Phasenumwandlung und lokale mechanische
Eigenschaften von TRIP Stahl beim simulierten und realen
Widerstandspunktschweißprozess
vorgelegt von
Dipl.-Ing. Stephan Brauser
aus Berlin
von der Fakultät V - Verkehrs- und Maschinensysteme
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Ingenieurwissenschaften
- Dr.-Ing. -
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Univ.-Prof. Dr.-Ing. J. Krüger
Gutachter: Univ.-Prof. Dr.-Ing. M. Rethmeier
Gutachter: Univ.-Prof. Dr.-Ing. S. Jüttner
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 4. September 2012
Berlin 2012
D 83
I
Zusammenfassung
TRIP Stähle realisieren durch eine unter mechanischer Beanspruchung hervorgerufene Pha-
senumwandlung von metastabilen Austenit in Martensit (TRIP-Effekt) hohe Festigkeiten bei
gleichzeitig guten Verformungseigenschaften. Während der Verarbeitung dieser Werkstoffe
mittels Widerstandspunktschweißen können unter den prozessspezifischen extremen Aufheiz-
und Abkühlraten Modifikationen des Austenitanteils hervorgerufen werden die als Folge lokal
zu einer Änderung der mechanisch-technologischen Eigenschaften führen. Wesentliche
Zielsetzung der vorliegenden Arbeit war daher die Analyse der Gefügestruktur im Bereich
einer Punktschweißverbindung hinsichtlich der Änderung des Austenitanteils und den daraus
resultierenden Änderungen der lokalen mechanischen Eigenschaften unter besonderer Be-
rücksichtigung des TRIP-Effekts.
Durch in-situ Beugungsuntersuchungen mittels hochenergetischer Synchrotronstrahlung
erfolgte zunächst die Quantifizierung des metastabilen Austenitanteils im unbehandelten
Grundwerkstoff. Darauf aufbauend wurden unter definierten Temperaturprofilen in Ofenver-
suchen die grundlegenden Aspekte der thermisch bedingten Austenitumwandlung im Auf-
heiz- und Abkühlprozess untersucht. Durch Gleeble-Versuche und Ofenexperimente wurden
weiterführend verschiedene Temperaturprofile mit unterschiedlichen im Punktschweißprozess
lokal vorliegende Spitzentemperaturen genutzt um eine systematische Bewertung des Einflus-
ses der Temperatur und der Aufheiz- sowie der Abkühlbedingungen auf den Austenitgehalt
unter realen Bedingungen zu ermöglichen. Durch Korrelationsuntersuchungen zwischen den
mechanischen Kennwerten thermisch präparierter Zugproben und den mittels
Metallographisch wie auch röntgenographisch ermittelten Austenitgehalten konnten die
metastabilen, d.h. umwandlungsfähigen Austenitanteile bestimmt werden. Schließlich erfolgte
eine Bewertung hinschlich der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf reale Widerstandspunkt-
schweißverbindungen. Es wurde dabei der Nachweis erbracht, dass die Austenit-Martensit-
Phasenumwandlung lediglich in einem lokal eng begrenzen Werkstoffbereich am Übergang
WEZ/Grundwerkstoff wirksam werden kann. Demzufolge führt der TRIP-Effekt zu keiner
signifikanten Beeinflussung von Festigkeits- und Verformungseigenschaften im Fügebereich
von widerstandspunktgeschweißten TRIP Stählen.
Die ermittelten mechanischen Kennwerte wurden abschließend als Eingangsdaten für die
numerische Simulation des Verformungs- und Festigkeitsverhaltens von Punkschweißverbin-
dungen genutzt. Dabei wurde insbesondere die Notwendigkeit der Implementierung von
mechanischen Kenndaten der Wärmeeinflusszone für eine realitätsnahe Modellierung von
Scherzugversuchen untersucht.
II
Abstract
TRIP steels give high strength along with good ductility owing to metastable austenite to
martensite phase transformation (TRIP effect) caused by mechanical load. Under the extreme
process-specific heating and cooling rates of resistance spot welding, these materials may
undergo modifications in their austenite portion resulting in changed mechano-technological
performance locally. The prime objective of this study was therefore to carry out microstruc-
ture analyses of the spot weld area in order to identify the modified portion of austenite and
the resulting changes in local mechanical performance with special consideration of the TRIP
effect.
First, the metastable austenite portion in the unprocessed parent metal was quantified by in-
situ diffraction using high energy synchrotron radiation. Next, the basic aspects of tempera-
ture dependent austenite transformation in the heating and cooling process were investigated
in furnace experiments under defined temperature profiles. Continuative Gleeble tests and
furnace experiments were conducted using various temperature profiles with different peaks
occurring locally in the spot welding process in order to enable systematic assessment of the
influence of temperature and of heating and cooling conditions on the austenite content under
real conditions. Correlation experiments between the mechanical characteristics of thermally
prepared tensile specimens and the metallographically and roentgenographically determined
austenite contents allowed it to ascertain the metastable, i.e. transformable austenite portions.
Finally, the results were evaluated concerning their transferability to real resistance spot
welds. It was demonstrated that the austenite to martensite phase transformation can come
into action only in a strongly localized material area in the transition zone between heat-
affected zone and base metal. Consequently, the TRIP effect does not significantly affect the
strength and ductility performance in the joining area of spot welded TRIP steels.
The established mechanical characteristics were used as input data for numerical simulation
of the spot weld ductility and strength performance. Here, the attention was focused on the
necessity of implementing mechanical characteristics of the heat-affected zone for realistic
tensile shear test modelling.
III
Danksagung
Die vorliegende Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als wissenschaftliche Angestellte
an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung. Ich möchte Herrn Prof. Dr.-Ing.
Michael Rethmeier von der Technischen Universität Berlin für die Betreuung und die kon-
struktiven Diskussionen, die zur Fertigstellung dieser Arbeit geführt haben, einen großen
Dank aussprechen.
Mein Dank gilt außerdem Herrn Prof. Dr.-Ing. Sven Jüttner für die vielen Anregungen und
nicht zuletzt für die Übernahme des Zweitgutachtens.
Auch Herrn Prof. Dr.-Ing. Jörg Krüger sei für die Übernahme des Vorsitzes des Promotions-
ausschusses recht herzlich gedankt.
Ein großer Dank ist an Herrn Lutz-Alexander Pepke gerichtet, ohne dessen Unterstützung bei
der Durchführung der Schweißversuche und der konstruktiven Umsetzung von Ideen die
Arbeit in dieser Form nicht möglich gewesen wäre.
Ganz herzlich danke ich auch Frau Marina Marten für die hervorragenden Leistungen bei der
metallographischen Probenpräparation und Herrn Dr.-Ing. Arne Kromm für die Unterstützung
bei den in-situ Messungen sowie deren Auswertung. Weiterhin möchte ich Herrn Dipl.-Ing.
Daniel Keil, Herrn Dr. Subaric-Leithis, Herrn Dipl.-Ing. Tobias Mente und Herrn Dipl.-Ing.
Moritz Gebhardt für die Durchführung der Gleeble-Versuche, der Versuche zur instrumentier-
ten Eindringprüfung und der Unterstützung bei der FE-Simulation herzlich danken.
Abschließend ist Herrn Dipl.-Ing. Thomas Michael, Herrn Dipl.-Ing. Marco Lammers, Herrn
Michael Richter, Herrn Michael Geberth für die stets freundliche Arbeitsatmosphäre herzlich
zu danken.
IV
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Zielsetzung .............................................................................................. 1
2 Stand der Technik ............................................................................................................ 3
2.1 Hochfeste Mehrphasenstähle im Rohkarosserie-Leichtbau ....................................... 3
2.2 TRIP Stähle ................................................................................................................ 4
2.2.1 Mechanisch-technologische Eigenschaften von TRIP Stählen .......................... 4
2.2.2 Einflussfaktoren auf die mechanischen Eigenschaften ...................................... 5
2.2.2.1 Spannungsunterstützte und dehnungsinduzierte γ → αM ................................................
Phasenumwandlung und Einfluss der Einzelphasen ..................................... 6
2.2.3 Einflussfaktoren auf Austenitgehalt und die Austenitstabilität ........................ 11
2.2.3.1 Legierungskonzept ...................................................................................... 11
2.2.3.2 Spezielle Einflussparameter auf die Stabilität des Austenits ...................... 12
2.2.4 Thermische Stabilität des Restaustenits ........................................................... 14
2.3 Widerstandspunktschweißen von TRIP Stählen ...................................................... 15
2.3.1 Einfluss des Widerstandspunktschweißens auf die Gefügestruktur von
TRIP Stählen .................................................................................................... 16
2.3.1 Mechanisch-technologischen Eigenschaften von Widerstands-
punktschweißverbindungen aus TRIP Stahl .................................................... 19
2.3.1.1 Dehnungsverhalten von Widerstandspunktschweißverbindungen ............. 22
2.3.1.2 Lokale mechanisch-technologische Kennwerte von Widerstandspunkt-
schweißverbindungen ................................................................................. 23
3 Versuchsdurchführung .................................................................................................. 26
3.1 Versuchswerkstoff .................................................................................................... 27
3.2 Experimentelle Versuchsdurchführung .................................................................... 28
3.1.1 Metallographie und Mikrobereichsanalyse ...................................................... 28
3.1.2 Mechanisch-technologische Prüfung ............................................................... 29
3.1.2.1 Zugversuche und Scherzugprüfung ............................................................ 29
3.1.2.2 Instrumentierte Eindringprüfung ................................................................ 33
3.1.3 Thermisch behandelte Proben .......................................................................... 34
3.1.4 In-situ und ex-situ Phasenanalyse mittels röntgenographischer
Methoden .......................................................................................................... 36
3.1.4.1 In-situ-Phasenanalyse im Ofenversuch ....................................................... 39
3.1.4.2 In-situ-Phasenanalyse im Zugversuch ........................................................ 41
3.3 Numerische Versuchsdurchführung ......................................................................... 44
4 Ergebnisse ....................................................................................................................... 46
4.1 Charakterisierung des Grundwerkstoffes HCT690T ................................................ 46
4.1.1 Gefügestruktur .................................................................................................. 46
4.1.2 Mechanisch-technologische Kennwerte ........................................................... 48
4.1.3 In-Situ Analyse der Phasenumwandlung unter quasi-statischer
Belastung .......................................................................................................... 50
4.2 Einfluss eines Temperaturzyklus auf die austenitische Phasenumwandlung ......... 53
4.2.1 In-situ Phasenanalyse ....................................................................................... 53
4.2.1.1 Einfluss der Aufheiz- und Abkühlrate ........................................................ 55
4.1.1.2 Austenitgehalt bei unterschiedlichen Spitzentemperaturen ........................ 57
V
4.2.2 Ex-Situ Phasenanalyse ..................................................................................... 58
4.2.2.1 Gleeble-Versuche ........................................................................................ 58
4.2.2.2 Ofenversuche .............................................................................................. 62
4.3 Mechanische Kennwerte und Austenitgehalt nach simuliertem
Widerstandspunktschweißprozess ............................................................................ 65
4.3.1 Gleeble Proben ................................................................................................. 65
4.3.2 Ofenproben ....................................................................................................... 67
4.4 Austenitgehalt und lokale mechanische Kennwerte nach realem
Widerstandspunktschweißprozess ............................................................................ 70
4.4.1 Einfluss des Temperaturzyklus beim Widerstandspunktschweißen auf den
Austenitgehalt ................................................................................................................... 70
4.4.2 Einfluss des Temperaturzyklus beim Widerstandspunktschweißen auf die
lokalen mechanischen Eigenschaften ............................................................... 72
4.5 Verformungs- und Bruchverhalten von widerstandspunktgeschweißtem
TRIP Stahl ................................................................................................................ 74
4.6 FE-Simulation .......................................................................................................... 77
4.6.1 Ergebnisse der unterschiedlichen Simulationsmodelle .................................... 77
5 Diskussion ....................................................................................................................... 82
5.1 Mechanisch-technologische Kennwerte und γ → αM Phasenumwandlung des
Grundwerkstoffs ....................................................................................................... 82
5.2 Einfluss eines Temperaturzyklus auf den Austenitgehalt ........................................ 88
5.2.1 In-situ Phasenanalyse ....................................................................................... 88
5.2.2 Einfluss der Aufheiz- und Abkühlrate ............................................................. 91
5.2.3 Austenitgehalt bei unterschiedlichen Spitzentemperaturen ............................. 93
5.2.4 Ex-Situ Phasenanalyse ..................................................................................... 94
5.2.2.1 Ermittlung der Phasenumwandlungstemperaturen ..................................... 94
5.2.2.2 Einfluss des Wärmzyklus auf den Austenitgehalt ...................................... 95
5.3 Mechanische Kennwerte und Austenitgehalt nach simulierten
Widerstandspunktschweißprozess ............................................................................ 98
5.4 Austenitgehalt und lokale mechanische Kennwerte nach realem
Widerstandspunktschweißprozess .......................................................................... 103
5.4.1. Einfluss des Temperaturzyklus beim Widerstandspunktschweißen auf den
Austenitgehalt ................................................................................................. 103
5.4.2 Einfluss des Temperaturzyklus beim Widerstandspunktschweißen auf die
lokalen mechanischen Eigenschaften ............................................................. 106
5.4.2.1 Diskussion der Härteverläufe .................................................................... 106
5.4.2.1 Instrumentierte Eindringprüfung .............................................................. 107
5.5 Verformungsverhalten von widerstandspunktgeschweißten TRIP Stahl .............. 111
5.6 FE-Simulation ........................................................................................................ 113
6 Zusammenfassung und Ausblick ................................................................................ 122
Abkürzungen und Formelzeichen ....................................................................................... 125
Bildverzeichnis ...................................................................................................................... 127
Tabellenverzeichnis .............................................................................................................. 133
Literaturverzeichnis ............................................................................................................. 134
Eigene Veröffentlichungen .................................................................................................. 149
1
1 Einleitung und Zielsetzung
Die stetig zunehmenden Anforderungen hinsichtlich eines geringeren Kraftstoffverbrauchs,
einer verminderten Schadstoffemission sowie der Erhöhung der passiven Sicherheit haben die
Automobilindustrie vor Herausforderungen gestellt, die nur durch eine konsequente Umset-
zung von Werkstoff-, Form- und Fertigungsleichtbau zu begegnen sind [1], [2], [3], [4]. In
Hinblick auf den Werkstoffleichtbau ist in den letzten Dekaden eine Substitution von Stahl-
werkstoffen durch Aluminium, Kunststoff und Magnesium zu beobachten [5]. In dieser
Konkurrenzsituation wurden von der Stahlindustrie erhebliche Anstrengungen unternommen
durch neu entwickelte Werkstoffe den seit jeher hohen Stahlanteil im Automobilbau zu hal-
ten. So ist es mit den so genannten Mehrphasenstählen zu spezifischen Stahlentwicklungen
gekommen, die insbesondere im Rohkarosseriebau umfangreich eingesetzt werden [6], [7].
Ein bedeutender Vertreter dieser Werkstoffklasse ist der so genannte TRIP Stahl. Das Akro-
nym TRIP (TRansformation Induced Plasticity) bezeichnet eine aus der spannungsunterstütz-
ten bzw. dehnungsinduzierten Phasenumwandlung von metastabilem Restaustenit (γ) in
Martensit (αM) resultierende Zunahme der Dehnungsfähigkeit bei gleichzeitiger Erhöhung der
Festigkeit. Hinsichtlich des zielführenden industriellen Einsatzes dieser Werkstoffgruppe sind
dabei insbesondere die Stabilität des Austenits, d.h. der Widerstand gegen die Umwandlung in
Martensit, sowie der Anteil an umwandlungsfähigen Austenit wesentlich. Angestrebt werden
dabei Gefügestrukturen, bei denen sich der metastabile Austenit bei zunehmender Dehnung
kontinuierlich in Martensit umwandelt. Dadurch kann sichergestellt werden, dass der für das
Verformungs- und Festigkeitsverhalten vorteilhafte TRIP-Effekt über einen großen Belas-
tungsbereich wirksam ist.
Bei der industriellen Verarbeitung sind diese Werkstoffe jedoch vielfältigen mechanischen
und thermischen Belastungen unterworfen, die zu einer Beeinflussung der Gefügestruktur
führen können. So werden die Bauteile und Baugruppen aus TRIP Stählen im Rohkarosserie-
bau häufig durch Fügeprozeduren thermischen Belastungen ausgesetzt. Dadurch kann lokal
eine Modifizierung der Gefügestruktur erfolgen, wobei insbesondere der Austenitgehalt und
dessen Stabilität beeinflusst werden. Hinsichtlich der Art und des Umfanges solcher Verände-
rung sowie dessen Einfluss auf den TRIP-Effekt und den resultierenden mechanischen Eigen-
schaften liegen jedoch für die verschiedenen industriell eingesetzten Fügeverfahren keine
aussagekräftigen Ergebnisse vor. Der zunehmende Einsatz computerunterstützter Berech-
nungsmethoden zur orts- und zeitaufgelösten Prognose des Bauteilverhaltens unter realitäts-
nahen Belastungszuständen (z.B. Crash, Ermüdung) erfordert jedoch gerade die Kenntnis
dieser Parameter sowie das Verständnis der fundamentalen werkstoffkundlichen Vorgänge
während und nach dem Fügeprozess.
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist die systematische Analyse der γ → αM Phasenumwand-
lung eines industriell eingesetzten TRIP Stahls durch die Quantifizierung des Austenitgehaltes
und der metastabilen Austenitanteile sowohl für den Grundwerkstoff als auch die thermisch
beanspruchte Fügestelle. Dabei ist nachzuweisen, ob und in welchen Umfang sich der TRIP-
Effekt auf das Tragverhalten der Schweißverbindung auswirken kann. Im Rahmen dieser
Untersuchungen sollen insbesondere Korrelationen zwischen dem Austenitgehalt in der
Wärmeinflusszone und den lokalen mechanisch-technologischen Kennwerten der Fügestelle
2
hergestellt werden. Die Untersuchungen werden dabei exemplarisch für den häufig im Rohka-
rosseriebau eingesetzten Widerstandspunktschweißprozess durchgeführt.
Für die zuverlässige Ermittlung der zeit-, temperatur- und belastungsabhängigen Phasenantei-
le im Grundwerkstoff sowie in der Punktschweißverbindung werden in-situ und ex-situ Un-
tersuchungen überwiegend mittels hochenergetischer Synchrotronstrahlung durchgeführt. Die
Charakterisierung der Gefügestruktur und die Bestimmung der lokalen Werkstoffkenndaten
der Wärmeeinflusszone erfolgt sowohl an thermophysikalisch behandelten Proben wie auch
an realen Widerstandpunktschweißverbindungen durch zerstörende und quasi-
zerstörungsfreie Methoden.
Die lokalen mechanischen Kennwerte der Wärmeinflusszone werden abschließend als Ein-
gangsdaten für die numerische Simulation des Beanspruchungsverhaltens von Widerstands-
punkschweißverbindungen genutzt. Dabei soll durch die Gegenüberstellung von experimen-
tellen sowie numerischen Ergebnissen die Notwendigkeit der Implementierung dieser Werk-
stoffkenndaten für den quasi-statischen Belastungsfall validiert werden.
3
2 Stand der Technik
2.1 Hochfeste Mehrphasenstähle im Rohkarosserie-Leichtbau
Die zunehmenden Anforderungen an das Eigenschaftsprofil von Stahlwerkstoffen und dabei
insbesondere die Forderung nach Erhöhung der Festigkeitsgrenzen bei simultaner Verbesse-
rung der Duktilität führten zur Entwicklung von Stählen mit mehrphasigen Gefügestrukturen.
Zur Werkstoffklasse der Mehrphasenstähle werden dabei die Dualphasenstähle (DP), die
restaustenitischen (TRIP) Stähle, die Complexphasenstähle (CP) und die martensitische
Stähle (MS) gezählt [8]. Das Leichtbaupotential dieser Werkstoffe im Karosseriebau ist in der
vergangenen Dekade umfassend untersucht worden. So zeigen beispielsweise die ULSAB
(Ultralight Steels Auto Body) [9] und die NSB (New Steel Body) [10] Studien, dass durch
einen anforderungsgerechten Einsatz von Mehrphasenstählen in Kombination mit innovativen
Fertigungstechnologien wie Innenhochdruckumformung und tailored blanks sowie durch eine
Anpassung der Bauteilgeometrie an die wirkenden Belastungen das Rohkarosseriegewicht
deutlich gesenkt werden kann. Die hochfesten Mehrphasenstähle ermöglichen dabei durch
eine Blechdickenreduzierung bei gleichzeitig erhöhter Biege- und Torsionssteifigkeit, eine
gewichtsoptimierte Auslegung ohne Beeinträchtigung der Strukturdynamik sowie der stati-
schen Festigkeit [6]. In Crash-Situationen führt die erhöhte Verformungsverfestigung im
Vergleich zu konventionellen hochfesten Stählen zu einer gleichförmigeren Verteilung der
Dehnungen und ermöglicht ein verbessertes Energieabsorptionsvermögen [6], [11], [12] [13].
Dadurch wird im Crashfall ein gewisser Teil der Aufprallenergie absorbiert, wodurch die
Fahrgastsicherheit erhöht wird. Darüber hinaus können aufgrund der guten Formbarkeit dieser
Werkstoffe auch komplexere Strukturgeometrien hergestellt werden [6]. Bild 2.1 zeigt den
extensiven Einsatz hochfester Mehrphasenstähle am Beispiel des VW Passats [14]. Dabei
wird deutlich, dass die hochfesten Mehrphasenstähle insbesondere für sicherheits- und
crashrelevante Bauteile wie A-Säule, Querträger und Schweller eingesetzt werden.
Bild 2.1: Einsatz von konventionellen Stählen und hochfesten Mehrphasenstählen im Karosseriebau
am Beispiel des VW Passats [14]
Ein spezieller Vertreter der Mehrphasenstähle sind die restaustenitischen bzw. TRansformati-
on Induced Plasticity (TRIP) Stähle. Aufgrund der Relevanz dieser Werkstoffklasse für die
4
vorliegende Arbeit, werden sie im Folgenden hinsichtlich ihrer Gefügestruktur und den me-
chanisch-technologischen Eigenschaften vorgestellt.
2.2 TRIP Stähle
Die Werkstoffgruppe der TRIP Stähle wird entsprechend ihrer chemischen Zusammensetzung
in hochlegierte und niedriglegierte Stähle klassifiziert [15]. Die in den 60er Jahren des ver-
gangenen Jahrhunderts entwickelten hochlegierten TRIP Stähle, wie z. B. AISI 321, besitzen
aufgrund des hohen Anteils an Nickel (Fe-Ni-C Stähle) bzw. Mangan (Fe-Mn-C Stähle) eine
austenitische Gefügestruktur [16]. Das Gefüge der niedriglegierten TRIP Stähle (engl. TRIP-
aided steels) besteht aus einer duktilen ferritischen Matrix, in der metastabiler Restaustenit
inselförmig (Blocktyp) zwischen den Ferritkörnern eingelagert ist und einer bainitischen
Phase an den sich metastabiler Restaustenit als Film in den Körnern (lamellenartig) oder an
der Korngrenze des Bainits inselförmig vorliegt [17], [18], [19], [20], [21]. Dabei liegen
abhängig vom temperaturgeführten Herstellungsprozess 50 % - 60 % Ferrit (αF), 25 % - 40 %
Bainit (αB) und 5 % - 20 % Austenit (γ) sowie geringe Anteile an Martensit (αM) vor [22],
[23].
2.2.1 Mechanisch-technologische Eigenschaften von TRIP Stählen
Ein wesentliches Kriterium für den industriellen Einsatz von niedriglegierten TRIP Stählen
(im Folgenden nur TRIP Stähle) ist die im Allgemeinen gegenläufige Kombination von hoher
Festigkeit und guter Verformungsfähigkeit. So erreichen TRIP Stähle im Vergleich zu kon-
ventionellen hochfesten Stählen sowie Mehrphasenstählen vergleichbarer Festigkeit wesent-
lich höhere Verformungskennwerte [6], siehe Bild 2.2 und Bild 2.3.
HSLA-Stahl 500/570
DP-Stahl 350/600
CP-Stahl 650/850
0 5 10 15 20 25 30 35
0
200
400
600
800
Dehnung in %
TRIP-Stahl 350/600
Spannung in M Pa
.
0 5 10 15 20 25 30
0
0,05
0,10
0,15
0,20
0,25
0,30
Dehnung in %
TRIP-Stahl 350/600
DP-Stahl 350/600
HSLA-Stahl 350/450
TRIP-Stahl
(Veränderung des Verlaufes bei
Anstieg des n-Wertes)
n-Wert
Bild 2.2: Spannungs-Dehnungskurve verschiede-
ner Stahlwerkstoffe im Vergleich mit einem TRIP
Stahl [6], die Angabe hinter dem Werkstoff
bezieht sich auf die Höhe der Streckgrenze und
der Zugfestigkeit
Bild 2.3: Momentaner Kaltverfestigungsexponent
n in Abhängigkeit von der Dehnung für Stähle mit
gleicher Streckgrenze [24], die Angabe hinter dem
Werkstoff bezieht sich auf die Höhe der Streck-
grenze und der Zugfestigkeit
5
Die hohe Verformungsfähigkeit von TRIP Stählen ermöglicht eine kostengünstige Form-
gebung von Bauteilen im Rohkarosseriebau durch Einsatz preiswerter Presswerkzeuge und
einem geringeren Maschinenverschleiß. Die gute Verformungsfähigkeit bzw. Umformbarkeit
der TRIP Stähle resultiert wesentlich aus der hohen Kaltverfestigung während der Verfor-
mung [25], [26], [27]. Deshalb wird zur Charakterisierung der Umformbarkeit von TRIP
Stählen häufig auch der Kaltverfestigungsexponent n verwendet. Dieser Parameter ist eine
wichtige Kenngröße zur Bewertung der maximalen Verformung vor Erreichen der Einschnü-
rung während eines Umformprozesses. Weiterhin zeigt der n-Wert die Eigenschaft eines
Werkstoffes zur gleichmäßigen Verformung bei Auftreten eines Spannungsgradienten [6],
[28]. Dabei gilt je größer der n-Wert ist, desto gleichmäßiger ist die Verformung und desto
größer ist die Dehnung bis zum Erreichen der Einschnürung. TRIP Stähle verfügen dabei im
Vergleich zu konventionellen Stählen und z.B. Dualphasenstählen sowohl über einen höheren
als auch während der Verformung konstanteren n-Wert, Bild 2.3. Der maximale Kaltverfesti-
gungsexponent sowie sein Verlauf in Abhängigkeit von der Dehnung werden durch verschie-
dene Faktoren wie Austenitgehalt, Herstellungsprozess, Legierungsgehalt usw. bestimmt [23],
[29], [30]. So konnten bei Untersuchen von Lacroix et al. [29], Bellhouse [31], und Jacques et
al. [23], [30] durch Variation der Abkühlzeiten im Herstellungsprozess sowie der Legierungs-
zusammensetzung n-Werte zwischen 0,15 und 0,45 erzielt werden. Bemerkenswert ist dabei,
dass ein Anstieg des maximalen n-Wertes im Allgemeinen mit einem drastischen Abfall des
n-Wertes bei höheren Dehnungswerten verbunden ist, siehe Bild 2.3.
Neben der Umformbarkeit, die wie dargestellt durch den n-Wert charakterisiert wird, ist für
den Einsatz von Werkstoffen in der Automobilindustrie insbesondere das Energieabsorptions-
vermögen bei hohen Verformungsgeschwindigkeiten wie sie in Crash-Situationen auftreten
von zentraler Bedeutung [22], [32]. Ein hohes Energieabsorptionsvermögen ermöglicht einen
größeren Abbau der Aufprallenergie während des Crashs und kann dadurch maßgeblich zum
Insassenschutz beitragen. TRIP Stähle verfügen dabei durch die γ → αM Phasenumwandlung
(siehe Kap. 2.2.2) über ein um 30 % - 100 % höheres Energieabsorptionsvermögen als kon-
ventionelle Stähle (DC04, ZStE340) und Dualphasenstähle [26], [33]. Daher erstrecken sich
die Einsatzgebiete der TRIP Stähle insbesondere auf Bauteile mit hoher Crashrelevanz wie
Querträger und B-Säule [34].
Die Belastungen denen Werkstoffe in der Automobilindustrie unterworfen sind, beschränken
sich jedoch nicht nur auf quasi-statische und dynamische Lastfälle, sondern beinhalten insbe-
sondere auch zeitlich veränderliche Belastungen. Auch hier zeigen die TRIP Stähle durch ihre
mehrphasige Gefügestruktur ein spezielles Verhalten. So konnte die von Tamura [35] aufge-
stellte These der Erhöhung der Schwingfestigkeit durch die Umwandlung des metastabilen
Austenits in Martensit durch Cheng [36] sowie Huoa und Gaob [37] nachwiesen werden.
Diese Untersuchungen zeigten dabei, dass, in Übereinstimmung mit dem quasi-statischen
Zugversuch [38], der eingelagerte metastabile Austenit in der plastischen Zone vor der Riss-
spitze in Martensite umwandelt und dadurch Rissschließeffekte auftreten können, die zu einer
Verringerung der Rissausbreitungsrate führen.
2.2.2 Einflussfaktoren auf die mechanischen Eigenschaften
Im folgenden Kapitel werden die wesentlichen Einflussfaktoren auf die mechanischen Eigen-
schaften zusammenfassend dargestellt. Dabei steht wie bereits oben angedeutet die aus wis-
senschaftlichen und anwendungsorientierten Gesichtspunkten bedeutsame γ → αM Phasen-
6
umwandlung (martensitische Phasenumwandlung) im Mittelpunkt der Betrachtung. Auf die
weiteren Faktoren insbesondere zur Steigerung der Festigkeit wird ebenfalls eingegangen,
ohne dabei Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.
2.2.2.1 Spannungsunterstützte und dehnungsinduzierte γ → αM Phasenumwandlung
und Einfluss der Einzelphasen
Die guten mechanisch-technologischen Eigenschaften von TRIP Stählen werden generell auf
die bei Belastung hervorgerufene diffusionslose Umwandlung von metastabilen
Austenitkörnern in Martensite (γ→ αM) zurückgeführt [27], [39], [40], [41]. Dabei wird die
durch eine solche Phasenumwandlung hervorgerufene plastische Verformung als Umwand-
lungsplastizität bzw. als TRIP-Effekt bezeichnet [42], [43]. Darüber hinaus können die aus
der Volumenänderung (Martensit hat ein um ca. 3 % höheres Volumen als Austenit) hervor-
gerufenen Mikrospannungen zu elastischen und plastischen Verformungen von Ferrit- und
Baintphasen im Bereich des sich umwandelnden Werkstoffabschnitts führen. Die daraus
resultierende erhöhte Versetzungsdichte in diesen Phasen und trägt zur einer verbesserten
Kaltverfestigungsfähigkeit bei [42], [44].
Die martensitische Phasenumwandlung ist eine Festkörperreaktion, die durch die Temperatur-
abhängigkeit der freien Enthalpie G für die Austenit- und Martensitphase charakterisiert
werden kann, siehe Bild 2.4. Bei einem Abkühlungsprozess liegt bis zum Erreichen einer
spezifischen Temperatur T0 ein austenitisches Gefüge vor. Die Temperatur T0 kennzeichnet
dabei die Gleichgewichtstemperatur der Phasen γ und αM. Zur Initiierung der γ → αM Phasen-
umwandlung ist jedoch ein Mindestmaß an Unterkühlung ΔT notwendig um die kritische
Enthalpiedifferenz, die die Triebkraft für die Martensitumwandlung ist, bereitzustellen [35].
Dabei ist zu berücksichtigen, dass aus thermodynamischen Gesichtspunkten ein System
immer bestrebt ist, sein freie Enthalpie G zu reduzieren. Die hierfür erforderliche
Enthalpiedifferenz ΔGs steht erstmalig bei der Temperatur Ms, der Martensitstarttemperatur,
zur Verfügung. Die Ms-Temperatur kennzeichnet die γ → αM Phasenumwandlung ohne
Einwirkung äußerer Belastungen [22], [45] und wird in erheblichen Maße durch die chemi-
sche Zusammensetzung beeinflusst.
Bild 2.4: Schematische Darstellung der freien Gibbsschen Enthalpie von Martensit und Austenit in
Abhängigkeit von der Temperatur [46]
7
Nach Scheil [47] kann die martensitische Umwandlung jedoch bei Einwirkung einer mechani-
schen Spannung im Austenit auch oberhalb der Ms Temperatur (T1) erfolgen. Dabei steht
durch die mechanische Spannung zusätzlich zur chemischen Triebkraft, die durch die
Enthalpiedifferenz ΔG1 geliefert wird, eine mechanische Triebkraft ΔGmech zur Verfügung
[35]. Entspricht die Summe der mechanische ΔGmech und der chemischen Triebkraft ΔG1 der
Enthalpiedifferenz ΔGs erfolgt die Martensitumwandlung bereits bei T1. Unterhalb der Ms-
Temperatur ist aufgrund der bei der Martensitumwandlung hervorgerufenen plastischen
Verformung des Austenits und der damit verbunden Zunahme der Gitterdefekte eine höhere
Enthalpiedifferenz (ΔG2 > ΔGs) zur Martensitumwandlung notwendig [46]. Bei großer plasti-
scher Verformung des Austenits wird die nötige Triebkraft der Umwandlung um den Betrag
U2 erhöht. Dieser Effekt wird als mechanische Stabilisierung bezeichnet und kann zu einer
Verzögerung oder auch Beendigung der Martensitumwandlung führen [46], [48], Bild 2.5.
Bild 2.5: Schematische Darstellung der kritischen
Spannung zur Einleitung der martensitischen Um-
wandlung in Abhängigkeit von der Temperatur [46]
Bild 2.6: Schematische Darstellung der Ver-
formungsmechanismen in verschiedenen
Temperaturbereichen, links: spannungsunter-
stützt, Mitte: dehnungsinduziert, rechts: Ver-
setzungsgleiten [27]
Wie bereist geschildert, ist oberhalb der Ms-Temperatur eine mechanische Triebkraft (ΔGmech)
zur Initiierung der γ → αM Phasenumwandlung erforderlich. Abhängig von der Temperatur
kann diese sowohl auf Spannungen als auch auf Dehnungen im Austenit basieren. Bild 2.5
zeigt schematisch den Zusammenhang zwischen der Spannung zur Einleitung der
martensitischen Umwandlung in Abhängigkeit von der Temperatur.
Für die Charakterisierung der γ → αM Phasenumwandlung sind dabei drei Temperaturberei-
che von Bedeutung [27]:
s
M-
s
M Bereich: Bis zum Erreichen der
s
M Temperatur bleibt die kritische Spannung
unterhalb der Streckgrenze der Austenitphase und es treten somit lediglich elastische Deh-
nungen im Austenit auf [49], [50]. Die Martensitbildung erfolgt dabei an bereits vorhandenen
Keimbildungsstellen [27] und wird als spannungsunterstütze Martensitumwandlung bezeich-
net, siehe Bild 2.5.
8
s
M - d
M Bereich: Bei der
s
M Temperatur entspricht die kritische Spannung der Streck-
grenze des Austenits. Der Transformationsmodus wechselt von einer spannungsunterstützten
zu einen überwiegend dehnungsinduzierten Martensitumwandlung [27], [49]. Dabei treten ab
der spezifischen Spannung σa die plastische Verformung und eine Kaltverfestigung des Aus-
tenits auf, siehe Bild 2.5. Ab einer Spannung von σb erfolgt dann die martensitische Um-
wandlung [35]. Dabei wird die γ → αM Phasenumwandlung an neu ausgebildeten Keimbil-
dungsstellen durch Gleitprozesse und an den Kreuzungen von Gleitbändern ausgebildet [27],
[51], Bild 2.6.
T > d
M Bereich: Mit zunehmender Temperatur ist für eine γ → αM Phasenumwandlung eine
stetig ansteigende plastische Verformung des Austenits notwendig. Oberhalb der Md tritt
jedoch durch die hohe plastische Verformung die mechanische Stabilisierung des Austenits
ein. Dabei wird die Bewegung von gleitfähigen Phasengrenzflächen verhindert, wodurch die
martensitische Umwandlung gestoppt wird [48], [52], siehe auch Bild 2.6.
Die hinsichtlich einer industriellen Anwendung wichtigsten Effekte, die aus der spannungsun-
terstützten bzw. dehnungsinduzierten γ → αM Phasenumwandlung in TRIP Stählen hervorge-
rufen werden, sind die erhöhte Kaltverfestigung und die Verschiebung der Einschnürung, d.h.
der Gleichmaßdehnung, zu höheren Spannungs- und Dehnungswerten [44], [53], [54], [55].
Der Zusammenhang zwischen dem TRIP-Effekt und einer Verschiebung der Gleichmaßdeh-
nung wurde erstmals von Banerjee et al. [56] beschrieben. Demzufolge wird bei beginnender
Einschnürung aufgrund der vorliegenden erhöhten Spannungen und Dehnungen in diesen
Bereich eine γ → αM Phasenumwandlung initiiert. Der harte Martensit hat eine höhere Fließ-
grenze als der weichere Austenit und ermöglicht folglich eine höhere Spannung bis zum
Einsetzen der plastischen Verformung. Dies konnte Jacques [44] durch die Quantifizierung
des Beitrages der martensitischen Phasenumwandlung zur Kaltverfestigung in Abhängigkeit
von der auftretenden Spannung auch experimental bestätigen. Lacroix et al. [29] zeigte darü-
ber hinaus, dass eine durch die martensitische Phasenumwandlung hervorgerufene Kaltverfes-
tigung in der plastischen Zone vor der Rissspitze die Rissausbreitung verringert. Dieser Effekt
wird durch einen höheren Austenitgehalt und eine höhere Austenitstabilität intensiviert. In der
Literatur wird häufig der Betrag der Volumenexpansion bei der martensitischen Phasenum-
wandlung als wichtiges Kriterium hinsichtlich der Verformbarkeit von TRIP Stählen genannt
[57], [58]. Dabei setzt sich die Formänderung bei der Martensitbildung aus einer Dehnung ε
und einer Scherung τ zusammen, wobei der Scheranteil mit bis zu 26 % einen deutlich größe-
ren Betrag zur Gesamtverformung liefert als der Dehnungsanteil. Die Arbeiten von Sierra und
Nemes [59], Bhadeshia et al. [60] und Jacques [61] zeigen jedoch, dass der Beitrag der be-
schriebenen Volumenexpansion bei der γ → αM Phasenumwandlung zum TRIP-Effekt nicht
allein maßgeblich für das gute Verformungsverhalten von TRIP Stählen ist. Vielmehr erfolgt
durch die Martensitumwandlung eine Umverteilung der Spannungen in den einzelnen
Gefügephasen [62].
Die o.g. Aussagen verdeutlichen, dass für eine optimierte Kaltverfestigungsrate, d.h. ein hoher
und über die Dehnung konstanter n-Wert, die γ → αM Phasenumwandlung und damit insbe-
sondere die Stabilität des Austenits und der Austenitgehalt maßgeblich sind [21], [27], [29],
[63]. Mit Austenitstabilität wird dabei der Widerstand des Austenits gegen eine martensitische
9
Umwandlung bezeichnet. Nach Perlade et al. [50] kann bei einer hohen Stabilität des Auste-
nits aufgrund der verzögerten oder verhinderten γ → αM Phasenumwandlung keine Verbesse-
rung der Verformbarkeit im Vergleich zur ferritsch-bainitischen Matrix erzielt werden. Hin-
gegen wird bei geringer Austenitstabilität bereits bei niedrigen Dehnungen ein Großteil des
Austenits umgewandelt, wodurch die Behinderung der Einschnürung durch die Ausbildung
des harten Martensits bei höheren Verformungsgraden nicht zur Verfügung steht und die
Vorformbarkeit verringert werden kann. Vergleichbare Ergebnisse wurden u.a. von Tian [64]
et al., Grajcar [65] sowie Basuki und Aernoudt [66] vorgestellt.
Bezüglich des Austenitgehaltes wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen, dass mit zuneh-
mendem Austenitgehalt der n-Wert und damit die Verformungsfähigkeit ansteigt [63], [67],
[68], [69]. Jedoch zeigen diese Arbeiten auch, dass eine Erhöhung des Austenitgehaltes über
ein kritisches Maß von ca. 25 % hinaus nicht zu einer Verbesserung der Verformbarkeit von
TRIP Stählen beiträgt. Vielmehr kann häufig eine Verringerung der Dehnungskennwerte
beobachtet werden [63], [69]. Nach Timokhina [21] kann dies auf die reduzierte
Austenitstabilität zurückgeführt werden, die auf einer Verringerung des Kohlenstoffgehaltes
(Kohlenstoff bestimmt im großen Umfang die Stabilität des Austenits, siehe Kap. 2.2.3.) im
Austenit basiert.
Die Austenitstabilität und insbesondere die Kenntnis der Phasenumwandlungskinetik sind für
die industrielle Nutzung von TRIP Stählen von erheblicher Bedeutung. Dadurch kann der
während eines Umformprozesses umgewandelte Austenitgehalt und die Restaustenitmenge
die für die Nutzung des TRIP-Effekts in z.B. Crashsituationen (Energieabsorption) zur Verfü-
gung steht abgeschätzt werden. Eine Vielzahl von Untersuchungen befasst sich daher mit der
Kinetik der γ → αM Phasenumwandlung [70], [71], [72], [73], [74]. Diese zeigen, dass, ab-
hängig vom Legierungskonzept und den Herstellungsbedingungen (Glühzeiten), erhebliche
Unterschiede bei der Phasenwandlung von TRIP Stählen bestehen. Itami et al. [75] und
Kruijver et al. [76] schlagen zur Quantifizierung der Umwandlungskinetik eine Verhältnis-
gleichung vor, Gleichung 2.1.
p
p
p
k
VV
0
11
2.1
Dabei ist Vγ der unmittelbare Austenitgehalt, Vγ0 der Austenitgehalt zu Beginn der Messung
(ohne Belastung), kp ist eine Konstante, die die Austenitstabilität bezogen auf die Verformung
kennzeichnet (je größer kp, desto geringer ist die Austenitstabilität), ε ist die wahre Dehnung
und p ist der Dehnungsexponent. Nach Itami et al. [75] kann p für TRIP Stähle zu 1 ange-
nommen werden. Demzufolge ist
0
11
VV proportional zu Austenitstabilität. Die nach Glei-
chung 2.1 für verschiedene TRIP Stähle bestimmte Austenitstabilität ist in Bild 2.7 zusam-
menfassend gezeigt.
10
10
-2
10
-1
10
0
10
-2
10
-1
10
0
1/Vy-1/Vy0
Wahre Dehnung
[76]
[75]
[82]
[80]
[65]
[77]
[21]
[72]
[78]
[54]
[20]
[70]
[23]
[30]
[79]
[81]
Bild 2.7: Stabilität des Austenits in verschiedenen TRIP-Stahltypen quantifiziert über die Änderung
des Austenitgehaltes nach Gleichung 2.1 [20], [21], [23], [30], [54], [65], [70], [72], [75], [77],
[78], [79], [80], [81], [82]
Zusätzlich zu den o.g. Phänomenen wird das mechanische Verhalten von TRIP Stählen we-
sentlich durch die mechanischen Eigenschaften und das Volumen der einzelnen Phasen be-
stimmt [44], [60], [83]. So führen größere Anteile an härteren bzw. festeren Gefügen zu einer
Erhöhung der Zugfestigkeit während größere Anteile an duktileren Phasen die Verformbarkeit
vergrößern. Untersuchungen von Jacques [84] mittels instrumentierter Eindringhärteprüfung
und Arbeiten von Furnemont [85] unter Verwendung von Neutronenstrahlung zeigen, dass die
Härte bzw. die Streckgrenze der einzelnen Phasen in TRIP Stählen deutlich voneinander
abweicht. Für die Streckgrenze wurden Werte von 500 MPa für die Ferritphase, 650 MPa für
die Bainitphase, 900 MPa für die Austenitphase und 2000 MPa für die Martensitphase ermit-
telt. Für weitere TRIP Stähle ermittelten Choi et al. [71] und Soulami et al. [79] die Streck-
grenze der γ-Phase mittels Synchrotronstrahlung zu 600 MPa, während die Streckgrenze der
α-Phase (Ferrit/Bainit) mit 400 MPa bestimmt wurde. Die Unterschiede bei den phasenspezi-
fischen Streckgrenzen resultieren u.a. aus der unterschiedlichen chemischen Zusammenset-
zung der untersuchten TRIP Stähle und den abweichenden thermischen Herstellungsbedin-
gungen. Eine Reihe von Arbeiten zeigt die Abhängigkeit der phasenspezifischen Dehnungen
von der äußeren Spannung [62], [86], [87]. Dabei konnte nachgewiesen werden, dass die
Dehnungen in der γ-Phase und α-Phase bis nahe der Streckgrenze vergleichbar groß sind,
oberhalb der Streckgrenze jedoch die γ-Phase bei gleicher globaler Spannung stärker verformt
wird. Das resultiert aus der höheren phasenspezifischen Spannung in der γ-Phase. So ermittel-
ten Choi et al. [71] die phasenspezifischen Spannungen in der γ-Phase und α-Phase in Abhän-
gigkeit von der wahren globalen Spannung und der wahren globalen Dehnung im einachsigen
Zugversuch. Dabei wurde nachgewiesen, dass ein so genanntes „load shedding“ einsetz, d.h.
eine Spannungsumverteilung auf die unterschiedlichen Phasen oberhalb der Streckgrenze.
Dadurch wirkt bei gleicher globaler Dehnung auf die γ-Phase eine größere Spannung als auf
11
die α-Phase. Vergleichbare Resultate wurden von Muránsky et al. [62] und Soulami et al. [79]
mittels Neutronen- bzw. Synchrotronstrahlung erzielt. Muránsky [62] zeigte darüber hinaus,
dass eine weitere Umverteilung der Spannung auf die Martensitphase bei signifikanten
Martensitgehalten, d.h. bei im Allgemeinen höheren Dehnungen, erfolgt.
Neben den o. g. Mechanismen werden die mechanisch-technologischen Eigenschaften von
TRIP Stählen auch durch „konventionelle“ Verfestigungsmechanismen wie Ausscheidungs-
härtung, Kornfeinung und Mischkristallverfestigung, bei denen eine Festigkeitssteigerung auf
einer Erhöhung der Versetzungsdichte und/oder der Wechselwirkungen mit den Versetzungen
beruht, beeinflusst werden [22], [88], [89],[90], [91].
Die Gesamtbetrachtung der Literatur verdeutlicht, dass zum besonderen Verformungs- und
Festigkeitsverhalten von niedriglegierten TRIP Stählen eine Reihe von Mechanismen und
Faktoren beitragen, die im Detail noch nicht vollständig verstanden werden. Dabei können
insbesondere deren Kombination und die daraus resultierenden Synergieeffekte derzeit nicht
quantifiziert werden. Als die wichtigsten Parameter, welche die mechanischen Eigenschaften
beeinflussen, werden jedoch der Austenitgehalt sowie die Austenitstabilität (TRIP-Effekt)
genannt [41], [50], [92]. Hierauf wird im folgenden Kapitel detailliert eingegangen.
2.2.3 Einflussfaktoren auf Austenitgehalt und die Austenitstabilität
Sowohl der Gehalt als auch die Stabilität des Austenits werden maßgeblich durch die chemi-
sche Zusammensetzung und den temperaturgeführten Herstellungsprozess bestimmt. Darüber
hinaus werden sowohl der Anteil als auch die Morphologie der einzelnen Phasen durch diese
Parameter beeinflusst.
2.2.3.1 Legierungskonzept
Für die Ausbildung der mehrphasigen Gefügestruktur von TRIP Stählen ist der Einsatz von
verschiedenen Legierungselementen erforderlich. Diese sollen die im Herstellungsprozess
auftretenden Phasenumwandlungen thermodynamisch bzw. kinetisch begünstigen oder im
Einzelfall auch hemmen.
Im Folgenden werden die wichtigsten Legierungselemente und sowie ihr Einfluss auf die
Austenitausbildung im Herstellungsprozess kurz erläutert.
Kohlenstoff
Der Kohlenstoff ist das wichtigste Legierungselement in TRIP Stählen. So führt der interstiti-
ell gelöste Kohlenstoff bei einer Abkühlung aus dem Austenitgebiet zu einer starken Gitter-
verzerrungen, wodurch sowohl die Ferritbildung als auch die Martensitbildung verzögert wird
[21], [24]. Dabei äußert sich die verzögerte Martensitausbildung bei einem steigenden Koh-
lenstoffgehalt durch den Abfall der Martensitstart- und Martensitfinishtemperatur. Ab einer
lokalen Kohlenstoffkonzentration > 0,5 % erreicht die Martensitfinishtemperatur Raumtempe-
ratur. Als Folge der noch nicht abgeschlossenen Martensitbildung liegt daher bei Raumtempe-
ratur metastabiler Restaustenit vor. Die niedriglegierten TRIP Stähle können einen Kohlen-
stoffgehalt von etwa 0,2 % - 0,55 % aufweisen, wobei in kommerziellen TRIP Stählen auf-
grund der verminderten Schweißeignung bei hohen Kohlenstoffgehalten lediglich bis zu
12
0,25 % vorliegen [93]. Bezüglich der Austenitstabilität ist jedoch zu berücksichtigen, dass der
metastabile Restaustenit einen Kohlenstoffgehalt von 1,0 % bis 1,5 % aufweisen kann [94],
[95], [96]. In diesem Zusammenhang zeigten Kruiver et al. [76] und Seong et al. [97], dass
Austenitkörner, die bei größerer Dehnung umwandeln, einen höheren Kohlenstoffgehalt
besitzen als Austenitkörner die bei geringeren Dehnungen in Martensit umwandeln.
Mangan, Silizium und Aluminium
Das nach Kohlenstoff wichtigste Legierungselement zur Stabilisierung des Austenits ist
Mangan. Mangan verringert die Ms-Temperatur und erhöht die Löslichkeit von Kohlenstoff
im Austenit. Darüber hinaus wird die Zementitausscheidung behindert, wodurch der Kohlen-
stoffgehalt im Austenit ansteigt [22], [98]. Zu beachten ist, dass ein höherer Gehalt an Man-
gan durch die Unterstützung der Ausbildung von Karbiden zu einer Verringerung des Kohlen-
stoffes im Austenit führt.
Ein weiteres Element, welches die Stabilisierung des Austenits unterstützt, ist Silizium. So
verlangsamt Silizium die Bildung von kohlenstoffreichen Zementit während des Herstel-
lungsprozesses und verhindert dadurch die Kohlenstoffreduktion im Austenit [99]. Da Silizi-
um auf der Oberfläche jedoch festhaftende Oxide bildet die eine Benetzbarkeit während der
Oberflächenveredelung beeinträchtigen, ist die Herstellung eines siliziumlegierten Stahls
problematisch [100]. Aufgrund dieser Problematik wird die Substitution von Silizium durch
Legierungselemente wie Phosphor, Kupfer und Aluminium, die ebenfalls eine
Zementitbildung unterdrücken, angestrebt. Da jedoch Kupfer mit Schwefel niedrigschmel-
zende Verbindungen an den Korngrenzen bildet und Phosphor zu Seigerungen an den Korn-
grenzen führt, die zur Verringerung der Duktilität beitragen, wird überwiegend Aluminium
zur Substitution von Silizium verwendet [22]. Aluminium verzögert ebenfalls die
Zementitausscheidung [100], jedoch nicht im gleichen Maße wie Silizium [80]. Darüber
hinaus ist die mischkristallhärtende Wirkung kleiner als bei Silizium, wodurch die Festigkeit
reduziert wird [101]. Daher werden häufig geringe Mengen an Phosphor in Kombination mit
Aluminium eingesetzt.
Basierend auf den dargestellten Einflüssen können die TRIP Stähle nach ihren verschiedenen
Legierungskonzepte in CMnSi-, CMnSiAl-, CMnAl- und CMnAlP-TRIP Stähle gegliedert
werden [22], [27]. Bezüglich der Austenitstabilität zeigen Arbeiten von Samek et al. [102]
dass die höchste Austenitstabilität bei dem CMnAl-Stählen erreicht wird und die geringste
Austenitstabilität bei CMnSi-Stählen.
2.2.3.2 Spezielle Einflussparameter auf die Stabilität des Austenits
Die Stabilität des Austenits wird durch eine Reihe von Faktoren bestimmt die sich generell in
drei Gruppen einteilen lassen. Die erste Gruppe, die auch als austenitspezifische Einflussfak-
toren bezeichnet werden kann, beinhaltet die Austenitkorngröße, -form, -orientierung sowie
die chemische Zusammensetzung (insbesondere Kohlenstoff) des Austenits. Die zweite
Gruppe umfasst die Härte und Morphologie der den Austenit umgebenen Phasen, den Ort der
Austenitbildung, die Spannungszustände der vorliegenden Phasen. Die dritte Gruppe wird
durch die Belastungsart (Zug, Druck, Torsion), die Umgebungstemperatur sowie durch die
Belastungsgeschwindigkeit definiert.
13
Die austenitspezifischen Einflussfaktoren werden überwiegend im temperaturgeführten Her-
stellungsprozess eingestellt. Neben dem Einfluss des Kohlenstoffgehaltes (siehe Kap. 2.2.3.1)
ist die Austenitkorngröße für die Austenitstabilität von übergeordneter Bedeutung. So zeigen
Arbeiten von Wang und van der Zwaag [103], dass Austenitkörner die kleiner als 0,01 µm
sind, selbst unter hoher Belastung nicht in Martensit umwandeln. Hingegen ist die Stabilität
von Austenitkörnern die größer als 1 µm sind vergleichsweise gering, so dass diese bereits bei
der Abkühlung auf Raumtemperatur in Martensit umwandeln können. In-situ Analysen zur
Phasenumwandlung mittels Synchrotronstrahlung belegen, dass mit zunehmender
Austenitkorngröße die Ms-Temperatur ansteigt und folglich die Stabilität des Austenits ver-
ringert wird [104]. Weiterhin wiesen diese Untersuchen sowie Arbeiten von Jacques et al.
[29] einen zunehmenden Kohlenstoffgehalt in vergleichsweise kleinen Austenitkörnern nach.
Als Ursache für die erhöhte Stabilität von kleinen Austenitkörnern wird, neben dem Kohlen-
stoffanstieg, die Hypothese vertreten, dass die für eine Martensitbildung erforderliche mini-
male Keimdichte in kleinen Austenitkörnern nicht erreicht wird [103].
Die Morphologie des Austenits sowie die Eigenschaften der umgebenden Phasen beeinflussen
ebenfalls die Phasenumwandlung. So wandelt der in der ferritischen Matrix bzw. an der
Phasengrenze Ferrit/Bainit eingelagerte, inselförmige (Blocktyp) Austenit aufgrund der
höheren Zahl an Versetzungen und Stapelfehler gegenüber lammelenartigen Austenit bereits
bei geringeren Belastungen um und hat folglich eine geringere Stabilität als der Austenit der
zwischen den Bainitlatten eingelagert ist [20], [21]. Zudem übt die Festigkeit der umgebenden
Phasen einen Einfluss auf die Austenitstabilität aus. Wird die Festigkeit des Ferrits bzw. des
Bainits erhöht, wird eine Volumenexpansion, wie sie durch die Umwandlung von Austenit in
Martensit entsteht, erschwert und dadurch die Austenitstabilität erhöht [21], [105]. Weiterhin
zeigen Arbeiten von Turteltaub und Suiker [40], [106] sowie Oliver et al. [107] und Kruijver
et al. [76], dass die Orientierung der Austenitkörner bezogen auf die Beanspruchungsrichtung
die Phasenumwandlung beeinflussen kann. So konnte nachgewiesen werden, dass
Austenitkörner bei denen die (100)-Gitterebene parallel zur Zugachse liegt, bevorzugt um-
wandeln [107], [76].
Die γ → αM Phasenumwandlung wird weiterhin durch die Belastungsart und
-geschwindigkeit bestimmt. So forcieren zwei- und mehrachsige Spannungszustände die
Austenitumwandlung im Vergleich zum quasi-statischen einachsigen Spannungszustand.
Hingegen kann bei hohen Belastungsgeschwindigkeiten [32], [108] oder einer Scherbean-
spruchung eine Verzögerung der Austenitumwandlung [30], [81] beobachtet werden. Eine
zusätzliche Verzögerung der Austenitumwandlung wird bei erhöhten Temperaturen durch die
Verringerung der chemischen Triebkraft ΔG1 (siehe Kap. 2.2.2.1) erzielt [74], [82], [102],
[109] .
Die Umwandlung des Restaustenit in TRIP Stählen erfolgt nicht nur dehnungsinduziert bzw.
spannungsunterstützt erfolgen sondern auch durch thermische Aktivierung. So kann sich bei
höheren Temperaturen wie sie beispielsweise beim Schweißen in der Wärmeeinflusszone
(WEZ) auftreten der Restaustenitgehalt verringern. Dabei wandelt der Austenit jedoch nicht
in Martensit um sondern zerfällt in Ferrit und Zementit [110]. Aufgrund der Bedeutung der
thermischen Stabilität für die vorliegende Arbeit wird diese im folgen Kapitel gesondert
betrachtet.
14
2.2.4 Thermische Stabilität des Restaustenits
In der Karosseriefertigung werden die Bauteile häufig durch schweißtechnische Fertigungs-
verfahren, wie z.B. das Widerstandspunktschweißen, verarbeitet. Die örtlich eng begrenzte
Wärmebeeinflussung und die hohen Temperaturgradienten können bei TRIP Stählen zu einer
Änderung der Gefügestruktur und insbesondere zu einer Verringerung des
Restaustenitgehaltes und der Restaustenitstabilität führen. So konnten Jha und Mishra [111]
bei erhöhten Temperaturen einen Zerfall des Restaustenits in Ferrit und Karbid nachweisen.
Eine grundlegende Betrachtung der thermischen Stabilität des Restaustenits in TRIP Stählen
erfolgte in Arbeiten von Choi et al. [110], [112] und Wen et al. [113]. So konnte mittels in-
situ Messungen der Zerfall des Austenits in Abhängigkeit von der Temperatur nachgewiesen
werden. Demnach beginnt ab einer Temperatur von ca. 300 °C [113] bzw. 340 °C [110],
[112] der Zerfall von Austenit in Ferrit, bei gleichzeitiger Zunahme des Kohlenstoffgehaltes
im Austenit. Das bedeutet, dass zunächst der kohlenstoffärmere, weniger stabile Austenit
zerfällt. Eine wesentliche Zunahme des Zerfalls von Austenits in Ferrite und die beginnende
Ausscheidung von Zementit erfolgt dann bei einer Temperatur von ca. 430 °C [113] bzw.
390 °C [110], [112] und ist mit einer drastischen Verringerung des Kohlenstoffgehaltes im
Austenit verbunden. Choi et al. [112] konnte dabei mittels in-situ Messungen unter Verwen-
dung von Synchrotronstrahlung die Ausbildung von Karbiden im Beugungsspektrum bei
500 °C visualisieren. Aktuelle Untersuchungen von Amirthalingam [114] an einem CMnAl
TRIP Stahl (1,1 % Al, 0,35 % Al) quantifizierten die thermische Stabilität des Austenits bis
zu einer Temperatur von 1000 °C. Hinsichtlich des Austenitzerfalls werden dabei vergleich-
bare Temperaturabhängigkeiten wie in den Arbeiten von Choi et al. [110], [112] und Wen et
al. [113] ermittelt. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse, dass der Zerfall des Austenits bei
ca. 530 °C abgeschlossen ist. Bis zum Erreichen dieser Temperatur werden ca. 60 % des
Restaustenits umgewandelt (Ausgangs-Restaustenitgehalt 18 %). Bei weiterem Temperatur-
anstieg erfolgt eine Umwandlung der α-Phase in Austenit bei einem bis ca. 700 °C nahezu
linearen Anstieg des Austenitgehaltes. Oberhalb von 700 °C verringert sich die
Austenitausbildungsrate (bezogenen auf die Temperaturänderung) deutlich, bis bei ca. 900 °C
ein vollständig austenitisches Gefüge vorliegt. Zu beachten ist, dass der Zerfall diffusionsge-
steuert ist [115] .
Amirthalingam [114] zeigte weiterhin, dass bei einer anschließenden Abkühlung der Zerfall
der γ-Phase in eine α-Phase abhängig von der chemischen Zusammensetzung ist. So zerfällt
der Austenit des CMnAl-TRIP Stahls bis zu einer Temperatur von 400 °C wesentlich schnel-
ler als der Austenit eines CMnSi-TRIP Stahls (1,4 % Si, 0,04 % Al). Bei einer Abkühlung auf
Raumtemperatur liegt dann jedoch in beiden Werkstoffen ein vergleichbarer Austenitgehalt
von ca. 6,5 % vor.
Eine reale Beschreibung der Gefügeumwandlung beim Schweißen gelingt jedoch nur unter
Einbeziehung von relevanten Aufheiz- und Abkühlraten sowie unter Verwendung von Zeit-
Temperatur-Umwandlungs-(ZTU-) Schaubildern. Amirthalingam [114] und Zhao et al. [116]
untersuchten den Einfluss des Metallschutzgasschweißens (MSG Schweißen) und des Laser-
strahlschweißens auf den Austenitgehalt in der WEZ und dem Schweißgut. So wurde beim
MSG Schweißen sowohl für einen CMnSi-TRIP Stahl als auch ein CMnAl-TRIP Stahl in der
WEZ ein deutlicher Abfall des Austenitgehaltes ermittelt. Allerdings zeigt Amirthalingam
[114], dass in der Region der WEZ bei der der Werkstoff auf eine Temperatur von etwa
800 °C erwärmt wird ein Anstieg des Austenitgehaltes auf nahezu Grundwerkstoffniveau
15
auftritt. Dies resultiert aus der bei dieser Temperatur (α + γ Bereich) auftretenden Kohlen-
stoffanreicherung des Austenits und der damit bedingten Stabilisierung des Austenits.
Im Gegensatz zur WEZ wird für das Schweißgut (geschweißt wurde ohne Zusatzwerkstoff,
d.h. das Material wurde lediglich aufgeschmolzen) ein materialabhängiges Verhalten beo-
bachtet. So wird für den CMnSi-TRIP Stahl eine Reduktion des Austenits um etwa 20 % -
30 % im Vergleich zum Grundwerkstoff nachgewiesen [114]. Hingegen konnte für den
CMnAl-TRIP Stahl aufgrund der Anreichung des sich aus der Schmelze ausbildenden δ-
Ferrits mit Aluminium ein deutlich geringerer Austenitgehalt (Reduktion um ca. 60 %) ermit-
telt werden [114]. Die Anreicherung mit Aluminium über 1,15 % führt zu einer Stabilisierung
des δ-Ferrits, so dass dieser nicht in Austenit umwandeln kann, wodurch folglich der
Austenitgehalt im Schweißgut reduziert wird. Vergleichbare Ergebnisse wurden von
Kapustka et al. [117] bei Gleeble-Versuchen an einem CMnAl-TRIP Stahl unter Berücksich-
tigung der Dilatationskurve ermittelt.
Den Einfluss der Abkühlgeschwindigkeit auf die Austenitausbildung zeigt die Arbeit von
Zhao et al. [116] durch den Vergleich des MSG-Schweißens mit den Laserstrahlschweißver-
fahren. Bedingt durch die um einen Faktor 10 höhere Abkühlrate beim Laserstrahlschweißen
fällt der Austenitgehalt in der WEZ nahezu linear ab und erreicht im Schweißgut lediglich ca.
40 % des Grundwerkstoffgehaltes.
Anzumerken ist, dass in den dargestellten Arbeiten zwar auf den Austenitgehalt nach der
Abkühlung, jedoch nicht auf dessen Stabilität eingegangen wird. So ist zu berücksichtigen,
dass nur der metastabile Austenit durch seine Umwandlung in Martensit zu den vorteilhaften
mechanischen Eigenschaften von TRIP Stählen beiträgt.
2.3 Widerstandspunktschweißen von TRIP Stählen
Das Widerstandspunktschweißen ist u.a. aufgrund der hohen Automatisierbarkeit und der
geringen Schweißzeiten das dominierende Fügeverfahren im Rohkarosseriebau. In Hinblick
auf den TRIP Stahl ist dabei der den Punktschweißprozess vorgelagerte Umformprozess des
zu fügenden Bauteils von großer Bedeutung. So erfolgt durch den Umformvorgang generell
eine plastische Verformung des Bauteils der örtlich zu einer γ → αM Phasenumwandlung
führen kann, siehe auch Bild 2.8. Dabei ist zu beachten, dass die Flansche, d.h. die Bauteilbe-
reiche bei der durch das Widerstandspunktschweißen eine thermische bedingte
Gefügeänderung erfolgt, überwiegend keine signifikante plastische Dehnung aufweisen.
Bild 2.8: Hauptformänderung eines industriell umgeformten Automobilbauteils [118]
16
2.3.1 Einfluss des Widerstandspunktschweißens auf die
Gefügestruktur von TRIP Stählen
Im vorangegangenen Kapitel wurde bereits die thermische Stabilität des Austenits diskutiert.
Bei einer schweißtechnischen Verarbeitung von TRIP Stählen wird jedoch nicht nur der
Austenitgehalt durch den auftretenden Temperaturzyklus beeinflusst sondern die gesamte
Mikrostruktur. So wird beim Widerstandspunktschweißen, bedingt durch die hohen Abkühlra-
ten des Schweißgutes (1000 °C/s -5000 °C/s [119]), die für TRIP Stähle charakteristische
Gefügestruktur signifikant verändert. Dabei werden im Vergleich zu konventionellen
Schmelzschweißverfahren durch die stark lokalisierte Aufschmelzung eine örtlich eng be-
grenzte Wärmeeinflusszone erzeugt.
Die Gefügeausbildung in der Schweißlinse wird im Wesentlichen durch die chemische Zu-
sammensetzung des Grundwerkstoffes und der Abkühlgeschwindigkeit bestimmt [120]. Da
nach Bhadeshia und Svennsson [121] die kritische Abkühlrate zur Ausbildung von Martensit
bei TRIP Stählen zwischen 45 °C/s und 150 °C/s liegt, besteht die Mikrostruktur der
Schweißlinse aus einem dendritischen Erstarrungsgefüge mit überwiegend Martensitanteilen
[122]. Dies bestätigen metallographische Untersuchungen an widerstandspunktgeschweißten
TRIP Stählen [123]. Dabei entsteht, bedingt durch den hohen Kohlenstoffgehalt von TRIP
Stählen, ein vergleichsweise harter Martensit. Demzufolge weisen TRIP Stähle im Fügebe-
reich wesentlich höhere Härtewerte auf als Automobilstähle mit vergleichbarer Grundwerk-
stofffestigkeit [119], [124]. Durch die lokal stark abweichenden Maximaltemperaturen und
Abkühlraten ist für die WEZ eine differenzierte Betrachtung erforderlich, siehe Bild 2.9. So
liegen bei Regionen nahe der Schweißlinse deutliche höhere Temperaturen und Abkühlraten
vor als bei Regionen nahe dem Grundwerkstoff. Anzumerken ist, dass sich das temperatur-
spezifische Materialverhalten der TRIP Stähle grundsätzlich nicht von dem konventioneller
Stähle unterscheidet.
300°C 500°C 700°C 900°C 1530°C 1300°C 700°C 300°C
500°C
1100°C
Schweißlinse
WEZ
Grundwerkstoff
Bild 2.9: Beispiel eines Temperaturfeldes beim Widerstandspunktschweißen nach [125]
Bild 2.10 zeigt schematisch den Temperaturverlauf beim Widerstandspunktschweißen [120]
und stellt ihn in Zusammenhang mit dem Zustandsschaubild eines CMnAl-TRIP Stahl dar.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass industriell eingesetzte TRIP Stähle im Allgemeinen einen
Kohlenstoffgehalt von maximal 0,2 % aufweisen. Zur Erläuterung der in der WEZ auftreten-
den Gefügeausbildung ist darüber hinaus in Bild 2.11 ein Zeit-Temperatur-
Umwandlungsschaubild (ZTU)-Schaubild für einen CMnAl-TRIP Stahl nach [126] darge-
stellt.
17
0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0
200
300
500
600
800
900
1000
1100
1200
1300
1400
1600
Kohlenstoffgehalt in Mass. %
a+Zementit
a+g
aS+a
S
g
Zeit in s
Temperatur in °C
a) b)
700
400
1500
Temperatur in °C
1
2
3
4
5
6
a+g+Zementit
Bild 2.10: a) Schematische Darstellung des Temperaturzyklus beim Widerstandspunktschweißen
[120]; die unterschiedlichen Temperaturbereiche sind: 1 vollständige Schmelzung, 2 unvollständiges
Schmelzen, 3 Überhitzungs- und Grobkornzone, 4 Normalisierungszone, 5 unvollständiges
Umkristallisieren, 6 Anlasszone, b) Zustandsschaubild nach [114]
Temperatur in °C
Zeit in s
0,1 1 10 100 1000 10000
0
100
200
300
400
500
600
700
800
900
1000
326 285 291 250 232 200
A1
A3
MsM
B
F
P
219
Bild 2.11: ZTU Schaubild mit Härtewerten eines CMnAl-TRIP Stahls nach [126]
Die t8/5-Zeit, also die Zeit die bei der Abkühlung zwischen 800 °C und 500 °C vorliegt, kann
in Zusammenhang mit dem ZTU Schaubild eine Prognose der Gefügezusammensetzung
ermöglichen. Generell führen dabei geringe t8/5-Zeiten, wie sie beim Widerstandspunkt-
schweißen auftreten, zu einem größeren Anteil von Martensit im Schweißgut und folglich zu
einer größeren Härte im Fügebereich. Zu beachten ist, dass die Vorhersage des Gefüges nach
dem Schweißprozess nur bedingt möglich ist, da beim Schweißen und insbesondere beim
Widerstandspunktschweißen Bedingungen vorliegen, die durch konventionelle ZTU-
18
Diagramme nicht erfasst werden [127]. Für eine präzisere Prognose der Gefügestruktur nach
dem Schweißen sind Schweiß-ZTU Diagramme erforderlich, die jedoch für TRIP Stähle in
der Literatur nicht vorliegen.
Den Einfluss eines Temperaturzyklus beim Schweißen mit hohen Aufheiz- und Abkühlraten
auf die Mikrostruktur von TRIP Stählen beschreibt Zhao et al. [116] wie folgt:
Bei Erwärmung zwischen ca. 1000 °C (A3 - Temperatur) und der Schmelztemperatur
(Zone 1-3 in Bild 2.10a) wird die mehrphasige Gefügestruktur vollständig aufgelöst. So
entsteht unterhalb des Schmelzpunktes Austenit mit, abhängig vom der Legierungszu-
sammensetzung (insb. Al), Anteilen an Ferrit. Bei der nachfolgenden schnellen Abküh-
lung entsteht überwiegend Martensit sowie lediglich ein geringer Gehalt an Bainit und
Austenit [128]. Zusätzlich tritt eine Kornvergröberung auf. Diese
Gefügezusammensetzung kann auch durch die Auswertung der ZTU Schaubild von
TRIP Stählen bestätigt werden, siehe Bild 2.10c. Gegenüber dem Grundwerkstoff
werden wesentlich höhere Härtewerte erreicht.
Durch eine Erwärmung auf eine Temperatur zwischen A1 (ca. 700 °C) und A3 (ca.
1000 °C) (Zone 5 und 4 in Bild 2.10a)1, wobei A1 den Beginn der Umwandlung von
Ferrit in Austenit und A3 das Ende dieser Umwandlung kennzeichnet, wird die
Gefügestruktur von TRIP Stählen ebenfalls signifikant verändert. Bedingt durch die
relativ hohen Abkühlraten beim Widerstandspunktschweißen entsteht hier eine
ferritisch-bainitisch-martensitische Gefügestruktur mit nur geringen Austenitanteilen.
Der hier ausgebildete Martensit kann aufgrund eines Anlasseffektes eine geringere
Härte aufweisen als in der Schweißlinse. Eine für Widerstandspunktschweißverbindun-
gen typische geringe Korngröße in der WEZ [129] ist auch für TRIP Stähle zu beobach-
ten [123], [128]. Die Härtewerte in diesem Bereich liegen oberhalb des Grundwerk-
stoffniveaus.
Eine Wärmebehandlung auf Temperaturen zwischen ca. 400 °C (Beginn des
Austenitzerfalls) und 700 °C (A1 - Bereich 5 in Bild 2.10a) führt zu einem Zerfall des
Austenits in Ferrit und Karbid, während der ursprüngliche Ferrit- und Bainitanteil
weitestgehend unverändert bleibt, siehe auch [110], [112] [113]. Nach dem Abkühlpro-
zess liegt somit eine ferritisch-bainitische Gefügestruktur mit geringen Austenitanteilen
vor. Die Härte ist geringfügig größer als des Grundwerkstoffs.
Unterhalb von ca. 400 °C tritt keine signifikante Änderung der Gefügestruktur auf.
Zu berücksichtigen ist, dass die o.g. Aussagen sich vereinfacht auf Temperaturen beziehen die
dem Zustandsschaubild nach [114] bzw. dem ZTU Diagramm nach [126] entnommen wur-
den. Diese Schaubilder gelten aber nicht für eine schnelle Erwärmung/Abkühlung wie sie
beispielsweise beim Schweißen auftreten. Für eine präzise Betrachtung der Vorgänge beim
Aufheizen und Abkühlen unter Berücksichtigung hoher Aufheiz- und Abkühlraten wären
Zeit- Temperatur- Austenitisierungsschaubilder (ZTA-Schaubilder) bzw. Schweiß-ZTU
Diagramme erforderlich [130], die jedoch für TRIP Stähle derzeit nicht vorliegen. Zur Ermitt-
lung der real vorliegenden Ac1-, A
c3-Temperatur sowie der Ms-Temperatur, insbesondere
1 Die hier angegebenen A1 und A3-Temperaturen wurden aus einem ZTU Diagramm entnommen und gelten
daher nicht für hohe Aufheizraten wie sie beim Schweißen auftreten.
19
während eines schnellen Aufheiz- und Abkühlprozesses, können z.B. dilatometrische Mes-
sungen [117], [131], [132] oder die Einsensor-Differenz-Thermoanalyse [133] genutzt wer-
den.
Bei der Gesamtbetrachtung der Literatur ist festzustellen, dass keine systematische Analyse
zur Gefügestruktur hinsichtlich des Anteils sowie der Verteilung und Stabilität des Restauste-
nit in der WEZ und der Schweißlinse von widerstandspunktgeschweißten TRIP Stählen
vorliegt. Weiterhin finden sich keine Angaben zu den Umwandlungstemperaturen Ac1 und Ac3
bei vergleichsweise hohen Aufheizraten wie sie beim Widerstandspunktschweißen auftreten
können. Unter Berücksichtigung der Darstellungen zum Grundwerkstoff (insb. TRIP-Effekt)
können jedoch der Austenitgehalt und die Austenitstabilität für das Festigkeits- und Deh-
nungsverhalten von Punktschweißverbindungen prinzipiell von Bedeutung sein.
2.3.1 Mechanisch-technologischen Eigenschaften von Widerstands-
punktschweißverbindungen aus TRIP Stahl
Die Ermittlung der mechanisch-technologischen Eigenschaften von Widerstandspunkt-
schweißverbindungen ist für die sichere Auslegung von Bauteilen und Baugruppen im Rohka-
rosseriebau von wesentlicher Bedeutung. Dabei kann grundsätzlich zwischen den lokalen
mechanischen Eigenschaften, die sich aus dem Temperaturzyklus beim Schweißen und der
chemischen Zusammensetzung ergeben, und den globalen, d.h. für das Bauteil bzw. die
Schweißverbindung gültigen mechanischen Kennwerten, unterschieden werden, Bild 2.12.
Bild 2.12: Differenzierung zwischen lokalen und globalen mechanischen Kennwerten von Wider-
standspunktschweißverbindungen
Generell unterscheiden sich die Einflussfaktoren auf die globalen mechanischen Kennwerte
von widerstandspunktgeschweißten TRIP Stählen nicht von denen konventioneller Wider-
standspunktschweißverbindungen aus ein- oder zweiphasigen Werkstoffen. Die wichtigsten
Einflussgrößen sind nach [134], [135]:
20
Gefügeausbildung in der Fügestelle,
Härte der WEZ und der Schweißlinse,
Schweißpunktdurchmesser,
Zweiblech / Mehrblechverbindung,
Anzahl / Abstand der Schweißpunkte
…..und
Dicke der überlappten Blechteile.
Ein wichtiges Hilfsmittel zur Sicherstellung der Qualität von Widerstandspunktschweißver-
bindungen ist die Analyse des Tragverhaltens durch die Ermittlung definierter Festigkeits-
kennwerte unter quasi-statischer Belastung. Um reproduzierbare Aussagen zum Festigkeits-
verhalten von Widerstandspunktschweißverbindungen zu erhalten, wird häufig die Scherzug-
prüfung verwendet [136], [137]. Die wichtigsten Kenngrößen sind die Scherzugfestigkeit und
die Verlängerung der Probe. Dabei erlaubt die Scherzugfestigkeit eine quantitative Beschrei-
bung des Festigkeitsverhaltens von Punktschweißverbindungen. Hingegen können durch die
Analyse der Verlängerung der Probe lediglich qualitative Aussagen zum Verformungsverhal-
ten ermittelt werden [137]. TRIP Stähle weisen dabei eine deutlich höhere Scherzugfestigkeit
auf als andere hochfeste Stähle vergleichbarer Grundwerkstofffestigkeit [138].
Für die konstruktive Auslegung von Bauteilen sind im Allgemeinen die ertragbaren Spannun-
gen und Dehnungen erforderlich. Diese können aufgrund der Geometrie von Scherzugproben
(Überlappverbindung) und des daraus resultierenden mehrachsigen Spannungszustandes [139]
[140] nicht ohne erheblichen Aufwand ermittelt werden. Bild 2.13 fasst zur Verdeutlichung
die auftretenden Kräfte im Scherzugversuch zusammen.
Bild 2.13: a) und b) Beanspruchung von Punktschweißverbindungen im Scherzugversuch (F1 < F2)
[141], c) Spannungen am Schweißpunkt in Längsrichtung der Probe und in Blechdickenrichtung nach
[142]
21
Demnach erfolgt mit ansteigender Last zunächst eine Ausrichtung der Bleche und des
Schweißpunktes auf der Kraftwirkungslinie und eine Rotation des Schweißpunktes um den
Winkel φ. Durch diese Rotation entsteht neben der Scherkraft II
Feine Kopfkraft
Fim Bereich
der Fügestelle, die mit zunehmendem Rotationswinkel ansteigt [140]. Somit wirkt in der
Schweißlinse überwiegend eine Scherzugkraft, während am Übergang WEZ/Grundwerkstoff
eine überlagerte Scher- und Kopfbelastung auftritt [141] (Bild 2.13b), wobei die Einzellbleche
einer Zugkraft (A) ausgesetzt sind. Adib und Jeong [142] ermittelten mittels FE-Simulation
die Spannung in Längsrichtung und Dickenrichtung einer Scherzugprobe, siehe Bild 2.13d,
wobei ersichtlich wird, dass die Spannungen am Kerbbereich am höchsten sind.
Untersuchungen von Crostack [143] sowie Chandel und Garber [144] zeigen weiterhin, dass
die Scherzugfestigkeit maßgeblich durch die in der WEZ vorliegende Gefügestruktur bzw.
durch die mechanischen Eigenschaften der WEZ bestimmt wird. So führt ein Gefüge mit
hoher Härte (z.B. Martensit) zu einer höheren Scherzugfestigkeit als weichere Gefüge (z.B.
Bainit, angelassener Martensite).
Da das Festigkeits- und Bruchverhalten von Punktschweißverbindungen wie dargestellt
wesentlich durch die Gefügestruktur und die mechanischen Eigenschaften der Schweißlinse
und der WEZ bestimmt wird, kann in Hinblick auf TRIP Stähle die Berücksichtigung des für
den TRIP-Effekt maßgeblichen Restaustenitgehaltes und der Restaustenitstabilität in diesen
Bereichen bedeutsam sein. Jedoch zeigt die Literaturauswertung [122], [123], [138], [145],
dass zum Einfluss dieser Parameter auf das Festigkeits- und Bruchverhalten widerstands-
punktgeschweißter TRIP Stähle keine Ergebnisse vorliegen.
Die Charakterisierung und Prognose des Versagensverhaltens von Punktschweißverbindungen
unter verschiedenen Belastungsarten ist für die sichere Auslegung im Rohkarosseriebau
ebenfalls von großer Bedeutung. Da die Ermittlung von experimentellen Kennwerten hin-
sichtlich der Spannungsverteilung durch die Probengeometrie nicht ohne erheblichen Auf-
wand zu realisieren ist, werden hierfür häufig numerische Simulationsmodelle verwendet.
Radakovic und Tumuluru [146] entwickelten ein vereinfachtes 3D-FE Modell zur Analyse
des Bruchverhaltens von Punktschweißverbindungen unter der Annahme eines homogenen
Werkstoffverhaltens in der gesamten Scherzugprobe. Für die Bewertung des Bruchverhaltens
wurde u.a. die Verformungsfähigkeit herangezogen. Sommer [147] entwickelte ein 3D-FE-
Modell zur Vorhersage des Verformungs- und Versagensverhaltens im Crashfall unter Einsatz
von Materialparametern der WEZ und der Schweißlinse. Untersuchungen von Nielson [148]
beziehen sich auf die Analyse des Bruchverhaltens und der Vorhersage der maximalen Belas-
tungen bei unterschiedlichen Probengeometrien. Dabei wurde u.a. das Dehnungsverhalten im
Ausknöpfbruch qualitativ dargestellt. Lin et al. [149] sowie Pan und Sheppard [150], entwi-
ckelten auf Basis der plastischen Dehnung im Bereich der Fügestelle 2D- und 3D-Modelle zur
Charakterisierung des Versagensverhaltens von Punktschweißverbindungen unter zeitlich
veränderlicher Belastung.
Mazzaferro et al. [151] erstellten FE-Simulationsmodelle für Kopf- und Scherzugproben die
mittels Rührreibpunktschweißen hergestellt wurden. Die Autoren analysierten die Span-
nungsverhältnisse an der Fügestelle und stellten die Kraft-Verlängerungskurven gegenüber.
Dabei wurden relative große Abweichungen zwischen Experiment und Simulation festge-
22
stellt. Weiterhin konnte durch das Fehlen eines Versagenskriteriums das Bruchverhalten nicht
analysiert werden. Die Literaturauswertung [152], [153], [154], [155], [156] zeigt weiterhin,
dass überwiegend die experimentell bestimmten Kraft-Verlängerungskurven als Vergleichs-
kriterium zur Bewertung der FE-Simulationsmodelle verwendet werden. Anzumerken ist
jedoch, dass dadurch ausschließlich das globale Verhalten verglichen wird und lokale Kriteri-
en wie das Dehnungsverhalten keine Berücksichtigung finden.
Aus den o.g. Untersuchungen wird deutlich, dass neben dem Festigkeitsverhalten auch das
Dehnungsverhalten von Punktschweißverbindungen insbesondere für die numerische Simula-
tion eine erhebliche Bedeutung besitzt. Darüber hinaus wird es in dieser Arbeit als
Vergleichkriterium für die Bewertung der FE-Simulation genutzt. Im Folgenden wird daher
detaillierter auf das Dehnungsverhalten eingegangen.
2.3.1.1 Dehnungsverhalten von Widerstandspunktschweißverbindungen
Das Dehnungsverhalten von Widerstandspunktschweißverbindungen wird maßgeblich durch
die Interaktion der Spannungsverhältnisse am Schweißpunkt sowie durch die
Gefügeausbildung bzw. die mechanischen Eigenschaften der WEZ, der Schweißlinse und des
Grundwerkstoffes bestimmt. Erste Ansätze zur Bestimmung der lokalen Dehnungen im
Bereich des Schweißpunktes erfolgt mittels Dehnungsmessstreifen (DMS), die an der Ober-
fläche der Probe in verschiedenen Bereichen der Schweißverbindung angebracht wurden
[157], [158], [159]. Untersuchungen von Sakai et al. [158] an einer Scherzugprobe aus einem
Tiefziehstahl bei verschieden hohen Belastungen zeigen, dass die maximale Oberflächendeh-
nung in Zugrichtung nicht im Schweißpunkt, sondern 3 mm - 4 mm von der Schweißlinsen-
grenze entfernt vorliegt. Weiterhin konnte nachgewiesen werden, dass zu Beginn der Mes-
sung für den Bereich der maximalen Dehnung (4 mm von der Linsengrenze entfernt) zunächst
eine negative Dehnung (Stauchung) auftritt. Bei zunehmender Belastung und damit verbun-
dener Ausrichtung der Probe (siehe Bild 2.13) wird die Dehnung positiv und steigt exponenti-
ell an, Bild 2.14a.
Bild 2.14: Dehnungsverhalten von einschnittigen Widerstandspunktschweißverbindungen aus ver-
schiedenen niedriglegierten Stählen im Scherzugversuch a) KBCF45 [158], b) Tiefziehstahl [159]; die
Lage der DMS ist schematisch wiedergegeben
23
Birkel [159] zeigte mittels Reißlack und DMS an einem widerstandspunktgeschweißten
Tiefziehstahl den Zusammenhang zwischen der äußeren Kraft und den resultierenden Ober-
flächendehnungen für verschiedene Bereiche und Richtungen am Schweißpunkt, siehe Bild
2.14b. Zum einen konnte dadurch festgestellt werden, dass sich die Verformungszone mit
zunehmender Kraft ausweitet. Zum anderen konnte nachgewiesen werden, dass bei einer
Kraft von > 2 kN sowohl „oberhalb“ des Schweißpunktes (Messstelle 1, Bild 2.14b) als auch
„unterhalb“ des Schweißpunktes (Messstelle 2, Bild 2.14b) positive Dehnungen in Zugrich-
tung auftreten.
Neben dem Einsatz von DMS eignet sich für die Ermittlung von Dehnungen in örtlich eng
begrenzten (Schweiß-)Zonen die optische Dehnungsmessung. Fabrègue et al. [160] zeigten
beispielsweise für laserstrahlgeschweißte punktförmige Schweißverbindungen, dass mittels
dieser Technik sowohl die Dehnungen im Schweißgut als auch in der WEZ bei einwirken
einer äußeren Belastung quantifiziert werden können. Zusätzlich wurden diese Ergebnisse in
numerische Simulationsmodelle als Referenzdaten integriert. Zum Dehnungsverhalten von
Widerstandspunktschweißverbindungen unter Verwendung von optischen Dehnungsmessun-
gen liegen derzeit nur wenige aussagekräftige Ergebnisse vor. In [161] erfolgt an Wider-
standspunktschweißverbindungen der Vergleich von optischen Dehnungsmessungen mit
Ergebnissen aus numerischen Simulationen. Dabei konnte eine relativ gute Übereinstimmung
der Ergebnisse festgestellt werden. Lei et al. [162] ermittelten Dehnungsfelder für einen
widerstandspunktgeschweißten Dualphasenstahl. Dabei zeigte sich, dass im Bereich der
Kerbe eine Dehnungskonzentration auftritt, während die Schweißlinse nahezu unverformt
bleibt. Weiterhin konnte nachgewiesen werden, dass die Oberflächendehnung am Übergang
WEZ/Grundwerkstoff am größten ist. Die optischen Dehnungsfeldmessungen wurden an-
schließend als Referenzdaten für numerische Simulationen verwendet.
Die Literaturauswertung verdeutlichen zum einen, dass keine systematischen Untersuchungen
zum Dehnungsverhalten von Widerstandspunktschweißverbindungen mittels optischer Deh-
nungsmessung insbesondere an TRIP Stählen vorliegen. Zum anderen zeigt sich, dass solche
Messungen grundsätzlich als Eingangs- und Referenzdaten für numerische Simulationen des
Versagensverhaltens dienen können.
2.3.1.2 Lokale mechanisch-technologische Kennwerte von Widerstandspunkt-
schweißverbindungen
Die Kenntnis des Festigkeits- und Bruchverhaltens sowie des Dehnungsverhaltens sind wich-
tige Faktoren für den industriellen Einsatz von Punktschweißverbindungen. Wie oben darge-
stellt sind dabei die Gefügeausbildung und die mechanischen Kennwerte des Grundwerkstof-
fes sowie insbesondere der Schweißlinse und der WEZ von übergeordneter Bedeutung. Die
mechanischen Kennwerte des Grundwerkstoffes lassen sich vergleichsweise einfach durch
Zugversuche ermitteln. Die Herausforderung liegt daher vielmehr bei der Bestimmung der
lokalen mechanischen Kennwerte der WEZ und der Schweißlinse. Grundsätzlich besteht auch
für diese Bereiche die Möglichkeit Miniaturzugproben herauszuarbeiten. Jedoch ist diese
Methode relativ aufwendig und aus fertigungstechnischen Gründen für Punktschweißverbin-
dungen nur eingeschränkt anwendbar. Tao et al. [163], [164] verwendeten Miniaturzugproben
in Kombination mit optischen Dehnungsmessungen um die mechanischen Kennwerte der
24
WEZ und der Schweißlinse eines Dualphasenstahles (HCT600X) zu ermitteln. Die Ergebnisse
dieser Untersuchungen sind in Bild 2.15 zusammenfassend dargestellt.
Wahre Spannung in MPa
.
Wahre Dehnung
Schweißgut
WEZ (hard)
WEZ (weich)
Grundwerkstoff
extrapoliert
0,0 0,5 1,0 1,5 2,0
0
250
500
750
1000
1250
1500
1750
2000
0,0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8
0
200
400
600
800
1000
1200
1400
1600
1800
2000
Wahre Dehnung
Wahre Spannung in MPa
GW
Schweißgut
WEZ
Bild 2.15: Wahre Spannungs- Deh-
nungskurven der WEZ und des Schweiß-
gutes für einen Dualphasenstahl
(HCT600X) nach [164]
Bild 2.16: Wahre Spannungs-Dehnungskurven der
WEZ und des Schweißgut für einen Dualphasen-
stahl (HCT600X) nach [147]
Weiterhin wiesen Tao et al. [164] nach, dass der lokale E-Modul für die drei Bereiche der
Fügestelle (GW, WEZ, Schweißlinse) konstant auf einen Niveau zwischen 190 GPa und
240 GPa liegt.
Die lokalen mechanischen Kenndaten des WEZ können auch durch Simulation der
Gefügestruktur bestimmt werden. So erzeugte Sommer [147] für einen Dualphasenstahl
(HCT600X) durch spezielle Wärmebehandlungsprozeduren (Gleeble-Versuche) Zugproben
mit Eigenschaften des Schweißgutes und der WEZ. Die ermittelten wahren Spannungs-
Dehnungskurven der WEZ und des Schweißgut sind Bild 2.16 aufgezeigt. Ein Vergleich mit
den Ergebnissen von Tao et al. [164] zeigt eine relativ gute Übereinstimmung für die WEZ
und das Schweißgut (Abweichung < 20 %). Für den in dieser Arbeit verwendeten TRIP Stahl
HCT690T wurden von Kießling et al. [165] ebenfalls durch Gleeble-Versuche die mechani-
schen Eigenschaften sowohl der Schweißlinse als auch der WEZ über einen weiten Tempera-
turbereich bestimmt, siehe Bild 2.17. Anzumerken ist, dass die Abkühlgeschwindigkeiten der
jeweiligen Proben nicht angegeben wurden.
Zuniga und Sheppard [166] ermittelten durch speziell präparierte widerstandspunktge-
schweißte Einblechproben (gekerbte Zugproben) die wahren Spannungs-Dehnungskurven für
zwei Bereiche der WEZ. In Hinblick auf die mechanischen Kennwerte der WEZ verdeutlicht
diese Arbeit jedoch, dass für die WEZ durch die dargestellten Methoden lediglich Ergebnisse
mit eingeschränkter Aussagekraft ermittelt werden können. So ist aufgrund des hohen Härte-
gradienten in der WEZ davon auszugehen, dass die lokalen Spannungs-Dehnungskurven,
abhängig vom Abstand zum Schweißlinsenrand, wesentlich stärker variieren als dargestellt.
25
1200 °C
0 5 10 15 20 25 30 35 40
0
200
400
600
800
1000
1200
1400
Spannung inMPa
Dehnung in %
900 °C
250 °C
550 °C
Grundwerkstoff
Bild 2.17: Technische Spannungs-Dehnungskurven nach Erwärmung auf unterschiedliche Spit-
zentemperaturen für den TRIP Stahl HCT690T [165]
In verschiedenen Arbeiten [139], [166] wird zur Beschreibung der lokalen mechanischen
Kennwerte der einzelnen Bereiche der Punktschweißverbindung der Zusammenhang der
Härte und der Festigkeitskennwerte (Rp0,2, Rm) verwendet. Die Härte, welche sehr lokal und
vergleichsweise einfach zu ermitteln ist, stellt somit eine weitere Möglichkeit dar, lokalisiert
die mechanischen Eigenschaften der Punktschweißverbindung zu bestimmen. Dabei können
neben dem beispielsweise in [166], [167] ermittelten empirischen Zusammenhang zwischen
der Härte und den Festigkeitskennwerten auch aus dem mechanischen Verhalten des Werk-
stoffes im Eindringversuch die Festigkeitskennwerte abgeleitet werden. Das Potential dieser
Methode für die verschiedenen Bereiche von Schweißverbindungen ist z.B. in [168], [169]
aufgezeigt. Chung et al. [170] bestimmte durch die numerische Simulation des Eindringver-
haltens wahre Spannungs-Dehnungskurven für das Schweißgut und verschiedene Bereiche
der WEZ für eine mittels MSG-Schweißen gefügte Verbindung aus einem Dualphasenstahl
(HCT600X). Für die WEZ konnten hier deutlich aussagekräftigere Ergebnisse gewonnen
werden als durch die Arbeiten von [164] und [147]. Rao et al. [171] bestimmte durch Einsatz
der Software „Indent-Analyser“ wahre Spannungs-Dehnungskurven für Reibrührschweißver-
bindungen aus Aluminium aus Eindringversuchen. Der Vergleich der Ergebnisse mit Minia-
turzugversuchen für das Schweißgut und den Grundwerkstoff zeigte relativ gute Überein-
stimmungen. Für Widerstandspunktschweißverbindungen liegen hingegen kaum aussagekräf-
tige Ergebnisse vor. Lediglich Kong et al. [172] ermittelten durch die numerische Simulation
des Eindringverhaltens die wahren Spannungs- Dehnungskurven der WEZ und des Schweiß-
gutes für einen niedriglegierten Stahl.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass prinzipiell verschiedene Methoden existie-
ren die lokalen Eigenschaften von Widerstandspunktschweißverbindungen zu ermitteln,
jedoch derzeit keine Untersuchungsergebnisse zu widerstandspunktgeschweißten TRIP Stäh-
len vorliegen.
26
3 Versuchsdurchführung
Im Fokus dieser Arbeit stehen zum einen der Einfluss des Temperaturzyklus beim Wider-
standsschweißen auf den Austenitgehalt und die Austenitstabilität von TRIP Stahl. Für diese
Aspekte werden sowohl in-situ als auch ex-situ Messungen mittels hochenergetischer
Synchrotronstrahlung durchgeführt. Zum anderen werden aufbauend auf diesen Untersuchun-
gen die resultierenden lokalen mechanischen Kennwerte der gesamten Fügezone durch An-
wendung verschiedener Methoden bestimmt und in numerische Simulationen implementiert.
Schließlich erfolgt die Bewertung der Ergebnisse durch die Gegenüberstellung der Ergebnisse
von FE-Simulationen mit dem real vorliegenden Bauteilverhalten. Die im Rahmen dieser
Arbeit durchgeführten Untersuchungen sind in Bild 3.1 zusammenfassend dargestellt.
Bild 3.1: Darstellung des Versuchsprogramms und des methodischen Vorgehens
27
3.1 Versuchswerkstoff
Für die Charakterisierung des Umwandlungsverhaltens und der Analyse von lokalen mecha-
nischen Kennwerten im Fügebereich wird ein verzinkter kaltgewalzter CMnAl-TRIP Stahl
(Werkstoffnummer 1.0947) mit einer Blechdicke von 1 mm verwendet. Der genutzte TRIP
Stahl, im Folgenden als HCT690T bezeichnet, ist hochfest, gut kaltumformbar und besitzt
aufgrund seines relativ hohen Kohlenstoffgehaltes nur eine bedingte Schweißeignung. Ein
Auszug der durch Funkenspektralanalyse ermittelten chemischen Zusammensetzung ist in
Tabelle 3.1 dargestellt, eine Auflistung der mechanischen Kennwerte nach DIN EN 10336
[173] ist in Tabelle 3.2 zu finden.
Tabelle 3.1: Auszug der mittels Funkenspektralanalyse bestimmten chemischen Zusammensetzung in
in Gew.-%
C Mn Cr Al Si Ni Cr P Mo Fe CEVIIW
2
0,22 1,7 0,02 1,25 0,09 0,022 0,022 0,0115 < 0,01 Rest 0,51
Tabelle 3.2: Mechanische Kennwerte für den TRIP Stahl HCT690T nach DIN EN 10336 [173]
Rp0,2 in
MPa
Rm in MPa
(Mindestwert)
A80 in %
(Mindestwert)
Kaltverfestigungsexponent
n-Wert (Mindestwert)
430 bis 550 690 23 0,18
Von Bedeutung ist weiterhin, dass dieser TRIP Stahl in einem unverformten Ausgangszustand
vorliegt. Nach [118] sind große Teile der Flansche von Bauteilen der Rohkarosserie häufig
lediglich elastisch verformt, so dass hier keine signifikante Reduzierung des ursprünglichen γ-
Gehaltes vor dem eigentlichen Punktschweißprozess erfolgt. Demzufolge kann durch Nut-
zung eines unverformten TRIP Stahl Grundwerkstoffes die Entwicklung des Austenitgehaltes
in der WEZ auch in Hinblick auf das reale Bauteilverhalten weitestgehend abgebildet werden.
Zustandsschaubilder für CMnAl-TRIP Stähle mit jeweils einer chemischen Zusammenset-
zung, die der des in dieser Arbeit verwendeten CMnAl-TRIP Stahls vergleichbar ist, können
Bild 3.2 und Bild 3.3 entnommen werden. Ein ZTU Schaubild nach [126] ist in Bild 2.11
gezeigt.
2 International Institute of Welding, CEV = %C + %Mn/6 + (%Cu + %Ni)/15 + (%Cr + %Mo + %V)/5
28
0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0
200
300
500
600
800
900
1000
1100
1200
1300
1400
1600
Kohlenstoffgehalt in Mass. %
a+Zementit
a+g
aS+a
S
g
700
400
1500
Temperatur in °C
a+g+Zementit
A
1
A
3
Bild 3.2: Zustandsschaubild für einen CMnAl-TRIP Stahl mit einer dem o.g. Untersuchungswerk-
stoff vergleichbaren chemischen Zusammensetzung [114]
0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 5,0
600
700
800
900
1000
1100
1200
1300
1400
1500
1600
Aluminiumgehalt in %
A+F
A
F
F+Fe C
3
s
Temperatur in °C
A1
A3
Bild 3.3: Zustandsschaubild für einen CMnAl-TRIP Stahl mit einer dem o.g. Untersuchungswerk-
stoff vergleichbaren chemischen Zusammensetzung bei variablem Aluminiumgehalt [117]
3.2 Experimentelle Versuchsdurchführung
3.1.1 Metallographie und Mikrobereichsanalyse
Zur Bestimmung der Gefügestruktur und insbesondere des Austenitgehaltes wird in dieser
Arbeit die Farbniederschlagsätzung nach Klemm angewendet (siehe [174]). Bei dieser Ätzme-
thode erfolgt die Färbung der anodischen, α-Bereiche (Ferrit: blau/braun, Bainit: dunkel-
braun), während die γ-Bereiche ungefärbt, d.h. weiß, erscheinen. Der Austenitgehalt wird
29
schließlich durch die Ermittlung der Flächenanteile bestimmt. Anzumerken ist, dass aufgrund
der geringen Potentialdifferenz zwischen Austenit und Martensit keine eindeutige Unterschei-
dung dieser Gefügebestandteile möglich ist.
Zur Bewertung der Austenitmorphologie und der Austenitkorngröße im Grundwerkstoff wird
die Transmissionselektronenmikroskopie (TEM) verwendet. Zusätzlich erfolgt eine qualitati-
ve Bewertung der Korngröße und Kornorientierung im Grundwerkstoff und in der WEZ einer
Widerstandspunktschweißverbindung aus o.g. TRIP Stahl mittels der EBSD-Technik
(Electron backscatter diffraction). Die TEM-Analysen erfolgen für die in Bild 3.4 dargestell-
ten Bereiche einer bis zum Versagen belasteten Zugprobe. Die EBSD-Untersuchungen an der
Widerstandspunktschweißverbindung werden für den in Bild 3.5 markierten Bereich durchge-
führt.
TEM
Bild 3.4: Schematische Lage der Messstel-
len an einer Zugprobe für die TEM- Analy-
sen
Bild 3.5: Lage des Messbereiches für die EBSD Analy-
sen an einer realen Widerstandspunktschweiß-
verbindung aus den o.g TRIP Stahl, Linsendurchmesser
entsprach 5 mm
Die Ermittlung der Härtewerte für die Widerstandspunktschweißverbindung erfolgt unter
Verwendung der Vickers-Härteprüfung gemäß DVS Merkblatt DVS 2916-4 [175] bei einer
Kraft von 4,903 N (HV0,5).
3.1.2 Mechanisch-technologische Prüfung
3.1.2.1 Zugversuche und Scherzugprüfung
Für die in-situ Phasenanalyse im Zugversuch sowie für die Zugproben aus den Ofen-/
Gleeble-Versuchen werden hydraulische Zugmaschinen verwendet. Die Zugprüfung erfolgt
einheitlich mit einer Prüfgeschwindigkeit von 0,01 mm s-1 bei Raumtemperatur. Für die
30
qualitative Bewertung der Phasenumwandlung wird ein stufenartiger Zugversuch genutzt, bei
dem zunächst kraftgeregelt (elastischer Bereich) und anschließend weggeregelt (plastischer
Bereich) gearbeitet wird, detaillierter wird hierauf in Kap. 3.1.4.1 eingegangen.
Die verwendeten Probengeometrien sind zusammenfassend in Bild 3.6 wiedergegeben. Für
die in-situ Phasenanalyse im Zugversuch sowie für die Ofenversuche wurde die Geometrie
nach Bild 3.6a verwendet. Die zweifache Taillierung erfolgte mit dem Ziel unterschiedliche
Spannungs-/Dehnungsverhältnisse in der Probe zu erzeugen. Um möglichst hohe Abkühlraten
bei den Gleeble-Versuchen zu gewährleisten, wurde eine abweichende Geometrie nach Bild
3.6b genutzt. Durch die breiten Spannbereiche kann die Wärme effektiver aus der Probe in die
Einspannvorrichtung der Gleeble-Anlage abgeführt werden.
a) b)
Bild 3.6: Probenformen für die Zugprüfung a) ex-situ/in-situ Versuche b) Gleeble-Versuche
Die in dieser Arbeit dargestellten Ergebnisse der Zugprüfung werden überwiegend in Form
der wahren Spannung bezogen auf die wahre Dehnung dargestellt. Dabei erfolgt die Ermitt-
lung der wahren mechanischen Kennwerte durch den in Gleichung 3.1 und Gleichung 3.2
[176] beschriebenen Zusammenhang:
)1(
w 3.1
)1ln(
3.2
Dabei entsprechen σ und ε der technischen Spannung bzw. der technischen Dehnung. Zu
beachten ist, dass für die Auswertung der Zugversuche einheitlich die Gleichmaßdehnung
bzw. die wahre Spannung bei Erreichen der Gleichmaßdehnung als Vergleichskriterien ge-
nutzt wird.
31
Basierend auf den wahren Spannungen und Dehnungen kann der Kaltverfestigungsexponent
(n-Wert) wie folgt bestimmt werden:
ln
ln
d
d
nW
3.3
Um Referenzdaten für die mechanischen Kennwerte von Widerstandspunktschweißverbin-
dungen zu erhalten, werden Scherzugversuche in Anlehnung an DIN EN ISO 14323 [177]
durchgeführt. Die Scherzugprüfung wird genutzt, da sie die am häufigsten in der Praxis
angewendete zerstörende Prüfmethodik zur quantitativen Bewertung der Festigkeit von
Punktschweißverbindungen ist [136], [137]. Die hierfür verwendete Probengeometrie ist in
Bild 3.7 dargestellt. Für die Herstellung der Schweißproben wurde eine Roboterschweißzange
(C-Zange) mit servo-motorischer Krafterzeugung im MF-DC Betrieb verwendet. Die verwen-
deten Schweißparameter sind in Tabelle 3.3 wiedergegeben. Die Schweißparameter werden
dabei so gewählt, dass ein Punktdurchmesser von 5 mm vorliegt.
45
175
weld
35
1
35
Schweißpunkt
Bild 3.7: Probenform für die Scherzugversuche einer Widerstandspunktschweißverbindung
Tabelle 3.3: Schweißparameter und Elektrodenkappe zur Herstellung der Scherzugproben mit einem
Punktdurchmesser von 5mm
Elektrodenkraft
in kN
Schweißstrom
in kA
Schweißzeit
in ms
Vor-/Nachhaltezeit
in ms
Elektrodenkappe
3,5 7,20 260 60 / 100 F16 (Arbeitsfläche 5 mm)
Um eine zuverlässige Ermittlung der wahren und der technischen Dehnungskennwerte mit
hoher Ortsauflösung im Zugversuch sowie im Scherzugversuch zu gewährleisten, werden
optische Dehnungsfeldmessungen mit dem ARAMIS-System durchgeführt. Der Versuchsauf-
bau ist in Bild 3.8 schematisch für den Scherzugversuch dargestellt.
32
Bild 3.8: Versuchsaufbau für die Dehnungsfeldanalyse; links: Ausschnitt einer Probe mit Deh-
nungsfeld
Die Berechnung des lokalen Dehnungsverhaltens erfolgt dabei durch Auswertung eines vor
der Messung auf der Probenoberfläche aufgetragenen stochastischen Musters. Hierzu wird das
unverformte Ausgangsmusters mit dem für den jeweiligen Messzeitpunkt spezifischen ver-
formten Muster verglichen und aus den örtlichen Veränderungen die resultierenden Oberflä-
chendehnungen der Proben bestimmt. Die Stereobildaufnahmen ermöglichen eine dreidimen-
sionale Auswertung des Verformungsverhaltens. Durch eine spezielle Anlagenkonfiguration
bei der ein Spiegelsystem genutzt wird, kann dabei sowohl die Vorderseite als auch die Rück-
seite der Probe analysiert werden.
Für die Charakterisierung des Dehnungsverhaltens der Scherzugproben und der Zugproben
wurde einheitlich die Dehnung in Zugrichtung (x-Richtung, Bild 3.8) εx bzw. φx ermittelt. Die
an unbelasteten Proben ermittelte Messabweichung des Systems betrug dabei weniger als
0,2 %. Die Untersuchungen erfolgten bei einer Messrate von 1 Hz.
Um die mittels der optischen Dehnungsfeldanalyse bestimmten Ergebnisse der Scherzugpro-
ben für geringe Dehnungen zu verifizieren, werden zusätzlich Messungen mittels Dehnungs-
messstreifen (DMS) durchgeführt. Die DMS werden in den Bereich der maximalen Dehnung,
d.h. oberhalb des Schweißpunktes (Punkt 7 in Bild 3.9), positioniert. Die Ermittlung der
lokalen Dehnung erfolgt mit einer Messrate von 1000 Hz, bei einer Scherzuggeschwindigkeit
von 0,01 mm s-1. Anzumerken bleibt, dass aufgrund der relativ großen Messfläche des DMS
(ca. 4 mm x 6 mm) nicht gewährleistet werden konnte, dass ausschließlich der Bereich der
maximalen Dehnung erfasst wird.
33
Bild 3.9: Lokale Dehnungsmessungen mittels DMS; links Ausschnitt mit der Lage des DMS
3.1.2.2 Instrumentierte Eindringprüfung
Für die Ermittlung der lokalen Spannungs-Dehnungskurven für den Bereich der WEZ und der
Schweißlinse wird die instrumentierte Eindringprüfung herangezogen. Im Rahmen dieser
Prüfung erfolgt ein zyklisches Eindringen eines kugelförmigen Diamant-Prüfkörpers (Radius
200 µm) in die Probenoberfläche (Querschliff) einer Punktschweißverbindung mit einem
Linsendurchmesser von 5 mm, siehe auch Bild 3.10.
Bild 3.10: Querschliff einer mittels instrumentierter Eindringprüfung analysierten Widerstands-
punktschweißverbindung aus dem o.g. TRIP Stahl, Punktdurchmesser = 5 mm
34
Durchgeführt werden die Versuche mit einem Zwick-Härtemesssystem, ausgestattet mit
einem 200 N Härtemesskopf. Die im Härtemesskopf integrierte Eindringtiefenmesseinrich-
tung hat eine Messauflösung von 20 nm. Um repräsentative Ergebnisse zu erzielen, erfolgen
die Eindringversuche sowohl in der Schweißlinse und der WEZ als auch vergleichend in dem
Grundwerkstoffbereich. Der Abstand zwischen den Eindrücken beträgt jeweils 400 µm. Bild
3.11 zeigt exemplarisch den Kraft-Zeit a) und den Kraft-Weg-Verlauf b) während des Ein-
dringversuches.
Bild 3.11: a) Kraft-Zeit-Verlauf und b) Kraft-Weg-Verlauf (Messpunkt in der Schweißlinse) bei der
instrumentierten Eindringprüfung
Die Auswertung der Messergebnisse des Eindringversuches erfolgt unter Nutzung der Soft-
ware „Indent-Analyser“ auf Basis neuronaler Netze. Eine detaillierte Beschreibung zu den
neuronalen Netzen und dem genutzten visko-plastischen Werkstoffmodell findet sich in [178].
Zu beachten ist, dass die neuronalen Netze lediglich bis zu einer Streckgrenze von 500 MPa
trainiert sind.
3.1.3 Thermisch behandelte Proben
Um die mechanischen Kennwerte sowie die Entwicklung des Austenitgehaltes im Bereich der
WEZ einer Widerstandspunktschweißverbindung näherungsweise bestimmen zu können,
werden durch eine gezielte Wärmebehandlung Zugproben mit modifizierter Gefügestruktur
hergestellt. Da die im Widerstandspunktschweißprozess auftretenden hohen Aufheiz- und
Abkühlraten nicht durch eine einzelne Methodik nachgestellt werden konnten, werden zur
Analyse hoher Aufheizraten Gleeble-Versuche genutzt. Zur Bewertung hoher Abkühlraten
erfolgen Ofenversuche mit Abschreckung der Proben in Eiswasser.
Die Gleeble-Versuche werden mit einem Gleeble 3500-System von Dynamic Systems durch-
geführt. Mit dieser Anlage werden die in Bild 3.6b dargestellten Zugproben geregelten und
definierten Aufheiz- und Abkühlzyklen unterzogen, die mit einem Thermoelement überprüft
35
werden. Für die in dieser Arbeit durchgeführten Untersuchungen werden die Proben mit
einem Heiztransformator mit einer Aufheizgeschwindigkeit von ca. 1200 °C/s erwärmt. Die
Wärmeableitung erfolgt anschließend über die Spannbacken ohne eine aktive Kühlung. Die
Proben befinden sich während der Messungen in einer geschlossenen Arbeitskammer, welche
zuvor evakuiert und mit dem Schutzgas Argon gespült wird. Da die Probenvorbereitung und
die Versuchsdurchführung einen erheblichen Aufwand bedeuten, werden lediglich zwei
Proben mit einer Spitzentemperatur von 1200 °C bzw. 500 °C realisiert. Diese Temperaturen
werden gewählt, da sie die jeweiligen Randbereiche der Schweißlinse (Bereich nahe der
Schweißlinse und Bereich nahe dem Grundwerkstoff) abbilden. In diesen Versuchen werden
zusätzlich die Wärmedehnungen als Funktion der Abkühlgeschwindigkeit, so genannte
Dilatometerkurven, sowohl für den Aufheiz- als auch für den Abkühlprozess ermittelt. Basie-
rend auf den Wärmedehnungen werden die α → γ Phasenumwandlungen sowie eine mögliche
γ → αM hinsichtlich ihrer Starttemperaturen in Anlehnung an [117], [131], [132] analysiert.
Zur Ermittlung der α → γ Phasenumwandlungen wurde zusätzlich die Einsensor-Differenz-
Thermoanalyse nach [133] genutzt. Bei diesem Verfahren werden Festphasenumwandlungen
anhand der Veränderungen der Steigung dT/dt eines gemessenen Temperaturverlaufs auf-
grund der Phasentransformation quantifiziert. Dabei wird die Veränderung der Steigung dT/dt
gegenüber einem umwandlungsfreien Referenztemperaturzyklus durch Differenzbildung
bestimmt. Als Referenzfunktion wird in dieser Arbeit eine lineare Interpolation des gemesse-
nen Temperaturverlaufs genutzt.
Um die in den Gleeble-Versuchen nicht realisierbaren hohen Abkühlraten zu erhalten, werden
zusätzlich Ofenversuche durchgeführt. Hier werden die in Bild 3.6a dargestellten Zugproben
zunächst in einem Infrarotofen (Juve H-Mat 221) mit vergleichsweise geringer Aufheizrate
(< 50/s) erwärmt. Durch das nachfolgende Abschrecken in Eiswasser können dann die ange-
strebten hohen Abkühlraten erzeugt werden. Die vorliegenden Spitzentemperaturen und
Abkühlraten werden durch Messungen mittels Thermoelementen (Messrate 100 Hz), welche
im taillierten Bereich der Proben angebracht werden, dokumentiert. Um eine möglichst
umfangreiche thermische Simulation der WEZ von Widerstandspunktschweißverbindungen
zu gewährleisten, werden in Anlehnung an Bild 2.9 vier unterschiedliche Spitzentemperaturen
(500 °C, 700 °C, 900 °C und 1200 °C) gewählt.
Um reale Temperaturzyklen, wie sie beim Widerstandspunktschweißen auftreten, als Ver-
gleichsdaten für die thermisch simulierten Zugproben zu ermitteln, wird die Simulationssoft-
ware Sorpas (Version 6.03) verwendet. Als Eingangsdaten für die Simulation werden die o.g.
Schweißparamter genutzt. Als Grundwerkstoff wurde ein CMnAl-TRIP Stahl verwendet.
Dadurch können das Temperaturfeld sowie die Temperaturverläufe in verschiedenen Regio-
nen der Schweißverbindung bestimmt werden.
Die einer Wärmebehandlung unterzogenen Zugproben werden sowohl hinsichtlich ihrer
mechanischen Kennwerte als auch insbesondere bezüglich des Austenitgehaltes und dessen
Stabilität ausgewertet. Hierfür werden röntgenographische Methoden sowie
metallographische Verfahren (Farbniederschlagsätzung nach Klemm) verwendet.
3 http://www.swantec.com/SORPAS.php
36
3.1.4 In-situ und ex-situ Phasenanalyse mittels röntgenographischer
Methoden
Um die prinzipiellen werkstoffkundlichen Vorgänge beim Aufheizen und Abkühlen in Hin-
blick auf die Austenitausbildung analysieren zu können, eigenen sich neben der Einsensor-
Differenz-Thermoanalyse, die jedoch nur eine qualitative Methode darstellt, insbesondere
Beugungsmethoden. Diese ermöglichen eine in-situ Beobachtung des Phasenumwandlungs-
verhaltens sowohl qualitativ als auch quantitativ. Im Rahmen dieser Arbeit wurde zur quanti-
tativen Bewertung der γ → α-Phasenumwandlung in Abhängigkeit von der Temperatur bzw.
dem Belastungszustand überwiegend die energiedispersive Synchrotronbeugung genutzt. Die
Untersuchungen erfolgten an der Materialforschungsbeamline EDDI (engl. Energy Dispersive
Diffraction) am Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB).
Bei Beugungsexperimenten (Synchrotron- / Röntgenstrahlung) führt die Wechselwirkung der
elektromagnetischen Wellen mit den Elektronen des Metallgitters zur Beugung, d.h. zur
Änderung der Strahlenrichtung. Voraussetzung ist dabei, dass der Abstand der Gitterlinien des
Beugungsgitters in der Größenordnung der Wellenlänge der auftreffenden Wellen liegt. Die
von den einzelnen Atomen ausgehenden gebeugten Wellen interferieren miteinander. Kommt
es nun zu einer sogenannten konstruktiven Interferenz der gebeugten Wellen entsteht ein
Messsignal in Beobachterrichtung. Durch die Nutzung eines geeigneten Detektors können
diese Strahlungsanteile in Form von Beugungsspektren sichtbar gemacht werden [179].
Die Analyse der Werkstoffphasen sowie der phasenspezifischen Spannungen erfolgt generell
auf Basis der Bragg-Gleichung, die als notwendige Bedingung für eine konstruktive Interfe-
renz vorliegt:
hklhkl
dn sin2
3.4
Demnach liegt ein Messsignal dann vor, wenn die Strahlwegdifferenz zweier an benachbarten
Netzebenen reflektierter Wellen ein ganzzahliges Vielfaches n der Wellenlänge λ ist. Die
Indizes hkl (Millersche Indizes) charakterisieren dabei die jeweiligen Netzebenen im Kristall-
gitter während d der Netzebenenabstand ist. Bei der winkeldispersiven Messung (Anregung
mit Energie einer konstanten Wellenlänge) erfolgt die Detektierung der jeweiligen Werkstoff-
phasen (Netzebenen) mittels des Bragg-Winkels Θ. Dieser ist charakteristisch für jede Netz-
ebene im Kristallgitter. Den Netzebenen können dann die jeweiligen Werkstoffphasen (α-, γ-
Phase) zugeordnet werden.
Die im Rahmen dieser Arbeit genutzte energiedispersive Synchrotronbeugung erlaubt die
Bestimmung des gesamten Beugungsspektrums durch die Nutzung weißer
(polychromatischer) Strahlung. Aus dem Zusammenhang:
l
hkd
hkl E
ch
d1
sin2
3.5
wobei der Beugungswinkel Θ konstant ist, folgt, dass sich die aus der konstruktiven Interfe-
renz ergebende Energie charakteristisch für die jeweiligen Netzebenen / Beugungslinien und
37
somit Werkstoffphasen ist [179]. Bild 3.12 zeigt exemplarisch das Beugungsspektrum eines
TRIP Stahls mit den jeweiligen energiespezifischen Netzebenen.
Energie in keV
220g
311g
222g
310a
321a
30 40 50 60 70 80 90
0
20
40
60
80
100
120
140
111g
110a
200g
200a
211a
220a
Intensität in cts
Bild 3.12: Beugungsspektrum des o.g. TRIP Stahls unter einem 2Θ-Winkel von 10,3° (eigene Unter-
suchung)
Auf Grundlage der Beugungsspektren können die Austenitgehalte nach der Methode der
Intensitätsverhältnisse berechnet werden, siehe Gleichung 3.6. Demnach kann der Volumen-
anteil der α-Phase aus dem Verhältnis der Integralintensitäten4 Iα und Iγ der jeweiligen Netz-
ebenen (hkl) unter Einbeziehung eines Proportionalitätsfaktors entsprechend [180] ermittelt
werden.
)(
)(
)(
)(
1
1
hkl
hkl
hkl
hkl
I
I
R
R
V
3.6
3122
00 )(²)()(
M
eFmIR
3.7
mit:
I0(λ) – Intensität des Primärstrahls
η(λ) – Effizienz des Detektorsystems
m – Multiplikationsfaktor
F0 – Strukturfaktor
e-2M – Temperaturfaktor (M nach [181] ermittelt)
ν – Volumen der Elementarzellen
µ(λ) – linearer Absorptionskoeffizient
λ – Wellenlänge
4 Fläche unter dem jeweiligen Intensitätspeak
38
Unter der Annahme, dass ausschließlich Gefüge mit kubisch-raumzentrierter und kubisch-
flächenzentrierter Struktur vorliegen, ergibt sich der Volumenteil des Austenits (im Folgenden
als Austenitgehalt bezeichnet) nach Gleichung 3.8:
VV 1 3.8
Für eine detaillierte Analyse der spannungsunterstützten- bzw. dehnungsinduzierten γ → αM-
Umwandlung werden darüber hinaus die phasenspezifischen Spannungen bei unterschiedli-
cher Belastung unter Nutzung der sin2ψ-Methode nach [182] ermittelt. Grundlage für diese
Berechnung ist die aus der mechanischen Spannung resultierende Veränderung des
Netzebenenabstandes dhkl. Werden die Netzebenenabstände dhkl bei unterschiedlichen Nei-
gungswinkeln ψ ermittelt und gegen das Quadrat des Sinus des Neigungswinkels ψ aufgetra-
gen, kann aus der Steigung der entsprechenden Regressionsgeraden die vorliegende Spannung
je Phase ermittelt werden [179]. Die Berechnung der phasenspezifischen Spannungen erfolgte
dabei unter Nutzung eines von der Materialforschungsbeamline EDDI bereitgestellten Soft-
waretools. Die sowohl für die Ofenexperimente als auch die Zugversuche genutzten Mess-
und Auswerteparameter für die in-situ Bestimmung der Phasenumwandlung sind in Tabelle
3.4 zusammenfassend wiedergegeben.
Tabelle 3.4 Mess- und Auswerteparameter für die Bestimmung der Phasenanteile
Primärstrahl 0,5
0,5 mm²
Sekundärstrahl 0,1
5 mm² (äquatorial
axial)
Beugungswinkel 2Θ = 12° (Ofenversuch, thermisch
behandelte Zugproben)
2Θ = 10,3° (Zugversuche, Schweißprobe)
Messmodus Reflektion: (Ofenproben, thermisch behandelte
Zugproben)
Transmission: (Zugproben, Punktschweißverbindung)
Beugungslinien (Zugver-
such, Schweißprobe)
Beugungslinien (Ofenver-
such, thermisch
behandelte Zugproben)
Ferrite: .110, 200, 211, 220, 310, 321
Austenite: 111, 200, 220, 311, 222
Ferrite: .110, 200, 211
Austenite: 111, 200, 220, 311
Zählzeit 8 s / Spektrum (Ofenversuche - kontinuierlich)
30 s / Spektrum (Ofenversuche - stufenartig)
60 s / Spektrum (Zugproben, Schweißprobe)
Kalibrierung Wolframpulver
Die Bewertung der Austenitstabilität des untersuchten TRIP Stahls erfolgt durch die Analyse
der Kinetik der γ → αM-Phasenumwandlung, durch den in Gleichung 2.1 beschrieben Zu-
sammenhang (Kap. 2.2.2.1, [75]). Durch die Gegenüberstellung von
0
11
VV für den hier
untersuchten TRIP Stahl mit den berechneten Werten aus Literaturangaben erfolgt schließlich
eine fundierte Bewertung der Austenitstabilität.
39
3.1.4.1 In-situ-Phasenanalyse im Ofenversuch
Um die thermisch bedingte Phasenumwandlung quantitativ erfassen zu können, werden in-
situ Untersuchungen mittels Synchrotronstrahlung durchgeführt. Dabei kommen zwei unter-
schiedliche Temperaturzyklen zum Einsatz. So erfolgen zum einen Aufheizversuche, bei
denen mit einer Aufheizrate von 500 °C/min in der in Tabelle 3.5 und Bild 3.13 dargestellten
Art die Probe stufenartig auf unterschiedliche Temperaturen erwärmt wird. Diese Ofenversu-
che werden einheitlich an Flachproben (50 mm x 20 mm x 1 mm) im Reflektionsmodus
durchgeführt.
Tabelle 3.5: Aufheiz- und Abkühlparameter für die in-situ Ofenversuche
Versuch Aufheizen Abkühlung
1
Stufenartig
Aufheizrate: effektive 20 °C/min
20 °C → 300 → 350 °C → 375 °C →
400 °C → 425 °C → … → 900 °C
Kontinuierlich
Abkühlrate: 250 °C/min
2 Kontinuierlich
Aufheizrate: 250 °C/min
Kontinuierlich
Abkühlrate: 170 °C/min
3 Kontinuierlich
Aufheizrate: 100 °C/min
Kontinuierlich
Abkühlrate: 170 °C/min
0
200
400
600
800
1000
Temperatur in °C
Zeit
30 s 8 s 8 s 8 s
stufenartige Erwärmung
kontinuierliche Erwärmung
Bild 3.13: Schematische Darstellung des Aufheiz- und Abkühlprozesses für die in-situ Ofenversuche
und der Messzeit pro Spektrum
Für die Ermittlung des jeweiligen temperaturabhängigen Beugungsspektrums wurde eine
Haltezeit von 30 s für jede Temperaturstufe vorgegeben. Darüber hinaus werden Beugungs-
messungen bei kontinuierlicher Temperaturerhöhung durchgeführt. Die Beugungsspektren
werden hier fortlaufend ermittelt. Für die zuverlässige Bestimmung von repräsentativen
Beugungsspektren wurde eine Messzeit von 8 s/Spektrum vorgegeben, siehe auch Bild 3.13.
40
Die Abkühlung erfolgte in beiden Versuchen kontinuierlich mit einer vorgegebenen Abkühl-
rate von 500 °C/min bzw. 250 °C/min. Die Beugungsspektren werden im Abkühlprozess
ebenfalls fortlaufend bestimmt. Für die Berechnung der Austenitgehalte werden die in Tab-
le 3.4 gezeigten Beugungslinien genutzt.
Um den Einfluss lokal stark unterschiedlicher Temperaturen, wie sie in der WEZ einer Wi-
derstandspunktschweißverbindung vorherrschen, auf den Austenitgehalt analysieren zu kön-
nen, werden in-situ Messungen bei unterschiedlichen Spitzentemperaturen durchgeführt. So
erfolgt die Ermittlung des Austenitgehaltes sowohl direkt bei 500 °C, 700 °C und 940 °C als
auch nach Abkühlung auf Raumtemperatur, siehe Tabelle 3.5 - Versuch 3. Dabei wird mit
einer Aufheizrate von 100 °C/min die jeweilige Spitzentemperatur angesteuert und nach
Erreichen dieser mit einer vorgegebenen Abkühlrate von 170 °C/min abgekühlt.
Der Temperaturzyklus für die o.g. Ofenversuche wurde durch ein spezielles Heizsystem
(Antor Paar DHS 1100) erzeugt. Während der Messung sind die Proben mittels zweier Me-
tallbügel auf der Ofenplatte fixiert. Die Temperaturmessung erfolgte durch ein auf der Probe
befestigtes Thermoelement. Um eine Oxidierung der Proben während des Versuchs zu ver-
meiden, wurde die Ofenkammer, welche durch eine Graphitkuppel von der Atmosphäre
getrennt wurde, kontinuierlich mit Stickstoff gespült. Der Versuchsaufbau mit den Strahlen-
gängen sowie der Ofenkonstruktion ist in Bild 3.14 gezeigt.
Bild 3.14: Versuchsaufbau für die in-situ Ofenversuche mit Darstellung des Strahlenganges und des
Ofens mit fixierter Probe
Die thermisch behandelten Proben (Gleeble-Proben / Ofenproben) werden ebenfalls im
Reflektionsmodus hinsichtlich des Austenitgehaltes mittels Synchrotronstrahlung analysiert.
Dazu wird die in Bild 3.14 dargestellte Versuchsanordnung genutzt, wobei die Gleeble-
Proben analog zu den Ofenproben befestigt werden. Die Austenitgehalte werden dabei nach
dem jeweiligen Temperaturzyklus sowie vergleichend nach der zerstörenden Prüfung in dem
41
in Bild 3.15 schematisch für die Zugproben dargestellten Messbereich ermittelt. Die Berech-
nung der Austenitgehalte erfolgt auf Basis der in Tabelle 3.4 angegebenen Beugungslinien bei
einer Zählzeit von 60 s. Anzumerken ist, dass für eine qualitative Bewertung des
Austenitgehaltes in Abhängigkeit von der Wärmbehandlung zusätzlich zur
Synchrotronstrahlung konventionelle Röntgenstrahlung (winkeldispersiv) genutzt wird. Die
Auswertung erfolgt durch Analyse der Peakintensität der 200γ-Netzebene.
Messbereich
Messbereich
nach Wärme-
behandlung
nach Zug-
versuch
Bild 3.15: Schematische Lage des Messbereiches für die Bestimmung des Austenitgehaltes thermisch
behandelter Proben vor und nach dem Zugversuch; Messmodus: Reflektion
3.1.4.2 In-situ-Phasenanalyse im Zugversuch
Für die Quantifizierung des Phasenumwandlungverhaltens werden Flachzugproben mit der in
Bild 3.6 dargestellten Geometrie verwendet. Um den Bereich der Einschnürung bereits im
Z0
Z1
Z2
Bild 3.16: Schematische Lage der Messpunkte für
die Ermittlung des Austenitgehaltes, Messmodus:
Transmission
Vorfeld lokal zu definieren, werden zweifach
taillierte Zugproben genutzt. Für die in Bild
3.16 dargestellten Messbereiche (Z0 bis Z2)
werden die Austenitgehalte im Abhängigkeit
von der globalen wahren Spannung und
wahren Dehnung ermittelt. Die wahren
Spannungen werden aus den in-situ Zugver-
such berechnet, während die wahren Deh-
nungen aus dem Vergleich von in-situ und
ex-situ Zugversuch (Spannungs-
Verlängerungskurven) abgeleitet werden. Die
Untersuchungen werden überwiegend für den
Messbereich Z0 präsentiert. Die Ergebnisse
für die Messbereiche Z1 und Z2 werden
genutzt um die Homogenität der γ→αM
Phasenumwandlung innerhalb der Probe zu
bewerten.
Die Analyse der γ→αM Phasenumwandlung im Zugversuch erfolgt im Transmissionsmodus.
Dabei wird der gesamte Probenquerschnitt durchstrahlt, so dass das Beugungsspektrum
integrale Informationen aus dem gesamten Probenvolumen enthält. In Bild 3.17 ist schema-
tisch der Strahlengang, die Messrichtung und das Messvolumen dargestellt. Zu beachten ist,
dass die Messrichtung der Phasenspannungen versuchsbedingt um 5° von der Zugrichtung
abweicht.
0,5 mm
0,1 mm
1 mm
Primärstrahl
Sekundärstahl
2 =10,3°Q
5°
Messrichtung
Zugrichtung
Zugprobe
Messvolumen
Bild 3.17: Schematische Darstellung des Strahlenganges und des Messvolumens im Transmissions-
modus; die Messrichtung der Phasenspannungen liegt 5° verschoben zur Zugrichtung
Die Zugversuche werden stufenartig, d.h. mit Haltezeiten bei Erreichen einer spezifischer
Kraft bzw. Probenverlängerungen, durchgeführt. Nach der Messung des unbelasteten Proben-
körpers erfolgt zunächst eine Messung im elastischen Bereich nahe der Streckgrenze (kraftge-
regelt). Oberhalb der Steckgrenze wird die Probe stufenartig auf verschiedene Verlängerun-
gen gefahren (Δl = 0,5 mm, weggeregelt). Bei der jeweiligen Verlängerung wird ein Beu-
gungsspektrum (Zählzeit 60 s) ermittelt. Basierend auf der sin2ψ-Methode können durch
Drehung der Probe um den Neigungswinkel ψ für jeden Lastschritt die vorliegenden Phasen-
spannungen ermittelt werden. Um eine statistisch abgesicherte Untersuchung der Phasenspan-
nung sowie der Phasenumwandlung zu erreichen, werden 11 unterschiedliche Neigungswin-
kel zwischen 0° und 90° herangezogen. Bild 3.18 zeigt den Versuchsaufbau für die in-situ-
Phasenanalyse mit dem Primär- und Sekundärstrahlengang sowie schematisch die Drehrich-
tung der Probe bzw. den Neigungswinkel ψ. Anzumerken ist, dass die Austenigehalte je
Laststufe im Zugversuch ebenfalls für diese 11 Neigungswinkel bestimmt werden.
43
Bild 3.18: Versuchsaufbau für die in-situ Zugversuche (Messmodus: Transmission) und die Punkt-
schweißverbindung
Für die Analyse des Austenitgehaltes einer Widerstandspunktschweißverbindung aus dem
untersuchten TRIP Stahl HCT690T werden ex-situ Messungen mittels Synchrotronstrahlung
im Transmissionsmodus durchgeführt. Die Messungen erfolgen in der Schweißpunktmitte
sowie im Abstand von 2 mm, 3 mm und 5 mm zur Schweißpunktmitte. Bild 3.19 zeigt sche-
matisch die Lage der Messbereiche relativ zur Schweißlinse und zur WEZ. Die Untersuchun-
gen werden unter einem Neigungswinkel von ψ = 0° durchgeführt.
Bild 3.19: Schematische Lage des Strahlenganges und des Messvolumens für die Bestimmung des
Austenitgehaltes einer Punktschweißverbindung mittels Synchrotronstrahlung; Messmodus: Transmis-
sion
44
3.3 Numerische Versuchsdurchführung
Aufbauend auf den durch die o.g. Prozeduren (Ofenproben, Eindringprüfung) experimentell
ermittelten mechanischen Kennwerten der WEZ und der Schweißlinse wird eine numerische
Simulation eines Scherzugversuches mit Hilfe der FE-Software Ansys durchgeführt. Hierzu
wird ein FE-Modell entsprechend Bild 3.20 genutzt. Für Bereiche die das mechanische Ver-
halten der Scherzugprobe bestimmen und somit eine erhöhte Genauigkeit erfordern (Schweiß-
linse, WEZ, Überlappbereich), werden rechteckige Elemente mit einer Elementkantenlänge
von 0,10 mm in der x-Ebene, 0,14 mm in der y-Ebene sowie 0,10 mm in z-Richtung verwen-
det. Mit zunehmendem Abstand zur WEZ-2 wird das Netz schrittweise auf eine Elementkan-
tenlänge von 2,5 mm in der x-Ebene, 2 mm in der y-Ebene und 2,8 mm in z-Ebene gebracht.
Das genutzte Halbmodell besteht aus 87.522 Knoten und 63.168 Elementen. Um Konver-
genzprobleme zu vermeiden, wurde die Schweißlinse nicht vollständig vernetzt. Dies wird
aufgrund der dort wirkenden vernachlässigbar kleinen Dehnungen keinen signifikanten Ein-
fluss auf das Ergebnis der FE-Simulation haben.
Bild 3.20: FE-Modell einer Scherzugprobe mit Vernetzung und Darstellung der Probenbereiche die
eine Variation der Materialkenndaten zulassen, Halb-Modell mit 87522 Knoten und 63168 Elementen,
für die nachfolgenden Untersuchungen wurden die Materialkenndaten der WEZ-2 Zone variiert
45
Das Modell wird im Bereich der Fügestelle in drei separate Materialzonen gegliedert
(Schweißlinse, WEZ-1 und WEZ-2). Härtemessungen an realen widerstandspunktgeschweiß-
ten TRIP Stahl zeigen, dass der Bereich der WEZ der sich nahe der Schweißlinse befindet
vergleichbare Härtewerte wie die Schweißlinse aufweist. Daher werden für die Schweißlinse
und die WEZ-1 vereinfacht identische Materialkenndaten implementiert. Hierfür wird die aus
den o.g. Prozeduren bestimmte wahre Spannungs-Dehnungskurve der Schweißlinse verwen-
det. Um den Nutzen der aufwendig bestimmten wahren Spannungs-Dehnungskurve der realen
WEZ als Eingangsdaten für die FE-Simulation zu ermitteln, wurden drei Modelle mit variab-
len Kenndaten der WEZ-2 verglichen.
Modell 1: Implementierung der wahren Spannungs-Dehnungskurve des
Grundwerkstoffes
Modell 2: Implementierung der wahren Spannungs-Dehnungskurve der realen WEZ
Modell 3: Implementierung der wahren Spannungs-Dehnungskurve der Schweißlinse
Eine Zusammenfassung der für die numerische Simulation der Scherzugprobe genutzten
Parameter zeigt Tabelle 3.6:
Tabelle 3.6: Darstellung der wichtigsten Parameter für die FE-Simulation
Parameter Erläuterungen
Elementtyp SOLID185 (tri-lineares Hexaederelement)
Verfestigungsverhalten isotrope Verfestigung
Verlängerung der Probe 1,8 mm
Materialkenndaten
(elastisch-plastisches Werk-
stoffverhalten)
wahre Spannungs-Dehnungskurven des:
- Grundwerkstoff: aus quasi-statischen Zugversuch
- WEZ/ Schweißlinse: thermisch behandelte Zugproben,
instrumentierte Eindringprüfung an einer realen
Schweißprobe
Vereinfachungen/Annahmen - Keine vollständig vernetzte Schweißlinse
- Kerbgeometrien in Anlehnung an Querschliff
- Maschinensteifigkeit deutlich höher als Probensteifigkeit.
- Symmetrie entlang der Probenlängsachse (Halbmodell)
- Diskontinuierlicher Verlauf der Materialkenndaten der -
Schweißlinse und WEZ
Die verwendeten Lagerungsbedingungen der Scherzugprobe sind in Bild 3.21 dargestellt.
25
25
F
Bild 3.21: Lagerungsbedingungen der simulierten Scherzugprobe
46
4 Ergebnisse
4.1 Charakterisierung des Grundwerkstoffes HCT690T
Das zentrale Ziel dieser Arbeit ist die Analyse des Einflusses eines Widerstandspunkt-
schweißprozesses auf die mechanischen Kennwerte sowie den Austenitgehalt und die
Austenitstabilität im Bereich der Fügestelle am Beispiel des TRIP Stahls HCT690T. Um eine
quantitative Beurteilung zu gewährleisten, erfolgt im nachstehenden Kapitel zunächst die
Charakterisierung des Grundwerkstoffes hinsichtlich der o.g. Parameter.
4.1.1 Gefügestruktur
Die Gefügestruktur des untersuchten TRIP Stahls HCT690T ist in Bild 4.1 dargestellt. Die
ferritischen Körner sind entsprechend [174] blau gefärbt, die bainitischen Körner sind auf-
grund der Potentialdifferenz zum Ferrit (ca. 1,6 mV) braun gefärbt, während der Austenit
weiß erscheint. Zu beachten ist, dass mögliche martensitische Körner durch die geringe
Potentialdifferenz zwischen Martensit und Austenit nicht separat bestimmt werden konnten.
Jedoch ist der Anteil nach [22], [23] vergleichsweise klein und wird daher im Folgenden
vernachlässigt. Aus den Gesamtflächenanteilen der einzelnen Gefügephasen wird die
Gefügezusammensetzung zu ca. 50 % Ferrit, 35 % Bainit und 15 % Austenit bestimmt. Somit
liegt eine für TRIP Stähle typische Mikrostruktur vor [22], [23]. Da die Phasenanteile auf
Grundlage von verschiedenen Querschliffen bestimmt wurden, ist eine gute Übereinstimmung
der ermittelten Flächenanteile zu den real vorliegen Volumenanteilen zu erwarten.
Bild 4.1: Gefügeausbildung des TRIP Stahls HCT690T (Ferrit - blau, Bainit - braun, Austenit
weiß), Ätzung nach Klemm
47
Der Austenit ist inselförmig (Blocktyp) an den Korngrenzen sowohl des Ferrits als auch des
Bainits angelagert. Die messbare Größe der Austenitkörner liegt dabei zwischen etwa 1 µm
und 3 µm. Da der u. a. in [19] und [21] diskutierte lamellenartige Austenit zwischen den
Bainitlatten lichtmikroskopisch nicht erfasst werden konnte, wurden transmissionselektro-
nenmikroskopische Untersuchungen durchgeführt. In Bild 4.2 ist die Hellfeldabbildung eines
α-Korns (krz - Mikrostruktur) dargestellt. Wesentlich ist dabei, dass der lamellenartige Auste-
nit (dunkel) durch den hell-dunkel Kontrast zu erkennen ist. Diese Austenitbereiche haben
eine Breite von ca. 100 nm und eine Länge von deutlich über 500 nm.
Bild 4.2: Hellfeldabbildung eines α-Korns aus dem unverformten Bereich einer Zugprobe mit
Darstellung des Austenits (siehe Bild 3.4)
Bild 4.3 zeigt die Hellfeldaufnahmen eines α-Korns aus dem stark verformten Bereich (φ >
0,4) einer geprüften Zugprobe. Deutlich sind lamellare Austenitkörner zu erkennen. Darüber
hinaus konnten Austenitkörner mit einer Korngröße < 1 µm ermittelt werden, Bild 4.3b.
Bild 4.3: Hellfeldabbildung aus dem verformten Bereich einer Zugprobe, a) zeigt austenitische und
martensitische Bereiche, b) zeigt Austenitkörner im Bereich einer Korngrenze
Da die Orientierung des Austenits, wie von Oliver [107] nachgewiesen, für die γ → αM Pha-
senumwandlung von Bedeutung sein kann, ist in Bild 4.4 die mittels EBSD bestimmte Orien-
tierungsdarstellung (inverse Polfiguren) für die γ-Phase in den {001}-, {101}- und {111}-
Gitterebenen aufgezeigt. Bei der Analyse der Polfiguren wird deutlich, dass die Poldichtever-
48
teilung für die dargestellten Gitterebenen relativ homogen ist und folglich keine deutliche
Vorzugsorientierung (Textur) der Austenitkörner vorliegt.
Bild 4.4: Orientierungsdarstellung für die γ-Phase in den {001}-, {101}- und {111}-Gitterebenen
4.1.2 Mechanisch-technologische Kennwerte
Da die optische Verformungsanalyse im Gegensatz zu Extensometermessungen sehr lokale
Messungen ermöglicht, können insbesondere für den Bereich oberhalb der Zugfestig-
keit / Gleichmaßdehnung (d.h. im Einschnürbereich) die tatsächlich auftretenden Dehnungen
präzise erfasst werden. Bild 4.5 zeigt exemplarisch das Dehnungsfeld einer Zugprobe bei
unterschiedlichen Beanspruchungszuständen. Zu beachten ist, dass die Dehnungen in den
folgenden Betrachtungen immer in Zugrichtung (x-Richtung) und für den Bereich der Ein-
schnürung (maximale Dehnung) bestimmt werden. Die Gegenüberstellung der aus einer
Dehnungsfeldmessung und einer konventionellen Messung mittels Extensometer nach be-
stimmten wahren Dehnungen verdeutlicht, dass oberhalb der Zugfestig-
keit / Gleichmaßdehnung mit der Dehnungsfeldanalyse wesentlich größere Dehnungen ermit-
telt werden, Bild 4.6. Die wahre Dehnung in Zugrichtung wird im Folgenden als φ bezeichnet
0123456789
0,0
0,1
0,2
0,3
0,4
0,5
0,6
0,7
optische Dehnungsfeldmessung
Extensometer
Verlängerung der Probe in mm
Wahre Dehnung
x
j
Zugfestigkeit
Bild 4.5: Dehnungsfelder einer ex-situ Zugprobe
für verschiedene Belastungszustände
Bild 4.6: Vergleich der Ergebnisse der optischen
Dehnungsfeldmessung und der Messung mittels
Extensometer
49
Die technische und die wahre Spannungs-Dehnungskurve des Versuchswerkstoffes HCT690T
ist in Bild 4.7 gezeigt. Die Dehngrenze liegt bei 410 MPa, die Zugfestigkeit erreicht einen
Wert von 710 MPa. Die Verformungsfähigkeit wird durch eine Gleichmaßdehnung von 0,32
und einer technischen Bruchdehnung von 0,35 charakterisiert. Eine ausgeprägte Streckgrenze
ist nicht zu erkennen. Die wahre Spannung σw liegt erwartungsgemäß deutlich oberhalb der
technischen Spannung und erreicht im Maximum 1180 MPa, die wahre Bruchdehnung liegt
bei 61 %.
Bild 4.7: Wahre und technische Spannungs-Dehnungskurve des untersuchten TRIP Stahls
Der für die Umformbarkeit bedeutende Kaltverfestigungsexponent n ist in Bild 4.8 gezeigt.
Der n-Wert steigt bis zu einer Dehnung von ca. 0,1 nahezu linear an und verbleibt dann bei
zunehmender Dehnung auf einem konstanten Niveau von ca. 0,3. Bemerkenswert ist, dass
kein Abfall des Kaltverfestigungsexponenten n bei höheren Dehnungskennwerten auftritt.
Bild 4.8: Kaltverfestigungswert (n-Wert) in Abhängigkeit von der wahren Dehnung
50
4.1.3 In-Situ Analyse der Phasenumwandlung unter quasi-statischer
Belastung
Die γ → αM Phasenumwandlung wird im quasi-statischen Zugversuch quantifiziert. Um
aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen, soll die Auswertung auf Basis der wahren Spannun-
gen und der wahren Dehnungen (optische Dehnungsfeldmessungen) erfolgen. Zu beachten ist
jedoch, dass die Methode der Dehnungsfeldmessung während des Zugversuchs bei der Mes-
sung mittels Synchrotronstrahlung (in-situ Messung) nicht realisierbar war. Daher soll die
Möglichkeit einer Übertragung der ex-situ im Zugversuch ermittelten wahren Spannungs-
Dehnungskennwerte (Dehnungsfeldmessung, Bild 4.7) auf die in-situ Zugversuche analysiert
werden. Bild 4.9 zeigt den aus dem jeweiligen Zugversuch ermittelten Zusammenhang zwi-
schen der technischen Spannung und der Verlängerung der Probe. Auffällig ist, dass im
unterbrochenen Zugversuch (in-situ) eine Spannungsrelaxation während der Haltezeit auftritt.
Bild 4.9: Darstellung der Spannungs-Verlängerungskurve für die a) ex-situ und b) in-situ Zugver-
suche
Eine qualitative Bewertung der Phasenumwandlung im Zugversuch kann durch die Analyse
des Beugungsspektrums erfolgen. Bild 4.10a zeigt exemplarisch das Beugungsspektrum des
TRIP Stahls HCT690T im unbelasteten Zustand und bei Erreichen der Gleichmaßdehnung
(Angabe erfolgt hier als wahre Dehnung). Die unbelastete Probe weist zwei unterschiedliche
Kristallgitterstrukturen auf, die kubisch-raumzentrierte (α-Phase) und die kubisch-
flächenzentrierte (γ-Phase), wobei die austenitischen 111γ-, 200γ-, 200γ- und 311γ-
Beugungspeaks deutlich zu erkennen sind. Bei der belasteten Probe ist eine Abnahme des
Austenitgehaltes durch die signifikante Verringerung der Intensität der γ – Beugungspeaks
feststellbar. Weiterhin ist unter Belastung eine Erhöhung der 110α- und 220α-
Beugungsintensitäten zu beobachten.
51
Energie in keV
220g
311g
222g
310a
321a
unbelastet
wahre Dehnung bei 0,344
wahre Spannung bei 985 MPa
.
30 40 50 60 70 80 90 100
0
200
400
600
800
1000
1200
1400
1600
1800
2000
Energie in keV
Intensität in cts
30 40 50 60 70 80 90
0
20
40
60
80
100
120
140
111g110a
200g
200a
211a
220a
Intensität in cts
Bild 4.10: Beugungsspektrum für den untersuchten TRIP Stahl bei unterschiedlichen Belastungen
Eine quantitative Analyse der γ → αM Phasenumwandlung (siehe Kap. 3) in Abhängigkeit von
der wahren Spannung und der wahren Dehnung ist in Bild 4.11 gezeigt. Dabei kennzeichnen
die Punkte P1 und P2 die Streckgrenze bzw. die Zugfestigkeit, d.h. globale Spannungs-
/Dehnungswerte. Im Ausgangszustand liegt ein Austenitgehalt von 16,5 % vor. Bei einer
Belastung unterhalb der globalen Streckgrenze (P1) ist keine Reduzierung des
Austenitgehaltes festzustellen, siehe Bild 4.11b. Oberhalb der globalen Streckgrenze, d.h. bei
einsetzender plastischer Verformung, erfolgt unmittelbar die dehnungsinduzierte
martensitische Phasenumwandlung. Bis zur einer Dehnung von etwa 0,225 (P2) ist ein nahezu
linearer Abfall des Austenitgehaltes auf 10,5 % festzustellen. Eine weitere Erhöhung der
Dehnung, auch oberhalb der Gleichmaßdehnung (P3), führt zu keiner weiteren messbaren γ
→ αM Phasenumwandlung.
Austenitgehalt in %
Wahre Dehnung
Austenit
P1 P3
00,05 0,10 0,15 0,20 0,25 0,30 0,35 0,40
0
200
400
600
800
1000
0
6
8
10
12
14
16
18
20
0,000 0,010 0,020
0
200
400
600
800
1000
0
6
8
10
12
14
16
18
20
P1
a) b)
P2
Wahre Spannung in MPa
.
Wahre Spannung in MPa
.
Austenitgehalt in %
Wahre Dehnung
Bild 4.11: a) Entwicklung des Austenitgehaltes im in-situ Zugversuch und aus den ex-situ Zugversu-
chen übertragene wahre Spannungs-Dehnungskurve, b) Detailausschnitt bei geringen Dehnungen; die
Austenitgehalte werden über 11 Neigungswinkel gemittelt
52
Die Gegenüberstellung der globalen wahren Spannungen und der phasenspezifischen wahren
Spannungen in Abhängigkeit von der wahren globalen Dehnung zeigt Bild 4.12. Im unbelas-
teten Ausgangszustand liegt in der α-Phase (Ferrit/Bainit/Martensit) eine geringe Zugeigen-
spannung (20 MPa) vor, während in der γ-Phase Druckeigenspannungen (80 MPa) vorliegen.
Bei Beanspruchung unterhalb der globalen Streckgrenze (P1) liegt die phasenspezifische
Spannung der α-Phase um den Betrag der Differenz der Eigenspannungen oberhalb der γ-
Phase. Die phasenspezifische Streckgrenze liegt für die α-Phase bei ca. 400 MPa während für
die γ-Phase eine Streckgrenze zwischen 550 MPa und 700 MPa zu erwarten ist. Oberhalb der
globalen Streckgrenze findet das so genannte „load shearing“ statt, so dass in der γ-Phase bei
gleicher globaler Dehnung eine deutlich höhere Spannung vorliegt als in der α-Phase (Fer-
rit/Bainit/Martensit). Die globale wahre Spannung liegt bis zum Erreichen der Gleichmaßdeh-
nung (P3) stets zwischen den phasenspezifischen Spannungen. Oberhalb von P3 nähert sich
die Spannung der Austenitphase der wahren globalen Spannung an, wobei zu berücksichtigen
ist, dass die Streuung stark zunimmt.
Bild 4.12: Wahre Spannungs-Dehnungskurve (ex-situ) und Phasenspannungen für die γ-Phase und
die α-Phase in Abhängigkeit von der wahren Dehnung
Um die Homogenität der in Bild 4.11 dargestellten Abhängigkeit des Austenitgehaltes von der
wahren Dehnung für die gesamte Probe zu validieren, wurden zusätzlich zu dem Bereich der
Gleichmaßdehnung (Z0) Zonen mit abweichenden Dehnungskennwerten analysiert (Z1, Z2),
siehe Bild 4.13a. Die Ergebnisse für verschiedene Probenlängenänderungen sind in Bild 4.13b
gezeigt. Die verschiedenen Zonen (Z0 - Z2) zeigen unterschiedliche Austenitgehalte. So
liegen bei identischen Probenverlängerungen in den Zonen mit einer geringeren wahren
Dehnungen (Z1 / Z2) deutlich größere Austenitgehalte vor.
53
b)
012345678
0
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
Z0
Z1
Z2
Verlängerung der Probe in mm
Austenitgehalt in %
Bild 4.13: a) Dehnungsfeld des untersuchten TRIP Stahls im Zugversuch bei Erreichen der Gleich-
maßdehnung mit schematischer Lage der Messpunkte für die Bestimmung des Austenitgehaltes, b)
Austenitgehalt für die in a) gezeigten Messpunkte in Abhängigkeit von der Verlängerung der Probe im
Zugversuch, Zugversuch erfolgte mit einer Zuggeschwindigkeit von 0,01 mm s-1 bei Raumtemperatur
4.2 Einfluss eines Temperaturzyklus auf die austenitische
Phasenumwandlung
In Hinblick auf das lokale mechanische Verhalten in der Fügezone von widerstandspunktge-
schweißten TRIP Stählen kann der Austenitgehalt und die Austenitstabilität prinzipiell von
Bedeutung sein. Aufgrund der hohen Aufheiz- und Abkühlraten (1000 °C/s - 5000 °C/s [119])
beim Widerstandspunkschweißen ist eine in-situ Erfassung der Austenitausbildung und der
Austenitumwandlung in der Aufheiz- bzw. Abkühlphase experimentell gegenwärtig nicht
möglich. Durch die Simulation des Schweißzyklus mit Hilfe einer gezielten Wärmbehandlung
können jedoch grundlegende Erkenntnisse zum Aufbau der Fügezone bezüglich des
Austenitgehaltes sowie der Austenitstabilität und darüber hinaus auch der lokalen mechani-
schen Eigenschaften erzielt werden.
4.2.1 In-situ Phasenanalyse
Die Ergebnisse der in-situ Phasenanalyse bei einer stufenartigen Erwärmung und Abkühlung
entsprechend Tabelle 3.5 sind in Bild 4.14 gezeigt. Durch die Darstellung der α- und γ-
Peakintensitäten der jeweiligen Gitterebenen in Abhängigkeit von der Temperatur können
zunächst qualitativ Erkenntnisse zur Entwicklung des Austenitgehaltes gewonnen werden.
Dabei zeigt sich, dass die Peakintensitäten der γ-Gitterbennen bis ca. 300 °C nahezu konstant
sind. Oberhalb von 300 °C verringern sich die γ-Peakintensitäten jedoch signifikant und
erreichen bei 400 °C bis 450 °C ein Minimum. Oberhalb von 650 °C erfolgt schließlich
wieder ein Anstieg der γ-Peakintensitäten, der mit einem äquivalenten Abfall der α-
Peakintensitäten verbunden ist. Bei 850 °C liegen für die γ-Peakintensitäten Maximalwerte
vor, die sich auch bei zunehmender Temperatur nicht weiter verändern.
54
Bei stufenartiger Abkühlung von 900 °C auf 500 °C, 300 °C und schließlich Raumtemperatur
bleibt festzuhalten, dass bereits bei 500 °C keine deutlichen γ-Peakintensitäten ermittelt
werden konnten. Eine signifikante Veränderung sowohl der α- als auch der γ-Peakintensitäten
ist auch bei weiterer Abkühlung unterhalb von 500 °C nicht zu beobachten.
Bild 4.14: Beugungsspektren in Abhängigkeit von der Temperatur für den Aufheiz- / Abkühlvorgang
Die Auswertung der 111-Gitterebene (γ-Phase) bestätigt prinzipiell die in Bild 4.14 darge-
stellte Verringerung der γ-Peakintensitäten beim Aufheizen zwischen 300 °C und 500 °C,
siehe Bild 4.15. Weiterhin kann die Ausbildung von Eisenkarbid zwischen 500 °C und 600 °C
nachgewiesen werden. Über einer Temperatur von 650 °C erfolgt die Neubildung des Auste-
nits, die durch eine Zunahme der γ-Peakintensitäten charakterisiert und mit einem Zerfall des
Eisenkarbides verbunden ist.
Bild 4.15: Ausschnitt des Beugungsspektrums für den TRIP Stahl HCT690T in Abhängigkeit von der
Probentemperatur; Darstellung der Entwicklung des 111γ-Peaks sowie der Ausbildung von Karbid
55
Für eine quantitative Analyse des Austenitgehaltes in Abhängigkeit von der Temperatur wird
zusätzlich eine kontinuierliche Erwärmung (Tabelle 3.5) verwendet. Bild 4.16 zeigt die Ent-
wicklung des Austenitgehaltes sowohl beim Aufheizen als auch beim Abkühlen. Bei einer
Erwärmung bis auf ca. 300 °C kann unter Berücksichtigung der Streuungen keine wesentliche
Verringerung des Austenitgehaltes festgestellt werden. Oberhalb von 400 °C erfolgt zunächst
eine allmähliche, zwischen 450 °C und 500 °C schließlich eine drastische Verringerung des
Austenits auf ca. 20 % des Anfangsgehaltes. Zu beachten ist, dass unterhalb dieses Wertes
eine zuverlässige Bestimmung des Austenitgehaltes nicht mehr möglich war. Bei einer weite-
ren Temperaturerhöhung erfolgt dann oberhalb von 600 °C eine Neubildung von Austenit
(Ac1-Temperatur) die bis 890 °C zu einem Austenitgehalt von ca. 85 % führt.
Bild 4.16: In-situ Messung des Austenitgehaltes bei Erwärmung mit durchschnittlich 100 °C/min und
Abkühlung mit durchschnittlich 170 °C/min
Die in Bild 4.16 dargestellte quantitative Entwicklung des Austenitgehaltes bei Abkühlung
der Probe kann in drei Bereiche eingeteilt werde. So erfolgt zwischen 750 °C (Beginn der
Phasenumwandlung) und 675 °C zunächst eine drastische Verringerung des Austenitgehaltes
von 85 % auf ca. 25 %. Die Abkühlung auf 525 °C führt zu einer weiteren jedoch weniger
signifikanten Abnahme des Austenitgehaltes auf etwa 10 %. Die weitere Abkühlung bis auf
40 °C führt dann lediglich zu geringen Änderungungen des Austenitgehaltes (8 %).
4.2.1.1 Einfluss der Aufheiz- und Abkühlrate
Die Gefügezusammensetzung nach einer Wärmebehandlung bzw. einem Schweißprozess
wird wesentlich durch die zwei Prozesse Erwärmung und Abkühlen sowie deren spezifische
Parameter Aufheizrate und Abkühlrate bestimmt. Die Herausforderung bei der Übertragung
der o.g. Ergebnisse auf den realen Schweißprozess liegt u.a. in den unterschiedlichen Auf-
heiz- und Abkühlraten. Um grundsätzliche Erkenntnisse zum Einfluss der Aufheiz- und
Abkühlrate auf den Austenitgehalt während und insbesondere nach dem Schweißprozess zu
56
erhalten, wurde zwei unterschiedliche Aufheiz- und Abkühlraten untersucht. Die experimen-
tell ermittelten Aufheiz- und Abkühlkurven sind in Bild 4.17 gezeigt.
0 300 600 900 1200 1500 1800
0
200
400
600
800
1000
0 50 100 150 200
0
200
400
600
800
1000
Temperatur in °C
Zeit in s
Stufenförmige Erwärmung
(25 °C/min)
Kontinuierliche Erwärmung
(100 °C/min)
Tempeartur in °C
Zeit in s
170 °C/min
250 °C/min
a) b)
Bild 4.17: a) Temperatur-Zeitverlauf bei stufenartiger und kontinuierlicher Erwärmung b) Tempera-
tur-Zeitverlauf
Die Abhängigkeit des Austenitzerfalls und der Austenitneubildung von der Aufheizrate ist in
Bild 4.18 dargestellt. Dabei zeigt Bild 4.18a die Entwicklung des Austenitgehaltes bei einer
Aufheizrate von 100 °C/min und Bild 4.18b für die stufenartige Erwärmung mit einer mittle-
ren Aufheizrate von 20 °C/min. Grundsätzlich kann eine vergleichbare Abhängigkeit des
Austenitgehaltes von der aktuellen Temperatur nachgewiesen werden. So ist, unabhängig von
der Aufheizrate, eine Abnahme des Austenitgehaltes ab ca. 300 °C und eine Neubildung des
Austenits ab etwa 600 °C zu beobachten. Bei einer Spitzententemperatur von 900 °C wird ein
Austenitgehalt von ca. 85 % erreicht.
Bild 4.18: Entwicklung des Austenitgehaltes bei einer a) kontinuierlichen Erwärmung (Aufheizrate
ca. 100 °C/min) und einer b) stufenartigen Erwärmung (Aufheizrate ca. 20 °C/min)
57
Bild 4.19 zeigt den Einfluss verschiedener Abkühlgeschwindigkeiten auf den Austenitgehalt.
Zu beachten ist, dass die in Tabelle 3.5 aufgezeigten Abkühlraten (250 °C/min und
500 °C/min) Programmvorgaben sind, die im realen Prozess nicht vorlagen. Vielmehr wurden
effektive Abkühlraten von 170 °C/min bzw. 250 °C/min erreicht.
Die Umwandlung des Austenits in die α-Phase setzt, nahezu unabhängig von der Abkühlge-
schwindigkeit, bei etwa 750 °C ein. Dabei erfolgt bis ca. 650 °C (170 °C/min) bzw. 600 °C
(250 °C/min) eine drastische Reduzierung und bis etwa 500 °C eine allmähliche Abnahme des
Austenitgehaltes. Bei einer weiteren Verringerung der Temperatur erfolgt keine signifikante
Veränderung des Austenitgehaltes.
800 700 600 500 400 300
0
20
40
60
80
100
800 700 600 500 400 300
0
20
40
60
80
100
170 °C/min
Austenitgehalt in %
Temperatur in °C
a) b)
250 °C/min
Austenitgehalt in %
Temperatur in °C
Bild 4.19: Entwicklung des Austenitgehaltes bei einer a) Abkühlrate von ca. 170 °C/min und b)
einer Abkühlrate von ca. 250 °C/min)
4.1.1.2 Austenitgehalt bei unterschiedlichen Spitzentemperaturen
Die Wärmeeinflusszone realer Widerstandspunktschweißverbindungen ist im Belastungsfall
hinsichtlich eines Versagens die kritische Zone [142], [146]. Daher können Kenntnisse über
die Entwicklung des Restaustenitgehaltes in Abhängigkeit von der vorliegenden Maximal-
temperatur das Verständnis hinsichtlich der lokalen mechanischen Kennwerte und dem resul-
tierenden Versagensverhalten fördern. In diesen Versuchen erfolgt durch Erwärmung auf
unterschiedliche Spitzentemperaturen unterhalb der Schmelztemperatur die Simulation von
Spitzentemperaturen wie sie in der WEZ auftreten. Dabei wurden Spitzentemperaturen in
Anlehnung an Bild 2.9 verwendet. Da die Simulation realer Temperaturzyklen wie sie in der
WEZ auftreten im Ofenversuch nicht möglich war (geringere Aufheiz-/ Abkühlrate), können
die Ergebnisse nur Hinweise auf die Entwicklung des Austenits im Schweißprozess liefern.
Bild 4.20 zeigt den Austenitgehalt in Abhängigkeit von der Temperatur. Die Erwärmung auf
unterschiedlich hohe Spitzentemperaturen Tmax führt zu verschiedenen Austenitgehalten vor
dem jeweiligen Abkühlprozess. So liegen bei Erwärmung auf 940 °C etwa 93 % Austenit vor,
bei 700 °C werden etwa 15 % erreicht, während die Erwärmung auf 500 °C zu einem Abfall
des Austenitgehaltes auf 4 % führt. Hinsichtlich des Abkühlprozesses zeigt sich, dass die
58
Abkühlung, unabhängig von der Spitzentemperatur, zu einer signifikanten Abnahme des
Austenitgehaltes führt. So werden nach der Abkühlung Austenitgehalte zwischen 3 %
(Tmax = 500 °C / 700 °C) und 6,5 % (Tmax = 940 °C) erreicht.
0 5 10 15 20 25 80 100
0
200
400
600
800
1000
0 5 10 15 20 25 80 100
0
200
400
600
800
1000
Temperature in °C
Austenitgehalt in %
Temperature in °C
Austenitgehalt in %
0 5 10 15 20 25 80 100
0
200
400
600
800
1000
Temperature in °C
Austenitgehalt in %
Spitzentemperatur 500 °C Spitzentemperatur 700 °C Spitzentemperatur 900 °C
Aufheizen
Aufheizen
Aufheizen
Abkühlen
Abkühlen
Abkühlen
a) b) c)
Bild 4.20: Entwicklung des Austenitgehaltes bei einer Spitzentemperaturen von a) 500 °C, b) 700 °C
und c) 940 °C bei einer Aufheizrate von ca. 100 °C/s
4.2.2 Ex-Situ Phasenanalyse
Es wurde bereits daraufhin gewiesen, dass die in den Ofenexperimenten in-situ erzielten
Ergebnisse bezüglich der Gefügeausbildung nur bedingt auf einen realen Schweißprozess
übertragen werden können. Dies resultiert im Wesentlichen aus den signifikant geringeren
Aufheiz- und Abkühlraten. Daher wurden ex-situ Untersuchungen an thermisch behandelten
Zugproben durchgeführt, bei denen höhere Aufheiz- und Abkühlraten erzielt werden konnten.
Da die WEZ unter Belastung im industriell angestrebten Ausknöpfbruch die kritische Zone
bezüglich eines Versagens ist, sind die Simulation des WEZ-Gefüges und insbesondere die
Bestimmung der mechanischen Kennwerte für die numerische Simulation von Punktschweiß-
verbindungen von zentraler Bedeutung. Daher werden in den Ofenversuchen unterschiedlich
hohe Spitzentemperaturen verwendet, die sich an den vorliegenden Temperaturen in der WEZ
orientieren (siehe Bild 2.9) und dadurch eine Simulation des gesamten WEZ-Gefüges ermög-
lichen.
Die Auswertung des Austenitgehaltes vor und nach der Wärmebehandlung sowie nach der
Zugprüfung lässt zusätzlich detailliertere Rückschlüsse auf die Austenitausbildung nach
einem realen Punktschweißprozess zu und ermöglicht darüber hinaus die Untersuchung einer
Korrelation zwischen dem Austenitgehalt (TRIP-Effekt), der jeweiligen Spitzentemperatur
und den mechanischen Kennwerten.
4.2.2.1 Gleeble-Versuche
Im Folgenden wird zunächst der Einfluss hoher Aufheizraten durch Einsatz von Gleeble-
Versuchen bewertet. Dabei wurden zwei Extremtemperaturen, wie sie in den äußeren Berei-
chen der WEZ am Übergang zur Schweißlinse (1100 °C) bzw. am Übergang zum Grund-
59
werkstoff (500 °C) auftreten können verwendet, siehe auch Bild 2.9. Die resultieren Tempera-
turverläufe des simulierten Schweißzyklus sind in Bild 4.21 dargestellt. Festzustellen ist, dass
die erzielte Aufheizrate von ca. 1200 °C/s eine vergleichsweise gute Näherung zum realen
Schweißprozess darstellt [119].
Bild 4.21: Temperatur-Zeitverlauf im Gleeble-Versuch für die Proben mit einer Spitzentemperatur
von 500 °C und 1100 °C
Für eine Analyse der Phasenumwandlung werden zunächst die Aufheizkurve und die Abkühl-
kurve der Probe mit einer Spitzentemperatur von 1100 °C betrachtet. Bild 4.22a zeigt zu-
nächst die Aufheizkurve zwischen 600 °C und 750 °C.
Bild 4.22: Ermittlung der Ac1 Temperatur mittels Einsensor-Differenz-Thermoanalyse, a) Ausschnitt
der gemessene Temperaturkurve mit linearer Interpolation, b) Temperaturdifferenz aus gemessener
Temperatur und der linearen Interpolation
60
Die Abweichung der Aufheizkurve wird in Anlehnung an die Einsensor-Differenz-
Thermoanalyse zur Charakterisierung eine Phasenumwandlung genutzt, siehe (Kap. 3). Dem-
zufolge erfolgt bei ca. 665 °C der Beginn der α→γ Phasenumwandlung (Ac1-Tempertur), Bild
4.22b. Die Ac3-Temperatur konnte durch die Einsensor-Differenz-Thermoanalyse nicht ein-
deutig bestimmt werden.
Bild 4.23 zeigt die entsprechende Abkühlkurve bei einer Spitzentemperatur von 1100°C und
einer t8/5-Zeit von 3,3 s. Dabei kann deutlich ein Haltepunkt (Ms-Starttemperatur) bei einer
Temperatur von 400 °C festgestellt werden. Bei einer Spitzentemperatur von 500 °C konnte
hingegen kein Haltepunkt gefunden werden.
Bild 4.23: Temperatur-Zeitverlauf im Abkühlprozess nach Erwärmung auf 1100 °C mit Darstellung
des Haltepunktes (Ms-Start)
Da die Einsensor-Differenz-Thermoanalyse keine präzise Bestimmung der Ac3 Temperatur
ermöglichte, erfolgte eine Analyse des Dilatationsverhaltens im Aufheiz- sowie Abkühlpro-
zess, siehe Bild 4.24a. Während des Aufheizens kennzeichnet die Abweichung von der linea-
ren Regressionsgerade den Beginn der α→γ-Phasenumwandlung (Ac1-Temperatur) [117],
[131] [132]. Da der Beginn der diffusionsgesteuerten Austenitbildung jedoch nicht exakt zu
erfassen ist, kann für die Ac1-Temperatur nur ein Intervall zwischen 640 °C und 660 °C ange-
geben werden, Bild 4.24b. Hingegen kann die Ac3-Temperatur, welche durch einen deutlichen
Anstieg der Dilatations-Temperaturkurve charakterisiert ist, mit 930 °C vergleichsweise
präzise angegeben werden. Aus der in Bild 4.24b dargestellten Dilatationsmessung während
des Abkühlprozesses mit einer t8/5-Zeit von 3,3 s wird die Ms-Temperatur mit 410 °C be-
stimmt.
61
200 400 600 800 1000 1200
0,05
0,10
0,15
0,20
200 300 400 500 600
-0,04
-0,02
0,00
0,02
A
c3
Dilatation in mm
Temperatur in °C
Aufheizen Abkühlen
Dilatation in mm
lineare Regression
Temperatur in °C
a)
b) c)
Aufheizen
Abkühlen
Ac1 Ac3 Ms
200 400 600 800 1000 1200
-0,05
0,00
0,05
0,10
0,15
0,20
Dilatation in mm
Temperatur in °C
Bild 4.24: a) Ausschnitt aus der Dilatationsmessung, b) Darstellung der Dilatation im Aufheizvor-
gang (Detailausschnitt), c) Darstellung der Dilatation während der Abkühlung (Detailausschnitt)
Der mittels Synchrotronstrahlung quantifizierte Austenitgehalt vor und nach dem simulierten
Schweißzyklus ist in Bild 4.25 gegenübergestellt. So liegt nach der Erwärmung auf 500 °C
mit ca. 10 % ein deutlich größerer Austenitgehalt vor als bei einer Erwärmung auf 1100 °C
(6,5 %). Anzumerken bleibt, dass die in den Gleeble-Versuchen vorliegenden Abkühlbedin-
gungen nicht die für das Widerstandspunktschweißen typischen Abkühlraten von deutlich
über 1000 °C/s [119] erreichen.
Bild 4.25: Einfluss der Temperaturzyklen auf den Austenitgehalt der Gleeble-Proben
62
4.2.2.2 Ofenversuche
In Hinblick auf eine Simulation der Gefügestruktur der WEZ werden in dieser Arbeit zu-
nächst vier unterschiedliche Temperaturzyklen mit einer Maximaltemperatur von 500 °C,
700 °C, 900 °C und 1200 °C untersucht, Bild 4.26. Es zeigt sich, dass die hohen Aufheizraten
eines realen Schweißprozesses nicht realisiert werden konnten, jedoch die für die
Gefügeausbildung maßgebliche Abkühlrate mit ca. 1500 °C/s dem realen Punktschweißpro-
zess vergleichbar ist [119].
Zeit in s
Temperatur in °C
1200 °C
900 °C
700 °C
500 °C
25 50 75 100 125 150 175
0
200
400
600
800
1000
1200
Bild 4.26: Temperatur-Zeitverlauf bei der Herstellung der Ofenproben
Bild 4.27 zeigt das Abkühlverhalten bei der Maximaltemperatur von 900 °C und einer t8/5-Zeit
von 0,1 s. Die Ms-Starttemperatur tritt demnach bei ca. 400 °C (Haltepunkt) auf.
Bild 4.27: Temperatur-Zeitverlauf im Abkühlprozess nach Erwärmung auf 900 °C mit Darstellung
des Haltepunktes (Ms-Start)
63
Für eine qualitative Bewertung des Einflusses der verwendeten Temperaturzyklen auf den
Austenitgehalt wurden zunächst konventionelle röntgenographische Untersuchungen an den
entsprechend präparierten Zugproben durchgeführt. Bild 4.28 zeigt die Entwicklung der 200γ-
Ebene in Abhängigkeit von Θ (Theta) für die wärmebehandelten Proben. Es kann festgestellt
werden, dass eine Erwärmung auf eine Spitzentemperatur von 500 °C mit nachfolgender
Abschreckung (Bild 4.28b) zu einer mäßigen Verringerung der Intensität der 200γ-Ebene im
Vergleich zum unbehandelten Grundwerkstoff (Bild 4.28a) führt. Bei einer Spitzentemperatur
von 700 °C, 900 °C und 1200 °C und nachfolgender Abschreckung (Bild 4.28c-d) verringert
sich hingegen die Intensität der 200γ-Ebene drastisch, so dass hier ein deutlich reduzierter
Austenitgehalt im Vergleich zur unbehandelten Probe zu erwarten ist. Da der Austenitgehalt
aus den Integralintensitäten der γ-Phase und der α-Phase errechnet wird, ist zu beachten, dass
die eingegebenen Änderungen der 200γ-Ebene lediglich Hinweise auf die Änderung des
Austenitgehaltes liefern können.
124 126 128 130 132
0
200
400
600
800
1000
124 126 128 130 132
0
200
400
600
800
1000
124 126 128 130 132
0
200
400
600
800
1000
124 126 128 130 132
0
200
400
600
800
1000
124 126 128 130 132
0
200
400
600
800
1000
Intensität in cts
2 Theta in °
Unbehandelt
Intensität in cts
2 Theta in °
500 °C und abgeschreckt
Intensität in cts
2 Theta in °
700 °C und abgeschreckt
Intensität in cts
2 Theta in °
900 °C und abgeschreckt
Intensität in cts
2 Theta in °
1200 °C und abgeschreckt
a) b) c)
d) e)
Bild 4.28: Entwicklung des 200γ-Peaks nach Erwärmung auf unterschiedliche Spitzentemperaturen
und nachfolgender Abschreckung, Messung mittels Röntgenstrahlung (winkeldispersive Messung)
Die metallographische Gefügeanalyse bestätigt diese Ergebnisse der röntgenographischen
Untersuchungen. Bild 4.29 zeigt exemplarisch Schliffbilder von Proben, die nach der o. g.
Prozedur thermisch behandelt wurden. Es kann zunächst festgestellt werden, dass der Austenit
(weiß gekennzeichnet, Ätzung nach Klemm [174]) bei Spitzentemperaturen ab 500 °C signi-
fikant abnimmt. Eine quantitative Auswertung gelingt dabei durch die Bestimmung des
Flächenanteils des Austenits bezogen auf die Gesamtfläche. So kann bereits bei einer Spitzen-
temperatur von 500 °C ein signifikanter Abfall des Austenitgehaltes von 16,5 % (unbehan-
delt) auf 9,5 % nachgewiesen werden. Eine weitere Erhöhung der Temperatur führt zu einer
Verringerung des Austenitgehaltes auf 4,5 % (700 °C) und 3,5 % (900 °C). Bei einer Erwär-
mung auf 1200 °C und nachfolgender Abschreckung in Eiswasser treten martensitischen
64
Gefügebestandteile auf. Da diese bei der Ätzung nach Klemm nicht von den Austenitantilen
zu separieren sind [174] kann keine zuverlässige Bestimmung des Austenitgehalte für diese
Spitzentemperatur vorgenommen werden. Festgestellt werden kann, dass die Erwärmung auf
1200 °C zu einer Kornvergröberung (Bild 4.29e) führt. Darüber hinaus können nadelartige
martensitische Körner (weis) identifiziert werden.
Bild 4.29: Exemplarische Darstellung der Gefügeausbildung mit Visualisierung des Austenits (weiß)
für den a) unbehandelten Grundwerkstoff und nach Erwärmung auf Spitzentemperaturen von b)
500 °C, c) 700 °C, d) 900 °C und e) auf 1200 °C mit nachfolgender Abschreckung in Eiswasser
Die durch metallographische Gefügeanalyse bestimmten Austenitgehalte beziehen sich auf
einen vergleichsweise kleinen Messbereich. Um eine globalere Bewertung bezüglich der
65
Abhängigkeit des Austenitgehaltes von der jeweiligen Spitzentemperatur zu ermöglichen
wurden zusätzlich Messungen mittels Synchrotronstrahlung durchgeführt, siehe Bild 4.30.
Auch hier zeigt sich, dass durch die verschiedenen Temperaturzyklen eine Verringerung des
Austenitgehaltes in Abhängigkeit von der Spitzentemperatur erfolgt. Nach einem Erwärmen
auf 500 °C und anschließender Abschreckung liegen im Gefüge noch etwa 11 % Austenit vor.
Bei Erhöhung der Maximaltemperatur verringert sich der Austenitgehalt weiter auf 3,3 %
(700 °C), 4,5 % (900 °C) bzw. 2,6 % (1200 °C).
Bild 4.30: Berechnete Austenitgehalte nach Erwärmung auf die angegebene Spitzentemperatur und
nachfolgender Abschreckung in Eiswasser, Messung mittels Synchrotronstrahlung im
Reflektionsmodus
4.3 Mechanische Kennwerte und Austenitgehalt nach
simuliertem Widerstandspunktschweißprozess
4.3.1 Gleeble Proben
Um den Einfluss des Temperaturzyklus auf die mechanisch-technologischen Kennwerte und
hier insbesondere auf die Dehnungsfähigkeit detailliert erfassen zu können, wurden optische
Dehnungsfeldmessungen im Zugversuch durchgeführt.
In Bild 4.31 sind exemplarisch die Dehnungsfelder bei Erreichen der Gleichmaßdehnung für
die Gleeble-Proben und den unbehandelten Grundwerkstoff gegenübergestellt. Dabei zeigt
sich, dass eine Spitzentemperatur von 500 °C bei dem o. g. Aufheiz- und Abkühlverhalten zu
einer Verringerung der Dehnungsfähigkeit führt. Zu beachten ist, dass die maximale Dehnung
im Bereich des simulierten Schweißgefüges (Mitte der Probe) auftritt. Hingegen liegt bei der
Probe mit einer Spitzentemperatur von 1100 °C aufgrund der höheren Festigkeit des simulier-
ten Schweißgefüges die maximale Dehnung im thermisch gering beeinflussten Grundwerk-
stoff.
66
Bild 4.31: Dehnungsfelder für a) den unbehandelten Grundwerkstoff (Zugprobe) und die Gleeble-
Proben mit einer Spitzentemperatur von b) 500 °C und c)1100 °C
Die aus den optischen Dehnungsfeldmessungen für den Bereich des simulierten Schweißpro-
zesses (Mitte der Probe) ermittelten wahren Spannungs-Dehnungskurven sind in Bild 4.32
dargestellt. Anzumerken ist, dass die wahren Spannungs-Dehnungskurven bis zum Erreichen
der globalen, d.h. auf die gesamte Probe bezogenen Gleichmaßdehnung, dargestellt sind. Es
zeigt sich, dass eine Erwärmung auf 500 °C zu einer signifikanten Verringerung der ertragba-
ren Spannung und zu einer abnehmenden Verformbarkeit führt. Der Bruch erfolgt dabei im
wärmebehandelten Bereich. Bei einer Erwärmung auf 1100 °C erfolgt der Bruch außerhalb
des thermisch behandelten Bereiches (siehe auch Bild 4.31), so dass die hier ermittelte wahre
Spannungs-Dehnungskurven nicht bis zur Gleichmaßdehnung des simulierten Schweißgutes
aufgetragen werden kann. Somit wird lediglich gezeigt, dass bei einer Spitzentemperatur von
1100 °C die Streckgrenze unter den o. g. Aufheiz- und Abkühlraten auf über 750 MPa an-
steigt.
Bild 4.32: Wahre Spannungs-Dehnungskurven der Gleeble-Proben, die wahre Dehnung entspricht
der maximalen lokalen Dehnung der Probe
67
Die Analyse des Austenitgehaltes vor und nach dem Zugversuch (Versagen der Proben) kann
Hinweise auf eine mögliche γ→αM-Phasenumwandlung und damit auf die Stabilität des
vorliegenden Austenits geben. In Bild 4.33 sind die ermittelten Austenitgehalte für die unter-
suchten Spitzentemperaturen aufgezeigt. Es kann festgestellt werden, dass der Temperatur-
zyklus vor dem Zugversuch einen signifikanten Einfluss auf die γ-Phasenumwandlung im
Zugversuch hat. So erfolgt bei der Probe die auf eine Spitzentemperatur von 500 °C erwärmt
wird im Zugversuch eine Reduzierung des Austenitgehaltes um ca. 60 %. Hingegen kann für
die Probe die auf eine Temperatur von 1100 °C erwärmt wurde keine wesentliche Verringe-
rung des Austenitgehaltes festgestellt werden. Zu beachten ist, dass die Bestimmung des
Austenitgehaltes in der Mitte der Probe bzw. direkt an der Bruchstelle erfolgt.
Bild 4.33: Verringerung des Austenitgehaltes der thermisch behandelten Gleeble-Proben durch eine
quasi-statische, einachsige Zugbelastung
4.3.2 Ofenproben
Der Einfluss unterschiedlicher Spitzentemperaturen und den für das Punktschweißen typi-
schen hohen Abkühlraten auf die lokale Verformbarkeit zeigt Bild 4.34. Dabei ist eine mit
steigender Spitzentemperatur auftretende sukzessive Verringerung der Gleichmaßdehnung zu
beobachten.
68
Bild 4.34: Dehnungsfelder der thermisch behandelten Zugproben (Ofenproben) bei Erreichen der
Gleichmaßdehnung, die Dehnung ist in Zugrichtung (x-Richtung)
Die ermittelten wahren Spannungs-Dehnungskurven für die thermisch behandelten Zugpro-
ben sind in Bild 4.35 gezeigt. Wie bereist dargestellt, verringert sich die Verformbarkeit mit
zunehmender Spitzentemperatur signifikant von 0,34 (unbehandelt) auf 0,09 (1200 °C). Auch
die Festigkeit (definiert als wahre Spannung bei Erreichen der Gleichmaßdehnung) nimmt
zunächst mit steigender Temperatur signifikant ab (990 MPa/unbehandelt zu 790 MPa/
700 °C). Ab einer Spitzentemperatur von 900 °C ist jedoch ein abweichendes Verhalten
festzustellen. So erfolgt, unabhängig von der Temperatur, ein deutlicher Anstieg der Streck-
grenze auf etwa 850 MPa (900 °C) bis ca. 1000 MPa (1200 °C) und der Festigkeit auf ca.
1450 MPa.
69
Bild 4.35: Wahre Spannungs-Dehnungskurve für den unbehandelten Grundwerkstoff und die ther-
misch behandelten Zugproben, die wahre Dehnung entspricht der maximalen lokalen Dehnung
Um eine Übertragbarkeit der hier dargestellten Ergebnisse auf die mechanischen Kennwerte
der WEZ und der Schweißlinse einer realen Widerstandspunktschweißverbindung zu ermög-
lichen, wurden die Härtewerte der thermisch behandelten Proben ermittelt. Die Mittelwerte
und die Standardabweichung sind in Tabelle 4.1 wiedergegeben.
Tabelle 4.1: Härte des Grundwerkstoffes und der thermisch behandelten Ofenproben
Grundwerkstoff 500 °C 700 °C 900 °C 1200 °C
210 4 HV0,5 240 3 HV0,5 265
6 HV0,5 420
8 HV 0,5 465 7 HV0,5
Eine Gegenüberstellung des Austenitgehaltes vor und nach dem Zugversuch ist in Bild 4.36
wiedergegeben.
25 50 75 100 125
0
5
10
15
20
Austenitgehalt in %
Spitzentemperatur in °C
vor Zugversuch
nach Zugversuch
25 500 700 900 1200
Messbereich
Bild 4.36: Verringerung des Austenitgehaltes der thermisch behandelten Zugproben durch eine
quasi-statische, einachsige Zugbelastung
70
4.4 Austenitgehalt und lokale mechanische Kennwerte nach
realem Widerstandspunktschweißprozess
4.4.1 Einfluss des Temperaturzyklus beim Widerstandspunktschweißen
auf den Austenitgehalt
Das mittels der Simulationssoftware Sorpas bestimmte Temperaturfeld beim Widerstands-
punktschweißen des TRIP Stahls HCT690T sowie die hieraus extrahierten Temperaturverläu-
fe für die WEZ (Temperaturbereich der in Kap. 4.3 experimentell untersucht wurde) sind in
Bild 4.37 dargestellt. Die t8/5-Zeiten liegen dabei zwischen 140 ms (Punk 1) und 180 ms
(Punkt 2). Die Aufheizgeschwindigkeit beträgt, abhängig von dem Bereich in der WEZ,
zwischen 5000 °C/s und etwa 1500 °C/s. Die Ergebnisse sind mit den Arbeiten von Kießling
et al. [165] vergleichbar.
Bild 4.37: Temperaturfeld sowie Temperaturzyklen für die markierten Knotenpunkte bei einem
Punktdurchmesser von 5 mm (Simulation mit Sorpas); Werkstoff: TRIP Stahl HCT690T+Z mit einer
Blechdicke von 1 mm; verwendete Schweißparameter: Elektrodenkraft = 3,5 kN, Schweißzeit = 260
ms, Vor-/Nachhaltezeit = 60 ms/100 ms.
Um den Einfluss der o.g. Temperaturzyklen im realen Widerstandspunktschweißprozess auf
die Korngröße des TRIP Stahls HCT690T zu bewerten, wurde eine ortsaufgelöste Analyse der
Gefügestruktur mittels EBSD durchgeführt. Die Untersuchung erfolgte für einen Bereich der
WEZ mit einer Ausdehnung von 700 µm x 70 µm, siehe Bild 4.38a und b. Bei einer Breite
der WEZ von ca. 1,2 mm konnte somit ein signifikanter Bereich herangezogen werden. In
Bild 4.38c ist die Kornorientierung und die Korngröße in diesem Bereich der WEZ darge-
stellt. Dabei zeigt sich, dass eine quasiisotrope Orientierung der Körner vorliegt. Weiterhin ist
zu beobachten, dass im Übergangsbereich zwischen Schweißlinse und WEZ ein grobkörniges
Gefüge auftritt, das mit zunehmendem Abstand zur Schweißlinse zunächst feinkörnig wird
und dann in die für den Grundwerkstoff typische Struktur übergeht.
71
Bild 4.38: Ortsaufgelöste Gefügeanalyse mittels EBSD, a) und b) Messbereich, c) Korngröße und
Kornorientierung
Zur Analyse des Austenitgehaltes sowohl in der Schweißlinse als auch der WEZ wird die
hochenergetische Synchrotronstrahlung angewendet. Eine qualitative Bewertung des
Austenitgehaltes kann durch die Analyse des Beugungsspektrums in Abhängigkeit von dem
Abstand zur Schweißlinsenmitte erfolgen, Bild 4.40. Zu beachten ist, dass der Linsendurch-
messer ca. 4,7 mm betrug. Sowohl in der Schweißlinsenmitte wie auch am Übergang zur
WEZ (2 mm) sind nur geringe Beugungsintensitäten für die 111γ-, 200γ-, 200γ- und 311γ-
Netzebenen festzustellen. Ab einem Abstand von 3 mm zur Schweißlinsenmitte treten hinge-
gen vergleichsweise hohe γ-Beugungsintensitäten auf, wobei die Intensitätsmaxima auch mit
größerem Abstand zur Schweißlinse nahezu konstant bleiben.
Bild 4.39: Ausschnitt des Beugungsspektrums für verschiedene Bereiche der Schweißverbindung
(zunehmender Abstand zur Schweißlinsenmitte); rechts: geprüfte Punktschweißung
72
Die quantitative Analyse des Austenitgehaltes ist in Bild 4.40 gezeigt. So liegen in der
Schweißlinse vergleichsweise geringe Austenitgehalte von < 4 % vor. Im Abstand von 3 mm
zur Schweißlinse, d.h. am Übergang WEZ/Grundwerkstoff, konnte mit 16,6 % ein
Austenitgehalt ermittelt werden der dem des Grundwerkstoffes (16,8 % bei einem Abstand
von 15 mm zur Schweißlinsenmitte gemessen) entspricht.
Bild 4.40: Entwicklung des Austenitgehaltes in der Punktschweißverbindung dargestellt für ver-
schiedene Bereiche der Fügestelle, bestimmt mittels Synchrotronstrahlung (Messmodus: Reflektion)
4.4.2 Einfluss des Temperaturzyklus beim Widerstandspunktschweißen
auf die lokalen mechanischen Eigenschaften
Die lokalen mechanischen Kennwerte von Widerstandspunktschweißverbindungen werden
generell über die Härtewerte charakterisiert. Bild 4.41 zeigt den typischen Härteverlauf einer
Widerstandspunkschweißverbindung aus dem TRIP Stahl HCT690T.
73
Bild 4.41: Exemplarische Darstellung des Härteverlaufes im Bereich der Punktschweißverbindung,
die Vickers-Härteprüfung erfolgt nach [175], Schweißparameter siehe Tabelle 3.3, Punktdurchmes-
ser: 5 mm
Aufgrund der eingeschränkten Nachbildung der verschiedenen Spitzentemperaturen in der
WEZ einer Punktschweißverbindung wurden, zusätzlich zu den Zugversuchen an Ofenproben
die mechanischen Kennwerte direkt an der Fügestelle einer Widerstandspunktschweißverbin-
dung bestimmt. Die mittels der instrumentierten Eindringprüfung bestimmten lokalen Fließ-
grenzen und wahren Spannungs-Dehnungskurven sind in Bild 4.42 dargestellt. Dabei kann
festgestellt werden, dass die Fließgrenze in der Wärmeinflusszone zunächst in einem ver-
gleichsweise geringen Umfang ansteigt. Bei Annäherung an die Schweißlinsengrenze erfolgt
unmittelbar ein Anstieg der Fließgrenze auf das Niveau der Schweißlinse. Die Fließgrenze der
Schweißlinse liegt dabei mit ca. 800 MPa nahezu doppelt so hoch wie die des Grundwerkstof-
fes. Die wahren Spannungs-Dehnungskurven der einzelnen Bereiche der Punktschweißver-
bindung zeigen ein der Fließgrenze vergleichbares Verhalten. Dabei ist jedoch anzumerken,
dass kein abrupter Anstieg der ertragbaren Spannung auf das Niveau der Schweißlinse erfolgt.
74
WEZ SchweißlinseGrundwerkstoff
1
2
3
1,0 mm
4
5
8
7
6
15
910 11 12
b) c)
a)
1 - Grundwerkstoff (GW)
2 - Übergang GW/WEZ
3 - Übergang GW/WEZ
4 - WEZ
5 - WEZ
6 - WEZ
7 - WEZ
8-WEZ
15 - Schweißlinse
Zugversuch (GW)
0246
0
100
200
300
400
500
600
700
800
900
1000
0,00 0,05 0,10 0,15 0,20
0
500
1000
1500
2000
2500
15 12 11
1
9
8
6
7
4
5
2
3
FließgrenzeinMPa
Abstand von der Linsenmitte in mm
Schweißlinse WEZ Grundwerkstoff
10
Wahre Spannung in MPa
Wahre plastische Dehnung
Bild 4.42: Ergebnisse der instrumentierten Eindringprüfung, a) Querschliff nach der Eindringprü-
fung mit Messpunkten und schematischer Lage der WEZ/Schweißlinse, b) Fließgrenze für verschiede-
ne Bereiche der Fügestelle mit Angabe des Eindringversuches, c) Wahre Spannungs-Dehnungskurve
ermittelt mit der instrumentierten Eindringprüfung und dem Zugversuch
4.5 Verformungs- und Bruchverhalten von widerstandspunkt-
geschweißtem TRIP Stahl
Die ermittelten lokalen mechanischen Eigenschaften der WEZ und der Schweißlinse werden
als Eingangsdaten für die FE-Simulation verwendet. Die Validierung der numerischen Simu-
lation erfolgt sowohl mittels der aus konventionellen Scherzugversuchen ermittelten Kraft-
Verlängerungskurven als auch durch die aus Dehnungsfeldmessungen bestimmten Kraft-
(lokale) Dehnungsverläufe der Scherzugproben. Für die Dehnungsverläufe werden dabei die
maximal auftretenden Oberflächendehnungen an der Fügestelle sowohl an der Vorder- als
auch an der Rückseite genutzt. Mit den Kraft-Verlängerungskurven steht ein globales Ver-
gleichskriterium zur Verfügung, während die Kraft-Dehnungskurven das lokale Verhalten
charakterisieren.
Bild 4.43 zeigt exemplarisch die Kraft-Verlängerungskurve (a) und die maximale Oberflä-
chendehnung an der Vorder- und Rückseite in Abhängigkeit von der Kraft (b).
75
0,0 0,5 1,0 1,5 2,0
0
2
4
6
8
10
12
0,00 0,02 0,04 0,06 0,08 0,10
0
2
4
6
8
10
12
Kraft in kN
Verlängerung in mm
Kraft in kN
Dehnung
e
x
Vorderseite
Rückseite
a) b)
Vorderseite Rückseite
Messpunkt
Schweißlinse
10 mm
Schweißlinse
Messpunkt
Bild 4.43: Ergebnisse des Scherzugversuches für eine einschnittige Punktschweißverbindung mit
einem Punktdurchmesser von 5 mm a) Kraft-Verlängerungskurve b) Kraft-Dehnungskurve, die Deh-
nungen entsprechen den maximalen lokalen Dehnungen
Zur Verdeutlichung des Dehnungsverhaltens von widerstandspunktgeschweißten Scherzug-
proben ist in Bild 4.44 zusätzlich des Dehnungsfeld bei Erreichen der Scherzugkraft darge-
stellt. Deutlich wird, dass die maximale Dehnung außerhalb der Schweißlinse bzw. des Elekt-
rodeneindrucks auftritt und die Schweißlinse nur geringfügig verformt wird. Darüber hinaus
kann eine vergleichsweise geringe Dehnung des Grundwerkstoffes (< 2 %) nachgewiesen
werden.
Das Dehnungsfeld dient darüber hinaus, neben den Kraft-Dehnungskurven, als ein zusätzli-
ches qualitatives Vergleichskriterium für die Ergebnisse der numerischen Simulation.
Vorderseite Rückseite
Messpunkt
x
y
Kraft= 11,7 kN
Schweißlinse
Dehnung e
x
0,090
0,075
0,060
0,045
0,030
0,015
0,0
-0,025
-0,01
Bild 4.44: Dehnungsfeld bei Erreichen der Scherzugkraft an der Vorder- und Rückseite der Scher-
zugprobe (Punktdurchmesser 5mm) sowie Lage der Messpunkte für Bestimmung der Kraft-
Dehnungskurve in Bild 4.43
76
Da die Ergebnisse der optischen Dehnungsfeldmessung im Bereich geringer Dehnungen
x 0,01 vergleichsweise starke Streuungen aufweisen, wurden zusätzlich mittels DMS
Dehnungsmessungen im Bereich der maximalen lokalen Dehnungen der Scherzugprobe
durchgeführt, siehe Bild 4.45. Es zeigt sich, dass bei geringen Belastungen zunächst eine
vergleichsweise geringe negative Dehnung vorliegt. Mit zunehmender Belastung erfolgt dann
jedoch ein Wechsel des Verformungsverhaltens, so dass bei Belastungen über 3,7 KN eine
positive Dehnung auftritt.
10 mm
Schweißlinse
DMS
0,000 0,002 0,004 0,006 0,008 0,010
0
2
4
6
8
10
Kraft in kN
Dehnung e
x
x
y
Bild 4.45: Mittels DMS bestimmte Kraft-Dehnungskurve; schematische Lage des DMS
Das Bruchverhalten dient neben der Kraft-Verlängerungskurve und dem Kraft-
Dehnungsverhalten als eine weitere Referenz für die Interpretation der FE-
Simulationsergebnisse. Bild 4.46 gibt exemplarisch das Bruchverhalten für eine Scherzugpro-
be mit einen Linsendurchmesser von 5,2 mm wieder. Die Risseinleitung erfolgt dabei in der
WEZ, etwa 0,2 mm von dem Kerbgrund entfernt. Weiterhin konnte festgestellt werden, dass
vor dem Versagen der Scherzugprobe eine merkliche Einschnürung im Übergang Grundwerk-
stoff/WEZ auftritt.
77
Bild 4.46: Querschliff einer im Scherzugversuch versagten Widerstandspunktschweißverbindung mit
einem Punktdurchmesser von 5 mm, Probengeometrie nach Bild 3.7, Zuggeschwindigkeit =
0,01 mm·s-1
4.6 FE-Simulation
Im Folgenden werden die Ergebnisse der FE-Simulation unter Verwendung der in Kap. 3.3
beschriebenen Modelle dargestellt. Anschließend erfolgt für die relevanten Modelle 2 und 3
eine Charakterisierung des Spannungs- und Dehnungsverhaltens in den hinsichtlich des
Probenversagens bedeutenden Bereichen der Fügestelle.
Es sei darauf hingewiesen, dass die Materialkenndaten der in Kap. 3.3 dargestellten WEZ-2
variiert werden, um den Nutzen der experimentell bestimmten Materialkenndaten der WEZ
und folglich auch die Notwendigkeit ihrer Ermittlung zu beurteilen. Die Festlegung der Varia-
tion lediglich einer WEZ-Zone erfolgt auf Basis des Härteverlaufes und der Ergebnisse der
Eindringprüfung. So konnten lediglich für einen örtlich stark eingeschränkten Bereich ein von
der Schweißlinse bzw. dem Grundwerkstoff abweichendes Werkstofffestigkeitsverhalten
nachgewiesen werden.
4.6.1 Ergebnisse der unterschiedlichen Simulationsmodelle
Als Basis für die Interpretation der FE-Simulationsergebnisse dient neben dem Kraft-
Verlängerungsverhalten (globales Kriterium) insbesondere die mittels optischer Dehnungs-
feldanalyse bestimmte maximale Oberflächendehnung (lokales Kriterium). In Bild 4.47 ist
das Dehnungsverhalten im Bereich der Punktschweißverbindung für die untersuchten Simula-
tionsmodelle bei einer Verlängerung von 1,8 mm exemplarisch gegenübergestellt. Für die
Bewertung des lokalen Dehnungsverhaltens wird die Dehnungskomponente in Zugrichtung
78
(x-Richtung) verwendet. Diese setzt sich aus dem elastischen und plastischen Anteil zusam-
men. Für die drei Modelle tritt die maximale Oberflächendehnung deutlich außerhalb der
Schweißlinse im Bereich des Grundwerkstoffes auf.
Bild 4.47: Dehnungskennwerte (Dehnung in x-Richtung) der FE-Modelle 1, 2 und 3 bei Erreichen
der maximalen Verlängerung von 1,8 mm, variiert werden die Materialkenndaten der WEZ-2 (siehe
Kap. 3.3), Materialkenndaten des a) Grundwerkstoffes, b) der WEZ (instrumentierte Eindringprüfung)
und c) der Schweißlinse, siehe auch Bild 5.27
Durch die Analyse der maximalen Oberflächendehnung (Bild 4.47) unter Berücksichtigung
der äußeren Kraft können Kraft-Dehnungsverläufe für das jeweilige Modell ermittelt werden
Bild 4.48a. In Abhängigkeit von dem verwendeten Simulationsmodell liegt bei Belastungen
bis 4 kN (Modell 3), bis 5,5 kN (Modell2) bzw. bis 6,3 kN (Modell 1) zunächst eine geringe
negative Dehnung vor. Für das Modell 1 konnte dabei eine größere negative Dehnung ermit-
telt werden als für das Modell 2 und das Modell 3. Mit ansteigender Belastung erfolgt ein
Wechsel des Verformungsverhaltens, so dass oberhalb einer spezifischen, vom Simulations-
model abhängigen Kraft, eine positive Dehnung vorliegt. Oberhalb dieser Kraft ist die zu-
nehmende Festigkeit der WEZ-2 (Modell 3 > Modell 2 > Modell 1) mit einer größeren Stei-
79
gung der Kraft-Dehnungskurve und mit einer geringeren maximalen Oberflächendehnung
(0,19 0,18 0,16) verbunden.
Die ermittelten Kraft-Verlängerungskurven für die jeweiligen Simulationsmodelle sind in
Bild 4.48b wiedergegeben. Für die untersuchten Modelle konnten dabei vergleichbare Verläu-
fe mit geringen Abweichungen nachgewiesen werden.
0,00 0,05 0,10 0,15 0,20
0
2
4
6
8
10
12
0,0 0,5 1,0 1,5 2,0
0
2
4
6
8
10
12
Kraft in kN
Dehnung
ex
Modell 1 (mit Grundwerkstoff)
Modell 2 (mit WEZ)
Modell 3 (mit Schweißlinse)
Kraft in kN
Verlängerung in mm
Modell 1 (mit Grundwerkstoff)
Modell 2 (mit WEZ)
Modell 3 (mit Schweißlinse)
a) b)
0,000 0,005 0,010
0
2
4
6
8
10
Modell 1 (mit Grundwerkstoff)
Modell 2 (mit WEZ)
Modell 3 (mit Schweißlinse)
Kraft in kN
Dehnung e
x
Bild 4.48: Ergebnisse der FE-Simulation für die drei untersuchten Modelle a) Kraft-
Dehnungskurven (Dehnung bei einer Verlängerung von 1,7 mm), mit Detailausschnitt bei geringen
Dehnungen b) Kraft-Verlängerungskurven
Um einen gesicherten Vergleich der FE-Simulationsergebnisse mit dem realen Verhalten im
Scherzugversuch zu gewährleisten, wird zusätzlich zu den dargestellten lokalen und globalen
Vergleichskriterien, das Versagen der Simulationsprobe analysiert. Dazu werden die lokalen
Dehnungs- und Spannungsverhältnisse in verschiedenen Bereichen der Fügestelle ermittelt.
Bild 4.49 zeigt exemplarisch für Modell 2 die auftretenden von Mises Dehnungen und von
Mises Spannungen im Bereich der Fügestelle bei einer Kraft von 10,3 kN. Die von Mises
Spannungen bzw. Dehnungen werden herangezogen da im Bereich der Fügestelle ein mehr-
achsiger Spannungs-/Dehnungszustand vorliegt [139] [140]. Zusätzlich sind die drei kriti-
schen Bereiche gekennzeichnet. Diese umfassen den kerbnahen Bereich (Materialkenndaten
der Schweißlinse (1)), den Randbereich der WEZ (WEZ-2 - variable Materialkenndaten (2))
und den Grundwerkstoffbereich (3). Es wird deutlich, dass die höchsten Dehnungen und
Spannungen in der Blechinnenseite auftreten, wobei die maximalen Dehnungen im Grund-
werkstoffbereich (3) und die maximalen Spannungen im kerbnahen Bereich (1) vorliegen.
Weiterhin kann eine merkliche Einschnürung im Grundwerkstoffbereich nachgewiesen wer-
den. Ein nahezu identisches Werkstoffverhalten wurde für Modell 3 nachgewiesen. Da das
Modell 2 (Kenndaten der WEZ) und das Modell 3 (Kenndaten der Schweißlinse) das reale
Verhalten tendenziell besser abbilden als das Modell 1 (Kenndaten des Grundwerkstoffes)
erfolgt die Analyse und Diskussion des Versagensverhaltens ausschließlich für diese Modelle.
80
Bild 4.49: Exemplarische Darstellung der von Mises Dehnung a) und der von Mises Spannung mit
den für das Versagen kritischen Bereichen 1, 2 und 3 am Beispiel des Modells 2
Um ein mögliches Versagen der FE-Scherzugprobe prognostizieren zu können ohne dabei ein
direktes Versagenskriterium in der FE-Simulation zu implementieren, wurden die Vergleichs-
spannungs- und -dehnungswerte in den o.g. kritischen Bereichen für den gesamten Belas-
tungsvorgang ermittelt, Bild 4.50. Dadurch kann neben der maximal ertragbaren äußeren
Belastung zusätzlich der zu erwartende Versagensort näherungsweise vorhergesagt werden.
81
Bild 4.50: Von Mises Dehnung für das Modell 2 a) und das Modell 3 b), von Mises Spannung für
das Modell 2 c) und das Modell 3 d) für die kritischen Bereiche in Bild 4.49; Modell 2: WEZ-2 mit
Materialkenndaten der WEZ (instrumentierte Eindringprüfung) Modell 3: WEZ-2 mit Materialkennda-
ten der Schweißlinse
Bild 4.50a und Bild 4.50b zeigen das Dehnungsverhalten für die jeweiligen Bereiche und
Simulationsmodelle durch die Darstellung der von Mises Dehnung bezüglich der Kraft.
Abhängig von den Bereichen und den Simulationsmodellen erfolgt oberhalb einer spezifi-
schen Kraft eine exponentielle Zunahme der Dehnung. Die maximalen Dehnungen treten
dabei im Grundwerkstoff auf. Die Spannungsverhältnisse im Fügebereich zeigen Bild 4.50b
und Bild 4.50c. Abhängig von den untersuchten Bereichen ist zunächst eine lineare Zunahme
der Spannung bis zum Erreichen der jeweiligen bereichsabhängigen Streckgrenzen zu be-
obachten. Oberhalb dieser spezifischen Spannung verringert sich die Steigung der Spannungs-
Kraftkurve, zeigt aber weiterhin näherungsweise einen linearen Verlauf. Die höchsten Span-
nungen liegen im kerbnahen Bereich vor, während im Grundwerkstoff die niedrigsten Span-
nungen wirken.
82
5 Diskussion
Wesentliches Ziel der vorliegenden Arbeit ist die systematische Analyse der Entwicklung des
Austenitgehaltes und speziell die quantitative Bestimmung des umwandlungsfähigen
Austenitanteils im Grundwerkstoff und insbesondere im wärmebehandelten Bereich von
Widerstandspunktschweißverbindungen aus TRIP Stahl. In den anschließenden Kapiteln
erfolgt nun eine gezielte Diskussion und Interpretation der Ergebnisse hinsichtlich der o.g.
Zielstellung sowie den aus den Änderungen des Austenitgehaltes resultierenden mechanisch-
technologischen Kennwerten im Fügebereich. Darüber hinaus wird die Übertragbarkeit der
Ergebnisse der simulierten Proben auf das real vorliegende Material der Schweißverbindung
bewertet.
5.1 Mechanisch-technologische Kennwerte und γ → αM
Phasenumwandlung des Grundwerkstoffs
Die im einachsigen Zugversuch unter Verwendung der optischen Dehnungsfeldmessung
ermittelten technischen und wahren Spannungs-Dehnungskurven zeigen ein für TRIP Stähle
typischen Verlauf. Sowohl die Zugfestigkeit als auch die Bruchdehnung entsprechen den
Angaben nach DIN EN 10336 [173]. Hingegen liegt die Streckgrenze geringfügig unterhalb
der Mindestangaben. Bemerkenswert ist, dass die wahre Bruchdehnung bei vergleichbarer
Festigkeit deutlich über den Literaturangaben liegt [26], [30], [31]. Die hohen Bruch- und
Gleichmaßdehnungen weisen die hohe Kaltverfestigungsfähigkeit des untersuchten TRIP
Stahls nach.
Der die Umformbarkeit kennzeichnende Kaltverfestigungsexponent n erreicht mit 0,3 ein für
niedriglegierte TRIP Stähle typischen Wert [23], [24]. Bemerkenswert ist jedoch, dass im
Gegensatz zu Arbeiten von [6], [26], [30] der n-Wert bei zunehmender Dehnung nahezu
konstant bleibt und auch bei hohen Dehnungen oberhalb der Gleichmaßdehnung nicht signifi-
kant abfällt. Darüber hinaus können durch den dehnungsunabhängigen n-Wert bereits qualita-
tive Aussagen zur Austenitumwandlung und -stabilität getroffen werden. So charakterisiert
ein konstanter n-Wert eine über die Dehnung kontinuierliche γ → αM Phasenumwandlung.
Das weist auf die Existenz von Austenitkörnern unterschiedlicher Stabilität [29] hin, d.h. auf
Austenitkörner die bei niedriger Dehnung in Martensit umwandeln als auch auf solche die bei
höheren Dehnungen umwandeln. Dieser Sachverhalt wird im Folgenden weiterführend disku-
tiert.
Um die martensitische Phasenumwandlung im Zugversuch auch bei hohen lokalen Dehnun-
gen präzise analysieren zu können, soll eine Übertragbarkeit der aus den ex-situ Zugversu-
chen mittels optischer Dehnungsfeldmessung ermittelten wahren Spannungs-Dehnungskurven
auf die in-situ Zugversuche (keine Dehnungsmessung möglich) erfolgen. Bild 5.1 zeigt ver-
gleichend den aus dem jeweiligen Zugversuch ermittelten Zusammenhang zwischen der
technischen Spannung und der Verlängerung der Probe. Da die Spannungs-
Verlängerungsverläufe nahezu identisch sind, wird vereinfacht die wahre Spannungs-
Dehnungskurve des ex-situ Zugversuchs für die folgenden Auswertungen der γ → αM Phasen-
umwandlung genutzt.
83
in-situ Zugversuch ex-situ Zugversuch
0123456789
0
100
200
300
400
500
600
700
800
Technische Spannung in MPa
Verlängerung der Probe in mm
Bild 5.1: Gegenüberstellung der Spannungs-Verlängerungskurve für die Zugversuche bei der in-
situ Phasenanalyse und der ex-situ Vergleichsmessung zur Bewertung der Übertragbarkeit der ermit-
telten Kenndaten
Die qualitative Charakterisierung der γ → αM Phasenumwandlung gelingt durch die alleinige
Darstellung der γ-Beugungsintensitäten in Abhängigkeit von der wahren Spannung bzw.
wahren Dehnung, Bild 5.2.
Bild 5.2: Entwicklung der γ-Beugungsintensitäten in Abhängigkeit von der wahren Spannung und
der wahren Dehnung
84
Bis zu einer wahren Spannung von 875 MPa bzw. einer wahren Dehnung von 0,2 erfolgt eine
signifikante Verringerung der γ-Beugungsintensitäten. Eine weitere Erhöhung der Span-
nung / Dehnung führt lediglich zu einer geringen Abnahme der Intensitäten. Dabei ist, mit
Ausnahme der 220γ-Gitterebene, für alle Gitterebenen ein linearer Abfall der Peakintensitäten
zu beobachten. Dadurch wird die auf Basis des n-Wertes geschlussfolgerte kontinuierliche γ
→ αM Phasenumwandlung bis zu einer Dehnung von 0,2 prinzipiell bestätigt. Oberhalb einer
wahren Dehnung von 0,2 verringert sich die Peakintensität jedoch nicht signifikant. Das weist
auf den Abschluss der γ → αM Phasenumwandlung hin. Damit werden die auf Basis des n-
Wertes getroffenen Aussagen bezüglich einer über den gesamten Belastungsprozess kontinu-
ierlich stattfindenden Austenitumwandlung nicht bestätigt. Demzufolge kann der n-Wert nicht
als alleiniges Merkmal zur Charakterisierung der Kontinuität der γ → αM Phasenumwandlung
herangezogen werden.
Die beobachtete Erhöhung der 110α- und 220α-Beugungsintensitäten bei plastischer Verfor-
mung charakterisiert eine Texturentwicklung durch Drehung von α-Körnern in Zugrichtung.
Die 110α- und 220α-Beugungsintensitäten nehmen zu, da die {110} Gitterebene die bevor-
zugte Gleitebene ist und sich folglich die α-Körner bevorzugt in diese Gitterebene drehen. Die
Berechnung des Restaustenitgehaltes im Abhängigkeit von der Dehnung (Verhältnis der
Integralintensitäten der α-Phase und γ-Phase, Gleichung 3.6) wird jedoch hierdurch nicht
wesentlich beeinflusst, da sich die Beugungsintensitäten der anderen α-Netzebenen (200α-,
200α, 221α, 310α, 321α) in ähnlichem Maße verringern wie die 110α- und 220α-
Beugungsintensitäten ansteigen, siehe Bild 5.3. Die einheitliche Verschiebung der Beugungs-
intensitäten zu geringeren Energiewerten deutet weiterhin auf eine ansteigende Zugspannung
in den Atomlagen der Gitterebenen hin.
32 33 34 35
0
500
1000
1500
2000
66 67 68 69
0
100
200
300
400
500
600
46 47 48 49
0
100
200
300
400
500
600
57 58 59 60
0
100
200
300
400
500
600
211a
200a
220a
unbelastet
j = 0,12
j = 0,20
j = 0,34
unbelastet
j = 0,12
j = 0,20
j = 0,34
unbelastet
j = 0,12
j = 0,20
j = 0,34
Intensität in cts
Energie in keV
110a
Intensität in cts
Energie in keV
Intensität in cts
Energie in keV
unbelastet
j = 0,12
j = 0,20
j = 0,34
Intensität in cts
Energie in keV
a) b)
c) d)
Bild 5.3: Beispielhafte Darstellung der Entwicklung der α-Beugungsintensitäten in Abhängigkeit
von der wahren Dehnung φ
85
Die quantitative Analyse des Austenitgehaltes hat in Überstimmung mit den Arbeiten von
Choi et al. [71] und Soulami et al. [79] gezeigt, dass die γ → αM Phasenumwandlung oberhalb
der globalen Streckgrenze (definiert als Beginn des globalen plastischen Fließens, P1) bzw.
der phasenspezifischen Streckgrenze auftritt, siehe auch Bild 5.4. Demzufolge konnte für den
hier untersuchten TRIP Stahl keine spannungsunterstützte sondern lediglich eine dehnungsin-
duzierte γ-Phasenumwandlung nachgewiesen werden. Die Umwandlung des Austenits in
Martensit setzt dabei nach Überschreiten der phasenspezifischen Streckgrenze, d.h. zwischen
550 MPa und 600 MPa, ein. Anzumerken bleibt, dass die ermittelten phasenspezifischen
Streckgrenzen sowohl der γ- als auch der α-Phase eine gute Übereinstimmung mit den Arbei-
ten von Choi et al. [70] und Soulami et al. [79] zeigen.
Austenitgehalt
Phasenspezifische Spannung im Austenit
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05
-200
0
200
400
600
800
14
15
16
17
18
Phasenspezifische
wahre Spannung
s
w
in MPa
Wahre Dehnung
P1
Austenitgehalt in %
prognostizierter Verlauf
Bild 5.4: Phasenspezifische wahre Spannung im Austenit und Austenitgehalt in Abhängigkeit von
der globalen wahren Dehnung - Detaildarstellung
Die nahezu lineare Verringerung des Austenitgehaltes nach Einsetzen der plastischen Ver-
formung ist konsistent zu der qualitativen Phasenanalyse (γ-Peakintensitäten). Jedoch wird die
kritische Dehnung / Spannung für die Beendigung der messbaren γ → αM Phasenumwandlung
zu 0,225 ermittelt. Somit kann zusammenfassend festgestellt werden, dass im Bereich globa-
ler plastischer Verformung bis zu einer wahren Dehnung von 0,225 eine kontinuierliche
γ → αM Phasenumwandlung stattfindet bei der sich der Austenitgehalt auf ca. 60 % des Aus-
gangswertes reduziert. Somit sind unter den vorliegenden Prüfbedingungen (Raumtemperatur,
quasi-statischer Zugversuch, einachsige Belastung) selbst bei sehr hohen lokalen Dehnungen,
wie sie oberhalb der Gleichmaßdehnung auftreten, ca. 40 % des verbleibenden Austenits
stabil. Das entspricht einem Austenitgehalt von ca. 6 %.
Ursache für den Abschluss der Phasenumwandlung kann zum einen der Effekt der mechani-
sche Stabilisierung, d.h. die hohe plastische Verformung des Austenits, sein [46], [48]. Wei-
terhin wiesen die Hellfeldaufnahmen (Bild 4.3a) im stark verformten Bereich der geprüften
Zugprobe die Existenz lamellarer Austenitkörner nach, die nach [20], [21] eine höhere Stabili-
tät als der inselförmige Austenit aufweisen. Darüber hinaus konnten durch diese TEM Auf-
nahmen Austenitkörner mit einer Korngröße < 1 µm ermittelt werden (Bild 4.3b) die nach
86
[66], [103], [104] eine hohe Stabilität aufweisen. Somit kann die geringe Größe der
Austenitkörner u.a. zur beobachteten unvollständige γ → αM Phasenumwandlung beitragen.
Eine fundierte Bewertung der Stabilität des Austenits bzw. der Phasenumwandlungskinetik
gelingt durch die Analyse der Änderung des Austenitgehaltes in Abhängigkeit von der wahren
Dehnung entsprechend Gleichung 3.8 [75], [76]. So kennzeichnen kp und folglich
0
11
VV die Austenitstabilität. Dabei gilt, je kleiner kp bzw.
0
11
VV (bezogen auf einen
spezifischen Dehnungswert) desto stabiler ist der vorliegende Austenit. Bild 5.5a zeigt die
Änderung von
0
11
VV in Abhängigkeit von der wahren Dehnung sowohl für den in dieser
Arbeit verwendeten TRIP Stahl als auch für eine Reihe von niedriglegierten TRIP Stählen mit
unterschiedlicher chemischer Zusammensetzung.
eigene
Ergebnisse
[76]
[75]
[82]
[80]
[65]
[77]
[21]
[72]
[78]
[54]
[20]
[70]
[23]
[30]
[79]
[81]
10
-2
10
-1
10
0
10
-2
10
-1
10
0
0 102030405060708090
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
1/Vy-1/Vy0
Wahre Dehnung
kp-Wert
y
- Winkel in °
a) b)
Øk = 16.4
n
P2
Bild 5.5: Analyse der Austenitstabilität des untersuchten TRIP Stahls HCT690T durch a) die
Gegenüberstellung der 1/Vγ - 1/Vγ0-Werte mit Literaturangaben und b) der kp-Werte in Abhängigkeit
des Kippwinkels ψ (siehe Bild 3.18)
Es kann festgestellt werden, dass der in dieser Arbeit verwendete CMnAl-TRIP Stahl im
geringfügig unterhalb des aus der Literatur ermittelten Streubandes liegt. Demzufolge kann
der vorliegende Austenit auch im Vergleich zu den im Schrifttum vorgestellten TRIP Stählen
als vergleichsweise stabil bezeichnet werden. Dies ist neben den bereits diskutierten Faktoren
auch auf die chemische Zusammensetzung, speziell auf den Aluminiumgehalt, zurückzufüh-
ren. So wird nach Samek et al. [102] die höchste Austenitstabilität bei dem CMnAl-TRIP
Stählen erreicht, während die geringste Austenitstabilität bei CMnSi-TRIP Stählen vorliegt.
Dies wird auch durch die Auswertung der Literatur bestätigt, da im oberen Streubereich
(weniger stabiler Austenit) überwiegend CMnSi-TRIP Stähle [20], [70], [75], [78] und im
unteren Streubereich CMnAl-TRIP Stähle [80], [81] vorliegen. Bemerkenswert ist weiterhin,
dass im Gegensatz zu den in der Literatur verwendeten TRIP Stählen der hier untersuchte
87
TRIP Stahl eine maximale wahre Dehnung 0,225 (P2) aufweist oberhalb der keine signifikan-
te γ → αM Phasenumwandlung stattfindet. Demzufolge kann der TRIP-Effekt oberhalb dieser
Dehnung bzw. der vorliegenden globalen Spannung keinen deutlichen Einfluss auf die me-
chanischen Kennwerte ausüben.
Der für die Austenitstabilität charakteristische kp-Wert ist in Bild 5.5b für die verschiedenen
Kippwinkel ψ der Zugprobe (siehe Bild 3.18) dargestellt. Es zeigt sich, dass der kp-Wert
bezogen auf den Kippwinkels ψ der Zugprobe relative stark streut (um ~250% zwischen dem
Mittelwert bei 56° und den Mittelwert bei 36°). Vergleichbare Streuungen wurden auch von
[76] festgestellt. Der durchschnittliche kp-Wert liegt dabei deutlich unter den Angaben von
Kruiver et al. [76] und bestätigt somit die oben dargestellte hohe Austenitstabilität im hier
untersuchten TRIP Stahl.
Die Untersuchungen zur Homogenität der γ → αM Phasenumwandlung zeigen, dass bei einer
Verlängerung der Probe aufgrund der unterschiedlichen Dehnungswerte für die verschiedenen
Zonen (Z0 - Z2) abweichende Austenitgehalte und demzufolge verschiedenartige Phasenum-
wandlungscharakteristiken vorliegen. Um eine Aussage zur Homogenität der dehnungsindu-
zierten γ → αM Phasenumwandlung zu erhalten ist es jedoch zweckmäßig die jeweiligen
Austenitgehalte bei identischen Dehnungswerten zu vergleichen und nicht wie o.g. bei glei-
chen Verlängerungen, siehe Bild 5.6.
0 0,05 0,10 0,15 0,20 0,30
0,0
8
10
12
14
16
18
20
Z0
Z1
Z2
Wahre Dehnung
Austenitgehalt in %
Bild 5.6: Entwicklung des Austenitgehaltes in Abhängigkeit von der wahren Dehnung für unter-
schiedliche Bereiche der Zugprobe
Festzustellen ist, dass sowohl im Bereich Z0 als auch im Bereich Z1 und Z2 vergleichbare
Austenitgehalte vorliegen und demzufolge die γ → αM Phasenumwandlung nahezu identisch
ist. Im Bereich Z0 wird aufgrund der vorliegenden Spannungsverhältnisse eine größere wahre
Dehnung erzielt und somit ein größerer Gesamtabfall des Austenitgehaltes beobachtet.
Durch die vergleichende Darstellung von
0
11
VV in Abhängigkeit von der wahren Dehnung
kann zusätzlich die Stabilität des Austenits in den jeweiligen Bereichen bewertet werden.
88
Dabei wird für die untersuchten Probenbereiche eine vergleichbare Austenitstabilität nachge-
wiesen, siehe Bild 5.7.
Bild 5.7: Vergleichende Darstellung des Austenitstabilität für verschiedene Bereiche der Zugprobe
(ZO, Z1, Z2) durch die die Analyse von 1/Vγ - 1/Vγ0
Die dargestellten Ergebnisse zeigen somit, dass, unter Vorrausetzung einer einachsigen Zug-
beanspruchung und bei identischen Dehnungen, die γ → αM Phasenumwandlung in einem
Bauteil nahezu homogen erfolgt. Sollten in einem Umformprozess jedoch lokal abweichende
Dehnungen oder mehrachsige Beanspruchungen auftreten, können unterschiedliche
Austenitgehalte vorliegen, so dass sich das Bauteil unter Betriebsbelastungen lokal unter-
schiedlich verhalten kann.
5.2 Einfluss eines Temperaturzyklus auf den Austenitgehalt
5.2.1 In-situ Phasenanalyse
Durch den direkten Zusammenhang zwischen den Peakintensitäten der α- bzw. γ-
Gitterebenen und dem Phasengehalt können zunächst qualitative Aussagen zur Entwicklung
des Austenitgehaltes in Abhängigkeit von der Temperatur getroffen werden, siehe Bild 4.14.
So zeigen die Ergebnisse, dass zwischen 300 °C und 400 °C eine wesentliche Verringerung
der γ-Peakintensitäten und somit des Austenitgehaltes auftritt. Die Verringerung des Austenits
resultiert dabei aus dem diffusionsgesteuerten Zerfall des Austenits in Ferrite und Karbide
[111] und stimmt mit den Literaturangaben überein [110], [112], [113], [114]. Zu beachten
ist, dass der Zerfallsprozess von Austenit in Ferrit und Karbid diffusionsgesteuert [115] und
somit zeitabhängig ist. Daher kann die Heizrate bzw. bei einer stufenartiger Erwärmung
zusätzlich die Verweilzeit je Messstufe den Phasengehalt beeinflussen.
Eine deutliche Karbidausbildung kann dabei zwischen 500 °C und 600 °C im Beugungsspekt-
rum beobachtet werden. Vergleichbare Ergebnisse wurden von Choi et al. [110] mittels
89
Synchrotronstrahlung an einem CMnSi-TRIP Stahl ermittelt. Demnach ist davon auszugehen,
dass sich Eisenkarbid in Form von Zementit (Fe3C) ausbildet.
Über einer Temperatur von 650 °C erfolgt die Neubildung des Austenits die durch eine Zu-
nahme der γ-Peakintensitäten charakterisiert, und mit einem Zerfall des Zementits verbunden
ist, siehe Bild 4.14 und Bild 4.15. Das führt dazu, dass über einer Temperatur von 800 °C die
γ-Peakintensitäten deutlich über den Werten der α-Gitterebenen liegen und folglich ein
Austenitgehalt deutlich über 50 % zu erwarten ist. Bei Abkühlung der Probe erfolgt bereits bis
500 °C eine erhebliche Reduzierung des Austenitgehaltes, was durch eine Minimierung der γ-
Peakintensitäten auf Höhe des Grundrauschens gekennzeichnet ist.
Die bei einer kontinuierlichen Erwärmung durchgeführte quantitative Analyse des
Austenitgehaltes bestätigt grundsätzlich die Ergebnisse der qualitativen Phasenanalyse. So
kann in Übereinstimmung mit den in-situ Messungen von Amirthalingam [114] und den
Arbeiten von Choi et al. [110], [112] ein allmählicher Zerfall des Austenits ab einer Tempera-
tur von 400 °C und ein beschleunigter Zerfalls ab 450 °C beobachtet werden. Der
Absolutwert des verbleibenden Austenits ist mit ca. 3 % mit den Ergebnissen von
Amirthalingam [114] vergleichbar. Eine signifikante Neubildung des Austenits erfolgt ab ca.
600 °C. Demnach wird dabei die Ac1-Temperatur überschritten und es erfolgt eine
Austenitbildung durch Umwandlung der α-Phase in die γ-Phase. Eine vergleichbare Ac1-
Temperature ist in den Untersuchungen von Kapustka et al. [117] (Bild 3.3) bestimmt wor-
den. Die geringen Unterschiede zu der hier angegebenen A1-Temperatur können aus der
abweichenden chemischen Zusammensetzung der verwendeten TRIP Stähle resultieren. Zum
anderen gelten die in [117] dargestellten A1 und A3 Temperaturen lediglich für eine langsame
Abkühlung und nicht für einen Aufwärmprozess.
Bei einer in den Ofenversuchen erreichten maximalen Temperatur von 890 °C wurde ein
Austenitgehalt von ca. 85 % ermittelt. Vergleichbare Werte konnten auch von [114] ermittelt
werden. Weiterhin deuten die Ergebnisse, insbesondere unter Berücksichtigung der Dilatati-
onskurven (Gleeble Versuche) darauf hin, dass die Neubildung der γ-Phase bei 890 °C nicht
abgeschlossen ist. Da jedoch in diesen Versuchen keine Probentemperaturen oberhalb von
900 °C möglich waren, konnte die Ac3-Tempratur in diesen Versuchen nicht bestimmt wer-
den. Eine Quantifizierung der Ac3-Tempratur erfolgt schließlich durch Gleeble-Versuche
durch die Auswertung der Dilatation.
In Hinblick auf die schweißtechnische Verarbeitung von TRIP Stählen und den praktischen
Einsatz gefügter Bauteile ist die resultierende Gefügeausbildung nach erfolgter Abkühlung
von übergeordneter Bedeutung. Es sei darauf hingewiesen, dass in den in-situ Ofenversuchen
keine dem Schweißprozess äquivalenten Abkühlraten erzielt werden konnten (170 °C/min zu
> 1000 °C/s), so dass die dargestellten Ergebnisse zunächst nur einen grundsätzlichen Ein-
blick in die temperaturabhängig Phasenausbildung des TRIP Stahls geben.
Um die γ→α-Phasenumwandlung entsprechend der sich ausbildenden Phasen zu charakteri-
sieren, wird das ZTU Schaubild nach [126] herangezogen, siehe Bild 5.8. Gekennzeichnet ist
dabei eine Temperaturkurve, die näherungsweise zu einer t8/5 Zeit führt, die mit der in den in-
situ Experimenten vorliegenden t8/5 Zeit übereinstimmt.
Die γ-Phasenumwandlung bei Abkühlung auf Raumtemperatur kann wie in Bild 5.9 darge-
stellt in drei Bereiche eingeteilt werden. Die Charakterisierung dieser Bereiche soll nun
90
mittels des o.g. ZTU-Diagramms temperaturspezifisch erfolgen. Demnach resultiert die
drastische Reduzierung des Austenits im Bereich I (750 °C bis 675 °C) zunächst aus der
Umwandlung von Austenit in Ferrit. Anschließend folgt eine mäßige Verringerung des
Austenitgehaltes im Bereich II (675 °C bis 525 °C) durch die Umwandlung in Perlit. Schließ-
lich können im Bereich III (525 °C bis 40 °C) geringe Mengen von Bainit ausgebildet werden.
Temperatur in °C
Zeit in s
0,1 1 10 100 1000 10000
0
100
200
300
400
500
600
700
800
900
1000
326 285 291 250 232 200
A
1
A
3
M
s
M
B
F
P
219
Bild 5.8: ZTU-Diagramm eines dem untersuchten TRIP Stahl vergleichbaren Werkstoffes mit
Kennzeichnung des in diesen Untersuchungen gemessenen Temperatur-Zeitverlaufs
Relative Änderung
des Austenitgehaltes in %
800 700 600 500 400 300 200 100 0
0
20
40
60
80
100
Temperatur in °C
III III
Bild 5.9: Relative Änderung des Austenitgehaltes in Abhängigkeit von der Zeit, Einteilung in
relevante Temperaturbereiche
Mit Hilfe von in-situ Messungen mittels Synchrotronstrahlung konnten die Austenitzerfalls-,
- neubildungs und Umwandlungstemperaturen für den untersuchten TRIP Stahl HCT690T
identifiziert werden. Dabei kann prinzipiell ein für TRIP Stähle typisches temperaturabhängi-
ges Verhalten beobachtet werden, das durch einen Austenitzerfalls zwischen 400 °C - 600 °C,
einer Austenitneubildung (bis ca. 900 °C) und einer stufenartigen Austenitumwandlung im
Abkühlprozess gekennzeichnet ist.
91
5.2.2 Einfluss der Aufheiz- und Abkühlrate
Bild 5.10a zeigt vergleichend den Einfluss der unterschiedlichen Aufheizraten auf die Ent-
wicklung des Austenitgehaltes, wobei ein direkter Einfluss der Aufheizrate auf den
Austenitgehalt nachgewiesen werden kann.
Bild 5.10: a) Entwicklung des Austenitgehaltes im Aufheizprozess bei unterschiedlichen Heizraten b)
Veränderung des Austenitgehaltes im Aufheizprozess in Abhängigkeit von der Zeit
Bei der höheren Aufheizrate (100 °C/min) tritt eine Verschiebung des Austenitzerfalls zu
höheren Temperaturen auf. Begründet wird dies durch den Mechanismus der
Austenitumwandlung. So erfolgt die α → γ - Phasenumwandlung diffusionsgesteuert, d.h. sie
ist zeitabhängig. Das führt bei einer höheren Aufheizrate zu einer geringeren Verweildauer
92
bei der jeweiligen Temperatur und folglich zu einem bezüglich der Temperatur verzögerten
Austenitzerfall. Bild 5.10b zeigt zur Verdeutlichung die Abhängigkeit des Austenitgehaltes
von der Messzeit. Da die bei höheren Temperaturen einsetzende α → γ-Phasenumwandlung
ebenfalls diffusionsgesteuert ist, kann die verzögerte Zunahme des Austenitgehaltes bei einer
höheren Aufheizrate auch auf diesen Fakt zurückgeführt werden.
In Hinblick auf den Schweißprozess und der resultierenden Gefügezusammensetzung ist die
Abkühlphase von wesentlicher Bedeutung. Es kann festgestellt werden, dass die γ → α -
Phasenumwandlung bei einer höheren Abkühlgeschwindigkeit im Temperaturbereich von
750 °C bis ca. 675 °C verzögert erfolgt, siehe Bild 5.11.
Bild 5.11: Verringerung des Austenitgehaltes im Abkühlprozess in Abhängigkeit von der Temperatur
Unter der Voraussetzung einer rein diffusionsgesteuerten Phasenumwandlung kann auch hier
als Ursache die geringere Verweildauer bei der jeweiligen Temperatur und der damit verbun-
dene gehemmte Diffusionsprozess genannt werden. Die Annahme einer rein diffusionsgesteu-
erten, d.h. einer martensitfreien Phasenumwandlung in diesen Temperaturintervall kann durch
die in Bild 5.8 vorgegebenen Martensitstarttemperatur von 400 °C bestätigt werden. Unter-
halb einer Temperatur von 550 °C liegen keine signifikanten Unterschiede im Austenitgehalt
vor.
Aus den o.g. Ergebnissen wird deutlich, dass die Aufheiz- und Abkühlrate einen signifikanten
Einfluss auf die Austenitgehalt im Aufwärm- und Abkühlprozess haben können. So führen
höhere Aufheizraten zu einer Verschiebung des Austenitzerfalls zu höheren Temperaturen,
während höhere Abkühlraten zu einer verzögerten γ→α-Phasenumwandlung führen. Von
übergeordneter Bedeutung ist dabei jedoch, dass die hier untersuchten Abkühlraten keinen
Einfluss auf die keinen signifikanten Einfluss auf den bei Raumtemperatur, d.h. nach dem
Wärmebehandlungsprozess, vorliegenden Austenitgehalt haben. Eine Übertragung auf den
Schweißprozess kann jedoch nicht gewährleistet werden, da die Abkühlraten hier deutlich
93
größer sind als in den Ofenversuchen und folglich diffusionskontrollierte Vorgänge unter-
drückt bzw. verzögert werden. Somit können durch die in-situ Messungen lediglich grundle-
gende Anhaltspunkte zum temperaturspezifischen Verhalten von TRIP Stählen gewonnen
werden.
5.2.3 Austenitgehalt bei unterschiedlichen Spitzentemperaturen
In Bild 5.12 sind sowohl die für die jeweiligen Spitzentemperaturen bestimmten
Austenitgehalte als auch die nach Abkühlung auf Raumtemperatur vorliegenden
Austenitgehalte vergleichend wiedergegeben. Zu beachten ist, dass, bedingt durch die relativ
geringe Abkühlgeschwindigkeit, auch in diesem Fall eine rein diffusionsgesteuerte Phasen-
umwandlung vorlag. Die unterschiedlichen Austenitgehalte bei den vorliegenden Spitzentem-
peraturen lassen sich auf die in dem jeweiligen Temperaturbereichen erfolgenden Zerfalls-
und Neubildungsprozesse des Austenits zurückführen. Ein Vergleich mit den vorangestellten
Versuchsreihen (kontinuierliche /stufenförmige Erwärmung) zeigt eine relativ gute Überein-
stimmung der Ergebnisse. So erfolgt bei 500 °C eine signifikate Reduzierung des
Austenitgehaltes, während bei 700 °C und 940 °C ein geringer bzw. signifikanter Anstieg des
Austenitgehaltes im Vergleich zum Anfangsgehalt (Raumtemperatur) vorliegt. Der bei einer
Temperatur von 940 °C vorliegende hohe Austenitgehalt korreliert dabei mit den Untersu-
chungen von [114].
Bild 5.12: Austenitgehalt bei Erreichen der jeweiligen Spitzentemperatur sowie nach Abkühlung auf
Raumtemperatur
Von wesentlich größerer Bedeutung für das mechanische Verhalten von Schweißproben ist
das Gefüge nach dem Abkühlprozess. So wird bei einer Spitzentemperatur von 940 °C und
einer Abkühlrate von effektiv 170 °C/min ein Austenitgehalt von 6,5 % erzielt. Dies ent-
spricht nahezu den Ergebnissen der vorangestellten Versuchsreihen (kontinuierliche und
stufenartige Erwärmung) und den Ergebnissen von [114]. Für die Spitzentemperaturen von
700 °C und 500 °C werden hingegen abweichende Ergebnisse beobachtet. So werden bei
94
diesen Temperaturen einheitlich Restaustenitgehalte von ~3 % ermittelt. Unter Berücksichti-
gung der Streuung wird der Unterschied im Austenitgehalt bezogen auf die Spitzentemperatur
zunächst als gering eingestuft. Um eine Signifikanz der Ergebnisse zu bestätigen, sind jedoch
weitere Untersuchungen mit einer höheren Probenanzahl erforderlich.
Es sei auch hier darauf hingewiesen, dass bei den vorliegenden Abkühlraten nur rein diffusi-
onsgesteuerte Phasenumwandlungen erfolgen und die Ergebnisse demzufolge nur für diese
Bedingungen gelten. Damit ist eine Übertragung auf den Schweißprozess deutlich einge-
schränkt.
Die Untersuchungen mittels Synchrotronstrahlung im Ofenversuch ermöglichen eine generel-
le Beschreibung des Phasenumwandlungsverhaltens von Austenit bei relativ geringen Auf-
heiz- und Abkühlraten. Dadurch gelingt eine Analyse sowohl des diffusionskontrollierten
Austenitzerfalls- wie auch der diffusionskontrollierten Austenitneubildung und -umwandlung.
Jedoch können mit dieser Methode nicht die für den Punktschweißprozesse typischen diffusi-
onshemmenden Bedingungen bedingt durch die hohen Aufheiz- und Abkühlraten nachgestellt
werden. Daher ist für die Analyse des Einflusses eines Punktschweißprozesses auf den
Austenitgehalt erforderlich ex-situ Untersuchungen mit schweißprozessähnlichen Tempera-
turprofilen durchzuführen.
5.2.4 Ex-Situ Phasenanalyse
5.2.2.1 Ermittlung der Phasenumwandlungstemperaturen
Die Gleeble-Versuche zeigen insbesondere den Einfluss hoher Aufheizraten auf den
Austenitgehalt und die Austenitbildung. Die im Aufheizprozess mittels Einsensor-Differenz-
Thermoanalyse sowie Dilatometermessungen bestimmten Ac1-Temperaturen von 665 °C bzw.
640 °C bis 660 °C weisen eine relativ gute Übereinstimmung mit den o.g. in-situ Messungen
auf. So liegt der messbare Beginn der Austenitneubildung mit 20 °C bis 40 °C nur geringfügig
oberhalb der im in-situ Versuch bestimmten Ac1-Temperatur. Diese Abweichung kann aus der
deutlich höheren Aufheizrate in den Gleeble-Versuchen (1200 C/s zu 170 °C/min) resultieren,
so dass die zeitabhängige α → γ-Phasenumwandlung bei einer höheren Temperatur einsetzt.
Eine Verschiebung der Ac1-Temperatur zu höheren Temperaturen bei hohen Aufheizraten ist
hinlänglich bekannt und beispielsweise in [130] für einen Wälzlagerstahl 100Cr6 beschrieben.
In Hinblick auf die Ac3-Temperatur, d.h. dem Ende der Austenitneubildung, sind keine ein-
deutigen Vergleiche der Gleeble-Versuche und der in-situ Messungen möglich. Jedoch wiesen
Messungen mittels Synchrotronstrahlung nach, dass die Ac3-Temperatur oberhalb von 900 °C
liegt, wodurch die Ergebnisse der Gleeble-Versuche (930 °C) tendenziell bestätigt werden
können.
Die in dieser Arbeit durch unterschiedliche Methoden bestimmten Ac1- und Ac3-Temperaturen
zeigen prinzipiell eine gute Übereinstimmungen zu den in Bild 3.2 nach [114], [117] für
verschiedene TRIP Stähle dargestellten Umwandlungstemperaturen. So können für die Ac1-
Temperatur Abweichungen zwischen 80 °C [114] und 20 °C [117] festgestellt werden. Die
Abweichung bei der Ac3-Temperatur liegt bei ca. 100 °C. Es sei nochmals darauf hingewie-
sen, dass die ermittelten Temperaturunterschiede aus der ungleichen chemischen Zusammen-
95
setzung der TRIP Stähle sowie der eingeschränkten Gültigkeit der Phasendiagramme (siehe
[117]) bei Aufheizprozessen resultieren können.
In Hinblick auf die martensitische Phasenumwandlung während des Abkühlungsprozesses
konnte sowohl durch die Gleeble-Versuche unter Verwendung der Dilatometerkurven und des
Temperatur-Zeitverlaufs als auch durch die Ofenversuche eine Ms-Temperatur von ca. 400 °C
bestimmt werden. Eine entsprechende Ms-Temperatur wurde von Zhang et al. in [126] für
einen TRIP Stahl vergleichbarer chemischer Zusammensetzung vorgestellt.
5.2.2.2 Einfluss des Wärmzyklus auf den Austenitgehalt
Die in den Gleeble-Versuchen und den Ofenexperimenten verwendeten Temperaturzyklen zur
Nachbildung des Punktschweißprozesses führen einheitlich zu einer Reduzierung des
Austenitgehaltes. Für die Ofenversuche kann dies qualitativ durch die Gegenüberstellung der
Beugungsintensitäten der 200γ-Gitterebenne für die Spitzentemperaturen 500 °C, 700 °C und
die unbehandelte Probe nachgewiesen werden, siehe Bild 5.13. Die Ergebnisse für 900 °C und
1200 °C sind mit den Resultaten für 700 °C vergleichbar und werden daher hier nicht darge-
stellt. Es zeigt sich, dass lediglich bei einer Spitzentemperatur von 500 °C (bei nachfolgender
Abschreckung) eine signifikante Peakintensität ermittelt werden konnte. Oberhalb dieser
Spitzentemperatur sind demnach nur geringe Austenitgehalte zu erwarten.
Bild 5.13: Einfluss der Spitzentemperatur auf die Beugungsintensität der 200γ-Gitterebene; Messung
mittels Röntgenstrahlung (winkeldispersive Methode), auf die Darstellung der Beugungsintensitäten
bei 900 °C und 1200 °C wird aufgrund der Vergleichbarkeit zu 700 °C verzichtet
Eine quantitative Bewertung des Austenitgehaltes unter Nutzung von Synchrotronstrahlung
für die Gleeble- sowie für die Ofenproben zeigt vergleichend Bild 5.14. Zusätzlich sind die
für die Ofenproben mittels Farbniederschlagsätzung bestimmten Austenitgehalte dargestellt.
In Hinblick auf die Spitzentemperatur kann sowohl bei den Gleeble-Versuchen als auch den
Ofenexperimenten nachgewiesen werden, dass mit steigender Maximaltemperatur, in Über-
einstimmung mit den röntgenographisch ermittelten Ergebnissen, zunächst eine Verringerung
des Austenitgehaltes auftritt.
96
Bild 5.14: Gegenüberstellung der für die Gleeble-Proben und die Ofenproben mittels
Synchrotronstrahlung und für die Ofenproben metallographisch bestimmten Austenitgehalte
Durch die Ofenversuche konnte weiterhin gezeigt werden, dass bis 500 °C eine vergleichs-
weise geringe und zwischen 500 °C und 700 °C eine erhebliche Reduzierung des
Austenitgehaltes einsetzt. Oberhalb einer Spitzentemperatur von 700 °C tritt hingegen keine
weitere signifikante Reduzierung des Austenitgehaltes auf. Die bei 700 °C, 900 °C und
1200 °C aufgetretenen Unterschiede in den Austenitgehalten liegen innerhalb der Streuung
der Messung und sind somit nicht signifikant. Die durch Synchrotronstrahlung ermittelten
Austenitgehalte der Ofenproben zeigen sowohl qualitativ wie auch quantitativ eine gute
Übereinstimmung zu den metallographisch bestimmten Austenitgehalten. Demzufolge relati-
vieren sich die insbesondere bei großen Austenitgehalten auftretenden Streuungen in den
Messergebnissen. Die bei Amirthalingam [114] beobachtete Erhöhung des Austenitgehaltes
bei einer Spitzentemperatur von 800 °C (Messungen in der WEZ einer Lichtbogenschweiß-
naht) konnte hier nicht bestätigt werden.
Die vergleichsweise geringe Reduzierung des Austenitgehaltes bei 500 °C steht zunächst im
Gegensatz zu dem in in-situ Ofenversuch bestimmten niedrigen Austenitgehalt (< 5 %) bei
dieser Temperatur, siehe Bild 4.18. Jedoch ist zu berücksichtigen, dass der Zerfallsprozess des
Austenits zeitabhängig ist, d.h. mit zunehmender Aufheizrate zu höheren Temperaturen
verschoben wird. Da sowohl bei den Gleeble-Versuchen als auch den Ofenexperimenten (ex-
situ) deutlich höhere Aufheizraten als in den in-situ Versuchen vorlagen, können die hohen
Austenitgehalte bei 500 °C auf einen nur eingeschränkt ablaufenden Austenitzerfall zurückge-
führt werden. Die erhebliche Reduzierung des Austenitgehaltes oberhalb einer Spitzentempe-
ratur von 700 °C kann durch unterschiedliche Phänomene begründet werden. Wie in Bild 4.18
gezeigt, erfolgt die Neubildung des Austenits oberhalb von 600 °C, wobei bei höheren Auf-
heizraten tendenziell eine verzögerte Austenitausbildung zu beobachten ist. Bei einer Spitzen-
temperatur von 700 °C kann zum einen eine geringe Verweilzeit oberhalb von 600 °C ver-
antwortlich für den geringen Austenitgehalt sein. Zum anderen erfolgt vermutlich durch die
97
relative hohe Aufheizrate in den ex-situ Untersuchungen eine Verschiebung der
Austenitausbildung zu höheren Temperaturen.
Eine Reduzierung des Austenitgehaltes durch die martensitische Umwandlung im Abkühlpro-
zess ist bei Spitzentemperaturen von 500 °C und 700 °C hingegen nicht zu erwarten, da bei
den Abkühlkurven kein Haltepunkt festgestellt werden konnte, siehe Bild 5.15.
Bild 5.15: Temperatur-Zeitverlauf für die Ofenproben (500 °C, 700 °C, 900 °C) und die Gleeble-
Probe (1100 °C) mit Angabe der Haltepunkte (Ms-Start)
Die geringen Austenitgehalte der Proben mit einer Spitzentemperatur oberhalb von 700 °C
sind hingegen nicht auf den Austenitzerfall, sondern im Wesentlichen auf die martensitische
Phasenumwandlung zurückzuführen. So ist davon auszugehen, dass sowohl bei der Spitzen-
temperatur von 900 °C als auch von 1200 °C ein überwiegend austenitisches Gefüge vorliegt,
siehe auch Bild 5.10a. Bei der anschließenden Abkühlung erfolgt neben der diffusionsgesteu-
erten Austenit zu Ferrit/Bainit Phasenumwandlung bei 400 °C die diffusionslose Umwand-
lung des Austenits in Martensit (Bild 5.15), so dass im Gefüge nur geringe Anteile an Auste-
nit vorliegen.
Die Gegenüberstellung der Ergebnisse aus den Gleeble-Versuchen und den Ofenversuchen
(Bild 5.15) deutet zusätzlich darauf hin, dass die unterschiedlichen Abkühlraten ebenfalls
einen Einfluss auf den Austenitgehalt haben. So liegt bei der Gleeble-Probe (1100 °C), bei der
eine deutliche geringere Abkühlgeschwindigkeit auftritt als bei den Ofenversuchen (900 °C /
1200 °C), tendenziell ein höherer Austenitgehalt vor, Bild 5.14. Der Unterschied kann auf die
in geringerem Umfang stattfindende martensitische Phasenumwandlung zurückgeführt wer-
den, die durch die niedrigere Unterkühlung bei den Gleeble-Versuchen hervorgerufen wird.
98
Die Ergebnisse zeigen somit, dass die Erwärmung auf unterschiedliche Spitzentemperaturen
bei vergleichbaren Abkühlbedingungen zu variierenden Austenitgehalten führen kann. Dabei
wird ab einer Temperatur von 700 °C der Austenitgehalt drastisch reduziert, wobei eine
thermisch bedingte diffusionslose Umwandlung des Austenits in Martensit bei 900 °C zu
beobachten ist.
5.3 Mechanische Kennwerte und Austenitgehalt nach
simulierten Widerstandspunktschweißprozess
Die zur Simulation des Gefüges einer Punktschweißverbindung in der WEZ
(500 °C / 700 °C / 900 °C) und des Schweißgutes (1100 °C / 1200 °C) genutzten Tempera-
turzyklen führen nicht nur zu einer Veränderung des Austenitgehaltes im Vergleich zum
unbehandelten Grundwerkstoff, sondern insbesondere auch zu abweichenden mechanischen
Kennwerten. In Bild 5.16 sind die Ergebnisse für die Gleeble-Proben, bei denen dem Punkt-
schweißprozess vergleichbare Aufheizraten erzielt wurden, und die Ergebnisse der Ofenver-
suche, bei denen dem Punktschweißprozess vergleichbare Abkühlraten verwendet wurden,
gegenübergestellt. Zu beachten ist, dass die wahren Spannungs-Dehnungskurven bis zur
Gleichmaßdehnung aufgetragen sind. Der Vergleich der mechanischen Kennwerte der
Gleeble- bzw. Ofenversuche für eine Spitzentemperatur von 500 °C zeigt trotz der signifikant
unterschiedlichen Temperaturzyklen eine gute Übereinstimmung. Demzufolge kann ge-
schlussfolgert werden, dass in diesem Temperaturbereich die mechanischen Kennwerte nicht
durch die Aufheiz- bzw. Abkühlraten bestimmt werden, sondern wesentlich durch die Spit-
zentemperatur. Begründet wird dies dadurch, dass im Abkühlprozess keine von der Abkühl-
geschwindigkeit abhängige martensitische Phasenumwandlung auftritt (Bild 5.15) sowie
durch die vergleichbaren Austenitgehalte der Proben (Bild 5.14). Für eine Spitzentemperatur
von 1100 °C (Gleeble) bzw. 1200 °C (Ofen) kann eine ebenfalls gute Übereinstimmung
festgestellt werden. Jedoch ist zu beachten, dass für die Gleeble-Probe durch den Bruch im
unbehandelten Grundwerkstoff keine vollständige Spannungs-Dehnungskurve vorliegt, wo-
durch die Aussagekraft der Ergebnisse eingeschränkt ist. Die Gegenüberstellung mit den
Ergebnissen von Kießling et al. [165] (Bild 2.17) zeigt hinsichtlich der erreichbaren Festigkei-
ten und Gleichmaßdehnungen ebenfalls eine relativ gute Übereinstimmung.
99
Bild 5.16: Gegenüberstellung der wahren Spannungs-Dehnungskurven für die Gleeble-Proben und
die Ofenproben sowie Angabe der vor dem Zugversuch vorliegenden Austenitgehalte
Das mechanische Verhalten von TRIP Stählen wird durch die Temperaturzyklen signifikant
beeinflusst. Aufbauend auf den Ofenproben können hinsichtlich des Temperatureinflusses
zwei wesentliche Bereiche identifiziert werden, siehe Bild 5.17. So erfolgt bis zu einer Tem-
peratur von 700 °C zunächst eine wesentliche Verringerung der ertragbaren Spannung und
insbesondere der Verformbarkeit. Ab 900 °C tritt ein deutlicher Anstieg der ertragbaren
Spannungen auf, welcher jedoch mit einer weiteren Verringerung der Verformbarkeit verbun-
den ist.
Spitzentemperatur in °C
Bild 5.17: Wahre Spannung und wahre Gleichmaßdehnung in Abhängigkeit von der Spitzentempera-
tur
100
Zu berücksichtigen ist dabei, dass die mechanische Eigenschaften von TRIP Stählen sowohl
durch den Austenitgehalt als insbesondere auch durch den Anteil an umwandlungsfähigen d.h.
metastabilen Austenits (TRIP-Effekt) bestimmt werden [27], [29]. In Bild 5.18 sind zusam-
menfassend der Einfluss sowohl der thermischen als auch der mechanischen Belastung auf
den Austenitgehalt dargestellt. Aus der Differenz der Austenitgehalte nach der Wärmebehand-
lung und dem Zugversuch lassen sich nun die umgewandelten metastabilen Austenitanteile
bestimmen. So ist festzustellen, dass lediglich bei einer Spitzentemperatur von 500 °C signifi-
kante Austenitanteile (ca. 7 %) in Martensit umwandeln. Hingegen liegen nach einer Wärme-
behandlung mit einer Spitzentemperatur von 700 °C, 900 °C und 1200 °C vernachlässigbar
kleine metastabile Austenitanteile vor (< 2 %).
0
5
10
15
20
Austenitgehalt in %
Ausgangsgehalt
nach Wärmebahandlung
nach Zugversuch
Unbehandelt 500 °C 700 °C 900 °C 1200 °C
Spitzentempeartur in °C
Bild 5.18: Darstellung des Einflusses der Wärmebehandlung und des Zugversuches (bis zum Versa-
gen) auf den Austenitgehalt im TRIP Stahl HCT690T
Den Zusammenhang zwischen dem ermittelten metastabilen Austenitanteil bzw. dem
Austenitgehalt sowie den resultierenden mechanischen Eigenschaften bei Erreichen der
Gleichmaßdehnung zeigt Bild 5.19.
101
024681012141618
0,05
0,10
0,15
0,20
0,25
0,30
0,35
024681012141618
700
800
900
1000
1100
1200
1300
1400
1500
02468
0,05
0,10
0,15
0,20
0,25
0,30
0,35
02468
700
800
900
1000
1100
1200
1300
1400
1500
1200 °C
900 °C
700 °C
Wahre Dehnung
Austenitgehalt in %
500 °C
unbehandelt
700 °C
900 °C
1200 °C
unbehandelt
500 °C
700 °C
900 °C
1200 °C
unbehandelt
500 °C
700 °C
900 °C1200 °C
a) b)
c) d)
Wahre Spannung in MPa
Austenitgehalt in %
Wahre Dehnung
metastabiler Austenit in %
500 °C
unbehandelt
Wahre Spannung in MPa
metastabiler Austenit in %
Bild 5.19: Abhängigkeit der wahren Gleichmaßdehnung bei verschiedenen Spitzentemperaturen von
a) dem Austenitgehalt und c) dem metastabilen Austenitanteil; Abhängigkeit der wahren Spannung bei
verschiedenen Spitzentemperaturen: vom b) dem Austenitgehalt und d) dem metastabilen
Austenitanteil
Dabei kann festgestellt werden, dass die bis zu einer Spitzentemperatur von 700 °C beobach-
tete Verringerung der Verformbarkeit und der Festigkeit einheitlich mit einer Reduzierung des
initialen Austenitgehaltes bzw. des initialen metastabilen Austenitanteils verbunden ist. Da
sich die Gesamtfestigkeit des Werkstoffes aus den Einzelfestigkeiten sowie den Anteilen der
jeweiligen Phasen zusammensetzt [44], [60] kann die Festigkeitsreduktion bei 500 °C und
700 °C wesentlich auf die geringeren Austenitanteile zurückgeführt werden, Bild 5.19b.
Begründet wird dies durch die nach [71], [84], [79] vorliegende höhere Härte und Festigkeit
des Austenits gegenüber dem Ferrit und dem Bainit. Zu beachten ist dabei, dass bei der Wär-
mebehandlung der Austenit nicht in Martensit sondern Ferrit zerfällt [112], [113], [114].
Die Abnahme der Verformbarkeit beruht insbesondere auf dem geringeren metastabilen
Austenitgehalt bei 500 °C bzw. 700 °C, siehe Bild 5.19c. So verringert sich bei diesen Proben
die Kaltverfestigungsfähigkeit, da die γ → αM Phasenumwandlung, die nach [44], [53], [54]
zur Verschiebung der Gleichmaßdehnung zu höheren Spannungs- und Dehnungswerten führt,
in geringerem Umfang als im unbehandelten Grundwerkstoff erfolgt. Die Reduzierung der
Gleichmaßdehnung von 0,26 auf 0,21 bei Erhöhung der Spitzentemperatur von 500 °C auf
700 °C lässt sich ebenfalls auf die geringeren metastabilen Austenitanteile bei 700 °C zurück-
führen, Bild 5.19c.
Oberhalb von 700 °C erfolgt während des Abkühlprozesses ebenfalls eine signifikante Redu-
zierung des Austenitanteils (Bild 4.21). Zusätzlich zeigt der Temperatur-Zeitverlauf (900 °C
Bild 5.15) durch die Darstellung des Haltepunktes bei 400 °C, dass während des Abkühlpro-
102
zesses Anteile an Martensit entstehen. Dies wird durch die Gefügedarstellung in Bild 4.30e
durch die Visualisierung von nadelförmigen Martensit bestätigt. Die Verringerung der
Gleichmaßdehnung und die Zunahme der ertragbaren Spannung bei Erhöhung der Spitzen-
temperatur von 900 °C auf 1200 °C kann auf den höheren Martensitgehalt bei der Probe die
auf 1200 °C erwärmt wurde zurückgeführt werden. So ist davon auszugehen, dass bei 900 °C
vor dem Abkühlprozess ein geringerer Austenitgehalt vorliegt als bei 1200 °C, siehe auch
Bild 3.3. Gestützt wird diese These durch die Ergebnisse der in-situ Aufheizversuche bei
denen bei 890 °C mit 85 % ein geringerer Austenitgehalt gemessen wurde als bei 940 °C
(93 %), siehe Kap. 4.2. Demzufolge kann der Anteil an Martensit nach dem Abschrecken
ebenfalls geringer sein, was folglich zu der ermittelten höheren Dehnungsfähigkeit führen
kann. Zusätzlich tritt bei der Probe die auf 1200 °C erwärmt wurde eine Kornvergröberung
auf die ebenfalls zu einer reduzierten Dehnungsfähigkeit beitragen kann. Vergleichbares
wurde auch von Kießling et al. [165] bei Erwärmung auf Temperaturen über 900 °C festge-
stellt. Der TRIP-Effekt ist aufgrund des vernachlässigbaren metastabilen Austenitanteils in
diesem Temperaturbereich nicht von Bedeutung. Die Kornvergröberung wurde ebenfalls in
realen Widerstandspunktschweißverbindungen im Übergangsbereich Schweißlinse / WEZ
mittels der EBSD-Technik nachgewiesen (Bild 4.38), in einem Temperaturbereich der nach
Bild 4.37 bei ca. 1200 °C -1300 °C liegt.
In Hinblick auf den TRIP-Effekt ist zusammenfassend festzuhalten, dass bei einer Spitzen-
temperatur von 500 °C eine deutliche γ→αM-Phasenumwandlung nachgewiesen werden kann.
So liegt im Gefüge nach einer dem Punktschweißprozess vergleichbaren Aufheizrate
(Gleeble) bzw. Abkühlrate (Ofen) bei dieser Spitzentemperatur noch ein relativ großer Anteil
metastabilen Austenits vor. Hingegen können bei einer Erwärmung auf 700 °C, 900 °C bzw.
1200 °C zwar noch Austenitanteile im Gefüge nachgewiesen werden, jedoch erfolgte im
Zugversuch lediglich eine vernachlässigbar kleine γ→αM-Phasenumwandlung. Somit führen
diese Spitzentemperaturen unter einem dem Punktschweißprozess vergleichbaren Tempera-
turzyklus zu einer nahezu vollständigen Beseitigung des metastabilen Austenits, wodurch
folglich keine deutliche Beeinflussung der mechanischen Eigenschaften durch den TRIP-
Effekt erfolgen kann.
Eine Übertragung der Ergebnisse auf reale Punktschweißverbindungen führt zu der Schluss-
folgerung, dass in den Bereichen der WEZ, bei denen im Schweißprozess Temperaturen
von bis zu 500 °C vorliegen, signifikante Anteile an metastabilen Austenit auftreten können.
In diesen Bereichen kann daher eine γ → αM-Phasenumwandlung erfolgen und zu einer
Beeinflussung der mechanischen Eigenschaften und hier insbesondere der Duktilität führen.
Jedoch ist anzumerken, dass die Größe dieser Zone bezogen auf die gesamte WEZ ver-
gleichsweise gering ist, wodurch ihr Einfluss auf das Tragverhalten der Punktschweißverbin-
dung als gering einzustufen ist. Bereiche der WEZ in denen Temperaturen 700 °C vorlie-
gen, können nicht durch den TRIP-Effekt beeinflusst werden. Dabei tritt in den Werkstoffzo-
nen die auf Temperaturen oberhalb von 700 °C erwärmt werden ein Gefüge mit geringer
Verformbarkeit bzw. hoher Festigkeit auf.
Die Gegenüberstellung der Ergebnisse bezüglich des Austenitgehaltes mit Literaturangaben
[110], [112], [113], [116] lässt bei Spitzentemperaturen ab 700 °C eine gute Übereinstim-
mung erkennen. So liegen bei diesen Temperaturen, bedingt durch den Austenitzerfall, ver-
103
gleichsweise geringe Austenitgehalte vor. Inkonsistente Ergebnisse können jedoch für eine
Spitzentemperatur von 500 °C festgestellt werden. Während Zhao et al. [116] von geringen
Austenitanteilen berichten, konnten in den hier gezeigten Untersuchungen vergleichsweise
hohe Austenitgehalte nachgewiesen werden. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Aussagen
von [116] hinsichtlich des temperaturabhängigen Austenitgehaltes lediglich für das Laser-
strahlschweißen Gültigkeit besitzen.
Eine Wärmebehandlung ab einer Spitzentemperatur von 500 °C führt generell zu einer Redu-
zierung des Austenitgehaltes und des metastabilen Austenits. Als Folge tritt eine Verringe-
rung der Verformbarkeit und der Festigkeit auf.
5.4 Austenitgehalt und lokale mechanische Kennwerte nach
realem Widerstandspunktschweißprozess
5.4.1. Einfluss des Temperaturzyklus beim Widerstandspunktschweißen
auf den Austenitgehalt
Im vorangestellten Kapitel wurde der Einfluss eines Schweißzyklus durch hohe Aufheizraten
bzw. hohe Abkühlgeschwindigkeiten abgebildet. Jedoch konnten dabei die Einflüsse der
Elektrodenkraft, der kurzen Haltezeiten bei den jeweiligen Maximaltemperaturen und insbe-
sondere die Kopplung der hohen Aufheiz- und Abkühlraten nicht experimentell nachgestellt
werden. Daher wurden zusätzlich zu den simulierten Schweißproben Untersuchungen an
realen Widerstandspunktschweißverbindungen durchgeführt.
Die mittels der Software Sorpas bestimmten Aufheiz- und Abkühlraten der WEZ eines punkt-
geschweißten TRIP Stahls vergleichbarer chemischer Zusammensetzung sowie die Verweil-
zeit bei der jeweiligen Spitzentemperaturen weichen z.T. deutlich von den experimentell
simulierten Gleeble bzw. Ofenproben ab. Jedoch liegen für die Abkühlbedingungen, welche
wesentlich für die Gefügeausbildung sind, mit t8/5-Zeiten von 0,1 s Werte vor, die unter
Berücksichtigung von Schweiß-ZTU Diagrammen [127] eine grundsätzliche Übertragbarkeit
der Ergebnisse von thermisch simulierten Proben auf reale Widerstandspunktschweißproben
gewährleisten.
Durch die Untersuchungen mittels hochenergetischer Synchrotronstrahlung konnte festgestellt
werden, dass mit zunehmendem Abstand zur Schweißlinsenmitte ein signifikanter Anstieg der
γ-Peakintensitäten auftritt. Dieses Verhalten deutet auf einen geringen Austenitgehalt in der
Schweißlinse und auf eine drastische Erhöhung des Austenitanteils in den Randbereichen der
WEZ hin.
Die quantitative Auswertung zeigt, dass in der Schweißlinse und am Übergang zur WEZ
geringe Gehalte von < 4 % Austenit vorliegen. Damit erfolgt eine deutlich größere Reduktion
des Austenits als von Zhao et al. [116] beim Laserstahlschweißen nachgewiesen wurde. Am
Übergang WEZ und Grundwerkstoff, d.h. ca. 1 mm von der Schweißlinse entfernt, werden
bereits Austenitgehalte bestimmt die denen des Grundwerkstoffes entsprechen. Demzufolge
liegt in der WEZ einer Widerstandspunktschweißverbindung aus TRIP Stahl HCT690T ein
hoher Gradient hinsichtlich des Austenitgehaltes vor. Zur Verdeutlichung sind in Bild 5.20
die geometrischen Verhältnisse während der Messung und insbesondere die Lage der Messbe-
reiche sowie die ermittelten Austenitgehalte wiedergegeben.
104
Bild 5.20: Schematische Lage der mittels Synchrotronstrahlung ausgewerteten Messbereiche mit
Angabe der vorliegenden Austenitgehalte
Für die in Bild 5.20 dargestellten Messbereiche können unter Verwendung der Simulationser-
gebnisse aus Bild 4.37 die Spitzentemperaturen abgeschätzt werden. So liegen für den Mess-
bereich in der Mitte der Schweißlinse Spitzentemperaturen von ca. 1500 °C vor. Für den
Messbereich der 2 mm von der Schweißlinse entfernt liegt (4 % Austenit), wurde eine mittlere
Temperatur von 1200 °C ermittelt. Zu beachten ist dabei, dass dieser Messbereich sich auf-
grund der Geometrie der Linse (siehe Bild 5.20) zu ca. 50 % aus der Schweißlinse und zu
weiteren ca. 50 % aus einer Zone mit variabler Spitzentemperatur (Temperaturintervall
700 °C bis 1500 °C in Blechdickenrichtung) zusammensetzt. Für den Messpunkt mit einem
Abstand von 3 mm zur Schweißlinsenmitte liegt eine Spitzentemperatur zwischen 500 °C und
350 °C vor. Im Folgenden wird von einer mittleren Temperatur von 425 °C ausgegangen.
Basierend auf diesen Ergebnissen erfolgt in Bild 5.21 eine Gegenüberstellung der
Austenitgehalte für den simulierten und den realen Schweißprozess in Abhängigkeit von der
Spitzentemperatur.
Bild 5.21: Gegenüberstellung der Austenitgehalte in Abhängigkeit von der Spitzentemperatur für
eine reale Punktschweißverbindung (Temperaturdaten näherungsweise durch die Sorpas-Simulation
bestimmt) und für die Ofenproben
105
Es können sowohl für den unbeeinflussten Grundwerkstoff als auch für den Übergangsbereich
WEZ/Schweißlinse (1200 °C) relativ gute Übereinstimmungen festgestellt werden. Da durch
die in-situ Messungen mittels Synchrotronstrahlung nachgewiesen wurde, dass der
Austenitzerfall in einem vergleichsweise kleinen Temperaturintervall erfolgt (siehe Bild
4.18), können die Abweichungen im Übergangsbereich WEZ/Grundwerkstoff (500 °C bzw.
425 °C) auf die unterschiedlich hohen Spitzentemperaturen zurückgeführt werden. Anzumer-
ken bleibt weiterhin, dass die Ergebnisse der realen Punktschweißverbindung für die mittlere
Spitzentemperatur von 425 °C die Aussagen von [116] hinsichtlich der Grenztemperatur für
den Austenitzerfall (400 °C) prinzipiell bestätigen.
Die geringen Abweichungen in den Austenitgehalten der realen Fügestelle und der korres-
pondierenden wärmebehandelten Proben führen zu der Schlussfolgerung, dass eine Übertrag-
barkeit der aus den Ofenversuchen gewonnenen Ergebnisse bezüglich des Austenitgehaltes
auf die WEZ einer realen Widerstandspunktschweißverbindung möglich ist. Demnach kann
die Entwicklung des Austenitgehaltes sowie des metastabilen Austenitanteils in einer Wider-
standspunktschweißverbindung wie in Bild 5.22 dargestellt näherungsweise beschrieben
werden. So liegen lediglich im Übergang von der WEZ zum Grundwerkstoff signifikante
Austenitgehalte vor. Eine Beeinflussung des mechanischen Verhaltens durch eine γ→αM-
Phasenumwandlung (TRIP-Effekt) bei äußerer Belastung ist daher ebenfalls lediglich in
diesem Bereich zu erwarten. Basierend auf den hier dargestellten Ergebnissen ist davon
auszugehen, dass bei dem widerstandpunktgeschweißten TRIP Stahl HCT690T die für TRIP
Stähle typische Kombination aus hoher Festigkeit und hoher Verformbarkeit in der WEZ nur
im Übergangsbereich zum Grundwerkstoff, d.h. bei Spitzentemperaturen von ≤ 500 °C,
erreicht werden können. Aufgrund der vergleichsweise geringen Größe dieses Werkstoffbe-
reiches wird geschlussfolgert, dass der TRIP-Effekt keinen deutlichen Einfluss auf die me-
chanischen Eigenschaften von Punktschweißverbindung aus TRIP Stahl ausüben kann.
Bild 5.22: Darstellung der Entwicklung des Austenitgehaltes und des metastabilen Austenitanteils in
einer realen Widerstandspunktschweißverbindung aus HCT690T
106
5.4.2 Einfluss des Temperaturzyklus beim Widerstandspunktschweißen
auf die lokalen mechanischen Eigenschaften
5.4.2.1 Diskussion der Härteverläufe
Die Härte ist das wichtigste Kriterium zur Charakterisierung der lokalen mechanischen Eigen-
schaften von Widerstandspunktschweißverbindungen [134], [135]. Dabei zeigen die Ergeb-
nisse den typischen Verlauf mit einem drastischen Anstieg der Härte in der WEZ bis auf das
Niveau der Schweißlinse.
Die Härteverläufe können jedoch auch als Referenzdaten für die Bewertung der Ergebnisse
aus den Ofenversuchen hinsichtlich einer Übertragbarkeit auf die mechanischen Kennwerten
einer Widerstandspunktschweißverbindung genutzt werden. Bild 5.23a zeigt die Härtewerte
der Ofenproben im Vergleich zu den Ergebnissen der Widerstandspunktschweißverbindung.
Dabei kann festgestellt werden, dass die Proben mit einer Spitzentemperatur von 500 °C und
700 °C sich in Bereichen der WEZ eingliedern, die eine relativ geringe Härtezunahme im
Vergleich zum Grundwerkstoff aufweisen. Hingegen erreicht die Ofenprobe mit einer Spit-
zentemperatur von 1200 °C einen Härtewert der nahezu dem der Schweißlinse entspricht.
Basierend auf dem mittels Sorpas bestimmten Temperaturfeld werden in Bild 5.23b die
Spitzentemperaturen in der WEZ ermittelt, die zu einer äquivalenten Härte bei einer Wider-
standspunktweißverbindung führen. Dabei kann eine relativ gute Übereinstimmung der im
Ofenversuch tatsächlich aufgetretenen Spitzentemperatur und der mittels numerischer Simula-
tion bestimmten Spitzentemperatur festgestellt werden.
150
300
450
600
750
900
1050
1200
1352
1500
Temperatur in °C
Widerstandspunktschweißverbindung
Ofenproben
1200 °C
-4,0 -3,5 -3,0 -2,5 -2,0
0
100
200
300
400
500
600
Härte HV0,5
Abstand von der Schweißlinsenmitte in mm
WEZ
a) b)
-4 -2 0
0
100
200
300
400
500
600
Härte HV0,5
Abstand von der Schweißlinsenmitte in mm
GW WEZ Schweißlinse
500 °C
700 °C
900 °C
500 °C
700 °C
1200 °C
900 °C
1100 °C
825 °C
650 °C
525 °C
Bild 5.23: a) Vergleich der Härtewerte einer realen Punktschweißverbindung aus HCT690T und den
thermisch simulierten Zugproben b) Analyse der Spitzentemperatur der Ofenproben durch einen
Vergleich mit der Sorpas-Simulation
Bemerkenswert ist hingegen, dass die Härtewerte der thermisch behandelten Zugproben
(500 °C und 700 °C) oberhalb des Grundwerkstoffniveaus liegen, während die Festigkeit
dieser Proben geringer ist als die des Grundwerkstoffes, siehe Bild 4.35. Demnach kann die
häufig beschriebene direkte Korrelation zwischen Härte und Festigkeit hier nicht nachgewie-
107
sen werden, wodurch eine Übertragung von Härtewerte auf Festigkeitskennwerte unter den
hier dargestellten Bedingungen nicht möglich ist.
Auf Grundlage der o.g. Ergebnisse kann geschlussfolgert werden, dass die in den Ofenversu-
chen bei den jeweiligen Spitzentemperaturen ermittelten mechanischen Kennwerte auf die
Bereiche der WEZ einer Widerstandspunktschweißverbindung übertragen werden können, in
denen den Ofenversuchen äquivalente Temperaturen vorliegen.
5.4.2.1 Instrumentierte Eindringprüfung
Sowohl die mittels der instrumentierten Eindringprüfung bestimmten Fließspannungen als
auch die wahren Spannungs-Dehnungskurven zeigen bereits in der WEZ einen signifikanten
Anstieg der Festigkeit bis auf das Niveau der Schweißlinse. Basierend auf den Festigkeits-
kennwerten aber auch den Härtewerten können zwei unterschiedliche Bereiche innerhalb der
WEZ definiert werden, Bild 5.24.
WEZ SchweißlinseGrundwerkstoff
1
2
3
1,0 mm
4
5
8
7
6
15
910 11 12
(II)
0246
0
100
200
300
400
500
600
700
800
900
1000
15 12 11
1
9
8
6
7
4
5
2
3
Fließgrenze in MPa
Abstand von der Linsenmitte in mm
Schweißlinse Grundwerkstoff
10
WEZ
(I)
Bild 5.24: Mittels der instrumentierten Eindringprüfung bestimmte Fließgrenzen für die WEZ und
die Schweißlinse mit Einteilung der WEZ in zwei signifikant unterschiedliche Bereiche (I) und (II)
Bereich I umfasst den Bereich der WEZ der geringfügig höhere Festigkeiten aufweist als der
Grundwerkstoff. Basierend auf den Ergebnissen aus den Ofenexperimenten ist davon auszu-
gehen, dass in diesen Bereich Temperaturen von deutlich unter 900 °C auftreten. Diese Hypo-
these wird durch den in Bild 5.23 gezeigten Härtevergleich der thermisch behandelten Zug-
proben und der Punktschweißverbindung gestützt.
Im Bereich II liegen die mechanischen Eigenschaften bereits auf dem Niveau der Schweißlin-
se. Das ist konsistent zu den Ergebnissen von Sommer [147] und Tao et al. [164] die Festig-
keitskennwerte der WEZ ermittelten die denen der Schweißlinse entsprechen. Zusätzlich
wurde von [164] ebenfalls eine Unterteilung der WEZ in einen harten und einen weicheren
Bereich vorgenommen. In Bereich II der WEZ treten Temperaturen deutlich oberhalb von
108
700 °C auf (Bild 4.18). Diese führen zu einem hohen Austenitanteil vor dem Abkühlprozess,
was in Übereinstimmung mit [117] folglich einen hohen Anteil an Martensit nach dem Ab-
kühlen im Gefüge erwarten lässt. Eine Erhöhung der lokalen Temperatur über ca. 1000 °C
führt nach Bild 4.18 und [114] nicht zu einer weiteren signifikanten Zunahme des
Austenitgehaltes vor und somit des Martensitgehaltes nach dem Abkühlvorgang womit eine
wesentliche Veränderung der mechanischen Eigenschaften, unter Voraussetzung vergleichba-
rer Abkühlbedingungen, ausgeschlossen werden kann. Daher liegen im Bereich II Festig-
keitskennwerte vor, die denen der Schweißlinse entsprechen.
In Hinblick auf die Bestimmung der Verformungsfähigkeit ist anzumerken, dass die instru-
mentierte Eindringprüfung diesbezüglich keine zuverlässige Auswertung ermöglicht. So kann
bei diesen Verfahren im Gegensatz zu einer Zugprüfung kein Versagenskriterium wie z.B. der
Bruch der Probe definiert werden. Daher ist die Ermittlung der Bruch- oder der Gleichmaß-
dehnung als Kriterium für die Verformungsfähigkeit nicht möglich.
Um die Ergebnisse der instrumentierten Eindringprüfung zu validieren, werden die wahren
Spannungs-Dehnungskurven den Ergebnissen der Ofenversuche (unbehandelt, 900 °C und
1200 °C) gegenübergestellt, siehe Bild 5.25.
0,00 0,05 0,10 0,15 0,20
0
250
500
750
1000
1250
1500
1750
2000
2250
2500
2750
Wahre plastische Dehnung
1 - Grundwerkstoff -IIP
7 - WEZ - IIP
8 - WEZ -
IIP
15 - Schweißlinse -
IIP
Grundwerkstoff
aus Zugversuch
900 °C und abgeschreckt
1200 °C und abgeschreckt
WEZ SchweißlinseGrundwerkstoff
1
2
3
1,0 mm
4
5
8
7
6
15
910 11 12
Wahre Spannung in MPa
.
Bild 5.25: Vergleich der wahren Spannungs-Dehnungskurven aus der instrumentierten Eindringprü-
fung und den thermisch behandelten Zugproben
Dabei zeigt sich, dass bezüglich des Grundwerkstoffes eine relativ gute Übereinstimmung der
Ergebnisse besteht. Die Abweichung liegt dabei im Maximum unterhalb von 18 %. Bezüglich
der mechanischen Kennwerte der Schweißlinse bzw. des Bereichs II der WEZ kann bis zu
einer wahren plastischen Dehnung von 0,03 für die auf 900 °C erwärmte Probe ebenfalls eine
relative gute Übereinstimmung nachgewiesen werden. Oberhalb einer Dehnung von 0,03
weichen die wahren Spannungs-Dehnungskurven jedoch stark voneinander ab. Hingegen liegt
109
für die auf 1200 °C erwärmte Probe im gesamten plastischen Dehnungsbereich ein deutlich
unterschiedlicher Spannungs-Dehnungsverlauf vor. Diese Abweichungen können aus den
Beschränkungen des verwendeten Auswerteprogramms (Indent-Analyser) resultieren. So sind
die neuronalen Netze lediglich bis zu einer Streckgrenze von 500 MPa trainiert (siehe Kap. 3).
Ein Vergleich der Ergebnisse der Eindringprüfung mit den Untersuchungen von Sommer
[147] und Tao et al. [164] weist ein inkonsistentes Verhalten nach. So wurden mit 1000 MPa
bzw. 1150 MPa in diesen Arbeiten deutlich höhere Fließspannungen für die Schweißlinse
ermittelt als bei Einsatz der instrumentierten Eindringprüfung. Auch die experimentell be-
stimmten wahren Spannungs-Dehnungskurven (Ofenversuche) weichen relativ stark von den
Ergebnissen der instrumentierten Eindringprüfung ab. Hingegen zeigen die mit Hilfe von
Ofenversuchen bestimmten Fließgrenzen eine relativ gute Übereinstimmung zu den Werten
von [147]. Anzumerken bleibt, dass die Vergleichbarkeit der Ergebnisse jedoch eingeschränkt
ist, da diese Untersuchungen an einen Dualphasenstahl und nicht an einen TRIP Stahl durch-
geführt wurden. Jedoch deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die instrumentierte Eindring-
prüfung in der hier verwendeten Form lediglich Tendenzen in Hinblick auf die Festigkeits-
kennwerte der WEZ und der Schweißlinse liefern kann. Eine Validierung des Verfahrens
durch einen statistisch abgesicherten Vergleich der wahren Spannungs-Dehnungskurven von
thermisch behandelten Zugproben und den Ergebnissen der instrumentierten Eindringprüfung
an identisch behandelten Proben ist daher für einen weiteren Einsatz der instrumentierten
Eindringprüfung als Verfahren zur Bestimmung lokaler mechanischer Kennwerte von
Schweißverbindungen erforderlich.
Durch eine Kopplung der Ergebnisse aus der instrumentierten Eindringprüfung und den
Ofenversuchen, insbesondere auf Basis der Steigung der Kurven, können jedoch näherungs-
weise die zu erwartenden wahren Spannungs-Dehnungskurven der WEZ und der Schweißlin-
se ermittelt werden.
So zeigen die Ergebnisse aus den Ofenversuchen, dass die Steigung der wahren Spannungs-
Dehnungskurven nahezu unabhängig von der Spitzentemperatur ist, siehe Bild 4.35. In [166]
und [152] sind ebenfalls nahezu identische Anstiege der wahren Spannungs-Dehnungskurven
der WEZ, der Schweißlinse und des Grundwerkstoffes dargestellt. Demzufolge kann durch
eine einfache Verschiebung der wahren Spannungs-Dehnungskurven des Grundwerkstoffes
(Zugversuch) ab einer wahren plastischen Dehnung von 0,03 das mechanische Verhalten der
WEZ und der Schweißlinse neu bestimmt werden, siehe Bild 5.26. Der Dehnungswert von
0,03 wurde gewählt, da hier eine relativ gute Übereinstimmung zwischen den Ergebnissen der
Zugprüfung und der Eindringprüfung besteht. Da nach Tao et al. [164] der E-Modul im
Bereich der WEZ und der Schweißlinse dem des Grundwerkstoffes entspricht, kann der
elastische Bereich zusätzlich in die Betrachtungen mit einbezogen werden.
110
WEZ SchweißlinseGrundwerkstoff
1
2
3
1,0 mm
4
5
8
7
6
15
910 11 12
1 - Grundwerkstoff (GW)
4 - WEZ
5 - WEZ
6 - WEZ
7 - WEZ
8 - WEZ
15 - Schweißlinse
0
250
500
750
1000
1250
1500
1750
2000
2250
2500
2750
Modifizierung
(Steigung aus Zugversuch)
Bild 5.26: Modifizierte wahre Spannungs-Dehnungskurven für verschiedene Bereiche der Punkt-
schweißverbindung aus HCT690T
Für die Schweißlinse werden unter Berücksichtigung der Arbeiten von [147] und [164] bei
denen für die Schweißlinse eine Fließspannungen oberhalb von 1000 MPa bestimmt wurde,
deutliche Abweichungen zu den Ergebnissen der Eindringprüfung nachgewiesen. Daher wird
in den weiteren Untersuchungen für diesen Bereich die wahre Spannungs-Dehnungskurve aus
den Ofenversuchen bei 1200 °C (Fließspannung: 1000 MPa) verwendet. Somit wird lediglich
für die WEZ die aus der instrumentierten Eindringprüfung bestimmte Spannungs-
Dehnungskurve genutzt. Die wahren Spannungs-Dehnungskurven für den Grundwerkstoff,
die WEZ und die Schweißlinse sind in Bild 5.27 zusammenfassend dargestellt. Sie werden im
Folgenden als Eingangsdaten für die numerische Simulation der Beanspruchungsverhältnisse
an einer Widerstandspunktschweißverbindung genutzt.
Grundwerkstoff (Zugversuch)
WEZ Bereich I (instrumentierte Eindringprüfung)
Schweißlinse / WEZ Bereich II (Ofenversuche bei 1200 °C)
0
250
500
750
1000
1250
1500
1750
2000
2250
2500
2750
Modifizierung (Steigung aus Zugversuch)
Wahre Dehnung
Versagen der Probe
Bild 5.27: Für die FE-Simulation genutzten wahren Spannungs-Dehnungskurven des Grundwerk-
stoffes, der WEZ und der Schweißlinse; lediglich die wahre Spannungs-Dehnungskurve der Schweiß-
linse ist bis zum Versagen der Proben dargestellt
111
Im FE-Modell (siehe Kapitel 3) wird die Spannungs-Dehnungskurve der Schweißlinse
(1200 °C) als Eingangsdaten für die WEZ-1 und für die Schweißlinse genutzt. Für die im FE-
Modell als WEZ-2 beschriebene Zone erfolgt vergleichend die Implementierung der Grund-
werkstoffdaten (Modell-1), der Spannungs-Dehnungskurve der WEZ (instrumentierte Ein-
dringprüfung - Modell-2) sowie der Spannungs-Dehnungskurve der Schweißlinse (Ofenver-
such bei 1200 °C - Modell-3). Die Nutzung von jeweils einer Spannungs-Dehnungskurve für
die WEZ und die Schweißlinse entspricht dem Vorgehen von [152], [155].
In Tabelle 5.1 sind die charakteristischen Kennwerte der drei Zonen (Grundwerkstoff, WEZ,
Schweißlinse) zusammenfassend dargestellt.
Tabelle 5.1: Mechanische Kennwerte der für die FE-Simulation verwendeten Zonen (Grundwerk-
stoff, WEZ, Schweißlinse)
Bereich Fließgrenze in MPa Wahre Bruchspannung
in MPa
Wahre Bruchdehnung
Grundwerkstoff 400 1150 65
WEZ 550 ---5 ---5
Schweißlinse 1000 1560 0,21
5.5 Verformungsverhalten von widerstandspunktgeschweißten
TRIP Stahl
Das Verformungsverhalten, charakterisiert durch die maximale Dehnung an der Fügestelle, ist
sowohl qualitativ als auch quantitativ für die Vorder- und Rückseite der Scherzugprobe
vergleichbar. Die beobachteten Abweichungen in den Dehnungswerten treten insbesondere
im Bereich geringer Dehnungen (x < 0,04) auf. Ursachen für die geringen Abweichungen der
Dehnungen an Vorder- und Rückseite können u.a. eine unsymmetrische Linsenausbildung
und/oder unterschiedliche Kerbgeometrien sein. Auch Messfehler, die durch die Nutzung des
Spiegelsystems hervorgerufen werden könnten, sind nicht gänzlich als Ursache auszuschlie-
ßen. Bei einer Belastungen nahe der Scherzugfestigkeit sind die Abweichungen, unter Be-
rücksichtigung der Streuung innerhalb einer Versuchsreihe (Standartabweichung ~ 0,01),
hingegen vernachlässigbar klein.
Anhand der Dehnungsfeldmessung konnte neben der maximalen Dehnung auch das Deh-
nungsverhalten im gesamten Fügebereich analysiert werden. Die Konzentration der Dehnung
im Bereich außerhalb des Elektrodeneindrucks bzw. der Schweißlinse resultiert aus der kom-
binierten Kopf- und Scherkraft und den folglich erhöhten Spannungen in diesen Bereich (vgl.
Bild 2.13c) und wurde ebenfalls von [146] beobachtet. In Übereinstimmung mit [162], [158]
ist für den Bereich der Schweißlinse lediglich eine vernachlässigbar kleine Dehnung nach-
weisbar. Analoge Resultate wurden bereits von Sakai et al. [158] vorgestellt. Zu berücksichti-
gen ist jedoch, dass die erzielten Ergebnisse hinsichtlich der Dehnung im Scherzugversuch
5 Aufgrund des fehlenden Versagenskriteriums konnten diese Werte mittels der instrumentierten Eindringprü-
fung nicht bestimmt werden.
112
lediglich für den Ausknöpfbruch vorliegen, das Verhalten bei einem Scherbruch bzw. Misch-
bruch wurde in den hier durchgeführten Untersuchungen nicht betrachtet.
Bei geringen Dehnungen unterhalb von 0,004 wurden bei der optischen Dehnungsfeldmes-
sung relativ große Streuungen beobachtet. Um eine präzise Analyse insbesondere in Hinblick
auf den Vergleich mit den Ergebnissen der numerischen Simulation zu gewährleisten, wurden
Messungen mittels Dehnungsmessstreifen für den Bereich der maximalen Dehnung durchge-
führt. Bild 5.28 zeigt den Vergleich der mit den unterschiedlichen Verfahren bestimmten
Kraft-Dehnungskurven und verdeutlicht die relativ gute Übereinstimmung der Ergebnisse. So
liegt die mittels DMS bestimmte Kraft-Dehnungskurve innerhalb des durch die Dehnungen an
der Vorder- und Rückseite durch die optische Dehnungsfeldmessung vorliegenden Streuban-
des.
-0,002 0,000 0,002 0,004 0,006 0,008 0,010
0
2
4
6
8
10
12
Kraft in kN
Dehnung e
x
Aramismessung
Dehnungsmessstreifen
Rückseite
Vorderseite
DMS
Bild 5.28: Gegenüberstellung der Kraft-Dehnungskurven aus den Dehnungsfeldmessungen
(ARAMIS) und den Messungen mittels DMS
Die für geringe Belastungen vorliegende negative Dehnung ist sowohl für die DMS-Messung
als auch für die optische Dehnungsmessung zu beobachten. Hinsichtlich eines Vergleiches ist
zu berücksichtigen, dass bei der Messung mittels DMS die Dehnung für einen Oberflächenbe-
reich gemittelt wurde, so dass nicht sichergestellt werden konnte, dass ausschließlich die
maximale Oberflächendehnung analysiert wurde. Dadurch ist die quantitative Übertragbarkeit
der Ergebnisse auf die optischen Dehnungsfeldmessungen eingeschränkt.
Der nachgewiesene negative Dehnungsanteil bei geringen Belastungen im Scherzugversuch
charakterisiert eine Druckspannung an der Oberfläche und wurde bereits von [158], [159]
beobachtet. Als Ursache kann der sich bei einer beginnenden Rotation der Schweißlinse
ausbildende Kopfzuganteil F┴ genannt werden. Dieser wird jedoch bei zunehmender Belas-
tung durch den Zuganteil in diesem Blechquerschnitt überlagert, so dass oberhalb einer be-
stimmten Kraft schließlich eine positive Dehnung vorliegt. Auch Adib und Jeong beschreiben
113
in [142] eine Druckspannung im Oberflächenbereich einer im Scherzugversuch belasteten
Widerstandspunktschweißprobe.
In Kombination mit dem Dehnungsfeld dienen die mittels optischer Dehnungsfeldmessung
bestimmten und durch die DMS Messung bestätigten Kraft-Dehnungskurven sowohl als
qualitative wie auch als quantitative Referenzdaten für die Diskussion der Ergebnisse der
numerischen Simulation.
5.6 FE-Simulation
Der qualitative Vergleich (Bild 4.47) zeigt in Hinblick auf das sich ausbildende Dehnungsfeld
zunächst ein nahezu identisches Dehnungsverhalten für die unterschiedlichen Simulationsmo-
delle. Für das Modell 1, bei dem die Materialkenndaten des Grundwerkstoffes für die WEZ-2
genutzt wurden, tritt jedoch eine größere maximale Oberflächendehnung auf als für das
Modell 2 und das Modell 3, bei denen die Kenndaten der WEZ (Eindringprüfung) bzw. die
Kenndaten der Schweißlinse (Ofenversuche) verwendet wurden. Mit zunehmender Festigkeit
der WEZ-2, d.h. der Zone deren Materialkenndaten variiert werden, ist eine Reduzierung der
maximal auftretenden Oberflächendehnungen festzustellen.
Die quantitativen Ergebnisse der numerischen Simulationen lassen für die drei untersuchten
Modelle ein unterschiedliches lokales Verhalten erkennen. Das äußert sich vorwiegend in den
divergenten Kraft-Dehnungsverläufen, gekennzeichnet durch unterschiedliche maximale
negative Dehnungen zu Beginn der Messung, einem abweichenden Anstieg der Kraft-
Dehnungskurve bei höheren Beanspruchungen und divergierenden Maximalkräften/-
dehnungen bei identischer Verlängerung. Hingegen zeigen die ermittelten Kraft-
Verlängerungskurven geringere Abweichungen bei der Maximalkraft und in der Kraft-
Verlängerungskurve, siehe auch Bild 5.29. Diese Diskrepanz resultiert voraussichtlich aus den
Gültigkeitsbereichen der verschiedenen Messkurven. So repräsentieren die Kraft-
Dehnungskurven das lokale Verhalten, das wesentlich durch die lokalen mechanischen
Kennwerte (WEZ, Schweißlinse) bestimmt wird. Durch die Erhöhung der Festigkeit der
WEZ-2 in Modell 2 und Modell 3 sowie der dadurch hervorgerufenen gravierenden Änderun-
gen der lokal vorliegenden mechanischen Kennwerte können die unterschiedlichen Ergebnis-
se für die genutzten Simulationsmodelle erklärt werden. Die Kraft-Verlängerungskurve wird
hingegen durch die in der gesamten Probe vorliegenden mechanischen Kennwerte bestimmt.
Da das Grundwerkstoffvolumen dem der WEZ und der Schweißlinse deutlich überwiegt, ist
der Einfluss des Grundwerkstoffes auf das globale Kraft-Verlängerungsverhalten wesentlich
größer als bei der lokalen Dehnungsmessung. Diese Hypothese wird auch durch die im Scher-
zugversuch nachgewiesene plastische Verformung des Grundwerkstoffes (ca. 0,02 - Bild
4.44) gestützt. Da identische mechanische Kennwerte für den Grundwerkstoff in den drei
Modellen verwendet wurden, ist folglich ein vergleichbares globales Verhalten mit lediglich
geringen Unterschieden nachzuweisen. Anzuerkennen bleibt, dass die Dehnungsfelder, unab-
hängig vom Simulationsmodell eine relativ gute qualitative Übereinstimmung zu der Arbeit
von Radakovic und Tumuluru [146] zeigen.
Hinsichtlich des Festigkeitsverhaltens im Scherzugversuch konnte tendenziell die von
Crostack [143] sowie Chandel und Garber [144] prognostizierte Zunahme der Scherzugkraft
mit höherer Festigkeit der WEZ nachgewiesen werden.
114
Die Gegenüberstellung der Simulationsergebnisse mit den Ergebnissen des realen Scherzug-
versuchs ist in Bild 5.29 gezeigt.
0,00 0,05 0,10 0,15 0,20
0
2
4
6
8
10
12
0,0 0,5 1,0 1,5 2,0
0
2
4
6
8
10
12
Kraft in kN
Dehnung ex
Kraft in kN
Verlängerung in mm
Modell 1 (mit Grundwerkstoff)
Modell 2 (mit WEZ)
Modell 3 (mit Schweißlinse)
Experiment
a)
b)
0,00 0,02 0,04 0,06 0,08 0,10
8,0
8,5
9,0
9,5
10,0
10,5
11,0
11,5
12,0
Dehnung e
x
Kraft in kN
Modell 1 (mit Grundwerkstoff)
Modell 2 (mit WEZ)
Modell 3 (mit Schweißlinse)
Experiment (Aramis)
1,0 1,2 1,4 1,6 1,8
8,0
8,5
9,0
9,5
10,0
10,5
11,0
11,5
12,0
Verlängerung in mm
Kraft in kN
Bild 5.29: Vergleich der Kraft-Dehnungskurven a) und der Kraft-Verlängerungskurven b) mit den
experimentellen Ergebnissen
Bild 5.29a zeigt zunächst die Kraft-Verlängerungskurven bis zum Erreichen einer Verlänge-
rung von 1,7 mm. Dabei wird unabhängig vom verwendeten Modell eine gute qualitative
Übereinstimmung (Verlauf der Kraft-Dehnungskurve) nachgewiesen. Der quantitative Ver-
gleich offenbart jedoch gravierende Abweichungen in Hinblick auf die maximalen Oberflä-
chendehnungen bei gleicher globaler Verlängerung der Probe. Dieser Sachverhalt wird im
Folgenden näher analysiert und diskutiert.
Bezüglich der Qualität der verwendeten Modelle zur Abbildung des lokalen Verhaltens kann
nachgewiesen werden, dass die Kraft-Dehnungskurven, die sich aus den Modellen 2 und 3
ermitteln lassen, eine größere Übereinstimmung zum realen Verhalten aufweisen als die
entsprechenden Ergebnisse des Modells 1. Dabei liegen die geringsten Abweichungen zum
realen Verhalten bei Modell 3 vor.
115
Bezüglich des globalen Verhaltens (Kraft-Verlängerungskurve) wurden lediglich geringe
Abweichungen der Simulationsergebnisse von den experimentellen Daten bestimmt. Hier
zeigt sich, dass Modell 2 tendenziell eine bessere Näherung zum realen Verhalten darstellt als
das Modell 1 und das Modell 3, bei denen vergleichbar große Abweichungen zu beobachten
sind.
Die Genauigkeit der Simulationsergebnisse bei geringen Belastungen bzw. Dehnungen wird
in Bild 5.30 durch eine Gegenüberstellung der experimentell (ARAMIS, DMS) sowie
simulativ bestimmten Kraft-Dehnungskurven diskutiert. Dabei wird deutlich, dass die Ergeb-
nisse der drei verwendeten Modelle eine gute qualitative wie auch quantitative Übereinstim-
mung zu den optischen Dehnungsfeldmessungen der Probenrückseite aufweisen, wobei die
Modelle 2 und 3 auch hier tendenziell bessere Ergebnisse aufweisen als Modell 1. Die Unter-
schiede zu den DMS-Messungen bestehen in einem bei gleicher Dehnung höheren Kraftni-
veau, wobei auch hier eine ausreichend gute Übereinstimmung der Kraft-Dehnungskurven
nachweisbar ist. Die ermittelten Unterschiede können aus der bei DMS-Messungen vorlie-
genden relativ großen Messfläche resultieren, so dass zusätzlich zu dem Bereich der maxima-
len Dehnung auch ein Gebiet mit geringerer Oberflächendehnung erfasst wird, siehe Bild
5.28.
Somit bleibt festzuhalten, dass, unabhängig von dem verwendeten Modell, die mittels FE-
Simulation bestimmten maximalen Oberflächendehnungen eine gute Übereinstimmung zu
den experimentell ermittelten Daten aufweisen.
Bild 5.30: Vergleich der Kraft-Dehnungskurven der FE-Simulationen und der experimentellen
Versuchsreihen (DMS, ARAMIS)
Zusammenfassend kann geschlussfolgert werden, dass sich hinsichtlich einer zufriedenstel-
lenden numerischen Simulation des mechanischen Verhaltens einer widerstandspunktge-
schweißten Scherzugprobe prinzipiell alle hier untersuchten Modelle eignen. Für eine präzise-
116
re Modellierung sollte jedoch das Modell 2 (besseres globales Verhalten) bzw. das Modell 3
(besseres lokales Verhalten) genutzt werden. Daher werden ausschließlich diese im Folgenden
weiterführend betrachtet. Von Bedeutung ist weiterhin, dass, unabhängig von dem betrachte-
ten Simulationsmodell, eine gute Übereinstimmung für das globale Kraft-
Verlängerungsverhalten zwischen Experiment und Simulation nachgewiesen wurde (Bild
5.29b). Hingegen können die simulativ ermittelten lokalen Dehnungskennwerte bei gleicher
Kraft deutlich von den experimentellen Ergebnissen abweichen. Infolgedessen wird ge-
schlussfolgert, dass für eine gesichtete Bewertung von numerischen Simulationsmodellen das
lokale Verhalten zwingend zu berücksichtigen ist, da es sensitiver auf Änderungen der Mate-
rialkenndaten des Fügebereichs reagiert als die globalen Kennwerte. Dies bedeutet, dass die
präzise Nachbildung der Kraft-Verlängerungskurven durch FE-Simulation nicht notwendi-
gerweise zu einer exakten Abbildung des lokalen, d.h. für das Bruchverhalten wesentlichen
Verhaltens führt. Das ist insbesondere bei der Interpretation der Ergebnisse aus den Literatur-
angaben [152], [153], [154], [184], bei denen der Vergleich der realen und der simulierten
Kraft-Verlängerungskurve als Bezugsgröße diente, zu berücksichtigen.
Weiterhin weisen die Ergebnisse der hier verwendeten Simulationsmodelle darauf hin, dass
für eine numerische Simulation des Scherzugversuchs die präzise Bestimmung von Span-
nungs-Dehnungskurven der WEZ nicht zwingend erforderlich ist. So zeigt die Gegenüberstel-
lung der Resultate keine signifikante Verbesserung des lokalen wie auch des globalen Kraft-
Dehnungs- bzw. Kraft-Verlängerungsverhaltens. Zu berücksichtigen ist, dass die hier ver-
wendeten Simulationsmodelle Vereinfachungen beinhalten (siehe Kapitel 3), die keine allge-
meingültige Aussage erlauben.
Die Gegenüberstellung der maximalen lokalen Oberflächendehnungen der Modelle 2 und 3
im Vergleich zum realen Scherzugversuch offenbart eine hohe Diskrepanz. Jedoch ist dabei
zu beachten, dass die o.g. Ergebnisse ohne Berücksichtigung eines möglichen Versagens der
Probe diskutiert wurden. Auch Mazzaferro et al. [151] weisen auf die Bedeutung eines
Versagenskriteriums für die Bewertung von FE-Simulationen von Scherzugproben hin. In der
vorliegenden Arbeit wird vereinfacht das Versagen der Probe durch das lokale Überschreiten
der wahren Bruchspannung bzw. wahren Bruchdehnung charakterisiert. Für die in Bild 4.49
dargestellten kritischen Bereiche (kerbnaher Bereich, Randbereich der WEZ und Grundwerk-
stoffbereich) werden dazu die aus den Zugversuchen bestimmten wahren Bruchspannungen
bzw. wahren Bruchdehnungen als Bezugsgrößen verwendet. Zu berücksichtigen ist dabei,
dass z.B. Stützeffekte durch das umliegende Werkstoffvolumen nicht berücksichtigt werden.
In Bild 5.31 und Bild 5.32 sind für die o.g. kritischen Bereiche die in der FE-Simulation
(Modell 2 und 3) ermittelten von Mises Vergleichsdehnungen und -spannungen in Zusam-
menhang mit den ertragbaren wahren Spannungen und Dehnungen (siehe Tabelle 5.1) darge-
stellt.
117
Bild 5.31: Modell 2 (Kenndaten der WEZ): von Mises Dehnung a) und von Mises Spannung b) für
die drei kritischen Bereiche der numerisch simulierten Punktschweißverbindung (siehe Bild 4.49) mit
Angabe der jeweiligen Bruchdehnungen und Bruchspannungen die experimentell aus Zugversuchen
ermittelt wurden
118
Bild 5.32: Modell 3 (Kenndaten der Schweißlinse): von Mises Dehnung a) und von Mises Spannung
b) für die drei kritischen Bereiche der numerisch simulierten Punktschweißverbindung (siehe Bild
4.49) mit Angabe der jeweiligen Bruchdehnungen und Bruchspannungen die experimentell aus Zug-
versuchen ermittelt wurden
Es zeigt sich, dass das „Versagen“ der Probe bei einer Kraft von ca. 10,2 kN (Modell 2) bzw.
ca. 10,4 kN (Modell 3) erfolgt und durch die Überschreitung der Bruchdehnung im Kerbna-
hen Bereich charakterisiert ist.
Dies ist jedoch nur unter der Annahme gültig, dass der Randbereich der WEZ (Materialkenn-
daten aus Eindringversuch – siehe Bild 5.27) eine geringfügig höhere wahre Bruchdehnung
aufweist als der kerbnahe Bereich (Materialkenndaten der Schweißlinse). Für Modell 2 ist zu
berücksichtigen, dass die instrumentierte Eindringprüfung wie oben diskutiert keine Ermitt-
lung einer wahren Bruchdehnung ermöglicht. Jedoch ist davon auszugehen, dass aufgrund der
geringeren Festigkeit der WEZ gegenüber der Schweißlinse (Eingangsdaten für den Kerbna-
hen Bereich) eine höhere Verformbarkeit vorliegt und folglich die Annahme gerechtfertigt ist.
Weiterhin ist festzustellen, dass die wahre Bruchspannung, trotz Spannungskonzentration im
kerbnahen Bereich [142], bei beiden Modellen weder an der Kerbe noch im Grundwerkstoff
119
überschritten wird. Allerdings wird diese bei „Versagen“ im kerbnahen Bereich nur geringfü-
gig unterschritten. Zu beachten ist wiederum, dass für das Modell 2 (Kenndaten aus der
instrumentierten Eindringprüfung) keine wahre Bruchspannung vorliegt. Zu erwarten ist
jedoch, dass diese oberhalb von 1250 MPa liegt, so dass ein Versagen unterhalb einer Kraft
von 10,2 kN nicht auftritt.
Ausgehend von einem Versagen der Probe bei einer Kraft von 10,2 kN bzw. 10,4 kN stellt
sich der Vergleich der experimentell und numerisch ermittelten Kraft-Dehnungskurven bzw.
Kraft-Verlängerungskurven wie in Bild 5.33 gezeigt da.
0,00 0,02 0,04 0,06 0,08 0,10
0
2
4
6
8
10
12
0,0 0,5 1,0 1,5 2,0
0
2
4
6
8
10
12
Kraft in kN
Dehnung
e
x
Modell 2 (mit WEZ)
Modell 3 (mit Schweißlinse)
Experiment
lokales Überschreiten
der Bruchdehnung
Versagen im Experiment
Modell 2 (mit WEZ)
Modell 3 (mit Schweißlinse)
Experiment
Kraft in kN
Verlängerung in mm
a)
b)
lokales Überschreiten
der Bruchdehnung
Versagen im Experiment
Bild 5.33: Gegenüberstellung der Kraft-Dehnungskurven a) und der Kraft-Verlängerungskurven b)
aus Experiment und FE-Simulation nach Auswertung des Versagenskriteriums
Für das Kraft-Dehnungsverhalten kann eine gute Übereinstimmung nachgewiesen werden. So
weicht die Maximalkraft für das Modell 2 um ca. 10 % und für das Modell 3 um ca. 7 % vor
120
der experimentell ermittelten Scherzugkraft ab. Die lokale Oberflächendehnung weicht für
beide Modelle um ca. 12 % von der experimentell ermittelten Dehnung ab. In Hinblick auf
das globale Verhalten werden jedoch relative große Abweichungen festgestellt. So erfolgt das
Versagen für beide Modelle bei einer Verlängerung von ca. 1,2 mm während im realen Scher-
zugversuch 1,7 mm ermittelt wurden. Der Vergleich mit der Literatur [151], [156] zeigt
jedoch, dass Abweichungen in diesem Umfang nicht unüblich sind und eine hinreichend
genaue Analyse des Bruchverhaltens sicherstellen können.
Anzumerken ist weiterhin, dass erst durch die Implementierung eines Versagensmodells mit
Rissbildung und -ausbreitung die Verlängerung bzw. maximale Oberflächendehnung im
Versagensfall zuverlässiger bestimmt werden kann. Weitere Möglichkeiten zur Optimierung
der Ergebnisse lassen sich u.U. durch die Veränderung des FE-Modells realisieren. Zu nennen
wären dabei z.B.:
die Netzverfeinerung insbesondere im Bereich der WEZ,
eine detaillierte Darstellung der WEZ durch eine Erhöhung der Anzahl der WEZ-
Bereiche sowie durch Nutzung verschiedener Spannungs-Dehnungskurven in diesen
Bereichen (vgl. [172])
Implementierung von Eigenspannungen.
Als ein weiteres Kriterium für die Verifizierung der Simulationsergebnisse kann der
Versagensort herangezogen werden. Im realen Scherzugversuch erfolgt der Bruch im kerbna-
hen Bereich. Da für die untersuchten Modelle auch im kerbnahen Bereich das Versagen durch
Überschreiten der wahren Bruchdehnung zu erwarten ist und zusätzlich eine der realen Scher-
zugprobe entsprechende Einschnürung im Übergangsbereich WEZ/Grundwerkstoff auftritt
(vgl. Bild 5.34), kann die o.g. gute Übereinstimmung von FE-Simulation und Experiment
auch unter Berücksichtigung dieses Aspektes bestätigt werden. Die beobachtete Einschnürung
tritt dabei ca. 1 mm von der Kerbe entfernt auf und zeigt damit eine gute Übereinstimmung zu
der Arbeit von Lin et al. [149].
Bild 5.34: Gegenüberstellung des Versagensortes und der lokalen Einschnürung einer realen
Scherzugprobe aus HCT690 mit den Ergebnissen der FE-Simulation für das Modell 2 (Modell 1 und 3
verhalten sich qualitativ äquivalent)
Abschließend erfolgt in Bild 5.35 exemplarisch für das Modell 2 eine Gegenüberstellung der
simulativ und experimentell bestimmten Dehnungsfelder bei Erreichen der maximal ertragba-
ren Belastung. Dabei wird sowohl eine gute qualitative wie auch eine zufriedenstellende
121
quantitative Übereinstimmung nachgewiesen. Demzufolge gelingt durch das hier verwendete
Simulationsmodell unter Nutzung der lokalen mechanischen Kennwerte eine gute Näherung
des lokalen mechanischen Verhaltens im Fügebereich einer Widerstandspunktschweißverbin-
dung aus TRIP Stahl HCT690T.
Bild 5.35: Vergleich des realen Dehnungsfeldes (ARAMIS-Messung) und des simulierten Dehnungs-
feldes im Scherzugversuch bei einer Verlängerung der Probe von 1,6 mm, die Lage der Schweißlinse
kann für die reale Scherzugprobe nicht angegeben werden
122
6 Zusammenfassung und Ausblick
Im Rahmend der vorliegenden Arbeit wurde der Einfluss des beim Widerstandspunktschwei-
ßen auftretenden Temperaturzyklus auf den Austenitgehalt und die Austenitstabilität von
niedriglegiertem TRIP Stahl untersucht. Darüber hinaus wurden die lokalen Werkstoffkenn-
daten der Fügestelle auf einen Zusammenhang zu den vorliegenden metastabilen
Austenitanteilen hin untersucht. Dadurch sollte die Fragestellung geklärt werden, ob und in
welchem Umfang der TRIP-Effekt (Austenit-Martensit-Phasenumwandlung) im Bereich der
Fügestelle auftritt und welchen Einfluss er auf die mechanischen Eigenschaften der Punkt-
schweißverbindung haben kann. Basierend auf den lokalen Werkstoffkennwerten wird darü-
ber hinaus durch eine 3D-FE-Simulation die Notwendigkeit der Ermittlung von lokalen
Materialparametern der WEZ für die präzise Analyse des Beanspruchungsverhaltens einer
Widerstandspunktschweißverbindung aus TRIP Stahl bewertet.
Um die o.g. Fragenstellungen hinsichtlich des TRIP-Effektes detailliert beantworten zu kön-
nen, erfolgte zunächst eine systematische Analyse der γ → αM-Phasenumwandlung im ther-
misch unbehandelten Grundwerkstoff. Hierzu wurden Zugversuche in Kombination mit
Beugungsexperimenten (Synchrotronstrahlung) durchgeführt, die eine in-situ Beobachtung
des Phasenumwandlungsverhaltens (TRIP-Effekt) in Abhängigkeit von der globalen Span-
nung/Dehnung wie auch der phasenspezifischen Spannungen ermöglichten. Dabei zeigten
sowohl die qualitativen wie auch die quantitativen Auswertungen der Beugungsspektren, dass
keine vollständige Umwandlung des vorliegenden Austenits im einachsigen Zugversuch
erfolgt. Vielmehr konnte nachgewiesen werden, dass selbst bei sehr hohen lokalen Dehnun-
gen wie sie oberhalb der Gleichmaßdehnung auftreten ca. 40 % des Austenits stabil ist. Mit-
tels TEM-Untersuchungen konnte die erhöhte Stabilität dieser Austenitkörner sowohl auf ihre
geringe Größe (< 1 µm) als auch ihre lamellare Morphologie zurückgeführt werden. Durch
die Gegenüberstellung eines die Austenitstabilität charakterisierenden Parameters mit Litera-
turangaben wurde schließlich gezeigt, dass in dem untersuchten TRIP Stahl Austenit mit
vergleichsweise hoher Stabilität vorliegt.
Die in den in-situ Zugversuchen ermittelten phasenspezifischen Spannungen wiesen darauf
hin, dass bei dem untersuchten TRIP Stahl keine spannungsunterstützte, sondern eine deh-
nungsinduzierte γ-Phasenumwandlung auftritt.
Um grundlegende Erkenntnisse zur Entwicklung des Austenitgehaltes während und nach dem
Punktschweißprozess zu gewinnen, wurden temperaturgeführte Ofenversuche unter Einsatz
von Synchrotronstrahlung durchgeführt. Dabei konnte gezeigt werden, dass oberhalb von
300 °C zunächst eine allmähliche, zwischen 400 °C und 450 °C schließlich eine drastische
Verringerung des Austenits bis auf < 5 % auftritt. Der im Schrifttum beschriebene Zerfall des
Austenits in Ferrit und Karbid wurde zwischen 500 °C und 600 °C im Beugungsspektrum
beobachtet. Die anschließende Neubildung des Austenits bei ca. 650 °C sowie die nach dem
Abkühlungsprozess vorliegende Restaustenitmenge wurden ebenfalls bewertet. Durch die
Nutzung unterschiedlicher Aufheiz- und Abkühlraten konnte darüber hinaus die Zeitabhän-
gigkeit des Zerfalls- (Aufheizen) und Umwandlungsmechanismus (Abkühlung) des Austenits
quantifiziert werden. Im Rahmen dieser Versuche und durch Analyse des Austenitgehaltes bei
unterschiedlichen Spitzentemperaturen wurde weiterhin nachgewiesen, dass nach einer Wär-
123
mebehandlung oberhalb von 500 °C unter Voraussetzung langsamer Erwärmung der verblei-
bende Austenitgehalt gering ist.
Um die Entwicklung des Austenitgehaltes in einer realen Punktschweißverbindung beurteilen
zu können, wurden ex-situ Phasenanalysen bei verschiedenen Spitzentemperaturen, wie sie im
Schweißprozess lokal in der WEZ auftreten können, durchgeführt. Eine Verknüpfung von
Gleeble-Versuchen, die eine hohe Aufheizrate sicherstellen und Ofenversuchen, die eine hohe
Abkühlrate gewährleisten, ermöglichte das reale Verhalten im und nach dem Schweißprozess
ganzheitlich abzubilden. Dabei konnten zum einen durch Dilatometermessungen und den
Zeit-Temperaturverläufen die Ac1-, Ac3-Temperatur sowie die Ms-Starttemperatur bestimmt
werden. Weiterhin wurde durch die Beugungsexperimente und die metallographische Unter-
suchungsmethoden der verbleibende Austenitgehalt bei unterschiedlichen Spitzentemperatu-
ren ermittelt und eine prinzipielle Übertragbarkeit der Ergebnisse auf reale Punktschweißver-
bindungen nachgewiesen.
Um neben dem Austenitgehalt in den verschiedenen Zonen einer Punktschweißverbindung
auch Aussagen zu den metastabilen Austenitanteilen zu erhalten, wurden die thermisch be-
handelten Proben bis zum Versagen belastet. Mittels Beugungsexperimenten konnten schließ-
lich die im einachsigen Zugversuch umgewandelten Austenitanteile bestimmt werden. Dabei
zeigte sich, dass bei einer Spitzentemperatur von 500 °C eine deutliche γ→αM-
Phasenumwandlung auftrat, d.h. ein relativ großer Anteil metastabilen Austenits vorlag. Für
die Spitzentemperaturen von 700 °C, 900 °C bzw. 1200 °C erfolgte im Zugversuch keine
deutliche Phasenumwandlung. Eine Übertragung der Ergebnisse auf reale Punktschweißver-
bindungen führt zu der Schlussfolgerung, dass die Bereiche der WEZ in denen Temperaturen
700 °C vorliegen, nicht durch den TRIP-Effekt beeinflusst werden können, während in den
WEZ Bereich bis 500 °C eine Beeinflussung möglich ist. Da dieser Bereich bezogen auf die
gesamte WEZ vergleichsweise klein ist, wird hinsichtlich des mechanischen Verhaltens einer
realen Widerstandspunkschweißverbindung lediglich von einem vernachlässigbar kleinen
Einfluss des TRIP-Effekts ausgegangen.
Für die FE-Simulation des mechanischen Verhaltens von punktgeschweißten Scherzugproben
aus TRIP Stahl werden die Materialkenndaten der Schweißlinse und der WEZ in Form von
wahren Spannungs-Dehnungskurven durch Einsatz optischer Dehnungsfeldmessungen aus
den wärmebehandelten Zugproben bestimmt.
Diese Untersuchungen erfolgten Vergleichend für Proben die unterschiedlichen Spitzentem-
peraturen sowie verschiedenen Aufheiz- und Abkühlraten unterworfen waren. Dadurch konn-
te gewährleistet werden, dass die im realen Schweißprozess aus den vorliegenden extremen
thermischen Bedingungen entstehenden Gefügestrukturen reproduziert werden konnten. Die
Übertragbarkeit dieser Ergebnisse auf die reale Punktschweißverbindung wurde über den
Vergleich der Härtewerte des realen und simulierten Schweißgefüges sichergestellt. Durch die
eingeschränkte Möglichkeit einer vollständigen Nachbildung der thermischen Bedingungen in
der WEZ einer Punktschweißverbindung wurden zusätzlich die mechanischen Kennwerte
direkt an einem realen Schweißgefüge durch die Methode der instrumentierten Eindringprü-
fung bestimmt.
Die Verknüpfung der aus den diesen Methoden gewonnen Ergebnisse ermöglichte es die
Eingangsdaten für die numerischen Simulation abzuleiten.
124
Zur Validierung der numerischen Untersuchungen fanden zerstörende Prüfungen realer
Punktschweißverbindungen im Scherzugversuch statt. Dabei wurden neben den konventionel-
len Kraft-Verlängerungskurven insbesondere auch die lokalen Oberflächendehnungen ermit-
telt. Zusätzlich erfolgte eine Analyse des Versagensverhaltens anhand der zerstörend geprüf-
ten Proben im Querschliff. Dadurch standen sowohl globale wie auch ein lokale
Vergleichkriterium zur Bewertung der FE-Simulation zur Verfügung.
Im Zuge der numerischen Simulation wurden drei Modelle untersucht und bewertet. Der
Unterschied in den Modellen liegt ausschließlich in den implementierten Materialkenndaten
der WEZ. Durch diese Variation des Materialverhaltens konnte nachgewiesen werden, dass
für eine, hinsichtlich der Genauigkeit zufriedenstellende numerische Simulation des Scher-
zugversuchs die präzise experimentelle Bestimmung von Spannungs-Dehnungskurven der
WEZ nicht zwingend erforderlich ist. Vielmehr ist die Nutzung von lediglich zwei unter-
schiedlichen Werkstoffzonen (Grundwerkstoff, Schweißlinse) ausreichend. Von Bedeutung
ist weiterhin, dass für das globale Vergleichkriterium zwischen Experiment und Simulation
unabhängig von dem Modell eine gute Übereinstimmung nachgewiesen werden konnte.
Hingegen weichen die Resultate des lokalen Vergleichskriteriums für die drei Modell deutlich
voneinander ab. Infolgedessen wird geschlussfolgert, dass für einen gesichteten Vergleich von
experimentellen und numerischen Ergebnissen das lokale Werkstoffverhalten notwendiger-
weise zu berücksichtigen ist, da es wesentlich sensitiver auf Änderungen der Materialkennda-
ten des Fügebereichs reagiert als die globalen Kennwerte. Dies bedeutet, dass die fundierte
Nachbildung der Kraft-Verlängerungskurven durch eine numerische Simulation nicht zwin-
gend zu einer exakten Abbildung des lokalen, d.h. für das Bruchverhalten wesentlichen Ver-
haltens führt.
Die im Rahmen dieser Arbeit erzielten Ergebnisse sowie das prinzipielle Vorgehen zu Analy-
se des Austenitgehaltes und der Austenitstabiliät können als Grundlage für weiterführende
Untersuchungen an gefügten TRIP Stählen dienen. So ist zunächst die Übertragbarkeit der
Ergebnisse auf weitere niedriglegierte TRIP Stähle und andere Fügeverfahren zu bewerten.
Durch unterschiedliche Temperaturprofile wie sie z.B. beim Laserstrahlschweißen oder
Lichtbogenschweißen auftreten, können abweichende Ergebnisse hinsichtlich des metastabi-
len Austenitgehaltes im Fügebereich erzielt werden, so dass es durch eine systematische
Modifikation der Schweißparameter gelingen könnte, den TRIP-Effekt auch in der WEZ
einer Schweißverbindung gezielt zu nutzen. Darüber hinaus sind diese Betrachtungen auch für
mechanische Fügeverfahren bei denen plastischen Verformungen im Fügeberreich auftreten
von großer Bedeutung.
Weiterführend können zusätzliche FE-Modelle von Kopf-, Schälzugproben und Mehrpunkt-
proben erstellt werden, wodurch das mechanische Bauteilverhalten bei verschiedenartigen
Belastungsfällen realitätsnah bewertet werden kann.
Unter Nutzung des o.g. Vorgehens können die lokalen Werkstoffkenndaten der Fügestelle
anderer industriell genutzte Werkstoffe bestimmt und durch zusätzliche Betrachtung von
verschiedenartigen Belastungsarten (dynamisch, schwellend, usw.) das Verhalten einer Punkt-
schweißverbindung unter realen Bedingungen ganzheitlich abgebildet werden. Dadurch kann
ein wichtiger Beitrag für die Auslegung von Baugruppen geleistet werden um die Sicherheit
gefügter Bauteile zu erhöhen.
125
Abkürzungen und Formelzeichen
Abkürzung
Einheit
Bedeutung
A [kg] Atomgewicht
ARAMIS Optisches Dehnungsfeldmesssystem
α [-] Phase, allgemein
α [-] Ferrit
αM [-] Martensit
γ [-] Austenit
c [m·s-1] Lichtgeschwindigkeit
dhkl [mm] Netzebenenabstand
E [keV] Energie
e-2M [-] Debye-Waller- oder Temperaturfaktor
EDDI [-] Energydispersive diffraction
TRIP [-] transformation-induced plasticity
ε
ψ
[-] Gitterdehnung in Richtung , ψ
F0 [m-1] Strukturfaktor
f [m-1] Atomformfaktor
[°]
Orientierungswinkel der Messrichtung bezüglich des Probenkoordi-
natensystems (Neigungswinkel)
γ [-] Austenit
h [eV·s] Planck’scheKonstante
η(λ) [-] Wirkungsgrad des Detektorsystems
Iα
(
hkl
)
[keV] Integralintensität der Netzebene hkl der Ferritphase
I
γ(
hkl
)
[keV] Integralintensität der Netzebene hkl der Austenitphase
I0(λ) [W·m-2] Intensität der Primärstrahlung
k [eV·K-1] Boltzmann-Konstante
krz [-] kubisch raumzentriert
V
γ
% Volumenanteil Austenit
Vα % Volumenanteil Ferrit/Bainit/Martensit
λ [mm] Wellenlänge
Ms [K] Martensitstarttemperatur
Mf [K] Martensitfinishtemperatur
m [-] Flächenhäufigkeit
µ [mm-1] linearer Absorbtionskoeffizient
n [-] Beugungsordnung
ν [mm3] Volumen der Elementarzelle
TEM [-] Transmissionselektronenmikroskopie
EBSD EBSD-Technik (Electron backscatter diffraction)
t8/5 [s] Zeitintervall zwischen 800 °C und 500 °C (Abkühlung)
Θ [K] Debye Temperatur
Θhkl [°] Beugungswinkel
WEZ [-] Wärmeeinflusszone
126
φ [-] Wahre Dehnung
σw MPa Wahre Spannung
σ MPa Technische Spannung
ε % Technische Dehnung
ZTU-Schaubildern [-] Zeit-Temperatur-Umwandlungs-Schaubild
127
Bildverzeichnis
Bild 2.1: Einsatz von konventionellen Stählen und hochfesten Mehrphasenstählen im
Karosseriebau am Beispiel des VW Passats [14] .................................................. 3
Bild 2.2: Spannungs-Dehnungskurve verschiedener Stahlwerkstoffe im Vergleich mit
einem TRIP Stahl .................................................................................................. 4
Bild 2.3: Momentaner Kaltverfestigungsexponent n in Abhängigkeit von der Dehnung für
Stähle mit gleicher Streckgrenze ........................................................................... 4
Bild 2.4:Schematische Darstellung der freien Gibbsschen Enthalpie von Martensit und
Austenit in Abhängigkeit von der Temperatur [46] .............................................. 6
Bild 2.5: Schematische Darstellung der kritischen Spannung zur Einleitung der
martensitischen Umwandlung in Abhängigkeit von der Temperatur [46] ........... 7
Bild 2.6: Schematische Darstellung der Verformungsmechanismen in verschiedenen
Temperaturbereichen, ........................................................................................... 7
Bild 2.7: Stabilität des Austenits in verschiedenen TRIP-Stahltypen quantifiziert über die
Änderung des Austenitgehaltes ........................................................................... 10
Bild 2.8: Hauptformänderung eines industriell umgeformten Automobilbauteils ............ 15
Bild 2.9: Beispiel eines Temperaturfeldes beim Widerstandspunktschweißen ................ 16
Bild 2.10: a) Schematische Darstellung des Temperaturzyklus beim
Widerstandspunktschweißen ............................................................................... 17
Bild 2.11: ZTU Schaubild mit Härtewerten eines CMnAl-TRIP Stahls nach [125] ........... 17
Bild 2.12: Differenzierung zwischen lokalen und globalen mechanischen Kennwerten von
Widerstandspunktschweißverbindungen ............................................................ 19
Bild 2.13: a), b) Beanspruchung von Punktschweißverbindungen im Scherzugversuch , c)
Spannungen am Schweißpunkt ........................................................................... 20
Bild 2.14: Dehnungsverhalten von einschnittigen Widerstandspunktschweißverbindungen
aus verschiedenen niedriglegierten Stählen im Scherzugversuch ....................... 22
Bild 2.15: Wahre Spannungs- Dehnungskurven der WEZ und des Schweißgutes für einen
Dualphasenstahl (HCT600X) nach [163] ........................................................... 24
Bild 2.16: Wahre Spannungs-Dehnungskurven der WEZ und des Schweißgut für einen
Dualphasenstahl (HCT600X) nach [146] ........................................................... 24
Bild 2.17:Technische Spannungs-Dehnungskurven nach Erwärmung auf unterschiedliche
Spitzentemperaturen für den TRIP Stahl HCT690T [164] ................................. 25
Bild 3.1: Darstellung des Versuchsprogramms und des methodischen Vorgehens ........... 26
Bild 3.2: Zustandsschaubild für einen CMnAl-TRIP Stahl [114] ..................................... 28
Bild 3.3: Zustandsschaubild bei variablem Aluminiumgehalt für einen CMnAl-TRIP Stahl
............................................................................................................................. 28
Bild 3.4: Schematische Lage der Messstellen an einer Zugprobe für die TEM- Analysen 29
Bild 3.5: Lage des Messbereiches für die EBSD Analysen an einer realen
Widerstandspunktschweißverbindung ................................................................ 29
Bild 3.6: Probenformen für die Zugprüfung a) ex-situ/in-situ Versuche b) Gleeble-
Versuche .............................................................................................................. 30
Bild 3.7: Probenform für die Scherzugversuche ............................................................... 31
Bild 3.8: Versuchsaufbau für die Dehnungsfeldanalyse; links: Ausschnitt einer Probe mit
Dehnungsfeld ...................................................................................................... 32
128
Bild 3.9:Lokale Dehnungsmessungen mittels DMS; links Ausschnitt mit der Lage des
DMS .................................................................................................................... 33
Bild 3.10: Querschliff einer mittels instrumentierter Eindringprüfung analysierten
Widerstandspunktschweißverbindung aus TRIP Stahl ....................................... 33
Bild 3.11: a) Kraft-Zeit-Verlauf und b) Kraft-Weg-Verlauf (Messpunkt in der
Schweißlinse) bei der instrumentierten Eindringprüfung ................................... 34
Bild 3.12:Beugungsspektrum des o.g. TRIP Stahls unter einem 2Θ-Winkel von 10,3°
(eigene Untersuchung) ........................................................................................ 37
Bild 3.13:Schematische Darstellung des Aufheiz- und Abkühlprozesses für die in-situ
Ofenversuche und der Messzeit pro Spektrum ................................................... 39
Bild 3.14: Versuchsaufbau für die in-situ Ofenversuche mit Darstellung des Strahlenganges
und des Ofens mit fixierter Probe ....................................................................... 40
Bild 3.15: Schematische Lage des Messbereiches für die Bestimmung des Austenitgehaltes
thermisch behandelter Proben vor und nach dem Zugversuch ........................... 41
Bild 3.16: Schematische Lage der Messpunkte für die Ermittlung des Austenitgehaltes,
Messmodus: Transmission .................................................................................. 41
Bild 3.17:Schematische Darstellung des Strahlenganges und des Messvolumens im
Transmissionsmodus ........................................................................................... 42
Bild 3.18:Versuchsaufbau für die in-situ Zugversuche (Messmodus: Transmission) und die
Punktschweißverbindung .................................................................................... 43
Bild 3.19: Schematische Lage des Strahlenganges und des Messvolumens für die
Bestimmung des Austenitgehaltes einer Punktschweißverbindung mittels
Synchrotronstrahlung; Messmodus: Transmission ............................................. 43
Bild 3.20:FE-Modell einer Scherzugprobe mit Vernetzung und Darstellung der
Probenbereiche die eine Variation der Materialkenndaten zulassen .................. 44
Bild 3.21:Lagerungsbedingungen der simulierten Scherzugprobe ..................................... 45
Bild 4.1: Gefügeausbildung des TRIP Stahls HCT690T (Ferrit - blau, Bainit - braun,
Austenit weiß), Ätzung nach Klemm ................................................................. 46
Bild 4.2 Hellfeldabbildung eines α-Korns aus dem unverformten Bereich einer Zugprobe
mit Darstellung des Austenits (siehe Bild 3.4) ................................................... 47
Bild 4.3:Hellfeldabbildung aus dem verformten Bereich einer Zugprobe, a) zeigt
austenitische und martensitische Bereiche, b) zeigt Austenitkörner im Bereich
einer Korngrenze ................................................................................................. 47
Bild 4.4:Orientierungsdarstellung für die γ-Phase in den {001}-, {101}- und {111}-
Gitterebenen ........................................................................................................ 48
Bild 4.5: Dehnungsfelder einer ex-situ Zugprobe für verschiedene Belastungszustände .. 48
Bild 4.6: Vergleich der Ergebnisse der optischen Dehnungsfeldmessung und der Messung
mittels Extensometer ........................................................................................... 48
Bild 4.7: Wahre / technische Spannungs-Dehnungskurve des TRIP Stahls ...................... 49
Bild 4.8:Kaltverfestigungswert (n-Wert) in Abhängigkeit von der wahren Dehnung ...... 49
Bild 4.9:Darstellung der Spannungs-Verlängerungskurve für die a) ex-situ und b) in-situ
Zugversuche ........................................................................................................ 50
Bild 4.10: Beugungsspektrum für den untersuchten TRIP Stahl bei unterschiedlichen
Belastungen ......................................................................................................... 51
Bild 4.11:a) Entwicklung des Austenitgehaltes im in-situ Zugversuch und aus den ex-situ
Zugversuchen übertragene wahre Spannungs-Dehnungskurve .......................... 51
129
Bild 4.12: Wahre Spannungs-Dehnungskurve (ex-situ) und Phasenspannungen für die γ-
Phase und die α-Phase in Abhängigkeit von der wahren Dehnung .................... 52
Bild 4.13: a) Dehnungsfeld des untersuchten TRIP Stahls im Zugversuch bei Erreichen der
Gleichmaßdehnung, b) Austenitgehalt für die in a) gezeigten Messpunkte ...... 53
Bild 4.14:Beugungsspektren in Abhängigkeit von der Temperatur für den Aufheiz- /
Abkühlvorgang.................................................................................................... 54
Bild 4.15:Ausschnitt des Beugungsspektrums für den TRIP Stahl HCT690T in
Abhängigkeit von der Probentemperatur ........................................................... 54
Bild 4.16:In-situ Messung des Austenitgehaltes bei Erwärmung mit durchschnittlich 100
°C/min und Abkühlung mit durchschnittlich 170 °C/min .................................. 55
Bild 4.17:a) Temperatur-Zeitverlauf bei stufenartiger und kontinuierlicher Erwärmung b)
Temperatur-Zeitverlauf ....................................................................................... 56
Bild 4.18:Entwicklung des Austenitgehaltes bei einer a) kontinuierlichen Erwärmung und
einer b) stufenartigen Erwärmung ....................................................................... 56
Bild 4.19:Entwicklung des Austenitgehaltes bei einer a) Abkühlrate von ca. 170 °C/min
und b) einer Abkühlrate von ca. 250 °C/min) ..................................................... 57
Bild 4.20: Entwicklung des Austenitgehaltes bei einer Spitzentemperaturen von a) 500 °C,
b) 700 °C und c) 940 °C bei einer Aufheizrate von ca. 100 °C/s ....................... 58
Bild 4.21: Temperatur-Zeitverlauf im Gleeble-Versuch für die Proben mit einer
Spitzentemperatur von 500 °C und 1100 °C ....................................................... 59
Bild 4.22: Ermittlung der Ac1 Temperatur mittels Einsensor-Differenz-Thermoanalyse, a)
Ausschnitt der gemessene Temperaturkurve, b) Temperaturdifferenz aus
gemessener Temperatur und der linearen Interpolation ...................................... 59
Bild 4.23:Temperatur-Zeitverlauf im Abkühlprozess nach Erwärmung auf 1100 °C mit
Darstellung des Haltepunktes (Ms-Start) ............................................................ 60
Bild 4.24:a) Ausschnitt aus der Dilatationsmessung, b) Darstellung der Dilatation im
Aufheizvorgang, c) Darstellung der Dilatation während der Abkühlung ........... 61
Bild 4.25: Einfluss der Temperaturzyklen auf den Austenitgehalt der Gleeble-Proben ...... 61
Bild 4.26:Temperatur-Zeitverlauf bei der Herstellung der Ofenproben ............................. 62
Bild 4.27:Temperatur-Zeitverlauf im Abkühlprozess nach Erwärmung auf 900 °C mit
Darstellung des Haltepunktes (Ms-Start) ............................................................ 62
Bild 4.28: Entwicklung des 200γ-Peaks nach Erwärmung auf unterschiedliche
Spitzentemperaturen und nachfolgender Abschreckung ..................................... 63
Bild 4.29:Exemplarische Darstellung der Gefügeausbildung mit Visualisierung des
Austenits (weiß) .................................................................................................. 64
Bild 4.30:Berechnete Austenitgehalte nach Erwärmung auf die angegebene
Spitzentemperatur und nachfolgender Abschreckung ........................................ 65
Bild 4.31:Dehnungsfelder für a) den unbehandelten Grundwerkstoff und die Gleeble-
Proben mit einer Spitzentemperatur von b) 500 °C und c)1100 °C .................... 66
Bild 4.32: Wahre Spannungs-Dehnungskurven der Gleeble-Proben, die wahre Dehnung
entspricht der maximalen lokalen Dehnung der Probe ....................................... 66
Bild 4.33Verringerung des Austenitgehaltes der thermisch behandelten Gleeble-Proben
durch eine quasi-statische, einachsige Zugbelastung .......................................... 67
Bild 4.34: Dehnungsfelder der thermisch behandelten Zugproben (Ofenproben) bei
Erreichen der Gleichmaßdehnung ....................................................................... 68
130
Bild 4.35: Wahre Spannungs-Dehnungskurve für den unbehandelten Grundwerkstoff und
die thermisch behandelten Zugproben ................................................................ 69
Bild 4.36:Verringerung des Austenitgehaltes der thermisch behandelten Zugproben durch
eine quasi-statische, einachsige Zugbelastung .................................................... 69
Bild 4.37: Temperaturfeld sowie Temperaturzyklen für die markierten Knotenpunkte ...... 70
Bild 4.38:Ortsaufgelöste Gefügeanalyse mittels EBSD, a) und b) Messbereich, c)
Korngröße und Kornorientierung ........................................................................ 71
Bild 4.39: Ausschnitt des Beugungsspektrums für verschiedene Bereiche der
Schweißverbindung ............................................................................................. 71
Bild 4.40:Entwicklung des Austenitgehaltes in der Punktschweißverbindung dargestellt für
verschiedene Bereiche der Fügestelle ................................................................. 72
Bild 4.41:Exemplarische Darstellung des Härteverlaufes im Bereich der
Punktschweißverbindung .................................................................................... 73
Bild 4.42: Ergebnisse der instrumentierten Eindringprüfung, a) Querschliff nach der
Eindringprüfung mit Messpunkten, b) Fließgrenze, c) Wahre Spannungs-
Dehnungskurve ................................................................................................... 74
Bild 4.43: Ergebnisse des Scherzugversuches a) Kraft-Verlängerungskurve b) Kraft-
Dehnungskurve ................................................................................................... 75
Bild 4.44: Dehnungsfeld bei Erreichen der Scherzugkraft .................................................. 75
Bild 4.45:Mittels DMS bestimmte Kraft-Dehnungskurve; schematische Lage des DMS . 76
Bild 4.46:Querschliff einer im Scherzugversuch versagten Widerstandspunkt-
schweißverbindung ............................................................................................. 77
Bild 4.47: Dehnungskennwerte (Dehnung in x-Richtung) der FE-Modelle 1, 2 und 3 bei
Erreichen der maximalen Verlängerung von 1,8 mm ......................................... 78
Bild 4.48: Ergebnisse der FE-Simulation für die drei untersuchten Modelle a) Kraft-
Dehnungskurven, b) Kraft-Verlängerungskurven ............................................... 79
Bild 4.49:Exemplarische Darstellung der von Mises Dehnung a) und der von Mises
Spannung mit den für das Versagen kritischen Bereichen ................................. 80
Bild 4.50:Von Mises Dehnung für das Modell 2 a) und das Modell 3 b), von Mises
Spannung für das Modell 2 c) und das Modell 3 d) für die kritischen Bereiche in
Bild 4.49 .............................................................................................................. 81
Bild 5.1:Gegenüberstellung der Spannungs-Verlängerungskurve für die Zugversuche bei
der in-situ Phasenanalyse und der ex-situ Vergleichsmessung ........................... 83
Bild 5.2:Entwicklung der γ-Beugungsintensitäten in Abhängigkeit von der wahren
Spannung und der wahren Dehnung ................................................................... 83
Bild 5.3:Beispielhafte Darstellung der Entwicklung der α-Beugungsintensitäten in
Abhängigkeit von der wahren Dehnung φ .......................................................... 84
Bild 5.4:Phasenspezifische wahre Spannung im Austenit und Austenitgehalt in
Abhängigkeit von der globalen wahren Dehnung - Detaildarstellung ............... 85
Bild 5.5: Analyse der Austenitstabilität des untersuchten TRIP Stahls durch a) die
Gegenüberstellung der 1/Vγ - 1/Vγ0-Werte mit Literaturangaben und b) der kp-
Werte in Abhängigkeit des Kippwinkels ψ ......................................................... 86
Bild 5.6:Entwicklung des Austenitgehaltes in Abhängigkeit von der wahren Dehnung für
unterschiedliche Bereiche der Zugprobe ............................................................. 87
Bild 5.7:Vergleichende Darstellung des Austenitstabilität für verschiedene Bereiche der
Zugprobe (ZO, Z1, Z2) durch die die Analyse von 1/Vγ - 1/Vγ0 ...................... 88
131
Bild 5.8: ZTU-Diagramm eines dem untersuchten TRIP Stahl vergleichbaren
Werkstoffes ......................................................................................................... 90
Bild 5.9: Relative Änderung des Austenitgehaltes in Abhängigkeit von der Zeit,
Einteilung in relevante Temperaturbereiche ....................................................... 90
Bild 5.10:a) Entwicklung des Austenitgehaltes im Aufheizprozess bei unterschiedlichen
Heizraten b) Veränderung des Austenitgehaltes ................................................. 91
Bild 5.11:Verringerung des Austenitgehaltes im Abkühlprozess in Abhängigkeit von der
Temperatur .......................................................................................................... 92
Bild 5.12:Austenitgehalt bei Erreichen der jeweiligen Spitzentemperatur sowie nach
Abkühlung auf Raumtemperatur ......................................................................... 93
Bild 5.13:Einfluss der Spitzentemperatur auf die Beugungsintensität der 200γ-Gitterebene .
............................................................................................................................. 95
Bild 5.14:Gegenüberstellung der für die Gleeble-Proben und die Ofenproben mittels
Synchrotronstrahlung und für die Ofenproben metallographisch bestimmten
Austenitgehalte .................................................................................................... 96
Bild 5.15: Temperatur-Zeitverlauf für die Ofenproben (500 °C, 700 °C, 900 °C) und die
Gleeble-Probe (1100 °C) mit Angabe der Haltepunkte (Ms-Start) ..................... 97
Bild 5.16:Gegenüberstellung der wahren Spannungs-Dehnungskurven für die Gleeble-
Proben und die Ofenproben ................................................................................ 99
Bild 5.17:Wahre Spannung und wahre Gleichmaßdehnung in Abhängigkeit von der
Spitzentemperatur ............................................................................................... 99
Bild 5.18: Darstellung des Einflusses der Wärmebehandlung und des Zugversuches (bis
zum Versagen) auf den Austenitgehalt im TRIP Stahl HCT690T .................... 100
Bild 5.19:Abhängigkeit der wahren Gleichmaßdehnung bei verschiedenen
Spitzentemperaturen von a) dem Austenitgehalt und c) dem metastabilen
Austenitanteil; Abhängigkeit der wahren Spannung bei verschiedenen
Spitzentemperaturen: vom b) dem Austenitgehalt und d) dem metastabilen
Austenitanteil .................................................................................................... 101
Bild 5.20:Schematische Lage der mittels Synchrotronstrahlung ausgewerteten
Messbereiche mit Angabe der vorliegenden Austenitgehalte ........................... 104
Bild 5.21: Gegenüberstellung der Austenitgehalte für eine reale Punktschweißverbindung
und für die Ofenproben ..................................................................................... 104
Bild 5.22: Darstellung der Entwicklung des Austenitgehaltes und des metastabilen
Austenitanteils in einer realen Widerstandspunktschweißverbindung ............. 105
Bild 5.23:a) Vergleich der Härtewerte einer realen Punktschweißverbindung aus
HCT690T und den thermisch simulierten Zugproben b) Analyse der
Spitzentemperatur der Ofenproben ................................................................... 106
Bild 5.24:Mittels der instrumentierten Eindringprüfung bestimmte Fließgrenzen für die
WEZ und die Schweißlinse ............................................................................... 107
Bild 5.25:Vergleich der wahren Spannungs-Dehnungskurven aus der instrumentierten
Eindringprüfung und den thermisch behandelten Zugproben ........................... 108
Bild 5.26:Modifizierte wahre Spannungs-Dehnungskurven für verschiedene Bereiche der
Punktschweißverbindung aus HCT690T .......................................................... 110
Bild 5.27:Für die FE-Simulation genutzten wahren Spannungs-Dehnungskurven des
Grundwerkstoffes, der WEZ und der Schweißlinse .......................................... 110
132
Bild 5.28:Gegenüberstellung der Kraft-Dehnungskurven aus den Dehnungsfeldmessungen
(ARAMIS) und den Messungen mittels DMS .................................................. 112
Bild 5.29:Vergleich der Kraft-Dehnungskurven a) und der Kraft-Verlängerungskurven b)
mit den experimentellen Ergebnissen ............................................................... 114
Bild 5.30: Vergleich der Kraft-Dehnungskurven der FE-Simulationen und der
experimentellen Versuchsreihen (DMS, ARAMIS) ......................................... 115
Bild 5.31:Modell 2 (Kenndaten der WEZ): von Mises Dehnung a) und von Mises
Spannung b) für die drei kritischen Bereiche der numerisch simulierten
Punktschweißverbindung .................................................................................. 117
Bild 5.32:Modell 3 (Kenndaten der Schweißlinse): von Mises Dehnung a) und von Mises
Spannung b) für die drei kritischen Bereiche der numerisch simulierten
Punktschweißverbindung .................................................................................. 118
Bild 5.33:Gegenüberstellung der Kraft-Dehnungskurven a) und der Kraft-Verlängerungs-
kurven b) aus Experiment und FE-Simulation .................................................. 119
Bild 5.34: Gegenüberstellung des Versagensortes und der lokalen Einschnürung einer
realen Scherzugprobe aus HCT690 mit den Ergebnissen der FE-Simulation .. 120
Bild 5.35: Vergleich des realen Dehnungsfeldes und des simulierten Dehnungsfeldes im
Scherzugversuch bei einer Verlängerung der Probe von 1,6 mm ..................... 121
133
Tabellenverzeichnis
Tabelle 3.1: Auszug der mittels Funkenspektralanalyse bestimmten chemischen
Zusammensetzung in in Gew.-% ..................................................................... 27
Tabelle 3.2: Mechanische Kennwerte für den TRIP Stahl HCT690T ................................ 27
Tabelle 3.3: Schweißparameter und Elektrodenkappe zur Herstellung der Scherzugproben
mit einem Punktdurchmesser von 5mm ........................................................... 31
Tabelle 3.4 Mess- und Auswerteparameter für die Bestimmung der Phasenanteile ........... 38
Tabelle 3.5: Aufheiz- und Abkühlparameter für die in-situ Ofenversuche .......................... 39
Tabelle 3.6: Darstellung der wichtigsten Parameter für die FE-Simulation ........................ 45
Tabelle 4.1: Härte des Grundwerkstoffes und der thermisch behandelten Ofenproben ...... 69
Tabelle 5.1: Mechanische Kennwerte der für die FE-Simulation verwendeten Zonen
(Grundwerkstoff, WEZ, Schweißlinse) .......................................................... 111
134
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transformation induced plasticity steel during tensile deformation, The Journal of Strain
Analysis for Engineering Design, to be publish, 2012
Th. Kannengiesser, S. Brauser, A. Kromm: Synchrotron diffraction for in-situ characteriza-
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band, 2010
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festem austenitischen Stahl, Schweißen und Schneiden Februar 2012
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Technology, Tagungsband, 2009
S. Brauser, G. Weber, M. Rethmeier: Potential optischer Dehnungsfeldmessung zur Charakte-
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L.A. Pepke, S. Brauser, M. Rethmeier: Einfluss der Schweißanlagenkonfiguration beim
Widerstandspunktschweißen moderner Stahlwerkstoffe für den Karosseriebau, JOIN-EX –
Internationaler Fachkongress der Schweiß- und Verbindungstechnik, Tagungsband, 2010
K. Beyer, S. Brauser, T. Kannengiesser: Trägergas-Heißextraktion zur Analyse der Wasser-
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9th International Conference, 2012
151
Lebenslauf
Persönliche Daten:
Name, Vorname: Brauser, Stephan
Geburtsdatum -ort: 26. Februar 1979 in Berlin
Familienstand: verheiratet
Staatsangehörigkeit: deutsch
Ausbildung und berufliche Tätigkeiten:
09/1985 – 08/1991 Friedrich-Schiller-Oberschule, Berlin
09/1991 – 06/1998 Sartre-Gymnasium, Berlin, Abitur
09/1998 – 08/2008 Studium des Maschinenbaus mit der Studienrichtung Werkstofftechnik
an der TU Berlin, Abschluss als Dipl.-Ing.,
Diplomarbeit: Untersuchungen zur Wasserstoffaufnahme und -diffusion im
Schweißgut von Duplex-Stählen
10/2007 – 03/2008 Weiterbildung zum internationalen Schweißfachingenieur
05/2008 – 12/2011 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der BAM Bundesanstalt für
Materialforschung und -prüfung, Fachgruppe V.5 Sicherheit gefügter
Bauteile in Berlin
05/2011 – 04/2012 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer IPK
05/2012 – z. Zt. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Salzgitter Mannesmann Forschung
GmbH