Fakultät für
Elektrotechnik,
Informatik und
Mathematik
Adaptive Digitalfilter f¨
ur die
aktive Schalld¨
ampfung in R¨
ohrensystemen
Zur Erlangung des akademischen Grades
DOKTORINGENIEUR (Dr.-Ing.)
der Fakult¨
at f¨
ur Elektrotechnik, Informatik und Mathematik
der Universit¨
at Paderborn
genehmigte Dissertation
von
Dipl.-Ing. Tobias Balkenhol
Paderborn
Referent: Prof. Dr.-Ing. Ulrich Hilleringmann
Korreferent: Prof. Dr.-Ing. Reinhold H¨
ab-Umbach
Tag der m¨
undlichen Pr¨
ufung: 18.08.2009
Paderborn, den 18.08.2009
Diss. EIM-E/254
Inhaltsverzeichnis
Einf¨
uhrung 1
I Akustische Modellierung 5
1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren 7
1.1 Kirchhoff-L¨
osung f¨
ur eine kreisrunde R¨
ohre . . . . . . . . . 9
1.1.1 Vorbemerkungen ...................... 10
1.1.2 Zustandsgleichung f¨
ur ein ideales Gas . . . . . . . . . . 11
1.1.3 Die Kontinuit¨
atsgleichung ................. 12
1.1.4 Die Navier-Stokes-Gleichung . . . . . . . . . . . . . . 12
1.1.5 Die W¨
armeleitungsgleichung ............... 13
1.1.6 L¨
osung der Navier-Stokes-Fourier-Gleichungen . . . . . 15
1.2 Isotherme und ideal schallharte W¨
ande . . . . . . . . . . . . . . 19
1.2.1 Vereinfachtes Modell nach Kirchhoff . . . . . . . . . . 20
1.2.2 Vereinfachtes Modell nach Munjal . . . . . . . . . . . . 23
1.2.3 Vereinfachtes Modell nach Stinson . . . . . . . . . . . . 23
1.2.4 Vereinfachtes Modell nach Keefe . . . . . . . . . . . . . 25
1.3 Isotherme und nicht-ideal schallharte W¨
ande . . . . . . . . . . 25
1.4 Nicht-isotherme und ideal schallharte W¨
ande . . . . . . . . . . 29
1.4.1 Vereinfachtes Modell nach Franken et al. . . . . . . . 33
1.4.2 Vereinfachtes Modell nach Keefe . . . . . . . . . . . . . 33
1.5 Bewertung der Approximationen ................. 34
1.5.1 Vorbetrachtungen und Fehlermaße . . . . . . . . . . . . 34
1.5.2 Isotherme und ideal schallharte W¨
ande . . . . . . . . . 35
1.5.3 Isotherme und nicht-ideal schallharte W¨
ande . . . . . . 36
1.5.4 Nicht-isotherme und ideal schallharte W¨
ande . . . . . . 38
i
ii Inhaltsverzeichnis
2 Modellierung von R¨
ohrensystemen 40
2.1 Leitungsmodell f¨
ur einen akustischen Wellenleiter . . . . . . . . 40
2.1.1 Charakteristische Impedanz . . . . . . . . . . . . . . . . 42
2.1.2 Zweitormodellierung .................... 43
2.2 Modellierung einer ver¨
anderlichen Querschnittsfl¨
ache . . . . . . 44
2.2.1 Die Webster-Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
2.2.2 Stufenweise Approximation . . . . . . . . . . . . . . . . 46
2.3 Modellierung einer endlichen R¨
ohrenl¨
ange . . . . . . . . . . . . 50
2.3.1 M¨
undung ohne Flansch . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
2.3.2 M¨
undung mit unendlich ausgedehntem Flansch . . . . . 52
2.4 Modellierung von Abzweigungen ................. 52
2.5 Modellierung von nicht-idealen Schallquellen . . . . . . . . . . . 54
2.6 Untersuchungen zur Modellierung eines R¨
ohrensystems . . . . . 56
2.6.1 Validierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
2.6.2 Bewertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3 Str¨
omung im R¨
ohrensystem 62
3.1 D¨
ampfungsmaß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
3.2 Zweitormodellierung eines durchstr¨
omten Wellenleiters . . . . . 64
3.3 Konvektive Schallfeldgr¨
oßen .................... 65
3.4 Modellierung einer ver¨
anderlichen Querschnittsfl¨
ache . . . . . . 67
3.4.1 Stufenweise Approximation nach Gupta et al. . . . . . 67
3.4.2 Modellierung von Querschnittsspr¨
ungen nach Munjal . 68
II Algorithmen f¨
ur die aktive Schalld¨
ampfung 71
4 Aktive Schalld¨
ampfung in R¨
ohrensystemen 73
4.1 Blockschaltbild eines ANC-Systems . . . . . . . . . . . . . . . . 73
4.1.1 Feedforward- und Feedback-Verfahren . . . . . . . . . . 76
4.1.2 Optimale ¨
Ubertragungsfunktion . . . . . . . . . . . . . . 76
4.1.3 Energetische Betrachtungen . . . . . . . . . . . . . . . . 77
4.2 Sensorik und Aktorik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
4.2.1 Referenzsignalerfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
4.2.2 Fehlersignalerfassung .................... 78
4.2.3 Str¨
omungsinduzierter St¨
orschall . . . . . . . . . . . . . . 78
Inhaltsverzeichnis iii
5 Adaptive Digitalfilter 80
5.1 Konvergenz und Tracking ..................... 81
5.2 Transversale Filterstruktur .................... 83
5.3 Rekursive Filterstruktur ...................... 84
5.4 Gradientenverfahren ........................ 85
5.4.1 Schrittweite ......................... 86
5.4.2 FxLMS-Algorithmus .................... 87
5.5 LS-Algorithmus ........................... 88
5.6 RLS-Algorithmus .......................... 90
5.6.1 Rekursionsgleichung f¨
ur den Koeffizientenvektor . . . . 91
5.6.2 Eigenschaften des RLS-Algorithmus . . . . . . . . . . . . 92
5.7 ERLS-Algorithmus ......................... 93
6 Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads 97
6.1 AN-Verfahren nach Eriksson et al. ............... 98
6.2 AN-Verfahren nach Zhang et al. . . . . . . . . . . . . . . . . 99
6.3 OM-Verfahren nach Eriksson . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
6.4 OM-Verfahren nach Lopes et al. . . . . . . . . . . . . . . . . 103
6.5 OM-Verfahren nach Kohno et al. . . . . . . . . . . . . . . . . 105
6.6 Verbessertes OM-Verfahren .................... 106
6.7 MCERLS-Algorithmus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
6.7.1 Kovarianzmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
6.7.2 Vereinfachtes Kovarianzmanagement . . . . . . . . . . . 111
6.7.3 Anmerkungen ........................ 111
7 Simulationstechnische Untersuchungen 113
7.1 Aktiver Abgasschalld¨
ampfer .................... 113
7.1.1 Ger¨
auschspektrum eines Verbrennungsmotors . . . . . . 114
7.1.2 Stand der Forschung und Entwicklung . . . . . . . . . . 114
7.2 Simulationsmodell ......................... 116
7.2.1 Implementierung ...................... 118
7.2.2 Simulationsstimulus .................... 119
7.2.3 Referenz- und Fehlersignal . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
7.2.4 Quellenparameter der Sekund¨
arquelle . . . . . . . . . . 122
7.3 Simulationsergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
7.3.1 Kovarianzmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
7.3.2 Vergleich der Verfahren zur Online-Modellierung . . . . 128
7.3.3 Bewertung der Online-Modellierung . . . . . . . . . . . 132
7.3.4 Str¨
omungsinduziertes Rauschen . . . . . . . . . . . . . . 134
Zusammenfassung und Ausblick 137
iv Inhaltsverzeichnis
A Thermodynamik von Gasen 141
A.1 Viskosit¨
at . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
A.2 Thermische W¨
armeleitf¨
ahigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
A.3 Schallgeschwindigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
A.4 Dichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
A.5 Spezifische W¨
armekapazit¨
at .................... 142
B Bestimmung der Quellenparameter 143
B.1 Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
B.2 Praktische Durchf¨
uhrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
B.2.1 L¨
angenoptimierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
B.2.2 Untersuchungen zur Bestimmung der Quellenparameter 146
B.2.3 Quellenparameter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
C MFx-Struktur und Adaptationsalgorithmen 149
C.1 MFx-Struktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
C.2 Adaptationsalgorithmen ...................... 150
C.2.1 Normalisierter LMS-Algorithmus . . . . . . . . . . . . . 151
C.2.2 RLS-Algorithmus ...................... 151
C.2.3 ERLS-Algorithmus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
D Rekursive Sch¨
atzung statistischer Gr¨
oßen 152
D.1 Rekursive Sch¨
atzung des Mittelwerts . . . . . . . . . . . . . . . 152
D.2 Rekursive Sch¨
atzung der Varianz . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
Literaturverzeichnis 155
Danksagung 175
Ausgew¨
ahlte Formelzeichen und Abk¨
urzungen
Mathematische Operatoren und Definitionen
δ(·) Delta-Funktion
det{·} Determinante
DFT{·} Diskrete Fourier-Transformation
diag{x}Diagonalmatrix mit den Diagonalelementen x
div{·} Divergenz
~erEinheitsvektor in r-Richtung
~ezEinheitsvektor in z-Richtung
e(·)Exponentialfunktion
E{·} Erwartungswert
grad{·} Gradient
IDFT{·} Diskrete inverse Fourier-Transformation
Im{·} Imagin¨
arteil
j Imagin¨
are Einheit
Jn(·)Bessel-Funktion erster Art der Ordnung n
M{·} Mittelwert
O{·} Mathematische Komplexit¨
at
Re{·} Realteil
rot{·} Rotation
{·}TTransposition
Tn(·)Tschebyscheff-Polynom erster Art der Ordnung n
Yn(·)Bessel-Funktion zweiter Art der Ordnung n
∗Diskrete Faltung
{·}∗Komplexe Konjugation
△{·} Laplace-Operator
∇{·} Nabla-Operator
k·kkk-Norm eines Vektors
0nNullelementvektor der L¨
ange noder Nullmatrix der Dimension n×n
InEinheitsmatrix der Dimension n×n
v
vi Ausgew¨
ahlte Formelzeichen und Abk¨
urzungen
Allgemeines
fFrequenz
fSAbtastfrequenz
hImpulsantwort
H¨
Ubertragungsfunktion
λWellenl¨
ange
ωKreisfrequenz
ωSAbtastkreisfrequenz
rRadius
tZeit
z z-Koordinate oder komplexe Variable
Fluideigenschaften
κThermische Leitf¨
ahigkeit eines Fluids
µ,ηDynamische Viskosit¨
at
νKinematische Viskosit¨
at
ζVolumenviskosit¨
at
Gaseigenschaften
CpSpezifische W¨
arme pro Einheitsmasse bei konstantem Druck
CvSpezifische W¨
arme pro Einheitsmasse bei konstantem Volumen
Cpv Verh¨
altnis Cpv =Cp/Cv
DvViskose Verlustrate
RIndividuelle Gaskonstante
Schallfeldgr¨
oßen
cSchallgeschwindigkeit
PSchalldruck
P0Statischer Druck
φAkustisches Potenzial
Dichte
ρ0Dichte im Gleichgewichtszustand
sEntropie
S0Entropie im Gleichgewichtszustand
TTemperatur in Kelvin
T0Temperatur im Gleichgewichtszustand in Kelvin
vSchallschnellenvektor
V0Schallschnelle im Gleichgewichtszustand
˜p, ˜ρ, ˜s,˜
T,˜
vZeitabh¨
angige Schallfeldgr¨
oßen
ˆp, ˆρ, ˆs,ˆ
T,ˆ
vKomplexe Amplituden der Schallfeldgr¨
oßen
Ausgew¨
ahlte Formelzeichen und Abk¨
urzungen vii
Akustischer Wellenleiter
αD¨
ampfungsmaß
βPhasenmaß verlustbehafteter Wellenleiter
β0Phasenmaß verlustfreier Wellenleiter
cpPhasengeschwindigkeit
γAusbreitungsmaß
pnGemittelte komplexe Amplitude des Schalldrucks am Tor n
qnGemittelte komplexe Amplitude des Schallflusses am Tor n
rn,rwR¨
ohrenradius
ρnGemittelte komplexe Amplitude der Dichte am Tor n
vnGemittelte komplexe Amplitude der Schallschnelle am Tor n
ZLCharakteristische Impedanz verlustbehafteter Wellenleiter
ZL0 Charakteristische Impedanz verlustfreier Wellenleiter
Eigenschaften der R¨
ohrenw¨
ande
CwSpezifische W¨
armekapazit¨
at der R¨
ohrenw¨
ande
dDicke der R¨
ohrenw¨
ande
κwW¨
armeleitf¨
ahigkeit der R¨
ohrenw¨
ande
ρwDichte der R¨
ohrenw¨
ande
ˆ
TwKomplexe Amplitude der Wandtemperatur
ZwWandimpedanz
Str¨
omendes Medium
FnReibungsfaktor
MnMach-Zahl
RnReynolds-Zahl
VnStr¨
omungsgeschwindigkeit des Mediums
Zweitormodellierung
KKettenmatrix
Knm (n, m)-Element der Kettenmatrix K
ZImpedanzmatrix
ZZweitor
Adaptives ANC-System
dAusgangssignal des Prim¨
arpfads
DSt¨
orsignald¨
ampfung
eFehler
epRestschall
εAdaptationsparameter des MCERLS-Algorithmus
FPhysikalischer R¨
uckkopplungspfad
viii Ausgew¨
ahlte Formelzeichen und Abk¨
urzungen
F{·} ¨
Ubergangsmatrix
κKalman-Verst¨
arkung
µSchrittweite bei den LMS-basierten Algorithmen
nDiskreter Zeitindex
pImpulsantwort des physikalischen Prim¨
arpfads
ˆpGesch¨
atzte Impulsantwort des Prim¨
arpfads
ˆ
pKoeffizientenvektor des adaptiven Prim¨
arfilters
PPhysikalischer Prim¨
arpfad
ˆ
PAdaptives Prim¨
arfilter
q{·} Skalierungsfaktor bei den ERLS-basierten Algorithmen
Q{·} Kovarianzmatrix bei den ERLS-basierten Algorithmen
r{·} Systemrauschen
sImpulsantwort des physikalischen Sekund¨
arpfads
ˆsGesch¨
atzte Impulsantwort des Sekund¨
arpfads
ˆ
sKoeffizientenvektor des adaptiven Sekund¨
arfilters
SPhysikalischer Sekund¨
arpfad
ˆ
SAdaptives Sekund¨
arfilter
ϑ0Temperatur in ◦C
uSt¨
orschall beziehungsweise St¨
orsignal
v{·} Messrauschen
V0Str¨
omungsgeschwindigkeit des Abgases in der Zuleitung
ˆwImpulsantwort des Kompensationsfilters
ˆ
wKoeffizientenvektor des Kompensationsfilters
ˆ
WKompensationsfilter
WFensterl¨
ange
xAusgangssignal des Referenzsensors
yAusgangssignal des Kompensationsfilters
ysAusgangssignal des Sekund¨
arpfads
yˆsAusgangssignal des adaptiven Sekund¨
arfilters
yˆpAusgangssignal des adaptiven Prim¨
arfilters
Abk¨
urzungen und Indizes
{·}app Approximation
{·}AAusgang
{·}BAbzweigung
{·}cKonvektive Gr¨
oße
{·}eFehlersignal
{·}EEingang
{·}Fr N¨
aherung nach Franken et al.
{·}ges Gesamt
{·}Hu N¨
aherung nach Hudde et al.
{·}iIsotherme R¨
ohrenw¨
ande
{·}Ke N¨
aherung nach Keefe
Ausgew¨
ahlte Formelzeichen und Abk¨
urzungen ix
{·}Ki N¨
aherung nach Kirchhoff
{·}mMessung
{·}min Minimal
{·}M, M{·} Mikrofon
{·}Mu N¨
aherung nach Munjal
{·}nR¨
ohrenelement n
{·}nNicht-isotherme R¨
ohrenw¨
ande
{·}opt Optimal
{·}pPhysikalischer Prim¨
arpfad
{·}ˆpGesch¨
atzter Prim¨
arpfad
{·}QQuerschnittssprung
{·}ref Referenz
{·}sPhysikalischer Sekund¨
arpfad
{·}ˆsGesch¨
atzter Sekund¨
arpfad
{·}sSimulation
{·}St N¨
aherung nach Stinson
{·}tTurbulenter Einfluss
{·}TR¨
ohrenabschluss
{·}VVerst¨
arker
{·}wPhysikalisches System
{·} ˆwKompensationsfilter
{·}xReferenzsignal
Weitere Abk¨
urzungen
ANC Active-Noise-Control
FIR Finite-Impulse-Response
FL Full-Load
IIR Infinite-Impulse-Response
RL Road-Load
AN Added-Noise
ERLS Extended-Recursive-Least-Squares
FxLMS Filtered-x-Least-Mean-Square
LMS Least-Mean-Square
LS Least-Squares
MCERLS Modified-Covariance-Extended-Recursive-Least-Squares
MFx Modified-Filtered-x
MSE Mean-Square-Error
NLMS Normalized-Least-Mean-Square
OM Overall-Modeling
RLS Recursive-Least-Squares
x Ausgew¨
ahlte Formelzeichen und Abk¨
urzungen
Einf¨
uhrung
Der von technischen Ger¨
aten oder Maschinen erzeugte L¨
arm wird h¨
aufig durch
Ausnutzung von passiven D¨
ampfungsmechanismen in Form von Reflexion und
Absorption reduziert. Die D¨
ampfung von tieffrequentem St¨
orschall ist jedoch
mit passiven Methoden oft nur unzureichend m¨
oglich und kann zus¨
atzlich auf-
grund der erforderlichen geometrischen Abmessungen einen großen baulichen
und finanziellen Aufwand beanspruchen.
Zunehmend an Bedeutung gewinnen in den letzten Jahren die aktiven
D¨
ampfungsmaßnahmen, die vor allem tieffrequenten L¨
arm effektiver mindern.
Das aktive Prinzip basiert auf der ¨
Uberlagerung des durch prim¨
are Schall-
quellen verursachten St¨
orschallfelds mit einem von sekund¨
aren Schallquellen
gezielt erzeugten Gegenschallfeld. Das Sekund¨
arschallfeld wird durch einen
oder mehrere Lautsprecher dergestalt erzeugt, dass sich am gew¨
unschten Ort
der L¨
armminderung prim¨
are und sekund¨
are Feldanteile durch Interferenz de-
struktiv ¨
uberlagern.
Die praktische Umsetzung des auch als Gegen- oder Antischallverfahren
bezeichneten Prinzips gestaltet sich bei dreidimensionalen Feldern wesentlich
aufw¨
andiger als f¨
ur den eindimensionalen Fall. Erste Anwendungen widmeten
sich daher der eindimensionalen Betrachtung von in Kan¨
alen oder R¨
ohren ge-
f¨
uhrten Schallwellen. Diese werden beispielsweise im Bereich der Klimatechnik
von Ventilatoren erzeugt oder durch Abgasleitungen von Verbrennungsmoto-
ren geleitet.
Zielsetzung
In dieser Arbeit stehen Verfahren f¨
ur die aktive D¨
ampfung von schmal- und
breitbandigem L¨
arm in R¨
ohrensystemen im Mittelpunkt. Ein Algorithmus be-
rechnet gem¨
aß Abbildung 1nach dem Feedforward-Prinzip aus einer gemesse-
nen Referenz- und Fehlergr¨
oße ein Gegenschallsignal, welches schließlich vom
Lautsprecher abgestrahlt wird. Der Algorithmus ben¨
otigt dazu die ¨
Ubertra-
gungseigenschaften des Prim¨
ar- und Sekund¨
arpfads. Diese k¨
onnen im Betrieb,
beispielsweise aufgrund von ¨
Anderungen der Gastemperatur, fortlaufend vari-
1
2 Einf¨
uhrung
Prim¨
arpfad
Sekund¨
arpfad
St¨
orschall Restschall
Referenzsignal
Mikrofon Mikrofon
Algorithmus
Verst¨
arker
Lautsprecher
Fehlersignal
Abbildung 1: Schematische Darstellung der aktiven Schalld¨
ampfung in einem R¨
oh-
rensystem nach dem Feedforward-Prinzip
ieren, so dass Verfahren w¨
unschenswert sind, die dem zeitvarianten Verhalten
der ¨
Ubertragungspfade gerecht werden und beim so genannten Tracking das
Nachf¨
uhren der Filterkoeffizienten erm¨
oglichen. Von Interesse sind Algorith-
men f¨
ur adaptive Digitalfilter, die neben der Berechnung des Gegenschallsig-
nals zus¨
atzlich im Rahmen einer Online-Modellierung die Ber¨
ucksichtigung
eines zeitvarianten Sekund¨
arpfads erlauben.
In nicht-station¨
arer Umgebung empfiehlt sich f¨
ur die Sch¨
atzung der Fil-
terkoeffizienten ein erweitertes Verfahren der kleinsten Fehlerquadrate. Diese
Verfahren lassen sich als eine spezielle Form des Kalman-Filters interpretie-
ren, bei denen mit Hilfe von Adaptationsparametern die Kovarianzmatrizen
und damit das Tracking-Verhalten beziehungsweise die resultierende St¨
orsig-
nald¨
ampfung direkt beeinflusst werden k¨
onnen. Das Ziel dieser Arbeit ist es
daher, neue Ans¨
atze vorzustellen und zu untersuchen, die mit Hilfe eines Kova-
rianzmanagements ein verbessertes Tracking und zudem eine geringere Anzahl
von abzustimmenden Adaptationsparametern aufweisen.
Die Untersuchung der erarbeiteten sowie der aus der Literatur bekannten
Verfahren erfolgt bez¨
uglich des Trackings entsprechend dem Entwicklungs-
trend simulationstechnisch. Die bisherigen Arbeiten zu dieser Thematik ver-
wendeten zur Simulation eines zeitvarianten Systems h¨
aufig ein stochastisches
Modell, das sich auf messtechnisch ermittelte ¨
Ubertragungsfunktionen und auf
Gauß-Markov-Prozesse st¨
utzt. Ein solches Modell erlaubt zwar eine Beur-
teilung der Algorithmen, l¨
asst jedoch nur eingeschr¨
ankte R¨
uckschl¨
usse auf das
Verhalten zu, wenn sich die Verfahren in einem physikalischen System unter
realen Betriebsbedingungen zu bew¨
ahren haben. Dieses Dilemma wird in die-
Einf¨
uhrung 3
ser Arbeit durch den Einsatz eines physikalisch motivierten mathematischen
Modells eines R¨
ohrensystems vermieden, welches den Bezug zu einer konkreten
praktischen Anwendung herstellt. F¨
ur einen zu simulierenden aktiven Abgas-
schalld¨
ampfer ist zu untersuchen, ob mit den neuen Ans¨
atzen h¨
ohere St¨
orsig-
nald¨
ampfungen als mit den etablierten Verfahren erzielt werden k¨
onnen.
¨
Ubersicht zur Arbeit
Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil thematisiert die Model-
lierung des akustischen ¨
Ubertragungsverhaltens von R¨
ohrensystemen f¨
ur eine
Schallausbreitung im Grundmodus. Die Betrachtungen beschr¨
anken sich nicht
nur auf die f¨
ur die Simulation ben¨
otigten mathematischen Modelle. Losge-
l¨
ost von der Intention des zweiten Teils leistet der erste auch Beitr¨
age zur
Modellierung eines akustischen Wellenleiters auf der Grundlage des Ausbrei-
tungsmaßes, die bisher formal nicht pr¨
asentiert worden sind.
Fundiert auf den Arbeiten von Kirchhoff werden die aus der Literatur be-
kannten sowie die erarbeiteten Approximationen f¨
ur das Ausbreitungsmaß vor-
gestellt. Diese erlauben die Charakterisierung der Schallausbreitung in kreis-
runden R¨
ohren mit konstanter Querschnittsfl¨
ache unter Ber¨
ucksichtigung der
an den W¨
anden geforderten Randbedingungen. Diesbez¨
uglich sind insbesonde-
re nicht-ideal schallharte W¨
ande durch die Randbedingungen zu modellieren.
Die Bewertung der approximativen Ausbreitungsmaße erfolgt mit Hilfe von
Referenzl¨
osungen, die sich aus der exakten L¨
osung von Kirchhoff bestim-
men lassen.
Im n¨
achsten Schritt werden R¨
ohrensysteme betrachtet, die ver¨
anderliche
Querschnittsfl¨
achen, Abzweigungen oder ein str¨
omendes Medium enthalten
k¨
onnen. Die Modellierung des akustischen ¨
Ubertragungsverhaltens der R¨
oh-
rensysteme basiert auf einer Zweitorbeschreibung, f¨
ur die das Ausbreitungs-
maß essenziell ben¨
otigt wird. Mit der Validierung eines mathematischen R¨
oh-
renmodells anhand eines physikalischen R¨
ohrensystems endet der erste Teil.
Im zweiten Teil der Arbeit stehen Algorithmen im Mittelpunkt, die sich auf
der Grundlage einer adaptiven Signalverarbeitung zur aktiven Schalld¨
amp-
fung in R¨
ohrensystemen eignen. Es werden Ans¨
atze mit einer gleichzeitigen
Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads pr¨
asentiert, die mit Hilfe eines Ko-
varianzmanagements eine einfachere Abstimmung der Adaptationsparameter
erm¨
oglichen und dar¨
uber hinaus f¨
ur Anwendungen pr¨
adestiniert sind, die hohe
Anforderungen an das Tracking stellen.
F¨
ur die simulationstechnischen Untersuchungen erfolgt die Einbettung der
Algorithmen in den Kontext eines aktiven Abgasschalld¨
ampfers. Die daf¨
ur
erforderlichen Stimulussignale sind in einem Abgasstrang eines PKWs f¨
ur un-
terschiedliche Fahrzyklen gemessen oder abgesch¨
atzt worden. Ein Vergleich
der etablierten Konzepte mit den neuen Ans¨
atzen sowie eine Bewertung der
Simulationsergebnisse beschließen diese Arbeit.
4 Einf¨
uhrung
TEIL I
Akustische Modellierung
5
KAPITEL 1
Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
Der Schallausbreitung in R¨
ohren widmeten zahlreiche Forscher ab Mitte des
Neunzehnten Jahrhunderts ihre Aufmerksamkeit. So stand zun¨
achst bei den
Untersuchungen des Mathematikers Stokes und des Physikers Helmholtz
der Einfluss der Viskosit¨
at bei der Schallausbreitung in R¨
ohren im Mittel-
punkt ihres Interesses [Stok45,Helm63]. Neben der Viskosit¨
at gelang es dem
Physiker Kirchhoff schließlich, den Einfluss der W¨
armeleitung eines Gases in
einer R¨
ohre mit einer kreisrunden Querschnittsfl¨
ache ebenfalls zu ber¨
ucksich-
tigen [Kirc68,Rayl68]. Das Ergebnis wird h¨
aufig als Theorie von Kirchhoff
bezeichnet, w¨
ahrend das von Kirchhoff zu Grunde gelegte Differenzialglei-
chungssystem oft als Navier-Stokes-Fourier-Modell referenziert wird. Die
Kirchhoff-L¨
osung des Differenzialgleichungssystems besitzt unter den folgen-
den Pr¨
amissen G¨
ultigkeit:
•kleine ¨
Anderungen der Schallfeldgr¨
oßen um den Gleichgewichtszustand,
•sinusf¨
ormige Zeitabh¨
angigkeit der Schallfeldgr¨
oßen,
•ruhendes und ideales Gas als Medium,
•Schallausbreitung im Grundmodus,
•kreisrunde und konstante Querschnittsfl¨
ache bei unendlicher R¨
ohrenl¨
ange,
•ideal schallharte und isotherme W¨
ande,
•Tangentialkomponente der Schallschnelle verschwindet an den W¨
anden.
Um die Kirchhoff-L¨
osung f¨
ur die F¨
alle zu erschließen, wo die obigen
Bedingungen nicht erf¨
ullt werden k¨
onnen, sind zahlreiche Anstrengungen un-
ternommen worden. Auch wenn in dieser Arbeit die Betrachtung einer Schall-
ausbreitung im Grundmodus ausreicht, ist zu erw¨
ahnen, dass es etwa ab Mitte
des Zwanzigsten Jahrhunderts mit dem von Cremer eingef¨
uhrten Konzept
gelang, ebenfalls h¨
ohere Schallfeldmoden f¨
ur kreisrunde und rechteckige Quer-
schnittsfl¨
achen einzubeziehen [Crem48]. Sein Ansatz st¨
utzt sich auf eine Zerle-
gung des Schallfelds in einen prim¨
aren Schallfeldanteil, der das freie Schallfeld
7
8 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
repr¨
asentiert, sowie in zwei weitere Feldanteile zur Beschreibung der durch Vis-
kosit¨
at und W¨
armeleitung begr¨
undeten Ausgleichsvorg¨
ange. Die Verkn¨
upfung
der Feldanteile erfolgt schließlich ¨
uber Randbedingungen, welche sich auch
mit dem von Cremer vorgestellten Konzept der akustischen Grenzschicht
mit Hilfe einer Wandadmittanz formulieren lassen. Diese Grenzschicht bildet
sich aufgrund der Viskosit¨
at und der W¨
armeleitung des Fluids1in Wandn¨
ahe
aus, so dass der Begriff in Anlehnung an die sich bei Str¨
omungen ausbildende
Prandtl-Grenzschicht gew¨
ahlt worden ist [POW84].
Die Arbeiten von Cremer stellten die Grundlage f¨
ur verallgemeinerte An-
s¨
atze dar, das Schallfeld durch Superposition der akustischen Moden des pri-
m¨
aren Schallfelds, den Wirbelmoden zur Erfassung der viskosen Effekte und
den Entropiemoden zur Beschreibung der durch W¨
armeleitung bedingten Ein-
fl¨
usse analytisch zu formulieren [Kova53,Pier81]. Erste Arbeiten zur Schall-
ausbreitung von h¨
oheren Moden sind unter anderem [Beat50] zu entnehmen,
die einerseits den Weg f¨
ur raffinierte L¨
osungsvarianten ebneten und anderer-
seits das Verhalten h¨
oherer Moden im Bereich ihrer Grenzfrequenz sowie die
Interaktion mit der akustischen Grenzschicht genauer er¨
orterten [BBHK87,
Hudd88,Sche04]. In [Sche05] wurden zus¨
atzlich die Betrachtungen auf reale
Gase erweitert, w¨
ahrend in [Sche04] auch Effekte durch eine endliche R¨
ohren-
l¨
ange Ber¨
ucksichtigung fanden.
Die Berechnung des Ausbreitungsmaßes mit der klassischen L¨
osung von
Kirchhoff erfordert einen hohen mathematischen Aufwand. Daher wurden
in der Literatur zahlreiche vereinfachte Modelle angegeben, die sich in zwei
Klassen einteilen lassen [Tijd75]. Eine Klasse basiert auf der analytischen Ap-
proximation der Kirchhoff-L¨
osung [Kirc68,West53,Rayl68,Keef84,Stin91].
Ans¨
atze auf der Grundlage von vereinfachten Differenzialgleichungen, f¨
ur die
analytische [ZK49,Iber50,FCCW81,Munj87] oder nummerische L¨
osungen be-
stimmt werden k¨
onnen [Tsao68], z¨
ahlen dagegen zur anderen Klasse. Weitere
Approximationen f¨
ur das Ausbreitungmaß zur Ber¨
ucksichtigung von Effek-
ten, die von den Kirchhoff-Hypothesen abweichen, finden sich beispielsweise
in [West53,FCCW81].
In dieser Arbeit soll das akustische ¨
Ubertragungsverhalten von R¨
ohrensys-
temen in Analogie zu einer elektrischen Leitung auf der Grundlage des Aus-
breitungsmaßes und einer Zweitormodellierung charakterisiert werden. Dieses
Kapitel thematisiert daf¨
ur zun¨
achst die verlustbehaftete Schallausbreitung in
einem akustischen Wellenleiter mit kreisrunder und konstanter Querschnitts-
fl¨
ache im Grundmodus. Die Publikationen zu dieser Thematik widmeten sich
haupts¨
achlich einem durch die Randbedingung an den W¨
anden zu ber¨
ucksich-
tigenden Effekt und erarbeiteten f¨
ur diesen eine analytische Approximation
des Ausbreitungsmaßes. Dagegen sind im Folgenden, fundiert auf den Arbei-
ten von Stinson [Stin91], approximative und analytische Ausdr¨
ucke f¨
ur das
1Auch wenn ein Fluid sowohl Fl¨
ussigkeiten als auch Gase bezeichnet, sind in dieser
Arbeit nur gasf¨
ormige Fluide relevant.
1.1 Kirchhoff-L¨
osung f¨
ur eine kreisrunde R¨
ohre 9
Ausbreitungsmaß auf der Basis der Kirchhoff-L¨
osung zu pr¨
asentieren, die
eine Ber¨
ucksichtigung der Randbedingungen
•isotherme und ideal schallharte W¨
ande,
•isotherme und nicht-ideal schallharte W¨
ande,
•nicht-isotherme und ideal schallharte W¨
ande
erlauben. Die folgenden Betrachtungen beschr¨
anken sich demnach nicht nur
auf die im zweiten Teil der Arbeit ben¨
otigten mathematischen Modelle, son-
dern sie sollen auf der Grundlage des Ausbreitungsmaßes weitere Ans¨
atze zur
Beschreibung der Schallausbreitung in R¨
ohren f¨
ur Randbedingungen themati-
sieren, die in dieser Form bisher nicht pr¨
asentiert worden sind.
1.1 Kirchhoff-L¨
osung f¨
ur eine kreisrunde R¨
ohre
Die Viskosit¨
at und die W¨
armeleitf¨
ahigkeit eines Fluids sind eine Konsequenz
aus der molekularen Zusammensetzung. Die W¨
armeleitung basiert moleku-
larkinetisch auf der Diffusion von kinetischer Energie innerhalb des Fluids.
Dagegen entsteht die Viskosit¨
at durch einen Impulsaustausch zwischen den im
Fluid vorhandenen Molek¨
ulen. Die Viskosit¨
at l¨
asst sich daher molekularkine-
tisch als Diffusion des mechanischen Impulses deuten [MI86].
Gleiten Fluidschichten mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten aneinan-
der entlang, findet eine Wechselwirkung zwischen den Molek¨
ulen statt. Mole-
k¨
ule aus Schichten mit einer hohen mittleren freien Wegl¨
ange beschleunigen
Teilchen aus Schichten mit einer geringeren mittleren freien Wegl¨
ange. Als
Resultat entsteht eine Scherung oder Schubspannung. Infolge dieser Reibungs-
vorg¨
ange der Teilchen untereinander kommt es zu einer Erw¨
armung des Fluids.
Die Viskosit¨
at spielt deshalb vor allem in der N¨
ahe von starren W¨
anden eine
große Rolle. Die Molek¨
ule außerhalb des Wandbereichs besitzen eine endliche
Tangentialgeschwindigkeit, w¨
ahrend die von der Wand zur¨
uckprallenden Mo-
lek¨
ule eine regellose Bewegung mit der mittleren Tangentialgeschwindigkeit
von null ausf¨
uhren und somit bedingt durch die kleine mittlere freie Wegl¨
ange
scheinbar an der Wand haften bleiben [MN79,POW84,MI86,Zier93].
Aufgrund der Viskosit¨
at und der W¨
armeleitung kommt es bei der Schall-
ausbreitung in einem Gas, das als Fluid die Schallenergie transportiert, zu
einer D¨
ampfung der Schallwelle. Die viskosen und w¨
armeleitenden Eigenschaf-
ten des Gases sind im freien Schallfeld, also in weiter Entfernung von be-
grenzenden W¨
anden, im h¨
orbaren Frequenzbereich eher zu vernachl¨
assigen.
Dagegen sollten diese bei der Schallausbreitung in einer R¨
ohre nicht ignoriert
werden [Crem48].
10 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
1.1.1 Vorbemerkungen
F¨
ur die folgenden Betrachtungen wird f¨
ur den Druck P, die Dichte , die
Temperatur Tsowie die Schallschnelle veine Zeitabh¨
angigkeit der Form
P(t) = P0+ ˜p=P0+ Reˆpejωt,(1.1a)
(t) = ρ0+ ˜ρ=ρ0+ Reˆρejωt,(1.1b)
T(t) = T0+˜
T=T0+ Reˆ
Tejωt,(1.1c)
v(t) = ˜
v= Reˆ
vejωt(1.1d)
angenommen. Die Gr¨
oßen P0,ρ0und T0bezeichnen die Werte im thermody-
namischen Gleichgewicht2, also ohne Anregung. Dagegen stellen ˆp, ˆρund ˆ
Tals
komplexe Amplituden die Abweichung von den Gleichgewichtsgr¨
oßen infolge
einer Schallausbreitung dar. Mit
P0≫ |˜p|und ρ0≫ |˜ρ|sowie T0≫ |˜
T|(1.2)
werden kleine ¨
Anderungen um den Gleichgewichtszustand vorausgesetzt.3F¨
ur
die komplexen Amplituden ˆp, ˆρ,ˆ
Tund ˆ
vliegt eine Ortsabh¨
angigkeit und
eine Frequenzabh¨
angigkeit vor, wobei im Weiteren f¨
ur eine bessere ¨
Ubersicht-
lichkeit auf die Angabe der Argumente verzichtet werden soll. Es wird somit
eine lineare Schallausbreitung vorausgesetzt, so dass die Gesetze der linearen
Akustik zum Einsatz kommen k¨
onnen. Der Ansatz mit den Gleichungen (1.1),
der auch von Kirchhoff verwendet wurde, stellt eine Approximation erster
Ordnung dar, da die Gr¨
oßen P,und Tnur durch ein zeit- und ortsabh¨
an-
giges Reihenglied beschrieben werden. Dabei w¨
are es ebenfalls denkbar, die
Gr¨
oßen des Schallfelds durch h¨
ohere Ordnungen zu approximieren und mit
den zus¨
atzlichen Reihengliedern bisher vernachl¨
assigte Effekte zu ber¨
ucksich-
tigen [Mawa54].
Schallausbreitung im homogenen Medium
Die Kirchhoff-L¨
osung setzt eine Schallausbreitung in einem homogenen Fluid
voraus. Somit m¨
ussen nach [Tijd75] die Wellenl¨
ange des Schalls und der R¨
oh-
renradius rwgroß gegen¨
uber der mittleren freien Wegl¨
ange im Medium sein. In
Anlehnung an [Stin91] k¨
onnen daher mit Luft als Medium f¨
ur die Frequenz f
und den R¨
ohrenradius rwzun¨
achst die groben Absch¨
atzungen
f < 108Hz und rw>10−2mm (1.3)
angegeben werden.
2Die Temperaturabh¨
angigkeit der Dichte ρ0kann f¨
ur ein ideales Gas dem Anhang A
entnommen werden.
3Der Gleichanteil P0wird auch als statischer Druck bezeichnet, w¨
ahrend es sich bei
dem zeitlich ver¨
anderlichen Anteil ˜pum den Schalldruck handelt.
1.1 Kirchhoff-L¨
osung f¨
ur eine kreisrunde R¨
ohre 11
Schallausbreitung im Grundmodus
Schall breitet sich in einem gasf¨
ormigen Medium als Longitudinalwelle aus.
Deshalb ist der Grundmodus, im Gegensatz zu elektromagnetischen Wellen in
Hohlleitern, bei allen Frequenzen ausbreitungsf¨
ahig. H¨
ohere Schallmoden sind
nur oberhalb einer vom Querschnitt abh¨
angigen Grenzfrequenz ausbreitungs-
f¨
ahig [Lodw97].
In einem kreisrunden Wellenleiter mit dem Radius rwstellt der Azimutal-
modus den ersten Modus mit der niedrigsten Grenzfrequenz dar. Dieser ist
ab
β0rw=t1,0= 1,841 ⇔f1,0≥0,293 c
rw
(1.4)
ausbreitungsf¨
ahig, der erste Radialmodus dagegen f¨
ur
β0rw=t0,1= 3,832 ⇔f0,1≥0,61 c
rw
.(1.5)
Die Gr¨
oße tm,n bezeichnet die Nullstelle n+1 der Ableitung dJm(tm,n)/dtm,n
der Bessel-Funktion erster Art mit der Ordnung m[Kutt04]. Unterhalb der
jeweiligen Grenzfrequenz besitzen die Moden evaneszentes Verhalten.
Um eine Schallausbreitung im Grundmodus f¨
ur einen kreisrunden Wellen-
leiter zu gew¨
ahrleisten, darf f¨
ur einen vorgegebenen Radius rwkeine Anregung
oberhalb der Grenzfrequenz des ersten Azimutalmodus erfolgen.
1.1.2 Zustandsgleichung f¨
ur ein ideales Gas
Die Theorie von Kirchhoff setzt ein ideales Gas als Fluid voraus. Bei dieser
Modellvorstellung bestehen keine Anziehungskr¨
afte zwischen den Gasmolek¨
u-
len und ihr Eigenvolumen kann vernachl¨
assigt werden, so dass sie sich als
Punktmassen interpretieren lassen [LJS03]. Ein ideales Gas wird durch die
Zustandsgleichung
P=RT =P0
ρ0T0
T (1.6)
beschrieben, wobei Rdie individuelle Gaskonstante bezeichnet [SSSM05].
Linearisierung der Zustandsgleichung
Im Rahmen der linearen Akustik werden nur kleine ¨
Anderungen der Schall-
feldgr¨
oßen vom Gleichgewichtszustand betrachtet. Das wurde bereits mit den
Gleichungen (1.1) angedeutet. Dort setzen sich die Gr¨
oßen aus den Gleichan-
teilen P0,ρ0und T0sowie den kleinen Schwankungen ˜p, ˜ρund ˜
Tzusammen.4
4Bei der Darstellung der Schallschnelle in Gleichung (1.1d) wird davon ausgegangen,
dass sich das Fluid im Ruhezustand V0=0befindet und sich die Gasteilchen mit ˜
vum
den Gleichgewichtszustand bewegen.
12 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
Zur Linearisierung der Zustandsgleichung (1.6) kann diese mit =ρ0+ ˜ρ
und T=T0+˜
Tin eine Taylor-Reihe um den Entwicklungspunkt ρ0und T0
entwickelt werden, die nach dem ersten Reihenglied abgebrochen wird. Man
erh¨
alt zun¨
achst
P=P0+P0
ρ0T0ρ0˜
T+T0˜ρ,(1.7)
wobei sich mit ˜p=P−P0die linearisierte Zustandsgleichung eines idealen
Gases auch mit den komplexen Amplituden in der Form
ˆp=P0
ρ0T0ρ0ˆ
T+T0ˆρ(1.8)
angeben l¨
asst.
1.1.3 Die Kontinuit¨
atsgleichung
Nach dem Erhaltungssatz der Masse muss die Dichte¨
anderung im Volumen
gleich dem Massenfluss durch die Oberfl¨
ache des betrachteten Volumens sein.
Diesen Erhaltungssatz beschreibt in der Hydrodynamik die Kontinuit¨
atsglei-
chung [Pier81,POW84,MI86,LL91,Spur96]
∂
∂t + div{v}= 0.(1.9)
Linearisierung der Kontinuit¨
atsgleichung
Setzt man f¨
ur die Dichte und die Schallschnelle vdie Definitionen (1.1) in
die Kontinuit¨
atsgleichung (1.9) ein, f¨
uhrt das zun¨
achst auf
∂
∂t (ρ0+ ˜ρ) + div{[ρ0+ ˜ρ]˜
v}= 0.(1.10)
Vernachl¨
assigt man f¨
ur eine Approximation erster Ordnung den Mischterm ˜ρ˜
v,
erh¨
alt man schließlich f¨
ur die komplexen Amplituden die linearisierte Konti-
nuit¨
atsgleichung [Pier81,MI86]
jωˆρ+ρ0div ˆ
v= 0.(1.11)
1.1.4 Die Navier-Stokes-Gleichung
Die Impulserhaltung in einem viskosen und kompressiblen Fluid mit der ¨
ortlich
konstanten Viskosit¨
at5ηund Volumenviskosit¨
at6ζl¨
asst sich durch die heute
5Die Viskosit¨
at wird auch als Scherviskosit¨
at, dynamische Viskosit¨
at oder Z¨
ahigkeit be-
zeichnet. Die Viskosit¨
at bezeichnen Hydrodynamiker nach dem Vorbild englischer Forscher
¨
ublich mit µ, w¨
ahrend Physiker dagegen f¨
ur die Viskosit¨
at meist ηverwenden [POW84].
Die Temperaturabh¨
angigkeit der Viskosit¨
at ηkann f¨
ur ein ideales Gas dem Anhang A
entnommen werden.
6Die Volumenviskosit¨
at wird auch als zweite Z¨
ahigkeit bezeichnet. Im deutschen Sprach-
gebrauch werden ebenfalls die Bezeichnungen Druckviskosit¨
at oder Kompressionsviskosit¨
at
verwendet [Knes49].
1.1 Kirchhoff-L¨
osung f¨
ur eine kreisrunde R¨
ohre 13
gebr¨
auchliche Form der Navier-Stokes-Gleichung
∂v
∂t + (v·∇)v=−∇P+η△v+ζ+1
3ηgrad div v(1.12)
beschreiben [Pier81,MI86,LL91]. Dabei stellt ∂v/∂t+(v·∇)vdie substanzielle
Ableitung Dv/Dtdar. Sie gibt die Geschwindigkeits¨
anderung eines sich im
Raum mit der Str¨
omung mitbewegenden Teilchens an und kann demnach als
Beschleunigung in einem mitbewegten System interpretiert werden [LL91]. Die
Gr¨
oßen auf der rechten Seite von Gleichung (1.12) beschreiben die Druckkr¨
afte
und die Reibungskr¨
afte, die auf das betrachtete Volumenelement wirken.
Linearisierung der Navier-Stokes-Gleichung
In Analogie zur Herleitung der linearisierten Kontinuit¨
atsgleichung kann auch
eine Linearisierung der Navier-Stokes-Gleichung (1.12) erfolgen. Das Ein-
setzen der Definitionen (1.1) f¨
uhrt zun¨
achst auf
[ρ0+ ˜ρ]∂˜
v
∂t + (˜
v·∇)˜
v=−∇[P0+ ˜p] + η△˜
v+ζ+1
3ηgrad div ˜
v.(1.13)
F¨
ur eine Approximation erster Ordnung lassen sich Mischterme und Ausdr¨
ucke
h¨
oherer Ordnung sowie der Term (˜
v·∇)˜
vvernachl¨
assigen, so dass sich mit
den komplexen Amplituden die linearisierte Navier-Stokes-Gleichung zu
jωρ0ˆ
v=−∇ˆp+η△ˆ
v+ζ+1
3ηgrad div ˆ
v
=−∇ˆp+ζ+4
3ηgrad div ˆ
v−ηrot rot ˆ
v
(1.14)
angeben l¨
asst [Pier81,MI86].
1.1.5 Die W¨
armeleitungsgleichung
Die W¨
armeleitung eines Fluids mit einer ¨
ortlich konstanten thermischen Leit-
f¨
ahigkeit7κkann allgemein mit Hilfe der spezifischen Entropie szu
T ∂s
∂t + (v·∇)s=Dv(ζ, η, v) + κ△T(1.15)
formuliert werden [Pier81,MI86,LL91]. Der Term auf der linken Seite be-
schreibt die vom Fluid aufgenommene W¨
armemenge pro Volumeneinheit. Die
7Die Temperaturabh¨
angigkeit der thermischen Leitf¨
ahigkeit κkann f¨
ur ein ideales Gas
dem Anhang Aentnommen werden.
14 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
nichtlineare Funktion Dv(ζ, η, v) stellt die viskose Verlustrate dar und er-
fasst die Energie, welche infolge der Viskosit¨
at in W¨
arme umgewandelt wird.8
Die durch die W¨
armeleitung ins Volumen eingebrachte W¨
arme ber¨
ucksich-
tigt der Ausdruck κ△T[LL91]. F¨
ur die spezifische Entropie9seines idealen
Gases gilt mit der im Gleichgewichtszustand vorhandenen spezifischen Entro-
pie S0[SSSM05]
s=S0+Cvln T
T0−[Cp−Cv] ln
ρ0
.(1.16)
Die Gr¨
oßen Cpund Cvsind die spezifische W¨
armekapazit¨
at oder spezifische
W¨
arme bei konstantem Druck beziehungsweise Volumen.10
Die Kontinuit¨
atsgleichung, die Navier-Stokes-Gleichung sowie die W¨
ar-
meleitungsgleichung werden auch als Navier-Stokes-Fourier-Modell f¨
ur ein
kompressibles Fluid bezeichnet.
Linearisierung der W¨
armeleitungsgleichung
Zur Linearisierung l¨
asst sich zun¨
achst die zeitliche ¨
Anderung der Entropieglei-
chung (1.16) zu
∂s
∂t =Cv
T0+˜
T
∂T
∂t −[Cp−Cv]
ρ0+ ˜ρ
∂
∂t (1.17)
angeben. Mit T0≫ |˜
T|und ρ0≫ |˜ρ|folgt T0+˜
T≈T0sowie ρ0+ ˜ρ≈ρ0, so
dass man obige Gleichung zun¨
achst durch
∂s
∂t =Cv
T0
∂T
∂t −[Cp−Cv]
ρ0
∂
∂t (1.18)
approximieren kann.
F¨
ur eine Approximation erster Ordnung sind der Ausdruck (v·∇)sund
die nichtlineare Funktion Dv(ζ, η, v) in Gleichung (1.15) zu vernachl¨
assigen.
Das dortige Einsetzen der Gleichung (1.18) f¨
uhrt mit den Definitionen (1.1)
und der Vernachl¨
assigung von Mischtermen sowie von Ausdr¨
ucken h¨
oherer
Ordnung bez¨
uglich der komplexen Amplituden auf die linearisierte W¨
armelei-
tungsgleichung
jωρ0Cvˆ
T−T0[Cp−Cv] ˆρ=κ△ˆ
T, (1.19)
8Eine detaillierte Angabe der Funktion ist etwa in [Pier81,MI86,LL91] zu finden,
wobei f¨
ur die weitere Herleitung aus Gr¨
unden der ¨
Ubersichtlichkeit die Zusammenfassung
der viskosen Verluste durch die Funktion Dv(ζ, η, v) ausreicht.
9Die Entropie stellt eine thermodynamische Zustandsgr¨
oße dar. An der Entropie¨
ande-
rung ∆s =s−S0eines adiabatischen Systems ist erkennbar, ob der Prozess reversibel
(∆s = 0), irreversibel (∆s > 0) oder unm¨
oglich (∆s < 0) ist [MS89]. Alle Prozesse bei
denen Reibung auftritt, sind irreversibel. Bei einer adiabatischen Zustands¨
anderung wird
keine W¨
armeenergie zu- oder abgef¨
uhrt [SSSM05].
10Die Temperaturabh¨
angigkeit der spezifischen W¨
armekapazit¨
at Cpbei konstantem
Druck kann f¨
ur ein ideales Gas dem Anhang Aentnommen werden.
1.1 Kirchhoff-L¨
osung f¨
ur eine kreisrunde R¨
ohre 15
die auch als Kirchhoff-Fourier-Gleichung bezeichnet wird. Den Begriff der
Entropie benutzten weder Kirchhoff noch Fourier. Den linken Term in der
Gleichung (1.15) beschrieb Fourier durch den Ausdruck Cp∂T/∂t. Unter
Vernachl¨
assigung von Dv(ζ, η, v) l¨
asst sich damit die W¨
armeleitungsgleichung
beziehungsweise Diffusionsgleichung zu Cp∂T/∂t =κ△Tangeben [Four55].
Die Herleitung von Kirchhoff entspricht dagegen der linearisierten W¨
arme-
leitungsgleichung (1.19) [Kirc68].
1.1.6 L¨
osung der Navier-Stokes-Fourier-Gleichungen
In diesem Abschnitt wird die Kirchhoff-L¨
osung des partiellen Differenzial-
gleichungssystems zur Beschreibung der Schallausbreitung in einer R¨
ohre mit
kreisrundem Querschnitt f¨
ur ein ideales Gas mit der Viskosit¨
at ηund der
thermischen Leitf¨
ahigkeit κvorgestellt. Die folgenden Ausf¨
uhrungen st¨
utzen
sich im Wesentlichen auf die Herleitungen in [Kirc68,West53,Rayl68,Stin91].
Dabei erfolgt zun¨
achst auch eine Ber¨
ucksichtigung der Volumenviskosit¨
at ζ.
~er
~ez
r
rw
z
Abbildung 1.1: Die Schallausbreitung innerhalb der R¨
ohre mit dem Radius rwfindet
in ~ez-Richtung in einem Fluid mit der Viskosit¨
at ηsowie der W¨
arme-
leitf¨
ahigkeit κstatt. Die radiale Richtung ist durch ~ervorgegeben.
Die R¨
ohre, in der eine Schallausbreitung in ~ez-Richtung stattfindet, besitzt
nach Abbildung 1.1 den Radius rw. Der Schallschnellenvektor setzt sich aus
den Komponenten
ˆ
v= ˆvr~er+ ˆvz~ez(1.20)
zusammen. Das Einsetzen der Zustandsgleichung (1.8) eines idealen Gases und
der nach ˆρumgeformten Kontinuit¨
atsgleichung (1.11) in die Navier-Stokes-
Gleichung (1.14) f¨
uhrt mit der kinematischen Viskosit¨
at ν=η/ρ0auf
jωˆ
v=−P0
ρ0T0∇ˆ
T+P0
jωρ0
+4
3+ζ
ηνgrad div ˆ
v−νrot rot ˆ
v.(1.21)
16 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
Setzt man die nach ˆρumgeformte Kontinuit¨
atsgleichung (1.11) in die W¨
arme-
leitungsgleichung (1.19) ein, ergibt sich dar¨
uber hinaus mit
ν′=κ
ρ0Cv
(1.22)
die Gleichung
jωˆ
T+T0Cp
Cv−1div ˆ
v=ν′△ˆ
T. (1.23)
Mit dem Verh¨
altnis der spezifischen W¨
armekapazit¨
aten Cpv =Cp/Cvund der
adiabatischen Schallgeschwindigkeit11 c=pCpvP0/ρ0l¨
asst sich das Differen-
zialgleichungssystem zu
jωˆ
v=−c2
T0Cpv ∇ˆ
T+c2
jωCpv
+4
3+ζ
ηνgrad div ˆ
v−νrot rot ˆ
v,(1.24a)
ν′△ˆ
T= jωˆ
T+T0[Cpv −1] div ˆ
v(1.24b)
formulieren.12 Die L¨
osung des Differenzialgleichungssystems lautet f¨
ur eine mit
dem Ausbreitungsmaß13 γfortschreitende Welle
ˆvz=AQ −γA1Q1jω
λ1−ν′−γA2Q2jω
λ2−ν′eγz,(1.25a)
ˆvr=
−γA
jω
ν−γ2
dQ
dr−A1jω
λ1−ν′dQ1
dr−A2jω
λ2−ν′dQ2
dr
eγz,(1.25b)
ˆ
T=[Cpv −1] T0[A1Q1+A2Q2] eγz.(1.25c)
F¨
ur die Funktionen Q,Q1und Q2gilt
Q= J0rpγ2−jω/ν,(1.26a)
Q1= J0rpγ2−λ1,(1.26b)
Q2= J0rpγ2−λ2.(1.26c)
Bei J0(·) handelt es sich um die Bessel-Funktion erster Art mit der Ordnung
null, w¨
ahrend sich λ1und λ2aus der Nullstellengleichung
λ2ν′c2
jωCpv
+4
3+ζ
ηνν′−λc2+ jω4
3+ζ
ην+ν′−ω2= 0 (1.27)
11Die Temperaturabh¨
angigkeit der Schallgeschwindigkeit ckann f¨
ur ein ideales Gas dem
Anhang Aentnommen werden.
12Das Differenzialgleichungssystem (1.24) ist f¨
ur ein ideales Gas allgemein g¨
ultig und
nicht an die Querschnittsfl¨
achenform des Wellenleiters gebunden.
13Die Bezeichnungen Ausbreitungskoeffizient oder Ausbreitungskonstante sind ebenfalls
gebr¨
auchlich.
1.1 Kirchhoff-L¨
osung f¨
ur eine kreisrunde R¨
ohre 17
mit der Zuordnung |λ1|<|λ2|ergeben. Die L¨
osung (1.25) enth¨
alt mit den
Konstanten A,A1und A2sowie dem Ausbreitungsmaß γzun¨
achst vier unbe-
kannte Gr¨
oßen, die aus den Randbedingungen zu ermitteln sind.
Die L¨
osung (1.25) f¨
uhrt zum einen mit der linearisierten Kontinuit¨
atsglei-
chung (1.11) auf die Dichte
ˆρ=−ρ0A1Q1ν′λ1
jω−1+A2Q2ν′λ2
jω−1eγz (1.28)
und zum anderen mit der Zustandsgleichung (1.8) auf den Schalldruck
ˆp=−P0A1Q1ν′λ1
jω−Cpv+A2Q2ν′λ2
jω−Cpveγz.(1.29)
Relaxation und Volumenviskosit¨
at
In mehratomigen Gasen treten neben den durch Viskosit¨
at und W¨
armelei-
tung bedingten klassischen D¨
ampfungsmechanismen weitere molekulare Effek-
te in Erscheinung, die eine zus¨
atzliche D¨
ampfung der Schallwelle verursachen.
Nach der kinetischen Gastheorie setzt sich die Gesamtenergie eines Gases aus
den Einzelenergien der im betrachteten Volumen vorhandenen Gasmolek¨
ule
zusammen. Ein Gasmolek¨
ul kann sich als Ganzes bewegen oder um seinen
Schwerpunkt rotieren, w¨
ahrend zus¨
atzlich die einzelnen Atome Schwingungen
gegeneinander ausf¨
uhren k¨
onnen. Im Gleichgewichtszustand ist die gesamte
durch Translation, Rotation und Schwingungen pr¨
asente Bewegungsenergie
eines Molek¨
uls entsprechend auf die einzelnen Freiheitsgrade verteilt.
F¨
uhrt man einem Gas pl¨
otzlich durch Kompression Energie zu, wird sie
zun¨
achst als Translationsenergie aufgenommen und durch Zusammenst¨
oße der
Molek¨
ule verz¨
ogert auf die anderen Freiheitsgrade verteilt, bis sich ein neuer
Gleichgewichtszustand eingestellt hat. Bei schnellen periodischen Zustands-
¨
anderungen ist aufgrund des verz¨
ogerten Energietransfers keine vollst¨
andige
Umverteilung m¨
oglich. Die nicht transferierte Energie bedingt eine innere W¨
ar-
meleitung, die wie die klassische W¨
armeleitung zu Verlusten bei der Schallaus-
breitung f¨
uhrt. Dieser Vorgang wird als thermische Relaxation bezeichnet und
ist durch die Relaxationszeit charakterisiert [CM75,Pier81,Kutt04].
Die Relaxationsd¨
ampfung h¨
angt unter anderem von der Temperatur sowie
der Gasart und der Zusammensetzung des Gases ab, so dass vor allem bei
Gasgemischen, wie beispielsweise Luft, komplizierte Abh¨
angigkeiten vorliegen.
Die einzelnen Bestandteile beeinflussen sich gegenseitig. Bereits geringe Ver¨
an-
derungen in der Zusammensetzung, wie etwa des Feuchtigkeitsgehalts, k¨
onnen
daher die Relaxationsd¨
ampfung deutlich beeinflussen [Pier81,GA99].
Der Einfluss der Relaxation kann in der Kirchhoff-L¨
osung durch eine
komplexe frequenzabh¨
angige spezifische W¨
armekapazit¨
at Cpber¨
ucksichtigt
werden [SLW65]. Der Relaxationsprozess l¨
asst sich in der Navier-Stokes-
Gleichung jedoch auch durch die Volumenviskosit¨
at ζber¨
ucksichtigen [Tisz42].
18 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
Diese kann als Maß f¨
ur den Widerstand interpretieren werden, den ein Gas
Kompressions- oder Expansionskr¨
aften entgegensetzt. Je gr¨
oßer die Relaxati-
onszeit, desto gr¨
oßer ist die Volumenviskosit¨
at [Wald58]. Nach der Hypothe-
se von Stokes wird die Volumenviskosit¨
at in der Navier-Stokes-Gleichung
h¨
aufig auch f¨
ur mehratomige Gase vereinfachend zu null gesetzt [GA99].
Die Beschreibung der Relaxationsprozesse durch die Volumenviskosit¨
at er-
scheint nur f¨
ur die Schallfrequenzen geeignet, die sehr viel kleiner als die ein-
zelnen reziproken Relaxationszeiten des Gases sind [CM75]. Bei mehratomi-
gen Gasen ist die Schwingungsenergie gegen¨
uber den Energien der ¨
ubrigen
Freiheitsgrade wesentlich kleiner. Folglich wird zum Erreichen des Gleichge-
wichtszustands eine gr¨
oßere Anzahl von St¨
oßen ben¨
otigt. Deshalb weist der
Schwingungsfreiheitsgrad im Vergleich zu den anderen Freiheitsgraden eine
gr¨
oßere Relaxationszeit auf [Tisz42]. Dagegen sind f¨
ur Frequenzen f < 1 MHz
Relaxationsprozesse bei den Translations- und Rotationsfreiheitsgraden eher
zu vernachl¨
assigen. Im h¨
orbaren Frequenzbereich k¨
onnen jedoch bereits gr¨
o-
ßere D¨
ampfungen durch Relaxation der Schwingungsfreiheitsgrade verzeichnet
werden [MI86].
Mit zunehmendem R¨
ohrenradius reduziert sich der Einfluss der klassischen
D¨
ampfungsmechanismen. Diese sind durch die R¨
ohrenw¨
ande und der deswe-
gen entstehenden akustischen Grenzschicht bedingt und lassen sich durch die
Viskosit¨
at und W¨
armeleitung im Medium begr¨
unden. Eigene Untersuchun-
gen basierend auf den in [BSZ+95] angegebenen Gleichungen zur Berech-
nung der Relaxationsd¨
ampfung in Luft zeigten, dass unter dem Atmosph¨
a-
rendruck von P0= 101325 Pa die Relaxationsd¨
ampfung bei einer Temperatur
von T0= 293,15 K sowie einer relativen Luftfeuchtigkeit von 20% f¨
ur
frw≤100 m/s (1.30)
gegen¨
uber der klassischen D¨
ampfung in einer R¨
ohre im Mittel mehr als zehn
mal kleiner ausf¨
allt, wobei sich f¨
ur Temperaturen T0>293,15 K das Verh¨
alt-
nis erwartungsgem¨
aß weiter vergr¨
oßert.14 Daher erscheint es unter der obigen
Pr¨
amisse gerechtfertigt, den Einfluss von Relaxationsprozessen zu vernachl¨
as-
sigen, weil die klassischen D¨
ampfungsmechanismen in einer R¨
ohre den gr¨
oßeren
Einfluss aus¨
uben. F¨
ur die Volumenviskosit¨
at kann ζ= 0 angesetzt werden und
eine Modifikation der Kirchhoff-L¨
osung entf¨
allt.15
In Abbildung 1.2 sind abschließend die D¨
ampfungsverl¨
aufe exemplarisch
dargestellt, wobei der R¨
ohrenradius zu rw= 100 mm gew¨
ahlt worden ist.
F¨
ur f < 1 kHz kann der Einfluss der Relaxation gegen¨
uber den klassischen
D¨
ampfungsmechanismen bei der Schallausbreitung in einer R¨
ohre als gering
14F¨
ur die in dieser Arbeit zu untersuchenden R¨
ohrensysteme ist Gleichung (1.30) erf¨
ullt.
15Die Volumenviskosit¨
at wird nur in der Nullstellengleichung (1.27) der Kirchhoff-
L¨
osung ben¨
otigt. Werden die Nullstellen dieser Gleichung durch N¨
aherungen beschrieben,
wie das bei den noch vorzustellenden vereinfachten Modellen der Fall sein wird, ist eine
explizite Kenntnis nicht erforderlich. Ansonsten l¨
asst sich nach [Gree59] f¨
ur Luft die Volu-
menviskosit¨
at ζ= 0,6ηverwenden.
1.2 Isotherme und ideal schallharte W¨
ande 19
10−6
10−4
10−2
100
102
0,01 0,1 1 10 100
f/kHz
D¨
ampfung in dB/m
a) R¨
ohre c) Freifeld
b) Relaxation
Abbildung 1.2: a) Klassische D¨
ampfung in einer R¨
ohre mit dem Radius rw= 100 mm
nach [Stin91], b) Relaxationsd¨
ampfung f¨
ur Luft bei einer relativen
Luftfeuchtigkeit von 20% nach [BSZ+95] und c) klassische D¨
ampfung
im Freifeld nach [Pier81] jeweils f¨
ur T0= 293,15 K und P0= 101325 Pa
bewertet werden. Das entspricht f¨
ur den gew¨
ahlten R¨
ohrenradius gem¨
aß der
Absch¨
atzung (1.30) einer oberen Frequenzgrenze von f= 1 kHz. F¨
ur f >
10 kHz wird die Relaxationsd¨
ampfung sogar gr¨
oßer als die klassisch bedingte
D¨
ampfung in der R¨
ohre, so dass die Relaxation f¨
ur eine genaue Berechnung
nicht vernachl¨
assigt werden sollte. Im Freifeld ist dagegen die klassische D¨
amp-
fung f¨
ur die betrachteten Frequenzen durchgehend kleiner als die Relaxations-
d¨
ampfung.
1.2 Isotherme und ideal schallharte W¨
ande
Kirchhoff setzte nach seiner Hypothese die Randbedingungen
ˆvr,ˆvz,ˆ
Trw,z0= 0 (1.31)
an. Die Randbedingungen {ˆvr,ˆ
T}|rw,z0= 0 f¨
ur ideal schallharte sowie isother-
me W¨
ande werden in den Abschnitten zur Ber¨
ucksichtigung von nicht-ideal
schallharten oder nicht-isothermen W¨
anden modifiziert, w¨
ahrend die Bedin-
gung ˆvz|rw,z0= 0 in dieser Arbeit aufrecht erhalten bleibt. Das erscheint ge-
rechtfertigt, da der Effekt des Gleitens der Gasmolek¨
ule entlang der R¨
ohren-
w¨
ande vernachl¨
assigbar ist [West53].
Eine direkte Konsequenz der Randbedingung ˆ
T|rw,z0= 0 ist, dass f¨
ur die
W¨
armeleitf¨
ahigkeit der R¨
ohrenw¨
ande κw→ ∞ gelten muss. Zur Berechnung
der Schallfeldgr¨
oßen lassen sich f¨
ur die obigen Randbedingungen die Konstan-
ten in der Kirchhoff-L¨
osung (1.25) zu
A= jωγA1
Q1w
Qw1
λ1−1
λ2und A2=−A1
Q1w
Q2w
(1.32)
20 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
berechnen. Die Konstante A1kann bei Bedarf aus einer zus¨
atzlichen Rand-
bedingung ermittelt werden. Die explizite Bestimmung der Konstanten A1ist
f¨
ur diese Arbeit jedoch nicht erforderlich. Zudem l¨
asst sich mit
B=d ln Qw
drw
=−1
Qwpγ2−jω/ν J1rwpγ2−jω/ν,(1.33a)
B1=d ln Q1w
drw
=−1
Q1w pγ2−λ1J1rwpγ2−λ1,(1.33b)
B2=d ln Q2w
drw
=−1
Q2w pγ2−λ2J1rwpγ2−λ2(1.33c)
die Bestimmungsgleichung f¨
ur das Ausbreitungsmaß zu
jωγ2
jω
ν−γ21
λ2−1
λ1B−jω
λ1−ν′B1+jω
λ2−ν′B2= 0 (1.34)
angeben. Die Gr¨
oßen Qw,Q1w und Q2w bezeichnen die bei r=rwausgewer-
teten Funktionen aus den Gleichungen (1.26). Die Bestimmung von γbasiert
demnach auf einer nummerischen L¨
osung von Gleichung (1.34).
Wie anhand der Gleichungen (1.27) und (1.34) ersichtlich ist, liegt der Be-
rechnung des Ausbreitungsmaßes auf der Grundlage der exakten Kirchhoff-
L¨
osung ein großer Aufwand zu Grunde.16 F¨
ur die meisten Anwendungen ist
dieser Aufwand zu groß. Setzt man jedoch ein Gas wie Luft als Fluid voraus,
lassen sich N¨
aherungen f¨
ur das Ausbreitungsmaß herleiten. Im Folgenden wer-
den einige der etablierten N¨
aherungen bez¨
uglich der Randbedingungen (1.31)
vorgestellt, die auf einer Approximation der Kirchhoff-L¨
osung basieren. Wei-
tere mathematische Modelle zur Beschreibung einer dissipativen Schallausbrei-
tung in R¨
ohren finden sich dagegen in [ZK49,West53,Flan72,Mais94,Terh98].
1.2.1 Vereinfachtes Modell nach Kirchhoff
Das von Kirchhoff vorgeschlagene vereinfachte Modell besitzt f¨
ur akustische
Grenzschichten G¨
ultigkeit, die klein gegen¨
uber dem R¨
ohrenradius sind. Die
Dicken der viskosen und thermischen Grenzschicht lassen sich durch
dvisko =r2η
ωρ0
und dtherm =s2κ
ωρ0Cp
(1.35)
absch¨
atzen [Pier81,MI86]. Da beide f¨
ur Luft ungef¨
ahr in den gleichen Gr¨
oßen-
ordnungen liegen, sind durch unterschiedliche Dicken hervorgerufene Effekte
zu vernachl¨
assigen. F¨
ur die in dieser Arbeit zu betrachtenden R¨
ohrenradien
16Der Begriff exakt bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die L¨
osung des Differen-
zialgleichungssystems (1.24). Das Differenzialgleichungssystem stellt dagegen eine Appro-
ximation, wie bereits erw¨
ahnt, erster Ordnung dar.
1.2 Isotherme und ideal schallharte W¨
ande 21
und Frequenzen erscheint die Annahme von d¨
unnen Grenzschichten erlaubt.
Vereinfachte Modelle, die auch die Ber¨
ucksichtigung von großen Grenzschicht-
dicken erm¨
oglichen, die sich beispielsweise bei niedrigen Frequenzen oder in
sehr d¨
unnen R¨
ohren ausbilden, finden sich etwa in [ZK49,Rayl68,Tijd75].
Der von Kirchhoff verwendete Ansatz zur Vereinfachung des Ausbrei-
tungsmaßes beruht auf einer Approximation der Bessel-Funktionen in den
Gr¨
oßen Qw,Q1w und Q2w. Mit den N¨
aherungen
λ1≈ −ω2/c2und λ2≈jωCpv/ν′(1.36)
folgt f¨
ur die Argumente der Bessel-Funktionen zum einen
γ2−λ1≪1 (1.37)
und zum anderen mit |γ2| ≪ |λ2|ebenfalls
γ2−λ2≈ −λ2.(1.38)
Setzt man zus¨
atzlich |γ2| ≪ |jω/ν|voraus, f¨
uhrt dies auf
γ2−jω/ν ≈ −jω/ν. (1.39)
Da bei kleinen Grenzschichtdicken respektive großen R¨
ohrenradien oder hohen
Frequenzen f¨
ur die Argumente
rwp−jω/ν≫1 und rw√−λ2≫1 (1.40)
angenommen werden kann, lassen sich die Bessel-Funktionen in Qwund Q2w
mit Hilfe der asymptotischen Approximation J0(jx)≈ex/√2πx vereinfachen.
Dagegen kann Q1w mit
rwpγ2−λ1≪1 (1.41)
durch die abgebrochene Reihe J0(x)≈1−x2/4 approximiert werden [AS72].
F¨
ur die logarithmischen Ableitungen der vereinfachten Bessel-Funktionen
erh¨
alt man mit den eingef¨
uhrten N¨
aherungen insgesamt die Approximationen
B≈rjω
νund B1≈ −rw
2γ2−λ1sowie B2≈√λ2.(1.42)
Kirchhoff traf zus¨
atzlich die Annahmen
1/λ1≫1/λ2und jω/λ1≫ν′,(1.43)
die unter Verwendung von γ2≈ −ω2/c2im linken Term von Gleichung (1.34)
mit den eingef¨
uhrten N¨
aherungen auf die Bestimmungsgleichung
νω2
c2λ1rjω
ν+jω
λ1
rw
2γ2−λ1+jω
λ2−ν′√λ2= 0 (1.44)
22 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
bez¨
uglich γf¨
uhren. Das vereinfachte Ausbreitungsmaß kann mit der Kreiswel-
lenzahl17 β0=ω/c zu
γKi = jβ0s1 + 2
rw√jω√ν+ [Cpv −1] rκ
ρ0Cp(1.45)
formuliert werden. Mit √1 + x≈1+x/2 f¨
ur |x|<1 gab Kirchhoff zus¨
atzlich
die Vereinfachung
γKi = jβ01 + 1
rw√jω√ν+ [Cpv −1] rκ
ρ0Cp (1.46)
an. Mit p2/j = 1 −j ist f¨
ur eine Interpretation der obigen Gleichung eine
Zerlegung gem¨
aß
γKi =αKi + jβKi (1.47)
m¨
oglich. Das D¨
ampfungsmaß αKi ergibt sich zu
αKi =β0
rw√2ω√ν+ [Cpv −1] rκ
ρ0Cp,(1.48)
w¨
ahrend sich das Phasenmaß βzu
βKi =β01 + 1
rw√2ω√ν+ [Cpv −1] rκ
ρ0Cp (1.49)
definieren l¨
asst.18,19
Mit der N¨
aherung 1/[1 + x]≈1−xf¨
ur |x| ≪ 1 l¨
asst sich die Phasenge-
schwindigkeit cp=ω/βKi zu
cp=c1−1
rw√2ω√ν+ [Cpv −1] rκ
ρ0Cp (1.50)
angeben. Die Phasengeschwindigkeit cpkann als die Geschwindigkeit inter-
pretiert werden, mit der sich eine sinusf¨
ormige Schallwelle fortpflanzt. Da cp
von der Frequenz abh¨
angt, liegt ein dispersives Medium vor. Bei der Schall-
ausbreitung in einer R¨
ohre mit einem dissipativen Fluid ist cpkleiner als im
Freifeld.
17Die Kreiswellenzahl wird auch als Wellenzahl bezeichnet.
18Die Gr¨
oßen αund βwerden auch als D¨
ampfungskonstante und Phasenkonstante be-
zeichnet, obwohl sie nicht konstant, sondern Funktionen von ωsind. Ebenfalls gebr¨
auchli-
che Bezeichnungen sind D¨
ampfungskoeffizient und Phasenkoeffizient.
19Die Berechnung des D¨
ampfungsmaßes mit dem Konzept der Grenzschichtadmittanz
von Cremer f¨
uhrt ebenfalls zum Ergebnis in Gleichung (1.48) [Crem48].
1.2 Isotherme und ideal schallharte W¨
ande 23
1.2.2 Vereinfachtes Modell nach Munjal
Zur Herleitung eines Ausbreitungsmaßes zur Charakterisierung der Schallaus-
breitung in einem viskosen Fluid verfolgte Munjal einen anderen Ansatz als
Kirchhoff [Munj87]. Seine N¨
aherung basierte auf der Kontinuit¨
atsgleichung
und der Navier-Stokes-Gleichung sowie auf thermodynamischen Betrachtun-
gen, die eine konstante Entropie voraussetzten. Das Ausbreitungsmaß wurde
mit dem D¨
ampfungsmaß
αMu =1
rwcrω˜η
2ρ0
(1.51)
zu
γMu = jβ01 + αMu
β0
[1 −j](1.52)
formuliert. Die Viskosit¨
at ohne eine W¨
armeleitung im Fluid wird durch ˜ηer-
fasst. Die Gleichungen (1.51) und (1.52) f¨
uhren zun¨
achst unter Verwendung
der komplexen Umformung 1 −j = p2/j auf
γMu = jβ01 + 1
rw√jωr˜η
ρ0.(1.53)
Die Ber¨
ucksichtigung der W¨
armeleitung innerhalb des Fluids wird schließ-
lich durch eine Modifikation von ˜ηerm¨
oglicht. Um f¨
ur ˜ηden modifizierten Aus-
druck zu bestimmen, griff Munjal auf das Ausbreitungsmaß von Kirchhoff
zur¨
uck. Durch einen Vergleich der Gleichungen (1.46) und (1.53) l¨
asst sich
schließlich der Koeffizient ˜ηzur gleichzeitigen Ber¨
ucksichtigung einer W¨
arme-
leitung zu
˜η=η1 + [Cpv −1] rκ
ηCp2
(1.54)
bestimmen, wobei dieser Ausdruck ebenfalls in [Rsch63] zu finden ist.20 An-
hand von Gleichung (1.54) ist ersichtlich, dass sich der Koeffizient ˜ηinfolge
einer W¨
armeleitung im Fluid erh¨
oht. Ohne W¨
armeleitung gilt in einem visko-
sen Medium dagegen ˜η=η.
1.2.3 Vereinfachtes Modell nach Stinson
Auf der Grundlage der Kirchhoff-L¨
osung betrachtete Stinson R¨
ohrenradien
sowie Frequenzen, f¨
ur die mit Luft als Fluid die N¨
aherungen (1.36) g¨
ultig sind
und weiterhin
γ2≪jω/νund 1/λ1≫1/λ2sowie jω/λ1≫ν′(1.55)
20Der Ausdruck in Gleichung (1.54) wurde gegen¨
uber [Munj87] bez¨
uglich Cpkorrigiert.
24 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
vorausgesetzt werden kann.21 Mit diesen Annahmen reduziert sich die Bestim-
mungsgleichung (1.34) f¨
ur das Ausbreitungsmaß auf
−νγ21
λ1
B−jω
λ1
B1+jω
λ2−ν′B2= 0.(1.56)
Gegen¨
uber dem Ansatz von Kirchhoff wurden von Stinson die Bessel-
Funktionen nicht asymptotisch angen¨
ahert und dann die logarithmischen Ab-
leitungen bestimmt, sondern die Argumente der Bessel-Funktionen mit den
bereits vorgestellten N¨
aherungen approximiert. Lediglich f¨
ur B1kam die N¨
a-
herung aus Gleichung (1.42) zum Einsatz. Die Approximationen lassen sich
mit
rv=rwpω/ν und rt=rwpωCpv/ν′(1.57)
zu
B≈ −rv√−j
rw
J1rv√−j
J0rv√−j,(1.58a)
B1≈ −rw
2γ2−λ1,(1.58b)
B2≈ −rt√−j
rw
J1rt√−j
J0rt√−j(1.58c)
angeben. Durch das Einsetzen der obigen Ausdr¨
ucke in Gleichung (1.56) und
durch Umformung nach γkann f¨
ur das Ausbreitungsmaß nach Stinson schließ-
lich mit
CSt ="1−2
rv√−j
J1rv√−j
J0rv√−j#−1
,(1.59a)
DSt = 1 + [Cpv −1] 2
rt√−j
J1rt√−j
J0rt√−j(1.59b)
der Ausdruck
γSt = jβ0√CStDSt (1.60)
angeben werden.22
F¨
ur die Schalldruckgleichung (1.29) erh¨
alt man mit den N¨
aherungen (1.36)
und den Absch¨
atzungen Q1≈1 sowie |jων′/c2| ≪ Cpv den vereinfachten
Ausdruck
ˆp≈A1P0CpveγStz,(1.61)
f¨
ur den keine Abh¨
angigkeit von rvorliegt. Die Gr¨
oße A1l¨
asst sich beispiels-
weise aus der Randbedingung ˆp|z0= ˆp0eγStz0bestimmen.
21Stinson betrachtete mit rw>10−2mm den Bereich rwf3/2<107mm s−3/2[Stin91].
22Obwohl bereits etwa in [Iber50,Bena68] die Ausdr¨
ucke in Gleichung (1.59) zu finden
sind, wird im Weiteren diese Approximation als Modell von Stinson referenziert.
1.3 Isotherme und nicht-ideal schallharte W¨
ande 25
Vereinfachung f¨
ur kleine Grenzschichtdicken
F¨
ur kleine Grenzschichtdicken gilt rv≫1 sowie rt≫1 und die Bessel-
Funktionen k¨
onnen asymptotisch approximiert werden. Das f¨
uhrt auf [AS72]
J1(jx)
J0(jx)= jI1(x)
I0(x)≈j.(1.62)
1.2.4 Vereinfachtes Modell nach Keefe
Von Keefe wurden Approximationen f¨
ur die Gr¨
oßen CSt und DSt angegeben,
die f¨
ur kleine Argumente der Bessel-Funktionen auf einer abgebrochenen Po-
tenzreihenentwicklung und f¨
ur große Argumente auf einer asymptotischen Ent-
wicklung der Bessel-Funktionen basieren [Keef84]. F¨
ur kleine Grenzschicht-
dicken ergibt sich das vereinfachte Ausbreitungsmaß nach Keefe gem¨
aß
γKe = jβ0√CKeDKe (1.63)
auf der Grundlage einer asymptotischen Entwicklung aus
CKe =C1+C2und DKe =D1+D2(1.64)
mit
C1=−j√2r−1
v+3
√2r−2
v+15
8r−3
v,(1.65a)
C2= 1 + √2r−1
v−1
√2r−3
v,(1.65b)
D1=−j√2 [Cpv −1] r−1
t−1
√2r−2
t−1
8r−3
t,(1.65c)
D2= 1 + √2 [Cpv −1] r−1
t+1
8r−3
t.(1.65d)
Diese Approximation wurde in [Sche04] mit dem Resultat einer St¨
orungs-
rechnung in Form einer Mehrskalenentwicklung in Kombination mit einer an-
gepassten asymptotischen Entwicklung best¨
atigt [CDF+92].
1.3 Isotherme und nicht-ideal schallharte W¨
ande
Bei der Interpretation des menschlichen Geh¨
organgs oder Vokaltrakts als R¨
oh-
rensystem mit abschnittsweise konstanter Querschnittsfl¨
ache liegen keine ide-
al schallharten W¨
ande vor [Flan72,HE98b]. Die Modellierung von nicht-ideal
schallharten W¨
anden besitzt somit eine große praktische Relevanz. In [Flan72]
erfolgte daher mit Hilfe von vereinfachten Differenzialgleichungen unter Be-
achtung eines w¨
armeleitenden Mediums und f¨
ur isotherme W¨
ande zun¨
achst
26 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
~er
~ez
r
rw
z
Zw
Abbildung 1.3: R¨
ohre mit der Wandimpedanz Zwbei r=rw. Die Schallausbreitung
findet in ~ez-Richtung in einem Gas mit der Viskosit¨
at ηsowie der
W¨
armeleitf¨
ahigkeit κstatt. Die radiale Richtung ist durch ~ervorge-
geben.
die Beschreibung einer viskosen Schallausbreitung. Zur Ber¨
ucksichtigung von
nicht-ideal schallharten W¨
anden wurde eine Modifikation des dort erarbeiteten
Leitungsmodells der akustischen R¨
ohre angegeben, jedoch diese Modifikation
nicht mathematisch begr¨
undet.
Bei nicht-ideal schallharten Innenw¨
anden verschwindet die radiale Vektor-
komponente ˆvrder Schallschnelle bei r=rwnicht. Das soll gem¨
aß Abbil-
dung 1.3 im Weiteren durch einen ¨
ortlich bei r=rwangeordneten Impedanz-
belag Zwder Dicke dZw→0 ber¨
ucksichtigt werden.23 Die radiale Komponente
ist ¨
uber die Wandimpedanz
Zw=ˆp
ˆvrrw,z0
(1.66)
mit dem Schalldruck an der Innenwand verkn¨
upft. Setzt man weiterhin iso-
therme W¨
ande voraus, gelten die Randbedingungen
ˆvrrw,z0
=ˆp
Zwrw,z0
und ˆvz,ˆ
Trw,z0
= 0.(1.67)
Zur Vereinfachung bietet sich die Verwendung der bei z=z0ausgewerte-
ten Schalldruckgleichung ˆp≈A1P0Cpveγz0an. Die Randbedingung f¨
ur die
radiale Schallschnelle ˆvrf¨
uhrt mit den Konstanten Aund A2aus den Glei-
chungen (1.32) auf die implizite Gleichung
A1Q1w
jωγ2
jω
ν−γ21
λ2−1
λ1B−jω
λ1−ν′B1+jω
λ2−ν′B2
=ˆp
Zw
(1.68)
23Bei ideal schallharten W¨
anden gilt Zw→ ∞, w¨
ahrend dagegen f¨
ur ideal schallweiche
W¨
ande Zw= 0 angenommen werden kann.
1.3 Isotherme und nicht-ideal schallharte W¨
ande 27
zur Bestimmung des Ausbreitungsmaßes. Der obige Ausdruck l¨
asst sich in
Analogie zur Herleitung von Stinson mit den N¨
aherungen (1.55) und (1.58)
vereinfachen. Das Ausbreitungsmaß kann schließlich mit
Dw=DSt +2P0Cpv
jωrwZw
(1.69)
und den Gr¨
oßen Cw=CSt und DSt aus den Gleichungen (1.59) zu
γw= jβ0√CwDw(1.70)
formuliert werden.
ZFin Ns/m3
Aluminiuma17 ·106
Edelstahla44 ·106
Gummia2,8·106
Kupfera42 ·106
Messingb35 ·106
PVCc2,4·106
Luftabei 20◦C 413
Tabelle 1.1: ¨
Ubersicht der Schallkennimpedanzen f¨
ur Longitudinalwellen von aus-
gew¨
ahlten Materialien im Vergleich zu Luft aus a[FKS84], b[Pier81]
und c[St¨
oc98]
Die Modellvorstellung einer ¨
ortlich konzentrierten Wandimpedanz setzt die
Bedingung |Zw| ≫ ZF,L=ρ0cvoraus, damit dem Schallfeld nur geringe Ener-
gie durch Zwentzogen wird und folglich der Großteil des Energietransports
weiterhin im Bereich r < rwerfolgt [Male69]. Bei der Definition von Zwgem¨
aß
Gleichung (1.66) handelt es sich um eine Schallkennimpedanz.24 In Tabelle 1.1
sind einige Materialien und Luft bez¨
uglich ihrer Schallkennimpedanz charak-
terisiert.
Geh¨
organg als nicht-ideal schallharte R¨
ohre
Von Hudde et al. wurde das D¨
ampfungsmaß des menschlichen Geh¨
organgs
aus den messtechnisch ermittelten Eingangsimpedanzen gesch¨
atzt [HE98b]. Es
zeigte sich, dass die D¨
ampfung durchschnittlich ungef¨
ahr dreimal so groß ist,
wie die D¨
ampfung in einer akustischen R¨
ohre aus Messing.
24Die Schallkennimpedanz wird auch als Schallfeldimpedanz, akustische Feldimpedanz
oder spezifische Schallimpedanz bezeichnet. W¨
ande mit großer Schallkennimpedanz ZF,
wie beispielsweise Stahl, werden als schallhart bezeichnet, w¨
ahrend W¨
ande mit niedriger
Schallkennimpedanz, wie etwa biologisches Gewebe, als schallweich anzusehen sind.
28 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
Das den Geh¨
organg auskleidende Gewebe ist als nicht-ideal schallhart sowie
nicht-ideal glatt anzusehen und begr¨
undet damit haupts¨
achlich die h¨
oheren
Verluste. Zur Modellierung dieses Sachverhalts kann zum einen beispielsweise
das Ausbreitungsmaß nach Gleichung (1.60) gem¨
aß
γHu = 3Re{γSt}+ jIm{γSt}(1.71)
an die dreimal h¨
oheren Verluste angepasst werden. Zum anderen bietet sich das
Konzept einer Wandimpedanz Zwan, bei der die nicht in γSt ber¨
ucksichtigten
Verluste durch Zwerfasst werden k¨
onnen. Der Wert von Zwl¨
asst sich aus einer
Minimierung des Fehlerquadrats
e=
L
X
k=1 |γHu(fk)−γw(fk)|2(1.72)
f¨
ur Frequenzen f1≤fk≤fLbestimmen [PTVF07]. Unter Vorgabe einer
frequenzunabh¨
angigen und reellen Wandimpedanz f¨
uhrt das Optimierungs-
verfahren f¨
ur den h¨
orbaren Frequenzbereich, dem mittleren Geh¨
organgsradius
von rw= 37 mm aus [SL89] sowie einer K¨
orpertemperatur von T0= 310,15 K
bei P0= 101325 Pa auf einen Wert von
Zw,1= 1,3·105Ns/m3.(1.73)
Setzt man dagegen eine Frequenzabh¨
angigkeit der Form Zw=¯
Zw/√ωvoraus,
liefert die Optimierung
Zw,2=1,7·107
√ω
1
√sNs/m3.(1.74)
a) b)
0,10,111 1010
0
5
10
15
20
25
30 2
1,75
1,5
1,25
1
f/kHzf/kHz
D¨
ampfung in dB/m
β/β0
γHu Zw=Zw,1Zw=Zw,2
Abbildung 1.4: a) Mittlere D¨
ampfung im menschlichen Geh¨
organg und b) normiertes
Phasenmaß jeweils approximiert nach Gleichung (1.71) sowie unter
Verwendung der Wandimpedanz Zwbei r=rwnach Gleichung (1.70)
1.4 Nicht-isotherme und ideal schallharte W¨
ande 29
In Abbildung 1.4 sind die Ergebnisse der Optimierung vergleichend zum
Ausbreitungsmaß aus Gleichung (1.71) dargestellt. Die Annahme einer fre-
quenzabh¨
angigen Wandimpedanz erscheint f¨
ur den Geh¨
organg durchaus ge-
rechtfertigt und das in Abschnitt 1.3 vorgestellte Konzept dar¨
uber hinaus ge-
eignet, R¨
ohren mit nicht-ideal schallharten W¨
anden zu modellieren.
1.4 Nicht-isotherme und ideal schallharte W¨
ande
ρwCwκw
in kg/m3in Ws/[kgK] in W/[mK]
Aluminiuma2707 897 237
Edelstahlb7600 . . . 7900 460 15
Gummib1000 . . . 1300 1100 . . . 2000 0,14 ...0,16
Kupferb8900 385 390
Messinga8522 385 113
PVCa1380 900 0,16
Tabelle 1.2: ¨
Ubersicht exemplarisch ausgew¨
ahlter Wandmaterialien bez¨
uglich ihrer
Eigenschaften bei Raumtemperatur aus a[St¨
oc98] und b[Pier81]
Isotherme Randbedingungen setzen voraus, dass wegen ˆ
T|rw,z0= 0 keine
Erw¨
armung der W¨
ande erfolgt und dass κw→ ∞ gelten muss. In der Pra-
xis ist die W¨
armeleitf¨
ahigkeit der W¨
ande endlich. Erh¨
oht sich die Temperatur
des Fluids, erw¨
armen sich auch die W¨
ande. Das kann durch nicht-isotherme
Randbedingungen ber¨
ucksichtigt werden. Die W¨
armeverluste sind f¨
ur nicht-
isotherme W¨
ande geringer, da der Temperaturgradient im Wandbereich ge-
gen¨
uber isothermen Betrachtungen kleiner ausf¨
allt. In der Tabelle 1.2 sind
einige Wandmaterialien bez¨
uglich ihrer thermischen Eigenschaften dargestellt.
Auf der Grundlage der klassischen Kirchhoff-L¨
osung wurde in [Mawa54]
mit T=T0+˜
T1+¯
T2eine Approximation zweiter Ordnung f¨
ur die W¨
arme-
leitungsgleichung angesetzt. Die Gr¨
oße ¯
T2erlaubt die Ber¨
ucksichtigung von
Effekten, die durch eine Approximation erster Ordnung nicht erfasst werden.
Dagegen erfolgte in [AV89] die Berechnung des Schallfelds in einem zweidi-
mensionalen Wellenleiter durch Superposition der Wirbel- und Entropiemoden
sowie der akustischen Moden. Durch Einbettung einer Impedanz wurde die
endliche W¨
armeleitf¨
ahigkeit der Berandung ber¨
ucksichtigt. In Abh¨
angigkeit
von einem Parameter kann die Impedanz den Bereich von einer unendlichen
W¨
armeleitung bis zu einer vollst¨
andigen W¨
armeisolation modellieren.
Im Folgenden soll die Kirchhoff-L¨
osung f¨
ur die Modellierung von nicht-
isothermen W¨
anden modifiziert werden. Betrachtet wird dazu die kreisrunde
R¨
ohre mit der Wanddicke din Abbildung 1.5. F¨
ur den Bereich r≤rwl¨
asst
sich die W¨
armeleitung durch Gleichung (1.19) beschreiben, w¨
ahrend f¨
ur die
30 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
~er
~ez
r
rw
zd
ˆ
T=ˆ
Tw
ˆ
Tw= 0
Abbildung 1.5: R¨
ohre mit der Wanddicke dund unterschiedlichen Temperaturen an
der Innen- und Außenwand. Die W¨
ande weisen die Leitf¨
ahigkeit κw
auf. Die Schallausbreitung findet in ~ez-Richtung in einem Gas mit der
Viskosit¨
at ηsowie der W¨
armeleitf¨
ahigkeit κstatt. Die radiale Rich-
tung ist durch ~ervorgegeben.
W¨
ande mit rw≤r≤rw+ddie W¨
armeleitungsgleichung
jωρwCwˆ
Tw=κw△ˆ
Tw(1.75)
g¨
ultig ist. Die L¨
osung der obigen Gleichung lautet
ˆ
Tw=A3J0rp−jωρwCw/κw+A4Y0rp−jωρwCw/κweγz.(1.76)
Bei Y0(·) handelt es sich um die Bessel-Funktion zweiter Art mit der Ord-
nung null. Die beiden W¨
armeleitungsgleichungen sind bei r=rw¨
uber die
Randbedingungen
ˆ
Trw,z0
=ˆ
Twrw,z0
und κdˆ
T
drrw,z0
=κw
dˆ
Tw
drrw,z0
(1.77)
miteinander verkn¨
upft, wobei letztere die Stetigkeit der W¨
armestromdichten
voraussetzt. Zus¨
atzlich sollen die Randbedingungen
ˆ
Twrw+d,z0= 0 und ˆvzrw,z0= 0 (1.78)
gelten. Auf der Grundlage der vier Randbedingungen k¨
onnen die Konstanten
in der Kirchhoff-L¨
osung (1.25) sowie der L¨
osung (1.76) zur Beschreibung
der W¨
armeleitung in den W¨
anden mit
A2,1=Q4w
dQ5w
drw−Q6w
dQ3w
drw
,(1.79a)
A2,2=Q3wQ6w −Q4wQ5w (1.79b)
1.4 Nicht-isotherme und ideal schallharte W¨
ande 31
zu
A=A1γjω
λ1−ν′Q1w
Qw
+A2γjω
λ2−ν′Q2w
Qw
,(1.80a)
A2=−A1
κwA2,1Q1w +κA2,2
dQ1w
drw
κwA2,1Q2w +κA2,2
dQ2w
drw
,(1.80b)
A3=−A4
Q6w
Q4w
,(1.80c)
A4=−T0[Cpv −1] A1Q1wQ4w +A2Q2wQ4w
A2,2
(1.80d)
bestimmt werden. Weiterhin ergeben sich mit
x1=rwp−jωρwCw/κwund x2= [rw+d]p−jωρwCw/κw(1.81)
die bisher nicht erw¨
ahnten Funktionen zu
Q3w = J0(x1),(1.82a)
Q4w = J0(x2),(1.82b)
Q5w = Y0(x1),(1.82c)
Q6w = Y0(x2).(1.82d)
Vereinfachung der Konstanten
Die Argumente der Bessel-Funktionen in den Gleichungen (1.82) sowie in den
Ableitungen
dQ3w
drw
=−x1
rw
J1(x1) und dQ5w
drw
=−x1
rw
Y1(x1) (1.83)
nehmen f¨
ur die in dieser Arbeit relevanten Wandmaterialien und R¨
ohrenradien
betragsm¨
aßig große Werte an, so dass diese auch durch die asymptotischen
Approximationen
Jm(xi)≈r2
πxi
cos xi−π
4[2m+ 1],(1.84a)
Ym(xi)≈r2
πxi
sin xi−π
4[2m+ 1](1.84b)
repr¨
asentiert werden k¨
onnen [AS72]. Die Verwendung der asymptotischen Ap-
proximationen zur Vereinfachung der Gleichungen (1.79) f¨
uhrt nach algebra-
ischen Umformungen zun¨
achst auf die Konstante
A2≈ −A1
κw
x1
rwhej2x1d/rw+ 1iQ1w + jκhej2x1d/rw−1idQ1w
drw
κw
x1
rwhej2x1d/rw+ 1iQ2w + jκhej2x1d/rw−1idQ2w
drw
.(1.85)
32 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
Durch eine Aufteilung der Form ej2x1d/rw= e−a+jamit a > 0 wird ersichtlich,
dass sich f¨
ur die zu betrachtenden Frequenzen und Wanddicken sowie f¨
ur die
Wandmaterialien aus Tabelle 1.2 die Absch¨
atzung |ej2x1d/rw| ≪ 1 anbietet.
Mit |γ2−λ1| ≪ 1 gilt zudem
κw
x1
rw
Q1w≫
κdQ1w
drw
(1.86)
und A2kann schließlich durch
A2≈ −A1
κw
x1
rw
Q1w
κw
x1
rw
Q2w −jκdQ2w
drw
(1.87)
approximiert werden. F¨
ur die Herleitung des Ausbreitungsmaßes ist die Glei-
chung (1.25b) bez¨
uglich der Randbedingung
ˆvrrw,z0= 0 (1.88)
auszuwerten. In diese Bestimmungsgleichung f¨
ur das Ausbreitungsmaß sind
die Gr¨
oßen Aund A2aus den Gleichungen (1.80a) und (1.87) einzusetzen. Mit
Hilfe der N¨
aherungen aus dem Abschnitt 1.2.3 sowie unter Verwendung von
Q1w ≈1 und dQ1w
drw≈ −rw
2γ2−λ1(1.89)
ist die Bestimmungsgleichung zu vereinfachen. Die Vereinfachungen f¨
uhren mit
den Gr¨
oßen
C1n ="1−jrρ0Cpκ
ρwCwκw
J1rt√−j
J0rt√−j#−1
,(1.90a)
C2n = 1 + C1n
ω2
c2[Cpv −1] rw
rt√−j2
,(1.90b)
Cn="1−2
rv√−j
J1rv√−j
J0rv√−jC2n#−1
,(1.90c)
Dn= 1 + C1n [Cpv −1] 2
rt√−j
J1rt√−j
J0rt√−j(1.90d)
letztendlich zum Ausbreitungsmaß
γn= jβ0√CnDn.(1.91)
1.5 Bewertung der Approximationen 33
1.4.1 Vereinfachtes Modell nach Franken et al.
Die Herleitung von Franken et al. st¨
utzt sich ebenfalls wie die L¨
osung von
Kirchhoff auf das linearisierte Navier-Stokes-Fourier-Modell [FCCW81].
Jedoch wurde von ihnen ein R¨
ohrenelement der L¨
ange dzbetrachtet, so dass
die Differenzialgleichungen bez¨
uglich des Laplace-Operators deutlich verein-
facht werden k¨
onnen.
Auf der Grundlage des im vorherigen Abschnitt erarbeiteten Modells l¨
asst
sich mit C2n ≈1 und der daraus resultierenden Absch¨
atzung Cn≈CSt in
Kombination mit Dnaus Gleichung (1.90d) das auf der Approximation von
Franken et al. basierende Ausbreitungsmaß zu
γFr = jβ0√CStDn(1.92)
angeben. Damit k¨
onnen unterschiedliche L¨
osungsans¨
atze formal zu identischen
Resultaten f¨
uhren.
1.4.2 Vereinfachtes Modell nach Keefe
Ein vereinfachter Ausdruck f¨
ur die Gr¨
oße Dnaus Gleichung (1.90d) wurde von
Keefe angegeben [Keef84]. Seine Herleitung basiert auf der Tatsache, dass f¨
ur
die meisten Gase sowie unter anderem f¨
ur die Wandmaterialien in Tabelle 1.2
die Beziehung
ǫw=rρ0Cpκ
ρwCwκw≪1 (1.93)
g¨
ultig ist. Eine Potenzreihenentwicklung in ǫwsowie eine asymptotische Ent-
wicklung der Bessel-Funktionen f¨
ur rt≫1 f¨
uhren schließlich mit
Cpv,n−1 = Cpv −1
ǫw+ 1 (1.94)
auf den Ausdruck
DKe,n= 1 + [Cpv,n−1] 2
rt√−j
J1rt√−j
J0rt√−j.(1.95)
Zur Ber¨
ucksichtigung von nicht-isothermen W¨
anden ist die Gr¨
oße Cpv also
nur durch die modifizierte Konstante Cpv,nzu ersetzen. Das Ausbreitungsmaß
l¨
asst sich damit zu
γFr = jβ0pCStDKe,n(1.96)
formulieren.
34 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
1.5 Bewertung der Approximationen
In den vorherigen Abschnitten wurden zahlreiche Modelle f¨
ur die Approxima-
tion des Ausbreitungsmaßes unter Ber¨
ucksichtigung von verschiedenen Rand-
bedingungen vorgestellt. Wie genau diese Modelle im Vergleich zur exakten
Kirchhoff-L¨
osung arbeiten, wird im Folgenden untersucht.
Neben den Eigenschaften des Mediums h¨
angt das Ausbreitungsmaß von
der Frequenz und dem R¨
ohrenradius ab. Daher erscheint es f¨
ur eine allge-
meine Betrachtung w¨
unschenswert, beide Parameter durch Einf¨
uhrung eines
neuen Parameters ˜rw=rw√ωzusammenzufassen und das Ausbreitungsmaß
in Abh¨
angigkeit von ˜rwzu formulieren. Das ist f¨
ur den Großteil der vorge-
stellten Modelle m¨
oglich, w¨
ahrend dies bei der Kirchhoff-L¨
osung mit der
Einf¨
uhrung eines zus¨
atzlichen Parameters verbunden ist [Tijd75].
Damit entzieht sich die Kirchhoff-L¨
osung einer anschaulichen Beschrei-
bung auf der Grundlage eines einzigen Parameters und ein direkter Vergleich
mit den erarbeiteten Approximationen ist auf diese Weise nicht ohne Weiteres
m¨
oglich. Die Untersuchungen erfolgten daher f¨
ur ausgew¨
ahlte R¨
ohrenradien in
Abh¨
angigkeit von der Frequenz, die sich gem¨
aß Gleichung (1.4) bis zur Grenz-
frequenz des ersten Azimutalmodus erstreckt.
1.5.1 Vorbetrachtungen und Fehlermaße
Zur nummerischen Bestimmung des implizit in der Kirchhoff-L¨
osung ent-
haltenen Ausbreitungsmaßes kam ein Gauß-Newton-Verfahren zum Einsatz,
bei dem die partiellen Ableitungen durch Differenzenquotienten approximiert
worden sind [SK06]. Die bereits in [Tijd75] verwendeten Startwerte γ0= jβ0
erwiesen sich ebenfalls f¨
ur die Nullstellenbestimmung als geeignet.
Die Untersuchungen erfolgten f¨
ur die exemplarisch ausgew¨
ahlten R¨
ohren-
radien rw,i ={2,4,30,100}mm mit P0= 101325 Pa und T0= 293,15 K,
wobei die daraus resultierenden Gaseigenschaften dem Anhang Aentnommen
werden k¨
onnen. Die relativen Betragsfehler der D¨
ampfungs- und Phasenmaße
berechnen sich f¨
ur die einzelnen R¨
ohrenradien rw,i zu
eα,i =
Re{γref,i}−Re{γapp,i}
Re{γref,i}
,(1.97a)
eβ,i =
Im{γref,i}−Im{γapp,i}
Im{γref,i}
.(1.97b)
Die Fehlermaße sind mit f1,i ≤fk,i ≤fL,i Funktionen von fk,i. Die Anga-
be des Arguments erfolgt im weiteren Verlauf nur dort, wo das notwendig
erscheint. Die aus der exakten Kirchhoff-L¨
osung nummerisch bestimmten
Ausbreitungsmaße γref,i stellen die Referenzl¨
osungen dar, w¨
ahrend γapp,i die
1.5 Bewertung der Approximationen 35
dazugeh¨
origen Approximationen kennzeichnet. Mit Hilfe der einzelnen relati-
ven Betragsfehler wurden die mittleren relativen Betragsfehler
(¯eα
¯eβ)=1
4L
4
X
i=1
L
X
k=1 (eα,i(fk,i)
eβ,i(fk,i))(1.98)
f¨
ur das D¨
ampfungs- und Phasenmaß im Bereich f1,i ≤fk,i ≤fL,i mit L= 100
zur Bewertung der Approximationen ermittelt. Zus¨
atzlich zu diesen Fehlerma-
ßen werden im Folgenden die Verl¨
aufe des Fehlers eα,i grafisch pr¨
asentiert.
1.5.2 Isotherme und ideal schallharte W¨
ande
γapp Modell Gleichung ¯eαin % ¯eβin %
γKi Kirchhoff (1.45)1,19 9,08 ·10−4
γMu Munjal (1.53)0,78 3,08 ·10−3
γSt Stinson (1.60)0,34 4,03 ·10−6
˜γSt Stinson (1.60) mit (1.62)0,39 9,38 ·10−3
γKe Keefe (1.63)0,35 4,61 ·10−3
Tabelle 1.3: Mittlere relative Betragsfehler der Approximationen f¨
ur isotherme und
ideal schallharte W¨
ande
Die Abweichungen zwischen den auf der Grundlage von Gleichung (1.27)
gem¨
aß Gleichung (1.34) nummerisch bestimmten Ausbreitungsmaßen γref,i
und den Approximationen γapp,i sind f¨
ur isotherme und ideal schallharte W¨
an-
de in Tabelle 1.3 zusammengefasst und in Abbildung 1.6 dargestellt.
Die geringsten Abweichungen gegen¨
uber der Referenzl¨
osung weisen die Ap-
proximationen von Stinson und Keefe auf. Verglichen mit dem Berechnungs-
aufwand stellen die Approximationen ˜γSt und γKe eine gute Alternative zum
Ausbreitungsmaß γSt dar. Besonders f¨
ur tiefe Frequenzen und kleine Radien
treten bei den N¨
aherungen von Kirchhoff und Munjal sowie bei Verwen-
dung von asymptotisch approximierten Bessel-Funktionen im Ausbreitungs-
maß ˜γSt gr¨
oßere Ungenauigkeiten auf. Diese sind gr¨
oßtenteils durch die verwen-
deten Vereinfachungen bez¨
uglich der in den Gleichungen (1.33) angegebenen
Gr¨
oßen Bund B2begr¨
undet. Die Verwendung von asymptotisch angen¨
aherten
Bessel-Funktionen erscheint f¨
ur kleine Radien und niedrige Frequenzen nicht
gerechtfertigt.
Bei allen Modellen ist ab einer bestimmten Frequenz ein kontinuierlicher
Anstieg des Fehlers eα,i zu beobachten. Diesbez¨
ugliche Untersuchungen zeig-
ten, dass sich dieser Anstieg durch die Approximation B1≈ −rw[γ2−λ1]/2
in Kombination mit der Annahme λ1≈ −ω2/c2begr¨
unden l¨
asst. Mit steigen-
der Frequenz verlieren diese Annahmen zunehmend ihre Berechtigung, wobei
36 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
00
00
11
11
22
33
44
0,750,75
0,50,5
0,250,25
1010 2020 30 40 50 15 255
1,21,82,43 1
0,2 0,40,60,60,8
f/kHz f/kHz
eα,1in %
eα,2in %
eα,3in %
eα,4in %
rw= 2 mm rw= 4 mm
rw= 30 mm rw= 100 mm
f/kHz f/kHz
Re{γKi}Re{γMu}Re{γSt}Re{˜γSt}Re{γKe}
Abbildung 1.6: Relative Betragsfehler der Approximationen f¨
ur isotherme und ideal
schallharte W¨
ande
der Fehleranstieg f¨
ur die untersuchten Frequenzbereiche als tolerierbar ein-
zustufen ist. Es ¨
uberrascht, dass die N¨
aherung von Munjal gegen¨
uber der
von Kirchhoff approximierten L¨
osung zu besseren Resultaten f¨
uhrt, obwohl
Munjal eine zus¨
atzliche Approximation des Wurzelausdrucks verwendet hat.
Zus¨
atzlich sei angemerkt, dass die Fehler ¯eβbez¨
uglich des Phasenmaßes f¨
ur
alle untersuchten Modelle vernachl¨
assigbare Gr¨
oßenordnungen aufweisen.
1.5.3 Isotherme und nicht-ideal schallharte W¨
ande
Die nummerische L¨
osung der Gleichungen (1.27) und (1.68) f¨
uhrte auf die Refe-
renzl¨
osung zur Berechnung des Fehlers. Da sich die Konstante A2in der einzu-
setzenden Schalldruckgleichung (1.29) auch f¨
ur nicht-ideal schallharte W¨
ande
gem¨
aß Gleichung (1.32) berechnet, muss schließlich A1f¨
ur die Bestimmung
des Ausbreitungsmaßes nicht ausgewertet werden.
γapp Gleichung ¯eαin % ¯eβin %
γw(1.70)0,26 8,31 ·10−4
˜γw(1.70) mit (1.62)0,22 2,00 ·10−2
Tabelle 1.4: Mittlere relative Betragsfehler der Approximationen f¨
ur isotherme und
nicht-ideal schallharte W¨
ande
1.5 Bewertung der Approximationen 37
10
10
20
20
30
40
50
5
15
25
0,6
0,6
1,2
1,8
2,4
3
0,2
0,4
0,8
1
0,50,5
11
1,51,5
0,30,3
0,20,2
0,10,1
100100
100100
400400
400400
700700
700700
10001000
10001000
eα,1in %
eα,2in %
eα,3in %
eα,4in %
rw= 2 mm rw= 4 mm
rw= 30 mm rw= 100 mm
Zw/ZF,LZw/ZF,L
Zw/ZF,LZw/ZF,L
f/kHz
f/kHz
f/kHz
f/kHz
Abbildung 1.7: Relative Betragsfehler der Approximationen f¨
ur isotherme und nicht-
ideal schallharte W¨
ande in Abh¨
angigkeit von Zw
/Z
10
10
20
20
30
40
50
5
15
25
0,6
0,6
1,2
1,8
2,4
3
0,2
0,4
0,8
1
0,50,5
11
1,51,5
0,30,3
0,20,2
0,10,1
100100
100100
400400
400400
700700
700700
10001000
10001000
eα,1in %
eα,2in %
eα,3in %
eα,4in %
rw= 2 mm rw= 4 mm
rw= 30 mm rw= 100 mm
Zw/ZF,LZw/ZF,L
Zw/ZF,LZw/ZF,L
f/kHz
f/kHz
f/kHz
f/kHz
Abbildung 1.8: Relative Betragsfehler der Approximationen f¨
ur isotherme und nicht-
ideal schallharte W¨
ande in Abh¨
angigkeit von Zwbei Verwendung von
asymptotisch approximierten Bessel-Funktionen
38 Kapitel 1 Schallausbreitung in kreisrunden R¨
ohren
Die Modellierung von nicht-ideal schallharten W¨
anden erfolgte durch eine
reelle Wandimpedanz, die zwischen 100 ≤Zw/ZF,L≤1000 variieren sollte.25
Die Fehlermaße wurden f¨
ur Wandimpedanzen Zw,1≤Zw,n ≤Zw,N sowie f¨
ur
Frequenzen f1,i ≤fk,i ≤fL,i zu
(¯eα
¯eβ)=1
4NL
4
X
i=1
N
X
n=1
L
X
k=1 (eα,i(fk,i, Zw,n)
eβ,i(fk,i, Zw,n))(1.99)
mit N= 20 und L= 200 definiert und sind in Tabelle 1.4 zusammengefasst.
Die Fehlerverl¨
aufe f¨
ur das Ausbreitungsmaß γwk¨
onnen der Abbildung 1.7
entnommen werden, w¨
ahrend die Fehlerverl¨
aufe f¨
ur das asymptotisch appro-
ximierte Ausbreitungsmaß ˜γwin Abbildung 1.8 dargestellt sind.
F¨
ur steigende Wandimpedanzen nehmen die Fehler eα,i geringf¨
ugig zu und
konvergieren f¨
ur Zw→ ∞ gegen die Betragsfehler f¨
ur ideal schallharte W¨
ande.
Die Genauigkeit der untersuchten Approximationen kann als akzeptabel einge-
stuft werden. F¨
ur zunehmende Frequenzen ist bei γwein st¨
arkeres Ansteigen
des Fehlers zu beobachten. Daf¨
ur liegen bei ˜γwim unteren Frequenzbereich
gr¨
oßere Ungenauigkeiten vor, da die Annahme von kleinen Grenzschichtdicken
dort nicht gerechtfertigt erscheint. Nichtsdestotrotz stellt die asymptotische
N¨
aherung durch den reduzierten Berechnungsaufwand insgesamt eine attrak-
tive Methode zur Modellierung von nicht-ideal schallharten W¨
anden dar.
1.5.4 Nicht-isotherme und ideal schallharte W¨
ande
γapp Modell Gleichung ¯eαin % ¯eβin %
γnvorgestelltes (1.91)0,34 6,07 ·10−6
γFr Franken et al. (1.92)0,34 7,30 ·10−6
˜γFr Franken et al. (1.92) mit (1.62)0,39 9,35 ·10−3
γKe Keefe (1.96)0,32 1,70 ·10−3
Tabelle 1.5: Mittlere relative Betragsfehler der Approximationen f¨
ur nicht-isotherme
und ideal schallharte W¨
ande aus PVC
Die Betrachtungen erfolgten exemplarisch f¨
ur R¨
ohren aus PVC mit einer
Wanddicke von di=rw,i/10. Die Referenzl¨
osung berechnet sich auf der Grund-
lage von Gleichung (1.27) und der Kirchhoff-L¨
osung (1.25b), wobei dort die
Konstanten Aund A2aus den Gleichungen (1.80) einzusetzen und die Rand-
bedingung ˆvr|rw,z0= 0 auszuwerten sind. Die mittleren relativen Betragsfehler
des D¨
ampfungs- und Phasenmaßes sind in Tabelle 1.5 angegeben.
Gem¨
aß Abbildung 1.9 verlaufen die relativen Betragsfehler eα,i bez¨
uglich
der Approximationen γnund γFr identisch. Die N¨
aherung Cn≈CSt hat damit
25Die Schallkennimpedanz von Luft betr¨
agt bei den vorgegebenen Umgebungsbedingun-
gen ZF,L= 413 Ns/m3.
1.5 Bewertung der Approximationen 39
00
00
0,50,5
11
1,51,5
22
0,40,4
0,30,3
0,20,2
0,10,1
1010 2020 30 40 50 15 255
1,21,82,43 1
0,2 0,40,60,60,8
f/kHz f/kHz
eα,1/%
eα,2/%
eα,3/%
eα,4/%
rw= 2 mm rw= 4 mm
rw= 30 mm rw= 100 mm
f/kHz f/kHz
Re{γn}Re{γFr}Re{˜γFr}Re{γKe}
Abbildung 1.9: Relative Betragsfehler der Approximationen f¨
ur nicht-isotherme und
ideal schallharte W¨
ande aus PVC
beim Modell von Franken et al. nahezu keinen Einfluss auf die Genauigkeit,
so dass γFr wegen des geringeren Berechnungsaufwands zu pr¨
aferieren ist. Die
beiden Modelle zeigen das gleiche charakteristische Verhalten wie etwa γSt
aus Abschnitt 1.5.2. Mit steigender Frequenz nehmen die Abweichungen dort
aus demselben Grund zu, wie zuvor erl¨
autert. Diese sind jedoch insgesamt
durchgehend als gering einzustufen.
Bei Verwendung der asymptotisch angen¨
aherten Bessel-Funktionen in ˜γFr
treten zus¨
atzlich in den unteren Frequenzbereichen gr¨
oßere Ungenauigkeiten
auf, da dort die Verwendung einer asymptotischen Darstellung der Bessel-
Funktionen nicht gerechtfertigt ist. Nichtsdestotrotz stellt ˜γFr wegen des ver-
gleichsweisen geringen Berechnungsaufwands eine gute Alternative zu den an-
deren Modellen dar. Wird eine genaue Modellierung im unteren Frequenzbe-
reich gew¨
unscht, ist hingegen das Modell von Franken et al. zu bevorzugen.
Die Erweiterung der Untersuchungen auf die anderen in Tabelle 1.2 aufge-
f¨
uhrten Materialien zeigten, dass die Fehlerverl¨
aufe eα,i kaum von den Wand-
eigenschaften beeinflusst werden. Damit erscheint auch die bei der Herleitung
von γnund γFr getroffene Annahme |ej2x1d/rw| ≪ 1 gerechtfertigt.
KAPITEL 2
Modellierung von R¨
ohrensystemen
Auf der Grundlage der im vorherigen Kapitel pr¨
asentierten Approximationen
f¨
ur das Ausbreitungsmaß wird in diesem Kapitel die akustische Modellierung
von R¨
ohrensystemen durch Zweitore vorgestellt. Die Modelle sollen eine Be-
r¨
ucksichtigung der folgenden Punkte erlauben:
•ver¨
anderliche Querschnittsfl¨
ache,
•endliche R¨
ohrenl¨
ange mit entsprechendem Abschluss,
•Abzweigungen,
•nicht-ideale Schallquellen,
•str¨
omendes Medium.
Mit Hilfe der Zweitormodelle k¨
onnen R¨
ohrensysteme bez¨
uglich ihres ¨
Uber-
tragungsverhaltens charakterisiert werden. Das ¨
Ubertragungsverhalten ist bei-
spielsweise in der Klima- oder Abgastechnik zur Auslegung von Schalld¨
ampfer-
elementen von Interesse [Munj87]. Dar¨
uber hinaus lassen sich der menschliche
Geh¨
organg sowie Blasmusikinstrumente ebenfalls als R¨
ohrensystem interpre-
tieren. Solche Modelle bieten sich daher auch f¨
ur die Auslegung von H¨
orger¨
aten
oder zur Konzeption von Musikinstrumenten an [CKL84,Bern99,HEL99].
In dieser Arbeit sollen Zweitore zur Modellierung eines aktiven Abgas-
schalld¨
ampfers eingesetzt werden. Dazu sind die ben¨
otigten mathematischen
Modelle zu erl¨
autern und anhand eines realen physikalischen R¨
ohrensystems
zu validieren. Die Betrachtungen setzen zun¨
achst ein ruhendes Medium vor-
aus, w¨
ahrend im n¨
achsten Kapitel die Modelle zur Erfassung eines str¨
omenden
Mediums erweitert werden.
2.1 Leitungsmodell f¨
ur einen akustischen Wellenleiter
Ein akustischer Wellenleiter in Form einer R¨
ohre l¨
asst sich in Analogie zu einer
elektrischen Leitung mit Hilfe des Ausbreitungsmaßes und der charakteristi-
schen Impedanz modellieren. Betrachtet wird im Folgenden ein Leitungsele-
40
2.1 Leitungsmodell f¨
ur einen akustischen Wellenleiter 41
a)
b)
p+
nq+
n
p−
nq−
n
z
rn
z= 0 z=ln
ZL,n
γn
pn
qn
pn+1
qn+1
Zn
Abbildung 2.1: a) Akustischer Wellenleiter und b) Zweitordarstellung
ment nder L¨
ange lnmit dem Radius rn, welches durch das Zweitor in Ab-
bildung 2.1 b) beschrieben werden soll.1Die Wellenl¨
angen seien im Vergleich
zum R¨
ohrendurchmesser als groß einzustufen, so dass lediglich der Grundmo-
dus vorhanden ist.
F¨
ur das Leitungsmodell sind zun¨
achst die Schallfeldgr¨
oßen ¨
uber die kreis-
runde Querschnittsfl¨
ache an den Toren zu mitteln. Am Tor ngilt somit exemp-
larisch [Pier81,Stin91]
hˆvz,ni
hˆpni
hˆρni
=1
πr2
nZrn
0
2πr
ˆvz,n(r)
ˆpn(r)
ˆρn(r)
dr. (2.1)
Durch die Mittelung entf¨
allt die Ortsabh¨
angigkeit von rund an jedem Tor l¨
asst
sich auf diese Weise eine Ebene mit konstanten Schallfeldgr¨
oßen definieren.
Dies f¨
uhrt auf ein eindimensionales Modell, bei dem nur eine Abh¨
angigkeit
von zvorliegt.
F¨
ur eine ¨
ubersichtlichere Darstellung werden die Mittelwertgr¨
oßen der kom-
plexen Amplituden an einem Tor nim Folgenden durch
vn=hˆvz,niund pn=hˆpnisowie ρn=hˆρni(2.2)
pr¨
asentiert. Neben dem Schalldruck pnsoll der Schallfluss qn, der durch die
kreisrunde Querschnittsfl¨
ache Anstr¨
omt, gem¨
aß
qn=vnAn=vnπr2
n(2.3)
1Die Indizes dienen im weiteren Verlauf der Zuordnung zum entsprechenden Tor oder
R¨
ohrenelement.
42 Kapitel 2 Modellierung von R¨
ohrensystemen
elektrisch akustisch
Potenzialgr¨
oße Spannung Schalldruck
Flussgr¨
oße Strom Schallfluss
Tabelle 2.1: Zusammenhang zwischen elektrischen und akustischen Leitungsgr¨
oßen
als weitere Torgr¨
oße zum Einsatz kommen. Die Potenzialgr¨
oße pnist mit der
Flussgr¨
oße qn¨
uber die Impedanz
Zn=pn
qn
(2.4)
verkn¨
upft.2Zwischen den elektrischen und akustischen Gr¨
oßen besteht der in
Tabelle 2.1 angegebene Zusammenhang.
2.1.1 Charakteristische Impedanz
In Anlehnung an Abbildung 2.1 a) berechnet sich die charakteristische Impe-
danz3des Leitungselements aus dem Quotienten
ZL,n =p+
n
q+
n
=p−
n
q−
n
(2.5)
der hin- und r¨
ucklaufenden Wellen der Potenzial- und Flussgr¨
oßen. Mit der
Definition (2.5) kann ¨
uber das akustische Potenzial [Male69,Skud71]
φn(z, t) = φ+
n+φ−
n=C+e−γnz+C−eγnzejωt,(2.6)
wobei die Konstanten C+und C−nicht genauer spezifiziert seien, exemplarisch
f¨
ur die hinlaufenden Wellen die charakteristische Impedanz mit
p+
nejωt =ρ0
∂φ+
n
∂t = jωρ0C+e−γnzejωt,(2.7a)
q+
nejωt =−An
∂φ+
n
∂z =AnγnC+e−γnzejωt (2.7b)
zu
ZL,n =p+
n
q+
n
=jωρ0
Anγn
=ZL0,n
jβ0
γn
(2.8)
bestimmt werden [Hudd88].4F¨
ur die charakteristische Impedanz eines verlust-
freien Wellenleiters gilt
ZL0,n =ρ0c
πr2
n
.(2.9)
2Die Gr¨
oße Znwird auch als akustische Impedanz oder Flussimpedanz bezeichnet.
3Die charakteristische Impedanz wird auch als Wellenimpedanz bezeichnet.
4Aus Gr¨
unden der ¨
Ubersichtlichkeit wurde in den Gleichungen (2.6) und (2.7) auf die
Angabe des Realteiloperators Re{·} verzichtet.
2.1 Leitungsmodell f¨
ur einen akustischen Wellenleiter 43
H¨
aufig findet sich in der Literatur eine Zerlegung des Ausbreitungsmaßes in
eine L¨
angsimpedanz Zund eine Queradmittanz Y[Bena68,Flan72,Keef84].
Mit dieser Zerlegung erfolgt die Beschreibung des Wellenleiters durch das klas-
sische Ersatzschaltbild einer Leitung, f¨
ur das sich die Wellenausbreitung durch
die bekannte Telegrafengleichung beschreiben l¨
asst [Hoff97]. Die charakteristi-
sche Impedanz ergibt sich dann zwangsl¨
aufig aus ZL,n =pZ/Y und weicht
damit von Gleichung (2.8) ab. Eine Zerlegung in Zund Ynur mit der Kenntnis
des Ausbreitungsmaßes ist nicht eindeutig. Demnach k¨
onnen sich in Abh¨
an-
gigkeit von der gew¨
ahlten Aufteilung auch unterschiedliche charakteristische
Impedanzen ergeben. Daher erscheint es geeigneter, f¨
ur die Berechnung der
charakteristischen Impedanz die Gleichung (2.8) zu Grunde zu legen.
2.1.2 Zweitormodellierung
Das akustische Leitungselement stellt wie ihr elektrisches ¨
Aquivalent mit den
Eingangsgr¨
oßen pnund qnbei z= 0 sowie den Ausgangsgr¨
oßen pn+1 und qn+1
bei z=lngem¨
aß Abbildung 2.1 b) ein Zweitor dar. Die Ausgangsgr¨
oßen lassen
sich in Abh¨
angigkeit von den Eingangsgr¨
oßen zu
pn+1 =pncosh (γnln)−qnZL,n sinh (γnln),(2.10a)
qn+1 =qncosh (γnln)−pn
ZL,n
sinh (γnln) (2.10b)
formulieren [Flan72,Terh98]. F¨
ur das Zweitor kann mit den Gleichungen (2.10)
eine Kettenmatrixdarstellung der Form
"pn
qn#=Kn"pn+1
qn+1#(2.11)
mit der Kettenmatrix
Kn=
cosh (γnln)ZL,n sinh (γnln)
1
ZL,n
sinh (γnln) cosh (γnln)
(2.12)
angeben werden. Ebenso l¨
asst sich die Impedanzmatrix
Zn=ZL,n
coth (γnln)1
sinh (γnln)
1
sinh (γnln)coth (γnln)
(2.13)
44 Kapitel 2 Modellierung von R¨
ohrensystemen
f¨
ur ein R¨
ohrenelement definieren, wobei mit der in Abbildung 2.1 b) eingef¨
uhr-
ten Z¨
ahlpfeilrichtung f¨
ur die Kettenmatrixdarstellung der Zusammenhang
"pn
pn+1#=Zn"qn
−qn+1#(2.14)
gilt. Da die Bedingung ZT
n=Znbeziehungsweise det{Kn}= 1 erf¨
ullt ist,
handelt es sich bei dem akustischen Leitungselement um ein ¨
ubertragungs-
symmetrisches und damit reziprokes Zweitor.
2.2 Modellierung einer ver¨
anderlichen Querschnittsfl¨
ache
K¨
onnen zur Berechnung der Schallausbreitung in akustischen Wellenleitern
mit ver¨
anderlicher Querschnittsfl¨
ache keine analytischen L¨
osungen der parti-
ellen Differenzialgleichungen angegeben werden, kommen zur nummerischen
L¨
osung h¨
aufig Finite-Elemente-Verfahren oder Randelemente-Verfahren zum
Einsatz [CB91,CDF+92,HM95,Vorl08].
Bei den Finite-Elemente-Verfahren findet eine Diskretisierung des zu be-
trachtenden Raumvolumens in finite Elemente statt. Mit Hilfe einer integralen
Mittelwertbildung werden die Differenzialgleichungen in ein Gleichungssystem
¨
uberf¨
uhrt, das nummerisch gel¨
ost wird. Die Randelemente-Verfahren basieren
im Gegensatz dazu auf einer Diskretisierung der Oberfl¨
ache des zu betrach-
tenden Raumvolumens. Die Differenzialgleichungen werden unter Ber¨
ucksichti-
gung der Randbedingungen in Integralgleichungen ¨
uberf¨
uhrt, die ¨
ahnlich dem
Finite-Elemente-Verfahren nummerisch zu l¨
osen sind. Beide Methoden f¨
uh-
ren bei entsprechender Diskretisierung zu genauen Resultaten, denen jedoch
ein hoher Berechnungsaufwand zu Grunde liegt. Im Folgenden kommen daher
keine dieser nummerischen Verfahren zum Einsatz.
Eine weitere M¨
oglichkeit zur Berechnung der Schallausbreitung in R¨
ohren
mit ver¨
anderlicher Querschnittsfl¨
ache basiert auf einer Vereinfachung der zu
Grunde liegenden partiellen Differenzialgleichungen. Dieser Ansatz f¨
uhrt unter
anderem auf die Webster-Gleichung [Webs19].
2.2.1 Die Webster-Gleichung
Die Schallausbreitung in einer R¨
ohre mit ver¨
anderlicher Querschnittsfl¨
ache und
die Schwingung einer Saite mit ver¨
anderlicher Dicke in transversaler Rich-
tung lassen sich durch ¨
ahnliche Differenzialgleichungen beschreiben. Diesen
Zusammenhang zwischen der linearen Elastizit¨
at einer Saite und den Eigen-
schaften eines Gases in einer R¨
ohre mit ver¨
anderlicher Querschnittsfl¨
ache er-
kannten Lagrange und Euler zur Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts. Zu
Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts griffen Rayleigh und Webster die
2.2 Modellierung einer ver¨
anderlichen Querschnittsfl¨
ache 45
Essenz der Arbeiten von Lagrange und Euler unabh¨
angig voneinander wie-
der auf. Auch wenn andere Forscher die Pionierarbeit geleistet haben, wird
h¨
aufig die Gleichung zur Schallausbreitung in einem Trichter mit Webster
in Verbindung gebracht und als Webster-Gleichung oder Trichtergleichung
bezeichnet [Camp84].
Bei der Schallausbreitung in einer R¨
ohre liegt eine Abh¨
angigkeit der Schall-
feldgr¨
oßen von den drei Raumdimensionen vor. Unter der Voraussetzung, dass
der Schalldruck auf einer entsprechenden Koordinatenfl¨
ache konstant ist, h¨
angt
die von Webster vorgestellte Trichtergleichung n¨
aherungsweise nur von einer
Dimension ab. Das ist unter anderem dann der Fall, wenn die betrachteten
Wellenl¨
angen erheblich gr¨
oßer als der Durchmesser der R¨
ohre sind. Unter die-
ser Annahme liegt ausschließlich eine Schallausbreitung im Grundmodus vor,
die haupts¨
achlich von der Gr¨
oße der Querschnittsfl¨
ache, nicht jedoch durch die
Querschnittsfl¨
achenform beeinflusst wird [Hudd83,HM05]. Zus¨
atzlich darf sich
die Querschnittsfl¨
ache nur langsam ¨
andern, so dass sprunghafte ¨
Anderungen
nicht zul¨
assig sind. Die Webster-Gleichung l¨
asst sich f¨
ur eine Schallausbrei-
tung in z-Richtung bez¨
uglich des akustischen Potenzials zu
d2φ
dz2+1
A(z)
∂A(z)
∂z
dφ
dz+β2
0φ= 0 (2.15)
formulieren. Die ver¨
anderliche Querschnittsfl¨
ache wird durch die Querschnitts-
fl¨
achenfunktion A(z) erfasst [Hudd89]. Querschnittsfl¨
achen, die senkrecht zu
einer gekr¨
ummten Mittelachse angeordnet sind, lassen sich durch eine Para-
metrisierung der Webster-Gleichung modellieren [KS85,FFR02].
In der urspr¨
unglichen Webster-Gleichung (2.15) werden keine Verluste
bei der Schallausbreitung erfasst [Flan72]. Diese lassen sich zum einen f¨
ur
kleine Grenzschichtdicken durch eine Modifikation der Trichtergleichung ein-
betten [Pier81] oder zum anderen approximativ durch Verwendung eines ver-
lustbehafteten Ausbreitungsmaßes in der L¨
osung ber¨
ucksichtigen [Hudd89].
Durch eine weitere Modifikation der Trichtergleichung kann ebenfalls der Ein-
fluss eines str¨
omenden Mediums erfasst werden [Pier81].
F¨
ur die Webster-Gleichung lassen sich nur f¨
ur einige Spezialf¨
alle, wie
beispielsweise den Kegel- oder Exponentialtrichter, analytische L¨
osungen an-
geben [Lodw97]. In [Putl96] wurde die Trichtergleichung daher mit Hilfe eines
Finite-Differenzen-Verfahrens nummerisch gel¨
ost. Die dazu erforderliche Dis-
kretisierung der ver¨
anderlichen Querschnittsfl¨
achenfunktion entlang der Mittel-
achse kann auch als eine stufenweise Approximation von A(z) durch hinter-
einander geschaltete R¨
ohren mit unterschiedlichen Querschnittsfl¨
achen inter-
pretieren werden [Hudd89]. Dieses Prinzip wurde in dieser Arbeit zur Mo-
dellierung einer ver¨
anderlichen Querschnittsfl¨
ache herangezogen, da es einen
akzeptablen Kompromiss zwischen Genauigkeit und Berechnungsaufwand dar-
stellt.
46 Kapitel 2 Modellierung von R¨
ohrensystemen
2.2.2 Stufenweise Approximation
a)
b)
kontinuierliche Querschnittsfl¨
achenfunktion A(z)
stufenweise Approximation
rnrn+1 rn+2 rn+3
lnln+1 ln+2 ln+3
z
ZnZn+1 Zn+2 Zn+3
ZQ,n ZQ,n+1 ZQ,n+2
Abbildung 2.2: a) Prinzip der stufenweisen Approximation von kontinuierlichen Quer-
schnittsfl¨
achen¨
anderungen durch hintereinander geschaltete R¨
ohren-
elemente mit konstantem Querschnitt und b) Zweitordarstellung mit
den Sprungimpedanzen ZQ,n
Das Konzept der stufenweisen Approximation ist in Abbildung 2.2 a) dar-
gestellt. Die Unterteilung muss nicht notwendigerweise ¨
aquidistant erfolgen.
Die Genauigkeit des Modells h¨
angt von den gew¨
ahlten L¨
angen lnder R¨
oh-
renelemente und der Gr¨
oße der Querschnitts¨
anderung ab. Untersuchungen
zeigten, dass mit L¨
angen von ln≈λ/10 akzeptable Resultate erzielt wer-
den k¨
onnen [Lodw97]. Die Kettenmatrix eines aus NElementen bestehenden
R¨
ohrensystems ergibt sich mit den einzelnen Kettenmatrizen (2.12) zu
K=
N
Y
n=1
Kn.(2.16)
Das Ausbreitungsmaß γnsollte bei einer stufenweisen Approximation in
jedem R¨
ohrenelement gleich sein, so dass es sich bei einer verlustbehafteten
Schallausbreitung anbietet, einen mittleren Radius zur Berechnung von γnzu
verwenden [Hudd89]. In der Literatur finden sich jedoch ebenfalls Ans¨
atze, die
f¨
ur jedes R¨
ohrenelement den dazugeh¨
origen Radius rnbei der Bestimmung
von γnzu Grunde legen [HE98a,HE98c].
Bei der Verkettung von R¨
ohrenelementen mit unterschiedlichen Radien
gem¨
aß Gleichung (2.16) ergeben sich jedoch nur f¨
ur kleine Querschnittsspr¨
unge
zufriedenstellende Resultate. Untersuchungen in [Solo03] haben gezeigt, dass
2.2 Modellierung einer ver¨
anderlichen Querschnittsfl¨
ache 47
ein Querschnittssprung unter Vernachl¨
assigung von evaneszenten Moden nur
f¨
ur einen eingeschr¨
ankten Frequenzbereich deutlich unterhalb des ersten Ra-
dialmodus zu genauen Ergebnissen f¨
uhrt. Bei gr¨
oßeren Querschnittsspr¨
ungen
sollte, auch wenn ausschließlich der Grundmodus ausbreitungsf¨
ahig ist, der
Einfluss von evaneszenten Moden ber¨
ucksichtigt werden.
Mit dem Streumatrizenkonzept von Hudde et al. aus [HL85] wurde von
Hudde eine stufenweise Approximation auch f¨
ur Frequenzen untersucht, f¨
ur
die h¨
ohere Moden ebenfalls ausbreitungsf¨
ahig sind [Hudd89]. Da rotations-
symmetrische Querschnitts¨
anderungen im Mittelpunkt standen, erfolgte nur
die Ber¨
ucksichtigung von Radialmoden, wobei sich Azimutalmoden ebenfalls
in das Konzept einbetten lassen. Das Verfahren erlaubt eine genaue akustische
Modellierung von Querschnitts¨
anderungen nicht nur f¨
ur den Grundmodus.
Jedoch erfordert das Verfahren einen hohen Berechnungsaufwand, da selbst
f¨
ur eine Bestimmung der Schallfeldgr¨
oßen des Grundmodus die Streumatrizen
ebenfalls bez¨
uglich der h¨
oheren Moden ausgewertet werden m¨
ussen.
In dieser Arbeit kann aufgrund der vorliegenden R¨
ohrengeometrien und der
zu betrachtenden Frequenzen davon ausgegangen werden, dass nur der Grund-
modus ausbreitungsf¨
ahig ist. Damit bieten sich auch vereinfachte L¨
osungsan-
s¨
atze an, die den Einfluss der am Querschnittssprung evaneszent angeregten
Moden auf der Grundlage einer Sprungimpedanz ber¨
ucksichtigen.
Sprungimpedanz von Karal
a) b)
pn
qn
pn+1
qn+1
z= 0
rn
rn+1
pn
qn
pn+1
qn+1
ZQ,n
z
Abbildung 2.3: a) Querschnittssprung von rnauf rn+1 bei z= 0 und b) Modellierung
durch die Sprungimpedanz ZQ,n
Betrachtet wird der in Abbildung 2.3 a) dargestellte Querschnittssprung
vom Radius rnauf rn+1 am Ort z= 0. Zur Erf¨
ullung der dortigen Randbe-
dingungen sind neben dem ausbreitungsf¨
ahigen Grundmodus auch evaneszen-
te Moden einzubeziehen, die an der Unstetigkeitsstelle zwangsl¨
aufig angeregt
werden. F¨
ur die komplexen Amplituden des Schalldrucks im Grundmodus gilt
48 Kapitel 2 Modellierung von R¨
ohrensystemen
bei z= 0
pnz=0 −pn+1z=0 =pHM.(2.17)
Der Schalldruck ist am Querschnittssprung nicht stetig, sondern springt um
den Anteil pHM, der die evaneszenten h¨
oheren Moden erfasst. Dagegen l¨
asst
sich f¨
ur den Schallfluss zeigen, dass f¨
ur diesen bei z= 0 mit
qnz=0 =qn+1z=0 =qQ,n (2.18)
Stetigkeit vorliegt. Den Anteil der h¨
oheren Moden beschrieb Karal durch
pHM =ZQ,nqQ,n (2.19)
mit Hilfe der Sprungimpedanz ZQ,n [Kara53]. Diese Sprungimpedanz zur Be-
r¨
ucksichtigung eines Querschnittssprungs setzt sich genau genommen aus zwei
unendlichen Reihen zusammen, wobei ein Reihenterm aus Gr¨
oßen besteht, die
sich aus einem unendlichen linearen Gleichungssystem berechnen lassen. F¨
ur
die meisten Anwendungen kann nach Karal dieser Reihenterm vernachl¨
assigt
werden, so dass er schließlich die Impedanz zu
ZQ,n = jω4ρ0rn+1
πr2
n
∞
X
i=1
J2
1(t0,irn/rn+1)
t3
0,iJ2
0(t0,i)(2.20)
angegeben hat.5Dabei bezeichnet t0,i die Nullstelle i+ 1 von J1(t0,i). F¨
ur
akzeptable Ergebnisse kann die Reihe bereits nach dem zwanzigsten Glied ab-
gebrochen werden [Peat88]. Die Einbettung der Sprungimpedanz in die Zwei-
tormodellierung ist in Abbildung 2.3 b) dargestellt.
F¨
ur den Wert der Sprungimpedanz ist es nicht relevant, ob rn> rn+1
oder rn< rn+1 vorliegt. Eine Aufweitung und eine Verengung besitzen damit
identische Sprungimpedanzen. Folglich liegt Reziprozit¨
at vor. Daher bezeich-
net im Weiteren rnden kleineren und rn+1 den gr¨
oßeren Radius und das
dazugeh¨
orige Verh¨
altnis sei zu α=rn/rn+1 definiert.
Untersuchungen zur Sprungimpedanz von Karal
Auf der Grundlage des Streumatrizenkonzepts gaben Hudde et al. ein ¨
aqui-
valentes Zweitor an, dass f¨
ur den Grundmodus die Effekte durch Anregung von
evaneszenten Moden ber¨
ucksichtigt [HL85]. Die L¨
angsimpedanz des Zweitors
wurde mit der Sprungimpedanz von Karal f¨
ur große und kleine Querschnitts-
¨
anderungen verglichen. Dabei zeigte sich, dass die Sprungimpedanz von Karal
f¨
ur kleine Querschnittsspr¨
unge ungenau ist. F¨
ur kleine ¨
Anderungen ist der
Wert der Sprungimpedanz ohnehin gering, so dass der Fehler tolerierbar er-
scheint.
5Bei der Gr¨
oße ZQ,n handelt es sich um eine akustische Induktivit¨
at, die auch als
akustische Sprungmasse bezeichnet wird [ZZ93].
2.2 Modellierung einer ver¨
anderlichen Querschnittsfl¨
ache 49
Zus¨
atzlich wurde von Hudde f¨
ur einen stufenweise zu approximierenden
Wellenleiter das ¨
Ubertragungsverhalten zum einen mit dem Streumatrizen-
konzept als Referenzl¨
osung ermittelt. Zum anderen erfolgte mit Hilfe der Ket-
tenmatrizen (2.12) die Berechnung sowohl mit als auch ohne Sprungimpedanz
von Karal [Hudd89]. Mit der Sprungimpedanz reduzierten sich die Abwei-
chungen zur Referenzl¨
osung. Jedoch waren diese nur f¨
ur einen eingeschr¨
ank-
ten Frequenzbereich deutlich unterhalb der Grenzfrequenz des ersten ausbrei-
tungsf¨
ahigen Modus akzeptabel. Eine obere Frequenzgrenze, f¨
ur die mit der
Sprungimpedanz zufriedenstellende Resultate erzielt werden k¨
onnen, l¨
asst sich
dagegen nicht eindeutig definieren.
Die Sprungimpedanz von Karal erlaubt keine genaueren Ergebnisse, da
frequenzabh¨
angige Terme bei der Herleitung vernachl¨
assigt oder durch kon-
stante Ausdr¨
ucke approximiert worden sind [Peat88]. Das wird deutlich, wenn
man die Sprungimpedanz mit einer Impedanz vergleicht, die f¨
ur eine Schall-
abstrahlung eines kreisrunden Kolbens in eine kreisrunde R¨
ohre mit gr¨
oßerem
Durchmesser g¨
ultig ist [Ing˚a48]. Da beide identisch sind, beschreibt die Sprung-
impedanz von Karal eine ebene Schallabstrahlung in eine R¨
ohre mit einem
gr¨
oßeren Durchmesser, bei der nur auf einer Seite h¨
ohere Moden Ber¨
ucksich-
tigung finden. Bei einem Querschnittssprung werden jedoch auf beiden Seiten
h¨
ohere Moden evaneszent angeregt, die es in ihrer Gesamtheit zu ber¨
ucksich-
tigen gilt.
Sprungimpedanz von Peat
F¨
ur die Herleitung einer genaueren Sprungimpedanz, die einen Querschnitts-
sprung bis zur Grenzfrequenz des ersten Radialmodus modellieren soll, wird
das Schallfeld zun¨
achst mit analytischen [KG87] oder nummerischen Methoden
ermittelt [Peat88,SMR95]. Auf dieser Grundlage erfolgt dann die approxima-
tive Bestimmung einer ¨
aquivalenten Impedanz in analytischer Form. Mit der
Vorgehensweise lassen sich ebenfalls nicht-achsensymmetrische Querschnitts-
spr¨
unge modellieren [SMR95].
In dieser Arbeit kam die Sprungimpedanz von Peat zur Beschreibung von
achsensymmetrischen Querschnittsspr¨
ungen zum Einsatz [Peat88]. Sie basiert
auf der doppelten Tschebyscheff-Reihe
ZQ,n = jω8ρ0
3π2rn
5
X
i=0
5
X
j=0
Ai,j Ti2β0rn+1 −3,9
3,3Tj2α−1,1
0,9(2.21)
und approximiert die Referenzl¨
osung eines Finite-Elemente-Verfahrens. Die
Koeffizienten sind in Tabelle 2.2 zusammengefasst, w¨
ahrend es sich bei Tn(·)
um Tschebyscheff-Polynome erster Art mit der Ordnung nhandelt. Die
Approximation ist f¨
ur 0,1≤α≤1 und 0,3≤β0rn+1 ≤3,6 g¨
ultig.
50 Kapitel 2 Modellierung von R¨
ohrensystemen
HHH
H
i
j0 1 2 3 4 5
00,4316 −0,5031 0,0238 0.0558 −0.0084 0,0005
10,1275 −0,1287 −0,0419 0,0579 −0,0104 −0,0049
20,0649 −0,0659 −0,0215 0,0316 −0,0062 −0,0033
30,0301 −0,0311 −0,0097 0,0157 −0,0034 −0,0019
40,0155 −0,0162 −0,0046 0,0083 −0,0020 −0,0010
50,0078 −0,0082 −0,0022 0,0043 −0,0011 −0,0006
Tabelle 2.2: Koeffizienten Ai,j der doppelten Tschebyscheff-Reihe zur Approxima-
tion der Sprungimpedanz von Peat [Peat88]. Gegen¨
uber seiner Darstel-
lung sind die Koeffizienten A0,0,Ai,0und A0,j bereits skaliert [Basu73].
Verkettung der R¨
ohrenelemente
Zur Ber¨
ucksichtigung von Querschnittsspr¨
ungen sind zwischen benachbarten
R¨
ohrenelementen die dazugeh¨
origen Sprungimpedanzen ZQ,n gem¨
aß Abbil-
dung 2.2 b) anzuordnen. Die Verbindung von benachbarten R¨
ohrenelementen
erfolgt damit ¨
uber ein Zweitor mit der Kettenmatrix
KQ,n ="1ZQ,n
0 1 #.(2.22)
Vernachl¨
assigt man den Einfluss von evaneszenten Moden, gilt ZQ,n = 0
und KQ,n wird zur Einheitsmatrix. Das entspricht einer direkten Verkettung
der R¨
ohrenelemente, welche zu Beginn des Abschnitts vorgestellt worden ist.
2.3 Modellierung einer endlichen R¨
ohrenl¨
ange
Die Terminierung eines R¨
ohrensystems bei z=zTkann im Zweitormodell
durch die Abschlussimpedanz ZTber¨
ucksichtigt werden. Eine fortschreitende
Schallwelle wird am Ende des letzten R¨
ohrenelements Ngem¨
aß dem Reflexi-
onsfaktor
RT=ZT−ZL,N
ZT+ZL,N
=−|RT|e−j2β0LT(2.23)
reflektiert. F¨
ur die Querimpedanz ZTergibt sich die Kettenmatrix zu
KT="1 0
1/ZT1#.(2.24)
Bei einer verschlossenen R¨
ohre stellt ZTdie Wandimpedanz des Verschlus-
ses dar. Mit einer offenen Terminierung gestaltet sich dagegen die Bestimmung
2.3 Modellierung einer endlichen R¨
ohrenl¨
ange 51
z=zT
z=zT
a) b)
rN
rN
z
z
Abbildung 2.4: a) Kreisrunde R¨
ohre ohne Flansch (unflanged) und b) kreisrunde R¨
oh-
re mit unendlich ausgedehntem Flansch (flanged)
einer ¨
aquivalenten Impedanz ZTaufw¨
andiger, da die M¨
undungsform die An-
regung von h¨
oheren Moden beziehungsweise die Schallabstrahlung ins Freifeld
beeinflusst.
In dieser Arbeit sind nur solche M¨
undungen relevant, die keinen oder einen
unendlich ausgedehnten Flansch gem¨
aß Abbildung 2.4 aufweisen. N¨
aherungen
f¨
ur andere Flansche finden sich f¨
ur den Bereich deutlich unterhalb der Grenz-
frequenz des ersten Radialmodus beispielsweise in [DNJ01]. Die Berechnung
des Schallfelds außerhalb der R¨
ohre ist im Weiteren nicht erforderlich und kann
daher etwa [LS48,Pier81,Munj87] entnommen werden.
2.3.1 M¨
undung ohne Flansch
Erste Arbeiten zur Beschreibung der Reflexion und Schallabstrahlung an einer
M¨
undung ohne Flansch wurden von Levine et al. durchgef¨
uhrt [LS48]. Ihre
Betrachtungen beschr¨
ankten sich exemplarisch auf den Bereich bis zur Grenz-
frequenz des ersten Radialmodus. Der von Levine et al. hergeleitete Aus-
druck f¨
ur den Reflexionsfaktor ist nicht elementar integrierbar. Daher wurde
von Norris et al. zun¨
achst der Reflexionsfaktor nummerisch bestimmt und
schließlich diese nummerische L¨
osung analytisch approximiert [NS89]. Die Ap-
proximation von Norris et al. ergibt sich f¨
ur 0 < β0rN<3,8 zu
|RT,0|=1 + 0,2β0rN−0,084 [β0rN]2
1 + 0,2β0rN+ 0.416 [β0rN]2,(2.25a)
LT,0= 0,6133rN
1 + 0,044 [β0rN]2
1 + 0,19 [β0rN]2.(2.25b)
Um die Genauigkeit von LT,0bei tiefen Frequenzen zu erh¨
ohen, wurde
von Dalmont et al. ein Korrekturterm hinzugef¨
ugt [DNJ01]. Die modifi-
52 Kapitel 2 Modellierung von R¨
ohrensystemen
zierte N¨
aherung l¨
asst sich f¨
ur den Bereich 0 < β0rN<1,5 zu
LT,0= 0,6133rN1 + 0,044 [β0rN]2
1 + 0,19 [β0rN]2−0,02 sin2(2β0rN)(2.26)
angeben. Bei sehr niedrigen Frequenzen gilt |RT,0| ≈ 1 und die wirksame R¨
oh-
renl¨
ange vergr¨
oßert sich gegen¨
uber der geometrischen um LT,0≈0,6133 rN.
2.3.2 M¨
undung mit unendlich ausgedehntem Flansch
F¨
ur M¨
undungen mit einem unendlich ausgedehnten Flansch kann der von
Norris et al. erarbeitete Ausdruck f¨
ur den Reflexionsfaktor ebenfalls nur
nummerisch bestimmt werden [NS89]. Die nummerische L¨
osung ist daher wie-
der analytisch approximiert worden. Diesbez¨
uglich erscheint jedoch die von
Dalmont et al. zu
|RT,∞|=1 + 0,323β0rN−0,077 [β0rN]2
1 + 0,323β0rN+ 0,923 [β0rN]2,(2.27a)
LT,∞= 0,8216rN1 + 0,77β0rN
1 + 0,77β0rN+ [0,77β0rN]2(2.27b)
angegebene Approximation f¨
ur 0 < β0rN<3,5 nach eigenen Untersuchungen
praktikabler [DNJ01]. Im Gegensatz zur N¨
aherung von Norris et al. weist
diese im approximierten Frequenzbereich keine Polstelle auf. F¨
ur sehr niedrige
Frequenzen f¨
uhrt ein offenes Ende zu einer Vergr¨
oßerung der effektiv wirksa-
men R¨
ohrenl¨
ange um LT,∞≈0,8216 rN.
2.4 Modellierung von Abzweigungen
In den bisher publizierten Arbeiten zur akustischen Modellierung von R¨
oh-
rensystemen mit Abzweigungen standen rechteckige Querschnittsfl¨
achen im
Vordergrund. Weisen Hauptr¨
ohre und Abzweigung dieselbe r¨
aumliche Tiefe
auf, reduziert sich bei der Anregung mit einer eindimensionalen Schallwel-
le die Darstellung auf ein zweidimensionales Problem. Zur Untersuchung der
Schallausbreitung kamen sowohl analytische Herleitungen [Mile47] als auch
nummerische Verfahren zum Einsatz [Tang04].
An einer Abzweigung wird ein Teil der einfallenden Schallwelle reflek-
tiert [KFCS00]. ¨
Ahnlich wie bei einem Querschnittssprung l¨
asst sich die Re-
flexion durch eine Korrektur der wirksamen L¨
ange der Abzweigung sowie des
davor angeordneten R¨
ohrensystems ber¨
ucksichtigen. Die f¨
ur einen rechtecki-
gen Querschnitt erforderliche Korrektur der L¨
angen wurde in [Tang04] mit
einem nummerischen Verfahren f¨
ur unterschiedliche Terminierungen bis zur
Grenzfrequenz des ersten h¨
oheren Modus bestimmt.
2.4 Modellierung von Abzweigungen 53
F¨
ur R¨
ohren mit kreisrunder Querschnittsfl¨
ache gestaltet sich dagegen die
Modellierung von Abzweigungen wesentlich komplizierter. Anders als beim
rechteckigen Wellenleiter liegt dort ein dreidimensionales Problem zu Grunde.
Somit bieten sich einerseits zun¨
achst nur nummerische Verfahren an. Ande-
rerseits erscheint es m¨
oglich, auf der Grundlage von nummerischen Methoden
Zweitore zu bestimmen, die den Einfluss von h¨
oheren Moden im Bereich einer
Abzweigung f¨
ur eine Schallausbreitung im Grundmodus modellieren. In dieser
Arbeit wurde ein anderer Ansatz gew¨
ahlt, der im Folgenden pr¨
asentiert wird.
Zweitormodellierung einer Abzweigung
pn
qn
pB
qB
pn+1
qn+1
z=zB
rnrn+1
rB
z
a) b)
pn
qn
pn+1
qn+1
Z11,B
Abbildung 2.5: a) Kreisrunde R¨
ohre mit rechtwinkliger Abzweigung und b) Modellie-
rung durch die Impedanz Z11,B
Wie in Abbildung 2.5 a) dargestellt, weist die Abzweigung bei z=zBden
Radius rBauf, w¨
ahrend die Hauptr¨
ohre den Radius rn=rn+1 besitzt. Die
Betrachtungen setzen Wellenl¨
angen voraus, die im Vergleich zu rBgroß sind.
Damit werden Frequenzen betrachtet, die deutlich unterhalb der Grenzfre-
quenz des ersten Azimutalmodus liegen. Zus¨
atzlich wird rn> rBgefordert.
Durch diese Voraussetzungen soll sichergestellt werden, dass nur in einem klei-
nen Bereich um die Abzweigung die Anregung von evaneszenten Moden erfolgt.
Unter dieser Pr¨
amisse erscheint der Einfluss dieser h¨
oheren Moden gering und
es erlaubt, das Schallfeld auch im Bereich der Abzweigung als n¨
aherungsweise
eindimensional anzunehmen. Der Schalldruck ist dann bei z=zBmit
pnz=zB=pn+1z=zB=pB(2.28)
stetig, w¨
ahrend sich der Schallfluss gem¨
aß der Kontinuit¨
atsgleichung zu
qnz=zB=qn+1z=zB+qB(2.29)
ergibt. Durch Einf¨
uhrung der Eingangsimpedanz
Z11,B=pB
qB
=pn
qB
(2.30)
54 Kapitel 2 Modellierung von R¨
ohrensystemen
der Abzweigung, lassen sich schließlich die Kettenmatrix
KB="1 0
1/Z11,B1#(2.31)
und das Zweitor in Abbildung 2.5 b) zur Modellierung einer Abzweigung an-
geben [Reyn81]. F¨
ur die Ber¨
ucksichtigung der Abzweigung ist bei z=zB
die Querimpedanz Z11,Bim Zweitormodell anzuordnen. Das zur Abzweigung
geh¨
orende R¨
ohrensystem kann ebenfalls mit Hilfe der vorgestellten Modelle
beschrieben werden.
pn−1
qn−1
pn
pn+1
qnqn+1
pB
qB
qn+2
pn+2
ZT,B
ZnZn+1
ZB
Abbildung 2.6: Zweitormodellierung eines R¨
ohrensystems mit Abzweigung
Abschließend ist in Abbildung 2.6 das resultierende Zweitormodell nach
Einbettung einer Abzweigung dargestellt. Die Zweitore Znund Zn+1 erfas-
sen nur die Eigenschaften der Hauptr¨
ohre. Der Einfluss der Abzweigung wird
durch das mit ZT,Babgeschlossene Zweitor ZBmodelliert, dessen Eingangsim-
pedanz Z11,Bdurch Gleichung (2.30) definiert ist.
2.5 Modellierung von nicht-idealen Schallquellen
Nicht-ideale Schallquellen lassen sich f¨
ur eine Schallausbreitung im Grund-
modus durch die ¨
aquivalenten Netzwerke in Abbildung 2.7 modellieren. Die
Quellenparameter und Lastimpedanzen sind frequenzabh¨
angig, wobei auf die
Angabe des Arguments verzichtet wird. Die Lastimpedanz Znentspricht der
2.5 Modellierung von nicht-idealen Schallquellen 55
a) b)
q0
p0
qn
pnpn
qn
Y0
Z0
Zn
Zn
Abbildung 2.7: a) Norton-Quelle mit Urschallflussquelle q0und Innenadmittanz Y0
sowie b) Th´
evenin-Quelle mit Urschallquelle p0und Innenimpe-
danz Z0, beide jeweils mit der Lastimpedanz Znabgeschlossen
Eingangsimpedanz des von der Quelle angeregten R¨
ohrensystems. Beide Er-
satzschaltungen sind mathematisch eindeutig ineinander ¨
uberf¨
uhrbar. Die wei-
teren Betrachtungen erfolgen daher exemplarisch f¨
ur eine Th´
evenin-Quelle6.
Die Quellenparameter eines Lautsprechers werden im Folgenden f¨
ur die
Validierung eines mathematischen R¨
ohrenmodells ben¨
otigt. Zus¨
atzlich soll im
zweiten Teil der Arbeit der Lautsprecher zur Erzeugung des Gegenschallsignals
auf der Grundlage dieser Parameter modelliert werden, um realit¨
atsnahe simu-
lationstechnische Untersuchungen durchf¨
uhren zu k¨
onnen. Der Lautsprecher
kann dazu als lineares und zeitinvariantes System angesehen werden. Die Quel-
lenparameter von Verbrennungsmotoren zeigen dagegen h¨
aufig nicht-lineares
und zeitvariantes Verhalten [Bod´e91,PI01,Peat02,JI03,RB07].
Bestimmung der Quellenparameter
Die Bestimmung der Quellenparameter kann mit direkten oder indirekten Ver-
fahren erfolgen. Die direkten Verfahren verwenden eine zus¨
atzliche Hilfsschall-
quelle zur Parameterbestimmung [RC83,Munj87,Bod´e95]. Diese Methoden
sind daher in der Praxis aufw¨
andig und fehleranf¨
allig und kommen deshalb
in dieser Arbeit nicht zum Einsatz. Die indirekten Verfahren ben¨
otigen dage-
gen keine zus¨
atzliche Hilfsquelle. Sie basieren auf Schalldruckmessungen bei
sukzessiver Belastung der Schallquelle mit unterschiedlichen Lastelementen.
Dazu m¨
ussen die Impedanzen der Lastelemente bekannt sein und sich diese
zus¨
atzlich im relevanten Frequenzbereich hinreichend voneinander unterschei-
den [Bod´e95,Lodw97].
Offene Lastelemente
F¨
ur die Bestimmung der Quellenparameter von L¨
uftern oder Verbrennungs-
motoren kommen h¨
aufig R¨
ohren mit einem offenen Abschluss zum Einsatz,
die auch durch zus¨
atzliche geschlossene Abzweigresonatoren erg¨
anzt werden
k¨
onnen [Bod´e95]. Die Kenntnis der Parameter von solchen Schallquellen ist
f¨
ur die Auslegung von passiven Schalld¨
ampfern erforderlich [Pras87,RB07].
6Die Th´
evenin-Quelle wird auch als Helmholtz-Quelle bezeichnet.
56 Kapitel 2 Modellierung von R¨
ohrensystemen
Bei offenen Lastelementen unterscheiden sich die Realteile der Eingangsim-
pedanzen auch f¨
ur unterschiedliche R¨
ohrenl¨
angen nur gering voneinander. Das
kann zu nummerischen Problemen bei der Parameterbestimmung f¨
uhren. Dies-
bez¨
uglich verbesserte Methoden finden sich daher etwa in [Bod´e95,JI00]. F¨
ur
die Methode aus [JI00] wurden dar¨
uber hinaus in [JI02] Ans¨
atze zur Reduzie-
rung des Einflusses von Messfehlern untersucht.
Schallhart abgeschlossene Lastelemente
Handelt es sich bei der Schallquelle um einen Lautsprecher, finden bevorzugt
R¨
ohren mit schallhartem Abschluss Verwendung. Die Eingangsimpedanzen
dieser Lastelemente unterscheiden sich, im Gegensatz zu R¨
ohren mit offenem
Ende, bei entsprechend gew¨
ahlten L¨
angen hinreichend voneinander [Lodw97].
Theoretisch sind zwei Schalldruckmessungen zur Parameterbestimmung aus-
reichend. Praktisch werden jedoch h¨
aufig mehr als zwei Lastelemente verwen-
det, so dass ein ¨
uberbestimmtes Gleichungssystem zu l¨
osen ist. Die Parameter-
bestimmung mit Hilfe eines ¨
uberbestimmten Gleichungssystems, beispielsweise
durch Minimierung des mittleren quadratischen Fehlers, erlaubt die Kompen-
sation von Temperaturabweichungen zwischen dem realen Aufbau und den bei
der Berechnung der Lastimpedanzen zu Grunde gelegten Gaseigenschaften.
Das f¨
uhrt zu genaueren Resultaten [KLB92,Lodw97,Sanb98].
Die praktische Parameterbestimmung f¨
ur einen Lautsprecher mit Trich-
tervorbau, der mit Hilfe einer Th´
evenin-Quelle modelliert werden soll, wird
basierend auf [KLB92] im Anhang Bvorgestellt.
2.6 Untersuchungen zur Modellierung eines R¨
ohrensystems
PC mit
Soundkarte
Verst¨
arker
uM,B
uV
rA
lB
lE
Mikrofon
Earthworks OM1
Lautsprecher
p0
pB
Abbildung 2.8: Schematischer Messaufbau zur Untersuchung eines R¨
ohrenmodells
Den Untersuchungen lag ein R¨
ohrensystem aus PVC mit kontinuierlichen
und sprunghaften Querschnitts¨
anderungen sowie einer Abzweigung physika-
lisch zu Grunde. Von Interesse ist, wie genau das ¨
Ubertragungsverhalten dieses
2.6 Untersuchungen zur Modellierung eines R¨
ohrensystems 57
R¨
ohrensystems mit Hilfe des dazugeh¨
origen mathematischen Zweitormodells
abgesch¨
atzt werden kann. Mit der schematischen Darstellung in Abbildung 2.8
und den Beziehungen p0=k0uV=K0uV/k und uM,B=kpBl¨
asst sich die f¨
ur
Frequenzen f1≤fk≤fLgemessene ¨
Ubertragungsfunktion zu
Hm=uM,B
uV
(2.32)
angeben. Die ¨
Ubertragungsfunktion beziehungsweise die Empfindlichkeit des
Mikrofons kennzeichnet k, w¨
ahrend k0das ¨
Ubertragungsverhalten des Laut-
sprechers erfasst. Mit dem Zweitormodell sollte die ¨
Ubertragungsfunktion
Hs=uM,B
uV
=K0
pB
p0
(2.33)
abgesch¨
atzt werden. Alle beteiligten Gr¨
oßen sind frequenzabh¨
angig, wobei auf
die Angabe des Arguments verzichtet wird. Gem¨
aß Abbildung 2.9 ergeben sich
die f¨
ur die Berechnung von
Hs=K0H0H1HB(2.34)
ben¨
otigten Teil¨
ubertragungsfunktionen mit
Z2,B1 =ZE,2ZE,B1
ZE,2+ZE,B1
,(2.35a)
ZE,1=p1
q1
=K11,1+K12,1/Z2,B1
K21,1+K22,1/Z2,B1
,(2.35b)
ZE,2=p2
q3
=K11,2+K12,2/ZT
K21,2+K22,2/ZT
,(2.35c)
ZE,B2 =pB
qB
=K11,B2 +K12,B2/ZT,B
K21,B2 +K22,B2/ZT,B
,(2.35d)
ZE,B1 =p2
q4
=K11,B1 +K12,B1/ZE,B2
K21,B1 +K22,B1/ZE,B2
(2.35e)
zu
H0=p1
p0
=ZE,1
ZE,1+Z0
,(2.36a)
H1=p2
p1
=1
K11,1+K12,1/Z2,B1
,(2.36b)
HB=pB
p2
=1
K11,B1 +K12,B1/ZE,B2
.(2.36c)
Die messtechnische Bestimmung der f¨
ur die Simulation ben¨
otigten Quel-
lenparameter K0und Z0kann dem Anhang Bentnommen werden. Die for-
male ¨
Aquivalenz der Gleichung (2.32) und (2.33) erlaubt den direkten Ver-
gleich zwischen dem gemessenen und dem simulierten ¨
Ubertragungsverhalten.
58 Kapitel 2 Modellierung von R¨
ohrensystemen
K0
uV
kp1p2
pB
q1
q4
qB
q2q3
ZT,B
ZT
Z0
Z1Z2
ZB1
ZB2
Abbildung 2.9: Zweitormodell des untersuchten R¨
ohrensystems mit Abzweigung
Die Messung erfolgte bei Raumtemperatur bis zur Grenzfrequenz des ersten
Azimutalmodus. Da die Aufweitung des R¨
ohrensystems mit rA= 100 mm den
gr¨
oßten Radius aufwies, ergibt sich die obere Frequenzgrenze zu fL= 1 kHz.
Die in der Simulation verwendeten mathematischen Modelle sind in Tabelle 2.3
zusammengefasst, w¨
ahrend der schallharte Abschluss mit ZT→ ∞ modelliert
worden ist.
Modell Gleichung
Ausbreitungsmaß γwvorgestelltes mit Zw= 2,4·106Ns/m3(1.70)
Ausbreitungsmaß γSt Stinson (1.60)
Sprungimpedanz ZQ,n Peat (2.21)
M¨
undung ZT,Bohne Flansch Norris et al. (2.25)
Tabelle 2.3: Mathematische Modelle
2.6 Untersuchungen zur Modellierung eines R¨
ohrensystems 59
2.6.1 Validierung
Zwischen dem gemessenen und berechneten ¨
Ubertragungsverhalten sind gem¨
aß
Abbildung 2.10 in einigen Frequenzbereichen gr¨
oßere Abweichungen zu ver-
zeichnen. Die Ursache daf¨
ur scheint in dem Zweitormodell der Abzweigung
und der Vernachl¨
assigung von evaneszenten Moden begr¨
undet. ¨
Ahnlich wie
bei einem rechteckigen Querschnitt in [Tang04] wurden daher mit einer Kor-
rektur der L¨
angen lBund lEim simulierten Geometriemodell die Abweichungen
reduziert. Eine Optimierung f¨
uhrt f¨
ur das untersuchte R¨
ohrensystem auf
lB,opt ≈1,08 lBund lE,opt ≈0,98 lE.(2.37)
Mit den optimierten L¨
angen lassen sich die ¨
Ubertragungsfunktionen in Ab-
bildung 2.11 pr¨
asentieren. F¨
ur f < 0,7 kHz kann eine bessere ¨
Ubereinstimmung
zwischen den gemessenen und berechneten Verl¨
aufen festgestellt werden. Da-
gegen ist im oberen Frequenzbereich keine Verbesserung zu verzeichnen. Die
Untersuchung bez¨
uglich der verwendeten Geometriedaten zeigte, dass sich die
Abweichungen dort durch gezielte Modifikation weiterer L¨
angen reduzieren las-
sen. Jedoch kann dies mit einer Verschlechterung im restlichen Frequenzbereich
verbunden sein. Um die Korrektur auf lBund lEzu beschr¨
anken, wurde daher
auf eine nummerische Optimierung zus¨
atzlicher L¨
angen im Geometriemodell
verzichtet.
Der Einfluss der in der Simulation zu Grunde gelegten Wandeigenschaften
ist bez¨
uglich der Ausbreitungsmaße γwund γSt mit Hilfe des relativen Fehlers
eH=
Hm−Hs(γ, lB, lE)
Hm
(2.38)
untersucht worden. Wie Abbildung 2.12 zu entnehmen, f¨
uhrt die Ber¨
ucksich-
tigung von nicht-ideal schallharten W¨
anden aus PVC mit Hilfe des Ausbrei-
tungsmaßes γwzu einer Reduzierung des relativen Fehlers.
2.6.2 Bewertung
Obwohl die relativen Abweichungen zwischen den gemessenen und simulierten
¨
Ubertragungsfunktionen zun¨
achst groß erscheinen, sind diese deutlich geringer
einzustufen, als die in [KT93] bez¨
uglich eines geometrisch einfacher aufgebau-
ten R¨
ohrensystems pr¨
asentierten Resultate. Daher ist bereits ohne L¨
angen-
korrektur die Genauigkeit zur Absch¨
atzung des charakteristischen ¨
Ubertra-
gungsverhaltens durch die Zweitormodelle als akzeptabel zu bewerten. Nach
einer Korrektur von lBund lEist die Absch¨
atzung aller Resonanzen im Be-
reich f < 0,7 kHz mit einer verbesserten Genauigkeit m¨
oglich. Die allgemeine
Bestimmung von korrigierenden L¨
angen oder von einzubettenden Zweitoren
zur Erfassung des Einflusses von evaneszenten Moden im Bereich von Ab-
zweigungen bleibt in Analogie zum Konzept einer Sprungimpedanz weiteren
Untersuchungen vorbehalten.
60 Kapitel 2 Modellierung von R¨
ohrensystemen
0,2
0,2
0,3
0,3
0,4
0,4
0,5
0,5
0,6
0,6
0,7
0,7
0,8
0,8
0,9
0,9
1
1
0
0
−20
−20
−40
−40
−60
−60
−80
−80
−100
ohne L¨
angenkorrektur
ohne L¨
angenkorrektur
f/kHz
|H|in dB
f/kHz
arg{H}in rad
Messung Berechnung mit γw
Abbildung 2.10: Betrag und Phase der gemessenen und ohne L¨
angenkorrektur berech-
neten ¨
Ubertragungsfunktion
0,2
0,2
0,3
0,3
0,4
0,4
0,5
0,5
0,6
0,6
0,7
0,7
0,8
0,8
0,9
0,9
1
1
0
0
−20
−20
−40
−40
−60
−60
−80
−80
−100
mit L¨
angenkorrektur lB,opt und lE,opt
mit L¨
angenkorrektur lB,opt und lE,opt
f/kHz
|H|in dB
f/kHz
arg{H}in rad
Messung Berechnung mit γw
Abbildung 2.11: Betrag und Phase der gemessenen und mit L¨
angenkorrektur berech-
neten ¨
Ubertragungsfunktion
2.6 Untersuchungen zur Modellierung eines R¨
ohrensystems 61
0,2
0,2
0,3
0,3
0,4
0,4
0,5
0,5
0,6
0,6
0,7
0,7
0,8
0,8
0,9
0,9
1
1
10
10
8
8
6
6
4
4
2
2
0
0
ohne L¨
angenkorrektur
mit L¨
angenkorrektur lB,opt und lE,opt
f/kHz
eH
f/kHz
eH
Berechnung mit γwBerechnung mit γSt
Abbildung 2.12: Vergleich der relativen Fehler bei Berechnung mit den Ausbreitungs-
maßen γwund γSt
Die Annahme von ideal schallharten W¨
anden erscheint f¨
ur W¨
ande aus PVC
nicht gerechtfertigt. Mit dem im Abschnitt 1.3 vorgestellten Ausbreitungsmaß
zur Ber¨
ucksichtigung von nicht-ideal schallharten W¨
anden konnte daher ge-
gen¨
uber dem Modell von Stinson f¨
ur ideal-schallharte W¨
ande eine h¨
ohere
Genauigkeit erzielt werden. Es sind jedoch unter dem quantitativen Aspekt
weitere validierende Untersuchungen zu empfehlen.
Im zweiten Teil der Arbeit liegt zur Modellierung eines aktiven Schalld¨
amp-
fers ein anderes Geometriemodell zu Grunde. Auch wenn f¨
ur dieses keine Va-
lidierung erfolgte, ist zu erwartet, dass mit den vorgestellten Zweitormodellen
auch ohne Korrektur einzelner L¨
angen das qualitative ¨
Ubertragungsverhalten
mit ausreichender Genauigkeit abgesch¨
atzt werden kann. Daf¨
ur ist allerdings
noch der Einfluss eines str¨
omenden Mediums in die bisherigen Zweitormodelle
einzubetten.
KAPITEL 3
Str¨
omung im R¨
ohrensystem
Bei der Schallausbreitung in einem R¨
ohrensystem sind unter dem Einfluss
eines str¨
omenden Mediums neben der durch Viskosit¨
at und W¨
armeleitung des
Mediums bedingten D¨
ampfung weitere D¨
ampfungsmechanismen wirksam. So
sind beispielsweise im Bereich der W¨
ande beziehungsweise in der sich dort
ausbildenden Grenzschicht turbulente Reibungsverluste zu verzeichnen. Zur
akustischen Modellierung eines aktiven Schalld¨
ampfers ist zus¨
atzlich zu diesen
D¨
ampfungsmechanismen auch der konvektive Einfluss einer Str¨
omung in die
bisherigen Zweitormodelle einzubetten.
Ein str¨
omendes Medium bewirkt ebenfalls eine Verringerung der Grenzfre-
quenzen, ab denen h¨
ohere Moden ausbreitungsf¨
ahig werden. F¨
ur die zu unter-
suchende Geometrie des Schalld¨
ampfers liegt, mit Ausnahme der Abzweigung
zur Ankopplung des Lautsprechers zur Erzeugung des Gegenschallsignals, Ro-
tationssymmetrie vor. Damit werden keine Abzweigungen durchstr¨
omt und es
erscheint erlaubt, die Anregung von Azimutalmoden zu vernachl¨
assigen. Be-
trachtet man ein Medium, das mit der Geschwindigkeit Vndurch eine R¨
ohre
mit dem Radius rnstr¨
omt, sind f¨
ur Mach-Zahlen Mn=Vn/c Radialmoden
f¨
ur
β0rn=t0,mp1−M2
n⇔f0,m ≥c
2πrn
t0,mp1−M2
n(3.1)
ausbreitungsf¨
ahig [Morf71,Peat88]. Dabei bezeichnet t0,m die Nullstelle m+1
der Ableitung dJ0(t0,m)/dt0,m. F¨
ur den ersten Radialmodus ergibt sich die
Grenzfrequenz zu
β0rn= 3,832p1−M2
n⇔f0,1= 0,61 c
rnp1−M2
n.(3.2)
Dem aktiven Schalld¨
ampfer liegt ein R¨
ohrensystem zu Grunde, das Ab-
messungen von rn≤100 mm aufweist und f¨
ur Frequenzen f≤1 kHz sowie
f¨
ur Str¨
omungen mit Mach-Zahlen Mn<0,2 modelliert werden soll. F¨
ur die
Grenzfrequenz des ersten h¨
oheren Modus gilt damit f0,1>1 kHz und die Be-
trachtung einer Schallausbreitung im Grundmodus ist weiterhin gerechtfertigt.
F¨
ur Mn<0,2 ist zus¨
atzlich die Annahme einer inkompressiblen Str¨
omung er-
laubt [Munj87,GEM95].
62
3.1 D¨
ampfungsmaß 63
3.1 D¨
ampfungsmaß
In einem str¨
omenden Medium oder bei großen Amplituden der Schallfeldgr¨
o-
ßen entstehen durch die Anregung von Turbulenzen zus¨
atzliche Verluste. Sie
k¨
onnen einerseits durch hohe Amplituden der Schallfeldgr¨
oßen oder anderer-
seits, unabh¨
angig von der Gr¨
oße der Amplituden, durch die Wechselwirkung
des Schalls mit den Wirbeln der Str¨
omung hervorgerufen werden [IS74]. Das
Ausbreitungsmaß in einem Leitungselement nkann zun¨
achst allgemein durch
γn=αges,n + jβn(3.3)
dargestellt werden [Munj87]. In einem durchstr¨
omten Wellenleiter setzt sich
das D¨
ampfungsmaß
αges,n =αn+αt,n (3.4)
zum einen aus der durch Viskosit¨
at und W¨
armeleitung verursachten D¨
amp-
fung αnsowie zum anderen aus dem durch Turbulenzen bedingten Anteil αt,n
zusammen [Munj87,JI98]. Setzt man ideal schallharte W¨
ande voraus, kann das
D¨
ampfungsmaß αn=αMu und das Phasenmaß βn=β0+αMu mit rw=rn
aus Abschnitt 1.2.2 zum Einsatz kommen.1F¨
ur das turbulente D¨
ampfungsmaß
kann f¨
ur eine kreisrunde R¨
ohre die Absch¨
atzung
αt,n ≈MnFn
rn
(3.5)
angeben werden [IS74,JI98]. F¨
ur Reynolds-Zahlen Rn<4·105l¨
asst sich der
Reibungsfaktor durch
Fn= 0,0072 + 0,612
R0,35
n
(3.6)
approximieren, w¨
ahrend sich die Reynolds-Zahl2aus
Rn=2rnVnρ0
η(3.7)
errechnet [Munj87]. Die durch Turbulenzen hervorgerufene D¨
ampfung ist in
dieser Formulierung, im Gegensatz zu der durch Viskosit¨
at und W¨
armeleitung
bedingten D¨
ampfung, nicht frequenzabh¨
angig.
1F¨
ur die Ber¨
ucksichtigung von W¨
anden, die mit absorbierendem Wandmaterial zur pas-
siven Schalld¨
ampfung ausgekleidet sind und im Bereich der Klima- und Abgastechnik Ver-
wendung finden, sei auf [Munj87,Mech04,PM05] verwiesen.
2Bei großen Reynolds-Zahlen Rn>2000 ist die Str¨
omung in einer R¨
ohre turbulent.
In der Grenzschicht liegt eine ungeordnete Bewegung der Teilchen vor, w¨
ahrend in der
Hauptstr¨
omung die Teilchen die gleiche Bewegungsrichtung aufweisen. Der ¨
Ubergang von
der laminaren zur turbulenten Str¨
omung erfolgt nicht sprunghaft und h¨
angt von vielen Fak-
toren ab, so dass der zuvor angegebene Werte eher als Anhaltspunkt zu sehen ist [St¨
oc98].
64 Kapitel 3 Str¨
omung im R¨
ohrensystem
Die Herleitung von αt,n basiert auf quasi-statischen Annahmen und ist des-
halb streng genommen nur f¨
ur sehr niedrige Frequenzen g¨
ultig [IS74,Croc98].
Mit Hilfe von αt,n kann keine exakte Analyse der Wechselwirkung zwischen
den Schallfeldgr¨
oßen und der turbulenten Str¨
omung erfolgen. Daf¨
ur w¨
are ne-
ben den Turbulenzen ebenfalls die Str¨
omungsverteilung im Querschnitt zu be-
trachten. Daher ist αt,n gem¨
aß Gleichung (3.5) als N¨
aherung anzusehen, die
nichtsdestotrotz im Weiteren zur Absch¨
atzung der durch Turbulenzen beding-
ten D¨
ampfung Verwendung finden soll.
3.2 Zweitormodellierung eines durchstr¨
omten Wellenleiters
p+
nq+
n
p−
nq−
n
z
z= 0 z=ln
ZL,n
γ+
nγ−
n
Mn
rn
Abbildung 3.1: Akustischer Wellenleiter, der von einem Medium mit der Mach-
Zahl Mndurchstr¨
omt wird.
Betrachtet man den in Abbildung 3.1 dargestellten akustischen Wellenlei-
ter, ergeben sich mit dem Vektorpotenzial (2.6) die komplexen Amplituden
der Schallfeldgr¨
oßen zu
pn(z) = p+
n+p−
n=C+e−γ+
nz+C−eγ−
nz,(3.8a)
qn(z) = q+
n−q−
n=1
ZL,n C+e−γ+
nz−C−eγ−
nz,(3.8b)
wobei die Konstanten C+und C−nicht n¨
aher spezifiziert seien. In einem mit
der Geschwindigkeit Vnstr¨
omenden Medium ver¨
andert sich die Geschwindig-
keit cder Schallausbreitung nicht, da diese relativ zu den Teilchen im Medi-
um stattfindet. Betrachtet man ein mit Vnin positive z-Richtung str¨
omendes
Medium, bewegt sich eine in dieselbe Richtung fortschreitende Welle mit der
Geschwindigkeit c+Vnauf einen ruhenden Betrachter zu, w¨
ahrend sich eine
in negative z-Richtung ausbreitende Welle mit c−Vnfortpflanzt.3Die hin-
und r¨
ucklaufenden Wellen besitzen damit f¨
ur einen ruhenden Betrachter un-
terschiedliche Geschwindigkeiten. Mit diesem Sachverhalt kann das Ausbrei-
tungsmaß der hin- und r¨
ucklaufenden Wellen zu
γ+
n=γn
1 + Mn
=γc
n[1 −Mn] und γ−
n=γn
1−Mn
=γc
n[1 + Mn](3.9)
3Die komplexen Amplituden pn,ρnund vnsind unabh¨
angig vom gew¨
ahlten Bezugs-
system. Das gilt auch f¨
ur die Schallschnelle vn, da sie eine Geschwindigkeitsdifferenz be-
schreibt. Die absolute Geschwindigkeit h¨
angt dagegen vom Bezugssystem ab.
3.3 Konvektive Schallfeldgr¨
oßen 65
formuliert werden. Mit dem konvektiven Ausbreitungsmaß
γc
n=γn
1−M2
n
(3.10)
folgt aus den Gleichungen (3.8)
pn(z) = eMnγc
nzC+e−γc
nz+C−eγc
nz,(3.11a)
qn(z) = eMnγc
nz
ZL,n C+e−γc
nz−C−eγc
nz.(3.11b)
Damit l¨
asst sich die Kettenmatrix des durchstr¨
omten akustischen Leitungs-
elements nder L¨
ange lnmit den Eingangsgr¨
oßen pnund qnsowie den Aus-
gangsgr¨
oßen pn+1 und qn+1 gem¨
aß
"pn
qn#=Kc
n"pn+1
qn+1#(3.12)
schließlich zu
Kc
n= e−Mnγc
nln
cosh (γc
nln)ZL,n sinh (γc
nln)
1
ZL,n
sinh (γc
nln) cosh (γc
nln)
(3.13)
angeben [Munj87]. Den Ausf¨
uhrungen in [Munj87] folgend, wird ZL,n von
den turbulenten Reibungsverlusten, jedoch nicht von der Konvektion beein-
flusst. Deshalb erscheint es erlaubt, den im Abschnitt 2.1.1 eingef¨
uhrten Aus-
druck ZL,n =ZL0,njβ0/γnmit γn=αges,n + jβnf¨
ur die charakteristische
Impedanz zu verwenden.
3.3 Konvektive Schallfeldgr¨
oßen
Eine Str¨
omung beeinflusst den akustischen beziehungsweise str¨
omungsakusti-
schen Leistungsfluss im Wellenleiter [MD88]. Dieser Einfluss kann ber¨
ucksich-
tigt werden, indem die konventionellen Schallfeldgr¨
oßen pnund qn, die eine
¨
Anderung um den statischen Luftdruck bei einem ruhenden Medium beschrei-
ben, durch die konvektiven Gr¨
oßen pc
nund qc
n, welche ¨
Anderungen gegen¨
uber
dem Gesamtdruck und dem Gesamtschallfluss erfassen, ersetzt werden [SM00].
Die komplexe Amplitude des konvektiven Schalldrucks setzt sich aus
pc
n= [P0+pn] + ρ0
2[Vn+vn]2−hP0+ρ0
2V2
ni(3.14)
zusammen [Munj75]. Die Terme ρ0[Vn+vn]2/2 und ρ0V2
n/2 kennzeichnen die
durch die Str¨
omung bedingten Druckanteile. Eine Approximation erster Ord-
nung f¨
uhrt schließlich auf die Vereinfachung
pc
n=pn+ρ0Vnvn=pn+MnZL0,nqn.(3.15)
66 Kapitel 3 Str¨
omung im R¨
ohrensystem
F¨
ur die Herleitung der komplexen Amplitude des konvektiven Schallflusses
wird zun¨
achst der konvektive Massenfluss
mc
n=An[[ρ0+ρn] [Vn+vn]−ρ0Vn](3.16)
durch eine R¨
ohre mit der Querschnittsfl¨
ache Anbetrachtet [Munj75,Munj87].
Dieser l¨
asst sich durch eine Approximation erster Ordnung zu
mc
n=An[ρnVn+ρ0vn] (3.17)
vereinfachen. Der ¨
Ubergang zum konvektiven Schallfluss qc
n=mc
n/ρ0f¨
uhrt
mit ρn=pn/c2auf den gesuchten Zusammenhang
qc
n=Mn
ZL0,n
pn+qn.(3.18)
Eine Umrechnung ist schließlich durch die Transformation
"pc
n
qc
n#="1MnZL0,n
Mn/ZL0,n 1#"pn
qn#(3.19)
m¨
oglich. Zwischen den konventionellen und den str¨
omungsakustischen Schall-
feldgr¨
oßen besteht also ein linearer Zusammenhang, der ¨
uber die Mach-Zahl
hergestellt wird [SM00].4
Wie zu Beginn des Abschnitts erw¨
ahnt, ver¨
andert sich mit einem str¨
omen-
den Medium die ¨
ubertragene akustische Wirkleistung. Diese ergibt sich mit
einem str¨
omenden Medium zu
Pc=1
2Repc
n{qc
n}∗,(3.20)
w¨
ahrend in einem ruhendem Medium weiterhin
P=1
2Repn{qn}∗(3.21)
gilt [Munj75].
Umrechnung der Abschlussimpedanzen
Bei einem durchstr¨
omten R¨
ohrensystem sind die im Abschnitt 2.3 vorgestellten
Abschlussimpedanzen an den konvektiven Einfluss einer Str¨
omung anzupassen.
Die konvektive Abschlussimpedanz eines aus NElementen bestehenden R¨
oh-
rensystems ist allgemein durch
Zc
T=pc
N
qc
N
(3.22)
4Durch den ¨
Ubergang von den konventionellen Schallfeldgr¨
oßen zu den konvektiven
Gr¨
oßen bleibt die Kettenmatrix in Gleichung (3.13) unbeeinflusst.
3.4 Modellierung einer ver¨
anderlichen Querschnittsfl¨
ache 67
definiert. Durch Einsetzen der konvektiven Gr¨
oßen (3.19) erh¨
alt man schließ-
lich mit ZT=pN/qNdie gesuchte Umrechnung [Munj75,Munj87]
Zc
T=pN+MNZL,N qN
MN
ZL,N
pN+qN
=ZT+MNZL,N
MNZT
ZL,N
+ 1
(3.23)
mit der dazugeh¨
origen Kettenmatrix
Kc
T="1 0
1/Zc
T1#.(3.24)
3.4 Modellierung einer ver¨
anderlichen Querschnittsfl¨
ache
Die Analyse der Schallausbreitung in einer R¨
ohre mit ver¨
anderlicher Quer-
schnittsfl¨
ache gestaltet sich mit einem str¨
omenden Medium aufw¨
andiger als oh-
ne Str¨
omung. Ein Grund daf¨
ur ist unter anderem die sich in Abh¨
angigkeit von
der Querschnittsfl¨
ache entlang der R¨
ohre ¨
andernde Mach-Zahl. Analytische
L¨
osungen f¨
ur inkompressible Str¨
omungen existieren nur f¨
ur einige rechteckige
Querschnittsfl¨
achen. Neben einer Segmentierung einzelner R¨
ohrenabschnitte,
f¨
ur die analytische L¨
osungen angegeben werden k¨
onnen, kommen daher h¨
aufig
nummerische L¨
osungsverfahren zum Einsatz [GEM95].
3.4.1 Stufenweise Approximation nach Gupta et al.
F¨
ur die Einbettung in das Konzept einer stufenweisen Approximation bietet
sich der von Gupta et al. erarbeitete Ansatz an [GEM95]. Dieser ber¨
ucksich-
tigt eine isentrope5und kompressible Str¨
omung, so dass ihre Methode auch f¨
ur
Mach-Zahlen Mn>0,2 geeignet ist. Dagegen lassen sich Effekte, die durch
evaneszente Anregung von h¨
oheren Moden entstehen, nicht ber¨
ucksichtigen.
Die Bestimmung der sich entlang der R¨
ohrenelemente ¨
andernden Mach-Zahl
erfolgt beim Ansatz von Gupta et al. nummerisch. An der Verbindung zweier
benachbarter R¨
ohrenelemente stellt ein Zweitor die Einhaltung der Zustands-
gleichungen f¨
ur eine isentrope und kompressible Str¨
omung sicher.
Bei der Herleitung setzten Gupta et al. geringe Ver¨
anderungen der Quer-
schnittsfl¨
ache voraus. Damit k¨
onnen Verluste an den fiktiven Querschnitts-
spr¨
ungen vernachl¨
assigt werden und die Annahme einer isentropen Str¨
omung
ist gerechtfertigt. Das Verfahren eignet sich aufgrund dieser Voraussetzungen
jedoch nicht zur Modellierung von gr¨
oßeren Querschnittsspr¨
ungen in Form von
5¨
Andert sich die Entropie eines Teilchens in reibungs- und w¨
armeleitungsfreier Str¨
o-
mung nicht, liegt eine isentrope Str¨
omung vor. Ist die Entropie zus¨
atzliche homogen ver-
teilt, spricht man von einer homentropen Str¨
omung [Spur96].
68 Kapitel 3 Str¨
omung im R¨
ohrensystem
Aufweitungen oder Verengungen. Diese gilt es jedoch im zweiten Teil der Ar-
beit bez¨
uglich des aktiven Schalld¨
ampfers zu modellieren. Daf¨
ur bietet sich der
von Munjal erarbeitete Ansatz an [Munj87].
3.4.2 Modellierung von Querschnittsspr¨
ungen nach Munjal
Aufweitung rn≤rn+1 K=1−r2
n/r2
n+12
Verengung rn≥rn+1 K=1−r2
n+1/r2
n
2
Tabelle 3.1: Verlustkoeffizient zur Modellierung von Querschnittsspr¨
ungen
Die an einem Querschnittssprung auftretenden str¨
omungsakustischen Ver-
luste wurden von Munjal ebenfalls mit Hilfe eines Zweitors ber¨
ucksichtigt,
das zwischen zwei benachbarten R¨
ohrenelementen einzubetten ist. Die dazu-
geh¨
orige Kettenmatrix l¨
asst sich mit
Mn+1 =Mn
r2
n
r2
n+1
(3.25)
zu
Kc
Q,n =
1−KM2
n+1
1−M2
n+1
KMn+1ZL,n+1
1−M2
n+1
[Cpv −1] KM3
n+1
1−M2
n+1ZL,n+1
1−[Cpv −1] KM2
n+1
1−M2
n+1
(3.26)
angeben [Munj87]. Der Verlustkoeffizient Kist der Tabelle 3.1 zu entnehmen.6
Dieser stellt ein Maß f¨
ur die str¨
omungsakustischen Verluste dar, die an einem
Querschnittssprung in W¨
arme umgewandelt werden. Eine N¨
aherung f¨
ur die
obige Kettenmatrix l¨
asst sich f¨
ur M2
n+1 ≪1 zu
Kc
Q,n ≈"1KMn+1ZL,n+1
0 1 #(3.27)
angeben. Die Kettenmatrix des gesamten R¨
ohrensystems ergibt sich aus dem
Produkt der Teilmatrizen
Kc="N−1
Y
n=1
Kc
nKc
Q,n#Kc
N.(3.28)
6F¨
ur die Verengung stellt der Verlustkoeffizient eine Approximation etwa der in [VS75]
angegebenen Messwerte dar. Dagegen wurde der von Munjal angegebene Verlustkoeffizient
f¨
ur die Aufweitung gem¨
aß [SWB98] korrigiert.
3.4 Modellierung einer ver¨
anderlichen Querschnittsfl¨
ache 69
Die Unstetigkeit des Schalldrucks an dem Querschnittssprung wird bei die-
sem Ansatz durch eine entsprechende Ver¨
anderung der Entropie ausgeglichen
und durch den str¨
omungsakustischen Widerstand KMn+1ZL,n+1 in der Ket-
tenmatrix ber¨
ucksichtigt. Die evaneszente Anregung von h¨
oheren Moden an
der Sprungstelle findet damit ebenfalls keine Beachtung. Dazu bietet sich das
bereits erl¨
auterte Konzept einer Sprungimpedanz an.
Sprungimpedanz von Peat
Von Peat wurde die Sprungimpedanz ebenfalls f¨
ur ein inkompressibel str¨
o-
mendes Medium angegeben [Peat88]. Nach seinen Ergebnissen beeinflusst eine
Str¨
omung unwesentlich den reaktiven Anteil der Sprungimpedanz, der den
Einfluss von evaneszenten Moden ber¨
ucksichtigt. Damit bietet sich f¨
ur den re-
aktiven Anteil auch die f¨
ur Mn= 0 approximierte Sprungimpedanz ZQ,n aus
Abschnitt 2.2.2 als N¨
aherung f¨
ur Mn>0 an. F¨
ur ein str¨
omendes Medium l¨
asst
sich die Approximation der Sprungimpedanz insgesamt zu
Zc
Q,n =Rc
Q,n +ZQ,n
=ρ0c
Mn
πr2
n−Mn+1
πr2
n+1
+ZQ,n
(3.29)
angeben [Peat88].7Der resistive Anteil Rc
Q,n ist f¨
ur eine Aufweitung und die
entsprechende Verengung identisch. Dem Konzept von Munjal liegen dage-
gen unterschiedliche Verlustkoeffizienten zu Grunde. Da die am Querschnitts-
sprung durch die Str¨
omung bedingten Verluste durch Rc
Q,n zu erfassen sind,
erscheinen die von Peat getroffenen isentropen Annahmen f¨
ur eine Aufwei-
tung nur unzureichend erf¨
ullt. Zusammenfassend sind weitere Untersuchungen
zu empfehlen, um eine genaue Modellierung der Str¨
omungsverluste sowie des
Einflusses von evaneszenten Moden im Bereich des Querschnittssprungs zu
erm¨
oglichen.
Da Radialmoden bez¨
uglich der zu untersuchenden R¨
ohrengeometrien erst
deutlich oberhalb von f > 1 kHz ausbreitungsf¨
ahig sind, werden sich evanes-
zente Moden im Verh¨
altnis zu den str¨
omungsakustischen Verlusten an einem
Querschnittssprung vermutlich geringer auswirken. Daher wurde in dieser Ar-
beit auf den etablierten Ansatz von Munjal zur Beschreibung eines Quer-
schnittssprungs zur¨
uckgegriffen.
7Der resistive Anteil Rc
Q,n wurde gegen¨
uber [Peat88] bez¨
uglich eines Vorzeichens kor-
rigiert und durch den Betrag abgesch¨
atzt.
70 Kapitel 3 Str¨
omung im R¨
ohrensystem
TEIL II
Algorithmen f¨
ur die aktive Schalld¨
ampfung
71
KAPITEL 4
Aktive Schalld¨
ampfung in R¨
ohrensystemen
Passive Schalld¨
ampfer nutzen zur L¨
armminderung dissipative oder reflektive
Effekte aus [Munj87,HM95,MT07]. Die dissipative Schalld¨
ampfung basiert
auf dem Prinzip der Schallabsorption. Durch Verwendung absorbierender Ma-
terialien wird der eindringenden Schallwelle Energie entzogen. Diese Methode
erlaubt eine relativ breitbandige D¨
ampfung, ist jedoch zur Minderung tieffre-
quenten L¨
arms ungeeignet [Han96]. In reflektiven beziehungsweise reaktiven
Schalld¨
ampfern reflektieren dagegen Querschnittsspr¨
unge den Schall innerhalb
des R¨
ohrensystems. Lediglich die nicht reflektierten Schallanteile werden durch
den Auslass abgestrahlt. Die geometrische Gestaltung der Querschnittsspr¨
unge
bestimmt die D¨
ampfungscharakteristik. Meistens sind sowohl dissipative als
auch reflektive Mechanismen an der D¨
ampfung beteiligt [Han96].
Eine Alternative oder eine Erg¨
anzung zu den passiven Methoden stellt
die aktive Schalld¨
ampfung dar [ME89]. Mit aktiven Verfahren l¨
asst sich tief-
frequenter L¨
arm effektiver mindern und die erforderlichen geometrischen Aus-
maße des D¨
ampfers k¨
onnen reduziert werden [KM96,Trim03,KCJ05]. Bei den
aktiven Verfahren strahlen ein oder mehrere Lautsprecher ein zum St¨
orschall
gegenphasiges Schalldrucksignal ab, das sich am gew¨
unschten Ort der L¨
arm-
minderung destruktiv mit dem St¨
orschall ¨
uberlagert. Die Grundidee wurde im
Jahr 1933 von Lueg vorgestellt [Lueg33]. Mit der Verf¨
ugbarkeit von schnellen
digitalen Signalprozessoren konnten die bis dahin verwendeten analogen Fil-
ter zur Erzeugung des Gegenschallsignals durch digitale Filter effizient ersetzt
werden. Den Weg zu einer nahezu selbstst¨
andigen Anpassung an ver¨
anderliche
Umgebungsbedingungen ebnete die adaptive Signalverarbeitung.
4.1 Blockschaltbild eines ANC-Systems
In Abbildung 4.1 ist ein ANC-System1zur aktiven D¨
ampfung des St¨
orschalls u
schematisch und blockweise dargestellt. Die akustischen Pfade werden durch
die ¨
Ubertragungsfunktionen P1(z), R1(z) sowie F1(z) im z-Bereich repr¨
asen-
1Active-Noise-Control-System
73
74 Kapitel 4 Aktive Schalld¨
ampfung in R¨
ohrensystemen
physikalisches System
ANC-System
Prim¨
arpfad
Sekund¨
arpfad
R¨
uckkopplungspfad
a)
b)
Lx,s
P1(z)R1(z)
F1(z)
S1(z)
ˆ
W(z)
Hx(z)He(z)
x(n)
u
u(n)
x
ep
ep(n)
e
e(n)
y
y(n)
y1
y1(n)
MxMe
Algorithmus
Algorithmus
Verst¨
arker
Lautsprecher
Abbildung 4.1: a) schematische Darstellung der aktiven Schalld¨
ampfung in einem
R¨
ohrensystem und b) dazugeh¨
origes Blockschaltbild eines physikali-
sches Systems nach Einbettung des ANC-Systems [KM96]
tiert. Das ¨
Ubertragungsverhalten der Mikrofone sowie der Analog-Digital-
Umsetzer mit Anti-Alias-Filtern beschreiben die Gr¨
oßen Hx(z) und He(z).
Das ¨
Ubertragungsverhalten des Lautsprechers und des Verst¨
arkers sowie der
ansteuernden Peripherie, die sich aus dem Digital-Analog-Umsetzer und dem
dazugeh¨
origen Tiefpassfilter zusammensetzt, erfasst dagegen S1(z).
4.1 Blockschaltbild eines ANC-Systems 75
Ein im weiteren Verlauf zu spezifizierender Algorithmus berechnet mit dem
messtechnisch erfassten Referenzsignal xund Fehlersignal edie optimalen Ko-
effizienten des Filters ˆ
W(z). Das Ausgangssignal ydes Filters wird verst¨
arkt
und ¨
uber den Lautsprecher abgestrahlt, so dass sich schließlich die ged¨
ampfte
Schallwelle epin der R¨
ohre fortpflanzt.
P(z)
S(z)
F(z)
ˆ
W(z)
d(n)
Hx(z)
x(n)
u(n)e(n)
y(n)
ys(n)
Adaptations-
algorithmus
Abbildung 4.2: Vereinfachtes Blockschaltbild eines ANC-Systems mit den zusammen-
gefassten ¨
Ubertragungsfunktionen des physikalischen Systems [KM96]
Die in Abbildung 4.1 b) dargestellten Teil¨
ubertragungsfunktionen k¨
onnen
f¨
ur eine strukturelle Vereinfachung gem¨
aß
P(z) = P1(z)R1(z)He(z),(4.1a)
S(z) = S1(z)R1(z)He(z),(4.1b)
F(z) = F1(z)S1(z) (4.1c)
zusammengefasst werden, so dass sich das Blockschaltbild in Abbildung 4.2
angeben l¨
asst.2Den Prim¨
ar- und Sekund¨
arpfad repr¨
asentieren P(z) und S(z),
w¨
ahrend F(z) den R¨
uckkopplungspfad kennzeichnet.
F¨
ur die Bewertung der Schalld¨
ampfung bietet sich bei den simulationstech-
nischen Untersuchungen die Verwendung des Fehlers ep(n) als Qualit¨
atskrite-
rium an. Im zusammengefassten Blockschaltbild in Abbildung 4.2 ist ep(n)
allerdings nicht explizit enthalten. Diese Gr¨
oße l¨
asst sich jedoch mit
ep(n) = r1(n)∗[p1(n)∗u(n) + s1(n)∗y(n)] (4.2)
berechnen. Bei r1(n), p1(n) und s1(n) handelt es sich um die Impulsantworten
der ¨
Ubertragungspfade R1(z), P1(z) und S1(z), w¨
ahrend das Symbol ∗die
diskrete Faltung symbolisiert.
2H¨
aufig wird dem Summierer in Abbildung 4.2 die Gr¨
oße ysmit negativem Vorzeichen
zugef¨
uhrt. In dieser Arbeit wird jedoch die gew¨
ahlte additive Darstellung bevorzugt, da
bei der praktischen Umsetzung keine Anschl¨
usse umgepolt werden m¨
ussen.
76 Kapitel 4 Aktive Schalld¨
ampfung in R¨
ohrensystemen
4.1.1 Feedforward- und Feedback-Verfahren
Das in den Abbildungen 4.1 und 4.2 dargestellte ANC-System basiert auf
einem Feedforward-Verfahren. Zur D¨
ampfung nicht-periodischer beziehungs-
weise nicht-station¨
arer St¨
orsignale muss die Laufzeit des Schalls vom Refe-
renzmikrofon zum Ort der destruktiven Schall¨
uberlagerung gr¨
oßer sein, als die
Laufzeit, die das Filter ˆ
W(z) mit seiner Peripherie zur Ausgabe des Gegen-
schallsignals ben¨
otigt. Mit der Abtastfrequenz fSsollte f¨
ur den Abstand des
Referenzmikrofons zum Lautsprecher damit
Lx,s >c
fS
(4.3)
gelten. Kann diese Bedingung nicht erf¨
ullt werden, bieten sich Ans¨
atze aus
der Multiratenverarbeitung an. Eine Multiratenverarbeitung verwendet zur
Abtastung der Mikrofonsignale und zur Ausgabe des Lautsprechersignals die
erh¨
ohte Abtastfrequenz NfS, w¨
ahrend die eigentlichen Algorithmen mit der
reduzierten Frequenz fSarbeiten [BLL02,L¨
uck08].
Das Feedback-Verfahren kommt dagegen ohne eine messtechnische Bestim-
mung des Referenzsignals aus. Es l¨
asst sich auch als Feedforward-Verfahren
interpretieren, welches auf der Grundlage von intern verf¨
ugbaren Signalen
das Referenzsignal selbst generiert [KM96]. Jedoch eignet sich dieser Ansatz
nur zur Unterdr¨
uckung periodischer St¨
orsignale. Da im Folgenden ebenfalls
nicht-periodische Signale zu d¨
ampfen sind, empfiehlt sich das Feedforward-
Verfahren.
4.1.2 Optimale ¨
Ubertragungsfunktion
Die optimale ¨
Ubertragungsfunktion f¨
ur das Filter ˆ
W(z) l¨
asst sich f¨
ur eine
vollst¨
andige Schallausl¨
oschung am Ort des Fehlermikrofons mit Abbildung 4.2
und der Bedingung E(z) = 0 zu
ˆ
Wopt(z) = −P(z)
Hx(z) [S(z)−P(z)F(z)] (4.4)
angeben.3Eine korrekt abgestimmte Sekund¨
arquelle bewirkt mit ˆ
Wopt(z) am
Ort des Lautsprechers einen akustischen Kurzschluss. Die Sekund¨
arquelle f¨
uhrt
damit zu einer Reflexion der von der Prim¨
arquelle erzeugten akustischen Ener-
gie [ME88].
In der Praxis l¨
asst sich keine vollst¨
andige Schallausl¨
oschung erreichen, da
beispielsweise der oder die Lautsprecher keine dem St¨
orsignal r¨
aumlich voll-
st¨
andig komplement¨
are Schalldruckverteilung erzeugen k¨
onnen. Zus¨
atzlich ist
die Approximation von ˆ
Wopt(z) nur mit einer endlichen Genauigkeit m¨
oglich.
3Ist der Nenner Hx(z) [S(z)−P(z)F(z)] nicht minimalphasig, f¨
uhrt nur die Inverse des
minimalphasigen Anteils auf eine stabile ¨
Ubertragungsfunktion.
4.2 Sensorik und Aktorik 77
4.1.3 Energetische Betrachtungen
Zur aktiven Schalld¨
ampfung ist dem System zun¨
achst sekund¨
are Energie zuzu-
f¨
uhren. Kritiker f¨
uhren als Argument gegen das aktive Konzept deshalb h¨
aufig
an, dass sich durch das Zuschalten der Sekund¨
arquellen die Energie des Schall-
felds vergr¨
oßert und sich nicht reduzieren l¨
asst. Beruht die Schalld¨
ampfung auf
Ausl¨
oschung durch Interferenz, ist dieser Einwand gerechtfertigt, da eine lokale
Schalld¨
ampfung mit einer Erh¨
ohung des Schalldrucks anderenorts verbunden
sein kann [Guic07].
Theoretische und praktische Untersuchungen zeigten jedoch auch, dass die
Sekund¨
arquellen mit einer geeigneten Anordnung und Ansteuerung die pri-
m¨
are Schallenergie absorbieren und dar¨
uber hinaus ebenfalls die von der Pri-
m¨
arquelle abgestrahlte Energie beeinflussen k¨
onnen [SH89,OBN92,FH99]. Al-
lerdings erlauben Lautsprecher, die in R¨
ohren koaxial zur Schallausbreitungs-
richtung angeordnet sind, nur eine teilweise Absorption, da das den Laut-
sprechern nachfolgende R¨
ohrensystem eine vollst¨
andige Impedanzanpassung
verhindert. Dagegen bietet ein Lautsprecher, der das R¨
ohrensystem an einem
Ende abschließt, zumindest theoretisch die M¨
oglichkeit einer vollst¨
andigen Ab-
sorption der einfallenden Schallwelle [Guic07].
4.2 Sensorik und Aktorik
Um sicherzustellen, dass an den Messorten eine ebene Schallausbreitung vor-
liegt, sollten sich die Mikrofone nicht im Nahbereich des Lautsprechers befin-
den, da dort auch evaneszente h¨
ohere Moden angeregt werden [Trin83,NE95].
Zus¨
atzlich wird im Weiteren vorausgesetzt, dass sich die Sensorik und die Ak-
torik des ANC-Systems durch lineare Systeme beschreiben lassen. Es existieren
aber ebenfalls Methoden und Algorithmen, die f¨
ur den Einsatz in nichtlinear
arbeitenden ANC-Systemen zugeschnitten sind.
Zur Reduzierung nichtlinearer Verzerrungen von elektrodynamischen Laut-
sprechern bieten sich zum einen Verfahren an, die auf der Grundlage eines ma-
thematischen Modells ein linearisierendes Signal berechnen [Waßm00,Balk02],
mit dem der Lautsprecher des ANC-Systems angesteuert wird. Zum anderen
kann der nichtlineare Charakter der ¨
Ubertragungsstrecken im ANC-System
durch Volterra-Reihen beschrieben beziehungsweise durch Polynomfilter be-
r¨
ucksichtigt werden [Math91,DD07].
4.2.1 Referenzsignalerfassung
Das vom Referenzmikrofon erfasste Signal xsetzt sich in der Regel aus dem
L¨
arm der St¨
orquelle sowie aus dem vom Lautsprecher zur¨
uckgekoppelten Ge-
genschall zusammen. In [EAM+94,ELA99] wurden daher adaptive Konzepte
vorgestellt, die auch eine D¨
ampfung der akustischen R¨
uckkopplung erm¨
ogli-
78 Kapitel 4 Aktive Schalld¨
ampfung in R¨
ohrensystemen
chen. Allerdings ist dort die Stabilit¨
at in Abh¨
angigkeit von der Mikrofon- und
Lautsprecheranordnung nicht immer sichergestellt [EB90]. Der Einfluss einer
R¨
uckkopplung sollte daher zun¨
achst durch gezielte Maßnahmen am Aufbau
oder bez¨
uglich der Messwerterfassung reduziert werden.
Zu den Maßnahmen, mit denen sich akustische R¨
uckkopplungen reduzieren
lassen, z¨
ahlt beispielsweise die Verwendung eines unidirektionalen Referenz-
mikrofons oder einer Lautsprecheranordnung, die den Schall nur in Richtung
des Auslasses abstrahlt [WB01]. Alternativ dazu kann der Lautsprecher auch
¨
uber eine angewinkelte R¨
ohrenverzweigung an die Hauptr¨
ohre angekoppelt
werden [KT93]. Ebenfalls l¨
asst sich das Schallfeld mit zus¨
atzlichen Mikrofo-
nen und einem Algorithmus zur Aufbereitung der Mikrofonsignale in eine hin-
und r¨
ucklaufende Welle zerlegen. Als Referenz- und Fehlersignal dienen schließ-
lich jeweils nur die hinlaufenden Wellen [YF99,LYF02]. Zur D¨
ampfung von
L¨
arm, den rotierende Maschinen oder Motoren erzeugen, bietet sich dagegen
wegen der schmalbandigen Zusammensetzung h¨
aufig auch ein Drehratensen-
sor f¨
ur die Referenzsignalerzeugung an [KM96]. Durch die Verwendung eines
nicht-akustischen Sensors bleibt das Referenzsignal von akustischen R¨
uckkopp-
lungen unbeeinflusst.
M¨
ogliche akustische R¨
uckkopplungen werden in dieser Arbeit bei den si-
mulationstechnischen Untersuchungen nicht betrachtet und es wird f¨
ur den
R¨
uckkopplungspfad F(z) = 0 vorausgesetzt. Das erscheint gerechtfertigt, da
sich akustische R¨
uckkopplungen zun¨
achst auch durch die erw¨
ahnten Maßnah-
men reduzieren lassen.
4.2.2 Fehlersignalerfassung
In [ZH93,CPHZ05] hat sich die Methode, auf der Grundlage von zwei r¨
aumlich
entsprechend auseinander liegenden Mikrofonen eine Minimierung des akusti-
schen Leistungsflusses durchzuf¨
uhren, zur Generierung eines Fehlersignals als
effektiv erwiesen. Ist dagegen L¨
arm an einem vom physikalischen Fehlersensor
entfernten Ort zu d¨
ampfen, bietet sich das Prinzip der virtuellen Messwert-
erfassung an. Mit Hilfe r¨
aumlich verteilter Mikrofone wird dazu die virtuelle
Mikrofonposition durch Interpolation bestimmt [MCKH03,PZCH05].
In dieser Arbeit finden diese Methoden keine Verwendung, da das Fehler-
signal auf der klassischen Auswertung eines Sensorsignals basieren soll. Die
Einbettung einer modifizierten Fehlersignalbestimmung in die zu thematisie-
renden Algorithmen w¨
are jedoch problemlos m¨
oglich.
4.2.3 Str¨
omungsinduzierter St¨
orschall
Durch ein str¨
omendes Medium entstehen an den Messorten Turbulenzen, de-
ren zeitlich ver¨
anderliche Schalldr¨
ucke vom Mikrofon erfasst werden [MI86].
Da ein adaptives Feedforward-Verfahren die Korrelation zwischen dem Re-
4.2 Sensorik und Aktorik 79
Mikrofon
absorbierendes
Material
str¨
omendes Medium
Abbildung 4.3: Mechanische Abschirmung des Mikrofons vor turbulenten Str¨
omungs-
einfl¨
ussen [KM96]
ferenzsignal und dem Fehlersignal zur Adaptation der Filterkoeffizienten aus-
nutzt, verschlechtern str¨
omungsbedingte nicht-korrelierte Signalanteile das Re-
sultat der aktiven Schalld¨
ampfung [KM96]. Die Generierung des Referenz-
und Fehlersignals mit Hilfe von zus¨
atzlichen r¨
aumlich verteilten Mikrofonen
stellt eine M¨
oglichkeit zur Reduzierung der str¨
omungsinduzierten Schallan-
teile dar [SLC89,Nish91,LB06]. Kosteng¨
unstiger und weniger aufw¨
andig ist
dagegen gem¨
aß Abbildung 4.3 die mechanische Abschirmung des Mikrofons.
Bei den simulationstechnischen Untersuchungen der erarbeiteten Algorith-
men werden str¨
omungsinduzierte Schallanteile ber¨
ucksichtigt, die realit¨
atsnah
zus¨
atzlich von der Str¨
omungsgeschwindigkeit des Mediums abh¨
angen sollen. Es
wird angenommen, dass sich die Turbulenzen durch weißes Rauschen model-
lieren lassen, wobei die Rauschprozesse unkorreliert vorgegeben sein werden.
KAPITEL 5
Adaptive Digitalfilter
H¨
aufig ¨
andern sich im Betrieb die ¨
Ubertragungseigenschaften des Systems und
die Statistiken der beteiligten Signale oder sie sind bei der Auslegung des ANC-
Systems nur unzureichend bekannt. Daher wird ein System ben¨
otigt, das sich
selbstst¨
andig an die vorliegende Situation anpasst. Dazu bieten sich zeitvari-
ante Systeme in Form von adaptiven Filtern an, deren Filterkoeffizienten ver-
¨
anderbar sind. Die Berechnung der optimalen Koeffizienten erfolgt mit Hilfe
eines Adaptationsalgorithmus auf der Grundlage eines gemessenen Referenz-
und Fehlersignals. Das adaptive Filter und der Algorithmus lassen sich f¨
ur die
praktische Anwendung digital auf Signalprozessoren realisieren.
P(z)
S(z)
ˆ
W(z)
d(n)
Hx(z)
x(n)
u(n)e(n)
y(n)
ys(n)
Adaptations-
algorithmus
Abbildung 5.1: Blockschaltbild f¨
ur die Herleitung der Algorithmen
Die Betrachtungen in diesem Kapitel setzen voraus, dass die ¨
Ubertragungs-
funktion S(z) des Sekund¨
arpfads bekannt ist. Dar¨
uber hinaus findet keine
akustische R¨
uckkopplung vom Lautsprecher zum Referenzmikrofon statt, so
dass F(z) = 0 gilt. Den weiteren Betrachtungen liegt das Blockschaltbild in
Abbildung 5.1 zu Grunde. Im n¨
achsten Kapitel wird f¨
ur S(z) ebenfalls zeit-
variantes Verhalten zugelassen. Die Annahme F(z) = 0 bleibt dagegen, wie
bereits erw¨
ahnt, in dieser Arbeit aufrecht erhalten.
80
5.1 Konvergenz und Tracking 81
Die Adaptation der Filterkoeffizienten kann im Zeitbereich oder mit einer
blockweisen Datenverarbeitung im Frequenzbereich erfolgen. Die Adaptation
im Frequenzbereich erfordert, dass sich die ¨
Ubertragungseigenschaften des zu
adaptierenden Systems w¨
ahrend der Aufnahme eines Datenblocks nicht ver-
¨
andern. Diese Voraussetzung erscheint f¨
ur einen Abgasschalld¨
ampfer auch f¨
ur
kurze Blockl¨
angen nicht immer sichergestellt, so dass im Folgenden Verfahren
pr¨
aferiert werden, die im Zeitbereich arbeiten.
Setzt sich das St¨
orsignal nur aus schmalbandigen Komponenten zusam-
men, k¨
onnen f¨
ur jede dieser Frequenzanteile auch separate adaptive Filter mit
verk¨
urzter Filterl¨
ange verwendet werden [KM96,KGM07,XMKI07]. Da im
Weiteren sowohl breit- als auch schmalbandiger L¨
arm zu d¨
ampfen ist, kom-
men diese Schmalband-ANC-Systeme nicht zum Einsatz.
5.1 Konvergenz und Tracking
Unter station¨
aren Bedingungen ver¨
andert sich die optimale L¨
osung bez¨
uglich
der Filterkoeffizienten nicht und der Adaptationsalgorithmus hat die Aufga-
be, das Minimum iterativ zu finden. In nicht-station¨
arer Umgebung ist die
optimale L¨
osung dagegen zeitvariant.1Der Algorithmus hat demnach die Auf-
gabe, die Filterkoeffizienten entsprechend der optimalen L¨
osung nachzuf¨
uhren.
Dieser Vorgang wird als Tracking bezeichnet.
Obwohl zwischen dem Konvergenz- und Tracking-Verhalten eine Bezie-
hung besteht, kennzeichnen beide zwei v¨
ollig unterschiedliche Eigenschaften
eines adaptiven Verfahrens. Algorithmen mit gutem Konvergenzverhalten wei-
sen trotzdem h¨
aufig ebenfalls gute Tracking-Eigenschaften auf, wobei die Um-
kehrung ebenfalls zutreffen kann. Obwohl in der Literatur h¨
aufig das Kon-
vergenzverhalten bei adaptiven ANC-Systemen im Mittelpunkt steht, kommt
dem Tracking-Verhalten dort eigentlich die gr¨
oßere Bedeutung zu [LP99].
Die Algorithmen lassen sich bez¨
uglich des Tracking-Verhaltens sowohl theo-
retisch [HSZ+97,YS01] als auch auf der Grundlage von Simulationen untersu-
chen [Bron93]. Die simulationstechnische Untersuchung kann zum einen durch
Vorgabe einer abrupten ¨
Anderung der zu adaptierenden Parameter erfolgen,
w¨
ahrend die Reaktion des adaptiven Filters, beispielsweise in Form des Feh-
lerverlaufs oder der Parameterabweichung, als Qualit¨
atskriterium ausgewertet
wird. Zum anderen bieten sich auch stochastische Modelle zur Simulation von
zeitvariantem Systemverhalten an. Bei diesen Modellen gehen die Parameter
des zu erzeugenden zeitvarianten Systems aus einer Tiefpassfilterung von un-
abh¨
angigen Gauß-Prozessen hervor. Die Wahl der Grenzfrequenzen bestimmt
das Maß des nicht-station¨
aren Systemverhaltens, welches mit steigender Grenz-
frequenz zunimmt [Bron93].
1Nicht-station¨
are Bedingungen liegen vor, wenn das ¨
Ubertragungsverhalten eines Sys-
tems zeitvariant ist, wobei die beteiligten Signale station¨
are oder nicht-station¨
are Eigen-
schaften aufweisen k¨
onnen [HSZ+97,YS01,Hayk02].
82 Kapitel 5 Adaptive Digitalfilter
Eine einfache Form der Systembeschreibung erh¨
alt man, wenn f¨
ur die Tief-
passfilter jeweils die gleichen ¨
Ubertragungsfunktionen gew¨
ahlt werden und alle
Rauschprozesse die gleiche Varianz aufweisen. F¨
ur diesen Fall ergeben sich die
Parameter des zeitvarianten Systems zu
w(n) =
I
X
i=0
birw(n−i) +
K
X
k=1
akw(n−k).(5.1)
Die Gr¨
oße rw(n) beschreibt einen vektoriellen Gauß-Prozess, dessen Dimen-
sion mit der Anzahl der Systemparameter ¨
ubereinstimmt. Durch die Wahl
von bi=δ(i) und ak=aδ(k−1) erh¨
alt man einen Tiefpass erster Ordnung
und die dazugeh¨
origen Ausgangssignale beziehungsweise die Parameter des
zeitvarianten Systems entsprechen einem vektoriellen Gauß-Markov-Prozess
erster Ordnung der Form [Bron93,Hayk02]
w(n+ 1) = aw(n) + rw(n).(5.2)
In dieser Arbeit kommt bei den simulationstechnischen Untersuchungen
nicht das Markov-Modell (5.2) zum Einsatz, sondern das Tracking-Verhalten
0,2 0,30,40,50,60,70,8 0,91
−60
−50
−40
−30
−20
−10
0a) V0= 0 m/s
f/kHz
|P|in dB
ϑ0= 20◦Cϑ0= 50◦Cϑ0= 80◦C
0,20,30,40,50,60,70,8 0,9 1
−60
−50
−40
−30
−20
−10
0b) ϑ0= 20◦C
f/kHz
|P|in dB
V0= 0 m/sV0= 5 m/sV0= 10 m/s
Abbildung 5.2: Normierte Amplitudeng¨
ange des Prim¨
arpfads in einem R¨
ohrensystem
in Abh¨
angigkeit von a) der Gastemperatur ϑ0und b) der Str¨
omungs-
geschwindigkeit V0des Mediums
5.2 Transversale Filterstruktur 83
wird im Kontext eines mathematischen Modells untersucht, das den Bezug zu
einem aktiven Abgasschalld¨
ampfer herstellt. Die Vorgabe der Temperatur und
der Str¨
omungsgeschwindigkeit des Abgases erfolgt dementsprechend, so dass
die Strecken zeitvariantes ¨
Ubertragungsverhalten zeigen. F¨
ur den Prim¨
arpfad
des aktiven Schalld¨
ampfers ist das exemplarisch in Abbildung 5.2 verdeut-
licht. W¨
ahrend unterschiedliche Gastemperaturen zu einer Verschiebung der
Resonanzen f¨
uhren, fallen mit einer zus¨
atzlichen D¨
ampfung der Resonanzen
die Auswirkungen einer ver¨
anderlichen Str¨
omungsgeschwindigkeit des Gases
dagegen geringer aus. Die Filterkoeffizienten sind mit dem Ziel einer hohen
Schalld¨
ampfung, die maßgeblich vom Tracking-Verhalten beeinflusst wird, zu
adaptieren.
5.2 Transversale Filterstruktur
Am h¨
aufigsten findet die Transversalfilterstruktur bei adaptiven Filtern Ver-
wendung. Bei einem FIR-Filter2ergibt sich mit dem Eingangssignalvektor
x(n) = [x(n)x(n−1) . . . x(n−L+ 1)]T(5.3)
und dem Parametervektor
ˆ
w(n) = [ ˆw0(n) ˆw1(n)... ˆwL−1(n)]T(5.4)
sowie der Impulsantwort ˆw(n) des adaptiven Filters das Ausgangssignal zu
y(n) = ˆw(n)∗x(n) =
L−1
X
i=0
ˆwi(n)x(n−i) = ˆ
wT(n)x(n).(5.5)
Die folgenden Betrachtungen setzen reellwertige Signale und Filterkoeffi-
zienten voraus. Aufgabe des Algorithmus ist es, die Filterkoeffizienten ˆ
w(n)
adaptiv so zu bestimmen, dass ein aus dem Fehler
e(n) = d(n) + s(n)∗ˆ
wT(n)x(n)(5.6)
gebildetes Fehlermaß minimiert wird. Bei s(n) handelt es sich um die Impuls-
antwort des Sekund¨
arpfads S(z), w¨
ahrend sich das Eingangssignal mit der
Impulsantwort hx(n) des Referenzsensors zu
x(n) = hx(n)∗u(n) (5.7)
ergibt. Den weiteren theoretischen Betrachtungen liegt zur formalen Verein-
fachung die Annahme hx(n) = δ(n) beziehungsweise x(n) = u(n) zu Grunde,
w¨
ahrend in der Simulation des aktiven Abgasschalld¨
ampfers die ¨
Ubertragungs-
funktion Hx(z) durch einen Bandpass modelliert wird.3
2Finite-Impulse-Response-Filter
3Mit einem ad¨
aquaten Referenzsensor erscheint die N¨
aherung x(n)≈kxu(n) erlaubt.
Der Proportionalit¨
atsfaktor kxl¨
asst sich bei einer praktischen Implementierung durch eine
Skalierung von entsprechenden Signalen im ANC-System ber¨
ucksichtigen oder dieser wird
direkt durch den Koeffizientenvektor ˆ
w(n) adaptiert.
84 Kapitel 5 Adaptive Digitalfilter
5.3 Rekursive Filterstruktur
Das Ausgangssignal einer rekursiven Filterstruktur ergibt sich mit den Filter-
koeffizienten
ˆ
a(n) = [ˆa1(n) ˆa2(n)... ˆaK(n)]T,(5.8a)
ˆ
b(n) = [ˆ
b0(n)ˆ
b1(n)... ˆ
bL−1(n)]T(5.8b)
sowie x(n) aus Gleichung (5.3) und dem Ausgangssignalvektor
y(n) = [y(n−1) y(n−2) . . . y(n−K)]T(5.9)
zu
y(n) =
L−1
X
i=0
ˆ
bi(n)x(n−i) +
K
X
k=1
ˆak(n)y(n−k)
=ˆ
bT(n)x(n) + ˆ
aT(n)y(n).
(5.10)
Besitzt das rekursive Filter eine unendlich lange Impulsantwort, spricht
man von einem IIR-Filter4. Nicht jedes rekursive Filter muss zwangsl¨
aufig eine
unendlich lange Impulsantwort aufweisen. Um die Stabilit¨
at des Filters sicher-
zustellen, m¨
ussen die Nullstellen des Nennerpolynoms zK[1 −PK
k=1 ˆak(n)z−k]
im Einheitskreis liegen.
Obwohl rekursive Filterstrukturen bei der Implementierung h¨
aufig eine ge-
ringere Filterordnung als Transversalfilter erfordern und der rekursive Anteil
auch zur D¨
ampfung von akustischen R¨
uckkopplungen eingesetzt werden kann,
kommen rekursive Filterstrukturen in der adaptiven Signalverarbeitung selte-
ner zum Einsatz. Gr¨
unde daf¨
ur sind:
•Stabilit¨
at ist w¨
ahrend des Adaptationsprozesses sicherzustellen,
•Fehlerfunktion enth¨
alt gew¨
ohnlich lokale Minima,
•unter Umst¨
anden h¨
oherer Implementierungsaufwand und Komplexit¨
at.
Zur Koeffizientenbestimmung eines adaptiven rekursiven Filters bietet sich
im einfachsten Fall das Verfahren von Feintuch an [Fein76]. Obwohl das Ver-
fahren im Mittelpunkt zahlreicher Diskussionen stand [JL77,WM77,CS97]
und auf eine Stabilit¨
atskontrolle verzichtet, hat sich der Algorithmus trotz-
dem im praktischen Einsatz bew¨
ahrt, da dieser dazu tendiert, die Polstellen
vom Einheitskreis in Richtung des Koordinatenursprungs zu adaptieren.
Soll die Stabilit¨
at jedoch explizit w¨
ahrend des Adaptationsprozesses si-
chergestellt werden, bietet sich beispielsweise eine Implementierung des rekur-
siven Filters als Lattice-Ladder-Struktur nach Gray und Markel an [GM73,
4Infinite-Impulse-Response-Filter
5.4 Gradientenverfahren 85
GM75,Rega94,Laro99]. Auf der Grundlage dieser Struktur wurden Algorith-
men mit einem reduzierten Implementierungsaufwand beziehungsweise einer
reduzierten Komplexit¨
at vorgestellt [RFM91,NA98,LSQX03]. Zus¨
atzlich emp-
fehlen sich ebenfalls Ans¨
atze, die auf dem Konzept der Hyperstabilit¨
at basieren
und deren Urspr¨
unge der Theorie zur Regelung von nichtlinearen zeitvarianten
Systemen entstammen [LTJ80,Rega94,H¨
ans01]. Die folgenden Betrachtungen
werden sich auf transversale Filterstrukturen beschr¨
anken.
5.4 Gradientenverfahren
Das Gradientenverfahren, das auch als Verfahren des steilsten Abstiegs be-
zeichnet wird, ist ein h¨
aufig angewendeter Algorithmus zur rekursiven Pa-
rametersch¨
atzung. Dieser sucht die von der Fehlerfunktion
ξ(n) = Ee2(n)(5.11)
gebildete Fehlerfl¨
ache der Dimension L+ 1 auf ihr Minimum ab, wobei der
Erwartungswertoperator durch E{·} kennzeichnet ist. H¨
aufig wird ξ(n) auch
als Kostenfunktion bezeichnet, die es zu minimieren gilt. In jedem Zeitschritt
erfolgt nach der Rekursionsvorschrift
ˆ
w(n+ 1) = ˆ
w(n)−µ
2∇ξ(n) (5.12)
mit der Schrittweite µ > 0 die Bestimmung eines neuen Koeffizientenvektors.
Zur Berechnung von ∇ξ(n) ist nach Gleichung (5.6) die Impulsantwort s(n)
des Sekund¨
arpfads erforderlich, so dass diese vorab (offline) oder w¨
ahrend
des Adaptationsprozesses (online) zu sch¨
atzen ist. Die Approximation dieser
Impulsantwort sei im Weiteren durch ˆs(n) gekennzeichnet. Verwendet man in
Gleichung (5.6) die N¨
aherung s(n)≈ˆs(n), l¨
asst sich mit
˜
x(n) = ˆs(n)∗x(n)
= [˜x(n) ˜x(n−1) ... ˜x(n−L+ 1)]T(5.13)
der Gradient zu
∇ξ(n) = 2 E˜
x(n)e(n)(5.14)
angeben.
Wird der mittlere quadratische Fehler zur Gradientenbestimmung heran-
gezogen, spricht man vom MSE-Algorithmus5. F¨
ur ergodische Signale kann der
Erwartungswert auch durch eine zeitliche Mittelung der entsprechenden Gr¨
oße
5Mean-Square-Error-Algorithmus
86 Kapitel 5 Adaptive Digitalfilter
abgesch¨
atzt werden [PP02]. Wird dagegen der Erwartungswert direkt durch
den Momentanwert dargestellt, f¨
uhrt das schließlich mit
ˆ
w(n+ 1) = ˆ
w(n)−µ˜
x(n)e(n) (5.15)
auf den FxLMS-Algorithmus6. Die Bezeichnung ist durch die Tatsache begr¨
un-
det, dass zur Gradientenbestimmung unter anderem eine Filterung der Ein-
gangsgr¨
oße x(n) mit der ¨
Ubertragungsfunktion des Sekund¨
arpfads durchge-
f¨
uhrt werden muss und dass dieser auf dem von Widrow und Hoff vorge-
stellten klassischen LMS-Algorithmus7basiert [WH60].
Der klassische LMS-Algorithmus setzt ˆs(n) = δ(n) und damit ˜x(n) = x(n)
voraus. Da das statistische Fehlermaß in Form des Erwartungswerts durch den
Momentanwert abgesch¨
atzt worden ist, konvergiert das LMS-Verfahren nur im
stochastischen Sinn. Die auf diese Weise ermittelten Filterkoeffizienten stim-
men nur im Scharmittelwert mit der optimalen L¨
osung des Wiener-Filters
¨
uberein. F¨
ur ergodische Prozesse werden f¨
ur kleine Schrittweiten nach hinrei-
chend langer Mittelungsdauer die optimalen Parameter approximiert [Bron93].
5.4.1 Schrittweite
Die Schrittweite hat einen entscheidenden Einfluss auf die Konvergenz. Ist µzu
klein gew¨
ahlt, ergibt sich eine langsame Konvergenz, w¨
ahrend ein zu großes µ
instabiles Verhalten zur Folge haben kann. Die Eigenwertspreizung der Auto-
korrelationsmatrix von ˜x(n) diktiert bei den LMS-basierten Algorithmen eine
obere Grenze f¨
ur die Schrittweite µ. Damit weisen diese Verfahren eine signal-
abh¨
angige Konvergenz auf, die sich vor allem bei schmalbandigen Signalen
mit großen Unterschieden in der spektralen Zusammensetzung auswirkt. Bei
station¨
aren Signalen sind die Auswirkungen weniger gravierend als bei nicht-
station¨
aren [Bron93,KM96,Hayk02].
Zur Erh¨
ohung der Konvergenzgeschwindigkeit bietet es sich an, die Schritt-
weite an das Signal ˜
x(n) = ˆs(n)∗x(n) zu koppeln. Eine Normalisierung l¨
asst
sich mit 0 < α < 2 zu
µ(n) = α
β+˜
xT(n)˜
x(n)(5.16)
angeben.8Die Wahl von 0 < β < 1 verhindert, dass der Algorithmus f¨
ur
kleine Signalvarianzen divergiert. Die Verwendung von β= 0 f¨
uhrt schließlich
auf den NLMS-Algorithmus9. Die Rekursionsgleichungen eines normalisierten
LMS-Verfahrens sind im Anhang Czusammengefasst.
6Filtered-x-Least-Mean-Square-Algorithmus
7Least-Mean-Square-Algorithmus
8Die obere Grenze von αist als oberer Richtwert zu interpretieren, die in Abh¨
angigkeit
von den Eigenschaften des Sekund¨
arpfads nach unten zu korrigieren ist.
9Normalized-Least-Mean-Square-Algorithmus
5.4 Gradientenverfahren 87
5.4.2 FxLMS-Algorithmus
Der FxLMS-Algorithmus, dessen Einbettung in ein ANC-System der Abbil-
dung 5.3 zu entnehmen ist, stand im Mittelpunkt zahlreicher Untersuchungen.
Es l¨
asst sich res¨
umieren, dass sich mit einem Sekund¨
arpfad, f¨
ur den s(n)6=δ(n)
gilt, das Konvergenz- und Tracking-Verhalten in nicht-station¨
arer Umgebung
verschlechtert. Es sind kleine Schrittweite vorzugeben, um bei Abweichungen
zwischen ˆs(n) und s(n), welche durch Zeitvarianzen oder Ungenauigkeiten bei
der vorab durchgef¨
uhrten Modellierung des Sekund¨
arpfads begr¨
undet sein k¨
on-
nen, die Stabilit¨
at des Algorithmus zu gew¨
ahrleisten [LP04,SGK05,KS05a].
Zus¨
atzlich kann die Faltung von x(n) mit ˆs(n) die statistischen Eigenschaf-
ten des zur Koeffizientenbestimmung verwendeten Signals ˜x(n) beeinflussen
und sich damit negativ auf das Konvergenz- und Tracking-Verhalten auswir-
ken [Schi95].
P(z)
S(z)
ˆ
S(z)
ˆ
W(z)
d(n)
Hx(z)
x(n)
u(n)e(n)
y(n)
ys(n)
˜x(n)LMS-
Algorithmus
Abbildung 5.3: Blockschaltbild zum FxLMS-Algorithmus [KM96]
Ausgehend von Abbildung 5.3 wird das Referenzsignal x(n) zur Erzeu-
gung des Gegenschallsignals ys(n) zun¨
achst mit ˆw(n) und dann mit s(n) ge-
faltet. Beim FxLMS-Algorithmus erfolgt zur Koeffizientenbestimmung die Fal-
tung jedoch zuerst mit ˆs(n) und dann mit ˆw(n). Unter station¨
aren Bedin-
gungen durchaus legitim, ist die Vertauschung der Faltungsoperationen unter
nicht-station¨
aren Bedingungen unzul¨
assig [TSO06]. Um den dadurch beding-
ten Fehler zu kompensieren und somit die Wahl von gr¨
oßeren Schrittweiten
zu erm¨
oglichen, stellten Bronzel und Flockton unabh¨
angig voneinander
die MFx-Struktur10 vor [Bron93,Floc93,LP04]. Die MFx-Struktur ist im An-
hang Cdargestellt. In diese lassen sich ebenfalls die im Folgenden vorzustel-
lenden Algorithmen einbetten.
10Modified-Filtered-x-Struktur
88 Kapitel 5 Adaptive Digitalfilter
Der Einfluss eines vorab ungenau gesch¨
atzten ¨
Ubertragungsverhaltens des
Sekund¨
arpfads kann mit einem entsprechend entworfenen Filter, das in einer
zus¨
atzlichen R¨
uckkopplungsschleife eingebettet ist, reduziert werden [KS05b,
SXC07]. In dieser Arbeit soll die Sch¨
atzung des zeitvarianten Sekund¨
arpfads in
Form der Impulsantwort ˆs(n) jedoch adaptiv erfolgen. Verfahren zur Online-
Modellierung werden dazu im n¨
achsten Kapitel thematisiert.
5.5 LS-Algorithmus
Der LS-Algorithmus11 und seine rekursiven Varianten basieren auf dem Anfang
des Neunzehnten Jahrhunderts von Gauß vorgestellten Verfahren der kleins-
ten Fehlerquadrate [Bron93]. Die Herleitung des LS-Algorithmus erfolgt im
Weiteren auf der Grundlage des Blockschaltbilds in Abbildung 5.1 zun¨
achst
losgel¨
ost vom Kontext eines ANC-Systems im Rahmen einer Systemerken-
nung. Die Gr¨
oßen d(n) und x(n) seien dazu als bekannt vorausgesetzt und der
Sekund¨
arpfad soll durch den Sch¨
atzwert ˆs(n) beschrieben werden. Damit l¨
asst
sich der Fehler mit ˜
x(n) = ˆs(n)∗x(n) und einer Vertauschung der Faltungs-
operationen zu
e(n) = d(n) + ˆ
wT(n)˜
x(n) (5.17)
formulieren.12
Wertet man die obige Fehlergleichung f¨
ur K≥LAbtastwerte im Inter-
vall n−K+ 1 ≤k≤naus, k¨
onnen die KGleichungen mit
e(n) = [e(n−K+ 1) e(n−K+ 2) . . . e(n)]T,(5.18a)
d(n) = [d(n−K+ 1) d(n−K+ 2) . . . d(n)]T,(5.18b)
A(n) = [˜
x(n−K+ 1) ˜
x(n−K+ 2) ... ˜
x(n)]T(5.18c)
auch in der Notation
e(n) = d(n) + A(n)ˆ
w(n) (5.19)
angegeben werden, wobei der Koeffizientenvektor ˆ
w(n) im betrachteten In-
tervall als konstant vorausgesetzt wird. Mit den als bekannt anzusehenden
Wertepaaren (d(n),˜
x(n)) ist der Koeffizientenvektor ˆ
w(n) so zu bestimmen,
dass der Fehler
ξ(n) = 1
KeT(n)e(n) = 1
K
n
X
k=n−K+1
e2(k)(5.20)
11Least-Squares-Algorithmus
12Mit der MFx-Struktur im Anhang Ckann der Fehler, der bei einer Vertauschung der
Faltungsoperationen entsteht, kompensiert werden.
5.6 RLS-Algorithmus 89
minimal wird. F¨
ur die Minimierung l¨
asst sich der Gradient bez¨
uglich ˆ
w(n) mit
den Gr¨
oßen
ϕ(n) = 1
KAT(n)d(n) = 1
K
n
X
k=n−K+1
d(k)˜
x(k),(5.21a)
Φ(n) = 1
KAT(n)A(n) = 1
K
n
X
k=n−K+1
˜
x(k)˜
xT(k) (5.21b)
zu
∇ξ(n) = 2ϕ(n) + 2Φ(n)ˆ
w(n)(5.22)
angeben.13 Die Auswertung von ∇ξ(n) = 0 f¨
uhrt schließlich auf
ϕ(n) = −Φ(n)ˆ
w(n).(5.23)
W¨
ahrend die Matrix A(n) nur f¨
ur K=Lquadratisch ist, handelt es sich
bei Φ(n) = ΦT(n) immer um eine quadratische Matrix der Dimension L×L.
Geht man davon aus, dass Φ(n) nicht singul¨
ar ist, existiert die Inverse und der
optimale Koeffizientenvektor kann zu
ˆ
w(n) = −Φ−1(n)ϕ(n) (5.24)
bestimmt werden. F¨
ur K > L existieren mehr Gleichungen als Unbekannte.
Die L¨
osung nach dem Verfahren der kleinsten Fehlerquadrate f¨
uhrt f¨
ur diesen
Fall auf den Koeffizientenvektor ˆ
w(n), der die Summe des Fehlerquadrats ¨
uber
das gleitende Fenster der L¨
ange Kminimiert.
Da die Wertepaare innerhalb des Rechteckfensters der L¨
ange Kausgewer-
tet werden, h¨
angt ˆ
w(n) auch nur von diesen KWerten ab. Aktuelle Signal-
werte haben f¨
ur große Fensterl¨
angen aufgrund der zeitlichen Mittelung einen
immer geringeren Einfluss auf die Bestimmung von ˆ
w(n). Zus¨
atzlich ist f¨
ur
jedes Berechnungsintervall die Inverse Φ−1(n) zu bestimmen. Das kann mit
einem sehr hohen Berechnungsaufwand verbunden sein. Daher empfehlen sich
rekursive Verfahren, bei denen die neuen Koeffizienten nicht auf der Basis
von Gleichung (5.24) f¨
ur jedes Intervall neu ermittelt werden, sondern durch
eine Korrektur der Koeffizienten aus dem vorherigen Zeitschritt hervorgehen.
Dieser Ansatz f¨
uhrt auf den RLS-Algorithmus14.
13Die Gr¨
oßen ϕ(n) und Φ(n) sind als Summen ¨
uber determinierte Signale definiert.
Da keine statistischen Kenngr¨
oßen ben¨
otigt werden, handelt es sich beim LS-Algorithmus
um ein deterministisches Verfahren. Liegt eine statistische Betrachtung zu Grunde, stel-
len die Gr¨
oßen d(n) und ˜
x(n) Musterfunktionen von ergodischen Zufallsprozessen dar.
Sch¨
atzwerte f¨
ur den Kreuzkorrelationsvektor p(n) = E{d(n)˜
x(n)}und die Autokorrelati-
onsmatrix R(n) = E{˜
x(n)˜
xT
(n)}sind durch die Gr¨
oßen ϕ(n) und Φ(n) gegeben [H¨
ans01].
14Recursive-Least-Squares-Algorithmus
90 Kapitel 5 Adaptive Digitalfilter
5.6 RLS-Algorithmus
Neben einem gleitenden Rechteckfenster gem¨
aß der Fehlerdefinition (5.20)
kann auch ein exponentiell gewichtetes Fenster der Form
ξ(n) =
n
X
k=1
λn−ke2(k) (5.25)
mit 0 ≪λ≤1 Verwendung finden. F¨
ur λ6= 1 bekommen aktuellere Werte ein
gr¨
oßeres Gewicht zugemessen als l¨
anger zur¨
uckliegende. Mit fortschreitender
Zeit werden ¨
altere Werte quasi vergessen und man bezeichnet λdaher auch
als Forgetting-Faktor. F¨
ur den exponentiell gewichteten LS-Algorithmus lassen
sich die Ausdr¨
ucke
ϕ(n) =
n
X
k=1
λn−kd(k)˜
x(k) und Φ(n) =
n
X
k=1
λn−k˜
x(k)˜
xT(k) (5.26)
angeben.15 Man sieht, dass eine rekursive Berechnung dieser Gr¨
oßen durch
Φ(n) = λΦ(n−1) + ˜
x(n)˜
xT(n),(5.27a)
ϕ(n) = λϕ(n−1) + d(n)˜
x(n) (5.27b)
gegeben ist [Bron93,Hayk02]. Zur Reduzierung der Komplexit¨
at von O{L3}
auf O{L2}bietet sich die Vermeidung einer direkten Invertierung von Φ(n)
an. Mit dem als Sherman-Morrison-Identit¨
at bezeichneten Lemma l¨
asst sich
eine rekursive Berechnung der inversen Matrix durchf¨
uhren, die sich zu
Φ−1(n) = λ−1Φ−1(n−1) −Φ−1(n−1)˜
x(n)˜
xT(n)Φ−1(n−1)
λ+˜
xT(n)Φ−1(n−1)˜
x(n)(5.28)
ergibt [Bron93]. Die Definition
Φ−1(n) = P(n) (5.29)
erlaubt mit der Kalman-Verst¨
arkung
κ(n) = P(n−1)˜
x(n)
λ+˜
xT(n)P(n−1)˜
x(n)(5.30)
schließlich die Herleitung der kompakteren Darstellung
P(n) = λ−1P(n−1) −κ(n)˜
xT(n)P(n−1).(5.31)
15Interpretiert man d(n) und ˜
x(n) wieder als Musterfunktionen von ergodischen Zu-
fallsprozessen, k¨
onnen ϕ(n) und Φ(n) als entsprechend normierte Sch¨
atzwerte f¨
ur die
Kreuzkorrelation von d(n) und ˜
x(n) sowie die Autokorrelation von ˜
x(n) angesehen werden.
5.6 RLS-Algorithmus 91
Aus der Umformung von Gleichung (5.30) gem¨
aß
κ(n) = λ−1P(n−1) −κ(n)˜
xT(n)P(n−1)˜
x(n) (5.32)
geht nach einem Vergleich mit Gleichung (5.31) die Beziehung
κ(n) = P(n)˜
x(n) (5.33)
hervor [KM96,Hayk02]. Im statistischen Kontext kann P(n) auch als skalierte
Kovarianzmatrix des gesch¨
atzten Koeffizientenvektors ˆ
w(n) gem¨
aß
P(n) = 1
σ2E[ˆ
w(n)−ˆ
wopt(n)] [ ˆ
w(n)−ˆ
wopt(n)]T(5.34)
interpretiert werden, wobei der Skalierungsfaktor σ2nicht n¨
aher spezifiziert
sei [Bron93,Hayk02].
5.6.1 Rekursionsgleichung f¨
ur den Koeffizientenvektor
Ausgangspunkt zur Herleitung der Rekursionsgleichung ist die Gleichung
ˆ
w(n) = −P(n)ϕ(n).(5.35)
Ziel ist es, den Koeffizientenvektor ˆ
w(n) mit Hilfe von Gr¨
oßen aus dem letzten
Zeitschritt n−1 zu bestimmen. Das Einsetzen von Gleichung (5.27b) f¨
uhrt
zun¨
achst auf
ˆ
w(n) = −λP(n)ϕ(n−1) −P(n)˜
x(n)d(n).(5.36)
Wird der erste Ausdruck f¨
ur P(n) durch den aus Gleichung (5.31) ersetzt, l¨
asst
sich mit ˆ
w(n−1) = −P(n−1)ϕ(n−1) und der Kalman-Verst¨
arkung (5.33)
die Rekursionsgleichung
ˆ
w(n) = ˆ
w(n−1) −κ(n)d(n) + ˆ
wT(n−1)˜
x(n)(5.37)
formulieren. Der a priori Fehler
e(n|n−1) = d(n) + ˆ
wT(n−1)˜
x(n) (5.38)
erfasst die Abweichung, die vor einer Aktualisierung des Koeffizientenvektors
zwischen der Gr¨
oße d(n) und dem aus ˆ
w(n−1) sowie ˜
x(n) gebildeten Sch¨
atz-
wert zu beobachten ist. Da dieser auch die Information enth¨
alt, die durch d(n)
und ˜
x(n) neu hinzu kommt, spricht man in diesem Zusammenhang auch von
der Innovation [H¨
ans01]. Der rekursive Algorithmus in Gleichung (5.37) ba-
siert auf dem a priori Fehler, w¨
ahrend dem eigentlichen LS-Algorithmus der
Fehler e(n) zu Grunde liegt.
Im Kontext eines ANC-Systems ist jedoch im Gegensatz zum Fehler e(n)
der a priori Fehler beziehungsweise das Signal d(n) messtechnisch nicht zu-
g¨
anglich. Ersetzt man daher in der Rekursionsgleichung den a priori Fehler
92 Kapitel 5 Adaptive Digitalfilter
durch die gemessene Gr¨
oße e(n) und verschiebt f¨
ur eine praktische Implemen-
tierung den Z¨
ahlindex beim Koeffizientenvektor um einen Zeitschritt, erh¨
alt
man die Rekursionsgleichung [KM96]
ˆ
w(n+ 1) = ˆ
w(n)−κ(n)d(n) + ˆ
wT(n)˜
x(n)
=ˆ
w(n)−κ(n)e(n).(5.39)
Eine vollst¨
andige Darstellung der zu implementierenden Rekursionsglei-
chungen kann dem Anhang Centnommen werden. Als Startwert f¨
ur P(0)
bietet sich eine Diagonalmatrix der Gestalt
P(0) = c−1IL(5.40)
an. Der Regularisierungsfaktor kann zu c=σ2
˜xgew¨
ahlt werden, wobei σ2
˜xder
Varianz der Gr¨
oße ˜x(n) entspricht.
5.6.2 Eigenschaften des RLS-Algorithmus
Wird beim RLS-Algorithmus P(n) = µILgew¨
ahlt, ergibt sich die Kalman-
Verst¨
arkung zu κ(n) = µ˜
x(n) und man erh¨
alt die Rekursionsgleichung (5.15)
des LMS-Algorithmus. Den LMS-basierten Verfahren unterliegt also die Annah-
me, dass es sich bei ˜x(n) um weißes Rauschen mit der Varianz σ2
˜x=µ−1han-
delt [Hayk02]. Daher besitzt typischerweise der RLS-Algorithmus eine h¨
ohere
Konvergenzgeschwindigkeit als der LMS-Algorithmus und ist dar¨
uber hinaus
gegen¨
uber großen Eigenwertspreizungen bez¨
uglich der Autokorrelationsmatrix
des Referenzsignals unempfindlich [Bron93,HSZ+97]. Zur D¨
ampfung von Sig-
nalen, bei denen monofrequente Signalanteile dominieren, sind RLS-Verfahren
deshalb h¨
aufig geeigneter [SAG93].
Der RLS-Algorithmus weist die Komplexit¨
at O{L2}auf, die f¨
ur einige Real-
zeitanwendungen zu hoch sein kann. Der Einsatz diesbez¨
uglich verbesserter
Varianten mit der Komplexit¨
at O{L}[Alex86,Bron93,SG94,Saye03] ist f¨
ur
diese Arbeit jedoch nicht erforderlich.
Wird die Varianz des Referenzsignals ˜x(n) zu klein, kann h¨
aufig ein Aufklin-
gen von P(n) beobachtet werden. Um den RLS-Algorithmus zu stabilisieren,
bietet sich beispielsweise das Hinzuf¨
ugen eines Rauschsignals zum Referenz-
signal ˜x(n) an. Eine weitere M¨
oglichkeit besteht im ¨
Uberwachen von P(n). Ist
ein Aufklingen zu beobachten, wird P(n) durch eine entsprechend gew¨
ahlte
positiv-definite Matrix ersetzt [Mosc95]
In der Literatur wird h¨
aufig die Ansicht vertreten [Bron93,KM96], dass
lediglich durch Einf¨
uhrung des Wichtungsfaktors λder RLS-Algorithmus in
die Lage versetzt wird, sich an nicht-station¨
are Bedingungen anzupassen. Das
ist jedoch nur bedingt der Fall. Es ¨
uberrascht daher nicht, dass der LMS-
Algorithmus h¨
aufig bessere Tracking-Eigenschaften aufweist [HSZ+97]. Die
Einf¨
uhrung des exponentiellen Wichtungsfaktors l¨
asst sich vielmehr durch die
5.7 ERLS-Algorithmus 93
Tatsache rechtfertigen, dass w¨
ahrend der Adaptation eine m¨
oglicherweise ge-
gen null strebende Kalman-Verst¨
arkung verhindert wird [JC92] und damit
die Tracking-Eigenschaften moderat verbessert werden.
5.7 ERLS-Algorithmus
Mit einer Formulierung im Zustandsraum gelang es Kalman, ein Filterverfah-
ren f¨
ur zeitdiskrete Signale anzugeben, das im Gegensatz zum Wiener-Filter
auch f¨
ur nicht-station¨
are Signale sowie einen endlichen Beobachtungszeitraum
geeignet ist [Kalm60]. Das Filter setzt ein Zustandsraummodell voraus, des-
sen Zustandsvektor mit Hilfe der beobachteten Eingangs- und Ausgangsgr¨
oßen
gesch¨
atzt wird. Der Zustandsvektor kann auch als Koeffizientenvektor ˆ
w(n) in-
terpretiert werden, den es optimal zu sch¨
atzen gilt. Der Sch¨
atzwert ist bei mini-
maler Varianz des Sch¨
atzfehlers erwartungstreu. Die Bestimmung des Sch¨
atz-
werts erfolgt im Gegensatz zum Wiener-Filter rekursiv [H¨
ans01].
Der RLS-Algorithmus stellt eine spezielle Form des Kalman-Filters dar.
Bei entsprechender Skalierung der Gr¨
oßen des RLS-Algorithmus korrespon-
dieren diese mit denen des Kalman-Filters. Diese formale Analogie erlaubt
es, L¨
osungsans¨
atze aus einem Bereich auf den anderen Bereich zu ¨
ubertra-
gen [Hayk02,Saye03,SK94]. Der ERLS-Algorithmus16 basiert ebenfalls auf
einer solchen Analogie zum Kalman-Filter [HSZ+97].
F¨
ur die weiteren Betrachtungen wird davon ausgegangen, dass sich das
lineare zeitvariante System, dessen Parameter zu sch¨
atzen sind, durch ein li-
neares Regressionsmodell mit dem Koeffizientenvektor
w(n) = [w0(n)w1(n). . . wL−1(n)]T(5.41)
modellieren l¨
asst, dem das Zustandsmodell
w(n+ 1) = Fw(n+ 1, n)w(n) + rw(n),(5.42a)
d(n) = uT(n)w(n) + vw(n) (5.42b)
zu Grunde liegt.17 Die ¨
Ubergangsmatrix wird durch Fw(n+1, n) und das Sys-
temrauschen durch rw(n) repr¨
asentiert, w¨
ahrend der Gr¨
oße d(n) das Mess-
rauschen vw(n)¨
uberlagert ist. Die Sch¨
atzwerte dieser Systemgr¨
oßen seien im
Weiteren durch Fˆw(n+ 1, n) und rˆw(n) sowie vˆw(n) symbolisiert.18 Bei rˆw(n)
16Extended-Recursive-Least-Squares-Algorithmus
17Eine Spezifizierung der in Gleichung (5.42) enthaltenen Gr¨
oßen in Zufallsprozesse oder
determinierte Gr¨
oßen erscheint an dieser Stelle nicht notwendig, da zwischen beiden For-
mulierungen eine strukturelle Analogie besteht [Saye03].
18Die Sch¨
atzwerte Fˆw(n+1, n) und rˆw(n) sowie vˆw(n) wurden zur Abgrenzung zwischen
den Gr¨
oßen zur Beschreibung des physikalischen Systems und den Gr¨
oßen zur Koeffizien-
tensch¨
atzung eingef¨
uhrt. Die L¨
ange Ldes zu sch¨
atzenden Koeffizientenvektors ˆ
w(n) wird
h¨
aufig gegen¨
uber der Parameteranzahl Ldes physikalischen Systems k¨
urzer gew¨
ahlt. Zu-
s¨
atzlich erfolgt oft die Approximation von Fw(n+ 1, n) durch eine Konstante.
94 Kapitel 5 Adaptive Digitalfilter
und vˆw(n) handelt es sich um zwei unkorrelierte mittelwertfreie weiße Rausch-
prozesse, f¨
ur die
Erˆw(n)rT
ˆw(n)=ˆ
Qˆw(n) und Ev2
ˆw(n)=σ2
ˆw(n) (5.43)
sowie
Erˆw(n)vˆw(n)=0L(5.44)
gelten soll [SK95]. Das Zustandsmodell (5.42) stellt ein Markov-Modell erster
Ordnung dar [Bron93,HSZ+97]. Das Ziel ist es nun, mit Hilfe der messtech-
nisch zug¨
anglichen Gr¨
oßen ˜
x(n) und e(n) = d(n) + ˆ
wT(n)˜
x(n) unter Vorgabe
des Startvektors ˆ
w(0) den Koeffizientenvektor ˆ
w(n) so zu sch¨
atzen, dass der
Fehler
ξ(n) = [ ˆ
w(0) −¯
w]TΠ−1
ˆw[ˆ
w(0) −¯
w] +
K
X
k=1
rT
ˆw(k)ˆ
Q−1
ˆw(k)rˆw(k) +
K
X
k=1
e2(k)
σ2
ˆw(k)
(5.45)
minimal wird, wobei σ2
ˆw(n) sowie die positiv-definiten Matrizen ˆ
Qˆw(n) und Πˆw
als bekannt vorauszusetzen sind. Durch die Vorgabe von Πˆwund ¯
wlassen
sich a priori Information zur Minimierung des Fehlers ξ(n) einbetten.19 Eine
Minimierung mit Hilfe der Theorie zum klassischen Kalman-Filter, die et-
wa [SK95] entnommen werden kann, f¨
uhrt mit den Startwerten ˆ
w(0) = ¯
w
und P(0) = Πˆwzun¨
achst auf die Rekursionsgleichungen
re(n) = σ2
ˆw(n) + ˜
xT(n)P(n)˜
x(n),(5.46a)
e(n) = d(n) + ˆ
wT(n)˜
x(n),(5.46b)
κ(n) = Fˆw(n+ 1, n)P(n)˜
x(n)r−1
e(n),(5.46c)
N(n) = P(n)−P(n)˜
x(n)˜
xT(n)P(n)r−1
e(n),(5.46d)
P(n+ 1) = Fˆw(n+ 1, n)N(n)FT
ˆw(n+ 1, n) + ˆ
Qˆw(n),(5.46e)
ˆ
w(n+ 1) = Fˆw(n+ 1, n)ˆ
w(n)−κ(n)e(n).(5.46f)
F¨
ur das weitere Vorgehen sollen die Vereinfachungen
Fˆw(n+ 1, n) = aˆwILund ˆ
Qˆw(n) = ˆq2
ˆw(n)IL(5.47)
19Mit Π−1
ˆw=cILkann direkt Einfluss auf die Optimierung genommen werden. Vermu-
tet man vorab, dass ¯
wdem tats¨
achlichen ˆ
w(n) sehr nahe kommen wird, ist centsprechend
groß zu w¨
ahlen. Sind dagegen keine verl¨
asslichen a priori Information vorhanden, sollte c
klein oder zu c= 0 gew¨
ahlt werden. Dieser Sachverhalt l¨
asst sich unter statistischen Ge-
sichtspunkten zu
Πˆw=E[ˆ
w(0) −¯
w] [ ˆ
w(0) −¯
w]T
formulieren. F¨
ur rˆw(n) = 0 f¨
uhrt die Gleichung (5.45) zu den so genannten regularisierten
LS-Verfahren [Saye03].
5.7 ERLS-Algorithmus 95
gelten, so dass sich mit
M(n) = 1
σ2
ˆw(n)P(n) und r(n) = re(n)
σ2
ˆw(n)sowie q2
ˆw(n) = ˆq2
ˆw(n)
σ2
ˆw(n)(5.48)
die Rekursionsgleichungen des ERLS-Algorithmus zu
r(n) = 1 + ˜
xT(n)M(n)˜
x(n),(5.49a)
e(n) = d(n) + ˆ
wT(n)˜
x(n),(5.49b)
κ(n) = aˆwM(n)˜
x(n)r−1(n),(5.49c)
Qˆw(n) = q2
ˆw(n)IL,(5.49d)
M(n+ 1) = a2
ˆwM(n)−M(n)˜
x(n)˜
xT(n)M(n)r−1(n)+Qˆw(n),(5.49e)
ˆ
w(n+ 1) = aˆwˆ
w(n)−κ(n)e(n) (5.49f)
formulieren lassen [Saab95,SK95]. Als Startwerte bieten sich ˆ
w(0) = 0L
und M(0) = c−1
ˆwILan. Eine Darstellung der zu implementierenden Rekur-
sionsgleichungen kann dem Anhang Czusammenfassend entnommen werden.
Der Adaptationsparameter q2
ˆw(n) ist in Abh¨
angigkeit von den am Fehler-
mikrofon str¨
omungsinduzierten Schallanteilen und den zu erwartenden ¨
Ande-
rungen der Systemparameter vorzugeben. Die Abstimmung der Adaptations-
parameter wird auch als Tuning beziehungsweise Fine-Tuning bezeichnet und
im Rahmen eines Kovarianzmanagements im n¨
achsten Kapitel bez¨
uglich einer
gleichzeitigen Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads thematisiert.
Der ERLS-Algorithmus weist ebenfalls wie der RLS-Algorithmus die Kom-
plexit¨
at O{L2}auf. In [Bron93] wurde eine schnelle Variante mit O{L}vor-
gestellt. Diese ist jedoch aufgrund der fehlenden rekursiven Sch¨
atzung der Ko-
varianzmatrix nicht dem vollst¨
andigen ERLS-Algorithmus ¨
aquivalent, so dass
nur suboptimales Verhalten vorliegt. Daher beschr¨
anken sich die folgenden Be-
trachtungen auf den vollst¨
andigen ERLS-Algorithmus in Form der Rekursions-
gleichungen (5.49). Die Reduzierung seiner Komplexit¨
at unter Beibehaltung
der guten Tracking-Eigenschaften bleibt weiteren Arbeiten vorbehalten.
Ein Vergleich der Rekursionsgleichungen (5.49) mit den Gleichungen des
RLS-Algorithmus aus Abschnitt 5.6 zeigt, dass dort zum einen mit q2
ˆw(n) = 0
kein Systemrauschen in den Rekursionsgleichungen ber¨
ucksichtigt wird und
zum anderen das Messrauschen zu σ2
ˆw(n) = 1 angesetzt worden ist. Liegt
dem zeitvarianten physikalischen System jedoch das Zustandsmodell (5.42)
zu Grunde, wird direkt ersichtlich, dass der RLS-Algorithmus mit λ= 1 von
einem Zustands¨
ubergang der Form w(n+ 1) = w(n) ausgeht. Dieser wird
zeitvariantem Verhalten nicht gerecht und begr¨
undet damit im Vergleich zum
ERLS-Algorithmus die m¨
aßigen Tracking-Eigenschaften.
Zum Einsatz des ERLS-Algorithmus in einem adaptiven ANC-System ist
obgleich seiner guten Tracking-Eigenschaften bisher wenig publiziert worden.
96 Kapitel 5 Adaptive Digitalfilter
Diesbez¨
uglich sind speziell die Arbeiten von Bronzel und Lopes et al. zu
erw¨
ahnen, die beide zus¨
atzlich die im Anhang Cdargestellte MFx-Struktur ver-
wendeten [Bron93,LP00]. W¨
ahrend Bronzel bei seinen Untersuchungen einen
zeitinvarianten Sekund¨
arpfad voraussetzte, wurde dagegen von Lopes et al.
ein ERLS-basiertes Verfahren vorgestellt, welches eine Online-Modellierung des
Sekund¨
arpfads erm¨
oglicht.
F¨
ur diese Arbeit sind ebenfalls ANC-Systeme relevant, die eine Online-
Modellierung des Sekund¨
arpfads erlauben. Dazu ist zum einen das Verbesse-
rungspotenzial bei dem Konzept von Lopes et al. mit Hilfe eines Kovari-
anzmanagements auszusch¨
opfen. Zum anderen bietet sich die Einbettung des
ERLS-Algorithmus in ein verbessertes Verfahren zur Online-Modellierung an,
das sich ebenfalls auf ein Kovarianzmanagement st¨
utzt. Die neuen Ans¨
atze sind
schließlich bez¨
uglich ihrer Leistungsf¨
ahigkeit zu untersuchen und zu bewerten.
KAPITEL 6
Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads
Die im vorherigen Kapitel vorgestellten adaptiven Konzepte erlauben in einem
ANC-System die Ber¨
ucksichtigung eines zeitvarianten Prim¨
arpfads und set-
zen zus¨
atzlich voraus, dass f¨
ur den Sekund¨
arpfad eine hinreichend genaue
Sch¨
atzung seines ¨
Ubertragungsverhaltens vorliegt. Diese Sch¨
atzung muss vor-
ab (offline) erfolgen. In vielen Anwendungsf¨
allen liegt dem Sekund¨
arpfad je-
doch ebenfalls zeitvariantes Verhalten zu Grunde, so dass sein ¨
Ubertragungs-
verhalten im Betrieb des ANC-Systems zu adaptieren ist.
Einige Konzepte zur Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads basieren auf
einer blockweisen Datenauswertung der messtechnisch zug¨
anglichen Signale im
Frequenzbereich [KS05a,JYXL07]. Aufgrund der blockweisen Verarbeitung in
Kombination mit der Annahme, dass sich das ¨
Ubertragungsverhalten w¨
ahrend
der Aufnahme eines Datenblocks nicht ver¨
andert, eignen sich diese Ans¨
atze
nur f¨
ur die Adaptation langsam ver¨
anderlicher Systemparameter. Daher finden
diese im Weiteren keine Ber¨
ucksichtigung.
Andere Konzepte verwenden gem¨
aß Abbildung 6.1 das zus¨
atzliche adaptive
Filter ˆ
S(z).1Das Ausgangssignal des adaptiven Kompensationsfilters ˆ
W(z)
dient dem adaptiven Sekund¨
arfilter ˆ
S(z) als Anregungssignal zur Sch¨
atzung
des physikalischen Sekund¨
arpfads S(z). Es wird in dieser Arbeit vorausgesetzt,
dass sich ˆ
S(z) durch eine Transversalfilterstruktur mit dem Koeffizientenvektor
ˆ
s(n) = [ˆs0(n) ˆs1(n). . . ˆsN−1(n)]T(6.1)
beschreiben l¨
asst, wobei ˆs(n) die zugeh¨
orige Impulsantwort kennzeichnet. For-
muliert man mit Hilfe von Abbildung 6.1 die Fehlergleichung
eˆs(n) = [ˆs(n)−s(n)] ∗y(n)−d(n),(6.2)
wird die Problematik bez¨
uglich dieser Form der Online-Modellierung deutlich.
Dem Fehler eˆs(n) ist der St¨
orterm d(n)¨
uberlagert, der eine direkte Identifi-
kation von s(n) erschwert. Dar¨
uber hinaus h¨
angt die Online-Modellierung des
Sekund¨
arpfads von den Eigenschaften des anregenden Signals y(n) ab.
1Auch wenn die aus der Literatur bekannten Verfahren meist keine MFx-Anordnung
verwendeten, soll diese im Anhang Cdargestellte Struktur zur Adaptation von ˆ
W(z) im
Folgenden dort zum Einsatz kommen, wo das m¨
oglich ist.
97
98 Kapitel 6 Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads
P(z)
S(z)
ˆ
S(z)
ˆ
W(z)
d(n)
Hx(z)
x(n)
u(n)e(n)
y(n)
yˆs(n)
ys(n)
eˆs(n)
Adaptations-
algorithmus
MFx-
Algorithmus
Abbildung 6.1: Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads [KM96]
Die robuste Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads sollte unabh¨
angig vom
Signal y(n) und demnach von der Sch¨
atzung von ˆw(n) sein. Zus¨
atzlich darf
der Algorithmus zur Sch¨
atzung von ˆs(z) nicht in den adaptiven Prozess zur
St¨
orsignald¨
ampfung eingreifen. Beide Forderungen schließen sich jedoch ge-
genseitig aus, so dass ein Kompromiss erforderlich ist. In der Literatur wurden
daher verbesserte Konzepte vorgestellt, die sich auf zwei grunds¨
atzliche Prin-
zipien reduzieren lassen. Eine Gruppe von Verfahren verwendet ein zus¨
atzlich
hinzugef¨
ugtes Rauschsignal zur Sch¨
atzung des Sekund¨
arpfads. Die anderen,
so genannten nicht-invasiven Methoden, verzichten auf ein Rauschsignal und
f¨
uhren eine Adaptation mit Hilfe von intern verf¨
ugbaren Signalen durch. Die
Ans¨
atze, die ein hinzugef¨
ugtes Rauschsignal verwenden, tragen im Folgenden
das Akronym AN2, w¨
ahrend die zweite Gruppe von Verfahren durch OM3ge-
kennzeichnet ist.
6.1 AN-Verfahren nach Eriksson et al.
Das Grundprinzip zur Online-Modellierung mit einer zus¨
atzlichen Rauschquel-
le wurde von Eriksson et al. erarbeitet und ist schematisch in Abbildung 6.2
dargestellt [EA89]. Durch das eingekoppelte mittelwertfreie weiße Rauschsig-
nal v(n), welches mit dem St¨
orsignal u(n) unkorreliert ist, soll die Online-
Modellierung des Sekund¨
arpfads ¨
uber den gesamten Frequenzbereich unab-
h¨
angig von dem eigentlichen Adaptationsprozess zur Generierung des Gegen-
schallsignals werden. Da sich der Rauschanteil s(n)∗v(n) dem zu d¨
ampfenden
2Added-Noise
3Overall-Modeling
6.2 AN-Verfahren nach Zhang et al. 99
P(z)
S(z)
ˆ
S(z)
ˆ
W(z)
d(n)
Hx(z)
v(n)
x(n)
u(n)e(n)
y(n)
yˆs(n)
ys(n)
eˆs(n)
Adaptations-
algorithmus
Rausch-
generator
MFx-
Algorithmus
Abbildung 6.2: Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads mit Hilfe eines zus¨
atzlichen
Rauschgenerators nach Eriksson et al. [EA89]
Signal ¨
uberlagert, ist die Rauschleistung ad¨
aquat vorzugeben. Zur Sch¨
atzung
von ˆs(n) wird der Fehler
eˆs(n) = [ˆs(n)−s(n)] ∗v(n)−d(n)−s(n)∗y(n)
= [ˆs(n)−s(n)] ∗v(n)−ev(n)(6.3)
herangezogen. Die Gr¨
oße ev(n) = d(n) + s(n)∗y(n) st¨
ort die Identifikation
des Sekund¨
arpfads. Dar¨
uber hinaus kann sie die Konvergenzeigenschaften des
Verfahrens beeintr¨
achtigen und zur Divergenz f¨
uhren.
Das Rauschsignal v(n) wirkt sich ebenfalls auf die Sch¨
atzung von ˆw(n) aus,
da der Adaptationsalgorithmus das Fehlersignal
e(n) = d(n) + s(n)∗[y(n) + v(n)]
=ev(n) + s(n)∗v(n)(6.4)
verwendet, dem die Gr¨
oße s(n)∗v(n)¨
uberlagert ist. Liegt der adaptiv ge-
sch¨
atzte Koeffizientenvektor ˆ
w(n) im Bereich der optimalen L¨
osung, wird der
Einfluss von s(n)∗v(n) auf den Fehler e(n) besonders pr¨
agnant [ZLS01]. Die
Beeinflussung l¨
asst sich durch eine Pegelabsenkung von v(n) verringern. Je-
doch reduziert eine kleine Signalleistung die Konvergenzgeschwindigkeit, so
dass ein Kompromiss bei der Abstimmung zu finden ist.
6.2 AN-Verfahren nach Zhang et al.
F¨
ur das Konzept von Eriksson et al. wurden zahlreiche Verbesserungen vor-
gestellt. Diese setzen etwa bei der Kompensation des Fehlerterms ev(n) in der
100 Kapitel 6 Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads
P(z)
S(z)
ˆ
S(z)
ˆ
P(z)
ˆ
W(z)
d(n)
Hx(z)
v(n)
x(n)
u(n)e(n)
y(n)
yˆs(n)
yˆp(n)
ys(n)
eˆs(n)
eˆw(n)
eˆp(n)
Adaptations-
algorithmus
Adaptations-
algorithmus
MFx-
Algorithmus
Rausch-
generator
Abbildung 6.3: Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads nach Zhang et al. [ZLS01]
Gleichung (6.3) f¨
ur eˆs(n) an. Dazu wird der Einsatz eines dritten adaptiven
Filters ˆ
P(z) notwendig, welches im Weiteren als Prim¨
arfilter bezeichnet wird.
F¨
ur das Prim¨
arfilter ˆ
P(z) mit der dazugeh¨
origen Impulsantwort ˆp(n) soll eine
Transversalfilterstruktur mit den Filterkoeffizienten
ˆ
p(n) = [ˆp0(n) ˆp1(n). . . ˆpM−1(n)]T(6.5)
zum Einsatz kommen. W¨
ahrend sich das von Kuo et al. erarbeitete Verfah-
ren nur f¨
ur schmalbandige Signale eignet [KV97], empfiehlt sich der Ansatz von
Bao et al. auch f¨
ur breitbandige Signale [BSB93b]. Beide Konzepte widme-
ten sich jedoch nicht der Problematik bez¨
uglich des Terms s(n)∗v(n) in der
Fehlergleichung zur Sch¨
atzung von ˆw(n). Daf¨
ur bietet sich das Verfahren von
Zhang et al. an, das exemplarisch in Abbildung 6.3 dargestellt ist [ZLS01].
Die Bestimmung von ˆp(n) basiert mit s(n)≈ˆs(n) auf der Fehlergleichung
eˆp(n) = ˆp(n)∗x(n)−d(n)−s(n)∗y(n)
= ˆp(n)∗x(n)−ev(n).(6.6)
Bei Konvergenz gilt ev(n)≈ˆp(n)∗x(n) und die Fehlergleichung zur Online-
Modellierung des Sekund¨
arpfads kann zu
eˆs(n) = [ˆs(n)−s(n)] ∗v(n)−ev(n) + ˆp(n)∗x(n)
≈[ˆs(n)−s(n)] ∗v(n)(6.7)
6.3 OM-Verfahren nach Eriksson 101
formuliert werden. Durch die Verwendung des modifizierten Fehlers eˆw(n) re-
duziert sich f¨
ur den optimalen Fall ˆs(n)≈s(n) ebenfalls der Einfluss des
Rauschsignals v(n) auf die Sch¨
atzung von ˆw(n), da mit ˆs(n)≈s(n)
eˆw(n) = e(n)−ˆs(n)∗v(n)
≈d(n) + s(n)∗y(n)(6.8)
gilt. Verbesserte Strategien zur Pegelanpassung von v(n) sind [LZS02,ZLS03]
zu entnehmen. W¨
ahrend die publizierten Untersuchungen zu den AN-Verfahren
meistens auf einer LMS-Kostenfunktion basieren, wobei eine diesbez¨
ugliche
statistische Analyse sowie eine simulationstechnische Untersuchung der so-
eben vorgestellten Verfahren etwa [ZLS05] zu entnehmen sind, lassen sich auch
die weiteren im vorherigen Kapitel erl¨
auterten Algorithmen zur Bestimmung
von ˆ
w(n), ˆ
s(n) und ˆ
p(n) verwenden. F¨
ur andere AN-Konzepte sei abschließend
auf [ZLS00,AAK05,AAK06] verwiesen.
K¨
onnen die Filterkoeffizienten nicht mit der ben¨
otigten Genauigkeit iden-
tifiziert werden, divergieren die AN-Verfahren h¨
aufig unmittelbar. Zur Stabili-
sierung bietet sich die Beschr¨
ankung der Norm von kˆ
w(n)k,kˆ
s(n)kund kˆ
p(n)k
an [ZLS03]. Begr¨
undet dadurch, dass sich die Sch¨
atzungen von ˆ
w(n) und ˆ
s(n)
gegenseitig beeinflussen, weisen AN-basierte Ans¨
atze trotz der zahlreich publi-
zierten Verbesserungen weiterhin inh¨
arent schlechte Tracking-Eigenschaften
auf [ZLS03]. Das best¨
atigten ebenfalls eigene Beobachtungen bez¨
uglich der
simulationstechnisch untersuchten D¨
ampfung in einem R¨
ohrensystem. Daher
wurde der Einsatz von AN-Konzepten in dieser Arbeit nicht favorisiert. Unter
dem Tracking-Aspekt sind die OM-Verfahren als leistungsf¨
ahiger einzustufen.
6.3 OM-Verfahren nach Eriksson
¨
Ahnlich wie die AN-Verfahren kompensieren die OM-basierten Ans¨
atze uner-
w¨
unschte Terme in der Fehlergleichung. Daf¨
ur kommt, wie in Abbildung 6.4
dargestellt, neben ˆ
S(z) das zus¨
atzliche adaptive Prim¨
arfilter ˆ
P(z) zum Einsatz.
Zur Sch¨
atzung von ˆp(n) und ˆs(n) wird bei den OM-Verfahren mit hx(n) = δ(n)
und dem daraus resultierenden Zusammenhang x(n) = u(n) der Fehler
eˆp,ˆs(n) = ˆs(n)∗y(n) + ˆp(n)∗x(n)−e(n)
= [ˆs(n)−s(n)] ∗y(n) + [ˆp(n)−p(n)] ∗x(n)(6.9)
zu Grunde gelegt, w¨
ahrend p(n) die Impulsantwort des Prim¨
arpfads P(z) be-
zeichnet.4Mit der Notation
ˆ
c(n) = [ ˆ
pT(n)ˆ
sT(n)]T(6.10)
4Wie im Abschnitt 5.2 erw¨
ahnt, erscheint bei ad¨
aquater Auswahl des Referenzsensors
die Absch¨
atzung x(n)≈kxu(n) erlaubt. Der Proportionalit¨
atsfaktor kxl¨
asst sich zum
einen durch eine Skalierung entsprechender Signale im ANC-System ber¨
ucksichtigen oder
zum anderen direkt durch den Koeffizientenvektor ˆ
p(n) beziehungsweise ˆ
w(n) adaptieren.
102 Kapitel 6 Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads
P(z)
S(z)
ˆ
S(z)
ˆ
P(z)
ˆ
W(z)
d(n)
Hx(z)
x(n)
u(n)e(n)
y(n)
yˆs(n)
yˆp(n)
ys(n)
eˆp,ˆs(n)
Adaptations-
algorithmus
MFx-
Algorithmus
Abbildung 6.4: Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads nach Eriksson [Erik91]
und den Signalvektoren
xˆp(n) = [x(n)x(n−1) . . . x(n−M+ 1)]T,(6.11a)
yˆs(n) = [y(n)y(n−1) . . . y(n−N+ 1)]T(6.11b)
l¨
asst sich die Fehlergr¨
oße mit den zusammengesetzten Signalvektoren
ˆ
z(n) = [xT
ˆp(n)yT
ˆs(n)]T(6.12)
auch als
eˆp,ˆs(n) = ˆ
cT(n)ˆ
z(n)−e(n) (6.13)
formulieren. Die Algorithmen berechnen also unter anderem mit den Eingangs-
gr¨
oßen ˆ
z(n) und eˆp,ˆs(n) den neuen Koeffizientenvektor ˆ
c(n+ 1), so dass die
im Anhang Callgemein formulierte Darstellung der Adaptationsalgorithmen
zum Einsatz kommen kann.
Im Gegensatz zu den AN-Verfahren werden die Unbekannten ˆp(n) und ˆs(n)
auf der Grundlage von nur einer Fehlergleichung gesch¨
atzt und die Bestimmung
von ˆs(n) ist von der spektralen Zusammensetzung von y(n) abh¨
angig. F¨
ur eine
eindeutige Bestimmung der Koeffizientenvektoren ˆ
p(n) und ˆ
s(n) stehen damit
nicht genug Informationen bereit. Die Arbeiten von Saito et al. besch¨
aftig-
ten sich deshalb mit der allgemeinen Frage, unter welchen Pr¨
amissen dennoch
eine eindeutige Identifikation von ˆp(n) und ˆs(n) bei ad¨
aquater Anregung er-
folgen kann [SSIA95,SSIA96]. Eine Identifikation ist m¨
oglich, wenn die L¨
ange
6.4 OM-Verfahren nach Lopes et al. 103
der Filterimpulsantwort ˆw(n) die L¨
ange der Impulsantwort p(n) des Prim¨
ar-
pfads ¨
ubersteigt, wobei f¨
ur den Abschnitt, in dem ˆw(n) die l¨
angere Sequenz
aufweist, mindestens ein Koeffizient ungleich null vorgegeben werden muss. Da
in der Praxis die L¨
ange der Filterimpulsantwort ˆw(n) h¨
aufig k¨
urzer als p(n)
gew¨
ahlt wird, ist eine eindeutige Identifikation gem¨
aß den Ergebnissen von
Saito et al. nicht sichergestellt, so dass die AN-Verfahren h¨
aufig den Vorzug
bekommen [BSB93a,ZLS05].
Die eindeutige Identifikation des zeitvarianten Prim¨
ar- und Sekund¨
arpfads
durch ˆp(n) und ˆs(n) erscheint in einem ANC-System nicht erforderlich. Viel-
mehr werden f¨
ur die beiden zus¨
atzlich ben¨
otigten adaptiven Filter in Form
von ˆ
p(n) und ˆ
s(n) Sch¨
atzwerte gesucht, die insgesamt zu einer hohen St¨
orsig-
nald¨
ampfung f¨
uhren. Von besonderem Interesse sind im Folgenden die ERLS-
basierten Verfahren. Die Einbettung der ERLS-Verfahren in den Kontext einer
gleichzeitigen Ber¨
ucksichtigung eines zeitvarianten Prim¨
ar- und Sekund¨
arpfads
wurde von Lopes et al. erarbeitet [LP00].
6.4 OM-Verfahren nach Lopes et al.
Die Sch¨
atzung des Koeffizientenvektors ˆ
w(n) mit dem ERLS-Algorithmus ba-
siert beim Verfahren von Lopes et al. auf dem Blockschaltbild in Abbil-
dung 6.4 und dem Zustandsmodell (5.42) beziehungsweise den Rekursions-
gleichungen (5.49).5Der physikalische Prim¨
ar- und Sekund¨
arpfad sollen durch
ein lineares Regressionsmodell mit den Koeffizientenvektoren
p(n) = [p0(n)p1(n). . . pM−1(n)]T,(6.14a)
s(n) = [s0(n)s1(n). . . sN −1(n)]T(6.14b)
beschrieben werden. Dann l¨
asst sich mit den Signalvektoren
up(n) = [u(n)u(n−1) . . . u(n−M+ 1)]T,(6.15a)
ys(n) = [y(n)y(n−1) . . . y(n−N + 1)]T(6.15b)
sowie mit den Notationen
c(n) = [pT(n)sT(n)]Tund z(n) = [uT
p(n)yT
s(n)]T(6.16)
in Analogie zum Abschnitt 5.7 die Zustandsbeschreibung
c(n+ 1) = Fp,s(n+ 1, n)c(n) + rp,s(n),(6.17a)
e(n) = zT(n)c(n) + vp,s(n) (6.17b)
5Im Kontext einer Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads empfiehlt sich f¨
ur den Koef-
fizientenvektor jedoch die Initialisierung ˆ
w(0) = [1,0T
L−1]T
.
104 Kapitel 6 Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads
angeben. Im Folgenden werden diese Systemgr¨
oßen durch die Sch¨
atzwerte ˆ
c(n),
Fˆp,ˆs(n+ 1, n), rˆp,ˆs(n) und vˆp,ˆs(n) repr¨
asentiert. F¨
ur die als mittelwertfrei und
unkorreliert angenommenen weißen Rauschprozesse gelte
Erˆp,ˆs(n)rT
ˆp,ˆs(n)=ˆ
Qˆp,ˆs(n) und Ev2
ˆp,ˆs(n)=σ2
ˆp,ˆs(n).(6.18)
Zur weiteren Vereinfachung kommen die Ausdr¨
ucke
Fˆp,ˆs(n+ 1, n) = aˆp,ˆsIM+Nund ˆ
Qˆp,ˆs(n) = ˆq2
ˆp,ˆs(n)IM+N(6.19)
zum Einsatz. Mit einer Skalierung der Kovarianzmatrix der Form
Qˆp,ˆs(n) = 1
σ2
ˆp,ˆs(n)ˆ
Qˆp,ˆs(n) = q2
ˆp,ˆs(n)IM+N(6.20)
lassen sich mit ˆ
c(0) = 0M+Nund R(0) = c−1
ˆp,ˆsIM+Ndie Rekursionsgleichungen
zur Sch¨
atzung des Koeffizientenvektors zu
r(n) = 1 + ˆ
zT(n)R(n)ˆ
z(n),(6.21a)
eˆp,ˆs(n) = ˆ
cT(n)ˆ
z(n)−e(n),(6.21b)
κˆp,ˆs(n) = aˆp,ˆsR(n)ˆ
z(n)r−1(n),(6.21c)
Qˆp,ˆs(n) = q2
ˆp,ˆs(n)IM+N,(6.21d)
R(n+ 1) = a2
ˆp,ˆsR(n)−R(n)ˆ
z(n)ˆ
zT(n)R(n)r−1(n)+Qˆp,ˆs(n),(6.21e)
ˆ
c(n+ 1) = aˆp,ˆsˆ
c(n)−κˆp,ˆs(n)eˆp,ˆs(n) (6.21f)
formulieren. Zur Erzeugung eines zeitvarianten Systems f¨
ur die simulations-
technische Untersuchung wurde von Lopes et al. das Zustandsmodell (6.17)
auf der Grundlage von Gauss-Markov-Prozessen verwendet, so dass die von
ihnen verwendete Definition von Qˆp,ˆs(n) = q2
ˆp,ˆs(n)IM+Nbei entsprechender
Vorgabe der statistischen Prozesse gerechtfertigt ist.
Liegt jedoch anstelle der Gauß-Markov-Prozesse ein physikalisch moti-
viertes Modell zu Grunde, erscheint das von Lopes et al. verwendete Zu-
standsmodell nur eingeschr¨
ankt geeignet. Vielmehr ist Qˆp,ˆs(n) anders zu spe-
zifizieren. Oder pr¨
aziser ausgedr¨
uckt, die ¨
Anderungen der adaptiv zu bestim-
menden Koeffizienten um den optimalen Wert sind entsprechend durch das
Systemrauschen im Rahmen eines Kovarianzmanagements zu ber¨
ucksichtigen.
Diese Bem¨
uhungen f¨
uhren schließlich zu einem verbesserten und praxistaug-
licheren OM-Verfahren, welches im Abschnitt 6.6 vorgestellt wird, w¨
ahrend
zun¨
achst der folgende Abschnitt auf der Basis einer verbesserten Filteranord-
nung eine weitere OM-Struktur thematisiert.
6.5 OM-Verfahren nach Kohno et al. 105
replacemen
P(z)
S(z)
ˆ
S(z)
ˆ
S(z)
ˆ
P(z)
ˆ
W(z)
ˆ
W(z)
d(n)
Hx(z)
x(n)
u(n)e(n)
y(n)
yˆs(n)
yˆp(n)
ys(n)
yˆw(n)
eˆp,ˆs(n)
eˆw(n)
xˆs(n)
Adaptations-
algorithmus
Adaptations-
algorithmus
Adaptations-
algorithmus
Abbildung 6.5: Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads nach Kohno et al. [KS05b]
6.5 OM-Verfahren nach Kohno et al.
Von Kohno et al. wurde ein Konzept zur aktiven Schalld¨
ampfung vorge-
stellt [KS05b], welches zur Gruppe der OM-Verfahren z¨
ahlt [OKOS02,SO03].
Wie in Abbildung 6.5 dargestellt, kommen ebenfalls drei adaptive Filter zum
Einsatz. Durch die spezielle Anordnung der Filter er¨
ubrigt sich jedoch die Ver-
wendung einer MFx-Struktur zur Bestimmung der Koeffizienten ˆ
w(n). Gem¨
aß
Abbildung C.1 im Anhang Csind in einer MFx-Struktur insgesamt drei Fal-
tungsoperationen bez¨
uglich der Koeffizienten ˆ
w(n) und ˆ
s(n) erforderlich. Beim
Konzept von Kohno et al. sind es dagegen nur zwei.
W¨
ahrend der Fehler zur Sch¨
atzung von ˆ
p(n) und ˆ
s(n) mit eˆp,ˆs(n) in
Gleichung (6.9) identisch ist, findet f¨
ur den zu sch¨
atzenden Koeffizientenvek-
tor ˆ
w(n) die Gr¨
oße
eˆw(n) = ˆp(n)∗x(n) + ˆw(n)∗xˆs(n)
= [ˆp(n) + ˆw(n)∗ˆs(n)] ∗x(n)(6.22)
106 Kapitel 6 Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads
Verwendung. Die Minimierung der Fehlerquadrate e2
ˆw(n) und e2
ˆp,ˆs(n) erfolg-
te mit Hilfe des NLMS-Algorithmus. Den Ausf¨
uhrungen von Kohno et al.
folgend, lassen sich daher mit
ǫˆp,ˆs(n) = eˆp,ˆs(n)
1 + µˆpkxˆp(n)k2+µˆskyˆs(n)k2,(6.23a)
ǫˆw(n) = eˆw(n)
1 + µˆwkxˆw(n)k2(6.23b)
die Rekursionsgleichungen zu
ˆ
p(n+ 1) = ˆ
p(n)−µˆpxˆp(n)ǫˆp,ˆs(n),(6.24a)
ˆ
s(n+ 1) = ˆ
s(n)−µˆsyˆs(n)ǫˆp,ˆs(n),(6.24b)
ˆ
w(n+ 1) = ˆ
w(n)−µˆwxˆw(n)ǫˆw(n) (6.24c)
formulieren. Die Signalvektoren setzen sich aus den Gleichungen (6.11) und
xˆw(n) = [xˆs(n)xˆs(n−1) . . . xˆs(n−L+ 1)]T(6.25)
zusammen. Die Erweiterung des Verfahrens von Kohno et al. zur Einbettung
von ERLS-basierten Algorithmen wird im n¨
achsten Abschnitt im Kontext eines
verbesserten OM-Verfahrens vorgestellt.
6.6 Verbessertes OM-Verfahren
In die von Kohno et al. vorgestellte OM-Struktur wurde in dieser Arbeit der
ERLS-Algorithmus eingebettet. Man erh¨
alt die strukturelle Anordnung in Ab-
bildung 6.6. W¨
ahrend die Rekursionsgleichungen (6.21) von Lopes et al. zur
Bestimmung von ˆ
p(n) und ˆ
s(n) g¨
ultig sind, basiert dagegen die Bestimmung
von ˆ
w(n) auf den Rekursionsgleichungen
r(n) = 1 + xT
ˆw(n)M(n)xˆw(n),(6.26a)
eˆw(n) = ˆ
pT(n)xˆp(n) + ˆ
wT(n)xˆw(n),(6.26b)
κ(n) = aˆwM(n)xˆw(n)r−1(n),(6.26c)
M(n+ 1) = a2
ˆwM(n)−M(n)xˆw(n)xT
ˆw(n)M(n)r−1(n)+Qˆw(n),(6.26d)
ˆ
w(n+ 1) = aˆwˆ
w(n)−κ(n)eˆw(n),(6.26e)
wobei Qˆw(n) zun¨
achst nicht genauer spezifiziert sei. Als Startwerte bieten
sich ˆ
w(0) = [1,0T
L−1]Tund M(0) = c−1
ˆwILan.
Bei dem von Lopes et al. erarbeiteten Konzept sowie bei der soeben vor-
gestellten verbesserten ERLS-basierten OM-Struktur stellt sich die Frage, wie
f¨
ur ein physikalisches System die Matrizen Qˆp,ˆs(n) und Qˆw(n) vorzugeben
sind. F¨
ur die Beantwortung dieser Frage wurde ein Kovarianzmanagement er-
arbeitet, welches eine vereinfachte Abstimmung der Adaptationsparameter er-
laubt.
6.7 MCERLS-Algorithmus 107
replacemen
P(z)
S(z)
ˆ
S(z)
ˆ
S(z)
ˆ
P(z)
ˆ
W(z)
ˆ
W(z)
d(n)
Hx(z)
x(n)
u(n)e(n)
y(n)
yˆs(n)
yˆp(n)
ys(n)
yˆw(n)
eˆp,ˆs(n)
eˆw(n)
xˆs(n)
ERLS-
Algorithmus
ERLS-
Algorithmus
Abbildung 6.6: Verbessertes OM-Verfahren auf der Grundlage des ERLS-Algorithmus
und der OM-Struktur von Kohno et al.
6.7 MCERLS-Algorithmus
Wie im Abschnitt 5.7 angedeutet, kann beim ERLS-Algorithmus durch Mo-
difikation der Kovarianzmatrizen in Form von Qˆp,ˆs(n) und Qˆw(n) direkt auf
das Tracking-Verhalten und folglich auf die resultierende St¨
orsignald¨
ampfung
Einfluss genommen werden. Dazu sollten das Messrauschen und die Parame-
tervariationen in Form des Systemrauschens a priori bekannt sein. Bei einem
physikalischen System liegen jedoch erfahrungsgem¨
aß vorab nur unzureichende
Informationen diesbez¨
uglich vor.
Das Systemrauschen wurde bei der Herleitung des ERLS-Algorithmus im
Kontext eines Markov-Modells vereinfacht durch weiße Gauss-Prozesse mo-
delliert. Diese Annahme l¨
asst sich in der Praxis h¨
aufig nicht aufrecht erhalten.
Das Systemrauschen kennzeichnet meist unbekannte Effekte, die sprunghaftem
beziehungsweise nicht-station¨
arem Verhalten oder weißen Rauschprozessen ¨
ah-
neln und ebenfalls durch Ungenauigkeiten im Modell begr¨
undet sein k¨
onnen.
Weisen solche Effekte zuf¨
alligen Charakter auf, lassen sie sich vereinfachend
durch farbiges Rauschen beschreiben und mit Hilfe einer entsprechenden ¨
Uber-
108 Kapitel 6 Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads
gangsmatrix ber¨
ucksichtigen. Zur Reduzierung des Aufwands geht man jedoch
trotzdem h¨
aufig von weißem Systemrauschen aus und gibt die Diagonalele-
mente von Qˆp,ˆs(n) und Qˆw(n) ungleich null vor [FPW92].
Im Betrieb eines ANC-Systems kann es dar¨
uber hinaus erforderlich wer-
den, die Gr¨
oßen Qˆp,ˆs(n) und Qˆw(n) an die ver¨
anderlichen physikalischen Ge-
gebenheiten anzupassen. Auf der Grundlage von adaptiven Kalman-Filtern
existieren losgel¨
ost vom Kontext eines ANC-Systems im Rahmen einer Sys-
temerkennung allgemeine Ans¨
atze, die es beispielsweise erlauben, die Kovari-
anzmatrix des Systemrauschens ˆ
Qˆw(n) [BO89] oder den bez¨
uglich des Mess-
rauschens skalierten Faktor q2
ˆw(n) zu sch¨
atzen [HL05]. Jedoch sind bisher keine
Ans¨
atze bekannt, die in einem ANC-System mit einer Online-Modellierung des
Sekund¨
arpfads eine gleichzeitige Sch¨
atzung von Qˆp,ˆs(n) und Qˆw(n) erlauben.
Von einem anderen Standpunkt aus betrachtet, steht genau genommen
auch nicht eine korrekte Sch¨
atzung des System- oder Messrauschens im Mit-
telpunkt, sondern vielmehr die Antwort auf die Frage, wie Qˆp,ˆs(n) und Qˆw(n)
vorzugeben sind, damit eine hohe St¨
orsignald¨
ampfung erzielt wird. Fundiert
auf dieser Anforderung wurde daher ein verbessertes Kovarianzmanagement
erarbeitet, welches sich direkt in bestehende OM-Verfahren einbetten l¨
asst,
die auf dem ERLS-Verfahren basieren. Aufgrund der gezielten Modifikation
der Kovarianzmatrizen durch das Kovarianzmanagement kann man auch vom
MCERLS-Algorithmus6sprechen.
6.7.1 Kovarianzmanagement
Ausgangspunkt f¨
ur die folgenden Betrachtungen ist das Zustandsmodell
"p(n+ 1)
s(n+ 1)#=Fp,s(n+ 1, n)"p(n)
s(n)#+"rp(n)
rs(n)#,(6.27a)
e(n) = uT
p(n)p(n) + yT
s(n)s(n) + vp,s(n),(6.27b)
welches gegen¨
uber dem Ansatz von Lopes et al. bez¨
uglich des Systemrau-
schens mit rp,s(n) = [rT
p(n)rT
s(n)]Tmodifiziert worden ist. Die Bestimmung
von ˆ
p(n) und ˆ
s(n) soll dagegen auf den Sch¨
atzwerten Fˆp,ˆs(n+1, n) = aˆp,ˆsIM+N
und rˆp,ˆs(n) = [rT
ˆp(n)rT
ˆs(n)]Tsowie vˆp,ˆs(n) basieren. Somit liegt der Sch¨
atzung
das Zustandsmodell
"ˆ
p(n+ 1)
ˆ
s(n+ 1)#=aˆp,ˆs"ˆ
p(n)
ˆ
s(n)#+"rˆp(n)
rˆs(n)#,(6.28a)
e(n) = xT
ˆp(n)ˆ
p(n) + yT
ˆs(n)ˆ
s(n) + vˆp,ˆs(n) (6.28b)
zu Grunde. Zun¨
achst wird das Kovarianzmanagement bez¨
uglich der Online-
Modellierung des Sekund¨
arpfads vorgestellt und schließlich das Ergebnis auf
die adaptive Bestimmung von ˆ
w(n)¨
ubertragen.
6Modified-Covariance-Extended-Recursive-Least-Squares-Algorithmus
6.7 MCERLS-Algorithmus 109
Die Matrix Qˆp,ˆs(n) enth¨
alt die Kovarianzen von rˆp(n) und rˆs(n), die gem¨
aß
Abschnitt 6.4 entsprechend dem als mittelwertfrei angenommenen Messrau-
schen vˆp,ˆsmit der Varianz σ2
ˆp,ˆs(n) = E{v2
ˆp,ˆs(n)}skaliert sind. Das Kovarianz-
management setzt daher bei der Sch¨
atzung von rˆp(n) und rˆs(n) an. Nach dem
Zustandsmodell (6.28) lassen sich diese Gr¨
oßen als Schwankung oder Streuung
der gesch¨
atzten Koeffizienten ˆ
p(n) und ˆ
s(n) um die entsprechenden Mittel-
werte ¯
p(n) und ¯
s(n) interpretieren. Zur Charakterisierung dieser Parameter-
variationen soll im Weiteren mit
Qˆp(n) = diagqˆp(n)und Qˆs(n) = diagqˆs(n)(6.29)
und den Diagonalelementen
qˆp(n) = [q2
ˆp,0(n)q2
ˆp,1(n). . . q2
ˆp,M−1(n)]T,(6.30a)
qˆs(n) = [q2
ˆs,0(n)q2
ˆs,1(n). . . q2
ˆs,N−1(n)]T(6.30b)
eine Diagonalmatrix der Gestalt
Qˆp,ˆs(n) = ε"Qˆp(n)0
0Qˆs(n)#(6.31)
Verwendung finden. Um den unterschiedlichen Parametervariationen des phy-
sikalischen Prim¨
ar- und Sekund¨
arpfads gerecht zu werden, erfolgt somit ge-
gen¨
uber dem Ansatz von Lopes et al. eine Aufteilung der Matrix Qˆp,ˆs(n).
Durch den Adaptationsparameter ε, der auch als Tuning-Parameter bezeich-
net wird, l¨
asst sich unter anderem der Einfluss des Messrauschens skalierend
ber¨
ucksichtigen. F¨
ur die Matrix Qˆp,ˆs(n) kann mit
[ˆc0(n) ˆc1(n)... ˆcM+N−1(n)]T=ˆ
c(n) = [ ˆ
pT(n)ˆ
sT(n)]T,(6.32a)
[¯c0(n) ¯c1(n)... ¯cM+N−1(n)]T=¯
c(n) = [ ¯
pT(n)¯
sT(n)]T(6.32b)
sowie
[˜c0(n) ˜c1(n)... ˜cM+N−1(n)]T=ˆ
c(n)−¯
c(n)(6.33)
eine Absch¨
atzung der Diagonalelemente
qˆc(n) = [qT
ˆp(n)qT
ˆs(n)]T(6.34)
durch
Qˆp,ˆs(n) = εdiagqˆc(n)
=εdiagE[˜c2
0(n) ˜c2
1(n). . . ˜c2
M+N−1(n)] (6.35)
erfolgen.
110 Kapitel 6 Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads
Legt man f¨
ur die beteiligten Gr¨
oßen Ergodizit¨
at zu Grunde, entspricht
der Scharmittelwert dem Zeitmittelwert, so dass sich die f¨
ur eine Berechnung
von qˆc(n) ben¨
otigten Statistiken durch eine zeitliche Mittelwertbildung ¨
uber
einen Datenblock der L¨
ange Kabsch¨
atzen lassen. F¨
ur eine praktikable Im-
plementierung bietet sich jedoch eine rekursive Sch¨
atzung von qˆc(n) an. Mit
den Herleitungen zur rekursiven Sch¨
atzung statistischer Gr¨
oßen im Anhang D
ergeben sich mit der Fensterl¨
ange W > 1 die Rekursionsgleichungen mit den
Definitionen (6.32) zu
˜
c(n) = [[ˆc0(n)−¯c0(n−1)]2... [ˆcM+N−1(n)−¯cM+N−1(n−1)]2]T
,(6.36a)
qˆc(n) = 1−1
Wqˆc(n−1) + 1
W˜
c(n),(6.36b)
¯
c(n) = 1−1
W¯
c(n−1) + 1
Wˆ
c(n).(6.36c)
Die Betrachtungen bez¨
uglich ˆ
c(n) k¨
onnen auch f¨
ur die Bestimmung des
Koeffizientenvektors ˆ
w(n) erfolgen, jedoch mit dem Unterschied, dass dort
keine Aufspaltung der Kovarianzmatrix erforderlich ist. Die Kovarianzmatrix
des Koeffizientenvektors soll mit den Diagonalelementen
qˆw(n) = [q2
ˆw,0(n)q2
ˆw,1(n). . . q2
ˆw,L−1(n)]T(6.37)
und
[ ˜w0(n) ˜w1(n). . . ˜wL−1(n)]T=ˆ
w(n)−¯
w(n)(6.38)
zu
Qˆw(n) = εdiagqˆw(n)
=εdiagE[ ˜w2
0(n) ˜w2
1(n). . . ˜w2
L−1(n)] (6.39)
abgesch¨
atzt werden. Setzt man Ergodizit¨
at voraus, gelten f¨
ur eine rekursive
Bestimmung von qˆw(n) mit
[ ˆw0(n) ˆw1(n). . . ˆwL−1(n)]T=ˆ
w(n),(6.40a)
[ ¯w0(n) ¯w1(n). . . ¯wL−1(n)]T=¯
w(n) (6.40b)
die Rekursionsgleichungen
˜
w(n) = [[ ˆw0(n)−¯w0(n−1)]2... [ ˆwL−1(n)−¯wL−1(n−1)]2]T,(6.41a)
qˆw(n) = 1−1
Wqˆw(n−1) + 1
W˜
w(n),(6.41b)
¯
w(n) = 1−1
W¯
w(n−1) + 1
Wˆ
w(n).(6.41c)
Diese Variante des Kovarianzmanagements wird im weiteren Verlauf durch
das Akronym KM bezeichnet. F¨
ur eine praktische Implementierung l¨
asst sich
der vorgestellte Ansatz vereinfachen.
6.7 MCERLS-Algorithmus 111
6.7.2 Vereinfachtes Kovarianzmanagement
Das vereinfachte Kovarianzmanagement basiert auf drei skalaren Gr¨
oßen, die
zur Skalierung der Matrizen gem¨
aß
Qˆp,ˆs(n) = ε"q2
ˆp(n)IM0
0q2
ˆs(n)IN#und Qˆw(n) = ε q2
ˆw(n)IL(6.42)
eingebettet sind. Die Sch¨
atzung von q2
ˆp(n), q2
ˆs(n) und q2
ˆw(n) kann auf der
Grundlage der dazugeh¨
origen Vektornormen erfolgen. Diesbez¨
uglich lassen sich
die Beziehungen zu
q2
ˆp(n)
q2
ˆs(n)
q2
ˆw(n)
=
E[kˆ
p(n)kk−¯p(n)]2
E[kˆ
s(n)kk−¯s(n)]2
E[kˆ
w(n)kk−¯w(n)]2
(6.43)
definieren.7
Legt man eine rekursive Bestimmung der ergodischen Gr¨
oßen zu Grunde,
ergeben sich den Ausf¨
uhrungen im Anhang Dfolgend die gesuchten Sch¨
atz-
werte aus den Rekursionsgleichungen
q2
ˆp(n)
q2
ˆs(n)
q2
ˆw(n)
=1−1
W
q2
ˆp(n−1)
q2
ˆs(n−1)
q2
ˆw(n−1)
+1
W
[kˆ
p(n)kk−¯p(n−1)]2
[kˆ
s(n)kk−¯s(n−1)]2
[kˆ
w(n)kk−¯w(n−1)]2
,(6.44a)
¯p(n)
¯s(n)
¯w(n)
=1−1
W
¯p(n−1)
¯s(n−1)
¯w(n−1)
+1
W
kˆ
p(n)kk
kˆ
s(n)kk
kˆ
w(n)kk
.(6.44b)
Diese Variante des Kovarianzmanagements wird im weiteren Verlauf durch
das Akronym KM-k·kkgekennzeichnet.
6.7.3 Anmerkungen
Mit Hilfe der erarbeiteten Ans¨
atze zum Kovarianzmanagement vereinfacht sich
die Abstimmung des ANC-Systems drastisch. W¨
ahrend f¨
ur die Koeffizienten-
sch¨
atzung sonst im einfachsten Fall mit qˆp(n), qˆs(n) und qˆw(n) drei Para-
meter vorzugeben w¨
aren, ist mit den neuen Ans¨
atzen nur die Vorgabe eines
7Die k-Norm eines Vektors xmit den Elementen xiund der L¨
ange Nberechnet sich zu
kxkk="N
X
i=1
|xi|k#1/k
.
112 Kapitel 6 Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads
einzigen Parameters in Form von εerforderlich.8Dieser Parameter ist gem¨
aß
der Anwendung in Abh¨
angigkeit von der Statistik der St¨
orsignale und dem
str¨
omungsinduzierten Rauschen so vorzugeben, dass f¨
ur eine große Schar von
St¨
orsignalen eine hohe mittlere St¨
orsignald¨
ampfung erzielt wird.
8F¨
ur die rekursive Sch¨
atzung sind die Fensterl¨
angen ebenfalls geeignet vorzugeben. Je-
doch ist die Wahl dieser Parameter weitaus unkritischer. In dieser Arbeit hat sich bei-
spielsweise W= 1000 bew¨
ahrt. Es w¨
are ebenfalls m¨
oglich, f¨
ur jedes adaptive Filter unter-
schiedliche Fensterl¨
angen zu definieren.
KAPITEL 7
Simulationstechnische Untersuchungen
Bevor ein Algorithmus auf einem Signalprozessor unter Realzeitbedingungen
in einem ANC-System eingesetzt und erprobt werden kann, sollte der Algorith-
mus realit¨
atsnah simulationstechnisch evaluiert worden sein. Die f¨
ur eine Eva-
luation erforderliche Untersuchung des Konvergenz- oder Tracking-Verhaltens
basiert h¨
aufig, wie im Abschnitt 5.1 erw¨
ahnt, auf einem Markov-Modell erster
Ordnung. Dieses st¨
utzt sich zur Modellierung des zu adaptierenden zeitvari-
anten Systems meist auf weiße Gauß-Prozesse und messtechnisch ermittelte
¨
Ubertragungsfunktionen [Bron93,LP00,Saye03].
Die Verwendung eines Markov-Modells ist zur Untersuchung und Bewer-
tung der Algorithmen sowie wegen der einfachen Implementierung legitim.
Jedoch werden die Parameter¨
anderungen eines physikalischen Systems keinen
weißen Rauschprozessen entsprechen, so dass ein solches Modell begr¨
undet
durch die von physikalischen Gesichtspunkten losgel¨
oste Vorgabe der Para-
meter¨
anderungen nur eingeschr¨
ankte R¨
uckschl¨
usse auf das Verhalten erlaubt,
wenn ein konkretes zeitvariantes physikalisches System zu Grunde liegt. Da-
her wird in dieser Arbeit f¨
ur die simulationstechnischen Untersuchungen direkt
der praktische Bezug zu einem aktiven Schalld¨
ampfer hergestellt, der sich als
Endschalld¨
ampfer im Abgasstrang eines PKWs befinden soll. Die Einbettung
der Modelle und Algorithmen in diesen Kontext erm¨
oglicht zus¨
atzlich eine
praxisnahe Bewertung des Tracking-Verhaltens.
7.1 Aktiver Abgasschalld¨
ampfer
Das durch ver¨
anderliche Str¨
omungsgeschwindigkeiten und Temperaturen der
Abgase bedingte zeitvariante ¨
Ubertragungsverhalten der Strecken ist fortlau-
fend zu adaptieren, so dass die Tracking-Eigenschaften der Algorithmen das
Ergebnis der St¨
orsignald¨
ampfung maßgeblich bestimmen.
Eine direkte Einbettung und Untersuchung der Algorithmen in einem ANC-
System eines realen aktiven Schalld¨
ampfers ist aufgrund des erforderlichen
Motoren- oder Fahrleistungspr¨
ufstands mit einem hohen finanziellen Aufwand
verbunden. Daher empfiehlt es sich, das Potenzial des ANC-Systems zun¨
achst
113
114 Kapitel 7 Simulationstechnische Untersuchungen
auf der Grundlage von Simulationen abzusch¨
atzen. Um die Untersuchungen
unter realit¨
atsnahen Bedingungen durchf¨
uhren zu k¨
onnen, liegen in der Simu-
lation Signale zu Grunde, die in einer Abgasanlage bei verschiedenen Lastzyk-
len eines PKWs gemessen respektive abgesch¨
atzt worden sind.1
7.1.1 Ger¨
auschspektrum eines Verbrennungsmotors
Das Ausstr¨
omen der unter ¨
Uberdruck stehenden Abgase w¨
ahrend der ¨
Off-
nungszeiten der Auslassventile erzeugt im Abgasstrang einen ungleichm¨
aßigen
Volumenstrom. Dieser bedingt einen Schalldruck, der ebenfalls die Periodizit¨
at
der Z¨
undfrequenz aufweist [HM95]. Das typische Ger¨
auschspektrum eines Ver-
brennungsmotors besteht somit aus diskreten Frequenzkomponenten, die von
der Motordrehzahl nD(in min−1), der Zylinderanzahl nZund den Arbeits-
takten nAdes Motors abh¨
angen. Die Grundfrequenz ergibt sich zu
fG= 2 nZ
nA
nD
60 .(7.1)
F¨
ur einen Vier-Zylinder-Vier-Takt-Reihenmotor gilt fG= 2nD/60. Wegen
des Vorfaktors 2nZ/nA= 2 wird fGauch als zweite Motorharmonische bezeich-
net [Erha91]. Neben der zweiten Motorharmonischen existieren im Ger¨
ausch-
spektrum weitere Harmonische, die h¨
aufig weniger stark ausgepr¨
agt sind. Eine
detaillierte Darstellung des Ger¨
auschspektrums erfolgt im Abschnitt 7.2.2. Der
Gesamtschalldruckpegel kann im Abgasstrang nach dem Katalysator Werte
von pmax ≈150 dB erreichen [HM95].
7.1.2 Stand der Forschung und Entwicklung
Aktive Abgasschalld¨
ampfer standen und stehen nach wie vor im Blickpunkt
von Forschungs- und Entwicklungsaktivit¨
aten. Diese weisen gegen¨
uber einem
passiven Konzept die folgenden Vorteile auf [KCJ05]:
•reduzierter Kraftstoffverbrauch durch verringerten R¨
uckstaudruck,
•Auslegung unabh¨
angig von den Eigenschaften der Prim¨
arquelle,
•M¨
oglichkeit des Sound-Designs.
1In dieser Arbeit steht nicht die Entwicklung und Erprobung eines serienreifen Konzepts
eines aktiven Abgasschalld¨
ampfers, der neben Elementen zur Schalld¨
ampfung ebenfalls
Systeme zur Abgasaufbereitung enth¨
alt, im Mittelpunkt. Daher erscheint es im Gegensatz
zu den bisher experimentell erprobten Feedforward-Konzepten erlaubt [EZ93,KHO98], auf
den Einsatz eines Drehratensensors f¨
ur die Referenzsignalerzeugung zu verzichten, obwohl
sich der Einsatz wegen des typischen Ger¨
auschspektrums eines Verbrennungsmotors an-
bieten w¨
urde. Stattdessen wird in der Simulation davon ausgegangen, dass die Erfassung
des Referenzsignals mit einem Mikrofon erfolgen kann und keine akustische R¨
uckkopplung
von der Sekund¨
arquelle zum Referenzsensor vorliegt. Das eigentliche Ziel dieser Arbeit,
die Untersuchung und Bewertung von Algorithmen zur St¨
orsignald¨
ampfung, tangiert diese
Pr¨
amisse nicht.
7.1 Aktiver Abgasschalld¨
ampfer 115
Die gezielte Beeinflussung des Ger¨
auschspektrums durch ein Sound-Design
ist nicht nur dem Abgasstrang vorbehalten, sondern wird zunehmend auch
im Fahrzeuginnenraum erprobt [Bron93,SL00,SSH02]. Die Entwicklung akti-
ver Abgasschalld¨
ampfer stellt aufgrund der hohen technischen Anforderungen
nach wie vor eine Herausforderung dar, erfordern diese unter anderem:
•temperaturbest¨
andige Mikrofone und Lautsprechermembranen;
•Membranantriebe, die hohe Schalldr¨
ucke verzerrungsfrei reproduzieren;
•adaptive Verfahren mit gutem Tracking-Verhalten.
Anfang der Neunziger Jahre wurden beispielsweise von Nishimura und
von Eghtesadi et al. Ans¨
atze zur aktiven Schalld¨
ampfung in einem Abgas-
strang publiziert, die auf einem adaptiven Schmalband-ANC-Verfahren und
einem Drehratensensor zur Generierung des Referenzsignals basierten. Die ak-
tive Abgasschalld¨
ampfung wurde von Nishimura f¨
ur einen Diesel-Generator
untersucht [Nish91], w¨
ahrend Eghtesadi et al. ein PKW-taugliches Konzept
vorstellten, bei dem zwei Lautsprecher koaxial zur Schallausbreitungsrichtung
angeordnet waren [EZ93]. Um mit kleinen Lautsprechern tieffrequente Signale
mit hohen Schalldruckpegeln d¨
ampfen zu k¨
onnen, kam dort zus¨
atzlich hinter
der Lautsprecheranordnung ein Resonator zum Einsatz.
Der aktuelle Entwicklungsstand ist dagegen anhand von Publikationen
oder Pressemitteilungen schwer abzusch¨
atzen, da technische Details der neu-
en Konzepte nur sp¨
arlich ¨
offentlich preisgegeben werden. Die Arbeiten von
Kim et al. und Kr¨
uger et al. geben einen groben ¨
Uberblick.
Konzept von Kim et al.
Von Kim et al. wurde ein adaptives Konzept f¨
ur einen aktiven Abgasschall-
d¨
ampfer eines PKWs vorgestellt, welches auf der Grundlage des AN-Verfahrens
aus [KV97] eine Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads durchf¨
uhrt [KHO98].
Die Auslegung der Geometrie erfolgte mit Hilfe von nummerischen Simulatio-
nen dergestalt, dass sich der St¨
orschall und der Schall des Lautsprechers als
ebene Schallwelle ¨
uberlagern. Das Fehlermikrofon konnte daher außerhalb des
Endrohrs platziert werden, wo die Abgastemperaturen geringer sind. Durch
die gew¨
ahlte Anordnung ist eine aktive D¨
ampfung im Bereich um den Auslass
erzielt worden.
Zur Referenzsignalerzeugung kam ein Drehratensensor zum Einsatz, wobei
durch eine geeignete Signalaufbereitung zwei harmonische Schwingungen syn-
thetisiert werden konnten. Die ersten beiden Harmonischen wurden auf der
Basis eines FxLMS-Verfahrens ged¨
ampft. Dieses Konzept kam in [KHSO99]
auch f¨
ur den Abgasstrang eines LKWs zum Einsatz.
116 Kapitel 7 Simulationstechnische Untersuchungen
Konzept von Kr¨
uger et al.
Von Kr¨
uger et al. wurde mit dem Schwerpunkt eines Sound-Designs eben-
falls ein aktiver Abgasschalld¨
ampfer f¨
ur PKWs vorgestellt [KCJ05]. Gem¨
aß
ihren Ausf¨
uhrungen ¨
uberstand der Lautsprecher und das Fehlermikrofon un-
ter realen Betriebsbedingungen die hohen Abgastemperaturen in einem De-
monstrationsfahrzeug unbeschadet. F¨
ur den Lautsprecher wurde dies durch
eine thermische Isolation von der Abgasstr¨
omung sowie durch eine Fahrtwind-
k¨
uhlung erreicht.
Die erzielte Schalld¨
ampfung f¨
allt gegen¨
uber dem Konzept von Kim et al.
deutlich besser aus. Technische Details bez¨
uglich der Adaptationsalgorithmen,
den verwendeten Verfahren zur Sch¨
atzung des Sekund¨
arpfads und zur Gene-
rierung des Referenzsignals wurden jedoch nicht diskutiert.
Anmerkungen zum Tracking
Auff¨
allig bei den publizierten Konzepten zum aktiven Abgasschalld¨
ampfer ist,
dass sich mit konstanter oder langsam variierender Motordrehzahl durchaus
akzeptable D¨
ampfungen erzielen lassen. Bei schnell ver¨
anderlichen Motordreh-
zahlen, die gr¨
oßere ¨
Anderungen bei der Abgastemperatur sowie der Str¨
omungs-
geschwindigkeit des Abgases zur Folge haben und h¨
ohere Anforderungen an
das Tracking stellen, sind dagegen h¨
aufig deutlich schlechtere Resultate zu
verzeichnen.
Ob sich die neuen Algorithmen als Grundlage f¨
ur verbesserte aktive Abgas-
schalld¨
ampfer anbieten, soll im Weiteren nicht diskutiert werden, da f¨
ur den
Einsatz ohnehin eine andere Referenzsignalerzeugung vorzuziehen ist. Dennoch
erlauben die im Folgenden vorzustellenden Ergebnisse R¨
uckschl¨
usse bez¨
uglich
der f¨
ur diese Anwendung zu pr¨
aferierenden Algorithmen.
7.2 Simulationsmodell
Das mathematische Modell des R¨
ohrensystems und die Adaptationsalgorith-
men sind f¨
ur eine simulationstechnische Implementierung in Einklang zu brin-
gen. Die Herleitung der f¨
ur die Implementierung ben¨
otigten Teil¨
ubertragungs-
funktionen kann mit Hilfe der Zweitortheorie auf der Grundlage von Abbil-
dung 7.1 b) erfolgen. Die Elemente der Kettenmatrizen sind Funktionen von
der Kreisfrequenz. Aus Gr¨
unden der ¨
Ubersichtlichkeit wird jedoch auf die An-
gabe des Arguments verzichtet. Die gem¨
aß den Gleichungen (4.1) ben¨
otigten
Teil¨
ubertragungsfunktionen berechnen sich mit
ZR1,S1=ZE,R1ZA,S1
ZE,R1+ZA,S1
und ZP1,R1=ZA,P 1ZE,R1
ZA,P 1+ZE,R1
(7.2)
7.2 Simulationsmodell 117
a)
b)
uep
Z0
K0y
e
u
xe
y
yS1
y1
y1
MxMe
V0ϑ0
ZA,1ZP1ZR1
ZS1
ZE,2
KP1KR1
KS1
qS1
qu
q1
qP1qR1qe
Verst¨
arker
Lautsprecher
Adaptations-
algorithmus
Abbildung 7.1: a) Schematische Darstellung eines aktiven Koaxialschalld¨
ampfers und
b) dazugeh¨
orige Zweitormodellierung
und den entsprechenden Elementen der Kettenmatrizen zu
P1=1
K11,P 1+K12,P 1/ZR1,S1
,(7.3a)
R1=1
K11,R1+K12,R1/ZE,2
,(7.3b)
S1=ZE,S1
ZE,S1+Z0
K0
K11,S1+K12,S1/ZP1,R1
.(7.3c)
118 Kapitel 7 Simulationstechnische Untersuchungen
Die Impedanzen in den Gleichungen (7.2) setzen sich mit den komplexen Am-
plituden der an den Toren definierten Signale aus
ZE,R1=y1
qR1
=K11,R1+K12,R1/ZE,2
K21,R1+K22,R1/ZE,2
,(7.4a)
ZE,S1=yS1
qS1
=K11,S1+K12,S1/ZP1,R1
K21,S1+K22,S1/ZP1,R1
,(7.4b)
ZA,S1=−y1
q1
=K22,S1+K12,S1/Z0
K21,S1+K11,S1/Z0
,(7.4c)
ZA,P 1=−y1
qP1
=K22,P 1+K12,P 1/ZA,1
K21,P 1+K11,P 1/ZA,1
(7.4d)
zusammen. Das R¨
ohrensystem vor dem Referenzmikrofon wird durch die Im-
pedanz ZA,1beschrieben, w¨
ahrend die Impedanz ZE,2das R¨
ohrensystem cha-
rakterisiert, welches dem Fehlermikrofon folgt.
7.2.1 Implementierung
Der ¨
Ubergang auf eine diskrete Beschreibungsform erfolgt zun¨
achst durch Aus-
wertung des mathematischen R¨
ohrenmodells f¨
ur rechtsseitige diskrete Kreis-
frequenzen ωk, die mit 0 ≤ωk≤ωSdurch die Abtastfrequenz fSbegrenzt
sind.2Das mathematische Modell erlaubt die Berechnung des ¨
Ubertragungs-
verhaltens f¨
ur diskrete Kreisfrequenzen, w¨
ahrend die Algorithmen zur adap-
tiven Signalverarbeitung zeitdiskret implementiert werden sollen. Die Ergeb-
nisse des R¨
ohrenmodells sind daher in den Zeitbereich zu ¨
ubertragen. Dazu
lassen sich zun¨
achst mit 0 ≤ωk≤ωSgem¨
aß Abschnitt 4.1 die rechtsseitigen
¨
Ubertragungsfunktionen
Pr(jωk) = P1,r(jωk)R1,r(jωk)He,r(jωk),(7.5a)
Sr(jωk) = S1,r(jωk)R1,r(jωk)He,r(jωk) (7.5b)
berechnen. Das komplex symmetrische Anf¨
ugen der linksseitigen Spektren
Pl(jωk) = P∗
r(−jωk) und Sl(jωk) = S∗
r(−jωk) (7.6)
f¨
uhrt schließlich zu den ¨
Ubertragungsfunktionen P(jωk) und S(jωk). Durch
Interpretation dieser Gr¨
oßen als ¨
Ubertragungsfunktionen eines zeitdiskreten
Systems k¨
onnen nach der inversen diskreten Fourier-Transformation
p(n) = IDFT{P(jωk)}und s(n) = IDFT{S(jωk)}(7.7)
2Das Ausbreitungsmaß l¨
asst sich bei ωk= 0 f¨
ur nicht-ideal schallharte R¨
ohrenw¨
ande
nicht stetig fortsetzen, so dass durch die Definition γw(ωk= 0) = 0 Stetigkeit zu ge-
w¨
ahrleisten ist. Die W¨
ande des zu simulierenden Schalld¨
ampfers k¨
onnen jedoch als ideal
schallhart vorausgesetzt werden.
7.2 Simulationsmodell 119
u(n)
V0(n)
ϑ0(n)
P1,r(jωk)R1,r(jωk)
S1,r(jωk)R1,r(jωk)
He,r(jωk)
p(n)
s(n)
IDFT{P(jωk)}
IDFT{S(jωk)}
ep(n)
e(n)
mathematisches Modell
des physikalischen R¨
ohrensystems
Simulationsmodell des
ANC-Systems
Abbildung 7.2: Schematische Darstellung des Simulationsmodells
die Impulsantworten angegeben werden, wobei die Anzahl der ¨
aquidistanten
Kreisfrequenzen im Intervall −ωS≤ωk≤ωSdie L¨
ange der Impulsantworten
festlegt. Setzt man eine Transversalfilterstruktur voraus, erh¨
alt man direkt
die f¨
ur eine Implementierung ben¨
otigten Koeffizientenvektoren p(n) und s(n).
Die L¨
angen der Impulsantworten p(n) und s(n) beziehungsweise der Koeffizi-
entenvektoren p(n) und s(n) seien im Weiteren zu Mund Ngew¨
ahlt. Der
Berechnungsablauf ist schematisch in Abbildung 7.2 verdeutlicht.
In der Simulation wird entlang der Str¨
omungsrichtung des Abgases kein
Temperaturgef¨
alle ber¨
ucksichtigt, so dass w¨
ahrend eines Zeitschritts jedem
Segment des R¨
ohrenmodells eine identische Gastemperatur zu Grunde liegt.3
Dar¨
uber hinaus wird vorausgesetzt, dass an Querschnittsver¨
anderungen inner-
halb des R¨
ohrensystems keine Str¨
omungsger¨
ausche erzeugt werden, die sich
dem eigentlichen St¨
orschall ¨
uberlagern. Des Weiteren liegen in der Simulation
f¨
ur das Abgas vereinfachend die thermodynamischen Eigenschaften von Luft
zu Grunde.
7.2.2 Simulationsstimulus
Wie bereits erw¨
ahnt, kommen Signale als Stimulusgr¨
oßen zum Einsatz, die f¨
ur
reale Fahrzyklen eines PKWs im Abgasstrang auf dem Fahrleistungspr¨
ufstand
3Zur Ber¨
ucksichtigung eines Temperaturgradienten w¨
are ebenfalls ein noch zu validie-
render Ansatz denkbar, der auf einer r¨
aumlichen Diskretisierung mit Hilfe von zus¨
atzli-
chen Zweitoren basiert, wobei jedem Zweitor formal eine unterschiedliche Temperatur zu
gewiesen werden k¨
onnte. Abgesehen von dem geringeren Berechnungsaufwand erscheint es
f¨
ur die Bewertung der Algorithmen bez¨
uglich ihres Tracking-Verhaltens ausreichend, einen
r¨
aumlich, jedoch nicht zeitlich konstanten Temperaturverlauf zu betrachten.
120 Kapitel 7 Simulationstechnische Untersuchungen
−50 −40 −30 −20 −10
11
0,80,8
0,60,6
0,40,4
0,20,2
350350
300300
250250
200200
150150
00
0
00
10
10
10
15
15
15
2020
2020
2020
40
40
40
60
60
60
80
80
80
5
5
5
88
1616
2424
uSin dB
FL-Zyklus RL-Zyklus
FL-Zyklus RL-Zyklus
FL-Zyklus RL-Zyklus
fin kHz
fin kHz
ϑ0in ◦C
ϑ0in ◦C
V0in m/s
V0in m/s
t/st/s
t/st/s
t/st/s
Abbildung 7.3: Zeitliche Verl¨
aufe der Stimulussignale von zwei Fahrzyklen
gemessen oder abgesch¨
atzt worden sind. Die Messungen der Schalldruck- und
Temperaturverl¨
aufe erfolgten vor dem passiven Endschalld¨
ampfer und damit
an der Position, wo das aktive Schalld¨
ampferkonzept einzubetten w¨
are. Ausge-
hend von der Leerlaufdrehzahl wurde die Motordrehzahl innerhalb eines Zyklus
kontinuierlich auf die maximale Drehzahl beschleunigt. Stellvertretend f¨
ur eine
Vielzahl von zu Grunde gelegten Fahrzyklen seien der FL-Zyklus4mit einer
kurzen Beschleunigungsphase und der RL-Zyklus5mit einer lang gezogenen
Beschleunigungsphase exemplarisch herausgegriffen.
4Full-Load-Zyklus
5Road-Load-Zyklus
7.2 Simulationsmodell 121
Da den gemessenen Schalldrucksignalen zwangsl¨
aufig str¨
omungsinduzierte
Ger¨
auschanteile ¨
uberlagert waren, die in der Simulation jedoch definiert vor-
gegeben werden sollten, wurden zur Beseitigung des Rauschens die Signale
entsprechend resynthetisiert.
Durch die Verwendung eines Mikrofons als Referenzsensor eignet sich das
vorgestellte adaptive Konzept ebenfalls f¨
ur die Reduzierung von breitbandi-
gem L¨
arm. Diese Tatsache wird ber¨
ucksichtigt, indem bei der Simulation los-
gel¨
ost vom Kontext eines aktiven Abgasschalld¨
ampfers anstelle des typischen
schmalbandigen Ger¨
auschspektrums eines Verbrennungsmotors ein breitban-
diges St¨
orsignal in Form von weißem Rauschen zum Einsatz kommt. Dieses
St¨
orsignal gilt es unter den gleichen Temperatur¨
anderungen und Str¨
omungs-
geschwindigkeiten der Abgase optimal zu d¨
ampfen. Die schmalbandigen St¨
or-
signale werden im Weiteren durch uS(n) bezeichnet, w¨
ahrend die breitbandigen
Signale durch uN(n) repr¨
asentiert werden.
Die Verl¨
aufe f¨
ur die Abgastemperaturen wurden so rekonstruiert, dass die-
se die maximal beobachteten Temperatur¨
anderungen innerhalb eines mehrfach
durchlaufenden Fahrzyklus widerspiegeln. Auf der Basis dieser Temperaturver-
l¨
aufe sowie der Motordrehzahl und der Motorkenngr¨
oßen wurden die zeitlichen
Verl¨
aufe der Str¨
omungsgeschwindigkeiten der Abgase im Abgasstrang f¨
ur die
Fahrzyklen heuristisch abgesch¨
atzt. In Abbildung 7.3 sind die in der Simulation
verwendeten Stimulussignale dargestellt.
7.2.3 Referenz- und Fehlersignal
Dem Referenzsignal x(n) und dem Fehlersignal e(n) werden zur Modellierung
eines endlichen Signal-Rausch-Verh¨
altnisses sowie von str¨
omungsinduzierten
Ger¨
auschen, die im Bereich der Mikrofone entstehen, gezielt unkorrelierte wei-
ße Gauß-Prozesse ¨
uberlagert. Diese Rauschprozesse wurden zu
Ev2
x(n)=σ2
M,x und Ev2
e(n)=σ2
M,e (7.8)
sowie
Ev2
t,x(n, V0)=σ2
t,xV2
0(n) und Ev2
t,e(n, V0)=σ2
t,eV2
0(n) (7.9)
definiert. Die Varianzen von vt,x(n, V0) und vt,e(n, V0) h¨
angen damit quadra-
tisch von der Str¨
omungsgeschwindigkeit V0(n) des Abgases ab. Mit den Im-
pulsantworten hx(n) und he(n) der Mikrofone setzt sich das Referenz- und
Fehlersignal schließlich aus
x(n) = hx(n)∗u(n) + hx(n)∗vt,x(n, V0) + vx(n),(7.10a)
e(n) = he(n)∗ep(n) + he(n)∗vt,e(n, V0) + ve(n) (7.10b)
zusammen.
122 Kapitel 7 Simulationstechnische Untersuchungen
7.2.4 Quellenparameter der Sekund¨
arquelle
Bei der Auslegung eines ANC-Systems sind im Gegensatz zur Abstimmung
eines passiven Schalld¨
ampfers keine Kenntnisse bez¨
uglich der Parameter der
Prim¨
arquelle erforderlich [ME88,KCJ05]. Allerdings k¨
onnen sich die Eigen-
schaften der Prim¨
ar- und Sekund¨
arquelle auf das Konvergenz- und Tracking-
Verhalten auswirken. Die optimale ¨
Ubertragungsfunktion des Kompensations-
filters ˆ
Wopt(z) bleibt jedoch von der Prim¨
arquelle unbeeinflusst [ME88]. Des-
halb erscheint es erlaubt, in der Simulation eine ideale Prim¨
arquelle vorauszu-
setzen.
0,20,2
0,20,2
0,40,4
0,40,4
0,60,6
0,60,6
0,80,8
0,80,8
11
11
30
20
10
0
0
−10
−10
−20
−20
−30
−40
−50
−60
0
−π
−2π
π/2
−π/2
0
Quellenparameter K0Quellenparameter K0
Quellenparameter Z0Quellenparameter Z0
f/kHz f/kHz
f/kHz f/kHz
|K0|in dB
arg{Z0}in rad arg{K0}in rad
|Z0/ZL0|in dB
Abbildung 7.4: Betrag und Phase der transformierten Quellenparameter K0und Z0
Demgegen¨
uber haben die Parameter der Sekund¨
arquelle einen direkten
Einfluss auf ˆ
Wopt(z) [ME88]. Daher soll sie in der Simulation, wie in Ab-
bildung 7.1 b) angedeutet, als Th´
evenin-Quelle modelliert werden. Es bietet
sich an, die im Anhang Bbestimmten Quellenparameter zu Grunde zu le-
gen. Diese beschreiben gem¨
aß Abbildung B.2 den Lautsprecher und das ¨
uber
einen Trichter angekoppelte R¨
ohrensystem bis zum Mikrofon. F¨
ur den Einsatz
im mathematischen Modell des Koaxialschalld¨
ampfers sind die Parameter auf
den Bereich vor dem Trichter zu transformieren. In Abbildung 7.4 sind die
Ergebnisse der Transformation dargestellt.
7.3 Simulationsergebnisse 123
7.3 Simulationsergebnisse
R¨
ohrensystem Abschnitt Anmerkung
Ausbreitungsmaß 1.2.2 und 3.1 Munjal
Querschnittsspr¨
unge 3.4.2 Munjal
M¨
undung ohne Flansch 2.3.1 Norris et al.
Sekund¨
arquelle 7.2.4 Lautsprecher
Gaseigenschaften Anhang ALuft
Parameter Einstellung
Abtastfrequenz fS= 2 kHz
Anzahl der Systemparameter M=N= 1024
Anzahl der Filterkoeffizienten L=M=N= 128
Grenzfrequenzen von Hxund HefG,u= 0,02 kHz, fG,o= 0,9 kHz
Varianz von uS(n) und uN(n)σ2
u= 1
Rauschen Referenzsignal σ2
M,x = 10−4,σ2
t,x = 10−5/[m/s]2
Rauschen Fehlersignal σ2
M,e = 10−4,σ2
t,e = 10−5/[m/s]2
Startwerte ˆ
w(0)=[1,0T
L−1]T,ˆ
p(0)=0M,ˆ
s(0)=0N
Verfahren Abschnitt Algorithmus Abk¨
urzung
AN-Verfahren nach Zhang et al. 6.2 LMS AN-Z
OM-Verfahren nach Kohno et al. 6.5 LMS OM-K
OM-Verfahren nach Lopes et al. 6.4 ERLS OM-L
verbessertes OM-Verfahren 6.6 ERLS OM-V
verbessertes OM-Verfahren 6.6 RLS OM-RLS
verbessertes OM-Verfahren mit KM-k·k16.6 und 6.7.2 MCERLS OM-V-R
Kovarianzmanagement Abschnitt Algorithmus Abk¨
urzung
nicht vereinfacht 6.7.1 MCERLS KM
mit Vektornorm vereinfacht 6.7.2 MCERLS KM-k·kk
St¨
orsignal Abschnitt Abk¨
urzung
schmalbandiges 7.2.2 uS(n)
breitbandiges 7.2.2 uN(n)
Tabelle 7.1: Allgemeine Simulationseinstellungen und Abk¨
urzungen
Als G¨
utemaß zur Bewertung des Tracking-Verhaltens bietet sich die er-
reichte St¨
orsignald¨
ampfung an. Wie im Abschnitt 4.1 angedeutet, k¨
onnen da-
zu das ged¨
ampfte St¨
orsignal ep(n) und die Gr¨
oße d(n), die den Betrieb ohne
aktive D¨
ampfung charakterisiert, gem¨
aß der Absch¨
atzung
D=sMd2(n)
Me2
p(n)(7.11)
124 Kapitel 7 Simulationstechnische Untersuchungen
ins Verh¨
altnis gesetzt werden. Der Mittelwertoperator ist durch M{·} gekenn-
zeichnet und sei zu
Mg(n)=1
N−NStart + 1
N
X
i=NStart
g(i) (7.12)
definiert. Um bei der Mittelwertbildung Einschwingvorg¨
ange nicht zu ber¨
uck-
sichtigen, beginnt diese ab dem Zeitindex NStart respektive ab einer simulierten
Zeit von tStart =NStart/fS= 5 s.
Neben dem akustischen Qualit¨
atskriterium ep(n) soll auch das Fehler-
maß ξ(n) = E{e2(n)}zur Bewertung der Algorithmen herangezogen werden.
Unter Annahme von Ergodizit¨
at l¨
asst sich die als mittelwertfrei angenommene
Gr¨
oße gem¨
aß den Ausf¨
uhrungen im Anhang Drekursiv durch
ξ(n) = Ee2(n)≈1−1
Wξ(n−1) + 1
We2(n)(7.13)
absch¨
atzen. Die Fensterl¨
ange wurde zu W= 1000 gew¨
ahlt. Da Rauschprozesse
beim Referenz- und Fehlersignal oder als St¨
orsignal zum Einsatz kamen, wur-
den die St¨
orsignald¨
ampfungen Dund die Fehlerverl¨
aufe ξ(n) jeweils f¨
ur zehn
Durchl¨
aufe bei unterschiedlicher Initialisierung der Rauschgeneratoren in der
Simulationsumgebung bestimmt und die Resultate gemittelt.
Die Modellierung des physikalischen Prim¨
ar- und Sekund¨
arpfads erfolgte
durch eine Transversalfilterstruktur. Die L¨
angen der Impulsantworten wurden
so vorgegeben, dass diese im zu Grunde gelegten Zeitraum bereits weitgehend
abgeklungen sind. Das f¨
uhrte auf M=N= 1024. Demgegen¨
uber sind, wie in
der Praxis h¨
aufig ¨
ublich, f¨
ur die adaptiven Filter mit L=M=N= 128 deut-
lich k¨
urzere Filterl¨
angen gew¨
ahlt worden. Die allgemeinen Simulationseinstel-
lungen sowie die definierten Abk¨
urzungen sind der Tabelle 7.1 zu entnehmen.
7.3.1 Kovarianzmanagement
St¨
orsignal Zyklus Verfahren KM KM-k·k1KM-k·k2
ε ε ε
uS(n)FL,RL OM-L 1 5 ·10−31·10−1
OM-V 1 5 ·10−31·10−1
uN(n)FL,RL OM-L 5·10−21·10−45·10−3
OM-V 1·10−11·10−45·10−3
Tabelle 7.2: Gew¨
ahlter Adaptationsparameter εbei den MCERLS-Algorithmen
In Abbildung 7.5 sind exemplarisch f¨
ur das Verfahren OM-V mit dem Ko-
varianzmanagement KM-k·k1die erzielten St¨
orsignald¨
ampfungen in Abh¨
angig-
keit von dem Adaptationsparameter εf¨
ur die Fensterl¨
ange W= 1000 darge-
stellt. Bei den schmalbandigen Signalen wird die h¨
ochste D¨
ampfung f¨
ur beide
7.3 Simulationsergebnisse 125
FL-Zyklus mit uS(n)RL-Zyklus mit uS(n)
Din dB
Din dB
1·10−5
1·10−5
5·10−5
5·10−5
1·10−4
1·10−4
5·10−4
5·10−4
1·10−3
1·10−3
5·10−3
5·10−3
1·10−2
1·10−2
5·10−2
5·10−2
1·10−1
1·10−1
εε
2020
1515
1010
55
00
1·
FL-Zyklus mit uN(n)RL-Zyklus mit uN(n)
Din dB
Din dB
1·10−5
1·10−5
5·10−5
5·10−5
1·10−4
1·10−4
5·10−4
5·10−4
1·10−3
1·10−3
5·10−3
5·10−3
1·10−2
1·10−2
5·10−2
5·10−2
1·10−1
1·10−1
εε
1515
1010
55
00
Abbildung 7.5: Abh¨
angigkeit der St¨
orsignald¨
ampfung vom Adaptationsparameter ε
f¨
ur das Verfahren OM-V mit dem Kovarianzmanagement KM-k·k1
Zyklen mit ε≈5·10−3erreicht, w¨
ahrend es f¨
ur die breitbandigen Signale
mit ε≈1·10−4der Fall ist. Demnach ist der Adaptationsparameter εunter
anderem auf die spektrale Zusammensetzung der vorliegenden St¨
orsignale und
das Messrauschen abzustimmen.
In der Tabelle 7.2 sind die gew¨
ahlten Adaptationsparameter εangegeben,
die f¨
ur beide Zyklen jeweils zu hohen St¨
orsignald¨
ampfungen f¨
uhrten. Es zeigte
sich, dass εf¨
ur jede Variante des Kovarianzmanagement unterschiedlich vor-
zugeben ist.
St¨
orsignald¨
ampfungen und Fehlerverl¨
aufe
Gem¨
aß den Fehlerverl¨
aufen in Abbildung 7.6 klingt mit den schmalbandigen
St¨
orsignalen uS(n) der Fehler nach der Startphase h¨
aufig kurzzeitig wieder
auf. Dieses kurzzeitige Ansteigen des Fehlers ist f¨
ur den FL-Zyklus besonders
signifikant. Im Gegensatz dazu klingen die Verl¨
aufe f¨
ur die breitbandigen St¨
or-
signale uN(n) in Abbildung 7.7 innerhalb der ersten Sequenzh¨
alften direkt ab.
Das abrupte Ansteigen des Fehlers in Abbildung 7.6 erscheint daher durch die
in Abh¨
angigkeit von der Motordrehzahl variierende spektrale Zusammenset-
zung der St¨
orsignale uS(n) bedingt.
126 Kapitel 7 Simulationstechnische Untersuchungen
KM KM-k·k1KM-k·k2
FL-Zyklus mit OM-L RL-Zyklus mit OM-L
FL-Zyklus mit OM-V RL-Zyklus mit OM-V
t/ st/ s
t/ st/ s
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
−10−10
−10−10
−20−20
−20−20
−30−30
−30−30
10
10
15
15
2020
2020
40
40
60
60
80
80
00
00
5
5
Abbildung 7.6: Fehlerverl¨
aufe f¨
ur die schmalbandigen St¨
orsignale uS(n) mit unter-
schiedlichem Kovarianzmanagement
KM KM-k·k1KM-k·k2
FL-Zyklus mit OM-L RL-Zyklus mit OM-L
FL-Zyklus mit OM-V RL-Zyklus mit OM-V
t/ st/ s
t/ st/ s
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
−10−10
−10−10
−20−20
−20−20
10
10
15
15
2020
2020
40
40
60
60
80
80
00
00
5
5
Abbildung 7.7: Fehlerverl¨
aufe f¨
ur die breitbandigen St¨
orsignale uN(n) mit unter-
schiedlichem Kovarianzmanagement
7.3 Simulationsergebnisse 127
St¨
orsignal Zyklus Verfahren KM KM-k·k1KM-k·k2
Din dB Din dB Din dB
uS(n)
FL OM-L 11,4 13,7 13,6
OM-V 11,5 12,8 12,4
RL OM-L 18,9 19,1 19,0
OM-V 18,7 19,7 19,8
uN(n)
FL OM-L 11,8 11,7 11,3
OM-V 11,9 11,4 10,8
RL OM-L 12,9 12,5 12,1
OM-V 13,1 12,6 12,3
Tabelle 7.3: St¨
orsignald¨
ampfungen der MCERLS-Algorithmen mit den Adaptations-
parametern in Tabelle 7.2
Im Vergleich zum l¨
angeren RL-Zyklus ¨
andern sich beim FL-Zyklus die Sti-
mulusgr¨
oßen in einer k¨
urzeren Zeitspanne, so dass dieser h¨
ohere Anforderungen
an das Tracking stellt. Die D¨
ampfungen fallen deshalb, wie der Tabelle 7.3 zu
entnehmen, gegen¨
uber dem RL-Zyklus geringer aus. Dagegen unterscheiden
sich mit den breitbandigen St¨
orsignalen uN(n) die in den beiden Zyklen er-
zielten D¨
ampfungen nur geringf¨
ugig voneinander. Diese sind jedoch aufgrund
der breitbandigen Anregung geringer als mit den schmalbandigen St¨
orsigna-
len uS(n). Mit einer Erh¨
ohung der Filterl¨
angen ließe sich eine Verbesserung
erzielen, wobei dadurch der Berechnungsaufwand steigt.
Bei den Fehlerverl¨
aufen f¨
ur die schmalbandigen St¨
orsignale uS(n) kann
jeweils in den letzten Zyklush¨
alften der Trend zu einer leichten kontinuier-
lichen Zunahme des Fehlers beobachtet werden. Begr¨
undet ist der Anstieg
durch die von der Str¨
omungsgeschwindigkeit des Abgases abh¨
angig vorgegebe-
ne Rauschvarianz. Der Einfluss dieses str¨
omungsinduzierten Rauschens wird
im Abschnitt 7.3.4 untersucht.
Bewertung
Es l¨
asst sich res¨
umieren, dass bez¨
uglich des Kovarianzmanagements alle vorge-
stellten Varianten ¨
ahnlich gute D¨
ampfungen erzielen, so dass dementsprechend
keine Variante eindeutig zu pr¨
aferieren ist. Unter dem Aspekt des Berechnungs-
aufwands ist jedoch das Kovarianzmanagement KM-k·k1vorzuziehen. Weiteren
Arbeiten bleibt es vorbehalten, die Nachf¨
uhrung des Adaptationsparameters ε
ebenfalls adaptiv zu gestalten.
F¨
ur das weitere Vorgehen wird das Verfahren OM-V mit dem Kovarianzma-
nagement KM-k·k1stellvertretend als Referenzverfahren herausgegriffen und
durch die erweiterte Abk¨
urzung OM-V-R repr¨
asentiert. Diesbez¨
uglich kommt
weiterhin die bew¨
ahrte Fensterl¨
ange W= 1000 zum Einsatz.
128 Kapitel 7 Simulationstechnische Untersuchungen
7.3.2 Vergleich der Verfahren zur Online-Modellierung
In diesem Abschnitt sind die mit dem Referenzverfahren OM-V-R erzielten
St¨
orsignald¨
ampfungen und Fehlerverl¨
aufe mit den Resultaten der etablierten
Verfahren zur Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads gegen¨
uberzustellen und
zu bewerten. Dazu wurde neben den beiden LMS-basierten Verfahren AN-Z
und OM-K das ERLS-basierte Verfahren OM-L verwendet. Dar¨
uber hinaus kam
auf der Grundlage des RLS-Algorithmus das Verfahren OM-RLS zum Einsatz,
welches mit Qˆp,ˆs=0M+Nund Qˆw=0Laus OM-V hervorgeht.
W¨
ahrend beim Verfahren AN-Z zur Pegelanpassung des Rauschsignals die
Strategie aus [ZLS03] Verwendung fand, wurde das Konzept OM-L gem¨
aß Ab-
schnitt 6.4 in seiner publizierten Version implementiert und folglich auf das
erarbeitete Kovarianzmanagement sowie auf eine zus¨
atzliche Aufteilung der
Matrix Qˆp,ˆs(n) verzichtet. Die Vorgabe der Adaptationsparameter bei den
einzelnen Adaptationsalgorithmen erfolgte derart, dass sich f¨
ur beide Stimu-
luszyklen eine hohe mittlere St¨
orsignald¨
ampfung einstellt.
St¨
orsignald¨
ampfungen
St¨
orsignal Zyklus AN-Z OM-K OM-RLS OM-L OM-V-R
Din dB Din dB Din dB Din dB Din dB
uS(n)FL 0,3 1,1 0,3 7,1 12,8
RL 0,3 6,7 0,7 12,9 19,7
uN(n)FL 0,7 5,6 0,6 7,6 11,4
RL 2,4 8,9 2,3 11,1 12,6
Tabelle 7.4: St¨
orsignald¨
ampfungen ausgew¨
ahlter Verfahren zur Online-Modellierung
des Sekund¨
arpfads
Bei den LMS-basierten Verfahren AN-Z und OM-K ist ein direkter Ver-
gleich der konkurrierenden Konzepte zur Online-Modellierung des Sekund¨
ar-
pfads m¨
oglich. Wie den St¨
orsignald¨
ampfungen in Tabelle 7.4 zu entnehmen,
eignen sich die h¨
aufig pr¨
aferierten AN-Verfahren in der untersuchten Form
nicht f¨
ur Anwendungen, die hohe Anforderungen an das Tracking stellen.
Die Resultate des berechnungstechnisch wesentlich aufw¨
andigeren Verfah-
rens OM-RLS fallen gegen¨
uber dem LMS-basierten Konzept OM-K deutlich
schlechter aus. Die Verwendung des RLS-Algorithmus ist damit nicht zwangs-
l¨
aufig ein Garant f¨
ur gutes Tracking-Verhalten.
Die mit den Verfahren OM-L und OM-V-R erreichten D¨
ampfungen ver-
deutlichen, dass durch gezielte Vorgabe beziehungsweise Modifikation der Ko-
varianzmatrizen ein verbessertes Tracking m¨
oglich ist. Die akzeptablen Resul-
tate des Verfahrens OM-L lassen sich mit dem in dieser Arbeit vorgestellten
7.3 Simulationsergebnisse 129
Konzept OM-V-R deutlich ¨
ubertreffen.6Es ist zu betonen, dass neben den
hervorragenden St¨
orsignald¨
ampfungen dieser Ansatz zus¨
atzlich den gerings-
ten Aufwand bei der Abstimmung der Adaptationsparameter erfordert.
Fehlerverl¨
aufe
AN-Z OM-K OM-RLS OM-L OM-V-R
FL-Zyklus mit uS(n)RL-Zyklus mit uS(n)
FL-Zyklus mit uN(n)RL-Zyklus mit uN(n)
t/ st/ s
t/ st/ s
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
−10−10
−15−15
−20−20
−30−30
00
00
1010
10
10
15
1515
15
2020
2020
40
40
60
60
80
80
5
5
Abbildung 7.8: Fehlerverl¨
aufe ausgew¨
ahlter Verfahren zur Online-Modellierung des
Sekund¨
arpfads
Die Fehlerverl¨
aufe zeigen bei den schmalbandigen St¨
orsignalen uS(n) eben-
falls kurzzeitige Auf- und Abklingphasen, die gem¨
aß Abbildung 7.8 beim Re-
ferenzverfahren OM-V-R am geringsten ausgepr¨
agt sind. Das kurzzeitige Auf-
klingen erscheint durch die spektrale Zusammensetzung der St¨
orsignale uS(n)
begr¨
undet, da dieses f¨
ur die breitbandigen St¨
orsignale uN(n) in dieser Form
nicht beobachtet werden kann.
Mit dem breitbandigen St¨
orsignal uN(n) ist beim Verfahren OM-K zum En-
de des RL-Zyklus eine Zunahme des Fehlers zu verzeichnen. Dennoch empfiehlt
sich das LMS-basierte Verfahren als Alternative zum Ansatz OM-L, da dieses
mit einer geringeren Komplexit¨
at eine als passabel einzustufende D¨
ampfung
von breitbandigen St¨
orsignalen in beiden Zyklen erlaubt. Allerdings eignet
6Liegt ein physikalisches System zu Grunde, bei dem sich die Variation der Parameter
durch qˆp(n)≈qˆs(n) absch¨
atzen l¨
asst, sind mit den Verfahren OM-L und OM-V-R vergleich-
bare Ergebnisse zu erwarten. Dennoch weist f¨
ur diesen Fall das Verfahren OM-V-R nach
wie vor die einfachere Abstimmung der Adaptationsparameter auf.
130 Kapitel 7 Simulationstechnische Untersuchungen
sich das Verfahren OM-K nicht f¨
ur die D¨
ampfung der schmalbandigen St¨
orsig-
nale uS(n). Dies wird besonders beim FL-Zyklus deutlich, der h¨
ohere Anforde-
rungen an das Tracking stellt. F¨
ur h¨
ohere D¨
ampfungen durch ein verbessertes
Tracking ist daher das Verfahren OM-V-R zu pr¨
aferieren.
Grafische Darstellung der St¨
orsignald¨
ampfung
In Abbildung 7.9 sind die aktiven St¨
orsignald¨
ampfungen der ERLS-basierten
Verfahren OM-L und OM-V-R zum Vergleich mit den Ergebnissen einer passi-
ven Schalld¨
ampfung f¨
ur die schmalbandigen St¨
orger¨
ausche uS(n) dargestellt.
F¨
ur tieffrequente Signale unterhalb von f < 0,2 kHz sowie im Frequenzbereich
von 0,4 kHz < f < 0,7 kHz erlauben die durch Querschnittsspr¨
unge bedingten
Reflexionen keine akzeptable passive D¨
ampfung.
Eine aktive D¨
ampfung sorgt dagegen f¨
ur eine deutliche Verbesserung. W¨
ah-
rend mit dem Konzept OM-L zus¨
atzliche tieffrequente Artefakte vorhanden
sind, reduziert das Referenzverfahren OM-V-R dort die St¨
orger¨
ausche deut-
lich. Aufgrund des Kovarianzmanagements und des dadurch bedingten besse-
ren Trackings ist mit dem Referenzverfahren im mittleren Frequenzbereich f¨
ur
beide Zyklen erwartungsgem¨
aß eine h¨
ohere D¨
ampfung zu verzeichnen.
Bewertung
Bei den OM-Verfahren ist von Vorteil, dass f¨
ur die Online-Modellierung des
Sekund¨
arpfads nur eine Fehlergleichung minimiert werden muss. Die h¨
aufig
als Nachteil angef¨
uhrte Tatsache einer nicht sichergestellten Identifikation der
¨
Ubertragungspfade erscheint im Kontext eines ANC-Systems nicht relevant.
Im Vergleich mit den aus der Literatur bekannten Verfahren f¨
uhren die
im Referenzverfahren OM-V-R verwendeten Ans¨
atze zu einer deutlichen Er-
h¨
ohung der St¨
orsignald¨
ampfungen. Auch wenn die ERLS-basierten Konzepte
durch ihr Tracking-Verhalten zu besseren Resultaten f¨
uhren, darf nicht ver-
gessen werden, dass diese mit der Komplexit¨
at O{max{L2,[M+N]2}} bei
einer Implementierung f¨
ur Realzeitanwendungen leistungsf¨
ahige Signalprozes-
soren erfordern. Dennoch ließe sich mit den Anforderungen in Tabelle 7.1 das
Verfahren OM-V-R auf zurzeit aktuellen Signalprozessoren mit Fließkomma-
arithmetik implementieren. F¨
ur h¨
ohere Filterordnungen bietet sich beispiels-
weise die Verteilung des adaptiven Filters zur Erzeugung des Gegenschallsig-
nals und der adaptiven Filter zur Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads auf
zwei Prozessoren an.
Stehen aus wirtschaftlichen Gr¨
unden keine leistungsf¨
ahigen Prozessoren
zur Verf¨
ugung, stellt das Verfahren OM-K eine Alternative dar. Ob jedoch die
Tracking-Eigenschaften zufriedenstellend sind, ist gem¨
aß den Anforderungen
abzuw¨
agen. Zuk¨
unftigen Arbeiten bleibt es daher vorbehalten, die Komple-
xit¨
at der ERLS-basierten Verfahren zu reduzieren, um den Einsatz auch in
kostensensiblen Anwendungen zu erm¨
oglichen.
7.3 Simulationsergebnisse 131
1
1
1
1
1
1
1
1
0,8
0,8
0,8
0,8
0,8
0,8
0,8
0,8
0,6
0,6
0,6
0,6
0,6
0,6
0,6
0,6
0,4
0,4
0,4
0,4
0,4
0,4
0,4
0,4
0,2
0,2
0,2
0,2
0,2
0,2
0,2
0,2
−50 −40 −30 −20 −10 0
0
0
0
0
0
0
0
0
5
5
5
5
10
10
10
10
15
15
15
15
20
20
20
20
20
20
20
20
40
40
40
40
60
60
60
60
80
80
80
80
uSin dB
FL-Zyklus RL-Zyklus
FL-Zyklus ohne ANC RL-Zyklus ohne ANC
FL-Zyklus OM-L RL-Zyklus mit OM-L
FL-Zyklus OM-V-R RL-Zyklus mit OM-V-R
fin kHz
fin kHz
fin kHz
fin kHz
fin kHz
fin kHz
fin kHz
fin kHz
t/st/s
t/st/s
t/st/s
t/st/s
Abbildung 7.9: Spektrogramme der erzielten St¨
orsignald¨
ampfungen ohne ANC, mit
dem Verfahren OM-L ohne Kovarianzmanagement sowie mit dem Re-
ferenzverfahren OM-V-R
132 Kapitel 7 Simulationstechnische Untersuchungen
Anhand der verwendeten Stimulussignale, die reale Betriebsbedingungen
innerhalb einer PKW-Abgasanlage widerspiegeln, sind mit dem Referenzver-
fahren in der Simulation D¨
ampfungen erzielt worden, die f¨
ur einen realen akti-
ven Abgasschalld¨
ampfer ebenfalls erstrebenswert w¨
aren. Die verbesserte OM-
Struktur empfiehlt sich daher in Kombination mit dem MCERLS-Algorithmus
f¨
ur den praktischen Einsatz in einem ANC-System zur aktiven Abgasschall-
d¨
ampfung, wobei bez¨
uglich einer praxistauglichen Implementierung die Gene-
rierung des Referenzsignals zu modifizieren ist.
7.3.3 Bewertung der Online-Modellierung
0,20,3 0,40,50,60,7 0,80,9 1
−60
−50
−40
−30
−20
−10
0
f/kHz
|S|in dB
ϑ0= 200◦C
V0= 3 m/s
ϑ0= 270◦C
V0= 16 m/s
ϑ0= 340◦C
V0= 22 m/s
Abbildung 7.10: Normierte Amplitudeng¨
ange des Sekund¨
arpfads f¨
ur ausgew¨
ahlte Ab-
gastemperaturen ϑ0und Str¨
omungsgeschwindigkeiten V0
In Abbildung 7.10 sind zun¨
achst exemplarisch die Amplitudeng¨
ange des in
der Simulation zu Grunde gelegten Sekund¨
arpfads f¨
ur ausgew¨
ahlte Tempera-
turen und Str¨
omungsgeschwindigkeiten des Abgases dargestellt. Idealerweise
sollte der Amplitudengang konstant verlaufen. In einem R¨
ohrensystem weist
dieser jedoch h¨
aufig Welligkeiten in Form von Resonanzen auf, die es durch eine
geeignete geometrische Auslegung im relevanten Frequenzbereich zu reduzie-
ren gilt. Obwohl gem¨
aß Abbildung 7.4 der Amplitudengang der Sekund¨
arquelle
oberhalb von etwa f > 0,4 kHz stark abf¨
allt, konnte durch eine geschickte geo-
metrische Dimensionierung des Koaxialschalld¨
ampfers erreicht werden, dass
sich im wichtigen Frequenzbereich von f < 0,7 kHz, der Amplitudengang des
Sekund¨
arpfads relativ ausgeglichen gestaltet. Die erzielten Verl¨
aufe sind f¨
ur
diesen Bereich als akzeptabel zu bewerten [KT93].
Nachdem das Kovarianzmanagement sowie die verschiedenen Ans¨
atze zur
Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads untersucht worden sind, sollen die er-
zielten St¨
orsignald¨
ampfungen qualitativ und quantitativ eingeordnet werden.
Zur Einordnung bietet sich ein Vergleich der D¨
ampfungen an, die sich zum
einen mit dem Referenzverfahren OM-V-R sowie zum anderen mit S(z) =
ˆ
S(z) = 1 und einem optimal gesch¨
atzten Sekund¨
arpfad erzielen lassen.
7.3 Simulationsergebnisse 133
St¨
orsignal Zyklus S(z) = ˆ
S(z) = 1 ˆ
S(z) optimal OM-V-R
Din dB Din dB Din dB
uS(n)FL 16,2 15,8 12,8
RL 21,3 20,5 19,7
uN(n)FL 14,5 13,2 11,4
RL 14,8 13,5 12,6
Tabelle 7.5: St¨
orsignald¨
ampfungen mit idealem Sekund¨
arpfad, optimal gesch¨
atztem
Sekund¨
arpfad und mit einer Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads
F¨
ur den optimal gesch¨
atzten Sekund¨
arpfad wurde die L¨
ange der Impuls-
antwort ˆs(n) zu N= 1024 = Ngew¨
ahlt. Die resultierenden St¨
orsignald¨
amp-
fungen sind in Tabelle 7.5 zusammengefasst. Die mit dem Referenzverfah-
ren OM-V-R erzielten D¨
ampfungen erreichen nahezu die unter idealen Bedin-
gungen vorliegenden Werte, wobei erwartungsgem¨
aß f¨
ur S(z) = ˆ
S(z) = 1 die
gr¨
oßten D¨
ampfungen zu verzeichnen sind.
Fehlerverl¨
aufe und Bewertung
Wie den Fehlerverl¨
aufen in Abbildung 7.11 zu entnehmen, sind zum Ende der
Zyklen zunehmende Abweichungen zwischen den idealen Annahmen und der
S(z) = ˆ
S(z) = 1 ˆ
S(z) optimal OM-V-R
FL-Zyklus mit uS(n)RL-Zyklus mit uS(n)
FL-Zyklus mit uN(n)RL-Zyklus mit uN(n)
t/ st/ s
t/ st/ s
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
−10−10
−10−10
−20−20
−20−20
−30−30
10
10
15
15
2020
2020
40
40
60
60
80
80
00
00
5
5
Abbildung 7.11: Fehlerverl¨
aufe zur Bewertung der Online-Modellierung
134 Kapitel 7 Simulationstechnische Untersuchungen
Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads festzustellen. Diese bedingen die etwas
geringeren D¨
ampfungen. Das bisher bei den schmalbandigen Signalen uS(n) zu
beobachtende kurzzeitige sprunghafte Aufklingen des Fehlers kann damit auf
die Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads zur¨
uckgef¨
uhrt werden.
Das Referenzverfahren OM-V-R l¨
asst sich gem¨
aß den Simulationsergeb-
nissen als ein geeignetes Konzept zur aktiven St¨
orsignald¨
ampfung bei einer
gleichzeitigen Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads bewerten. Im Vergleich
mit den anderen untersuchten Verfahren zur Online-Modellierung erreicht das
Referenzverfahren die geringste Diskrepanz gegen¨
uber den Resultaten eines
optimal gesch¨
atzten Sekund¨
arpfads.
7.3.4 Str¨
omungsinduziertes Rauschen
St¨
orsignal Zyklus σ2
t,x =σ2
t,e = 0 σ2
t,x =σ2
t,e = 10−5/[m/s]2
Din dB Din dB
uS(n)FL 18,3 12,8
RL 23,9 19,7
uN(n)FL 11,4 11,4
RL 12,7 12,6
Tabelle 7.6: St¨
orsignald¨
ampfungen mit dem Verfahren OM-V-R unter dem Einfluss
von str¨
omungsinduziertem Rauschen im Referenz- und Fehlersignal
In Tabelle 7.6 sind die Auswirkungen der str¨
omungsinduzierten St¨
orantei-
le auf die D¨
ampfungen dargestellt, wobei die Vorgabe eines endlichen Signal-
Rausch-Verh¨
altnisses mit σ2
M,x =σ2
M,e = 10−4weiterhin Bestand hatte. Es
l¨
asst sich res¨
umieren, dass bei den schmalbandigen St¨
orsignalen uS(n) eine
deutliche Verschlechterung der D¨
ampfung durch das str¨
omungsinduzierte Rau-
schen festgestellt werden kann, w¨
ahrend bei den breitbandigen Signalen uN(n)
die erzielten Resultate davon unbeeinflusst bleiben.
Fehlerverl¨
aufe und Bewertung
Das str¨
omungsinduzierte Rauschen beeinflusst vor allem das Fehlersignal, da
dieses durch die aktive D¨
ampfung zwangsl¨
aufig nur einen geringen Signalpe-
gel aufweist. Kann kein ausreichender St¨
orabstand sichergestellt werden, limi-
tiert das str¨
omungsinduzierte Rauschen, wie zuvor angedeutet und in Abbil-
dung 7.12 f¨
ur die schmalbandigen St¨
orsignalen uS(n) dargestellt, die erreich-
bare St¨
orsignald¨
ampfung.
Bei den breitbandigen St¨
orsignalen uN(n) bleibt dagegen der St¨
orabstand,
begr¨
undet durch die im Vergleich zu den schmalbandigen Signalen uS(n) ge-
ringeren D¨
ampfungen, auch unter turbulentem Str¨
omungseinfluss groß genug,
so dass kein Anstieg des Fehlers verzeichnet werden kann.
7.3 Simulationsergebnisse 135
σ2
t,x =σ2
t,e = 0 σ2
t,x =σ2
t,e = 10−5/[m/s]2
FL-Zyklus mit uS(n)RL-Zyklus mit uS(n)
FL-Zyklus mit uN(n)RL-Zyklus mit uN(n)
t/ st/ s
t/ st/ s
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
ξ(n) in dB
−10−10
−10−10
−20−20
−20−20
−30−30
−40−40
10
10
15
15
2020
2020
40
40
60
60
80
80
00
00
5
5
Abbildung 7.12: Fehlerverl¨
aufe ohne sowie mit str¨
omungsinduziertem Rauschen im
Referenz- und Fehlersignal
F¨
ur eine praktische Implementierung zeigen die Simulationsergebnisse, dass
eine Reduzierung der str¨
omungsinduzierten Anteile durch eine ad¨
aquate Aus-
legung der Messwerterfassung gem¨
aß den Ausf¨
uhrungen im Abschnitt 4.2.3
unbedingt zu empfehlen ist. Schließlich reglementieren die St¨
orabst¨
ande des
Referenz- und Fehlersignals die maximal erreichbaren D¨
ampfungen.
136 Kapitel 7 Simulationstechnische Untersuchungen
Zusammenfassung und Ausblick
In dieser Arbeit wurden Algorithmen f¨
ur adaptive Digitalfilter zur aktiven
Schalld¨
ampfung in R¨
ohrensystemen vorgestellt und untersucht, die im Rahmen
einer Online-Modellierung zus¨
atzlich die Ber¨
ucksichtigung eines zeitvarianten
Sekund¨
arpfads erm¨
oglichen. Die Algorithmen basierten auf einem erweiterten
Verfahren der kleinsten Fehlerquadrate. Bei diesen ERLS-Verfahren k¨
onnen
mit Hilfe von Adaptationsparametern die Kovarianzmatrizen und damit das
Tracking-Verhalten beziehungsweise die resultierende St¨
orsignald¨
ampfung di-
rekt beeinflusst werden. Daher wurde ein Kovarianzmanagement erarbeitet,
welches ein verbessertes Tracking erm¨
oglicht und ebenfalls eine vereinfachte
Abstimmung der Adaptationsparameter aufweist.
Die Untersuchung der adaptiven Konzepte erfolgte simulationstechnisch,
da sich auf diese Weise das Potenzial der Verfahren direkt vergleichen und
bewerten l¨
asst. Im Gegensatz zu den bisher zu dieser Thematik durchgef¨
uhr-
ten Arbeiten kam zur Simulation von zeitvariantem Systemverhalten nicht ein
stochastisches Modell auf der Grundlage von messtechnisch ermittelten akus-
tischen ¨
Ubertragungsfunktionen und Gauß-Markov-Prozessen zum Einsatz,
sondern die Algorithmen wurden direkt im Kontext eines Simulationsmodells
eingebunden, dessen zeitvariantes Verhalten einem physikalisch motivierten
mathematischen Modell eines R¨
ohrensystems entspringt. Diesbez¨
uglich sollte
das Konzept eines aktiven Abgasschalld¨
ampfers f¨
ur einen PKW simuliert wer-
den. Die daf¨
ur erforderliche akustische Modellierung von R¨
ohrensystemen the-
matisierte der erste Teil der Arbeit, w¨
ahrend im zweiten Teil die Algorithmen
f¨
ur eine aktive D¨
ampfung von St¨
orger¨
auschen mit Hilfe eines ANC-Systems
im Mittelpunkt standen.
Zusammenfassung zur akustischen Modellierung
Zur Beschreibung der Schallausbreitung in R¨
ohren stellten zun¨
achst die von
Kirchhoff im Neunzehnten Jahrhundert formulierten Gleichungen den Aus-
gangspunkt dar. Diese erlauben eine r¨
aumliche Beschreibung des Schallfelds
in R¨
ohren mit konstanter Querschnittsfl¨
ache f¨
ur den Grundmodus.
137
138 Zusammenfassung und Ausblick
In dieser Arbeit war jedoch nicht das genaue r¨
aumliche Schallfeld in der
R¨
ohre von Interesse. Vielmehr sollte das ¨
Ubertragungsverhalten durch ein
akustisches Leitungsmodell auf der Grundlage des Ausbreitungsmaßes charak-
terisiert werden. Das Ausbreitungsmaß wurde approximativ und analytisch
aus der exakten Kirchhoff-L¨
osung f¨
ur unterschiedliche Randbedingungen an
den W¨
anden hergeleitet. Die Betrachtungen beschr¨
ankten sich nicht nur auf
die im zweiten Teil der Arbeit f¨
ur die Simulation ben¨
otigten mathematischen
Modelle, sondern thematisierten ebenfalls bisher in dieser Form nicht pr¨
asen-
tierte Ans¨
atze zur Ber¨
ucksichtigung unterschiedlicher Randbedingungen, wie
beispielsweise die von nicht-ideal schallharten W¨
anden.
Mit den f¨
ur unterschiedliche Randbedingungen approximierten Ausbrei-
tungsmaßen lassen sich im Vergleich mit den berechnungstechnisch wesentlich
aufw¨
andigeren Referenzl¨
osungen von Kirchhoff Resultate mit akzeptabler
Genauigkeit erzielen. Nachdem sich ein akustischer Wellenleiter durch ein an-
gen¨
ahertes Ausbreitungsmaß charakterisieren ließ, wurden Ans¨
atze zur Model-
lierung von R¨
ohrensystemen durch Zweitore vorgestellt, die ¨
Anderungen der
Querschnittsfl¨
ache, nicht-ideale Eigenschaften der Schallquellen, Abzweigun-
gen oder ein str¨
omendes Medium ber¨
ucksichtigen.
Die Validierung eines mathematischen R¨
ohrenmodells erfolgte anhand eines
physikalischen R¨
ohrensystems aus PVC. Dazu wurden die im abgezweigten
Auslass messtechnisch ermittelten ¨
Ubertragungseigenschaften mit den berech-
neten Verl¨
aufen verglichen. Das vorgestellte Modell zur Ber¨
ucksichtigung von
nicht-ideal schallharten W¨
anden erlaubt gegen¨
uber dem Modell f¨
ur ideal schall-
harte W¨
ande eine bessere Absch¨
atzung der Resonanzspitzen. Weitere validie-
rende Untersuchungen sind diesbez¨
uglich allerdings zu empfehlen.
Gem¨
aß dem Ergebnis der Validierung erscheint auf der Basis einer Zwei-
tormodellierung die Absch¨
atzung des charakteristischen ¨
Ubertragungsverhal-
tens eines R¨
ohrensystems mit einer ausreichenden Genauigkeit m¨
oglich. Die
Genauigkeit l¨
asst sich erh¨
ohen, indem der Einfluss von evaneszenten Moden
im Bereich von Abzweigungen durch die Korrektur einzelner L¨
angen im Geo-
metriemodell ber¨
ucksichtigt wird. Liegt ein Zweitormodell zu Grunde, stellen
neben korrigierten L¨
angen auch zus¨
atzlich einzubettende Zweitore eine Alter-
native dar. Die Bestimmung allgemeiner Korrekturgr¨
oßen sowie die strukturel-
le Zusammensetzung der Zweitore bleibt jedoch mit Hilfe von nummerischen
Berechnungsverfahren weiteren Arbeiten vorbehalten.
Zusammenfassung zur aktiven Schalld¨
ampfung
Im zweiten Teil der Arbeit wurden ERLS-basierte Algorithmen f¨
ur die akti-
ve D¨
ampfung von schmal- und breitbandigen St¨
orger¨
auschen untersucht. Die
Untersuchung der Algorithmen bez¨
uglich des Trackings beziehungsweise der
St¨
orsignald¨
ampfung erfolgte simulationstechnisch auf der Basis des mathe-
matischen Modells eines aktiven Abgasschalld¨
ampfers. Die daf¨
ur ben¨
otigten
Zusammenfassung und Ausblick 139
Schalldruck- und Temperaturcharakteristika wurden auf einem Fahrleistungs-
pr¨
ufstand in einem Abgasstrang eines PKWs f¨
ur unterschiedliche Fahrzyklen
gemessen, w¨
ahrend f¨
ur die Str¨
omungsgeschwindigkeit des Abgases heuristische
Absch¨
atzungen zum Einsatz kamen.
Die adaptiven Konzepte sollten neben einer Erzeugung des Gegenschallsig-
nals auch eine gleichzeitige Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads in einer
nicht-station¨
aren Umgebung erm¨
oglichen. Aus der Literatur sind zur Online-
Modellierung zwei Konzepte bekannt. Die AN-Verfahren identifizieren mit Hil-
fe eines Rauschsignals, welches ¨
uber den Lautsprecher abgestrahlt wird, den
Sekund¨
arpfad. Dagegen ben¨
otigen die OM-Verfahren zur Online-Modellierung
des Sekund¨
arpfads kein zus¨
atzliches Rauschsignal. In dieser Arbeit wurden die
OM-Verfahren aufgrund ihrer besseren Tracking-Eigenschaften pr¨
aferiert.
Die auf der Grundlage eines Kovarianzmanagements vorgestellten Ans¨
atze
f¨
uhren im Vergleich mit den aus der Literatur bekannten Verfahren sowohl bei
der Einbettung in bestehende ERLS-basierte OM-Konzepte als auch im Rah-
men eines verbesserten OM-Verfahrens zu den besten Ergebnissen bez¨
uglich
der D¨
ampfung von schmal- und breitbandigen St¨
orsignalen. Zus¨
atzlich weisen
die erarbeiteten Konzepte nur einen Adaptationsparameter auf, so dass sich
die Abstimmung des ANC-Systems wesentlich vereinfacht. Besonders deut-
lich wird die Leistungsf¨
ahigkeit der pr¨
asentierten Konzepte beim Vergleich
mit einem simulierten ANC-System, bei dem der Sekund¨
arpfad als optimal
gesch¨
atzt vorgegeben worden ist. Die mit den verbesserten OM-Verfahren er-
zielten St¨
orsignald¨
ampfungen erreichen nahezu die Resultate der optimalen
Sch¨
atzung. Die bisher h¨
aufig bevorzugten AN-Verfahren eigneten sich dagegen
nicht f¨
ur Anwendungen mit hohen Anforderungen an das Tracking.
Auch wenn die simulationstechnischen Untersuchungen f¨
ur die Randbedin-
gungen in einem PKW-Abgasstrang erfolgten, ist zu betonen, dass die vorge-
stellten Verfahren nicht auf den Einsatz in einem aktiven Abgasschalld¨
ampfer
limitiert sind. Vielmehr empfehlen sich die verbesserten Algorithmen f¨
ur An-
wendungen, bei denen mit den bisherigen Verfahren zur aktiven Schalld¨
amp-
fung und Online-Modellierung kein zufriedenstellendes Tracking geboten wer-
den konnte.
Ausblick zur aktiven Schalld¨
ampfung
Das erarbeitete Kovarianzmanagement st¨
utzt sich zur Abstimmung des ERLS-
Algorithmus auf die Vorgabe eines einzigen Parameters f¨
ur die Adaptation von
drei Filtern. Dieser Adaptationsparameter ist unter anderem in Abh¨
angigkeit
von der spektralen Zusammensetzung des St¨
orschalls und des Messrauschens
zu w¨
ahlen. Es stellt sich die Frage, ob dieser Parameter nicht ebenfalls adaptiv
im Betrieb bestimmt und nachgef¨
uhrt werden kann, um auf diese Weise schließ-
lich dem Wunsch nach einem vollst¨
andig autark arbeitenden ANC-System
nachzukommen.
140 Zusammenfassung und Ausblick
Die ERLS-basierten Verfahren weisen im Gegensatz zum LMS-Verfahren
eine quadratische Komplexit¨
at auf. F¨
ur eine praktische Implementierung wer-
den daher leistungsf¨
ahige Signalprozessoren ben¨
otigt. Weitere Arbeiten sollten
sich deshalb der Reduzierung des Berechnungsaufwands widmen.
Ein Ansatz zur D¨
ampfung von schmalbandigem L¨
arm besteht darin, das
vorgestellte Konzept in den Kontext eines Schmalband-ANC-Systems einzu-
betten. F¨
ur jede zu d¨
ampfende harmonische Schwingung ist ein Kompensati-
onsfilter vorzusehen, f¨
ur das lediglich jeweils zwei Filterkoeffizienten zu adap-
tieren sind. Dies f¨
uhrt in der Gesamtheit zu einer Reduzierung des Berech-
nungsaufwands, wobei die Online-Modellierung des Sekund¨
arpfads effizient zu
integrieren ist. Kommt dar¨
uber hinaus ein nicht-akustischer Sensor zur Erfas-
sung des Referenzsignals zum Einsatz, sind keine Maßnahmen zur Reduzierung
m¨
oglicher akustischer R¨
uckkopplungen erforderlich.
F¨
ur ANC-Anwendungen, bei denen akustische R¨
uckkopplungen nur durch
ein zus¨
atzliches adaptives Filter ged¨
ampft werden k¨
onnen, ist dagegen zu un-
tersuchen, ob sich eine verbesserte aktive Schalld¨
ampfung in Kombination mit
einer ERLS-basierten D¨
ampfung der R¨
uckkopplungen erzielen l¨
asst.
ANHANG A
Thermodynamik von Gasen
A.1 Viskosit¨
at
Bei Gasen h¨
angen die Viskosit¨
at ηund die thermische Leitf¨
ahigkeit κnur
von der Temperatur ab. Nach [Suth93] l¨
asst sich basierend auf der kinetischen
Gastheorie f¨
ur ein ideales Gas mit idealisierten Molekularkr¨
aften die Viskosit¨
at
bei der Temperatur T0durch die semi-empirische Formel
η=ηref
Tref +TS
T0+TST0
Tref 3/2
(A.1)
berechnen. Die Referenzviskosit¨
at ηref liegt bei der Referenztemperatur Tref
vor. Die obige Gleichung wird auch als Gesetz von Sutherland bezeichnet.
F¨
ur Luft lassen sich die Konstanten zu
ηref = 1,846 ·10−5kg/[ms],(A.2a)
Tref = 300 K,(A.2b)
TS= 110,4 K (A.2c)
angeben [Pier81]. Die Gr¨
oße TSwird auch als Sutherland-Konstante oder
Sutherland-Temperatur bezeichnet.
A.2 Thermische W¨
armeleitf¨
ahigkeit
F¨
ur ein ideales Gas kann zur Beschreibung einer temperaturabh¨
angigen ther-
mischen Leitf¨
ahigkeit ebenfalls eine semi-empirische Formel zum Einsatz kom-
men. Diese lautet
κ=κref
Tref +TAe−TB/Tref
T0+TAe−TB/T0T0
Tref 3/2
.(A.3)
141
142 Anhang A Thermodynamik von Gasen
Bei der Referenztemperatur Tref besitzt das Gas die thermische Leitf¨
ahig-
keit κref . F¨
ur Luft ergeben sich die Konstanten zu
κref = 2,625 ·10−2W/[mK],(A.4a)
Tref = 300 K,(A.4b)
TA= 245,4 K,(A.4c)
TB= 27,6 K.(A.4d)
A.3 Schallgeschwindigkeit
F¨
ur die Schallgeschwindigkeit liegt eine Temperaturabh¨
angigkeit der Form
c=pCpvRT0(A.5)
vor [Pier81]. F¨
ur Luft ergeben sich die Konstanten zu
Cpv = 1,4,(A.6a)
R= 287.(A.6b)
A.4 Dichte
Mit Gleichung (A.5) und RT0=P0/ρ0kann f¨
ur die Dichte eines idealen Gases
der Zusammenhang
ρ0=CpvP0
c2(A.7)
angeben werden [Pier81]. F¨
ur Luft ergeben sich mit der Schallgeschwindigkeit
aus Gleichung (A.5) die Konstanten zu
Cpv = 1,4,(A.8a)
P0= 101325 Pa,(A.8b)
wobei P0den statischen Luftdruck repr¨
asentiert.
A.5 Spezifische W¨
armekapazit¨
at
F¨
ur die Temperaturabh¨
angigkeit der spezifischen W¨
arme bei konstantem Druck
l¨
asst sich mit den Konstanten aus den Gleichungen (A.6) die Beziehung
Cp=Cpv
Cpv −1R(A.9)
f¨
ur ein ideales Gas angeben [Pier81].
ANHANG B
Bestimmung der Quellenparameter
B.1 Vorbemerkungen
p0pn
qn
Z0
Zn
Abbildung B.1: Th´
evenin-Quelle mit dem Urschalldruck p0und der Innenimpe-
danz Z0sowie den Lastimpedanzen Zn
F¨
ur die Bestimmung der Parameter p0und Z0der Th´
evenin-Quelle in
Abbildung B.1 werden 1 ≤n≤MR¨
ohren mit konstantem Querschnitt sowie
einseitig schallhartem Abschluss verwendet. Mit den komplexen Amplituden
der Schalldr¨
ucke l¨
asst sich f¨
ur M > 2 zun¨
achst das Gleichungssystem
Z1−p1
Z2−p2
.
.
.
ZM−pM
"p0
Z0#=
Z1p1
Z2p2
.
.
.
ZMpM
(B.1)
aufstellen. Die beteiligten Gr¨
oßen sind frequenzabh¨
angig, wobei im Weiteren
auf die Angabe des Arguments verzichtet wird. Die Eingangsimpedanzen der
einzelnen Lastelemente ergeben sich aus der Impedanzmatrix (2.13) zu
Zn=ZL,n coth (γnln).(B.2)
Es empfiehlt sich, die L¨
angen lnso zu w¨
ahlen, dass jeweils mindestens ein
Druckminima im relevanten Frequenzbereich ∆f =fL−f1vorhanden ist.
Diese Bedingung f¨
uhrt mit Gleichung (B.2) auf
ln>
π
2γn≈c
4fL
=λL
4.(B.3)
143
144 Anhang B Bestimmung der Quellenparameter
B.2 Praktische Durchf¨
uhrung
PC mit
Soundkarte
ln
rw
uM,n
uVpn
p0
Mikrofon
Earthworks OM1
Lautsprecher
Abbildung B.2: Schematischer Messaufbau zur Bestimmung der Quellenparameter
mit einem Schieber zur Einstellung der wirksamen L¨
ange lnbei einem
R¨
ohrenradius von rw= 28,5 mm
Bei der praktischen Parameterbestimmung lag der Messaufbau in Abbil-
dung B.2 zu Grunde. Der Lautsprecher wird mit der Spannung uVangeregt
und erzeugt den Schalldruck p0, w¨
ahrend das Mikrofon den erfassten Schall-
druck pnin die Spannung uM,n umwandelt. Der Zusammenhang zwischen den
akustischen und elektrischen Gr¨
oßen kann mit den ¨
Ubertragungsfunktionen k0
und kdurch
p0=k0uVund pn=uM,n
k(B.4)
hergestellt werden. Auf der Basis des gemessenen Schalldrucks pnwird jeweils
die ¨
Ubertragungsfunktion Hn=uM,n/uVf¨
ur Frequenzen f1≤fk≤fLermit-
telt. Die Angabe des Arguments fkerfolgt im Weiteren nur dort, wo dies n¨
otig
erscheint. Der Zusammenhang zwischen p0und pnl¨
asst sich mit K0=k0k
und den ermittelten ¨
Ubertragungsfunktionen Hnzu
Hp=pn
p0
=1
k0uV
uM,n
k=K−1
0Hn(B.5)
formulieren. Nach dem Einsetzen von pn=K−1
0Hnp0in Gleichung (B.1) erh¨
alt
man das Gleichungssystem
Z1−H1
Z2−H2
.
.
.
ZM−HM
"K0
Z0#=
Z1H1
Z2H2
.
.
.
ZMHM
.(B.6)
Die Verwendung der ¨
Ubertragungsfunktion K0erscheint praktikabler, da
diese im Gegensatz zum Urschalldruck
p0=K0
uV
k(B.7)
B.2 Praktische Durchf¨
uhrung 145
ohne Kenntnis der Empfindlichkeit kdes Mikrofons bestimmt werden kann.
Die Bestimmung von Z0ist ebenfalls von kunabh¨
angig. Im betrachteten Fre-
quenzbereich l¨
asst sich kdurch eine reelle Konstante absch¨
atzen.
Die Parameter K0und Z0der Th´
evenin-Quelle ergeben sich f¨
ur die Fre-
quenzen fkdurch eine Minimierung des mittleren quadratischen Fehlers
e=
M
X
n=1 |ZnK0−Z0Hn−ZnHn|2(B.8)
zu
"K0
Z0#=1
∆
M
X
n=1 |Hn|2
M
X
n=1
Z∗
nHn
M
X
n=1
ZnH∗
n
M
X
n=1 |Zn|2
M
X
n=1 |Zn|2Hn
−
M
X
n=1
Zn|Hn|2
(B.9)
mit
∆=
M
X
n=1 |Zn|2
M
X
i=1 |Hi|2−
M
X
n=1
Z∗
nHn
2
.(B.10)
B.2.1 L¨
angenoptimierung
Die bei der Berechnung der Eingangsimpedanzen (B.2) verwendeten L¨
angen ln
sowie die Eigenschaften des Mediums ¨
uben einen großen Einfluss auf die Ge-
nauigkeit der Gr¨
oßen K0und Z0aus. Die Bestimmung von lnmit Hilfe der
gemessenen ¨
Ubertragungsfunktionen Hnist der mechanischen Bestimmung
weit ¨
uberlegen.
Die L¨
angen k¨
onnen vor der eigentlichen Parameterbestimmung mit Glei-
chung (B.9) auf der Grundlage von Hndurch Auswertung der Minima ge-
sch¨
atzt werden. Diese treten bei den Frequenzen fmin,k auf, so dass sich mit K
Minima im Bereich ∆f die L¨
angen n¨
aherungsweise zu
ln,min ≈1
K
K
X
k=1
[2k−1] π
2 Im{γn(fmin,k)}(B.11)
berechnen. Zur Erh¨
ohung der Frequenzaufl¨
osung lassen sich Interpolations-
techniken verwenden. Alternativ dazu kann auch die normierte Fehlerfunktion
ˆe=1
fL−f1+ 1
L
X
k=1
e(fk)
PM
n=1 |Zn(fk)Hn(fk)|2(B.12)
146 Anhang B Bestimmung der Quellenparameter
zur Bestimmung von lnzum Einsatz kommen [KLB92].1Ein Optimierungs-
verfahren variiert dazu lndergestalt, dass der obige Fehler auf der Grundlage
der diesbez¨
uglich berechneten Eingangsimpedanzen (B.2) sowie der nach Glei-
chung (B.9) bestimmten Quellenparameter iterativ minimiert wird.
B.2.2 Untersuchungen zur Bestimmung der Quellenparameter
Die ¨
Ubertragungsfunktionen Hnwurden f¨
ur L¨
angen 20 mm ≤ln≤290 mm im
¨
aquidistanten Abstand von ∆ln= 10 mm sowie mit einer Frequenzaufl¨
osung
von fres = 1 Hz gemessen. Die Berechnung der Eingangsimpedanzen basierte
auf dem Ausbreitungsmaß von Stinson f¨
ur ideal schallharte und isotherme
W¨
ande aus dem Abschnitt 1.2.3.
F¨
ur die Sch¨
atzung der L¨
angen ln,min mit Hilfe der Schalldruckminima
gem¨
aß Gleichung (B.11) kam eine Spline-Interpolation zur Erh¨
ohung der Fre-
quenzaufl¨
osung zum Einsatz [SK06]. Dar¨
uber hinaus erfolgte die Bestimmung
von ln,opt durch eine Minimierung des Fehlers ˆemit dem Verfahren der kleins-
ten Fehlerquadrate [PTVF07]. Als Startwerte wurden die L¨
angen ln,min ver-
wendet. F¨
ur Lastelemente mit ln<100 mm k¨
onnen f¨
ur fL= 1 kHz keine
Minima ausgewertet werden, so dass dort die mechanisch bestimmten L¨
angen
als Startwerte fungierten.
R¨
ohre mechanische Messung aus Schalldruckminima nach Optimierung
n lnin mm ln,min in mm ln,opt in mm
1 20 −17,8
2 100 97,3 98,2
3 130 127,3 127,5
4 170 165,6 165,2
5 210 203,6 204,2
6 250 244,6 245,7
ˆe8·10−45·10−49·10−5
Tabelle B.1: L¨
angen der Lastelemente bei Bestimmung aus den Schalldruckminima
und nach einer nummerischen L¨
angenoptimierung sowie Angabe des je-
weils verbleibenden Fehlers (B.12)
Die Untersuchung bez¨
uglich des Fehlers ˆezeigte, dass es weniger auf die
Anzahl Mder verwendeten R¨
ohren ankommt, sondern vielmehr auf eine ge-
schickte kombinierte Auswahl der L¨
angen. Eine Erh¨
ohung der an der Para-
meterbestimmung beteiligten Lastelemente f¨
uhrte nicht zwangsl¨
aufig zu einer
1Die optimierten L¨
angen der Lastelemente entsprechen nat¨
urlich nicht exakt den tat-
s¨
achlich mechanisch vorliegenden L¨
angen, sondern sind als ¨
aquivalente Gr¨
oßen zu inter-
pretieren, die unter den real vorliegenden Temperatureinfl¨
ussen den Fehler optimal mini-
mieren.
B.2 Praktische Durchf¨
uhrung 147
0,2
0,2
0,3
0,3
0,4
0,4
0,5
0,5
0,6
0,6
0,7
0,7
0,8
0,8
0,9
0,9
1
1
10
0
0
−10
−20
−30
−40
−50
−π
−2π
−3π
f/kHz
|K0|in dB
f/kHz
arg{K0}in rad
mechanisch Schalldruckminima Optimierung
Abbildung B.3: Betrag und Phase des Quellenparameters K0
0,2
0,2
0,3
0,3
0,4
0,4
0,5
0,5
0,6
0,6
0,7
0,7
0,8
0,8
0,9
0,9
1
1
40
30
20
10
0
0
−10
−20
π/2
π/4
−π/4
−π/2
f/kHz
f/kHz
|Z0/ZL0|in dBarg{Z0}in rad
mechanisch Schalldruckminima Optimierung
Abbildung B.4: Betrag und Phase des Quellenparameters Z0
148 Anhang B Bestimmung der Quellenparameter
0,20,3 0,40,50,6 0,70,80,9 1
0
−20
−40
−60
−80
f/kHz
Hnin dB
l1l2l3l4l5l6
Abbildung B.5: Gemessene ¨
Ubertragungsfunktionen Hn
Verringerung des Fehlers ˆe. Bereits mit 4 ≤M≤6 ließen sich gute Ergebnisse
erzielen. Diese sind f¨
ur die untersuchte Schallquelle f¨
ur M= 6 in Tabelle B.1
angegeben. Wie der Abbildung B.5 zu entnehmen, verteilen sich die ersten
Schalldruckminima ¨
uber den gesamten Frequenzbereich, w¨
ahrend f¨
ur l1kein
Druckminimum in der gemessenen ¨
Ubertragungsfunktion enthalten ist.
B.2.3 Quellenparameter
Die Genauigkeit l¨
asst sich bez¨
uglich des in Tabelle B.1 angegebenen Fehlers ˆe
sowohl durch Auswertung der Druckminima als auch durch eine nummeri-
schen L¨
angenoptimierung gegen¨
uber einer mechanischen L¨
angenmessung er-
h¨
ohen. Die nach Gleichung (B.9) ermittelten Parameter k¨
onnen den Abbil-
dungen B.3 und B.4 entnommen werden.
Aufgrund der unterschiedlich zu Grunde gelegten L¨
angen der Lastelemente
sind im Bereich 0,4 kHz < f < 0,8 kHz Abweichungen zwischen den bestimm-
ten Quellenparametern festzustellen. Die im zweiten Teil der Arbeit f¨
ur die
Modellierung der Sekund¨
arquelle verwendeten Parameter basieren auf den Er-
gebnissen der nummerischen L¨
angenoptimierung.
ANHANG C
MFx-Struktur und Adaptationsalgorithmen
C.1 MFx-Struktur
P(z)
S(z)
ˆ
S(z)
ˆ
S(z)
ˆ
W(z)
ˆ
W(z)
d(n)
Hx(z)
x(n)
u(n)e(n)
y(n)
ys(n)
˜x(n)dˆw(n)dˆs(n)
ǫ(n)
∆e(n)
Adaptations-
algorithmus
Abbildung C.1: Blockschaltbild der MFx-Struktur [Bron93]
In die MFx-Struktur, welche in Abbildung C.1 dargestellt ist, lassen sich
alle vorgestellten Adaptationsalgorithmen einbetten. Durch die ¨
Uberlagerung
der prim¨
aren und sekund¨
aren Schallfelder steht das zur Korrektur ben¨
otig-
te Signal ys(n) messtechnisch nicht zur Verf¨
ugung. Es kann jedoch auf der
Grundlage einer Modellierung von ˆs(n) durch ein Transversalfilter mit den
Koeffizienten
ˆ
s(n) = [ˆs0(n) ˆs1(n). . . ˆsN−1(n)]T(C.1)
sowie mit dem Ausgangssignalvektor
yˆs(n) = [y(n)y(n−1) . . . y(n−N+ 1)]T(C.2)
149
150 Anhang C MFx-Struktur und Adaptationsalgorithmen
die N¨
aherung
dˆs(n) =
N−1
X
i=0
ˆsi(n)y(n−i) = ˆ
sT(n)yˆs(n) (C.3)
formuliert werden. Dagegen ergibt sich das Ergebnis der anderen Faltungsrei-
henfolge zu
dˆw(n) =
L−1
X
i=0
ˆwi(n)˜x(n−i) = ˆ
wT(n)˜
x(n).(C.4)
Mit dem Differenzfehler
∆e(n) = dˆw(n)−dˆs(n) (C.5)
ist den Adaptationsalgorithmen anstelle von e(n) der korrigierte Fehler
ǫ(n) = e(n) + ∆e(n) (C.6)
zuzuf¨
uhren. Bei einer optimalen Vorgabe von ˆs(n) stellt der MFx-Algorithmus
sicher, dass der Adaptationsprozess nicht von den Eigenschaften des Sekund¨
ar-
pfads abh¨
angt. Um die Stabilit¨
at der in die MFx-Struktur eingebetteten Adap-
tationsalgorithmen sicherzustellen, muss die approximierte Impulsantwort ˆs(n)
mit einer entsprechenden Genauigkeit vorliegen. Kann das aufgrund von zeit-
varianten ¨
Ubertragungsstrecken nicht gew¨
ahrleistet werden, ist ˆs(n) mit den
Verfahren zur Online-Modellierung aus dem Kapitel 6zu sch¨
atzen.
C.2 Adaptationsalgorithmen
ˆ
w(n+ 1)
e(n)
x(n)Adaptations-
algorithmus
Abbildung C.2: Definition der Ein- und Ausgangsgr¨
oßen
Die Algorithmen berechnen mit Hilfe der Eingangsgr¨
oßen x(n) und e(n)
den neuen Koeffizientenvektor ˆ
w(n+ 1), so dass sich mit der Definition in
Abbildung C.2 und anhand der in dieser Arbeit angegebenen Blockschaltbilder
direkt die relevanten Eingangsgr¨
oßen zuordnen lassen. F¨
ur die im Weiteren
verwendeten Vektoren gilt
x(n) = [x(n)x(n−1) . . . x(n−L+ 1)]T,(C.7a)
ˆ
w(n) = [ ˆw0(n) ˆw1(n)... ˆwL−1(n)]T.(C.7b)
In einer MFx-Struktur ist der Fehler e(n) gem¨
aß Gleichung (C.6) durch die
korrigierende Gr¨
oße ǫ(n) zu ersetzen.
C.2 Adaptationsalgorithmen 151
C.2.1 Normalisierter LMS-Algorithmus
Initialisierung:
ˆ
w(0) = 0L, 0 < α < 2, 0 < β < 1
Rekursion: n= 0...N
µ(n) = α
β+xT(n)x(n)
ˆ
w(n+ 1) = ˆ
w(n)−µ(n)x(n)e(n)
C.2.2 RLS-Algorithmus
Initialisierung:
ˆ
w(0) = 0L
P(0) = c−1IL, 0 ≪λ≤1
Rekursion: n= 0...N
κ(n) = P(n)x(n)
λ+xT(n)P(n)x(n)
P(n+ 1) = λ−1P(n)−κ(n)xT(n)P(n)
ˆ
w(n+ 1) = ˆ
w(n)−κ(n)e(n)
C.2.3 ERLS-Algorithmus
Initialisierung:
ˆ
w(0) = 0L
M(0) = c−1
ˆwIL,aˆw≤1, q2
ˆw(n)
Rekursion: n= 0...N
r(n) = 1 + xT(n)M(n)x(n)
κ(n) = aˆwM(n)x(n)r−1(n)
M(n+ 1) = a2
ˆwM(n)−M(n)x(n)xT
(n)M(n)r−1(n)+q2
ˆw(n)IL
ˆ
w(n+ 1) = aˆwˆ
w(n)−κ(n)e(n)
ANHANG D
Rekursive Sch¨
atzung statistischer Gr¨
oßen
Die rekursive Sch¨
atzung statistischer Gr¨
oßen ist gegen¨
uber einer Berechnung
mit einem gleitenden Fenster weniger aufw¨
andig. F¨
ur die folgenden Betrach-
tungen sei die ergodische Gr¨
oße x(n) gegeben, f¨
ur die im Intervall 1 ≤k≤n
der Mittelwert ¯x(n) sowie die Varianz σ2
x(n) rekursiv gesch¨
atzt werden sollen.
F¨
ur das Moment der Ordnung igelte [OS89,H¨
ans01]
m(i)
x(n) = Exi(n)≈1
n
n
X
k=1
xi(k).(D.1)
D.1 Rekursive Sch¨
atzung des Mittelwerts
Zur Sch¨
atzung des linearen Mittelwerts ¯x(n) = m(1)
x(n) lassen sich mit
¯x(n) = 1
n
n
X
k=1
x(k) = 1
n"x(n) +
n−1
X
k=1
x(k)#,(D.2a)
¯x(n−1) = 1
n−1
n−1
X
k=1
x(k) (D.2b)
die Rekursionsgleichungen zu
¯x(n) = 1−1
n¯x(n−1) + 1
nx(n) (D.3)
angeben. Diese Form der Sch¨
atzung basiert auf einer Langzeitmittelung, bei
der alle beobachteten Werte gleich gewichtet werden. Eine Kurzzeitmittelung
ist mit der Fensterl¨
ange W > 1 durch
¯x(n) = 1−1
W¯x(n−1) + 1
Wx(n) (D.4)
152
D.2 Rekursive Sch¨
atzung der Varianz 153
m¨
oglich, wobei der Beobachtungszeitraum n¨
aherungsweise durch Wbestimmt
wird. Bei dieser exponentiellen Gl¨
attung bekommen aktuelle Abtastwerte eine
gr¨
oßere Bedeutung. In dieser Arbeit hat sich W= 1000 bew¨
ahrt. Liegen bez¨
ug-
lich des Startwerts ¯x(0) = E{x(n)}keine verl¨
asslichen a priori Informationen
vor, kann dieser ebenfalls zu ¯x(0) = 0 gew¨
ahlt werden.
D.2 Rekursive Sch¨
atzung der Varianz
Die Varianz kann mit Hilfe des linearen und quadratischen Mittelwerts zu
σ2
x(n) = E[x(n)−¯x(n)]2=m(2)
x(n)−¯x2(n) (D.5)
angegeben werden. Das Einsetzen von Gleichung (D.3) sowie der rekursiven
Beziehung
m(2)
x(n) = 1−1
nm(2)
x(n−1) + 1
nx2(n) (D.6)
in die obige Gleichung (D.5) f¨
uhrt mit
σ2
x(n−1) = m(2)
x(n−1) −¯x2(n−1) (D.7)
schließlich auf die Rekursionsgleichung
σ2
x(n) = 1−1
nσ2
x(n−1) + 1
n[x(n)−¯x(n−1)]2.(D.8)
Diese erm¨
oglicht auf der Grundlage einer Langzeitmittelung die Sch¨
atzung der
Varianz. Eine Kurzzeitmittelung kann dagegen mit
σ2
x(n) = 1−1
Wσ2
x(n−1) + 1
W[x(n)−¯x(n−1)]2(D.9)
und der Fensterl¨
ange W > 1 erfolgen. Eine rekursive Sch¨
atzung der Varianz
erfordert damit ebenfalls eine rekursive Sch¨
atzung des Mittelwerts. Sind be-
z¨
uglich des Startwerts σ2
x(0) = E{[x(n)−¯x(n)]2}keine verl¨
asslichen a priori
Informationen vorhanden, bietet sich auch die Wahl von σ2
x(0) = 0 an.
154 Rekursive Sch¨
atzung statistischer Gr¨
oßen
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174 Literaturverzeichnis
Danksagung
Zum Abschluss der vorliegenden Dissertation, die im Rahmen meiner T¨
atigkeit
als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Sensorik an der Universit¨
at
Paderborn entstand, gilt mein Dank:
•Herrn Professor Ulrich Hilleringmann als Leiter des Fachgebiets Sensorik
f¨
ur die M¨
oglichkeit zur Durchf¨
uhrung der Forschungsarbeiten sowie f¨
ur den
mir gew¨
ahrten Freiraum, eigene Vorstellungen zu verwirklichen.
•Herrn Professor Reinhold H¨
ab-Umbach f¨
ur die ¨
Ubernahme des Korreferats
und f¨
ur seine wertvollen Anmerkungen zur Arbeit.
•Herrn Frank Rabe von der Benteler Automobiltechnik GmbH f¨
ur die
Messung und Bereitstellung der Schalldruck- und Temperaturverl¨
aufe.
•Werner B¨
uttner, Thomas Diekmann, Martin Dierkes, Siegbert Dr¨
ue, Heinz
Funke, Torsten Frers, Sebastian Meyer zu Hoberge, Benjamin Ohms, Chris-
toph Pannemann, Sabine Schleghuber, Peter Scholz, Christopher Wiegand
und Karsten Wolff f¨
ur die gute Zusammenarbeit sowie f¨
ur das angenehme
und freundschaftliche Arbeitsklima.
•Christoph L¨
ucking, Ingo Timmermann und Christopher Wiegand f¨
ur ihre
Beitr¨
age in Form von Studien- oder Diplomarbeiten.
•Bernhard Stute f¨
ur die Unterst¨
utzung und die unkomplizierte Leihgabe des
Messmikrofons.
•Markus Schmidt f¨
ur die Durchsicht und die Anmerkungen zum Manuskript.
175