scieee Science in your language
[en] (orig)
Die Rationalisierungsexpertin Irene M. Witte (1894-1976)
Biografie einer Grenzgängerin
vorgelegt von
Magistra Artium
Rita Pokorny
aus Berlin
Von der Fakultät I - Geisteswissenschaften
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktorin der Philosophie
- Dr. phil. -
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr. Werner Bergmann
Berichter: Prof. Dr. Karin Hausen
Berichter: Prof. Dr. Wolfgang König
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 31. 1. 2003
Berlin 2003
D 83
1
Die Rationalisierungsexpertin Irene M. Witte (1894-1976)
Biografie einer Grenzgängerin
Inhaltsverzeichnis 1
Einleitung 3
I Rekonstruktion des privaten Lebens 12
1. Elternhaus und Familie 12
1.1. Ein schwieriger Vater: Emil Witte 14
1.2. Entwurzelung und gesellschaftliche Ausgrenzung 20
2. Berufliche Bindungen und Freundschaften 22
2.1. Frank Bunker Gilbreth 23
2.2. Lillian Moller Gilbreth 28
2.3. Der Club der „Besten Schwestern“ 34
2.4. Russ Allen 36
3. Die sesshaften Jahre 38
3.1. Die persönliche Situation um 1933 und 1945 38
3.2. Das Alter 41
4. Der Mann des Lebens: Rudolf Lellek 42
5. Resümee 47
II Berufliche Tätigkeiten, Erfolge und Kontroversen 49
1. Rationalisierungsexpertin für die Industrie 49
1.1 „Bestgestaltung“ für die Auergesellschaft, den Verein deutscher Ingenieure, 49
das Orga-Institut und eine Beratungsstelle
1.2. Zur Bedeutung der Psychotechnik 54
1.3. Der Streit um die „Kritik des Zeitstudienverfahrens“ 55
1.4. Arbeiten im Umkreis von Georg Schlesinger 58
1.5. Irene Witte und Franziska Baumgarten 68
1.6 Der Streit um die „Männer der Technik“ 69
2. Rationalisierungsexpertin für den Einzelhandel 73
2.1. Warenhaus, Kaufhaus, Einheitspreisgeschäft 73
2.2. Beruf: Organisatorin im Kaufhaus Israel 75
2.3. Die Ausstellungsreihe "Etat-Heim" und das Vorbild der amerikanischen
Haushaltsrationalisierung 80
2
3. Weltwirtschaftskrise und Nationalsozialismus 88
3.1. Die „Arisierung“ der Warenhäuser 88
3.2. Organisatorin im „Hertie“-Konzern, ehem. Hermann Tietz 93
3.3. Die „Roosevelt-Revolution“ und das Programm der „Arbeitsfreude“ 97
4. 1949 – 1974: Beraterin, Lehrbeauftragte, Autorin 102
III Ausgewählte Schwerpunkte zur Werkgeschichte 108
1. Die Prägung der „Wissenschaftlichen Betriebsführung“ durch Taylor 108
1.1. Die Hintergründe der Taylorschen Betriebsführung 113
1.2.1. Zentralisierung und Funktionalisierung 117
1.2.2. Planmäßige Zeitermittlung 121
1.2.3. Auswahl und Anlernung der Arbeiter 125
1.2.4. Das Differentiallohnsystem 127
2. Frank Gilbreth: Bewegungsstudien und Geschicklichkeitsübertragung 133
2.1. Das Studium der Bewegung 134
2.2. Die Übertragung von Geschicklichkeit 140
3. Wittes Kritik des Zeitstudienverfahrens 144
3.1. Das Stoppuhrverfahren 148
3.2. Die Zuschlagsregelung 149
3.3. Die Zeitnormierung 152
3.4. Die Hauptthese der Studie 154
3.5. Die Beurteilung der „Kritik des Zeitstudienverfahrens“ 158
4. Taylor – Gilbreth – Ford 162
4.1. Die Attraktivität des Fordschen Modells 163
4.2. Kritik am Fordschen Modell 166
4.3. Kritik an der „Entseelung“ des Arbeiters 170
4.4. Die Stellung zu den Gewerkschaften 172
5. Irene Witte und Rudolf Lellek zum Problem der Technokratie 175
5.1. Entstehung und aktuelle Bezüge der Technokratie-Bewegung 175
5.2. Kritik und Beurteilung der Technokraten und der Technokratie 179
6. Einzeldarstellungen nach 1945 185
6.1. Bemerkungen zum wissenschaftlichen Status 187
6.2. Die "Rationalisierungsbriefe des Handels" 190
6.3. Die Buchreihe "Erfolgreiche Betriebsführung im Textileinzelhandel" 193
IV. Verzeichnis der Quellen und Literatur 198
1. Schriften Irene Wittes 198
2. Archive und ungedruckte Quellen 206
3. Anmerkungen zum Witte-Nachlaß 208
4. Gedruckte Quellen und Forschungsliteratur 209
Abkürzungen 224
3
Einleitung
Die vorliegende Arbeit ist die Biograpfie einer Frau, die ihren Schreibtisch als
ihre „Heimat“ bezeichnete und doch mitten im praktischen Berufsleben stand.
Irene Witte hinterließ ein umfangreiches Werk. Historiker und
Sozialwissenschaftler1 haben im Zusammenhang mit der Rationalisierungsdebatte
der 20er und 30er Jahre immer wieder Bezug auf die handlichen, pragmatisch
verfassten Texte Irene Wittes genommen, auf eine Darstellung ihrer
eigenständigen Leistungen jedoch verzichtet. Offenbar liegt bei Irene Witte ein
klassischer Fall von Nichtwahrnehmung eines arbeitsintensiven und
einflußnehmenden Lebens vor2. Das Auffinden des Witte-Nachlasses gab den
Anstoß, Irene Witte aus den Fußnoten in den Fließtext zu holen und zu fragen:
wer war diese Autorin, die in den 20er Jahren zu den wenigen Frauen gehörte, die
sich in der vorwiegend von Männern dominierten ingenieurs- und
betriebswissenschaftliche Rationalisierungsdebatte zu Wort meldete? Was waren
ihre wesentlichen Positionen, wie hatte sie sich während der Jahre von 1933 bis
1945 verhalten und wie lebte und arbeitete sie nach dem Zweiten Weltkrieg? 3
Irene Witte wurde 1894 in Brüssel geboren. Sie war die Tochter des Journalisten
Emil Witte und seiner Frau Ursulina, geb. Müller. Ursulina Witte stammte aus
einer Kaufmannsfamilie, die in Konstantinopel lebte. Irene Witte und ihre drei
Brüder verbrachten Kindheit und Jugend in den Vereinigten Staaten, wo der Vater
um 1900 für die deutsche Botschaft in Washington arbeitete. Der Beruf und das
streitbare Wesen Emil Wittes hatten zur Folge, daß die Familie ein unruhiges
Leben führte und häufig den Wohnort wechselte. Zweifellos war der Vater eine
1 Vgl. z.B. Giedion 1982 (1948), 570; insbesondere Ebbinghaus 1984, 50,51. Ebbinghaus stützt
sich bei ihrer Darstellung der Wissenschaftlichen Betriebsführung weitgehend auf die
Publikationen Irene Wittes. Irene Raehlmann hingegen (Interdisziplinäre Arbeitswissenschaft in
der Weimarer Republik, Opladen 1988) führt weder Ebbinghaus noch Witte im
Literaturverzeichnis / Personenregister auf); siehe auch Krell 1984, 192; Homburg 1991, 294-295;
Nolan 1994, 31; Wupper-Tewes 1995, 46f.
2 Zur Frau als einer in der Geschichtsschreibung meist ausgesparten Gattung vgl. z.B. Hausen
1983: 7; Bock 1983 22ff .
3 Für den Hinweis auf das Leben Irene Wittes als Forschungsdesiderat danke ich Dr. Manfred
Rasch vom Thyssen-Archiv in Duisburg. Vgl. auch Rasch 1989, 129, Anm. 57.
4
wichtige Bezugsperson der jungen Irene. Sie teilte mit ihm die Begabung für das
Schreiben von Texten und mit der Mutter die Fähigkeit, einen komplizierten
Alltag zu bewältigen. 1906 übersiedelte die Familie nach Berlin, wo Irene Witte
bis zu ihrem Tod 1976 lebte.
Die Arbeit ist in drei Hauptteile gegliedert: in die Rekonstruktion des privaten
Lebens, die Rekonstruktion ihrer beruflichen Tätigkeiten sowie die Analyse von
ausgewählten Texten der Werkgeschichte.
Wittes Arbeitsleben begann im Ersten Weltkrieg - Ende 1914 - mit dem Eintritt in
die Gas-Glühlicht-Auergesellschaft Berlin. Sie begegnete dort dem ameri-
kanischen Betriebsingenieur Frank Bunker Gilbreth, dessen Konzept von
„Wissenschaftlicher Betriebsführung“ sie faszinierte. Die berufliche und private
Bindung zu Gilbreth und dessen Frau Lillian Moller bestimmte ihren Weg als
Rationalisierungsexpertin. In diesem Kontext war Irene Witte eine Grenzgängerin
zwischen den Disziplinen Arbeitswissenschaft, Betriebswissenschaft und
Betriebswirtschaftslehre sowie zwischen wissenschaftlicher Publikationstätigkeit
und praktischer Berufsarbeit. Sie arbeitete als Assisentin in einem Institut für
angewandte psychotechnische Forschung, als Unternehmensberaterin,
Organisatorin, Redakteurin, Lektorin und Dozentin. Vor allem aber war sie eine
gefragte Autorin.
1974, zwei Jahre vor ihrem Tod, vermachte Witte ihr gesamtes Archiv Prof. Dr.
Rolf Hackstein und dem Forschungsinstitut für Rationalisierung an der Rheinisch-
Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH Aachen). Der
Buchbestand und die Akten wurden 1992 getrennt: Wittes
arbeitswissenschaftliche Bibliothek verblieb am Aachener Lehrstuhl, das
Landesmuesum für Technik und Arbeit (LTA) in Mannheim übernahm die Akten.
Der Witte-Nachlaß in Mannheim enthält 130 Aktenstücke, heute überwiegend
Aufsätze, Veröffentlichungen und Presseausschnitte zur Wissenschaftlichen
Betriebsführung. Er enthält allerdings auch die Korrespondenz Irene Wittes mit
ihrem Mentor Frank Gilbreth und dessen Frau Lillian Moller Gilbreth. Da die
5
Beziehung Wittes zu dem Ehepaar Gilbreth ihrem Leben, wie sie selbst einmal
sagte, Inhalt und Richtung gab, wurde der Nachlaß von Frank und Lillian Gilbreth
an der Purdue University ebenfalls in die Recherche einbezogen4. Die
biografischen Details wurden darüber hinaus durch wertvolle Informationen aus
Akten des Auswärtigen Amtes zu Emil Witte5 sowie durch Gespräche mit
Zeitzeugen ergänzt6.
Über 1200 Briefe wurden ausgewertet mit dem Ziel, hinter der Kulisse des
arbeitswissenschaftlichen Diskurses auch Spuren des privaten Lebens der Irene
Witte zu entdecken. Die überlieferte Korrespondenz erlaubt, die
Rationalisierungdebatte einmal aus der Perspektive der Alltagsgeschichte zu
kommentieren. So übermittelt die Auswahl der Briefe einen ungewöhnlichen
Einblick ind die Positionskämpfe eines sich neu entwickelnden
Wissenschaftszweiges sowie das Bild einer Frau, die innerhalb der Strukturen
eines traditionell männlichen Arbeitsumfeldes zwar Erfolg hatte, aber auch immer
wieder in die Schranken der von der Geschlechterordnung festgeschriebenen,
ungeschriebenen Gesetze verwiesen wurde7. Dies wird am Beispiel der
Kontroversen dargestellt, die im Zusammenhang mit der Rezeption ihres Buches
„Kritik des Zeitstudienverfahrens“ (1921) und ihrer Mitarbeit an der Publikation
„Männer der Technik“ (1925) entstanden8.
Die Korrespondenz weist jedoch erhebliche Lücken auf: so wird die Zeit
zwischen 1933 und 1945 darin kaum dokumentiert. Der Briefwechsel mit ihrem
Lebensgefährten Rudolf Lellek fehlt vollständig. Dennoch ist erkennbar, dass das
Leben Irene Wittes aus einer Verquickung von Öffentlichem und Privatem, von
Berufs- und Alltagsleben bestand. Enge Freundschaften, wie zu den beiden
4 The Frank and Lillian Gilbreth Papers, Special Collections der Purdue University in West
Lafayette, IN, USA. An dieser Technischen Universität der USA. war Lillian Gilbreth von 1935
bis 1948 Professorin.
5 Archiv der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes (Mf.): IA, Journalist Emil Albert
Witte, Deutschland 122, Nr. 3f, Bd. 1-3, R 1245-1247.
6 Zur „oral history“ als biografische Methode, vgl Fuchs 1998, 174f.
7 Zur sozialen Verallgemeinerung der Geschlechterordnung in der bürgerlich-kapitalistischen
Gesellschaft seit dem späten 18. Jahrhundert, welche die Frau als zuständig für das Haus- und
Familienleben erklärte, vgl. Hausen 1976, 1993a, 1993b: 237 sowie 1997; vgl. auch v. Oertzen
1999, 12f.
8 Vgl. hierzu Kap. II, Abschnitte 1.3. und 1.6.
6
Gilbreths, ihrem Kollegen Russ Allen oder auch zu Rudolf Lellek waren aus
beruflichen Zusammenhängen entstanden. Ein zentraler Abschnitt gilt daher dem
Briefwechsel Wittes mit Frank Bunker Gilbreth und mit seiner Frau Lillian
Moller, der über Irene Wittes Fort- und Rückschritte bei der Einführung der
Wissenschaftlichen Betriebsführung in deutschen Betrieben Auskunft zu geben
vermag. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Verhältnis zum
Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswissenschaften an der TH Berlin, Georg
Schlesinger, da es hier immer wieder zu Mißverständnissen und
Auseinandersetzungen kam, die zu einer Verkennung der engen Verwandtschaft
der inhaltlichen Positionen Wittes und Schlesingers beigetragen haben.
Die Literatur über „Rationalisierung“ galt bereits in den 20er Jahren als
umfangreich. Sie ist seit den 1970er Jahren noch weiter angewachsen, als die
historische Forschung mit der Aufarbeitung der Jahre von 1924 bis zur
Weltwirtschaftskrise 1930 begann9. Für das Reden über „Rationalisierung“ ist die
Breite und Ambivalenz des Rationalisierungsbegriffes charakteristisch:
„Rationalisierung“ gilt in der Forschungsliteratur einerseits als „a new word made
in Germany“10, andererseits aber auch als eine französische Erfindung11. Einige
Autoren sahen das Wesentliche der Rationalisierung in der Verbindung des Zieles
„Gemeinwohl“ mit dem Mittel „Hebung und Verbilligung der Produktion,“12
andere darin ein Schlagwort, „welches für alles steht, was zur Wiederherstellung
des Gleichgewichts diene“13. In der neueren Forschung sieht man die Ratio-
9 Zur Rationalisierungsdebatte vgl. (Auswahl): Giedion, Sigfried 1982 (1948); Gerhard P. Bunk
1972; P. Hinrichs/ L. Peter 1976; Dietmar Petzina/Werner Abelshauser 1977; Hans Ebert/Karin
Hausen 1979; Jörg Böning 1980; Gunnar Stollberg 1981; Volker Trieba/Ulrich Mentrup 1983;
Angelika Ebbinghaus 1984; Gertraude Krell 1984; Mitchell G. Ash/Ulfried Geuter 1985; Irene
Raehlmann 1988; Joachim Radkau 1989; Thomas von Freyberg 1989; Anson Rabinbach 1992;
Carola Sachse 1990; Tilla Siegel 1989; Tilla Siegel / Thomas v. Freyberg 1991; Heidrun Homburg
1991; Dagmar Reese/Eve Rosenhaft/Carola Sachse/ Tilla Siegel 1993, Mary Nolan 1994; Walter
Volpert 1995; Hans Wupper-Tewes 1995; Peter Borscheid 1996.
10 Zit. nach Mary Nolan 1988, S.151.
11 Vgl. Hans-Liudger Dienel 1994, S.18-19, und Anm. 64, S. 32. Vgl auch Heidrun Homburg
1991, S. 1-23; S. 255-323.
Eine sehr gute Bilanz der ambivalenten Strömungen in der Rationalisierungsphase zwischen 1924
bis 1929 mit Blick auf den Maschinenbau und die Elektroindustrie zieht v. Freyberg 1989, 23ff.
Vgl. auch Siegel/ v. Freyberg 1991, 17ff.
12 Carl Friedrich von Siemens Vors. des RKW-Vorstandes, zit. in v. Freyberg, ebd., S. 302.
13 Ebd., S.306. Zit. Herbert Hinnenthal, Die deutsche Rationalisierungsbewegung und das
Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit, Berlin 1927, S. 5f.
7
nalisierungsgeschichte in der Dialektik zwischen dem Streben nach
Perfektionierung der Technik und der Wiederentdeckung des vernachlässigten
„menschlichen Faktors“14.
Bereits sehr früh – 1921 – hatte sich Irene Witte in der hochaktuellen Debatte um
Rationalisierung, das Taylorsystem und die Wissenschaftliche Betriebsführung zu
Wort gemeldet. Daher bildet die Zeitspanne von 1921 und 1933 den Schwerpunkt
des werkgeschichtlichen Teils, insbesondere die Publikationen „Kritik des
Zeitstudienverfahrens“ (1921), „Taylor-Gilbreth-Ford“ (1924) sowie
„F.W.Taylor, Vater der wirtschaftlichen Betriebsführung“ (1928).Um Wittes
Position herauszuarbeiten, werden die Grundsätze der Wissenschaftlichen
Betriebsführung analysiert. Die Lektüre und Interpretation der
betriebswissenschaftlich ausgerichteten Arbeiten Wittes scheint auf den ersten
Blick das Urteil zu bestätigen, daß Witte lediglich eine nachahmende Schülerin
Taylors und Gilbreths gewesen sei15. Üblicherweise wird zwischen Taylor und
Gilbreth auf der einen16 und Taylor bzw. Gilbreth und Ford auf der anderen Seite
kein wesentlicher Unterschied gesehen17. Aus historischer Sicht ist dieses Urteil
einzuschränken. Denn innerhalb der Rationalisierungsdebatte der 20er und 30er
Jahre kommt Irene Witte das Verdienst zu, die Unterschiede zwischen
Taylorismus und Fordismus herausgearbeitet zu haben. Gerade darin besteht die
eigenständige Leistung Irene Wittes. Aufgrund der schnellen Gleichsetzung der
Position Wittes mit der von Gilbreth ist bislang nicht gesehen worden, dass sich
Witte an einem entscheidenden Punkt der betriebswissenschaftlichen Debatte von
Gilbreth deutlich abgrenzte. Sie prägte den von anderen Autoren oft zitierten Aus-
druck der „Ford-Psychose“ und zielte dabei auf die nahezu kritiklose
14 Vgl. Radkau 1989, 46.
15 Vgl. z.B. Wupper-Tewes 1995, 123.
16 Vgl. etwa Bunk 1972, 23f, Nolan 1994, 42f oder Mehrtens 1999, 99.
17 Taylorismus und Fordismus werden oft durch Bindestrich-Konstruktionen einander
gleichgesetzt, z. B. in der Rede vom „Modell der tayloristisch-fordistischen Massenproduktion“
(Müller 2000, 15). Wupper-Tewes hebt ebenfalls hervor, „daß nur wenige Autoren, die sich mit
der Rationalisierungsbewegung bzw. -debatte befassen, überhaupt auf die Entstehung und die
Bedeutungsverschiebungen des Begriffs [z.B. von Taylor zu Ford, R.P.] eingehen“ (1995, 38).
Eine überzeugende Darstellung des Unterschieds von Taylorismus und Fordismus bietet Nolan
1994, 42ff.
8
Begeisterung für fordistische Methoden vonseiten der deutschen
Betriebsingenieure. Sie hilet den Fordisten vor, dass ihr Modell der
innerbetrieblichen Ausbildung und Organisation auf ein Zwei-Klassen-System
von Arbeitern hinauslaufe und die gesellschaftlichen Antagonismen der Weimarer
Republik verschärfen würde18. Sie rechnete auch den Gewerkschaften, die dieses
Modell zur Annahme empfahlen, einen ideologischen Widerspruch vor 19. So
könnte Wittes Position auch für die gegenwärtigen Debatten, z.B. über die Vor-
oder Nachteile des sogenannten „lean managements“, von Bedeutung sein20.
Noch in einer weiteren Hinsicht ist Irene Witte für die Diskussion über
Rationalisierung in den 20er und 30er Jahren wichtig: in einer Zeit, in der
zunächst – vor allem in den Anfangsjahren der Weimarer Republik – der
„Amerikanismus“ eine wesentliche Konstante des kulturellen, politischen und
ökonomischen Lebens war21 und in der später Amerikafreundlichkeit in
Amerikafeindlichkeit umschlug, hat Witte als Übersetzerin und Autorin stets zu
einem länderübergreifenden Dialog der beiden unterschiedlichen
betriebswissenschaftlichen Ansätze beigetragen. Das zeigt sich nicht nur in ihren
Texten über Taylor, Gilbreth und Ford22, sondern ist auch noch für die ersten
Jahre des nationalsozialistischen Deutschland nachweisbar, in denen sie den
Vorbild-Charakter z.B. der Roosevelt-Revolution für die Lösung der
weltwirtschaftlichen Probleme herausstellte23. Irene Wittes durchaus ambivalente
Position zum Nationalsozialismus läßt sich aus zwei so unterschiedlichen und
vielleicht auch gegensätzlichen Texten wie dem zur „Roosevelt-Revolution“ und
zum „Programm der Arbeitsfreude“ ersehen24. Nimmt man diese Ambivalenz zur
Kenntnis und verkürzt sie nicht auf eine Ablehnung oder auf eine Anerkennung
des Nationalsozialismus, so bleibt der Schluss, Irene Witte habe - wie viele andere
18 Vgl. hierzu Kapitel III, Abschn. 4.
19 Vgl. hierzu Kapitel III, Abschnitt 4. - Die Faszination, die ein Teil der gewerkschaftlich-
sozialdemokratischen und sogar dezidiert sozialistischen Kräfte in der Weimarer Republik dem
fordschen Modell gegenüber aufbrachten, schildert eindrücklich Nolan 1994 (vgl. 39ff sowie
44ff).
20 Vgl. z. B. Bungard 1995, XIII oder Müller 2000.
21 Vgl. z.B. Peukert 1987, 178ff oder Lüdtke/Marßolek/v.Saldern 1996, 7-33.
22 Vgl. Witte 1921, 1924a, 1924b und 1928.
23 Vgl. Witte 1934a und hierzu Kapitel II, Abschn. 3.3.
9
Intellektuelle der Weimarer Republik - die politische Entwicklung zunächst
verkannt.
Mit Beginn ihrer Leitungsposition als Organisatorin des Kaufhauses Israel hatte
Irene Witte ab 1927 ihr Arbeitsumfeld auf den Einzelhandel verlegt. Hierbei
wurde sie insbesondere als Expertin für Haushaltsrationalisierung, für die sie
bereits 1921 als Übersetzerin bekannt wurde, öffentlich wahrgenommen.25 Dabei
ist die Frage interessant, ob die berufstätige Irene Witte, die selbst wenig mit
Hausarbeit zu tun hatte, die Implikationen eines durchrationalisierten Haushalts
auch unter kritischen Gesichtspunkten zu sehen vermochte26.
Ab 1935 leitete Witte die Planabteilung des „Hertie“-Konzerns 27, dem 1933
„arisierten“ Warenhaus von Hermann Tietz. Es war nicht möglich, die Stellung
Irene Wittes vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg anhand von Quellen
des Hertie-Firmenarchivs nachzuzeichnen28. Die Darstellung der „Arisierungs“-
Aktion bei Hermann Tietz bezieht sich hauptsächlich auf die aufschlussreichen
Details in der Publikation von Simone Ladwig-Winters über das Warenhaus
Wertheim29.
Nach 1945 kann Irene Witte ihre Kenntnisse und Erfahrungen auch in die neue
Rationalisierungswelle der Bundesrepublik einbringen. Sie arbeitet als
Betriebsberaterin und Autorin und nimmt mit Vorlesungen an der neu
gegründeten Freien Universität Berlin an der akademischen Lehre teil.
24Vgl. Kapitel II, Abschn. 3.3.
25Vgl. Witte-Frederick 1921.
26Grundlegend zu diesem Thema vgl. z.B. Kittler 1980, Dörhöfer 1987, Krell 1984, Torniepoth
1988, Orland 1993, Hausen 1993, Wildt 1994, Hausen 1997, Hessler 2001.
27Hierzu grundlegend die Studie von Simone Ladwig-Winters 1997a; auch Rudolf Lenz 1995.
28In einem Brief von Peter W. Schulze, Leiter des Archivs der Hertie-Stiftung in Frankfurt am
Main, vom 13.4.1999 heisst es: „Ich bedaure sehr, Ihnen auch erneut nicht weiterhelfen zu
können. Es muß wohl leider davon ausgegangen werden, daß die „normalen“ Personalakten,
soweit sie die Kriegs- und Nachkriegseinwirkungen überdauert haben, im Rahmen der gesetzlich
vorgeschriebenen Fristen vernichtet worden sind.“
29Zur „Arisierung“ der Warenhäuser vgl. u.a. Lenz 1995, Ladwig-Winters 1997a und 1997b;
Bajohr 1999,2000; Fiedler 2000. Grundlegend zur „Entjudung“ des Wirtschaftslebens vgl. auch
Barkai 1988.
10
Offenbar wurden bereits während der „Arisierungs“-Massnahmen zwischen 1933-
1936 grosse Mengen an Akten bei Hertie vernichtet und nicht erst – so der weit
verbreitete Irrtum – durch Kriegsverluste, Umzugstätigkeit oder zu hohe
Aufbewahrungskosten30. Vielmehr scheint von Seiten der Unternehmer ein
allgemeines Desinteresse an einer historischen Aufarbeitung vorzuherrschen31.
Die Weltwirtschaftskrise veranlasste Witte offenbar zu wirtschaftskulturellen
Überlegungen. So thematisiert sie 1933 in dem gemeinsam mit Rudolf Lellek
verfassten Buch „Technokratie – Ein Zeitschlagwort oder mehr?“ die
Technokratie-Bewegung32, die Anfang der 30er Jahre in den USA entstanden war.
Ihre Anhänger vertraten die Ansicht, dass nur die technische Intelligenz dazu
imstande sei, die weltwirtschaftlichen Probleme zu lösen. Die Kritik, die Irene
Witte in ihrer Schrift „Taylor-Gilbreth-Ford“ (1924) an den Gewerkschaften
geübt hatte, äussert sie auch gegenüber den Technokraten: zwar seien sie sich –
durch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise – der katastrophalen sozialen
Auswirkungen der Technik (z.B. auf dem Arbeitsmarkt) bewusst, aber es fehle
ihnen die Fähigkeit, mit diesem Bewußtsein umzugehen. Indirekt geht es in
diesem Buch noch einmal um Wittes Verhältnis zum Nationalsozialismus, da
dieser beansprucht hatte, eine alternative Lösung der Weltwirtschaftskrise
gefunden zu haben. Irene Witte zeigt sich auch hier ambivalent: sie rekapituliert
ihre Kritik an Ford und betont den humanistischen und arbeitsethischen
Anspruch, der sich ihrer Ansicht nach mit der Rationalisierungsbewegung
verbindet und widerspricht der These, die Technokratie-Bewegung sei vor allem
ein „deutsches Geistesgut“33.
30 Diese Gründe nennt Rudolf Lenz in seiner Monografie über den Karstadt-Konzern. Vgl. Lenz
1995, 11.
31Vgl. Lenz 1995, 12. Zu einem Forschungsüberblick zur Unternehmensgeschichtsschreibung und
Rezeption der amerikanischen Business History in Deutschland vgl. Pierenkemper 2000, 50ff. –
Pierenkemper zählt zu den „Gründervätern“ dieser in Deutschland vernachlässigten Disziplin. Er
verweist u.a. auf Conrad Matschoß (ebd., S. 53, Anm. 131), dessen technikhistorische Schriften
auch durch die Mitarbeit Wittes zustande kamen (vgl. Kap. II, 1.6.).
32Zur Technokratiebewegung vgl. insbesondere die Dissertation von Willeke 1995. Sie stellt eine
Aufarbeitung des Nachlasses von Heinrich Hardensett dar.
33Vgl. Hardensett 1933b. Hierzu auch Kap. III, Abschn 5.
11
Die Zeit von 1938 bis 1945 ist spärlich dokumentiert. Überliefert ist, dass Irene
Witte 1938, nach dem Ende ihrer festen Anstellung weiterhin berufstätig war und
bis 1956 beratend für den Hertie-Konzern arbeitete.
Bei Kriegsende 1945 war der Einzelhandel durch den dargestellten „Kampf“ des
Mittelstandes gegen moderne Grossbetriebe und durch Kriegszerstörungen stark
geschwächt34. Insbesondere kleine Unternehmen mussten an marktwirtschaftliche
Prinzipien herangeführt werden. Irene Witte wurde von verschiedenen Seiten
aufgefordert, ihre Kenntnisse und Erfahrungen in den Prozess des wirtschaftlichen
Aufschwungs einzubringen. Im wesentlichen ist der Zeitraum von 1950 bis 1974
von der Niederschrift und Dokumentation ihres angesammelten Arbeitswissens
gekennzeichnet.
34Hingegen wurden die in den 20er Jahren entwickelten Rationalisierungsstrategien in der
nationalsozialistischen Rüstungsproduktion perfektioniert. Wichtige Industrieanlagen waren
erhalten geblieben und innerhalb der industriellen Führungsschicht kam es nach 1945 kaum zu
Brüchen. Das sogenannte Wirtschaftswunder der Bundesrepublik gründete sich auf diese
Bedingungen (hierzu Kap. II, Abschn.4). Vgl. Abelshauser 1975 sowie Berghahn 1985.
12
I Rekonstruktion des privaten Lebens
Verläßliche Aussagen über die Familie und Irene Wittes Schul- und
Berufsausbildung sind äußerst lückenhaft und spärlich. Allerdings erlauben sie
mit Sicherheit zu zeigen, dass Irene Wittes Kindheit und Jugend von existentieller
Not und Statusunsicherheit geprägt war. Trotz schwieriger Lebensumstände
wurde jedoch schon sehr früh die Grundlage für ihren zukünftigen beruflichen
Erfolg gelegt, die aus der Synthese eines gebildeten und liberalen Elternhauses
und einer am amerikanischen Vorbild orientierten Erziehung bestand. Das mag
auch die fast mühelose Identifikation mit dem amerikanischen Rationalisie-
rungsexperten Frank Bunker Gilbreth und den Maximen der Wissenschaftlichen
Betriebsführung erklären.
1. Elternhaus und Familie
Der Vater Emil Albert Ferdinand Witte1 wurde am 14. März 1864 auf der
Halbinsel Wollin in Pommern geboren und starb 1918 in Berlin. Die Mutter
Ursulina Müller (1864-1940) stammte aus einer österreichischen
Kaufmannsfamilie, die in Konstantinopel lebte. Witte arbeitete dort um 1890 als
Korrespondent für das „Wiener Fremdenblatt“, so dass die Ehe zwischen Emil
Witte und Ursulina Müller am 27. Mai 1892 in Konstantinopel geschlossen
wurde2. Zu den Gemeinsamkeiten des Ehepaares gehörte die Kenntnis mehrerer
Sprachen sowie die Erfahrung eines Lebens außerhalb Europas. Emil Witte nannte
seine Ehefrau „meine als Übersetzerin ausgezeichnete Frau“3. Sie war offenbar
gebildet und ausgebildet und beherrschte sechs Sprachen4. Zwischen 1891 und
1 Die folgenden Angaben stammen überwiegend aus den Akten des Archivs der Politischen
Abteilung des Auswärtigen Amtes (Mf.): IA, Journalist Emil Albert Witte, Deutschland 122, Nr.
3f, Bd. 1-3, R 1245-1247.
Ich danke Herrn Dr. Grupp für seine Hilfe bei der Suche nach diesem Material.
2 Die Heiratsurkunde befindet sich im Besitz der Enkelin Ursulina Schüler-Witte. Es handelt sich
dabei offenbar um eine Zweiturkunde, die am 25. April 1930 in Konstantinopel ausgestellt wurde
und den Stempel der Deutschen Botschaft der Türkei trägt.
3 Archiv der Politischen Abteilung IA des Auswärtigen Amtes (wie Anm.1), Mf. Nr. 13047; darin:
Brief Emil Wittes an Dr. von Holleben vom 30.10.1900.
4 In einem Brief von FBG an LMG vom 2.3.1921 heißt es: „She [Irene Witte, R.P.] says her
mother speaks 6 languages and both she and her mother and a young brother are helping her on the
13
1906 wechselte die Familie häufig den Wohnort. Die Aufenthaltsorte lassen
sich aus Emil Wittes handschriftlichem Lebenslauf rekonstruieren5, doch
vermutlich ist die Liste noch unvollständig: 1891 Konstantinopel; 1892-1893
London; 1894-1996 Brüssel; 1896-1898 Wien, 1899-1900 Washington, 1900
Wien, 1901 St. Louis; 1902-1906 an verschiedenen Orten der USA, 1906
Wilmington, Delaware; ab 1906 Berlin.
Das Ehepaar hatte vier Kinder. Der älteste Sohn, Victor Franz (1893-1974), wurde
Schriftsteller und Nachrichtenredakteur. Der zweitälteste, George Rowland (1895-
1953), kehrte noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs in die USA zurück, folgte
dort ebenfalls der Familientradition und wurde Korrespondent bei der Chicago
Sun. Während der beiden Weltkriege unterstützte er die Familie in Berlin durch
Geldüberweisungen. Sein Tod ist nicht geklärt, aber es wird von Selbstmord
gesprochen6. Der jüngste Sohn, Wahnfried Witte (1898-1941), verbrachte einige
Jahre in der Fremdenlegion und litt unter psychischen Störungen. Er wurde für
schizophren erklärt und im Zuge des Euthanasie-Programms von den
Nationalsozialisten ermordet7.
Irene kam als zweites Kind und einziges Mädchen am 25.11.1894 in Brüssel zur
Welt. In der Geburtsurkunde - in der auch der orientalische Drittname Irene
Wittes aufgeführt ist - heißt es:
„Irene Marguerite Fatma Witte, née le vingt-cinq de ce mois à six heures du soir, rue Belliard No
13, fille d’Emile Albert Ferdinand Witte, Journaliste, né a Wollin (Poméranie, Prusse) et
d’Ursulina Anna Müller, née à Constantinople, conjoints résidant même maison et domiciliés à
Wollin...père, âgé de trente ans.“ 8
manuscript and it certainly shows it. It is very good indeed.“ (The Frank and Lillian Gilbreth
Papers, N-file, Box 10, Purdue University Special Collections, West Lafayette, Indiana, USA).
5 Vgl. Archiv der Politischen Abteilung IA des Auswärtigen Amtes (wie Anm. 1), Mf. 13046;
darin: Handschriftlicher Lebenslauf Emil Wittes von 1899; vgl. auch E. Witte 1907.
6 Telefoninterview mit Irene Wittes Nichte, der Architektin Ursulina Schüler-Witte, Berlin, vom
30.10.2000.
7 Wie Anm. 6.
8 Ville de Bruxelles, ausgestellt am 28. November 1894.
14
Die Tochter wurde zusammen mit einem oder mehreren Brüdern zeitweilig von
Verwandten der Mutter in einem Berliner Vorort aufgezogen. Sie hatte zu ihren
Brüdern offenbar eine enge Beziehung.9
Anscheinend wuchsen die Kinder in einem liberalen Elternhaus auf, denn die vier
Kinder wurden zweisprachig erzogen. Diese Methode war in einer Familie des
wilhelminischen Deutschland, das mit England rivalisierte, eine Seltenheit und
wurde selbst als „tadelnswertes“ Fehlverhalten hingestellt: „ (...) so gesteht z. B.
Witte, daß er seinen eigenen Kindern erlaubte, zu Hause englisch zu sprechen“10.
Sowohl die Kenntnis der englisch-amerikanischen Sprache und Kultur als auch
die Technik journalistischen Schreibens wurde auf alle vier Kinder übertragen und
gefördert. Die Eltern betrachteten die Orientierung der Jugend nach
amerikanischen Wertvorstellungen nicht als kulturellen Niedergang, sondern als
zukunftsweisend. Auch Irene Witte leistete als Schulkind den Treueid auf die
amerikanische Flagge und bewahrte sich eine lebenslange persönliche und
berufliche Bindung an die USA.
1.1. Ein schwieriger Vater: Emil Witte
Zu Journalismus und Pressewesen kam Emil Witte während eines Aufenthaltes in
den Vereinigten Staaten 1882. Dort arbeitete er als Volontär der New Yorker
International News Company und der Chicago Book & News Corporation11.
Anschliessend studierte er in Berlin und Leipzig Philologie und Geschichte und
verdiente seinen Lebensunterhalt mit Zeitungsartikeln „novellistischen und
populärwissenschaftlichen Inhalts“12.
1888 kündigte er eine Anstellung als Redakteur bei der New York Daily News,
„um einem in großer Bedrängnis befindlichen verheirateten Kollegen aus der Not
9 Archiv der Politischen Abteilung IA des Auswärtigen Amtes (wie Anm. 1), Mf. Nr. 13050; darin:
Regierungsrat Lindy, Bericht vom 30.6.1906: „Zwei weitere Kinder der Witte’schen Eheleute im
Alter von 12 u. 13 Jahren befinden sich bei Verwandten der Ehefrau, wo sie erzogen werden.“
10 Archiv der Politischen Abteilung IA des Auswärtigen Amtes (wie Anm. 1), Mf. Nr. 13951;
darin: Wer macht die hohe Politik? Von Professor Dr. H. Molenaar, Sonderdruck aus
"Menschheitsziele", Leipzig 1908.
11 Wie Anm. 5.
12 ebd.
15
zu helfen“. Anschließend übernahm er die Vertretung des Wiener
Fremdenblattes in Konstantinopel. 1891 wurde er von der Presseagentur Reuter in
London engagiert, die ihn ein Jahr später zum Direktor des ersten Büros in Berlin
ernannte13. In seiner 1907 in Leipzig veröffentlichten Schrift „Aus einer deutschen
Botschaft“ beschreibt Emil Witte diese Agentur als zwielichtige Institution, die
ihre öffentliche Macht der modernen Massenbeeinflussung in Profit umzusetzen
wisse. Mit unterschwelligem bis unverhohlenem Antisemitismus vermutet Witte
hinter ihr als treibende Kraft die sogenannte „goldene Internationale“14, eine
Bezeichnung für jüdische Bankiers und Geschäftsleute, die seiner Meinung nach
wie Herbert von Reuter insgeheim ihre angeblich deutschfeindlichen Fäden
spinnen.15 Reuter klagte daraufhin Witte an. Dieser Prozess war der erste in einer
Reihe von juristischen Querelen, in die sich Witte im Laufe der Jahre verlor. Er
stilisierte sich selbst stets zu einer Art deutschen Quijote, dessen edle Einfalt ihn
immer wieder zum Opfer ausgeklügelter Strategien seiner meist jüdischen
Umgebung werden ließ.
Nach seiner Tätigkeit bei Reuter verdiente Witte zunächst als erfolgreicher
Übersetzer von populärer englischsprachiger Abenteuerliteratur16 sein Geld. Von
1896 bis 1898 war er wiederum fest angestellt als Redakteur der Deutschen
Zeitung in Wien. Im Gegensatz zur dortigen amerikafeindlichen Haltung
verteidigte Witte in einem Artikel die Kolonialpolitik der USA. Als Reaktion
darauf wurde ihm von amerikanischer Seite angetragen, in Washington eine
„Korrespondenz zur Pflege und Förderung der guten Beziehungen zwischen dem
Deutschen Reich und den Vereinigten Staaten“ zu gründen17. Die Familie Witte
siedelte daraufhin 1898 in die USA über. Kurz nach der Ankunft ließ Emil Witte
diesen Plan jedoch fallen und nahm stattdessen eine Stelle als Geheimer
Presseattaché der Deutschen Botschaft in Washington an. Emil Wittes auffallende
13 Die Nachrichtenagentur Reuter wurde 1849 in Aachen gegründet, 1851 nach London verlegt
und war zur Zeit der Anstellung Emil Wittes bereits ein als Kapitalgesellschaft registriertes großes
Unternehmen (vgl. Read 1999).
14 E. Witte 1907, 121.
15 Ebd., 96ff.
16 Einige der von Emil Witte übersetzten Texte waren: Lewis Wallace, Der Prinz von Indien oder
der Fall von Konstantinopel, Freiburg 1894; Robert Louis Stevenson, Die Schatzinsel, Freiburg
1897; Henry Rider Haggard, Das unerforschte Land, Freiburg 1912.
17 Wie Anm. 5. Vgl. auch E. Witte 1907, 22ff.
16
Unrast und Wankelmütigkeit mögen bereits Anzeichen eines beginnenden
gesundheitlichen Zerfalls gewesen sein. Die Geschichte der Familie Witte
entwickelte sich unter diesem Vorzeichen.
Emil Witte bewegte sich als Journalist im deutschen Kaiserreich in einem Feld,
das erst nach der Revolution von 1848 als bürgerlicher Beruf allmählich Ansehen
erlangte.18 Dabei hatte die „freie Presse“ anfangs für die Obrigkeit eine
gefährliche Nähe zu Umsturz und Aufruhr19, während die Linke in den
Journalisten wiederum Handlanger des Kapitals sah.
Emil Witte stand allerdings der Literatur nahe und seine Haltung zu seinem Beruf
als Journalisten hatte stets etwas Halbherziges. Diese Ambivalenz und seine
leichte Erregbarkeit zeigte sich z.B. sehr deutlich anhand einiger Ereignisse, die
mit seiner politischen Tätigkeit zusammenhingen und die sich zu einer Art Affäre
verdichteten. In seiner bereits erwähnten Schrift "Aus einer deutschen Botschaft"
schilderte Emil Witte so wortgewandt wie ausschweifend die Geschehnisse des
Jahres 1899-1900 während seiner Anstellung als Presseattaché der Deutschen
Botschaft in Washington. Aus dieser Anstellung wurde er nach nur einem Jahr
wieder entlassen. Er veröffentlichte daraufhin Einzelheiten aus seiner Tätigkeit in
der deutschen Presse, in denen er unter anderem den damaligen Botschafter
Theodor von Holleben beschuldigte, durch Leichtfertigkeit mehrmals einen Krieg
zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten heraufbeschworen zu haben20.
Die aus einer Mischung von wirtschaftlicher Not, Enttäuschung und
Fehleinschätzung seines Einflußvermögens bestehende Schrift verursachte großes
Aufsehen in der amerikanischen und deutschen Öffentlichkeit und führte
schließlich dazu, daß Witte weder in den USA noch in Europa jemals wieder eine
Anstellung fand.
Sein Pamphlet enthält einerseits die luziden Beobachtungen eines Kenners der
Kulturen beider Nationen mit einem guten Blick für die Rückständigkeit der
18 Vgl. Nipperdey 1983a, 587ff.
19 Die Zensur für Tageszeitungen wurde erst 1874 aufgehoben.
20 Vgl. hierzu Henning Sietz, In New York wird die größte Panik ausbrechen, in: DIE ZEIT,
Nr.20, 8.5.2002, S. 94. Wittes Verdacht wird in diesem Artikel bekräftigt. Der Autor bezieht sich
auf Akten des Militärarchivs Freiburg.
17
damaligen deutschen Diplomatie. Witte brandmarkte u.a. die Mißachtung, mit
der die fast durchweg aus dem Adel rekrutierten deutschen Diplomaten der
amerikanischen Demokratie begegneten21. Andererseits ist das Pamphlet
durchzogen von naivem Idealismus, Klatschhaftigkeit, gekränktem Ehrgefühl und
Antisemitismus.
Emil Witte bat zur Schlichtung seiner Kontroverse mit der Botschaft ausgerechnet
Hugo Münsterberg um Vermittlung. Das ist bemerkenswert, denn gerade in
Münsterberg sah Witte seiner Schrift zufolge einen jener „Spione“, welche die
deutsche Regierung zur Mobilisierung der Amerikadeutschen gegen die
amerikanische Regierung eingesetzt haben soll22. Münsterberg, der als
Austauschprofessor der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität in Harvard
lehrte, forschte zur Interdependenz von Psychologie und Wirtschaft. Als
Wegbereiter psychotechnischer Verfahren war er mit dem Ehepaar Gilbreth
befreundet, den späteren Mentoren von Irene Witte. Münsterberg wollte
seinerseits lediglich herausfinden, ob Witte „wirklich für Deutschland belastendes
Material in Händen“23 hielt. Aus der Korrespondenz Münsterbergs mit
Regierungsbeamten in Berlin geht hervor, daß Emil Wittes Vermutungen nicht
21 Hierzu vgl. auch Nipperdey 1983b, 651 u. 632.
22 Witte 1907, 210-211:“[...] Am 15. März brachte der „N e w Y o r k A m e r i c a n“ eine
Zuschrift des Ingenieurs H. A. B u c k, der früher in Berlin gelebt und dort aus dem Munde
hochgestellter Offiziere aus der Umgebung des Kaisers gehört hatte, daß Botschafter von Holleben
und Professor Münsterberg ein weitverzweigtes Spionagesystem in den Vereinigten Staaten
eingerichtet hätten. Professor Münsterberg sei auf direkten Befehl des Kaisers nach Amerika
gesandt worden, um die dortige öffentliche Meinung über Deutschlands wahre Politik hinsichtlich
der Verinigten Staaten irrezuführen [...] Im Falle eines Krieges, so äußerte sich Herr Buck, würde
die deutsche Flotte sich gleich in den Besitz der Häfen von Boston und New York zu setzen
vermögen[...]“.
23 Archiv der Politischen Abteilung IA des Auswärtigen Amtes (wie Anm. 1), Mf. 13050; darin:
Hugo Münsterberg an Exzellenz von Tschirschky vom 29.5.1906. Wahrscheinlich ist Heinrich
Leonhard von Tschirschky und Bögendorff gemeint. Er war von Januar 1906 bis Oktober 1907
deutscher Aussenminister.
18
völlg falsch waren24. Er war als Presseattaché selbst beauftragt worden, gegen
das „perfide Albion“25 und zugunsten des deutschen Kaiserreiches zu
argumentieren.
Noch 1906 bezeichnete Münsterberg die von Witte um 1900 lancierten
Presseartikel gegen die deutsche Regierung in einem Brief als „journalistische
Bombe“26. Auch stieß Wittes Publikation von 1907 in der liberalen und
linksgerichteten Presse keineswegs auf Ablehnung27, sie machte ihn vielmehr
weithin bekannt. 1912 kam es zu einem Strafverfahren gegen Witte wegen
„unbefugter Führung des Titels „Botschaftsrat"“28. Das Verfahren wurde 1914
eingestellt, indem man ihn für geistig unzurechnungsfähig erklärte29. Ein
medizinischer Beleg für diese Erklärung existiert jedoch nicht. In der Familie
wurde nach Aussage von Ursulina Schüler-Witte das Nervenleiden Emil Wittes
24 Archiv der Politischen Abteilung IA des Auswärtigen Amtes (wie Anm. 1), Mf. 13047; darin:
Hugo
Münsterberg an Baron von Richthofen vom 20.9.1901: „Ich sehe, daß er keine Ahnung vom
Umfang meiner Pressetätigkeit hat und auch in der Botschaft nur ganz winzige Dinge aufgestöbert
hat, deren Preisgebung keinen Einfluß auf meine Beziehungen zu den amerikanischen Beamten
haben kann.“
25 Archiv der Politischen Abteilung IA des Auswärtigen Amtes (wie Anm. 1), Mf. 13046; darin:
Artikel der „Schwäbischen Tagwacht“ v. 4. August 1900. Hinter den Kulissen der deutschen
Diplomatie. Ein Seitenstück zur Emser Depesche. von E. Witte, bisheriger Presseattaché
d.deutsch. Botschaft in Washington: „[...] Es gehörte zu meiner Mission, beschwichtigend und
besänftigend auf die anglo-amerikanische Presse einzuwirken, den Kaiser und den Grafen Bülow
als die einzigen wahren Freunde der Vereinigten Staaten in Europa hinzustellen und dem „perfiden
Albion“ all die Machenschaften, die die „traditionelle Freundschaft“ zwischen Deutschland und
der nordamerikanischen Union ins Wackeln gebracht hatten, zuzuschreiben[...].“
26 Archiv der Politischen Abteilung IA des Auswärtigen Amtes (wie Anm. 1), Mf. 13050; darin:
Hugo Münsterberg an Exzellenz von Tschirschky vom 29.5.1906.
27 Archiv der Politischen Abteilung IA des Auswärtigen Amtes (wie Anm. 1), Mf. 13051, darin:
Rezension "Aus einer Deutschen Botschaft", Schleswig-Holsteinische Volkszeitung, Dez. 1912:
„Die Anschaffung des Witte’schen Buches sei einem jeden auf das Wärmste empfohlen, der sich
über unsere auswärtige Politik unterrichten und erfahren will, weshalb der Deutsche im Ausland
eine so überaus klägliche Rolle spielt.“
28 Archiv der Politischen Abteilung IA des Auswärtigen Amtes (wie Anm. 1), Mf. 13052, darin:
Brief des AA an Rechtsanwalt Dr. Hottenrott, Bonn, gez. Zimmermann, Berlin vom 31.8.1912.
29 Die Strafakte konnte nicht ermittelt werden, da das Schriftgut des Kammergerichts Berlin aus
der Zeit vor 1945 als Kriegsverlust angegeben ist (Schreiben vom Landesarchiv Berlin,
12.12.2000).
Die "Sigilla Veri" von 1929, ein von der politischen Rechten publiziertes sogenanntes „Lexikon
der Juden“ will den Grund für die Verurteilung Wittes in dessen 1914 veröffentlichten
antisemitischen Schmähschrift sehen (vgl. E. Witte 1914a). Das folgende Zitat wird als Beweis der
Verurteilung Wittes herangezogen. Es zeigt zugleich die Nähe seiner späten Schriften zur
politischen Rechten: vgl. Sigilla Veri 1929, 16: „Bethmann aber ließ (...) den schwer leidenden,
tapferen Herausgeber Emil Witte höchst bequem von seiner Zensur gleich für geisteskrank und
ungenießbar erklären.“
19
niemals als Geisteskrankheit diskutiert30. Es kann jedoch durchaus sein, daß
Witte zu Hochstapeleien neigte, auch am Doktortitel, den er gelegentlich
anführte31, sind Zweifel angebracht32.
Die Affäre hatte für die Familie weitreichende Folgen. Seit der Entlassung des
Vaters 1900 aus seiner Stellung als Botschaftsrat und der darauffolgenden
Kontroverse mit der deutschen Botschaft lebte man in den USA buchstäblich im
Elend, außer Landes, in armseligen Verhältnissen und in Angst vor Besuchen der
Geheimpolizei. Dazu schreibt ein Journalist 1902:
„Ich suchte Witte auf. Er ist ein verhungerter, rabiater Mensch (...) Er bewohnt mit Frau und vier
Kindern zwei kahle Stuben und hofft offenbar durch Verkauf der angeblich von Holleben
stammenden Briefe, die übrigens nicht von der Geheimpolizei beschlagnahmt wurden, sondern die
Witte ihr angeboten hat, Geld zu verdienen.“33
Die Familie scheint den Vater in seinen Bemühungen um Rehabilitierung jedoch
unterstützt zu haben. Ursulina Witte versuchte 1908, die Behörden mit Hilfe eines
Artikels der Berliner Volkszeitung für den Fall zu interessieren34.
Die Jahre von 1906 bis zu seinem Tod 1918 waren von der fortschreitenden
Krankheit geprägt und von Emil Wittes zahllosen Pamphleten gegen die
Ungerechtigkeiten der Welt begleitet, die ihn als Revolverjournalisten und
Querulanten verleumdet habe. Seine späten Schriften zeugen immer noch von
sprachlicher Vehemenz und einem streitbaren Talent, das sich in seiner
paranoiden Polemik gegen Juden und Homosexuelle35 austobt. Unter anderen
30 Interview mit Ursulina Schüler-Witte vom 29.1.2001.
31 Auf der oben erwähnten Heiratsurkunde (Anm. 2) wird Emil Witte bspw. als "Doktor der
Philosophie" geführt.
32 Das Universitätsarchiv Leipzig führt Emil Witte nicht in den Quästur-, Matrikel- oder
Promotionslisten auf (Schreiben vom 13.3.2001), und auch im Verzeichnis der Berliner
Universitätsschriften von 1810-1885 ist Emil Witte nicht aufzufinden. In der Familie wurde
darüber diskutiert, daß Emil Witte möglicherweise nicht promoviert hat (Interview Ursulina
Schüler-Witte vom 29.1.2001). Archiv der Politischen Abteilung IA des Auswärtigen Amtes (wie
Anm. 1), Mf. 13052, darin: Brief des AA an Rechtsanwalt Dr. Hottenrott, Bonn, gez.
Zimmermann, Berlin vom 31.8.1912.
33 Vgl. Frankfurter Zeitung, Zweites Morgenblatt, Nr. 74 vom 15. März 1902, S.2 (Archiv der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung).
34 Vgl. Archiv der Politischen Abteilung IA des Auswärtigen Amtes (wie Anm. 1), Mf. 13051;
darin: Ursulina Witte an Legationsrat Freiherr von dem Bussche Haddenhausen, Berlin vom
8.9.1908. Vgl. ebd. Mf. 13051, darin: Berliner Volkszeitung vom 19.8.1908
35 Vgl. E. Witte 1911, 1914a und 1914b. Das Buch E. Witte 1914b ist ein übles Pamphlet gegen
Juden und Homosexuelle, wobei Witte erstaunlicherweise gut informiert ist über die
20
galten Emil Wittes Schmähungen Hermann Israel36. Israel, der sich 1905 im
Alter von 40 Jahren angeblich wegen seiner Homosexualität das Leben nahm, war
der Bruder von Berthold Israel, Besitzer des Kaufhauses, für das Irene Witte ab
1927 arbeitete.
An Irene Witte dürften die sozialen und ökonomischen Schwierigkeiten, die der
Vater heraufbeschworen hatte und die als Erfahrungen von gesellschaftlicher
Entwurzelung, Ausgrenzung und wirtschaftlicher Verelendung ihre Kindheit und
Jugend überschatteten, Spuren hinterlassen haben.
1.2. Entwurzelung und gesellschaftliche Ausgrenzung
Die Familie Witte führte ein Nomadenleben aus Not: von 1894, dem Geburtsjahr
der Tochter Irene, bis 1906 wechselte sie mindestens achtmal den Wohnort. Jeder
Umzug hieß, einen Haushalt von fünf Personen mit drei Kleinkindern zu
bewegen. Unruhe, eine schnelle Aufeinanderfolge von Veränderungen, die
ständige Begegnung mit Ungewohntem sowie existentielle Unsicherheit gehörten
demnach zur Erfahrungswelt der jungen Irene. Das Gefühl der Unzugehörigkeit
wurde zu einer Disposition, die sie im Alter möglicherweise mit dem Satz „Meine
Heimat ist mein Schreibtisch“37 auf den Punkt brachte. Besonders in ihren Briefen
Anfang der 20er Jahre spricht sie häufig davon, daß sie am liebsten in die
Vereinigten Staaten zurückkehren würde. Mit dieser eigentümlichen Ambivalenz
gegenüber dem Land, in dem sie sich gerade aufhält, wird sie fortan leben.
Außerdem dürfte die Reputation des Vaters durch die beschriebene Affäre ruiniert
gewesen sein. Irene Witte mußte lernen, daß sie einen in Presse- und
Schwulenszene Berlins, und der Verdacht naheliegt, daß er seine Insiderinformationen von dem
Verleger von Homosexuellen-Literatur Adolf Brand bekam (für diesen Hinweis danke ich Herrn
Manfred Herzer). – Vgl. a. Wolff 1986, 132: Hier wird Emil Witte als Hochstapler („imposter in
the grand style“) bezeichnet, der sich mit seinen homosexuellenfeindlichen Pamphleten in die
Harden-Prozesse einmischte und über den niemand recht Bescheid wußte („His true identity
remains a puzzle.“).
36 Vgl. E. Witte 1911, 74f.
37 Zit. nach der Todesanzeige von Irene M. Witte: „Meine Heimat ist mein Schreibtisch“ war das
Leitmotiv meiner herzensguten Jugendfreundin[...]. Gez. von Edith Hühner. Nachlaß Witte,
RWTH Aachen.
21
Regierungskreisen zweifelhaften Namen trug. Möglicherweise erklärt diese
Position ihr anhaltendes Streben nach beruflicher Anerkennung und öffentlicher
Etablierung ihres Namens. Das familäre Unglück fand zudem durch die
Registrierung als Staatenlose seine gesetzlich-bürokratische Entsprechung. In
einem Brief an Frank Gilbreth führte Irene Witte diesen Umstand auf eine
Meldeversäumis des Vaters zurück38. Nach der Änderung des Reichs- und
Staatsangehörigkeitsgesetzes von 1913 war dies allerdings kein Anlaß mehr zum
Verlust des Indigenats. Wahrscheinlicher ist, daß die Weigerung eines ihrer
Brüder, gegen Amerika und die Amerikaner zu kämpfen, die Ursache ihrer
Staatenlosigkeit war39.
Da der Vater in den Jahren vor seinem Tode 1918 krank und sozial isoliert, ein
Bruder geisteskrank und ein weiterer Bruder in die USA ausgewandert war,
trugen Irene Witte und ihre Mutter Ursulina sowie der ältere Bruder Victor Franz
die Verantwortung für den Lebensunterhalt und die Versorgung der kranken
Familienmitglieder. Ein Haushalt dieser Prägung verlangte nach Organisation,
und die kleine Bemerkung von Wittes Nichte, Irenes Mutter habe mit ihrer
„Gemütsruhe“ und einem ausgeglichenen Temperament „alles geschaukelt“40, läßt
darauf schließen, daß sie einen schwierigen Alltag zu bewältigen wußte. Es ist
daher vorstellbar, daß die Tochter aus dieser Familiensituation heraus die
Begabung, unübersichtliche und unwägbare Strukturen mithilfe von Grundsätzen
und Regeln zu einem funktionsfähigen Muster zu ordnen, zu einer Leidenschaft
entwickeln konnte.
38 Vgl. den Brief IWs an FBG vom 15.7.1919: „We had to stay in Germany all these years, as my
father did not renew his passport in time, and we were consequently declared as „staatenlos“
(without a country!): but on the whole we were treated real good.“ Nachlaß Witte, LTA
Mannheim, 00006/02.
39 Nach Aussage von Irene Wittes Nichte Ursulina Schüler-Witte (Telefoninterview vom
31.10.2000) – Bei Wehrverweigerung wurde kollektiv verfahren und allen Mitgliedern einer
Familie die Staatsbürgerschaft aberkannt (vgl. Reichs-und Staatsangehörigkeitsgesetz vom 22. Juli
1913, Berlin 1913, § 26, S. 103-109, § 29 S. 113-115).
40 Interview mit Wittes Nichte Ursulina Schüler-Witte vom 29.1. 2001.
22
2. Berufliche Bindungen und Freundschaften
Irene Witte war beinahe ihr ganzes Leben lang berufstätig. Der Grund dafür lag
nicht nur in ökonomischen Zwängen. Sie war auch eine besessene Arbeiterin. Das
zeigt allein schon die Liste der Publikationen, die sie in den meisten Fällen neben
ihrem Berufsalltag bewältigte. Daher wurden berufliche Bindungen oftmals zu
Freundschaften. Das gilt insbesondere für ihren Mentor Frank Bunker Gilbreth.
Da Irene Wittes Vater Emil Witte nicht dem Bild eines Familienvaters entsprach,
ist davon auszugehen, dass er kein leuchtendes Beispiel für das In-der-Welt-
Bestehen war, und seine öffentliche Demontage als ernstzunehmender Journalist
den Kindern die Identifikation mit dem Vater erheblich erschwerte. Das mag
erklären, warum Irene Witte die Begegnung mit dem amerikanischen
Rationalisierungsingenieur als so entscheidend erlebte. Sie traf ihn erstmals kurz
nach Arbeitsbeginn in der Gasglühlicht-Auergesellschaft Berlin41 am 23.12. 1914.
Die Begegnung bot der neunzehnjährigen Irene die Chance einer vollständigen
Neuorientierung und gab ihrem gesamten Arbeitsleben, wie sie sagte, „Inhalt und
Richtung“42.
Witte verfügte über Büro- und Sprachkenntnisse sowie Auslandserfahrung.
Darauf gründete sie ihre Karriere. Von Kindheit an war sie mit dem Schreiben
und der praktischen Bedienung einer Schreibmaschine vertraut.43 Die in
bürgerlichen Familien des 19. Jahrhunderts übliche Trennung von Erwerbs-und
Familienleben, die Erziehung der Töchter zur Hausfrau und Mutter fand in der
41 Die Auergesellschaft, ehemals Gasglühlicht Aktiengesellschaft, wurde 1892 gegründet, um das
Gasglühlicht des Chemikers Wels von Auer zu vermarkten. Während des Ersten Weltkriegs wurde
in Zusammenarbeit mit Fritz Haber an der Weiterentwicklung von Gasmasken gearbeitet. Die
Firma unternahm um die Jahrhundertwende die Versorgung Berlins mit Gasbeleuchtung und ab
1906 unter dem Markennamen „Osram“ die Versorgung mit elektrischem Licht.
42 „[...]Mir bot sich eine besondere Gelegenheit kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges und
gab meinem ferneren Arbeitsleben Inhalt und Richtung bis auf den heutigen Tag. Die Männer
verschwanden aus ihren Arbeitsstätten – Frauen mußten für sie einspringen, so auch in einer
großen Gasglühlicht-Gesellschaft in Berlin, die dringend deutsch-englische Mitarbeiterinnen
suchte. (...) Es wäre dort eine Organisationsabteilung – eine "Planabteilung", wie sie genannt
wurde – unter der Leitung eines Amerikaners eingerichtet worden, deren Aufgabe eine umfassende
Analyse der bestehenden Verfahren sei mit dem Ziel, vorhandene Verlustquellen zu erkennen, sie
zu beseitigen und auf diese Weise die Leistungsfähigkeit des Betriebes zu erhöhen [...].“ Vgl.
Witte 1972a, 67.
43 Nach eigenen Angaben von Irene Witte (vgl. Witte 1969, 278).
23
Familie Witte vor allem wegen der Krankheit des Vaters nicht statt. Irene Witte
mußte Durchsetzungsvermögen nicht erst lernen, und als Mädchen mit drei
Brüdern war für sie das Sichbehaupten in einer mehrheitlich männlichen
Gesellschaft nichts Neues. Frau-Sein und eigenständiges Denken und Handeln
schlossen sich für sie nicht aus. Womöglich unterschied sie sich dadurch von den
meisten ihrer Kolleginnen und blieb auch in dieser Hinsicht eine Außenseiterin.
2.1. Frank Bunker Gilbreth
Frank Bunker Gilbreth (1868-1924) kam aus einer der ersten amerikanischen
Siedlerfamilien in Fairfield, Maine. Er absolvierte die High School in Boston,
hatte offenbar schon früh eine Abneigung gegen Lesen und langes Studieren44 und
bevorzugte stattdessen eine Lehre im Baugewerbe. Bereits als Schüler verfügte er
über die praktische Begabung, eigene Schwächen in Stärken umzuwandeln und
sie zugleich als nützlich für andere zu verkaufen: Seine Schwierigkeiten mit der
Orthographie z.B. nahm er zum Anlass, eine allgemeine Rechtschreibreform zu
fordern. Der Gedanke ist immerhin reizvoll, den missionarischen Eifer bei der
Festlegung von arbeitsvereinfachenden Methoden und die Ablehnung alles
Überfüssigen bei Gilbreth auf einen Hang zur Bequemlichkeit zurückzuführen.
Mit seinen Ideen zum Rationalisieren von Arbeitsverfahren, die z.b. den Maurern
das mühsame Bücken ersparten45, wurde Gilbreth berühmt. Sein Slogan von "der
einen besten Art der Arbeitsverrichtung"46, den Irene Witte später gelegentlich als
"eudämonistisches Optimum" bezeichnete47, war die Lebens- und Arbeitsdevise
Gilbreths.
Die Persönlichkeit Frank Gilbreths scheint in mehrfacher Hinsicht das genaue
Gegenteil der Persönlichkeit des Vaters Emil Witte gewesen zu sein. Gilbreth
neigte weder zu Idealismus noch hatte er weitreichende literarische Ambitionen,
sein Blick war vielmehr auf das Machbare gerichtet. Seine robuste Orientierung
an Gewinn und Erfolg, sein Optimismus, der keinen Zweifel duldete, verhießen
44 Vgl. L. Gilbreth 1925, 10.
45 Vgl. Gilbreth 1909. Vgl. a. Gilbreth 1921, 9.
46 Vgl. Kapitel III, Abschn. 2.
47 Vgl. Witte 1921, IV sowie Witte 1924c, 204.
24
der jungen Irene eine handfeste und solide Zukunft, die aus der Armut
herausführen konnte. Auf dem Weg dorthin gab es etwas zu lernen, und Irene
Witte nahm die Herausforderung an. Zwar hatte sie zum damaligen Zeitpunkt
noch weiterreichende, „nutzlose“ Interessen. Sie besaß eine Hörerkarte der
Handels-Hochschule Berlin für das Fach Philosophie48 und spielte mit dem
Gedanken, Politik zu studieren49 und zu promovieren50. Aber tatsächlich
übersetzte sie in der Gasglühlicht-Auergesellschaft Gilbreths Vorträge und dol-
metschte seine Arbeitsanweisungen.
Wegen des andauernden Krieges verließen Gilbreth und seine Mitarbeiter Mitte
1915 Deutschland. Da auch die Auergesellschaft seit 1915 für Kriegslieferungen
arbeitete und Ausländer nicht mehr gern gesehen waren, reagierte die
Unternehmensleitung auf die Abreise offenbar mit Erleichterung: „He thinks“,
schreibt Irene Witte an Gilbreth über den damaligen Direktor des Unternehmens,
„that your departure is the biggest blessing to the Company“51. Die
Zusammenarbeit zwischen Gilbreth und Irene Witte wurde nun brieflich
fortgesetzt. In den ausführlichen Berichten über die organisatorischen Fort-und
Rückschritte im Büro und in Beschreibungen eines von Eifersüchteleien und
Mißgunst geprägten Betriebsklimas, zeigte sich Irene Witte nicht nur als genaue
Beobachterin deutscher Befindlichkeiten, sondern auch als überzeugte und loyale
Anhängerin Gilbreths, für die es auf dem Schlachtfeld der Wissenschaftlichen
Betriebsführung nur Freunde oder Feinde gab52. Dabei war die Aufrechterhaltung
der Beziehung zu Gilbreth während des Krieges nicht ganz ungefährlich und
48 Nach der Hörer-Karte Nr. 296, ausgestellt für Frl. Irene Witte, gez. Rektor Prof. Dr. Schär,
Name des Dozenten: Liebert. Archiv Peter Obst, Berlin.
49 Vgl. IW an FBG, 12.4.1916: „I am now studying politics!“ Nachlaß Witte, LTA Mannheim,
00006/03.
50 Vgl. IW an FBG vom 17.10.1920: „ I have spoken the matter of the doctor’s degree over with
several prominent men and they think that it won’t be so hard. And then I know so many
influential high-school Professors who would be willing to help me. As far as I can see it will after
all be easiest to get the degree at one of the German Technical Highschools (either Munich or
Dresden) for economics. (...) it will do for me to go to one of the places for examination and to
study in Berlin. (...) But I’ll do it one way or the other!“ Nachlaß Witte, LTA Mannheim,
00006/07.
51 IW an FBG, 21.6.1915, Nachlaß Witte, LTA Mannheim, 00006/01.
52 Vgl. z.B. die Briefe IWs an FBG, Nachlaß Witte, LTA Mannheim, 21.6.1915; 19.9.1915
(00006/01), 7.11.1915 (00006/02).
25
grenzte teilweise an Industriespionage53. Die Korrespondenz wurde bei
Kriegseintritt der USA 1917 unterbrochen und ab 1919 wieder aufgenommen.
Witte selbst beschreibt Gilbreth als begeisterten Pädagogen, dessen Ziel es
gewesen sei, die freiwillige Mitarbeit der Angestellten zu gewinnen, eine den
Leistungen entsprechende Entlohnung und zugleich menschenwürdige
Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Darauf wird in Kapitel III zurückzukommen
sein. Irene Witte hatte in Gilbreth ihr Vorbild und ihren Förderer gefunden. Die
negative Seite ihrer Willfährigkeit war, daß Irene Witte gegenüber Gilbreth in
eine ökonomische Abhängigkeit geriet, die dieser durchaus zu nutzen wußte. Im
August 1922 befand sich Irene Witte in einer akuten finanziellen Notlage.
Während sie in einem Gratulationsschreiben zur der Geburt einer der zahlreichen
Töchter im Hause Gilbreth zunächst ihre Notlage mit keinem Wort erwähnte,
holte sie dieses in einem weiteren Brief nach:
„Today I want to ask for a personal favor if this is possible for you. I have been thinking of this
for quite a long time and have come to the conclusion that I personally shall feel all the better in
having it off my mind writing you in this matter. When here in Berlin I think I spoke to you that I
had the intention of getting engaged. Under present German conditions this is from every
economic standpoint as nearly impossible. And I hate to think that for this reason we are
condemned to wait for better times which seem to be farer off than before. To put it short it is hard
for me to write to you about this if you could see your way clear to loan me 100 or 200 $ this
would mean everything to me. However I have to add right here that I cannot say for certain when
I shall be able to pay this money back to you. This will be possible some time, yet today I cannot
give a definite date. If for one reason or another this is not possible please let me know. It would
not make much difference I only put the idea into my head that it would facilitate matters much if I
could get some spare money by utilizing the present rate of exchange. Please do not be angry in
writing to you about this.“54
Irene Wittes Bitte um finanzielle Unterstützung ist eine Ausnahme in der sonst so
folgsamen und an Erfolgsmeldungen reichen Korrespondenz Wittes an Gilbreth.
Gilbreth beantwortete diesen Hilferuf erst nach über einem Monat:
„I find your letters of August 7 and 10 1922. (..) First of all Mrs. Gilbreth and I want to
congratulate you on your decision to get married and we want very much to have you have the
necessary money which, of course, if it is American money, will mean so much to you in marks at
53 „I might be mistaken but I think that the general feeling is not quite so much against S.M.
[Scientific Management, R.P.] as it was 6 weeks ago, although they still do say quite a lot against
the "Americans" (...) Nobody is allowed to know that you received these papers from me.“ Diese
„papers“ beziehen sich auf das Rückgängigmachen der von Gilbreth eingebrachten
Rationalisierungsmaßnahmen bei Auer. (IW an FBG vom 27.7.1915, Frank & Lillian Gilbreth
Papers, Irene Witte M. 1915-1927, NHL PILc-187, Purdue University Special Collections, West
Lafayette, IN, USA.).
54 IW an FBG, 7.8. 1922, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
26
the present time. I immediately went to the American Society of Mechanical Engineers and saw
a gentleman (...) who is in charge of their publication called "Mechanical Engineering" (...) I told
him all about you and that I wanted him to give you a six months’ contract at least 10$ per week,
you to send him in English various information that would be of value to the ASME’s paper and
to the editors thereof [...] I expect you will have $260 for six months work. I personally object very
strongly to advancing the money to you for the reason that it has been my experience that people
invariably hate anyone who advances money and I do not care to have any prospects of such
relations with you. I look forward with much pleasure to meeting you on the same basis in the
future that we have met in the past, but nevertheless I shall take the trouble to see that in some way
the money is put into your hands and I sincerely hope that you will agree with me that this is by far
the best method.“55
Gilbreth, der noch ein Jahr zuvor die desolate wirtschaftliche Lage der deutschen
Bevölkerung am Gesundheitszustand von Irene Witte zu erkennen vermochte und
sie als überarbeitet und abgemagert bezeichnet hatte56, zeigte offenbar keine
Scheu, die Notlage Irene Wittes behende zu seinem Vorteil zu wenden. Statt ihr
das erbetene Geld zu leihen, verlangte er nach einer "Dienstleistung", die von
einer dritten Person entlohnt werden sollte. Irene Witte schien auf Gilbreths
praktischen Opportunismus vorbereitet zu sein. Ihr Antwortschreiben ist von
Sachlichkeit und dem Bemühen geprägt, die möglicherweise aufkeimende
persönliche Enttäuschung durch Arbeitsinhalte zu objektivieren und seine
Entscheidung in Lob umzumünzen:
„Immediately after dispatching my letter of August 7 I had doubts as to the advisability of
having sent it to you. But the present and even the future conditions in Germany are so very
unpromising that only by undertaking some extraordinary steps is there a possibility of being able
to get ahead in any way at all. I am very glad that you have found such a very good solution of the
question[...].“57
In der ersten Hälfte des Jahres 1923 schickte Witte daraufhin in regelmäßigen
Abständen insgesamt vierzig nummerierte sogenannte "reports" an die American
Society of Mechanical Engineers (ASME), davon eine Kopie an Gilbreth58, die sie
neben ihrer Arbeit im Orga-Institut59 und ihrer Übersetzungs- und Publikationstä-
tigkeit verfasste. Gilbreth verlangte von ihr sogar noch eine weitere Steigerung
55 FBG an IW, 8.9.1922, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
56 Vgl. FBG an IW vom 2.3.1921: „Witte has grown very thin and she says it is from hard work.
She looks it. She says she is doing 10 to 12 hours per day.“ Frank & Lillian Papers, box 7, series 2,
1921, Feb. 28 - Aug. 3, Purdue University Special Collections, West Lafayette, IN, USA.
57 IW an FBG, 15.10.1922, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
58 Vgl. IW an FBG, 3.1.1924: „40 reports during the first six months of 1923“, Nachlaß Witte,
LTA Mannheim.
59 vgl. Kap. II, 1.1.
27
ihrer Dienstleistungen und versuchte, diese zusätzliche Belastung mit Hilfe
eines faden Scherzes in Bezug auf Wittes Privatleben herabzuspielen:
„I think that the reports that you are sending the American Society of Mechanical Engineers are
good but not voluminous enough to suit them...My advice to you, therefore, is to give them
everything that you can that has to do with engineering, psychology, manufacturing, employee
training, vocational guidance, etc...that it would be possible for you to ask them for more money,
and certainly I can arrange this for you provided you do your part right in sending them the right
kind of material. Your apology for not writing me is accepted. I am much provoked about it,
particularly because you did not send me translations of the System Bloch Schnell Kalkulator. (...)
Of course you understand I would not be so lenient in forgiving you if it were not for the fact you
have already confessed that you are in love with some young engineer, and of course I know that
ladies who are in love are not in their right minds, and cannot carry out either agreements or
promises.“60
Irene Wittes Beziehung zu Frank Gilbreth war in erster Linie die Beziehung einer
Schülerin zu ihrem Lehrer. Bereitwillig und loyal orientierte sie sich an den
beruflichen, aber auch inhaltlichen Vorgaben ihres Mentors und äußerte – wenn
überhaupt – nur ansatzweise und dann auch nur sehr verhalten Kritik. Sie arbeitete
ihrem Lehrer zu und versorgte ihn mit Material und Informationen über die
neuesten arbeitwissenschaftlichen und betriebspolitischen Entwicklungen in
Deutschland. Die Arbeitsbeziehung scheint zeitweilig Charakteristika einer Vater-
Tochter- Beziehung gehabt zu haben. So befürchete Witte z.B., Gilbreth könne ihr
aus irgendeinem Grunde „böse“ sein61, während dieser sich zuweilen darüber
beklagte, daß die von ihm angeforderten Dinge nicht rechtzeitig oder nur
unvollständig bei ihm ankamen. Gilbreth nahm keine Rücksicht auf Wittes
materielle Situation während der Nachkriegsinflation, sondern verlangte schlicht
Leistung, Erfolg, Lohn62.
60 FBG an IW, 6.2.1923, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
61 IW an FBG, 22.8.1922: „Please do not be angry in writing to you about this.“ Nachlaß Witte,
LTA Mannheim. In einem Schreiben an LMG vom 8.11.1946 gebrauchte Witte eine ähnliche
Formulierung: „Please do not be angry with me for giving you all this trouble.“ Nachlaß Witte,
LTA Mannheim. Auffallend ist dabei stets der unmündige Tonfall, die offenbar bedingungslose
Anerkennung der beruflichen und vielleicht auch moralischen Überlegenheit der Gilbreths.
62 Vgl. auch Tilla Siegels scharfsinniges Porträt Gilbreths, Siegel 1993, 363-396.
28
2.2. Lillian Moller Gilbreth
Der Betriebsingsingenieur Frank Bunker Gilbreth war seit 1904 mit der
Psychologin Lillian Moller (1878-1972) verheiratet. Diese Verbindung
ermöglichte dem Praktiker eine Wendung zu Theorie und Wissenschaftlichkeit.
Lillian Gilbreth wurde als seine Ehefrau zugleich auch zu seiner besten
Mitarbeiterin. Trotz der Verantwortung für die Erziehung von zwölf Kindern
promovierte sie 1915 an der Brown University, Rhode Island, im Fach Psy-
chologie. Lillian Gilbreth schrieb die meisten der unter der Autorschaft des
Ehepaares Gilbreth erschienenen Bücher63 und leitete während der häufigen
Abwesenheit ihres Mannes das familieneigene Beratungsunternehmen.
Aus Anlaß ihres 85. Geburtstags schrieb Irene Witte 1963 in der Zeitschrift
"Rationalisierung" eine Laudatio für Lillian Gilbreth64. Darin charakterisiert sie
die mit zahllosen Ehrendoktoraten und Ehrenmitgliedschaften ausgezeichnete
Psychologin als eine Frau, die an der Seite eines „dynamischen Mannes“ gelebt
und gearbeitet habe. Sie sei nach dessen Tod 1924 nicht nur alleinerziehende
Mutter, sondern auch für unzählige Menschen eine gute Beraterin, Lehrerin und
Freundin gewesen sei. Darüber hinaus sei sie als eines der ersten
Vorstandsmitglieder des Comité International de l’Organisation (CIOS)65 zur
wichtigsten Ratgeberin für die „führenden Männer“ dieser Institution geworden.
Lillian Gilbreth, die von 1935 bis 1948 an der renommierten Purdue University in
West Lafayette Professorin für Management war, ist in der neueren Forschung als
„America’s first lady of engineering“ gewürdigt worden66. Ihrem Einfluß sei es zu
63 Vgl. ebd., 33.
64 Vgl. Witte 1963.
65 Das Comité International de l’Organisation wurde am 11.6.1924 [korrekt?] in Paris konstituiert
und tagte danach regelmäßig in zwei- bis dreijährigen Intervallen, z.B. in Rom 1927, in Paris
1929, in Amsterdam 1932, in London 1935 und in Washington 1938. Zu weiteren Informationen
vgl. etwa Haan 1955.
66 Moore Trescott 1983, 22. Im Folgenden greife ich vor allem auf die Darstellung von Moore
Trescott zurück. Vgl. auch Hugo Hilf 1968.
29
verdanken, daß das von den Tayloristen geprägte mechanistische Konstrukt der
Zeit- und Bewegungsstudien durch die Betonung des Individuums ergänzt wurde.
Der Öffentlichkeit war sie lange Jahre nur als Frank Gilbreths Assistentin oder
durch ihre Publikationen zur Haushaltsrationalisierung bekannt. Nach Martha
Moore Trescott wurde Lillian Gilbreths Bedeutung für die Arbeitswissenschaften
lange unterschätzt, obwohl die Berücksichtigung des sogenannten "menschlichen
Faktors" eindeutig Lillian Gilbreth zuzuschreiben und sie als Mentorin eine Reihe
von Frauen, u.a. „Irene Witte of Germany“67, unterstützt habe.
Ruth Oldenziel charakterisiert Lillian Moller Gilbreth als den Prototyp einer
Ingenieurin, die sich in vorgegebenen konservativen Bahnen weiblicher Identität
bewegte, um mit der klassischen, aus verhaltener Überqualifikation,
Bescheidenheit und Belastbarkeit zusammengesetzten Assimilationstaktik in einer
von Männern geprägten Arbeitswelt ungestört bestehen zu können:
„Lillian Gilbreth relied on Rudyard Kipling’s rewording of the biblical allegory of Martha: ‘simple
service simply given’ that was supposed to be the inspiration of women engineers. Avoiding open
confrontation ...she advocated a professional strategy for women engineers based on hard work
and stoicism.“68
Wie immer Lillian Gilbreth auch einzuschätzen ist, ihr Interesse für Psychologie
teilte sie offenbar mit ihrer Tante Dr. Lillian Power, die jahrelang, wie sie in
einem Schreiben an Irene Witte eher beiläufig erwähnt, bei „Freud in Vienna“
studiert habe69. Der Gedanke liegt nahe, daß der Erfinder der Psychoanalyse auf
diesem Umweg die Anwendung psychotechnischer Methoden im industriellen
Produktionsprozess mitbeeinflußt haben könnte. Auch die Psychoanalyse
beschäftigt sich mit dem "Ausmessen" eines unbekannten Terrains. Aber offenbar
entfaltete das Freudsche Konzept von der überragenden Rolle des Unbewußten in
67Moore Trescott 1983, 32.
68 Oldenziel 1999, 149f.
69 Dieser handschriftliche Brief Lillian Moller Gilbreths an Irene Witte ist undatiert; aber Irene
Witte bestätigt das in dem Brief angekündigte Treffen mit Dr. Lillian Power in einem
Antwortschreiben vom 5.11.1925: „Last week I met Dr. Lillian Power and we had a nice chat on
subjects of mutual interest.“ Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
30
Lillian Moller keine Überzeugungskraft, wenn sie schreibt, daß man
verschwommene unentschlossene Denkarten weit von sich zu weisen habe. Das
In-den-Tag-Hineinträumen helfe niemandem und sei daher als eine im Grunde
störende Kraft im Menschen anzusehen70. Damit aber wären Bereiche wie die
künstlerische Verarbeitung der Welt oder gesellschaftlich machtlose Gruppen wie
Kinder, Künstler oder Melancholiker, bei denen die Innenschau und das
vermeintliche Nichtstun zum kreativen Prozess gehört, von vornherein
disqualifiziert.
Als Frank Gilbreth im Juni 1924 starb, intensivierte Lillian Moller Gilbreth die
Arbeit an ihrer eigenen Karriere. Bereits vier Wochen nach dem Tod ihres
Mannes reiste sie als dessen Stellvertreterin zum ersten internationalen Kongress
für Arbeitswissenschaft nach Prag. Aus den Briefen geht hervor, dass sich Lillian
Gilbreth und Irene Witte, die sich dort als Berichterstatterin für die
„Betriebswirtschaftliche Rundschau“ aufhielt, hier zum ersten Mal begegneten. In
der Dezember-Ausgabe der "Betriebswirtschaftliche(n) Rundschau" von 1924
entwarf Irene Witte ein „Lebens- und Charakterbild“ von Frank Gilbreth71 und
stellte Lillian Gilbreth womöglich erstmalig nicht nur als Ehefrau, sondern auch
als Wissenschaftlerin heraus. Witte ging in diesem Artikel sogar noch einen
Schritt weiter. Sie korrigierte die verbreitete Annahme, die Bücher der Gilbreths
seien stets von beiden geschrieben worden72.
Aus dem Briefwechsel zwischen Frank Gilbreth und Witte geht hervor, wie
widersprüchlich Gilbreth die Frage der Autorschaft handhabte. Die
Autorenangabe zumindest der deutschen Übersetzungen wurde offenbar nach
Frank Gilbreths Vorgaben entschieden. 1922 z.B. erschien Lillian Gilbreths
Dissertation „Psychology of Management“73 in deutscher Übersetzung74 als Buch
der Autoren Frank und Lillian Gilbreth. Gilbreth schrieb 1920 dazu an Witte:
70 L. Gilbreth 1925b, 58. Zum Verschwinden Müßiggangs vgl. a. Rabinbach 1992.
71 Vgl. Witte 1924c, 205-206.
72 Vgl. auch Moore Trescott 1983.
73 Lillian M. Gilbreth, The psychology of management: The function of the mind in determining,
teaching and installing methods of least waste, New York 1914.
74 Gilbreth, Frank Bunker / Gilbreth, Lillian Moller (1922),
Verwaltungspsychologie,
31
„I am sending you under separate cover today Mrs. Gilbreth’s book ‘Psychology of
Management’. I would suggest that if you translate any books having but one of our names on the
title page, that you put both our names on the title page for the reason that it is a fact that we are
working together so closely on manuscripts that it is impossible to tell which one of us writes a
book, and therefore, I would like to see my name on ‘Psychology of Management’ and Mrs.
Gilbreth’s name on ‘Motion Sudy’ and on ‘Bricklaying System’. We prefer to use the initials of
L.M. only, instead of Lillian M., as most people cannot realize that a woman can understand the
principles of management...“ 75
Ein Jahr später gestand Gilbreth, dessen Briefe an seine Frau meist mit „dear
boss“ beginnen, daß Lillian im Grunde die Autorin aller Gilbreth- Publikationen
sei. Er verlangte nun mit großer Eindringlichkeit, nicht als Verfasser von „Psych.
of M.“ genannt zu werden:
„It certainly will make me ridiculous.....when she (Lillian Gilbreth, R.P.) is the one who really
does the writing, and for fear that you did not receive my instructions, I am saying again that I
advise having my name left off the „Psychology of Management“ and both our names included in
„Motion Study“.76
Diese widersprüchlichen Angaben müssen sowohl bei Irene Witte als auch beim
Verein Deutscher Ingenieure, für den Irene Witte derzeit arbeitete, zu einiger
Verwirrung geführt haben. Im März 1922 stand dann fest, daß „Psych. of M.“ als
das Werk beider Gilbreths angekündigt würde. Zufrieden schrieb Gilbreth an
seine Frau:
„[...]This morning she (Irene Witte, R.P.) brought me a new copy of P.of M. and I found that it
had my name in it and I pitched into her about it and she said that when we told her to use both
names that the advertising was sent out on that basis and that it could not be changed later, but I
think the real reason was that two names were better than one as the VDI considers and advertises
that all books are both Gilbreths- so now I think we better adopt that policy in all translations of all
books in all countries [...].“77
Nach dem Tod Gilbreths im Juni 1924 veröffentlichte Lillian Moller eine Schrift
über ihren verstorbenen Ehemann. Witte schrieb dazu eine „kritische Würdigung“,
inklusive einer vollständigen Auflistung aller Publikationen des Ehepaares
Berechtigte Übertragung ins Deutsche von Irene Witte, Berlin.
75 FBG an IW, 25.2.1920, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
76 FBG an IW, 12.1.1921, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
77 FBG an LMG, 1.3.22, The Frank and Lillian Papers, Purdue University Special Collections, box
7, series 2, 1921, Feb. 28 - Aug. 3.
32
Gilbreth. Dabei nannte Witte als Autorin der englischen und deutschen Version
von „Psychology of Management“ allein Lillian Moller Gilbreth78. Es ist
anzunehmen, daß sie auf diese Weise in eigener Verantwortung den
Publikationsmodus des Verlages korrigierte und die Urheberschaft der bis dahin
von ihrem Gatten vereinnahmten intellektuellen Leistung Lillian Gilbreths
klarstellen wollte. Auch in ihrem Beitrag für das von Fritz Giese herausgegebene
Handwörterbuch der Arbeitswissenschaft von 1930, nannte Witte „Psychology of
Management“, sechs Jahre nach dem Tod Frank Gilbreths, eindeutig als die
Dissertationsschrift seiner Frau Lillian79.
Die lebenslange Beziehung zwischen Lillian Gilbreth und Irene Witte war von
Wertschätzung geprägt.80 Beide waren bemüht, sich gegenseitig zu stützen. Für
die Zeit zwischen 1938 und 1945 ist jedoch keine Korrespondenz überliefert.
Nach Kriegsende 1945 nahm Irene Witte die Verbindung zu Lillian Gilbreth
wieder auf. Wie einschneidend sich die Situation für Irene Witte in Deutschland
verändert hatte, zeigt ein Ereignis von 1956. Am 12. Mai wurde Lillian Gilbreth
in Berlin anläßlich der Hundert-Jahrfeier des Vereins deutscher Ingenieure (VDI)
zum Ehrenmitglied81 ernannt. Irene Witte übernahm die Vorbereitungen dieses
Besuches, stellte die persönlichen Kontakte her, organisierte die
Hotelunterbringung und fungierte als Sekretärin. Gleichzeitig war sie offenbar
nicht sicher, ob sie selbst an der Festveranstaltung würde teilnehmen dürfen: „Ich
will sehen“, schrieb sie in einem Brief, „daß ich an dem Tag mit ihr komme, um
sie Ihrem Wunsch entsprechend in der ersten Reihe unterzubringen. Ich werde
doch keine Schwierigkeiten haben, ohne Eintrittskarte hereinzukommen?“82
78 Vgl. Witte 1925a, 83.
79 Vgl. Witte 1930g, 2262.
80 Nach Lillians Tod 1972 schrieb Witte: „Glücklich muß ich mich schätzen, daß diese Frau nicht
nur meine Lehrerin war, der ich alles, was ich im Leben erreichte, verdanke – ihr und ihrem Mann
Frank B. Gilbreth –, sondern daß sie darüber hinaus meine beste Freundin wurde.“ (Witte 1972b,
58).
81 VDI- Archiv Düsseldorf, ich danke Frau Heine für die Zusendung einer Kopie der Urkunde,
6.12.1999.
82 IW an Dr. Haßler, 30.4.1956, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
33
Dieses scheinbar nebensächliche Beispiel zeigt den unterschiedlichen
gesellschaftlichen Status der beiden Frauen: Lillian Gilbreth war als Amerikanerin
Staatsangehörige einer Siegermacht, die zum politisch-wirtschaftlich-kulturellen
Orientierungsmodell der neuen Bundesrepublik wurde. Als Ingenieurin und
zwölffache Mutter wurde sie allseits geschätzt und verehrt. Darüber hinaus war
sie als Romanfigur83 weltberühmt geworden. Letztlich aber verdankte sich der
solide Erfolg Lillian Gilbreths trotz der erheblichen eigenen Leistungen dem
Namen ihres verstorbenen und mittlerweile legendären Mannes und ihrer Rolle als
dessen Witwe. Diesen Umstand bezeichnete Margot Fuchs als „borrowed
identity“84. Witte agierte demgegenüber gesellschaftlich weitgehend ungeschützt.
In einem Land, in dem es noch 1963 keine Vereinigung für weibliche Ingenieure
gab85, und in dem Frauenerwerbsarbeit zwar alltäglich, aber nicht hoffähig war,
kam sie als Nichtstudierte und ledige Frau für öffentliche Ehrungen nicht in Frage.
Witte soll im Stillen erwartet haben, daß anläßlich der Feier zum hundertsten
Geburtstag von Frank Gilbreth 1968 in New York auch ihre Leistung für das
Bekanntwerden Gilbreths öffentlich geehrt würde. Sie wurde in dieser Erwartung
jedoch enttäuscht.86
83 Zwei der 12 Kinder des Ehepaares Gilbreth, Frank B. Gilbreth Jr. und Ernestine Gilbreth-Carey
hatten 1949 die Geschichte der Familie zu Papier gebracht unter dem Titel „Cheaper by the
Dozen“, deutsch „Im Dutzend billiger“. Darin beschreiben sie Gilbreths Versuche, die
Kindererziehung nach den Grundsätzen Wissenschaftlichen Betriebsführung zu rationalisieren.
Witte verhandelte 1949 mit dem Piper-Verlag Mnchen wegen der deutschen Übersetzung. Das
Buch wurde auch in seiner Verfilmung ein Welterfolg. Hierzu vgl. auch Tilla Siegel 1993.
84 Vgl. Fuchs 1997: 59.
85 Vgl. den Brief des VDI-Mitglieds Ilse Knott-Ter Meer an IW vom 23.4.1963: „Es gibt bei uns in
Deutschland vorläufig keine eigentliche Vereinigung von Ingenieurinnen. (...) Im VDI selbst
werden so ungefähr 20-30 Ingenieurinnen als Mitglieder registriert sein.“ Nachlaß Witte, LTA
Mannheim.
86 Interview mit Ursulina Schüler-Witte, 29.1.2001.
34
2.3. Der Club der „Besten Schwestern“
Irene Witte hatte sich um 1930 als Fachschriftstellerin und Organisatorin aus
eigener Kraft einen angesehenen gesellschaftlichen Status erarbeitet. Sie ließ sich
sogar – wie eine Reihe anderer Stadtberühmtheiten - im Atelier von Lotte Jacobi
photographieren.87 Ihr Porträt erschien im November 1929 auf dem Titelblatt von
„Die schaffende Frau“ und als Kalenderblatt von Spemanns Frauen-Kalender im
Januar 1931. Vor allem aber war sie Mitglied des Soroptimist-Clubs Berlin, einem
internationalen exclusiven Club berufstätiger Frauen geworden. Die „sorores
optimae“ oder „besten Schwestern“ ist eine 1921 in den USA gegründete
Vereinigung, die heute noch existiert und als Pendant zum Rotarier-Club der
Männer verstanden werden kann. Er versteht sich als Verteidiger der
Menschenrechte und arbeitet insbesondere für die Verbesserung der
gesellschaftlichen Stellung der Frau. Ende der 20er Jahre stand offenbar vor allem
die internationale Friedensarbeit in Form von Vortragsveranstaltungen im
Vordergrund. Witte gehörte als erster ‚secretary‘ zum Vereinsvorstand. Die
Mitgliederliste verzeichnete eine Reihe von Berliner Stadtberühmheiten, u.a. die
Schriftstellerin und Gerichtsreporterin Gabriele Tergit, die in einem Artikel des
„Berliner Tageblatt“ von dem emanzipatorischen Aufbruch des Clubs berichtete88;
87 Lillian Gilbreth beklagte 1934 in einem Brief, daß in der Ausstellung der Malerin Annot
(ebenfalls Mitglied des Soroptimist-Clubs) in New York kein Porträt von Irene Witte dabei sei. Sie
zitiert die Malerin mit den Worten, Witte habe für solche Sachen keine Zeit. Vgl. LMG an IW, 20.
2. 1934, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
88 „Die sorores optimae, der soroptimist, der Klub berufstätiger Frauen, hatte zu einem Tee
geladen zum Empfang von Madame de Noel, der berühmten Schönheitsoperateurin aus Paris, die
sich selber die Mutter aller dieser Vereine berufstätiger Frauen nennt. Es waren etwa 200 Frauen
und dazu 50 Männer da, und man hat sich großartig amüsiert, wahrscheinlich besonders gut, wenn
man eine Frau war, denn dann ging einem das Herz auf, was das für ein Staat ist mit den modernen
Frauen. Wie hübsch sie sind, wie elegant und wie gescheit, und wenn sie gar nicht hübsch sind,
dann sind sie immer noch hübsch, weil sie so gescheit aussehen, und wenn sie gar nicht elegant
aussehen, dann sind sie immer noch elegant, weil sie sicher sind in ihrem Auftreten, befriedigt von
Tätigkeit und Arbeit, oder befriedigt vom Suchen und Streben und Weiterwollen oder befriedigt
vom Sichquälen. Wenn man denkt, wie solch ein Club vor 20 Jahren ausgesehen hätte. O Gott,
wieviel Protest und wie viel innere Unsicherheit und wie viel Krampf und wie viel Gemöchte. [...]
Das ist es, das ist der Unterschied. Die Freundschaft der Frauen untereinander gehört heute zu den
besten Erlebnissen wie die Freundschaft der Männer ja immer schon einging in die Geschichte und
Literaturgeschichte. Die elegante Frau dort oben kennt keine Rivalitätsgefühle. Sie liebt die Frau,
weil sie ist wie sie selber, weil sie kennt und versteht die enttäuschte Liebe, das geplagte Herz, die
Konflikte als Tochter, als Schwiegermutter, als Frau, als Mutter und als Geliebte. Oft gab es Zeiten
35
die Schauspielerin Tilla Durieux, die mit mit dem Kunsthändler und Verleger
Paul Cassirer verheiratet war, die Malerin Annot89, die eine Nichte Adolph
Menzels war und die bekannte Photographin Lotte Jacobi sowie einige Ärztinnen,
Juristinnen, Studienrätinnen. Obwohl Berlin in den 20er Jahren neben New York
als „Zirkulationsmetropole der westlichen Welt“90 galt, waren Vereinigungen mit
einer internationalen Ausrichtung auch nach 1929 keineswegs selbstverständlich.
Die Kriegsschuldzuweisung der Alliierten an Deutschland und die von deutscher
Seite strikte Zurückweisung der alleinigen Kriegsschuld erschwerten auch auf der
Ebene von Frauenverbänden eine internationale Zusammenarbeit91. Als Deutsche
mit amerikanischer Prägung nahm es Irene Witte in diesen Dingen sehr genau. Als
eine nach Leistung und nicht nach Staatszugehörigkeit messende Organisatorin
und schreibende Vermittlerin zwischen den Kulturen war sie einerseits bemüht,
den Blick zu öffnen, andererseits verlangte sie Vorurteilslosigkeit auch gegenüber
den Deutschen. Bereits 1924 hatte sie in einem Zeitungsartikel das Ausgrenzen
deutscher Teilnehmer auf dem ersten arbeitswissenschaftlichen Kongreß in Prag
kritisiert, denn schließlich habe man gerade in Deutschland auf dem Gebiet der
Arbeitswissenschaft „Bedeutendes“ hervorgebracht92.
hoher Frauenkultur an den Renaissancehöfen, im Paris der Ninon und der Madame de Sévigné, im
Paris der Revolution und im Berlin der Romantik, aber das gab es kaum, dass genau wie bei den
Männern die Fünfundvierzigjährige nicht mehr zurücksteht hinter der Zwanzigerin.
[...]Die Männer sind die gleichen geblieben, haben Konflikte, Gefahren und Ängste und Arbeit, sie
legen Grundsteine, eröffnen Ausstellungen, machen Transaktionen, Pleite und gewaltige
Erfindungen, geändert hat sich überall in allen Ländern der Menschheit anderer Teil, die Frau.“
Gabriele Tergit, Sorores Optimae, Berliner Tageblatt, 22.1.1930. Nachdruck in Der Tag, 3.4.1960.
Ich danke dem Gabriele-Tergit-Herausgeber Jens Brüning für die Bereitstellung des Artikels und
der Mitgliederliste von 1932.
89 Annot ( Anna Ottonie Jacobi, geb, Krigar-Menzel), geboren am 27.12.1894 in Berlin, Studium
bei Lovis Corinth, 1920 Gründungsmitglied der deutschen Liga für Menschenrechte und der
deutschen Sektion der Frauenliga für Frieden und Freiheit. 1921 Heirat mit dem Maler Rudolf
Jacobi. Ab 1928 Malschule Annot in Berlin, 1933 Schließung der Malschule, Emigration nach
New York. 1967 Rückkehr nach Deutschland, starb 1981 in München. Vgl. auch Petra Bock/Katja
Koblitz (Hrsg.), Neue Frauen zwischen den Zeiten, Berlin 1995, 182.
90 Vgl. Anselm 1987, 253.
91 Eine ähnliche Problematik beschreibt z.B. Irene Stoehr im Hinblick auf den 1923 gegründeten
Allgemeinen Deutschen Frauenverein. Vgl Stoehr 1990, 125ff.
92 Vgl. Witte 1924a, 295.
36
Als Mitglied dieses Clubs gehörte Witte zu den wenigen Frauen des
Bürgertums, für die die Ausübung eines Berufs zum Selbstverständnis der Frau
gehörte, obwohl sie sich – und darin unterschied sie sich wahrscheinlich von den
meisten der Clubmitglieder - ihr berufliches Wissen wohl eher auf
autodidaktischem Weg erarbeitet hatte.
2.4. Russ Allen
Die früheste Einschätzung der Begabung, des Wissens und der Professionalität
Irene Wittes stammt von Russ Allen. Er hatte als Gilbreths Schüler und
Mitarbeiter diesen 1914 nach Deutschland begleitet und Irene Witte in der
Auergesellschaft kennengelernt. Im Nachlaß Witte ist ein Zeugnis erhalten, das
Allen im Juni 1915 ausstellte, um Witte bei der Suche nach einer neuen Arbeit zu
unterstützen93. Darin hebt er bereits Wittes Führungsqualitäten hervor, die sie bei
ihrem späteren Einsatz als Warenhaus-Organisatorin erfolgreich zur Geltung
brachte.
1921 schrieb er Witte, sie habe „ an exceptional mind“ 94, und begrüßte es, daß sie
sich mit ihrem Buch „Kritik des Zeitstudienverfahrens“ von Gilbreth emanzipiert
habe: „I used to consider you as a sort of protégé and I am glad I can say you have
succeeded in going ahead of your one-time adviser“95. Irene Witte und Allen
93 Testimony
To whom it may concern.
Miss Irene Witte worked as an assistant in the installing of some features of Scientific
Management and performed her work extraordinarily well and showed throughout her work very
good executive ability. I recommend her to any position requiring intelligence, discretion, and
executive ablility which she considers within her ability.
(signed) R.W.Allen
Berlin, June 12, 1915, Russ Allen an IW, 12.6.1915, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
94 Russ Allen an IW, 4.1.1921, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
95 Russ Allen an IW, 15.3.1921, a.a.O.
37
waren offenbar so gut befreundet, dass Witte ihm gegenüber sogar ihre Zweifel
an Gilbreth96 äußerte und ihr Außenseiterdasein als Mitarbeiterin des VDI
beklagte97. Mit Allen und Dr. Franz Hahn, einem Bruder des Reformpädagogen
Kurt Hahn, gründete sie 1927 die „Beratungsstelle zur Bestgestaltung der Arbeit“.
Es ist zu vermuten, daß dieses Unternehmen allein auf Betreiben Irene Wittes
zustande kam. Bereits 1921 hatte Witte versucht, Allen von den Vorteilen einer
unternehmensberatenden Arbeit in Deutschland zu überzeugen98. 1927 war er auf
diesen Vorschlag eingegangen (siehe Kap. II, 1.1.), und 1932 bezeichnete ihn
Witte als einen der bekanntesten Unternehmensberater Europas99. Allen kehrte in
den dreissiger Jahren in die USA zurück und starb am 6. August 1945 in New
York. Seine Materialsammlung hatte er seiner Freundin und Kollegin Irene Witte
vermacht100.
96 [...] And if Mr. Gilbreth’s Motion Study - as I believe it is - is really the One Best and the most
economical System how is it that it has not have had more success up to now? [...]“ IW an Allen,
17. 2. 1921; und: [...]...for if Gilbreth knew that I entertained even the slightest doubt as to the
absolute leadership of his system, why, I don’t know what he’d be able to do...[...].“ IW an Russ
Allen, 15. 3. 1921, a.a.O.
97 [...] It was a mighty hard job to do all this as a girl in Germany but I am glad I succeeded so
far...[...].“ IW an Russ Allen, 25.1.1921, a.a.O.
98 „[...]You could either enter some sort of a contract with some large industrial concern in
Germany or open some sort of consulting engineers office. Or you could combine both. I’d help
with such an office; I have been thinking of such a plan for a long time......It is true that there is
still some sort of antagonism towards S Mgt. (Scientific Management, R.P.) but this is more or less
confined to the name of Taylor and Gilbreth - to names which mean to the Germans certain well
established program. In one of my last letters I mentioned G’s stay in Berlin. I cannot -as far as I
can see it- do very much in Germany at present, as it is very hard to deal with him and as his price
is extravagant for present German conditions. But I suppose you know that much better than I do!
In connection with my work at the VDI I have received a pretty close and exact knowledge of the
state of affairs in connection to SM and I do not think they are a bit bad. In fact if I were you I’d
know what I’d do![...]“
IW an Russ Allen, 6.11.21 (?) handschr., Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
99 „....Russ is very busy...he is one of the best known Consulting Engineers in Germany at
present.“ IW an LMG, 2.6.1932, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
Vgl. auch Fortschrittliche Betriebsführung, 21. Jg, Heft 2,3,4, 1972 und 22. Jg., Heft 1, 2, 1973.
100 Irene Witte, Alles schon dagewesen, ebd., 21. Jg., Heft 4, 1972, 213.
38
3. Die sesshaften Jahre
3.1. Die persönliche Situation um 1933 und 1945
Irene Witte war vermutlich keine prinzipielle Gegnerin des NS-Staates. Sie blieb
nach der Machtbübernahme in Berlin und arbeitete an der Fortsetzung ihrer
Karriere offenbar bruchlos weiter. 1933 kaufte sie das Haus des Diplom-
Ingenieurs Waldemar Klebansky in der Schwatlostrasse 7 in Berlin-Lichterfelde.
Es ist wahrscheinlich, daß Klebansky jüdischer Herkunft war, denn es scheint, daß
er sein Haus nicht ganz freiwillig hergab. Das Haus war erst seit 1928 im Besitz
der Familie Klebansky und hatte damals einen Kaufwert von 12.000
Feingoldmark101. In einem notariellen Vertrag von 1933 wird der Verkauf des
Hauses an Irene Witte, wohnhaft in Berlin-Wilmersdorf, Geisenheimer Strasse 33,
bestätigt. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt im Kaufhaus Israel als Organisatorin
arbeitete, wird sie im Vertrag als Schriftstellerin angeführt. Klebansky versuchte
offenbar, seine Einwilligung nach dem Verkauf wieder rückgängig zu machen und
erwirkte eine „Auflassungvormerkung“ auf das Grundstück. Am 4. 12. 1934 wird
Witte jedoch endgültig als Eigentümerin registriert und der Wert des Hauses auf
500 Reichsmark festgesetzt. Ein kleines undatiertes Blatt vermerkt zu Lasten von
Klebanksy Schulden von 1,08 RM. In einer Bleistiftnotiz heißt es, der
„Schuldige“ sei ins Ausland gegangen102. Der Schluß liegt nahe, daß Irene Witte
mit diesem Kauf von der „Arisierung“103 profitierte.
Es gibt keine Aussagen über Irene Wittes Reaktion auf die Machtübergabe an
Hitler. Die im Nachlaß überlieferte Korrespondenz weist jedoch für die Jahre von
1933 bis 1945 auffallend große Lücken auf. Da ein Großteil der Korrespondenz
aus den 20er Jahren den Krieg überdauert hat, ist davon auszugehen, daß nicht nur
die Korrespondenz mit Lellek vernichtet worden ist, sondern auch viele andere
Briefe.
101 Amtsgericht Schöneberg (Lichterfelde), Grundbuchakte Blatt 6945, Bd. 1.
102 Ebd.
39
Irene Witte war in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem die Gesinnung des
Vaters aus einer Mischung von nationalem Pathos und Judenfeindschaft
bestand104. Es gibt Hinweise, daß auch Irene Witte dieser im deutschen
Bildungsbürgertum weit verbreiteten Stereotype anhing. So schrieb sie 1921 an
Frank Gilbreth:
„Regarding Dr. Alexander Katz: I am enclosing translation of his last letters. I think it is
perfectly ridiculous that you are to pay for the option. (...) I am sorry I could not fix this matter
more satisfactorily, but he is very stubborn which is nevertheless very natural considering that he
belongs to a race that considers their own profit and money-making as the very first essential in
life.“105
Ihr langjähriger Freund und spätere Ehemann Rudolf Lellek beantragte 1939 die
Mitgliedschaft in der NSDAP, wurde aber als Mitglied einer Freimaurerloge
abgelehnt106.
Es ist nichts bekannt über Wittes Haltung zum Verschwinden von Mitgliedern des
Soroptimisten-Clubs, zu dessen Vereinsvorstand sie bei der Gründung 1929
gehört hatte. Eine beträchtliche Anzahl der Mitglieder waren deutsch-jüdisch.
Ihnen war es nach Einführung des Gesetzes zur Wiedereinführung des
Berufsbeamtentums 1933 bzw. spätestens nach den Nürnberger Gesetzen von
1935 untersagt, ihre Berufe weiter auszuüben107. Bekannt ist allerdings, daß Witte
bis 1935 ganztägig und bis 1938 sporadisch im Kaufhaus Israel arbeitete. Aus
Briefen an Lillian Gilbreth108 und Russ Allen geht hervor, dass sie Hilfe zur
Emigration leistete.109 Noch 1936 ist es für Witte möglich, beides zu denken: daß
sie in einem Land lebte, in dem die Ausreisebestimmungen für Emigranten
103 Vgl. Kap. II, 3.1.
104 Vgl. oben Abschn. .
105 IW an FBG, 14. 4. 1921, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
106 Aufnahmeantrag von Rudolf Lellek vom 15.7.1939, BA (ehem. BDC), NSDAP-
Mitgliederkartei; Ablehnungsbescheid des Kreisgerichts Mährisch-Ostrau vom 18. 11.1939, BA
(ehem. BDC), Sammlung Parteikorrespondenz.
107 Vgl. Hertha von Gebhardt o.J., 11.
108 „[...]This letter is to introduce to you Frau Annot, an artist, perhaps the best paintress we have
in Germany. (...) Frau Annot is the greatniece of the celebrated painter Menzel[...]“, Nachlaß
Witte, LTA Mannheim. – IW an Lillian Moller Gilbreth, 3.1.1934, Nachlaß Witte, LTA
Mannheim.
109 „[...]Schon lange schickte ich Dir keine Menschen mehr, da ich weiß, daß Du nicht allen, die
rüberkommen, helfen kannst. Heute aber möchte ich Dir Fräulein Dr. Else Herzberg empfehlen.
[Sie] war die erste Instrukteurin bei Leonhard Tietz in Köln[...].“ IW an Russ Allen, 9.3.1937,
a.a.O.
40
schwieriger geworden waren, und daß sie es trotzdem wünschenswert fand,
Allen zu einer Rückkehr nach Deutschland zu bewegen:
„[...] Wenn es Dir gelänge, in Europa festen Fuss zu fassen, so wirst Du Dich - glaube ich -
bestimmt wohler und zufriedener fühlen als in Amerika, da im Großen und Ganzen hier auf
unserem Gebiet noch viel mehr zu tun ist als bei Euch drüben (...) wir müssten doch alle trachten,
mal das richtige internationale Institut für unsere Arbeit zu gründen, denn was wir jetzt tun, ist im
Grunde nur, in einigen wenigen Fällen Arbeit ein wenig zu verbessern (...) Wegen der Affidavit -
Angelegenheit wird sich Herbert (sicherlich Herbert Israel, R.P.) mit Agnes in Verbindung setzen.
Die Sache ist in letzter Zeit sehr, sehr verschärft worden und man gibt weniger etwas auf eine noch
so feste Stellung als auf ein bestimmtes Mindestvermögen[...]“110.
Die Korrespondenz Irene Wittes beantwortet die Frage nicht, ob sie zu der Gruppe
von leitenden Angestellten des Hauses Israel gehörte, die zwei Tage vor dem
reichsweiten Boykott jüdischer Unternehmen am 1. April 1933 von der SA
verhaftet wurde111. Es ist jedoch davon auszugehen, daß Irene Witte die
Boykottdemonstrationen von SA-Leuten vor dem Kaufhaus Israel sowie die
Terroraktionen gegen jüdische Unternehmen während des 1. April 1933112
miterlebte.
Die Kriegsjahre verbrachte Witte in ihrem neu erworbenen Haus in Berlin, das
offenbar die Bombardierungen überstand. Nur in einigen Briefen an Lillian Moller
Gilbreth, mit der sie ab 1945 die Korrespondenz wieder aufnahm, beschreibt sie
die Situation in Berlin am Ende des Krieges und die allgemeine Erleichterung
über das Ende der Naziherrschaft113. Nebenbei erwähnt sie, daß sie noch immer
110 IW an Russ Allen, 28. 3. 1936, Nachlaß Witte, a.a.O.
111 Vgl. Reissner 1998, 243.
112 Zu den Boykottmaßnahmen und Terroraktionen vgl. u.a. Uhlig 1956, 77ff; Ladwig-Winters
1997a, 117f, 1997b, 87f; Lenz 1995, 169ff.
113 „In spite of the very tragic circumstances of life over here at present, I am feeling glad that the
war is over, and that the Nazi time is over, it was inhuman not to be able to utter your thoughts,
and to be suspicious of everything and everybody. Berlin is one immense ruin. N.J.’s department
store is burnt down. All stores except one small store of Tietz are ruins, also the Wertheim and the
large Karstadt buildings... Nothing is standing.[...] My little home was wrecked in a night air
raid...but somehow or other I seemed to have had good luck. I always managed to escape the
burning or smashed houses in the last second.[...] It was much harder for me to lose my mother
and one of my brothers during the war- and it is depressing to live in a city that is ruined to an
extent unbelievable. It is all the same if you mention Leipziger Strasse in the centre of Berlin, or
Kurfürstendamm in the west of Berlin, or Frankfurter Allee in the east of Berlin, or th suburbs, as
for instance Lankwitz or Lichterfelde,-- in these streets as in ever so many others you hardly find
one house standing and in these suburbs as well as in many others there are parts where everything
is gone, even the trees and the shrubs.[...] My belief in the eventual good will of mankind in the
long run, and my optimism is in spite of all not to be broken. I hope to be able to help at
reconstruction work some day, and I even see in my mind a new Berlin rising out of the ruins, and
41
für „Hertie“ arbeite und sich nun – nachdem das Land in Trümmern liege – mit
dem Gedanken trage, eine Zeitschrift herauszugeben, die sich den Fragen des
"Wiederaufbaus" widme, ein Plan, den sie allerdings nie verwirklichte114.
3.2. Das Alter
Irene Witte lebte von 1933 bis zu ihrem Tod 1976 in Berlin-Lichterfelde. Ihre
zahlreichen Veröffentlichungen nach 1945 lassen darauf schliessen, dass ihr
Wunsch in Erfüllung ging und sie in der Hauptsache am Schreibtisch arbeitete. Da
sie nicht gern allein lebte, nahm sie nach dem Tod Rudolf Lelleks 1962 ihre
Jugendfreundin Edith Hühner in ihrem Haus auf. Wahrscheinlich ist es ihren
betriebswirtschaftlichen Kenntnissen, vielleicht auch der Rente ihres verstorbenen
Mannes zu danken, daß sie im Alter ausreichend versorgt war. Es ist auch zu
vermuten, dass sie die Abfindungssumme von 250.000 DM, die sie 1953 von der
Betriebswirtschaftlichen Beratungsstelle in Köln erhielt, zu vermehren wußte.
1966 erweiterte sie ihr Grundstück115. Als Irene Witte Anfang der 70er Jahre
erkrankte, führte Edith Hühner die Verhandlungen mit den Nachlaß-Erben an der
a people living in this city, in fact in Germany, happy, content, and out of the claws of a system
that was truly diabolic.“ IW an LMG, 8.8.1945, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
und:
„You see, at present the question in Germany is much the same as during the war; it is boiled
down to its very last sense, a question of surviving or surrendering to the conditions. [...]I compare
our present situation with that of a year ago, when we were all prepared to be killed the very next
minute under most terrible circumstances (I think most of us living in cities that were continuously
bombed as for instance Berlin, carried along with them sort of a very active poison....) it is
incomparably better now with no air raids, with no shooting and fighting going on - I am more
thankful than I can express it that all this has stopped.
IW an LMG, 14. 4. 1946, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
114 „I am enclosing two copies of a report covering a schedule and plan of a very special kind of
magazine I have the intention to publish in Germany. (...) The idea of mine to publish a magazine
serving the cause you and I and all of us have served the largest part of our lives seems to me to be
the way to do my share in the gignatic task of rebuilding this this ruined country and this ruined
continent. Considering the very special conditions over here I am of the opinion that the magazine
„Life and Work“ would gain considerably in value and interest if it would be possible to obtain the
translation rights for some of the articles appearing in an American magazine working along the
same or similar lines. (...) what I am looking for is a magazine showing "it can be done".“114 Und:
„My magazine project has the first place among all my plans as it is so very closely linked to the
cause of management as one of the ways out of Misery for Germany.“ IW an LMG, 21. 1.1947,
Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
115 Amtsgericht Schöneberg (Lichterfelde), Grundbuchakte, Blatt 6950, Bd. 1. Eintragung vom
23.11.1966.
42
Rheinisch-Westfälischen Hochschule (RWTH) in Aachen. In einem Brief an
die Sekretärin des Lehrstuhls für Rationalisierung, Edith Silbernagel, äußert sie
ihre Verwunderung darüber, dass Irene Witte nicht längst eine Ehrenprofessur
erhalten habe. Aber, so stellt sie fest, Witte habe diese Art „Äusserlichkeiten“
stets lachend abgelehnt116.
Irene Witte hatte im Alter „Herzgeschichten“117 und war längere Zeit krank, wohl
auch geistig verwirrt, bevor sie am 4. April 1976 starb. Die Verbindung zur
Familie war offenbar abgebrochen. Als einzige Hinterbliebene unterzeichnete die
Jugendfreundin, „im Namen aller, die sie liebten und verehrten“.
In ihrem handschriftlichen Testament vererbte Witte ihr Haus an Edith Hühner,
der Bruder Victor erhielt 30.000 DM und ihre ehemalige Sekretärin 5000.- DM.
Aus einem Vertrag vom 11. 2. 1982 geht hervor, daß Wittes
Testamentsvollstrecker und Bankkaufmann Dieter Elter118 das Haus von Edith
Hühner später als Schenkung erhielt. Es hatte zu diesem Zeitpunkt einen Wert von
400.000 DM119. Heute steht auf dem Grundstück ein Mietshaus.
4. Der Mann des Lebens: Rudolf Lellek
Es ist auffallend, daß der Nachlaß Irene Wittes umfangreiches Material zur
Wissenschaftlichen Betriebsführung, aber kaum etwas über ihr Privatleben
enthält. Ein nahezu kostbarer Beleg dafür, daß sie einmal verliebt war und
Heiratspläne hatte, ist jener kaum entzifferbare, handschriftliche Brief an Gilbreth
von 1922, in dem sie diesen für ihre Heirat um finanzielle Hilfe bat (siehe
Abschn. 2.1.). Gilbreth brachte es zuvor in einem Schreiben an seine Frau Lillian
Moller auf den hier interessierenden Punkt: „I think Witte has given up all idea of
going to America. I think she is going to marry an engineer and go to Egypt.“120
116 Edith Hühner an Edith Silbernagel, ehem. Sekretärin von Prof. Hackstein, Aachen, 20.10.1974,
Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
117 Interview Peter Obst, 13.12.1999.
118 Elter machte in einem Telephongespräch deutlich, daß er sich nicht über Wittes
Vermögensverhältnisse äußern wolle. Interview vom 30.10.2000.
119 Ebd.
120 FBG an LMG vom 3.3.1922 (Frank & Lillian Papers, box 7, series 2, 1921, Feb. 28 - Aug. 3).
43
Es ist zu vermuten, daß sie diesen Ingenieur in ihrem betrieblichen
Arbeitszusammenhang kennnenlernte. Der Name des Herrn, den Irene Witte unter
günstigeren Umständen gern geheiratet hätte, der aber dann in einem Land fernab
des besiegten Deutschland ohne sie sein Glück suchte, war leider nicht ausfindig
zu machen; und es war auch nicht zu klären, ob diese Beziehung letzten Endes am
Geiz von Frank Gilbreth scheiterte. Nach Aussagen von Ursulina Schüler-Witte
war dieser junge Mann für Irene Witte so wichtig, daß sie ihm zuliebe sogar eine
für sie offenbar uncharakteristische Fürsorglichkeit wie Strümpfestopfen
entwickelte121. Obwohl Witte selbst mehrmals mit dem Gedanken spielte,
Deutschland zu verlassen, folgte sie diesem Mann jedoch nicht nach. Es ist
anzunehmen, daß sie sich vor allem aus Gründen der Verantwortung gegenüber
ihrer Familie, und zwar insbesondere der Mutter, dieses Verlangen verweigerte.
1923 begegnete Witte dann einem anderen Ingenieur, Rudolf Lellek. Er wurde der
Mann ihres Lebens, wenngleich diese Beziehung nicht der gesellschaftlichen
Norm entsprach und von äußeren Komplikationen geprägt war. Dieser Umstand
dürfte Wittes Selbstverständnis als eigenständige berufstätige Frau zusätzlich
herausgefordert haben. Vermutlich fand die erste Begegnung zwischen Irene
Witte und Rudolf Lellek, der damals leitender Hütteningenieur des
Elektrizitätswerks der Eisenwerke von Witkowitz war, 1923 während ihres
Aufenthaltes in Mährisch-Ostrau statt, als „Außendienstverpflichtete“ des Orga-
Instituts Berlin (vgl. Kap. II, 1.1.).
Lellek wurde am 13.4.1886 in Witkowitz geboren. Er trat am 22. Juli 1907 als
technischer Beamter in das Elektrizitätswerk ein und wurde dort am 1.1.1914
Ingenieur-Assistent. Ab dem 1.4.1914 war er in der gleichen Funktion in den
Stahl- und Walzwerkanlagen tätig. Mit Erlaß vom 16. 5. 1917 wurde ihm vom
K.& K. Ministerium für öffentliche Arbeiten der Titel ‘Ingenieur’ zuerkannt. Er
arbeitete sich vom Hüttenverwalter (28.8.1917) über den Hüttenoberverwalter
(11.1.1920) zum Hütteninspektor (10.1.1928) hoch, wurde am 1.9.1935 als
solcher in den Vorstand gewählt und ist schließlich ab 1.9.1940 als
121 Nach einem Telefoninterview mit Ursulina Schüler-Witte vom 20.1.2001.
44
Hüttenoberinspektor registriert. Am 21. Januar 1912 heiratete er Maria Langer
(geb. 1887). 1919 wurde ihm und seiner Frau die Adoption eines Mädchens mit
dem Namen Helene (Schreier) bewilligt122.
Die Intensität der Begegnung mit Lellek war für Witte offenbar mehr als nur die
Kompensation der kurz zuvor gescheiterten Liebe. Sie erwies sich trotz der
großen räumlichen Distanz als sehr dauerhaft. Lellek, der rückblickend als eine
Art Don Juan123 und als "beeindruckende Erscheinung" beschrieben wird124,
mußte Witte auf der Stelle eingenommen haben. Sehr bald nach ihrem Aufenthalt
in Mähren wurde sein Name in einer Anzahl von Einleitungen und Vorworten
dankend erwähnt125. Schon 1925 erschien eine unter seinem Namen
veröffentlichte Übersetzung in Wittes bevorzugtem Springer-Verlag126. Mit dieser
Publikation, deren Entstehungsgeschichte anhand des Briefwechsels zwischen
Witte und dem Verlag rekonstruiert werden kann127, wird deutlich, wie stark sich
Witte für Lellek engagierte. Aus der Personalakte des Eisenwerkes zu Witkowitz
geht hervor, daß Lellek zwar über die nötige Fachkenntnis verfügte, aber es finden
sich keine Hinweise darüber, daß er Englisch gelernt hat oder jemals in Amerika
gewesen war. Auch der gesamte Duktus des Briefwechsels läßt vermuten, daß
Witte das Buch für ihn übersetzte und unter Lelleks Namen herausgeben ließ128.
Warum Witte das Buch für Lellek übersetzte, ist nicht bekannt. Sicher ist aber,
daß Witte und Lellek eine gut funktionierende Arbeitsgemeinschaft waren129. Die
Tatsache, daß Lellek bei ihrer ersten Begegnung in Mährisch-Ostrau bereits
verheiratet war, schien durch die große Entfernung zwischen Mähren und Berlin
und aufgrund der liberalen Umgangsformen im Berlin der 20er Jahre weniger ins
122 Vgl. Personalakte Rudolf Lellek, Archiv der Eisenwerke Witkowitz, Vítkovice, Archiv, Osobní
Listy VHHT, 258).
123 Interview mit Ursulina Schüler-Witte vom 29.1.2001.
124 Interview mit dem Patensohn Irene Wittes, Dr. Ekkehard Weiß, vom 6.2.1999.
125 Vgl. z.B. Witte 1924, 8: „Ganz besonders bin ich aber Herrn Ingenieur Rudolf Lellek aus
Witkowitz für die mir in jedem Stadium der Arbeit durch seine großen Erfahrungen geleistete
Hilfe und für seine tatkräftige Mitarbeit verbunden.“
126 Vgl. Luckiesh 1926.
127 Archiv des Springer-Verlages Heidelberg, Aktenzeichen B: L, 176.
128 Vgl. Luckiesh 1926, IV: „Dieses Buch dem deutschsprechenden Europäer zugänglich zu
machen und dem Industrieingenieur sowie Erbauer von Lichtanlagen ein reichliches
Unterlagenmaterial in die Hand zu geben, war Zweck dieser unter dankenswerter Hilfe von I. M.
Witte, Berlin, entstandenen Arbeit.“
45
Gewicht zu fallen. Elizabeth Young-Bruehl formulierte es im Falle der Berliner
Intellektuellen im Hinblick auf Hannah Arendt so: „ Die Sitten der Berliner
Intellektuellen waren – zum Entsetzen vieler, denen die Hauptstadt als ein
Sündenpfuhl erschien – nicht auf die Institution der Ehe angelegt[...]130.“ Auch
wenn Irene Witte nicht dieser geisteswissenschaftlichen Elite angehörte, so stand
sie doch mitten im Berliner Leben, verkehrte außerhalb ihres
betriebswissenschaftlichen Umfelds in den Kreisen von Presse und Kunst, und
hätte sich eine Einmischung in Privatangelegenheiten verbeten. Die Beziehung
wurde jedenfalls nicht geheim gehalten, denn während der
Übersetzungsvorbereitungen zu "Licht und Arbeit" gingen beide gemeinsam auf
Reisen, und Witte verlangte nicht nur, daß ihr die Druckfahnen an eine Adresse
nachgeschickt werden mögen, die „auch die Adresse des Herrn Lellek sein
wird“131, sondern schickte ein paar Tage später zum Beweis und zur Ansicht eine
fröhliche Postkarte des Seebades Kupari bei Ragusa (Dubrovnik) an den Verlag
hinterher132.
Daß es für Witte auch mit Schwierigkeiten verbunden gewesen sein mußte, mit
einem verheirateten Mann liiert zu sein, läßt sich aus der Tatsache ersehen, daß
Lelleks Name in den Briefen an das Ehepaar Gilbreth nicht erwähnt wurde.
Gelegentlich erschien er dort unter dem Pseudonym "Freund Udo", aber es ist
anzunehmen, daß die Liaison bei der puritanisch-rigiden Selbstgerechtigkeit der
Gilbreths auf wenig Verständnis gestossen wäre. Witte erwähnt – soweit
nachvollziehbar – Lellek explizit als Ehemann erst nach dem Tode von Lelleks
erster Frau133 und in den Briefen nach der tatsächlichen Heirat 1956134. Bei der
Hochzeit war die Braut 61 und der Bräutigam 70 Jahre alt. Viel mehr, als daß
diese Beziehung angesichts der örtlichen Distanz von großer Zugewandtheit und
erstaunlicher Stabilität war und daß eine Heirat in diesem Alter von einiger
Entschlossenheit und Unkonventionalität zeugte, auch wenn es ökonomische
129 1933 veröffentlichten sie gemeinsam ein Buch zum Thema "Technokratie" (Witte / Lellek
1933; vgl. Kapitel III, Abschn. 5).
130 Vgl. Young-Bruehl 1991, 130.
131 Brief IW an Julius Springer vom 4. Mai 1926 (Archiv Springer-Verlag, B: L 176).
132 Postkarte IW an Julius Springer vom 14. Mai 1926 (Archiv Springer-Verlag Heidelberg, B:L,
176).
133 Gespräch mit Ursulina Schüler-Witte vom 29.1.2001.
46
Gründe dafür gegeben haben mag, ist über diese Beziehung nicht zu sagen.
Denn die „Zehntausende“ von Briefen, die angeblich zwischen Berlin und
Mährisch-Ostrau hin und her gesandt worden waren, ließ Irene Witte aus dem
Nachlaß entfernen: „Sie wollte es so.“135
Es ist nicht nachvollziehbar, wann genau Lellek, der bis 1945 in Witkowitz
wohnte, in das Heim Irene Wittes in Berlin-Lichterfelde übersiedelte. Die
Beziehung der beiden fiel jedoch nicht nur wegen der ungewöhnlich späten Heirat
aus dem üblichen Rahmen, sondern auch wegen der ganz offensichtlichen, von
beiden Seiten aufrecht erhaltenen Unabhängigkeit im Handeln. Möglicherweise
war diese Beziehung ein Beispiel des viel diskutierten, aus Amerika stammenden
Modells der Kameradschaftsehe136. Für Wittes selbstbewußtes Auftreten in der
Öffentlichkeit spricht die Tatsache, daß Witte nach der Heirat137 ihren
Mädchennamen beibehielt, was aufgrund ihres Alters und der unter ihrem
Mädchennamen erschienenen Bücher verständlich sein mag. Witte benutzte ihren
Doppelnamen wohl nur bei behördlichen Angelegenheiten: „I only use the name
Witte-Lellek where it is necessary“138. Erst in ihrem 1974 verfassten
handschriftlichen Testatment unterzeichnet sie als Irene Lellek, geb. Witte139. Der
Tod Rudolf Lelleks 1962 nach nur sechs Ehejahren, so ist zumindest aus Briefen
an Lillian Gilbreth zu schließen – war für Irene Witte äußerst schmerzlich. Sie
überlebte ihn um 16 Jahre.
134 Standesamt Berlin-Steglitz, 15. Juni 1956 (Reg.-Nr. 503/1956).
135 Telefongespräch mit Irene Wittes Testamentsvollstrecker, dem Bankkaufmann Dieter E. Elter
vom 30.10.2000.
136 Vgl. hierzu Reese 1993, 58ff. In der Todesanzeige spricht Witte von ihrem verstorbenen Mann
dann auch als „Lebenskamerad“.
137 Witte hatte sich schon 1929 eingehend – wie die Nachlaßunterlagen zeigen – mit diesem
Problem auseinandergesetzt und eine von Franziska Baumgarten zu dieser Frage ausgelöste
Debatte als Zeitungskopie aufbewahrt. Vgl. Baumgarten 1929. Unter anderem unterstützte ein
Herr mit Namen „E. Bloch“ Baumgartens Befürwortung der Beibehaltung des Mädchennamens
nach einer Heirat. Vgl. Bloch 1929 (auch als Kopie im Nachlaß Witte, LTA Mannheim).
138 IW an LMG vom 8.6.1963 (Nachlaß Witte, LTA Mannheim)
139 Amtsgericht Schöneberg (Lichterfelde), Grundbuchakte, Bd. 1, Blatt 6950.
47
5. Resümee
Irene Witte brachte es als schreibende Büroangestellte mit
Fremdsprachenkenntnissen ohne akademische Ausbildung zur polyglotten
Betriebswirtin und Unternehmensberaterin von Rang. Das Urteil der Zeitzeugen
über sie ist vielschichtig: sie wurde als „sparsam“, „geizig“ und „dominant“
bezeichnet140, aber auch als „weltläufig“ und „professoral“141. Alle Zeitzeugen
waren darin einer Meinung, daß Witte sich durch schwierige Zeiten zu „schlagen“
wußte142 und in ihrem Beruf „Sendungsbewußtsein“ ausstrahlte. Offenbar war sie
dabei offenbar so erfolgreich, daß sich einige fragten, „ob sie überhaupt einen
Mann brauchte“143. Aber allein die langwährende Beziehung zu Rudolf Lellek
bestätigt, daß es ihr bei allem positiven Selbstverständnis als berufstätige Frau
wichtig war, „von männlicher Seite Bewunderung zu bekommen“144.
Die Leidenschaft für eine höchstmögliche ökonomische Organisation von Arbeit
und Leben ging sicherlich auf die anfangs beschriebene Erfahrung einer unsteten
und existentiell gefährdeten Jugend zurück. Während der Vater Emil Witte sich
jedoch mit seinen Schriften in die Zonen vaterländischer Propaganda verirrt hatte,
wußte die Tochter ihre Begabung fürs Schreiben und Organisieren in die Bahnen
der „nützlichen“ Dinge zu lenken (vgl. Kap. II). Sie wußte auch, die
Notwendigkeit, Geld zu verdienen, mit dem Dokumentieren von Wissen und
Erfahrung zu verbinden (vgl. Kap. III). Diese Fähigkeit hätte jedoch nicht ohne
Leistungsehrgeiz zum Erfolg geführt, einschließlich der Akribie, die bei der
Organisation von Großbetrieben erforderlich ist. Dieser Ehrgeiz sicherte ihre
Existenz. Er verhinderte allerdings auch die Umsetzung zweier Wunschvorhaben,
140 Gespräch mit der Architektin Ursulina Schüler-Witte, eine Nichte Irene Wittes und Tochter des
Bruders Franz Witte, 29. 1. 2001.
141 So Georg Bätzner, Senior-Chef des Hotels Sommerberg in Bad Wildbad im Schwarzwald, in
dem Witte Anfang der 50er Jahre Seminare für Führungskräfte des Textileinzelhandels
durchführte. Gespräch vom 28. 4. 1998.
142 Gespräch mit Wilhelm Kranich, ehem. Prokurist und Abteilungsleiter des Verlages der
Betriebswirtschaftlichen Beratungsstelle der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels
Köln, 14.6.1999.
143 Gespräch mit dem Patensohn Wittes, Dr. Ekkehard Weiß, München, 6.2. 1999.
48
die allein mit wissenschaftlicher und praktischer Gründlichkeit nicht zu haben
waren: eine Autobiographie zu schreiben, welche die Rekonstruktion ihres Lebens
wesentlich erleichtert hätte, und – wie die Nichte zu berichten weiß - so etwas
„wie die Sicherheitsnadel“ zu erfinden145.
144 Wie Anm. 1.
145 „„Sie wollte immer eine spezielle Kasse erfinden, die alles gleichzeitig machte, und wollte
immer etwas erfinden, wie die Sicherheitsnadel...“ Interview Ursulina Schüler-Witte vom
29.1.2001.
49
II Berufliche Tätigkeiten, Erfolge und Kontroversen
1. Rationaliserungsexpertin für die Industrie
1.1. „Bestgestaltung“ für die Auergesellschaft, den Verein deutscher Ingenieure,
das Orga-Institut und eine Beratungsfirma
Die Beratungstätigkeit von Frank Gilbreth in der Auergesellschaft von 1914-1915
galt vor allem dem Erkennen und Bekämpfen von Verlustquellen sowie der
allgemeinen Verschwendung im Betrieb. Dazu empfahl er u.a. die schriftliche
Fixierung aller Arbeitsanweisungen, das sogenannte "Formularwesen"1, um damit
im Gegensatz zu den üblichen undurchsichtigen Verordnungen "von oben" eine
transparente Betriebsstruktur zu schaffen. Eine Novität dürfte allerdings die damit
einhergehende Papierflut gewesen sein. Witte spricht von 1300 Seiten
Einführungstext allein für das Projekt in Berlin2. Außerdem erhielten die
Angestellten zur Vereinfachung anstelle ihres Namens Nummern, die mit dem
Buchstaben G (für "Gilbreth") begannen. Gilbreth war G 7 und Irene Witte G 35.
Zusätzlich wurde die Kleidung weiblicher Angestellter vereinheitlicht. Daher
vermittelt die Schilderung des normierten Erscheinungsbildes der Angestellten
den Eindruck einer bürokratisch geregelten Erziehungsanstalt.
Die Auergesellschaft zählte zu den wenigen Unternehmen in Berlin, die schon vor
dem Ersten Weltkrieg mit der Einführung tayloristischer Methoden begonnen
hatten. Witte erreichte schnell eine niederrangige Leitungsposition als Lehrerin
des von Gilbreth zur Ermüdungsbekämpfung entwickelten
Zehnfingerblindschreibsystems3.
1 Gilbreth gründete in der Auergesellschaft einen ‚Formularausschuß‘, der von Irene Witte geleitet
wurde und dessen Aufgabe es war, die vielen Vordrucke wiederum auf Notwendigkeit und
Zweckmäßigkeit zu überprüfen. Dabei sollten Verbesserungs- und Vereinfachungsvorschläge
erarbeitet werden.
2 Vgl. Witte 1972a, 67ff.
3 Witte 1925f, 42.
50
Bald nach der Abreise Gilbreths 1915 verließ auch Irene Witte die
Auergesellschaft. Sie arbeitete vorübergehend als Sekretärin für die Messter-
Filmgesellschaft, die ab 1918 zur Ufa gehörte. Firmenchef Oskar Messter4 war ein
Selfmade-man und Pionier des Films. Er wurde durch die seit Oktober 1914 in
den Lichtspielhäusern eingeführte „Kriegswochenschau“5 bekannt und gilt als der
Erfinder sogenannter „Reihenbilder“6, die für Geländeaufnahmen besonders
geeignet waren. Die dazu erforderliche Kameraausrüstung wurde u.a. von der
Firma Ernemann in Dresden hergestellt, die wiederum auch Gilbreth zu ihren
Kunden zählte. Die Entwicklung der Filmtechnik - ähnlich wie die der
Psychotechnik7 – wurde zweifelsohne durch den Krieg erheblich beschleunigt und
als „vaterländische Reklame“ erstmals für werbetechnische Zwecke eingesetzt.
Obwohl Witte auch hier auf einem neuen Gebiet arbeitete, entsprach die
Anstellung nicht ihren Erwartungen8 und die künstlerische Atmosphäre offenbar
auch nicht dem Ordnungssinn der angehenden Organisatorin9. Sie machte sich
daher zunächst nach Familientradition und mit Gilbreths Hilfe als Übersetzerin
einen Namen.
Irene Witte hatte mit der Übersetzung von Arbeitsanweisungen und Vorträgen
Gilbreths eine wissenschaftlich recht bedeutende Funktion übernommen. Ab 1920
erarbeitete sie sich den Ruf der einzig kompetenten Übersetzerin der Schriften von
Frank und Lillian Gilbreth. In ihrer 1921 erschienenen Monographie „Kritik des
Zeitstudienverfahrens“ führte sie die anfänglichen Schwierigkeiten beim
Umsetzen der Ideen und Konzepte der Wissenschaftlichen Betriebsführung in
deutsche Betriebe u.a. auf Übersetzungsfehler zurück. Sie kritisierte u.a. die
Übersetzung von Taylors „Shop Management“ durch den Aachener
4 Vgl. Koerber 1994.
5 Vgl. Koerber 1994, 68. Zur Geschichte des Films vgl. auch Engell 1992.
6 Ebd., 71.
7 Siehe weiter unten im Text, Abschn. 1.2. und Kap. III, 1.
8 Vgl. Brief IWs an FBG vom 2.1.1915 (tatsächlich 1916; es handelt sich offenbar um einen
Tippfehler): „[...]I long to do something better than to play typist[...].“ (The Frank & Lillian
Gilbreth Papers, Witte, Irene M. 1915-1927, NHL PILc - 187, box 126, Purdue University Special
Collections, West Lafayette, IN, USA).
9 „[...]Da das Leben in der Filmges. zu künstlerisch war, bin ich fortgegangen[...]“. IW an Russ
Allen,
2. 4. 1916, Nachlaß Witte, LTA Mannheim (00005).
51
Ingenieurwissenschaftler Adolf Wallichs10. Im Vorwort der 1922 von ihr
übersetzten Schrift „Verwaltungspsychologie“ bezeichnete sie es als „Pflicht, die
Werke von Pionieren und Erfindern auf allen Gebieten, in gleicher Weise wie es
beim Künstler als selbstverständlich erachtet wird, möglichst wort- und sinngetreu
den fremden Völkern zu übermitteln“ 11. Mit der ihr eigenen Akribie und
schnellen Auffassungsgabe dürften Wittes Übersetzungen aus dem Englischen
dem Angebot an arbeitswissenschaftlicher Literatur sehr zu gute gekommen sein.
Sie erhielt Aufträge vonseiten wissenschaftlich renommierter Verlage wie
Springer (Berlin), Poeschel (Stuttgart) und Oldenbourg (München). Sowohl die
deutsch sprechende Lillian Gilbreth als auch Professoren wie Ewald Sachsenberg,
Betriebswissenschaftler an der Technischen Hochschule Dresden, sprachen von
dem „glänzenden Stil“ 12 der Witte-Übersetzungen. So gab es immer wieder
Versuche, Witte von anderer Stelle anzuwerben. Auch Georg Schlesinger von der
TH Charlottenburg13, der mit seiner Vorstellung eines psychotechnisch
erweiterten Taylorismus Gilbreths und Wittes Position sehr nahestand, machte ihr
ein Angebot14. Trotz inhaltlicher Übereinstimmungen wurde zwischen Georg
Schlesinger und Irene Witte jedoch niemals ein Arbeitsvertrag geschlossen15.
10 „[...]By the way I looked over a part of the German copy of Shop Management (translated by
Prof. Wallichs) and found also here some mistakes which alter the sense of the book
considerably[...]“. Brief IW an FBG, 17.12.1919, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
11 Vgl. Gilbreth/Gilbreth 1922, IV.
12 „Es ist erstaunlich, daß die Verfasserin und [...] die Übersetzerin eine der wenigen Personen ist,
die zwei Muttersprachen wirklich beherrscht.(...) Sie (die Bücher, R.P.) sind durchweg deutsch
geschrieben und deutsch gedacht, obwohl sie amerikanisches Wesen und fremde Eigenart
darstellen sollen.“ Rezension Sachsenbergs zu Wittes Buch über „Amerikanische
Büroorganisation“ (1925), o. Zeitschriftenangabe, o. Seitenangabe, Nachlaß Witte, LTA
Mannheim.
13 siehe weiter unten im Text, Abschn. 1.4.
14 Vgl. IW an FBG vom 2.1.1916: „A few days ago Prof. Schlesinger offered me a position in the
editorial dept. of a technical newspaper, which is edited by him.“ Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
15 Vgl. weiter unten im Text, Abschn. 1.4.
52
1916 begann Irene Witte ihre Arbeit im Verein Deutscher Ingenieure (VDI).
Diese ingenieurswissenschaftliche Standesorganisation galt als „Promoter“ des
Taylorismus in Deutschland. Rückblickend sprach sie von ihrem Arbeitsbeginn
dort als "Eintritt"16, aber es gibt keinen Beleg für die VDI-Mitgliedschaft einer
Frau zu diesem frühen Zeitpunkt. Noch Mitte der zwanziger Jahre war es selbst
für ausgebildete Ingenieurinnen höchst ungewöhnlich, in die Reihen der männlich
geprägten Wissenschaftlergemeinschaft aufgenommen zu werden17. Es ist zu
vermuten, daß Witte zwar nicht ordentliches Mitglied im VDI, wohl aber
Mitarbeiterin im "Ausschuss für wirtschaftliche Fertigung" (AwF)18 war. Sie
übernahm die Akquisition und Übersetzung ausländischer, vornehmlich
englischsprachiger arbeitswissenschaftlicher Literatur19 und 1921 die Redaktion
der Sonderausgabe der Technischen Zeitschriftenrundschau20. Diese Art Tätigkeit
blieb ein immer wiederkehrender Bestandteil ihrer Berufstätigkeit.
Gleichzeitig arbeitete sie von 1921 bis 1924 als Assistentin im Orga-Institut
Berlin21. Dieses Unternehmen war dem Institut für Industrielle Psychotechnik
(siehe auch Kap. III, 1) angeschlossen, in dem psychotechnische Verfahren
entwickelt und an private und öffentliche Institutionen verkauft wurden. Hier
arbeitete Witte unmittelbar mit den Wissenschaftlern aus dem Umkreis des
Lehrstuhls von Georg Schlesinger zusammen, in erster Linie mit den Leitern Curt
16 „So konnte ich im Jahre 1916 in dem Verein Deutscher Ingenieure als Mitarbeiterin des
leitenden Direktors, Professor Dr. Matschoss, eintreten“. Witte 1969, 332. – Es ist möglich, daß
Irene Witte rückblickend Daten und Menschen durcheinanderbrachte. Zunächst war sie im Umfeld
des VDI-Direktors Hellmich tätig und erst 1924-25 bei Matschoß an der Entstehung der
Publikation "Männer der Technik" beteiligt.
17 Vgl. Fuchs 1994. Fuchs setzt sich hier mit der VDI- Mitgliedschaft der Ingenieurin Ilse Knott-
Ter Meer auseinander.
18 Dieser Ausschuß wurde 1918 gegründet, ebenso die an ihn assoziierte Zeitschrift "Der Betrieb"
(vgl. hierzu Viefhaus 1981, 329).
19 Vgl. den Brief Irene Wittes an Russ Allen vom Oktober 1916 (loses, handgeschriebenes Blatt):
„[...] I am glad to be able to inform you that Nov. 1st I start work at the Society of German
Engineers[...]translating books etc.[...].“ Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
20 Technische Zeitschriftenrundschau, Hrsg. VDI, Schriftleitung: C. Matschoß u. M. Elsner,
Sonderausgabe für Betriebswissenschaft, unter Mitwirkung des Ausschusses für wirtschaftliche
Fertigung, Bearbeitet von I. Witte, 1.Jg., Nr. 1, Jan. 1920, Nr. 2, Feb. 1920 , Archiv Deutsches
Museum, ZB 1661.
21 Vgl. Brief IWs an das Unternehmen Henry Dennison Manufacturing Co. in Framingham
Massachusetts vom 12.8.1926: „From 1921 to 1924 I worked as assistant in the German
53
Piorkowski und Walther Moede22. Es ist bekannt, daß sie innerhalb dieses
Unternehmens nicht nur Vorträge hielt und Gutachten schrieb23, sondern offenbar
auch durch Europa reiste, um psychotechnische Laboratorien einzurichten, z.B.
1923 in den Eisenwerken in Witkowitz bei Mährisch-Ostrau24. Obwohl die
Anwesenheit Wittes in Witkowitz nicht nachgewiesen werden konnte, reflektiert
die Korrespondenz zwischen dem Orga-Institut und den Eisenwerken zu
Witkowitz exemplarisch die Vorgehensweise des Berliner Instituts und vermutlich
auch die praktische Arbeit Irene Wittes.
Neben ihrer Tätigkeit als Beraterin und Schriftstellerin war sie ab 1927 mit Russ
Allen und Dr. Franz Hahn Mitgesellschafterin eines internationalen
Beratungsunternehmens zur „Bestgestaltung der Arbeit“25. Dieses Unternehmen
hatte offenbar großen Erfolg. Es arbeitete es 1928 u.a. an der Neuorganisation des
Schuhhauses Leiser26.
Psychotechnical Institute of Dr. Piorkowski in Berlin...Since two years I am in the main doing
literary work.“ Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
22 Dr. phil. Curt Piorkowski war neben seiner Tätigkeit als Leiter des Orga-Instituts für
Arbeitswissenschaft und Psychotechnik Dozent an der Verwaltungs-Akademie Berlin, beratender
Psychologe des Deputats für das höhere Schulwesen der Stadt Berlin, Leiter des
psychotechnischen Laboratoriums des Osram-Konzerns, Mitherausgeber der Monatsschrift
"Praktische Psychologie" und Verfasser verschiedener Schriften zu Fragen der Berufseignung (vgl.
Herrmann A.L. Wegener (Hg.) "Wer ist’s?", 1922, 1182. – Der promovierte Psychologe Walther
Moede war seit Gründung 1918 Leiter des Instituts für Industrielle Psychotechnik an der TH
Charlottenburg. Zur Kritik an den „vereinfachenden“ Methoden von Moede und Schlesinger vgl.
a. Homburg 1991, 319f.
23 Vgl. Abschn. 2.3.
24 „The Orga-Institute is installing a laboratory for Employment psychology at the Iron Steel
Works at Witkowitz in Czechoslowakia, and at the same time exhibiting their apparatuses and
devices at an exhibition here in Witkowitz. For both purposes the Institute has delegated me to this
place where I am staying since middle of June and from where I shall not return before August or
September. These Iron and Steel Works are of greatest dimensions and are employing about
20,000 hands. The engineers and managers are most intelligent, therefore giving me a splendid
opportunity to see the whole place, all the works, the large hospitals, etc. You know the Czech
people and their hospitality and can imagine that I am having a very nice and most instructive time
in this country.“ IW an FBG, 6. 8. 1923, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
25 Siehe auch auch Kap. I, 2.4..
26„[...]Russ Allen’s and my work at Leiser’s is going along time. We are working hard, but we see
the success and so we enjoy our work immensely. We are tackling the transportation and handling
problem as well as the statistics and office management. Slowly but surely the entire research
place Allen and Dr. Hahn and I have founded is making progress. Dr. Hahn has some big fine jobs
and the end of our work at Leisers is as yet not to be seen[...]“.IW an LMG, 12.2.1928, Nachlaß
Witte, LTA Mannheim. Demzufolge nahmen Witte, Allen und Hahn auch im Unternehmen Leiser
Rationalisierungsmaßnahem vor. Diesem Hinweis wird hier nicht nachgegangen. Nach Angaben
54
1.2. Zur Bedeutung der "Psychotechnik"
Durch ihre redaktionelle Arbeit im "Ausschuß für wirtschaftliche Fertigung" und
die praktische Arbeit als Assistentin am Orga-Institut Berlin konnte sich Witte
zweifelsohne ein beträchtliches Wissen über psychotechnische Prüfmethoden
aneignen, die unter anderem Namen und in modifizierter Form auch heute noch
zur zeitgemäßen Personalpolitik gehören. In den 20er Jahren ging es im Sinne der
angewandten Psychologie bei den psychotechnischen Verfahren im wesentlichen
um die Messung der menschlichen Sinnesleistung. Wie so vieles in der
betrieblichen Organisation war auch hier das Militär eines der ersten
Anwendungsfelder. 1915 hatte Walther Moede ein Testlaboratorium für
Militärkraftfahrer eingerichtet, um für den ersten technisierten und motorisierten
Krieg des deutschen Reiches die Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit, Ermüdung
und Tatbereitschaft der Rekruten festzustellen27.
Sogar Robert Musil befürwortete 1922 in einem Aufsatz die "Psychotechnik und
ihre Anwendungsmöglichkeiten im Bundesheere"28. Unter den Stichworten
"Ausleseverfahren" und "Berufseignungsprüfungen"29 fand die Psychotechnik
nach dem Ersten Weltkrieg Eingang in die Betriebswissenschaften. Sie bot im we-
sentlichen eine Ergänzung der von Taylor und Gilbreth entwickelten Zeit- und
Bewegungsstudien:
des Hauses Leiser in Berlin wurden sämtliche Unterlagen der Firma im Zweiten Weltkrieg durch
die „Kriegswirren“ vernichtet. (Schreiben vom 8.12.1999).
Vgl. auch Witte, 1928c, 51f. Das Nachwort schrieb das Mitglied der Geschäftsleitung von Leiser,
Dr. Jacob Rosner.
27 Vgl. Geuter 1985, 146ff. Zur Biographie Moedes vgl. auch Goldschmidt 1988.
28 Vgl. Musil 1922. Zur Geschichte der Psychotechnik vgl. u.a. Jaeger 1985; Spillmann /
Spillmann 1993, Gundlach 1996; Wohlauf 1996.
29 Vgl. z. B. Baumgarten 1928; Jaeger 1985, 98f. Bereits 1922 erschien im Oldenbourg-Verlag:
Eignungs-Psychologie von Henry C. Link, in einer Übersetzung von Irene Witte.
55
Psychotechnik ist die Anwendung der wissenschaftlichen Psychologie, zur Erreichung
praktischer Zwecke; ihr Verhältnis zu dieser ist etwa das gleiche, wie das der technischen
Wissenschaften zu den ihnen zugrundeliegenden Naturwissenschaften (...) Steigerung der
Leistungsfähigkeit liegt unbedingt im Interesse der Gesamtheit, daß durch sie das Interesse des
Arbeiters nicht geschädigt werde, ist eine Frage, die im Anschluß daran gelöst werden muß und
auch zu lösen ist. Soferne es sich bei dieser zweiten Frage nicht um die wirtschaftlichen Momente,
sondern um das seelische Befinden des ‚taylorisierten‘ Arbeiters handelt, kann die angewandte
Psychologie abermals wertvolle Hilfe bieten.“30
Mit Meßinstrumenten und Prüfapparaten wurden Lehrlinge und Schüler geprüft,
um die für den einzelnen Arbeitsplatz jeweils "geeignetsten" und "besten"
Bewerber zu ermitteln. Auf diesem Wege wolle man Kosten reduzieren.
Zusätzlich würde die durch Arbeitsteilung verlorengegangene
"Arbeitsfreude"gehoben und eine positivere Haltung gegenüber der Arbeit
hergestellt werden. Mit der auf diesem Wege erreichten Steigerung der
Produktivität solle der soziale Frieden gesichert werden, der seit der Revolution
von 1918, der gewachsenen Macht der Arbeiterbewegung und der Wirtschafts-
und Arbeitsmarktsituation während der Weimarer Republik nicht mehr garantiert
zu sein schien31.
1.3. Der Streit um die "Kritik des Zeitstudienverfahrens"
Bei ihren Anstellungen arbeitete Witte meist in untergeordneter Funktion. Ganz
anders war ihre Rolle als Autorin. Hier war ihre Stimme schon früh, bestimmt
aber seit 1921 nicht zu überhören.
Die "Kritik des Zeitstudienverfahrens" – eine der wichtigsten Publikationen Irene
Wittes, auf die noch ausführlich einzugehen sein wird32 – erschien im Juni 1921
auf dem Buchmarkt. Gilbreth bezeichnete das Buch, das in enger Absprache und
Kooperation mit ihm entstand, als "außerordentlich gut". Er hielt es sogar für so
gelungen, daß ihm der Gedanke unheimlich war, Witte könne die von ihm
verfaßten Bücher in ähnlicher Weise analysieren: „It is very good indeed and is a
30 Musil 1922, 179 u. 190.
31 Siehe Kap. III, Abschn. 1. und 4.3.
32 Vgl. Kapitel III, Abschn. 3.
56
distinct addition to the literature of the subject. I’ll shudder when anyone goes
at our books as carefully.“33
Auf die Ingenieure im Umkreis des VDI wirkte die deutliche Parteinahme, der
engagierte und streitbare Stil des Buches provozierend. Läßt man fachliche Inhalte
beiseite, so stand allein der selbstbewußte, angelsächsische Hang zu
ironisierenden Schleifen dem braven Gedankenfluß deutscher Techniker deutlich
entgegen. Das zeigt der Stil, mit dem die Kontroverse mit dem VDI-Ingenieur und
Schlesinger-Schüler Bertold Buxbaum, in der VDI-eigenen Zeitschrift "Der
Betrieb" ausgetragen wurde.
Wittes berufliche Position und persönliche Standfestigkeit wurden hier erstmals
hart auf die Probe gestellt. Sie wurde zum einen in aller Öffentlichkeit als Nicht-
Akademikerin von akademisch versierten Kollegen fachlich in Frage gestellt und
zum anderen als weiblicher Eindringling in eine Männerdomäne abqualifiziert:
„Unangenehm berührt der herabsetzende und ausfallende Ton, mit dem über erfahrene deutsche
Fachleute hergezogen wird, die ihr Bestes tun und geben, um den für unsere Industrie geeigneten
Weg finden zu helfen – nicht Amerika zu kopieren, wie die Verfasserin behauptet. Fräulein Witte
sollte sich darauf beschränken, die amerikanischen Texte zu übersetzen und kein Urteil über die
deutschen Betriebe abgeben, die sie nicht kennt."34
Buxbaum interessierten weniger die Gründe, warum Witte das Stoppuhr-
Verfahren ablehnte, sondern der Affront, daß ihre Kritik die fachliche Urteilskraft
der Ingenieure und gestandenen Männer in Frage stellte:
„Vor einiger Zeit fiel von maßgebender industrieller Seite der Ausspruch: ‘Die amerikanische
Zeitstudie will unsere heutige Betriebspraxis auf den Mont Blanc führen, dabei sind wir noch nicht
einmal auf dem Kreuzberg gewesen‘. Jetzt will uns Gilbreth oder Fräulein Witte als sein
Sprachrohr beweisen, daß auch die Besteigung des Mont Blanc nicht lohne, und daß nur der
Gaurisankar ein richtiger Berg sei. Ich denke wir überlassen die Entscheidung der Frage und vor
allem die Untersuchung, was für unsere Arbeitsverhältnisse das richtige sei, den dafür berufenen
Fachleuten. Sie sind schon dabei! Vor allem kommt es heute darauf an, daß überhaupt einmal jede
Art Arbeit scharf unter die Lupe genommen und ihre Zeitverluste gemessen werden. (...) Jedenfalls
wollen wir keine unbewiesenen Dogmen und keine literarischen Erörterungen an die Stelle
gründlicher praktischer Arbeit setzen, nicht nachbeten, sondern bewußt das den vorliegenden
Verhältnissen entsprechende Beste finden.“35
33 FBG an LMG vom 2.3.1921 (Frank & Lillian Gilbreth Papers, series 2, box 7, 1921, Feb. 28 -
Aug. 3, Special Collections Purdue University, West Lafayette, IN, USA). – Gilbreth kommentiert
hier das ihm von Witte zugesandte Manuskript der "Kritik des Zeitstudienverfahrens".
34 Buxbaum 1921, 844.
35 Ebd.
57
Einem undatierten Zeitungsausschnitt zufolge versuchte Witte zu kontern:
„Es ist unrichtig, daß ich deutsche Betriebe nicht kenne. Richtig dagegen ist, daß mir eine ganze
Reihe von Betrieben in Deutschland bekannt sind, und daß ich sowohl mit der Stoppuhr wie mit
dem Film praktische Erfahrungen gesammelt habe, zumindest in gleichem Umfang wie der
Besprecher meines Buches, Herr Dr. Buxbaum.“36
Die Antwort Buxbaums zeigte, daß es ihm nicht um richtig oder falsch ging,
entscheidend war für ihn der Kampf um die diskursive Vorreiterrolle in der Ratio-
nalisierungsdebatte und die entschiedene Abwehr einer Nicht-Akademikerin wie
Witte:
„Ich betone nochmals: auf einem so schwierigen und unentwickeltem Gebiet kann nur der ein
Urteil abgeben, der die intimsten Vorgänge der Werkstatt (...) genau kennt. Die Widerlegung des
persönlichen Schlußsatzes (Hiermit ist wohl Wittes Behauptung gemeint, sie verfüge über die
gleichen praktischen Erfahrungen wie ihr Kritiker Buxbaum. R.P.) gehört nicht hierher; es scheint
da eine mißverständliche Auffassung von den dem Autor und dem Rezensenten jeweils
zustehenden Pflichten vorzuliegen. Der Tonfall des Satzes deckt sich übrigens völlig mit dem
bereits gerügten des besprochenen Büchleins.“37
Das Buch erregte zumindest unter den Ingenieurwissenschaftlern erhebliches
Aufsehen38, da es, wie auch der von Witte kritisierte Taylor-Übersetzer Adolph
Wallichs indirekt zugestehen mußte, die insgesamt wichtige Frage aufwarf, wie
nach den zweifelsohne „erstaunlichen“ Erfolgen Gilbreths denn nun das
industrielle Arbeitsproblem zu lösen sei – nach dem klassischen Verfahren
Taylors oder nach dem von Gilbreth und Witte vorgeschlagenen Konzept39:
36 Zitat nach einer im Nachlaß von Irene Witte (LTA Mannheim) erhaltenen Zeitungskopie ohne
weitere Angaben.
37 Buxbaum 1921, 844.
38 Vgl. IW an FBG vom 20. 9. 1921: „Up to now the German book has caused quite a sensation,
(...) some of them (reviews) condemning the book very hard. But this was to be expected; I am not
in the least astonished. Springer is doing quite a bit of advertising. One of his ads pointing out the
failure of the Taylor-methods and asking all leading engineers to this very serious attack caused
quite a stir.“ Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
39 Zu dieser Frage siehe Kapitel III, bes. Abschn. 1-4.
58
„Die Verfasserin war jahrelang in den Diensten des rühmlichst bekannten Forschers und
Bahnbrechers auf dem Gebiete der Bewegungsstudien, Frank B. Gilbreth; sie hat bei den Studien
mitgewirkt und dabei zweifellos viele Erfahrungen gesammelt und Beobachtungen angestellt. Die
Begeisterung für die erstaunlichen Erfolge Gilbreths, die dieser durch sein Eindringen in die
Tiefen und Feinheiten des Problems der menschlichen Arbeitsverrichtung mit der ihm eigenen
wissenschaftlichen Gründlichkeit erreicht hat, hat der Verfasserin indes den Blick für die
allgemeinen Linien und Möglichkeiten des industriellen Arbeitsproblems so getrübt, daß sie zu
dem unverständlichen Urteil gekommen ist, daß Zeitstudien mit der Uhr oder Stoppuhr wegen zu
geringer Genauigkeit zu verwerfen seien, daß man das Arbeitsproblem nur mit Kinematograph,
Zyklograph und Zehntausendstel-Sekundenuhr anpacken müsse. Das wäre ein Verstoß gegen die
Grundregel jeder Untersuchung, daß man von den Fundamenten zur Höhe, vom Einfachen zum
Verwickelten übergehen muß und nicht umgekehrt.(...). Für die uneingeweihten Leser jedoch
bildet das Buch eine große Gefahr, weil Maßnahmen und Verfahren empfohlen werden, für welche
die deutschen Betriebe durchaus nicht reif sind.“40
Diese Argumentation Wallichs ist nicht von der Hand zu weisen. Zumindest die
Durchführung von Zeit- und Bewegungsstudien nach den Vorstellungen Gilbreths
war derart aufwendig, daß sie betrieblich kaum umzusetzen war. Wittes
Argumentation ist zu diesem Zeitpunkt noch stark von Begeisterung getragen.
1.4. Arbeiten im Umkreis von Georg Schlesinger
An diesem Punkt ist es interessant, den Hinweisen auf die Reaktion Schlesingers
nachzugehen. Von 1904 bis 1933 war Georg Schlesinger als Professor für Werk-
zeugmaschinen und Fabrikbetriebe an der Technischen Hochschule
Charlottenburg in Berlin einer der führenden Technikwissenschaftler
Deutschlands41. Nicht nur als Inhaber desjenigen Lehrstuhls, der allgemein als der
Beginn einer akademisch betriebenen Betriebswissenschaft in Deutschland
angesehen wird42, sondern auch durch seine frühe Taylor-Rezeption und sein
Interesse an einer psychotechnischen Erweiterung des Taylor-Systems43 war er ein
für Gilbreth und Witte wichtiger Ansprechpartner. Zwar ist im einzelnen nicht
mehr nachvollziehbar, wie oft und wann Schlesinger unmittelbar vor und nach
dem Ersten Weltkrieg nach Amerika reiste44, aber von 1914 bis 1915 traf er
mehrmals mit Frank Gilbreth in Berlin zusammen, als dieser in der Auerge-
40 Wallichs 1922, 1149.
41 Zu Leben und Werk von Georg Schlesinger vgl. Ebert / Hausen 1979, vgl. auch Spur/Fischer
(Hg.) 2000.
42 Vgl. Ebert / Hausen 1979, 323; Wupper-Tewes 1995, 40.
43 Vgl. Homburg 1991, bes. 304-323; vgl. a. Goldschmidt 1988.
59
sellschaft Rationalisierungsmaßnahmen durchführte und sich mit dem
Gedanken trug, eine sogenannte "efficiency firm" zu gründen. Damit war ein
Aktionszentrum zur Einführung der von ihm entwickelten Bewegungsstudien
gemeint. Gilbreth hoffte auf eine Zusammenarbeit mit Schlesinger und äußerte
wiederholt den Wunsch, mit diesem zu einer vertraglichen Vereinbarung zu
kommen.
Frank Gilbreth berichtete in Briefen an seine Frau Lillian und Irene Witte über
sechs Zusammentreffen mit Schlesinger in Berlin45. Es ist jedoch wahrscheinlich,
daß sie sich viel häufiger begegneten. Ob beide tatsächlich eine Kooperation
vereinbarten, ist nicht ganz klar. Zwar war Gilbreth für Schlesinger und die
Mitarbeiter des Instituts für Industrielle Psychotechnik am Charlottenburger
Lehrstuhl offenkundig ein nützlicher Ansprechpartner, wenn es um den - wenig
erfolgreichen - Verkauf psychotechnischer Apparaturen an Interessenten in den
USA ging46. Aber an die von Gilbreth anvisierte "efficiency firm", bei der
Schlesinger mitarbeiten sollte, war schon bei Kriegsbeginn nicht mehr zu denken;
und nach 1918 hatte sich die Rationalisierungsidee auch in Deutschland schon
derart fest etabliert, daß für eine solche Gründung kein Bedarf mehr war.
Die Beziehung zwischen Gilbreth und Schlesinger war zugleich von Annäherung
und Distanz, von gegenseitigen, sich ergänzenden Geschäftsinteressen und
fachlicher Rivalität gezeichnet. Auf der einen Seite stand der praxisorientierte
Betriebsingenieur, der "Macher" aus den USA, der sich anschickte, die deutsche
Industrieforschung von den Vorzügen seiner über Taylor hinausgehenden
Verwaltungs- und Betriebsorganisation zu überzeugen, und auf der anderen Seite
ein deutscher Professor, der sich mit seinem Land identifizierte und daher die
notwendigen Verbesserungsmaßnahmen auf seinem Arbeitsgebiet auch als
nationale Verpflichtung verstand. Denn hier galt es, unmittelbar nach dem Krieg
44 Mary Nolan reiht ihn erst in die Amerikareisenden der 20er Jahre ein (vgl. Nolan 1994, 19).
45 Die Treffen müssen jeweils vor dem 28.4.1914, dem 5., 6., und 10.5.1914, dem 5.10. 1914, dem
4.3.1921 und dem 3. 3.1922 stattgefunden haben. Vgl. die entsprechenden Briefe aus dem Nachlaß
The Frank & Lillian Gilbreth Papers, Purdue University Special Collections, West Lafayette,
Indiana, USA; sowie Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
46 Vgl. z.B. den Brief von FBG an IW vom 4.1.1921:“[...] I have tried very hard to do something
for my friend Schlesinger with the psychological apparatus, but everyone here to whom I have
shown it has laughed at the material[...]“, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
60
eine Wirtschaft aufzubauen, die von den Reparationsforderungen der Allianz
belastet war.47
Beide waren jedoch gleichermaßen Praktiker und Theoretiker, der Amerikaner als
freier Unternehmer, der Deutsche als Beamter des Staates, und beide waren sie
Mitglieder der zentralen ingenieurwissenschaflichen Vereinigungen ihrer Länder,
der American Society of Mechanical Engineers (ASME) und des Vereins
deutscher Ingenieure (VDI). Die Neuorganisation von Betrieben nach dem Modell
des "scientific management" oder – wie es in Deutschland hieß – nach dem der
Wissenschaftlichen Betriebsführung bildete insofern den gemeinsamen
Interessenhorizont. Die Distanz zwischen den beiden ergab sich dagegen aus dem
unterschiedlichen kulturellen Hintergrund. So entprach es der Mentalität
Gilbreths, den Erfolg der von ihm entwickelten Studien mit einer Zielstrebigkeit
zu betreiben, die an Aufschneidertum grenzte. Er war so etwas wie die typische
Gestalt des seiner Zeit vorauseilenden Pioniers, der in der Verbreitung der
Bewegungsstudien ein allgemeines ökonomisches und betriebspolitisches Ziel
erkannte, das zu erreichen, unter allen Umständen zu sichern und auszubauen war:
„The workers think I’m Taylor himself. (..) I’ve got 4 more days in which to hypnotize them. (...) I
made killing after killing, lathes, planes (...)“ Oder: „Our best bet is Taylor-Gilbreth, to tell
everything and to be exhaustively scientific. That is the only aspect that will win in the long run“48
Mit dieser Haltung stand er in einer Tradition, die bei Georg Schlesinger
Befremden hervorrufen mußte. Als deutscher Hochschullehrer war Schlesinger
einer Tradition von Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit, von Präzision und
47 Gilbreth hatte sich offenbar bereits 1915 als Fürsprecher Deutschlands an President Wilson
gewandt: „[...]I am enclosing a postal-card which I have received from various well-known
gentlemen in Germany. This ....is from Dr. Bruno Alexander Katz, a leading patent attorney in
Germany. This is typical of the sentiment which is expressed on every side and of indignation
which all Germans feel, because of the arms, munitions and other war-materials that are being
furnished to the allies by the United States, while Germany has not the same ability due to her
having insufficient control of the sea. You undoubtedly will appreciate that we have no answer
that we can make to the accusation that our country is prolonging the war by its permitting such
goods to leave our shores with the conscious knowledge that these materials will be used to kill the
Germans. I voice the sentiment of many Americans who feel that if you and the other government
officials could realize the actual conditions in this war that you could see the matter in no other
way than we do[...]“. FBG an President Wilson, 23.4.1915, Berlin, Nachlaß Witte, LTA
Mannheim.
48 FBG an LMG vom 25.5.1914, The Frank & Lillian Papers, Special Collections & Archives
Purdue University, box C9, West Lafayette, IN, USA.
61
Penibilität verpflichtet, der alles Genialische und vordergründig Pionierhafte
abging. Insofern hatten Ingenieure wie Schlesinger auch Zweifel gegenüber Me-
thoden, deren Wirksamkeit nicht wissenschaftlich erwiesen war, und solche
Skepsis dürfte durch das Auftreten Gilbreths kaum zerstreut worden sein. Es
spiegelten sich in diesem Unterschied die Kontraste zwischen der amerikanischen
und europäischen (Wirtschafts-) Kultur wider, wie sie Irene Witte später in ihrer
bekannten Schrift über Taylor, Gilbreth und Ford hervorhob49 und wie sie, wenn
auch in anderer Weise, Lillian Gilbreth hervorhob, wenn sie schrieb:
„In bezug auf wissenschaftliche Betriebsführung war Deutschland Amerika unterlegen. In
anderer Beziehung, und zwar entsprechend seiner Lage und den Bedingungen seiner Industrie in
solchen Fragen wie Behandlung und Bearbeitung des Materials den Amerikanern indessen voraus.
Die deutschen Ingenieure waren nicht nur sehr geschickte Techniker, sondern auch hochgebildete
Wissenschaftler. (...) Einer der Betriebe [gemeint sind die Zeiss-Werke, R.P.] (...) war in bezug auf
sein Erzeugnis und die Form seines Aufbaues in der ganzen Welt führend. Die Arbeiter dieses
Betriebes waren Mitbesitzer der Gesellschaft und wohnten und arbeiteten in einer Gemeinde, die
in bezug auf ihre soziale Reform und in bezug auf ihr hohes Bildungsniveau vorbildlich ist.“50
Im Juli 1915 schrieb Witte an Gilbreth, der Deutschland wegen des Krieges
wieder verlassen hatte, Georg Schlesinger habe ihr die Mitarbeit in der Redaktion
einer technischen Zeitschrift („in a technical newspaper“), wahrscheinlich der von
Schlesinger seit 1907 herausgegebenen „Werkstattstechnik“)51, angeboten. Sie
lehnte Schlesingers Angebot jedoch ab. Die Auergesellschaft hatte sie offenbar
zum Bleiben aufgefordert und ihr Gehalt entsprechend erhöht. Gilbreth
unterstützte zunächst Wittes Verbindung zu Schlesinger. Er mag gehofft haben,
daß die Zusammenarbeit mit Schlesinger seiner Ansicht nach dazu dienen konnte,
Schlesinger von der fachlichen Kompetenz seiner neugewonnenen Mitarbeiterin
zu überzeugen52.
49 Vgl. Witte 1924, 9ff.
50 L. Gilbreth 1925b, 49.
51 Vgl. IW an FBG vom 27.7.1915, auch IW an Russ Allen, 23.7.1915, Nachlaß Witte, LTA
Mannheim.
52 Vgl. den Brief FBGs an IW vom 26.8. 1915: [...]„I spoke to Prof. Schlesinger about you (...) and
it certainly would be a good proposition to tie up with him[...].“
62
Außerdem brauchte er Wittes Unterstützung bei der Übersetzung seines Buches
"Primer of Scientific Management", die zu mißlingen schien53. Irene Witte ging
auf diesen Vorschlag offenbar nur ansatzweise ein54, denn das Buch erschien 1917
unter dem Titel "ABC der Wissenschaftlichen Betriebsführung" und wurde ihrer
Ansicht nach nur mittelmäßig übersetzt55.
1920 bot Schlesinger Irene Witte, die inzwischen als Vermittlerin in Patentan-
gelegenheiten zwischen Gilbreth und Schlesinger fungierte56, erneut eine Stellung
an, dieses Mal im Bereich der betrieblichen Kostenrechnung. Sie lehnte auch
dieses Angebot ab und begründete ihre Entscheidung mit dem zentralen Motto der
1856 erschienenen Erzählung "Bartleby" von Herman Melville: „I prefer not
to!“57 Ein Vergleich mit dem Inhalt dieser Erzählung kann den Schluß nahelegen,
daß für Witte eine Anstellung bei Schlesinger das Abweichen von ihrer
gewohnten Arbeit gewesen wäre, die sie nicht wünschte. Die Romanfigur
Bartleby lehnt mit dem ständig wiederholten Satz I would prefer not to immer
wieder jede von der einfachen Routine des Kopierens abweichende Arbeit ab.
Wahrscheinlich aber gab sie ihrer größeren Unabhängigkeit den Vorzug: „I like
the feeling of being independent, being „my own boss“!58
Über die Gründe für das distanzierte Verhältnis zwischen Witte und Schlesinger
kann nur spekuliert werden. In ihren Briefen gibt es Anzeichen, daß wie bei ihrem
Vater so auch bei der Tochter antisemitische Vorurteile – Schlesinger war Jude –
53 (Übersetzer war Colin Ross, R.P.) „The Rosses [die für den Band ursprünglich vorgesehenen
Übersetzer, R.P.] are fine people and very intelligent people, consequently I would object
exceedingly to have them in any way feel injured at the fact that you were translating the book. Of
course you have had a fine training in management and it is only natural that I should expect you
to make the best translation. (...) here is a test for you to see if you can do this job as well as you
have and at the same time keep a hearty cooperation of Dr. Ross and Prof. Schlesinger. I know you
can and you will.“ FBG an IW, 8.12.1915, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
54 Vgl. IW an FBG vom 2.1.1916: „I have noted all you say regarding translations which I will
show to Prof. Schlesinger as you suggest. Regarding the Ross‘ translation, you can be sure that
neither Springer nor I shall do anything that will hurt the feelings of either Mr. or Mrs. Ross.“
Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
55 „[...]I would advise you to have no more books translated by Colin Ross[...]“ Brief IW an FBG,
7.12.1919, Nachlaß Witte LTA Mannheim.
56 Vgl. z.B. Brief IW an FBG, 9.10.1920, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
57 Ebd.
63
eine Rolle gespielt haben könnten. Als sie 1921 ihre Schrift "Kritik des
Zeitstudienverfahrens" veröffentlichte59 und von Seiten des VDI einige heftige
Polemiken einstecken mußte60, bezeichnete sie z.B. die Kritik des VDI-Ingenieurs
und Schlesinger-Schülers Bertold Buxbaum61 an ihrem Buch als „jewish“ und
erwartete offenbar, daß Gilbreth wußte, was gemeint war62. Andererseits arbeitete
Irene Witte ab 1927 in einem Kaufhaus, das der deutsch-jüdischen Familie Israel
gehörte, und dem sie auch nach 1933 verbunden blieb.
Darüber hinaus glaubte Irene Witte zu wissen, dass Schlesinger von ihrer
Publikation nicht sehr beeindruckt war und der Redaktion einer Zeitschrift
untersagt habe, Beiträge von Witte zu drucken:
„I have seen a letter written by Schlesinger trying to influence an editor not to let me write any
further book reviews for his magazine „as a girl without practical experience should not try to
criticize the work of engineers!“ So you see, Schlesinger has evidently the same opinion as
Buxbaum. Please, do not let Schlesinger know anything about this. (...) Please do not think that
this disturbs me“63
Da Witte in Schlesingers "Werkstattstechnik" überhaupt nicht publizierte, mußte
Schlesinger versucht haben, Einfluß auf einen anderen Herausgeber zu nehmen. In
der "Werkstattstechnik" erschienen Anfang der 20er Jahre lediglich zwei positive
Rezensionen zu Irene Witte, die von Schlesingers Ehefrau Elise verfaßt wurden64.
58 IW an Russ Allen, 17. 2. 1921, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
59 Zu dieser Schrift vgl. Kapitel III, Abschn. 3.
60 Zu dieser Kontroverse vgl. a. weiter unten Abschn. 1.3.
61 Bertold Buxbaum promovierte 1920 bei Georg Schlesinger zum Thema "Die Entwicklungszüge
der industriellen spanabhebenden Metallbearbeitungstechnik im 18. Und 19. Jahrhundert" [vgl.
N.N., in: Spur / Fischer 2000, 566.]
62Vgl. IW an FBG vom 30.10.1921 „In Germany my time study book has created quite a row. Dr.
Buxbaum, an official of the former AwF (...) is, so it seems to me, most of all offended. He
published in the "Betrieb" a book review which is, to put it mildly, "jewish".“ Nachlaß Witte, LTA
Mannheim.
63 IW an FBG, 30.10.192, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
64 Vgl. E. Schlesinger, 1921 und 1923.
64
Beide Rezensionen betrafen Wittes Übersetzung des Buches von Christine
Frederick zur Rationalisierung des Haushalts65. Daß die Beurteilung dieses
Buches der Ehefrau des Herausgebers überlassen wurde, ist nachvollziehbar,
wenngleich für eine Maschinenbauzeitschrift ungewöhnlich. 1926 erschien dann
noch einmal, von einem anderen Autor, eine Rezension zu Wittes Buch über
"Amerikanische Büroorganisation"66, in der das „kleine Büchlein“ von „Fräulein“
Witte „bestens empfohlen“ wurde. Daß Witte über diese Rezensionen hinaus in
der "Werkstattstechnik" als Autorin nicht in Erscheinung trat, steht im Gegensatz
zu der Tatsache, daß Schlesinger sich mehrmals um Irene Wittes Mitarbeit in der
Redaktion seiner Zeitschrift bemüht hatte.
Aber allem Anschein nach gab es schon seit Jahren persönliche Animositäten
zwischen ihnen. So beschreibt z.B. Frank Gilbreth Anfang 1922 in einem Brief an
seine Frau die Reaktion Georg Schlesingers auf Wittes "Kritik des
Zeitstudienverfahrens" folgendermaßen:
„I could see that S. [Schlesinger, R.P.] was horribly peeved that Witte did the job instead of
himself and that he felt and realized that he lost the chance of his life when he did not get it from
me. I think he is going to write a book on time study and do it with all the German thoroness“67.
Schlesinger fand es nach Gilbreths Worten verdrießlich, daß Irene Witte – "as a
girl without practical experience"68 – eine Arbeit geleistet hatte, die er, der
akademische Fachmann, selbst hätte leisten wollen. Und da das Erscheinen der
"Kritik des Zeitstudienverfahrens" Mitte 1921 offenbar trotzdem kein
Hinderungsgrund für Wittes Mitarbeit in dem Schlesinger nahestehenden ORGA-
Institut war69, konnte die Beeinträchtigung des gegenseitigen Verhältnisses nicht
65 Vgl. weiter unten im Text, 2.3.
66 Vgl. Weinmann 1926.
67 FBG an LMG vom 3.3.1922 (The Frank & Lillian Papers, series 2,box 7,Special Collections &
Archives Purdue University, West Lafayette, IN, USA).
68 „[...]I have seen a letter written by Schlesinger trying to influence an editor not to let me write
any further book reviews for his magazine „as a girl without practical experience should not try to
criticize the work of engineers![...]“! Brief von IW an FBG, 30.10. 1921, Nachlaß Witte, LTA
Mannheim.
69 Das ORGA-Institut, Untersuchungs- und Forschungsanstalt für Arbeitswissenschaft und
Psychotechnik, würde heute als "Ausgründung" bezeichnet werden, denn es war an das Institut für
Industrielle Psychotechnik der Technischen Hochschule Charlottenburg und somit an den
Lehrstuhl von Georg Schlesinger angeschlossen. Irene Wittes Mitarbeit war in beiden Institutionen
gefragt.
65
wirklich an den inhaltlichen Positionen liegen, die beide vertraten70. Vielmehr
ist anzunehmen, daß hier auch Kämpfe um die diskursive Vorherrschaft in der
damaligen Rationalisierungsdebatte eine große Rolle spielten. So mag
Schlesingers Mißtrauen gegenüber Wittes "Kritik des Zeitstudienverfahrens" auch
darin begründet sein, daß Witte seine ein Jahr zuvor erschienene Schrift
"Psychotechnik und Betriebswissenschaft"71 mit keinem Wort erwähnt hatte; aber
andererseits war auch er in dieser Schrift auf ihren Mentor Gilbreth nur beiläufig
eingegangen, was wiederum Witte verärgert haben mag, die sich mit Gilbreth –
nicht ganz uneigennützig – in zahlreichen Briefen über die Unterlassungssünden
der deutschen Ingenieure bei der Handhabung von Quellen beklagte und Gilbreth
schließlich sogar Schlesinger selbst des (in diesem Falle mündlichen) Plagiats
bezichtigte:
„[...]I attended S.‘s [Schlesingers, R.P.] lecture today and I saw the reason for his asking me so
carefully about the nine laws of management today. He gave a talk on the nine laws as his lecture.
It made a great hit with the boys.“72
Spätestens in der Zeitstudien-Kontoverse 1921/22 kam es also für alle Beteiligten
zu einer Art Positionsverteilung innerhalb der Rationalisierungsdebatte, in der
weniger die inhaltlichen Differenzen von Bedeutung waren, als vielmehr
bestimmte Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit und formaler Korrektheit beim
Zitieren von Quellen, aber dabei natürlich auch von geistigem Eigentum und von
Meinungs- und Wortführerschaft. So teilte z.B. der Psychologe Fritz Giese von
der Universität Stuttgart die von Gilbreth und Witte häufig thematisierten
Bedenken gegenüber Publikationen des Berliner Instituts für Industrielle
Psychotechnik. Er rezensierte eine dieser Publikationen mit den Worten:
70 Wie in Kapitel III, Abschn. 1.2.3. gezeigt werden wird, standen sich Witte und Schlesinger in
einigen Grundfragen sogar überaus nahe.
71 Vgl. Schlesinger 1920.
72 FBG an LMG vom 6. 5. 1914, The Frank & Lillian Papers, N-file, Box C9, Special Collections
Purdue University, West Lafayette, IN, USA.
66
„Kritisch ist vor allem beim ganzen Buch zu tadeln, daß so gut wie kein Bezug auf Arbeiten
anderer Autoren genommen wird, so daß ein Laie meinen möchte, daß diese Dinge vorher noch
nirgends behandelt waren. Außer den vom Berliner Laboratorium vorgenommenen
Untersuchungen werden andere geflissentlich umgangen...Es wirkt außerordentlich peinlich, wenn
die wissenschaftliche Tradition des Anknüpfens an Vorgänger oder kollegiale Parallelfälle so
nachdrücklich vermieden wird. Mit dieser Einschränkung, die weniger für den Verfasser als die
gesamte Schule Moedes prinzipielle Bedeutung hat, möchte man diese Studienarbeit empfehlen.“73
In der Konsequenz hatte diese Positionsverteilung sowohl bei Gilbreth als auch
bei Witte eine generelle Antipathie gegenüber Schlesinger zur Folge, die auch vor
Mitarbeitern des Instituts für Industrielle Psychotechnik nicht Halt machte. So
beklagte sich Gilbreth z.B. nach der Lektüre der Schrift des Schlesinger-
Mitarbeiters K.A. Tramm zum Thema "Psychotechnik und Taylorsystem"
darüber, daß dieser das von ihm entwickelte "bricklaying-system" zwar als ein
Modell für Rationalisierung anführe, ihn selbst aber nicht als Quelle nenne
(„Regarding Tramm’s book I think that it is no longer a joke that our stuff is
stolen without credit.“ 74) Zu allem Überfluß, so Gilbreth, sei seine Methode des
"bricklaying-system" auch noch verzerrt wiedergegeben worden75. So lange die
Deutschen nicht zögerten, die Dinge derart nach ihren eigenen Vorstellungen
einfach abzuändern und einen sorgfältigen Entwurf durch falsche Übersetzungen
lächerlich zu machen, könne man mit den amerikanischen Vorgaben auch keine
Verbesserungen erzielen.76
Irene Witte war zudem überzeugt, daß auch Schlesingers Artikel über das
"Taylor-System und die deutsche Betriebswissenschaft"77 hauptsächlich auf
Vorarbeiten von Gilbreth fußte und daß die in diesem Artikel geäußerte Idee einer
"Schlesinger-Organisation" letzten Endes auf Gilbreths schon früher geäußerte
Idee einer "efficiency firm" zurückging78. Wenn sich daher Witte gelegentlich
73 Giese 1927, 21.
74 FBG an IW, 29.7.1921, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
75 Vgl. FBG an IW 16.6.192, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
76 „[...]as long as the Germans do not hesitate to change anything they like and make a careful
design ridiculous in the translating, it is to be expected that no improvements will come from the
examination of American work.“ FBG an IW, 16.6.1921, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
77Vgl. Schlesinger 1921.
78 „This article of Schlesingers is based upon your ideas: Taylor System and Taylor Methods, and
rings out in an appeal to German industry to found a German Institute of Scientific Management.
(...) I have the idea that (...) he is trying to boost the idea of a Schlesinger-Organization for
Germany!“ IW an FBG, 4.7.1921, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
67
offen gegen „diese Psychotechniker“ ausspricht („I cannot stand these
"Psychotechnikers" – as you know – very well“79), so wird man darin zum Teil
den Reflex solcher, aus heutiger Sicht eher kleinkarierter Positionskämpfe
wiederfinden und sollte daraus nicht den falschen Schluß einer auch inhaltlich
fundierten Opposition ziehen. Was sie an Schlesinger und an seinem Mitarbeiter-
Kreis störte, war ganz offensichtlich eine gewisse akademische Überheblichkeit,
eine Form der Mißachtung ihrer und auch Gilbreths bisher in Deutschland geleis-
teter Arbeit:
„Mr. Alford’s report as well as the other papers read at the Management week at the ASME in Oct.
(including Schlesinger’s but not your contribution) are reprinted in a special issue of Schlesinger’s
WT [Werkstattstechnik, R.P.) I do not like Schlesingers Report on the present state of things in
Germany and of his description of their historical development. The only thing he mentions are the
many good deeds he did in this direction; he does not mention you and the great help and
stimulation he undoubtedly received through your work. What do you say to this? I never did like
Professor Schlesinger!“80
Dennoch kann man davon ausgehen, daß Gilbreth bis zu seinem Tode 1924 und
auch Witte bis in die 30er Jahre hinein nie öffentlich gegen Schlesinger oder
Schlesingers Arbeitskontext polemisierte oder sich ihm gegenüber intrigant
verhielten. Das macht eine Briefstelle deutlich, in der Gilbreth Irene Witte vor
einem solchen Schritt warnte, indem er ihr – mit einem deutlich ironischen
Unterton – zu verstehen gab, daß man Schlesinger als einen gemeinsamen
"Freund" zu betrachten habe, auf den man im Grunde nur "stolz" sein könne81.
79 IW an FBG, 30.10.1921, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
80 IW an FBG, 15.3.1923, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
81 „Professor Schlesinger is our friend and we had the honor of teaching him the micromotion
study methods and our conceptions of the elimination of unnecessary fatigue and the cyclegraph
methods, and I also had the pleasure of suggesting to him in the fall of 1914 that he devote his
great ability and genius to the help of the cripples that would come from the war, and therefore
when Professor Schlesinger is known everywhere as having been our pupil. (..) we are so fond of
him that we do not expect him to give us any credit for anything that he writes.“ Brief FBG an IW,
29.7.1921, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
68
1.5. Irene Witte und Franziska Baumgarten
Wittes allgemeine Abneigung gegen die Arbeit der Psychotechniker in Berlin ging
wohl auch auf greifbare Mißstände zurück, die auch von Fritz Giese angesprochen
wurden. Sie waren gleichermaßen Thema einer Auseinandersetzung zwischen der
Arbeitspsychologin Dr. Franziska Baumgarten82 und der Schule um Walther
Moede. Baumgarten führte von 1916 bis 1921 gemeinsam mit Moede und Curt
Piorkowski Begabtenprüfungen an Berliner Schulen durch. Auch sie äußerte in
ihrem Standardwerk „Die Berufseignungsprüfungen“ von 1929 die Vermutung,
daß Moedes psychotechnisches Prüfschema auf der Vorarbeit anderer, in diesem
Fall französischer Laboratorien aufbaute, ohne diese Quelle jemals erwähnt zu
haben83. Baumgarten war nach Erscheinen des Buches ähnlichen Diffamierungen
ausgesetzt84 wie Irene Witte nach Erscheinen von „Kritik des
Zeitstudienverfahrens“. Es ist durchaus möglich, daß es zwischen Baumgarten
und Witte Anfang der 20er Jahre zu einer Begegnung kam, denn beide arbeiteten
für den Leiter des Orga- Instituts Curt Piorkowski. Der Nachlaß Witte enthält eine
Kopie des Aufsatzes von Baumgarten über „Rationalisierung und Denken“ mit
einer handschriftlichen Widmung der Verfasserin.
Die Biographien der beiden Frauen weisen daher trotz unterschiedlicher
Sozialisation und Herkunft einige Parallelen auf. Witte verfügte über
Sekretariatskenntnisse und hatte sich kaufmännisch betriebswirtschaftliches
Wissen angeeignet, Baumgarten war Akademikerin. Witte hatte 1922 ein Buch
über Berufseignungsprüfungen übersetzt85, Baumgarten veröffentlichte 1928 ihr
oben genanntes Standardwerk86. Beide waren Autorinnen im Oldenbourg-Verlag
und einer öffentlichen Diffamierung ausgesetzt, die von Wissenschaftlern aus dem
Umfeld des Instituts für Industrielle Psychotechnik lanciert wurden.
82 Zur Biografie von Baumgarten vgl. Daub 1996; auch die Magisterarbeit von Abenhausen 1996.
83 Vgl. Franziska Baumgarten 1929, zit. nach Goldschmidt 1988, 75f.
84 Zu dieser Kontroverse vgl. Daub, 105f.
85 Vgl. Link, Henry C. (1922): Eignungs-Psychologie, Berechtigte Übersetzung
ins
Deutsche von Irene Witte, München/Berlin.1922.
86 Vgl. Daub 1996, 94ff.
69
Das Niveau der Angriffe deutet darauf hin, daß nicht die fachliche Kritik,
sondern der Angiff gegen die Person im Vordergrund stand. Es ist durchaus
möglich, daß sich die Polemik speziell gegen das Sicheinmischen von Frauen
richtete. Offenbar wirkten deren Publikationen für die wissenschaftliche Eintracht
der Moede-Gruppe störend. Während Witte 1925 offensichtlich die für sie
möglichen Aufstiegschancen in den Berliner Forschungseinrichtungen zur
Psychotechnik erschöpft hatte, kam Baumgarten ab 1929, nachdem sie in die
Schweiz übergesiedelt war, trotz Renommée und Habilitation über einen
Lehrauftrag als Privatdozentin an der Universität Bern nicht hinaus87. Auch
lehnten beide Frauen nach einiger Zeit eine weitere Zusammenarbeit mit
Psychotechnikern und den damit verbundenen Arbeitsstellen ab. Baumgarten
behagte das Berufsethos nicht: sie hielt die Methoden der Psychotechnik für
unzureichend und vermutete in ihnen nichts anderes als das Profitinteresse der
Wirtschaft88. Witte urteilte in ähnlicher Weise, wenngleich sie ihre Zweifel eher in
der formelhaften Beschwörung des „menschlichen Faktors“ formulierte. Ein sehr
eindrückliches Beispiel für die Charakterisierung des unmenschlichen,
berechnenden Moments der Psychotechnik stammt von der französischen
Philosophin Simone Weil, die ihre Erfahrungen als Arbeiterin in den Renault-
Werken Anfang der dreißiger Jahre in einem „Fabriktagebuch“ literarisch
verarbeitet hat89.
1.6. Der Streit um die "Männer der Technik"
Nach Beendigung oder auch noch während ihrer Tätigkeit im Orga-Institut 1924
arbeitete Irene Witte für den VDI-Direktor Conrad Matschoß90. Er engagierte sie
für seine technikgeschichtlichen Recherchen und für die Mitarbeit an dem 1925
87 Zur Wissenschaftskarriere Baumgartens, vgl. Daub 1996, 39-68.
88 Vgl. Abenhausen 1996, 51.
89 Vgl. Weil 1978 (1951). Ingeborg Bachmann verarbeitete dieses Tagebuch zu einem Radio-
Essay. Vgl. Bachmann1993, Bd.4, 128ff: Das Unglück und die Gottesliebe – der Weg Simone
Weils.
90 Conrad Matschoß (1871-1942), Professor für Maschinenbau an der Technischen Hochschule
Charlottenburg, seit 1916 Direktor des VDI, in den 20er Jahren geschäftsführendes
Vorstandsmitglied des VDI. Zur Einschätzung von Matschoß vgl. König 1983.
70
herausgegebenen Buch über "Männer der Technik"91. Diese Publikation war
dem Gründer des Deutschen Museums in München, Oskar von Miller, gewidmet
und sollte sollte rechtzeitig zur Eröffnung des neuen Museumsbaus erscheinen.
Die Arbeit wurde aber offenbar unter großem Zeitdruck fertiggestellt und zum
Ausgangspunkt eines wissenschatflichen Streites, der unter dem Namen
"Matschoß-Feldhaus-Kontroverse" in die Historiographie der
Technikwissenschaften einging.92
Der Kritiker des von Matschoß verantworteten Bandes war Franz Maria Feldhaus
(1874-1953)93. Dieser hatte sein Studium der Elektrotechnik abgebrochen und
verdiente seit 1908/09 seinen Lebensunterhalt mit der Sammlung
technikhistorischer Quellen und als Berater für Museen und Antiquare. Er plante
ebenfalls die Herausgabe eines biographischen Lexikons der Techniker und
Erfinder und machte Matschoß den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit. Die
"Männer der Technik" waren für ihn ein unhaltbares und von Fehlern strotzendes
Werk. Für dieses Werk aber hatte Irene Witte unter dem Kürzel "Wi." etwa 140
der insgesamt 825 Kurzbiographien des Buches verfaßt. Sie gehörte also zu den
vielgeschmähten „versteckten Fräuleins“94, denen Feldhaus Inkompetenz und
schlampiges Arbeiten vorwarf.
Wolfgang König hat das Buch 1995 erneut herausgegeben. Er betont in seinem
Vorwort, das Buch sei als „erstes biographisches Lexikon der Weltliteratur über
die Männer der Technik“ trotz nachweisbarer Fehler auch heute noch
„unentbehrlich als Erst- und Kurzinformation“95 . Die Mitglieder des VDI lehnten
die Angriffe von Feldhaus vereint ab. Die Kontroverse zog sich noch über
91 Vgl. Matschoß 1925.
92 Zu einer ausführlichen Darstellung dieser Kontroverse vgl. König 1985, V-XIV.
93 Feldhaus erhielt 1924 von der Technischen Hochschule Aachen die Ehrendoktorwürde
(Historisches Archiv RWTH Aachen, ex 191), die ihm 1936 wieder entzogen wurde (ex 2989 und
ex 988b, R.P.).
94 König 1985, X. – König erwähnt in diesem Zusammenhang, Witte habe zur Zeit der Entstehung
des Buches arbeitswissenschaftliche und psychotechnische Arbeitsgruppen geleitet und als
Schriftleiterin gearbeitet. Allerdings wurde sie später nicht, wie er behauptet, Honorarprofessorin,
sondern erhielt in den 50er Jahren lediglich eine Reihe von Lehraufträgen an der FU Berlin. Es ist
auch nicht korrekt, daß Witte zu denen gehörte, die wenig in Erscheinung getreten waren, wie die
Kontroverse um die "Kritik des Zeitstudienverfahrens" zeigt (vgl. oben Abschn. 1.3.).
95 König 1985, XIII.
71
mehrere Jahre hin. Zwischen 1925 und 1927 wurde eine stattliche Anzahl
"offener Briefe" mit gegenseitigen Beschuldigungen von Feldhaus, Matschoß,
dem VDI und dem Deutschen Museum in München veröffentlicht. Schließlich
erstattete der VDI im Dezember 1925 gegen Feldhaus Strafanzeige wegen
Erpressung und Verleumdung. Noch 1928 polemisierte Feldhaus gegen das
Erscheinen der "Männer der Technik" und das „dumme Geschwätz von Frl.
Witte“96, und im Zuge der gerichtlichen Auseinandersetzungen mußten Witte und
andere Mitarbeiter vor Gericht aussagen97.
In den 1920er Jahren ist Irene Witte als Spezialistin für arbeitswissenschaftliche
Fragen in Erscheinung getreten. Der Streit um die "Kritik des
Zeitstudienverfahrens" von 1921 und der Streit um die "Männer der Technik" von
1925 begleiteten diesen Vorstoß. Die Streitereien sind zum einen exemplarisch für
die nach Selbstdefinition und Verortung suchenden neuen wissenschaftlichen
Disziplinen Arbeitswissenschaft und Technikgeschichte. Zum anderen verweisen
sie auf die relativ große fachliche Wertschätzung Wittes ebenso wie auf ihre für
Kritiker anfällige Position als Nicht-Akademikerin und Frau. Ihre Mitarbeit an
den „Männern der Technik“ allerdings ist in der Tat nicht ohne Ironie. Bekannt als
Autorin und Übersetzerin arbeitswissenschaftlicher Inhalte, hat Irene Witte hier
die Rolle einer fleißigen Zuarbeiterin übernommen, obwohl sie diesen Rahmen
längst gesprengt hatte. Sie arbeitete außerdem für ein Werk, welches das Bild von
einer Technik ohne Frauen perpetuierte98, während sie selbst gerade im Begriff
war, sich als anerkannte Frau der Technik zu etablieren.
1926 bewarb sich Irene Witte um ein Reisestipendium in die USA. Der
Bewerbungstext ist zugleich ein wertvolles Dokument ihrer Selbsteinschätzung:
96 Brief Franz Maria Feldhaus‘ an Oskar von Miller vom 22.8.1928, Archiv Deutsches Museum
München, Oo 7444/7.
97 Vgl. das Pamphlet von Franz Maria Feldhaus "Matschoß, Berlin-Tempelhof, Juni 1927", S.5:
„Da ich durch die richterliche Vernehmung von Fräulein Witte den Beweis erbracht bekam, daß
diese beiden [(Witte und Caslow, R.P.], die allein 243 Biographien (von 850) schrieben, nicht die
allergeringste geschichtlich-technische Vorbildung haben, sondern vor ihrer Stellung im VDI in
ganz beliebigen kaufmännischen Geschäften tätig waren ...“ (Archiv Deutsches Museum, Oo
7444/7).
98 Vgl. hierzu Hausen 1993b, 240f.
72
„I am 32 years of age and have received part of my education in the States, part in Germany,
thus placing me in the lucky position to read and write and speak both the English and the German
language. I received some theoretical training in political and industrial economics over here. As
pupil of Mr. Frank B. Gilbreth I had opportunity to become acquainted with the American
viewpoint and conception of Work as well as with the recent state of Scientific Management. From
1921 to 1924 I worked as assistant in the German Psychotechnical Institute of Dr. Piorkowski in
Berlin, where I became acquainted with German management and employment theories and
methods, and more important still, with the German conception of Work - again both from the
viewpoint of capital as well as labor. In doing psychotechnical installation work in German,
Czechoslovakian and Austrian factories I attained a fair knowledge of the present state of
European industry especially with regards to the social and personnel problems involved. [...] I am
interested in the problem of work and its influence on social and individual life, on civilisation,
education etc. with special reference to the present state of things in America and Europe.“ 99
Es war nicht möglich, den von Witte erwähnten Aufenthalt in Österreich zu
belegen. Zwischen 1924 und 1926 war Irene Witte ohne feste Anstellung. An
Russ Allen schrieb sie, sie wolle an ihren Schreibtisch zurückkehren, um ihre
Erfahrungen niederzuschreiben100. In Kürschners Literatur-Kalender wird sie
1926 als freie Schriftstellerin geführt101; 1928, nach Arbeitsbeginn im Kaufhaus
Israel, als Schriftstellerin und Organisatorin102 und 1934 nur noch als
Organisatorin103.
Es ist vorstellbar, daß die allgemeine Rezeption von "Männer der Technik" und
die Diffamierungen von F. M. Feldhaus gegen die Herausgeber und
Mitarbeiterinnen des Bandes die Suche nach einem neuen Arbeitsumfeld
nahelegte. Irene Witte war durch die Verbindung zu Lillian Gilbreth allerdings
darüber informiert, daß die „Wissenschaftliche Betriebsführung“ Gilbrethscher
Prägung für Großhandelsbetriebe etwas gänzlich Neues war104. Da sie offenbar
mühelos Marktlücken für das – wie sie es in ihren Briefen nannte - „S.M.“
(scientific management, R.P.) zu erkennen vermochte, lag es auf der Hand, daß
Witte den Versuch unternehmen würde, die Prinzipien des S.M. auf deutsche
Verhältnisse zu übertragen und damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. So
99 IW an LMG, 12. 8. 1926, The Frank and Lillian Gilbreth Papers, Purdue University Special
Collections, West Lafayette, Indiana, USA.
100 IW an Russ Allen, 3. 1. 1924, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
101 Vgl. Kürschner 1926, 43. Jg., Sp. 3, 1101.
102 Vgl. Kürschner 1928, 44. Jg., Sp. 2, 1280.
103 Vgl. Kürschner 1934, 46. Jg., 3.Sp, 929.
104 „[...]We have as a new pupil, the head of the Planning Department of R.H. Macy & Co., one of
the most prominent department stores in New York. This is extremely interesting and important to
us as a department store field is practically untouched by Scientific Management[...]“ LMG an IW,
10.2.25 LMG an IW, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
73
wendet sie sich von der Welt der Ingenieure ab und beginnt 1927 eine Karriere
im Einzelhandel.
2. Rationalisierungsexpertin für den Einzelhandel
2.1. Warenhaus, Kaufhaus, Einheitspreisgeschäft
Kauf- oder Warenhäuser prägten etwa seit der Jahrhundertwende das Erschei-
nungsbild der Städte und Großstädte, in Berlin z. B. der 1896/97 von Alfred
Messel errichtete Wertheim-Bau am Leipziger Platz. Bereits 1883 hatte Emile
Zola in einem seiner Romane die sozialen Veränderungen und analog die der
menschlichen Wahrnehmung beschrieben105, die das Phänomen Warenhaus
auslöste: Das Kaufen wurde allmählich zu einem metaphysischen Erlebnis
hochstilisiert, und das Bild vom Warenhaus kam auf als „Kathedrale des
neuzeitlichen Handelns, fest und leicht zugleich, für ein ganzes Volk von Kunden
geschaffen106“. Die Masse des Angebots an preisgünstigen Waren vermittelte
Luxus und Überfluß als ein greifbares und für jedermann erreichbares Ziel. Auch
Irene Witte wußte, wenngleich sie dabei eher an Werbung dachte: „an Stelle der
nackten Ware wird dem Käufer eine Idee verkauft“107.
Eine genaue Definition des Warenhauses gibt es nicht. Nach Ladwig-Winters sind
die genannten Begriffe Warenhaus und Kaufhaus auch heute noch nicht klar
voneinander abgegrenzt. 108 Das Warenhaus unterschied sich vom Kaufhaus
prinzipiell durch ein deutlich umfassenderes Sortimentsangebot, z.B. auch durch
eine Lebensmittelabteilung. Es bezog seinen Kundenkreis aus allen Gesellschafts-
schichten, während das Kaufhaus sich an den Bedürfnissen des gehobenen
Bürgertums orientierte109. Der Kontakt zu den Produzenten wurde ohne den
Zwischenhandel hergestellt, somit konnte der Einkaufspreis erheblich gesenkt
105 Vgl. Zola 1976; orig.: „Au Bonheur des Dames“, Paris 1883.
106 Zit. nach Zola 1976, 368. Zur Architektur der Warenhäuser vgl. auch Pevsner 1963.
107 Vgl. Witte 1926a, 75.
108 Einen Überblick zur Entwicklung des Warenhauses vgl. Lenz 1995, 11ff, Stürzebecher 1979,
8ff sowie Ladwig-Winters 1997a, 25ff.
74
werden. In einem Einheitspreisgeschäft oder „Kettenladen“ hingegen ist das
Angebot unterschiedlicher Waren beschränkt und zu einem einheitlichen Preis
festgelegt.
Die Geschäftsprinzipien eines Warenhauses, heute eine Selbstverständlichkeit,
wurden folgendermaßen festgelegt:
- niedrige Gewinnspannen bei großem Umsatz und raschem Warenumschlag
- breites vielfältiges Warenangebot
- feste Preise (Auszeichnung der Waren)
- Besichtigung der Waren ohne psychologischen Kaufzwang
- Umtausch – sogar Rückgaberecht und
- Barzahlung.110
Das wesentlich Neuartige dieses Handelsbetriebs war die um 1900 beginnende,
betriebswirtschaftlich rationalisierte Organisation, d.h. die Rationalisierung aller
im Geschäftsunternehmen vorkommenden Abläufe111. Sie erfolgte auch hier – wie
zuvor in den Fabrikbetrieben – nach amerikanischem Vorbild. Witte schrieb 1926:
„[...]Bisher hörten wir immer nur, und zwar bücherweise, über die Verfahren, die
man in Amerika anwendet, um die Produktion zu erhöhen. Über die sich daraus
ergebende zweite Frage, wie die erhöhte und verbilligte Produktion drüben
abgesetzt wird, machten wir uns bisher noch keine allzu großen
Kopfschmerzen.“112 Aus den Schriften Irene Wittes spricht dann auch die Or-
ganisatorin, die sich in den großen Häusern der Vereinigten Staaten von Amerika
umgeschaut hat: Warenverteilung (Distribution), Marktanalysen, die Psychologie
der Personalauswahl und der Behandlung der Kunden, Kostenanalyse, die
kurzfristige Gewinn- und Verlustrechnung, Statistik wurden eingeführt, – weit-
gehend unbekannte Größen zumindest in einem durchschnittlich geführten
deutschen Detailhandelsgeschäft, das nach Rudolf Lenz noch 1928 einen festen
109 Ich beziehe mich hier auf die Angaben von Ladwig-Winters 1997a, 26ff. Vgl. auch Lenz 1995,
25. Zur Definition des Warenhauses vgl. auch Homburg 1992, 183f.
110 Vgl. Stürzebecher 1978, zit. nach Ladwig-Winters 1997a, 26-27.
111 Vgl. Uhlig 1956, 10f: „Mit Recht ist daher festgestellt, daß die Wesensgrundlage des modernen
Warenhauses in seiner Organisationsleitung unter Benutzung des gesamten
betriebswirtschaftlichen Rüstzeugs beruht.“
112 Vgl. Witte 1926a, 7.
75
Kundenkreis hatte, Preise individuell festlegte und für Werbung im allgemeinen
nichts übrig hatte:113 „Kurz gesagt, die Systematik fehlte“, heißt es bei Witte.114
2.2. Beruf: Organisatorin im Kaufhaus Israel
Noch vor ihrem Eintritt in das Kaufhaus Israel 1927 veröffentlichte Witte eine 80-
seitige Schrift über amerikanische Verkaufsorganisation115. Der Technikphilosoph
Fritz Giese rühmte zwar „Kürze und Prägnanz“ , aber nicht die
„wissenschaftlichen Erträge“ dieser Schrift116. Dieses Urteil hinderte Giese jedoch
nicht daran, Irene Witte für sein "Handbuch der Arbeitswissenschaft" von 1930
als Autorin heranzuziehen und ihr die Bearbeitung einiger zentraler
betriebswissenschaftlicher Fragen anzuvertrauen.117 Auch die renommierten
Verlage wie Julius Springer oder Oldenbourg, in denen Witte publizierte, lassen
darauf schliessen, dass Wittes betriebsorganisatorisches Wissen geschätzt wurde.
Seit 1927 war sie Leiterin der „Planabteilung“ des Kaufhauses Israel. In der
deutschen Übersetzung von Naomi Shepherds Biographie über den
Kaufhauseigentümer Wilfrid Israel ist zwar von Witte als Leiterin der
"Statistikabteilung"118 die Rede, ich gehe aber davon aus, dass die Planabteilung
gemeint war. Witte definiert diese Abteilung nach den Kriterien des Scientific
Management als eine „arbeitswissenschaftliche Forschungsstelle“119. Da die
113 Vgl. Lenz 1995, 21 sowie 27ff.
114 Vgl. Witte 1926a, 11.
115 Vgl. Witte 1926a.
116 Giese 1926, 222.
117 Vgl. z.B. Witte 1930j und 1930k.
118 Vgl. Shepherd 1985, 83.
119 „Nach Taylor war es Aufgabe der Plan-Abteilung, als Mittler bei einer zentralisierten
Produktionskontrolle zu wirken. Heute wird diese Stelle mehr als ein Werkzeug, ein Hilfsmittel
der Leitung betrachtet, das sie befähigen soll, ihre Aufgaben wirkungsvoller als bisher zu lösen.
Konkreter ausgedrückt kann man sagen, daß die Aufgaben dieser Zentralstelle in der Ermittlung
von bestgeeigneten Verfahren und Vordrucken für die Erledigung aller vorkommenden Routi-
nearbeiten liegen und außerdem darin bestehen, auf die Aufrechterhaltung und stetige
Verbesserung dieser Verfahren zu achten. Eine genaue Unterweisung in den zu verrichtenden
Arbeiten und ein Beaufsichtigen der in Ausführung begriffenen umfaßt sowohl den Taylorschen
Gedanken der zentralisierten Produktionskontrolle als auch den der erwähnten neueren erweiterten
Auffassung der Plan-Abteilung als Hilfsmittel der Betriebsleitung. (...) ist die Funktion dieser
Abteilung eine Normung der befolgten Betriebspolitik, der Arbeitsverfahren, der Einrichtungen
und der Werkzeuge oder Hilfsmittel. Vgl. Witte 1928c, 2-3. Vgl. auch Kap. III, 1.2.1.
76
Bezeichnung „Scientific Management“ jedoch als „Wissenschaftliche
Betriebsführung“ übersetzt worden war, setzte sich das englische Wort „Manager“
oder „Management“ erst während der Rationalisierungswelle nach dem Zweiten
Weltkrieg im deutschen Sprachgebrauch durch120.
Irene Witte teilte den Einzelhandel rückblickend in drei Aufgabenkreise ein: „[...]
erstens in den warentechnischen Aufgabenkreis, der sich vom Einkauf der Ware
bis zum Verkauf erstreckt; hier haben der Einkauf, die Verwaltung, also die
Buchführung, die Statistik und das Vordruckwesen vor allem ihre Domäne,
zweitens in den verkaufstechnischen Aufgabenkreis, der mit dem richtigen
Einsatz und der entsprechenden Lenkung und Ausbildung des Personals
zusammenhängt, also das Problem der Menschenführung umfaßt, und drittens in
den arbeitstechnischen Aufgabenkreis, der sich vor allem mit der zweckmäßigsten
Gestaltung und mit der Vereinfachung aller vorkommenden Arbeiten beschäftigt,
also mit den Kosten und mit Maßnahmen zu ihrer Senkung zu tun hat.[...]“121 Alle
drei Aufgabenkreisen enthalten, so Witte, „werbetechnische“ Aspekte.
Die Organisatorin Witte, die auch in dieser Zeit gleichzeitig schreibt und
organisiert, konnte in dieser neuen Rolle gegen die in vielen ihrer Schriften
beklagte Macht der Gewohnheit zu Felde ziehen. Betriebswirtschaftliche
Rationalisierung war offenbar die einzige Möglichkeit, unter dem Druck des Mitte
der 20er Jahre einsetzenden verschärften Wettbewerbs konkurrenzfähig zu
bleiben. Das Kaufhaus Israel hatte sich neben den stark expandierenden
Warenhäusern Tietz, Wertheim oder Karstadt zu behaupten. Die Entscheidung der
Eigentümer, in dieser Situation einer Frau, die nicht zur Familie gehörte, die
Leitung der Planabteilung zu übertragen, spricht für das Renommée, das sich
Witte zwischen 1924 und 1926 durch ihre Veröffentlichungen erarbeitet hatte122.
Es spricht zugleich für den unternehmerischen Mut des Hauses Israel. Witte
120 Zur Geschichte des Managementbegriffs vgl. Kocka 1999, hier: 136.
121 Vgl. Witte 1951, 10.
122 Vgl. Witte, 1925f, 1925j, 1926a; 1926b; 1926c; 1926d; 1926e. Während ihrer Anstellung im
Kaufhaus Israel erschienen weitere Schriften zu Organisationsfragen: vgl. Witte 1927c, 1928a,
1928b und 1928c.
77
übernahm diese Position 1927123 mit der ihr eigenen Mischung aus
Selbstbewußtsein und Know-How sowie dem offenkundigen Wissen darum, wie
ihre Kenntnisse durch- und umzusetzen seien.
1929 erschien Irene Wittes Porträtphoto auf dem Titelblatt von „Die schaffende
Frau“. Darunter hieß es: „Irene Witte, Organisatorin im Kaufhaus N. Israel Berlin.
Dieser Beruf verlangt Weitblick, wirtschaftliches Talent und straffe Energie.“124
Damit waren die Charakteristika eines Berufes beschrieben, der in Deutschland
von dem Industrieorganisator Walther Rathenau, dem AEG-Direktor und 1922
ermordeten Reichsaußenminister, geprägt wurde. Allerdings hielt Rathenau das
"scientific management" für ein „motivationshemmendes Verwaltungsprinzip“,
das selbst die Unternehmensführung zu formalisieren drohe125. Witte sah das
offenbar nicht als Problem. Bereits 1924 wurde sie Mitglied der 1922 gegründeten
Gesellschaft für Organisation (GfO) und firmierte bei Veröffentlichungen, auch in
der Zeitschrift gleichen Namens, fortan mit dem Titel "MdO" (Mitglied der
Organisatoren-Gruppe).
Das Wort „Organisator“ ist heute noch ein betriebswirtschaftlicher Begriff und
beinhaltet Stabsfunktion126. Irene Witte begann ihre Karriere im Einzelhandel von
Anfang an als Führungskraft. In dieser Hinsicht übte sie einen „männlichen“
Beruf aus, der sich jetzt nicht mehr mit dem Heer der Industriearbeiter
beschäftigte, sondern vor allem mit der Entdeckung der Frau als Konsumentin.
123 Vgl. Witte 1969b.
124 Die schaffende Frau, 1. Jg. Heft 2, 1929.
125 Zit. n. Hellige 1990, 40.
126 Diese Angabe stammt von dem Dipl.-Kaufmann Dr. Horst Lindelaub, Gespräch vom
20.4.2000.
78
Das Kaufhaus N. Israel (Nathan Israel, R.P.) in der Spandauer Straße am Rande
des Berliner Scheunenviertels wurde 1815 gegründet. Anfang der dreißiger Jahre
des 20. Jahrhunderts zählte es mit über 2000 Beschäftigten zu den führenden,
jedoch nicht wie Tietz oder Wertheim zu den grossen Einzelhandelsunternehmen
der Stadt127. Als Irene Witte 1927 ihre Arbeit dort aufnahm, wurde das Haus von
Berthold Israel (*1868 †1935) und seinen Söhnen Herbert (*1903) und Wilfrid
(*1899 †1943) geführt. Nach Hanns Reissner, einem damaligen Mitarbeiter des
Hauses, vereinten sich in diesen drei Personen auch drei Eigenschaften:
Geschäftskenntnis, analytische Fähigkeit und künstlerischer Instinkt128.
Berthold Israel war mit einer Engländerin verheiratet. Ihr Einfluß erklärt wohl die
große Affinität des Hauses zu England und allem Englischen, die der von
amerikanisch-angelsächsischer Tradition geprägten Irene Witte
entgegengekommen sein mag. Der Geschäftsmann und Kosmopolit Wilfrid Israel,
in London geboren und nach englischem Vorbild erzogen, galt als Vorbild für die
Figur des Bernhard Landauer in Christopher Isherwoods Roman "Goodbye to
Berlin", der unter dem Titel „Cabaret“ in den siebziger Jahren verfilmt wurde129.
Eine firmeninterne private Handelsschule geht auf eine Initiative von Wilfrid
Israel von 1925 zurück. Hier wurden kaufmännische Fächer, Naturwissenschaften,
Wirtschafts- und Staatsbürgerkunde sowie– nach angelsächsischem Vorbild –
auch Sport gelehrt. Theorie und Praxis galten als gleichwertig, die Schule verfügte
über einen eigenen Club, einen Theaterkreis und einen Ruderverein,
dementsprechend wurde sie in Berlin mit den Genossenschaften von Robert Owen
sowie den Ideen von John Ruskin zur Reform der Arbeit in Verbindung gebracht.
Eine private Alters-und Krankenversorgung sowie ein Begräbnisfonds für seine
Angestellten machten das Kaufhaus in der Öffentlichkeit zu einem
Musterunternehmen, das Grundbesitzer der Mark Brandenburg, Angehörige des
Heeres und der Berliner Oberschicht sowie den verarmten Adel zu seinen Kunden
zählte.130 Trotz der 1933 einsetzenden „Arisierung“ von Unternehmen (siehe
127 Vgl. Homburg 1992, 188.
128 Vgl. Reissner, 1998, 246.
129 So die Journalistin Naomi Shepherd in ihrer Biographie zu Wilfrid Israel, vgl. Shepherd 1985.
130 Vgl. Shepherd 1985, 76ff.
79
Abschn. 3.1) und der Vertreibung der deutschen Juden aus dem
Wirtschaftsleben konnte die Familie Israel das Haus bis 1939 führen. Es wurde
sogar in den Jahren 1933-39 aufgrund seiner internationalen Verflechtungen (die
Familienmitglieder waren zugleich deutsche und britische Staatsbürger) und der
Arbeit Wilfrid Israels für die zionistische Bewegung zu einer zentralen
Anlaufstelle für die jüdische Bevölkerung Berlins.131
Herbert Israel war der eigentliche Erneuerer der Geschäftsmethoden des Hauses.
Er promovierte an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin im Fach Politische
Ökonomie132 und studierte 1927-1928 die Unternehmensstrategien des
Warenhauses Macy in New York. Da Reisen zu den Originalschauplätzen der
Wissenschaftlichen Betriebsführung zu den Pflichtübungen eines fortschrittlich
denkenden Unternehmers oder Betriebswissenschaftlers der zwanziger Jahre
gehörte, ist es möglich, daß es zwischen Herbert Israel und Irene Witte Anfang
1927 in den USA zu einer Begegnung kam133. Nach seiner Rückkehr aus den
USA begann die erwähnte Umsetzung dieser Strategien auf das Berliner Haus
mithilfe der von Witte geleiteten Planabteilung.
Die praktische Arbeit Wittes als Warenhausorganisatorin wird erst im Rückblick
deutlicher, nämlich aus den Inhalten der ab 1951 verfassten
Rationalisierungsbriefe des Handels134. Darin spricht Witte z.B. in Brief Nr. 6 auf
über vierzig Seiten von der „Reorganisation eines bekannten größeren Berliner
Kaufhauses, das heute nicht mehr besteht135“. Dieses Kaufhaus hatte – wie sie
schreibt - „seinerzeit (zwischen den beiden Weltkriegen) den Ruf eines besonders
leistungsfähigen und erfolgreichen Unternehmens.“136 Es ist zu vermuten, dass es
sich hierbei um das 1815 gegründete Kaufhaus Israel handelte.
131 Vgl. Shepherd 1985, 146ff. Das Unternehmen Israel wurde 1939 von der Emil Koester AG für
einen „ausgehandelten“ Betrag übernommen; vgl. Reissner 1998, 249.
132 Vgl. Reissner 1998, 246.
133 Vgl. Reissner 1998, 241 und Witte 1928c, Vorwort.
134 Siehe Kap. III, Abschn. 6.2.
135 Vgl. Witte/ Leihner 1951-1965, Nr. 6, S. 3.
136 Ebd.
80
2.3. Die Ausstellungsreihe "Etat-Heim" und das Vorbild der amerikanischen
Haushaltsrationalisierung
Das oben erwähnte Stipendium für Amerika war offenbar bewilligt worden, denn
aus dem Vorwort zu „Neue amerikanische Verkaufs- und Lagerverfahren“ von
1928 geht hervor, daß Witte 1927 in die USA gereist war. Ein weiteres Ergebnis
dieser Reise war die 1928 erschienene Publikation über „Heim und Technik in
Amerika“137. Mit dem Erfolg der Übersetzung von Christine Fredericks Buch
"The New Housekeeping : Efficiency Studies in Home Management“ von 1921
hatte Irene Witte die Debatte um die Rationalisierung der privaten Haushalte in
Deutschland bereits eingeleitet138. Für die Wiener Architektin Margarete Schütte-
Lihotzky gab dieses Buch den Ausschlag für den Entwurf ihrer als bahnbrechend
geltenden "Frankfurter Küche"139. Witte war seit 1923 als Spezialistin für
Haushaltstechnik im Orga-Institut Berlin tätig und schrieb das Gutachten für diese
Küche, die Ernst May 1926 in den Siedlungen in Frankfurt am Main
installierte140:
„Ich habe eingehend Ihre Pläne durchgearbeitet und betrachte sie als einen entscheidenden Schritt
vorwärts in der Richtung der praktischen Rationalisierung des Haushaltes. Die einzelnen Gesetze,
die die Arbeitswissenschaft uns stellt, wie Zeit-und Bewegungsersparnis, Materialersparnis und
zwangsläufigen Durchlauf der Arbeit sind gerade in Ihrer Kochnischen- u. Spülkücheneinrichtung
in bester Weise befolgt worden. Ich wünsche, dass Ihre Pläne weitgehend verwendet und
verwirklicht werden können, da sie gerade heute, wo wir fast in der ganzen Welt im Zeichen der
Wohnungsnot stehen, in der Lage sind, diese ein wenig zu steuern.“141
137 Vgl. Witte 1928a.
138 Vgl. Frederick 1921b.
139 Vgl. Peukert 1987, 105f. Vgl. auch Wildt 1996, 79. Wildt beschreibt, welch großen Eindruck
das Buch von Christine Frederick auf M. Schütte-Lihotzky gemacht hat.
140 vgl. Allmayer-Beck 1996, 240ff.
141 Gutachten 1923-01-11 (Abschrift) vom 11.1.1923, unterzeichnet mit: Irene Witte m.p.,
Abteilung für Haushaltsführung (Nachlaß M. Schütte-Lihotzky, Wien). Ich danke Renate
Allmayer-Beck für die Zusendung der Kopie dieses Dokuments. – Margarete Schütte-Lihotzky
entwarf schon im Frühjahr 1922 eine Siedlerhütte (4 x 4 m), bei der Wohnfunktionen auf
geringstem Raum zu verteilen waren. Der Hauswirtschaft wurde eine multifunktionale Nische
zugeordnet für Kochen-Abwaschen-Wäschereinigung-Baden. Die Kochnische wurde genau nach
den Gesetzen der Griff- und Schrittersparnis geplant, die auf der Kenntnis des Buches von Irene
Witte „Die rationelle Haushaltsführung, betriebswirtschaftliche Studien“, beruhten. Vgl.
Allmayer-Beck 1996, 238ff.
81
Der Kontakt zwischen den beiden Frauen zeigt, dass die Rationalisierung der
Hausarbeit in Deutschland hauptsächlich von der Architekturbewegung ausging.
1924 erschien von Bruno Taut die kleine Schrift „Die neue Wohnung. Die Frau
als Schöpferin“, 1926 von der Architektin Erna Meyer „Der Neue Haushalt. Ein
Wegweiser zur wissenschaftlichen Hausführung“142, das laut Siegfrid Giedion
zufällig den gleichen Titel führte wie Christine Fredericks Buch von 1915143.
Die „Frankfurter Küche“ ging als Symbol des sozialen Wohnungsbaus der
zwanziger Jahre und als "Küchenlabor der Hauswirtschaftsingenieurin"144 in die
Architektur- und Sozialgeschichte ein. Die Bücher von Frederick und Erna Meyer
waren Bestseller: Zeit und Kraftersparnis, das arbeitssparende Gerät, die Hygiene
des Haushalts, die Arbeitserleichterung durch ergonomisch vernünftige
Arbeitsflächen sowie Kostenfragen werden zu Gegenständen des „Nachdenkens“
über den Haushalt. Die Hausfrau sollte sich ihrer volkswirtschaftlichen
Machtposition, ihres enormen Einflusses auf die Preisregulierung der Waren
bewußt werden145.
1928 faßte Witte die Ergebnisse ihrer Amerika-Reise in einer Monographie
zusammen, die nach Mary Nolan eine genaue Wiedergabe der amerikanischen
Verhältnisse darstellt146. Witte verblüfft mit einer präzisen Kenntnis technischer
Details und des entstehenden Absatzmarktes für Haushaltsgeräte. Durch Arbeits-
schritte wie „Vorbereiten - Ausführen - Abräumen“ habe die Hausfrau wie ein
Ingenieur schlichtweg nach dem „was ist zu tun?“ und „warum ist etwas zu tun?“
zu fragen und dementsprechend zu handeln. Conrad Matschoß war von diesem
Buch offenbar so beeindruckt, daß er es mit einem „Hinweis auf die
Spülvorrichtung auf Seite 31“ dem Direktor des deutschen Museums in München,
Oskar von Miller, zur Lektüre empfahl147.
142 Dr. Erna Meyer, Der Neue Haushalt. Ein Wegweiser zur wissenschaftlichen Hausführung,
Stuttgart 1926.
143 Hier irrt Sigfried Giedion, denn Fredericks Buch erschien 1918.
144 Vgl. Dörhöfer 1987, 199, zit. nach G. Uhlig1981.
145 Vgl. Witte 1926a, 74f.
146 Vgl. Witte 1928a; vgl. auch Nolan 1994, 110.
147 Schreiben vom 1.6.1929, Archiv Deutsches Museum, VA 0956.
82
Sigfried Giedion thematisiert in seinem Standardwerk zur "Herrschaft der
Mechanisierung" ebenfalls den Zusammenhang zwischen der Anpreisung von
Küchengeräten und der expandierenden Elektroindustrie und erwähnt Wittes Buch
immerhin in einer Fußnote148. Lillian Gilbreth hingegen interpretierte diesen
Zusammenhang als unternehmerisches Zugeständnis an die Nöte der Hausfrau.
Sie installierte 1930 direkt in den Räumen der Brooklyn Gas Company eine
"kitchen practical", die Giedion als eine „der ersten Versuche der amerikanischen
Industrie, die Küchenarbeit durch Bewegungsanalyse [...] zu rationalisieren “149
beschreibt. Diese Küche wurde 1931 durch Vermittlung Wittes neben der
„Frankfurter Küche“ von Margarete Schütte-Lihotzky auf der Bauausstellung in
Berlin gezeigt150.
Witte hatte sich in der Öffentlichkeit zuerst als Rationalisierungsexpertin von
Industriebetrieben einen Namen gemacht. Um so auffallender ist es, daß sie ihre
praktische Arbeit überwiegend auf einem „typisch“ weiblichen Sektor, nämlich in
der Nische der Haushaltsgestaltung leistete. Das galt auch für die Jahre ihrer
Anstellung im Kaufhaus Israel, in dem Witte ab 1929 eine Wohnberatungsstelle
einrichtete. Zum Prgramm gehörte eine Ausstellungsreihe mit Namen „Etat-
Heim“, die anhand von Pressebeiträgen rekonstruiert werden konnte.
148 „[...]Die Eindringlichkeit, mit der man um 1912 in Amerika den Betrieb der Hauswirtschaft
untersuchte, blieb nahezu völlig unbekannt oder in wenig beachteten Publikationen vergraben.[...]“
(Giedion 1948, 569f); Irene Wittes Buch "Heim und Technik in Amerika" (Witte 1928a) wird in
der Anmerkung 22 ebd., 570 angeführt.
149 Giedion 1948, 569.
150 Vgl. Katalog zur Deutschen Bauausstellung, 9. Mai - 2. August 1931, Berlin Ausstellungs-,
Messe- und Fremdenverkehrs-Amt der Stadt Berlin (Hg.), Bauwelt-Verlag / Ullsteinhaus Berlin
(Hrsg.), Internationale Abteilung. Vgl. auch den Brief von IW an LMG, 13.5.1931: „Your kitchen
practical is meeting the greatest interest in the International Housing Exhibition....I have asked a
young man familiar to the subject to do the explaining....I agreed to give him a renumeration of M
200.-“, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
83
Mit dieser Ausstellungsreihe wird die Verbindung zwischen den grossen
Einzelhandelsbetrieben und der neuen Rolle der Hausfrau als eine den Konsum
kontrollierende Instanz hergestellt. Über diese Arbeit veröffentlichte Witte
Beiträge in der von Margarete Kaiser151 1929 gegründeten Zeitschrift "Die
schaffende Frau. Zeitschrift für modernes Frauentum"152. So wird im Geleitwort
der ersten Ausgabe über die Schlagworte „Arbeit" und "Leistung" im
„Haushaltsbetrieb“ das Augenmerk auf die unbezahlten Dienste der häufig
berufstätigen Hausfrauen gelenkt.153 Und Witte hielt sich wie üblich an den
Regelschatz der Gilbrethschen Bewegungsstudien: „Alle Arbeit“, schrieb sie,
„besteht aus Bewegungen; gelingt es mir, Bewegungen zu verhindern, so erspare
ich Kraft und Zeit.“ Es empfehle sich, den „großen Wissenschaftlern, Ingenieuren
und Organisatoren“ zu folgen, auch „über den Haushalt nachzudenken“ und zu
fragen: „Warum so viele Töpfchen und Kännchen und blaue Bändchen und
Spitzen in der Küche? Warum? Ein klares Durchdenken wird keine eigentlichen
Zweck wohl aber eine recht bedeutende Arbeitsbelastung zeigen; denn in diesem
Zusammenhang von einer Romantik des Heims zu sprechen, ist wohl nicht ganz
151 Die Zeitschrift erschien monatlich im Mayo-Verlag Berlin. Der Name setzt sich aus den
Anfangssilben der Vornamen des Ehepaares MArgarete und JOachim Kaiser zusammen (Berliner
Adreßbuch 1929, Band 3, S. 1420, IV. Teil: Straßen und Häuser heißt es: Kaiser, J. Kfm. Die
Anschrift des Ehepaares war auch die Anschrift des Verlages, Marienbader Str. 9, Berlin-
Schmargendorf. Der Verlag findet sich nicht im „Adreßbuch des Deutschen Buchhandels“,
folglich wurde die Zeitschrift als Privatdruck herausgegeben, wahrscheinlich auch privat
finanziert.
152 Witte 1929 a, b, c.
153 „[...]Arbeit und Schaffen formen den heutigen Frauentyp. Die von wirtschaftlicher
Notwendigkeit und seelischem Leistungswillen bestimmte Tätigkeit der Frau im Erwerbsberuf und
als wertschaffende Hausfrau ist einer der wichtigsten Faktoren der Volks-und Privatwirtschaft
geworden. Das dritte große Arbeitsgebiet der Frau, ihre Mutterschaftsleistung, steht in engstem
Zusammenhang mit Wirtschafts- und Berufsproblemen und wird mit verantwortungsvoller
Bewußtheit durchlebt. Der Masseneintritt von Frauen aller Stände und Klassen in das Berufsleben
und in die Gemeinschaft der Schaffenden, die Forderung nach beruflicher Auffassung der
Hausarbeit, die Proklamierung der Mutterschaft als einer über das persönliche Leben
hinausgehenden Leistung gibt der Frau neue Lebensziele. Die weibliche Berufsarbeit und die
Bewährung der Frau in sachlicher Leistung hat ein neues Ethos der Arbeit und des persönlichen
Lebens geschaffen.[...]“ Geleitwort zur Zeitschrift, Jg. 1929, Heft 1, 3.
84
am Platze!“154 Und so lautete ihr Vorschlag: „Organisiere Deinen Haushalt und
erleichtere Dein Leben“ 155.
Die Orientierung dieser Ausstellungen an den Zielvorgaben des Bauhauses war
offensichtlich: Vereinfachung und Verbilligung im Haushalten, rationelle
Arbeitstechnik, keine übertriebene, für "nutzlos" erachtete Ornamentik. Der
moderne Haushalt, so Witte, erfordere "Planarbeit", d.h. Buchführung, Kosten-
Nutzenrechnung, einen exakt kalkulierten Kleider-Etat, korrektes Geschirrspülen,
raumsparende Möbel und das Vermeiden von Staubfängern. Auch die
umsatzfördernde Zahlung auf Raten wurde empfohlen, obgleich Witte noch 1926
in einem Zeitungsartikel vor einer „künstlichen Anregung des Bedarfs“ durch
Ratenzahlung oder „das sinnlose Einhämmern“ von Reklame gewarnt hatte: „In
Amerika wird ein Dollar ausgegeben, um den Konsumenten für das, was er
kaufen oder nicht kaufen soll, zu erziehen; für die gesamte Erziehung, und zwar
für die Elementar-, die Hochschul- und Universitätserziehung werden 70 Cents
ausgegeben.“156 1929 verdiente Witte mit ebensolcher Werbung und der
Erziehung der Hausfrau zur Konsumentin selbst nun ihren Lebensunterhalt.
Die Ausstellungen im Kaufhaus Israel waren Publikumsrenner, und so wurde aus
dem Etatheim-Gedanken zwangsläufig eine Bewegung. Damit wurde der
Ausstellungsreihe von Irene Witte jenes Zeitschlagwort angeheftet, das den
transformatorischen Zustand von Gesellschaft, Politik und Kultur am besten zum
Ausdruck brachte. Die Beiträge in der Zeitschrift "Die Schaffende Frau" lösten
eine öffentliche Diskussion über Frauen und Berufstätigkeit aus. Die Vossische
Zeitung ließ im Dezember 1929 berufstätige Frauen, u.a. Alice Salomon, Elly
Beinhorn und Käthe Kruse über ihre Schwierigkeiten und Erfolge sprechen157. Die
Zeitschrift hatte es sich zur Aufgabe gestellt, „das große Erwachen der
schaffenden Frau zur Darstellung zu bringen“158 und mit Erfolg gearbeitet. Eine
Leserin schrieb: „Es gefällt mir an Ihrem Blatt, daß es nicht nur über die großen
154 Ebd.
155 Ebd., 26.
156 Witte 1926c, 162ff
157 Vgl. "Wie ich zu meinem Beruf kam", Erste Beilage zur Vossischen Zeitung vom 25.12.1929.
158 Dr. Ernst Lau, Unsere Berufsumfrage, in: Die Schaffende Frau, 1.Jg., 1929, Heft 3, 3.
85
Grundlinien der aufstrebenden Frauenbewegung berichtet, sondern daß aus
jeder Nummer die Frau etwas Praktisches entnimmt, was ihr hilft, ihr Leben
einzurichten.“159
Auch mit einer Ausstellung zur modernen Wohnungseinrichtung in der neuen
Bruno-Taut-Siedlung in Berlin-Zehlendorf rückte Irene Witte in die Nähe zu den
künstlerischen und architektonischen Strömungen der "Neue Sachlichkeit".
Vergleichbar mit dem Einfluß der Wissenschaftlichen Betriebsführung auf das
Arbeitsleben suchte die Neue Sachlichkeit die Ästhetik des (bürgerlichen) Alltags
mit dem Blick aufs Praktische und Funktionale zu verändern: „Neu bauen heißt
auch neu wohnen, es ist selbstverständlich, daß die Form unserem heutigen Maß,
Menschenmaß, angepaßt ist und jedes Übermaß der Paläste einer vergangenen
Epoche mit allen Reminiszenzen ausgeschaltet wird.“160 Das Plakat für diese
Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der Redaktion der Zeitschrift "Die
Schaffende Frau" im November 1929 konzipiert wurde, warb mit typographischen
Ausdrucksmitteln, in denen die des Bauhaus-Künstlers Joost Schmidt
wiederzufinden sind161. Aus dem Ausstellungsalmanach geht hervor, daß
Frauenrechtlerinnen wie Adele Schreiber (die 1921 das Vorwort für "Die
rationelle Haushaltsführung" geschrieben hatte162) und Hildegard Grünbaum-
Sachs zu den Initiatoren gehörten.163 Die Ausstellung wurde am 10. November
1929 unter anderem in der Vossischen Zeitung angekündigt und zwei Tage später
159 Zit. aus Die Kunst, zu leben (ohne Angabe des Autors), in: Die schaffende Frau, 1. Jg., 1930,
Heft 5, 3.
160 Hans Walsch, Raumkunst und Kleinwohnung, in: Die schaffende Frau, 1.Jg., Heft 5, 1930, 154.
161 Joost Schmidt (*1893 †1948), 1925-32 Bauhaus-Meister, Bildhauer und Typograph, 1945-47
Professor an der Hochschule für bildende Künste und Chefgrafiker des American Exhibition
Center Berlin.
Siehe Anhang C.
162 Vgl. Frederick-Witte 1921.
163 Vgl. Etat-Heim Almanach. Wirtschaftlichkeit schafft das Heim das Freude macht, N. Israel,
Gegr. 1815, Spandauer - Königstr.; Archiv der deutschen Frauenbewegung, Bibliothek und
Studienzentrum, Kassel.
86
sehr positiv rezensiert. Die "Etatheim-Bewegung" begann, sich in der
Öffentlichkeit zu etablieren164.
Als Organisatorin eines Kaufhauses mußte Irene Witte die Mechanisierung von
Privathaushalten als Verkaufsstrategie unterstützen. In ihren Veröffentlichungen
hingegen ergänzte Witte diese Strategie gelegentlich mit neuen Vorschlägen zum
„menschlichen Faktor“ im Haushaltsbetrieb. So schrieb sie z. B. 1930: „In
Amerika, wo die verheiratete berufstätige Frau eine Allgemeinerscheinung ist, wo
fremde Hilfe im Haushalt zu den Seltenheiten gehört, ist es eine
Selbstverständlichkeit, über die man nicht mehr spricht, daß der Mann, der genau
so wie die Frau tagsüber tätig war, auch abends der Frau beim Haushalten
hilft.165“ Ein sicherlich ungewöhnliches Ansinnen, das die traditionelle
Geschlechterordnung im Deutschland der Weimarer Republik hinterfragte166.
Witte – wie auch Lillian Gilbreth oder Margarete Schütte-Lihotzky - gehörten zu
jener Gruppe von Frauen, die bei der durchkalkulierten Küche eine Anhebung des
sozialen und politischen Status der berusftätigen, verheirateten oder auch
alleinstehenden Frau vor Augen hatten. Was sie jedoch nicht ausreichend
bedachten, waren die restriktiven Folgen, die sich aus dem oben beschriebenen
„Neuen Bauen“ und der rationalisierten Küche ergaben: Während die
großbürgerliche Hausfrau in die Repräsentation verbannt worden war167, sollten
nun auch die Frauen der Unterschicht - wie zuvor die Fabrikarbeiter – in die
Schule der wissenschaftlichen Betriebsführung geschickt werden. Dörhöfer
kritisiert dann auch die „Verbannung der Frau in die normierte Kleinküche“168.
Die Küche, einst Versammlungsort der Familie, wurde - wie Witte selbst einmal
hellsichtig, wenngleich unkritisch bemerkte - auf den Status eines
164 „Besonderen Verdienst am Aufbau der reichhaltigen, anregenden Ausstellung haben sich die
Organisatorin des Hauses Israel, Irene Witte und Margarete Kaiser, Herausgeberin der Zeitschrift
"Die schaffende Frau" erworben“. Vossische Zeitung, 12.11.1929.
165 Vgl. Die schaffende Frau, 1. Jg., 1930, Heft 6, 195.
166 Zur Herausbildung der Geschlechterordnung in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft vgl.
Hausen 1997.
167 Vgl. z.B. Kittler 1980, 18ff.
168 Vgl. Dörhöfer 1987, 203.
87
„Konsumtionsbetriebs“169 reduziert und versachlicht170. Sie wurde zu einem
Ort, an dem mit einem Höchstmaß an räumlicher Ökonomie und maschineller
Ausrüstung gearbeitet wurde, auch um „unangenehme“ Nebenerscheinungen wie
Gerüche zu vermeiden.
Für Witte war das Wichtigste, sich „vom Althergebrachten zu lösen“, eine
Forderung, die Adolf Loos auch als die „Diktatur eines Teilgesichtspunktes171
charakterisiert. In der heutigen Forschung wird der Rationalisierung und
Mechanisierung der Privathaushalte dann auch das befreiende Moment teilweise
abgesprochen, an das Irene Witte und andere Frauen noch glaubten. Witte sprach
zwar 1923 in ihrem Gutachten zur „Frankfurter Küche“ von einem
zwangsläufigen Durchlauf“, schien jedoch an dieser Bezeichnung nichts
Nachteiliges zu finden172. Gertraude Krell bezeichnet die
Haushaltsrationalisierung wiederum als eine Strategie der Arbeitswissenschaften,
unzufriedenen Hausfrauen die Verantwortung für ihre Unzufriedenheit173 selbst
zuzuschieben und diese auf einen „Management“-Fehler zu reduzieren174. Bei
Irene Witte muß jedoch zwischen der beruflichen und privaten Person strikt
getrennt werden. Es geht ihr bei allem Geschäftssinn immer auch um Aufklärung.
Die Frau sollte sich ihrer volkswirtschaftlichen Machtposition, ihres Einflusses
auf die Regulierung von Preisen bewußt werden. Für die Privatperson Irene Witte
war Hausarbeit jedoch etwas, das andere taten.
Rückblickend wird argumentiert, daß bei der Haushaltsrationalisierung „die
Ausnutzung technischer Möglichkeiten und Absatzchancen175“ oder „die alles
überragende Forderung nach einer Anwendung der Technik im Haushalt“176 im
Mittelpunkt standen. Und Hausen stellt zu Recht die Frage, wie es denn sein
169 Vgl. Witte 1928e, 132.
170 Vgl. auch Hessler 2001.
171 Loos 1979, 34f, zit. nach Dörhöfer, 1987, 201.
172 Vgl. oben, Abschn. 3.1.
173 „Sie [die Hausfrau, R.P.] muß lernen, die ihr zur Verfügung stehenden Mittel, Hilfsmittel und
vielleicht auch Menschen auf zweckmäßigste Weise in ihrem Betrieb [sic!] zu beschäftigen.“,
Witte 1931a, 467.
174 Vgl. Krell 1984, 40ff.
175 Vgl. Bussemer, H.U., Meyer, S., Orland, B., Schulze, E., in: Tornieporth (Hg.) 1988, 119.
176 Vgl. Orland 1993, 235.
88
könne, daß Maschinen im Haushalt als „emanzipatorische Nachhilfe“ 177
hochgelobt würden, während es andererseits als heroisch galt, wenn die Männer
sich dagegen wehrten, ihre Privilegien an neue Maschinen abzutreten. Selbst
Ingenieurinnen wie Ilse Knott-Ter-Meer, die ihren Haushalt selbstverständlich
„mechanisierte“, leisteten sich offenbar immer auch Haushaltshilfen und
Kindermädchen178. Hannah Arendt formulierte es noch 1967 folgendermaßen:
„[...] Hinzu kommt, daß der Konsumprozeß, den das Arbeitsgerät erleichtert, nicht unbegrenzt
mechanisierbar ist; jede Hausfrau weiß, daß hundert Gadgets in der Küche und ein halbes Dutzend
Roboter im Keller noch niemals die Dienstleistungen auch nur eines dienstbaren Geistes ersetzt
haben [..].“179
In Deutschland wurde die rationalisierte Küche als platz- und kostensparendes
Moment erst im Massenwohnungsbau der 50er Jahre in großer Zahl eingeführt.
3. Weltwirtschaftskrise und Nationalsozialismus
3.1. Die „Arisierung“ der Warenhäuser
Mit dem Börsenkrach vom Oktober 1929 begann der wirtschaftliche und
kulturelle Niedergang der Weimarer Republik. Dabei traf die Weltwirtschaftskrise
die von Auslandskrediten abhängige deutsche Wirtschaft besonders hart. Der
dramatische Rückgang der Produktion, der allgemeine Preisverfall und vor allem
die Massenarbeitslosigkeit führten zu einer starken Verunsicherung der
Gesellschaft, in deren Folge der ohnehin schon geschwächte Parlamentarismus
der Weimarer Republik seine politische Legitimität verlor, so daß die
Nationalsozialisten im Januar 1933 fast ungehindert die Regierungsmacht
übernehmen konnten.180
177 Vgl. Hausen 1993, 49.
178 Vgl. Fuchs 1994, 122.
179 Vgl. Hannah Arendt 1967, 110.
180 Vgl. Peukert 1987, 243ff.
89
Wirtschaftlicher Antisemitismus war bereits vor der Machtübernahme,
insbesondere in den krisenhaften 20er Jahren weit verbreitet. Frank Bajohr sieht
darin auch einen im Kern antisemitisch umdefinierten Modernisierungskonflikt181.
Im Einzelhandel machte sich dieser Konflikt in dem sogenannten Kampf des
Mittelstandes gegen Warenhäuser Luft. Bereits 1900 wurde in Preussen auf
Drängen der Mittelständler ein Gesetz verabschiedet, das Unternehmen mit einem
Umsatz von über 400.000 Reichsmark mit einer Sondersteuer belegte182. Hinzu
kamen seit Ende des Ersten Weltkrieges und der Wirtschaftskrise 1923 massive
Boykotthandlungen gegen „jüdische“ Geschäfte183. Keine anderen
Großunternehmen, so Martin Fiedler, waren dann in den ersten Monaten nach der
Machtergreifung 1933 vergleichbar intensiv zur Zielscheibe der Propaganda des
Antisemitismus geworden wie die Warenhauskonzerne184. Als Distributionsform
zur Versorgung der Bevölkerung waren sie jedoch vergleichbar mit der
Produktionsform industrieller Betriebe und daher volkswirtschaftlich nicht mehr
wegzudenken. Sie waren zu keiner Zeit wirklich gefährdet185. Mit der Krise 1929
hatten die Warenhäuser jedoch mehr als andere Branchen unter dem Einbruch des
Konsums zu leiden186. Sie gerieten durch den notwendigen Sanierungsbedarf
zunehmend in die Abhängigkeit von Banken. Da die meisten der
Warenhauseigentümer jüdische Deutsche waren, bot diese Ausgangslage den
Nationalsozialisten den Vorwand für die Legitimation ihrer rassistischen
„Arisierungs-“Politik.
181 Vgl. Bajohr 2000, 24.
182 Vgl. Stürzebecher 1979, 10; Spiekermann 1994. Die 1919 gegründete Hauptgemeinschaft des
deutschen Einzelhandels (HdE) sollte bei diesen Auseinandersetzungen eine Brückenfunktion
übernehmen. 1953 ging aus dieser Organisation die von Irene Witte mitgestaltete
Betriebswirtschaftliche Beratungsstelle des Einzelhandels (BBE) hervor. Hierzu Kap. III, Abschn.
6.
183 Vgl. Uhlig 1956, 67f. Uhlig setzt den Beginn der nationalsozialistischen Hetzkampagnen 1925
an, als sich der Konjunkturanstieg verlangsamte; vgl. a. Lenz 1995, 169f. und Ladwig-Winters
1997, 117f.
184 Vgl. Fiedler 2000, 75.
185 Vgl. Ladwig-Winters 1997a, 317.
186 Vgl. Fiedler 2000, 68.
90
Das Wort „Arisierung“ entstand Mitte der 30er Jahre im Jargon der Nazi-
Behörden. Es war die Bezeichnung für den Prozeß der wirtschaftlichen
Verdrängung und Existenzvernichtung der deutschen Juden, für den
Eigentumtransfer von „jüdischem“ in „arischen“ Besitz187. Zwar prägten Staat und
Partei das Klima und die Rahmenbedingungen für die „Arisierung“, aber sie war
auch als soziale Praxis zu begreifen. Ohne die Beteiligung von Millionen von
Deutschen wäre dieser Prozess nicht möglich gewesen188. Nach Bajohr liessen
sich die „Erwerber“ jüdischer Unternehmen drei Gruppen zuordnen:
- aktive und skrupellose Profiteure, welche die Zwangssituation der Besitzer
rücksichtslos zum eigenen Vorteil nutzten und mit Repressalien den Kaufpreis zu
drücken versuchten;
- stille Teilhaber der Nationalsozialisten, die ihren Gewinn im Rahmen der
„Arisierung“ – z.B. bei der Minderbewertung von Inventar und Warenlagern -
einstrichen und sich sonst nicht weiter exponierten;
- gutwillige und verständnisvolle Geschäftsleute, die jüdische Eigentümer
angemessen zu entschädigen versuchten. Insbesondere das Verhalten dieser
letztgenannten Gruppe zeige die realen Handlungsspielräume der Käufer189.
Nach dem Novemberprogrom von 1938 gab es diese Spielräume nicht mehr. Das
Wort „Arisierung“ wurde zunehmend durch das Wort „Entjudung“ ersetzt, das
noch deutlicher nicht nur auf die wirtschaftliche, sondern auch auf die geplante
physische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung verwies.
187 Vgl. Bajohr 2000, 15f. Als Überblickdarstellung der „Entjudung“ des deutschen
Wirtschaftslebens vgl. auch Barkai 1988.
188 ebd., 17.
189 ebd., 25f.
91
In welcher Form die „Arisierung“ eines Unternehmens kurz nach der
Machtübernahme durchgeführt wurde, läßt sich am Warenhaus Hermann Tietz
beispielhaft nachvollziehen190, das von 1933 an unter dem Namen „Hertie“
geführt wird. Da Irene Witte ab 1935 für den Hertie-Konzern arbeitete, sei dieser
Vorgang hier kurz skizziert.
Das Unternehmen von Hermann, Leonhard und Oscar Tietz galt als „Warenhaus
des behaglichen Mittelstands“191 . Im Herbst 1900 wurde die bekannte Berliner
Filiale in der Leipziger Straße eröffnet. In den 20er Jahren war das Unternehmen
auf zehn familieneigene Geschäftshäuser angewachsen und bereits 1927 hatte sich
die Firma neben den Konkurrenten Jandorf, Karstadt und Wertheim zum größten
Warenhauskonzern Europas in Eigenbesitz entwickelt. Doch die Auswirkungen
der Wirtschaftskrise 1929, die schwindende Kaufkraft der Kunden sowie die ab
1933 verstärkt einsetzenden Boykottaktionen führten auch bei Tietz zu
katastrophalen Einbrüchen. Zwischen 1930 und 1933 wurde ein Umsatzrückgang
von etwa 46% verbucht192. Nach der Machtübernahme wurde ein von der
Akzeptanzbank bewilligter Kredit in Höhe von 14,5 Mio RM zurückgezogen. Das
Unternehmen sah sich daher gezwungen, am 29. Juli 1933 einem
Auseinandersetzungsvertrag zur Sanierung des Hauses zuzustimmen, der im
Grunde den oben beschriebenen „Arisierungs“-prozess in Gang setzte. In diesem
Vertrag wurde die "Hertie Kaufhaus-Beteiligungs-Gesellschaft mit beschränkter
Haftung in Berlin" (Hertie) als neuer Teilhaber eingeführt193. Sie sollte die
„Herstellung eines arischen Übergewichts in der Geschäftsführung“ gewährleisten
und den nötigen Kredit beschaffen. Die Übernahme der Konzernleitung fand unter
der Kontrolle eines Bankenkonsortiums statt, bestehend aus Deutsche Bank und
190 Ich folge hierbei den Angaben in der 1997 erschienenen Dissertationsschrift von Simone
Ladwig-Winters an der FU Berlin über das Warenhaus Wertheim. Sie beschreibt auch die
„Arisierungs“-Vorgänge bei Hermann Tietz und bezieht sich überwiegend auf Quellen des
Bundesarchivs Potsdam (Ladwig-Winters 1997a, 149ff, 176ff, 443ff). Christoph Boyer (TU
Dresden) bezeichnet das Buch als eine detaillierte Schilderung der bislang kaum bekannten
juristischen und ökonomischen „technicalities“ der „Aussonderung“. Vgl Boyer 1998.
191 Vgl. Ladwig-Winters 1997a, 42.
192 Vgl. ebd., 105. Zur allgemeinen Lage der Warenhäuser und der Kreditvergabe durch die
Banken vgl. ebd., 98-106; vgl. a. Lenz 1995, 42ff.
193 Ladwig-Winters 1997a, 151ff.
92
Disconto-Gesellschaft, Dresdener Bank, Mendelssohn & Co., Hardy & Co.
sowie Viktoria-Versicherungsgesellschaft.
Der neue Geschäftsführer hieß Georg Karg. In der Rückschau bezeichnete er sich
noch 1970 als „weit und breit der einzige, der vor Angriffen aus rassischen
Gründen sicher war“194. Karg war ursprünglich Geschäftsführer des Berliner
Warenhauses Jandorf, das 1926 von Hermann Tietz übernommen wurde. Dort
leitete er den Textileinkauf des gesamten Unternehmens. Als eine seiner ersten
Handlungen bei Hertie entliess Karg bereits im August 1933 etwa 50% der
Belegschaft und kürzte die Gehälter um die Hälfte195. Da es sich bei den 500
Entlassungen um jüdische Mitarbeiter handelte, war diese
Rationalisierungsmaßnahme zugleich eine erste „Arisierungs“-Maßnahme. Nach
1945 fiel es Karg schwer, den Alliierten diesen Schritt als Sanierung zu
verkaufen. Um einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit den emigrierten
Mitgliedern der Familie Tietz aus dem Wege zu gehen, kam es 1949 zu einem
„großzügigen“ Vergleich, über dessen Höhe jedoch keine Angaben vorliegen.
Karg, der in der Presse noch 1970 als „schweigsamer Warenhauskönig“196
bezeichnet wird, leitete den Hertie-Konzern bis zu seinem Tod 1972197.
Nach Kriegsende 1945 hielt Hertie bekanntlich an dieser Umbenennung des
Warenhausunternehmens der Familie Tietz fest. Das, so Ladwig-Winters, sei
darauf zurückzuführen, daß Georg Karg die Übernahme der Geschäftsführung des
Hauses als „Neukreation des Jahres 1933“ verstanden habe198.
Die Eigentümer schieden 1934 aus der Geschäftsleitung aus und gingen in die
Emigration.199
194 ebd. 154.
195 Vgl. Eglau 1970.
196 ebd.
197 ebd.
198 Vgl. Ladwig-Winters, 1997a, 152.
199 Zu den vielschichtigen Vertragsverhandlungen, die wegen der Größe und volkswirtschaftlichen
Bedeutung des Unternehmens kurz nach der Machtübernahme noch möglich waren, vgl. Ladwig-
Winters 1997a, 176-183.
93
3.2. Organisatorin im „Hertie-“Konzern, ehem. Hermann Tietz
Ende 1935 wechselte Irene Witte den Arbeitgeber und übernahm die Leitung der
Planabteilung des Hertie-Konzerns in Berlin. 1935 schrieb Witte an Russ Allen:
„Nach sehr langen Überlegungen habe ich mich doch entschlossen, die Planabteilung im
Hermann-Tietz-Konzern zu übernehmen! Es ist im Grunde dieselbe Lage wie ich sie vor 5 oder 6
Jahren bei N.I. (Nathan Israel, R.P.) fand – es gilt, erst einmal die allereinfachsten Sachen
einzuführen, um überhaupt die einzelnen Häuser und den gesamten Konzern warenmässig und
auch rentabilitätsgemäss durchleuchten zu können [...] Von N.I. fortzugehen fällt mir natürlich
nicht leicht... Auch W.I. [Wilfrid Israel, R.P.] und H.I. [Herbert Israel, R.P.] fällt es nicht leicht,
mich gehen zu lassen. Die Bedingungen für die neue Stelle sind aber so, dass ich sie im Interesse
meiner sehr grossen Verpflichtungen übernehmen muss, ganz abgesehen von der großen Aufgabe,
die mich natürlich außerordentlich reizt. (...) Aber auch dann will ich den Kontakt mit N.I.
aufrechterhalten und im Monat 1-2 Tage dort arbeiten.“200
Witte übernimmt diese Stelle vor allem, weil sie Geld verdienen muss, aber auch
weil sie eine neue Herausforderung sieht. Daneben arbeitet sie für das Kaufhaus
Israel in beratender Funktion bis 1938 weiter. In diesem Jahr erschien im
nationalsozialistischen Wochenblatt „Der Stürmer“ ein Hetzartikel gegen das
„Judenkaufhaus“ und seine noch vorhandenen jüdischen Mitarbeiter, darunter
auch Dr. Hannes Reißner, der in dieser Arbeit mehrmals zitiert wird201. Irene
Witte gehörte als Deutsch-Amerikanerin und Expertin für kostenreduzierende
Rationalisierung sicherlich nicht zur Gruppe antisemitischer
Modernisierungsgegner. Schließlich hatte sie die Betriebe selbst mitgestaltet. Sie
scheint auch hier, wie am Beispiel ihrer Emigrationshilfe gezeigt wurde, zwei im
Rückblick unvereinbare Situationen vereinen zu können, wenn sie gleichzeitig für
das Kaufhaus Israel und den Hertie-Konzern arbeitet. In den Ressentiments gegen
die angeblich amerikanisierten deutschen Großbetriebe hätte sie wahrscheinlich
nur die deutsche Unfähigkeit kritisiert, neue Entwicklungen zu akzeptieren.
Gleichzeitig hatte sie sich privat nicht gescheut, unter Wert ein Haus zu kaufen,
dessen Besitzer nach Abschluß des Vertrages in die Emigration gegangen war
(vgl. Kap. I, Abschn. 3.1.)
200 Brief an Russ Allen, 23.11.1935, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
201 Vgl. „Aus der Reichshauptstadt“, Das Judenkaufhaus Israel, in: Der Stürmer, 16. Jg., Nr. 33,
August 1938.
94
Mit den „großen Verpflichtungen“ war wohl die Verantwortung für die Mutter
Ursulina Witte gemeint (womöglich auch die Krankenhauskosten für den jüngeren
Bruder Wahnfried), die bis zu ihrem Tod 1940 bei der Tochter in Lichterfelde
lebte.202 Offenbar wurde ihr von der Hertie- Geschäftsleitung ein Angebot
gemacht, dem sie unter diesen Umständen nicht widerstehen konnte. Irene Witte
war wahrscheinlich auch deshalb gefragt, weil das Verschwinden deutsch-
jüdischer Führungskräfte bei vielen Unternehmen zu einem Mangel an
kompetenten Mitarbeitern geführt hatte. Sicherlich konnte Witte auch dem
Ehrgeiz nicht widerstehen, in einem Unternehmen „aufzuräumen“, das 1936 über
18 Häuser und 15.000 Mitarbeiter verfügte. Doch trotz der Herausforderung durch
die Größe des Konzerns ist zu vermuten, daß das Arbeitsumfeld bei Hertie nicht
mit der kosmopolitischen Atmosphäre des Hauses Israel vergleichbar war. Bereits
1937 schrieb sie an Russ Allen: „Persönlich bin ich nicht sehr gern da, arbeitlich
aber ja...“203.
Irene Wittes Nichte Ursulina Schüler-Witte ist dann auch der Meinung, daß „die
ganze Geschichte bei Hertie“ eigentlich nicht ihrem Wissen und ihren
Kenntnissen entsprach204. In den 50er Jahren galt es unter den Betriebsberatern
der Gesellschaft für Organisation als offenes Geheimnis, daß die Strukturen bei
Hertie immer schon „verkrustet“ waren205. Noch deutlicher treten die strukturellen
Schwierigkeiten, mit denen sie wohl zu kämpfen hatte, in einer ihrer
Publikationen von 1967 zutage. Darin veröffentlicht sie einen Appell, mit dem sie
30 Jahre zuvor gegen die „Chinesische Mauer der Betriebsstarrheit“
angeschrieben hatte, und zwar explizit „an die leitenden Mitarbeiter eines
größeren von ihr beratenen Geschäftes“:
202 Nach Auskunft von Ursulina Schüler-Witte, Interview 29.1.2001.
203 Brief an Russ Allen, 19.1.1937, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
204 Ebd.
205 Interview mit dem Diplom-Kaufmann, Dr. rer. pol. Dr. Horst Lindelaub, dem ehemaligen
Assistenten von Erich Kosiol, Professor an der FU und einer der „Päbtse“ der
Betriebswissenschaften, 20. 4. 2000.
95
„...es ist als sicher anzunehmen, daß eine kritische Überprüfung der Arbeitsvorgänge in den
meisten Geschäften auch solche Doppelarbeiten und sonstige Erstarrungen aufzeigen wird, die vor
allem dadurch entstehen, daß eine „Hand“ nichts von der anderen weiß oder wissen will, daß sich
der ganze Betrieb nicht als Einheit fühlt, sondern als eine große Zahl völlig in sich geschlossener
Abteilungen. Das trifft ebenso sehr auf die Verwaltung als auch auf den Verkauf zu.“206
Dieser Appell wurde offensichtlich während ihrer Arbeit bei Hertie verfasst. Die
dargestellten Probleme könnten auch der Grund dafür gewesen sein, daß Irene
Witte ihren Arbeitsvertrag 1938 nicht verlängerte und nur noch beratend für
Hertie tätig war. Andererseits schrieb sie bereits im Juli 1936 an Russ Allen, daß
sie schon seit langem den Vorsatz habe, sich unabhängig zu machen und zu
schreiben207. In einer Tagebuchnotiz vom 12. Januar 1958 kommt sie mit einigen
unbestimmten Worten nochmals auf diese Entscheidung zu sprechen:
„Am 7. Januar 1958 war mein seit vielen Jahren gehegter Entschluß „reif“ (im Grunde seit 1940)
[mit Bleistift: seit 1935, also seit Arbeitsbeginn, R.P.]: im Anschluß an eine kleine Arbeitssitzung
mit Herrn Karg jr. erzählte ich ihm (...), daß ich mich in den nächsten Monaten von Hertie lösen
will.“208
Es war nicht möglich, die Stellung Irene Wittes zwischen 1935 und 1955 anhand
von Quellen des Hertie-Firmenarchivs nachzuzeichnen. Nach den Worten des
gegenwärtigen Archivleiters existiert zu Irene Witte209 trotz ihrer zentralen
Stellung und ihrer organisatorischen Akribie kein Material. Die „Arisierung“, so
Rudolf Lenz in seiner Monographie zur Geschichte des Karstadt-Konzerns, habe
bei Hertie zwischen 1933-1936 zu besonders großen Verlusten an Akten
206 Vgl. Witte 1966-1968, hier: 1967, 135f.
207 „[...]und ich habe in diesem Jahr schon das Fundament für eine quite up to date organization
gelegt. Wenn die Arbeit weiterhin so gut geht, so werden die drei Jahre meines Vertrages schnell
vorbeigehen und dann will ich auch....versuchen, nur noch frei beratend tätig zu sein. Ich finde, ich
habe dann auch lange genug im festen Angestelltenverhältnis gearbeitet und doch so viel
Erfahrung gesammelt, dass ich einem Betrieb auch in einer sehr viel kürzeren Zeit sehr viel
Positives bringen kann. Dann kann ich auch vielleicht......einen Teil der Zeit an meinen
Schreibtisch zurückkehren[...]“. IW an Russ Allen, 31. 7. 1936, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
208 Mein Dank gilt dem Industriekaufmann Peter Obst, der mir diese Tagebuchblätter seines
Archivs überließ.
209 In dem Brief von Peter W. Schulze im Auftrage des Historischen Archivs Hertie, Frankfurt am
Main, an die Verfasserin vom 13. 4. 1999 heißt es: „Ich bedaure es sehr, Ihnen auch erneut nicht
weiterhelfen zu können. Es muß wohl leider davon ausgegangen werden, daß die „normalen“
Personalakten, soweit sie die Kriegs- und Nachkriegseinwirkungen überdauert haben, im Rahmen
der gesetzlich vorgeschriebenen Fristen vernichtet worden sind.“
96
geführt210. Demzufolge wurde noch vor den Kriegszerstörungen Aktenmaterial
vorsätzlich vernichtet.
Eine umfassende Geschichte des Hertie-Konzerns existiert bis heute nicht. 1928
erschien ein Sonderdruck der Industrie-Bibliothek211. In einem 1990 erschienenen
Band der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Unternehmenskultur folgt der
ehemalige Hertie-Personalchefs Franz-Peter Prühs auch nur dem unkritischen
Selbstverständnis des heutigen Unternehmens, indem er dessen vorbildliche
Personalpolitik unterstreicht212. Im allgemeinen werden „Arisierungs“-Vorgänge
im Genre der Festschrift abgehandelt. Es erweist sich jedoch nach wie vor als
denkbar ungeeignet für eine historische Aufarbeitung. So wird die „Arisierung“
bei Hertie in der Festschrift von 1991 als ein Ereignis beschrieben, das gleichsam
schicksalhaft hereinbrach. Auf die nebelhaft formulierte Titelzeile „Im Sog der
Geschichte“ folgen fünfzig Zeilen über die Jahre 1933 – 1945. Unter anderem
heißt es:
„Die politisch motivierte Kreditverweigerung der Banken baut die Liquidität übermäßig ab, und
die politische Situation verschlechtert die Lebensbedingungen für einen Großbetrieb, der sich in
jüdischem Familienbesitz befindet.“213
210 Rudolf Lenz, Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Philipps-Universität Marburg
und Akademischer Direktor der Forschungsstelle für Personalschriften. Vgl. Lenz 1995, 11.
Weitgehend vernichtet wurden nach Lenz auch die Akten des Allgemeinen Deutschen
Gewerkschaftsbundes und die des Verbandes Deutscher Waren- und Kaufhäuser (vgl. ebd., 13).
211 Hermann Tietz, Der grösste Warenhauskonzern Europas im Eigenbesitz, Ein Buch sichtbarer
Erfolge, Auszug Sonderdruck Industrie-Bibliothek, 31. Bd., Berlin 1928.
212 Vgl. Franz-Peter Prühs 1990, 259-265. Dr. Franz-Peter Prühs war Hauptabteilungsleiter
Personal der Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH, Frankfurt am Main.
213 Seit über 100 Jahren HERTIE, HERTIE-Gruppe Vorstandsbüro (Hg.), Berlin und Frankfurt am
Main, Dagmar-von-Kurmin-Verlag, Berlin, 1991, 19.
97
Über die Geschichte der Warenhäuser hinaus gilt, daß
Unternehmensgeschichtsschreibung in Deutschland immer noch wenig
ausgebildet ist214. Damit korrespondiert ein von Seiten der Unternehmen
ausgeprägtes Desinteresse. So heißt es etwa in einem Geschäftsbericht der
Karstadt AG von 1980:
„Rückschau zu halten, ist sicherlich für den Historiker von hohem Interesse. Aber was nutzt ein
solches Unterfangen dem Unternehmer? Es fördert allenfalls die Erkenntnis, daß jede Zeit ihre
eigenen Probleme aufweist, die auch ihre eigenen Lösungen erfordern.“215
Diese Haltung bestätigt nicht nur den von Rudolf Lenz gehegten Verdacht einer
Verwischung historischer Spuren, sondern sie erschwert auch eine Analyse des
Symbolwerts der Warenhäuser als Brennpunkte der sozialen, politischen und
kulturellen Veränderungen in der Moderne216.
3.3. Die "Roosevelt-Revolution" und das Programm der "Arbeitsfreude"
Vermutlich war Irene Witte, zumindest in den ersten Jahren nach der
Machtübernahme, keine prinzipielle Gegnerin des Regimes. Etwas Aufschluss
über ihr Verhältnis zum nationalsozialistischen Deutschland erhält man, wenn
man sich einigen ihrer Arbeiten zuwendet. 1934 publizierte Witte einige
Zeitungsartikel in der Zeitschrift für Organisation217. Während des Jahres 1934
214 Zu einem Forschungsüberblick zum Thema Unternehmensgeschichte und zur Rezeption der
amerikanischen Business History in Deutschland vgl. Pierenkemper 2000, 50ff. – Nach
Pierenkemper gehörte zu den Vorläufern dieser in Deutschland vernachlässigten Disziplin Conrad
Matschoß (vgl. ebd., 53 Anm.131), dessen technikhistorische Schriften bekanntlich auch durch die
akribische Mitarbeit von Irene Witte entstanden. Zu den neuesten Veröffentlichungen zur
Unternehmensgeschichte vgl. auch Gerald D. Feldman, Hugo Stinnes, Biographie eines
Industriellen, 1870-1924, München 1998.
215 Zit. n. Lenz 1995, 12.
216 Vgl. Berghoff 1999: 99-100.
217 Die bereits 1898 gegründete Zeitschrift Organisation (Zeitschrift für Betriebswissenschaft,
Verwaltungspraxis und Wirtschaftspolitik) erschien ab 1924 in Zusammenarbeit mit der von
Walther Moede und Curt Piorkowski am Institut für Industrielle Psychotechnik der Technischen
Hochschule Charlottenburg herausgegebenen Zeitschrift Praktische Psychologie. Ab 1927 hieß die
Zeitschrift Zeitschrift für Organisation (ZfO). Vgl. hierzu Bastian 1997.
98
wurde sie als Mitarbeiterin mehrmals lobend erwähnt218. Die Zeitschrift war
seit dem 31.5.1933 gleichgeschaltet und hatte aus diesem Anlaß in einer
gleichermaßen einfältigen wie aggressiven NS-Terminologie einen „Kampfauf-
ruf“ für „den braunen Stoßtrupp der Wirtschaft“ zu Papier gebracht219.
Im ersten Heft von 1934 findet sich ein Aufsatz von Witte neben einem Artikel
zur "Organisation der völkischen Arbeitskraft" von Bernhard Köhler, dem Leiter
des wirtschaftspolitischen Amtes der NSDAP, und einem Artikel des
Organisationstheoretikers Heinrich Nicklisch über "Die großen
Organisationsgesetze und die deutsche Zukunft". Nicklisch bekannte sich später
offen zum Nationalsozialismus220. Irene Witte untersuchte unter dem Titel "Die
'Roosevelt-Revolution' im Jahre 1933 und ihre Vorgeschichte"221 die von
Präsident Franklin D. Roosevelt 1932 eingeleiteten Maßnahmen des „New Deal“.
Sie verwies dabei auf eine Parallele zwischen den Ereignissen 1933 in
Deutschland und den USA: „Nicht nur in Deutschland hat sich im Jahre 1933
Umwälzendes vollzogen – das vergangene Jahr hat auch den Vereinigten Staaten
Ereignisse gebracht, die vom Standpunkt des Amerikaners gesehen allerradikalste
Eingriffe in bisher scheinbar ehern Verankertes bedeuten.“222
Denn die Maßnahmen, die Roosevelt in seinem eigenen Land gegen die Folgen
der Weltwirtschaftskrise ergriff, liefen darauf hinaus, im kapitalistischen Amerika
allmählich die Auffassung des modernen Sozialstaats durchzusetzen. Roosevelt,
so Witte, habe durch die Anerkennung des Koalitionsrechts der Arbeiterschaft und
218 Chef-Herausgeber der Zeitschrift war der Vorsitzende der Gesellschaft für Organisation, W.
Ludowici. In Heft 1 des 8. Jahrgangs (1934) auf S.1 wird Irene Wittes unterstützende Mitarbeit im
Einleitungstext explizit erwähnt.
219 Vgl. KAMPFRUF, in: Zeitschrift für Organisation, Grüne Heft-Ausgabe, Jg. 7, 31.5.1933, Heft
5, S. 169-220: 3. Seite.
220 Heinrich Nicklisch (1876-1946) war einer der Wegbereiter der Betriebswirtschaftslehre in
Deutschland (vgl. Franz 1998, 54, 55 u. 66.). Er war der Protagonist einer ethisch-normativen
Richtung, die der völkischen Idee der Gemeinwirtschaft nahestand und erfüllte 1933 eine
ideologische Alibifunktion für die NS-Betriebswirtschaft (vgl. Franz 1998, 91-92). Irene Witte
verfaßte drei Beiträge für das von Nicklisch 1928 herausgegebene Handwörterbuch der
Betriebswirtschaftslehre (vgl. Witte 1928d, 1928e u. 1928f). Der fachlich überlegene Widersacher
Nicklischs war Eugen Schmalenbach, der auch als Begründer der modernen
Betriebswirtschaftslehre angesehen wird (vgl. Franz 1998, 94. Witte erwähnte Schmalenbach, der
für sein Entwicklung eines wissenschaftlichen Konzepts zum industriellen Rechnungswesens
bekannt ist, in einem ihrer Bändchen über Organisation (siehe Anm. 77).
221 Vgl. Witte 1934a.
222 Witte 1934a, 11.
99
damit der tariflichen Lohnvereinbarung insgesamt die Gewerkschaften gestärkt,
durch die Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden (mit dem Ziel einer
allgemeingültigen 30-Stunden-Woche), durch die Gewährung eines Mindestlohns
und durch eine Senkung der Spitzengehälter das Vertrauen der Arbeitschaft
wiedergewonnen und sich auch sonst durch sein Wiederaufbau-Programm soziale
Verdienste erworben, z.B. durch das Verbot der Kinderarbeit, durch staatliche
Stützung der Landwirtschaft und durch den Neuaufbau der Betriebe der
öffentlichen Hand223.
In Deutschland dagegen lief die nationalsozialistische, anders als die
Rooseveltsche Revolution auf das Gegenteil hinaus: „Auch als die Konjunktur
bereits auf Hochtouren lief“, so Ludolf Herbst, „wurden die Lohnerhöhungen in
engen Grenzen gehalten. Die positiven Ergebnisse des Konjunkturverlaufs sollten
der Rüstung und nicht dem privaten Verbrauch zugutekommen und wurden
deshalb nicht über die Löhne an den Konsumenten weitergegeben.“224
Wenn Irene Witte also von einer Analogisierung der beiden "Revolutionen"
ausgegangen war, so hatte sie die spezifisch deutsche Entwicklung seit etwa 1934
nicht richtig eingeschätzt. Sie arbeitete Anfang der dreißiger Jahre mit
Wissenschaftlern zusammenarbeitete, die sich im Laufe der 30er Jahre zu
überzeugten Nationalsozialisten entwickelten. Neben dem bereits erwähnten
Heinrich Nicklisch ist hier z.B. der Technikphilosoph Fritz Giese zu nennen, der
1932 als „erster deutscher Dozent“ z.B. ein psychologisches Praktikum auf der
Grundlage von Hitlers "Mein Kampf" abhielt, für das der „Führer“ jedem der
Hörer „auf eigene Kosten ein Exemplar des Werkes“ schenkte225.
223 Vgl. Witte 1934a, 15f.
224 Herbst 1996, 239; vgl. a. ebd., 89ff.
225 Giese zit. n. Hinrichs / Peter 1976, 74-76 – Für Irene Raehlmann ist Gieses "Philosophie der
Arbeit" faschistischen Ursprungs (vgl. Raehlmann 1988, 130ff). Das Handbuch der
Arbeitswissenschaft, an dem Irene Witte mitarbeitete, wurde allerdings auch von liberalen Autoren
wie Franziska Baumgarten mitgestaltet.
100
Einen zweiten Aufsatz mit dem Titel "Leistung durch Freude an der Arbeit"
veröffentlichte Irene Witte im März 1934 in der Zeitschrift für Organisation. In
diesem übernahm sie das Motto der Deutschen Arbeitsfront "Kraft durch Freude"
und setzte es in einen positiven Kontext mit den bisherigen
Rationalisierungsbemühungen der Betriebswissenschaften. Sie zitiert, gleich am
Anfang ihres Artikels, gleichsam als Motto, Hitler mit den Worten: „Unsere
Aufgabe heißt Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit!“ und fuhr dann fort:
„Staatsrat Dr. Ley, der Führer der Deutschen Arbeitsfront, hat dieses Programm weiter entwickelt,
indem er am 26. November 1933 bei der Konstituierung der großen Organisation N.D.A. (Nach
der Arbeit) der Deutschen Arbeitsfront u.a. erklärte, daß "wir in der nächsten Zukunft
wahrscheinlich dazu übergehen müssen, aus Konkurrenzgründen das Arbeitstempo, die
Arbeitsmethoden, die Mechanisierung und Rationalisierung bestimmter Industrien noch weiter zu
erhöhen"“226
Wie mühelos sich die Rationalisierungsbewegung an den Nationalsozialismus
anbinden ließ, verdeutlicht auch das folgende Zitat Wittes:
„Diese Aufgabe [der Rationalisierung, R.P.] ist die Synthese von Bestrebungen, die seit vielen
Jahren und Jahrzehnten erwünscht und als Ziel hingestellt, über die große Untersuchungen
unternommen und wertvolle Berichte veröffentlicht wurden. Über die theoretischen Betrachtungen
kam der Gedanke als Ganzes – von einigen Teilversuchen abgesehen – indessen nicht hinaus.
Heute ist der Weg durch das vom Staat verkündete Programm frei und eröffnet in der Synthese:
sinnvolle Arbeit unter Berücksichtigung von Bestleistungen und der vollen Anerkennung des
Menschen, Perspektiven von einer Bedeutung, deren Tragweite sowohl für den Betrieb als auch
für den arbeitenden Menschen und schließlich für die Nation als Ganzes kaum abzuschätzen
sind.“227
Irene Witte hatte stets den Abstand zwischen den theoretischen Bemühungen der
Betriebswissenschaften und ihrer jeweiligen praktischen Umsetzung im Betrieb
kritisiert. Für sie war dies ein Umsetzungsproblem innerhalb der Betriebe, ein
Problem der Wahl zwischen Taylor (bzw. dem "besseren Taylor"), Gilbreth (bzw.
dem "besseren Gilbreth") und Ford228. Dabei mutet es dann besonders bizarr an,
daß zwar die Nationalsozialisten von den Erfolgen der amerikanischen Wirtschaft
und vor allem Henry Fords – auch wegen seines offenen Antisemitismus – zutiefst
beeindruckt waren229, Irene Witte aber auch 1934 noch eine erklärte Ford-
226 Witte 1934b, 79.
227 Ebd.
228 Vgl. Kap. III.
229 Vgl. Hachtmann 1996, 43; vgl. a. Ebbinghaus 1984, 221. Neben Roosevelt waren auch Hitler
und Stalin begeisterte Anhänger des Fordismus.
101
Gegnerin blieb. In dem schon angeführten Artikel über Roosevelt lobte sie den
amerikanischen Präsidenten für seine gewerkschafts- und arbeitnehmerfreundliche
Position und grenzte diese in negativer Weise vom klassischen Fordismus ab:
„Henry Ford“, heißt es da, „lehnte es Jahre hindurch auf das entschiedenste ab,
gewerkschaftlich organisierte Arbeitskräfte in seinem Betrieb einzustellen.“230 Als
Deutsch-Amerikanerin und Taylor-Expertin lässt sich daher Irene Witte in das
zunächst amerikafreundliche und dann zunehmend amerikafeindliche Nazi-
Deutschland weitgehend, doch keinesfalls bruchlos einfügen. Sie war zwar, wie
viele Ingenieure und Technokraten der Weimarer Republik, aufgrund ihres
Rationalisierungsverständnisses zunächst blind für die Folgen des
nationalsozialistischen Arbeitsethos und auch naiv in der Annahme, ein
nationalsozialistisch geführter Staat könne und würde endlich in die Praxis
umsetzen, was in den Theorien von Taylor und Gilbreth mehrere Jahrzehnte zuvor
konzipiert worden war. Aber sie hatte aufgrund ihrer z.T. sehr
gewerkschaftsnahen, von gemeinwirtschaftlichen und sozialliberalen Ideen
durchsetzten Position (die im Kern ihrer Kritik des Fordismus zugrunde lagen231)
doch auch noch genügend Aufmerksamkeit und Sensibilität für Fragen des
individuellen, nicht nur ökonomisch verstandenen Glücks, die es wahrscheinlich
verhinderten, daß sie – wie z.B. Heinrich Nicklisch und Fritz Giese – zu einer
offenen Befürworterin des nationalsozialistischen Regimes wurde.
Irene Witte erscheint nach 1934 in der Zeitschrift für Organisation nur noch
gelegentlich mit kleineren Beiträgen. Es muß offen bleiben, ob der Grund dafür
eine zu hohe Arbeitsbelastung oder ihre deutliche Orientierung an den USA war.
Bereits 1936 waren die Nationalsozialisten an der arbeitswissenschaftlichen
Entwicklung Amerikas nicht mehr interessiert232. Zwar hielt die gesellschaftlich-
wirtschaftliche Begeisterung für Amerika noch an, doch das offizielle Verhältnis
zwischen den USA und Nazi-Deutschland verschlechterte sich zunehmend:
Judenverfolgung, Aufrüstung und die deutsche Autarkiepolitik hatten zur
Distanzierung der USA geführt, und auf deutscher Seite wurde mit
230 Witte 1934a, 11.
231 Vgl. Kap. III.
102
Hetzkampagnen gerade gegen den von Irene Witte hochgelobten Franklin D.
Roosevelt begonnen.233
Witte hat die Zeit zwischen 1938 und 1945 kaum dokumentiert. Sie arbeitete
weiterhin als freischaffende Beraterin für den Hertie-Konzern und schrieb ein
Buch über „Die monatliche Erfolgsrechnung im Handel“234, das 1941 erschien.
4. 1949 – 1974: Beraterin, Lehrbeauftagte, Autorin
Rückblickend zeigte sich Irene Witte von der Rationalisierungskampagne der
Nationalsozialisten allerdings wenig beeindruckt, wenn sie 1951 schrieb:
„Jeder Krieg ist im Grunde der Todfeind aller Rationalisierung, da es in diesen Zeiten auf anderes
ankommt: in der Industrie auf eine kriegsbedingte Produktionserhöhung um j e d e n P r e i s und
im Handel nehmen, wie das wohl allen noch in frischer Erinnerung sein dürfte, Verordnungen,
Maßnahmen zur Lenkung der Ware, der Preise, der Menschen usw. dem Einzelhändler allmählich
jede Möglichkeit aus der Hand, seinen Betrieb rationell zu führen.“235
Wittes lapidarer Satz „Alles schon dagewesen“236 schien auch den neuen
Modernisierungsschub in der Bundesrepublik Deutschland zusammenzufassen.
Sicherlich unbeabsichtigt trifft er auch auf die wirtschaftliche Ausgangslage nach
Kriegsende zu: So mußten die Handelsunternehmen zwar von der Planwirtschaft
des Nationalsozialismus wieder an marktwirtschaftliche Prinzipien herangeführt
werden, doch konnte von einem allgemeinen wirtschaftlichen Neuanfang nicht die
Rede sein. Nicht nur hatten kriegswirtschaftliche Zwänge bereits seit 1942 in der
Rüstungsproduktion zu einer forcierten Einführung fordistischer
Produktionsverfahren geführt, sondern es waren auch die für einen
wirtschaftlichen Aufschwung notwendigen Strukturen wie Industrieanlagen
erhalten geblieben237. Der als Wirtschaftswunder glorifizierte Aufschwung nach
232 Vgl. Siegel / v. Freyberg 1991, 86.
233 Vgl. Lüdtke, Marßolek, von Saldern 1996: Einleitung, 24-25; vgl. a. Schäfer 1981, 164-165.
234 Vgl. Witte 1941, erschienen bei Duncker & Humblot. Dieses Buch wird in der ZfO, in der
Witte seit 1934 nicht mehr als Autorin aufgeführt wurde, positiv rezensiert. Sie wird darin als
„[...]bekannte Organisatorin I.M. Witte[...]“ bezeichnet. Vgl. ZfO, Jg. 16, Heft 1, 1942. 35.
235 Vgl. Witte 1951, 6.
236 Vgl. Witte 1972b, 1972 c.
237 Vgl. Gundlegend ist hier Abelshauser 1975. Vgl. auch Altvater/Hoffmann/Semmler, 1979, 76f.
103
1948 vollzog sich als klassische Rekonstruktionsperiode238. Diese strukturelle
Ungebrochenheit fand ihre Entsprechung auf der Ebene der Entscheidungsträger,
denn der Zusammenbruch des Jahres 1945 hatte Deutschland zwar einen
„Wechsel der politischen Elite, nicht jedoch der wirtschaftlichen
Führungsschicht“239 beschert, wie das Beispiel des Hertie-Konzernchefs Georg
Karg zeigt.
Zu dieser Führungsschicht gehörten wohl auch ehemalige Kollegen und
Vorgesetzte von Irene Witte. Denn ihr Status als Rationalisierungsexpertin wurde
durch ihre langjährigen Verbindungen zum Umfeld des
Rationalisierungskuratoriums der deutschen Wirtschaft240 (die Hauptgemeinschaft
des deutschen Einzelhandels war eine eine Teilorganisation des RKW) und der
Gesellschaft für Organisation schnell wiederhergestellt.
Witte stand wieder in einem Berufszusammenhang. Sie war ständig auf Reisen,
denn sie lebte in Berlin, die Hertie-Zentrale hatte sich jedoch von Berlin nach
Hamburg und das Zentrum betriebswirtschaftlicher Forschung nach Köln
verlagert. Köln gehörte neben Leipzig, Aachen und Frankfurt durch die frühe
Gründung einer Handelshochschule (1901) und durch Hochschullehrer wie
Rudolf Seyffert241 und Eugen Schmalenbach242 zu den traditionellen Zentren der
238 Zum Begriff der „Rekonstruktion“ in der wirtschaftshistorischen Forschung vgl. Abelshauser
1998, 43f.
239 Vgl. Eglau 1980, vgl. vor allem Berghahn 1985, 69ff
240 Zur Geschichte des RKW vgl. u.a. Büttner 1973.
241 Seyffert hatte 1922 eine Schrift mit dem Titel „Der Mensch als Betriebsfaktor“ veröffentlicht.
Nach Gertraude Krell werden darin weite Teile der heutigen Personallehre abgedeckt, wenngleich
erst am Ende betont werde, daß der Mensch nicht nur als ein Mittel anzusehen sei. Vgl. Krell
1998: 223.
242 Zu Schmalenbachs Arbeit auf dem Gebiet des industriellen Rechnungswesens und der
Verwissenschaftlichung des Fachs vgl. Franz 1998, 94f.
104
Betriebswirtschaftslehre. Seit 1947 war Köln auch Sitz der neu gegründeten
Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels (HdE). Diese erweiterte 1953
ihre Arbeit durch die Betriebswirtschaftliche Beratungsstelle für den Einzelhandel
GmbH (BBE)243. Die BBE wollte vor allem Mittel- und Kleinbetriebe zur
Selbsthilfe anleiten, die sich im Nationalsozialismus – ideologisch gestützt und
geschützt – den Rationalisierungsmaßnahmen der großen Handelsbetriebe wie
Hertie weitgehend widersetzt hatten. Nach 1945 mußten sie sich auch den
Bedingungen eines härteren Wettbewerbs stellen und nach amerikanischem
Vorbild rationalisieren. Irene Witte und der Diplomkaufmann Emil Leihner244
waren die ersten Gesellschafter dieser Beratungsstelle.
Anfang der 50er Jahre vergab die Freie Universität Berlin an Irene Witte
Lehraufträge für das Fach Handels- und Marktwirtschaft245. Der damals
aufstrebende junge Betriebswissenschaftler Horst Lindelaub war jedoch
rückblickend der Ansicht, daß ihre Kenntnisse eher „zur modischen Tour“
gehörten und „zu flach“246 gewesen seien, als daß man sie hätte wissenschaftlich
243 Vgl. Leihner 1968, 71f.
244 Dr. h.c. Emil Leihner (geb. 1904) ist Mitherausgeber der Rationalisierungsbriefe des Handels:
„Diplom- Kaufmann, seit 1927 in der Berufsorganisation des Einzelhandels tätig, 1936 –1938
Geschäftsführer in der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel, 1938-1940 Hauptgeschäftsführer der
Handelsabteilung der Wirtschaftskammer Sudetenland, 1940-1943 Wehrdienst in den Feldzügen
in Frankreich, Griechenland-Kreta und Nordafrika, Hauptmann der Reserve, 1943-48
Kriegsgefangenschaft – Aufbau und Leitung einer Lagerhochschule in Ägypten (...) 1966
Ehrendoktor der Universität Köln...(...).“ Sonderschrift der Schriften zur Berufs- und
Betriebsförderung im Einzelhandel aus Anlaß seines 65. Geburtstags 1969, Seite 118. Ich zitiere
diese Stelle in dieser Ausführlichkeit als Beispiel für die ungebrochene Präsenz des Krieges und
der Kriegsleistungen, insbesondere durch die unkritische Historisierung der fernen
Kriegsschauplätze.
245 Sie führte diese Lehraufträge von 1952, mit Unterbrechungen bis 1965 durch. HSA FUB:
WiSo-Fak./ Dekanat, Akten „Lehrbeauftragte“. Zu den Inhalten vgl. Kap. III, Abschn. 6.
246 Gespräch mit Dr. rer. pol. Horst Lindelaub vom 20.4.2000. Alle in diesem Abschnitt
angeführten Zitate von Lindelaub, der ab SS 1949 42 Semester lang Assistent bei Erich Kosiol an
der Freien Universität Berlin war, einem der „Päbste“ der Betriebswissenschaft. Nach Ansicht von
Lindelaub konnte Witte –eben weil sie zu „flach“ war - nicht von Erich Kosiol, sondern nur von
Karl Christian Behrens an den Lehrstuhl beauftragt worden sein.
105
nennen können. Andererseits sei Witte „akkurat und strebsam“ gewesen und
durch ihr „methodisches, systematisches Vorgehen“ aufgefallen, was ja im
allgemeinen für eine wissenschaftliche Begabung sprechen sollte. Dennoch habe
sie einen „unangenehm fleißigen“ Eindruck gemacht. Diese Äußerung zeigt die
übliche geringschätzige Haltung gegenüber gescheiten Frauen und ist zugleich
Ausdruck des akademischen Hochmuts gegenüber Praktikern.247 Daß dieses
Attribut „typisch für Nicht-Akademiker“ sei, widerspricht der Annahme zu
Beginn des Gesprächs, Witte könne möglicherweise promoviert gewesen sein.
Zumindest wußte man, so Lindelaub, daß Witte aus dem Umfeld der Gesellschaft
für Organisation kam und dort die Professionalisierung des Berufs „Organisator“
betrieben hatte. Anfang der 50er Jahre galt es seiner Meinung nach als Novum,
eine Frau auf diesem Gebiet arbeiten zu sehen. Ein anderer Zeitzeuge bezeichnet
diese Tatsache als „Sensation“248. In der Tat war Irene Witte unter den Autoren
eines Sonderhefts der BBE zum 65. Geburtstag von Wittes Mitgesellschafter Emil
Leihner die einzige Frau249. Allerdings zeichnete sie unter dem
geschlechtsneutralen Kürzel „I.M.“250.
Am 9. September 1947 wurde der Länderfachausschuß
„Rationalisierungsausschuß der deutschen Wirtschaft“ (RAW) gegründet, der –
im Gegensatz zu den praxisbezogenen Aufgaben des
Rationalisierungskuratoriums der deutschen Wirtschaft (RKW), lediglich die
Richtung der erforderlichen Rationalisierungsmaßnahmen vorgab. Dazu gehörte
247 Zur Diskriminierung von Hochschullehrerinnen vgl. Hans Anger, Probleme der deutschen
Universität, Tübingen 1960. Vgl. auch Hausen 1986.
248 Telefongespräch mit Georg Huxold vom 7.11.1997. Huxold lernte Irene Witte 1957 als
Beratungsanwärter der BBE kennen und war in den 90er Jahren Geschäftsführer der BBE.
249 Unter den Autoren war auch der Betriebswissenschaftler Fritz Klein-Blenkers von der
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
250 Vgl. hierzu „Betriebsberatung, Brücke zwischen Handelsforschung und Handelspraxis“,
Sonderschrift Nr. 50 der Schriften zur Berufs- und Betriebsförderung im Einzelhandel, BBE (Hg.)
1969, 4-5.
106
die Präsentation von Fachliteratur des Auslands in der seit 1948 publizierten
RAW-Zeitschrift „Rationalisierung“ 251. Die Bearbeitung der Rubrik
„Auslandsdienst“ wurde wiederum, wie in den 20er Jahren, der bewährten
Fachkraft Irene Witte übertragen. Auch hier arbeitete sie mit Kollegen, denen sie
bereits im Umkreis der Gesellschaft für Organisation (GfO) begegnet sein mußte,
z.B. dem Wirtschaftsprüfer Dr. Otto Bredt252, der zu den Gründern des RAW
gehörte und einige Jahre später mit Witte einen Teil der „Rationalisierungsbriefe“
herausgab.
Aus der Arbeit der BBE ging eine Reihe von Seminarveranstaltungen für
Führungskräfte hervor, die unter der Leitung Irene Wittes im Schwarzwald
durchgeführt wurden und sich unter dem Namen „Wildbader Fachwochen“253 zu
einem "festen Begriff"254 entwickelten. Die BBE gab dem Einzelhandel zahlreiche
Impulse und knüpfte ein bundesweites Netz von Beratungsstellen, das sich
anderen Wirtschaftszweigen öffnete.255 Witte soll die Arbeit der BBE mit der ihr
eigenen Akribie verfolgt und von jedem Geschäftsbrief eigens eine Kopie nach
Berlin verlangt haben256. Wilhelm Kranich, ehemals Verlagsleiter der BBE, meint
heute, die Zusammenarbeit zwischen Emil Leihner, Mitgesellschafter der BBE,
und Witte sei „nicht einfach“ gewesen. Es habe des öfteren „eine Patt-Situation im
aktuellen Tagesgeschäft“ gegeben. Witte sei stets anerkannt gewesen und habe
eine stärkere Stellung gehabt als Leihner.
251 Vgl. Rationalisierungsbericht des RAW vom März 1948. In der Vollversammlung in
Wiesbaden am 9.9.1947 wird unter Punkt 1c die „Aufklärung und Werbung für die
Rationalisierung, u.a. durch die Herausgabe einer Rationalisierungs-Zeitschrift“ beschlossen.
RWWA Köln, 1-239-4.
252 Dr.-Ing. Otto Bredt, Wirtschaftsprüfer, seit den 20er Jahren Mitglied der Gesellschaft für
Organisation, 1950 Vorsitzender des RAW.
253 In Zusammenarbeit mit dem Bundesverband des deutschen Textil-Einzelhandels. Schreiben der
HdE an die Industrie-und Handelskammern im Bundesgebiet vom 23.8.1954. RWWA 20-2229-2.
254 Brief der BBE-Geschäftsführung an die Industrie- und Handelskammern im Bundesgebiet vom
23.8.1954, RWWA Köln, 20-229-2.
255 Zu den Aufgaben der BBE vgl. Leihner 1968, 75ff, auch Witte „Rationailisierungsbriefe“ 1951-
1955.
256 Interview mit Wilhelm Kranich vom 14.6.1999. Kranich arbeitete seit 1958 in der BBE, war
Prokurist, später Abteilungsleiter des Verlages der BBE.
107
Dennoch habe es Vorbehalte gegen Witte als Beraterin gegeben, weil sie aus
der Arbeit mit Großkonzernen kam. Kompetenzstreitigkeiten („Die Leistungen
einer kreativen Abteilungsleiterin wurden von den Chefs vereinnahmt“257)
könnten dazu geführt haben, daß sich Witte 1953, nach nur zwei Jahren als
Mitgesellschafterin, mit einer Abfindungssumme von 250.000 Mark von der BBE
verabschiedete258.
257 Telefoninterview mit Georg Huxold vom 8.10.1997.
258 Interview mit Wilhelm Kranich, 14.6.1999. Die Summe entspräche heute etwa 250.000 DM.
108
III Ausgewählte Schwerpunkte zur Werkgeschichte
1. Die Prägung der „Wissenschaftlichen Betriebsführung“ durch Frederick
Winslow Taylor
Irene Witte hatte den Taylorismus Anfang der 20er Jahre sehr stark durch die
Brille Gilbreths rezipiert, und ihre erste umfangreiche Arbeit zur
Wissenschaftlichen Betriebsführung1 von 1921 war bereits eine Kritik am
Taylorismus. Als sie 1928 ihre bekannte Taylor-Monographie veröffentlichte2,
versuchte sie das Werk Taylors sachlich darzustellen, aber das Problem, das sie
mit einer solchen Darstellung hatte, löste sie mit der fast durchgehenden
Aneinanderreihung von Taylor-Zitaten in den beiden zentralen Kapiteln zur
Theorie und Praxis des Systems.3 Dieser Hang zum kommentarlosen Zitieren
macht es wenig ergiebig, der Darstellung Taylors in ihren eigenen Schriften zu
folgen. Vielmehr wird der Taylorismus unter Einbeziehung der Schriften Irene
Wittes anhand der Forschungsliteratur dargestellt. Die Kritik Irene Wittes an
Taylor wird abschliessend eigens zum Thema gemacht.
Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, daß die Bezeichnung "Scientific
Management" auf Taylor selbst und dessen "The Principles of Scientific Manage-
ment"4 zurückgeht. Irene Witte führte die eigentliche Bezeichnung jedoch auf den
amerikanischen Unternehmer Henry Robinson Towne zurück, der bereits 1870
mit einer „ordnungsgemäßen Betriebsführung“ begonnen hatte5. Aber daß Taylor
1 "Kritik des Zeitstudienverfahrens", Witte 1921a.
2 "F.W. Taylor – Vater der wirtschaftlichen Betriebsführung", Witte 1928b.
3 Vgl. ebd., 33ff und 43ff.
4 Das Buch erschien 1911 und lag 1913 in deutscher Übersetzung vor.
5 [Vgl. Irene Witte, Henry Robinson Towne, der Vater der modernen Arbeitswissenschaft, in:
Betriebswirtschaftliche Rundschau, 1. Jg., 11, 1925, S. 261; vgl. a. Irene Witte, Amerika, in:
Handwörterbuch der Arbeitswissenschaft, Halle 1930, S. 119: „Im Jahre 1886 hielt Henry R.
Towne vor der American Society of Mechanical Engineers, dem amerikanischen Ingenieurverein,
einen Vortrag „The Engineer as an Economist“, in dem er die in 15 Jahren gesammelten
Erfahrungen auf dem Weg zu einer besseren Betriebsführung bekanntgibt. Im Jahre 1889 hält er
einen zweiten Vortrag über „Gewinnbeteiligung“, der den ersten ernsthaften Versuch zur Lösung
der bestehenden Schwierigkeiten auf der Grundlage des Lohnproblems darstellt. Um diese Zeit
109
der erste gewesen war, der – „in seinen Gedankengängen seiner Zeit weit
voraus“6 – ein umfassendes System der Betriebsführung entwickelt und ihm
diesen Namen gegeben hatte, mochte auch sie nicht bestreiten7. Aufschlußreich ist
allerdings, daß sie der bekannten und auch von ihr oft zitierten zweibändigen
Taylor-Biographie von Frank Barkley Copley ("F.W. Taylor – Father of Scientific
Management") mit dem Titel ihrer eigenen Monographie über Taylor eine andere,
differenzierende Note entgegensetzte: für sie war Taylor nicht eigentlich der
Vater der wissenschaftlichen, sondern der "Vater der wirtschaftlichen
Betriebsführung". Denn:
„Wir wissen von Taylor selbst, daß er zu der Bezeichnung W. B. [= Wissenschaftliche
Betriebsführung; R.P.] in Ermangelung eines treffenderen Ausdrucks kam; wir wissen auch, daß
seine Praxis nicht immer "wissenschaftlich" war und wir sind des Glaubens, daß wir eines Tages
zu einem so hohen Stande der Arbeits- und Betriebswissenschaft kommen werden, um tatsächlich
mit ruhigem Gewissen von einer wissenschaftlichen Erforschung, von einer wissenschaftlichen
Auswertung und einer wissenschaftlichen Durchdringung sprechen zu können.“8
Der Terminus Betriebswissenschaften, der heute nicht mehr gebräuchlich ist und
durch den der Arbeitswissenschaften ersetzt wurde, geht ebenfalls auf Taylors
Konzept zurück. Mit der genaueren Definition des Wortes tat man sich schwer,
zum einen, weil man sich nicht ganz im Klaren darüber war, wie weit der wissen-
schaftliche Anspruch Taylors tatsächlich ging und inwiefern man sich deshalb auf
ihn als den eigentlichen Wissenschaftsbegründer berufen konnte, und zum
anderen, weil man sich auch über die Inhalte der wissenschaftlichen
Betriebsführung nicht ganz im Klaren war. Dabei war das zweite Problem das ent-
scheidende, da es den Umfang der Kompetenzen des Betriebswissenschaftlers
innerhalb einer neuen Produktionsorganisation Mitte der 20er Jahre bestimmte9.
setzen eine Reihe weiterer Vorschläge ein, die alle von dem Lohn- und Kostenwesen ausgehen
und im Laufe der Zeit auch der Arbeits- und Betriebswissenschaft ihr heutiges Gepräge geben.“]
6 Witte 1928b, 2.
7 Vgl. z. B. Witte 1924b, 27ff.
8 Witte 1928a, 90. – Was es mit dieser Kritik an der Wissenschaftlichkeit der "Wissenschaftlichen
Betriebsführung“ auf sich hat, wird weiter unten erläutert.
9 Vgl. Wupper-Tewes 1995, 44.
110
So verwahrte sich zum Beispiel Georg Schlesinger, trotz seines grundsätzlich
positiven Verhältnisses zu Taylor, ähnlich wie Irene Witte, „energisch dagegen,
Wissenschaftliche Betriebsführung schlicht mit Taylorismus gleichzusetzen. Er
betont immer wieder, daß es wenig human, zudem eine unruhestiftende
Provokation und vor allem äußerst unökonomisch sei, bei der Auswahl der
Arbeiter so zu verfahren, wie Taylor es vorschlägt10. Statt die Nicht-Leis-
tungsfähigen erst am Arbeitsplatz ausfindig zu machen und dann auszusortieren,
komme es darauf an, „vorab durch Eignungstests die für eine bestimmte
Berufsarbeit am besten geeigneten Arbeiter zu bestimmen und diese dann ihren
Fähigkeiten entsprechend auszubilden.“11 Dies führte dazu, daß Schlesinger den
Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetriebe, der 1904 an der
Königlich-Technischen Hochschule Berlin eingerichtet worden war und dessen
erster Inhaber12 er wurde, 1918 um den Sonderbereich der Industriellen Psy-
chotechnik erweitern konnte. Ab 1924/25 wurde der Lehrstuhl auch offiziell als
Lehrstuhl für "Betriebswissenschaften“ bezeichnet13.
Wittes Definitionsversuche der tayloristisch geprägten Betriebswissenschaft
schlossen sich entweder dem Ziel der Taylor-Schule an, in den Betrieben „mit
höchstem Wirkungsgrad, d.h. mit höchsten Löhnen und niedrigsten
Gestehungskosten zu arbeiten“14, oder sie waren an weiteren Aufgaben und Zielen
orientiert: „Von allen Seiten“, schreibt sie, „wird die Forderung auf Steigerung
der Produktivität, Schaffung von Arbeitsfreude, Berufsansehen, Anerkennung der
Persönlichkeit erhoben und allgemein in dem Begriff "Arbeitswissenschaft"
zusammengefaßt.“15 1924 erklärte sie, daß diese Aufgaben der
Betriebswissenschaft „nur durch engste Zusammenarbeit des Ingenieurs,
Psychologen und Psychiaters zu lösen“ seien16 und bekräftigte damit im
10 Vgl. hierzu weiter unten Abschnitt 1.2.3.
11 Ebert / Hausen 1979, 326f.
12 Vgl. Wupper-Tewes 1995, 40f, Vgl. auch Spur/Fischer (Hg.) 2000.
13 Vgl. ebd., 42f; Ebert / Hausen 1979, 325.
14 Witte 1921a, 13; 1930j, 236.
15 Witte 1922, 33.
16 Witte 1924b, 33.
111
Nachhinein, wohl auch aufgrund ihrer praktischen Arbeit am Orga-Institut,
Schlesingers Erweiterung der Betriebswissenschaften durch die industrielle
Psychotechnik.
Die konkreteste Vorstellung von dem, was die Betriebswissenschaften eigentlich
zu leisten hätten, hatte offenbar Georg Schlesinger selbst. Zwar neigte auch er
dazu, die Bestimmung der Betriebswissenschaften in der tayloristischen
„Erhöhung der menschlichen Wirksamkeit, d.i. des Wirkungsgrades der
Arbeiterschaft als Ganzes“17 deren eigentliche Aufgabe zu sehen, aber er war sich
auch – wie eine Äußerung Walther Moedes in dem Schlesinger gewidmeten Heft
der Zeitschrift "Industrielle Psychotechnik" zeigt – des gesamten Umfanges
betriebswissenschaftlicher Tätigkeit bewusst:
„Während die eine Gruppe der Betriebswissenschaftler lediglich in der Durcharbeitung der
technischen Einrichtung das Ziel der Betriebslehre erblickt, während die anderen nur die Lehre
vom Gelde im Betriebe als die vorzugsweise Aufgabe der Betriebswissenschaft ansehen, andere
wieder nur Innenorganisation als Verwaltungsbestgestaltung treiben, hat Schlesinger in Lehre und
Praxis von jeher den Betrieb als eine Gesamtheit und einen Inbegriff von Menschen, Maschinen
und Geld aufgefaßt.“18
In der Ausgestaltung der Betriebswissenschaften der 20er Jahre gab es jedoch eine
fast ausschließliche Konzentration auf die beiden Faktoren Mensch und
Maschine19, während der Geldfaktor (Lohn, Umsatz, Profit und Preis) weitgehend
ausgeblendet wurde.
Die Lohnfrage, führen Ebert und Hausen aus, sei für Schlesinger „Prüfstand der
friedlichen Betriebspolitik“ gewesen und „ein richtiges Lohnsystem die
entscheidende Vorgabe ..., um ‚Vertrauensstimmung zwischen Arbeitern und
Betriebsleitung mit dem Ziel der Zusammenarbeit‘ zu wecken“20. Daß der Faktor
Lohn aber auch eine volkswirtschaftliche Größe darstellte und daß er für den
Arbeiter neben dem materiellen auch einen ideellen Anerkennungswert darstellte,
17 Schlesinger, Betriebsführung und Betriebswissenschaft, in: Technik und Wirtschaft 6, 1913,
Heft 8, S.525-547, hier S.526. „Mit dieser Aufgabe“, kommentieren Hans Ebert und Karin Hausen
dieses Zitat, „befaßt sich die Betriebswissenschaft“. Vgl. Ebert / Hausen 1979, 323.
18 Zit. n. Wupper-Tewes 1995, 40.
19 Wupper-Tewes (1995, 51ff) vertritt die These, daß der Diskurs der Betriebswissenschaften
überhaupt erst durch einen neuen Umgang mit der Maschine möglich geworden sei.
112
wurde von Schlesinger, Witte und anderen Betriebswissenschaftlern nicht
wirklich zur Kenntnis genommen21. „Die Betriebswissenschaft“, schreibt Irene
Witte, umfaßt das gesamte Gebiet der Fertigung, sie beschäftigt sich mit der
Erforschung der mechanischen und der menschlichen Arbeit“22; ihre beiden
„Hauptelemente“ seien „Mensch und Maschine“23. Auch hier wird der Geldfaktor
allenfalls am Rande vermerkt: „Selbstverständlich“, schreibt Irene Witte, „müssen
die Akkordbestimmer bei diesen Verfahren [gemeint sind die unterschiedlichen
Lohnsysteme, R.P.] außer den ermittelten Zeitangaben auch eine ganze Reihe
außerhalb des Betriebes liegender Faktoren, wie Lebensbedingungen, Lage des
Arbeitsmarktes usw. berücksichtigen.“24 Es wurde also über Lohnsysteme
nachgedacht (es gab nach Wittes Aussagen „nicht weniger als 17 solcher
Lohnsysteme“25), aber auf Geld im konkreten Sinne und auf die
gesamtgesellschaftlichen Bedingungen sowie auf die unternehmerischen
Interessen, die sich mit dem Geldfaktor verbanden, wurde nicht eingegangen26.
20 Vgl. Ebert / Hausen 1979, 329.
21 Bei ihrer Darstellung Taylors betont Witte den „amerikanischen Idealismus ..., der dort [in
Amerika, R.P.] auch mehr materiellen Bestrebungen anhaftet“ (Witte 1924b, 28; Hervorh. R.P.).
Dem Materialismus der Arbeiterschaft (ob nun der amerikanischen oder der deutschen), der immer
auch zugleich ideellen Bestrebungen anhaftet, widmet sie dagegen weniger Aufmerksamkeit.
Schlesinger versucht sogar, beides voneinander zu trennen: „Der Mensch ist keine Maschine, für
Hingabe ist Geld kein Gegenwert, daher kämpfen unsere Arbeiter heute auch sicher nicht um
höhere Löhne allein, sondern um moralische Werte, vor allem um die Heraushebung aus der
Deklassierung des vierten Standes zum Range der Gleichberechtigung.“ (zit. n. Ebert / Hausen
1979, 327). Daß sich aber gerade diese "Heraushebung" für den Arbeiter, aber auch
gesamtgesellschaftlich, mit der Lohnfrage verknüpft, wird nicht gesehen.
22 Witte 1921a, 6.
23 Witte 1928b, 43.
24 Witte 1930j, 249.
25 Witte 1930j, 249.
26 Wupper-Tewes legt („Wie lassen sich die Betriebswissenschaften eingrenzen?“, Wupper-Tewes
1995, 44ff) den Schluss nahe, die Betriebswissenschaften seien – um wissenschaftlich zu sein –
alles in allem "zu breit" angelegt gewesen. Die „Abgrenzung“ gegenüber den beteiligten
Disziplinen (Ingenieurwissenschaften, Ökonomie, Psychologie und Medizin) sei nicht „eindeutig“
(vgl. ebd., 45). Ergänzend zu dieser Beobachtung stelle ich fest, daß die Betriebswissenschaften in
gewisser Weise auch "zu eng" angelegt gewesen sind: Sie konzentrierten sich zu stark auf innerbe-
triebliche Probleme und blendeten den gesellschaftlichen und historischen Kontext, in dem sie
sich bewegten, aus.
113
1.1. Die Hintergründe der Taylorschen Betriebsführung
Irene Witte war – trotz ihrer an Gilbreth angelehnten Taylor-Kritik –mit dem
Taylorismus eng verbunden. Immer wieder betont sie, daß sie sich der Theorie,
also vor allem auch den Grundlagen Taylors verpflichtet fühlte und daß sie sich
lediglich mit der Praxis des Taylorsystems nicht immer einverstanden erklären
könne: „Wir müssen wiederholen“, schreibt sie, „daß die von Taylor propagierten
Zeitstudien in der Theorie völlig einwandfrei sind – wie überhaupt gegen seine
Grundsätze nichts Ernsthaftes eingewendet werden kann. Nur die Praxis – wohl
aus einem damals bestehenden Mangel geeigneter Hilfsmittel oder genügender
Erfahrungen – hält nicht immer Schritt mit den Gesetzen der W.B. [=
wissenschaftlicher Betriebsführung, R.P.], und hier setzt die Kritik gegen sein
Verfahren ein“27. Sie wendet sich also gegen die Praxis und niemals gegen die
Theorie.
Wenn im Folgenden die von Witte angesprochenen theoretischen Grundsätze
näher betrachtet werden sollen, so sind damit nicht die von einer gewissen
Naivität gekennzeichneten Grundmaxime Taylors gemeint, die in allen seinen
Schriften vorhanden sind, z.B. die These einer angeblichen Bequemlichkeit des
Durchschnittsmenschen, dem nahezu naturgesetzlichen Gegensatz von Massen
und Eliten etc.28 Interessant sind diejenigen Grundsätze, aus denen sich seine
konkreten Rationalisierungsmaßnahmen ableiten lassen. Er unterstellt eine
Interessengemeinschaft der Arbeitgeber und Arbeitnehmer,
Wissenschaftsanspruch, naturwissenschaftliches Fortschrittsideal und eine
Konzeption des Verhältnisses von Maschine und Mensch einerseits und Mensch
und System andererseits.
Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Betriebsführung im Sinne Taylors sind
zwei Prinzipien: das sozialpazifistische Prinzip eines freundschaftlichen Zusam-
27 Witte 1928b, 94; vgl. auch schon Witte 1921a, 2ff.
28 Vgl. Wupper-Tewes 1995, 56f; Ebbinghaus 1984, 49.
114
menarbeitens von Arbeitgebern und Arbeitnehmern und das szientistische
oder technizistische Prinzip einer Produktivitäts- und Effektivitätssteigerung
durch wissenschaftliche und technische Lenkung der innerbetrieblichen
Prozesse29. Das sozialpazifistische Prinzip bildet gleichsam die Grundlage: „Das
Hauptaugenmerk einer Verwaltung sollte darauf gerichtet sein, gleichzeitig die
größte Prosperität des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers herbeizuführen und so
beider Interessen zu vereinen.“30 Auch Irene Witte stellt den Frieden zwischen
Arbeitgebern und Arbeitnehmern an den Anfang der "Philosophie des [Taylor-]
Systems", wenn sie schreibt:
„Die große geistige Umwälzung, die sich nach Annahme von W.B. auf beiden Seiten [der
Arbeitgeber und der Arbeitnehmer, R.P.] vollzieht, offenbart sich dadurch, daß die
Aufmerksamkeit zunächst von der Teilung des Überschusses abgewendet wird und dass beide
Teile gemeinsam daran gehen, den Umfang dieses Überschusses so zu erhöhen, dass die Frage
seiner Verteilung zu keinerlei Streitigkeiten mehr Anlaß gibt. ... Der Überschuss wird sowohl den
Arbeitern eine bedeutende Erhöhung ihrer Löhne als auch den Fabrikanten eine Erhöhung ihrer
Gewinne ermöglichen. Das ist der Anfang der großen geistigen Umwälzung, die den ersten Schritt
zur W.B. kennzeichnet. Auf diesem Wege muß Wissenschaftliche Betriebsführung entwickelt
werden: an Stelle von Krieg - Frieden! An Stelle von Streitigkeiten - ein herzliches brüderliches
Zusammengehen, und an Stelle eines Gegeneinanderarbeitens - ein gemeinsames Streben! An
Stelle eines mißtrauischen Aufpassens - gegenseitiges Vertrauen!“31
Aber diese Vereinigung der Interessen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist nur
bei Anwendung des zweiten Prinzips möglich. Nur die durchgreifende, durch
wissenschaftliche und technische Verfahren ermöglichte betriebliche
Produktivitäts- und Effektivitätssteigerung gereicht sowohl dem Arbeitgeber als
auch dem Arbeitnehmer zum finanziellen Vorteil. „Die angemessene Zeit und der
angemessene Lohn, "wissenschaftlich" ermittelt in Einklang mit den "Gesetzen"
von Produktion und Arbeit, waren nach Taylor "objektive" Größen, die jede
Diskussion ausschlossen und kollektive Lohnverhandlungen – und damit auch die
Gewerkschaften – erübrigten.“32 Die Durchsetzung dieses Prinzips appelliert also
an die Wissenschaftsgläubigkeit sowohl des Unternehmers als auch des Arbeiters:
29 Vgl. Volpert 1995, XXIV sowie XXXIIff; Homburg 1978, 172.
30 Taylor 1913, 7; vgl. ebd., 28f, 38f, 55f.
31 Taylor, zit. n. Witte 1928b, 38.
32 Homburg 1978, 172. – Auf das Verhältnis der tayloristisch geprägten Betriebswissenschaften zu
den Gewerkschaften siehe Abschn. 4.4. dieses Kapitels ein.
115
wenn der Zeit- und der Lohnfaktor in eindeutigen "Zahlen" ermittelt würden,
dann könne man über sie auch nicht mehr streiten. Dieses Prinzip macht die
wissenschaftliche Analyse abhängig von dem angestrebten ökonomischen
"Nutzeffekt". Nach Taylor ist die größte Prosperität das Resultat einer möglichst
ökonomischen Ausnutzung des Arbeiters und der Maschinen33. Zwischen
ökonomischer und wissenschaftlicher Ausnutzung besteht also kein Unterschied
mehr: was das wissenschaftlich Richtige ist, ist auch das ökonomisch Beste und
umgekehrt.
Daß zwischen Maschinen und Menschen in einem solchen System kein
qualitativer Unterschied mehr besteht, ist offensichtlich34. Zwar versucht Witte
sich den kritischen Nachfragen zu entziehen, wenn sie erklärt: „Ob der Mensch
für die Maschine da ist, ob er sich ihr und ihren Forderungen anpassen soll oder
ob jemals die Möglichkeit bestehen wird, die Maschine den Bedürfnissen und
Anforderungen des Menschen anzupassen, sind Fragen, die über den Rahmen
einer kritischen Betrachtung des Taylorsystems und aller Rationalisierungsbe-
strebungen hinausgehen.“35 Sie muß auf der anderen Seite auch einräumen, daß
diese Fragen „ eng mit ihnen [den Rationalisierungsbestrebungen, R.P.] verwandt
sind und in letzter Konsequenz bei einer Beurteilung des Systems nicht
unberücksichtigt bleiben dürfen“36. Wie sie selbst zu diesen Fragen steht, erfährt
man weiter im Text nicht, aber sie stellte die Behauptung ihres Lehrers Gilbreth
nicht wirklich in Frage, der einmal erklärte: „Was kümmert es den Arbeiter .., ob
er eine ‚Maschine‘ ist oder nicht. Die Unternehmung übernimmt seine
Einschulung, und er fährt besser dabei und verdient mehr als früher. Das ist ihm
die Hauptsache.“37 Mit anderen Worten, solange der Arbeiter sogenannte
33 Taylor 1913, 10.
34 Nach Sigfried Giedion gehen Taylors Erfindung des Schnelldrehstahls und die
Wissenschaftliche Betriebsführung auf die gleiche Wurzel zurück. Beide gingen davon aus, ein
"Material" (Stahl oder Mensch) bis zur Grenze der Leistungsfähigkeit belasten zu können, um
größere Gewinne zu erzielen (vgl. Giedion 1948, 122f; ähnlich auch Schivelbusch 1977, 116).
35 Witte 1928b, 86.
36 Ebd.
37 Zit. n. Ebbinghaus 1984, 83. – In ähnlicher Weise argumentiert auch Neuhaus, der damalige
Generaldirektor von Borsig, der sich bereits vor dem Krieg offen zum Taylorsystem bekannte
116
kompensatorische Leistungen erhält: Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkür-
zungen, Aufstiegschancen, aber auch Bildungs- und kulturelle Sinnangebote38,
solange könne er auch als Maschine funktionieren. Dadurch sei seine
technologisch-mechanische Vermessung und Verwertung zugunsten einer
Effizienzsteigerung und eines reibungslosen Betriebsablaufs grundsätzlich
gerechtfertigt. „Aus der Sicht der Konstrukteure von Mensch-Maschinen-
Systemen“, so Gertraude Krell, „erscheinen die menschlichen Elemente des Ar-
beitssystems im Vergleich zu den Betriebsmitteln antiquiert. Die Utopie des
Ingenieurs ist eine Welt, in der Menschen wie Maschinen funktionieren ... oder
Maschinen die unzulänglich funktionierenden Menschen ersetzen.“39
Nicht nur muß sich der Arbeiter den Forderungen der Maschine anpassen, er m
sich auch insgesamt dem System unterordnen. Taylor schreibt: „Bisher stand die
"Persönlichkeit" an erster Stelle, in Zukunft wird die Organisation und das System
an erste Stelle treten. Daraus ist aber nicht etwa der Schluß zu ziehen, daß man
keine bedeutenden Persönlichkeiten mehr braucht. Im Gegenteil, die Aufgabe
eines jeden guten Systems muß es sein, sich erstklassige Leute heranzuziehen,
und bei systematischem Betrieb wird der beste Mann sicherer und schneller in
führende Stellung gelangen als je zuvor.“40 Die Einschränkung, daß es
keineswegs so ist, daß man „keine bedeutenden Persönlichkeiten mehr braucht“,
ändert nichts am Vorrang des Systems, sondern hebt ihn eher noch hervor, denn
die Bedeutung einer Persönlichkeit wird vom System gemessen, dem sie diese
Bedeutung erst verdankt (sie wird "herangezogen"), und zweitens daran, wie sehr
sie sich mit diesem System identifizieren kann – ein Kreislauf, aus dem man nicht
(vgl. Homburg 1978, 177f): „Der eine Vorwurf, der gegen die neue Methode erhoben wird,
erstreckt sich darauf, daß der Arbeiter zur Maschine wird, oder, wie eine unserer
Arbeiterzeitungen sich ausdrückt, zum willenlosen Lasttier. In viel höherem Maße hätte der
Arbeiter unter dem heutigen System zur Maschine werden müssen! Denn viele verrichten jahraus
jahrein denselben Dienst, bedienen Zeit ihres Lebens dieselbe Maschine, oder stellen für Jahre
einen und denselben Teil her. Nach den Taylorschen Grundsätzen aber werden sie angeleitet,
belehrt und gefördert und sehen an den Erfolgen, was es ihnen einbringt, wenn sie wirtschaftlich
arbeiten“ (Neuhaus 1913, 4 Sp.1).
38 Vgl. Witte 1922, 45; 1924b, 46 u. 72ff; vgl. auch Sachse 1987, 100.
39 Krell 1984, 155.
117
heraustreten kann, weil hier das System zugleich Ursprung und Zweck,
Ausgangspunkt und Ziel aller betrieblichen Praxis ist.
Die von Taylor vorgeschlagenen Rationalisierungsmaßnahmen stehen in direkter
Abhängigkeit von den erläuterten ideologischen Grundlagen. Sie betreffen zum
einen den Bereich der Arbeitsprozesse, und zum anderen den der Arbeitssubjekte.
Im Bereich der Arbeitsprozesse wiederum betreffen sie die Ebene der
Betriebsorganisation und der Zeitorganisation und im Bereich der Arbeitssubjekte
die Ebene der Auswahl (Selektion) und Instruktion sowie die der Motivation und
Integration durch Entlohnung.41 In den Worten Wittes geht es nach dieser
Einteilung erstens um "Zentralisierung und Funktionalisierung", zweitens um
"planmäßige Zeitermittlung", drittens um "Auswahl und Anlernung der Arbeiter"
und viertens um das "Differentiallohnsystem".42
1.2.1. Zentralisierung und Funktionalisierung
Um die Arbeitsprozesse zu rationalisieren, setzt Taylor zunächst auf der Ebene
der Betriebsorganisation und an der traditionellen Verteilung des Arbeitswissens
an. Der Betriebsleitung müsse es um „die systematische Sammlung der großen
Masse der vorliegenden traditionellen Kenntnisse“ gehen, „die bisher lediglich in
den Köpfen der Arbeiter und in der persönlichen Geschicklichkeit, die sie durch
jahrelange Erfahrung erlangten, bestanden.“43 Taylor, so Ebbinghaus, „forderte
eine radikale Veränderung der betrieblichen Machtverhältnisse dahingehend, daß
das Management sich das gesamte Wissen über den Arbeits- und
40 Taylor 1913, 4.
41 Ähnliche Einteilungen nehmen vor: Ebbinghaus 1984, 62ff; Homburg 1978, 171f; Mehrtens
1999, 93ff; Volpert 1995, XXIV u. XXXVIIff.
42 Witte 1928b, 62ff, 49ff, 60ff u. 59f. – Für Witte gehören die "planmäßige Zeitermittlung" und
das "Differentiallohnsystem" eng zusammen. Sie verhandelt sie unter dem Titel "Zeitstudien und
Differentiallöhne" im Abschnitt A des Dritten Teils ("Praxis des Systems") ihrer Taylor-
Monographie. "Auswahl und Anlernung der Arbeiter" und "Zentralisierung und
Funktionalisierung" stellen die beiden Abschnitte B und C dieses Teils dar.
43 Witte 1928b, 40; vgl. a. das Taylor-Zitat bei Ebbinghaus (1984, 53), die sich hier ebenfalls auf
Witte bezieht.
118
Produktionsprozeß systematisch aneignet und dann bestimmen kann, wie und
in welcher Zeit eine Arbeit auszuführen ist.“44
Sicherlich kann man sich darüber streiten, ob es sich hierbei wirklich um eine
"Enteignung des Arbeiterwissens" handelt und nicht vielmehr „um eine
Rekonstruktion und Neukonstruktion, die das relevante Wissen der Arbeiter ent-
wertet.“45 Aber wenn diese Rekonstruktion und Neukonstruktion des betrieblichen
Wissens dazu beitragen soll, wie Mehrtens behauptet, die „Entwicklung der
Fähigkeit der Subjekte zur Selbstregulierung“ zu fördern,46 so ist dies
möglicherweise eine historische Verwechslung,47 – und zwar des Taylorismus
mit dem erst in den letzten Jahren aufgekommenen „lean management" oder dem
sogenannten "Toyotismus" (in dem es tatsächlich um einen Wechsel von der
Fremdsteuerung zur Selbstregulierung zu gehen scheint.)48 Im Taylorismus ist
eine solche Selbstregulierung eigentlich nicht vorgesehen, da es hier im Gegenteil
gerade darum geht, die Arbeitsprozesse (und damit die Arbeiter selbst) mit dem
Wissen, das den Arbeitern zuvor genommen, dann genormt und funktionalisiert
wurde, „von oben“ zu bestimmen und zu kontrollieren. Und für diese Kontrolle
war eine eindeutige Trennung der ausführenden von der planenden Arbeit die
Voraussetzung: „Klare Trennung der geistigen von der manuellen oder des
44 Ebbinghaus 1984, 52.
45 Mehrtens 1999, 91.
46 Vgl. ebd., 92.
47 Mehrtens scheint eine gewisse Faszination für den von ihm beschriebenen Funktionalismus der
Betriebswissenschaften zu haben. So behauptet er z.B., in dem von Taylor herangezogenen
Beispiel der Maurer (vgl. Taylor 1913, 80ff) gehe es „um die strukturierte Gruppe, die im Verbund
arbeitet und zudem noch gewerkschaftlich organisiert ist“ (Mehrtens 1999, 93). Im Text jedoch
polemisiert Taylor ganz ausdrücklich gegen die „mißgeleiteten Maurerorganisationen ..., die ihren
Leuten verboten, bei städtischen Bauten mehr als 275 und bei Privatbauten mehr als 375 Ziegel
pro Tag zu legen“ (Taylor 1913, 85). Außerdem nahm der Taylorismus eine eindeutig
antigewerkschaftliche Haltung ein.
48 Vgl. Müller 7/2000, 16 Sp.2. Der Autor ist Referatsleiter Wirtschaft in der Hans-Böckler-
Stiftung. In einem Artikel der Zeitschrift „Mitbestimmung“ argumentiert Müller, dass es in
modernen Unternehmen keine einheitlichen Standards von Arbeitsorganisation mehr gäbe, die
tayloristische Maxime der Kontrolle über den Produktionsprozess jedoch nach wie vor Gültigkeit
habe.
119
Entwurfs von der ausführenden Arbeit“, so Witte, „stellt einen der wichtigsten
Grundsätze neuzeitlicher Betriebsführung dar.“49
Konkret zeigte sich diese Trennung zunächst in der Bildung eines sogenannten
Planungs- oder Arbeitsbüros, von dem die einzelnen Arbeitsprozesse im Betrieb
gesteuert, das Wissen über deren Abläufe von Betriebsingenieuren und
Betriebswissenschaftlern gesammelt und, z.B. in Form von
Unterweisungskarten50, wieder verteilt wurde. Diese Organisatoren arbeiteten
wiederum im klassischen Taylorsystem als Vermittler einem sogenannten
Funktionsmeister zu, und zwar je vier innerhalb und außerhalb des Büros.51 Der
Unterrichtsmeister, der Geschwindigkeitsmeister, der Prüfmeister und der
Instandhaltungsmeister waren außerhalb des Büros tätig und insgesamt zuständig
für das, was Witte die "Arbeitsausführung" nennt: sie wiesen die Arbeiter in ihre
Arbeit ein, wachten darüber, daß sie nur bei vorteilhaftesten Geschwindigkeiten
arbeiteten, prüften Arbeitsausführung und Produkte und behielten die Funkti-
onsfähigkeit der einzelnen Maschinen im Auge. Der Arbeitsverteiler, der Arbeits-
anleiter, der Zeit- und Kostenbeamte und der Schlichter wiederum waren
vornehmlich innerhalb des Büros tätig, aber kamen ebenfalls mit den Arbeitern in
Berührung. „Allerdings“, hebt Witte hervor, „hauptsächlich durch schriftliche
Anweisungen.“52 Sie waren für das zuständig, was Witte im weitesten Sinne die
"Arbeitsverteilung" nennt (da Taylor das Planungsbüro auch als
"Arbeitsverteilungsbureau" verstand53): sie legten die Reihenfolge der zu ver-
richtenden Arbeit fest, entwarfen die Richtlinien für die Anwendung des
49 Witte 1928b, 64. Heidrun Homburg spricht von der scharfen Trennung von dispositiver und
ausführender Arbeit (vgl. 1978, 171), Volpert von der völligen Trennung von Hand- und
Kopfarbeit (vgl. 1995, XXXVIII).
50 Vgl. Michel 1920, 51ff. Auch Irene Witte hat sich später als Übersetzerin ausführlich mit der
sogenannten „Gantt-Chart“ von 1917, einem System visueller Arbeitskontrolle, des
Maschinenbau-Ingenieurs Henry Laurence Gantt (1861 - 1919) beschäftigt. Vgl. Clark, Wallace,
Leistungs- und Materialkontrolle nach dem Gantt-Verfahren. Übertragung durch I. M. Witte,
München, Berlin 1925.
51 Witte 1922, 46ff und Witte 1928, 62ff; vgl. a. Taylor 1913, 132f; Neuhaus 1913, 3 Sp.1 sowie
Ebbinghaus 1984, 59ff , vgl. auch Witte 1928a, 1117f.
52 Witte 1928b, 63.
53 Vgl. Taylor 1913, 40.
120
leistungsfähigsten Verfahrens, teilten den Arbeitern die für sie notwendigen
Angaben über Arbeitszeit und angesetzten Lohn mit und überwachten mögliche
Pflichtverletzungen oder unentschuldigtes Fortbleiben von der Arbeit.
Auf diese Weise stützte das Funktionsmeistersystem die hierarchische Trennung
von planender und ausführender Arbeit und machte eine umfassende Kontrolle
der Arbeiter möglich. Diese Kontrolle führte allerdings in den tayloristisch
geführten Betrieben zu einer erheblichen Ausweitung des (damals so genannten)
"Beamten"- bzw. eigentlich des Angestelltenapparates. 1913, vor dem Krieg, hatte
Neuhaus für die Borsig-Werke noch schreiben können: „Anfänglich erscheint
diese Unterteilung [des Funktionsmeistersystems, R.P.] und die dadurch
notwendige Anzahl von Beamten als sehr umständlich und als eine sehr
erhebliche Vergrößerung des Beamtenapparates. Man darf aber nicht vergessen,
daß es sich zum Teil um Verrichtungen handelt, die bisher von dem Arbeiter
versehen sind, der für sie nicht vorgebildet ist und dadurch, daß man ihn von
diesen Arbeiten entlastet, frei wird für solche, für die er besser geeignet ist; und
ferner, daß, wenn sie alle von einer Person ausgeführt werden sollen, einige von
diesen Verrichtungen unbedingt Schaden leiden müssen, d.h. also daß der
Betreffende mit einem nur geringen Wirkungsgrad arbeitet.“54 Aber schon 1924
während der "Rationalisierungskrise", begründeten die Unternehmer, und zwar
allen voran die Borsig-Werke, ihre Forderung nach einer Verlängerung der
Arbeitszeit Witte zufolge gerade mit diesem angewachsenen „Heer der
sogenannten "unproduktiven" Kräfte, d.h. der nur mittelbar an der Produktion
Beteiligten, weil sie in ihm „eine der Hauptursachen des Niederganges der
deutschen Wirtschaft“ sahen.55 Auch aus diesem Grunde wurde deshalb in den
deutschen Unternehmen seit 1924 verstärkt über die Fordsche Betriebsführung
54 Neuhaus 1913, 3 Sp.1.
55 Witte 1924b, 47. – Witte nennt folgende Zahlen: „In den Borsigschen Werken entfielen im Jahre
1913 auf 100 produktive 66 unproduktive, und im Jahre 1922 auf 100 produktive sogar 120
unproduktive. ... In den Siemenswerken war das Verhältnis im Jahre 1914 100:93,7, 1923
100:153!“ (ebd.).
121
diskutiert – eine Alternative, über die anhand von Wittes Kritik weiter unten
ein eigener Abschnitt folgen soll.
1.2.2. Planmäßige Zeitermittlung
Die wichtigsten und sicherlich bekanntesten Rationalisierungsmaßnahmen, die
Taylor vorgeschlagen hat, liegen auf der Ebene der Zeitorganisation: „Das
Zeitstudium“, schreibt Witte in ihrer Taylor-Monographie, „ist ... gewissermaßen
Ausgangspunkt seines Verfahrens der "wissenschaftlichen Betriebsführung" und
einer der mächtigsten Pfeiler seines Systems. Um ihn herum und auf ihm bauen
sich in logischer Folge alle die anderen Elemente auf, die zusammen erst den
großen harmonisch laufenden Betrieb ausmachen.“56 Witte schreibt:
„Von dem Gedanken ausgehend, einmal einwandfrei zu wissen, wie lange es tatsächlich dauert,
eine bestimmte Arbeit auszuführen, und in der Erkenntnis, daß es ohne dieses Wissen ein Ding der
Unmöglichkeit ist, irgendwelche Ordnung und Systematik an irgendeiner Stelle zu schaffen, wo
Arbeit gegen Entgelt geleistet wird, schuf Taylor sein Zeitstudienverfahren. Mit Hilfe der
Stoppuhr will er die "zur Ausführung einer Arbeit erforderliche Zeit" ermitteln“57.
Damit ist zunächst das wesentliche technische Hilfsmittel der von Taylor so
genannten "analytischen Arbeit der Zeitstudie" genannt (die Stoppuhr). Darüber
hinaus unterschied er aber auch noch eine "synthetische Arbeit der Zeitstudie", in
der es vor allem um die nachträgliche Normung und Normierung der Arbeitszeit
ging;58 und er hatte schließlich auch eine bestimmte –sowohl von Gegnern als
auch Befürwortern Taylors heftig diskutierte – Auffassung darüber, ob
Zeitstudien an einem sogenannten "erstklassigen", an einem "guten" oder aber
(nur) an einem "durchschnittlichen" Arbeiter vorgenommen werden sollten.59
56 Witte 1928b, 49f.
57 Witte 1930j, 234.
58 Zu der von Witte stets zitierten – und zweifelsohne wichtigen – Unterscheidung von
analytischen und synthetischen Zeitstudien vgl. Witte 1921a, 18ff; 1922, 38ff; 1928, 52f; 1930,
235f.
59 Vgl. Witte 1928b, 55ff.
122
Das analytische Zeitstudium bestand im Wesentlichen aus drei Schritten60:
erstens in der Unterteilung und Klassifizierung von elementaren Arbeitsabläufen
oder von sogenannten "Arbeitsgängen", die wiederum in kleinere Elemente,
sogenannte "Teilarbeiten" unterteilt wurden. Zweitens die zeitlich nähere
Bestimmung dieser einzelnen Arbeitsgänge und Teilarbeiten mit Hilfe der
Stoppuhr, wobei durch wiederholte Messungen ein durchschnittlicher Zeit-
verbrauch errechnet wurde, den man im Allgemeinen als die "Gesamtzeit" des
jeweiligen Arbeitsganges bezeichnete. Im dritten Schritt schließlich ging es um
die Ermittlung und gegebenenfalls auch um die Ausschaltung aller überflüssigen
Arbeitsabläufe, d.h. derjenigen Vorgänge, die nicht unmittelbar zum
Produktionsprozess beitrugen. Hierzu gehörten generell alle Arten von – mit der
Stoppuhr messbaren – Verzögerungen, Unterbrechungen und Pausen61.
Hatte man auf solche Weise eine genauere Vorstellung vom zeitlich günstigsten
Ablauf gewisser Arbeiten, konnte man nach Beendigung des soeben genannten
dritten Schrittes, also der Ermittlung und Eliminierung von möglicherweise
überflüssigen Vorgängen, zum synthetischen Zeitstudium übergehen. Dieses
bestand generell aus der Normung und Normierung der Arbeitsabläufe und ließ
sich ebenfalls in drei Schritte unterteilen62: Im ersten Schritt wurden die immer
wiederkehrenden und von überflüssigen Bewegungen freigehaltenen Ar-
beitsgänge oder Teilarbeiten zu Gruppen zusammengefasst und zur besseren
Übersicht und Anwendbarkeit mit Buchstabensymbolen klassifiziert. Kamen in
60 Bei der folgenden Darstellung orientiere ich mich an den Ausführungen Michels (1920, 9f bzw.
26f). Witte geht auf das Grundschema der Taylorschen Zeitstudien nur sehr oberflächlich oder
bereits mit kritischen Vorbehalten ein, da sie sich stets am Verfahren Gilbreths orientiert (vgl.
Witte 1921a, 11-33).
61 Vgl. Taylor zit. n. Witte 1928b, 52: „Die analytische Arbeit der Zeitstudie ist folgende: a) Die
Arbeit des Ausführenden ist in einfache Elementarbewegungen zu unterteilen. b) Alle
überflüssigen Bewegungen sind zu ermitteln und auszuschalten. c) Die Art und Weise, wie
mehrere geschickte Arbeiter jede Elementarbewegung ausführen, ist nacheinander zu ermitteln,
und mit Hilfe der Stoppuhr ist das in dem betreffenden Gewerbe bekannte schnellste und beste
Verfahren zur Verrichtung jeder dieser Elementarbewegungen festzustellen. d) Jede
Elementarbewegung ist zusammen mit der entsprechenden Zeitangabe zu beschreiben und so zu
klassifizieren, daß sie zu jeder Zeit schnell wieder aufzufinden ist.“. – Die Zuschlagsberechnung,
die Taylor unter e bis f zusammenfasst (vgl. ebd., 52f) wird neben anderen Fragen Thema des
Abschnitts 3.2 werden.
123
einem Fertigungsprozess, welches Produkt auch immer hergestellt wurde,
derart klassifizierte Arbeitsgänge vor, so war man im zweiten Schritt in der Lage,
die zur Verrichtung der Arbeit erforderliche Zeit bereits im Voraus festzustellen.
Und schließlich klassifizierte man z.B. auch die für bestimmte Maschinen und
Werkzeuge spezifischen "Griffzeiten" oder gab die Klassifizierung solcher
Griffzeiten gleich bei den Maschinenherstellern in Auftrag, um sich so die
Ermittlung eigener Zeitnormen zu ersparen63.
Für die Vornahme dieser Zeitstudien war es wichtig zu wissen, an welchem
Arbeiter die einzelnen Zeitstudien vorgenommen werden sollten. Wählte man für
die analytischen Zeitstudien nicht nur einen "durchschnittlichen", sondern einen
"guten" oder sogar "erstklassigen" Arbeiter aus, so war es möglich, daß viel zu
hohe Zeitnormen zugrundegelegt wurden, wählte man aber einen "durchschnittli-
chen", konnten die Zeitnormen für die erhoffte Produktivitätssteigerung zu gering
ausfallen. In der Diskussion dieser Frage gab es heftige Meinungsunterschiede.
Die Schwierigkeit bestand darin, daß man – ohne die vorherige Vornahme von
Zeitstudien – gar nicht recht wußte, was eigentlich unter einem
62 Auch hier orientiere ich mich an der Darstellung Michels (1920, 58ff).
63 Vgl. Taylor zit. n. Witte 1928b, 53: „Die synthetische Arbeit der Zeitstudie ist folgende: h)
Solche Kombinationen von Elementarbewegungen, die oft in gleicher Reihenfolge in dem
betreffenden Gewerbe angewandt werden, sind in verschiedenen Gruppen zusammenzufassen und
so niederzulegen und zu klassifizieren, daß sie jederzeit schnell gefunden werden können. i) An
Hand dieser Nachweise wird es verhältnismäßig leicht sein, die geeignete Reihe von Bewegungen
auszuwählen, die ein Arbeiter bei der Herstellung irgendeines besonderen Gegenstandes
verwenden sollte; durch eine Zusammenzählung der Zeiten dieser Bewegungen ... muß es möglich
sein, die zur Verrichtung fast jeder Arbeit erforderliche Zeit festzustellen. k) Die Zerlegung einer
Arbeit in ihre Elemente ergibt fast immer die Tatsache, daß oft die Arbeitsverhältnisse und -
bedingungen mangelhaft sind; z.B. es zeigt sich hierbei, daß ungeeignete Werkzeuge gebraucht
werden, daß die in Verbindung mit der Arbeit benutzten Maschinen vervollkommnet werden
müssen, daß die gesundheitlichen Verhältnisse schlecht sind usw. Und die so erworbenen
Kenntnisse führen oft zu einer auf besonders hoher Stufe stehenden synthetischen Arbeit, zur
Normalisierung der Werkzeuge und Arbeitsbedingungen, zur Erfindung von besseren Verfahren
und Maschinen.“ – Punkt h unterscheidet sich nicht wesentlich von Punkt d (siehe oben). Taylor
war sich offenbar des Unterschieds zwischen analytischer und synthetischer Zeitstudien nicht ganz
sicher; und diese Unsicherheit belastet daher auch die hier (mit Michel) gegebene Erläuterung.
124
"durchschnittlichen", "guten" oder "erstklassigen" Arbeiter zu verstehen
wäre.64 Taylor half sich z.B. damit, daß er den Arbeiter mit einem Lasttier
verglich65 und erläuterte:
„Für jeden Mann müßte sich eine Arbeit finden lassen, in der er "erstklassig" ist. Es gibt Arbeit für
jeden Arbeitertyp, genau so, wie es bspw. Arbeit für das Lastpferd und Arbeit für den
Droschkengaul gibt, wobei jeder dieser Typen auf seinem besonderen Arbeitsfelde "erstklassig"
ist; es gibt aber keine Arbeit, die allen Arbeitstypen entspricht.“66
Daraus folgerte Witte, „daß die Taylorsche Bezeichnung "erstklassig" eine
ungenügende oder vielleicht ungeschickte Bezeichnung für "geeignetsten"
Arbeiter darstellt.“67 Durch seinen Tiervergleich (den Witte als unproblematisch
empfand68) hatte sich Taylor einer ethisch bedenklichen Argumentation bedient;
denn für ihn war der Arbeiter vor allem ein "Arbeitertyp", eine Art natürliche
Konstante, an der man etwas messen konnte,69 nicht jedoch ein veränderliches,
individuelles Subjekt. Und zum anderen war, selbst wenn man von einem
derartigen Arbeitertyp ausging, immer noch nicht deutlich, wie man einen solchen
bestimmen konnte.70 In der Praxis der Zeitstudien orientierte man sich daher
zumeist an durchschnittlichen Arbeitsleistungen, während – wie noch zu zeigen
sein wird – Witte diese Praxis kritisierte und gemeinsam mit Gilbreth darauf Wert
legte, dass Taylor durchweg von "erstklassigen" Arbeitern gesprochen hatte71.
64 Dieses Problem sieht Witte sehr genau (vgl. Witte 1922, 42). Sie zieht daraus allerdings die
Konsequenz einer Trennung von Zeit- und Bewegungsstudien (vgl. weiter unten Abschn. 3.4.).
65 Diesen sehr weitläufigen Vergleich, auf den ich hier nur sehr kurz eingehe, dokumentiert Witte
in seiner ganzen Ausführlichkeit in ihrer Taylor-Monographie (Witte 1928b, 56-58).
66 Taylor zit. n. Witte 1928b, 58.
67 Ebd., 56.
68 „Er verglich ja nicht die Menschen mit Pferden, sondern führte lediglich ein Beispiel durch, das
in entsprechender Übertragung auch auf die Arbeit angewendet werden konnte.“ (ebd., 59; vgl.
hierzu auch Ebbinghaus 1984, 63).
69 Vgl. Mehrtens 1999, 96; ebenso Ebbinghaus 1984, 64.
70 Hier setzt dann die in den nächsten Absätzen noch etwas ausführlicher zu betrachtende
sogenannte "Psychotechnik" an.
71 Vgl. etwa Witte 1921a, 22; 1930, 239f. Vgl. a. Siegel 1989, 227: „Taylor legte die Leistung
eines erstklassigen Mannes unter günstigen Umständen, also die Höchstleistung als
Bezugsleistung zugrunde.“
125
1.2.3. Auswahl und Anlernung der Arbeiter
Mit der speziellen Frage nach einem für die Zeitstudien "durchschnittlichen",
"guten" oder "erstklassigen" Arbeiter verband sich auch die allgemeine Frage
nach einer Auswahl und Anlernung der Arbeiter. Hier ging es zum einen darum,
wie für bestimmte Arbeitsplätze die "geeignetsten" Bewerber gefunden werden
konnten, und zum anderen darum, wie der Arbeiter die für die Aufgabenerfüllung
notwendigen Fertigkeiten am schnellsten und besten erwerben konnte.72 Im
Rahmen des klassischen Taylor-Konzepts war diese Frage nur sehr allgemein zu
beantworten. Zwar hatte Taylor in seinen "Principles of Scientific Management"
noch erklärt:
„Die zweite Gruppe der Pflichten, die die Betriebsleitung unter W.B. übernahm, ist die
wissenschaftliche Auswahl und systematische Entwicklung der Arbeitenden. Es wird zur Pflicht
der Leitung, den Charakter, die Natur und die Leistung jedes Arbeitenden planmäßig zu studieren,
um einerseits seine Hemmungen, andererseits aber, was noch wichtiger ist, seine
Entwicklungsmöglichkeiten kennen zu lernen. Auf Grund dieser Kenntnisse sind die Arbeiter
systematisch anzulernen, es ist ihnen zu helfen und sie sind zu unterstützen, bis sie schließlich so
weit gekommen sind, um die ihren Fähigkeiten entsprechende höchste Stelle, die sie auszufüllen
in der Lage sind, einzunehmen.“73
Die Praxis sah jedoch völlig anders aus: Die Eignung eines Arbeiters für einen
Arbeitsplatz wurde fast ausschließlich nach Effizienzkriterien festgestellt, d.h.
man überprüfte, ob ein Arbeiter in der Lage war, eine im Sinne der Zeitstudien
zumindest durchschnittliche Tagesleistung zu erbringen. Schaffte er das nicht,
wurde er kurzerhand vom Arbeitsplatz entfernt: „Nur diejenigen“, schreibt
Angelika Ebbinghaus, „die das Arbeitspensum schafften, behielten auf Dauer
ihren Arbeitsplatz, die anderen wurden entlassen.“74 Zwischen Theorie und Praxis
klaffte also eine erhebliche Lücke, und entsprechend verhalten äußerte sich daher
auch Witte zu diesem Problem:
72 Vgl. Volpert 1995, XLI.
73 Taylor zit. n. Witte 1928b, 41.
74 Ebbinghaus 1984, 65.
126
„Schon in seinem 1903 erschienenen Buch "Shop Management" verlangt Taylor eine
systematische Auswahl und Anlernung der Arbeiter. Wenn auch gerade in Bezug auf die
schließliche Auswirkung dieser Forderung zwischen Theorie und Praxis bei ihm eine Lücke
bestehen bleibt, so müssen wir doch festhalten, daß er theoretisch wohl die Notwendigkeit einer
größeren Beachtung des menschlichen Elementes erkannte. Wenn er bei seinen praktischen
Versuchen zur Ermittlung des für eine bestimmte Arbeit geeignetsten Arbeiters ... mit einem
wissenschaftlich nicht ganz einwandfreien Verfahren vorging, so sind seine ersten Versuche doch
von richtigen Gedankengängen begleitet.“75
Taylors eigene praktische Versuche und die seiner Schüler – ob sie nun die
Notwendigkeit einer größeren Beachtung des „menschlichen Elementes“ erkannt
hatten oder nicht (denn dieses Verdienst wurde erst Gilbreth zugesprochen) –
waren im Grunde demzufolge unangemessen und unbrauchbar.
Diese Einsicht führte 1918 an dem von Schlesinger geleiteten Lehrstuhl für
Werkzeugmaschinen und Fabrikbetriebe zur Einrichtung einer eigenen
Arbeitsgruppe mit dem Titel "Industrielle Psychotechnik", die 1918 unter Leitung
von Walther Moede zu einem eigenständigen "Institut für Psychotechnik"
ausgeweitet wurde.76 „Es bedurfte“, schreibt auch Witte, „erst der
bahnbrechenden Arbeiten der angewandten Psychologie, um über diese Forderung
Taylors [den für eine bestimmte Arbeit "geeignetsten" Arbeiter auszuwählen,
R.P.] zu der heutigen bereits bedeutend vervollkommneteren Form der
Psychotechnik zu führen.“77
Die Frage ist, ob diese psychologische Erweiterung der Betriebswissenschaften
auch tatsächlich einen Fortschritt darstellte. Zwar hatte die Psychotechnik zu ihrer
Kernaufgabe die Entwicklung sogenannter Eignungstests sowie die Erstellung
von Leistungsanalysen als Grundlage für das Arbeitsfunktionsbild der einzelnen
Arbeitsberufe erklärt, aber ihr wissenschaftlicher Charakter und ihre
Aufgabenbestimmung waren zumindest ebenso problematisch und uneindeutig
wie die der Betriebswissenschaften: sie umfaßte Moede zufolge das gesamte
Spektrum des Betriebslebens „von der Einstellung geeigneter Leute über die
zweckmäßige Anlernung bis hin zur zweckvollen, auf die Anlagen des Menschen
75 Witte 1928b, 60f.
76 Vgl. Kap. II, 1.2.
77 Witte 1928b, 61.
127
Bedacht nehmenden Gestaltung der Arbeitsmittel und -vorgänge, um
schließlich auch dem Warenabsatz Rechnung zu tragen.“78 In dieser Hinsicht war
die Psychotechnik also von der wissenschaftlichen Betriebsführung so gut wie
nicht zu unterscheiden und orientierte sich von daher, ebenso wie diese, vor allem
am Kriterium der Leistung:
„Der Mensch vollführt eine Leistung, die wir im günstigsten Falle messen können. Er zeigt ein
Verhalten, das wir bestimmen. Ist die Leistung nicht meßbar, so kann sie dennoch auf
mannigfaltige andere Weise nach Art, Menge und Güte gekennzeichnet werden. Durch Analyse
können wir die hauptsächlichsten Anteile und Vorbedingungen der Leistung erfassen. Wir können
eine Innenschau über die Erlebnisse geben, die als innerliche Prozesse die Leistung begleiten und
bestimmen. Schließlich können wir eine Theorie der Leistung entwickeln.“79
Ob man jedoch die Leistungsfähigkeit eines Menschen vor seinem möglichen
Eintritt in ein Unternehmen maß oder aber, wie Schlesinger es kritisierte, erst am
Arbeitsplatz selbst, machte für den Arbeiter kaum einen Unterschied. Und da man
nach wie vor bei der Beurteilung der Bewerber von bestimmten Anlagen und
Arbeitstypen, also „relativ fixierten Persönlichkeitsmerkmalen“ ausging,80 waren
auch der von Schlesinger geforderten kostenträchtigen Anlernung der Arbeiter
enge Grenzen gesetzt. Die Auswahl des "geeignetsten" Arbeiters hatte hier
eindeutigen Vorrang vor seiner Anlernung. Auch dies wird man als ein
Kennzeichen für den in den tayloristisch geprägten Betriebswissenschaften
vorherrschenden Sozialdarwinismus werten müssen.81
1.2.4. Das Differentiallohnsystem
Waren die "geeignetsten" Arbeiter erst einmal eingestellt, so mußten sie motiviert
und in das vorgegebene Leistungsspektrum integriert werden. Man mußte, wie
Witte schreibt, „den guten Willen der Arbeiter ... erlangen, die vorgeschriebene
78 [Moede, W.: Psychotechnische Betriebsrationalisierung, in: Industrielle Psychotechnik (IndPs),
2 ,1925, 7/8, S. 245]
79 [Moede, W.: Lehrbuch der Psychotechnik, 1930, 7f.]
80 Vgl. Volpert 1995, XLIII.
81 Vgl. Ebbinghaus 1984, 25ff u. 191ff.
128
Leistung auch zu vollbringen.“82 Neben der schon erwähnten
Entlassungsdrohung war die Entlohnung das wichtigste Mittel. Gerade an der
Lohnfrage hatten sich bislang die Positionen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer
oft verhärtet. Durch die Einführung des Taylorsystems, das beides versprach: so-
wohl eine kräftige Produktivitätssteigerung als auch eine bedeutende Erhöhung
der Löhne, hoffte man, diesem ewigen Streit ein Ende zu setzen. „Die bedeutende
Erhöhung der Löhne“, so Taylor, „welche diese Verwaltungs- und Betriebsart
[des Taylorsystems, R.P.] auszeichnet, wird zum großen Teil die Lohnfrage als
Streikquelle ausschalten.“83 Warum dies so sein konnte, soll im Folgenden kurz
dargestellt werden.84
Bevor sich die bereits beschriebenen tayloristischen Zeitstudien und das Dif-
ferentiallohnsystem in den Betrieben durchsetzte, wurde die Leistung der Arbeiter
in den größeren Betrieben im Allgemeinen nach dem sogenannten "Geld"- oder
"Stückgeldakkord" entlohnt. Hierbei stieg der Lohn proportional zur Leistung des
Arbeiters, weil der Preis immer für eine bestimmte Sachleistung, also gewöhnlich
für eine bestimmte Anzahl hergestellter oder bearbeiteter "Stücke" bezahlt wurde.
Umgekehrt gab es einen sogenannten Minimallohn, der unabhängig von der
Leistung gezahlt wurde und der dem Arbeiter ein gewisses Mindesteinkommen
garantierte. Da jedoch die vom Arbeiter produzierte Stückzahl stark variieren
konnte (bei der Anschaffung neuer Maschinen konnte sie z.B. erheblich steigen),
und da zudem die Zeit, in der ein bestimmtes Stück hergestellt oder bearbeitet
werden konnte, nur geschätzt war, kam es zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern immer wieder zu Streitigkeiten über die Höhe des Lohns.
Insbesondere wenn durch den Einsatz neuer Maschinen die Produktivität
gesteigert werden konnte, tendierten die Unternehmer gewöhnlich zu sogenannten
82 Witte 1928b, 59.
83 Taylor 1913, [zit. n. Siegel 1989, 225].
84 Ich orientiere mich dabei vornehmlich an den Ausführungen von Homburg 1978, 174ff und
Siegel 1989, 220ff. Auf die z.T. äußerst komplexen Details der Eingrenzung des Lohns, auch und
vor allem durch die Bemühungen der REFA (die Siegel sehr überzeugend darstellt; ebd., 227ff),
kann ich hier nicht eingehen.
129
"Akkordschnitten"85, d.h. zu Maßnahmen, mit denen sie die Zeit für die
Herstellung eines oder mehrerer Stücke nach unten korrigierten.
Um diesen Auseinandersetzungen einen Riegel vorzusetzen, erdachten Taylor und
seine Schüler das sogenannte "Differential-" oder "Pensum-Bonus-System"
(gelegentlich auch "Zeitstudienakkord" oder kurz "Zeitakkord" genannt). Diesem
zufolge stieg der Lohn nicht mehr proportional zu einer am hergestellten Stück
orientierten Leistung, sondern es wurde eine bestimmte, durch Zeitstudien
ermittelte "Normalzeit" vorgegeben (auch "Arbeitspensum" genannt), die -
erreicht oder überschritten - zu einem Lohnzuschlag führte. Wurde sie
unterschritten, führte sie zu einem Lohnabzug. Es ging also, wie Irene Witte sagt,
darum, „hohe Leistungen durch hohe Löhne zu belohnen und unternormale
Leistungen zu bestrafen.“86 Einen Minimallohn, in der Form wie beim
Stückgeldakkord, gab es zunächst nicht.87 Seine Funktion wurde vielmehr durch
die Normalzeit ersetzt, die darüber hinaus die beim Stückgeldakkord üblichen Ak-
kordschnitte dadurch verhindern sollte, daß sie sich nicht mehr an der Zahl der
tatsächlich hergestellten oder bearbeiteten Stücke, sondern vielmehr an der in
einer bestimmten Zeit zu erbringenden Leistung orientierte. Mit anderen Worten:
auf betrieblicher Ebene sollten die im Akkord Arbeitenden lediglich an derjenigen
Produktivitätssteigerung partizipieren, die durch erhöhte Arbeitsintensität, nicht
jedoch z.B. durch erhöhte Maschinenintensität erzielt wurde.88
85 Tilla Siegel spricht von der (Anwendung der) "Akkordschere" (1989, 224).
86 Witte 1928b, 59.
87 Hier unterscheiden sich die Darstellungen bei Peter Hinrichs und Lothar Peter und bei Tilla
Siegel. Während Hinrichs und Peter behaupten, daß dem Arbeiter im Differentiallohnsystem
„nicht wie bisher, unabhängig von der erbrachten Leistung ein gewisser Mindestlohn bezahlt“
wird (1976, 57), betont Siegel, „daß man der gewerkschaftlichen Forderung nach einer
Mindestlohngarantie nachkommt, d.h .auch wenn zum Beispiel in der Einarbeitungszeit weniger
als die Normalleistung erbracht wird, soll mindestens der tariflich ausgehandelte Grundlohn
gezahlt werden“ (1989, 230). Tatsächlich wurden offenbar, von Fall zu Fall und in
unterschiedlichen Branchen, solche Mindestlohngarantien auch unter dem neuen System
vereinbart. Siegel betont allerdings, ebenso wie Ebbinghaus und viele andere, daß es im Falle der
Unterschreitung der Normalleistung im Allgemeinen zur „Versetzung auf einen anderen
Arbeitsplatz“ oder aber zur „Lösung des Arbeitsverhältnisses“ kam (Böhrs zit. n. Siegel 1989,
230).
88 Vgl. Siegel 1989, 230f.
130
Aber trotzdem gab es auch in diesem System neuralgische Punkte. Einen von
ihnen spricht Irene Witte an, wenn sie darauf verweist, daß z.B. Taylor das
Arbeitspensum regelmäßig „ziemlich hoch ansetzte“ und dadurch zum einen „den
Arbeiter (zwang), sehr angestrengt zu arbeiten“, und zum anderen „auch die
Betriebsleitung, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, daß der Arbeiter bei
gutem Willen auch wirklich die vorgeschriebene Menge erreichen konnte.
Erreichte er sie, so erhielt er eine weit über seinem bisherigen Lohn liegende
Prämie, und diese Tatsache ist es, die viele Unternehmer gegen das System ein-
nahm.“89 Nicht nur die Unternehmer. Das größere Problem bestand darin, die
Normalzeit so anzusetzen, daß sie durch die Arbeiter auch wirklich erfüllt werden
konnte – ein Problem, mit dem z.B. Georg Schlesinger schon in sehr frühen
Jahren während seiner Zeit bei der Ludwig Loewe & Co AG konfrontiert wurde:
„Zunächst experimentiert die Firmenleitung mit einem Stundenlohnsystem, das nach Schlesingers
Aussagen zu einer 20-30%igen Leistungsminderung führt. Schlesinger selbst studiert daraufhin in
London das Prämienlohnsystem.90 Bei dem Versuch, dieses System bei der Ludwig Loewe & Co
AG einzuführen, macht er den Fehler, die Grundzeit so anzusetzen, daß kaum ein Arbeiter die
Chance erhält, Prämien zu erarbeiten. Daraufhin antworten die Loewe-Arbeiter 1901 mit Streik.
Um einige Erfahrungen klüger geworden, kehrt man schließlich wieder zum reinen Akkord
zurück. Allerdings sind in der Zwischenzeit genügend Zeitaufnahmen gemacht worden, um den
neuen Akkord richtig, d.h. rentabel zu kalkulieren. Ganz offensichtlich entwickelt Schlesinger im
Anschluß an diese Erfahrung ähnlich wie Taylor die Vorstellung, daß der Schlüssel zum
Betriebsfrieden in wissenschaftlichen und daher objektiven Meßverfahren für Arbeitsleistung zu
suchen sei.“91
Alles hing also von den weiter oben schon kurz dargestellten Zeitstudien ab, d.h.
davon, wie man die Normalzeit maß und ob man sie so messen konnte, daß man
sie auch auf Dauer im Betrieb durchsetzen konnte, ohne schon nach kurzer Zeit
wieder mit denselben Problemen konfrontiert zu sein, wie sie sich im
Stücklohnsystem ergeben hatten: „Nur in Verbindung mit Zeitstudien ist dieses
89 Witte 1928b, 60.
90 Ich gehe an dieser Stelle nicht auf den Unterschied ein zwischen dem hier erwähnten, von
Halsley 1891 entwickelten Prämienlohnsystem und dem von Taylor 1895 vorgestellten
Differentiallohnsystem. Für beide bestand das Problem darin, diejenige Grund- oder Normalzeit
festlegen zu müssen, die der jeweiligen Prämie als Maß dienen sollte. Bei Halsley wurde diese
Normalzeit geschätzt; Taylor zufolge sollte sie dagegen durch wissenschaftliche Zeitstudien
ermittelt werden (vgl. Homburg 1978, 175; Volpert 1995, XLVI).
91 Ebert / Hausen 1979, 326.
131
[Differential-] Lohnsystem möglich, denn es garantiert bestimmte Akkorde,
gleichgültig, wieviel Stück der Arbeiter täglich leistet. Das bisher übliche
Beschneiden der Akkorde muß fortfallen; kommt es vor, so erschüttert es das
ganze System.“92 Das erklärt, warum Irene Witte von Anfang an so viel Wert
darauf legte, daß die Zeitstudien auch wirklich nach wissenschaftlich-objektiven
Kriterien vorgenommen wurden, weil sie sich, wie Schlesinger, überhaupt erst
von dieser Objektivität die volle Wirksamkeit eines an Prämien ausgerichteten
Lohnsystems erhoffte: „Wird ... von "wissenschaftlichen Zeitstudien" gesprochen,
so muß ihre Handhabung auch wirklich den Gesetzen der Wissenschaft
entsprechen, sonst kann diese etwas anspruchsvolle Bezeichnung Anlaß zu einer
Herabsetzung des ganzen Systems geben.“93
Auch der Lohnzuschlag, der bei der jeweiligen Normalzeit gezahlt werden sollte,
war dem klassichen Taylorsystem zufolge nach oben hin begrenzt und durfte
maximal 60% der eingesparten Lohnkosten betragen (in der Praxis lag er meistens
darunter).94 „Es wäre für Taylor absurd“, schreibt Volpert, „den Lohn ebenso zu
vervielfachen wie die Leistung vervielfacht wird, da die Leistungssteigerungen im
wesentlichen dem System geschuldet sind und der Arbeiter sich kaum mehr als
bisher verausgaben muß“95 – eine Position, die auch Irene Witte einnahm, als sie
1921 vor den versammelten Betriebsräten der Berliner Betriebsräteschulen
erklärte, „daß man durch W.B. nicht volle Bezahlung der Mehrleistung erwarten
darf. Es ist ein Irrtum, wenn das ein Ablehnungsgrund der W.B. sein sollte“.96
Mit diesem Argument drohten sich die Auseinandersetzungen zu wiederholen, die
man durch die Einführung des Differentiallohns anstelle des Stückgeldakkords
vermeiden wollte. Kam es beim Stückgeldakkord regelmäßig deshalb zu
Akkordschnitten, weil die Produktivität angestiegen war und die Unternehmer die
Arbeiter lediglich an den von ihnen selbst erbrachten Produktivitätssteigerungen
92 Witte 1928b, 60.
93 Witte 1921a, 27.
94 Taylor 1913, 77f u. 149; vgl. a. Mehrtens 1999, 96f.
95 Volpert 1995, XLVf.
96 Witte 1922, 35.
132
teilhaben lassen wollten, so mußte nun die Verminderung der Lohnsteigerung
dort ansetzen, wo sie mit einer Arbeitsintensivierung durch die Leistungsprämie
verbunden war. Man hatte sich also durch das neue Lohnsystem zwar von der
Verkoppelung dieses Systems mit den tatsächlich hergestellten oder bearbeiteten
Stücken befreit, aber konnte sich auch gerade dadurch nicht mehr der Diskussion
um eine Teilhabe der Arbeiter am Produktivitätsfortschritt entziehen.
Es hätte eines Lohnsystems bedurft, das der Frage des Verhältnisses von
Produktivität und Lohn nicht ausgewichen wäre. Dieses Ausweichen – die, wie es
Tilla Siegel formuliert, „betriebspolitische Neutralisierung der Entlohnung“97
war aber das eingestandene Ziel der von Taylor entworfenen
Entlohnungsstrategie. So wurden die tayloristisch geprägten
Betriebswissenschaften zum Opfer ihres eigenen Reflexionsdefizites, und zwar
gerade auf einem Feld, auf dem sie für sich selbst hohe Kompetenz in Anspruch
nahmen: auf dem einer "fairen" und "gerechten" Entlohnung.98
Zwar schreibt Irene Witte: „Das Geld ist in der gegenwärtigen Gesellschaft das
wichtigste Machtmittel. Zwischen den einzelnen Interessengruppen, Produzenten
und Konsumenten, Unternehmern und Arbeitern, spielen sich diese Machtkämpfe
in der brutalsten Weise ab.“ Und sie ergänzt: „Eine altbekannte Tatsache ist es,
daß die wirtschaftlich Schwächsten, also die Konsumenten und die Arbeiter,
gewöhnlich die Leidtragenden sind.“99 Aber sie schließt daraus nicht, daß es einer
Öffnung der Betriebswissenschaften für volkswirtschaftliche und
gesellschaftpolitische Fragen bedurft hätte, um sich gerade diesem, für die
Weimarer Republik wichtigen Tatbestand auszusetzen. Stattdessen konzentrierte
sie sich darauf, das Taylorsystem noch überzeugender zu gestalten, und zwar
durch die aus ihrer Sicht wissenschaftlich seriöseren und objektiveren
Bewegungsstudien Frank Bunker Gilbreths.
97 Siegel 1989, 239.
98 Vgl. Mehrtens 1999, 96f.
99 Witte 1922, 34.
133
2. Frank Gilbreth: Bewegungsstudien und Geschicklichkeitsübertragung
Man weiß zwar, daß Witte sich vor allem als eine Schülerin Frank Bunker
Gilbreths verstand und dessen Arbeiten in ein gewisses Oppositionsverhältnis zu
Taylor bringen wollte. Aber da auch Gilbreths Konzept wissenschaftlicher
Betriebsführung heute im Wesentlichen in der Nachfolge Taylors verstanden
wird, bleibt die Bezeichnung "Taylorismus" nach wie vor die allgemeine Rubrik,
unter der die Schriften Irene Wittes zusammengefaßt werden100. Typisch für diese
Einschätzung formuliert Hans Wupper-Tewes:
„Die Rationalisierungsdebatte zeigt, daß Taylors Name zum Symbol geworden war, von welchem
man sich absetzen konnte, ohne die von Taylor und anderen eröffnete Problematik der
Betriebswissenschaft in Frage zu stellen. Augenfällig wird dies auch bei "bürgerlichen Autoren",
beispielsweise bei Witte, die Taylor in Opposition zu Gilbreth, dem eigentlichen Neuerer setzt,
oder Gottl-Ottlilienfeld, der sich von der "Taylorei" absetzt, um Ford und dessen Fließband zu
bejubeln. Wittes Präferenz für Gilbreth ist ein Plädoyer für die Bewegungsstudien, die sie als den
Zeitstudien grundsätzlich überlegen ansieht. Taylor selbst hatte allerdings die Bedeutung der Be-
wegungsstudie bereits grundsätzlich anerkannt. ... Ein grundsätzlicher Unterschied beider
Verfahren existierte weder von der Logik her noch in der Praxis. Wenn die Verfahren in der Praxis
miteinander konkurrierten, so aus ökonomischen Gründen.“101
Auch die vorliegende Darstellung hat keinen Zweifel daran gelassen, daß Taylor
als der "Vater der wirtschaftlichen Betriebsführung" für Witte der entscheidende
Bezugspunkt war. Aber diese nachträgliche Einschätzung von Wupper-Tewes
vernachlässigt, daß ihr (und Gilbreths) Konzept wissenschaftlicher Betriebs-
führung zuweilen von Taylors Vorstellungen abwich und daß ein Großteil ihrer
Schriften der 20er Jahre der Erläuterung und Begründung dieser Abweichungen
galt. So wie der Fordismus – und zwar gerade im Gegensatz zum heutigen
Verständnis – in der damaligen Zeit als Gegenentwurf und Alternative zum
Taylorismus verstanden wurde, so erschien auch Gilbreths Konzept in vielerlei
Punkten mit dem von Taylor als unvereinbar.
100 Vgl. insbesondere Nolan 1994, 19.
101 Wupper-Tewes 1995, 123.
134
Gilbreths Konzept wissenschaftlicher Betriebsführung ist dem Taylorschen
zunächst deshalb zuzuordnen, weil es mit den Grundlagen des Taylorsystems102
weitgehend übereinstimmte: weder die Idee einer Zentralisierung des
betrieblichen Wissens durch Trennung der planenden von der ausführenden
Arbeit noch die einer Motivation und Integration der Arbeiter durch die
Entlohnung des Differentiallohnsystems wurden von Gilbreth in Zweifel gezogen.
Wo er kritisch über Taylor hinausging waren die Ebene der Zeitorganisation (der
"planmäßigen Zeitermittlung", wie Witte sagt) und die der Selektion und
Instruktion (der "Auswahl und Anlernung der Arbeiter"). Auf der Ebene der
Zeitorganisation schlug er seine bekannten "Bewegungsstudien" vor (die er noch
durch Ermüdungsstudien ergänzte) und auf der Ebene der Selektion und
Instruktion das Konzept der sogenannten "Übertragung von Geschicklichkeit"103.
Zwei dieser drei Hauptpunkte des Gilbrethschen Verfahrens sollen im Folgenden
kurz dargestellt werden104. Auf die Ermüdungsstudien soll hier nicht gesondert
eingegangen werden, da sie lediglich als Anhang der Bewegungsstudien zu
verstehen sind. Auf das Konzept der Bewegungsstudien wiederum werde ich hier
ausführlicher eingehen, weil es die Grundlage von Wittes Kritik an Taylor
darstellt.
2.1. Das Studium der Bewegung
Gilbreth hatte schon früh erkannt, daß die analytischen Zeitstudien Taylors in
ihrer praktisch-technischen Umsetzung einige Mängel aufwiesen: sie waren
unzureichend (weil sie lediglich mit der Stoppuhr vorgenommen wurden); sie
102 Vgl. oben Abschn. 1.1.
103 Vgl. Witte 1925a, 61. Witte profilierte sich Anfang der 20er Jahre auch als Übersetzerin einiger
Publikationen der Gilbreths, so erschienen 1920 „Angewandte Bewegungsstudien“, 1921
„Ermüdungsstudium“ und 1922 „Verwaltungspsychologie“, vgl. Kap. I, Abschn. 2.
104 Ich greife hierbei auf die Schilderungen Irene Wittes zurück, die sie 1921 in der "Kritik des
Zeitstudienverfahrens" und – z.T. in identischer Form – 1925 im zweiten Teil der von Lillian
Gilbreth vorgelegten Biographie ihres Mannes sowie 1930 in dem von Fritz Giese
herausgegebenen Handbuch der Arbeitswissenschaft vorgenommmen hat.
135
unterlagen einer gewissen Willkür (weil der Zeitbeamte während des
Protokolls Entscheidungen zu treffen hatte, die kaum objektiviert werden
konnten); und sie vernachlässigten seiner Ansicht nach auch den sogenannten
"menschlichen Faktor". Was mit diesem letzten Punkt, dem "menschlichen
Faktor", gemeint sein konnte105, war allerdings nicht immer klar. Im Allgemeinen
meinte er vor allem die Berücksichtigung psychotechnischer Fragen bei der Aus-
wahl und Anlernung der Arbeiter,106 sowie die beim Arbeiter zu erzielende
psychologische Zufriedenheit und Freude: „das menschliche Element (muß)
zufrieden und mit Freude an der Arbeit sein, soll der Betrieb mit höchster
Wirkung harmonisch und reibungslos arbeiten“,107 und schließlich auch noch die
eher physiologischen Aspekte der Ermüdung und der Monotonie, die bei der
Ermittlung von Zeitnormen zu berücksichtigen waren.108
Im engeren Sinne, bezogen auf die Zeit- und Bewegunsstudien selbst, aber
bedeutete der "menschliche Faktor" darüber hinaus auch noch so etwas wie einen
"Irrtumsfaktor". Wenn sich, wie Witte sagt, „Ergebnisse von bleibendem Wert bei
der Durchführung von Bewegungs- und Zeitstudien nur dann erzielen (lassen),
wenn die Messungen mit höchster Genauigkeit durch die Benutzung solcher
Hilfsmittel erfolgen, welche die durch das "menschliche Element" möglichen
Irrtümer vollkommen ausschalten“109, so war damit ganz offenbar die Irr-
tumsanfälligkeit des messenden Zeitbeamten gemeint. Denn: „Das bisherige zur
Durchführung der Messungen allein zur Verfügung stehende Hilfsmittel, die
bekannten Stoppuhren in ihren verschiedenen Formen, ist ... nach Gilbreth
solchen Irrtümern besonders unterworfen, da die Reaktionszeit des Beobachters
105 Auf die beiden erstgenannten Punkte, Ungenauigkeit und Willkür, wird in Abschn. 3, bei der
Darstellung von Wittes "Kritik des Zeitstudienverfahrens", noch näher eingegangen.
106 Vgl. Witte 1924b, 33; vgl. Ebbinghaus 1984, 77; zu einer ausführlicheren Diskussion vgl.a.
Krell 1984, 137ff.
107 Witte 1921a, 6.
108 Vgl. v.a. Witte 1930k, 268ff sowie Ebbinghaus 1984, 81ff.
109 Witte 1921a, 29; auch Witte 1925, 63.
136
die Genauigkeit der Ablesung notgedrungen beeinflussen muss.“110 Beides
motivierte ihn zur Einführung seiner bekannten Bewegungsstudien.
Bewegungsstudien wurden bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
betrieben, und zwar vor allem (unter Bezug auf die Arbeiten von Helmholtz,
Wundt und Muybridge) von dem französischen Physiologen Etienne Marey.111
Diesen hatte Gilbreth zwar gekannt, und er hatte sogar 1914 dessen Institut
besucht,112 aber ihn niemals als Quelle angegeben. Ausgehend von der Frage, wie
man in wissenschaftlich verläßlicher Form Bewegungsabläufe darstellen und
messen könnte, griff auch Gilbreth, wie Marey113, zunächst auf das Hilfsmittel der
Photographie zurück. 114 Dabei „liegt“, so Witte an anderer Stelle, „der Fortschritt
gegenüber dem bisherigen Verfahren der Beobachtung und Zeitmessung ... in der
durch die Photographie mögliche[n] objektive[n], vom persönlichen Urteil des
Beobachters losgelöste[n] Aufnahme.“ 115
Dennoch war dieses Verfahren noch sehr grob, da anhand von Photographien
weder eine Darstellung der Arbeitsgänge im Detail noch eine genaue zeitliche
Messung dieser Arbeitsgänge möglich war. Das Darstellungsproblem wurde mit
der Ersetzung der Photographie durch den Film und das Messungsproblem mit
der Verwendung einer eigens für die Filmaufnahmen konstruierten Uhr gelöst:
„Einen weiteren Fortschritt bedeutete dann die Schaffung des Mikrochronometers und die
Verwendung des Kinematographen. Hier wird die einfache photographische Kamera durch eine
kinematographische ersetzt, während die Zeitmessung durch eine besonders hierfür konstruierte
Uhr, den Mikrochronometer erfolgt. Mit diesem Mikrochronometer können Zeiten bis zu 1/100
sec herab gemessen werden, was bei der Stoppuhr ganz unmöglich ist.“116
110 Ebd.
111 Vgl. Giedion 1948, 37ff.
112"The Marey Institute is great stuff here. Dr. Dupuy told me an interesting thing. He said that he
knew Marey intimately. That he (professional jealousy perhaps) got all his ideas from
Muybridge." FBG an LMG, 15.5.1914, Frank and Lillian Gilbreth Papers, Special Collections, N-
File, Box C9, Purdue University, West Lafayette, IN, USA.
113 Vgl. Giedion 1948, 41.
114 Witte 1921a, 30; vgl. auch Witte 1925a, 64 und Witte 1930j, 256.
115 Witte 1922, 44.
116 Witte 1921a, 30; vgl. auch Witte 1925a, 64 und Witte 1930j, 256.
137
Mit diesem Verfahren konnte man nunmehr den genauen Zeitaufwand auch
noch der allerkleinsten Bewegung feststellen und so mögliche falsche oder
inadäquate Bewegungen der Arbeiter leichter entdecken bzw. diesen die
einfachsten und wirkungsvollsten Bewegungen demonstrieren:
„Dies wurde durch Aufnahme des Arbeitsvorganges an einem in Quadrate eingeteilten
Arbeitstisch und ebensolchem Hintergrund [der sog. Netzwand] erreicht, und zwar durch
zweimalige Exponierung des Films. Es werden also zwei Aufnahmen gemacht, erst die des
schraffierten Meßhintergrundes, dann die der tatsächlichen Arbeit. Hierbei wird der
Mikrochronometer so in das Gesichtsfeld der Kamera gebracht, daß die Zeigerstellungen der Uhr
aufgenommen werden. Eine zweite Uhr, die in der Minute einmal herumgeht, kann zur Kontrolle
mit aufgenommen werden. Auch sonstige Angaben, wie z.B. über Temperatur und Feuchtigkeit,
den Ort und das Datum der Untersuchung usw. werden auf einer Tafel, die mit auf dem Bilde
erscheint, festgehalten. ... Auch die Umgebung der Arbeitsstelle ist erkennbar, wodurch eine
völlige Unabhängigkeit von dem menschlichen Gedächtnis erzielt wird.“117
Das ganze Verfahren– von Gilbreth auch als "Mikrobewegungsstudium"
bezeichnet118 – zielte also darauf, den Arbeitsvorgang möglichst umfassend und
vor allem auch in seinem gesamten Kontext (Temperatur, Feuchtigkeit,
Umgebung etc.) zu erfassen. In dieser Hinsicht waren die Bewegungsstudien
annähernd perfektioniert, da es nun möglich war, wie Gilbreth selber sagte, „alle
zum Zeitstudium gewünschten Angaben zu erhalten, und zwar mit der Gewißheit,
daß die Aufstellung frei von allen durch das persönliche Element bedingten Irrtü-
mern ist.“119 Der Einsatz von Netzwand und Mikrochronometer korrigierte die
technisch-objektive Ungenauigkeit des Stoppuhrverfahrens und die filmische
Aufnahme insgesamt die subjektive Irrtumsanfälligkeit des messenden
Zeitbeamten bzw. des jeweiligen Bewegungsbeobachters.
Gilbreth wollte seine Bewegungsstudien jedoch nicht nur zu Mess-, sondern auch
zu Demonstrationszwecken nutzen. Als Grundlage hierzu diente ihm zunächst die
Erweiterung des photographischen Studiums (und später auch des Mikrobewe-
gungsstudiums) durch das sogenannte "zyklegraphische Verfahren":
„Bei diesem Verfahren wird an der Hand des Arbeiters oder an dem Maschinenteil ein elektrisches
Lämpchen befestigt und die übliche photographische Aufnahme gemacht. Später wurden diese
117 Witte 1921a, 30; auch Witte 1925a, 65 und Witte 1930j, 256ff.
118 Vgl. Ebbinghaus 1984, 79.
119 Gilbreth zit. n. Ebbinghaus 1984, 79.
138
Aufnahmen stereoskopisch hergestellt, wodurch die Bewegungen dreidmensional festgehalten
wurden.“120
Damit war zunächst nur die plastische räumliche Darstellung möglich, und es
fehlte noch der zeitliche Indikator, der es erlaubte, auch den Zeitverlauf
(Geschwindigkeit, Verlangsamung und Beschleunigung der Bewegung etc.) in
eine anschauliche Form zu bringen. Hierfür konzipierte Gilbreth, als
Verbesserung des zyklegraphischen Verfahrens, das sogenannte
"chronozyklegraphische Verfahren":
„Zur Zeitbestimmung wurde darum ein Unterbrecher in den Lichtstromkreis eingeschaltet, und
zwar so, daß die Lampe während einer bestimmten Anzahl von Intervallen in der Minute
aufleuchtet und wieder erlischt. Auf der Platte erscheint dann eine Reihe von Lichtflecken an
Stelle der früheren ununterbrochenen Linie; an Hand der Lichtpunkte kann die verflossene Zeit
ohne weiteres nachgemessen werden.“121
Schließlich kam die Richtungsbezeichnung der Bewegungen hinzu. Diese war
deshalb wichtig, weil man anhand der photographischen und filmischen Bilder
zwar nun sehr genaue Bewegungs- und Lichtkurven erstellen konnte, jedoch
vielfach nicht in der Lage war, die Bewegungsausrichtung und deren
Richtungswechsel zu bestimmen:
„Die letzte Verbesserung bestand in der Richtungsbezeichnung der Bewegungen. Diese wurde
erreicht, indem pfeilartige Lichtflecke erzeugt wurden, deren spitze Enden entweder nach vorn
oder nach hinten zeigten, ähnlich wie bei Wegweisern, wo die Richtung durch Pfeile
gekennzeichnet wird. Die Möglichkeit hierfür wird durch eine besondere Konstruktion der zur
Stromunterbrechung dienenden Apparate gegeben, die zugleich eine passende Einstellung von
Spannung und Stromstärke bei verschiedenen Stärken der Glühfäden in den elektrischen Birnen
gestatten.“122
Von allen drei Verfahren: vom photographischen Studium (1), vom
Mikrobewegungsstudium (2) und vom zyklegraphischen und
chronozyklegraphischen Verfahren (3), diente Gilbreth vor allem das
Mikrobewegungsstudium dazu, das von Taylor vorgeschlagene Zeitstudienver-
120 Witte 1921a, 31; auch Witte 1925a, 65f und Witte 1930j, 259. – Witte spricht im angeführten
Zitat nur von der "üblichen photographischen Aufnahme". Daß es sich beim zyklegraphischen
Verfahren jedoch auch um eine Erweiterung des filmischen Verfahrens und damit des Mikrobe-
wegungsstudiums handelte, macht das Gilbreth-Zitat bei Ebbinghaus deutlich (vgl. Ebbinghaus
1984, 79f).
121 Witte 1921a, 31; vgl. auch Witte 1925a, 66 und Witte 1930j, 259 (vgl. a. Ebbinghaus 1984, 80).
139
fahren zu verbessern und später sogar – da er es etwa seit 1920 „als ganz
minderwertig“ und „als unrationell“ ansah123 – zu ersetzen.
Gilbreth hatte auch in der Frage der Normung oder Normierung von Arbeitsab-
läufen einen Verbesserungsvorschlag, der über Taylor hinausging: war bei Taylor
offen geblieben, wie weit und wie grundsätzlich die Klassifizierung der von ihm
so genannten "Elementarbewegungen" ging und inwiefern sie überhaupt auf die
unterschiedlichsten Formen von Arbeit anzuwenden sei, so erhob nun Gilbreth
den Anspruch, tatsächlich solche Elementarbewegungen (und zwar sechzehn bzw.
siebzehn an der Zahl, die er "Therbligs" nannte124) gefunden zu haben:
„Von dem Grundsatz ausgehend, "je elementarer die Operation, desto mehr Gemeinsames" hat
Gilbreth durch ausgedehnte Arbeiten die sechzehn Grundelemente eines Bewegungszyklus
ermittelt, die in veränderter Folge bei jeder Arbeit immer wieder vorkommen, und die wirklich die
elementarsten Einheiten darstellen sollen. Durch Permutation sind alle denkbaren
Zusammenstellungen dieser Elemente möglich. Sie sollen dem Taylorschen Grundsatz "once for
all" endlich zur Verwirklichung verhelfen, sie sollen den Grundstock zu wirklichen Zeitnormen
geben, die ohne diese genaue Bewegungsanalyse nur halbe Arbeit darstellen und zwecklos
sind.“125
Die Frage war, ob die Therbligs wirklich diejenigen Grundelemente darstellen
konnten, die bei jeder Arbeit immer wieder vorkommen, oder ob sie, wie Irene
Witte formuliert, solche elementarsten Einheiten nur darstellen sollen: "Suchen",
"Finden", "Wählen" und "Greifen", die ersten vier der Gilbrethschen Therbligs,
waren sicherlich sehr grundlegende Operationen, die wahrscheinlich bei jeder
Arbeit vorkamen, aber ob dies auch für die Bewegungsformen "Transport mit
Last", "Transport ohne Last" und "Last loslassen" oder für "Montieren" und
"Abmontieren" galt, konnte man für Tätigkeiten von komplexerer Art durchaus
bezweifeln.
122 Witte 1921a, 31; vgl. Witte 1925a, 66 und Witte 1930j, 260.
123 Gilbreth zit. n. Witte 1921a, 26; vgl. a. Witte 1925a, 75ff sowie Witte 1930j, 266.
124 Die Bezeichnung war die Buchstabenumkehrung des Namens "Gilbreth".
125 Witte 1921a, 28; fast so identisch in Witte 1925a, 74.
140
2.2. Die Übertragung von Geschicklichkeit
Neben der Übertragung der ermittelten Sequenzen von Therbligs auf eine andere
beliebige Arbeitsbewegung ging es Gilbreth mit seinen Verfahren um das, was er
etwa seit 1912 "Übertragung von Geschicklichkeit" nannte.126 Damit war vor
allem der Teil des Taylorschen Bemühens gemeint, den Witte in ihrer Taylor-
Monographie unter dem Titel "Auswahl und Anlernung des Arbeiters"
zusammengefaßt hatte127.
Gilbreth ging es dabei weniger um Fragen der Auswahl als vielmehr um solche
der Anlernung, wobei er diese, wie Witte 1930 ausdrücklich betont, nicht allein
auf Instruktionsverfahren für Arbeiter beschränkt wissen wollte, sondern sie auch
auf Betriebsleiter, Ingenieure, Funktionsmeister usw. ausweitete128.
Witte konzentriert sich jedoch 1921 auf die Übertragung von Erfahrung und
Geschicklichkeit beim einfachen Arbeiter. Ausgehend von den bereits darge-
stellten verfeinerten Zeit- und Bewegungsstudien Gilbreths geht es hierbei:
erstens um das Mittel der Veranschaulichung der Bewegung, zweitens um die
Zugrundelegung der höchsten Geschicklichkeit und drittens um das Ziel der
Automatizität in Bewegungsabläufen.
Was die Mittel zur Veranschaulichung der Bewegung anbelangt, hatte Gilbreth
mit seinem zyklegraphischen und chronozyklegraphischen Verfahren bereits die
Basis zu einer solchen Veranschaulichung gelegt: anhand der Licht- und
126 Vgl. Witte 1921a, 16.
127 Vgl. oben Abschn. 1.2.3.
128 Vgl. Witte 1925a, 70f: „Die Übertragung von Geschicklichkeit bedeutet nicht nur eine solche
Übertragung auf einen Arbeiter oder Mechaniker, sondern weit darüber hinausgehend die
Übertragung der Geschicklichkeit oder besonderen Fähigkeiten eines Betriebsleiters, eines
höheren Beamten, ja eines Arztes usw. auf andere Vertreter dieser Klassen. Es gibt eine
Geschicklichkeit in der Durchführung von manueller Arbeit, aber ebenso eine Geschicklichkeit in
der Ausführung von leitenden Funktionen und höheren geistigen Arbeiten. Die Gesetze der
Erlangung von Geschicklichkeit und schließlichen Automatizität in der Arbeitsverrichtung eines
Handarbeiters sind die gleichen, wie die eines geistigen Arbeiters, wenngleich die erzielten
Ergebisse und das Verhalten bei der Arbeit vollkommen verschieden sein werden.“ Auch Witte
1930j, 260.
141
Bewegungskurven, die eine räumliche, zeitliche und richtungsbezogene
Identifizierung von Bewegungsabläufen ermöglichten, war es ihm gelungen,
einem möglichen didaktischen Zweck der Bewegungsstudien sehr nahe zu
kommen. Wie Giedion deutlich macht: „Um einen Arbeitsvorgang zu erläutern,
muß er sichtbar gemacht werden, weil der, der ihn vollzieht, seine eigenen
Bewegungen nicht kennt. Mit dem, was im Unterbewußtsein, in komplizierteren
Bereichen vor sich geht, verhält es sich nicht sehr viel anders.“129 Witte schrieb:
„Geschicklichkeit soll mit dem geringsten Übertragungsverlust auf andere weitergeleitet werden
können. Um aber das zu erreichen, ist es selbstverständlich nötig, zunächst einmal
Geschicklichkeit zu erkennen, festzuhalten und in einer solchen Form darbieten zu können, daß
diejenigen, die nicht diese Fähigkeiten besitzen oder auch nicht die Möglichkeit, sie festzuhalten,
haben, trotzdem in die Lage versetzt werden, sie veranschaulichen, messen und nachahmen zu
können. (...) Oder mit anderen Worten, man muß die Tatsachen, auf die es vor allen Dingen
ankommt, in gleicher Form wie bei der Originalarbeit sehen und sich vorstellen können.“130
Gilbreth nutzte nun die Aufzeichnungen des Zykle- bzw. Chronozyklegraphen
dazu, sogenannte Drahtmodelle, d.h. aus Draht geformte Darstellungen von
Bewegungsbahnen zu erstellen, um die Unterweisung des Arbeiters anhand von
Demonstrationsobjekten vornehmen131.
Wenn man anhand solcher Modelle "Vorbilder" oder sogar "Paradigmen" für den
räumlichen und zeitlichen Ablauf gewisser Arbeitsvorgänge schaffen konnte, so
konnte man sich nicht mit der Untersuchung nur eines durchschnittlichen
Arbeiters begnügen, wie es in Deutschland allegmein üblich geworden war,
sondern musste den geeignetsten, also auch den geschicktesten Arbeiter
auswählen: „Es ist ein Gesetz der Physik und der Psychologie, daß Verfahren,
Bewegungen und Kombinationen von Bewegungen sich völlig ändern wenn die
129 Giedion 1948, 133.
130 Witte 1925a, 70f.
131 Witte 1921a, 31f: „Nach den Aufzeichnungen des Zyklegraph oder Chronozyklegraph werden
Drahtmodelle angefertigt, die die Bewegung plastisch veranschaulichen.“ Diese Drahtmodelle
„zeig[en] die Bewegung in einer so eindeutigen und anschaulichen Form, daß sie nicht nur in allen
Einzelheiten genau übersehen werden kann, sondern daß auch die Gesetze der die Bewegungen
verursachenden und der durch sie bewirkten Vorgänge wissenschaftlich ermittelt werden können.“
142
Geschicklichkeit [Geschwindigkeit] geändert wird. Schnelle Bewegungen
können nicht in denselben Bewegungsbahnen ausgeführt werden wie
langsame.“132
Das Ziel dieser Übertragung von Geschicklichkeit hatte Gilbreth schließlich aus
seinen Ermüdungsstudien abgeleitet. Hier hatte er herausgefunden, daß
Bewegungsabläufe auf den Arbeiter umso weniger ermüdend wirkten, je
automatischer sie verrichtet wurden: „Mit Hilfe der nach dieser Richtung
angestellten Forschungen“, so Witte, „konnte Gilbreth beweisen, daß höchste
Automatizität, also gepflegte Gewohnheitsbildung, geringste Ermüdung in sich
schließt.“133 Und je weniger Ermüdung mit einer Arbeit verbunden war, desto
effektiver konnte eine Arbeit ausgeführt werden134. Also musste Automatizität,
nämlich Bewußtseinsentlastung und Gewohnheitsbildung auch das Ziel der
Übertragung von Geschicklichkeit sein: „Das beste Lernverfahren“, schreibt
Gilbreth in seinen "Sieben Grundsätzen für eine neue Werkstattausbildung",
„besteht in der Ausführung der richtigen Bewegungen (...) in Übereinstimmung
mit den Gesetzen der Gewohnheitsbildung“.135
Genau hier sah nun aber Irene Witte den Übergang zur Psychiatrie und zur
Psychologie – und damit letzten Endes – zur psychotechnischen Auswahl und
Weiterbildung der Arbeiter, wie sie bereits Schlesinger, und zwar schon vor dem
Ersten Weltkrieg136, gefordert hatte:
„Besonders dieses große bei der Behandlung des menschlichen Elementes noch lange nicht
genügend gewürdigte Gebiet der Bewußtseinsentlastung, der "Automatizität", führt uns zur
132 Witte 1925a, 71: „Und das bringt Gilbreth auf die Forderung, bei solchen Aufnahmen stets den
besten Arbeiter zu beobachten und um in ihm das Beispiel höchster Geschicklichkeit und eines
erstrebenswerten Ideals aufzustellen. Gerade auf diesen Punkt kann Gilbreth nicht genug
Nachdruck legen, da mit ihm die Grundlage seines Systems steht oder fällt. Größte
Geschicklichkeit kann nur beobachtet werden, wenn der Arbeiter seine Arbeit so schnell ausführt,
wie er es unter normalen Umständen und guten Arbeitsbedingungen auch wirklich tun kann.“ Vgl.
auch Witte 1930j, 260.
133 Witte 1925a, 67.
134 Zum Problem der „Ermüdung“ vgl. a. Rabinbach 1992.
135 Gilbreth zit. n. Witte 1925a, 72 (ebenso auch in Witte 1930j, 261).
136 Vgl. oben Abschn. 1.2.3.
143
Psychiatrie hinüber. (...) Es ist z.B. behauptet und bewiesen worden, daß Epilepsie eine im
besonderen Maße ausgeprägte krankhafte "Automatizität" darstellt. Und es ist ebenso bekannt, daß
in jedem siebenten Menschen gewisse dieser "automatischen" Eigenschaften schlummern, die
eines mehr oder minder starken Anlasses bedürfen, um ausgelöst zu werden – was besonders bei
großen Paniken usw. der Fall sein kann. Es gibt keinen Menschen, der nicht eine Eigenart besitzt.
Diese zu bekämpfen oder zum Vorteil des betreffenden auszunutzen, oder ihr durch entsprechende
Arbeitszuweisung gerecht zu werden, ist eine der großen Aufgaben, die die Industrie zu lösen hat,
und die nur durch eine Zusammenarbeit des Ingenieurs, Psychologen und Psychiaters gelöst
werden kann.“137
Doch diesen Weg konnte Gilbreth in dieser Form nicht mitmachen. Denn
aufgrund seiner spezifisch amerikanischen Erfahrungen in Betrieben, die der
Vollautomatisierung schon sehr nahe kamen und in denen daher die Maschinen
den Takt der Arbeit vollständig vorgaben, wollte er „von einer planmäßigen und
umfassenden drei- bis vierjährigen Lehrlingsausbildung nichts wissen“ und redete
„nur einer allerdings systematischen Anlernung“ das Wort138.
Obwohl also Gilbreth über Taylor hinausging, wenn er dessen theoretische
Forderung nach einer "systematischen Entwicklung der Arbeitenden"139 auch
praktisch umzusetzen gedachte, so ging er nicht so weit, dies auch mit einem
allgemeinen Plädoyer für eine gute Ausbildung oder gar für die Bedeutung von
Bildung überhaupt zu verbinden. Denn er wußte nur zu gut, daß in einem
vollautomatisierten Betrieb à la Ford nur sehr wenige Kenntnisse, die man in einer
Lehrlingsausbildung vermittelt bekam, für die eigentliche Arbeit erforderlich
waren; und er hatte sicherlich auch eine sehr genaue Vorstellung von den Kosten,
die mit einer solchen Ausbildung für die Betriebe verbunden waren.
Umso deutlicher ist an dieser Stelle aber auch die Distanz, die Irene Witte in
dieser entscheidenden Frage ihrem sonst so bewunderten Lehrer gegenüber
einnahm. Nicht nur vertrat sie die Meinung, daß hier ein entscheidender
Unterschied zwischen den kulturellen und geistigen Eigenheiten Amerikas und
Europas bestehe, der es verbiete, amerikanische Verhältnisse ohne weiteres auf
deutsche zu übertragen; sie war auch der – manchmal nur versteckt geäußerten –
137 Witte 1921a, 7; vgl. auch Witte 1922, 45.
138 Witte 1925, 68; vgl. a. Witte 1930j, 260. Zur weiteren Diskussion hierüber vgl. a. die
Abschnitte 4.1. – 4.3. über Ford weiter unten im Text.
139 Vgl. Taylor zit. n. Witte 1928b, 41.
144
Ansicht, daß eine solche Konzeption von Auswahl und Anlernung, wie sie
Taylor, Gilbreth und Ford gleichermaßen vertraten, kulturell und ethisch
bedenklich sei. 1925 schrieb sie:
„Wieweit wir hier in Europa ein solches Anlernsystem an Stelle unseres bisherigen gründlichen
Lehrlingssystems annehmen wollen, das sei sehr dahingestellt und das wird immer davon
abhängig sein, wieweit unsere Industrie zum Fordsystem, also zum Vollautomaten, übergeht. Man
kann hierüber durchaus geteilter Meinung sein, ein solcher Schritt wird aber unbedingt für die
Kultur und das schließliche wohlergehen eines Volkes große Gefahren in sich schließen. Unserem
technischen Nachwuchs bei der heutigen Lage unserer Maschinenindustrie die bestmögliche
Ausbildung auf breitester Grundlage zu vermitteln, scheint immer noch der für die Wirtschaft,
Einzelwirtschaft und auch für das Menschsein des einzelnen beste und gangbarste Weg zu sein. Es
kann auch hier wieder nicht genug vor einem blinden und gedankenlosen Übernehmen
amerikanischer Verfahren gewarnt werden. Zu tief gehen die kulturellen und
völkerpsychologischen Eigenheiten der amerikansichen und mitteleuropäischen Völker
auseinander.“140
Dieses letzte Argument hatte Witte vor allem ein Jahr zuvor, in ihrer 1924
veröffentlichten Schrift über Taylor, Gilbreth und Ford vertreten – eine Schrift,
die sich als Reaktion auf die so genannte "Fordpsychose", nach Mary Nolan eine
Wortschöpfung von Witte, verstand und die Taylor und Gilbreth insgesamt in eine
gewisse Oppositionshaltung zu Ford zu bringen suchte. Wie weit dies gelingen
konnte, wird noch im Abschnitt über Ford zu prüfen sein. Wichtig ist zunächst
einmal, daß sich Witte überhaupt von Gilbreth absetzte und daß sie dies auch in
ihrer "Kritik des Zeitstudienverfahrens" hervorhob.
3. Wittes Kritik des Zeitstudienverfahrens
Irene Wittes Kritik an Taylor setzte bereits sehr früh ein. Die "Kritik des
Zeitstudienverfahrens" von 1921 war ihre erste größere Veröffentlichung. Zwar
nahm die Kritik an Taylor nach den ersten Einführunsgversuchen tayloristischer
Verfahren in den Betrieben und vor allem nach dem Tode Gilbreths 1924 etwas
moderatere Formen an und sie sprach auch nicht mehr allgemein von einer "Kritik
des Zeitstudienverfahrens", sondern lediglich von der "Kritik des Stoppuhrverfah-
140 Witte 1925a, 68.
145
rens"141. Aber ihre Vorbehalte vor allem gegenüber der Praxis des
Taylorsystems hielt sie aufrecht.
Weniger konstant hingegen entwickelte sich das Verhältnis zu Gilbreth. Trotz
ihrer nie nachlassenden Verehrung für den Lehrer142 entwickelte sie in der "Kritik
des Zeitstudienverfahrens" einige sehr eigenwillige Vorstellungen über das
Verhältnis von Zeit- und Bewegungsstudien einerseits und von Zeit- bzw.
Bewegungsstudien und Normung der Arbeitsbedingungen andererseits, –
Vorstellungen, die sie später offenbar nicht mehr vertrat und die Gilbreth in einem
Brief an sie zwar kritisch ansprach, aber auch als ihre persönliche Meinung nicht
grundsätzlich in Frage stellte:
„You will note in our criticism that we have not judged those things which are a matter of opinion
because we do not wish to interfere with your individuality in the book. Some things we do not
agree with you on, but nevertheless, you may be right.“143
Und auch in der Frage der Auswahl und Anlernung der Arbeiter nahm sie, wie ge-
zeigt, anfänglich eine durchaus kritische Haltung gegenüber Gilbreth ein, die sie
dann nach 1925 nicht mehr so deutlich vertrat. In dem bereits öfter
angesprochenen Übersichtsartikel von 1930 spricht sie zwar von „jene[m] Teil
des typisch amerikanischen Verfahrens, den wir als besonders radikal und
neuartig bezeichnen müssen“144, hält sich aber mit einer konkreten Kritik an
diesem Verfahren zurück. Das ist vor allem deshalb auffällig, weil sie sich, wie
deutlich geworden sein sollte, im Allgemeinen nicht scheute, ganze Passagen aus
früheren Texten in späteren Texten zu übernehmen, und ihre Texte allenfalls in
Nuancen variierte. Sie schien also auch in diesem Punkt ihre Ansicht geändert zu
haben oder doch der Meinung gewesen zu sein, daß sich eine Neuauflage ihrer
Kritik zu diesem Zeitpunkt nicht mehr lohnte.
141 Vgl. Witte 1930j, 264ff.
142 Vgl. Witte 1925a, VI: „Wer wie ich das Glück hatte, beide Gilbreths persönlich zu kennen, mit
ihnen befreundet zu sein, und wer sie, wie ich das kann, als Lehrer und Wegweiser im Leben
ansehen darf, dem muß das Leben des verstorbenen Führers und Meisters [Gilbreth war am
14.6.1924 gestorben, R.P.] ein leuchtendes Vorbild sein, dem selber zuzustreben nur
begehrenswert erscheinen kann.“
143 FBG an IW, 27.9.1921, S.2, Nachlaß Witte, LTA Mannheim, 000402.
146
Vor diesem Hintergrund scheint es deshalb sinnvoll, im Rahmen dieser
Darstellung Zeit und Ort ihrer Kritik im Auge zu behalten und sich den jeweiligen
Formulierungen zuzuwenden, die sie gebraucht. Dies soll im Folgenden zunächst
mit der "Kritik des Zeitstudienverfahrens" geschehen (sowie mit ihrer Schrift über
Taylor, Gilbreth und Ford und mit der in ihren Schriften der 20er Jahre bezogenen
Stellung zu den Gewerkschaften).
Der Untertitel der "Kritik des Zeitstudienverfahrens" ist für ein Verständnis dieser
Schrift wichtig: "Eine Untersuchung der Ursachen, die zu einem Mißerfolg des
Zeitstudiums führen". Diese Ursachen führt Irene Witte gleich in der Einleitung
an: erstens, behauptet sie, habe sich ein Gegensatz ergeben zwischen dem
Taylorsystem und den eingeführten Taylorverfahren, also zwischen der Theorie
und der Praxis des Taylorsystems; zweitens weise die betriebswissenschaftliche
Literatur Unzulänglichkeiten in der Ausdrucksweise, in der Übersichtlichkeit und
in der systematischen Gliederung auf, und drittens sei die Frage der
Wissenschaftlichkeit der wissenschaftlichen Betriebsführung noch überhaupt
nicht wirklich geklärt worden.145
Alle drei Fragen hängen eng miteinander zusammen und laufen darauf hinaus, die
Praxisrelevanz und Wissenschaftlichkeit des Taylorsystems erst noch zu beweisen
und dabei – oder nebenbei – auch noch Systematik und Überblick in die
betriebswissenschaftliche Forschungsliteratur zu bringen. Praxisrelevanz und
Wissenschaftlichkeit sollen aber nicht, wie Witte von Anfang an gleich deutlich
macht, am Beispiel Taylors diskutiert werden, sondern anhand des von Gilbreth
entwickelten Bewegungsstudiums. Dabei ist ihre Argumentation die, Gilbreth als
den "besseren Taylor" oder als denjenigen erscheinen zu lassen, der dieser
Theorie Taylors überhaupt erst gerecht werden konnte.
„Denn daß die dem System (gleichgültig ob Taylor- oder Müller- oder Schulzesystem) zugrunde
liegenden Gedanken des größten Erfolges bei geringstem Energieaufwand an und für sich gesund
sind; daß gegen die von Taylor ausgeführten grundlegenden Ideen an und für sich nichts
144 Witte 1930j, 260.
145 Vgl. Witte 1921a, 3ff.
147
eingewendet werden kann, ist heute allen Einsichtigen klar – gleichgültig ob es sich um
Arbeitnehmer oder Arbeitgeber handelt.“146
Daß Witte und Gilbreth prinzipiell mit Taylor übereinstimmten, daß, wie es
anderer Stelle hieß, „gegen seine Grundsätze nichts Ernsthaftes eingewendet
werden kann“, ist in diesem Kapitel schon des Öfteren hervorgehoben worden.
Auch war bereits von einer Lücke zwischen Theorie und Praxis des
Taylorsystems im Zusammenhang mit der Frage der Auswahl und Anlernung der
Arbeiter die Rede sowie von der Notwendigkeit eines wirklich wissenschaftlichen
Systems im Zusammenhang mit der Frage einer fairen und gerechten
Entlohnung.147 In dieser frühen Schrift setzte Witte die Kritik am fehlenden
Praxisbezug und an der mangelnden Wissenschaftlichkeit des Taylorsystems noch
grundsätzlicher an und koppelte gerade die als besonders wissenschaftlich
geltenden Bewegungsstudien tendentiell von der Lohnfrage ab.
Witte bemüht sich zunächst nicht, die einzelnen Elemente ihrer Kritik
darzustellen, sondern schwankt zwischen ihnen hin und her. Das hat zum einen
damit zu tun, daß sie sich im zentralen dritten Teil ihrer Schrift, in dem es um die
Ursachen des Mißerfolgs des Zeitstudienverfahrens geht, eine chronologische
Darstellung wählt, welche die systematischen Unterschiede zwischen Zeit- und
Bewegungsstudien, Taylors und Gilbreths Verfahren zu verwischen droht. Zum
anderen hätte sie Gilbreth nicht als den "besseren Taylor" darstellen können, ohne
diese Verwischungen auch in Kauf zu nehmen. Andererseits nutzt sie die
Unterscheidung Taylors zwischen der sogenannten analytischen und
synthetischen Arbeit der Zeitstudie, um in einer Liste der einzelnen Unterschei-
dungspunkte ihre eigenen kritischen Bemerkungen zu diesen Punkten anzuführen.
146 Witte 1921a, 2.
147 Vgl. oben im Text die Abschnitte 1.1., 1.2.3., 1.2.4.
148
3.1. Das Stoppuhrverfahren
Taylor hatte die analytische Arbeit der Zeitstudie zunächst in drei Schritte
unterteilt: in die Unterteilung und Klassifizierung von sogenannten "einfachen
Elementarbewegungen"; in die nähere Bestimmung der Elementarbewegungen
mit Hilfe der Stoppuhr, und in die Ermittlung, auch Ausschaltung aller
überflüssigen Bewegungen, d.h. derjenigen Vorgänge, die nicht unmittelbar zum
Produktionsprozess beitrugen148.
An jedem dieser drei Schritte setzt Irene Witte mit ihrer Kritik an. Erstens: Taylor
habe seinen Begriff der einfachen Elementarbewegung nirgends definiert,
zweitens: mit Hilfe der Stoppuhr sei es unmöglich, solche Elementarbewegungen
zu ermitteln, und drittens: Taylor sage nicht, wie denn die überflüssigen
Bewegungen – die man ja durch solche Messungen gleichfalls ermitteln müsse –
auszusuchen und auszuschalten wären.149
Als Grundlage ihrer Kritik hatte Witte hierbei natürlich Gilbreths
Bewegungsstudien vor Augen, und zwar einerseits das bereits dargestellte Ver-
fahren des Mikrobewegungsstudiums und andererseits das von diesem
weitgehend abhängige Konzept der Therbligs.150
Wenn nach Gilbreth das Verfahren der Bewegungsstudien als „die Wissenschaft
zur Ausschaltung aller Zeit- und Kraftvergeudung, die sich aus unnötigen, falsch
angewandten und ungeeigneten Bewegungen ergibt“151, verstanden werden sollte,
so mußte es die Unterscheidung von "vermeidbaren" und "unvermeidbaren
Verzögerungen" geben152. Und erst in einem zweiten Schritt konnten dann die
nötigen und geeigneten Bewegungen weiter unterteilt werden, und zwar, wie
bereits erläutert wurde, in solche, „die in veränderter Folge bei jeder Arbeit immer
148 Vgl. Abschn. 1.2.2.
149 Vgl. Witte 1921a, 18f Sp.3.
150 Vgl. oben im Text Abschn. 2.2.
151 Witte 1921a, 28.
152 Vgl. Witte 1930j, 253.
149
wieder vorkommen, und die wirklich die elementarsten Einheiten
darstellen.“153 Genau hierin – im Rückgang auf das Elementare – sah Witte aber
den eigentlich wissenschaftlichen Charakter des von Gilbreth vorgeschlagenen
Verfahrens. Sie schrieb :
„Das wissenschaftliche Verfahren zeigt sich u.a. durch das Erfassen der kleinsten meßbaren
Einheit. Der Physiker wird auf das Molekül zurückgreifen. Und in gleicher Weise muß die
neuzeitige Betriebsführung, will sie auf wissenschaftlichen Charakter Anspruch erheben, auch auf
die wirklich elementare Einheit zurückgreifen, was sie bisher in Ermangelung geeigneter
Verfahren und und Vorrichtungen noch nicht konnte.“154
3.2. Die Zuschlagsregelung
Taylor war in seiner Bestimmung der analytischen Arbeit der Zeitstudie auch
bereits auf die sogenannte Zuschlagsregelung eingegangen, die dann später
sowohl in Amerika als auch in Deutschland sehr kontrovers diskutiert wurde.155
Darunter verstand man ein zum Teil mit sehr komplexen Berechnungen
verbundenes Verfahren, das die mit der Stoppuhr gemessenen Zeiten durch
zusätzliche Zeiten ergänzte, um mögliche Geschwindigkeits- und Leistungsüber-
forderungen des Arbeiters auszugleichen: habe man für jede einzelne Bewegung,
so Michel, „eine unter optimalen Bedingungen, ohne besondere Schwierigkeit
erreichbare Zeit als Norm festgesetzt“, so müsse für die Summe dieser
Bewegungen „ein je nach der Art der Arbeit verschiedener Zuschlag gegeben
werden, welcher der bei Dauerarbeit auftretenden Ermüdung und sonstigen
unvermeidlichen Zeitverlusten Rechnung trägt“156. In den Worten Taylors:
153 Witte 1921a, 28.
154 Witte 1921a, 28. – Daß der Physiker auf das "Molekül" als der kleinsten messbaren Einheit
zurückgreife, ist allerdings ein Irrtum. Darauf verweist auch Gilbreth in einem seiner Briefe an
Witte: „The molecule is not the smallest subdivision of matter. The atom is still smaller and the
ion is again smaller. Perhaps "atom" is the word you should use.“ FBG an IW, 27.9.1921, S.4,
Nachlaß Witte, LTA Mannheim, 000404.
155 Auf die amerikanische Diskussion, die mit D.V. Merricks 1919 veröffentlichten "Studies as a
Basis for Rate Setting" begann, geht Witte selbst später sehr ausführlich ein (vgl. 1930a, 244ff;
vgl. a. 1921a, 33ff); für die deutsche Diskussion vgl. z.B. Michel 1920, 45ff.
156 Michel 1920, 8.
150
„e) Der Zuschlag, der auf die tatsächliche Arbeitszeit eines guten Arbeiters zugeschlagen
werden muß, um unvermeidbare Verzögerungen, Unterbrechungen, kleinere Betriebsstörungen
usw. auszugleichen, muß studiert und festgestellt werden [ist zu studieren und festzustellen]. f)
Der Zuschlag, der die Neuheit einer Arbeit für einen guten Arbeiter während der ersten Male, die
er sie ausführt, in Betracht zieht, ist zu untersuchen und aufzuschreiben. (...) g) Der Zeitzuschlag,
der für Erholung und für die zur Überwindung körperlicher Müdigkeit notwendigen Zwischenzeit
zu gewähren ist, ist zu untersuchen und aufzuschreiben.“157
Auch an diesen drei Punkten der analytischen Arbeit der Zeitstudie übte Witte
Kritik. Sie bemängelte erstens: daß Taylor in diesen Passagen stets nur von einem
guten, nicht jedoch von dem besten Arbeiter spreche; zweitens: daß im
klassischen Taylor-System kein Versuch unternommen werde, die genannten
Verzögerungen, Unterbrechungen, Betriebsstörungen usw. zu verhüten bzw. sogar
– wie sie sich ausdrückt –„auszumerzen“; und drittens: daß auch „keine
Gegenmaßnahmen zur Vermeidung eines Teiles der sicher aus den herrschenden
Arbeitsverhältnissen wachsenden unnötigen Ermüdung“ ergriffen werden.158
Die Verhinderung von Ermüdung (durch die Förderung eines
bewußtseinsentlasteten, quasi "automatischen" Arbeitens) und die Ausschaltung
aller unnötigen Bewegungen (durch das Konzept der Therbligs) sollten also der
mehrfach angesprochenen Taylorschen Orientierung an einem "erstklassigen"
bzw. am "geeignetsten" Arbeiter zum Durchbruch verhelfen und damit die
Gilbrethsche Maxime stützen: „Für jede Arbeit, gleichgültig auf welchem Gebiet,
muß es eine beste und schnellste Art der Verrichtung geben!“159 Und diese jeweils
schnellste und beste Art der Arbeitsverrichtung sollte Witte zufolge nicht nur
gemessen und zur Grundlage einer Übertragung von Geschicklichkeit werden,
sondern auch zu einer noch weiteren Verbesserung der Arbeitsweise führen:
„Die beste Arbeitsweise des besten Arbeiters sollte beobachtet und nach den Grundsätzen des zur
Zeit möglichen einen besten Verfahrens [des Gilbreth-Verfahrens, R.P] unter Berücksichtigung
aller erdenklichen Arbeitserleichterungen verbessert werden.“160
157 Taylor zit. n. Witte 1921, 19f Sp.2.
158 Witte 1921a, 19f Sp.3.
159 Witte 1921a, 23.
160 Ebd., 39.
151
Diese Maximalforderung war besonders provokant im Hinblick auf die
deutschen Betriebe, in denen man sich beim Zeitstudium – wie Witte nicht müde
wird zu beklagen – im Allgemeinen am Durchschnittsarbeiter orientierte161.
Entscheidend ist hier die Tendenz, die Gilbreth mit seinen Bewegungsstudien
verband und die ihn – wie man einer Passage in einem Brief an Irene Witte
deutlich ablesen kann – auch vor sozialdarwinistischen Neigungen nicht
zurückschrecken ließ:
„When he [gemeint ist Carl G. Barth, der Erfinder des sogenannten "Barthschen
Substitutionsverfahrens", der auch ein Geleitwort zu Merricks Buch verfaßt hatte; R.P.] states that
it is „at all times easiest and best to make observations on a first class, but not extraordinarily
expert operator“, he then explains with great detail our contention, namely, that while it is easiest,
(that is to say, "easiest" if you do not care how inefficient it is) it is not best, and that if one does
not study the "extraordinary expert" operator, one will loose all opportunity of finding those
methods that are the result of the survival of the fittest and of those who had the remarkably good
luck of falling accidently into a method much better than the usual method. A vast field of most
valuable knowledge will be lost if the methods of the extraordinary expert are not observed and
the conditions surrounding their work are also completely recorded.“162
Wie weit Irene Witte diesem Hang zu einer Orientierung am "survival of the
fittest" folgte, läßt sich an der Stelle, an der sie selber in ihrer Schrift auf das von
Gilbreth angeführte Barth-Zitat eingeht,163 nicht erschließen. Es ist aber
anzunehmen, daß sie hier etwas vorsichtiger war, da der gesamte Komplex für sie
eng verbunden war mit der Frage nach der Auswahl und der Ausbildung des
Arbeiters, also derjenigen Frage, in der sie mit Gilbreth nicht übereinstimmte.
Insofern spricht sie auch von der "Erhaltung und Förderung" der Arbeitskraft des
Menschen sowie von der "Berücksichtigung seiner persönlichen Veranlagung":
„Jeder Betriebsingenieur weiß nur zu gut, daß es wirklich erstklassige Arbeiter nicht im Überfluß
gibt, ja daß die sogenannten Durchschnittsarbeiter überwiegen. Und kein System der
Betriebsführung, das die Zusammenhänge mit der Volkswirtschaft nicht außer Acht läßt, am
allerwenigsten die funktionelle Betriebsführung, denkt auch nur im allerentferntesten daran, dem
Durchschnittsarbeiter das Pensum des erstklassigen Arbeiters zuzumuten. Das wäre ja eine
Verschwendung an Menschenkraft; das Hauptziel dieser Betriebsführung ist aber: Erhaltung und
Förderung! Ein Verfahren, das die Mittel und Wege besitzt, die eine, beste, Art der Arbeitsverrich-
161 Vgl. ebd., 39 u. 58f.
162 FBG an IW 13.12.1920, S.4, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
163 Vgl. Witte 1921a, 38f. – Ein Studium der Briefe Gilbreths an Witte zeigt sehr deutlich, daß sie
sich nicht nur inhaltlich sehr eng an die Vorgaben Gilbreths hielt, sondern gelegentlich z.B. auch
seine Zitate und Kommentare in ihren Text übernahm.
152
tung zu ermitteln, wird auch Mittel und Wege haben, um die Arbeitsfähigkeit des Arbeiters,
unter voller Berücksichtigung seiner persönlichen Veranlagung, zu ermitteln.“164
3.3. Die Zeitnormierung
Die Maximalforderung nach einer Ermittlung der einen besten und schnellsten Art
der Arbeitsverrichtung war aber auch bei der Ermittlung der Zeitnormen und
damit der von Taylor so genannten "synthetischen Arbeit der Zeitstudie" wichtig.
Diese synthetische Arbeit war, wie bereits dargestellt, ebenfalls dreigeteilt: im
ersten Schritt sollten die immer wiederkehrenden Bewegungen einer Arbeit zu
Gruppen zusammengefaßt und (z.B. mit Buchstabensymbolen) klassifiziert
werden; im zweiten Schritt sollte es dann möglich sein, Zeiten neuer Arbeiten
durch die Zeiten bereits gemessener und klassifizierter Arbeiten zu ermitteln; und
schließlich, im dritten Schritt, sollten z.B. auch die für bestimmte Maschinen und
Werkzeuge spezifischen "Griffzeiten" ermittelt und klassifiziert werden165.
Auch hier trug Witte zu jedem der einzelnen Punkte ihre Einwände vor. Sie
bemängelte erstens: daß Zeitstudien zur Grundlage einer Normierung der Zeiten
nicht ausreichen würden, sondern daß dies nur durch Bewegungsstudien möglich
wäre, – wobei sie im System der Therbligs, die ja ebenfalls mit Symbolen
bezeichnet wurden,166 bereits eine Alternative vor Augen hatte; zweitens: daß, da
Taylor mit seinem Stoppuhrverfahren wirkliche Elementarbewegungen nicht
messen konnte, es auch nicht möglich war, bei neuen Arbeiten die Zeiten
aufgrund der bereits gemessenen festzustellen; und drittens: daß sich die
Normierung der Griffzeiten von Werkzeugen und Maschinen bei Taylor
gewissermaßen nur als "Nebenprodukt" seiner Zeitstudien eingestellt habe, da er
keine systematische Vorstellung vom Verhältnis der Normierung von
164 Witte 1921a, 39f.
165 Vgl. oben im Text Abschn. 1.2.2. Vgl. auch Taylor, zit. n. Witte 1921a, 20f Sp.2., Witte 1928b,
53.
166 Vgl. Witte 1930j, 253.
153
Arbeitszeiten auf der einen Seite und der von Arbeitsbedingungen auf der
anderen Seite entwickelt hätte.167
Wie man sehen kann, war auch für diese Kritik die Orientierung an der
Gilbrethschen Maxime der "einen besten und schnellsten Art der
Arbeitsverrichtung" ausschlaggebend. Denn die Norm – die, wie es immer wieder
hieß, "ein für alle Mal" gültig sein sollte168 – mußte für Witte in allen drei Fällen
an der jeweils besten Arbeitsweise orientiert sein, da sie sonst ihrer Meinung nach
diesen Namen nicht verdiente. Dabei bezog sie sich auch auf Taylor, der die
Notwendigkeit hervorgehoben habe, „Zeitstudien für immer wiederkehrende
Arbeiten einmal von einer Stelle aus anzustellen, die dann für alle Zeiten (once
for all) Geltung haben sollten“169; und sie begründete diese Notwendigkeit
schließlich auch mit Kostenerwägungen:
„Es [das Mikrobewegungsverfahren, R.P.] ruht auf den Grundsätzen des Bewegungsstudiums; es
ist, da es die wirklichen Elementarbewegungen erfaßt, weit weniger kostspielig als das
Stoppuhrverfahren. Die einmal von ihm festgesetzten Zeiten, die Zeitnormen, haben wirklich für
alle Arbeiten und für immer Gültigkeit! Zieht man die Millionen von Beobachtungen in Betracht,
die bisher mit Hilfe der Stoppuhr vorgenommen wurden und stellt dann Ermittlungen darüber an,
wie viele dieser Beobachtungen ihre Zeit überlebten und auch heute noch brauchbar sind und zur
Verfügung stehen, so ist die Schlußfolgerung, daß das Stoppuhrverfahren bedeutend kostspieliger
als das Mikrobewegungsverfahren ist, eigentlich recht naheliegend. Die
Mikrobewegungsaufnahmen sind für alle Zeiten brauchbar; die uns durch den Film auf
anschaulichste Weise bekanntgegebenen Arbeitsverhältnisse, die Zeitangaben, usw. – alles das ist
so einwandfrei klar, daß Verfahren und alle Begleitumstände auch nach Jahren wie am ersten Tage
identifiziert werden können.“170
Was dies praktisch bedeutete, wird besonders deutlich, wenn man sich Wittes
Kritik an der sogenannten "Ausstreichung anormaler Werte" zuwendet. Unter
dieser Ausstreichung verstand man im Zeitstudienverfahren die gängige Praxis,
alle bei der Zeitmessung vom üblichen Mittelmaß abweichenden, extremen
Meßdaten aus der Berechnung der Zeitnormen auszuschließen, und zwar deshalb,
weil man annahm, daß besonders kurze Zeiten Durchschnittsarbeiter überfordern
könnten, während ihn wahrscheinlich umgekehrt besonders lange Zeiten
167 Vgl. Witte 1921a, 19ff Sp.3.
168 Vgl. z.B. Witte 1930j, 264.
169 Witte 1921a, 26.
170 Witte 1921a, 52.
154
unterfordern würden: „Taylor, Merrick und auch andere heutige Vertreter des
Stoppuhrverfahrens schreiben die Ausstreichung dieser anormalen Werte vor, um
eine allen Ansprüchen genügende Arbeitszeit festsetzen zu können. Dieses
Vorgehen hängt eng mit der strittigen Frage des erstklassigen oder
Durchschnittsarbeiters zusammen.“171 Und da Witte und Gilbreth sich mit ihren
Bewegungsstudien nicht an einem durchschnittlichen, sondern an einem
erstklassigen Arbeiter orientieren wollten, sahen sie in dieser Ausstreichung eine
Verfälschung der tatsächlichen Zeiten bzw. wollten die gemessenen Extremwerte
gerade als Hinweise auf eine Verbesserung der Arbeitsabläufe verstanden wissen:
„Kann die beobachtete niedrigste Zeit nicht auf einen besonders geschickten Griff, auf eine
besonders günstige Behandlung des Materials hinweisen? Und müßte es nicht die Pflicht des
Beobachters sein, diese zu ermitteln und von ihr zur Verbesserung des Verfahrens zu lernen? Und
umgekehrt, sind nicht die besonders hohen Zeiten als Gefahrsignale zu betrachten, um die
vorhandenen Widerstände schleunigst zu beseitigen? Oder sollen diese Extremzeiten alle auf
Versehen des Beobachters zurückzuführen sein? In diesem Fall wäre dann allerdings den anderen
Zeiten nicht zu trauen; dann besteht zwischen dem früheren Kalkulator und dem
„wissenschaftlichen“ Zeitstudienmann kein großer Unterschied; dann brauchen die durch
Zeitstudien bedingten höheren Kosten nicht angewendet zu werden!“172
Die Orientierung an der Gilbrethschen Maxime der "einen besten Art der
Arbeitsverrichtung" hatte demnach in der Praxis der Zeitmessung die Folge, jede,
z.B. aus sozialen Erwägungen vorgenommene Manipulation an den
"ursprünglichen Zeiten" auszuschließen.173 Denn Gilbreth und Witte glaubten,
daß es tatsächlich eine Form der Messung gebe (nämlich das Mikrobewe-
gungsstudium), die es ihnen erlaubte, alle in Arbeitsabläufen vorkommenden
Bewegungen "ein für alle Mal" zu klassifizieren.
3.4. Die Hauptthese der Studie - Irene Witte entwickelte in dieser Schrift eine
These, die eng mit dem Titel ihres Buches zusammenhing, die aber offenbar auch
Gilbreth irritierte. In seinem hier schon mehrmals angeführten Brief, den er Irene
171 Witte 1930j, 265; fast identisch so in Witte 1921a, 42f.
172 Witte 1921a, 43; vgl. auch Witte 1930j, 265.
173 Die "normalen", nach Ausstreichung aller Extremwerte ermittelten Zeiten konnten Witte
zufolge „nie so genau (sein) wie die ursprünglichen Zeiten“ (1921a, 43 u. 1930a, 265).
155
Witte nach Veröffentlichung der "Kritik des Zeitstudienverfahrens" schrieb,
heißt es gleich zu Anfang:
„First of all I do not think the title is as good as it could be. "Criticism of Time Study" is not
exactly what you mean. It would seem to me that it is more a criticism of Stop Watch Time Study,
and as worded it may make people think that you are against all time study.“174
Der entscheidende Punkt war aber für Witte 1921 gerade der gegenteilige: sie
verstand ihre Kritik durchaus (auch) als "Kritik des Stoppuhrverfahrens", und sie
war auch nicht gegen jede Form der Zeitstudie: „Diese Kritik des
Stoppuhrverfahrens“, betont sie, „will ... keineswegs jeden Gebrauch des
Meßmittels ablehnen. Kein Betriebsingenieur wird die Stoppuhr je ganz
vermissen [können]. Für gewisse Vorstudien, für Gelegenheitsarbeiten ist sie das
gegebene Hilfsmittel“175. Hätte sie aber, wie Gilbreth es in seinem Brief indirekt
tut, angenommen oder zugegeben, daß auch die Bewegungsstudien im Grunde
Zeitstudien waren (weil mit ihnen die Zeit bestimmter Bewegungen gemessen
wurde), so wäre sie nicht um die These herumgekommen, das Taylorsche durch
das Gilbrethsche Verfahren ersetzen zu wollen. Dies wollte sie aber nicht. Sie
versuchte statt dessen, Zeit- und Bewegungsstudien in eine „logische
Reihenfolge“ zu bringen:
„Zeitstudien ohne vorhergehende Bewegungsstudien oder Bewegungsstudien ohne eine
vorhergehende Normung der Arbeitsbedingungen, des Lagerwesens usw. sind von Anfang an zu
einem Fehlschlag verurteilt; den höchsten Erfolg werden sie nie einbringen.176
Zuerst sollte man sich im Betrieb ihrer Meinung nach also um eine Normung der
Arbeitsbedingungen, des Lagerwesens u. dgl. kümmern, dann sollten – zur
Ermittlung der "einen besten Art der Arbeitsverrichtung" – Bewegungsstudien
und erst ganz zuletzt, nämlich zur Stücklohnfestsetzung, Zeitstudien
vorgenommen werden:
174 FBG an IW, 27.9.1921, S.1, Nachlaß Witte, LTA Mannheim, 000401.
175 Witte 1921a, 25; vgl. auch Witte 1930j, 265. Der hier in eckigen Klammern wiedergegebene
Zusatz ist eine Korrektur, den Witte im Text von 1930 vorgenommen hat.
176 Witte 1921a, 9.
156
„Nach erfolgter Normung der Arbeitsbedingungen, nach erfolgter Einrichtung des gesamten
Lagerwesens, einschließlich des Werkzeuglagers und der Werkzeugausgabe, nach Einrichtung
einer statistischen Abteilung usw. darf an die Verbesserung des eigentlichen Arbeitsverfahrens mit
dem Endziel, das zur Zeit mögliche beste Verfahren ausfindig zu machen, herangegangen werden.
(...) Der Arbeitsprozeß wird auf grund genauester Messungen analysiert, synthesiert und
normalisiert. Hier greifen wiederum die verschiedensten Funktionen, vor allem, die
Bewegungsstudien, ein. Und ist schließlich das beste Verfahren ermittelt worden, so treten als
letzte Funktion die Zeitstudien in Tätigkeit, um die zwecks Stücklohnfestsetzung erforderlichen
Zeiten und Daten zu erlangen. In vielen Fällen werden diese Zeitstudien einfach das Nebenprodukt
der Bewegungsstudien sein.“177
Sicherlich stand hinter dieser These Wittes der Versuch, diejenigen Mängel der
betriebswissenschaftlichen Literatur zu beheben, die sie als eine der "Ursachen,
die zum Mißerfolg des Zeitstudiums führen" benannt hatte: Unzulänglichkeiten in
der Ausdrucksweise (hierzu auch Kap. I, Abschn. 1.1.), in der Übersichtlichkeit
und in der systematischen Gliederung dieser Literatur. Ihrer Meinung nach hatte
man die verschiedenen Rationalisierungsmaßnahmen unabhängig voneinander
und in einer von ihr bestimmten Reihenfolge vorzunehmen. Hier setzte Gilbreths
Kritik ein. In seinem Brief an Witte vom 28.9.1921 schreibt er zum gesamten
Abschnitt II der "Kritik des Zeitstudienverfahrens", in dem Witte unter dem Titel
"Der Aufbau der neuzeitigen Betriebsführung" ihre These erläutert und aus dem
die soeben zitierte Passage stammt:
„I do not agree with this paragraph at all, for improvements can be made in the conditions at the
very beginning of doing work and motion study can proceed from the first day. In fact, motion
study made on other jobs can be transferred in part, but time study cannot be made until "after
working conditions have been standardized", but the best standards cannot be made until motion
study is well advanced. This is a difficult subject to explain with a few words and must be handled
carefully because under certain conditions one thing is true and under other conditions the reverse
may be true.“178
Zwar richtet sich die Kritik hier nur gegen die von Witte angenommene
Reihenfolge von Studium und Normung der Arbeitsbedingungen einerseits und
Studium und Normung der Arbeitsbewegungen und Arbeitszeiten andererseits;
aber aufgrund der Kritik am Titel der Schrift wird man annehmen müssen, daß er
auch mit der Reihung von Bewegungs- und Zeitstudien gewisse Probleme hatte,
also die Zeitstudien am liebsten durch Bewegungsstudien ersetzt hätte. Ebenso
177 Ebd., 8f.
157
wahrscheinlich ist es, daß Gilbreth sich hier offenbar selbst nicht im Klaren
war, denn hinter der These Wittes stand eine Überlegung, die sie offenbar von
ihm hatte und die er ihr in seinen Briefen vor Veröffentlichung der Schrift
nahegelgt hatte:
„The title of this book [es ist das Buch von Merrick gemeint; R.P.] ist "Time Study for Rate
Setting as Developed by the Taylor System of Management". This is the proper title for this book,
for this is exactly what it is. You will note that the name of the book is "Time Studies for Rate
Setting". (...) We agree that that is what time study is for, and that therefore time studies and
motion studies are nothing alike in their definition, as well as in their practice. (...) Perhaps that is
the reason why Barth, Merrick and others have no conception of scientific time study as shown by
the photographic process which eliminated all human error.“179
Auf der einen Seite sollen also die Bewegungsstudien – auf einem höheren
wissenschaftlichen Niveau – durchaus auch Zeitstudien sein (in dem Sinne, daß
man mit ihnen die Zeit bestimmter Bewegungen ermitteln kann: "scientific time
study as shown by the photographic process which eliminated all human error"),
aber auf der anderen Seite sollen sie auch etwas völlig Unterschiedliches sein
("time studies and motion studies are nothing alike in their definition, as well as in
their practice"), wobei der Unterschied darin bestehen soll, daß es den Zeitstudien
lediglich um die Frage der Entlohnung gehe ("time studies for rate setting"),
während es den Bewegungsstudien vor allem darauf ankomme, die "eine beste Art
der Arbeitsverrichtung" zu ermitteln.
Witte und Gilbreth hatten also – gemäß dem Ausspruch "Zeit ist Geld" – genau
erkannt, daß jede Form der Zeitmessung eng mit der Frage des konkreten Lohns
zusammenhing und daß die Bewegungsstudien sich aus dieser Frage
herauszuhalten hatten, da sie nur volkswirtschaftlich beantwortet werden konnte.
Das war aber nur möglich, indem man die Zeitorientierung aus den
Bewegungsstudien entfernte und sie dem Zeitstudium im Taylorschen Sinne
überließ. Nach Gilbreth und Witte sollte man sich darauf konzentrieren, lediglich
"Bewegungen", also nur "Formen" oder "Arten" der Arbeitsverrichtung zu
178 FBG an IW, 28.9.1921, S.4, Nachlaß Witte, LTA Mannheim, 000404.
158
messen. Das ist also der tiefere Grund für Wittes auf den ersten Blick
irritierende These. Die "neuzeitige Betriebsführung" zog sich also in den
Elfenbeinturm der Wissenschaft zurück, indem sie mit Bewegungsbildern und
Drahtmodellen operierte und Listen von sogenannten "elementaren
Bewegungseinheiten" erstellte, die "für immer "und "für alle Zeit" Gültigkeit
haben sollten.
3.5. Beurteilung der "Kritik des Zeitstudienverfahrens"
Witte hatte zunächst behauptet, daß der Anspruch der Wissenschaftlichkeit der
wissenschaftlichen Betriebsführung noch nicht wirklich erfüllt worden sei, und
daß nur das von ihr und Gilbreth vorgeschlagene Verfahren diesen Anspruch
einlösen könne. Sie hatte zweitens behauptet, daß sich zwischen dem Taylor-
system und den eingeführten Taylorverfahren, also zwischen der Theorie und der
Praxis des Taylorsystems ein Gegensatz bestehe. Demnach schien sie mit dem
Gilbrethschen Verfahren auch eine höhere Praxisrelevanz zu verbinden. Und
schließlich hatte sie darauf hingewiesen, daß die betriebswissenschaftliche
Literatur Unzulänglichkeiten in der Ausdrucksweise, in der Übersichtlichkeit und
in der systematischen Gliederung aufweise, die man beheben müsse. Wie gezeigt,
hatte sie damit offensichtlich die Systematik der betriebswissenschatflichen
Rationalisierung gemeint, also das Verhältnis von Zeit- und Bewegungsstudien
einerseits und von Zeit- bzw. Bewegungsstudien und Normung der
Arbeitsbedingungen andererseits.
Die Frage der Wissenschaftlichkeit stand immer wieder im Zentrum der
Überlegungen Wittes und Gilbreths. Denn das Mikrobewegungsstudium und das
Konzept der Therbligs versprachen gleich in doppelter Hinsicht eine
179 FBG an IW, 13.12.1920, S.1, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
159
Intensivierung des wissenschaftlichen Anspruchs der wissenschaftlichen Be-
triebsführung: das Mikrobewegungsstudium auf der Ebene der analytischen
Zeitstudie, indem es genauere und den Bewegungsabläufen adäquatere
Messungen ermöglichte, und das Konzept der Therbligs auf der Ebene der
synthetischen Zeitstudie, indem es die Erstellung unabhängiger und vor allem "für
alle Zeit" gültiger Arbeitsnormen erlaubte.
Aber ist der Anspruch der Wissenschaftlichkeit schon allein dadurch eingelöst,
daß man lediglich genauere Messungen durchführt, und muß Wissenschaftlichkeit
in jedem Fall bedeuten, daß die Ergebnisse der Messungen auch "für alle Zeiten"
gültig sind? Ein derartiger Anspruch für eine Erkenntnis menschlicher
Bewegungsabläufe ist fraglich. Denn menschliche Bewegung ist nicht, wie Witte
und Gilbreth unterstellen, ein mechanischer Ablauf, dessen Gesamtheit sich aus
der Summe seiner Teile, den sogenannten "Elementarbewegungen"
zusammensetzen läßt, sondern – wie Gertraude Krell zurecht feststellt – ein
"lebendiger Prozess", dessen Lebendigkeit gerade durch die Zerstückelung in
kleinste Einheiten eliminiert wird.180
Insofern verkennt daher diese Wissenschaft der Betriebsführung letzten Endes
ihren eigentlichen Gegenstand: den Menschen. Ihr grundlegender, schon bei
Taylor offensichlich gewordener Fehler liegt darin, ein naturwissenschaftliches
Erkenntnisideal auf einen Bereich zu übertragen, in dem dieses Ideal die Realität,
die es begreifen will, gerade zerstört. Dadurch wird die sogenannte "Wissenschaft
der wissenschaftlichen Betriebsführung" zu so etwas wie einer "Technologie des
Menschen", in der, wie Hinrichs und Peter zurecht kritisieren, die “Mystifizierung
des technischen Fortschritts”181 auch noch in die lebendige Arbeit übergreift. Es
kommt, so Krell, zu einer “Organisation der lebendigen Arbeit nach dem Modell
der toten”, zu einer “Degradierung des menschlichen Arbeitsvermögens zum
Anhängsel der Maschinerie.”182
180 Vgl. Krell 1984, 156.
181 Hinrichs / Peter 1976, 29.
182 Krell 1984, 155.
160
Gilbreths Satz “Was kümmert es den Arbeiter, ob er eine "Maschine" ist oder
nicht”183 kann auf diesem Hintergrund nur als Eingeständnis und darüber hinaus
auch als eine extreme Variante der schon bei Taylor erfolgten Gleichsetzung von
Maschine und Mensch gelesen werden. Die dogmatische Wissenschafts- und
Fortschrittsgläubigkeit, derzufolge sich der Arbeiter der Macht der Wissenschaft
zu beugen hat184 und die bei Witte und Gilbreth noch ausgeprägter ist als bei
Taylor, endet daher konsequenterweise in einer maschinellen, technokratischen
Illusion einer totalen Verrechen- und Verfügbarkeit menschlicher Arbeitskraft.
Diese Illusion der Ingenieure und Techniker ist vor allem eine Ideologie: zum
einen, weil sie diese Verrechen- und Verfügbarkeit als wissenschaftlich legitim
vortäuscht und zum anderen, weil sie die “neue Klasse der Intellektuellen und der
technischen Intelligenz” auch noch über den eigenen Wirkungsgrad täuscht. Denn
obwohl sich diese Klasse für die “Avantgarde der Weltverbesserung”185 hält,
unterliegt sie doch den Strategien der Unternehmer und des Kapitals.
Einzelne Betriebsführungskonzepte wurden in ihrer tayloristischen Form in den
Betrieben umgesetzt. Warum aber wurden die von Gilbreth vorgeschlagenen
Verfahren – entgegen der von Witte behaupteten höheren Praxisrelevanz – nicht
auch verbreitet angewandt, da sie doch einen weitaus höheren Grad an
Rationalisierung versprachen? Der Generaldirektor der Borsig-Werke Fritz
Neuhaus erklärte 1913:
“Wir stehen am Anfang der durch Taylor in den Vereinigten Staaten eingeleiteten Bewegung; wir
haben angefangen, unsere Konstruktionen zu vereinheitlichen, zu normalisieren, und haben schon
so manchen Fortschritt darin zu verzeichnen; wir haben unsere Verfahren der
Selbstkostenermittlung bedeutend verbessert, wir statten unsere Werkstätten mit den neuesten
Maschinen aus, wir haben uns die Vorteile in der Werkzeugstahl-Herstellung zunutze gemacht,
auf die ebenderselbe Taylor zuerst hingewiesen hat, aber wir müssen zugestehen, es ist viel
Zufälligkeit dabei, viel Nachahmung dessen, was der Nachbar macht, hier ein Stück Verbesserung
und da ein Stückchen, aber dies ist keine methodische, auf wissenschaftlichen Gesetzen
aufgebaute Entwicklung.”186
183 Zit. n. Ebbinghaus 1984, 83.
184 Vgl. Volpert 1995, XXXV u. XXXVIII.
185 Vgl. Mehrtens 1999, 90f.
186 Neuhaus 1913, 3f. Vgl. auch die Einschätzung Adolf Wallichs‘ von 1922, Kap. II, 1.3.
161
Die Umsetzung der einzelnen Rationalisierungsmaßnahmen kostete offensichtlich
viel Zeit und ging nur langsam voran. Darüber hinaus zeigt das Zitat auch, daß die
Umsetzung eines bestimmten Rationalisierungskonzeptes in der Praxis
keineswegs immer systematisch erfolgte, sondern offenbar Phasen des Probierens
und Experimentierens enthielt. Witte, in deren Nachlaß sich der angeführte Text
von Neuhaus befand, vermerkt dann auch am Rande der zitierten Stelle: “GUT!”,
da sie sich offensichtlich darüber freute, daß Neuhaus hier die Unwissenschaft-
lichkeit der Einführung des Taylorverfahrens offen zugab und deshalb für sie nur
bestätigte, was sie ohnehin in ihren Schriften immer wieder betont hatte: daß sich
nämlich zwischen der Theorie und der Praxis des Taylorsystems ein
unüberbrückbarer Gegensatz ergeben hat.
Witte machte sich offenbar nicht klar, daß die Äußerung von Neuhaus auch dann
noch Gültigkeit hätte, wenn das Taylorsche Verfahren den wissenschaftlichen
Ansprüchen genügt hätte. Und deshalb konnte sie zu diesem Zeitpunkt auch die
Praxisrelevanz des Gilbrethschen Verfahrens nicht richtig einschätzen. Denn
dieses Verfahren erforderte einen hohen Organisations-, Planungs- und
Umsetzungsaufwand und war daher für die Einführung in den Betrieben weitaus
weniger gut geeignet. Von daher war also mit Sicherheit das radikalere Konzept
von Wissenschaftlichkeit bei Gilbreth auch von einer größeren Praxisferne
gekennzeichnet. Lediglich in der Privatkorrespondenz kommen Zweifel
gegenüber diesem Verfahren zum Ausdruck187.
Im Zusammenhang mit der Frage des erhöhten Organisations- und Planungs-
aufwandes stand auch die Kostenfrage. Witte argumentiert hier so, daß sie auf die
größere Verallgemeinerbarkeit der durch Bewegungsstudien ermittelten Zeiten
und Normen verweist und sogar behauptet, daß diese Zeiten und Normen nicht
187 Zweifel an der Praxisrelevanz der Gilbrethschen Verfahren äußerte sie z.B. in einem Brief an
ihren Freund, Kollegen und Gilbreth-Schüler Russ Allen:“[...] And if Mr. Gilbreth’s Motion Study
- as I believe it is - is really the One Best and the most economical System how is it that it has not
have had more success up to now? [...]“ IW an Russ Allen, 17.2.1921, Nachlaß Witte, LTA
Mannheim.
162
nur für alle Arbeiten, sondern sogar für alle Zeiten Gültigkeit hätten. Doch
schon aufgrund der rasanten technischen Entwicklung – mit immer neuen
Maschinen und neuen Bewegungsabläufen und der ebenfalls von Witte
vertretenen These, daß die Arbeit der Bewegungsstudien die der Zeitstudien
keinesfalls aufhob, war das Argument der Kostenersparnis nicht stichhaltig.
Schließlich drohte die z. T. mit sozialdarwinistischen Untertönen begründete
Orientierung der Zeit- und Bewegungsstudien am sogenannten "besten Arbeiter"
den betrieblichen Frieden in Frage zu stellen und mußte insofern die
Gewerkschaften auf den Plan rufen. Schon bei der Einführung tayloristischer
Rationalisierungsmaßnahmen hatte sich an der Frage nach einem
"durchschnittlichen", nach einem "guten" oder nach einem "erstklassigen"
Arbeiter eine heftige Diskussion entzündet, die nur dadurch entschieden werden
konnte, daß man ein höchst labiles Arrangement fand, in dem die
Zuschlagsregelung und die sogenannte "Ausstreichung der annormalen Werte"
die gröbsten Härten der Rationalisierung mildern sollte. In einem solchen Kontext
konnte aber die Orientierung an der "einen, besten Art" der Arbeitsverrichtung
und das gleichzeitige Bestehen auf der wissenschaftlichen Genauigkeit von
Messungen kaum wirklich Gehör finden.
4. Taylor – Gilbreth - Ford
Mit ihrer von Gilbreth geprägten Kritik an Taylor sowie mit einiger Kritik auch an
der Theorie von Gilbreth hatte sich Witte 1921/22 ein betriebswissenschaftliches
Konzept erarbeitet, das es ihr ermöglichte, in dem sich abzeichnenden
Paradigmenwechsel von Taylor zu Ford188 eine eigenständige Position zu
beziehen. Diese Position formulierte sie in ihrer vielbeachteten, 1924
veröffentlichten Schrift "Taylor – Gilbreth – Ford". Bereits im Titel plazierte sie
Gilbreth zwischen Taylor und Ford und deutete damit an, daß sie Gilbreth als die
188 Vgl. die bereits angeführten Texte von Hinrichs/Peters 1976, 59f, Ebbinghaus 1984, 201 sowie
Nolan 1994, 30ff.
163
eigentliche Alternative, gewissermaßen als die "dritte Kraft" in der zu
erwartenden Kontroverse von Taylorismus und Fordismus ansah. Da Gilbreth von
Witte nach wie vor als der "bessere Taylor" verstanden wurde, bedeutete dies
zunächst noch nicht einen inhaltlichen Sprung über Taylor hinaus189. Wie bereits
deutlich geworden sein sollte, konnte man auch Wittes betriebswissenschaftliches
Konzept in gewisser Weise als ein "besseres", zumindest als ein von Gilbreth
leicht abgewandeltes Konzept verstehen. Und da sie sich damit in der Debatte
zwischen Taylorismus und Fordismus selbst an die Stelle jener "dritten Kraft"
setzte, kann man behaupten, daß ihre Schrift "Taylor – Gilbreth – Ford" ihre
eigenständigste und souveränste Arbeit ist. Zwei Aspekte dieser Arbeit sind dabei
von besonderem, sowohl arbeitswissenschaftlichem als auch historisch-
politischem Interesse: Wittes Kritik am Fordismus als einer Form der
"Entseelung" des Arbeiters und ihre – mit dieser Kritik eng verbundene –
zugewandt-kritische Stellung zu den Gewerkschaften.
4.1. Die Attraktivität des Fordschen Modells
Die Unternehmen hatten Mitte der zwanziger Jahre zum Teil mit tayloristischen
Methoden für eine erhöhte Produktivität gesorgt, aber konnten aufgrund der
fehlenden Nachfrage und einem stagnierenden Weltmarkt ihre Überkapazitäten
nicht abbauen. Insofern stellte sich der seit Ende des Ersten Weltkrieges erreichte
wirtschaftliche Aufschwung, wie Mary Nolan deutlich macht, als eine Art
"Pyrrhussieg" dar: „If industry won“, schreibt sie, „it was a Pyrrhic victory;
capital got much of what it wanted but not what it needed. It increased
productivity but could not expand markets; it improved capacity but did not
decrease costs; it reduced the labor force but could not lower wages.“190
In dieser Situation bot sich nun das Fordsche Modell als eine ernstzunehmende
Alternative an. Denn wie vor allem der Ford-Anhänger Gottl-Ottlilienfeld in
189 Vgl. hierzu oben die Ausführungen am Anfang von Abschn. 3.
164
seinen Schriften nicht müde wurde zu betonen, war es die Strategie Fords, den
Absatz seiner Produkte (insbesondere seines berühmt gewordenen "Modells T")
durch eine stetige Verbilligung ihrer Preise zu stimulieren191. Und diese
Verbilligung war wiederum nur möglich durch eine konsequente Minimierung der
Kosten, also durch Einsatz neuester Technologien, und zwar insbesondere der
Großtechnologie, welche die Massenproduktion von Konsumgütern erlaubte.
Aber auch hieran hatte es, wie Nolan aufzeigt, in Deutschland gerade gefehlt:
„German industry was modernized without mass production and mass consump-
tion, and it vastly increased productivity without massive investment in
technology.“192
Ford war also gegenüber Taylor im ökonomischen Sinne weitaus "moderner":
ihm ging es nicht nur, wie Taylor, um eine an der Arbeitskraft orientierte und
durch Planungsbüros zu organisierende betriebliche Rationalisierung, sondern
auch um den Einsatz allerneuester, vom Menschen weitgehend unabhängig
arbeitender Maschinen und sogar vollständig integrierter großtechnologischer
Maschinenparks, in denen gerade nicht mehr die menschliche, sondern die me-
chanische Arbeit im Vordergrund stand.
„Ford kennt keine Stückarbeit. Den sonst üblichen Zweck der Akkordproduktion erreicht er durch
seine bis auf höchste Leistungsfähigkeit durchgebildeten Maschinen und Transportbänder. In der
Fordschen Fabrikationsmaschinerie liegt mehr Geist und Seele und Initiative als in den sie
bedienenden Menschen. Sie ist es, die dem Arbeiter seine Höchstleistung abringt und nicht der
sonst hierzu dienende Akkordlohn.“193
„Keinem Arbeiter mehr als einen Griff und kein Griff von Hand, wenn ihn die
Maschine übernehmen kann“, lautete denn auch einer der Grundsätze Fords194.
An der Schnittstelle von Maschine und Mensch setzte Ford auf die den Menschen
190 Nolan 1994, 11.
191 Vgl. Gottl-Ottlilienfeld 1924, 9 u. 26. – Vgl. auch die Äußerung Gieses: „Und vielen deutschen
Skeptikern ... kann man nur in Erinnerung bringen, daß der Gedanke der Marktbeeinflussung
durch billigere Serienfertigung immer der einzig richtige war und kommende einzige Möglichkeit
wird.“ (zit. n. Witte 1924, 66). – Einen historischen Überblick über diesen Aspekt des Fordismus
gibt z. B. Nolan 1994, 50ff.
192 Nolan 1994, 10f.
193 Witte 1924b, 57.
194 Zit. n. Gottl-Ottlilienfeld 1924, 22.
165
übertreffende Produktivkraft der Maschine – und schien eben damit viele der
klassischen betriebswissenschaftlichen Probleme bereits gelöst zu haben:
„Nachdem Fords Fließband in Betrieb war, stellte sich ein Fabrikant aus Milwaukee, L. R. Smith,
die Frage (1916): ‚Können Automobilrahmen ohne Menschen hergestellt werden?‘ (...) Hier wird
die wissenschaftliche Betriebsführung, soweit es sich bei ihr um die Analyse menschlicher
Bewegung handelt, durch neue Produktionserfindungen ersetzt. Fünfhundert Ingenieure
verwandeln eine Fabrik in eine automatische Einheit, die rascher, billiger und gewinnbringender
produziert und in der der Mensch von automatischen Bewegungen befreit wird.“195
Diese ökonomische und technologische Attraktivität, die das Modell Ford vor
allem bei Unternehmern genoß, wurde schließlich noch ergänzt durch die hohe
Anerkennung, die es auch bei vielen Sozialdemokraten und Gewerkschaften fand.
Das hatte zum einen damit zu tun, daß bereits der Ansatz Fords: „Nicht die
steigende Nachfrage steigert mehr den Preis, sondern umgekehrt senkt sich der
Preis, um die Nachfrage zu steigern196“, den ökonomischen Konzepten der
Sozialdemokratie und der Gewerkschaftsbewegung direkt entgegenkam, zum
anderen aber auch damit, daß Ford darüber hinaus auch noch hohe Löhne
versprach – und nicht nur versprach, sondern auch auszahlte, wie sich jeder der
vielen Amerikareisenden, unter ihnen Sozialdemokraten und Gewerkschafter197,
überzeugen konnte. Dieses Doppelkonzept niedriger Preise und hoher Löhne –
das man zunächst als widersprüchlich empfinden konnte – war eine zu große
"Verführung", als daß man nicht auf sie eingehen konnte.
Aber die Attraktivität, die das Fordsche Modell genoß, war auch durch die bei
Sozialdemokraten und Gewerkschaftern nie ganz ausgeräumte Skepsis gegenüber
den tayloristischen Formen der Betriebsrationalisierung zu erklären. Zwar hatte
auch Taylor immer von hohen Löhnen gesprochen, aber zum einen kam es in den
taylorisierten Betrieben Deutschlands nie wirklich zu massiven Lohnerhöhungen
und zum anderen verband sich mit dem Taylorschen Modell immer auch der
Vorwurf eines unangemessenen "Drills" und "ausbeuterischer" Methoden (vor
allem aufgrund der bereits erwähnten Ausrichtung am "erstklassigen" bzw.
195 Giedion 1948, 144.
196 Gottl-Ottlilienfeld 1924, 34.
166
"besten" Arbeiter). Fords Modell hingegen schien den Arbeiter von bürokrati-
schen Vorgaben, Leistungskontroll- und Arbeitsanreizsystemen etc. zu entlasten
und vermittelte daher einen weitaus "humaneren" Ansatz:
„The popularity of the concept of optimization provides an indication of why Fordism was so
much more appealing than Taylorism. (...) Fordist production promised a way out of the vicious
Taylorist cycle that linked productivity and exploitation. It claimed to increase productivity
without intensifying work; it insisted on analyzing and improving all factors of production rather
than extracting more from the worker alone. It dispensed with those aspects of Taylorism that
workers found most onerous – time-and-motion-studies, premium bonus systems, and functional
foremen supervising the worker’s every move. Fordism as a system of production, a set of labor
processes, and a style of management enabled Social Democrats to embrace unequivocally both
productivism and the most modern productive methods.“198
4.2. Kritik am Fordschen Modell
Herausgefordert durch Ford schienen den Tayloristen unter den
Betriebswissenschaftlern allmählich die Argumente auszugehen. Witte hatte zwar
immer wieder betont, daß „heute allen Einsichtigen klar“ sei, „daß gegen die von
Taylor ausgeführten grundlegenden Ideen an und für sich nichts eingewendet
werden kann (...) – gleichgültig, ob es sich um Arbeiter oder Unternehmer
handelt“, aber da sich dennoch „die Kluft zwischen Arbeiter und Unternehmer
(...) nicht geschlossen“ hatte199, schien nun doch tatsächlich Ford die bessere
Alternative zu sein. Witte diskutierte nun zum einen die möglichen Hindernisse
bei einer direkten Übernahme amerikanischer Rationalisierungskonzepte in
Europa – wobei sie diese Hindernisse durchaus positiv verstand, nämlich als eine
Art von Bollwerk gegen eine unreflektierte Fordisierung deutscher Betriebe. Zum
anderen versuchte sie erneut, und zwar anhand der von Hellpach entlehnten
Termini "Entseelung" und "Wiederbeseelung des Arbeiters", den sogenannten
197 Vgl. Hinrichs / Peter 1976, 53ff, 80; Sachse 1987, 100f; Nolan 1994, 17ff.
198 Nolan 1994, 47f.
167
"menschlichen Faktor" in die Diskussion einzubringen, um vor einer vor-
eiligen Akzeptanz des Fordschen Modells zu warnen.
Die erste Frage war für sie, ob es zwischen Europa bzw. Deutschland und Ame-
rika entscheidende Unterschiede gebe, die bereits von sich aus zur Vorsicht
gegenüber dem Fordschen Modell mahnten. Diese Frage beantwortete sie
grundsätzlich mit ja. Sie wollte in der Auseinandersetzung zwischen Ford und
Taylor offenbar nicht nur auf Gilbreth verweisen, sondern brachte an dieser Stelle
ihre eigenen, zum Teil von Gilbreth abweichenden Argumente ein,
gewissermaßen als eine Alternative zwischen Taylor und Ford.
In der allgemeinen Frage, welche Unterschiede zwischen Deutschland und
Amerika für die arbeitswissenschaftliche Diskussion von Belang seien, nannte sie
kulturelle Gegensätze, politisch-wirtschaftliche Unterschiede und schließlich
Unterschiede in der beruflichen Bildung200. Zu den kulturellen Unterschieden
gehörte für sie z.B. die weitaus praktischer orientierte, unbekümmertere,
oberflächlichere und unkritischere Lebenseinstellung der Amerikaner gegenüber
der eher theoretisch orientierten, pessimistischeren und kritischeren Einstellung
der Deutschen201. Als politisch wirtschaftliche Unterschiede hob sie u.a. hervor,
daß aufgrund der besseren Lebensweise die amerikanische Arbeiterschaft an
gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen im Allgemeinen weniger interessiert
sei als die deutsche und daß, da es in Amerika kein ausgeprägtes staatliches
Sozialsystem gebe, die soziale Fürsorge nicht selten von den Betrieben
übernommen werde, wie sie betonte, „aus der rein egoistischen Erwägung heraus,
auf diese Weise ein gefügiges Werkzeug in der Produktion zu haben“202.
Die von Witte vorgetragenen Argumente konnten für die allgemeine Diskussion
höchstens peripher von Bedeutung sein. Denn ihre Ausrichtung an (völker-) psy-
199 Witte 1924b, 26; Witte 1921a, 2; Witte 1928b, 84.
200 Vgl. Witte 1924b, 9ff, 14ff u. 21ff.
201 Vgl. Witte 1924b, 9ff.
202 Vgl. ebd., 14ff; Zitat ebd., 19.
168
chologischen Wesenszügen und den angeblich daraus resultierenden
politischen und wirtschaftlichen Fakten („es muß ein andersgearteter
Menschenschlag sein, der unter so gänzlich anderen Bedingungen sein Leben
lebt“203) war letzten Endes zu generell. Der gesamte Rationalisierungsgedanke
war ja im Wesentlichen ein amerikanisches Produkt. Dementsprechend durfte
auch Witte zufolge „nicht ohne weiteres entschieden werden, welches Verfahren
[das amerikanische oder das europäische, R.P.] das bessere ist“204. Da sie die
amerikanischen Rationalisierungsbedingungen für weitaus rationaler und
moderner hielt, konnte sie eine mögliche Fordisierung deutscher Betriebe nicht
vollkommen ablehnen.
Wichtiger für die Diskussion war dagegen Irene Wittes dritte, an der Frage der
Lehrlingsausbildung orientierte Beobachtung. Denn hier spielte bereits der
sogenannte "menschliche Faktor" mit herein, der auch für ihre weitere
Argumentation gegen die Fordisierung deutscher Betriebe und vor allem für ihre
zugewandt-kritische Haltung gegenüber den Gewerkschaften grosse Bedeutung
hatte. Witte stellte sich schließlich gegen die Abschaffung der von Taylor,
Gilbreth und Ford gleichermaßen als überflüssig erachteten Lehrlingsausbildung,
die vor allem in Deutschland bis dahin üblich war.
„Führende Betriebswissenschaftler und typische Vertreter dieser Richtung in Amerika – es seien
hier nur die Namen Ford, Taylor und Gilbreth genannt – erklären die bisher in Amerika noch
immer geübte Heranbildung des gelernten Arbeiters für ein Unding in unserer heutigen Zeit der
Arbeitsteilung und Mechanisierung.“205
Witte zweifelte daran, daß eine solche Maßnahme, auch wenn sie angeblich zur
Kostenersparnis beitrug, insgesamt von Nutzen sein könnte und nahm im
Gegenteil an, daß sich hier eine problematische Entwicklung abzeichnete, die
„uns unter Umständen mit schwerstem Schaden bedrohen (kann)“206. In diesem
Sinne schreckte sie auch vor einer Kritik an ihrem Lehrer Gilbreth nicht zurück.
203 Ebd., 20.
204 Ebd.
205 Witte 1924b, 21
206 Ebd.
169
Zwar vermied sie es 1924, also noch zu Lebzeiten Gilbreths, ihn direkt
anzugreifen („Über die von Gilbreth geäußerte radikale Auffassung kann man
durchaus geteilter Meinung sein.“207), aber bereits 1925, nach dessen Tod,
bezeichnete sie ihn unmißverständlich als „Wegweiser eines Ford“ und setzte
hinzu:
„Man kann hierüber durchaus geteilter Meinung sein, ein solcher Schritt wird aber unbedingt für
die Kultur und das schließliche Wohlergehen eines Volkes große Gefahren in sich schließen.
Unserem technischen Nachwuchs bei der heutigen Lage unserer Maschinenindustrie die
bestmögliche Ausbildung auf breitester Grundlage zu vermitteln, scheint immer noch der für die
Wirtschaft, Einzelwirtschaft und auch für das Menschsein des einzelnen beste und gangbarste Weg
zu sein. Es kann auch hier wieder nicht genug vor einem blinden und gedankenlosen Übernehmen
amerikanischer Verfahren gewarnt werden. Zu tief gehen die kulturellen und völker-
psychologischen Eigenheiten der amerikanischen und mitteleuropäischen Völker auseinander.“208
Was Irene Witte an dieser Entwicklung aber vor allem kritisierte, war nicht allein
die mögliche Akzeptanz einer mangelhaften Ausbildung der Arbeiter in deutschen
Betrieben, sondern auch die einer Fehlentwicklung. Denn natürlich war es
weiterhin nötig, gut ausgebildete Techniker einzustellen, z.B. zur Wartung der
Maschinen und zur Überwachung des gesamten Produktionsprozesses. Aber die
Zahl dieser gut ausgebildeten Techniker war selbstverständlich gering, und für die
Masse der einfachen Arbeiter innerhalb des Betriebes gab es bei schlechter
Ausbildung auch keine Möglichkeit mehr, sich „heraufzuarbeiten“. Dadurch lief
aber der Fordismus auf eine Art Zwei-Klassen-System hinaus, in der es zwischen
den beiden Gruppen, den gut Ausgebildeten und den bloß Anglernten, keine
Übergangsfelder mehr gab:
„Diese Entwicklung schreitet in den Vereinigten Staaten weiter, und wir sehen schon in den
Fordfabriken als Symbol künftiger Richtung, daß hier nur wenige, dafür aber hochqualifizierte
gelernte Arbeiter Verwendung finden, und daß das große Heer der übrigen Angestellten lediglich
in kürzester Zeit angelernte Arbeitskräfte, also Sklaven sind.“209
207 Ebd., 22.
208 Witte 1925a, 68. –1930 verzichtet sie dagegen wieder auf eine explizite Kritik und bezeichnet
die von Gilbreth erhobene Forderung, „an Stelle der bisherigen planmäßigen Ausbildung von
Lehrlingen die systematische Anlernung des Personals treten zu lassen“, nur als „typisch
amerikanisch“ (Witte 1930j, 260).
209 Witte 1924b, 22.
170
4.3. Kritik an der "Entseelung" des Arbeiters
Dieser Zwei-Klassen-Ausbildung und der damit verbundenen „Sklaverei“
stemmte sich Irene Witte vor allem gegen Ende ihrer Schrift entgegen. Bereits das
zweite Kapitel endet mit dem Hinweis, daß bisher „noch nicht von der
Arbeitswissenschaft (die Rede war), wie wir sie auffassen, sondern von Amerika
und Deutschland und Europa und vom Menschen, der hinter aller Arbeit steht und
sie beseelen sollte“210. Mit diesem Aspekt ihrer Argumentation verabschiedete sie
sich im engeren Sinne von der Arbeitswissenschaft, wie sie von den Tayloristen
bislang betrieben wurde, und brachte stattdessen, wie sie selber sagte, einen „ethi-
schen Gesichtspunkt“ 211, also wiederum den sogenannten "menschlichen Faktor"
in die Debatte ein.
Die Berufung auf den Menschen in den Betriebswissenschaften war aber bislang
von einer gewissen Ambivalenz gekennzeichnet. In den tayloristischen Zeit- und
Bewegungsstudien hatte der "menschliche Faktor" nämlich zunächst so etwas wie
einen Irrtumsfaktor bedeutet, bei Gilbreth aber wurden darunter auch alle
psychotechnischen (psychologischen und physiologischen) Aspekte des
arbeitenden Menschen im Betrieb212 subsummiert. Wenngleich man nicht selten
zu verbergen suchte, daß es sich beim Taylorismus letzten Endes um eine
„Unternehmensstrategie zur sozialen Kontrolle über den arbeitenden Menschen“
handelte213, so kam doch offensichtlich etwas Neues ins Spiel, nämlich auch eine
Erweiterung des "menschlichen Faktors". Sehr deutlich wird dies gegen Ende der
Schrift, in der Witte den "zukünftigen Weg europäischer Arbeitswissenschaft"
diskutiert und die Frage stellt:
„Ist es möglich, den europäischen Arbeiter trotz des Köders der hohen Löhne und des
Achtstundentages im Fordschen Sinne zu beschäftigen? Und ist die Fordsche Feststellung, daß die
210 Ebd., 24 (Hervorh. R.P.).
211 Ebd., 23.
212 Vgl. oben im Text, 2., 2.1., 2.2.
213 Ebbinghaus 1984, XIII; vgl. ebd., 77; vgl. auch oben im Text, z.B. Abschn. 2.3.1.
171
Mehrzahl der Arbeiter nach geistloser Arbeit verlangt, bzw. durch den drüben alles
beherrschenden Drang nach Geld in diese Bahn gedrängt wurde, auch für Europa anwendbar?“214
Die Akzeptanz "geistloser Arbeit" durch den "alles beherrschenden Drang nach
Geld" konnte für Irene Witte in der Arbeiterfrage nicht das letzte Wort sein. Sie
berief sich dabei insbesondere auf den badischen Kultur- und Unterrichtsminister
Willy Hellpach, der in einer Schrift mit dem Titel "Die Erziehung der Arbeit" von
einer "Entseelung" des Arbeiters und dementsprechend von der Notwendigkeit
einer "Wiederbeseelung" oder "Durchgeistigung" der Arbeit gesprochen hatte.
Diesem Ziel schloß sie sich an und erwähnt sogleich einige Maßnahmen zur
Reformierung des Arbeitsprozesses, die in ihrer Hervorhebung von Teamarbeit
("Gruppenfabrikation") und Mitbestimmung ("Beteiligung der Arbeiter am
Produktionsprozess") durchaus in die Zukunft weisen:
„Es gibt in Deutschland bereits verschiedentlich Ansätze, um zu diesem Ziel [einer
Wiederbeseelung, R.P.] zu gelangen. Genannt seien hier vor allem die Versuche, im Arbeiter, der
dauernd nur an Teilen eines Ganzen schafft, das Bewußtsein des Zusammenhangs des ganzen
Arbeitsprozesses wieder zu beleben. Da ist das Bestreben der ‚Gruppenfabrikation‘, der
‚Werkstatt-Ansiedelung‘, also einer Auflösung der Fabrik in einzelne Abteilungen (...) Da ist
weiter der Gedanke, daß wir uns dem Zeitpunkt nähern, wo die gesamte Produktion mechanisch
geleistet wird, so daß ein einziger weitläufiger Maschinenhergang entsteht, den der Arbeiter nur zu
überwachen hätte. Und da ist drittens der Gedanke, den Arbeiter am Produktionsprozeß zu
beteiligen: die Einrichtung der Betriebsräte suchte ihn zu verwirklichen.“215
Als Arbeits- und Betriebswissenschaftlerin mußte Irene Witte das Modell von
Ford anerkennen und sich von der Fordschen „Ethik der Arbeit“ beeindruckt
zeigen: „Er [Ford, R.P.] gibt auch jedem seiner Arbeiter das, was sie zum Leben
brauchen und noch jenes bißchen, das darüber hinausgeht und ihnen die Erfüllung
jener Sonderwünsche ermöglicht, die erst – für viele – den vollen Sinn des
Daseins bedeuten.“ Dennoch wollte sie den Arbeiter letzten Endes nicht – das war
der Kern ihres Bezugs auf den "menschlichen Faktor" – als ein ausschließlich
ökonomisches Wesen definiert wissen: „Aber dann kommt die Stelle“, setzte sie
214 Witte 1924b, 72.
215 Ebd., 73.
172
fort, „wo man nicht mehr einverstanden sein kann, und wo man mit Recht
‚von der Würde der Menschheit‘ sprechen muß: um welchen Preis erkauft der
Arbeiter sich dieses ‚Leben‘?“216
Den Preis hatte sie selbst in ihrer Schrift schon des öfteren benannt: es war, wie
sie in einer für ihre Verhältnisse drastischen Wortgebung immer wieder betonte,
die Degradierung des Arbeiters zum "Sklaven": „Das Fordsche Prinzip – fünf
oder sechs Tage Sklave, ein bis zwei Tage Mensch – kann für den deutschen
Arbeiter überhaupt nicht in Frage kommen, soll er nicht auf die Stufe des Tieres
herabsinken.“217
4.4. Die Stellung zu den Gewerkschaften
Es ist abschließend interessant zu sehen, wie die deutschen Gewerkschaften auf
das Fordsche Modell reagierten und wie Witte sich zu deren Position verhielt. Sie
hatte im Gegensatz zu Ford die grundsätzliche Notwendigkeit der Mitbestimmung
durch Betriebsräte anerkannt, bzw. bereits 1921 in einem Vortrag an der Berliner
Betriebsräteschule sowohl als „Ausbeutungen schlimmster Art“ angeprangert, die
„in Amerika unter dem Deckmantel des Taylor-Systems vorgekommen sind“ als
auch für eine Form der Rationalisierung plädiert, die den Arbeiter „vor
Ausbeutung schützen und zu einer wahrhaften Entwicklung der Persönlichkeit
auch im industriellen Arbeitsprozeß führen“ müßte218. Dementsprechend konnte
man erwarten, daß auch die Gewerkschaften auf ein solches Programm positiv
reagieren würden:
„Die Neugestaltung der Arbeit auf ethischer Grundlage, eine sinnvolle Formung des Wesens der
Arbeit und damit die Schaffung seelischer Werte auch in der Tätigkeit des Arbeiters, das ist die
Grundlage, auf der aufgebaut werden sollte. Und in dem Licht besehen, sollten auch alle die
anderen Fragen, wie Arbeitszeit usw. nicht mehr die Schwierigkeiten bieten, die sie heute bereiten.
Nicht ‚Entseelung‘, sondern ‚Beseelung der Arbeit und des Arbeiters‘ sollte die Parole lauten! Es
216 Ebd., 69.
217 Ebd., 74.
218 Witte 1921a, 34 und 51.
173
muß ein Weg gefunden werden können, der die in unserer privatwirtschaftlich orientierten
Zeit in dieser Hinsicht bestehenden Hemmungen auf Unternehmer- und Arbeiterseite
beseitigt.“219
Doch entgegen den Erwartungen waren die Gewerkschafter und führende
Sozialdemokraten keineswegs so kritisch eingestellt wie Irene Witte, sondern mit
dem gesamten Modell Fords grundsätzlich einverstanden220. Hatte sich die Kritik
an Taylor bereits auf das Problem der Überanstrengung reduziert221, so gab es
nun, auf dem Hintergrund einer maschinellen Entlastung des einzelnen Arbeiters,
keinen Grund mehr, diese Oppositionshaltung gegenüber Ford weiterhin aufrecht
zu erhalten. Selbst wenn in den Fordschen Betrieben die Arbeit durch die maschi-
nelle Entlastung nun geistloser und monotoner, also "entseelter" wurde, so war
doch bei den Gewerkschaften, wie Carola Sachse feststellt, stets „ein gewisses
Kompensationsdenken (leitend): Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen
(wie in Amerika) sollten nachteilige Auswirkungen wie Steigerung der
Arbeitsintensität, Einbuße von Arbeitsautonomie, Monotonie, schneller
gesundheitlicher Verschleiß etc. ausgleichen. (...) Der "Entseelung des Arbeiters"
stand man gelassen gegenüber.“222
Insbesondere das Versprechen sowohl hoher Löhne als auch niedriger Preise ließ
eine Kompensation für die von Witte kritisierte "Entseelung" zu, wobei der
entscheidende Grund für die Zustimmung aber offenbar noch ein anderer war, der
- wie Detlev Peukert deutlich macht – mit den ideologischen Grundlagen der
Sozialdemokratie und der Gewerkschaftsbewegung in Zusammenhang steht: „Die
Gewerkschaften und die Sozialdemokratie bejahten seit je den technischen
Fortschritt. Sie sahen in ihm einen Motor für nachfolgende soziale
Verbesserungen.“223 Und diese Verbesserungen erhofften sie sich, wie Nolan
219 Witte 1924b, 74.
220 Vgl. z. B. Hinrichs / Peter 1976, 79ff; Peukert 1987, 116ff; Sachse 1987, 100ff; Nolan 1994,
10, 25, bes. 39ff; Wupper-Tewes 1995, 117ff.
221 Vgl. Wupper-Tewes 1995, 120.
222 Sachse 1987, 100.
223 Peukert 1987, 116; vgl. auch Wupper-Tewes 1995, 121: „Der Glaube an den wissenschaftlich-
technischen Fortschritt ist in der Arbeiterbewegung weitestgehend ungebrochen.“ (vgl. a. ebd.,
118).
174
sogar noch deutlicher als Peukert feststellt, gerade auch über kurzfristige
Verschlechterungen der sozialen Situation der Arbeiter – wenn sie nur auf lange
Sicht zum Entstehen eines demokratischen Sozialismus beitrugen:
„Social Democrats were (...) susceptible to the allure of Fordist productivism. Their enthusiastic
and uncritical acceptance of the new technology and methods of work organization was a product
of their understanding of economic development. Party and trade union officials hailed Ford’s
productive accomplishments as a reformed version of capitalism that promoted socialism. (...)
Social Democrats believed that the further technology and productivity developed, the greater the
contradictions between the social character of production and its ownership in private hands, the
greater the productive capacity of capitalism, the easier it would be to build socialism. Economic
development was thus leading inexorably – if rather too slowly – toward socialism, regardless of
what capitalists intended or whether workers actively sought that goal.“224
Diese Interpretation der ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus beinhaltete
die drohende Instrumentalisierung der Arbeiterschaft. Den Widerspruch zwischen
den tatsächlichen Bedürfnissen der Arbeiter und den langfristigen Interessen, die
sie nach Vorstellung der Gewerkschaften zu pflegen hatten, entdeckte auch Irene
Witte in der für sie 1924 entscheidenden Frage einer möglichen Verelendung der
Arbeiterschaft. Denn einerseits, so argumentierte sie, müßten die Gewerkschaften
ein Interesse daran haben, einer solchen Verelendung entgegenzutreten. Aber
andererseits, argumentierte sie kritisch, würden sie zugleich enthusiastische
Anhänger des Fordschen Modells sein:
„Im gleichem Atemzug, wo sie Ford als das Muster des Unternehmers und seine Verfahren als die
erstrebenswerten hinstellen, fordern sie mit allem Nachdruck [für] ausgebildete, d.h. gelernte
Arbeitskräfte und Qualitätsarbeiter[n] (...) Es scheint in diesen Ausführungen ein Widerspruch zu
liegen, und wir gehen wohl nicht fehl, die Fordschen Arbeiter, die mitunter in fünf Minuten
angelernt werden können, in arbeitlicher Beziehung eher zu den ‚Sklaven‘ als zu den ‚gelernten‘
Arbeitern zu rechnen!“225
Die Gewerkschaften konnten mit diesem Widerspruch problemlos leben. So
verloren die Betriebswissenschaftler Mitte der zwanziger Jahre im
Paradigmenwechsel von Taylor zu Ford allmählich ihren betrieblichen
Führungsanspruch („Die Unternehmer übernahmen wieder die Regie. Die
Ingenieure und Arbeitswissenschaftler hatten die Pläne ihrer industriellen
224 Vgl. Nolan 1994, 39f.
225 Witte 1924b, 44f..
175
Brotherren auszuführen“226) sowie ihren möglichen Anschluss an die
Gewerkschaftsbewegung und an die von ihr, zumindest anfänglich noch ver-
tretene Arbeiterschaft.
5. Irene Witte und Rudolf Lellek zum Problem der Technokratie
5.1. Entstehung und aktuelle Bezüge der Technokratie-Bewegung
Noch während ihrer Anstellung im Kaufhaus Israel veröffentlicht Irene Witte
1933 die Schrift "‘Technokratie‘. Ein Zeitschlagwort oder mehr?" Sie stellt ein für
Betriebswissenschaftler nicht nur ungewöhnliches Abschweifen in
wirtschaftskulturelle Fragestellungen dar, sondern ist auch ein interessantes
Beispiel für die Art der Zusammenarbeit zwischen Irene Witte und ihrem Co-
Autor Rudolf Lellek.
Taylors grundlegendes Werk "The principles of scientific management"227 war
das theoretische Fundament für die Ideen der "Technocracy"228. Irene Witte
konnte sich also bei dieser Arbeit auf eigene Veröffentlichungen und
Übersetzungen zum Taylorismus beziehen und mußte sich schon allein aus
diesem Grund für dieses Thema interessiert haben. Dabei ist vorstellbar, daß
Stuart Chase – einer der Wortführer der amerikanischen Technokratie-Bewegung,
dessen Buch "The tragedy of waste" Irene Witte 1927 übersetzt hatte229 – ihr auch
seine 1933 veröffentlichte kleine Schrift "Technocracy. An interpretation"230
zukommen ließ und damit ihre Aufmerksamkeit auf die Technokratie-Debatte
lenkte. Ihre eigenen Amerika-Erfahrungen und ihr über die Jahre hin aufrecht
226 Ebbinghaus 1984, 200.
227 Vgl. Taylor 1913 sowie oben Abschn 1.1.
228 Vgl. hierzu auch Maier 1985.
229 Vgl. Chase 1927.
230 Vgl. Chase 1933.
176
erhaltener Kontakt zu Lillian Gilbreth, die sie gewöhnlich mit Material
versorgte231, erleichterten ihr sicherlich die Entscheidung, sich mit dem zu dieser
Zeit fast ausschließlich in den USA diskutierten Thema näher
auseinanderzusetzen.
Der Zentralbegriff "Technokratie" hat seit dem Ende der 20er Jahre eine
erhebliche Bedeutungsverschiebung erfahren232. Die von den Technokraten
befürwortete Vorherrschaft der Technik über das politische und wirtschaftliche
Leben ist heute überwiegend negativ besetzt. Witte führte die Traditionslinie über
Taylor, Gilbreth und Henry Ford233 direkt zu Howard Scott234, dem Begründer der
Technokratie-Bewegung in Amerika. In einem Abschnitt über "Filenes Kampf für
die Massenproduktion" erweitert sie die Liste der Wortführer der aktuellen
wirtschaftlichen und sozialen Situation durch den „Mitbesitzer eines der größten
und erfolgreichsten Warenhäuser der Vereinigten Staaten“ 235 Edward Alfred
Filene. In diesem Wirtschaftsbereich arbeitete Irene Witte seit 1927. Da sich die
231 Es ist wahrscheinlich, dass Irene Witte Materialien zu ihrem Technokratie-Buch direkt von
Lillian Gilbreth erhielt. Sie konnte die in ihrem Buch genannten amerikanischen
Veröffentlichungen (sowohl Bücher als auch Aufsätze in Zeitschriften und Artikel in
Tageszeitungen) jedoch auch in der damaligen Preußischen Staatsbibliothek einsehen.
232 Vgl. Rapp 1998, 954: „Technokratie (engl. technocracy; frz. technocratie; ital. tecnocrazia).
'Herrschaft der Technik' (...) bezeichnet eine um 1930 in den USA entstandene Bewegung, die das
Preissystem (Markt und Kapital) sowie die politischen Entscheidungsprozesse durch neutrale,
überparteiliche, effizienzorientierte technische Gesichtspunkte ersetzen will. Die Kernthese lautet:
Da die moderne Industriegesellschaft durch den technischen Wandel bestimmt ist, der sich in einer
zuvor ungeahnten Zunahme des Energieverbrauchs per capita manifestiert, müsse nunmehr die
exakt meßbare, eindeutig bestimmte physikalische Maßeinheit der Energie (Erg oder Joule) an die
Stelle der willkürlichen, schwankenden Preise treten, die für das Stadium der Handwerkstechnik
charakteristisch waren.“
233 Witte / Lellek 1933, 22-24.
234 Howard Scott (geb. 1890 in Virginia), der an der TH Charlottenburg studierte, begann 1920 mit
der Entwicklung seiner Ideen zur Technokratie und gründete 1933 die „Technocracy, Inc.“. Der
Aufsatz, den er als „Director of the Energy Survey of North America“ mit dem Titel „Technology
smashes the Price System. An inquiry into the nature of our present crisis” veröffentlichte (vgl.
Harper’s Magazine 166, January 1933, New York, 129 – 142), löste die amerikanische
Technokratie-Bewegung aus. Witte beschreibt ihn als Erfinder der „Theorie der Energie-
Determinante, die das Hochschnellen der Energieerzeugung durch Steigerung der maschinellen
Leistungsfähigkeit berücksichtigt.“ (Witte / Lellek 1933, 29).
235 Witte / Lellek 1933, 24.
177
amerikanische "Technocracy" von Anfang an unter einem starken
Legitimationsdruck sah, bieten alle Veröffentlichungen der "Technocrats"
Reflexionen der eigenen Entstehungsgeschichte. Irene Witte bezieht sich zunächst
auf das Buch "An outline of technocracy" von Wayne William Parrish, das der
Journalist in einer Serie von Artikeln in der amerikanischen Monatszeitschrift
"New Outlook" vorbereitet hatte236. Anfang 1933 ist das daraus hervorgegangene
Buch erschienen, und noch im selben Jahr, allerdings erst nach dem Erscheinen
von Irene Wittes Technokratie-Buch, kam die deutsche Übersetzung im
Münchner Piper-Verlag heraus237.
Für die deutsche Technokratie-Bewegung verweist Witte auf Richard N. Graf
Coudenhove-Kalergi238 und Heinrich Hardensett239. Der Gründer der Paneuropa-
Union, Richard N. Graf Coudenhove-Kalergi, wurde von den Nationalsozialisten
verfolgt, seine Bücher standen auf der Liste der verfemten Autoren, die drei Tage
vor der Bücherverbrennung am 10. Mai auf dem Berliner Opernplatz in der
Tagespresse veröffentlicht wurde240. Hardensett, Dozent für Maschinenbau am
Technikum in Konstanz, hatte 1931 seine Dissertation vorgelegt, die ein Jahr
später unter dem Titel "Der kapitalistische und der technische Mensch" im
Oldenbourg-Verlag erschien241. Sie wurde innerhalb kürzester Zeit zum Manifest
der deutschen Technokraten. Darin hatte Hardensett seine Theorie zur sozialen,
wirtschaftlichen und kulturellen Verortung des "technischen Menschen" vorge-
stellt.242 Die vom "Reichsbund Deutscher Technik" herausgegebene Zeitschrift
"Technik Voran!" - gleichzeitig das Publikationsorgan der "Technokratischen
236 Vgl. Parrish 1932a, 1932b, 1933a und 1933b. – Der Nachlaß des späteren Luftfahrtjournalisten
befindet sich in der Library of Congress, Washington, DC.
237 Vgl. Parrish 1933c.
238 Witte / Lellek 1933, 28. Die beiden von Witte angegebenen Titel von Coudenhove-Kalergi
sind: Coudenhove-Kalergi 1922 und Coudenhove-Kalergi 1932.
239 Die Dissertation von Stefan Willeke (1995) stellt eine Aufarbeitung des Nachlasses von
Heinrich Hardensett unter dem Gesichtspunkt der Technokratiebewegung dar. Die
nordamerikanische "Technocracy" wird nicht umfassend vorgestellt.
240 Vgl. Sauder 1983, 282f.
241 Vgl. Hardensett 1932a.
242 Hierzu ausführlich Willeke 1995, 164ff.
178
Union" - hatte Hardensetts Dissertation 1932 in Auszügen nachgedruckt243.
Hardensett zeichnete die deutschen Traditionslinie des Technokratiebegriffs nach
und vertrat in der Zeitschrift der Deutschen Technokratischen Gesellschaft "Tech-
nokratie" die These, daß der Technokratiegedanke im Grunde deutscher Herkunft
sei.244
Im einem Brief vom 3. Februar 1933 schlägt Hardensett dem damaligen
Vertriebsleiter und ab 1941 Verlagsdirektor des Oldenbourg-Verlags Horst
Kliemann245 zur Auflagensteigerung seines Buches eine Umschlagbinde mit dem
Aufdruck "Technokratie" vor. Er empfiehlt außerdem, die derzeit „wichtigsten
Bücher“ zur Technokratie, zu denen die von Witte übersetzten Bücher "Tragödie
der Verschwendung" von Stuart Chase und "Der Eiserne Mann in der Industrie"
von Arthur Pound zählen, zusammen mit Wittes Schrift "Taylor-Gilbreth-Ford" in
einer ganzseitigen Anzeige im Börsenblatt zu schalten. Der „Rummel“ um die
Technokratie, behauptet er, sei „selten groß“. Chase solle als wichtigstes Buch für
die amerikanische Seite und sein eigenes für die deutsche Seite angepriesen
werden.246 Hardensett konnte seinen Einfluss von Konstanz aus besser zur
Geltung bringen als Irene Witte in Berlin, zumal sich Hardensett auch noch auf
die "Technokratische Union" und die "Technokratische Gesellschaft" stützen
konnte. Darüber hinaus kam es durch die Person Friedrich Oldenbourgs als
Vorsitzendem des "Börsenvereins des Deutschen Buchhandels" zu einer
reibungslosen "Selbstgleichschaltung".247 Der Verlag setzte folglich mit
Hardensett auf "deutsches Geistesgut"248 und nicht auf eine Darstellung der
Technokratie aus amerikanischer Perspektive. In diese Konstellation wollte Irene
243 Vgl. Hardensett 1932b.
244 Vgl. Hardensett1933b; vgl. a. Willeke 1995, 198 Anm. 370.
245 Zu Horst Kliemann vgl. Hohlfeld 1958, 52 f. Zum Programm des Oldenbourg-Verlags vgl.
auch Schröter 1958.
246 Vgl. den Brief von Heinrich Hardensett an Horst Kliemann vom 3. Februar 1933 (Bayerisches
Wirtschaftsarchiv, Sig.: BWA F5/25). – Ich danke Frau Dr. Eva Moser vom Bayerischen
Wirtschaftsarchiv für die Kopien dieses Briefwechsels und für ihre Unterstützung. Zum
Briefwechsel selbst vgl. a. Willeke 1995, 199.
247 Eine differenzierte Darstellung bietet Jan-Pieter Barbian 1995, 91-117, hier 93 f.
179
Wittes Technokratie-Buch mit seiner deutlichen Befürwortung der
amerikanischen Theorie nicht ganz hineinpassen.
Nach 1932 erschien von Irene Witte kein Buch mehr im Oldenbourg-Verlag. Das
Erscheinen des Buches markierte somit einen Prozess, der sich aufgrund der
rekonstruierbaren Zeitumstände und der Entstehungsgeschichte des Buches auf
die erste Jahreshälfte 1933 eingrenzen läßt. Ihr wissenschaftliches Bemühen
verbot es Irene Witte, die Geschichte der amerikanischen "Technocracy" nach
Hardensett zu "verdeutschen", wenngleich es doch in dem Bemühen entstanden
war, gerade die amerikanische Traditionslinie in eine deutsche zu übersetzen.
In dieser Situation sprang der Rüdiger-Verlag ein, den der Lehrbeauftragte des
"Wirtschaftswissenschaftlichen Praktikums an der Universität Berlin" Dr. Alfred
Ringer erst am 1.12.1932 gegründet hatte249. Die Auslieferung erfolgte 1933
durch das Verlagshaus Georg Siemens.250 Ob Irene Wittes Technokratie-Buch
allerdings tatsächlich in der angegebenen Auflage von 5000 Exemplaren gedruckt
wurde, konnte nicht festgestellt werden. Es ist heute jedenfalls in zahlreichen
Bibliotheken vorhanden.
5.2. Kritik und Beurteilung der Technokraten
Wie in vielen ihrer schriftlichen Beiträge, außer in ihren beiden Veröf-
fentlichungen zur "Kritik des Zeitstudienverfahrens" von 1921 und zu "Taylor –
248 Hardensett 1933b, 1.
249 Es existiert keine Darstellung zur Geschichte des Rüdiger-Verlags. Zur Person von Alfred
Ringer (*1895) vgl. Institut für Angewandte Wirtschaftswissenschaft (Hrsg.), Die
wirtschaftswissenschaftlichen Hochschullehrer an den reichsdeutschen Hochschulen und an der
TH Danzig: Werdegang und Veröffentlichungen. Stuttgart / Berlin 1938. Hier wird Ringer als
"Dozent für Außenwirtschaft" genannt.
250 Auch zum Verlagshaus Georg Siemens ist keine Darstellung ausfindig zu machen. In diesem
Zusammenhang interessiert, daß bei Siemens 1922 die erwähnte Zeitschrift "Technik Voran!" und
1933 die Zeitschrift "Technokratie. Zeitschrift der Deutschen Technokratischen Gesellschaft e.V."
erschienen. Ich danke Herrn Hans Kesslinger, Gesellschafter der heutigen 'Verlagsbuchhandlung
Georg Siemens' und Enkel des Firmeninhabers Otto Houtrouw für seine Auskunft. Herrn Kessling
ist auch der Hinweis zu verdanken, dass Rudolf Lellek und Otto Houtrouw sich möglicherweise
als Angehörige einer Freimaurerloge begegnet waren (Telefongespräch vom 30.3.2001).
180
Gilbreth - Ford" von 1924251, hielt sich Irene Witte auch in dieser Debatte mit
direkter Kritik oder einer eigenen Stellungnahme zu Fragen der Technokratie
zurück. Angesichts des negativen Eindrucks, den alle von ihr in dem Buch
angeführten Stimmen von der Technokratie-Bewegung hinterlassen, begnügte sie
sich damit, die einzelnen Positionen lediglich zu zitieren und meist kommentarlos
aneinanderzureihen.
Im Schlußkapitel wird die „Stellungnahme (...) eines Ingenieurs an leitender Stelle
in einem der modernsten Eisenhüttenwerke“ angekündigt, „der sich auf Grund
eingehender technischer und wirtschaftlicher Studien zu den angeschnittenen
Fragen äußert“252. Dieser Ingenieur war der Ko-Autor Rudolf Lellek253, der hier
die Gelegenheit wahrnahm, sich - offenbar ohne Mithilfe von Irene Witte - zur
Technokratie-Bewegung zu äußern. Dies läßt sich schon allein an den stilistischen
Beobachtungen nachweisen. Denn während sich Irene Wittes Stil durch eine
zuweilen penible Sachlichkeit auszeichnet, die ihrem Verständnis von
wissenschaftlicher Arbeit entsprach und die sie auch oft daran hinderte, selbst
Stellung zu beziehen, ist gerade der letzte Abschnitt des Technokratie-Buches von
einer (z.T. umgangs-) sprachlichen Unbeholfenheit254, die wahrscheinlich nicht
von Irene Witte selbst stammen kann.
Lellek klagt generell darüber, daß das allgemeine Reden über Weltwirtschaft und
Weltwirtschaftskrise von dem eigentlichen, zivilisatorischen Problem ablenke:
„Was die Technokratie auf ihrem eigenen Gebiete, der Technik, sagt, ist an und für sich richtig –
sie unternimmt weiter nichts, als den gegenwärtigen Stand der Technik in der Wirtschaft auf rein
physikalischer Grundlage zu untersuchen und die Folgen ihrer Weiterentwicklung ebenfalls auf
rein physikalischem Wege aufzudecken. Weniger anzuerkennen sind jedoch die wirtschaftlichen
Schlüsse, welche die Technokratie aus ihrer rein physikalischen Erwägung zieht; denn sie bleibt
Vgl. oben Abschn. 4.
251
252 Witte - Lellek 1933, 79.
253 Zu Rudolf Lellek vgl. die Darstellung oben Abschn. 1.2 sowie v.a. in Kapitel I, Abschn. 4.
254 Vgl. z.B. gleich den Eingangssatz des Abschnitts: „Wir leben in einer politisch und
wirtschaftlich schwer historischen Zeit“ (ebd., 105); oder auch: „Trotzdem sich von vielen und
ganz besonders von Seiten der Technokraten die Stimmen nach einer Verkürzung der Arbeitszeit
zur Wirtschaftshilfe der Menschheit mehren.“ (ebd., 107); sowie: „Es wurde drauflos investiert
(...) und fast plötzlich mit einem Schlag rannte dieses Tempo wie gegen ein unsichtbares Etwas,
die Räder standen still.“ (ebd., 109).
181
mit ihrer Forderung wieder innerhalb jener Kerkermauern der Zivilisation, denen vorhin
Erwägung getan wurde.“255
Dieser zivilisationskritische Ansatz ist überraschend. Denn in den Passagen, in
denen sich Witte zu diesem Problem äußert, werden gerade die zivilisatorischen
und kulturellen Errungenschaften betont, die es den durch Technik freigesetzten
Arbeitskräften erlauben solle, auch in ihrer Freizeit noch ein menschenwürdiges
Leben zu führen. Bei Lellek lautet die Botschaft, das Leben sei „ein energetisches
Problem, ein energetischer Vorgang (...), dem wir uns nicht verschließen können,
ja nicht verschließen dürfen. Leben ist Kampf, Kampf um die Erhaltung, um die
Verbesserung des Seins. Und dieses Ziel werden wir auf dem Wege einer Freizeit,
auf dem Wege der Muse bestimmt nicht erreichen.“256 Ob Lellek hier
möglicherweise die Muße mit der Muse verwechselt, mag noch dahingestellt blei-
ben. Aber auf jeden Fall unterscheidet sich diese biologistische und
sozialdarwinistische Lebensauffassung257 von der kulturell-zivilisatorischen Argu-
mentationslinie des übrigen Buches. Lellek schreibt:
„Wer während der letzten zwei Jahrzehnte mit unvoreingenommenen Augen das Geschehen in der
Welt beobachtet hat, wird zugeben müssen, daß die gegen die Herrschaft des Kapitals gerichteten
Bestrebungen mehr oder weniger lahm geworden, wenn nicht zusammengebrochen sind. Drängt
sich da nicht unwillkürlich die Erkenntnis auf, daß bei dem heutigen Intellekt, bei der heutigen
Mentalität der Menschheit das kapitalistische Wirtschaftssystem das naturgegebene ist?258
Sicherlich war Irene Wittes Position nicht kapitalismusfeindlich, das
Rationalisierungsgeschehen der Weimarer Republik hatte ja nicht die
Schwächung, sondern die Stärkung der kapitalistischer Wirtschaftsformen zum
Ziel. Aber sie stand doch, wie vor allem ihre Kritik an Ford, ihr wohlwollend
kritisches Verhältnis zu den Gewerkschaften und vor allem auch ihre
Einschätzung der "Roosevelt-Revolution" deutlich gemacht haben dürfte259, den
255 Ebd., 107.
256 Ebd.
257 Rudolf Lellek hatte sich noch 1939 bemüht, in die NSDAP aufgenommen zu werden, als er
durch die Besetzung des Sudetenlandes "endlich" Reichsdeutscher werden konnte (vgl. Irene
Wittes Brief an Russ Allen, 3.4.1939, Nachlaß Witte, LTA Mannheim).
258 Witte / Lellek 1933, 108.
259 Vgl. Kapitel II, Abschn. 3.3.
182
gemeinwirtschaftlichen Ideen einiger Technokraten durchaus nahe und hätte
daher der eindimensionalen Behauptung von der sogenannten "Naturgegebenheit"
des Kapitalismus sicherlich mit Vorsicht gegenübergestanden. Sie dürfte auch der
von Lellek formulierten Idee einer "planmäßigen Bedarfswirtschaft"260 kritisch
gegenüber gestanden haben, da ja der Bedarf selbst, wie sie aus ihrer Kaufhaus-
Arbeit gewußt haben mußte, in modernen Gesellschaften durchaus schwankend
ist, also z.B. auch vom Angebot der jeweiligen Waren (ihrer Präsentation, ihrer
Bewerbung etc.) abhängig sein kann. In jedem Fall ließ sich aber der Gedanke
einer Planwirtschaft insgesamt nicht gegen die Technokraten wenden, da sie sich
ja selbst, wie das Buch deutlich macht, an planwirtschaftlichen Modellen
orientierten261.
Rudolf Lelleks vertretene Position war widersprüchlich: auf der einen Seite sollen
die Technokraten darin unrecht haben, daß sie wirtschaftlichen und kulturellen
bzw. zivilisatorischen Erwägungen den Vorrang gegenüber grundsätzlicheren
Fragen (z.B. der nach dem "Kampf um Erhaltung") einräumen. Aber auf der
anderen Seite soll der Kapitalismus, gerade als eine die Kultur und Zivilisation
wesentlich prägende Wirtschaftsform, eine Naturkonstante darstellen, der
gegenüber es sinnlos sei, nach weiteren Alternativen zu suchen. Und schließlich
soll zugleich eine Planwirtschaft zur Lösung der weltwirtschaftlichen Probleme
beitragen können.
Zwischen der Auffassung Irene Wittes und der Rudolf Lelleks gab es wohl einige
Differenzen, so daß sich am Schluß des Buches nur einer von beiden, nämlich
Rudolf Lellek, zu Wort gemeldet hat. Wittes Position zur Technokratie-Bewegung
260 Vgl. Witte / Lellek 1933, 109f: „Wenn wir für die Zukunft eine Wiederholung derart
katastrophaler Wirtschaftskrisen vermeiden wollen, müssen wir zu einer planmäßigen
Bedarfswirtschaft übergehen. Es gibt noch keine praktische Wissenschaft, die sich mit diesem
Gedanken befaßt, die die Nachfrage mit dem tatsächlichen Bedürfnis in Einklang bringt, mit dem
Bedürfnis des Einzelnen, der Familie, einer Kommune, eines Landes, eines Staates, die sich
darüber hinaus mit den zwischenstaatlichen Bedarfsproblemen beschäftigt, und zwar nicht vom
Gesichtspunkt einer materiellen Bereicherung, sondern von dem einer gesunden Entwicklung der
Menschheit, für die mit der fortschreitenden Zivilisation und Kultur gewisse Gesetzmäßigkeiten
vorhanden sein müssen.“
183
kann daher nur aus früheren Kommentaren (zu Ford, den Gewerkschaften und
zur "Roosevelt-Revolution") plausibel gemacht werden sowie aus einigen
Passagen des Technokratie-Buches:
„Abschließend kann zu der Gesamtfrage wohl gesagt werden: Wenn wir alle Bestrebungen
ansehen, die uns auf politischen oder wirtschaftlichen Wegen aus der Bedrängnis herausführen
wollen, so sind sie in tieferem Sinne ein Kampf gegen das Bestehende, also ein Hinaus aus dem
Bestehenden, ein Weiter, ein Vorwärts zu einem besseren Leben. Das sehen wir auch bei den
Technokraten. Die Technokraten verfallen aber in den gleichen Fehler, der allen diesen Bestre-
bungen mehr oder weniger eigen ist, daß sie in ihrem Bestreben das alleinige Allheilmittel zum
Ausweg aus der Bedrängnis sehen. Unsere Zeit erfordert unbedingt einen Geist, der mit einem
gewissen Abstand das Für und Wider dieser Bestrebungen untersucht und erfaßt, und schließlich
zu einer gemeinsamen Kristallisation eines gemeinsamen Wollens führt. Es wäre unklug, die
Technokraten nicht anzuhören, es wäre aber noch weniger klug, sie an die Steuerung der
Wirtschaftsprobleme heranzulassen; denn in ihrem Bilde wird die Technik zum Fluch der
Menschheit und nicht zum Segen!“262
Zwei kritische Punkte hebt Irene Witte besonders hervor: den Anspruch der
technischen Intelligenz, sie allein könne einen Ausweg aus den mit der
Weltwirtschaftskrise deutlich gewordenen gesellschaftlichen Problemen finden,
und die Unterstellung der Technokraten, diese Probleme seien allesamt auf die
rasante, kaum noch zu beherrschende technische Entwicklung der modernen
Gesellschaften zurückzuführen. Damit aber benennt sie zugleich (wie sie es auch
schon im Falle der Gewerkschaften getan hat263) den eigentlichen Widerspruch
und damit die Achillesferse der Technokratie-Bewegung: daß nämlich die
Technokraten einerseits die technische Entwicklung für die Weltwirtschaftskrise
261 Witte / Lellek 1933, 55f.
262 Witte / Lellek 1933, 111f.
263 Vgl. oben Abschn. 4.4. – Die Kritik, die Irene Witte in ihrer Schrift "Taylor-Gilbreth-Ford"
(Witte 1924b) an den Gewerkschaften übt, ist tatsächlich ähnlich der Kritik, die sie den
Technokraten gegenüber äußert: Indem die Gewerkschaften sich alle sozialen Verbesserungen von
der technologischen Entwicklung der Gesellschaft erhofften, vernachlässigten sie –
widersprüchlicherweise – gerade den "menschlichen Faktor", um den es ihnen mit ihrer Forderung
nach sozialen Verbesserungen doch gehen musste. Mit einer ähnlichen Inkonsistenz haben aber
auch die Technokraten zu kämpfen. Zwar sehen sie – durch die Weltwirtschaftskrise historisch
klüger geworden – die katastrophalen sozialen Auswirkungen der Technik (z.B. auf den
Arbeitsmarkt); aber indem sie nun wiederum diese zum alleinigen Grund aller Probleme erklären,
fehlt ihnen ein adäquater Ansatz, mit den sozialen Auswirkungen der Technik auch wirklich
umzugehen. Auch sie vernachlässigen also den "menschlichen Faktor". Und Effekt dieser
Vernachlässigung ist dann der Widerspruch, sich gerade als Technokraten berufen zu fühlen, die
doch erst durch die Technik entstandenen Probleme wieder zu beheben. Dieser Widerspruch ist
184
verantwortlich machen, aber andererseits gerade sich selbst als Technokraten
zur Steuerung der Wirtschaft berufen fühlen264.
Wie aber, fragt Witte, kann man (wenn die Technik zugleich als Segen und als
Fluch der Menschheit begreift) beides zusammendenken? Witte machte in ihren
Schriften der 20er Jahre deutlich, dass diese Entwicklung zu einer kulturellen
Verödung und "Entseelung" des Arbeiters geführt265 hat, die sich nun, unter den
Bedingungen der Weltwirtschaftskrise, zur Gefahr einer revolutionären Erschütte-
rung der Gesellschaft zu entwickeln schienen. Wenn man, so Witte, davon
ausgehen könne, daß auch in Zukunft – und zwar gerade aufgrund der
technologischen Errungenschaften des Industriezeitalters – die Menschen immer
weniger arbeiten werden, so müssen wir auch dafür sorgen, daß die Menschen
diese Freisetzung von dem, was man früher einen Beruf genannt hat266, nicht nur
als Bedrohung (z.B. im Falle von Arbeitslosigkeit), sondern auch als Chance (z.B.
im Falle vermehrter Freizeit) verstehen. Witte betonte somit auch im Kontext der
Technokratie-Debatte dasjenige Element, das sie bereits in den 20er Jahren
während der Rationalisierungsdebatte immer wieder hervorgehoben hatte, und das
sie auch gegen ihre Lehrer Taylor und vor allem Gilbreth ins Feld führte: den
"Faktor Mensch"267. Nur die Berücksichtigung dieses Faktors erlaube es auf lange
Sicht, die Errungenschaften der Technik in Einklang zu bringen mit den
unvermeidbaren sozialen und kulturellen Folgen, die der Einsatz solcher
Errungenschaften in der Gesellschaft habe. Unter dem Titel "Technik und Kultur"
heißt es hierzu im Technokratie-Buch unmißverständlich:
wiederum äquivalent zu dem der Gewerkschaften, gerade vom Fordschen Modell die Lösung der
entstandenen Problem zu erwarten.
264 Witte / Lellek 1933, 52 u. 59.
265 Vgl. v.a. Witte 1924b, 21f u. 44f und Witte 1925a, 68.
266 Vgl. Witte / Lellek 1933, den Abschnitt "Menschen ohne Beruf" (64ff).
267 Vgl. z.B. ebd., 59: „Inwieweit die von den Technokraten ausgeführten Gedankengänge den
Einwänden, die von fachwissenschaftlichen Seiten auf sie niederprasseln, standhalten können, ja
noch mehr, inwieweit sie überhaupt in der Lage sind, alle die weit über Technik und Wirtschaft
hinausgehenden Faktoren, die mit dem Faktor "Mensch" zusammenhängen, zu übersehen – das ist
die noch offene, große Frage.“
185
„Wenn man einen Augenblick dem Gedankengang nachgibt, den Technokraten, die der
Menschheit Erlösung von der Geißel des Hungers versprechen, auf ihrem eigenen Gebiet: Sorge
und Pflege, sowie Ausbau des Produktionsapparates, der Wohnung und Kleidung und die
sonstigen Annehmlichkeiten des Lebens gewährleistet, völlige Freiheit zu lassen, und auch noch
hinnimmt, daß sie von allen Menschen einen gewissen Tribut in Form von zeitlich bestimmten
Leistungen fordern, so bleibt Eines, was nie und nimmer ihnen [den Technokraten, R.P.]
auszuliefern wäre: die aus dieser Konstellation sich ergebende und höchsten Gewinn darstellende
erhöhte Freizeit (...) – sie muß zur Vertiefung unserer Kultur, des größten Menschheitsgutes
dienen.“268
Dadurch aber hatte Witte nicht nur wieder "ihr" Thema gefunden. Ihr war es
durch diesen notwendigen Hinweis auf den Unterschied von Technik und Kultur
auch gelungen, den Widerspruch im technokratischen Grundgedanken aufzulösen.
Denn die Technokraten konnten nur dann "in ihrem Bestreben das alleinige
Allheilmittel zum Ausweg aus der Bedrängnis sehen" (s.o.), wenn sie davon
ausgingen, daß ausschließlich technische Gründe für die gesellschaftliche und
ökonomische Krise verantwortlich seien. Statt zum "Fluch der Menschheit" wird
aber – Witte zufolge – Technik gerade zu einem "Segen", wenn zugleich auf
kultureller Ebene die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, die
unvermeidbaren Auswirkungen technologischer Errungenschaften zu mildern.
Nicht die Technik selbst ist das Entscheidende, sondern der kulturelle und
zivilisatorische Umgang mit ihr.
6. Einzeldarstellungen nach 1945
Mit Ausnahme der Publikation „Die monatliche Erfolgsrechnung im Handel“ von
1941 beginnt Irene Witte erst Anfang der 50er Jahre wieder in großem Umfang zu
publizieren. Der Titel dieses Buches weist darauf hin, daß die Inhalte jetzt
überwiegend von den Erfahrungen bestimmt werden, die sie als
betriebswirtschaftliche Führungskraft in Großbetrieben des Einzelhandels
erworben hat.
186
„In der Straßenbahn wie der Blitz der Einfall der Rationalisierungsbriefe!
heißt es in einer Notiz Wittes von 1962269. Entsprechend heftig war die verbale
Entladung: seit 1950 veröffentlichte schrieb sie „Rationalisierungsbriefe“ für die
Industrie270 und über 400 Rationalisierungsbriefe für den Handel271. Diese Briefe
wurden zur internen Information für Praktiker des Einzelhandels über die
Industrie- und Handelskammern der Bundesrepublik vertrieben. In einem
Schreiben vom 28. September 1951 an die IHK Köln bezeichnet sich Witte als
Schriftleiterin und gibt als Bezugsquelle ihre private Adressen in Berlin an272. Der
Sprachduktus und die Meinung eines Zeitzeugen lassen Witte unzweifelhaft als
die Autorin der Briefe erkennen273.
An den Rationalisierungsbriefen für die Industrie und den Handel schrieb Witte
etwa gleichzeitig. 274 Im Verlauf der Niederschrift der "Rationalisierungsbriefe"
ist jedoch eine deutliche Schwerpunktverlagerung von der Industrie zum Handel
zu erkennen. Sie erörtert betriebswirtschaftliche Probleme wie die der
Rationalisierung der Verwaltung275, das Aufdecken von Verlustquellen276 oder
Fragen nach dem Einfluss von Farbe, Licht und Lärm auf die Produktivität277
268 Ebd., 67.
269 11.3.1962, Archiv Peter Obst.
270 In gemeinsamer Herausgeberschaft mit Dr.-Ing. Otto Bredt, Wirtschaftsprüfer in Hannover, seit
den 20er Jahren Mitglied der Gesellschaft für Organisation, 1950 Vorsitzender des
Rationalisierungsausschusses der deutschen Wirtschaft, Autor von „Krise der
Betriebswirtschaftslehre“, Düsseldorf 1956.
271 In gemeinsamer Herausgeberschaft mit dem Geschäftsführer der HdE, Emil Leihner, siehe
dazu Kap. II, Punkt 4, Anm. 244.
272 IW an die IHK Köln vom 28.9.1951 (RWWA 1-516-1) und vom 11.3.1952 (RWWA 1-516-4).
273 „Witte hat die Rationalisierungsbriefe selbst geschrieben.“ So Wilhelm Kranich in einem
Interview vom 14.6.1999. Kranich begegnete Irene Witte 1958 in der BBE Köln. Er war Prokurist
und später Abteilungsleiter des Verlages der BBE.
274 Der erste "Rationalisierungsbriefe des Handels" trägt die Jahreszahl 1951; die übrigen Briefe
tragen keine Jahreszahl. Es ist aber davon auszugehen, daß die meisten von ihnen ebenfalls in den
Jahren 1951/52/53 verfasst wurden.
275 Vgl. Witte 1950, 3.
276 Vgl. Witte 1950, 9. Witte hatte bereits 1926 eine Schrift zum Thema
Verlustquellen übersetzt, vgl. N.N.: Verlustquellen in der Industrie, Federated
American Engineering Societies (Hg.), Berechtigte Übersetzung ins Deutsche von
Irene Witte, München/Berlin.
277 Vgl. Witte 1950, 10.
187
Irene Witte behandelt generelle arbeitswissenschaftliche Fragen, die sie von
Anfang an, d.h. schon in den 20er und 30er Jahren beschäftigt hatten und die das
allgemeine theoretische "Dach" darstellten, unter dem sie jede Form der
Rationalisierung, zu begreifen suchte. Dabei gibt es eine Reihe von thematischen
Überschneidungen zwischen den für die Industrie und den Handel geschriebenen
Rationalisierungsbriefen. In beiden Publikationsformen beschäftigte sich Witte
auffallend intensiv mit dem, was sie "Farbendynamik" nannte, d.h. mit der Farbe
als einem Mittel der Unfallverhütung, der Produktionserhöhung und der Erhöhung
der Kaufbereitschaft. 278 Hier gab es für Witte zunächst Anknüpfungspunkte an
frühere Arbeiten, in denen Beleuchtungsfragen eine Rolle spielten279, oder auch
an die Arbeit der Übersetzung mit Rudolf Lelleck über "Licht und Arbeit"280. Sie
ging auch ein beträchtliches Stück über das bereits Geleistete hinaus, indem sie
z.B. neben ergonomischen Fragen auch Fragen des Marketing ansprach281.
6.1. Bemerkungen zum wissenschaftlichen Status
Die Rationalisierungsdebatte hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg erheblich
gewandelt. Zwar stand auch jetzt die Erörterung amerikanischer
Wirtschaftskonzepte im Vordergrund, aber die Diskussion war mittlerweile auch
in Deutschland auf eine breite akademische Basis gestellt worden. Eine Palette
von Beratungsberufen entstand, die sich sowohl organisatorischen als auch
monetären Gesichtspunkten der Betriebsrationalisierung widmeten (der Beruf z.B.
des Wirtschaftsberaters, des Werbeberaters, des Wirtschaftsprüfers oder des
278 Vgl. Witte 1950, 1 ("Farbendynamik. Praktisch erprobte Wege der Produktionserhöhung,
Unfallverhütung und Umsatzsteigerung durch Farbentechnik"), Witte 1950-53, 10 ("Der Einfluß
von Farbe, Licht, Lärm und Sehen auf die Produktivität") und Witte 1951-65, 5 ("Die Farbe als
Mittel zur Leistungs- und erfolgssteigerung im Einzelhandel. Ihre geheimnisvolle Wirkung auf
Stimmung und Leistungswillen und Kaufbereitschaft").
279 Vgl. etwa Witte 1930b, insbesondere den Abschn. II.3 mit dem Titel "Beleuchtung, Ventilation,
Temperatur" (ebd., 281ff).
280 Vgl. Lukiesh 1926 sowie die näheren Ausführungen oben in Kap.I, Abschn.4.
281 Besonders in Witte 1951-1953, 5, 6ff; vgl.a. Witte 1966-1968, 81ff.
188
Steuerberaters) und deren Hauptaufgabe vor allem darin bestand, die schon
gewonnen Erfahrungen in Prinzipien umzuwandeln282.
Irene Witte beteiligte sich von 1955 bis 1959 auch an der akademischen Lehre.
1952 wurde sie Lehrbeauftragte an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
Fakultät der Freien Universität Berlin. Mit Unterbrechungen hielt sie bis 1965
Vorlesungen zu Handels- und Marktwirtschaft283. Doch während Praktiker wie
der ehemalige Geschäftsführer der BBE, Georg Huxold, für Wittes Tätigkeit als
Betriebsberaterin nur lobende Worte fand und dabei ihr Durchsetzungsvermögen
als Frau auf diesem Gebiet als "Sensation" bezeichnete284, kommt ein Theoretiker
wie Horst Lindelaub zu der Einschätzung, daß Wittes Vorlesungsstil „typisch für
Nicht-Akademiker“ und die inhaltliche Darstellung allzu „flach“ gewesen sei285.
Die Ambivalenz in der Beurteilung von Wittes Tätigkeit ist wohl dadurch zu
erklären, daß sie es vorzog, (arbeits-) ethisch und praktisch zu argumentieren und
daß dies den wissenschaftlichen Anspruch ihrer Arbeiten schmälerte. Das zeigt
bereits der Einführung aus einer ihrer Vorlesungen:
„Seit mehr als 40 Jahren, also im Grunde genommen seit Beginn der arbeitswissenschaftlichen
Bewegung, wie wir sie heute kennen, beschäftige ich mich mit allem, was sinnvolle Arbeit – oder
um ein wenig schönes Wort zu gebrauchen, mit allem, was Management betrifft. Ursprünglich
sprach man von Scientific Management, zu gut deutsch, von Wissenschaftlicher Betriebsführung.
Seinerzeit wurde dieser Begriff wissenschaftlich von allen Seiten bekämpft – heute weiß man
wieder, daß eine Betriebsführung im umfassenden Sinn durchaus auf wissenschaftlicher
Grundlage beruhen kann.“286
282 Vgl. hierzu Kieser 1999, 107f.
283 "Die Arbeitstechnik im Einzelhandel als Mittel zur Kostensenkung", "Kurzfristige
Erfolgsrechnung im Handel", "Moderne betriebswirtschaftliche Hilfsmittel im Einzelhandel (unter
besonderer Berücksichtigung amerikanischer Verfahren)" sind die Vorlesungstitel bis 1955. Nach
einer Krankheitsphase beginnt sie 1959 erneut mit einer Vorlesung zu "Rationalisierung der
Sortiments- und Warenkontrollverfahren im Einzelhandel", dann gemeinsam mit Professor Karl
Christian Behrens zum Thema "Angewandte Betriebswirtschaft: Verfahren der Kostensenkung im
Handel" und "Kurzfristige Betriebsabrechnungsverfahren im Einzelhandel" sowie "Angewandte
Betriebswirtschaft: Wege zur Ermittlung und Kontrolle des Warensortiments im Handel". 1962
hielt sie eine Vorlesung zur "Bekämpfung von Verlustquellen im Einzelhandel, vor allem im
Sortiment". HSA FUB: WiSo-Fak./ Dekanat, Akten „Lehrbeauftragte“. 1965, im Alter von
siebzig Jahren, beendete sie diese Tätigkeit.
284 Telefongespräch mit Georg Huxold, 7. 11. 1997.
285 Gespräch mit Dr. rer. pol. Horst Lindelaub, 20. 4. 2000. Zur Diskriminierung von
Hochschullehrerinnen vgl. die Studie von Hans Anger, Tübingen 1960.
286 Vorlesungsmanuskript Irene Witte WS 1962, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
189
Witte steht dabei in einer Tradition, die sich auf die Gründerjahre bezieht:
„Wenn gleich die Vorläufer zu der in ihren Auswirkungen revolutionierenden
Neufestsetzung des Begriffes Arbeit in den verschiedensten Ländern, vor allem in
Europa – auch in Deutschland – jahrhundertelang zurückverfolgt werden können,
so will ich mich auf die Zeit beschränken, die ich zum großen Teil miterlebte und
die im eigentlichen Sinn der praktische Anfang der Rationalisierungsbewegung
war, wie Sie sie heute kennen.“ 287 Diesen praktischen Anfängen ist Witte stets
treu geblieben. Je älter sie wurde, desto stärker entfremdete sie diese Treue von
den Diskussionen der Nachkriegszeit, in denen der akademische Hochmut
gegenüber Praktikern weit verbreitet war288. In einem Brief an Lillian Gilbreth
stellte Witte dann auch resignierend fest, daß ihr Leistungsanteil an den
Rationalisierungsbestrebungen der deutschen Wirtschaft der 20er und 30er Jahre
weitgehend unbemerkt geblieben war289. Diese Unzufriedenheit mit dem eigenen
Status hatte sich auch 1974, zwei Jahre vor ihrem Tod, noch nicht verflüchtigt290,
wenn sie schreibt: „It is rather interesting to see how the younger consultants use
to a large extent our material, our ideas and systems all of a sudden know
everything much better. They attach to our systems new names and call them their
own!“291
287 Vorlesungsmanuskript Irene Witte WS 1962, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
288 Vgl. Franz 1998, 110.
289 „[...]You mention the fact that at present everybody is talking of productivity and after all this
is exactly the same as SM [Scientific Management, R.P.] and all that belongs to this term. At
present I am encountering over here something much the same. For more than 5 or 6 years I have
spread the idea of management methods for retail stores - large as well as small. and I am proud to
say that all these endeavors or mine have not been futile and that at present we have a very large
movement for as we call it, rationalisation retail business. But everybody who is working along
these fields has forgotton or wants to forget the part I played in starting this development. They
give it new names they copy everything I did and then say they are the big pioneers.... I feel quite
happy. Once in a while I get a bit angry but then after all I think it could be worse[...].“ IW an
LMG, 10.10.1955, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
290 „[...]wieso man sie nicht schon längst zum Dr. resp. Prof. H.c. gemacht habe....Aber stets lehnte
sie lachend diese - für sie - Äusserlichkeiten ab[...]“. Wittes Jugendfreundin Edith Hühner in
einem Brief an die Sekretärin des Aachener Lehrstuhlinhabers für Rationalisierung, Rolf
Hackstein, Edith Silbernagel, 20.10.1974, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
291 IW an LMG, 3.2.1966, Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
190
6.2. Die "Rationalisierungsbriefe des Handels"
Irene Witte stellt den ersten vier der seit 1951 erschienenen Briefe292 ein jeweils
identisches Vorwort voran, in dem sie über das allgemeine Ziel und den Zweck
ihrer Briefe Auskunft gibt293. Zum einen stellt sie die hier schon mehrmals
betonte praktische Orientierung der Briefe in den Vordergrund: die Briefe hätten
sich zur Aufgabe gesetzt, „aus einem vorhandenen sehr großen und immer
praktisch erprobten Erfahrungsgut das bekannt zu geben, was zur Hebung und
Sicherung der Rentabiltität eines jeden Einzelhandelsbetriebes in dieser oder jener
Form beitragen kann“294. Zum anderen rechtfertigt sie den thematischen Umfang
ihrer Darlegungen, wenn sie schreibt: „Die Praxis hat (...) gezeigt, daß die
Rentabilität auch von vielen anderen Faktoren [als nur vom günstigen Ein- und
Verkauf, R.P.] entscheidend beeinflußt wird und daß nur das reibungslose
Zusammenspiel einer das Ganze umfassenden Organisation den bestmöglichen
Erfolg sichern kann.“295
Tatsächlich beanspruchte Witte mit ihren Briefen eine umfassende Analyse aller
im Einzelhandel in Betracht kommenden Rationalisierungsaspekte. Aber dieser
Anspruch scheint das eigentliche Grundproblem ihrer
Nachkriegsveröffentlichungen auszumachen. Die Fülle der abgehandelten
Themen ist beeindruckend. Aber die Briefe schwanken zwischen einer
erörternden und einer bloß aufzählenden Darstellung der
Rationalisierungsprinzipien. Dabei konzentriert sie sich auf drei Schwerpunkte:
292 Die Auflagenhöhe konnte nicht ermittelt werden.
293 Vgl. Witte 1951ff-1, I; Witte 1951ff-2, I; Witte 1951ff-3, I und Witte 1951ff-4, I.
294 Ebd. (Hervorh. R.P.); vgl. a. Witte 1951ff-1, 3: „Die Rationalisierungsbriefe sind für den
praktischen Kaufmann geschrieben.“ (Hervorh. R.P.); oder Witte 1951ff-7, 3: „Der Praktiker – (..)
ihm vor allem ist diese Arbeit gewidmet“; sowie ebd., 4: „Darüber hinaus soll diese Arbeit den
leitenden Angestellten, dem Nachwuchs und auch dem Studierenden Material an die Hand geben,
um zusätzliche Erkenntnisse zu gewinnen.“ (S.4)
295 Witte 1951, 1, I; Witte 1951, 2, I; Witte 1951, 3, I und Witte 1951, 4, I (Hervorh. R.P.).
191
Der betriebswirtschaftliche Schwerpunkt
Irene Witte behandelt hier allgemeine Fragen der kurzfristigen Erfolgsrechnung,
ein Gebiet, zu dem sie - wie erwähnt - bereits 1941 publizierte: wie führt man ein
Wareneingangsbuch, wie erfasst man seine täglichen und monatlichen Umsätze,
nach welchen Gesichtspunkten wird die Organisation eines Unternehmens
gegliedert (z.B. nach Warengruppen und Abteilungen), wie hängen
Handelsspanne und Kalkulationsaufschlag zusammen und wie führt man eine
Erfolgsübersicht296. Es geht um drei konkrete Verfahren der kurzfristigen
Erfolgskontrolle: um das Verkaufswertverfahren, das Einstandswertverfahren und
das Verfahren einer laufenden Bestandsaufnahme. Nach der Schilderung eines
monatlichen Überblicks über die Entwicklung des Betriebes und seine
Rentabilität, entwirft sie einen Plan für die Führung des Geschäftes in der
kommenden Geschäftsperiode. Dieser Rentabilitätsplan – den Witte anhand eines
praktischen Beispiels „aus einem bestimmten mittelgroßen Betrieb“ erläutert297
greift wiederum auf die Ergebnisse der kurzfristigen Erfolgskontrolle zurück und
macht diese zum Maßstab für das zukünftige Geschäftsverhalten298.
Abschließend geht es erneut um die Möglichkeiten der Finanz-, aber auch bereits
der Warenplanung und der Sortimentsstatistik: „Die zu lösende Aufgabe ist für
alle Einzelhandelsbetriebe gleich: auf möglichst billige Art laufend zu wissen, wie
das zur Verfügung stehende Geld – das Limit – warenmäßig und preislagenmäßig
am besten anzulegen ist.“299
Controlling
Bei Themen wie "Verlustquellen im Einzelhandel" und "Vereinfachte und
verbesserte Waren- und Kassenkontrollverfahren"300 greift Witte wiederum auf
296 Vgl. Witte 1951, 1; 15, 18; 19, 20 u. 23.
297 Witte 1951, 4; 20. Der Name des Betriebs ist unbekannt.
298 Vgl. Witte 1951, 4, v.a. 9ff. – Zur Kennzeichnung des hier referierten systematischen
Zusammenhangs der vier Hefte zum Thema "Kurzfristige Erfolgsrechnung" vgl. Witte 1951, 2.
299 Witte 1951, 12, 21.
300 Heft 5 widmet sich dem schon angesprochenen Thema der "Farbdynamik" (vgl. oben Abschn.
1.2 sowie Abschn. 3).
192
eigene praktische Erfahrungen zurück301. Um Verlustquellen aufzudecken und
zu vermeiden, fordert sie die Einrichtung einer Plan- oder einer Kontroll-
Abteilung, „einer Stelle, deren besondere Aufgabe in der laufenden Überprüfung
der Organisation, des Arbeitsablaufs, der Kosten (besteht)“302. Die einzelnen
Maßnahmen sollen von dieser Plan-Abteilung ausgehen und koordiniert werden
(vgl. auch Kap. II., 3.2.), auch die Warenkontrolle, die sie als ein Verfahren
versteht, „die eingegangene Ware daraufhin zu kontrollieren, ob die bestellte und
berechnete Menge güte- und mengen- evtl. auch größen- und farbenmäßig
wirklich in das Geschäft gekommen ist, und ferner, ob sie auch vollzählig und zu
den festgesetzten, also kalkulierten Preisen ausgezeichnet in den Verkauf
gelangte“303.
Arbeitswissenschaftlicher Schwerpunkt
In der Frage nach den Prinzipien des betriebswissenschaftlichen
Grundverständnisses ist Wittes Argumentation sicherlich richtungweisend.
Ausgangspunkt ist zunächst eine betriebspsychologische Überlegung, in der die
Wichtigkeit des Vorgesetzten für die sogenannten "human relations" im Betrieb
betont wird: „Die Art, wie der Vorgesetzte seine Aufgabe auffaßt, und in welcher
Weise er mit seinen Untergebenen Kontakt hat, sind der Schlüssel zum gesamten
Leistungsproblem.“304 Sie spricht von „eine(r) grundlegend neue(n) Bewertung
des Vorgesetzten“ gesprochen und erklärt: „Es genügt für den Vorgesetzten nicht,
bessere Fachkenntnisse als die Untergebenen zu haben; zu einem wahren Vor-
gesetzten gehört darüber hinaus die Fähigkeit, seine Untergebenen zu wirklichen
Mitarbeitern zu machen. Das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein dieser Fä-
301 Witte 1951, 6, 3.
302 Witte 1951, 6, 6. – Zu den genaueren Aufgaben einer Plan-Abteilung vgl. Kapitel II, Abschn.
2.2.
303 Ebd., 6.
304 Witte 1951, 10, 3; vgl.a. ebd., 28.
193
higkeit entscheidet auch über Erfolg oder Mißerfolg von Reorganisations-
Vorhaben.“305
Schließlich gehe es darum, „sich unter Berücksichtigung der großen Bedeutung
zweckmäßiger Bewegungsökonomie mit den Grundsätzen vertraut zu machen, die
jeder Art von Arbeit zugrunde liegen. In diesem Zusammenhang ist der Kampf
gegen unnötige Ermüdung, gegen schlechtes Licht, mangelhaftes Sehen und
gegen Lärm aufzunehmen, und schließlich sind die notwendigen Hilfsmittel und
Maßnahmen zur Ausführung, Einführung und Erhaltung der neuen Arbeitsweise
festzulegen.“306
6.3. Die Buchreihe "Erfolgreiche Betriebsführung im Textileinzelhandel"307
Von 1966 bis 1968 veröffentlichte Irene Witte im Deutschen Fachverlag unter
dem Titel "Erfolgreiche Betriebsführung im Einzelhandel" insgesamt vier (jeweils
nur um die 130 bis 160 Seiten), die sich mit verschiedenen betriebs- und
arbeitswissenschaftlichen Fragen auseinandersetzen: "Neue Wege zur
Verkaufsförderung"308, "Kurzfristige Erfolgs-, Kosten- und Limitrechnung"309,
"Verlustquellen ermitteln und bekämpfen"310 und "Produktive
Arbeitsgestaltung"311. Innerhalb der Buchreihe gibt es auch hier eine Reihe von
Themenüberschneidungen, Wiederholungen und zum Teil auch summarische
Analysen, die den Eindruck hinterlassen, Witte schöpfe hier aus einem Fundus
theoretischer Einsichten und praktischer Erfahrungen, die schwer zu ordnen sind.
Die Publikation orientiert sich an den drei bekannten Schwerpunkten:
betriebswirtschaftliche Fragen, Controlling und arbeitswissenschaftliche Fragen.
305 Witte 1951, 6; 5.
306 Witte 1951, 11, 3.
307 Für ihre Unterstützung bei der Darstellung dieser Buchreihe danke ich Andrea-Hilla Karl.
308 Vgl. Witte 1966a.
309 Vgl. Witte 1966b.
310 Vgl. Witte 1967.
311 Vgl. Witte 1968.
194
Insofern sind die oben beschriebenen Rationalisierungsbriefe die
Materialgrundlage für die Buchreihe. Im Unterschied zur ebenfalls in den 60er
Jahren erschienenen und mittlerweile klassisch gewordenen "Einführung in die
Allgemeine Betriebswirtschaftslehre" von Günther Wöhe312, stellen die ersten
zwei Bände eine spezielle Betriebswirtschaftslehre des Einzelhandels mit
hauptsächlich praxisnahen Empfehlungen dar: Preis- und Sortimentsstruktur
einzelner Textilunternehmen werden im Verhältnis zu den erzielten Umsätzen und
Gewinnen untersucht, um daraus wiederum Handlungsempfehlungen zur
Verkaufs- und Rentabilitätssteigerung ableiten zu können313. Umsatz- und
Kundenzahlstatistiken zur praktischen Kontrolle der Umsatzentwicklung und
Umsatzplanung werden gefordert314, Preislagen- und Mengenstatistiken zur
Preis-, Dispositions- und Sortimentskontrolle315 und schließlich – offenbar nach
dem Krieg noch keine Selbstverständlichkeit – die Erstellung eines
Jahresumsatzplanes316. Es geht um Verkaufs- und Umsatzförderung, also den
Außenbezügen des jeweiligen Unternehmens, und um die innerbetrieblichen
Fragen der Erfolgs- sowie um die Kosten- und Leistungsberechnung.
Interessant ist, daß Witte auch jetzt wieder den sogenannten "menschlichen Fak-
tor" im Betrieb zur Sprache bringt. Wie auch im sechsten Band der
"Rationalisierungsbriefe des Handels" geht es dabei vor allem um das Verhältnis
der Vorgesetzten zu den Beschäftigten. Denn um überhaupt Rationalisierungen im
Betrieb durchsetzen zu können, sei es notwendig, so Witte, daß die Beschäftigten
eine positive Einstellung zur Arbeit und damit den Willen besäßen, diese
produktiver zu gestalten. Das sei aber nur bei einem guten Betriebsklima
möglich317. In diesem Zusammenhang verweist Witte auf die, auch schon in Heft
10 der "Rationalisierungsbriefe des Handels" und im zweiten Band eigens zum
312 Günther Wöhe, Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, München 1960. –
Dieses Werk, immer noch eines der Standardwerke, ist mittlerweile in der 20. Auflage erschienen.
313 Vgl. Witte 1966a, 15 u 23.
314 Vgl. ebd., 30.
315 Vgl. ebd., 89 u. 101.
316 Vgl. ebd., 153.
317 Vgl. ebd., 18f, 22 u. 24.
195
Thema gemachten Hawthorne-Untersuchungen318, die zweifelsfrei die
produktive Bedeutung eines guten Betriebsklimas und eines guten Vorgesetzten
nachgewiesen hätten319. Man stellte fest, daß die Leistungen der Mitarbeiter stark
von sozialen Beziehungen bestimmt werden. Diese Untersuchungen waren der
Ausgangspunkt für die sogenannte „human-relations“-Bewegung, die im
Wesentlichen die rein physiologisch-psychologische Orientierung der
Wissenschaftlichen Betriebsführung der 20er Jahre ablöste und die
Personalpolitik in den Vordergrund stellte.
War die umfassende Kontrolle der betrieblichen Abläufe bereits Thema der ersten
beiden Bände, so stehen im dritten Band „Verlustquellen auf den verschiedensten
Tätigkeitsgebieten des Einzelhandels darzustellen, die auf menschliche oder
verfahrensmäßige Unzulänglichkeiten zurückzuführen sind“320 im Mittelpunkt.
Kostenverschwendung und Kostensenkung sind hier die beiden Pole der Analyse,
wobei es vor allem darum geht, die verschiedenen Verfahren und Mittel eines
effektiven innerbetrieblichen Kontrollwesens zu prüfen:
das Vordruckwesen, die Sichtung und Auswertung aller Formen von
Kontrollbelegen (Kassenzettel, Rechnungen, Lieferscheine) und das sogenannte
"Stichprobenverfahren" bei der Prüfung von Qualität und Menge eingegangener
Waren321. Einen Teil ihrer Untersuchungen widmet Witte den Diebstählen und
Betrügereien (sowohl von Kunden als auch von Beschäftigten), in denen sie eine
Verlustquelle erster Ordnung sah. Hier geht es ihr vor allem darum aufzuzeigen,
wie Betrugs- und Diebstahldelikte begangen werden, um hieraus entsprechende
praktische Kontrollmaßnahmen abzuleiten322.
318 Von 1927-1932 wurden ind en Hawthorne-Werken in Chicago Untersuchungen zum Verhalten
des Arbeiters am Arbeitsplatz durchgeführt.
319 Vgl. ebd., 19.
320 Witte 1967, 87.
321 Vgl. ebd., 33 u. 43.
322 Vgl. ebd., 48.
196
Im Zentrum der Behandlung der Rationalisierungsfrage steht erneut das, was
sie, mit einem Gilbrethschen Ausdruck, die "Bestgestaltung der Arbeit" nennt323.
Die Fähigkeit, „vorübergehend den Blick von den bisherigen Verfahren
abzuwenden und objektiv nach dem bestmöglichen Weg zu suchen“ sei das
eigentliche „Geheimnis echter Rationalisierung“324. Die schon bekannten
Arbeitsschaubilder und Arbeitskarten, die – von Gilbreth so stark favorisierten –
fotografischen und filmischen Analysen, aber auch Fallstudien und Planspiele
werden in diesem Zusammenhang erwähnt325. Abschließend macht Witte auf die
Leistungsmöglichkeiten und -grenzen der Beschäftigten aufmerksam sowie auf
eine bessere Anpassung zwischen den Beschäftigten und ihren
Arbeitsbedingungen. Nur so werde langfristig eine Leistungssteigerung
ermöglicht. Gegenstand der Betrachtung sind hier z.B. Fragen der adäquaten
Ausnutzung und Bedienung maschineller Hilfsmittel, Fragen der Lärmreduktion,
der richtigen Höhe der Arbeitstische und Sitzgelegenheiten und der richtigen
Beleuchtung326.
Sowohl die Rationalisierungsbriefe als auch die dargestellte Buchreihe waren als
Anleitung für den Praktiker konzipiert und die Inhalte teilweise mehr ratgebend
als beratend. Die mittelständischen Handelsbetriebe, denen es nach Ende des
Krieges auch an Nachwuchskräften fehlte, mußten, um konkurrenzfähig zu
bleiben, von den Rationalisierungsstrategien der Großbetriebe lernen. Es ist daher
verständlich, dass der Bundesminister für Wirtschaft, Ludwig Erhard, im
November 1949 die erste Ausgabe der Zeitschrift „Rationalisierung“327 einleitete.
323 Gilbreth hatte von der "einen, besten Art der Arbeitsverrichtung" gesprochen; und Witte hatte
diesen Grundsatz in die Worte gekleidet: „Für jede Arbeit, gleichgültig auf welchem Gebiet, m
es eine beste und schnellste Art der Verrichtung geben!“ (Witte 1921a, 23).
324 Witte 1968, 23; vgl. hierzu auch Witte 1951, 9; 10.
325 Vgl. ebd., 31.
326 Vgl. ebd., 69, 76 u. 79.
327 Rationalisierung, 1.Jg., Januar 1950.
197
Witte stellt sich in ihren Schriften als Expertin auf nahezu allen Gebieten des
Einzelhandels vor, wobei der ständige Rückbezug auf die USA wiederum
besonders auffallend ist. Die teilweise sorgfältigen, nahezu liebevollen
statistischen Darstellungen, Matrizen und Formulare, die sie zur Erläuterung eines
Problems verwendet, sind heute aufgrund des Computers vollkommen überholt.
Damit erledigen sich auch einige Erklärungen zum Erfassen von Datenmengen.
Nach Witte ist nach wie vor der Ausgangspunkt für jede Form der
Rationalisierung die Problemfindung. Jede Arbeit ist aus drei Teilen
zusammengesetzt: Vorbereiten, Ausführen und Forträumen. Um überhaupt
Verbesserungsmöglichkeiten ermitteln zu können, müsse genau diese Dreiteilung
beachtet werden. Daher kann sie mit „toten Pausen“ nichts anfangen: Nicht nur
Maschinen, „sondern auch der Mensch geht von Zeit zu Zeit im Leerlauf“328.
Diese „verlorene Zeit“ könne der Mensch jedoch dazu nutzen, über weitere
Verbesserungen in der Umwelt oder im Betrieb nachzudenken.329 In diesem
System ist Müßiggang330 auch in den Arbeitspausen nicht eingeplant. Das ist wohl
auch der Grund dafür, dass sie die Arbeitswissenschaft bereits in der Schule
vermittelt sehen möchte331. Anscheinend wirkt das Anfang des 20. Jahrhunderts
formulierte, anempfundene Arbeitsbekenntnis der Gilbreths bei Irene Witte bis in
die 50er Jahre fort332. Für den Erfolg einer jeden Arbeit gibt Irene Witte dann
auch den allumfassenden Rat: „Jetzt, in diesem Augenblick, an der Stelle an der
du dich befindest, ist es Zeit zu beginnen!“
328 Witte 1968, 65.
329 Der Punkt „Stunden lassen sich gewinnen!“ (S. 65f.), der das zweite Kapitel abschließt, kann
ich nicht besonders ernst nehmen.
330 Zum „Verschwinden des Müßiggangs“ vgl.a. Rabinbach 1992.
331 Witte 1968, 119.
332 „(...) In früheren Tagen: Muße, Träumereien, Einsiedlertum oder Eremitendasein – heute –
Arbeit! (...) In früheren Tagen: der Ritter, der Kavalier, der Romantiker – heute: der Ingenieur!
(...)“ zit. nach Irene Witte, 1925a, Einleitung.
198
IV. Verzeichnis der Quellen und Literatur
1. Schriften Irene Wittes
Witte, Irene M. (1920a): Der Taylorismus, Rezension des gleichnamigen
Buches von Gustav Winter, Leipzig, in: Der Betrieb, 2. Jg., Heft
14, S. 382.
- dies. (1920b): Ingenieur-Organisationen für Betriebswissenschaft im
Auslande,in: Technische Zeitschriftenschau, Sonderausgabe für
Betriebswissenschaft. VDI (Hg.) Jg., 1921, Nr. 5, S. 18 / Nr. 7, S. 17 / Nr.
8, S. 19 / Nr. 10, S. 20 / Nr. 11, S. 16 Nr. 12, S. 17 / 3. Jg., 1922, Nr. 1, S.
14.
- dies. (1921a): Kritik des Zeitstudienverfahrens. Eine Untersuchung der
Ursachen, die zu einem Mißerfolg des Zeitstudiums führen.
Springer: Berlin.
- dies. (1921b): Die Bedienung der Schreibmaschine durch
Kriegsbeschädigte, in: Der Betrieb, 3. Jg., Heft 15, S. 447.
- dies. (1921c): Neues aus der amerikanischen Rationalisierungsliteratur,
in: Praktische Psychologie, 3. Jg., Heft 3, S. 86 - 89.
- dies. (1922): Der rationalisierte Betrieb, in: Hans Krauß (Hg.)
Betriebsrat und Arbeitswissenschaft, Gesellschaft und
Erziehung: Berlin, S. 33 - 51.
- dies. (1924a): Arbeitswissenschaftlicher Kongress, Prag, 20.-24. Juli
1924, in: Organisation, Zeitschrift für Betriebswissenschaft und
Verwaltungspraxis und Wirtschaftspolitik, 26. Jg., Heft 15/16, S.
289 - 296.
- dies. (1924b, 21925): Taylor - Gilbreth - Ford, Oldenbourg:
München/Berlin.
- dies. (1924c): Frank Bunker Gilbreth, Ein Lebens- und Charakterbild,
in: Betriebswirtschaftliche Rundschau, Jg. 1, Heft 9, S. 203 - 206.
- dies. (1925a): Eine fachliche und kritische Würdigung der
arbeitswissenschaftlichen Verfahren Frank Bunker Gilbreths,
in: Gilbreth, Lillian Moller, F. B. Gilbreth, Das Leben eines
amerikanischen Organisators, Poeschel: Stuttgart, S. 59-82.
- dies. (1925b): Leistungsmessung und Leistungskontrolle in
amerikanischen Bürobetrieben, in: Organisation, Zeitschrift für
Betriebswissenschaft, Verwaltungspraxis und Wirtschaftspolitik, 26. Jg.,
Heft 19, S. 540-544.
- dies. (1925c): Archiv der Fortschritte Betriebswirtschaftlicher Forschung
und Lehre, Jg. 2, 1925, S. 197-211, 211-217.
- dies. (1925d): Betriebswirtschaft und Arbeitswissenschaft in den
Vereinigten Staaten, in: Betriebswirtschaftliche Rundschau, 1.Jg., Heft 1,
S. 252-254.
- dies. (1925e): Henry Robinson Towne, der Vater der modernen
Arbeitswissenschaft, Betriebswirtschaftliche Rundschau, 1.Jg., Heft 11, S.
261.
199
- dies. (1925f): Die Kernprobleme der amerikanischen und europäischen
Arbeitswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung Rußlands, in:
Betriebswirtschaftliche Rundschau, 1.Jg., Heft 12, S. 277-281.
- dies. (1925g): Pound, Arthur, The Iron Man in Industry, Rezension in:
Betriebswirtschaftliche Rundschau, II.Jg., Heft 3, S. 68-71.
- dies. (1925h): Neuzeitliche Büroorganisation in den Vereinigten Staaten,
in: Betriebswirtschaftliche Rundschau, II.Jg., Heft 4, S. 86- 89.
- dies. (1925i): Alford, L.P. „Management’s Handbook“, Rezension, in:
Betriebswirtschaftliche Rundschau, II.Jg., Heft 11/12, S. 203-204.
- dies. (1925j, 21926): Amerikanische Büroorganisation, Oldenbourg:
München/Berlin.
- dies. (1926a): Amerikanische Verkaufsorganisation, Oldenbourg:
München/Berlin.
- dies. (1926b): Ermittlung und Senkung der Vertriebskosten in
amerikanischen Geschäftshäusern, in: Betriebswirtschaftliche
Rundschau, 3.Jg., Heft 6, S.106-108.
- dies. (1926c): Unwirtschaftlichkeit und Auswüchse amerikanischer
Propaganda, in: Betriebswirtschaftliche Rundschau, 3.Jg., Heft 8/9,
S. 162-164.
- dies. (1926d): Der amerikanische Büroangestellte, in: Vossische
Zeitung, 16.4.1926, 4. Beilage zur Vorschau in Technik und
Wirtschaft.
- dies. (1926e): Leistungsmessung und Leistungskontrolle in
amerikanischen Bürobetrieben, in: Organisation, Zeitschrift für
Betriebswissenschaft, Verwaltungspraxis und
Wirtschaftsgeschichte, 6. Jg., Heft 19, S. 540-544.
- dies. (1927a): Austausch organisatorischer Erfahrungen zwischen
Unternehmungen verschiedener Branchen. Die „Massachusetts
Manufacturer’s Association“ in Boston, in: Zeitschrift für
Organisation, 1. Jg., 1, 5.1.1927, S. 22.
- dies. (1927b): Die Hauptversammlung des amerikanischen Ingenieur-
Vereins und der Taylor-Society, in: Zeitschrift für Organisation,
Internationale Rundschau, 1. Jg., 2, 25.1.1927, S. 47.
- dies. (1927c): Büroorganisatorische Vereinheitlichungsbestrebungen in
Amerika, in: Betriebswirtschaftliche Rundschau, 4.Jg., Heft 6, S.
115-117.
- dies. (1928a): Heim und Technik in Amerika, VDI-Verlag: Berlin.
- dies. (1928b): F. W. Taylor. Der Vater wirtschaftlicher
Betriebsführung, Poeschel Verlag: Stuttgart.
- dies. (1928c): Neue amerikanische Verkaufs- und
Lagerverfahren. Zweck und Ziel der Planabteilung im
Einzelhandel. Mit einem Geleitwort von Russell W. Allen.
Springer: Berlin.
- dies. (1928d): Funktionsmeistersystem, in: Nicklisch, Heinrich (Hg.),
Handwörterbuch der Betriebswirtschaftslehre, Stuttgart, S. 1117-1121.
- dies. (1928e): Haushaltsbetrieb, in: Nicklisch, Heinrich (Hg.),
Handwörterbuch der Betriebswirtschaftslehre, Stuttgart, S. 132 - 136.
200
- dies. (1928f): Handels-Hochschulwesen in England, in: Nicklisch,
Heinrich (Hg.), Handwörterbuch der Betriebswirtschaftslehre, Stuttgart, S.
1577 - 1585.
- dies. (1929a): Der Haushalt der intelligenten Frau, in: Die schaffende Frau,
1. Jg., Heft 1, S. 26-28.
- dies. (1929b): Wohnkultur und zweckmäßiges Haushalten für jedermann!,
in: Die schaffende Frau, 1.Jg., Heft 2, S. 56 - 59.
- dies. (1929): Der Etat-Heim-Gedanke, in: Etat-Heim-Almanach, Berlin
o.J., S.78.
- dies. (1929c): Mitteilungen aus dem Etat-Heim, Das arbeitssparende Gerät
im Haushalt, in: Die schaffende Frau, 1. Jg., Heft 3, S. 97-98.
- dies. (1930a): Mitteilungen aus dem Etat-Heim, Ein Beispiel praktischer
Arbeitsersparnis im Haushalt, in: Die schaffende Frau, Jg. 1, Heft 7, S.
229.
- dies. (1930b): Mitteilungen aus dem Etat - Heim, Praktische Mode
Beratung und Kleider - Etat, in: Die schaffende Frau, 1.Jg., Heft 6, S. 195.
- dies. (1930c): Amerika, in: Giese, Fritz (Hg.), Handwörterbuch der
Arbeitswissenschaft, Bd. I, Halle, S.118-145.
- dies. (1930d): England I. - III., in: Giese, Fritz (Hg.), Handwörterbuch
der Arbeitswissenschaft, Bd. I, Halle, S. 1573 - 1585.
- dies. (1930e): Ford - Fordismus, in: Giese, Fritz (Hg.), Handwörterbuch
der Arbeitswissenschaft, Bd. I., Halle, S. 1856 - 1865.
- dies. (1930f): Gantt, Henry L., in: Giese, Fritz (Hg.), Handwörterbuch
der Arbeitswissenschaft, Bd. I., Halle, S. 2983 - 2986.
- dies. (1930g): Gilbreth, Frank B. I. - III., in: Giese, Fritz (Hg.),
Handwörterbuch der Arbeitswissenschaft, Bd. I., Halle, S. 2262 -
2265.
- dies. (1930h): Taylor, Frederick Winslow, in: Giese, Fritz (Hg.),
Handwörterbuch der Arbeitswissenschaft, Bd. II., S. 4309 - 4322.
- dies. (1930i): Towne, Henry Robinson, in: Giese, Fritz (Hg.),
Handwörterbuch der Arbeitswissenschaft, Bd. II., Halle, S. 4436 - 4438.
- dies. (1930j): Psychologische Grundlagen der Fertigungsorganisation. 1.
Amerikanische Zeit- und Bewegungsstudien, in: Giese, Fritz (Hg.), Handbuch
der Arbeitswissenschaft, Bd. V, Objektpsychotechnik, Teil 2, Halle, 233-268.
- dies. M. (1930k): Psychologische Grundlagen der Fertigungsorganisation. 2. Das
Studium der industriellen Ermüdung in England und Amerika, in: Giese, Fritz
(Hg.), Handbuch der Arbeitswissenschaft, Bd. V, Objektpsychotechnik, Teil 2,
Halle, 268-286.
- dies. (1931): Der Haushalt der klugen Frau, in: Schmidt-Beil, Ada (Hg.),
Die Kultur der Frau, Eine Lebenssymphonie der Frau des XX.
Jahrhunderts, Berlin, S. 463-477.
- dies. (1932): Was jeder vom Organisieren wissen muß, Oldenbourg:
München /Berlin.
- dies. / Lellek, Rudolf (1933): „Technokratie“. Ein Zeitschlagwort oder
mehr? Berlin.
- dies. M. (1934a), Die "Roosevelt-Revolution“ im Jahre 1933 und ihre
Vorgeschichte, in: Zeitschrift für Organisation (ZfürO), 8. Jg. Heft 1,
201
Berlin, S. 11-17;
- dies. (1934b), Leistung durch Freude an der Arbeit, ZfürO, 8. Jg., Heft 3, S.
79; Bewegungsökonomie, 8. Jg., Heft 5, S. 182-187;
- dies. (1934c): Die Organisation im Kampf gegen die Materialvergeudung (mit
Otto Primavesi MdO), ZfürO, 8. Jg., Heft 6, S. 199-201.
- dies. (1941): Die monatliche Erfolgsrechnung im Handel. Ein neuzeitliches
Kalkulationsverfahren, Berlin.
- dies. (1949a): Bibliographie der neueren arbeits- und
betriebswirtschaftlichen Literatur des Auslandes – vorzugsweise
der USA und Großbritannien, Berlin.
- dies. (1949b): Arbeitswissenschaftliche Entwicklungen in den
Vereinigten Staaten, unter besonderer Berücksichtigung von Zeit
und Bewegungsstudien, in: Werkstatt und Betrieb, 82. Jg., 6, S.
212 -213.
- dies. (1951): Wie arbeite ich erfolgreicher? Wege zur
Rationalisierung im Einzelhandel. Verlag für Wirtschaftspraxis,
Frankfurt am Main.
- dies. / Bredt, Otto (Hg.) (1951-53): Rationalisierungsbriefe für die Industrie,
Berlin/Köln.
1. Farbendynamik (1951) Witte 1951a
2. Simplification in Industry (1950) Witte 1950a
3. Rationalisierung in der Verwaltung (1951) Witte 1951b
4. Senkung der Vertriebskosten durch rationelle Absatzwirtschaft (1951)
Witte 1951c
5. Rationalisierung der Kontrolltechnik (1951) Witte 1951d
6. Wie rationalisiert Amerika? (1951) Witte 1951e
7. Rationalisierung des kleinen Produktionsbetriebes (1951)
8. Verpackung (1951) Witte 1951g
9. Verlustquellen in der Industrie (1952) Witte 1952a
10. Der Einfluß von Farbe, Licht, Lärm und Sehen auf die Produktivität (1952)
Witte 1952b
11. Erfolgreiches Schaffen, Teil 1: Die Voraussetzungen erfolgreichen
Arbeitens (o.J.)
12. Erfolgreiches Schaffen, Teil 2: Das Rüstzeug erfolgreichen Arbeitens,
o.J.
13/14. Planung im Mittel- und Kleinbetrieb (Teil 1) (o.J.). Die Einsatz- und
Planungsforschung und ihre Anwendung in der Industrie, (o.J.)
15/16. Für und wider die Automation (o.J.)
17/18. Mehr Umsatz für Industrie und Handel durch neue
verkaufsfördernde Maßnahmen (o.J.)
- dies. / Leihner, Emil (Hg.) (1951-53): Rationalisierungsbriefe für den Handel,
Berlin/Köln.
1.- 4. Kurzfristige Erfolgskontrolle leicht gemacht
5. Die Farbe als Mittel zur Leistungs- und Erfolgssteigerung im Einzelhandel.
Ihre geheimnisvolle Wirkung auf Stimmung, Leistungswillen und
Kaufbereitschaft
6. Verlustquellen im Einzelhandel und Mittel zu ihrer Beseitigung
202
7. Vereinfachte und verbesserte Waren- und Kassenkontrollverfahren vom
Wareneingang bis zum Verkauf
8. fehlt
9. Wie können Änderungsstuben und Werkstätten rentabler betrieben werden?
10.-11. Erfolgreiches Schaffen
- 1. Teil: Die Voraussetzungen erfolgreichen Arbeitens
- 2. Teil: Das Rüstzeug erfolgreichen Arbeitens
12. Geld- und Sortimentskontrollen – unentbehrliche Dispositionsmittel für den
Einzelhandel
- dies. (1952): Aufwärts durch erfolgreiche Unternehmensleitung,
Rezension eines Buches von Carl Weichen, in: Rationalisierung,
3.Jg., Heft 10, S. 275.
- dies. (1953): Rationalisierung der Lektüre, in: Rationalisierung, 4.
Jg., Heft 4, S.112-113.
- dies. (1954): Die Reorganisation der Fordwerke, in:
Rationalisierung, 5. Jg., Heft 12, S. 282-283.
- dies. (1963): Von den Grundlagen der Rationalisierung. Zum 85.
Geburtstag von Lillian Moller Gilbreth am 24. Mai 1963, in:
Rationalisierung, 14.Jg., Heft 5, 1963, S. 103-104.
- dies. (1966-1968): Erfolgreiche Betriebsführung
Band 1(1966): Verkaufsförderung, Band 2 (1966): Erfolgs-,
Kosten- und Limitrechnung, Band 3 (1967): Verlustquellen, Band 4
(1968): Produktive Arbeitsgestaltung, Frankfurt/Main.
- dies. (1968) : Frank Gilbreth - A Philosopher, in: The American Society of
Mechanical Engineers (Hg.), The Frank Gilbreth Centennial, New York,
S. 102-109.
- dies. (1969a): Zur 100-Jahr-Feier für Frank B. Gilbreth, in: Rationalisierung, 20.
Jg., Heft 11, S. 278 - 280.
- dies. (1969b): 50 Jahre Rationalisierung, Erfahrung eines langen Lebens,
in: Zeitschrift für Organisation, 38. Jg., Heft 8, S. 332 - 334.
- dies. (1972a): Dr. Lillian Gilbreth, in: REFA-Nachrichten, 25. Jg., Heft 1,
S. 58 - 60.
- dies. (1972b): Alles schon dagewesen, in: Fortschrittliche Betriebsführung, 21.
Jg., Heft 2, S. 67 - 70.
- dies. (1972d): Frank B. Gilbreth in seinen Briefen von 1915 bis 1924, in:
Fortschrittliche Betriebsführung, 21. Jg., Heft 3, S. 135 - 139.
- dies. (1972c): Alles schon dagewesen, in: Fortschrittliche Betriebsführung, 21.
Jg., Heft 4, S. 211-216.
- dies. (1973a): Bericht der Hooverschen Untersuchungskommission über
Verlustquellen in der Industrie, in: Fortschrittliche Betriebsführung, 22. Jg., Heft
1, S. 35 - 40.
- dies. (1973b): Henry Lawrence Gantt - Wallace Clark, in:
Fortschrittliche Betriebsführung, 22. Jg., Heft 2, S. 99 - 108.
- dies. (1973c): Leon Pratt Alford, in: Fortschrittliche Betriebsführung, 22.Jg.,
Heft 3, S. 145 - 150.
203
Beiträge von Irene Witte in: Matschoß,
Conrad, Männer der Technik. Ein
biographisches Handbuch, Berlin: VDI-
Verlag, 1925.
Aird, Sir John
Arkwright, Richard, Sir
Arrol, William, Sir
Babbage, Charles
Baker, Sir Benjamin
Baldwin, Matthias W.
Beaufoy, Mark
Beighton, Henry
(1921, 21922)Bentham, Samuel Sir
Blanchard, Thomas
Bodmer, Johann George
Bramah, Joseph
Brashear, John Alfred
Brindley, James
Brunel, Isambard Kingdom
Brunel, Marc Isambard, Sir
Brunton, William
Cartwright, Edmund
Cavendish, Henry
Cayley, Sir George
Chanute, Octave
Chapman, Henry
Clement, Joseph
Cochrane, Thomas, tenth Earl of
Dundonald
Colburn, Zerah
Cooper, Peter
Cort, Henry
Crampton, Thomas Russell
Crompton, Samuel
Dale, David
Dalton, John
Darby, John Henry
Davy, Humphry Sir
Dwelshauvers - Dery, Victor
Eads, James Buchanan
Evans, Oliver
Evans, Walton White
Faraday, Michael
Farey, John
Field, Cyrus West
Field, Edward Fitch, John
Fourdrinier, Henry
Fowler, John
Francis, James Bicheno
Franklin, Benjamin
Fritz, George
Fritz, John
Fulton, Robert
Gilbreth, Frank B.
Goodrich, Simon
Grey, Henry
Hackworth, Timothy
Hardy, J. George
Holley, Alexander Lyman
Hornblower, Joseph
Howe, Elias
Hulls (auch Hull), Jonathan
Hunt, Charles Wallace
Huntsman, Benjamin
Jacquard, Joseph Marie
Jones, William Richard
Kater, Henry
Kay, John
Kirk, Alexander C.
Lambton, William
Leavitt, Erasmus Darwin
Lindley, William G., Sir
Lombe, Thomas, Sir
Lombe, John, Sir
Madersperger, Joseph
Maudslay, Henry
Maxim, Hiram, Sir
Maxwell, James Clerk
Melville, George Wallace
Miller, Patrick
204
Murdock, William
Murray, Matthew
Myddelton (oder Middleton), Hugh Sir
Napier, David
Napier, John
Napier, Robert
Nasmyth, James
Nicholson, Peter
Page, Charles Grafton
Paul, Lewis
Percy, John
Perkin, William Henry
Plinius, Gajus Secundus (der Ältere)
Preece, Sir William
Pullman, George M.
Radcliffe, William
Ramsay, Sir William
Read, Nathan
Reed, Edward James, Sir
Rennie, John
Rennie, George
Rennie, John, Sir
Reynolds, Edwin
Reynolds, Osborn
Ronalds, Sir Francis
Rumford, Benjamin Thompson, Graf v.
Russell, John Scott
Savery, Thomas
Sellers, Coleman
Sellers, William
Sharp, Abraham
Singer, Isaac Meritt
Smeaton, John
Smiles, Samuel
Smith, Francis Pettit, Sir
Smith, James
Stanhope, Charles, Third Earl of
Steinmetz, Charles Proteus
Stephenson, George
Stephenson, George Robert
Stephenson, John
Stephenson, Robert
Stevens, Edwin Augustus
Stevens, John
Stevens, Robert Livingston
Strutt, Jedediah
Strutt, William
Symington, William
Taylor, Frederic Winslow
Telford, Thomas
Thompson, Joseph W.
Thompson, Robert William
Thurston, Robert Henry
Towne, H. R.
Trevithick, Richard
Vermuyden, Cornelius, Sir
Vignoles, Charles Blacker
Vitruvius (Pollio)
Wheelwright, William
White, William H., Sir
Whitehead, Robert
Whitney, Eli
Whittemore, Amos
Whitworth, Sir Joseph
Willans, Peter William
Worthington, Henry Rossiter
Wright, Wilbur
Wyatt, John
205
Redaktionstätigkeit:
Technische Zeitschriftenschau, Sonderausgabe für Betriebswissenschaft. VDI (Hg.),
Berlin 1920, (Schriftleitung C. Matschoss u. M. Elsner) 1. Jg. Heft 1 (8 Blatt), 2 (14), 3
(12); 3 (12); 4 (12); 5 (8); 6 (12); 7 (12); 8 (14).
Übersetzungen
Gilbreth, Frank Bunker (1920a): Die Eine Beste Art der
Arbeitsverrichtung. Deutsch von Irene Witte, in: Praktische
Psychologie, 2.Jg., Heft 3, S. 65 - 70.
Gilbreth, Frank Bunker und Lillian Moller Gilbreth (1920b): Angewandte
Bewegungsstudien. Applied Motion Study. Neun Vorträge aus der
Praxis der wissenschaftlichen Betriebsführung. Übertragen ins
Deutsche von Irene Margarete Witte. Berlin.
Gilbreth, Frank Bunker und Lillian Moller Gilbreth (1921):
Ermüdungsstudium. (Fatigue Study). Eine Einführung in das Gebiet
des Bewegungsstudiums. Übertragen ins Deutsche von Irene
Margarete Witte. Berlin.
Frederick, Christine (1921, 21922): Die rationelle Haushaltsführung.
Betriebswissenschaftliche Studien.. Übersetzung von The New
Housekeeping. Efficiency studies in home management. Von Irene
Margarete Witte. Berlin.
Gilbreth, Frank Bunker / Gilbreth, Lillian Moller (1922):
Verwaltungspsychologie, Berechtigte Übertragung ins Deutsche
von Irene Witte, Berlin.
Drury, Horace Bookwalter (1922): Wissenschaftliche Betriebsführung.
Eine geschichtliche und kritische Würdigung des Taylor-Systems.
Berechtigte Übertragung und Vorwort von Irene Witte,
München/Berlin.
Link, Henry C. (1922): Eignungs-Psychologie, Berechtigte Übersetzung
ins Deutsche von Irene Witte, München/Berlin.
Gilbreth, Lillian Moller (1925): F. B. Gilbreth, Das Leben eines
amerikanischen Organisators. Berechtigte Übertragung ins
Deutsche, mit einer Einleitung und fachlichen und kritischen
Würdigung von Irene Witte - Berlin, Stuttgart.
Clark, Wallace (1925, 21932): Leistungs- und Materialkontrolle nach
dem Gantt-Verfahren. München / Berlin: Oldenbourg.
Pound, Arthur (1925): Der eiserne Mann in der Industrie, Mit einer
Einleitung von Conrad Matschoß. Übersetzt und
bearbeitet von I.M. Witte, Berlin.
Durstine, J.B. (1926): Reklame, die lohnt...! München/Berlin.
N.N. (1926): Verlustquellen in der Industrie, Federated American
Engineering Societies (Hg.), Berechtigte Übersetzung
ins Deutsche von Irene Witte, München/Berlin.
206
Chase, Stuart (1927): Tragödie der Verschwendung,
Gemeinwirtschaftliche Gedanken in Amerika. Oldenbourg,
München / Berlin.
Gilbreth, Lillian M. (1930): Heim und Arbeit. Die Lebensaufgabe der
modernen Hausfrau, Berechtigte Übersetzung ins Deutsche
von Irene Witte, Stuttgart.
Clark, Wallace (1932): Der Vordruck, Berechtigte deutsche Bearbeitung
von Irene Witte und Rudolf Lellek, Oldenbourg: München/Berlin.
Perkins, Frances (1949): Roosewelt, wie ich ihn kannte.
Aus dem Amerikanischen übertragen von Irene Witte, Berlin.
Carlberg, Bo Casten (1971): Die Technik des Selbstmanagements, München.
2. Archive und ungedruckte Quellen:
Nachlaß Irene Witte, Archiv des Landesmuseums für Technik und Arbeit, Mannheim,
130 Aktenstücke, Sign. 992.
Nachlaß Irene Witte, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, Witte-
Bibliothek.
The Frank and Lillian Gilbreth Papers, Purdue University Special Collections, West
Lafayette, Indiana, USA.
Historisches Archiv der RWTH Aachen, ex 191; ex 2989; ex 988b.
Archiv der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, IA 122, Nr. 3f, Journalist
Emil Albert Witte, Bd. 1-3, R 1245-1247.
Bundesarchiv Berlin, ehem. BDC, NSDAP-Mitgliederkartei, Sammlung
Parteikorrespondenz.
Landesarchiv Berlin, A Rep.341, A Rep. 338.
Archiv Deutsches Museum München, ZB 1661.
Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv Köln, RWWA 1-516-1, RWWA 1-516-4.
Archiv Rationalisierungskuratorium der deutschen Wirtschaft, Eschborn/Frankfurt am
Main.
Archiv Springer-Verlag, Heidelberg, B: L, 176.
Eisenwerke Witkowitz, Ostrava, Tschechische Republik, Osobní Listy VHHT, 258.
207
Bergbau-Archiv beim Deutschen Bergbau- Museum Bochum, Findbuch Prof. Dr.
Otto Rosin, Berlin, BBA 2/63, Bestand 99.
Hochschularchiv der Freien Universität Berlin, HSA FUB: WiSo-Fak./Dekanat, Akten
„Lehrbeauftragte“.
Bayerisches Wirtschaftsarchiv, München, Sig.: BWA F5/25.
Archiv Margarete Schütte-Lihotzky, Wien.
Leo-Baeck-Institute London.
Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel.
Archiv Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Amtsgericht Schöneberg, Grundbuchakten.
Standesamt Steglitz zu Berlin, Reg.-Nr. 503/1956.
Ville de Bruxelles.
Landeseinwohneramt Berlin, Melderegister.
Privatarchiv Peter Obst.
Familienarchiv Ursulina Schüler-Witte.
Mündliche Auskünfte und Gespräche
Gespräch mit Georg Huxold, Kaufmann, ehem. Beratungsanwärter der
Betriebswirtschaftlichen Beratungsstelle der Hauptgemeinschaft des Deutschen
Einzelhandels Köln, 7.11.1997 und 12. 7. 2000.
Telephongespräch mit Heinz Knittel, ehem. Beratungsanwärter der
Betriebswirtschaftlichen Beratungsstelle der Hauptgemeinschaft des Deutschen
Einzelhandels Köln, 21.10. 1997.
Gespräch mit Georg Bätzner, Senior-Chef des Hotels Sommerberg in Bad
Wildbad im Schwarzwald. 28. 4. 1998.
Gespräch mit dem Patensohn Wittes, Dr. Ekkehard Weiß, München, 6.2. 1999.
208
Gespräch mit Wilhelm Kranich, ehem. Prokurist und Abteilungsleiter des Verlages der
Betriebswirtschaftlichen Beratungsstelle der Hauptgemeinschaft des Deutschen
Einzelhandels Köln, 14.6.1999
Gespräch mit Peter Obst, ehem. Geschäftsführer der Gesellschaft für Organisation,
13.12. 1999.
Gespräch mit Dr. Horst Lindelaub, Diplom-Kaufmann, 20.4.2000
Gespräch mit Dieter Elter, Bankkaufmann und Testamentsvorllstrecker Wittes, 30. 10.
2000.
Gespräch mit der Architektin Ursulina Schüler-Witte, eine Nichte Irene Wittes und
Tochter des Bruders Franz Witte, 29. 1. 2001.
3. Anmerkungen zum Witte-Nachlaß
1974, zwei Jahre vor ihrem Tod, vermachte Irene Witte ihr gesamtes Archiv Prof. Dr.
Rolf Hackstein, dem Leiter des Forschungsinstituts für Rationalisierung der Rheinisch-
Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH Aachen). 1992 wurden der
Buchbestand und die Akten getrennt. Wittes arbeitswissenschaftliche Bibliothek
verblieb am Aachener Lehrstuhl, die Akten übernahm das Landesmuseum für Technik
und Arbeit in Mannheim (LTA ). Der ursprüngliche Bestand des Nachlasses war
möglicherweise weit umfangreicher als er es jetzt ist. In Briefen ist u.a. die Rede von
umfangreichem Bild- und Filmmaterial, das heute nicht mehr vorhanden ist und dessen
Fülle sich offenbar nur in einer schweren Kiste transportieren ließ1. Auch soll es eine
große Nietzsche-Bibliothek mit wertvollen Erstausgaben gegeben haben2, über deren
Verbleib nichts bekannt ist.
Es ist nicht bekannt, warum Witte ihren Nachlaß nicht an eine Berliner Institution oder
Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, sondern Hackstein überantwortete.
1 „[...]-die lange Kiste mit dem Bildmaterial und dem Filmmaterial. Für Vorlesungen wäre dieses
Material sehr wichtig. Wie bekommen wir dieses Material nach Aachen?[...] Brief von Edith Silbernagel,
Sekretärin von Prof Hackstein, an Edith Hühner, Jugendfreundin und Mitbewohnerin von Irene Witte in
der Schwatlostraße in Berlin- Lichterfelde, vom 3.10.1974. Nachlaß Witte, LTA Mannheim.
2 Interview Peter Obst, 13. 12. 1999. Obst will die Nietzsche-Bibliothek im Haus von Irene Witte gesehen
haben.
209
1977 veröffentlichte Hackstein ein zweibändiges Lehrbuch zum Thema
„Arbeitswissenschaft im Unmriß“3. Darin verweist er nur marginal auf den Nachlaß
Witte. Zum Thema „weibliches Erkennen“ zitierte Hackstein hingegen aus einem
Aufsatz von Herbert Heiss mit dem Titel „Die Frau im Arbeitsprozess“, der in einem
Sammelband des Sozialhygienikers Ernst Baader 1961 veröffentlicht wurde. Darin heißt
es, daß sich die Frau durch ein „waches Sinnenleben, schwächere Bewußtheit und
geringere Reflexion“4 (Hackstein 1977, II., S.96f.) auszeichne. Dazu Getraude Krell:
„Hackstein (...) zitiert diese Passage mit der Anmerkung: ‚Es gibt sicherlich Leser, die
nicht allen vorstehenden Aussagen zustimmen können. Mir steht aber keine ähnlich
gedrängte und zugespitzte Form einer konträren Grundauffassung zur Verfügung. Ich
muß es also dem Leser überlassen, gegenteilige Meinungen in anderen Literaturquellen
aufzuspüren [...].“ Für ein wissenschaftliches Lehrbuch, so Krell, ein äußerst
merkwürdiges Auswahlkriterium.5
4. Gedruckte Quellen und Forschungsliteratur:
Abelshauser, Werner (1975): Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland,
Frankfurt am Main.
- ders. (1987): Die langen Fünfziger Jahre. Wirtschaft und Gesellschaft der
Bundesrepublik Deutschland 1949-1966, Düsseldorf.
Abenhausen, Sigrid (1996): Der Weg der Frauen in die Wissenschaften. Eine Fallstudie
über die Arbeitspsychologin Franziska Baumgarten (1883-1970), Magisterarbeit, TU
Berlin.
Allmayer-Beck, Renate (1996): Zusammenhänge zwischen Wohnungsbau und
Rationalisierung der Hauswirtschaft anhand der Küchenplanungen von Margarete
Schütte-Lihotzky, in: Peter Noever (Hg.), Margarete Schütte-Lihotzky, Soziale
Architektur, Zeitzeugin eines Jahrhunderts, Wien et. al., 235-246.
3 Rolf Hackstein, Arbeitswissenschaft im Umriß; 2 Bde., Essen 1977.
4 Zit. aus Herbert Heiss, Die Frau im Arbeitsprozeß, in: Baader, Ernst W. (Hg.), Handbuch der gesamten
Arbeitsmedizin, 1961, Bd. IV. Hier bei Gertraude Krell, Das Bild der Frau in der Arbeitswissenschaft,
Frankfurt/Main 1984, S. 59, Anm. 4.
5 Ebd.
210
Altvater, Elmar/Hoffmann, Jürgen/ Semmler, Willi (1979): Vom Wirtschaftswunder zur
Wirtschaftskrise, Westberlin.
Anger, Hans (1960): Probleme der deutschen Universität, Tübingen.
Anselm, Sigrun (1987): Emanzipation und Tradition in den 20er Jahren, in: Anselm,
Sigrun / Beck, Barbara (Hg.), Triumph und Scheitern in der Metropole, Berlin, S. 253-
274.
Arendt, Hannah (1967): Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München.
Bajohr, Frank (1997): „Arisierung“ in Hamburg. Die Verdrängung jüdischer
Unternehmer in Hamburg, 1933-1945, Hamburg.
- ders., (2000): „Arisierung“ als gesellschaftlicher Prozess. Verhalten, Strategien und
Handlungsspielräume jüdischer Eigentümer und „arischer“ Erwerbe, in: Fritz Bauer
Institut (Hg.), „Arisierung“ im Nationalsozialismus, Frankfurt/Main.
Barbian, Jan-Pieter (1995): Der Börsenverein in den Jahren 1933 bis 1945, in: Füssel,
Stephan (Hrsg.) (2000), Der Börsenverein des deutschen Buchhandels, Frankfurt/M.,
S.91-117.
Barkai, Avraham (1988): Vom Boykott zur „Entjudung“. Der wirtschaftliche
Existenzkampf der Juden im Dritten Reich 1933-1943. Frankfurt am Main.
Bastian, Harald (1997), Aspekte einer Entwicklungsgeschichte des
Organisationsverständnisses. Rückblick auf 75 Jahre Gesellschaft für Organisation
(Vortragsmanuskript, Hamburg, 3. Juni 1997).
Baumgarten, Franziska (1929): Herrn Moede zur Antwort, in: Psychotechnische
Zeitschrift, Jg. 4, Heft 6, S. 169-172.
- dies. (1929): Darf die verheiratete Frau ihren Mädchennamen tragen? Schweizer
Frauenblatt, Organ für Fraueninteressen und Frauenkultur, Zürich, Jg. 11, Nr. 44, 1.
November 1929, Titelseite u. S. 2.
Berghoff, Hartmut (1999) in: Geoffrey Crossick / Serge Jaumin (Hg.), Cathedrals of
Consumption. The European Department Store, 1850-1939, Rezension in: Zeitschrift
für Unternehmensgeschichte, 45.Jg., Heft 1, 2000, S. 99-100.
Benz, Wolfgang (2000), Geschichte des Dritten Reiches, München.
211
Bloch, E. (1929): ‚Nochmals: Zur Namensänderung /der Ehefrau‘, Schweizer
Frauenblatt, Jg. 11, 47, 22. Nov. 1929, S. 3.
Bock, Gisela (1983): Historische Frauenforschung: Fragestellungen und Perspektiven,
in: Karin Hausen (Hg.): Frauen suchen ihre Geschichte, München.
- dies. (1995): Nationalsozialistische Geschlechterpolitik und die Geschichte der
Frauen, in: Georges Duby / Michelle Perrot (Hg.) Geschichte der Frauen, Vol. 5, 20.
Jahrhundert, Frankfurt/ Main, S. 173-204.
Boyer, Christoph (1998): Wertheim ein Warenhausunternehmen und seine Eigentümer,
Rezension, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, 1998, Heft 2, 43. Jg., S. 247-248.
Büttner, Hans Wolfgang (1973): Das Rationalisierungskuratorium der Deutschen
Wirtschaft, in: Edgar Randel (Hg.), Ämter und Organisationen der Bundesrepublik
Deutschland, Bd. 44, Düsseldorf.
Bungard, Walter (1995): Vorwort, in: F. W. Taylor, Die Grundsätze wissenschaftlicher
Betriebsführung, (Reprint, hrsg. v. W. Bungard u. W. Volpert), Weinheim, S.VIII-
XVIII.
Bunk, Gerhard P. (1972): Erziehung und Industriearbeit, Weinheim / Basel.
Bussemer, H.U. / Meyer, S. / Orland, B. / Schulze, E., (1988): Zur technischen
Entwicklung von Haushaltsgeräten, in: G. Tornieporth (Hg.), Arbeitsplatz Haushalt,
Berlin. S. 116-127.
Buxbaum, Bertold (1921): Rezension Witte, Kritik des Zeitstudienverfahrens, in:
Der Betrieb, 3.Jg., Heft 25, S. 842-844.
Daub, Edelgard (1996): Franziska Baumgarten: Eine Frau zwischen akademischer und
praktischer Psychologie, Frankfurt am Main et.al.
Chase, Stuart (1922), The Challenge of waste. New York.
- ders. (1927), Tragödie der Verschwendung. Gemeinwirtschaftliche Gedanken in
Amerika, Deutsche Bearbeitung von I. M. Witte, München / Berlin.
- ders. (1933), Technocracy. An interpretation. New York.
Clark, Wallace (1925), Leistungs- und Materialkontrolle nach dem Gantt-Verfahren.
Übertragung durch I. M. Witte, München / Berlin.
- ders. (1932), Der Vordruck. Berechtigte deutsche Bearbeitung von Irene Witte und
Rudolf Lellek. München / Berlin (amerikanische Originalausgabe 1925).
212
Coudenhove-Kalergi, Richard N. Graf (1922), Apologie der Technik, Leipzig
- ders. (1932), Revolution durch Technik, Wien.
Dienel, Hans-Liudger (1994): „Hier sauber und gründlich, dort husch-husch, fertig.“
Deutsche Vorbehalte gegen amerikanische Produktionsmethoden 1870-1930, in:
Thomas Werner (Hg.), Blätter für Technikgeschichte, 55. Heft 1993, 11-39.
Dörhöfer, Kerstin (1987): Das Neue Bauen und seine Folgen für den weiblichen Alltag,
in: Sigrun Anselm / Barbara Beck (Hg.), Triumph und Scheitern in der Metropole,
Berlin, 181-206.
Dorner, Maren / Völker, Katrin (1995): Lebenswelten der weiblichen Angestellten.
Kontor, Kino und Konsum? in: Petra Bock, Katja Koblitz (Hg.), Neue Frauen zwischen
den Zeiten, Berlin, 87-111.
Ebbinghaus, Angelika (1984), Arbeiter und Arbeitswissenschaft. Zur Entstehung der
„Wissenschaftlichen Betriebsführung“, Opladen.
Ebert, Hans / Hausen, Karin (1979): Georg Schlesinger und die
Rationalisierungsbewegung in Deutschland, in: Wissenschaft und Gesellschaft. Beiträge
zur Geschichte der Technischen Universität Berlin 1879-1979, Bd.1, Berlin /
Heidelberg / New York, S.315-334.
Eglau, Hans Otto (1980): Erste Garnitur, Die Mächtigen der deutschen Wirtschaft,
Düsseldorf/Wien.
Engell, Lorenz (1992): Sinn und Industrie. Einführung in die Geschichte des Films,
Frankfurt am Main.
Fiedler, Martin (2000), Die „Arisierung“ der Wirtschaftselite, in: Fritz Bauer Institut
(Hg.), „Arisierung“ im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main.
Ford, Henry (1924): Mein Leben und Werk, Leipzig.
Franz, Heike (1998): Zwischen Markt und Profession. Betriebswirte in Deutschland im
Spannungsfeld von Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum (1900-1945), Göttingen.
Freyberg, Thomas von (1989): Industrielle Rationalisierung in der Weimarer Republik,
Frankfurt am Main.
Freyberg, Thomas von / Siegel, Tilla (1991): Industrielle Rationalisierung unter dem
Nationalsozialismus, Frankfurt am Main.
Fuchs, Margot (1994): Wie die Väter so die Töchter, Frauenstudium an der
Technischen Hochschule München von 1899-1970, München.
213
- dies. (1997): Like Fathers – like Daughters. Professionalization Strategies of
Women Students and Engineers in Germany 1890s to 1940s, in: History and
Technology, Vol. 14, 1-2, S. 49-64.
- dies. (1998): Frauenleben für Männertechnik, in: Wilhelm Füßl /Stefan Ittner (Hg.)
Biographie und Technikgeschichte, BIOS, Zeitschrift für Biographieforschung und Oral
History, Jg. 11, Sonderheft 1998, S. 174-188.
Fuchs, Konrad (1990): Ein Konzern aus Sachsen, Das Kaufhaus Schocken als
Spiegelbild deutscher Wirtschaft und Politik 1901 bis 1953, Stuttgart.
Gebhardt, Hertha von (o.J.), Der Anfang, Nach Akten und Erinnerungen aufgezeichnet
1963, in: Soroptimist International Deutsche Union, Anfang und Fortgang 1930 bis
1990, Detmold, S. 3-16.
Geuter, Ulfried (1985): Polemos panton pater- Militär und Psychologie im Deutschen
Reich 1914- 1945, in: Mitchell Ash / Ulfried Geuter (Hg.), Geschichte der deutschen
Psychologie im 20. Jahrhundert, Opladen, S. 146-171.
Giese, Fritz (1926) I.M. Witte „Amerikanische Verkaufsorganisation“, Rezension, in:
Betriebswirtschaftliche Rundschau, III. Jg., 11. Heft, Nov. 1926.
- ders. (1927), Rezension E.A. Klockenberg "Die Rationalisierung der Schreibmaschine
und ihrer Bedienung", in: Betriebswirtschaftliche Rundschau, Frankfurt am Main, 4.
Jg., Heft 1, S. 21.
- ders. (1932), Philosophie der Arbeit, Handbuch der Arbeitswissenschaft 10, Halle.
Giedion, Sigfried (1948): Die Herrschaft der Mechanisierung, Frankfurt am Main 1982.
Gilbreth, Frank Bunker (1917), Das ABC der wissenschaftlichen Betriebsführung. Nach
dem Amerikanischen frei bearbeitet von Colin Ross, Berlin.
- ders. (1920): Angewandte Bewegungsstudien (Applied Motion Study), Berlin.
- ders. (1921): Bewegungsstudien, Vorschläge zur Steigerung der Leistungsfähigkeit
des Arbeiters, Berlin.
Gilbreth, Lillian Moller (1924), The Quest of the One Best Way, A Sketch of the Life
of Frank Bunker Gilbreth, Dedication to the Society of Industrial Engineers, New York.
- dies. (1925a), The Present State of Industrial Psychology, in: Mechanical Engineering,
Reprint November 1925, S.1039-1042.
- dies. (1925b), Frank Bunker Gilbreth, Das Leben eines amerikanischen Organisators,
Berlin / Stuttgart.
214
Goldschmidt, Peter (1988), Walther Moede und die industrielle Psychotechnik,
Versuch einer Werksbiographie, Magisterarbeit, Westfälische Wilhelms-Universität
Münster.
Gottl-Ottlilienfeld, Friedrich v. (1924): Fordismus? Von F.W. Taylor zu H. Ford, in:
ders., Fordismus. Über Industrie und Technische Vernunft, Jena 1925, S.1-41.
Gundlach, Horst (1996): Psychologie und Psychotechnik bei den Eisenbahnen, in: Horst
Gundlach (Hg.), Untersuchungen zur Geschichte der Psychologie und Psychotechnik,
Passauer Schriften zur Psychologiegeschichte, Bd. 11, München/Wien, S. 127-146.
Hachtmann, Rüdiger (1996), "Die Begünder der amerikanischen Technik sind fast
lauter schwäbisch-allemannische Menschen": Nazi-Deutschland, der Blick auf die USA
und die "Amerikanisierung" der industriellen Produktionsstrukturen im „Dritten Reich“,
in: Lüdtke, Alf; Marßolek, Inge; Saldern, Adelheid von (Hg.), Amerikanisierung.
Traum und Alptraum in Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1996, S. 37-66.
Haan, Hugo von (1955), CIOS, in: Rationalisierung, 6. Jg., Heft 2, S.29-32.
Hackstein, Rolf (1977): Arbeitswissenschaft im Umriss, Essen.
Hardensett, Heinrich (1932a), Der kapitalistische und der technische Mensch. München
/ Berlin.
- ders. (1932b), Die Wirtschaft des technischen Menschen, in: Technik Voran! Heft
14, 1932, 334-336 u. 347-351.
- ders. (1933a): Technokratie keine amerikanische Erfindung. In: Technik Voran!
15. 1.1933, 58 – 60.
- ders. (1933b): Zum Geleit!, in: Technokratie. Zeitschrift der Deutschen
Technokratischen Gesellschaft e.V. Heft 1,1933, Berlin, S. 1.
Hausen, Karin (1976): Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“- Eine Spiegelung
der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Sozialgeschichte der Familie in
der Neuzeit Europas, Stuttgart, S. 363-393.
- dies. (1983): Einleitung, in: dies. (Hg.), Frauen suchen ihre Geschichte, München.
- dies. / Ebert, Hans (1979): Georg Schlesinger und die Rationalisierungsbewegung in
Deutschland, in: Wissenschaft und Gesellschaft. Beiträge zur Geschichte der
215
Technischen Universität Berlin 1879-1979, Bd.1, Berlin / Heidelberg / New York,
S.315-334.
- dies. (1986): Warum Männer Frauen zur Wissenschaft nicht zulassen wollen, in: dies./
Helga Nowotny (Hg.): Wie männlich ist die Wissenschaft? Frankfurt am Main.
- dies. (1993a): Wirtschaften mit der Geschlechterordnung, in: dies.
(Hg.):Geschlechterhierarchie und Arbeitsteilung, Zur Geschichte ungleicher
Erwerbschancen von Männern und Frauen, Göttingen, S. 40-67.
- dies. (1993b): Ingenieure, technischer Fortschritt und Geschlechterbeziehungen.
Historische Reflexionen, in: Wolfgang König / Marlene Landsch (Hg.), Kultur und
Technik, Frankfurt am Main et. al., S. 235-252.
- dies. (1997): Frauenerwerbstätigkeit und erwerbstätige Frauen, in: Gunilla- Friederike
Budde (Hg.): Frauen arbeiten, Göttingen, S. 19- 45.
Hellige, Hans Dieter, Walter Rathenau: ein Kritiker der Moderne als Organisator des
Kapitalismus, in: Tilmann Buddensieg et.al. (Hrsg.), Ein Mann vieler Eigenschaften,
Walther Rathenau und die Kultur der Moderne, Berlin 1990, S. 32-52.
Herbst, Ludolf (1996), Das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Frankfurt am
Main.
Herzer, Manfred (2000): „Dunkel ist das Leben, ist der Tod“ – Verschwörungstheorien
und Suizidtabu bei Adolf Brand, in: Marita Keilson-Lauritz (Hg.), Emanzipation hinter
der Weltstadt. Adolf Brand und die Gemeinschaft der Eigenen, Berlin, S. 54-68.
Hessler, Martina (2001): Mrs. Modern Woman. Zur Sozial- und Kulturgeschichte der
Haushaltstechnisierung. Frankfurt am Main.
Hilf, Hugo (1968): Lillian Moller Gilbreth 90 Jahre, in: Arbeit und Leistung, in:
Zentralblatt für Arbeitswissenschaft und soziale Betriebspraxis, Köln, 22. Jg., Heft 7/8,
S. 120 - 121.
Hinrichs, P.; Peter, L. (1976): Industrieller Friede? Arbeitswissenschaft und
Rationalisierung in der Weimarer Republik, Köln.
Homburg, Heidrun (1991): Rationalisierung und Industriearbeit, Arbeitsmarkt –
Management – Arbeiterschaft im Siemens-Konzern Berlin 1900-1939, Berlin.
- dies. (1992), Warenhausunternehmen und ihre Gründer in Frankreich und
Deutschland, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1, S. 183 – 219.
- dies. (1978): Analyse des Taylorsystems in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg.
Eine Problemskizze unter besonderer Berücksichtigung der Arbeitskämpfe bei Bosch
216
1913, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für Historische
Sozialwissenschaft 4 (1978), S.170-194.
Hohlfeld, Johannes (1958): Werden und Wesen des Hauses R. Oldenbourg München.
Ein geschichtlicher Überblick 1858 – 1958, München.
Jaeger; Siegried (1985): Zur Herausbildung von Praxisfeldern in der Psychologie bis
1933, in: Mitchell Ash / Ulfried Geuter (Hg.), Geschichte der deutschen Psychologie im
20. Jahrhundert, Opladen, S. 83-112.
Kanigel, Robert (1997), The One Best Way, New York.
Katalog zur Deutschen Bauausstellung, 9. Mai - 2. August 1931, Berlin Ausstellungs-,
Messe- und Fremdenverkehrs-Amt der Stadt Berlin (Hg.), Bauwelt-Verlag /
Ullsteinhaus Berlin (Hrsg.), Internationale Abteilung.
Kieser, Alfred (1999): Geschichte der Organisationslehre, in: Michael Lingenfelder
(Hg.), 100 Jahre Betriebswirtschaftslehre, München, S. 107- 123.
Kittler, Gertraude (1980): Hausarbeit. Zur Geschichte einer „Natur-Ressource“,
München.
Kocka, Jürgen (1999), Management in der Industrialisierung, Zeitschrift für
Unternehmensgeschichte, 44.Jg., Heft 2, 1999, S. 135-149.
König, Wolfgang (1983), Programmatik, Theorie und Methodologie der
Technikgeschichte bei Conrad Matschoß, in: Verein deutscher Ingenieure (Hg.),
Technikgeschichte, Bd. 50, 4, S.306-336.
- ders. (1985): Männer machen Technikgeschichte, Die „Matschoß-Feldhaus-
Kontroverse“ als Exempel früher Technikgeschichte zwischen Wissenschaft, Kommerz
und Rivalität, Einführung zur Reprintausgabe von C. Matschoß, Männer der Technik,
Düsseldorf.
Koerber, Martin (1994): Oskar Messter, Stationen einer Karriere, in: Frank
Kessler/Sabine Lenk/Martin Loiperdinger (Hg.), KINtop-Schriften 2/3 (1994): Oskar
Messter, Filmpionier der Kaiserzeit, Basel/Frankfurt am Main, S. 27-69.
Kosiol, Erich (1962), Organisation der Unternehmung, Wiesbaden.
Krell, Gertraude (1984): Das Bild der Frau in der Arbeitswissenschaft, Frankfurt am
Main.
217
Ladwig-Winters, Simone (1997a): Wertheim – ein Warenhausunternehmen und
seine Eigentümer, Münster.
- dies. (1997b): Wertheim, Geschichte eines Warenhauses, Berlin.
Leihner, Emil (1968): Aus der Tätigkeit der Betriebswirtschaftlichen Beratungsdienste
des Einzelhandels, in: Leihner (Hg.), Jahrbuch 1968 der Betriebswirtschaftlichen
Beratungsdienste für den Einzelhandel, Köln, 71-80.
- ders. (1976): Nachruf Irene M. Witte, in: Rationalisierung, 27. Jg., Heft 9, S. 211 -
212.
Lenz, Rudolf (1995): Karstadt. Ein deutscher Warenhauskonzern, 1920-1950, Stuttgart.
Luckiesh, Matthew (1926), Licht und Arbeit, Betrachtungen über Qualität und Quantität
des Lichtes und seinen Einfluß auf wirkungsvolles Sehen und rationelle Arbeit,
Deutsche Bearbeitung von Ing. Rudolf Lellek, Berlin (amerikanisches Original: Light
and Work, London 1924).
Lüdtke,Alf / Marßolek, Inge / von Saldern, Adelheid (1996): Amerikanisierung. Traum
und Alptraum im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart, in: dies. (Hg.), S. 7.-36.
Link, Werner (1974): Der amerikanische Einfluß auf die Weimarer Republik in der
Dawesplanphase (Elemente eines „penetrierten Systems“), in: Hans Mommsen, Dietmar
Petzina, Bernd Weisbrod (Hg.), Industrielles System und politische Entwicklung in der
Weimarer Republik. Düsseldorf, S. 485-498.
Maier, Charles (1985): Zwischen Taylorismus und Technokratie, Gesellschaftspolitik
im Zeichen industrieller Rationalität in den zwanziger Jahren in Europa, in: Michael
Stürmer (Hg.), Die Weimarer Republik, Königstein / Ts., S. 188 - 213.
Marßolek, Inge / Lüdtke,Alf / von Saldern, Adelheid (1996): Amerikanisierung. Traum
und Alptraum im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart, in: dies. (Hg.), S. 7-36.
Matschoß, Conrad (1925): Männer der Technik. Ein biographisches Handbuch, Berlin.
Mehrtens, Herbert (1999): Schmidts Schaufel (9,5 kg) - F.W. Taylors Techniken des
"Scientific Management", in: W. Sohn, H. Mehrtens (Hrsg.), Normalität und
Abweichung. Studien zur Theorie und Geschichte der Normalisierungsgesellschaft,
Wiesbaden, S.85-106.
Michel, Eduard (1920): Wie macht man Zeitstudien? Arbeits- und Zeitstudien zur
genauen Festsetzung von richtigen Stücklöhnen in Maschinenfabriken, Berlin.
Mommsen, Hans (1990), Die verspielte Freiheit. Der Weg der Republik von Weimar in
den Untergang 1918-1933, Frankfurt/ Main / Berlin.
218
Moore Trescott, Martha (1983), Dr. Lillian Moller Gilbreth and the Founding of
Modern Industrial Engineering, in: Rothschild, Joan (Hrsg.), Machina Ex Dea, New
York, S.23-37.
Müller, Matthias (2000): Taylorismus: Abschied oder Wiederkehr?, in: Mitbestimmung
7/2000, S.12-17.
Münsterberg, Hugo (1912): Psychologie und Wirtschaftsleben, Leipzig.
- ders. (1909): Aus Deutsch-Amerika, Berlin.
Musil, Robert (1922), Psychotechnik und ihre Anwendungsmöglichkeiten im
Bundesheere, in: Militärwissenschaftliche und Technische Mitteilungen, 53 . Jg., Heft
6, Wien, S.179 und 190.
Neuhaus, F. (1913): F.W. Taylors Grundsätze methodischer Anleitung bei
Arbeitsvorgängen jeder Art, in: Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure,
Sonderdruck, Berlin.
N.N. (1991), Seit über 100 Jahren HERTIE, HERTIE-Gruppe Vorstandsbüro (Hg.),
Berlin und Frankfurt am Main, Dagmar-von-Kurmin-Verlag, Berlin.
N.N. (2000) Dissertationen und Habilitationen bei Schlesinger, in: Spur, Günter /
Fischer, Wolfram (Hg.), Georg Schlesinger und die Wissenschaft vom Betrieb,
München / Wien.
Nipperdey, Thomas (1983a), Deutsche Geschichte 1800-1866, Bürgerwelt und starker
Staat, München.
- ders. (1983b), Deutsche Geschichte 1866-1918, Machtstaat vor der Demokratie,
München.
Nolan, Mary (1994): Visions of Modernity, American Business and the Modernization
of Germany, New York / Oxford.
- dies., (1988): The Infatuation with Fordism: Social Democracy and Economic
Rationalization in Weimar Germany, in: Chance und Illusion, Studien zur Krise der
westeuropäischen Gesellschaft in den dreißiger Jahren, Wien/Zürich.
Obst, Peter (1976): In memoriam, Irene M. Witte - Lellek, in: Zeitschrift für
Organisation 45. Jg., Heft 4, S. 196.
219
v. Oertzen, Christine (1999): Teilzeitarbeit und die Lust am Zuverdienen,
Geschlechterpolitik und gesellschaftlicher Wandel in Westdeutschland 1948-1969,
Göttingen.
Oldenziel, Ruth (1999), „Making Technology Masculine“. Men, Women and Modern
Machines in America, Amsterdam.
Orland, Barbara (1993), Emanzipation durch Rationalisierung?, in: Reese, Dagmar;
Rosenhaft, Eve et al. (Hrsg.), Rationale Beziehungen? Geschlechterverhältnisse im
Rationalisierungsprozess, Frankfurt am Main, 222-250.
Parrish, Wayne William (1932a), What is technocracy?, in: New Outlook 161, Bd. 2,
S.13-18;
- ders. (1932b), Technocracy’ s question, in: New outlook 161, Bd. 3, S.13-17
- ders. (1933a), Technocracy’ s challenge, in: New outlook 161, Bd. 4, S.13-16.
- ders. (1933b), An outline of technocracy, New York.
- ders. (1933c), Technokratie - die neue Heilslehre. München.
Read, Donald (1999), The Power of News. The History of Reuters. Oxford.
Peukert, Detlev J. K. (1987): Die Weimarer Republik, Krisenjahre der Klassischen
Moderne, Frankfurt am Main.
Pevsner, Nikolaus (1963) Europäische Architektur, München.
Pierenkemper, Toni (2000): Unternehmensgeschichte, Eine Einführung in ihre
Methoden und Ergebnisse, Stuttgart.
Prühs, Franz-Peter (1990): Hertie Waren-und Kaufhaus GMBH, Stimmigkeit zwischen
Geschehen im Unternehmen und Erlebniswelt der Menschen. Wie ein Kaufhauskonzern
Wege zu einer „Kultur der Zusammenarbeit“ sucht - Vorbildfunktion der
Führungskräfte, in: Richard Bachinger (Hg.), Unternehmenskultur, Ein Weg zum
Markterfolg, FAZ GMBH, Frankfurt am Main, S. 259-265.
Radkau, Joachim (1989): Technik in Deutschland. Vom 18. Jahrhundert bis zur
Gegenwart, Frankfurt am Main.
Rabinbach, Anson (1990): The Human Motor, Energy, Fatigue and the Critique of
Modernity, New York.
Raehlmann, Irene (1988), Interdisziplinäre Arbeitswissenschaft in der Weimarer
Republik. Eine wissenschaftssoziologische Analyse, Opladen.
220
Rapp, Friedrich (1998): "Technokratie", in: Historisches Wörterbuch der
Philosophie 10 (1998) 954-958.
Rasch, Manfred (1989): Paul Rosin – Ingenieur, Hochschullehrer und
Rationalisierungsfachmann, Beiträge zur Wirtschafts-, Technik- und
Unternehmensgeschichte der 1920er und 1930er Jahre anhand seines Nachlasses, in:
Technikgeschichte, Bd. 56, Nr. 2, S. 101-132.
Reese, Dagmar (1993), Die Kameraden, eine partnerschaftliche Konzeption der
Geschlechterbeziehungen an der Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert, in: Rationale
Beziehungen ? Geschlechterverhältnisse im Rationalisierungsprozeß, Frankfurt/Main
1993, S. 58-74.
Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz vom 22. Juli 1913, bearbeitet von Dr. A.
Romen (Wirklichem Geheimem Kriegsrat), Verlagsbuchhandlung Guttentag, Berlin
1913. Guttentagsche Sammlung Deutscher Reichsgesetze, Nr. 111.
Reissner, Hanns G. (1998), The Histories of "Kaufhaus N. Israel" and of Wilfrid Israel,
in: Leo Baeck Institute Year Book, Leo Baeck Institute, London, S. 227-256.
Ringer, Alfred (1933), Handel und Aussenhandel. Neubau des Aussenhandels im
nationalsozialistischen Deutschland, Berlin.
Sachse, Carola (1987): Betriebliche Sozialpolitik als Familienpolitik in der Weimarer
Republik und im Nationalsozialismus. Mit einer Fallstudie über die Firma Siemens,
Berlin.
von Saldern, Adelheid / Marßolek, Inge / Lüdtke,Alf (1996): Amerikanisierung. Traum
und Alptraum im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart, in: dies. (Hg.).
Sauder, Gerhard (1983), Die Bücherverbrennung, Zum 10. Mai 1933, München.
Scott, Howard (1933), Technology smashes the price system. An inquiry into the nature
of our present crisis, in: Harper’ s Magazine, vol. 166 , Bd 2, S.129-142.
Schäfer, Hans Dieter (1981): Das gespaltene Bewußtsein, Deutsche Kultur und
Lebenswirklichkeit 1933-1945, München/Wien.
Schlesinger, Elise (1921), Die rationelle Haushaltsführung, in: Werkstattstechnik, 15.
Jg., Heft 8, S.235-236.
- dies. (1923, Die rationelle Haushaltsführung, in: Werkstattstechnik, 17. Jg., Heft 17,
S.539-540.
221
Schlesinger, Georg (1920), Psychotechnik und Betriebswissenschaft, Leipzig.
- ders. (1921), Taylor-System und die deutsche Betriebswissenschaft, in:
Werkstattstechnik, 14. Jg., Heft 15, 1921, S. 313-317.
Schmidt-Beil, Ada (1931): Die Kultur der Frau, Eine Lebenssymphonie der Frau des
XX. Jahrhunderts, Berlin.
Schmidt-Waldherr, Hildrud (1988), Rationalisierung der Hausarbeit in den zwanziger
Jahren, in: Tornieporth, Gerda (Hrsg.), Arbeitsplatz Haushalt, Berlin, S.32-54.
Schneider, Dieter (1997): Geschichte der Betriebswirtschaftslehre, in: WiST,
Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 26. Jg., Heft 10, München/Frankfurt/Main,
490-500.
Schröter, Manfred (1958), Die Geistesgebiete des Verlags R. Oldenbourg 1858-1958.
Eine wissenschaftsgeschichtliche Überschau, München.
Shepherd, Naomi (1985), Wilfrid Israel, Berlin.
Siegel, Tilla / von Freyberg, Thomas (1991): Industrielle Rationalisierung unter dem
Nationalsozialismus, Frankfurt am Main.
Siegel, Tilla (1989): Leistung und Lohn in der nationalsozialistischen „Ordnung der
Arbeit“, Opladen.
-dies. (1993): Das ist nur rational. Ein Essay zur Logik der sozialen Rationalisierung, in:
Reese, Dagmar/Rosenhaft, Eve/Sachse, Carola/Siegel, Tilla (Hg.): Rationale
Beziehungen? Geschlechterverhältnisse im Rationalisierungsprozeß, Frankfurt/Main,
363-396.
Sigilla Veri (1929), Lexikon der Juden,- Genossen und Gegner aller Zeiten und Zonen,
insbesondere Deutschlands, der Lehren, Gebräuche, Kunstgriffe und Statistiken der
Juden sowie ihrer Gaunersprache, Trugnamen, Geheimbünde usw., 1. Bd., Erfurt.
Spiekermann, Uwe (1994), Warenhaussteuer in Deutschland, Mittelstandsbewegung,
Kapitalismus und Rechtsstaat im späten Kaiserreich, in: Europäische
Hochschulschriften, Reihe III, Geschichte und Hilfswissenschaften, Frankfurt/M. /
Berlin u.a.
Spillmann, Jutta / Spillmann, Lothar (1993): The Rise and Fall of Hugo Münsterberg,
in: Journal of the History of the Behavioral Sciences, Vol. 29, S. 322-338.
222
Stoehr, Irene (1990): Emanzipation zum Staat? Der Allgemeine Deutsche Frauenverein-
Deutscher Staatsbürgerinnenverband (1893-1933), Forum Frauengeschichte, Bd. 5,
Paffenweiler.
Stürzebecher, Peter (1978): Warenhäuser, in: Architekten und Ingenieur-Verein zu
Berlin (Hg.), Berlin und seine Bauten Teil VIII- Bauten für Handel und Gewerbe, Band
A, Berlin.
Taylor, Frederick W. (1913), Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung
(Reprint, hrsg. v. W. Bungard u. W. Volpert), Weinheim 1995.
Tietz, Georg (1965): Hermann Tietz, Geschichte einer Familie und ihrer Warenhäuser,
Stuttgart.
Tornieporth, Gerda (Hg.) (1988): Arbeitsplatz Haushalt, Berlin.
Trescott, Martha Moore (1983): Lillian Moller Gilbreth and the Founding of Modern
Industrial Engineering, in: Joan Rothschild, Feminist Perspectives on Technology,
New York, S. 23-37.
Uhlig, Heinrich (1956): Die Warenhäuser im Dritten Reich, Köln / Opladen.
Viefhaus, Erwin (1981), Ingenieure in der Weimarer Republik: Bildungs- und
Gesellschaftspolitik 1918 bis 1933, in: Ludwig, Karl-Heinz, Technik, Ingenieure und
Gesellschaft, Geschichte des Vereins deutscher Ingenieure, 1856-1981, Düsseldorf, S.
289-346.
Volpert, Walter (1995): Einführung - Von der Aktualität des Taylorismus, in:
F.W.Taylor, Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung (Reprint, hrsg. v. W.
Bungard u. W. Volpert), Weinheim, S.XIX-LVII
Wallichs, Adolph (1922): Rezension Witte, Kritik des Zeitstudienverfahrens, in:
Elektrotechnische Zeitschrift, 43. Jg., 7. Sept. Heft 36, S. 1149.
Weber, Max (1991), Die protestantische Ethik I, Gütersloh.
Weidenmüller, Werbwalt (1924), Der Organisator, in: Organisation, Nachrichten des
Organisatoren-Verbandes, Sitz Berlin, 26. Jg. Heft 17/18, Sept. 1924, S. 380.
Weil, Simone (1978): Fabriktagebuch und andere Schriften zum Industriesystem,
Frankfurt/Main, (Erstveröff. Paris 1951).
Weinmann, Kurt (1926), Rezension I.M. Witte, "Amerikanische Büroorganisation", in:
Werkstattstechnik, 20.Jg., Heft 9, S.301.
223
Wildt, Michael (1994): Am Beginn der „Konsumgesellschaft“, Mangelerfahrung,
Lebenshaltung, Wohlstandshoffnung in Westdeutschland in den fünfziger Jahren,
Hamburg.
-ders. (1996): Technik, Kompetenz, Modernität. Amerika als zwiespältiges Vorbild für
die Arbeit in der Küche 1920-1960, in: Alf Lüdtke, Inge Marßolek, Adelheid von
Saldern (Hg.), Amerikanisierung, Traum und Alptraum in Deutschland des 20.
Jahrhunderts, Stuttgart, 78-95.
-ders. (1998): Privater Konsum in Westdeutschland in den 50er Jahren, in: Axel Schildt/
Arnold Sywottek (Hg.), Modernisierung und Wiederaufbau, Die westdeutsche
Gesellschaft der 50er Jahre, Bonn, 275-289.
Willeke, Stefan (1995): Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland
zwischen den Weltkriegen, Eine vergleichende Analyse. (Studien zur Technik-,
Wirtschafts- und Sozialgeschichte. 7.) Frankfurt am Main et. al.
Witte, Emil (1907), Aus einer deutschen Botschaft, Leipzig.
- ders. (1911), Ein Obergutachten des Königl. Medizinalkollegiums zu Coblenz und der
gesunde Menschenverstand, Berlin.
- ders. (1914), Wider das Juden- u. Kynädenregiment, Offener Brief an den
Reichskanzler, Selbstverlag, Berlin.
- ders. (1914b), Drei Siegfriedsrufe, An die Väter, Mütter & Lehrer deutscher Jungen,
Selbstverlag, Berlin.
- ders. (1916), Revelations of a German Attaché, Ten Years of German-American
Diplomacy (amerikanische Ausgabe von E. Witte 1907), New York.
Wöhe, Günther (1960): Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre,
München.
Wohlauf, Gabriele (1996): Moderne Zeiten. Normierung von Mensch und Maschine, in:
Horst Gundlach (Hg.), Untersuchungen zur Geschichte der Psychologie und
Psychotechnik, Passauer Schriften zur Psychologiegeschichte, Bd. 11, München/Wien,
S. 147-164.
Wolff, Charlotte (1986), Magnus Hirschfeld, A Portrait of a Pioneer in Sexology,
London / Melbourne / New York.
Wünsche, Konrad (1989): Bauhaus: Versuche, das Leben zu ordnen, Berlin.
Wupper-Tewes, Hans (1995): Rationalisierung als Normalisierung, Münster.
224
Young-Bruehl, Elisabeth (1991); Hannah Arendt, Leben, Werk und Zeit, Frankfurt am
Main.
Zola, Emile (1976): Paradies der Damen, München (Paris 1883).
Abkürzungen
LTA Landesmuseum für Technik und Arbeit, Mannheim
RWTH Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
ASME American Society of Mechanical Engineers
VDI Verein deutscher Ingenieure
SM Scientific Management
HdE Hauptgemeinschaft des Einzelhandels
BBE Betriebswirtschaftliche Beratungsstelle des Einzelhandels
RKW Rationalisierungskuratorium der deutschen Wirtschaft
IW Irene Witte
FBG Frank Bunker Gilbreth
LMG Lillian Moller Gilbreth