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Heinze, G. Wolfgang (1985). Verkehr und Wirtschaftswachstum: Das Konzept von Fritz Voigt (1973).
In: Klatt, S.: Perspektiven verkehrswissenschaftlicher Forschung : Festschrift für Fritz Voigt zum 75.
Geburtstag. (pp. 571–596). Berlin : Duncker & Humblot.
Die Verlagsfassung ist verfügbar unter www.duncker-humblot.de
Heinze, G. Wolfgang
Verkehr und Wirtschaftswachstum: Das
Konzept von Fritz Voi
g
t (1973)
Accepted manuscript (Postprint)Chapter in book |
1
Verkehr und Wirtschaftswachstum: Das Konzept von
Fritz Voigt (1973)
von
G. Wolfgang Heinze
Vorbemerkungen
Das theoretische Werk von Fritz Voigt gehört zu den interessantesten Arbeiten
der neueren deutschen Verkehrswissenschaft. Erfahrungen
mit Studenten zeigen
jedoch, dass seine Rezeption durch die voluminöse
Barstellung erheblich er-
schwert
ist.
Die hier vorgenommene Kurzdarstellung dieses verkehrsorientierten
räumlichen Entwicklungskonzepts
fasst die Grundaussagen zusammen und be-
tont vor allem die innere
Geschlossenheit dieses Erklärungsversuches. Die fol-
genden Grundlinien stützen sich besonders auf die beiden Hauptwerke „Die volks-
wirtschaftliche Bedeutung des Verkehrssystems" (Duncker und Humblot, Berlin
1960) und „Verkehr" (2 Bände, Duncker und Humblot, Berlin 1965 und 1973).
Weitere Direktzitate beziehen sich auf den Beitrag von Voigt mit M. Tietzel „Ver-
kehrspolitik" im Handwörterbuch der Volkswirtschaft,
Gabler-Verlag, Wiesbaden
1978, S. 1343-1357 sowie auf den Aufsatz
von F. Voigt „Transport and Regional
Policy: Some General Aspects", in:
W.A. G. Blank (Hrsg.): Transport and Regi-
onal Development, Farnborough 1979, S.3-16
.
Als Skriptum für den Vorlesungsbetrieb an der Technischen Universität Berlin
gedacht, trägt der Verfasser dieser Zeilen selbstverständlich die Verantwor-
tung für die drastisch verkürzte Darstellung
und das damit verbundene nicht
unerhebliche Interpretationsrisiko.
Inhaltsverzeichnis
1.
Angebots- und Nachfrageprofile von Verkehrsleistungen
2.
Die Einführung eines höherwertigen Verkehrssystems
2.1 Grundmodell und Differenzierungseffekte
2.2 Sekundärimpulse, Bremsmechanismen und räumlich ungleichgewichtiges Wachs-
tum
2.3 Regionale, sektorale und verkehrsimmanente Strukturwandlungen
3.
Wachstumsgrenzen von Verkehrsmitteln
4.
Verkehrswachstum und Systemdynamik
5.
Grundpositionen, Interpretationen und Konsequenzen des Voigtschen Erklä-
rungskonzepts
5.1 Entwicklung und Wachstum
5.2 Besonderheiten des Verkehrssektors
5.3 Verkehr und Verkehrswachstum
5.4 Dynamischer Bewertungsansatz
5.5 Verkehrs- und regionalpolitische Konsequenzen
2
1. Angebots- und Nachfrageprofile von Verkehrsleistungen
Die wesentlichen Eigenschaften von Verkehrsleistungen lassen sich
sieben Quali-
tsebenen zuordnen: Massenleistungsfähigkeit, Schnelligkeit, Netzbildungshigkeit,
Berechenbarkeit, Bedienungshäufigkeit,
Sicherheit, Bequemlichkeit. Die konkrete
Ausprägung dieser Dimensionen oder Teilwertigkeiten ergibt die Verkehrswertigkeit
eines Verkehrsmittels oder Verkehrssystems. Jedes Verkehrsmittel weist eine andere
Streuung dieser Qualitäten, d. h. ein anderes Qualitätsprofil auf. Zwar
ist es möglich,
die einzelnen Qualitätsebenen durch höheren finanziellen
Aufwand (Kosten) tenden-
ziell zu erhöhen, doch bilden Kosten und
Preise trotzdem, vor allem aus nachste-
henden Gründen, keinen geeigneten Generalnenner des Qualitätsprofils:
Das Qualitätsprofil eines jeden Verkehrsmittels ist nur langfristig,
vor allem
mit Hilfe des technischen Fortschritts, und nur innerhalb gewisser Grenzen
zu verbessern. Kurzfristig ist das gegebene Qualitätsprofil kaum veränderbar.
Externe Effekte erschweren einen operationalen Kostenbegriff und
sind
in der
Regel als nichtmonetäre quantitative und/oder qualitative Größen eher als
Qualitätsebene vorstellbar.
Marktpreise und betriebswirtschaftliche Kosten weisen gerade im
Verkehr
Verzerrungen auf: sie sind überwiegend politisch festgesetzt, ihre sozial-
und raumpolitischen Wirkungen stehen im Vordergrund, es kann kaum von
vollkommenem Wettbewerb ausgegangen werden, und der hohe Fixkos-
tenanteil und die hohen Mindestgrößen gestatten keine exakte Kostener-
mittlung einzelner Transportvorgänge. Eine Abhängigkeit der Kosten von
dem Qualitätsprofil ist nur r einen bestimmten Zeitpunkt und unter unre-
alistischen Annahmen möglich. In langfristiger dynamischer Sicht sind
funktionale Beziehungen nur innerhalb enger Grenzen und als unstetige
Funktionen zu bilden. Zudem ist die Wahl des Verkehrsmittels ein Ent-
scheidungsvorgang, der sich wenn Verkehrsleistungen von Unterneh-
men angeboten werden - am Preis und weniger an Kosten orientiert. Preise
aber sind - wie gesagt - im Verkehrssektor vor allem politische Preise.
Jedes Verkehrsmittel besitzt eine potentielle Verkehrswertigkeit bei
Ausnutzung sei-
ner optimalen technischen Möglichkeiten. Frühzeitige begrenzende Festlegungen er-
schweren jedoch eine spätere maximale Anpassung an den jeweiligen technischen
Entwicklungsstand und gestatten nur das Erreichen einer wesentlich niedrigeren tat-
sächlichen
Verkehrswertigkeit. Dadurch besitzt jedes Verkehrsmittel über längere
Perioden ein charakteristisches mittleres Qualitätsprofil als Optimum;
zu dem das
Leistungsangebot erfolgt.
Diese Verkehrswertigkeit ist keine räumliche Durchschnittsgröße,
sondern ein kon-
kreter Wert zwischen den beiden Grenzfällen „Null"
(keine Verkehrsleistung) und
„Eins" (vollkommene Leistung eines idealen Verkehrssystems).
Um die einzelnen Qualitätsebenen einem konkreten Wert zwischen
diesen beiden
Grenzfällen zuzuordnen und diese konkreten Teilwertigkeiten miteinander zu einem
Gesamtwert zu verknüpfen, wäre eine
Transformationsfunktion erforderlich. Die
Schwierigkeit einer solchen
Transformation liegt vor allem in der Schätzproblematik
qualitativer
Größen und in dem subjektiven und zeitpunktbezogenen Bewertungshin-
tergrund. Hinzu kommt das sich verändernde Gewicht der einzelnen
Ebenen im sozi-
oökonomischen Entwicklungsprozess: zum einen zwischen
den einzelnen Qualitäten,
zum anderen im Rahmen einer Leistungssteigerung der Einzelqualität. So dürfte die
Bedeutung erhöhter Massenleistungsfähigkeit und Schnelligkeit r die frühe Indust-
rialisierung größer gewesen sein als diejenige gesteigerter Bequemlichkeit, Sicher-
3
heit und Bedienungshäufigkeit. Dies gilt sicherlich auch für die
Geschwindigkeitszu-
nahme von 6 km/h (Pferdefuhrwerk) auf 40 km/h
(Eisenbahn) im Vergleich zum Über-
gang vom Unter- zum Überschallluftverkehr. Im wirtschaftlichen Entwicklungsprozess
haben sich nahezu alle technischen Verkehrsmittel auf fast allen Ebenen verbessert.
Einzelne Teilwertigkeiten weniger Verkehrsmittel haben dabei inzwischen
real fast
den Wert „Eins" erreicht (wie z. B. die Geschwindigkeit im Nachrichtenverkehr, die
Netzbildungsfähigkeit von Hubschraubern, Hovercrafts und Geländefahrzeugen).
Die Beziehungen zwischen den Teilwertigkeiten sind durch technisch-ökonomische
Abhängigkeiten bestimmt und zeigen gleich- und gegenläufige Abhängigkeiten.
Keine Qualitätsebene ist jedoch vollständig
durch eine andere substituierbar. Wegen
dieser Transformationsschwierigkeiten bildet das Qualitätsprofil eine charakteristi-
sche Streuung von
Einzelqualitäten.
Diesem Maßstab des Verkehrsangebots steht auf der Nachfrageseite
ein Komplex
von Anforderungen an die Qualität von Verkehrsleistungen gegenüber: die Verkehrs-
affinität. Diese Anforderungen an bestimmte Qualitätsmerkmale zu einem bestimm-
ten Preis, über eine bestimmte Entfernung zu einem bestimmten Zeitpunkt" sind
ebenfalls begrenzt substituierbar. Die Beziehungen sind teilweise gegenläufig, teil-
weise gleichläufig.
Im Rahmen seiner Wahlhandlung im Substitutionswettbewerb zeigt
der Nachfrager
ein konkretes Affinitätsprofil. Dieses wird zwischen dem Mindestprofil als Summe sei-
ner Mindestanforderungen an die einzelnen Qualitätsmerkmale, damit sich überhaupt
konkrete Nachfrage bildet, und zwischen dem Maximalprofil liegen.
Mikroökonomisch bildet somit die Maximalaffinität jenes Profil eines Nachfragers,
bei dem dieser seine maximale Nachfrage entfaltet, makroökonomisch hingegen die
Sättigungsgrenze der Nachfrage eines Wirtschaftszweiges oder Raumes bei optima-
lem Qualitätsprofil des Verkehrssystems oder Verkehrsmittels. Bei gegebenem wirt-
schaftlichen
Entwicklungsstand und Zielsystem der Bevölkerung kann diese Nachfra-
gemenge durch Qualitätssteigerungen
des Verkehrssystems nicht
mehr erhöht wer-
den. Solche Sättigungsgrenzen existieren hinsichtlich Einzelqualität wie Qualitätsprofil.
Affiniten sind abhängig von technischen Eigenschaften des Transportgutes sowie
von ökonomischen Zwängen und subjektiven Präferenzen der Nachfrager.
Interaktive Veränderungen von Verkehrswertigkeit und Verkehrsaffinität bilden den zent-
ralen Wirkungsmechanismus verkehrsorientierter räumlicher Entwicklungsprozesse. Je
mehr sich Veränderungen der
Qualitäts- und Kostenprofile auf der Angebots- und Nach-
frageseite decken, desto größer ist die Gestaltungsfähigkeit räumlicher Prozesse durch
das Verkehrssystem. Für das Verständnis dieses Wechselspiels ist
es wesentlich zu er-
kennen, dass jeder Wirtschaftszweig und jeder Wirtschaftsraum unterschiedliche Affini-
tätsprofile aufweist, wobei für den
Nachfrager meist nur ein bis zwei
Qualitätsebenen
entscheidend sind
und für die anderen das Mindestprofil genügt. Nicht zuletzt aber kommt
keine Verkehrsleistung zustande, wenn eine Teilwertigkeit nur „Null" beträgt oder wenn
alle Anforderungen unendlich hoch" sind (bei minimalen Kosten).
Ein Verkehrssystem mit der Verkehrswertigkeit „Null" wäre beispielsweise in einer
Form denkbar, dass in einem Teilraum keine überörtlichen Transporte möglich sind.
Wegen der damit verbundenen Unfähigkeit zur Erweiterung der Ressourcenbasis, des
Absatzraumes, des technischen Wissens und anderer Wirtschaftsgrundlagen sind
sämtliche
Aktivitäten auf die Siedlungen selbst beschränkt. Stagnation auf niedrigem
ökonomischen Niveau oder Verarmung (bei einseitiger Bevölkerungszunahme) sind
unumgänglich. Entwicklungsimpulse (wie
z.
B. kapazitätserweiternde Nettoinvestitionen
oder Erfindungen) bleiben wirkungslos, da der Wirtschaftsraum durch den Engpass-
faktor über- oder zwischenörtlicher Verkehr" nicht vergrößert werden kann.
4
Ein ideales Verkehrssystem mit der Verkehrswertigkeit ,,Eins" ist paradoxerweise
ebenso
gestaltungsunfähig. Bei unendlich schnellen,
massenleistungsfähigen, netzbil-
dungsfähigen, berechenbaren, verfügbaren, bequemen und sicheren .Transportmög-
lichkeiten zum minimalen Preis gibt es keine zeitlichen und räumlichen Produktions-
vorteile mehr,
wird jede Änderung des technischen Wissens sofort bekannt, ist das
(weil bereits ideale) Verkehrssystem nicht mehr zu verbessern und bietet damit kei-
nerlei Entwicklungsimpulse. Standortvor- und -nachteile werden durch Verkehrsvor-
gänge sofort ausgeglichen und Entwicklungsprozesse - bei
rationalem Verhalten aller
Entscheidungsträger - überall möglich. Auch in diesem Fall ist das Verkehrssystem
zu keiner
eigenständigen Gestaltungsfähigkeit von wirtschaftlichen Prozessen und
Strukturen in der Lage: vielmehr ist es eine gegebene
f
este Größe ohne Differenzie-
rungsmöglichkeit. Unter der Voraussetzung, dass die vollkommene Markttransparenz
durch das Nachrichtensystem zur Einebnung aller räumlichen Präferenzen geführt hat,
ermöglicht ein ideales Verkehrssystem Monopole der leistungsfähigsten Unternehmen.
Die gesamtwirtschaftliche Gestaltungskraft eines Verkehrssystems, d. h. seine „Fähig-
keit, von einer bestimmten Ausgangslage aus die bestehende Struktur der Wirtschaft
umzugestalten und damit Entwicklungsprozesse auszulösen oder laufende Entwick-
lungsprozesse umzuformen", ist gleichsam als prozessuales Spiegelbild und Ergebnis
der Unvollkommenheit des Verkehrssystems zu verstehen.
2. Die Einführung eines höherwertigen Verkehrssystems
2.1 Grundmodell und Differenzierungseffekte
Die Einführung eines höherwertigen Verkehrssystems ist mit höheren Transport-
qualitäten verbunden, die im Vergleich zum bisherigen Verkehrssystem zu niedrigeren
Transportkosten (im umfassenden Sinn)
führen. Bei Transporten, die wegen unzu-
reichender Teilqualitäten des
Verkehrssystems bisher nicht durchgeführt werden konn-
ten, waren die
Transportkosten somit unendlich hoch. Diese Transportkostensenkun-
gen können sich auch in der Nichtminderung der Transportqualität zeigen
und in der
bloßen Vergrößerung der Markttransparenz durch Nachrichtenverbindungen (Marktin-
formationen).
Werden verschiedene Siedlungen eines Raumes durch ein leistungsfähiges Ver-
kehrssystem miteinander verbunden, führt die erhöhte
Markttransparenz der be-
rührten Produktionsstandorte und Märkte zu
einer Preisangleichung im Maßstab
der Transportkosten- (und Transportqualitäten-) unterschiede sowie vorhandener
Präferenzen der
Marktteilnehmer. Bei rationalem Verhalten der Güterproduzenten
und
Nachfrager ermöglichen sinkende Transportkosten und/oder steigende
Trans-
portqualitäten (und damit Transportgutqualitäten) eine Absatzausweitung auf
Fremdmärkten mit höheren Preisen und/oder geringeren terqualitäten. Sinkt
der Preis auf diesen Fremdmärkten unter
das Stückkostenminimum dort ansässi-
ger Unternehmer (A, G, H), werden diese durch kostengünstigere Produzenten (F)
vom Markt verdrängt.
5
Hohe Transportkosten können somit Produzenten mit höheren Produktionskos-
ten (wie B, C, D, E, I . . .M) vor Konkurrenz (F) schützen.
Diese Wirkungen hängen
von der Linienführung des neuen Verkehrssystems ab: unterschiedliche Linien-
führungen können - je nach der
Streuung von Produktionskosten und Produkt-
qualitäten - zu völlig
anderen räumlichen Folgeprozessen führen (z. B. eine Linien-
führung I, F, G, H).
War die Transportqualität bisher so gering, dass ein entsprechend affines Gut seinen
Markt nur unter erheblichen Qualitätseinbußen erreichen konnte, führte dies bei rati-
onalem Verhalten zu einem geringeren Marktpreis oder sogar zum völligen Marktver-
lust. Eine Erhöhung der relevanten Teilwertigkeiten (z. B. der Schnelligkeit r leicht
verderbliche Güter; der Sicherheit für straßenempfindliche Güter usw.)
stellt eine er-
hebliche Senkung der Transportkosten dar und ermöglicht bei Überlegenheit auf
Fremdmärkten entsprechende Absatzausweitungen. Ein ähnlicher Tatbestand liegt
vor, wenn die geringe Transportqualität zu Folgekosten geführt hat, die dem ansäs-
sigen Unternehmer einen Standortvorteil (Service, Reparaturen usw.) verschaffen.
Die Lage im Verkehrssystem (Hauptlinien, Kreuzungspunkte, Zentralit) und die
örtlichen Produktionsbedingungen gewähren einzelnen Produzenten und/oder Stand-
orten im Raum Vorzugspositionen in Gestalt niedrigerer Kosten. Damit ändert sich
aber in allen vom Verkehrssystem berührten Orten die Grenzleistungsfähigkeit des
Kapitals bzw.
der Kapitalwert neuer Investitionen. Die kostengünstigsten Produzen-
ten können unter bestimmten Nebenbedingungen (rationales Verhalten,
keine Präfe-
renzen, homogenes Gut) diese Entwicklungschancen nutzen und Absatzgebiete
und Absatzmenge zu Lasten der kostenungünstigeren Produzenten ausdehnen, die
bisher im Schutz hoher Transportkosten lagen. Die Grenze liegt dort, wo die Produk-
tionskostenunterschiede durch Transportkosten kompensiert werden. Diese für kos-
tengünstigere Produzenten zusätzliche Nachfrage aus anderen Teilräumen wird in
den begünstigten Standorten Kapazitätserweiterungen anregen. Werden Investitio-
nen vorgenommen, verringern sich die Entwicklungschancen aller jener Unterneh-
mer und Orte, die ohne jene externen Effekte höherer Verkehrsqualität vorher die
gleichen Möglichkeiten besaßen. Von
besonderem Einfluss auf die Investitionsfunk-
tion ist die erwartete Absatzmenge und die Möglichkeit, über größere Produktions-
kapazitäten sinkende Grenz- und Stückkostenverläufe (Größenvorteile, Kostende-
gressionseffekte, steigende Skalenerträge) ausnutzen können. Das Ergebnis dieser
Differenzierungseffekte als Einwirkung des Verkehrssystems auf die Investitionsfunk-
tion (Erster Differenzierungse
f
fekt) sind Veränderungen der Produktionsstruktur, ge-
wisse räumliche Konzentrationsprozesse und eine räumliche Umverteilung des er-
warteten Kapitalwertes neuer Investitionen.
Kaufkraftzustrom und zusätzliche Investitionen (Nettoinvestitionen)
vergrößern das
Gesamteinkommen der begünstigten Teilräume und sind auf dem Wege zu den
Produktionsfaktoren mit Multiplikatoreffekten verbunden. Diese Einkommenseffekte
6
konzentrieren sich brennpunktartig auf den Standort von Produktions- und Investi-
tionsvornahme und schwächen sich in Abhängigkeit von der Verkehrswertigkeit
des Verkehrssystems - mit steigender Entfernung ab (Zweiter Differenzierungsef-
fekt). Je hochwertiger ein Verkehrssystem ist, desto leichter und
weiter wird ein
Pendelverkehr zwischen dem Produktions- und Investitionsort als Arbeitsort und
dem Wohnort als Ausgabeort der Lohn-
und Gehaltsempfänger möglich. Dasselbe
gilt für die Verteilung der
Zulieferindustrie, Rohstoffzulieferung u.a.
Die mit diesen Nettoinvestitionen verbundene erweiterte Produktionskapazität bringt die
räumliche Verteilungsproblematik der erhöhten Produktmenge mit sich. Wiederum in Ab-
hängigkeit von der Verkehrswertigkeit des Verkehrssystems bildet sich · ein Güterstrom
vom Produktions- und Investitionsort zu allen im Raum befindlichen Absatzorten sowie ein
entsprechender Geldstrom in umgekehrter Richtung. Da Güter und Kauf kraft mobiler sind
als Menschen, wird dieser
Kapazitätseffekt erheblich weiter reichen und breiter
streuen als der
Einkommense
f
fekt der
N
ettoinvestition (Dritter
Dif
ferenzierungs-
e
f
fekt
).
Diese unterschiedliche räumliche Streuung von
Einkommens- und Kapa-
zitätseffekten dieser Investitionen beinhaltet einen ständigen Kaufkraftzufluss
aus den vornehmlichen Absatzgebieten
in-
die Investitionsgebiete (d. h. diese
Kaufkraft der Absatzgebiete stammt aus anders
entstandenen Einkommen oder
Vermögen). Dieser Kaufkraftzustrom
führt in den Investitionsgebieten zu einer
laufenden Erhöhung der
Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals und zu neuen
Investitionen.
Kosten- und Qualitätsunterschiede in der Verkehrsbedienung gewähren unter-
schiedliche Freiheitsgrade in der Wettbewerbsstrategie. Billigere oder bessere Ver-
kehrsleistungen nnen über höhere nichtausgeschüttete Gewinne Selbstfinanzie-
rung und Möglichkeiten des Übergangs zum Qualitätswettbewerb begünstigen,
Preisdifferenzierungen
fördern und unterschiedliche Fähigkeiten zur Qualitätsver-
besserung und
Diversifikation begründen. In den vorwiegenden Absatzräumen hin-
gegen führen die entsprechenden Entzugseffekte von Kaufkraft und Entwicklungs-
erwartungen zu wirtschaftlichen: Schrumpfungsprozessen
(Vierter Differenzierungs-
effekt).
2.2 Sekundärimpulse, Bremsmechanismen un
d
räumlich ungleichgewichtiges
Wachstum
In den von Differenzierungseffekten begünstigten Teilräumen fließen die zusätz-
lich einströmenden und durch Nettoinvestitionen entstehenden Einkommen zuneh-
mend in Produktionszweige von Gütern und
Dienstleistungen, die erstens eine
höhere Einkommenselastizität aufweisen (Wachstumsbranchen) und zweitens mit
Hilfe von kapazitätserweiternden Investitionen rasch sinkende Grenzkostenver-
läufe ausnutzen
können. Die im Rahmen des Engel-Kurvensystems steigenden
Bedarfsebenen sind mit weiteren Investitionen (und ihren Einkommenseffekten)
als sektoralen Echoeffekten der Primärinvestitionen verbunden.
Die Nähe kaufkräf-
tiger Nachfrage und die Erreichbarkeitsverhältnisse
tragen dazu bei, dass die
Standorte der Primärinvestitionen auch zu den
Investitionsstandorten dieser Se-
kundärimpulse werden. Ballung von
Kaufkraft, wirtschaftliche Schwerpunktbildung
und Lagevorteile führen zur verstärkten Ansiedlung von Banken und Versicherungen
und zur weiteren Investitionsfinanzierung dieser
.
Kerngebiete. Räumliche
Echoeffekte
bestehen in der gegenseitigen Stimulation der einzelnen
Kerngebiete und ihrer Kon-
zentration von Kaufkraft, von entwicklungsträchtigen Wirtschaftszweigen und von
wirtschaftlicher Macht. Die gegenseitige Stimulation von Wirtschaftszweigen in und
zwischen diesen
Teilräumen, das Entstehen von Agglomerationsvorteilen und die zu-
nehmende umliche Diskrepanz zwischen Einkommens- und Kapazitätseffekten las-
sen Knappheitssituationen entstehen. Zu solchen frühen
Knappheitssituationen zählt
7
die zeitliche Lücke zwischen zusätzlichen
Einkommen aus Investitionen und dem
Nutzungsbeginn der, Kapazitäten (Reifezeit), die räumlichen Engpässe der Flächen-
nutzung und die sozialen Zusatzkosten. Da diese Nachteile jene Agglomerationsvor-
teile
aufzehren, begünstigen sie erneute kapitalintensive Auswege
.
Standen
bei den
Differenzierungseffekten zuerst räumliche Verlagerungen und Umverteilungsprozesse
im Vordergrund, so bilden diese Sekundärimpulse echte Wachstumsprozesse.
In den benachteiligten Räumen zeigt sich zuerst ein Verlust von Entwicklungschan-
cen, woraus sich in späteren Zeitabschnitten Entleerungs-
und Schrumpfungsprozesse
entwickeln können, die mit Kapazitätsabbau und Bevölkerungsabwanderung verbun-
den sind. Kostensenkungen durch Lohn- und Gewinnsenkungen beeinträchtigen in der
Regel die regionale Nachfrage und die Entwicklungsfähigkeit (Selbstfinanzierung, Kre-
ditwürdigkeit) und wirken für rationalisierende wie komplementäre Branchen eher als
Bumerang. Diese regionalen Differenzierungen kumulieren und entwickeln: sich zu
Disparitäten.
Langfristige Bindungen und Festlegungen, die unumgänglich sind, aber aus der
historischen Entwicklungssituation von Technologien und Organisationen heraus ge-
troffen werden. (müssen), beeinträchtigen die
weitere Entwicklungsfähigkeit von· dy-
namischen Systemen. Diese sog.
Anteludialbindungen mit ihren negativen Effekten
sind für Verkehrssysteme (vor allem Verkehrsnetze: Linienführung, Spurweite) ty-
pisch.
Sie können durch Gesetze und andere Rechtsnormen, durch den Umfang
be-
reits vorhandener, kaum veränderbarer Anlagen und durch die zum
Festlegungszeit-
punkt bestehenden Eigentums- und Wettbewerbsverhältnisse verursacht werden.
Entwicklungschancen, die ursprünglich im Gesamtraum verstreut
existierten, kon-
zentrieren sich später auffällig auf die Orte der ersten größeren Anlagen. Die engbe-
grenzte Marktgröße der Frühphase und eine vorausschauende Kapazitätsplanung im
Hinblick auf ein gewisses
Wachstum begünstigen vor allem in Bereichen langfristig
sinkender
Grenzkostenverläufe größere Erstinvestitionen. Damit werden die Zu-
trittsbedingungen r Konkurrenten erschwert und vor allem Komplementärinves-
titionen anderer Wirtschaftszweige marktwirtschaftlich sinnvoll. Im Bereiche des
Verkehrs prägt das erste hochwertige Verkehrsmittel durch sein technisch-ökono-
misches Qualitsprofil im Hinblick auf
das Affinitätsprofil die sektorale und umli-
che Wirtschaftsstruktur in charakteristischer Weise. Ein später hinzukommendes
Verkehrsmittel
kann solche erfolgten ökonomischen Prozesse 'nur noch ablenken
und Strukturen auflockern. Selbst bei erheblicher Überlegenheit aber wird es nie
jenen Wirkungsumfang entfalten können, wie wenn es zuerst
dagewesen wäre
(Gesetz der Priorität). Das bestimmte Qualitätsprofil
des ersten hochwertigen Ver-
kehrssystems sst vielmehr eine charakteristische verkehrsmittelspezifische „Kris-
tallstruktur" als regionale Wirtschaftslandschaft entstehen, die Traditionskraft ent-
wickelt (Kristallisa
tionseffekt).
Der Entwicklungsprozess in den Wachstumskernen (Kernprozess) lebt
einerseits
von dem Wechselspiel zwischen Differenzierungseffekten und
Sekundärimpulsen
und andererseits von den weiteren Verbesserungen
des Verkehrssystems, die
zu einer fortschreitenden Raumdifferenzierung führen. Der Grundmechanismus
ergibt sich aus der Unvollkommenheit des Verkehrssystems: sie ermöglicht erst
jene ungleichmäßige
räumliche Streuung von Einkommens- und Kapazitätseffek-
ten der Investitionen. Durch diesen laufenden positiven Kaufkraftsaldo werden
die Kerngebiete ständig extern begünstigt und zu internen Komplementärinvesti-
tionen angereizt, die auf die vorwiegenden „Importgebiete" zurückwirken. Wegen
der hohen fixen Kosten wird sich die
marktwirtschaftliche Verkehrsbedienung auf
die Gebiete mit den höchsten kurzfristigen Gewinnchancen ausrichten. Dies gilt
ebenfalls
r die weitere Vermaschung des Streckennetzes und die Intensivierung
der Verkehrsbedienung. Wächst die kaufkräftige Nachfrage in einem solchen Umfang,
8
dass neue Wirtschaftszweige entstehen, die wiederum
Investitionen vornehmen und
andere Wirtschaftszweige befruchten
können, ist die glichkeit eines sich selbst
nährenden Wachstums- und
Entwicklungsprozesses gegeben. Diese zunehmende
Spezialisierung
setzt eine laufende Anpassung des Qualitätsprofils des Verkehrssys-
tems voraus. Der Beitrag des Verkehrs ist vor allem darin zu sehen, dass das
Qualitätsprofil des Verkehrssystems jene investiven Differenzierungseffekte räumlich
geformt hat. Alle neuen Prozesse aber sind räumlich an diese Systemstrukturen und
ihre Veränderungen gebunden. Damit werden immer wieder dieselben Teilräume ten-
denziell besonders begünstigt, benachteiligt und vernachlässigt. Der Prozess rde
enden,
wenn nicht die räumliche Unvollkommenheit des Verkehrssystems und
de-
ren weitere Verstärkung die Güter- und Kaufkraftströme so räumlich lenken, bün-
deln und agglomerieren würde, dass in wenigen Konzentrationen zusätzliche In-
vestitionen kontinuierlich induziert werden.
Insofern endet der Gesamtprozess
räumlich auch dort, wo die Qualität
des Verkehrssystems keinen Verdrängungs-
wettbewerb gestattet. Zwar
wird die Unvollkommenheit des Verkehrssystems im
historischen Entwicklungsprozess laufend abgebaut, aber - gemessen am idealen
Verkehrssystem - in
sehr geringem Maße. Daher sind Standorte und Wirtschafts-
zweige mit unterschiedlichen Affinitäten stets gezwungen, ein
Verkehrssystem
zu benutzen, das nur in
·
begrenztem Maße große
·
und
kleine Transporte zugleich
mit relativ geringen Geschwindigkeiten,
nur zu bestimmten Orten im Raum, zu
bestimmten Zeiten, mit gewissem Risiko der Beschädigung und mit relativer Pünkt-
lichkeit zu Kosten
in bestimmter Höhe durchführen kann. Da jedes Verkehrssys-
tem aus
verschiedenen Verkehrsmitteln mit unterschiedlichen Netzstrukturen
be-
steht, wird die räumlich differenzierte Verkehrswertigkeit noch deut
licher.
Die Grenzen sich selbstnährender Prozesse bestehen (1) in nicht gegebenen oder
entfallenden strukturellen Voraussetzungen und (2) in in
flationären Folgen von Knapp-
heitssituationen. Beispiele für Faktoren
außerhalb des Verkehrssektors bilden vor allem
steigende Grenzkosten und sinkende Erträge, Kaufkraftabflüsse in andere Räume
(Kapitalflucht, steigende Importelastizität von Produkten aus anderen Gravitationszen-
tren), dominante Produktionen starrer oder negativer Einkommenselastizität und
starre Preiselastizitäten. Was die ständige inflationäre Gefährdung betrifft, ist dieser
umliche Differenzierungsprozess
und Strukturwandel schon recht früh häufigen Os-
zillationsbewegungen
unterworfen. Sie ergeben sich aus der Divergenz zwischen stän-
diger
Angebotsverringerung und Kaufkraftzunahme, d.h. aus Angebotslücken in den
Kernbereichen. Die inflationären Lücken führen über
Nachfrageeinbrüche zu krisen-
haften Situationen. Auf Grund des vorhandenen strukturellen Entwicklungsvorsprungs
der Wachstumsgebiete
verstärkt jedoch jede dieser Schwankungen die vorhandene
räumliche Differenzierung. Die Eigendynamik der räumlichen Differenzierung
verfestigt
sich durch die zunehmende ökonomische Verdichtung des Kerns von Wachstums-
gebieten und die damit verbundenen Begleitprozesse, da „die Kernformung Traditi-
onskraft annimmt". Dem Beitrag
des Verkehrssystems kommt besondere Bedeutung
zu. Die Herausbildung und ökonomische Lebensfähigkeit eines Kerns ist immer in
erheblichem Umfang von seiner Fernerreichbarkeit, seine innere Verdichtung aber
von seiner Naherreichbarkeit abhängig. Je besser das Verkehrssystem eines Kernge-
bietes und seiner Umgebung, desto lockerer ist im Allgemeinen seine Bebauung. Mit
der Kernformung immanent verbundene Begleitprozesse sind zum einen Verdrän-
gungsprozesse von Wirtschaftszweigen, Unternehmen und
Nutzungsfunktionen aus
dem Kerngebiet bzw. Zentrum dieses Kerngebietes in weniger begünstigte Plätze im
Maßstab der Rentabilität der Bodenfläche. Zum anderen hemmen Anteludialeffekte
,
eine vollständige Realisierung der
·
einzelwirtschaftlich nstigen Siedlungsstruktur.
Raummangel und Kostensteigerungen veranlassen vor allem schnellwachsende In-
dustriebetriebe, unter der Voraussetzung hochwertiger Erreichbarkeitsverhältnisse,
9
aus den Kerngebieten an deren Ränder abzuwandern. Diese
fortwährende Ausdeh-
nung einst voneinander
entfernter und disperser
Industriestandorte führt zu ihrem Zu-
sammenwachsen in Bändern von
Industriestandorten. Die Eigendynamik des markt-
wirtschaftlichen Wachstums des Verkehrssystems führt zu ständigen erheblichen Ver-
besserungen
der Erreichbarkeitsverhältnisse
und zur verkehrsmäßigen Integration im-
mer größerer Wirtschaftsräume. Die Folge bilden großräumige Differenzierungspro-
zesse zunehmender Reichweite im Maßstab des Verhältnisses von Verkehrswertigkeit
des Verkehrssystems zu den Verkehrsaffinitäten der Wirtschaftszweige.
Nachträgliche erhebliche Verbesserungen
der Verkehrsversorgung
von bisher
schlechter oder nicht erschlossenen Teilräumen durch hochwertige Verkehrsver-
bindungen,
günstigere
Verkehrsbedienung und
Senkung der Transportkosten kön-
nen in diesen Teilräumen - ohne
besondere Standortvorteile - zu einem Entlee-
rungsprozess führen bzw.
einen solchen beschleunigen. Der wesentliche Grund
besteht in
dem
Entwicklungsvorsprung der Wachstumsgebiete und in der geringen
Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals in diesen zurückgebliebenen Räumen. Eine
Ausnahme bilden - bei Preiswettbewerb - lediglich
arbeitsintensive Wirtschafts-
zweige, die auch in den. Wachstumsgebieten
keine langfristig sinkenden Grenzkos-
tenverläufe ausnutzen können
(Voigt 1960, S.175-176).
2.3. Regionale, sektorale und verkehrsimmanente Strukturwandlungen
Der dargestellte Differenzierungs-, Wachstums- und Entwicklungsprozess als lang-
fristiger und großräumiger Wirkungsverlauf verkehrswirtschaftlicher Aktivitäten zeigt
charakteristische raum- und wirtschaftszweigspezifische Strukturraster. Räumlich zeigt
sich eine ausgeprägte Differenzierung des Gesamtraumes, der vor Einführung des
hochwertigen Verkehrssystems wirtschaftlich relativ gleichmäßig genutzt wurde, in:
Wachstumsräume: Teilräume mit steigendem Sozialprodukt als Ergebnis ex-
terner Effekte, die vom Verkehrssystem geformt wurden.
Wachstum wird in
der Regel immer nur von wenigen Wirtschaftszweigen getragen. Produktionen
inferior gewordener Güter und
Dienstleistungen bilden einen Entleerungssektor
im Wachstumsraum.
Räume sekundärer Einkommense
f
fekte: Teilräume mit steigendem
Sozial-
produkt, das jedoch vor allem von Wirtschaftszweigen in gut
erreichbaren
Wachstumsräumen erzeugt wird und diesen Räumen
als Wohnstandorte
und Naherholungsräume zufließt.
Entleerungsräume: Teilräume mit sinkendem Sozialprodukt originärer Bereiche
und abnehmender Wettbewerbsfähigkeit, deren Ursache Benachteiligungen
durch das Verkehrssystem bilden. Diese
negativen Prozesse sind in der Regel
langfristiger Natur und werden häufig erst erheblich verzögert wahrgenommen.
ume relativ verzögerter Entwicklung: Teilräume, deren wirtschaftliche Ent-
wicklung, aufgrund von Lagenachteilen im Verkehrssystem oder von verkehrs-
wirtschaftlichen Maßnahmen gehemmt, hinter dem gesamtwirtschaftlichen
Durchschnitt zurückbleibt. Bei
niedrigeren Löhnen und Gewinnen bleiben die
Unternehmen aber
als Grenzunternehmen erhalten. Hierzu zählen auch Ge-
biete mit boden- und naturabhängigen Wirtschaftszweigen (Bodenschätze,
Heilquellen, Tourismus), die für selbstnährende Entwicklungsprozesse
nicht ge-
nügen.
Indifferenzräume: Teilräume, die durch das hochwertige Verkehrssystem nicht
berührt und dadurch weder wirtschaftlich begünstigt noch benachteiligt werden.
10
Neben diesen raumgestaltenden Wirkungen von Verkehrsinvestitionen zur Förde-
rung der arbeitsteiligen Wirtschaft und zur Befriedigung
von Konsumbedürfnissen er-
geben sich aus der Integrationsfunktion
Zentrale Orte mit entsprechendem Einfluss auf
die Verkehrswegenetze und die verflechtungsräumliche Entwicklung. Zentrale Orte bil-
den
zwar traditionelle Knotenpunkte des Verkehrssystems, bei erheblichen regionalen
Veränderungen des Verkehrssystems aber bildet die bloße
Zentralitätsfunktion im be-
nachteiligten Teilraum nur einen unzulänglichen Schutz vor Differenzierungsfolgen, d.
h. vor allem Entleerungen.
Die Wirkungen des Verkehrssystems auf die Entwicklung und Struktur der einzel-
nen Wirtschaftszweige bestehen in einer Umgestaltung der meisten berührten Gebiete.
Mit Hilfe des hochwertigen Verkehrssystems war es an verschiedenen Standorten
möglich, über kapitalin
tensive Produktionen Vorteile der Massenproduktion, langfristig sin-
kende Grenzkostenverläufe, sinkende Produktpreise und steigende Einkommenselastizi-
täten auszunutzen, sich durch den Aufbau heterogener
Produkte eigene rkte und Fir-
menwerte zu schaffen und die Produktqualität nachhaltig zu verbessern. Die Ausnutzung
des technischen
Fortschritts und die durch die nur begrenzte Mobilität des Arbeitskräftepo-
tentials notwendige Substitution der Produktionsfaktoren Arbeit (und Boden) durch Kapital
führt zu einem Industrialisierungsprozess, der auf der Ausnutzung. „produktiver Produkti-
onsumwege", d. h.
kapital- und verteilungsintensiver Spezialisierung, beruht. Damit wird
das arbeitsintensive Handwerk entweder zur Anpassung gezwungen,
über den Markt ge-
räumt, auf die Reparatur- und Serviceebene reduziert oder in räumlichen Nischen belas-
sen, die sich aus Unzulänglichkeiten des Verkehrssystems ergeben (wie z. B. die Produk-
tion leichtverderblicher Waren oder Heimatkunst). Bergbauliche Produktionen bilden
her-
vorragende Ausgangspunkte von Industrialisierungsprozessen. Sie
werden jedoch im
Rahmen großräumiger Differenzierung durch massenleistungsfähige Verkehrssysteme re-
lativ rasch wettbewerbsunfähig
oder erschöpfen sich. Die Landwirtschaft wird im weltweiten
Wettbewerb in Randzonen lohn- und kapitalextensiver Produktion haltbarer
Erzeugnisse
gedrängt und in zentralen Nischen zur kapital- und arbeitsintensiven Produktion relativ
transportempfindlicher Produkte
gezwungen.
Mit diesen umlichen und sektoralen Strukturwandlungen verschieben sich - in den
Industriegebieten - auch
die
Bestimmungsgrößen der Gestaltungskraft des Verkehrs-
systems. War r den Prozessbeginn der lokale Kleinunternehmer charakteristisch, so
sind es später
vor allem internationale Großunternehmen als Mehrproduktunterneh-
men. An die Stelle des Preiswettbewerbs tritt später in erheblichem
Umfang der Qua-
litätswettbewerb, in dem Qualität, Werbung, Absatzmethode und Forschung/Entwick-
lung die wesentlichen unternehmerischen Aktionsparameter darstellen. Die Transport-
kosten als Kriterium
unternehmerischer Standortwahl treten zugunsten der Qualität
der Verkehrsbedienung für Beschaffung, Absatz,
Service, Lagerhaltung
u. a. zurück.
Allgemein aber schwindet die Bedeutung des Verkehrs als Standortfaktor in dem
Maße, in dem das Verkehrssystem immer besser
ausgebaut und als Weltverkehrs-
system verdichtet wird. Dies führt zu
Fragen nach der allgemeinen Entwicklungs-
fähigkeit von Verkehrssystemen als Ursache wie Folge der dargestellten Entwick-
lung.
3. Wachstumsgrenzen von Verkehrsmitteln
Dieser Problemkreis bildet nach den Grundaussagen zur räumlich-sektoralen Entwick-
lung als Funktion von Veränderungen des Verkehrssystems - den zweiten zentralen
Bereich der Voigtschen Theorie: die
Eigendynamik im Wachstumsprozess der Verkehrs-
mittel.
Die Entwicklung eines neuen Verkehrsmittels ist von endogenen und
exogenen Fakto-
ren abhängig. Die endogene Determinante ist seine
eigenständige Entwicklungsdynamik,
11
die sich aus der verkehrsrnittelspezifischen technisch-ökonomisch-historischen Produkti-
ons- und Organisationsstruktur, dem Umfeld und übergeordneten Instanzen ergibt.
Exo-
gene Faktoren bilden die Marktsituation,
der technische Fortschritt und die staatliche Ver-
kehrspolitik.
Für die Durchsetzung eines neuen Verkehrsmittels ist -neben militärischen und
politischen Triebkräften -marktwirtschaftlich das Ausmaß seiner Überlegenheit
über das bestehende System entscheidend.
Dabei genügt in der Regel die erhebliche Qualitätsverbesserung einer
Ebene. Die
weitere Entwicklung des Verkehrsmittels wird im Wesentlichen von der Nachfrage-
entwicklung nach seinen Leistungen und von seiner Eigendynamik bestimmt. Neben
die Substitution bereits vorhandener Nachfrage tritt die Schaffung und Weckung
zusätzlicher Nachfrage im Rahmen der dargestellten räumlich-sektoralen Entwick-
lungsprozesse. Dabei schaukeln sich Verbesserungen des Verkehrssystems
und wirt-
schaftliche Wachstums-, Erweiterungs- und Konzentrationsprozesse gegenseitig auf.
Das Rentabilitätsstreben im Verkehrssektor, aber auch politisch-militärische Trieb-
kräfte, führen dabei zu einer ständigen Ausweitung der Angebotsstruktur. Der damit
verbundene Netzausbau
wird immer nachfrageschwächere und deshalb weniger ren-
table Netzabschnitte umfassen. Wachstumskonzentrationen der Hauptstrecken, ver-
zögerte Entwicklungsprozesse entlang der Erweiterungsstrecken,
langfristige Entlee-
rungsprozesse an den späteren Sekundärstrecken und sinkende Erwartungen kenn-
zeichnen den Weg zur Sättigungsgrenze. Jedes Verkehrsmittel durchläuft deshalb
eine individuelle logistische
Wachstumskurve vorn Typ
Diese Wachstums-, Sättigungs- oder Diffusionsfunktion eines Verkehrsmittels bildet
eine Teilfunktion der historischen Entwicklung des gesamten Verkehrssystems. Die
historische Entwicklung eines Verkehrssystems ist gekennzeichnet durch eine stän-
dige
-wenn
auch modal, zeitlich und räumlich ungleichmäßige Erhöhung seiner Ver-
kehrswertigkeit auf allen Qualitäts- und Kostenebenen.
Diese Entwicklung der Verkehrswertigkeit von 0 bis 1, zum Zeitpunkt
t
0
im Zentrum
ausgehend und zum Zeitpunkt t
n
das Verkehrssystem im
Gesamtraum umfassend,
setzt sich somit aus ähnlichen Teilkurven für die einzelnen Teilsysteme (= Verkehrs-
mittel) und deren einzelnen Teil
wertigkeiten (einzelne Qualitäten, Kosten) zusam-
men. Am Kurvenverlauf werden die Zonen progressiver, proportionaler und degres-
siver Zunahme der Verkehrswertigkeit im Zeitablauf deutlich.
12
Hier wird die zentrale Bedeutung von Verkehrswertigkeit und Verkehrsaffinitäten r
die Voigtsche Entwicklungskonzeption erneut deutlich: Das Wachstum eines Ver-
kehrsmittels ergibt sich wiederum aus
dem Grad seiner Unvollkommenheit gegenüber
dem idealen Verkehrssystem. Im konkreten Einzelfall heißt dies: aus dem Grad sei-
ner Überlegenheit über vorhandene und später neu aufkommende. Diese Entwick-
lungsfähigkeit von der Einführung bis zur Sättigung ergibt sich
marktwirtschaftlich vor
allem aus den technisch-ökonomischen Grenzen des Verkehrsmittels, aus der Ent-
wicklung der Verkehrsaffinitäten,
aus dem Ausreifungszustand des Verkehrsmittels
bei seiner Einführung
und aus dem Einführungszeitpunkt des höherwertigen Ver-
kehrssystems in Relation zum Entwicklungszustand des überkommenen. Für die Kon-
tinuität der Gesamtfunktion ist wichtig, dass das Wachstum des jeweils
nachfolgenden
Teilsystems schon
vor
Erreichen des Sättigungspunktes
des überkommenen Teilsys-
tems beginnt. Hat ein Verkehrsmittel seinen Sättigungspunkt noch nicht erreicht, ist
es - nach Voigt -
für ein folgendes höherwertiges Verkehrssystem leichter, sich durch-
zusetzen. Zu
diesem Zeitpunkt hat das nun überkommene Verkehrsmittel noch nicht
sein höchstes Qualitätsniveau und seine größte Machtposition erreicht,
seine räum-
liche und sektorale Prägung ist weniger stark, und die Dynamik von ihm indu-
zierter Wachstumsprozesse ist größer. Je nach
Überlegenheit des neuen Ver-
kehrsmittels rde dann derniedrigere - ttigungspunkt früher erreicht oder
aus der Wachstumsfunk
tion eine Sättigungsgerade oder sogar ein absoluter Ab-
stieg werden.
Dies führt zum Zusammenhang zwischen Veränderungen des Verkehrssystems mit
seiner Eigendynamik und der systemnotwendigen Dynamik des wirtschaftlichen Ent-
wicklungsprozesses. Mit diesem dritten zentralen Bereich der Voigtschen Theorie
schließt sich der Kreis.
4. Verkehrswachstum und Systemdynamik
Jedes Verkehrsmittel tendiert im Rahmen seiner Sättigungsfunktion
mit zuneh-
mender Vervollkommnung und räumlicher Ausdehnung zu
einer sinkenden Ge-
staltbarkeit räumlicher Prozesse und damit zu einem
Gleichgewichtszustand. Ein
solcher Zustand ist erreicht, wenn der Wertigkeitsvorsprung eines neueingeführten
Systems vom Restraum relativ aufgeholt ist oder sich die Gesamtstruktur an die
„Störung" der Erreichbarkeitsverhältnisse angepasst hat. Das Nacheinander, Mit-
einander und Nebeneinander von Verkehrsmitteln unterschiedlicher (historisch
meist steigender) Verkehrswertigkeit, die lauf ende Verbesserung
neueingeführter
Angebotsformen bis hin zu ihrer Sättigungsgrenze und die Wirkungen von laufen-
den Veränderungen organisatorischer Maßnahmen bilden aber - je nach ihrem
Gewicht - prinzipiell ständige
Störungen dieser Gleichgewichtstendenz. Da das
marktwirtschaftliche
System vom Ausnutzen derartiger Vorzugsstellungen lebt,
sind mit jeder räumlichen Veränderung der Verkehrswertigkeit tendenziell auch
ein Anreiz oder Impuls für räumliche Folgeprozesse und wiederum
Rückkopplun-
gen zum Verkehrsbereich verbunden.
Ein räumlicher Gleichgewichtszustand re damit nur bei einem unveränderten
Verkehrssystem möglich: zum einen, da sich makroökonomisch langfristig dann Er-
wartungen und Planungen decken und sich
niemand zur Revision seiner Einzelpla-
nungen veranlasst sehen rde,
zum anderen, weil das Verkehrssystem dann zum
Datum geworden re und von ihm also keine Störungen räumlicher Verteilungspro-
zesse mehr ausgingen. Von solchen Störungen aber lebt das marktwirtschaftliche
System.
Die Gestaltungskraft eines neu hinzukommenden Verkehrsmittels stört dieses re-
lative Gleichgewicht. Da dieser marktwirtschaftlichen Dynamisierung die Trägheit
13
vorhandener Strukturen und Formen entge
gensteht, ist der Umfang der Verände-
rung entscheidend, d. h. die Überlegenheit des neuen gegenüber dem bestehenden
System. Je geringer
diese Differenz ist, desto stärker macht sich das Beharrungs-
vermögen gegebener Standortverteilung bemerkbar. Jede Veränderung der Verkehrs-
und Raumstrukturen durch ein Verkehrsmittel bildet somit
gleichzeitig ein Hindernis
für die Entwicklungsmöglichkeiten des später
kommenden und eine erhöhte Anforde-
rung an dessen Leistungs- und
Entwicklungsfähigkeit. Aus diesem Grunde ist der
Zeitpunkt der Einführung eines neuen Verkehrsmittels im Hinblick auf den Entwick-
lungsstand des bestehenden Systems so wichtig. Mit anderen Worten: je früher,
desto größer ist das relative Gewicht der Änderung.
Die Entwicklung eines Verkehrsmittels
·
ist durch eine erhebliche
Eigengesetzlich-
keit gekennzeichnet. Den zentralen Faktor bildet die charakteristische technisch-
ökonomische Grundstruktur der Verkehrsmittel. Jedes neue Verkehrsmittel tritt in ei-
nem bestimmten Ausreifungsgrad (seines errechenbaren Endzustandes) in die Wirk-
lichkeit ein
und trifft unter bestimmten historischen Rahmenbedingungen des Gesamt-
systems auf ein bestehendes Verkehrssystem noch gewisser technisch-ökonomischer
Entwicklungsfähigkeit. Diese technisch-ökonomische
Grundstruktur eines Verkehrsmit-
tels ist dabei derartig charakteristisch, dass sich die einzelnen Verkehrsmittel in ihrer
historischen Entwicklung -
unter marktwirtschaftlichen Bedingungen - auch gegen
staatlichen
Widerstand letztlich doch jeweils ihren charakteristischen institutionel-
len, rechtlichen und tarifarischen Rahmen
·
schaffen. Die volkswirt
schaftliche
Gestaltungskraft des Verkehrssystems, die aus ·dem Zusam
menwirken der Ge-
staltungskräfte der einzelnen Verkehrsmittel er
wächst, ist in einem volkswirt-
schaftlichen Entwicklungsprozess, den sie
überhaupt erst ermöglicht, oft sogar
auslöst; aber stets in hohem Ausm gestaltet und schließlich begrenzt, also
eine Variable innerhalb
einer durch die eigenständige Entwicklungsdynamik fest-
gelegten Bandbreite". (Voigt 1960, S. 278).
5. Grundpositionen, Interpretationen und Konsequenzen
des Voigtschen Erklä-
rungskonzepts
5.1 Entwicklung und Wachstum
Sein Entwicklungsparadigma, seine theoretische Konzeption und
jene spezifischen
Besonderheiten führen Voigt zur Verkehrsdefinition, zu seiner Interpretation von Nach-
frage und induziertem Neuverkehr,
zu seinem Menschenbild, zu seinen verkehrspoli-
tischen Forderungen
und zu seinem Bewertungskonzept. Von zentraler Bedeutung
ist dabei
sein Verständnis von Wirtschaftswachstum im Prozess wirtschaftlicher
und
gesellschaftlicher Entwicklung.
Handelt es sich bei Wachstums- oder Schrumpfungsprozessen um
quantitative Vor-
gänge, so interpretiert Voigt „Entwicklung" als einen
Vorgang quantitativer und quali-
tativer Veränderungen eines sozialen
Systems. Entwicklung ist bei ihm ein vieldimen-
sionaler irreversibler Vorgang, der notwendigerweise einen geistigen Prozess ein-
schließt.
Diese komplemenre, geistige Komponente umfasst vor allem die Anpas-
sungsfähigkeit der Prozessbeteiligten (und Betroffenen) und ihre
„moralischen und
politischen Grundhaltungen und Reaktionen" (Voigt
1973, S. 65). Wächst diese
komplementäre geistige Komponente nicht
mit, so wirkt sie wie ein limitationaler
Faktor im Rahmen des Ertragsgesetzes: das steigende materielle Versorgungsni-
veau ruft zunehmend
sinkende Nutzungsempfindungen hervor. Die Folgen derar-
tiger Disproportionalität sind Wohlstandskriminalität und Zivilisationsmüdigkeit.
14
„War dagegen die Auseinandersetzung mit dem steigenden Sozialprodukt frucht-
bar - ein Prozess, der verhältnismäßig viel Zeit benötigt und im Problem des Ge-
nerationswechsels besondere Erschwernisse findet, die häufig zu revolutionären
Gegenbewegungen führen -
,
so formt sich jeweils eine neue Basis dieser Art
von Ertragsgesetz
(Voigt 1973, S. 65). Für die marktwirtschaftliche Entwicklung
der letzten 150 Jahre habe sich immer wieder eine solche, jeweils höhere
Grund-
lage des „Bewertungshorizonts" ergeben. „Dennoch gab es. im
Verlauf dieser
Entwicklung Zeitabschnitte, in denen das geistige Bewusstsein nicht im erforder-
lichen Maße verändert wurde oder das
Wachstum zu schnell vonstattenging" (Voigt
1973, S. 66).
Vor diesem Hintergrund ist sein theoretisches Credo zu sehen: Die
Verbesserung
des Verkehrssystems schaff t über betriebswirtschaftliche
Transportkostensenkungen
und Qualitätsverbesserungen nur für Wirtschaftseinheiten bestimmter Teilräume Vor-
zugsstellungen. Diese Entwicklungschancen bilden externe Vorteile. Ein Verkehrs-
system kann
niemals so gut sein, dass der gesamte Raum gleichmäßig befruchtet"
wird. umliche Differenzierungsprozesse können kumulative makroökonomische
Folgeprozesse entstehen lassen. Diese Folgeprozesse nnen auf Grund ihrer im-
manenten Prozessdynamik zu sich selbst erhaltenden Wachstumsprozessen führen.
Auch wenn Veränderungen des Verkehrssystems schließlich nicht mehr den Schlüs-
selfaktor bilden, unterliegen die räumlichen Wirkungen der Investitionen (als Wachs-
tumsmotor) weiterhin einem verkehrssystembedingten Reichweitenunterschied von
Einkommens- und Kapazitätseffekt. Diese Reichweite aber
wird durch Verbesserun-
gen des Verkehrssystems laufend erhöht.
5.2 Besonderheiten des Verkehrssektors
Diese Funktionszusammenhänge bilden die Ursache wie Folge von
Besonder-
heiten des Verkehrssektors. Fehlende Lagerfähigkeit der Produktion, hohe fixe
Kosten und die Tendenz zur Instabilität der Verkehrsmärkte sind auch in anderen
Wirtschaftszweigen zu finden, bilden
aber Anpassungsschwierigkeiten, die im Ver-
kehr gehäuft auf treten. Spezifische Besonderheiten des Verkehrs aber bilden seine
Unabdingbarkeit als technisch-ökonomisches Bindeglied jeder differenzierten
Wirtschaft und Gesellschaft, die Gestaltungskraft des Verkehrssystems
und das
zeitliche, räumliche und nutzerspezifische Auseinanderfallen
von einzel- und
volkswirtschaftlicher Rentabilität. Das Marktversagen
im Verkehr - mit seinen mo-
nopolistischen Teilmärkten - gewährt
Marktpreisen allein nicht nur sehr geringe
Aussagefähigkeit, sondern
verhindert geradezu volkswirtschaftliche Optimalität in
Verfolgung
einzelwirtschaftlicher Rentabilitätskalküle. Hinzu kommen die Kollektiv-
guteigenschaften des Verkehrs: Nutzer lassen sich von der Nutzung
der Verkehrs-
infrastruktur häufig nicht ausschließen, die Nutzung von
zahlreichen Verkehrsein-
richtungen durch einen Nutzer behindert häufig kaum den Nutzen anderer, Unteil-
barkeiten des Inputs und Outputs
führen zu steigenden Skalenerträgen und ex-
terne Effekte lassen sich
kaum internalisieren.
Aus dieser Interpretation von Verkehrsleistungen im Dienste gesamtwirtschaftlicher
Entwicklungsprozesse stellen betriebswirtschaftliche Gewinne für Voigt überhöhte Er-
löse dar und damit eine verringerte volkswirtschaftliche Gestaltungskraft. Verluste
hingegen ermöglichen eine künstlich überhöhte Gestaltungskraft. Die Konsequenz
bildet eine gemeinwirtschaftliche Verkehrspolitik.
5.3 Verkehr und Verkehrswachstum
Die Erhaltung der Prozessdynamik und der räumliche Disparitätenausgleich zur
Systemstabilisierung bilden für Voigt die langfristigen Hauptziele verkehrspolitischen
Instrumenteinsatzes. Die zentrale Bedeutung von investiven, die Verkehrswertigkeit
15
möglichst stark erhöhenden Maßnahmen führt zu einem allgemeinen und einem ent-
wicklungsrelevanten Verkehrsbegriff. Verkehr ist für Voigt prinzipiell die Überwindung
von Raum durch Personen, Güter und Nachrichten über
jede Entfernung, wobei er
den innerhäuslichen Verkehr ausdrücklich
erwähnt. Aus seiner theoriebedingten Sicht
und aus der Wachstumsperspektive seiner Zeit aber steht für ihn der motorisierte
physische
Verkehr im Mittelpunkt
.
Seine Verkehrstheorie ist genetisch güterverkehrs-
bezogen; der Personenverkehr wirkt nicht nur aufgesetzt, sondern ist auch theoretisch
(güterverkehrs-)abgeleiteter Natur. Im Gegensatz zur empirisch-historischen Darstel-
lung (Voigt 1965) ist die Rolle
des Nachrichtenverkehrs in seiner räumlichen Entwick-
lungstheorie auffällig knapp gehalten.
Induzierter Neuverkehr ist in seinem theoretischen Gesamtkonzept
die notwendige Be-
gleiterscheinung räumlicher Wachstumsprozesse, die
mit räumlicher Differenzierung und
sektoralem Strukturwandel
ver
knüpft sind. Mit steigendem wirtschaftlichen Entwicklungs-
stand nimmt
das davon abhängige zusätzliche Güterverkehrsaufkommen im Rahmen
welt-
weiter Verschiebungen ab (Transportelastizität). Mit zunehmender
Konzentration der Pro-
duktionsstandorte und begrenzter menschlicher Anpassungsbereitschaft im Wohnverhalten
steigen jedoch die mittleren
Transport- und Reiseweiten. Hinzu kommt das Wachstum von
Personenverkehr als superiorem Konsumgut und infolge steigender Integration von Staat
und Gesellschaft. Im Rahmen der Entwicklungsdynamik
des Verkehrssystems bildet Ver-
kehrswachstum somit die positive Differenz zwischen der Gestaltungskraft des neuen und
des überkommenen Verkehrsmittels in Gestalt steigender Verkehrsnachfrage (Voigt
1960,
S. 87, 91, 94; Voigt 1973, S. 405 ff .) . „Eine Verbesserung der Verkehrswertigkeiten, also
der Qualitäten von Verkehrsleistungen, (führt)
zu immer längeren Verkehrsströmen ... "
(Voigt 1973, S. 373).
5.4 Dynamischer Bewertungsansatz
Entwicklungstheoretisches Gesamtkonzept und ökonomisches Be
griffs- und Bewertungs-
raster bilden bei ihm eine Einheit. Erkenntnisziel und Zweck menschlichen Wirtschaf-
tens ist die Verbesserung des wirtschaftlichen Versorgungsniveaus durch wirtschaft-
liches Wachstum.
Wirtschaftswachstum aber ist langfristig nur durch einen gleich-
zeitigen
geistigen Komplementärprozess stabilisierbar. Räumlich ist diese marktwirt-
schaftliche Entwicklung einerseits an räumliche Differenzierungen durch Vorzugs-
stellungen gebunden, aber erfordert zu seiner Stabilisierung andererseits ständig eine
gewisse räumliche und soziale Umverteilung. Der Beitrag des Verkehrssektors zu
diesem Prozess besteht im Entstehen von Entwicklungschancen, d. h. in möglichen
Vor- und Nachteilen direkter und indirekter Art, kurz- und langfristig, sozialprodukt-
wirksam oder nicht, freiwillig oder erzwungen. Diese Mehrdimensionalität führt zu ei-
nem dynamischen wachstumsorientierten Bewertungsansatz (Übersicht).
16
Kategorie und Abgrenzungskriterium Negative Effekte
Positive Effekte
Interne sozialproduktwirksame
Kosten/Erträge
Monetärer Aufwand und Ertrag
in
den Wirtschaftsrechnungen
der
Betreiber (Unternehmen
und
Haushalte)
Betriebswirtschaftliche Kosten
Verzehr von tern und Dienstleis-
tungen im Dienste von Raumüberwin-
dungsvorgängen, in Geldeinheiten
für
die Erstellung des Sozialproduktes
durch Wirtschaftseinheiten (Verursa-
cher)
Betriebswirtschaftliche Erträge
Erträge von Rauberwindungsvor-
gängen in Geldeinheiten für die
Er-
stellung des Sozialprodukts. Diese
Erträge bilden das Ergebnis des
Leistungsverzehrs der jeweils glei-
chen Wirtschaftseinheiten
(Verursa-
cher)
Externe
sozialproduktwirksame
Kosten/Erträge
Monetärer Aufwand und Ertrag
in
den Wirtschaftsrechnungen
anderer
Wirtschaftseinheiten
Unternehmen
und Haushalte)
Soziale Kosten
Verzehr von tern und Dienstleis-
tungen im Dienste von Raumüberwin-
dungsvorgängen in Geldeinheiten
für
die Erstellung des Sozialproduktes.
Diese Kosten sind unmittelbar und
un-
beabsichtigt mit der Entstehung des
Sozialprodukts verbunden, aber treffen
andere Wirtschaftseinheiten als ihre
Verursacher.
Verzehr von tern und Dienstleis-
tungen des Staates und anderer
ge-
sellschaftlicher Organe im Rahmen
von Raumüberwindungsvorgängen
durch oder r den Wirtschaftsprozess
(z.B. staatliche Verkehrspolitik im
Dienste der Wirtschaftspolitik,
Ver-
kehrsforschung; Verkehrspolizei;
Verkehrserziehung)
Anderer Verzehr von Gütern und
Dienstleistungen für Raumüberwin-
dungsvorgänge im indirekten Zusam-
menhang mit der Entstehung des So-
zialprodukts (z B. Behindertentrans-
port; Tarifermäßigungen für
Bedürf-
tige)
Verlagerte Erträge
Erträge von Raumüberwindungsvor-
gängen in Geldeinheiten r die
Er-
stellung des Sozialprodukts. Diese
Erträge sind unmittelbar mit der
Entstehung des Sozialprodukts
ver-
bunden, aber fließen anderen Wirt-
schaftseinheiten zu als ihren
Verur-
sachern.
Externer
Nutzenentgang oder
Nutzenzuwachs
außerhalb der
monetären
Wirtschaftsrechnung
von
Wirtschaftseinheiten
(Unter-
nehmen
und Haushalte)
Nutzenentgang (Deterioration).
Nut-
zenentgang als Differenz zwischen
der
tatsächlichen und einer möglichen
pro-
duktiven Verwendung gegebener
Pro-
duktionsfaktoren, verursacht durch
Raumüberwindungsaktivitäten
anderer. Opportunitätskosten entspre-
chender Nutzenausfall, aber vor allem
auf qualitativen subjektiven schwer
messbaren Nutzenentgang gerichtet,
z.T. monetarisierbar. (Konsequenter-
weise wären entsprechende negative Be-
gleiterscheinungen
von Verkehrsleistun-
gen zu nennen, soweit sie außerhalb
der monetären Wirtschaftsrechnung von
Wirtschaftseinheiten bleiben. Beispiele:
Verkehrslärm, Gefährdung von Leben
und Gesundheit, Minderung von Erho-
lungswert)
Nutzenzuwachs (Social Benefits).
Nutzenzuwachs für die Allgemein-
heit
oder soziale Gruppen, verursacht
durch Raumüberwindungsaktivitäten
anderer. In erster Linie keine mone-
tären Größen, wenn auch z. T.
mone-
tär bewertbar (z.B. Zeitersparnisse).
Häufig nichtmonetarisierbare
Erhö-
hung des Wohlbefindens (z. B.
Ver-
ringerung von Verkehrslärm, Erhö-
hung der Bequemlichkeit von
Ver-
kehrsleistungen) .
Beeinträchtigung vorhandener oder
Entstehen
zusätzlicher Entwicklungs-
chancen
für Teilräume, Sektoren, Un-
ternehmen
und Haushalte
Beeinträchtigung von Entwicklungs-
chancen einer Ausgangslage durch
Veränderungen des Verkehrssystems
oder Aktivitäten der Verkehrspolitik
(Detrection).
Nur in Marktwirtschaften
.
Verstärkung vorhandener und
In-
duktion
neuer
Entwicklungschancen
und Entwicklungsimpulse durch
Ver-
änderungen des Verkehrssystems
o-
der Aktivitäten der Verkehrspolitik.
Ihre Nutzung führt zu internen und
externen Kosten, Erträgen und
Nut-
zen.
Vernichtung und Hemmung von
Ent-
wicklungsimpulsen für Teilräume,
Sektoren, Unternehmen und
Haushalte
Zerstörung, Abschwächung oder
nach-
teilige Änderungen von Impulsen
durch ein Verkehrssystem, seine Än-
derungen oder verkehrspolitische
Akti-
vitäten (Derogation). Impulse sind im
Ggs. zu Chancen Kräfte, die „Ände-
rungen erzwingen, mag der Betref-
fende sie wünschen oder nicht, sie be-
merken oder nicht“ (1973, S.165)
.
Beispiel: Vernichtung der wirtschaftli-
chen Existenzgrundlage und Bevölke-
rungsverluste in Entleerungsprozessen.
Auch in planwirtschaftlichen Systemen.
17
Dieses Schema ist auf räumliche Entwicklungsprozesse im Gefolge
von Änderungen
des Verkehrssystems ausgerichtet. Durch die Definition von Entwicklung" bilden
sämtliche Anpassungen von Individuen
an Systemänderungen vermutlich dann
keinen Nutzenentgang, wenn
sie entwicklungsnotwendig sind. Ob dies gege-
ben ist, wenn verkehrsseitig gebotene Entwicklungschancen nicht als solche
erkannt und/oder
genutzt wurden, muss offen bleiben. Obwohl eine Reihe
unerwünschter Begleiterscheinungen von Verkehrsleistungen - wie Wasser-
und
Luftverschmutzung, Verkehrslärm, Unfallrisiko, Zerstörung natürlicher
Landschaften - noch
1973 von Voigt sehr knapp behandelt werden, lassen sie
sich als Deteriorationen logisch einfügen. Ihre Problematik sozialprodukterhö-
hender, -neutraler und -senkender Funktion ist
analog derjenigen sozialer Kos-
ten (als sozialproduktwirksame monetäre Effekte). „So bringt die Entwicklung
des Verkehrssystems oft vorübergehend nicht vermeidbare
zusätzliche soziale
Kosten hervor, die
aber gleichzeitig zu einer Erhöhung des Sozialprodukts
führen. Dieses
Wachstum re nicht eingetreten, hätte die Politik das Entste-
hen der
zusätzlichen sozialen Kosten verhindert. Denken wir z. B. an die sozia-
len
Kosten vor allem der Frühzeit der Eisenbahn oder des Straßenverkehrs"
(Voigt 1973, S. 161). Damit sei der Verkehrspolitik aber heute ein
neuer wesent-
licher Verantwortungsbereich entstanden.
5.5 Verkehrs- und regionalpolitische Konzeptionen
Aus dieser raumwirtschaftlichen Entwicklungskonzeption leiten sich
eine Reihe
von verkehrs- und regionalpolitischen Konsequenzen ab, die sich im Wesentli-
chen dem Begriffspaar „Erhaltung der marktwirtschaftlichen Dynamik sowie Sta-
bilisierung von Wirtschaftssystem und Verkehrssektor" zuordnen lassen. Haupt-
ziel verkehrspolitischen Handelns ist die Maximierung des Gemeinwohls, d. h. in
seiner konkreten monetären makroökonomischen Teilvariante: die Maximierung
des Sozialprodukts (Voigt 1973, S. 62; Voigt / Tietzel 1978, S. 1353). Das Sozial-
produkt aber repräsentiert das Gemeinwohl nur partiell. Zerstörende Nebenef-
fekte versehen deshalb die Frage mit großem Gewicht, ob mit dem Wachstum
des Sozialprodukts auch die Wohlfahrt der Bevölkerung steigt (Voigt 1979, S. 15).
Gesamtwirtschaftlich soll die Verkehrspolitik die Gestaltungskraft - in Kenntnis
ihrer Grenzen -wachstumserhöhend - und disparitätenvermindernd einsetzen.
Um in Entwicklungsländern extreme Entleerungen
im Gefolge von Differenzie-
rungsprozessen zu verhindern, muss hier eine Erschließung des gesamten
Staatsgebietes im Vordergrund stehen,
die sich bewusst von kurzfristigen Ren-
tabilitätserwägungen st (Voigt
1960, S. 309 ff.
;
1973, S. 225). In hochentwi-
ckelten industrialisierten
Volkswirtschaften hingegen wird eine bedarfsorien-
tierte und auf gleichzeitigen Disparitätenabbau gerichtete Politik empfohlen, die
ohne gemeinwirtschaftliche Elemente nicht auskommt. Die zentrale marktwirt-
schaftliche Funktion des Verkehrs besteht r Voigt in der ständigen
Zerstörung"
jener Gleichgewichtstendenzen und in
der räumlichen Polarisierung des wirtschaftli-
chen Kräftefeldes. Da die Marktwirtschaft
von solchen Dif
f
erenzierungen lebe, gelte es
über unternehmerische Gewinnanreize ständig neue Vorzugsstellungen im Raum zu
schaffen. Zur Erhaltung der Systemstabilität ist aber oft nur eine begrenzte
,
räumliche
Differenzierung erwünscht. Kurzfristig ist dies zwar ein Produktivitätsverlust, der aber
langfristig völlig andere, wenn auch schwierig zu prognostizierende Perspektiven ha-
ben könne.
18
Der Einsatz verkehrspolitischer Instrumente dient somit (1) dem
Zerstören von stati-
onären Ausgangslagen oder tendenziellen Gleichgewichtslagen, (2) der Anpassungs-
planung an den entwicklungsprozessual
kumulativ entstehenden Neubedarf an Ver-
kehrsleistungen und (3) dem kompensatorischen Disparitenabbau, möglichst durch
Erzeugung von Ungleichgewichten außerhalb der Wachstumsräume. Dabei sind eine
Reihe von Einschränkungen und Grenzen verkehrspolitischer Tätigkeit
zu beachten:
(1) Da die makroökonomische Struktur eines Industriestandorts nur multifaktoriell erklärt
werden kann, sind Verbesserungen des Verkehrssystems lediglich als indirekte An-
reize zu sehen, die sowohl mit direkten Anreizen für den Unternehmer als auch mit
anderen Infrastrukturverbesserungen zu verknüpfen sind. (2) Der Erfolg des verkehrs-
politischen Instrumentariums ist vor allem von der jeweiligen räumlichen „Resonanz-
higkeit" abhängig, d. h. von der Fähigkeit der betreffenden Region, Echoeffekte in-
duzierter Differenzierungswirkungen zu erzeugen (Voigt 1979, S. 14 f.). Preispolitisch
sollten derartige regional- und sozialpolitischen Ziele auf eine kostenunabhängige
Tarifgleichheit im Raum gerichtet sein, mit der Möglichkeit zu regional- und gruppen-
spezifischer Preisdifferenzierung. (3) Die technisch-ökonomische Grundstruktur der
Verkehrsmittel bestimmt maßgeblich den Wettbewerb mit anderen Verkehrsmitteln und
ist verkehrspolitisch nur
innerhalb gewisser Grenzen beeinflussbar. (4) Differenzie-
rungsprozesse
sind rückblickend deutlich erkennbar, aber nur näherungsweise zu
prognostizieren. (5) Erschwerend sind grenzüberschreitende Prozesse, wobei
außen-
handelspolitische und verkehrspolitische Maßnahmen ähnlich wirken. (6) Maßnahmen
staatlicher Verkehrspolitik bilden das gewichtete Ergebnis von Überlegungen, die von
einer Vielzahl von Personen
unterschiedlichsten Alters und Herkunft unter Zeitdruck
angestellt
werden. Diese Überlegungen aber sind von persönlichen Erfahrungen
des
Einzelnen aus seiner Vergangenheit entscheidend beeinflusst. Damit ist die staatliche
Politik nur begrenzt oder kaum in der Lage, generationenlange Entwicklungsprozesse
objektiv richtig zu erkennen und der
tatsächlichen Lage entsprechend angemessen
zu reagieren.
Der Erhaltung der verkehrssektoralen Stabilität dient die Ordnungspolitik. Sie
strebt die Schaffung von Wettbewerbsbedingungen an, die
dem einzelnen Ver-
kehrsmittel
eine maximale Entfaltung seiner Leistungscharakteristik gestatten. Ne-
ben der Koordinierung von Preisen
und der Harmonisierung von Kosten steht die
Planung und Koordination der Investitionen im Vordergrund
.
Investitionsplanung
ist erforderlich, um Verkehrsleistungsangebot und Verkehrsleistungsbedarf
lang-
fristig aufeinander abzustimmen, die Koordination ist die Auswahl
zugunsten der Al-
ternative mit dem höchsten Nettonutzen (Voigt/Tietzel 1978, S. 1354).