehen konnten. Beim 1.
Trialog, mit einem allgemeiner gefassten Thema,
bestätigten dies hingegen nur 33 % der Befragten.
Neben dem konkreten themenspezifischen
Austausch setzte bei den Teilnehmer*innen auf
der Metaebene ein Verständnis für die Hand-
lungslogiken der anderen Sphären ein. So spiel-
ten die (Selbst-)Verständnisse von Wissenschaft,
Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft immer
wieder implizit aber auch explizit eine Rolle in
der Suche nach Handlungsoptionen und
Lösungs ansätzen. Von diesem verbesserten
Verständnis untereinander profitieren die Teil-
nehmer*innen auch in anderen Kontexten.
Der Trialog war zudem eine gute Möglichkeit,
den Modus des transdisziplinären Forschens
bekannter zu machen. So lagen die Zustim-
mungswerte für die folgenden Aussagen dann
auch entsprechend hoch:
• „Aus der Veranstaltung habe ich die Sinn-
haftigkeit transdisziplinärer Arbeit mit-
genommen“: zwischen 43—88 % stimmen
(voll) zu
• „Durch die Veranstaltung habe ich Interesse
entwickelt, an einem transdisziplinären
Projekt mitzuwirken“: zwischen 50—78 %
stimmen (voll) zu
• „Bei der Veranstaltung habe ich Projektideen
oder Personen für weitere Zusammenarbeit
mitgenommen“: zwischen 50—87 % stimmen
(voll) zu
Rückblickend stellen wir fest: durch explizites
Herausstellen des Trialogs als transdisziplinäres
Austauschformat und eine kurze Einführung in
Transdisziplinarität als Forschungsmodus hätten
sich die Zustimmungswerte vermutlich noch
erhöhen lassen.
Ob es der Trialog tatsächlich vermochte, neue
Kooperationen oder gar transdisziplinäres
Forschen anzuregen, können wir zum jetzigen
Zeitpunkt noch nicht abschließend beurteilen.
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Tipps zum Weiterlesen
Blum, M., Colell, A., & Treichel, K. (2022). Deliberation: Neue Räume für die Aushandlung von Politik-
optionen. In J. Zilles, E. Drewing, & J. Janik, (Hrsg.), Umkämpfte Zukunft, Zum Verhältnis von Nachhaltigkeit,
Demokratie und Konflikt. Transcript.
DOI: 10.14361/9783839463000-016, https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-6300-6/
umkaempfte-zukunft/?number=978-3-8394-6300-0&c=310000023
Jahn, T. (2021). Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung — Methoden, Kriterien, gesellschaftliche
Relevanz. In: B. Blättel-Mink et al. (Hrsg.) Nachhaltige Entwicklung in einer Gesellschaft des Umbruchs.
(141—157). Springer.
Pohl, Ch., & Hirsch-Hadorn, G. (2008). Gestaltung transdisziplinärer Forschung. Sozialwissenschaften und
Berufspraxis, 31(1), 5—22.
https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-44574
Zum Konzept der Trialoge:
Schwan, G., Podann, A., Treichel, K. (2015). Trialoge als Beitrag zu Good Governance.
HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform.
https://www.governance-platform.org/wp-content/uploads/2023/01/HVGP_Trialoge_Good_
Governance.pdf
Weitere Informationen über den TD-Lab Schwerpunkt Social Cohesion der Berlin University Alliance:
https://www.berlin-university-alliance.de/commitments/knowledge-exchange/research-forums/
social-cohesion/index.html
Weitere Informationen über die sechs Social Cohesion Exploration Projects der Berlin University Alliance:
https://www.berlin-university-alliance.de/commitments/grand-challenge-initiatives/call-social-
cohesion_end/call-2020/index.html
Forschungsatlas Sozialer Zusammenhalt:
https://viz.governance-platform.org/sozialer-zusammenhalt/
Diskussionsatlas Sozialer Zusammenhalt:
https://viz.governance-platform.org/trialogreihe-social-cohesion/
Weitere Informationen über die Berlin Governance Platform (ehemals HUMBOLDT-VIADRINA
Governance Platform):
https://www.governance-platform.org/
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Trialoge
Ein deliberatives Multi-Stakeholder*innen-
Format mit digitalen Wissensatlanten im Rahmen
des Schwerpunkts Social Cohesion
TD-Lab — Labor für transdisziplinäre Forschung
der Berlin University Alliance
November 2023
Autorin:
Wiebke Hahn
durchgeführt mit der Berlin Governance Platform
Herausgeberin:
Berlin University Alliance
DOI: https://doi.org/10.14279/depositonce-19190
Copyright: CC-BY-SA 4.0
Konzept, Layout und Satz: Sapera Studios GmbH
Druck: Pinguin Druck GmbH
Bilder:
Simon Brunel, Atelier LIMO, Limo for Research
©Berlin University Alliance
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