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[en] (orig)
Oberflächencharakterisierung von aliphatischen Polyamiden
zur Bewertung adhäsiver Wechselwirkungen in
Carbonfaserverbunden
vorgelegt von
Diplom-Chemiker
David Immanuel Richter
Berlin
Fakultät II – Mathematik und Naturwissenschaften
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Naturwissenschaften
- Dr. rer. nat. -
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr. rer. nat. Dieter Ziessow
Berichter/Gutachter: Prof. Dr. rer. nat. Jürgen Springer
Berichter/Gutachter: Prof. Dr. rer. nat. Martin Schoen
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 17. August 2004
Berlin 2004
D 83
Danksagung
Konzeptionell-theoretische Arbeiten bergen immer die Gefahr in sich, dass man im eigenen Saft
schmort, das Rad neu erfindet oder sich der Realität entfremdet. Wenn man dann noch zum
letzten wissenschaftlichen Mitarbeiter eines „abgewickelten“ Arbeitskreises avanciert, potenziert
sich dieses Risiko. Daß die Vereinsamung dennoch auf harte Gegenwehr stieß, verdanke ich der
Bereitschaft vieler Menschen, meine Sorgen, Emotionen und Erfolge mit mir zu teilen. Ich danke
sehr herzlich
- Prof. Dr. Jürgen Springer. Ich hätte mir keinen besseren Doktorvater wünschen können...und
wollen schon gar nicht.
- Prof. Dr. Martin Schoen für die freundliche und engagierte Übernahme des Zweitberichts,
obwohl dies mit einigen Strapazen und Unwegsamkeiten verbunden und eigentlich ja schon zum
Scheitern verurteilt war.
- dem Graduiertenkolleg „Polymerwerkstoffe“ der drei Berliner Universitäten für die finanzielle
Unterstützung und insbesondere Frau Karin Erhardt, die sich mit sehr viel Offenherzigkeit um
die Belange jedes einzelnen Stipendiaten gekümmert hat,
- Herrn Prof. Dr. Georg Hinrichsen für seine Unterstützung bei dem Existenzgründungsversuch
und seiner stetigen Bereitschaft, in die Geschicke meiner Arbeit einzugreifen,
- dem Graduiertenkolleg „Synthetische, mechanistische und reaktionstechnische Aspekte von
Metallkatalysatoren“ der drei Berliner Universitäten für die finanzielle Unterstützung und
insbesondere Prof. Dr. H. Schumann, der sich sehr für mich eingesetzt hat,
- Herrn Prof. Dr. Dieter Ziessow für sein Engagement in der Lehre, das mir die physikalische
Chemie nahe gebracht hat; für das anregende Gespräch über Zustände in der Thermodynamik,
- Dr. Alexander Bismarck, der mich im Herbst ’96 der Festkörperchemie entriß, von der
Thematik der adhäsiven Verbunde begeisterte und in eine großartige Arbeitsgruppe einführte.
Alex, ich hoffe, wie verlieren uns nicht aus den Augen!
- Dr. Joachim Rübner für seine administrative Unterstützung; für seine sehr willkommenen
Ratschläge, als ich mich plötzlich mit Synthese-Fragen konfrontiert sah,
- Meinem Praktikanten, „HiWi“ und guten Kumpel Alexander Rochlitz, für seine tatkräftige
Unterstützung bei der Planung und Konstruktion der „Zetapotentialkiste“ und bei der
Durchführung von Randwinkelmessungen und SFF-Tests,
- Frau Oehlert, der guten Seele des Labors, die einfach immer wußte, wie man’s macht,
- Manuela Krüger für die Durchführung der Lichtstreuung und dafür, daß sie meine Unordnung
ertragen und unser Labor (fast) jeden Tag mit Frohsinn und Sonnenlicht geflutet hat,
- Frau Dr. Martina Ebert (EMS-Chemie AG / Donath) für die Überlassung der Polyamidfolien,
- Dr. H. Springer (Institut für Nichtmetallische Werkstoffe, TU Berlin) für die Bereitstellung der
HDPE-Folien,
- Dr. Adam Lee und Dr. Karen Wilson (Green Chemistry and Clean Technology Group,
Department of Chemistry, University of York) für die ESCA-Spektren,
- Frau Martina Bistritz (BAM) für ihre Bereitschaft, die Mühsalen der
Einzelfasercharakterisierung auf sich zu nehmen,
- Prof. em. Dr. H. Siekmann (Fachgebiet Hydraulische Strömungsmaschinen und
Strömungstechnik, TU Berlin) für seine Einführung in die Tücken von Rohrleitungssystemen,
- dem freundlichen Mitarbeiter in der dortigen mechanischen Werkstatt, dessen Namen ich leider
nicht mehr weiß, ohne dessen aufopfernde Unterstützung der Prototyp der ElektrA 2002 jedoch
niemals fertig geworden wäre,
- Dr. E. Schulz (BAM) und Dr. C. Marotzke (BAM) für die unterstützenden Diskussionen bei
meiner Suche nach einem Verständnis für Faserverbundwerkstoffe,
- Dr. Martin Dieterle für die Raman-Spektren in einem sehr frühen Stadium dieser Arbeit, als ich
noch gehofft hatte, man könnte Adhäsion „sichtbar“ machen,
- den Mitarbeitern der Analysenabteilungen sowie den Werkstätten des Institut, insbesondere D.
Grimm, M. Knuth und A. Müller,
Mein besonderer Dank gilt:
- meinen wissenschaftlichen Mitstreitern und Freunden Dr. Alexander „Öttinger“ Bismarck, Dr.
Angelika „Kaffeekamel“ Menner, Dr. Mirsad „Miko“ Selimovic, Dr. Emin „Chemiker in
Dübeln“ Kumru, Dr. Olaf „Telekom-rosa“ Lehmann für die vielen gemeinsamen Stunden: im
Labor (ohne Bier), im Labor (mit Bier), in der Hasenheide (mit Bier und Würstchen), in
Schildow (na klar, mit Bier und Würstchen) und – OK,OK - auch im Wedding (auch hier gab’s
Bier). Ich hoffe sehr, dass der Kontakt nicht abreißt, auch wenn wir quer über Europa verstreut
sind (ja, auch Augsburg gehört zu Europa, Emin).
- Dr. Jochen Gottfriedsen für die gemeinsamen Pläne und Visionen, die zwar gescheitert aber
bestimmt nicht vergebens gewesen sind,
- Dr. Martin Böhning für die vielen Gespräche über „die Kunst, eine wissenschaftliche Apparatur
zu bauen“; für seine Ratschläge, um meine Aktivitäten in die richtige Richtung zu lenken, als es
von wichtigen Konzepten dieser Arbeit eigentlich nicht mehr als nur fixe Ideen gab,
- Dipl.-Chem. Celine Elsäßer, Dipl.-Phys. Dirk Woywod, Dipl.-Phys. Wolfgang Benten, Dipl.-
Chem. Alexandra Steffens (die weiter unten in anderem „Zusammenhang“ noch einmal
auftaucht) für die Geduld, die ihr aufbringen musstet, um aus meinen manchmal etwas gewagten
Thesen und wirren Vorstellungen von der Mathematik (insbesondere ihrer Anwendung)
herauszufiltern, was ich denn nun eigentlich meine, um mir dann zu erklären, wie man’s richtig
machen muß...ich hab’s versucht, Freunde!
- Sascha Böhme, Jan Schneider, Alexander Hass, Sven Sticha, Anke Noack, Matthias Knapp,
Sven Hermann, Uli Voigt, Carsten Henssinger und Christoph Scharek dafür, daß ich sie über
viele Jahre mit meinem naturwissenschaftlichen Perfektionismus und meinen Visionen von
komplexen Computerspielen quälen durfte; und nochmals Sascha, Jan, Alexander und Sven für
die großartige Unterstützung im Zusammenhang mit der Erstellung einiger Grafiken.
und schließlich...
...Alexandra, die in den letzten Monaten meine Abwesenheit zu spüren bekam, obwohl ich
eigentlich da war; die mich von den vielen lästigen Alltagsproblemen abgeschirmt hat; die dafür
gesorgt hat, dass ich nicht so viel an Gewicht verliere, als daß ich die Türen des TU-
Hauptgebäudes nicht mehr zu öffnen vermag; und die für mich da war, als das sehr wichtig war.
...meinen Eltern, für die umfassende humanistische Bildung, die sie mir haben angedeihen lassen,
für die Förderung von Streitkultur und geistiger Wachsamkeit, für die Duldung meiner
Escapaden in die unterschiedlichsten Bereiche von Naturwissenschaft und Technik, die oftmals
auch mit fast zu großem finanziellen Aufwand verbunden waren, für...vieles – auch wenn ich das
im kindlichen und jugendlichen Alter vielleicht manchmal anders gesehen habe.
0-1
Teil 1 Fragen und Analysen
1 Von Oberflächen zu Grenzschichten: Adhäsion und die Suche nach neuen
Werkstoffen
1.1 Polymere Werkstoffe und die wirtschaftliche Stellung der
kunststoffverarbeitenden Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-5
Die gesamtwirtschaftliche Positionierung der kunststoffverarbeitenden Industrie (KVI) - - - 1-5
Struktur- und Branchendaten der KVI - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-5
Marktsegment: Kunststoffe in der Automobilindustrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-6
Marktsegment: Kunststoffteile in der Elektroindustrie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-6
Marktsegment: Kunststoffe in der Verpackungsmittelindustrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-6
Marktsegment: Kunststoffe in der Klebstoffindustrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-7
Zum Innovationscharakter der KVI - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-7
Wirtschaftlicher Ausblick - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-8
Kritische Erfolgsfaktoren für Unternehmen der kunststoffverarbeitenden Industrie - - - - - 1-8
1.2 die Herausforderungen an die moderne KVI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-9
Markteintrittsbarrieren für neue Kunststoffprodukte - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-9
Entwicklungsstrategien für Kunststoffe - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-9
1.3 Haftung und Enthaftung in technischen Systemen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-10
Haftverbunde - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-10
Wechselwirkungen von Elektrolytlösungen mit Festkörpern - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-11
Komplexe Eigenschaftskombinationen und Biomaterialien - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-11
1.4 Wer hat’s erfunden? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-13
1.5 Was ist Adhäsion? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-15
Eine Definition statt einer Einführung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-15
Der Adhäsionsbegriff bei anderen Autoren - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-15
Zur Quantifizierbarkeit von Adhesion - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-17
Einführung zu einem philosophischen Exkurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-17
Prozeß und Zustand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-17
Physikalische Grundbegriffe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-18
Adhäsion als Zustand. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-19
Das „Meßproblem“ der Adhäsionsforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-24
Der Dualismus im Adhäsionsbegriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-24
Der Adhäsionsbegriff im Rahmen dieser Arbeit - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-25
1.6 Von Oberflächen und Grenzschichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-26
Ein simpler Faserverbund - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-26
Zur Universalität des Begriffs Grenzfläche - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-26
Einführung des Begriffs Grenzschicht - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-27
Der Grenzschichtbegriff der Naturwissenschaften - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-29
Der Grenzschichtbegriff der Ingenieurwissenschaften - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-31
Zwei Welten treffen aufeinander - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-33
Die Rolle der Grenzschicht in Haftverbunden - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-34
1.7 Theorie und Praxis der Adhäsion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-35
Von der Bauernregel zur Adhäsionstheorie - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-35
Adhäsionsforschung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-37
0-2
1.8 Die mesoskopische Domäne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1-38
Einführung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-38
Die 4 Kräfte der Natur - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-40
Zwischenmolekulare Kräfte - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-40
van der Waals (vdW) - Wechselwirkung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-41
Zum Sonderfall Wasserstoff-Bückenbindung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-41
Stärke und Zusammenspiel zwischenmolekularer Kräfte - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-42
Zum Spezifischen an Adhäsionsmodellen - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1-43
1.9 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1-44
2 Das Konzept
2.1 Motivation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2-3
2.2 Bestandsaufnahme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2-4
Absolut relativ - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -2-4
Cui bono est? - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -2-6
...Berlin - Rom - Erkner - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -2-6
Black Boxes ohne Error Bars - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -2-9
Aufgabenstellung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 2-10
2.3 Experimenteller Fokus und Strategie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2-11
Einführung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 2-11
Aliphatische Polyamide (Nylons) - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 2-11
Auswahl und Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-11
Charakteristische Strukturkomponenten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-12
Nomenklatur in dieser Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-13
Physikalische und chemische Charakterisierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-13
Polyethylen - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 2-15
Auswahl und Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-15
Charakteristische Strukturkomponenten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-16
Physikalische und chemische Charakterisierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-16
Carbonfasern - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 2-17
Auswahl, Herkunft und Präparation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-17
Morphologische Aspekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-17
Nomenklatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-18
Ein Modellexperiment - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 2-19
Faseroberflächenanalyse mittels ESCA. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-20
Modell-Verbund-Systeme (MVS) - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 2-25
Auswahl. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-25
Präparation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-25
Nomenklatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2-26
Das Experimentelle Rüstzeug - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 2-27
2.4 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2-27
0-3
3 Drei Methoden und Verfahren zur Charakterisierung von Oberflächen
und Grenzschichten im Kontext der anwendungsgerechten Optimierung
attraktiver Wechselwirkungen in Materialverbunden
3.1 Thermodynamisch basierte Methoden: Benetzungsmessungen . . . . . . . . . . 3-2
Ein Beispiel - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-2
Mesoskopische Modellierung einer 2-Phasen-Grenze - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-3
Die Oberflächenspannung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-4
Die Thermodynamische Adhäsionsarbeit Wa - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-6
Der experimentelle Zugang zur Adhäsionsarbeit Wa - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-7
Indirekte Bestimmung von und Separationsansatz - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-8
Der Separationsansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-8
Bestimmung von und Wa nach Owens/Wendt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3-9
Bestimmung von und Wa nach Wu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-10
Bestimmung von und Wa nach van Oss/Good . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-12
Indirekte Bestimmung von und Zustandsgleichung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-14
Die Zustandsgleichung der Grenzflächenspannung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-14
Bestimmung von γS nach Neumann. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-15
Bestimmung von Wa nach Kwok . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-16
Experimentierumgebung für die Benetzungsmessungen an den Carbonfasern - - - - - - - - 3-16
Experimentierumgebung für die Benetzungsmessungen an den Polyamidfolien - - - - - - - 3-16
3.2 Elektrokinetische Verfahren: Zetapotentialmessungen nach der
Strömungspotential/-strom-Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-17
Die elektrochemische Doppelschicht - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-17
Das Zetapotential - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-20
site-dissociation- und site-binding-Modelle - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-21
ZpSM zur Bestimmung von ζ - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-22
Typische Kurvenverläufe pH-abhängiger ZpSM - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-23
Die ZpSM als komparative Meßmethode - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-25
Experimentierumgebung zur Durchführung der ZpSM - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-26
3.3 Mikromechanische Verfahren: Einzelfaserfragmentierungstest . . . . . . . 3-27
Das Versuchsprinzip - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-28
Mikromechanische Modellierung des Einzelfaserfragmentierungstests - - - - - - - - - - - - - 3-28
Anwendung des Kelly/Tyson-Modells auf reale Systeme - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-30
Einzelfaserzugfestigkeit und Fragmentlängenverteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-30
Fasergeometrie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-31
Die modifizierte Kelly/Tyson-Gleichung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-31
Einzelfaserzugfestigkeit und Weibull-Modul - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-31
Die 2-parametrige Weibull-Verteilung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-32
Der Weibull-Plot. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-32
Bestimmung von . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-33
Bestimmung des mittleren Faserdurchmessers - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-33
Bestimmung des statistischen Korrekturfaktors Kρ
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-33
Bestimmung der mittleren Fragmentlänge - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-34
Zur Anwendbarkeit des constant shear Modells nach Kelly/Tyson und des
Einzelfaserfragmentierungstests - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-35
Experimentierumgebung zur Bestimmung von
τ
IFSS - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 3-36
3.4 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3-36
σl()
0-4
4 Der praktische Einsatz einiger Charakterisierungsmethoden am Beispiel der
carbonfaserverstärkten Polyamide (CFRPA)
4.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4-2
Testflüssigkeiten für Benetzungsmessungen - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -4-2
4.2 Carbonfasern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4-3
Benetzungsmessungen - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -4-3
Kontaktwinkel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-3
Oberflächenspannung nach Wu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4-3
Oberflächenspannung nach Ownes/Wendt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-4
Oberflächenspannung nach van Oss/Good . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-4
Oberflächenspannung nach Neumann/Kwok. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-4
Mechanische Charakterisierung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -4-5
Bestimmung des Faserdurchmessers. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-5
Bestimmung der Faserzugfestigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-6
ZpSM-Messungen - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -4-8
Charakterisierung der unmodifizierten Ausgangsfaser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-8
Auswirkungen der Fasermodifizierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-9
Untersuchungen zum Modellexperiment. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-9
4.3 Polymere Matrices . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4-11
Benetzungsmessungen - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 4-11
Kontaktwinkel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-11
Oberflächenspannung nach Wu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4-11
Oberflächenspannung nach Ownes/Wendt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4-12
Oberflächenspannung nach van Oss/Good . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4-13
Oberflächenspannung nach Neumann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4-13
ZpSM-Messungen - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 4-14
Ergebnisse für HDPE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-14
Ergebnisse für die aliphatischen Polyamide . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-14
4.4 Modellverbundsysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-16
Thermodynamische Adhäsionsmodelle - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 4-16
Thermodynamische Adhäsionsarbeit nach Wu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4-16
Thermodynamische Adhäsionsarbeit nach Ownes/Wendt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4-16
Thermodynamische Adhäsionsarbeit nach van Oss/Good . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4-17
Thermodynamische Adhäsionsarbeit nach Neumann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4-18
Thermodynamische Adhäsionsarbeit nach Kwok . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4-18
Einzelfaserfragmentierungstest - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 4-19
Mittlere Fragmentlänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-19
Mittlere Einzlfaserzugfestigkeit bei mittlerer Fragmentlänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4-19
Grenzflächenscherfestigkeit nach Kelly/Tyson - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 4-20
0-5
Teil 11 Modelle
5 Chemometrische Modellierung von aliphatischen Polyamiden
5.1 Konventionelle Klassifizierungsoptionen für Polyamide . . . . . . . . . . . . . .5-4
Die konstitutive Wiederholungseinheit PWE - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 5-5
Die Parität P - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 5-5
Homologe Reihen und isomere Gruppen - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 5-6
5.2 Die extended-Kettenkonfiguration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5-6
5.3 Die konfigurative Wiederholungseinheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5-10
Grundformeln und Bezeichner - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 5-12
5.4 Konventionelle Skalierungsmodelle für aliphatische Polyamide . . . . . . 5-13
Vom Strukturelement zum Strukturmerkmal - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 5-13
Das Problem der Ununterscheidbarkeit - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 5-14
Lokale Auslegung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 5-14
Grenzwertbetrachtung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 5-15
Das Modell „Amidgruppenkonzentration“ - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 5-16
5.5 Polyamidmoleküle als binäre Mischung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5-18
5.6 Wiederholungseinheit und Indifferenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5-19
5.7 Die Strukturelemente der Homopolyamide und deren Einfluß auf die
Morphologie der Festphase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5-21
Einleitung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 5-21
Struktur durch Optimierung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 5-22
Zur physikalischen Struktur von Polyamiden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5-22
Triebkraft 1: Ausbildung von Wasserstoffbrückenbindungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5-23
Triebkraft 2: vdW-Attraktion der Paraffinketten-Segmente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5-24
5.8 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5-25
6 Ein Modell für adhäsive Verbunde aus Carbonfasern und aliphatischen
Polyamiden (CFRPA)
6.1 CFRPA und Arbeitshypothese I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6-3
6.2 CFRPA und Arbeitshypothese II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6-4
6.3 Ein Rechenbeispiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6-5
6.4 Definition des bonding site pattern (BSP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6-8
6.5 Chemometrische Beschreibung der BSPs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6-13
6.6 Das Rechenbeispiel in neuem Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6-13
6.7 Vom BSP zum Strukturmerkmal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6-14
Echte und unechte Strukturmerkmale - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-14
Analytisch - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-15
Numerisch - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-16
Analytisch vs. Numerisch - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-18
Gegenüberstellung der Strukturmerkmale - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-21
0-6
6.8 Vom Strukturmerkmal zum Verbundmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6-22
Verbundmodell und grundlegende Interpretation - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-22
Verbundmodell und Separationsansatz - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-24
6.9 Kritische Bewertung des Modells . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6-26
„SIMSURF“ - Ein MATLAB-Programm - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-26
Konfigurationsannahme - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-28
Additivitätsannahme - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-28
Sättigungsannahme - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-29
Homogenitätsannahme - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-31
Vollständigkeitsannahme - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-31
Souveränitätsannahme - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-31
Vernachlässigung repulsiver Wechselwirkungen - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 6-32
7 Ein Evaluierungskonzept für die Gegenüberstellung von Theorie und
Experiment
7.1 Evaluierungsfaktoren für CFRPA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7-3
Verstärkungsfaktor Mf[BS] - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 7-3
Das Verstärkungsinkrement M
[BS] - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 7-4
Das Kompatibilitätsinkrement Mic - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -7-5
7.2 Modell-Korrelationsfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7-7
Modell-Korrelationsfaktor M
φ
c - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -7-7
Modell-Korrelationsfaktor M
φ
f - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -7-8
8 Elektrokinetische Modellierung aliphatischer Polyamide
8.1 Der Ausgangspunkt wird definiert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8-3
8.2 Referenzsysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8-4
Analoge Systeme in der Biochemie - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -8-4
Aminosäuren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8-4
Peptide . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8-6
Das two site dissociation-Modell von Rendall/Smith - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 8-8
8.3 Elektrokinetische Modellierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8-8
Mechanismen der Ladungsausprägung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -8-8
Dissoziationsmodell und Nettoformalladung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8-8
Generalisierung der pH-abhängigen Ladungsausprägung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8-10
Das Prinzip des „experimentellen Fensters“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8-10
Skalierung und Positionierung der Masterkurve . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8-11
Ladungsdistribution und Potentialverlauf - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 8-13
8.4 Verfahrensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8-15
8.5 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8-15
0-7
Teil 111 Kritik der Vertrauenswürdigkeit
9 Der SFC-Test: Traue keiner Statistik, ...
9.1 Dichtefunktionsanpassung an Häufigkeitsverteilungen von Stichproben 9-4
Was ist zu tun? - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 9-4
Der Einfluß der Klassenbreite auf die Lage der Stützpunkte - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 9-5
Stützpunkte und Häufigkeitsverteilungsfunktion - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 9-6
Der Kern des Problems - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 9-6
Die Auswahl der Häufigkeitsverteilungsfunktion - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 9-8
Vorschlag für ein optimiertes Verfahren zur Erlangung vertrauenswürdiger Werte
für die mittlere Fragmentlänge - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 9-10
Teil 1111 Erkenntnisse
10 Ist das CFRPA-Verbundmodell eine Struktur/Eigenschaft-Beziehung im
Sinne der Adhäsionsforschung?
10.1 Verbundmodell vs. praktische Adhäsion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10-4
Die Kompatibilitätsfaktoren
τ
c - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 10-4
Das Kompatibilitätsinkrement
τ
ic - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 10-7
Die Verstärkungsfaktoren
τ
f[BS] - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 10-8
Separationsansatz für die Grenzflächenscherfestigkeit
τ
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 10-9
10.2 Schlußfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10-14
11 Skalierungsmodell und thermodynamische Adhäsion
11.1 Das Versagen der Linearitätsannahme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11-2
Die Kompatibilitätsfaktoren Mc - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 11-2
Die Kompatibilitätsinkremente Mic - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 11-5
Die Verstärkungsfaktoren Mf[BS] - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 11-6
Die Verstärkungsinkremente M
[BS] - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 11-8
11.2 Die Benetzungsmessungen unter der Lupe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11-9
Das „constitutive law of wettability- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 11-9
Randwinkel, Oberflächenspannung und Strukturmerkmal - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 11-10
Thermodynamische Adhäsionsarbeit und Strukturmerkmal - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 11-12
11.3 Kampf der Modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11-16
11.4 Schlußfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .11-17
11.5 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .11-18
0-8
12 Thermodynamik vs. Mikromechanik
12.1 Die Basis der Gegenüberstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .12-2
12.2 Die Details der Gegenüberstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12-5
Die Modellkorrelationsfaktoren M
φ
f - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 12-5
Die Beziehung M
φ
f ([BS]) - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 12-5
12.3 Schlußfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .12-6
13 Elektrokinetik vs. Mikromechanik
13.1 Anwendung des Zwitterionenmodells . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .13-2
Datenerhebung - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 13-2
Interpretation der Zwitterionencharakteristik - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 13-3
Saure oder basische Oberflächencharakteristik? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .13-3
Falscher pK+-Wert? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .13-4
Endgruppenäquivalent und Oberflächengruppendichte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .13-5
13.2 Die ZpSM als komparative Meßmethode? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .13-9
Sensibilisierung des Lesers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .13-9
Haftung und Molmasseneffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .13-9
Elektrokinetik vs. Mikromechanik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .13-11
13.3 Das Adhäsionsmodell nach Häßler/Jacobasch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13-14
13.4 Schlußfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13-15
14 Schlußwort
15 Anhang
15.1 Verzeichnis der Abkürzungen und Symbole . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15-2
Abkürzungen - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 15-2
Symbole - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 15-2
15.2 Programm-Code . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15-5
MATLAB-Implementierung des WUschen Verfahrens zur Berechnung der
Festkörperoberflächenspannungsanteile γd und γp - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 15-5
MATLAB-Implementierung des WUschen Verfahrens zur Berechnung der thermodynamischen
Adhäsionsarbeit Wa - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 15-7
Teil 1
Fragen und Analysen
„Die Realität setzt sich aus Objekten der Wahrnehmung,
des Wissens und der Meinung zusammen“
Xenokrates
1-3
1 Von Oberflächen zu Grenzschichten:
Adhäsion und die Suche nach neuen
Werkstoffen
(1) Die Bedeutung polymerer Werkstoffe –
Wirtschaftsdaten der deutschen kunststoffverar-
beitenden Industrie
(2) Probleme der Werkstoffsubstitution -
Wirtschaftsdaten der deutschen kunststoffverar-
beitenden Industrie, Motivation und Barrieren
bei der Markteinführung neuer Kunststoffe
(3) Haftung und Enthaftung in technischen
Systemen – zur Allgegenwärtigkeit von Adhä-
sion
(4) Zur Historie adhäsiver Verbunde –Von
Bibel bis Zellbiologie
(5) Der Adhäsionsbegriff –Das semantische
Chaos der Adhäsionsforschung, zur Meßbarkeit
von Adhäsion, ein philosphischer Exkurs
(6) Zur Rolle von Oberflächen und Grenz-
schichten – ein simpler Faserverbund, die ewige
Suche nach dem Bindeglied zwischen Theorie
und Praxis
(7) Adhäsionsforschung – Wer braucht sie?
Geht es auch ohne?
(8) Die mesoskopische Domäne – physikali-
sche und chemische Kräfte, spezifische Adhäsi-
onsmodelle
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-4
Einleitung
Die zunehmende Globalisierung und die stetig steigenden Anfor-
derungen an die Material- und Verbrauchseigenschaften von mo-
dernen Kunststoffprodukten erhöhen den Innovationsdruck auf
die Unternehmen des kunststoffverarbeitenden Gewerbes. Die
technologieübergreifenden Entwicklungsprozesse bringen gerade
die kleinen und mittelständischen Unternehmen an ihre Leistungs-
grenzen. Die großen Erfahrungswerte innerhalb der Kunststoff-
technologie können angesichts der Komplexität der angestrebten
Material-Eigenschaftskombinationen ein chemisch-physikalisches
Grundlagenverständnis von Polymeren nicht mehr ersetzen.
Die Substitution der konventionellen Werkstoffe durch Kunststof-
fe, die Verbesserung der Eigenschaften und Eigenschaftskombina-
tionen von Kunststoffen für ihren spezifischen Einsatz und die
Steigerung der Produktivität bei der Herstellung und Verarbeitung
von Kunststoffen - dies sind heute die drei strategischen Ziele von
Kunststoffingenieuren und -verarbeitern. Ein Unternehmen, das
innerhalb der Wertschöpfungskette aus verschiedenen Rohstoffen
ein neuartiges Zulieferprodukt für eine Abnehmerbranche wie bei-
spielsweise die Automobilindustrie erzeugen will, sieht sich mit ei-
ner technologieübergreifenden Problemstellung konfrontiert.
Voraussetzung für den Markterfolg ist das Wissen um
die aus Polymerchemie und -physik resultierenden Eigen-
schaften des Kunststoffes,
dessen Verhaltensweise im Fertigungsprozeß,
dessen Eignung für die speziellen Anforderungen im prak-
tischen Einsatz und
die Verwertbarkeit des ausgedienten Produktes.
Dieses erste Kapitel soll den Leser in einem einführenden Teil zu-
nächst mit einigen grundlegenden Mechanismen des industriellen
Umfelds der Polymerforschung vertraut machen. Im zweiten Teil
wird gezeigt, daß eine Vielzahl der Probleme, Aufgabenschwer-
punkte und Innovationen im Definitionsbereich eines einzigen Be-
griffes aufgehen - Adhäsion. In einer sich anschließenden kurzen
semantischen Analyse dieses Begriffes wird deutlich, daß nicht nur
der Gegenstand der Betrachtung selbst einen ambivalenten (oder
gar dialektischen) Charakter trägt, sondern daß auch der Geltungs-
und Sinnbereich des Begriffes eine Vielzahl natur- und ingenieur-
wissenschaftlicher Bereiche tangiert. Für die vorliegende Arbeit
übernimmt dieses Kapitel somit die Aufgabe, Bezeichner, Begriffe
und Kategorien zu benennen, zu definieren, zu ordnen und (falls
möglich) miteinander in Relation zu bringen, um in den nachfol-
genden Kapiteln eine möglichst stabile semantische Grundlage für
die Argumentation zu besitzen.
Um dem Leser die Unterscheidung zu ermöglichen, ob in einem
Satz der Begriff oder das durch den Begriff bezeichnete „Ding“ ge-
meint ist, wird folgende (in einigen Fällen leider nicht konsequent
erfüllbare) Syntax-Vereinbarung getroffen: Wenn sich die Aussage
des Satzes auf den Begriff selbst bezieht, so wird das Wort kursiv
dargestellt, anderenfalls regulär.
1.1 Polymere Werkstoffe und die
wirtschaftliche Stellung der
kunststoffverarbeitenden Indu-
strie
1-5
1.1 Polymere Werkstoffe und die wirtschaftliche
Stellung der kunststoffverarbeitenden Industrie
1.1 a Die gesamtwirtschaftliche Positionierung der
kunststoffverarbeitenden Industrie
Die kunststoffverarbeitende Industrie (KVI) liegt mit 3% Um-
satzanteil (40.7 Mrd. Euro in 2002) auf Rang 7 innerhalb des ge-
samten verarbeitenden Gewerbes Deutschlands. Im Jahre 2002 lag
ihr Anteil an der gesamten Industrieproduktion bei 6,5% und so-
mit an sechster Stelle [1-1]-[1-3]. Ihre ausgeprägte Rolle als Vorlie-
ferant und die daraus entstandene intensive Verflechtung mit vor-
und nachgelagerten Branchen bewirkt eine starke konjunkturelle
Abhängigkeit [1-4]-[1-6]. In diesen Branchen werden meist die
Anforderungen des Marktes an die Erzeugnisse der KVI definiert
und Trends gesetzt.
Wichtige Zuliefer- bzw. Abnehmerbranchen sind:
Chemische Industrie
Textilindustrie
Automobilindustrie
Elektroindustrie
Maschinenbau
Medizintechnik
Hier dominieren finanzstarke Großunternehmen, die sich
durch eine hohe Technologie-Intensität auszeichnen.
In der EU ist Deutschland der mit Abstand größte Produzent
von Waren aus Kunststoffen. 2002 lag der Anteil der Bundesrepu-
blik an der Weltproduktion von Kunststoffen bei 8.5%, derjenige
Gesamt-Westeuropas bei 26,2% [1-3],[1-7],[1-14]-[1-17].
1.1 b Struktur- und Branchendaten der KVI
Abb. 1.1-1 Struktur und Produktionsanteile der
kunststoffverarbeitenden Industrie in 2002
In der Kunststoffverarbeitung werden sechs Sparten unterschie-
den:
Baubedarfsartikel
Halbzeuge (d.h. Platten, Rohre, Schläuche, Folien und
profile, hauptsächlich in der Funktion eines KVI-internen
Zulieferzweiges [1-4])
Verpackungsmittel
Veredelung
Technische Teile
Konsumwaren
Anhand der Produktionsanteile (Abb. 1.1-1) kann die Bedeu-
tung der Sparten im Jahr 2002 abgeschätzt werden. Abbildung
1.1-2 zeigt die Verbrauchsanteile einiger Abnehmerbranchen und
visualisiert somit die Segmentierung des Kunststoffmarktes. Tabel-
le 1.1-1 verdeutlicht die Entwicklung der einzelnen Marktsegmen-
te. Die Daten entstammen den Statistiken von GKV
(Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie e.V.), IK (In-
dustrieverband Klebstoffe e.V.), IKB Deutsche Industriebank AG
Konsumw aren
15%
Veredelung
3%
Verpackungsmittel
15%
Baubedarf
12%
Technische Teile
22%
Halbzeuge
33%
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-6
und VKE (Verband Kunststofferzeugende Industrie e.V.) [1-1]-
[1-17].
Das Segment „Technische Teile“ kann als Innovationsmotor
für die gesamte Branche betrachtet werden. Neben der Elektroin-
dustrie ist vor allem die Automobilindustrie wichtigster Auftragge-
ber und Abnehmer der Produkte aus dieser Sparte. Laut
Branchenbericht der GKV für Deutschland 1999 wurde die Kon-
junktur der Sparte vor allem durch den "Kfz-Boom" bestimmt
[1-9].
Marktsegment: Kunststoffe in der Automobilindustrie
Abb. 1.1-2 Verbrauchsanteile (in Prozent) aus-
gewählter Abnehmerbranchen weltweit am ge-
samten Produktionsvolumen der KVI
Deutschlands für 2001
Im Jahre 2001 wurden 9% der in Deutschland produzierten
Kunststoffmenge weltweit im Automobilsektor eingesetzt [1-14].
Laut Verband der Automobilindustrie (VDA) gewinnen Teile,
Komponenten, Systeme und Module aus deutscher Produktion
immer noch an Bedeutung. Von 1994 bis 2001 hat sich das Um-
satzvolumen der Automobilzulieferindustrie von 27,2 Mrd.EUR
auf 56,8 Mrd.EUR verdoppelt.
Der Anteil der im Extremumgebungsbereich („unter der Mo-
torhaube“) eingesetzten Kunststoffe lag im Jahre 2001 bei 21%, für
Außenteile wurden 20.5% verwendet [1-16].
Die deutlich höheren Aufwendungen für Forschung und Ent-
wicklung (F&E) in der Automobilindustrie (1998 waren es mit
19,6 Mrd. DM etwa 28% der gesamten F&E-Aufwendungen der
deutschen Wirtschaft) zeigen die langfristige Strategieplanung der
Branche. Charakteristisch ist eine Verschiebung der Fertigungstiefe
innerhalb der Wertschöpfungskette hin zu den Auftragnehmern.
Die Folge ist, daß den Unternehmen der Zulieferindustrie mehr
Tiefenkompetenz abverlangt wird. Besonders für mittelständische
Unternehmen stellen Kooperationen mit kompetenten Partnern
eine sinnvolle und notwendige Reaktion auf diese Entwicklung
dar. Eine angestrebte einheitliche Zertifizierung und eine physische
Vernetzung der Zuliefererlandschaft nach amerikanischem und
französischem Vorbild forcieren den Integrationsdruck auf die Un-
ternehmen [1-12].
Marktsegment: Kunststoffteile in der Elektroindustrie
7,5% der in Deutschland produzierten Kunststoffmenge flossen
im Jahre 2001 weltweit in Anwendungen der Elektroindustrie
[1-14]. Mehr als ein Viertel dieser Menge wird bei der Produktion
und Konfektion von Kabeln verbraucht. Rund 1% der verwende-
ten Kunststoffe sind Epoxidharze, deren hauptsächliches Einsatz-
gebiet in der Fixierung von Bauelementen bzw. als Grundstoff von
leitfähigen Klebern zu suchen ist.
Marktsegment: Kunststoffe in der Verpackungsmittelindustrie
Der Verpackungsmittelanteil von 34% am gesamten Kunst-
stoffverbrauch in Westeuropa im Jahre 1998 macht die enorme Be-
deutung dieser Branche deutlich. Etwa 30% der im Jahre 2001 in
Deutschland produzierten Kunststoffe wurden weltweit in der Ver-
packungsindustrie verbraucht (Abb. 1.1-2) [1-15]. Die Produktion
29,5
9,0
24,5
7,5 7,0
2,0
4,5
16,0
Verpackung
Automobil
Bau
Elektro
Möbel
Landwirtschaft
Haushaltswaren
Sonstige
1.1 Polymere Werkstoffe und die
wirtschaftliche Stellung der
kunststoffverarbeitenden Indu-
strie
1-7
stieg im Zeitraum 1996 bis 2000 durchschnittlich um 6%, der
Umsatz um 7%.
Im Jahr 2000 lag der Gesamtwert des Packmittelmarktes Euro-
pas bei 85 Mrd. Euro. Mit 36% rangieren Kunststoffverpackungen
nach Papier und Pappe (42%) an zweiter Stelle. Einen immer grös-
seren Stellenwert erlangen Mehrschichtfolien und -tafeln, d.h.
Kombinationen aus unterschiedlichen Kunststoffen.
Hauptabnehmer sind die Lebensmittel-, Pharma- und Kosme-
tikindustrie.
Marktsegment: Kunststoffe in der Klebstoffindustrie
Tab. 1.1-1 Branchenentwicklung in der KVI
Die Klebstoffindustrie kann als Grenzfall der KVI betrachtet
werden, da sie einerseits Kunststoffe als wichtige Basismaterialien
für ihre Produkte verwendet, andererseits jedoch als Zulieferer der
KVI sowie deren typischer Endabnehmerbranchen fungiert. In den
Statistiken des VKE werden Klebstoffhersteller bei den Kunst-
stofferzeugern geführt. Der Produktionsanteil von Klebstoffen am
deutschen Kunststoffmarkt lag im Jahr 1997 zusammen mit Lak-
ken und Harzen bei 37%.
Weltweit positioniert sich Deutschland mit 10% Marktanteil
bei Kleb- und Dichtstoffen als wichtiger Faktor. Mit 1,9 Mrd. DM
Umsatz erreicht die deutsche Klebstoffindustrie nach einer rapiden
Gesamtentwicklung seit 1975 einen Plateauwert. Nach Angaben
des IK nehmen dabei die synthetischen Klebstoffe mit 60% des ge-
samten Produktionswertes eine bedeutende Stellung ein. Ein Ver-
gleich der Daten des IK für 1998 und jenen der AstorPlast
GmbH / Alfdorf (Infoprospekt) aus dem Jahre 1994 zeigt auch hier
die zunehmende Bedeutung technischer Anwendungen im Bereich
der Elektro- (5% in 1998) und Automobilindustrie (10% in
1998), beide auf Rang 5 und 6 der Gesamtstatistik. Auf Platz 1
(31% in 1998) befinden sich Anwendungen in der Papier- und
Verpackungsindustrie. Eine Auswertung der Internetdatenbank
des IK ergab eine Gesamtzahl von 99 Unternehmen. Davon sind
19% reine Rohstofflieferanten. Der Anteil von Klebstoffherstellern
liegt bei 10%. Etwa 36% aller Unternehmen beliefert die Automo-
bilindustrie. Zwei Drittel der Automobilzulieferer bieten gleichzei-
tig Produkte und Dienstleistungen für die Elektroindustrie und für
den Einsatz in der Medizintechnik an.
1.1 c Zum Innovationscharakter der KVI
Produktivität, Qualität und Innovationsfähigkeit der kunst-
stoffverarbeitenden Betriebe in Deutschland werden von Bran-
chenkennern einstimmig als hervorragend eingeschätzt [1-4]
[1-6], [1-7]. Regelmäßige Investitionen sorgen für höchstes techni-
sches Niveau und stetig wachsende Produktivität. Eine Studie des
Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim be-
stätigt, daß sich 69% der Kunststoffverarbeiter durch kontinuierli-
che Produktneuheiten im Wettbewerb abheben. Der
Durchschnittswert für das verarbeitende Gewerbe in Deutschland
liegt bei 62% [1-8]. Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsfor-
schung (DIW) ergibt sich ein Teil des Innovationspotentials aus
Abnehmer-
branche 2001 1997
Bau 24.5% 25.8%
Verpackung 29.5% 26,2%
Sonstiges 16% 18.8%
Automobil 9% 7.8%
Elektro 7.5% 7.3%
Haushalt 4.5% 4.9%
Möbel 7% 7.6%
Landwirt-
schaft
2% 1.6%
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-8
der spezifischen Einbettung in Bezugs- und Absatzstrukturen. Die
KVI profitiert über die enge Zusammenarbeit mit ihren Lieferan-
ten und Abnehmern von deren Innovationserfolgen, was jedoch
eine vergleichsweise geringe F&E-Intensität der Branche selbst zur
Folge hat. Gerade kleine und mittlere Unternehmen der kunst-
stoffverarbeitenden Industrie können nur eingeschränkt an Inno-
vationen partizipieren, denn die F&E-Anstrengungen werden
hauptsächlich von den großen Unternehmen der Zuliefer- und Ab-
nehmerbranchen unternommen.
1.1 d Wirtschaftlicher Ausblick
Laut IKB werden sich Maschinenbau, Automobil- und Elektro-
industrie auch im Jahr 2003 als leistungsstarke Abnehmer erweisen
[1-9]. Für die Automobilindustrie wird ein Wachstumsplus von 2-
4% erwartet; für die Elektroindustrie rechnet man mit einem Pro-
duktionswachstum von 2.5-3%. Dies bedeutet für die Zuliefer-
bzw. "Technischen" Teile eine weitere Aufwärtsentwicklung. Dar-
aus ergibt sich für die KVI insgesamt eine prognostizierte Umsatz-
steigerung von 2% [1-5], [1-6].
Für den Kunststoffverbrauch Westeuropas wird bis zum Jahr
2005 eine Steigerungsrate von 3,5% p.a. prognostiziert. Automo-
bilzulieferer werden im Jahr 2005 gegenüber 1998 etwa 35% mehr
Kunststoffe verbrauchen. Das entspricht einer Zuwachsrate von
4,3% p.a. Im Bereich der Verpackungsmittel wird der Verbrauch
in Westeuropa im Jahre 2005 mit 16,1 Mio. t prognostiziert, das
entspricht einem Zuwachs von 33% gegenüber 1998 bzw. einer
Steigerungsrate von 4,1% p.a. Für die Elektrobranche wird für ei-
nen vergleichbaren Zeitraum mit einer Steigerungsrate von 3,2%
p.a. gerechnet [1-14].
1.1 e Kritische Erfolgsfaktoren für Unternehmen der
kunststoffverarbeitenden Industrie
Die Unternehmerverbände und Wirtschaftsforschungsinstitute
konfrontieren die Unternehmen der KVI Deutschlands mit zwei
kritischen Erfolgsfaktoren:
1. Die Unternehmen müssen selbst aktiv neue Absatzmärkte
angehen und marktbezogene Innovationen hervorbringen
[1-6], um so den konjunkturellen Einflüssen der Lieferanten-
und Abnehmerbranchen zu begegnen. Wachstumspotentiale
werden die Unternehmen der KVI vor allem dann erschließen,
wenn sie "...verstärkt auf neue Produkte setzen, und das heißt
auch auf neue Kunststoffe" (Schwank, [1-8]). Damit verbun-
den sind natürlich stärkere F&E-Aktivitäten bzw. -Investitio-
nen. Insgesamt werden die Anforderungen, die sich aus dem
Umweltschutz ergeben, an Bedeutung gewinnen und sollten
bereits bei der Produktentwicklung berücksichtigt werden
[1-4].
2. Damit die KVI Deutschlands ihre starke Stellung in Europa
behält, muß sie mit ihren Erzeugnissen und ihren Produktions-
stätten stärker im Ausland Fuß fassen. Vor allem in der Sparte
"Technische Teile" eröffnen wichtige Abnehmer zunehmend
1.2 die Herausforderungen an die
moderne KVI
1-9
Produktionsstätten im Ausland. Sie erwarten, daß ihnen die
Zulieferer folgen. Für kleine bis mittelgroße Unternehmen der
Kunststoffverarbeitung ergibt sich daher das Erfordernis,
Kooperationen einzugehen, um die erforderlichen Größenvor-
teile und Kompetenzen zu erlangen. Insbesondere in den Seg-
menten "Technische Teile", "Verpackung" und "Halbzeug"
wird die Branche noch stärker den Charakter einer Vorlei-
stungsgüterindustrie annehmen [1-4], [1-5].
1.2 die Herausforderungen an die moderne KVI
1.2 a Markteintrittsbarrieren für neue Kunststoffprodukte
Trotz der großen Euphorie, die mit dem zunehmenden Einsatz
von Kunststoffen bzw. der Substitution konventioneller Materiali-
en verbunden ist, müssen neue Kunststoffprodukte für den Markt-
eintritt im wesentlichen zwei Barrieren überwinden:
1. Der Preis eines neuen Kunststoffes ist - mit Ausnahme von Spe-
zialmaterialien (z.B. Luft- und Raumfahrt) - ein entscheidender
Faktor für den Markterfolg eines Produktes aus diesem neuen-
Material. Ein simpler Mechanismus des Kunststoffmarktes ist
der Zusammenhang zwischen Durchschnittspreis pro kg und
Marktvolumen: große Mengen implizieren einen niedrigen
Preis [1-10].
2. Neue Werkstoffe kommen jedoch nur in die Massenanwen-
dung, wenn nicht nur das aus diesem Werkstoff bestehende
Produkt, sondern vor allem das Material selbst im gesamten
System seines Einsatzes den konventionellen Werkstoffen über-
legen ist. Dabei sind auch Kriterien wie z.B. die Möglichkeit
der Schadenserkennung, die Schulung des Personals, die
Ersatzteillagerhaltung oder das Recycling relevant.
Diese Konkurrenzsituation im Substitutionsprozeß wird durch
eine Weiterentwicklung konventioneller Werkstoffe verstärkt. De-
ren Wettbewerbsvorteile sind oftmals eine Folge der nachteiligen
Produktumgebung der neuen Kunststoffmaterialien, vor allem im
Bereich des Umweltschutzes. Oftmals werden daher neue Werk-
stoffe - mit für den Anwendungsfall besseren Eigenschaften -
durch qualitativ mindere, jedoch mit bewährten Verfahren recycle-
bare, bereits etablierte Kunststoffe wieder verdrängt.
1.2 b Entwicklungsstrategien für Kunststoffe
Branchenkenner definieren drei wesentliche Entwicklungsstra-
tegien für Kunststoffe [1-10]:
die Substitution konventioneller Materialien (Glas, Metall,
Keramik)
die Verbesserung von Eigenschaften für einen spezifischen
Einsatz
die Verbesserung der Produktivität im Herstellungs- bzw.
Verarbeitungsproz
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-10
Im Schwerpunkt Werkstoffsubstitution sind vor allem die Galva-
nisierung von Kunststoffen, die Hybridtechnik (kunststoffver-
stärkte Metalle) und der Einsatz von Faserverbundmaterialien zu
nennen. Auf Probleme wurde bereits im vorherigen Kapitel hinge-
wiesen.
Die Strategie Verbesserung der Eigenschaften umfaßt auszugswei-
se folgende Themenschwerpunkte [1-10]:
Erhöhte Beständigkeit gegenüber bestimmten äußeren
Einfssen
Gasdurchlässigkeit von Polymeren
Biokompatibilität
Optimierung der Fließfähigkeit
Beständigkeit gegenüber Gammastrahlung
Die Maßnahmen für eine Prozeßoptimierung sind in erster Linie
vom konkreten Prozeß selbst abhängig. Da der Ressourcenbedarf
des Herstellungs- bzw. Verarbeitungsprozesses die Kosten des End-
produktes bestimmt, fokussiert die konkrete Zielsetzung vor allem
eine Kostenreduktion. Darüberhinaus führt natürlich eine techno-
logische Weiterentwicklung im Verarbeitungsbereich zu neuen
Optionen bei der Werkstoffsubstitution.
1.3 Haftung und Enthaftung in technischen
Systemen
1.3 a Haftverbunde
Abb. 1.3-1 Stahlgeflecht für eine Stahlbeton-
Konstruktion (oben) / Die fertige Stahlbeton-
Konstruktion (unten)
Ein Verbundwerkstoff entsteht durch eine dauerhafte Verbin-
dung von mindestens zwei unterschiedlichen Materialien. Die Mo-
tivation für die Herstellung eines Verbundwerkstoffes entspringt
dem Versuch, ausgewählte Materialeigenschaften der Verbund-
komponenten gezielt miteinander zu kombinieren. Der Begriff
Werkstoff betont die Verfügbarkeit des neu entstandenen Materials
in Form von Halbzeugen oder Rohlingen für eine Weiterverarbei-
tung oder eine Einbringung in andere Produkte.
Verbundwerkstoffe haben in der Vergangenheit stetig an Be-
deutung gewonnen. Das geringe Gewicht, die außerordentlichen
Festigkeits- und Steifigkeitseigenschaften, eine hohe dynamische
Belastbarkeit, Chemikalienbeständigkeit und in zunehmenden
Maße auch Biokompatibilität prädestinieren sie als Werkstoffsub-
stituenten. Die Applizierbarkeit eines anforderungsgerechten
Formdesigns ergänzt diese Eigenschaften im Hinblick auf eine
wirtschaftliche und kostengünstige Fertigung.
Neben den Verbundwerkstoffen existiert eine zweite große
Gruppe von Haftverbunden - die Werkstoffverbunde. Überall
dort, wo Fertigungsprozesse wie das Verkleben, Beschichten oder
Imprägnieren eine Rolle spielen bzw. wo Klebstoffe, Beschichtun-
gen, Imprägniermittel oder Kunststoffe entwickelt, produziert und
verarbeitet werden, treten Werkstoffverbunde auf. Im Unterschied
zu Verbundwerkstoffen entsteht hier der Materialverbund in situ.
Eine Weiterverarbeitung im Sinne eines Werkstoffes wird nicht an-
gestrebt. Form und Position des Werkstoffverbundes bleiben erhal-
1.3 Haftung und Enthaftung in
technischen Systemen
1-11
ten, z.B. das Stahlbetonfundament eines Bauwerkes (Abb. 1.3-1).
Beim Einsatz formgebender Produktionsverfahren (z.B. Spritz-
gußtechnik) kommt es zu einer temporären Ausbildung von Werk-
stoffverbunden (Spritzgußteil in Spritzgußform). Die
postproduktive Trennung von Form und Fertigteil durch Haf-
tungsminimierung wird technisch auch als Enthaftung bezeichnet.
Aus dieser Anforderung ist ein eigenständiges Branchensegment
hervorgegangen, das sich mit der Entwicklung und Herstellung
von Trennmitteln beschäftigt.
Auch das vielbenutzte Beispiel der an einem Pinsel haftenden
Farbe veranschaulicht einen temporären Werkstoffverbund;
schließlich soll sich die Farbe wieder leicht vom Pinsel lösen und
auf die Wand übertragen lassen. Erst dort entsteht dann (hoffent-
lich) ein permanenter Haftverbund.
1.3 b Wechselwirkungen von Elektrolytlösungen mit Festkörpern
Vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennbar ist die Beziehung
zwischen Haftverbunden und Waschprozessen. Ein T-shirt ist des-
halb „schmutzig“, weil offensichtlich irgendwelche, nicht zum ur-
sprünglichen Material des Kleidungsstückes gehörige Substanzen
an oder zwischen den Textilfasern „haften“. Auch hier muß also
„enthaftet“ werden - dafür werden sogenannte surfactants (grenzflä-
chenaktive Verbindungen, wie z.B. Tenside) eingesetzt. Genaue
Kenntnisse über die Adsorption dieser surfactants an textilen Gewe-
ben und polymeren bzw. mineralischen Strukturen tragen zur Op-
timierung von Wasch- und Reinigungsprozessen bei. Gibt es also
einen Zusammenhang zwischen der „naturwissenschaftlichen“ Ad-
sorption und der „technischen“ Haftung ?
1.3 c Komplexe Eigenschaftskombinationen und Biomaterialien
Die größte Herausforderung, da eine hochempfindliche Kom-
bination von Materialeigenschaften berücksichtigt werden muß, ist
die Konzeption und Herstellung von Biomaterialien für die Medi-
zintechnik. „Biomaterial ist jedes nicht-lebensfähige Material, das
als Teil eines medizinischen Gerätes mit biologischen Systemen in-
teragieren soll.“*) Der Gerätebegriff schließt Prothesen und Im-
plantate mit ein. Der pure Einsatz in einer solchen Umgebung
macht natürlich noch kein Material zum Biomaterial - diese Ausle-
gung der Definition wäre wohl eher kontraproduktiv. Daher muß
es ein Bewertungskriterium geben, daß die Eignung eines Materials
als Biomaterial kennzeichnet: Biokompatibilität. Werfen wir einen
Blick auf die Definition(en) von Biokompatibilität:
„Biocompatibility is defined as the ability of a biomaterial to per-
form with an appropriate host response on a specific application“ (Eu-
ropean Society for Biomaterials, aus [1-37])
Biokompatibilität ist „The ability of a material, device or system to
perform whithout a clinically significant host response in a specific ap-
plication“ (European Dialysis and Transplant Association, aus
[1-37]).
*) übersetzte Definition der European Society für Biomaterials 1991, nach
[1-37]
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-12
Die positivste und auch inhaltsloseste Interpretation der beiden
Definitionen wäre demnach die Aussage, daß Biokompatibilität ein
Maß für den Erfolg eines Materialeinsatzes in einer biologisch-me-
dizinischen Umgebung ist. Abgesehen davon, daß es offensichtlich
auch hier schon mindestens zwei Konsortien gibt, die eine jeweils
fein abwandelte Definition des Begriffes vornehmen, ist beiden die
äußerst schwammige Beschreibung derjenigen Materialeigenschaft
gemein, deren Semantik ja eigentlich herausgestellt werden soll:
Viel Spielraum eröffnet eine „appropriate host response“ oder not
„clinically significant host response“.
Nun liegt die Definitionsunschärfe mit Sicherheit nicht am Un-
vermögen der Beteiligten – sie ist vielmehr eine Ohnmachtserklä-
rung vor der Komplexität des zu beschreibenden Phänomens. Seit
Jahren versuchen einzelne Forschergruppen, den Begriff der Bio-
kompatibilität auf eine einzelne Meßgröße (z.B. Zismans kritische
Oberflächenspannung [3-110]) abzubilden, um einerseits eindeu-
tige Kategorien und andererseits praktische Designrichtlinien für
Biomaterialien zu schaffen [1-37]. Die Ergebnisse dieser Bemü-
hungen haben sich bis jetzt jedoch als unzureichend erwiesen.
Ein Beispiel aus dem Alltagsleben des Autors (Hinweis: Der Be-
griff Oberfläche wird hier rein phänomenologisch gebraucht):
Bsp. 1-1 KontaktliseneinsatzEntstehen beim Tragen von Kontaktlinsen Probleme, sind oftmals Proteinabla-
gerungen auf der Linsenoberfläche die Ursache dafür. Als körperfremdes „medi-
zinisches Gerät“, das über die Tränenflüssigkeit des Auges in einem engen
Kontakt mit einem biologischen Organismus steht und mit diesem interagiert,
sollten Kontaktlinsen aus einem („biokompatiblen“) „Biomaterial“ bestehen. Im
Falle der „weichen“ Kontaktlinsen handelt es sich um Hydrogele, d.h. dreidi-
mensionale Polymernetzwerke, in deren Hohlräume Wassermoleküle eingela-
gert sind.
Abb. 1.3-2 REM-Ausschnitt einer Kontaktlin-
senoberfläche mit Proteinablagerungen [1-19]
Nach dem Einsetzen neuer Kontaktlinsen kommt es auf der Linse innerhalb von
Minuten zur Abscheidung eines Proteinfilms (meist Lysozym - ein Enzym, das
bakterielle Zellwände durch Hydrolyse zerstört [2-81]). Diese schnelle Adsorp-
tion ist zunächst reversibel: Der Proteinfilm kann von der Linsenoberfläche
durch Abspülen entfernt werden. Die Ablagerung von Proteinen ist anerkann-
termaßen ein Primärprozeß bei der Wechselwirkung zwischen dem Werkstoff
eines Medizinproduktes und dem biologischen Organismus [1-37]. Letztlich ist
sie eine physiologische Maßnahme des Körpers im Rahmen seiner biologischen
Verteidigungssysteme. Solange der Fremdkörper von einer Schicht körpereige-
nen Proteins umgeben ist, reagiert das Immunsystem nur mäßig. Kommt es je-
doch zur Denaturierung der absorbierten Proteine, so entsteht eine
körperfremde, schwer wasserlösliche Proteinspezies, die nicht mehr erneut durch
Tränenflüssigkeit benetzt werden kann (Abb. 1.3-2). Die Folge sind allergische
Reaktionen des Organismus - über Juckreiz bis hin zur Entzündung der Lidbin-
dehaut.
Der Kontaktlinseneinsatz impliziert eine attraktive Wechselwir-
kung zwischen einem polaren Polymernetzwerk (Linse) einerseits
und einer protein- und calciumcarbonathaltigen Elektrolytlösung
(Tränenflüssigkeit) andererseits. Der physikalische Primärprozeß
ist die Benetzung. Das Lysozym „haftet“ auf dem polymeren Trä-
germaterial.
Reduziert man die Betrachtung eines Bakteriums auf das Mo-
dell eines hochspezialisierten Proteins, so wird die Aura der Bio-
kompatibilität vollends entzaubert: Abstrakt gesehen, ist das
1.4 Wer hat’s erfunden?
1-13
Wachstum einer Bakterienkultur auf einem synthetischen polyme-
ren Trägermaterial „lediglich“ ein Haftungsprozeß zwischen einem
künstlichen und einem natürlichen Polymer.
Die Herausforderung „Biomaterial“ ergibt sich also nicht aus
dem Attribut „bio-“, sondern aus der Komplexität des Gefüges von
Anforderungen [1-37] hinsichtlich:
Toxizität (chemische Eigenschaften)
Sterilisierbarkeit (physiko-chemische Eigenschaften)
Design (Verformbarkeit, Fließverhalten etc.)
Bulkeigenschaft (Steifigkeit, Zugfestigkeit, Permeabilität,
Quellungseigenschaften etc.)
Oberflächeneigenschaften (Adsorption, Benetzung)
•Kosten
Auch für die Applikation von Biomaterialien gilt: Die Optimie-
rungsziele konkurrieren miteinander. Jede Verbesserung einer ein-
zelnen Materialeigenschaft kann eine Reihe unerwünschter
„Nebenwirkungen“ hervorrufen.
Beispiel 1-1 vermag eines deutlich zu machen: Der erste Kon-
takt zwischen Organismus und „medizinischem Gerät“ erfolgt an
der Materialoberfläche. Gesetzt den Fall, mechanische Eigenschaf-
ten, Degradationsverhalten und weitere bulkinduzierte Charakteri-
stika stellen kein Problem für die Verträglichkeit im biologischen
Organismus dar, dann werden allein die Oberflächeneigenschaften
eines Materials bestimmend für dessen „Kompatibilität“ gegenüber
dem biologischen Organismus [1-37].
1.4 Wer hat’s erfunden?
Carbon-Bremsscheiben*), Lebensmittelverpackungen mit Po-
lyethylen-Aluminium-Verbundfolien, polyethylenbeschichtete Te-
trapacks und Milchtüten, Epoxid-Glasfasermatten-Systeme zur
sekundenschnellen Reparatur von Korrosionsschäden am Auto,
Epoxidkleber mit elektrischer Leitfähigkeit – Triumph der Tech-
nik, der Mensch beherrscht die Natur! Von der Schilfhütte zur
mächtigen Stahlbetonkonstruktion... Angesichts der UHU-Alles-
kleber-Polyethylen-Dosierspritzflasche könnte man meinen, das
Kleben wäre eine Erfindung des Menschen der Neuzeit. Man ist
versucht zu glauben, dies wäre viele Tausend Jahre nach der Ent-
wicklung des Rades die zweite wichtige technologische Erfindung
des Homo sapiens, für die es in der Natur kein Vorbild gibt. Doch
wer das denkt, der ist der allgegenwärtigen High-Tech-Philosophie
der Moderne gehörig „auf den Leim gegangen“.
Ein Blick zurück in die Geschichte kann uns eines besseren be-
lehren: Jahrtausendelang setzte man ohne tiefere Kenntnis eine
Reihe natürlich vorkommender Substanzen ein: tierisches Collagen
aus Knochen oder Haut, Stärke und Zucker aus Getreide, Kartof-
feln oder Reis. So haben beispielsweise die alten Ägypter schon um
4000 v.Chr. Eiweiß, Blut oder Pflanzenharze zu klebstoffartigen
*) Carbonfaserverstärktes Siliziumkarbid
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-14
Massen verbunden und die Sumerer setzten bereits Asphalt zum
Abdichten und Verfugen ein:
„Dort in Babylon sah Trajan den Asphalt, mit dem man die Mau-
ern gebaut hat, denn zusammen mit Ziegeln oder Kies gibt er ein so fe-
stes Material, daß man Mauern damit errichten kann, die stärker sind
als Felsen und alle Art Eisen.“ (Dio Cassius, 155-235 n. Chr.)
Nur so konnte das unverwechselbare Merkmal altsumerischer
Baukunst entstehen – die Zikkurat (Abb. 1.4-1). Ohne die präan-
tiken Bindemittel wären Monumentalbauten wie der legendäre
Turm von Babel niemals möglich gewesen:
„.Und sie sagten zueinander: Wohlauf, laßt uns Ziegel streichen
und brennen! und nahmen Ziegel zu Stein und Erdpech zu Mör-
tel...“(Genesis, 11.3).
Abb. 1.4-1 Ruinen der Zikkurat von Ur
Um 3000 v. Chr. besaßen die Sumerer bereits ein Verfahren zur
Herstellung von Leim aus Tierhäuten. Dem jüdischen Talmud zu-
folge sollen die Israeliten bereits Casein als Bindemittel für Pig-
mente verwendet haben. Im alten Griechenland gab es bereits den
Beruf des Leimsieders. Die erste Leimfabrik entstand 1690 in Hol-
land, das erste Patent auf einen Fischleim wurde 1754 in England
erteilt. 1889 stellte F. Sichel den ersten gebrauchsfertigen Pflan-
zenleim her. Die Ära synthetischer Klebstoffe wurde im Jahre 1909
von dem Niederländer L.H. Baekeland mit seinem Verfahren zur
Phenolharz-Härtung eingeleitet („Bakelit“). Die weitere Entwick-
lung der Klebtechnik liest sich wie ein Kompendium zur Geschich-
te der Kunststoffsynthesen.
Damit wäre aufgezeigt, daß der Einsatz von Klebstoffen keine
Errungenschaft der Moderne ist, sondern eine – die technologische
Entwicklung des Menschen seit der Frühzeit begleitende – hand-
werkliche Fähigkeit.
Es bleibt die Frage nach dem fehlenden Vorbild in der Natur –
hat’s der Mensch erfunden oder verfügt die Natur über analoge
Mechanismen?
Einen ersten Hinweis zur Beantwortung dieser Frage liefert die
Erkenntnis, daß die ersten Binde- und Klebemittel natürlichen Ur-
sprungs sind - d.h., daß die Natur über ein entsprechendes Reser-
voir an Substanzen verfügt. Den zweiten Hinweis liefert das
Kontaktlinsenbeispiel aus Kapitel 1.3 c: Enzymproteine benetzen
ein körperfremdes Objekt und umhüllen es mit einer hauchdün-
nen Schicht, Bakterienkulturen wachsen auf polymeren Trägerma-
terialien.
In der Tat existieren einige totalitäre Denkansätze [1-22], nach
denen Haftungsphänomene der Schlüssel für die Einzigartigkeit
biologischer Systeme sind. Demnach entscheiden die Oberflächen-
eigenschaften der extrazellulären Membranen über die wichtigsten
Schritte der Entwicklung eines Organismus, d.h. über Zelldifferen-
tiation, Organo- und Histogenese.
Nun muß man sich nicht zwangsläufig auf die Ebene der Zell-
biologie begeben, um Haftungsprozesse in der Natur zu entdecken.
Das populärste Beispiel ist das „Insekten-Fang-Organ“ einiger Fro-
scharten - die „klebrige“ Zunge. Weitere eindrucksvolle Demon-
strationen sind der Termitenbau, die Haftung von Muscheln an
stählernen Schiffsrümpfen und das Spinnennetz.
1.5 Was ist Adhäsion?
1-15
All diesen Beispielen ist gemein, daß es zwischen den Haftpart-
nern nicht zur Ausbildung kovalenter Bindungen kommt und daß
die außergewöhnliche Stärke des Haftungsverbundes (z.B. 30MN/
m² im Fall des Spinnennetzes, 150-160MN/m² im Fall der beiden
Hälften einer Muschelschale) aus einer Maximierung der Kontakt-
fläche zwischen den Verbundkomponenten resultiert.
1.5 Was ist Adhäsion?
1.5 a Eine Definition statt einer Einführung
Begriff...heißt dasjenige psychische Gebilde, durch welches ein
Mannigfaltiges zur einheitlichen Gedankenbeziehung verknüpft wird.
In einem Begriff sind verschiedene Einzelvorstellungen nicht bloß zu-
sammengefügt, wie in der Anschauung, sondern sie sind durch die
Denkbeziehungen in Verbindung gesetzt, welche die Form ihrer Zu-
sammengehörigkeit zum Ausdruck bringen. Daher führt nur Denken
und Urteilen, nicht aber bloße Anschauung und Erfahrung, zur Bil-
dung von Begriffen. Der Begriff ist somit nicht bloß die abgeschlossene
Gesamtvorstellung, sondern er entsteht erst aus den Vorstellungen
durch deren Vergleichung und die Heraushebung des Gemeinsamen.
Der Begriff ist also das Produkt einer Analyse der Einzeldinge und Syn-
these ihrer gemeinsamen Merkmale durch Abstraktion...Ein Begriff
heißt klar, wenn das Bewußtsein ihn von allen anderen bestimmt un-
terscheidet, im entgegengesetzten Falle dunkel; er heißt deutlich, wenn
auch die einzelnen Merkmale klar vorgestellt werden, im entgegenge-
setzten Falle verworren...je größer die Zahl der Merkmale eines Begrif-
fes sind,...desto kleiner (ist) die Zahl der Dinge, die er umfaßt...*)
1.5 b Der Adhäsionsbegriff bei anderen Autoren
In [1-21] wird der Leser für die Problematik der Haftverbunde
mit folgendem Satz konditioniert: „Adhäsion ist eine für viele An-
wendungen polymerer Materialien relevante Oberflächeneigenschaft.
...Die Adhäsion eines Anstrichs ist für Stoßstangen oder andere Karos-
serieteile wichtig.“ Im selben Absatz folgt noch eine Definition von
Adhäsion, die sich aber darauf beschränkt, den Unterschied zum
Begriff Kohäsion darzustellen, indem erklärt wird, das es sich bei
Adhäsion um „...das Zusammenschließen zweier unterschiedlicher
Materialien...“ handelt. Allein in diesem einen Absatz finden sich
also drei verschiedene Interpretationen des Adhäsionsbegriffs: 1.)
Oberflächen-Eigenschaft, 2.) Material-Eigenschaft („Adhäsion ei-
nes Anstrichs“) und 3.) Prozeß („das Zusammenschließen“).
Aus [1-20] stammt folgende Definition: „Adhäsion ist der Zu-
stand einer sich zwischen zwei in Kontakt tretenden kondensierten
Phasen ausbildenden Grenzflächenschicht. Der Zustand zeichnet sich
wesentlich durch den mechanischen Zusammenhalt der beteiligten
Phasen aus, welcher durch molekulare Wechselwirkungen in der
Grenzflächenschicht hervorgerufen wird.“ Die Autoren sehen in Ad-
häsion demnach 4.) einen Zustand.
*) Krichner/Michaelis: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. S.
410 ff. Digitale Bibliothek Bd. 3: Geschichte der Philosophie, S. 11335
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-16
Bereits in [1-22] und [1-24] wird auf die Vielzahl existierender
Definitionen und Interpretationen verwiesen: Kontextabhängig
wird der Begriff Adhesion neben den bereits oben genannten Kate-
gorien synonym zu 5.) Anbindung („bonding“), 6.) Phänomen oder
7.) Wechselwirkung („interaktion“) gebraucht. Oft werden dabei
andere physikalische Größen wie Energie und Kraft mit dem Attri-
but adhäsiv belegt. Derartige Kombinationen konkurrieren mit
Phrasen wie „die Stärke der Adhäsion“ (z.B. [2-67], [2-69]).
Die obenstehende Definition [1-20] ähnelt der nachfolgenden
Begriffsklärung nach Wu [1-24]:„Der Begriff „Adhäsion“ bezeichnet
den Zustand, in dem sich zwei verschiedenartige Festkörper in einem
intimen Grenzflächenkontakt befinden, derart, das mechanische Kraft
bzw. Arbeit über und durch diese Grenzfläche hinweg übertragen wer-
den kann.
Adhesion refers to the state in which two
dissimilar bodies are held together by in-
timate interfacial contact such that me-
chanical force or work can be transferred
across the interface“ Originaltext der
Definition von Adhäsion, Wu [1-24]
Wu verwendet zwar den Begriff Zustand, jedoch enthält seine
Definition keine charakterisierenden Zustandsgrößen; er be-
schreibt keine Energie- oder Entropie-Optimierungsprozesse, die
zur Einstellung des Zustandes führen. Statt dessen erklärt er, wel-
chen phänomenologischen „Nutzen“ dieser Zustand hat. Das (ma-
kroskopische) Phänomen Adhesion (Kraftübertragung zu leisten)
ersetzt er durch eine andere „Erscheinung“, nämlich das Auftreten
des von ihm bezeichneten Zustandes (Kraftübertragung leisten zu
können). Der qualitative Unterschied gegenüber der Definition in
[1-20] liegt in einer Erweiterung der Systemgrenzen. Während
[1-20] den Zustand auf die Grenzschicht selbst bezieht, beschreibt
Wu den Zustand des gesamten Haftverbunds.
Eine Analyse der verschiedenen Synonyma für Adhäsion führt
zu folgender Erkenntnis:
XEs gibt eine prozeßbezogene und eine zustandsbezogene Interpre-
tation von Adhäsion. Je nach Standpunkt wird eine andere
Gruppe von Synonyma für Adhäsion gebraucht.
Unabhängig von diesen intrinsisch gegensätzlichen Auffassun-
gen stößt man auf verschiedene Abstraktionsgrade in der Gesamt-
vorstellung Adhäsion. Das Spektrum reicht von einer rein
phänomenologischen Betrachtung bis hin zum Versuch einer exakt
mathematischen Beschreibung.
Die phänomenologischen Darstellungen beschreiben (natürli-
cherweise) die erfahrbare Facette von Haftung (etwa: „Adhäsion ist,
wenn Du zwei Materialien aufeinanderdrückst und es klebt“). Um
das Phänomens „Haftung“ zu erfahren, ist aber immer ein Prozeß
(Kraftübertragung) erforderlich (siehe Kapitel 1.5 c). Die Folge ist,
daß (Prozeß-)Begriffe wie „Wechselwirkung“ und „Anbindung“ zu
Synonyma von Adhäsion werden. Auch die synonyme Verwendung
des Begriffs Eigenschaft (im Makroskopischen) ist phänomenolo-
gisch geprägt. Die besondere Schwierigkeit liegt hier in der offen-
sichtlichen Neutralität von Eigenschaft gegenüber der Belegung mit
prozedur- bzw. zustandsbezogenen Inhalten: „Auf eine ganz be-
stimmte Art und Weise zu sein“ ist für uns ebenso eine gültige Ver-
wendung des Eigenschaftsbegriffs wie „sich auf eine ganz
bestimmte Art und Weise zu verhalten“.
1.5 Was ist Adhäsion?
1-17
1.5 c Zur Quantifizierbarkeit von Adhesion
Einführung zu einem philosophischen Exkurs
„If you try to fail, and you succeed, what
have you done?“*)
Das Problem der Quantifizierbarkeit von Adhäsion wird an ver-
schiedenen Stellen dieser Arbeit diskutiert. Meist geht es dann je-
doch um den Vergleich bzw. die Vergleichbarkeit verschiedener
Modellgrößen, die - aus unterschiedlichen Theorien und Denkan-
sätzen kommend - als adhäsive Quantitäten betrachtet und als sol-
che gegeneinander abgewogen werden. Hinter der Frage nach einer
Quantifizierbarkeit steckt aber auch die Frage nach Greifbarkeit
und Begreifbarkeit von Adhäsion. Denn letztlich formte sich unser
naturwissenschaftliches Weltbild aufgrund der physischen Erfahr-
barkeit (ob mit natürlichen Sinnesorganen oder über den Umweg
eines technischen Hilfsmittels) unserer Umwelt. Dabei spielen
Quantitäten eine immense Rolle.
In diesem Kapitel soll das Problem der Quantifizierbarkeit von
Adhäsion daher vor allem im erkenntnistheoretischen Kontext be-
leuchtet werden. Ausgehend von der prozeß- und der zustandsbe-
zogenen Interpretation des Adhäsionsbegriffs wird den Fragen
nachgegangen, ob eine Möglichkeit der Quantifizierung besteht
und welche Größe am geeignetsten erscheint, um das, was wir un-
ter Adhäsion zu verstehen glauben, auch quantitativ zu erfassen. Im
ersten Kapitelabschnitt wird einführend der prinzipielle Zusam-
menhang zwischen Zustand und Prozeß vorgestellt.
Die Ausführungen erheben keinen Anspruch auf Vollständig-
keit. Vielmehr ist dieser Abschnitt als Versuch zu verstehen, die Ur-
sache für das außerordentliche Wirrwarr an Begriffen, Kategorien,
Interpretationen usw. in der (erkenntnistheoretischen) Komplexi-
tät des Betrachtungsgegenstandes „Adhäsion“ selbst zu suchen.
Prozeß und Zustand
Die prozeßbezogene Interpretation ist wahrscheinlich die popu-
lärste Auffassung von Adhäsion. Sie erscheint gleichzeitig als intui-
tivste und in der praktischen Anwendung einzig relevante
Beschreibung, denn sie stellt Erfahrbarkeit und Nutzen in den Mit-
telpunkt (siehe Kapitel 1.5 d).
Die prozeßbezogene Interpretation kommt aber nicht ohne eine
Bezugnahme auf den Zustandsbegriff aus, denn zu einer vollstän-
digen Beschreibung eines Prozesses gehören
1)die Beschreibung des Systems, in dem der Prozeß abläuft,
2)ein Maß für die Wechselwirkung des Prozesses mit dem System
(Prozeßgröße, z.B. Arbeit, Wärme),
3)ein Maß für die Dynamik des Prozesses (z.B. Prozeßgeschwin-
digkeit) und
4)die Angabe von Prozeßweg und spezifischen Vorgängen (Mecha-
nismus) im Prozeßablauf.
*) aus: „Harris online: Lifes most important questions“
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-18
Zur vollständigen Beschreibung eines Systems gehören jedoch
1)Position und Beschaffenheit der Systemgrenzen,
2)ein Satz von Zustandsgrößen, die in ihrer Gesamtheit geeignet
sind, den Zustand des Systems eindeutig zu beschreiben und
3)der Zustand des Systems, d.h. die numerischen Werte der
Zustandsgrößen.
Abb. 1.5-1 Der prinzipielle Zusammenhang
zwischen Zustand und Prozeß am (stark verein-
fachten) Beispiel eines binären Haftverbunds
Das Auftreten einer von Null verschiedenen Prozeßgröße ist we-
sentliches Merkmal eines Prozesses (z.B. Arbeit). Die Prozeßgröße
ist eine Funktion des Weges (daher auch Wegfunktion genannt)
und damit auch eine Funktion des Anfangs- und Endzustandes des
Systems. Anfangs- und Endzustand sind jedoch durch die numeri-
schen Werte der Zustandsgrößen (z.B. Innere Energie) gekenn-
zeichnet. Daher läßt sich allgemein formulieren:
XProzeß bezeichnet den Vorgang einer Zustandsänderung.
Aber auch die zustandbezogene Interpretation kann nicht auf
den Prozeßbegriff verzichten. Bei dem Versuch, diese Beziehung zu
beschreiben, stolpert man jedoch unversehens über ein erkenntnis-
theoretisches Problem (siehe ”Das „Meßproblem“ der Adhäsionsfor-
schung”)
Abbildung 1.5-1 soll noch einmal den prinzipiellen Zusammen-
hang zwischen Zustand und Prozeß veranschaulichen. Die Darstel-
lung ist bezogen auf den (stark vereinfachten) Lebenszyklus eines
binären Haftverbunds ab, gebildet aus den Komponenten a und b:
Zu Beginn des betrachteten Zeitraums liegen die Komponenten a
und b separat vor. Dieser Situation wir der Zustand A zugewiesen.
Im Prozeß AB bildet sich der Haftverbund ab heraus. Der resultie-
renden Situation (es existiert ein Haftverbund aus a und b) wird
der Zustand B zugewiesen. Im nachfolgenden Prozeß BA’ wird der
Haftverbund ab zerstört, die Komponenten a und b werden wieder
voneinander getrennt. Der daraufhin vorliegenden Situation (die
wieder separierten Komponenten) wird der Zustand A’ zugeord-
net.
Befinden sich „auf dem Weg“ zwischen den Zuständen A und
B noch weitere Zustände B’, B’’, B’’’ etc., so lassen sich entspre-
chende Teilprozesse identifizieren, die in ihrer Gesamtheit die Zu-
standsänderung von A nach B beschreiben. Die Zustandsänderung
von A nach B könnte selbst wiederum Teilprozeß einer übergeord-
neten Zustandsänderung sein, usw.
Physikalische Grundbegriffe
Die Ursache einer Bewegungs- und/oder Formänderung wird
als Kraft bezeichnet. Kräfte können nur anhand ihrer Wirkung be-
urteilt werden. Man unterscheidet die dynamische und die stati-
sche Wirkung einer Kraft auf einen Körper. Erstere ist eine
Änderung des Bewegungszustands des Körpers, letztere eine Defor-
mation des Körpers. Für den Themenschwerpunkt „Adhäsion“ ist
ausschließlich die statische Wirkung von Interesse. Durch die De-
formation eines Körpers werden in ihm Spannungen hervorgeru-
fen (man spricht auch vom Auftreten von Spannungszuständen).
1.5 Was ist Adhäsion?
1-19
Arbeit W und Kraft F sind durch den einfachen physikalischen
Zusammenhang
(1.5-1)
miteinander verknüpft.
Die infolge der Deformation auftretenden Spannungen können
als das Bestreben des Körpers verstanden werden, seine ursprüngli-
che Form wiederherzustellen. D.h., der von außen einwirkenden
Kraft setzt das System eine Widerstandskraft entgegen. Je größer
diese Widerstandkraft ist, desto größer muß auch die äußere Kraft
sein, um eine Zustandsänderung des Systems zu bewirken, d.h. de-
sto mehr Arbeit muß geleistet werden.
Unter Energie wird die Fähigkeit eines Systems verstanden, aus
sich heraus Arbeit zu leisten. Wenn also an einem System Arbeit
verrichtet wird, erhöht sich die Energie des Systems und damit des-
sen Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Wenn das System selbst Arbeit
leistet, wird ein Teil der „gespeicherten“ Energie vom System abge-
geben und dabei unter Umständen in andere Energieformen um-
gewandelt.
Adhäsion als Zustand
Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist die Wusche
Definition für Adhäsion [1-24]. Danach ist der Zustand „Adhäsion“
dadurch charakterisiert, daß
a) sich die beiden Festkörper in einem intimen Grenzflächenkon-
takt befinden und
b) mechanische Kraft bzw. Arbeit über und durch die Grenzfläche
übertragen werden kann.
Da keine weitere Spezifizierung auf der Grundlage von Zustands-
größen erfolgt, liegt eine Änderung dieses Zustandes also genau
dann vor, wenn
a) sich die beiden Festkörper nicht mehr in einem intimen Grenz-
flächenkontakt befinden oder
b) keine mechanische Kraft bzw. Arbeit mehr über und durch die
Grenzfläche übertragen werden kann.
Abb. 1.5-2 Schematische Darstellung eines ein-
fachen binären Verbunds
Dies ist gleichzeitig die extremste Form einer Zustandsände-
rung, denn sie beschreibt die Zerstörung des Systems, das Träger
des Zustandes ist. Eine differenziertere Kennzeichnung einer Zu-
standsänderung ist jedoch auf Grundlage der Definition nicht
möglich. Es fehlen die charakteriserenden Zustandsgrößen. Diese
Überlegung führt geradewegs zum Problem der Quantifizierung
und Quantifizierbarkeit von Adhäsion.
Wir betrachten ein einfaches binäres System: Zwei Festkörper
in Quaderform befinden sich in engem Grenzflächenkontakt (Abb.
1.5-2). Vereinfachend wird angenommen, der untere Quader wäre
im Raum fixiert. Zur Problematik des Grenzflächenbegriffs siehe
Kapitel 1.6.
WFs()sd
=
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-20
Im folgenden werden unterschiedliche Fälle einer Krafteinwir-
kung bzw. unterschiedliche Reaktionen auf eine Krafteinwirkung
auf den oberen Festkörper im Rahmen von drei virtuellen Experi-
menten betrachtet. Die Experimente sind bewußt (vielleicht auch
ein wenig provokant) vereinfacht worden, um auf einige wichtige
Probleme aufmerksam zu machen:
Experiment A: Eine Kraft wirkt orthogonal zur Grenzfläche und
den Hauptachsen der beiden Quader von oben auf die gesamte Flä-
che des oberen Quaders. Die Quader werden einer Druckbelastung
ausgesetzt. Abb. 1.5-3 veranschaulicht den Vorgang.
Beobachtung: Ist die Kraft groß genug, können also die dem äu-
ßeren Druck entgegenwirkenden Kräfte im Inneren der beiden
Festkörper überwunden werden, so kommt es zu einer Deformati-
on beider Komponenten.
Abb. 1.5-3 Gedankenexperiment A. Die aufge-
wendete Kraft F bewirkt eine Deformation der
beiden Quader.
Interpretation: Der Zustand des Systems erfüllt alle Kriterien der
Definition. Die beiden Festkörper befinden sich in einem innigen
Grenzflächenkontakt und die von außen einwirkende Kraft wurde
über die Grenzfläche in den unteren Festkörper übertragen. Ande-
renfalls hätte der sich nicht verformen dürfen. Da wir durch unsere
praktische Erfahrung in Bezug auf den Begriff Adhäsion vorgeprägt
sind, fällt es uns schwer, den beschriebenen Vorgang mit Haftung
zuverbinden. Dennoch handelt es sich (der allgemeinen Konventi-
on folgend) um den trivialsten Fall mechanischer Adhäsion und da-
bei zudem um einen sehr einfachen Fall des sogenannten
Formschlusses (mechanical interlocking). Deutlicher wird der Sach-
verhalt, wenn man die gleiche Konstellation in einem größeren
Ausschnitt betrachtet (siehe Abb. 1.5-5).
Abb. 1.5-4 Gedankenexperiment B: Die aufge-
wendete Kraft F führt direkt zur Separation der
beiden Quader
Experiment B: Eine Kraft greift an der gesamten Oberfläche des
oberen Quaders orthogonal zur Grenzfläche und den Hauptachsen
der beiden Quader an. Es entsteht eine Zugbelastung. Abb. 1.5-4
veranschaulicht den Vorgang.
1.5 Was ist Adhäsion?
1-21
Beobachtung: Es kommt zu einer vollständigen Separation der
beiden Körper. Eine Deformation tritt nicht auf.
Interpretation: Obwohl der Ausgangszustand in Experiment B
identisch mit dem Ausgangszustand in Experiment A ist, war die
Grenzfläche diesmal offensichtlich nicht in der Lage, die angreifen-
de Kraft zu übertragen.
Abb. 1.5-5 Klassisch-mechanische Form von
Adhäsion: Der Formschluß (mechanical interloc-
king)
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-22
Die erste wichtige Erkenntnis lautet also:
XAdhäsion besitzt eine Anisotropie. Diese Anisotropie bezieht
sich auf die Fähigkeit der Grenzfläche (besser: Grenzschicht),
Kräfte zu übertragen.
Experiment C: Eine Kraft greift an der gesamten Oberfläche des
oberen Quaders orthogonal zur Grenzfläche und den Hauptachsen
der beiden Quader an. Es entsteht eine Zugbelastung. Abb. 1.5-6
veranschaulicht den Vorgang.
Abb. 1.5-6 Gedankenexperiment C: Die aufge-
wendete Kraft F bewirkt eine Deformation der
beiden Quader
Beobachtung: Ist die Kraft groß genug, können also die der Zug-
kraft entgegenwirkenden Kräfte im Inneren der beiden Festkörper
überwunden werden, so kommt es zu einer Deformation beider
Komponenten.
Interpretation: Die angreifende Kraft wurde über die Grenzflä-
che hinweg auf den unteren Quader übertragen. Phänomenolo-
gisch würde man dieses Verhalten als Haftung beschreiben.
Experiment D: Eine Kraft greift am oberen Quaders parallel zur
Grenzfläche und den Hauptachsen der beiden Quader an. Es ent-
steht eine Scherbelastung. Abb. 1.5-7 veranschaulicht den Vor-
gang.
Beobachtung: Ist die Kraft groß genug, können also die der
Scherkraft entgegenwirkenden Kräfte im Inneren der beiden Fest-
körper überwunden werden, so kommt es zu einer Deformation
beider Komponenten.
Abb. 1.5-7 Gedankenexperiment C: Die aufge-
wendete Kraft F bewirkt eine Deformation der
beiden Quader
Interpretation: Die angreifende Kraft wurde über die Grenzflä-
che hinweg auf den unteren Quader übertragen. Phänomenolo-
gisch würde man dieses Verhalten als Haftung beschreiben.
1.5 Was ist Adhäsion?
1-23
Bei allen vier Gedankenexperimenten wurde bewußt darauf ver-
zichtet, den Ausgangszustand näher zu spezifizieren. D.h., ob die
Grenzfläche in der Lage sein würde, die Kräfte zu übertragen war
von vornherein nicht bekannt. Eine weitere wichtige Erkenntnis ist
daher:
XDer Nachweis für die Existenz des Zustandes „Adhäsion“ kann
nur indirekt durch eine (mechanische) Belastung des Systems
erbracht werden; also durch einen Proz
In der Praxis reicht die Kenntnis, daß etwas „aneinander“ haftet
nicht aus. Natürlich ließe sich die Kraft messen bzw. die Arbeit be-
stimmen, die in den Experimenten A und C aufgewendet wurden
- salopp formuliert: viel Arbeit heißt „viel“ Adhäsion. Die praktische
Erfahrung widerspricht dieser Interpretation nicht: Für die Über-
windung eines Widerstandes gebraucht man auch im gewöhnli-
chen Leben den Begriff Arbeit. Damit würde man zwar über
systemrelevante Meßgrößen, jedoch noch immer nicht über cha-
rakterisierende Zustandsgrößen verfügen. Zur Erinnerung: Adhäsi-
on bezeichnet einen Zustand, in dem mechanische Kraft bzw.
Arbeit übertragen werden können. Diese Aussage für sich genom-
men erlaubt nur eine Variante der Zustandsänderung - nämlich die
Zerstörung des Verbundes. Allein die praktische Erfahrung lehrt
uns jedoch, daß es zwischen Haftung und Nicht-Haftung eine gan-
ze Bandbreite von Systemverhalten gibt, das wir landläufig als gute,
weniger gute, schlechte etc. Adhäsion bezeichnen und das wir auch
technisch ausnutzen. Auf der anderen Seite ist es durchaus denk-
bar, daß zwei vollkommen verschiedene Materialverbunde (z.B. ein
Glasfaser/Epoxid-System und ein Carbonfaser/Polyethylen-Sy-
stem) der gleichen statischen Krafteinwirkung standhalten. Im Sin-
ne der bisherigen Zustandsdefinition wären die beiden Systeme
nicht unterscheidbar.
Eine unterscheidende Quantifizierung des Zustandes muß also
durch ein Maß für das Potential zur Kraftübertragung, d.h. eine kri-
tische Maximalkraft Fkrit (auch Festigkeit), statt durch die aktuelle
Größe einer übertragenen Kraft Ft vorgenommen werden. Fkrit
läßt sich allerdings nur dann bestimmen, wenn es unter Anwen-
dung einer Kraft F zu einem adhäsiven Versagen des Verbundes
kommt. Der aktuelle Meßwert der Kraft beim Eintritt des Versa-
gens entspricht Fkrit *). Die Unterscheidbarkeit ist also nur durch
eine Untersuchung des kritischen Grenzverhaltens gegeben.
Die dritte wichtige Erkenntnis lautet daher:
XDer Versuch einer (eindeutigen) quantitativen Bestimmung des
Zustandes führt im Erfolgsfalle zur Zerstörung desselben.
Es ergibt sich nun zwangsläufig eine Fragestellung, die man als
das Meßproblem der Adhäsionsforschung bezeichnen könnte.
*) die Beschreibung ist stark vereinfacht. Die Auswertung der Ergebnisse
eines „kritischen“ Experiments kann in Kapitel 3.3 nachgelesen werden.
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-24
Das „Meßproblem“ der Adhäsionsforschung
„Schrödingers Katze“ ist ein viel zitiertes und überstrapaziertes
Gleichnis für die Auswirkungen der „Kopenhagener Interpretati-
on“ der Quantenmechanik auf die makroskopische Domäne. Ob-
wohl der Kernpunkt der daraus hervorgegangenen Diskussion
deutlich theorie-elementarer Natur ist, wird das Beispiel vor allem
dafür herangezogen, die Problematik des (quantenmechanischen)
Messens zu demonstrieren. Der interessierte Leser möge den Refe-
renzen, u.a.[1-38]-[1-40] folgen. An dieser Stelle wollen wir uns
auf die (plakative) Aussage „Messen heißt verändern“ konzentrieren.
Dahinter verbirgt sich ein erkenntnistheoretischer Ansatz, der in
seiner totalitären Ausprägung zum Solipsismus führen kann; die
Außenwelt ist nur im und für das (Einzel-)Ich*), d.h. „Ich schließe
die Augen und die Welt verschwindet“. Nun beabsichtigt dieses Ka-
pitel nicht gleich, die ganze Welt verschwinden zu lassen - aber ver-
suchen wir’s doch einmal mit der Adhäsion:
Wenn der Nachweis für die Existenz des von Wu beschriebenen
Zustandes nur durch eine (mechanische) Belastung des Systems er-
bracht werden kann, welche Beweiskraft hat dieses Experiment dann
für die Existenz eines (mechanisch) unbelasteten „Adhäsions-Zustan-
des“? Anders formuliert - existiert „Adhäsion“ außerhalb der Messung
(mechanische Belastung)?
Wem diese Überlegungen zu spitzfindig erscheinen, der sei auf
Kapitel 2 verwiesen. Dort wird aufgezeigt, welche Möglichkeiten
für eine quantitative Formulierung von Struktur/Eigenschaft-Be-
ziehungen zur Verfügung stehen. Die obige Fragestellung besitzt
das Potential, die in Kapitel 2 beschriebene Vorgehensweise ad ab-
surdum zu führen! Sie berührt den Grundkonflikt zwischen dem
kritischen und subkritischen Ansatz [1-42] (siehe Kapitel 1.6 e)
und letztlich die Frage nach der Vorhersagbarkeit von Adhäsion.
Der Dualismus im Adhäsionsbegriff
In Kapitel 1.5 c wurden Zustand und Prozeß als gleichberech-
tigte konkurrierende Interpretationsmöglichkeiten des Begriffs Ad-
häsion gegenübergestellt. Es schien, als wäre diese Polarisierung
ausschließlich an den Betrachtungshorizont und den Zweck der
Auseinandersetzung geknüpft. Die vorangegangenen Überlegun-
gen in diesem Kapitel lassen jedoch vermuten, daß der eigentliche
Grund für die semantische Divergenz des Begriffes Adhäsion im
dualistischen Grundcharakter des Betrachtungsgegenstandes selbst
liegt: An den Adhäsionsbegriff wird der Anspruch erhoben, Ursa-
che und Wirkung gleichermaßen und gleichzeitig in sich zu verei-
nen. Zustand und Phänomen sind nur die kognitive Synonyma
dieser beiden kausalen Kategorien.
Das menschliche Denken (und insbesondere das praktische All-
tagsdenken) ist von dem Verfahren geprägt, die Umwelt in Katego-
rien von Ursache und Wirkung zu beschreiben. Das Dilemma um
die Deutung von Adhäsion beginnt genau damit, daß eine Zuord-
*) Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 603. Digitale
Bibliothek Bd. 3: Geschichte der Philosophie, S. 14019 (vgl. Eisler-
Begriffe Bd. 1, S. 114)
1.5 Was ist Adhäsion?
1-25
nung zu Ursache oder Wirkung „Ansichtssache“ ist:
Ist der Zustand eine Folge der Wirkung der Kräfte oder ist er deren
„Quelle“? Ist Adhäsion gleichzusetzen mit der Triebkraft für die Ent-
stehung eines Zustandes oder für dessen Erhalt? Muß und kann man
diese Unterscheidung überhaupt treffen?
Natürlich kann man bei der Beantwortung derartiger Fragestel-
lungen einen Standpunkt einnehmen und man kann diesen Stand-
punkt auch in Form einer Definition manifestieren – eine objektiv
„richtige“ Antwort gibt es bei unserem heutigen Kenntnisstand je-
doch nicht.
1.5 d Der Adhäsionsbegriff im Rahmen dieser Arbeit
Adhäsion wird im Rahmen dieser Arbeit, der Definition von
Wu [1-24] folgend, als Zustand verstanden. Die Erweiterung der
Wuschen Definition um den Aspekt der Anisotropie (siehe Gedan-
kenexperiment A in Abschnitt 1.5 c) führt zu folgender Aussage:
XAdhäsion ist der Zustand eines Systems, bestehend aus zwei im
intimen Grenzflächenkontakt befindlichen Festkörpern, in
dem es (das System) einer statischen Krafteinwirkung, die
geeignet ist, den intimen Grenzflächenkontakt zu zerstören,
einen Widerstand entgegensetzen kann, der den intimen
Grenzflächenkontakt der beiden Festkörper erhält.
Das Attribut adhäsiv und der Präfix Adhäsions- wird auf Größen
und Prozesse angewendet (z.B. adhäsive Wechselwirkung, Adhäsi-
onsarbeit), um deutlich zu machen, daß durch deren Präsenz der
ZustandAdhäsion“ unterstützt (d.h. herbeigeführt oder stabili-
siert) oder ausgenutzt (d.h. belastet oder zerstört) wird.
Makroskopischer Ausdruck dieses Zustandes ist ein adhäsiver
Verbund. Ein adhäsiver Verbund besteht aus mindestens zwei
Komponenten, dem Adhäsiv und dem Substrat (auch als Adhärens
bezeichnet). Eine durch äußere oder innere Prozesse (meist lokale
oder globale Spannungen) herbeigeführte Separation der beiden
Verbundkomponenten innerhalb der Grenzschicht beider Phasen
wird als adhäsives Versagen oder Adhäsionsbruch bezeichnet. Befin-
det sich der Ort des Versagens außerhalb der Grenzschicht, so
spricht man von kohäsivem Versagen bzw. Kohäsionsbruch. Die oft
verwendete Phrase „Stärke der Adhäsion“ bezeichnet die Arbeit Wz,
die an dem Verbundsystem im Zustand z verrichtet werden muß,
um ein adhäsives Versagen herbeizuführen.
Der Zustand Adhäsion ist zwar charakterisierbar; quantifizierbar
ist aber nur der Prozeß, der gleichzeitig Nachweis dieses Zustands
ist. Die Quantifizierung erfolgt mit Hilfe der Prozeßgröße Arbeit.
Praktisch gemessen wird in der Regel eine Maximalkraft, die gerade
noch über die Grenzfläche übertragen werden kann, ohne den ad-
häsiven Verbund zu zerstören (kritischer Ansatz, siehe Kapitel
1.6 e), bzw. eine Minimalkraft, die gerade zu einer Zerstörung des
adhäsiven Verbundes führt (subkritischer Ansatz, siehe Kapitel
1.6 e). Aus diesen experimentellen Ergebnissen versucht man,
Rückschlüsse auf den Zustand zu gewinnen.
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-26
Gute Haftung/gute Adhäsion und schlechte Haftung/schlechte Ad-
häsion sind umgangssprachlicher Ausdruck für den numerischen
Wert der Arbeit – jedoch stets unter Bezugnahme auf die prakti-
sche Anwendung des adhäsiven Verbundes. Die Adhäsion kann
zwar „schlecht sein“, für das vorliegende Problem aber trotzdem
ideal. Die Bewußtwerdung für derartige qualitative Unterschiede
hat das Problemfeld der Haftungsoptimierung begründet.
1.6 Von Oberflächen und Grenzschichten
1.6 a Ein simpler Faserverbund
Für die nachfolgende Argumentation ist es erforderlich, den
prinzipiellen Aufbau eines Faserverbundwerkstoffes (FVW) etwas
genauer zu betrachten:
Abb. 1.6-1 Zweiphasensystem eines simplen Fa-
serverbundwerkstoffs (Querschnitt)
Ein simpler FVW wird aus zwei Einzelkomponenten zusam-
mengefügt - einem Fasermaterial und einem Matrixmaterial. Jede
einzelne Faser verfügt über eine große axialparallele mechanische
Stabilität. Diese läßt sich in Kenngrößen (z.B. Zugfestigkeit) aus-
drücken. Gegenüber einer seitlichen Verformung ihrer Gesamt-
struktur (z.B. Biegen) ist die Faser dagegen äußerst bruchanfällig.
Aus diesem Grunde werden die Fasern in ein Matrixmaterial (z.B.
einen Kunststoff) eingebettet. Einerseits werden sie dadurch vor
unerwünschten Querbelastungen geschützt, andererseits stellt sich
ein kumulativer Effekt in der axialen Belastbarkeit des Verbundes
ein: Die einwirkende Kraft kann sich auf viele Fasern verteilen. Es
entsteht ein makroskopisch kompakter Werkstoff - ein Faserver-
bundwerkstoff.
Die Fasern können als unidirektionales Bündel, multidirektio-
nales Gewebe (Matte) oder auch völlig unorientiert als kurzfaseri-
ger Füllstoff eingebracht werden. Im weiteren wird der einfachste
Fall der Faserorientierung betrachtet - eine unidirektionale konti-
nuierliche Anordnung.
1.6 b Zur Universalität des Begriffs Grenzfläche
Der Modell-FVW wird aus zwei Komponenten gebildet. Denk-
bar wäre also die Beschreibung des Gesamtverbundes als binäres
System kondensierter Phasen (Abb. 1.6-1). Die beiden Phasen sind
leicht zu identifizieren und in einer Modellzeichnung kann man
beiden Materialien auch sofort ein Volumen, d.h. einen Ort ein-
deutiger Material-Entsprechung zuweisen. Dabei entsteht eine dis-
krete zweidimensionale Phasengrenze. Zumindest bei der
umschlossenen Faserkomponente erkennt man sofort die räumli-
che Entsprechung dieser Phasengrenze mit dem, was man gemein-
hin als Oberfläche (engl. surface) der Faser bezeichnen würde. Da
hier jedoch zwei kondensierte Phasen aufeinandertreffen, wird der
Begriff Grenzfläche (engl. interface) verwendet. Die Matrixkompo-
nente verfügt sogar über zwei Phasengrenzen:
1)eine innere (diskrete) gegemeinsam mit den Fasern
2)eine äußere (kontinuierliche) gemeinsam mit der Umgebung des
Verbundes.
innere Phasengrenze
äußere Phasengrenze
Matrixmaterial
Fasermaterial
1.6 Von Oberflächen und Grenz-
schichten
1-27
Letztendlich sind alle Phasengrenzen (d.h. auch fest/gasförmig)
Grenzflächen. Es scheint, als würde der Begriff Oberfläche die um-
fassende Betrachtung der Phasengrenze verhindern wollen, indem
er die kondensierte Phase dominieren läßt; man schaut quasi durch
das Gas hindurch auf die Oberfläche. Allein die Beschränkung
menschlicher Sinnesorgane verdrängt den Gedanken, man könne
doch statt dessen durch den Festkörper hindurch „auf das Gas
schauen“. Diese - abstrakt vorhandene - Betrachtungsambivalenz ist
jedoch objektives Wesensmerkmal einer Phasengrenze. Die Phasen-
grenze „gehört“ nicht zu einer einzelnen der beiden Phasen. Ober-
fläche überträgt diese „Besitzrechte“ jedoch exklusiv auf die
kondensierte Phase. Grenzfläche weist auf die dialektische Grundla-
ge ihrer eigenen Existenz hin und ist deshalb als Begriff vorzuziehen.
1.6 c Einführung des Begriffs Grenzschicht
Viele Arbeiten ( [1-42], [1-49], [2-62], [2-74], [1-20] etc.) be-
tonen die Notwendigkeit einer dreidimensionalen Betrachtung der
Phasengrenze in Verbundwerkstoffen. Damit ist nicht die Positio-
nierung einer ebenen oder gekrümmten Fläche im Raum gemeint
(diese Art von Dreidimensionalität besitzt auch die Zylinderman-
telfläche einer Carbonfaser bzw. eine davon abgeleitete Grenzflä-
che.). Vielmehr wird darauf hingewiesen, daß die Grenzfläche
selbst eine endliche „Dicke“ besitzt. Der mathematische Flächen-
begriff ist hier natürlich nicht mehr haltbar und so bedient man
sich des Bezeichners Grenzschicht. Beispielsweise würde aus der
pseudo-dreidimensionalen Zylindermantelfläche ein echter Kör-
per, nämlich ein Hohlzylinder mit finiter Wandstärke, entstehen.
Diese Wandstärke entspräche der „Dicke“ der Grenzschicht.
Allgemeiner Konsens herrscht in Bezug auf die räumliche Be-
grenzung der Grenzschicht. Wir betrachten dazu eine Quer-
schnittsfläche, orthogonal zur Grenzfläche (Abb. 1.6-2):
Die Grenzschicht beginnt an einer Isolinie innerhalb des Füll-
materials (z.B. der Faser), an der die Materialeigenschaften der ge-
kennzeichneten Region erstmalig von denen der Faser abweichen.
Sie erstreckt sich bis zu derjenigen Isolinie innerhalb der Matrix, an
der die Materialeigenschaften der gekennzeichneten Region erst-
malig mit denen der bulk Matrix übereinstimmen [1-41]. In dem
geometrisch und inhaltlich idealisierten Beispiel der hohlzylinder-
förmigen Grenzschicht entspräche die Querschnittsfläche einem
Kreisring, dessen innerer und äußerer Umfang mit jeweils einer der
beiden Isolinien übereinstimmen.
Die Grenzschicht-Definition macht die Materialeigenschaften
bzw. deren Ortsabhängigkeit zum Kriterium für die Eingrenzung
eines Volumens, für dessen Benennung in Chemie und Physik be-
reits ein Begriff existiert: Phase. Und so findet man in der englisch-
sprachigen Fachliteratur häufig den Bezeichner interphase (als
Grenz-, Meso- oder Interphase ins Deutsche übersetzt). Doch, so na-
heliegend der Phasenbegriff zunächst auch erscheinen mag, so irri-
tierend ist seine Verwendung in Bezug auf die obige Definition von
Grenzschicht. Während eine „Phase“ laut wissenschaftlichem Kon-
sens ([1-48]) stets durch eine „Phasengrenze“ (an der sich die
phasencharakteristischen Eigenschaften sprunghaft ändern) von
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-28
ihrer Umwelt getrennt ist, impliziert die Grenzschichtdefinition
eine kontinuierlichen Veränderung von Materialeigenschaften
zwischen bulk- und Grenzschicht-Volumen.
Abb. 1.6-2 Definition der Grenzschicht am Bei-
spiel eines Faser/Matrix-Verbundes
Der Ausbildung einer Grenzschicht geht das Aufeinandertreffen
mindestens zweier Phasen voraus. Erscheint es daher nicht nahelie-
gend, die Grenzschicht als Phasengrenze finiter Dicke statt als Phase
zu begreifen? Diese Überlegung wird durch die Wusche Grenz-
schichtdefinition bestätigt: Zusammensetzung und energetische Grö-
ßen in der dreidimensionalen Phasengrenze verändern sich
kontinuierlich von einer bulk-Phase zur anderen [1-24].
Verläßt man den Bereich der Ingenieur- und Angewandten Na-
tur-Wissenschaften, um sich im Rahmen der klassischen Naturwis-
senschaften Chemie und Physik einer allgemeingültigen und
ursächlichen Betrachtung der Ober- und Grenzflächenphänomene
zu nähern, so gerät das mühsam erarbeitete (makroskopische) Bild
der Grenzschicht ins Wanken. Man wird feststellen, daß einige Au-
toren zur Darstellung ihrer Theorien des Grenzschicht-Begriffes
überhaupt nicht bedürfen [1-24]. Wenn man zunächst noch ver-
mutet, dies wäre eine Art wissenschaftliches Generationsproblem
(laut [1-49] diskutierte man noch 1991 über die Existenz bzw. Ko-
existenz von Grenzfläche und Grenzschicht in Verbundsystemen),
so wird man sehr schnell erkennen, daß auch hier eher das Umfeld
des Betrachters über den Umgang mit dem Grenzschichtbegriff
entscheidet. Während für die einen die Existenz der Grenzschicht
der Schlüssel zum Verständnis des makroskopischen Verhaltens
von Haftverbunden ist (d.h. Ursache), stellt sie für die anderen eine
mehr oder minder stark ausgeprägte Folge viel prinzipiellerer Vor-
gänge dar. Es erscheint daher sinnvoll, auch den Begriff Grenz-
schicht hinsichtlich seiner Semantik und seiner Rolle innerhalb der
1.6 Von Oberflächen und Grenz-
schichten
1-29
einzelnen wissenschaftlichen Konzepte zu untersuchen. Ein guter
Ausgangspunkt dafür ist die Betrachtung der historischen Entwick-
lung der modernen Adhäsionsforschung. Obwohl das Thema hier
nicht erschöpfend behandelt werden kann, sollen wichtige Meilen-
steine genannt und die bedeutendsten - oftmals fälschlich*) als Ad-
häsionstheorien - bezeichneten, Konzepte zur Benennung und
quantitativen Beschreibung adhäsiver Teilbeiträge eingeführt wer-
den.
1.6 d Der Grenzschichtbegriff der Naturwissenschaften
Der älteste belegbare Versuch einer wissenschaftlichen Ausein-
andersetzung mit dem Haftungsphänomen ist das „Gravitäten“-
Konzept von de la Fond aus dem Jahre 1777 [1-20]. 45 Jahre spä-
ter entwickelte Faraday ein energetisches Oberflächenkonzept,
unterschied damit erstmalig bulk- und Oberflächeneigenschaften
auf molekularer Ebene und beschrieb den Vorgang der Adsorption.
Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Entwicklung der (physi-
kalischen) Chemie stark von den Aussagen der klassischen Ther-
modynamik geprägt. Die systematischen Benetzungsmessungen
und deren thermodynamische Interpretation durch Dupré um
1850 verkörpern einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zu einer
geschlossenen thermodynamischen Interpretation von Adhäsion.
1869 formulierte dieser erstmalig einen mathematischen Zusam-
menhang zwischen Oberflächenspannung und einer Größe, die er
als thermodynamische Adhäsionsarbeit Wa bezeichnete. Die erste
exakte und geschlossene thermodynamische Beschreibung der
Grenzfläche geht auf Gibbs zurück [1-24]. Sie basiert auf einer
Zweidimensionalität der Phasengrenze, d.h. einer Grenzfläche.
1940 stellte Guggenheim ein verändertes Modell unter der An-
nahme einer Dreidimensionalität der Phasengrenze vor. Seine Be-
schreibung dient auch heute noch als Grundlage der
Grenzflächenthermodynamik [1-24], [1-35]. Im praktischen Um-
gang mit den thermodynamischen Größen spielt diese Räumlich-
keit jedoch keine essentielle Rolle - im Gegenteil, es wird von
Oberflächen- und Grenzflächeneinheit gesprochen (surface area,
interface area). Die Weiterführung der Dupréschen Arbeiten
[1-33] zunächst in den 1960er Jahren durch Young [1-34] und
später durch Zisman, Fowkes, Good und Wu [1-24] gipfelte
schließlich in der Formulierung eines (auf dem Benetzungsvorgang
basierenden) geschlossenen thermodynamischen Adhäsionstkon-
zeptes, dessen wichtigste und aussagekräftige physikalische Größe
die thermodynamische Adhäsionsarbeit Wa ist (siehe Kapitel
3.1 d). Wus Begründung für eine dreidimensionale Betrachtung
der Phasengrenze ist verblüffend: „...but the use of a dividing surface
is unnatural.“ [1-24]. Dieser Satz ist der einzige Hinweis auf eine
Auseinandersetzung mit der Fragestellung, ob die thermodynami-
sche Beschreibung von Grenzflächenphänomenen einer Dreidi-
mensionalität bedarf. So enttäuschend diese Aussage für einen
*) Falsch ist die Verwendung des Begriffs Adhäsionstheorie deshalb, weil er
die Verfügbarkeit eines gesamtheitlichen Adhäsionsmodells suggeriert.
Ein solches ist jedoch bis zum heutigen Tage tatsächlich nicht verfügbar.
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-30
Rationalisten auch sein mag, so einfach und verlockend „wahr“
präsentiert sie sich jedoch auch. Nach Wu liegt die durchschnittli-
che „Dicke“ der Grenzschicht bei <0.1µm. In [1-35] geht man so-
gar von nur 1-10nm aus.
Die thermodynamische Modellierung von Ober- und Grenzflä-
chen war lange Zeit die einzige (naturwissenschaftliche) Alternative
zum mechanischen Adhäsionskonzept. Der jahrtausendelangen
Tradition und Erfahrung in der Anwendung von Haftverbunden
geschuldet, dominierte in der Praxis die rein mechanische Interpre-
tation. Da die Thermodynamik die spezifischen Adhäsionskräfte
zwar postulierte, jedoch nicht erklärte, war ein Paradigmenwechsel
noch nicht möglich.
Abb. 1.6-3 Etablierte Adhäsionsmodelle
Erst durch die Einführung der Polarisationstheorie durch de
Bruyne [1-30] in den dreißiger Jahren begann die Untersuchung
der spezifischen Adhäsionsbeiträge auf molekularphysikalischer
Ebene. Die Ära der modernen Adhäsionsforschung war eingeleitet.
In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstand die elektro-
statische Adhäsionstheorie (Derjargin et al. [1-31]) - das Postulat
einer elektrochemischen Doppelschicht an der Grenzfläche, eta-
bliert als Folge von Elektronenaustauschprozessen zwischen Fest-
körpern. Erst im Jahre 1984 gelang deren experimenteller
Nachweis [1-21]. In den sechziger Jahren wurde von Vojuckij
et al. eine Diffusionstheorie zur Beschreibung von Adhäsion vorge-
stellt [1-32]. Ebenfalls seit Beginn der sechziger Jahre wird auch
die Möglichkeit der Ausprägung chemischer Bindungen als Adhä-
sionsbeitrag diskutiert. Eine ausführliche Darstellung der histori-
schen Entwicklung der Adhäsionsforschung findet sich in [1-20].
Adhäsionsmodelle
mechanisch
(mechanical interlocking) spezifisch
physikalische
Wechselwirkungen
thermodynamische
Interpretation Chemische Bindungen
Polarisationstheorie
de Bruyne 1935
Elektrostatische Theorie
Derjargin 1950
Diffusionstheorie
Vorjuckij 1960
Thermodynamik der
Phasengrenzen Zisman,
Fowkes, Good, Wu
1963
Weak Boundary Layer
Bikerman 1947
1.6 Von Oberflächen und Grenz-
schichten
1-31
1.6 e Der Grenzschichtbegriff der Ingenieurwissenschaften
Die mechanischen Eigenschaften von Faser und Matrix sind
Materialeigenschaften der einzelnen Verbundkomponenten. Sie
leiten sich aus der Kohäsion, d.h. dem chemischen bzw. physikali-
schen Zusammenhalt einer stofflich homogenen Phase, ab. Eine
mechanische „Grundstabilität“ entsprechend der gewählten Ein-
zelkomponenten auch für deren Verbund anzunehmen, erscheint
naheliegend. Verfolgt man diesen Gedanken konsequent, so ge-
langt man schließlich zur Beschreibung der Eigenschaften eines
Verbundwerkstoffes durch eine Linearkombination der physikali-
schen und chemischen Eigenschaften der separaten Verbundkom-
ponenten. Diese Sichtweise impliziert eine „scharfe“ Grenzfläche,
d.h. eine Unstetigkeitsstelle am Ort des Aufeinandertreffens der
Materialitäten beider Verbundkomponenten.
Der Druck auf diese (zu stark vereinfachende) Sicht wuchs mit
der zunehmenden Bedeutung von Faserverbundwerkstoffen: 1916
wurde von R.Kemp das erste Patent für ein fast vollständig aus fa-
serverstärkten Kunstoffen bestehendes Flugzeug eingereicht. 1935
begann die großtechnische Herstellung von Glasfasern. Die Na-
men Toledo und Games Slayter sind fest mit dieser Pionierzeit
verbunden. Im Jahre 1943 wurden die ersten Bauteile als Polyester-
Glasfaser-Verbund gefertigt. Die Produktion von Carbonfasern
begann 1959 bei der Union Carbide (USA) und acht Jahre später
entstand das erste Flugzeug aus carbonfaserverstärktem Kunstoff.
Der vorläufige Höhepunkt der rasanten Entwicklung war die Her-
stellung von Aramidfasern durch den Konzern DuPont und deren
Vertrieb unter dem Markennamen „Kevlar“.
Bereits in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte man fol-
gende praktische Erfahrungen im Zusammenhang mit Verbund-
werkstoffen gemacht [1-43]:
XDas Paradoxon der Werkstoffestigkeit:
Die wirkliche Festigkeit eines festen Stoffes ist sehr viel niedriger als
die theoretisch berechnete. (nach F. Zwicky)
XDas Paradoxon der Verbundwerkstoffe
Ein Verbundwerkstoff als Ganzes kann Spannungen aufnehmen,
welche die einzelne schwächere Komponente zerbrechen würden. Dem-
gegenüber kann von der stärkeren Komponente im Verbund ein höhe-
rer Anteil ihrer theoretischen Festigkeit übernommen werden, als wenn
sie isoliert belastet werden würde (nach R. G. Slayter).
In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts deutete sich daher bei
den Werkstoffwissenschaftlern ein Paradigmenwechsel an. Lipa-
tov etablierte im Jahre 1977 mit dem subkritischen Ansatz*) eine
Denkweise zur Modellierung werkstoffinterner Strukturmerkmale
intakter Systeme. Folgt man den Ausführungen in [1-42], so be-
schäftigte man sich dadurch erstmalig mit den inneren strukturel-
len Aspekten eines Werkstoffs. Im Gegensatz dazu dienten die bis
zu diesem Zeitpunkt ausschließlich üblichen - als kritischer Ansatz
*) Die Bezeichnung subkritisch geht nach [1.34] auf den Umstand
zurück, daß man den Werkstoff nach vor dem Zeitpunkt des kritischen
Versagens betrachtet.
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-32
bezeichneten - Theorien der Aufklärung von sogenannten Grenzei-
genschaften, d.h. derjenigen Werkstoffeigenschaften, die für die
geometrische und mechanische Integrität eines Bauteils im Versa-
gensmoment und kurz danach von Bedeutung sind (z.B. Grenzflä-
chenscherfestigkeitτIFSS). Das wirklich Innovative des subkritischen
Ansatzes war jedoch die These, daß man die physikalischen Eigen-
schaften von Verbundmaterialien nicht additiv aus denen der
Komponenten zusammensetzen könne. Statt dessen begründet
man die experimentell gefundenen Abweichungen einer spezifi-
schen Verbundeigenschaft von der theoretischen (additiv gewon-
nenen) Vorhersage mit der (räumlichen) Existenz einer dritten
Phase - der Meso- oder Interphase [1-42]. Man nimmt dabei an,
daß die bloße Anwesenheit der jeweils anderen Phase zu Verände-
rungen der reinen Stoffphasen führt und daß sich dieses „modifi-
zierte“ Material in Form der Grenzschicht zu einer dritter Phase
zusammenfassen läßt.
Problematisch am Drei-Phasen-Modell erscheint die Annahme
einer Homogenität der Interphase bezüglich ihrer physikalischen
und chemischen Eigenschaften. Auch hier gibt es theoretische An-
sätze von Mehrphasenmodellen bzw. einer „inneren Erweiterung“
des Dreiphasenmodells zur Abbildung von Inhomogenitäten in-
nerhalb der Grenzschicht. Als Beispiel sei das Drei-Terme-Modell
(Papanicolaou et al.) erwähnt. Weitere Informationen sind
[1-42] zu entnehmen. Die Verschachtelungstiefe und damit die
Anzahl (virtueller) Grenzschichten läßt sich theoretisch ins unend-
liche treiben. Mit jeder eingeführten Verschachtelungsebene nä-
hert sich die Beschreibung (analog zur fast sprichwörtlich
gewordenen Quadratur des Kreises) einer exakten Darstellung des
realen Systems. Für den Theoretiker gilt es hier abzuwägen, welche
Ergebnisqualität welchen mathematischen und rechentechnischen
Aufwand rechtfertigt.
Betrachtet man die mathematischen Formulierungen der Mehr-
phasen-Modelle [1-42], so fällt auf, daß deren Parameter aus-
nahmslos Elastizitätsmoduli, geometrische Indizes (z.B. Radius)
oder abstrakte Beschreibungsfaktoren (z.B. „Grad der Inhomoge-
nität“) sind. Niemand wird den praktischen Nutzen eines Kenn-
wertes „E-Modul“ bestreiten. Doch: Wenn das Ziel des subkritischen
Ansatzes wirklich ein strukturelles Verständnis des „Innenlebens“ eines
Werkstoffes ist, müßte es dann nicht auch zur parametrischen Beteili-
gung strukturgebender Eigenschaften an den Modellen kommen?
Es drängt sich der Verdacht auf, daß auch der Begriff Struktur
in der Chemie und in den Ingenieurwissenschaften einer unter-
schiedlichen Semantik folgt. Das Durcheinander wird exempla-
risch sichtbar anhand der nachfolgenden Liste aus [1-42]. Sie
enthält eine Aufzählung von in praktischen Verbunden auftreten-
den „Abweichungen von einem theoretischen Zwei-Phasen-Sy-
stem“ (untersucht durch andere Autoren wie Piggot et al., Yates
et al., Nardin et al. u.v.a.). Durch deren „Bestimmung“ wird nach
Meinung des Autors von [1-42] die Idee des subkritischen Ansat-
zes, d.h. die Einführung einer Interphase zur strukturbezogenen
(mikro)mechanischen Modellierung von Verbundmaterialien, ge-
stützt:
1.6 Von Oberflächen und Grenz-
schichten
1-33
a) Physisorption und Chemisorption der Matrix an der Füllstoff-
oberfläche
b) Einschränkungen der Ketten- und Segmentmobilität von poly-
meren Matrizes aufgrund der Konformationsbeschränkungen in
Oberflächennähe des Füllstoffs
c) Ausbildung transkristalliner Zonen
d)Spannungskonzentration an rauhen Oberflächen des Füllstoffes
e) Schrumpfspannungen aufgrund unterschiedlicher thermischer
Ausdehnungskoeffizienten
f) Mikrohohlräume und Mikrorisse
Gerade im Kontext der in ([1-42]) geführten Argumentation ist
diese Auflistung äußerst kritisch zu betrachten:
Erstens – die Liste enthält ein Durcheinander naturwissenschaft-
licher Kategorien, verbunden mit einem schwindelerregenden Flug
von der atomaren bis in die makroskopische Domäne: Sie enthält
a) molekulare Prozesse auf Basis einzelner funktioneller Gruppen,
b) spezielle Aspekte der Dynamik von Polymeroberflächen,
c) den Hinweis auf die Ausbildung von Modifikationen bzw.
Domänen,
d)und e) den Hinweis auf das Auftreten mikro- und makroskopi-
scher Energiekonzentrationen,
f) eine Aufzählung meso- und mikroskopischer Material-Inhomo-
genitäten und Morphologien.
Zweitens – Phänomene wie Transkristallinität, Spannungskon-
zentrationen und morphologische Imperfektionen werden in ihrer
Ausprägung stark durch den Herstellungsprozeß beeinflußt und
sind teilweise sogar steuerbar. D.h., sie sind nicht hinreichend für
die Deklaration einer Grenzschicht ad omnia.
1.6 f Zwei Welten treffen aufeinander
Ein Vergleich der Angaben zur „Dicke“ der Grenzschicht aus
mikromechanischen Arbeiten mit dem (pauschal postulierten)
Wert aus dem thermodynamischen Grundlagenwerk von Wu
führt zu einem interessanten Ergebnis: Die „Dicke“ der Grenz-
schicht nach Wu liegt mindestens eine Größenordnung unterhalb
derjenigen der mikromechanisch untersuchten und modellierten
(Tab. 1.6-1). In [1-43] findet sich gar der Hinweis darauf, daß die
„Faser-Matrix-Grenzschicht“ aus der Schlichte (d.h. einer präpro-
duktiv vorhandenen Faser-Ummantelung, hauptsächlich zum me-
chanischen Schutz der Faser und zur Verbesserung der
Haftungseigenschaften) gebildet wird.
Es scheint, als sei der Begriff Grenzschicht in vielen ingenieur-
wissenschaftlichen Arbeiten ein Container für physikalische und
chemische Charakteristika der Komponenten - vor allem jedoch
für deren Wechselwirkungen auf molekularer und mesoskopischer
Ebene. Diese Eigenschaften und Prozesse werden als „strukturelle
Aspekte“ etikettiert, in einer black box zusammengeschnürt und
durch die Einführung einer dritten Phase mit eigener Materialität
verbrämt.
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-34
Der physikochemische Grenzschichtbegriff leitet sich dagegen
aus energetischen Konzepten ab. Da die beteiligten Moleküle eine
Dreidimensionalität besitzen, ist die Annahme einer Dreidimen-
sionalität für die Region der molekularen Wechselwirkung folge-
richtig und „natural“. Auch eine – je nach Herstellungs-
bedingungen auf unterschiedliche Weise initiierte – Anreicherung
bestimmter Matrixkomponenten an der Grenzfläche anzunehmen,
führt zu einer räumlichen Interpretation der Phasengrenze. Nur, in
welcher Größenordnung und über welches Volumen hinweg manife-
stieren sich derartige Erscheinungen? Tabelle 1.6-1 zeigt einducksvoll
die Diskrepanz im Umgang mit dem Grenzschichtbegriff. Bei der
Verwendung des Begriffes Grenzschicht sollte man sich dieses Un-
terschiedes bewußt sein. Im Rahmen dieser Arbeit wird Bezug auf
die physikochemische Interpretation genommen. Mikroskopische
und makroskopische Materialinhomogenitäten im Kontaktbereich
der beiden Verbundkomponenten werden explizit benannt (z.B.
transkristalline Domänen ).
Tab. 1.6-1 In [1-42] und [1-49] sowie anderen
Quellen finden sich Angaben zur „Dicke“ und
morphologischen Entsprechung der
Grenzschicht. Der Wert nach Wu entstammt
[1-24].
1.6 g Die Rolle der Grenzschicht in Haftverbunden
In [2-71] benutzt der Autor zur Einführung des Begriffs Grenz-
fläche ein einfaches aber eindrucksvolles Rechenbeispiel. Ausge-
hend von einer zweidimensionalen Kontaktzone zwischen Faser
und Matrix beschreibt er für einen Hochleistungfaserverbundwerk-
stoff mit 40
70 % Faservolumengehalt unter der Annahme eines
kreisrunden Faserquerschnitts von 7 µm Durchmesser und einer
quadratischen Faserpackung ein Verhältnis von Gesamtgrenzfläche
(Interface) zu Verbundvolumen von 2300 – 4000 cm² pro cm³.
In der Praxis kommen Haftverbunde zum Einsatz, deren Ver-
bundfestigkeit (die Festigkeit des Verbundes als summarischer
Ausdruck für die mechanische Festigkeit) die Kohäsionsfestigkeit
einer der Verbundkomponenten (meist die Matrix) übersteigt.
Trotzdem „hält“ der Verbund. Wie ist das möglich?
Ansatz System Dicke Bemerkung/Entsprechung
Eakins et al. Glasfaser/Epoxid 0.5µm Schichtdicke des Haftvermittlers
Piggot et al. Glasfaser/Epoxid 0.05-0.5µm durch Berechnung
Williams et al. Carbonfaser/Epoxid 0.5-3µm duch Berechnung
Metall/Epoxid 10µm
Bauer et al. AlMgSi/Epoxid 2.5-3.0µm
Wagner et al. [1-50] Carbonfaser/Polycarbonat 2-3µm transkristalline Phase
Wagner et al. [1-51] Glasfaser/Polypropylen 20µm transkristalline Phase
Klein et al. Aramidfaser/Polyamid 6.6 40µm transkristalline Phase
Jenneskens et al. Carbonfaser/Polyamid 6 450µm transkristalline Phase
Wu generell <0.1µm
1.7 Theorie und Praxis der Adhä-
sion
1-35
Wenn die Kohäsionsfestigkeit der Matrix bereits überschritten
ist, dann muß ja wohl die Faser für die Integrität des Verbundma-
terials zuständig sein. Die Faser ist aber vollständig vom Matrixma-
terial umschlossen. Die primäre äußere mechanische Belastung
trifft demnach das Matrixmaterial. Wie „kommt“ also die Kraft in
die Faser?
Abb. 1.6-4 Die Rolle der Grenzschicht in Haft-
verbunden: a) unbelastetes System, b) Verhalten
unter Scherbelastung (äußere Kraft) c) Kohäsiv-
versagen d) Adhäsivversagen
Abbildung 1.6-4 beinhaltet eine vereinfachte Darstellung eines
binäres Verbundsystems mit Grenzschicht. Die attraktiven Wech-
selwirkungen zwischen beiden Verbundkomponenten sind durch
senkrechte Linien abstrakt visualisiert. Diese Linien verlaufen
durch die Grenzschicht und symbolisieren Anziehungskräfte, die
unabhängig von ihrer Natur (siehe Kapitel 1.8) zu interpretieren
sind. Ausgehend vom unbelasteten System (a) wird die Verände-
rung unter äußerer Scherbelastung (b) veranschaulicht. (c) visuali-
siert die Grenzfälle kohäsiven und adhäsiven Versagens.
Das Modell soll zwei wesentliche prozedurale Konzepte von Fa-
serverbundwerkstoffen verdeutlichen:
XDie mechanischen Eigenschaften der Matrix bestimmen dar-
über, ob die Kraft überhaupt in die Grenzschicht eingeleitet
wird.
XOb die Faser ihrer Bestimmung als mechanischer Resistor
gerecht werden kann, hängt davon ab, ob der Bereich zwischen
Faser und Matrix - also die Grenzschicht - die Kraftübertra-
gung überhaupt leisten kann.
1.7 Theorie und Praxis der Adhäsion
1.7 a Von der Bauernregel zur Adhäsionstheorie
Bedenkt man die mehrtausendjährige Erfahrung in der prakti-
schen Nutzung des Haftungsphänomens durch die Verwendung
natürlicher Substanzen, bedenkt man ferner, daß diesen Technolo-
gien bereits etliche tausend Jahre vorausgingen, in denen der
Mensch mechanische Verfahren entwickelt hat, um - gleichsam
über die Natur triumphierend - irgendetwas miteinander zu ver-
binden, so müssen die 200 Jahre Adhäsionsforschung mittels wis-
senschaftlicher Methoden seit dem Ende des 18. Jahrhunderts für
den Stellenwert der Haftungs- und Enthaftungsprozesse in der
Technik als eher unbedeutend gewertet werden.
Die Gegenüberstellung der praktischen und wissenschaftlichen
Tradition im Umgang mit dem Phänomen Adhesion macht zwei
Dinge sehr deutlich:
1. Man kann sich der Erscheinung im praktischen Umfeld sehr
erfolgreich bedienen, ohne ein wissenschaftliches Verständnis
der zugrundeliegenden Vorgänge zu besitzen.
2. Auch heute noch entstammen die meisten Anwendungen und
Produkte eher umfangreichen empirischen Untersuchungen
oder langjährigen Erfahrungen (ähnlich den vererbten Braure-
zepturen in traditionellen Familienunternehmen) als wissen-
schaftlicher Grundlagenarbeit [1-36].
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-36
Fast schon legitimiert wird diese Vorgehensweise durch den
Umstand, daß sämtliche Adhäsionsmodelle jeweils nur einen Teil
zur Lösung des Gesamtproblems Adhäsion beitragen. Keines kann
alleinig zur Erklärung von Adhäsion herangezogen werden; jedes
vermag lediglich einen einzigen ursächlichen Anteil am Gesamt-
phänomen zu quantifizieren (siehe dazu auch Kapitel 1.8 g). Er-
schwert werden systematische Untersuchungen durch die
Tatsache, daß die Verhältnismäßigkeit dieser Anteile mit der Ma-
terialität der betrachteten Verbundsysteme variiert. Dieser Um-
stand ist Fluch und Segen zugleich: Eine Meßmethode und ein
Modell, die sich unsensibel gegenüber chemischen oder physikali-
schen Veränderungen an der Festkörperoberfläche oder in der
Grenzschicht zeigen, wären natürlicherweise ungeeignet für eine
quantitative Erfassung derselben.
Die sukzessive Einführung der spezifischen Adhäsionsmodelle
begleitet den Prozeß der Gewahrwerdung der Komplexität des Ad-
häsionsphänomens. Dem theoretischen Versuch, das Gesamtphä-
nomen in kleine ursächliche Beiträge zu zerlegen, mußte
zwangläufig auch eine Sektion der experimentellen Umgebung fol-
gen: Da man ja nicht in die Grenzschicht „hineinschauen“ konnte
(heutzutage in Ansätzen möglich, mit Hilfe der Laser Scanning Ra-
man Microscopy – [1-54], [1-55]), war man gezwungen, den Ver-
bund virtuell zu zerlegen, d.h. die Einzelkomponenten zu
charakterisieren und anschließend die spezifischen Adhäsionsmo-
delle auf die Ergebnisse anzuwenden (siehe 2.2 c). Wichtigste eta-
blierte Methode ist dabei die Benetzungsmessung zur Bestimmung
der Thermodynamischen Adhäsionsarbeit Wa (siehe Kapitel 3.1).
Doch auch die mechanischen Adhäsionsmodelle wurden wei-
terentwickelt. Praktischer Ausgangspunkt ist hier die experimentel-
le Vereinfachung der realen Systeme in dem Maße, daß sie
analytischen Beschreibungen zugänglich werden. Solche Modell-
verbundsysteme (MVS) enthalten beispielsweise nur eine einzelne
statt 30.000 Verstärkungsfasern (siehe 2.3 f). Der geringe mathe-
matische Anspruch, den Theorien wie z.B. das constant-shear-Mo-
dell von Kelly und Tyson [1-44] an den Experimentator stellen,
haben mikromechanischen Meßmethoden eine außerordentliche
Popularität verschafft [1-45].
Tab. 1.7-1 Vergleich experimentell bestimmter
und theoretisch berechneter Wechselwirkungs-
kräfte (aus [1-20]).
Den vermeintlichen Vorteil dieses (mikromechanischen) Ansat-
zes - nämlich den Umstand, daß man zu adhäsiven Kenngrößen
kommt, die nahezu Materialkennwerten entsprechen - erkauft man
sich mit dem Unvermögen, Struktur/Eigenschaft-Beziehungen zu
formulieren. Eine Separierung spezifischer Adhäsionsbeiträge ist
nicht möglich. Auf der anderen Seite können die einzelnen poten-
tiellen Beiträge aus den spezifischen Adhäsionsbetrachtungen der
Verbundkomponenten durch keines der existierenden Modelle zu
einer Gesamtgröße zusammengeführt werden, die einer Adhäsions-
kennzahl entspräche. Tab. 1.7-1 zeigt das Dilemma eindrucksvoll.
Darüber hinaus bleibt bei mikromechanischen Testmethoden
noch eine gehörige Restunsicherheit, ob das festgestellte Material-
verhalten analog auch in einem makroskopischen Verbund ausge-
prägt ist oder ob es durch kooperative Effekte qualitativ verändert
wird.
Bindungsart N/mm²
Dipol/Dipol 200
H-Brücke 500
chem. Bindung 5000
experimentell gemes-
sene Festigkeit bei
Klebeverbindungen
15...25
1.7 Theorie und Praxis der Adhä-
sion
1-37
1.7 b Adhäsionsforschung
Praktisches Ziel der Adhäsionsforschung ist die anwendungsge-
rechte Veränderung der makroskopischen Eigenschaften adhäsiver
Verbunde durch kontrollierte Manipulation auf der molekularen
Ebene der Einzelkomponenten. Daraus ergeben sich unmittelbar
drei Erfordernisse:
XEs muß ein Verständnis dafür entwickelt werden, welches
molekulare Charakteristikum welche Auswirkung auf die che-
mischen und physikalischen (makroskopischen) Eigenschaften
der Verbundkomponenten und des Verbundes hat.
XEs müssen Meßmethoden etabliert werden, die einerseits sensi-
bel auf Veränderungen in der molekularen Domäne reagieren,
andererseits aber auch Meßgrößen liefern, die in einen kausalen
Zusammenhang sowohl mit makroskopischen Eigenschaften
(bis hin zu Materialkennwerten) als auch mit molekularen
Parametern (bis hin zur Molekülgestalt) gebracht werden kön-
nen.
XEin einzelnes Meßverfahren bedient auf Basis des zugrundelie-
genden Meßmodells oftmals nur eine oder zwei Meßgrößen.
Adhäsionsmodelle ihrerseits berücksichtigen ebenso nur eine
spezifische Gruppe von Parametern und bringen lediglich eine
einzelne markante Modellgröße (z.B. thermodynamische
Adhäsionsarbeit, Grenzflächenscherfestigkeit) hervor. Es muß
also ein Ensemble von Meßmethoden identifiziert und etabliert
werden, dessen Gesamtheit sowohl die praktischen Belange als
auch die einzelnen Haftungsmodelle vollständig abdeckt (sur-
face sensitivity [1-36]). Der Stellenwert dieser Meßmethoden
zueinander wird im weiteren als komparativ bezeichnet.
Darüberhinaus muß zusätzlicher Aufwand für eine Korrelati-
onsanalyse der Meßergebnisse aus den einzelnen Methoden betrie-
ben werden. Voraussetzung für eine vertrauenswürdige
Korrelationsaussage ist natürlich die Transparenz der Meßmetho-
den. Reproduzierbarkeit und Fehlerquantifizierung sowohl in Be-
zug auf die Messung als auch auf die Auswertung sind essentielle
Bestandteile einer Methoden-Etablierung. Die Nutzung der teil-
weise noch recht jungen und durchaus nicht unumstrittenen Ver-
fahren als „dumme“ Meßdatenlieferanten und „black boxes“ (z.B
ZpSM, siehe Kapitel 3.2 d) führt die Suche nach quantitativen
Struktur/Eigenschaft-Beziehungen ad absurdum.
Die phänomenologische und die Zustands-Interpretation des Be-
griffes Adhäsion markieren den wissenschaftlichen Grundkonflikt
der Adhäsionsforschung. Diesen Diskurs zu führen, ist gleichbe-
deutend mit der Suche nach einem universellen Adhäsionsmodell,
dessen Eingabegrößen molekulare Parameter und dessen Ausgabe-
größen mikro- und makromechanische Kennwerte sind. Die dafür
so dringend notwendige und teilweise auch schon erfolgreich prak-
tizierte Kooperation von Ingenieur- und Naturwissenschaft muß
jedoch noch auf eine gemeinsame begriffliche Basis gestellt werden.
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-38
1.8 Die mesoskopische Domäne
1.8 a Einführung
Gegen Ende des 19. Jh. hatte man die Vorstellung aufgegeben,
ein universelles, auf Gravitationsmodellen basierendes Gesetz zur
Beschreibung zwischenmolekularer Anziehungskräfte zu finden
[1-57]. Ein dennoch wertvolles Ergebnis dieser Suche war die Er-
kenntnis, daß die experimentell zugängliche Oberflächenspannung
identisch mit denjenigen Kräften sein muß, die generell für den
Zusammenhalt von Festkörpern und Flüssigkeiten verantwortlich
sind und daß diese Kräfte über eine kleine Reichweite verfügen.
Man begann zu erahnen, daß es kurz-reichweitige Kräfte gibt, die
zu sehr lang-reichweitigen – also makroskopischen – Phänomenen
führen können. Aus dieser Zeit stammt das heute immer noch re-
levante semiempirische Konzept des Paar-Potentials (vein Mie,
1903), mit dessen Hilfe man das abstandsabhängige Wechselwir-
kungspotential zweier isolierter Teilchen (Atome, Moleküle) be-
schreibt. Es zeigte sich jedoch bald, daß, ein Paarpotential und die
daraus abgeleiteten Wechselwirkungskräfte beschreiben bzw.
quantifizieren zu können, noch lange nicht hieß, daß man in der
Lage war, daraus das Verhalten kondensierter Phasen abzuleiten.
So entstand - initiiert durch die Arbeiten von Ostwald [1-56]
(Erstauflauge 1914) – allmählich ein Bewußtsein für „die Welt der
vernachlässigten Dimensionen“, die Welt der Phasenübergangsre-
gionen (interface) entstanden. In dieser Domäne geschieht weitaus
mehr als nur die Verbrückung chemischer und physikalischer Pha-
sen. Hier finden sich einzelne Moleküle zu gewaltigen Aggregaten
zusammen, die wiederum eine gemeinsame große Schnittstelle zu
ihrer Umwelt entwickeln. Diese Schnittstelle ist Abgrenzung und
Kommunikation zugleich. Sie erzeugt eine neue Qualität von Iden-
tität – aus einzelnen Molekülcharakteristika werden makroskopi-
sche Eigenschaften.
Und auch in unserer Begriffswelt kommt es zu einer Transfor-
mation: Moleküle und Molekülverbindungen werden zu Stoffen
und Materialien. Im Kontext einer nachfolgenden Verarbeitung
taucht der Begriff Werkstoff auf. D.h., hier vollzieht sich der Über-
gang von der (abstrakt-) wissenschaftlichen in die praktische Welt.
Nicht ohne Grund finden sich daher in der Literatur auch prosa-
ische Bezeichnungen, wie z.B. „twilight zone“. Im Rahmen dieser
Arbeit wird die Bezeichnung mesoskopische Domäne verwendet.
Erst mit Hilfe der Quantenmechanik war es möglich, das Auf-
treten zwischenmolekularer Kräfte ursächlich zu verstehen. Das
quantenmechanische Konzept postuliert für alle zwischenmoleku-
laren Kräfte einen hauptsächlich elektrostatischen Ursprung (siehe
Hellman-Feynman-Theorem,[1-59]). Voraussetzung für eine
sinnvolle Anwendung des Theorems ist jedoch die exakte Lösung
der Schrödingergleichung zur Bestimmung der räumlichen La-
dungsverteilung (Elektronenwolke), was bekanntermaßen bereits
bei einem 3-Teilchensystem (2 Atomkerne, 1 Elektron) an die
Grenzen stößt. Das heißt, auch mit einem quantenmechanischen
Konzept gelingt der Brückenschlag zwischen der atomaren/mole-
kularen und der makroskopischen Domäne nicht.
1.8 Die mesoskopische Domäne
1-39
Es ist eine der wichtigsten Methoden im menschlichen Denken,
große und komplexe Sachverhalte in kleine Bestandteile zu zerle-
gen. Die Identifizierung, Eingrenzung und Benennung dieser Be-
standteile basiert entweder auf praktischer Erfahrung
(phänomenologische Sicht) oder auf deduktiven und induktiven
Erkenntnisprozessen, ausgehend vom Bekannten. Es liegt in der
Natur der Sache, daß diese Bestandteile im Verlauf der Auseinan-
dersetzung mit dem Problem redefiniert, umbenannt und mit an-
deren/neuen Inhalten belegt werden und daß sie in den seltensten
Fällen gleich von Beginn an die „wahre“ Struktur des komplexen
Sachverhaltes widerspiegeln. Man muß weiterhin bedenken, daß
der Zeitraum zwischen dem ausgehenden 19. und beginnenden
20.Jh. für das naturwissenschaftliche Weltbild ohnehin eine Reihe
von dramatischen Veränderungen bereithielt: In dieser Zeit wur-
den nicht nur Quantenmechanik und Relativitätstheorie geboren –
für die praktische Naturwissenschaft war vor allem die entgültige
Überwindung der Kantschen Naturphilosophie von immenser Be-
deutung. Gleichzeitig endete die Ära der Universalgelehrten und
die Diversifizierung der naturwissenschaftlichen Landschaft nahm
strukturgebende Ausmaße an. Konsequenter Weise kam es auch zu
einer Klassifizierung zwischenmolekularer Wechselwirkungen in
eine Reihe scheinbar unterschiedlicher Kategorien (z.B. Ionenbin-
dung, Metallische Bindung, van-der-Waals-Wechselwirkung, Was-
serstoffbrückenbindung, hydrophobe Wechselwirkung etc.) – die
einerseits Ausdruck der Ohnmacht vor der Komplexität des zu be-
handelnden Problems waren – vor allem aber zu Grundpfeilern der
sich gerade entwickelnden Arbeitsschwerpunkte und Spezialgebie-
te wurden.
Auch Isrealachvili weist in [1-57] darauf hin, daß diese Un-
terscheidung – da teilweise auf sehr künstlicher Basis vorgenom-
men – nicht ausschließlich hilfreich ist, sondern in vielen Fällen zu
großer Verwirrung führt. Angesichts der Vielfalt und Wider-
sprüchlichkeit in der Begriffswelt und der Semantik zwischenmo-
lekularer Kräfte und darauf aufbauender Adhäsionskonzepte (vgl.
z.B. [1-20], [1-24], [1-48], [1-52], [1-57]) kann dieses Thema hier
nicht erschöpfend behandelt werden. Dieses Kapitel soll sich daher
darauf beschränken, diejenigen Kräfte und Mechanismen zu be-
nennen, die für den im Rahmen dieser Arbeit untersuchten Haft-
verbund als qualitätsbestimmend anzunehmen sind und die für die
Argumentation benötigt werden. Für eine ausführliche Darstellung
der spezifischen Adhäsionsmodelle sei auf [1-20]-[1-24], [1-52],
[2-62], [2-70], [2-74], [2-75], [2-78] verwiesen. Eine detaillierte
Beschreibung der mesoskopischen Domäne mit Schwerpunkt auf
Grenzflächen- und Kolloidforschung findet sich in den Standard-
werken, z.B. [1-57], [1-58]. Abschließend sei noch darauf hinge-
wiesen, daß in dieser Arbeit – wie in der Literatur allgemein üblich
– die beiden Begriffe Wechselwirkung (interaction) und Kraft (force)
synonym verwendet werden. In weiten Teilen orientiert sich die in
dieser Arbeit verwendete Nomenklatur an [1-57].
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-40
1.8 b Die 4 Kräfte der Natur
Das heutige naturwissenschaftliche Weltbild unterscheidet vier
wesentliche Typen von Kräften in der Natur, die sich in zwei
Gruppen zusammenfassen lassen [1-57]:
1. starke bzw. schwache Elementarkräfte extrem kurzer Reich-
weite (<10-5nm), die zwischen Protonen, Elektronen, Neutro-
nen und anderen Elementarteilchen wirken,
2. elektromagnetische bzw. Gravitationskräfte über mittlere bzw.
extrem große Reichweiten zwischen Atomen, Molekülen und
Elementarteilchen bzw. makroskopischen Objekten (bis in den
kosmischen Maßstab).
Da Gravitationskräfte in der atomaren bzw. molekularen Domäne
vernachlässigt werden können, konzentriert man sich bei der Be-
schreibung zwischenmolekularer Wechselwirkungen auf die elek-
tromagnetischen Kräfte
1.8 c Zwischenmolekulare Kräfte
Nach [1-57] lassen sich molekulare Wechselwirkungen grob in
drei Kategorien einteilen:
1. rein elektrostatische Wechselwirkungen auf der Basis von Cou-
lomb-Kräften zwischen geladenen Teilchen (Coulomb-Wech-
selwirkung) und zwischen permanenten Dipolen (Keesom-
Wechselwirkung, auch orientation interaction),
2. Polarisationswechselwirkungen auf der Basis von Dipolmo-
menten, die durch Ladungsträger oder permanente Dipole in
Atome und Moleküle induziert werden (auch als Debye-Wech-
selwirkungen bezeichnet, auch induction interaction) und
3. Kovalente (chemische) Bindungen und repulsive Wechselwir-
kungen auf der Grundlage von Kräften quantenmechanischer
Natur. Beide Wechselwirkungstypen sind kurz-reichweitig
(0,1-0,2 nm).
Kovalente (chemische) Bindungen werden in den meisten Fällen
gesondert behandelt. Diese Sonderstellung beruht auf einer ande-
ren Klassifizierung zwischenmolekularer Kräfte, die zu einer Eintei-
lung in physikalische (auch physikalische Bindung) und chemische
(chemische Bindung) Wechselwirkungen führt*). Danach werden
physikalische Bindungen durch physikalische Kräfte zwischen dis-
kreten Atomen und Moleküle verursacht. Solche Kräfte sind un-
spezifisch, unstöchiometrisch und undirektional. Physikalische
Wechselwirkungen führen zwar zu einer Störung der elektroni-
schen Ladungsdistribution der Interaktionspartner, bewahren aber
deren diskrete Identität. Im Gegensatz dazu kommt es bei chemi-
schen Wechselwirkungen zu einer Veränderung der elektronischen
Ladungsdistribution und damit zur Entstehung einer neuen, kom-
plexeren Identität. Chemische Wechselwirkungen sind spezifisch,
stöchiometrisch und gerichtet.
*) Diese Klassifizierung ist beispielsweise die Grundlage des thermodyna-
mischen Separationsmodells der Oberflächenspannung nach van Oss /
Good (siehe Kapitel 3.1 f)
1.8 Die mesoskopische Domäne
1-41
Physikalische Wechselwirkungen sind von Natur aus lang-
reichweitige (engl. long-range) Wechselwirkungen. Chemische
Wechselwirkungen sind kurz-reichweitig (engl. short range).
1.8 d van der Waals (vdW) - Wechselwirkung
Der Begriff van-der-Waals-(vdW)-Wechselwirkung bzw. vdW-
Kräfte ist ein Tribut an die Arbeiten des Holländers van der
Waals, der im Jahre 1879 zwischenmolekulare Wechselwirkungen
durch die Einführung eines attraktiven Energie-Terms und eines
Volumenausschluß-Terms (engl. excluded volume) in das ideale
Gasgesetz berücksichtigte und daran die Abweichungen zwischen
den Eigenschaften realer und idealer Gase erklären konnte (siehe
z.B. [1-48],[1-57]). Nachfolgende Arbeiten zeigten, daß diese zwi-
schenmolekularen Wechselwirkungen in drei Kategorien eingeteilt
werden können:
1. Analog zu Gravitationskräften existieren Kräfte, die zwischen
allen Teilchenwirken - die so genannten dispersiven Kräfte
(engl. dispersion forces). Man bezeichnet sie auch London-,
Ladungs-Fluktuations- , elektrodynamische oder induzierter
Dipol-induzierter Dipol-Kräfte (induced-dipole-induced-dipole
forces). Nach der Modellvorstellung beruhen dispersive Wech-
selwirkungen zwischen allen – auch unpolaren – Molekülen auf
der statistischen Bewegung der Elektronen in den Elektronen-
hüllen der Moleküle. Im zeitlichen Mittel verhalten sich die
Moleküle nach außen hin zwar elektrisch neutral, jedoch
bewirken die Schwankungen der Elektronendichte das tempo-
räre Auftreten von Dipolmomenten. Diese Dipolmomente
können mit den in analoger Weise entstandenen Dipolmomen-
ten benachbarter Moleküle interferieren, was zu attraktiven
Wechselwirkungen führt.
Dispersive Wechselwirkungen liefern den größten Beitrag zu
den vdW-Wechselwirkungen. Sie werden als lang-reichweitig
(0,2-10nm) eingestuft und sind somit für die Attraktion zwi-
schen makroskopischen Körpern verantwortlich. Dispersive
Wechselwirkungen sind nicht-additiv, d.h. in einem Teilche-
nensemble kommt es zu kumulativen Effekten, die allerdings
nicht näher spezifiziert werden können.
2. Dipol-Dipol-Wechselwirkungen (Keesom) zählen ebenfalls zu
den vdW-Wechselwirkungen. Sie wurden bereits in Kapitel
1.8 c aufgeführt.
3. Auch Dipol-induzierter Dipol-Wechselwirkungen (Debye)
gehören zur Gruppe der vdW-Wechselwirkungen. Auch sie
wurden bereits in Kapitel 1.8 c benannt.
1.8 e Zum Sonderfall Wasserstoff-Bückenbindung
Lange Zeit betrachtete man Wasserstoffbrückenbindungen
(kurz H-Brücken) als eine Form der chemischen Bindung. Heute
weiß man ([1-57]), daß H-Brücken in erster Linie elektrostatische
Wechselwirkungen sind. Das Wasserstoffatom/Proton steht also
den beiden – über die H-Brücke interagierenden – Wechselwir-
kungspartnern nicht gleichberechtigt zur Verfügung (engl. sha-
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-42
ring), sondern verbleibt dichter am kovalenten Bindungspartner
(Protonendonator). Dennoch verhalten sich Wasserstoffbrücken-
bindungen wie schwache kovalente Bindungen, denn sie sind nicht
nur relativ stark und stöchiometrisch, sondern auch gerichtet.
Diese Eigenschaftsambivalenz macht es extrem schwierig, einen
– durch H-Brücken verursachten – attraktiven Wechselwirkungs-
beitrag zu identifizieren und zu quantifizieren. Besonders deutlich
wird das Dilemma im Zusammenhang mit dem thermodynami-
schen Adhäsionsmodell (siehe Kapitel 3.1): Aufgrund der Reversi-
bilität dieses Wechselwirkungstyps sollten Wasserstoffbrücken-
bindungen eigentlich durch die Thermodynamik beschrieben wer-
den können. Aufgrund der ausgeprägten Stöchiometrie, Richt-
ungsanisotropie und Spezifizität der Wechselwirkung ist es jedoch
fraglich, ob diese Abbildung wirklich gelingt, denn die Thermody-
namik verfügt prinzipiell über kein molekulares Konzept.
1.8 f Stärke und Zusammenspiel zwischenmolekularer Kräfte
Das Wissen um die Existenz bestimmter Wechselwirkungsme-
chanismen ist natürlich nur eine Facette bei der quantitativen Be-
wertung adhäsiver Verbunde. Genauso wichtig ist es, deren relative
Stärke zu kennen.
Abbildung 1.8-1 faßt noch einmal die in dieser Arbeit verwen-
dete Klassifizierung von Kräften bzw. Wechselwirkungen zusam-
men und ergänzt diese Übersicht durch die Angabe typischer
Wechselwirkungsenergien.
Abb. 1.8-1 Klassifizierung und Nomenklatur
von Kräften und Wechselwirkungen in der me-
soskopischen Domäne
Generell gilt: Physikal.Bindungen können genauso stark sein
wie chemische Bindungen. Coulomb-Wechselwirkungen und ko-
valente Bindungen werden allgemein den starken zwischenmole-
kularen Kräften zugeordnet. vdW-Wechselwirkungen gelten
gemeinhin als schwach.
Die wichtigste – speziell für das Verständnis von adhäsiven Ver-
bunden relevante – Erkenntnis aus der Auseinandersetzung mit
den in der mesoskopischen Domäne wirkenden Mechanismen ist
jedoch: Es existieren unspezifische lang-reichweitige Kräfte (disper-
sive Kräfte), die eine Annäherung von Molekülen und makrosko-
pischen Körpern verursachen. Wenn ein bestimmter
Minimalabstand unterschritten ist, entfalten kurz-reichweitige
1.8 Die mesoskopische Domäne
1-43
schwache und starke spezifische Kräfte ihre Wirkung. Diese Kräfte
entscheiden über die subtilen Details der molekularen und makro-
molekularen Struktur (z.B. Peptidfaltung, Mizellbildung, Selbst-
ordnungsphänomene (engl. self assembling)) und letztendlich auch
über die Qualität und das spezifische Verhalten eines adhäsiven
Verbundes.
1.8 g Zum Spezifischen an Adhäsionsmodellen
Die in den vorangegangenen Kapiteln vorgestellten zwischen-
molekularen Kräfte bilden die Basis für die so genannten spezifi-
schen Adhäsionsmodelle (siehe Abb. 1.6-3).
Signifikante Gemeinsamkeit der spezifischen Adhäsionsmodelle
ist die isolierte (und isolierende) Betrachtung einzelner Wechsel-
wirkungsmechanismen, deren Reichweite und Stärke jeweils in der
gleichen Größenordnung liegen. Das Attribut spezifisch ist das Er-
gebnis einer universellen Bewertung der einzelnen Modelle als ge-
samtheitlicher Beschreibungsversuch von Adhäsion. Es bringt die
Erkenntnis zum Ausdruck, daß die Quantitäten der aus den Mo-
dellen resultierenden adhäsiven Kräfte systemabhängige Größen
sind. Das heißt - da es je nach System zu Vorherrschaft, Abwesen-
heit oder gar Ausschluß einzelner Mechanismen kommen kann,
postulieren die spezifischen Adhäsionsmodelle lediglich adhäsive Teil-
beiträge.
In der Literatur dient das Attribut spezifisch gleichzeitig auch der
Abgrenzung vom traditionellen mechanischen Ansatz. Diese Tren-
nung gelingt jedoch nicht wirklich: Das sogenannte mechanical in-
terlocking führt sowohl im Mikroskopischen wie auch im
Makroskopischen zu Haftverbunden. Das vorsätzliche Aufrauhen
einer Oberfläche (z.B. mit Sandpapier) erweist sich bei einer Viel-
zahl konventioneller Einsatzfälle von Klebstoffen als schlauer
Heimwerkertrick; der Formschluß ist eine traditionelle Technik im
Handwerk (Nut und Feder, Mutter und Schraube etc.). Beide Ver-
fahren führen abstrakt gesehen vor allem zu einer Oberflächenver-
größerung. Andererseits wird eine makroskopisch glatt
erscheinende Festkörperoberfläche auf der mesoskopischen Län-
genskala immer noch eine finite Rauhigkeit besitzen. Mikro- und
Nanoporen sind potentielle „Anker“ für physische Blockademe-
chanismen. Überträgt man derartige Mechanismen der Haftung in
die molekulare Domäne, so spricht man von sterischen Wechsel-
wirkungen. Diese werden in der Literatur jedoch bereits als spezifi-
schen Adhäsionsbeiträge bewertet. Die Diffusionstheorie von
Vojuckij et al. [1-32] - als spezifisches Adhäsionsmodell geführt -
postuliert eine Diffusion von Kettenmolekülen und Molekülseg-
menten zwischen Adhäsiv und Adhärent (sog. Interdiffusion). Ab-
gesehen von der Tatsache, daß für einen derartigen Prozeß eine
Mindestbeweglichkeit der Moleküle beider Komponenten bzw. ei-
ner Komponente bei gleichzeitig vorhandener Mikroporösität der
Oberfläche der andern Komponente, erforderlich ist, versucht die-
se Theorie lediglich zu erklären, durch welchen Prozeß ein mikro-
skopisch inniger Kontakt zwischen beiden Komponenten erreicht
wird. Der eigentliche - daraus resultierende - Mechanismus der
Haftung läßt sich dagegen durchaus als eine sterische Hinderung,
1 Von Oberflächen zu Grenz-
schichten: Adhäsion und die Su-
che nach neuen Werkstoffen
1-44
d.h. ein mechanical interlocking, auf molekularer Ebene initiiert
aber u.U. bis in den makroskopischen Bereich sichtbar, interpretie-
ren.
Im Rahmen dieser Arbeit wird das Attribut spezifisch synonym
zu arteigen (d.h. vom System abhängig) bzw. unter ganz bestimmten
Voraussetzungen auftretend verwendet.
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2-1
2 Das Konzept
(1) Motivation - Struktur-Eigenschaft-Bezie-
hungen, Stellung dieser Arbeit im Kontext der
Makromolekularen Chemie
(2) Bestandsaufnahme - Art und Einsatz von
Geräten und Methoden, Fehlerquellen, experi-
menteller Freiraum, experimentelle Notwendig-
keiten
(3) Experimenteller Fokus - Aliphatische Poly-
amide (engl. Nylons), Polyethylen, Carbonfasern
- Auswahl, Strukturmerkmale, Spezifikation,
grundlegende Charakterisierung
2 Das Konzept
2-2
Einleitung
Das wissenschaftliche Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Aufdek-
kung von Struktur/Eigenschaft-Beziehungen. Konkretisiert wird
die Problemstellung durch die Vorgabe, daß die zu betrachtenden
Eigenschaften der quantitativen Beschreibung von adhäsiven Ver-
bunden unter Beteiligung thermoplastischer Polymere als Matrix-
komponente dienen müssen. Dabei sollen diese Eigenschaften auf
eine Bewertung des Zusammenhalts im Verbund abzielen. Der
strukturelle Aspekt bezieht sich auf die einzelne Verbundkompo-
nente, jedoch nicht auf die Morphologie des Verbundes selbst.
Das Dilemma besteht also darin, daß ein Strukturmerkmal S der
Matrixkomponente i auf ein Eigenschaftsmerkmal E eines Ver-
bundes aus den Komponenten i und j abgebildet werden soll:
(2.0-1)
Beispielsweise soll aus dem Vorhandensein oder der Anzahl einer
bestimmten funktionellen Gruppe im Matrix-Polymer-Molekül
(Si) auf die Stärke der adhäsiven Wechselwirkungen zu einer Ver-
stärkungsfaser (Eij) geschlossen werden.
Generell werden Struktur/Eigenschaft-Beziehungen durch Model-
le M beschrieben. Kann dieses Modell mit Hilfe eines Experiments
bestätigt werden, so reift das Modell von der These zur Theorie.
Die experimentelle Methode muß dabei jedoch auf dem Modell
basieren, so daß die aus dem Experiment hervorgehende Meßgröße
in einem mathematischen Zusammenhang mit dem Eigen-
schaftsmerkmal verschmilzt:
(2.0-2)
Im Idealfall können die Modelle auch umgekehrt - also auf induk-
tivem Wege - eine Abbildung des Eigenschaftsmerkmals auf das
Strukturmerkmal ermöglichen.
In einer Vielzahl von Fällen sind Struktur/Eigenschaft-Beziehun-
gen lediglich auf empirischem Niveau bekannt. Derartige Kennt-
nisse werden in Form von Tabellen, Listen oder empirischen
Formeln abgebildet - ihre einfachste Repräsentation ist die Erfah-
rung. In Kapitel 1 wurde anhand der geschichtlichen Entwicklung
adhäsiver Verbunde gezeigt, daß beachtliche technologische Lei-
stungen auch ohne Detailverständnis und Modell vollbracht wer-
den können. Das wirft eine Frage auf:
Wenn es also anscheinend auch ohne geht, weshalb sollte man sich
dann bemühen, analytische Struktur/Eigenschaft-Modelle zu entwik-
keln, deren Ein- und Ausgangsgrößen sinnvoll physikalisch bzw. che-
misch interpretiert werden können?
Si Eij
M
S M E⇒⇒
2.1 Motivation
2-3
2.1 Motivation
Struktur/Eigenschaft-Modelle eröffnen die Möglichkeit, (makro-
skopische) Eigenschaften aufgrund von strukturellen Daten vorherzu-
sagen!
Für die Materialwissenschaften bedeutet dies ein anwendungs-
gerechtes Design von Werkstoffen; Strukturparameter auf moleku-
larer Ebene werden zu Werkzeugen der Ingenieur- und
Angewandten Naturwissenschaften. Für die F&E-Abteilungen in
den Unternehmen der KVI bedeutet Vorhersagbarkeit eine Ko-
sten- und Zeitreduktion. Langwierige und umfangreiche Versuchs-
reihen schrumpfen auf einen minimal notwendigen Umfang.
Nicht zuletzt unter ökologischen Aspekten ist ein solcher Zustand
erstrebenswert. Für den Konsumenten besteht die Chance, qualita-
tiv hochwertige Produkte zum minimalen Preis zu erwerben.
Für die Makromolekulare Chemie ist der Zusammenhang zwi-
schen der Struktur und den makroskopischen Eigenschaften eines
Polymeren einer der wichtigsten Untersuchungsgegenstände, wenn
nicht gar ihre Grundfrage. Die moderne Makromolekulare Che-
mie ist gewissermaßen ein Produkt des Streits um die Struktur von
Naturkautschuk [Staudinger,1920]. Heutzutage – da wir wissen,
daß es sich bei Makromolekülen um ketten-, netz- oder baumför-
mige (dendritische) Strukturen handelt, diskutieren wir – schon
fast philosophisch – Fragen zu Einfluß und Gewichtung einzelner
funktioneller Gruppen oder ganzer Verzweigungsäste auf die resul-
tierende bzw. verbleibende Eigenschaft der polymeren Substanz.
Wir diskutieren Fragen zu Struktur/Eigenschaft-Beziehungen,
z.B.:
Welchen Einfluß haben einzelne funktionelle Gruppen auf die Ei-
genschaften eines Polymeren und bei welchem kritischen Konzentrati-
onsverhältnis im Molekül geht dieser Einfluß gegenüber den aus dem
Backbone resultierenden Eigenschaften verloren?
Wodurch ist die Festkörperoberfläche eines Polymeren gekennzeich-
net; überwiegt der Einfluß des Backbones bzw. der eventuell im Back-
bone enthaltenen Brückengruppen, derjenige der Seitengruppen oder
derjenige der Endgruppen?
Welche Rolle spielen die einzelnen Gruppen während der Ausbil-
dung einer neuen Festkörperoberfläche aus der Polymerschmelze her-
aus?
Genauso gut hätte man nach einem Zusammenhang zwischen
Kettenverzweigungsgrad und Dichte fragen können. Auch dies
wäre eine Struktur/Eigenschaft-Beziehung. Polyethylen (PE) mag
das bekannteste Beispiel für einen diesbezüglichen Untersuchungs-
gegenstand sein: Der Kettenverzweigungsgrad ist ein eigenschafts-
bestimmendes Strukturmerkmal von Polyethylen. PE ist nicht
gleich PE – die thermischen, mechanischen und Quellungseigen-
schaften sind stark von der Kristallinität (und der Molmasse) ab-
hängig. Der kausale Zusammenhang ist dabei noch recht einfach:
Ein höherer Verzweigungsgrad reduziert zunehmend die Wahr-
scheinlichkeit und die (physische) Möglichkeit einer Parallelorien-
tierung von Segmenten räumlich benachbarter Alkylketten. Damit
sinken sowohl Kristallinitätsgrad als auch Dichte. Eine geringere
2 Das Konzept
2-4
Dichte ohne eine wirkliche sterische Blockade der entstandenen
Ausschluß-Volumina bewirkt eine bessere Fähigkeit zur bulk-Dif-
fusion und damit auch zur Quellung. Ein niedriger Kristallinitäts-
grad bewirkt eine geringe Zug- und Reißfestigkeit, auf der anderen
Seite jedoch eine höhere Bruchdehnung [2-80].
Da in dieser Arbeit das Verhalten von Polymeren in Verbund-
systemen diskutiert werden soll und da somit vor allem Ober- und
Grenzflächeneigenschaften eine Rolle spielen (vgl. Kapitel 1.6),
wurde bei obigen beispielhaften Fragestellungen das abstrakte ak-
kumulative Eigenschaftsmerkmal „Festkörperoberfläche“ adres-
siert. Die vorliegende Arbeit fokussiert jedoch nicht auf die
Beantwortung obiger Fragestellungen, sie möchte nur darauf hin-
weisen, daß eine vollständige systematische Untersuchung und
Modellierung von Struktur/Eigenschaft-Beziehungen auf derarti-
gen grundlegenden Zusammenhängen aufbaut.
Abb. 2.1-1 Typische Vergleichsgrafik
Die Suche nach Struktur/Eigenschaft-Beziehungen erfordert
gleichermaßen ein strukturiertes Design der experimentellen Um-
gebung als auch die Verfügbarkeit vertrauenswürdiger Meß- bzw.
Auswertungsmethoden. Eine diesbezügliche Bestandsaufnahme er-
folgt im nächsten Abschnitt. Die Formulierung und Quantifizie-
rung aufgefundener Struktur/Eigenschaft-Beziehungen bedingt
dagegen deren Analyse, Abstraktion und Vereinfachung sowie an-
schließende Modellierung. Diese Schritte sind wichtige Bestandtei-
le des am Ende des Kapitels vorgestellten wissenschaftlichen
Gesamtkonzept dieser Arbeit.
2.2 Bestandsaufnahme
2.2 a Absolut relativ
Abb. 2.2-1 Alternative Vergleichsgrafik
Wenn Messungen herangezogen werden, um Unterschiede oder
Übereinstimmungen in den Eigenschaften verschiedener Verbin-
dungen, Substanzen oder Materialien sichtbar zu machen, so be-
dienen sich viele Experimentatoren (u.a. [2-62],[2-70]-[2-74])
früher oder später einer Darstellungsform, wie sie schematisch
durch Abb. 2.1-1 skizziert wird: Für die folgenden Betrachtungen
nehmen wir dabei an, daß für die Testsubstanz A ein beliebiger
Meßwert y1, für die Testsubstanz B ein beliebiger Meßwert y2 und
für die Testsubstanz C ein beliebiger Meßwert y3, jeweils der glei-
chen Meßgröße Y, detektiert wurde.
Aus derartigen Darstellungen werden Aussagen wie z.B. „Y(A)
ist kleiner als Y(C)“ oder „der Trend einer Y-Abnahme von C über B
nach A ist deutlich erkennbar“ abgeleitet.
Sind derartige Schlußfolgerungen eine Grundlage für das Auf-
finden von Struktur/Eigenschaft-Beziehungen?
Zunächst läßt die Differenz zwischen den Meßwerten y1, y2
und y3 eine Abhängigkeit zwischen Substanzart und Meßgröße Y
vermuten. Aber:
Wieviel weniger bedeutet eine Abnahme y von C über B nach A?
„Wieviel“ sind denn y1, y2 und y3 eigentlich „wirklich“, d.h. ges-
messen am absoluten Maßstab?
CBA
y3
y2
y1
y
Meßgröße Y
BAC
y2
y1
y3
y*, min
y*, max
Meßgröße Y
2.2 Bestandsaufnahme
2-5
Derartige Fragen können nur beantwortet werden, wenn die
Extrem- bzw. Grenzwerte von Y bekannt sind. Und selbst deren
Angabe ist in der Regel kontextabhängig. Ein Beispiel: Ein Tempe-
raturunterschied von
T=30°C verursacht beim Menschen ein völ-
lig gegensätzliches Lebensgefühl. Viele wären bei 31°C
Außentemperatur von ihrem persönlichen Empfinden her geneigt
zu sagen: „Heute ist es aber heiß!“. Bei 1°C Außentemperatur wür-
den sie sich wohl eher zu gegensätzlichen Äußerungen hinreißen
lassen. Doch was sind 30°C Temperaturunterschied im kosmi-
schen Maßstab? Die Oberflächentemperatur der heißesten Sterne
beträgt ca. 80000K, die Temperatur im Bereich zwischen den Pla-
neten und Sternen entspricht demgegenüber nahezu dem absolu-
ten Nullpunkt. Ein Temperaturschwankung von 30K entspräche
hier einer Abweichung von 0,04% und auch der Temperaturbe-
reich um 293K erscheint im Vergleich zu den 80000K äußerst
niedrig. Würde hier irgendjemand ernsthaft behaupten, der Stern
wäre kälter geworden?
Abb. 2.2-2 Gefährliche Projektion
Wäre demnach eine Aussage wie z.B. „Die Meßwerte für A und
C schwanken mit (
y*,max) und (
y*, min) um einen für B gemesse-
nen Mittelwert y2“ nicht ebenso berechtigt und geeignet, das Meß-
ergebnis wiederzugeben? Abb. 2.2-1 visualisiert den formulierten
Zusammenhang.
Ein zweites, weitaus größeres Problem ergibt sich jedoch aus der
fehlenden Anordnungsvorschrift der Y-Meßwerte entlang der Ab-
szisse. Die Reihenfolge und Skalierung bestimmt der Experimenta-
tor selbst. Naheliegend und oft verwendet ist eine äquidistante
Anordnung auf Grundlage einer Größensortierung der Y-Werte.
Äußerst trügerisch ist jedoch das durch den Betrachter derartiger
Darstellungen projizierte Bild funktionaler Zusammenhänge, wie
z.B. eines linearen Zusammenhangs gemäß Abb. 2.2-2.
Abb. 2.2-3 Abszissenskalierung auf Grundlage
eines Strukturmerkmals
Die qualitative Aufwertung der informativen „Hitliste“ hin zu
einer Struktur/Eigenschaft-Beziehung geschieht durch die Substi-
tution der völlig willkürlichen Probennamen mit den zugehörigen
Werten eines gemeinsamen Strukturmerkmals S. Dieses Struk-
turmerkmal muß im Sinne einer gemeinsamen mathematischen
Basis gewählt worden sein, auf deren Grundlage die Proben mitein-
ander in Relation gesetzt werden können - beispielsweise das Ver-
hältnis zweier funktioneller Gruppen, die jeweils in allen zu
betrachtenden Molekülen vorhandenen sind. Anschließend erfolgt
eine absolute und relative Neupositionierung im Rahmen des Wer-
tebereiches des gewählten Strukturmerkmals.
Zunächst müssen also die Werte s1, s2 und s3 des gemeinsamen
Strukturmerkmals S für die Testsubstanzen A, B und C bestimmt
werden, d.h. s1=S(A), s2=S(B) und s3=S(C). Falls nun eine an-
schließende Sortierung die Sequenz erzeugt, so könn-
te sich beispielsweise die überraschende Erkenntnis ergeben, daß Y
von A über C nach B durch ein Maximum läuft (vgl. Abb. 2.2-3).
Das heißt – mathematische Voraussetzung für eine Korrelati-
onsanalyse zwischen molekularer Struktur und makroskopischer
Eigenschaft ist die Festlegung eines skalierbaren Strukturmerkmals
S auf molekularer Ebene. Alle mit in die Korrelationsanalyse ein-
bezogenen Verbindungen müssen innerhalb der molekularen Di-
ABC
y1
y2
y3
scheinbarer Verlauf
Meßgröße Y
s1 s3 s4 s5 s6 s2
y1
y3
y
2
s1s2
Meßgröße Y
s1 s3 s2<<
2 Das Konzept
2-6
mension auf dieses gemeinsame Strukturmerkmal abbildbar sein.
Darüberhinaus müssen sie sich in der resultierenden Gesamtpro-
jektion (bis auf sinnvolle Ausnahmen) eindeutig voneinander un-
terscheiden. Diesem Problem ist Kapitel 5 - ”Chemometrische
Modellierung von aliphatischen Polyamiden” gewidmet. Die Zu-
sammenstellung der experimentellen Testreihe muß auf Grundlage
der Überlegung erfolgen, daß für alle Testsubstanzen ein gemein-
sames charakteristisches und quantifizierbares Strukturmerkmal
existiert bzw. definiert werden kann. Diese Überlegung fließt in
Kapitel 2.3 - ”Experimenteller Fokus und Strategie” mit ein.
2.2 b Cui bono est?
Immanentes und strukturgebendes Merkmal des hier darzustel-
lenden Konzeptes ist die Fragestellung nach einer praktischen An-
wendbarkeit der Erkenntnisse.
Über die Bedeutung von Haftverbunden wurde bereits ausführ-
lich in Kapitel 1 berichtet. Hier ist in der Praxis der Beweis für die
Existenz von Struktur/Eigenschaft-Beziehungen bereits vielfach er-
bracht: Die Oberflächenmodifizierung ist ein etablierter Metho-
denkomplex zur Manipulation von Oberflächen- und, daraus
resultierend, von Grenzflächeneigenschaften. Der Erfolg bzw.
Mißerfolg einer solchen Behandlung wird anhand der Haftungsei-
genschaften des temporären bzw. permanenten Verbundes bewer-
tet. Derartige Konzepte nutzen die Existenz von Struktur/
Eigenschaft-Beziehungen.
Die vorliegende Arbeit soll einen kleinen Beitrag zur Systemati-
sierung und Quantifizierung einer solchen Beziehung leisten. Sie
versucht dies anhand der Frage nach einer Steuerbarkeit der Haft-
festigkeit in Carbonfaser/Polyamid-Verbunden (CFRPA) auf der
Grundlage struktureller und morphologischer Aspekte der Einzel-
komponenten. Ein entsprechendes Adhäsionsmodell und die dar-
aus zu gewinnenden theoretischen Vorhersagen werden in Kapitel
6 - ”Ein Modell für adhäsive Verbunde aus Carbonfasern und ali-
phatischen Polyamiden” vorgestellt. Kapitel 10 - ”Ist das CFRPA-
Verbundmodell eine Struktur/Eigenschaft-Beziehung im Sinne
der Adhäsionsforschung?” zeigt, ob die Vorhersagen des Modells
mit der experimentellen Realität übereinstimmen.
2.2 c ...Berlin – Rom – Erkner
Nun taucht sofort eine erste Schwierigkeit auf: Strukturelle Ver-
änderungen an der Verbundkomponente i sollen auf eine Eigen-
schaft des Verbundes aus den Komponenten i und j abgebildet
werden (vgl. Gl.(2.0-1)). Der analoge Anspruch besteht für j.
Der Abbildung einer direkten Struktur/Eigenschaft-Beziehung
im Verbund entspräche der Zusammenhang
(2.2-1),
wobei und letztlich nichts anderes als ein Strukturmerkmal
und eine Eigenschaft der durch den Komponentenverbund ent-
standenen Grenzschicht (als physische Repräsentation des adhäsi-
Sij Eij
Sij Eij
2.2 Bestandsaufnahme
2-7
ven Zusammenhaltes) repräsentieren. Gemäß Gl.(2.0-2) müßte
dazu jedoch ein Meßverfahren existieren, welches in der Lage wäre,
das Strukturmerkmal zu erfassen und in der Meßgröße
auszudrücken. Abgesehen von der Schwierigkeit, sinnvoll zu
definieren (dies würde eine mechanistische Kenntnis der Haftung
auf molekularer Ebene voraussetzen), scheitert dieser direkte Abbil-
dungsversuch an der Unzulänglichkeit experimenteller Methoden,
ein Eigenschaftsmerkmal der Grenzschicht meßtechnisch zu erfas-
sen. Voraussetzung wäre nämlich eine zerstörungsfreie dreidimen-
sionale Strukturaufklärung der Grenzschicht in der molekularen
und mesoskopischen Dimension. Erfolgversprechend sind hier
moderne Varianten der Raman-Spektroskopie: Im Zusammenspiel
mit bildgebenden Verfahren entstand die Laser Scanning Raman
Microscopy (LSRM). Positionsgenau und reproduzierbar durch
den Einsatz von XY-Tischen können makroskopische Proben im
2µm-Raster spektroskopisch „abgetastet“ werden. Der Einsatz von
Geräten mit konfokaler Optik ermöglicht dabei die dreidimensio-
nale Vermessung ([1-54],[1-55]). Eigene Untersuchungen haben
jedoch gezeigt, daß Meßzeit, Rastergröße, Wechselwirkungen mit
der Probe (z.B. lokale thermische Belastung), Spektreninterpretati-
on und apparativer Aufwand nur einige der Aspekte sind, die eher
eine Weiterentwicklung der Methode erfordern, als daß sie deren
Anwendung zur Quantifizierung von Struktur/Eigenschaft-Bezie-
hungen ermöglichen. Dennoch ist zu erwarten, daß es hier in naher
Zukunft entscheidende Fortschritte gibt.
Bis zum heutigen Tage ist man daher bei der Analyse von Haft-
verbunden auf den klassischen, d.h vor allem indirekten Weg ange-
wiesen: Man postuliert einen Zusammenhang zwischen den
Strukturmerkmalen der Einzelkomponenten i bzw. j und einem
Strukturmerkmal der Grenzschicht unter Konstanthaltung des
Strukturmerkmals der jeweils anderen Komponente j bzw. i:
(2.2-2)
Zwei weitere Postulate betreffen die Existenz von Struktur/Ei-
genschaft-Beziehungen der Einzelkomponenten, gemäß
(2.2-3).
Unter Einbeziehung von Gl.(2.2-1) und einer transitiven Neu-
ordnung der Zusammenhänge folgt letztendlich
(2.2-4).
Gl.(2.2-4) beschreibt Abbildungen von Komponenten- auf
Verbundeigenschaften. Man sollte sich dabei jedoch vergegenwär-
tigen, daß derartige Korrelationsversuche zwar zu analytischen Be-
ziehungen zwischen Meßgrößen (bzw. den daraus abgeleiteten
Eigenschaftsmerkmalen) führen können, daß die Parameter der
Sij Mij
Sij
Si Sij und Sj Sij
Si Ei und Sj Ej
EiEij und EjEij
2 Das Konzept
2-8
aufgefundenen Korrelationsfunktionen aber niemals auf Struktur-
merkmale der Proben aus der Versuchsreihe abgebildet werden
können.
Falls man nun für die jeweils zu betrachtende Komponente über
eine analytische Form der Struktur/Eigenschaft-Beziehung
(Gl.(2.2-3)) verfügt, kann durch Einsatz der entsprechenden Um-
kehrfunktion eine Substitution der Eigenschaftsmerkmale durch
die Strukturmerkmale der an der Korrelation beteiligten Einzel-
komponente vorgenommen werden. Dies würde zwar zur ge-
wünschten Abbildungsform
(2.2-5)
führen, erspart jedoch nicht die Auseinandersetzung mit der Frage,
ob dieser induktiv gewonnene Zusammenhang auch allgemeine
Gültigkeit hat.
Was bedeutet dieser indirekte Ansatz für die Forschungspraxis?
Vorgreifend auf Kapitel 3 - ”Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Oberflächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerechten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Materialverbunden” wird in den nächsten
Absätzen das experimentell-methodische Konzept dieser Arbeit
skizziert:
Zwei verschiedene Methoden werden eingesetzt, um eine expe-
rimentelle Charakterisierung der Verbundkomponenten vorzu-
nehmen: Zum einen wird aus Benetzungsmessungen der
Randwinkel bzw. die Oberflächenspannung bestimmt. Zum
anderen wird eine elektrokinetische Methode zur Bestimmung des
Zetapotentials bzw. eines Meßkurvenmerkmals einge-
setzt.
Eine dritte Methode adressiert den Verbund und gehört zur
Gruppe der mikromechanischen Testverfahren: Im Rahmen des
Einzelfaserfragmentierungs-Tests (engl. single-fiber-fragmentati-
on-Test, SFF-Test) wird eine kritische Fragmentlänge be-
stimmt, die ihrerseits zur Bestimmung der Grenzflächen-
scherfestigkeit herangezogen wird.
Tab. 2.2-1 Zuordnung von Meßgröße und
Eigenschaftsmerkmal bei den verschiedenen
Methoden
Während schon direkt eine Verbundeigenschaft der
Grenzschicht widerspiegelt, müssen die Komponenteneigenschaf-
ten und zunächst auf eine solche abgebildet werden. Zu
SiEij bzw. SjEij
θγ
ζζ
plateau
lc
τIFSS
Methode
Benetzungsmessung (indirekt)
elektrokinetische Messung
Benetzungsmessung (direkt)
mikromechanischer SFF-Test
MiEiEij Mij
θγWa
ζζ
plateau ∆ζplateau
Waθ
τIFSS lc
τIFSS
γζ
plateau
2.2 Bestandsaufnahme
2-9
diesem Zweck wird mit Hilfe der Thermodynamik aus der Ober-
flächenspannung der Einzelkomponenten die Adhäsionsarbeit
hergeleitet. Für die elektrokinetische Methode soll die Diffe-
renz zwischen den Eigenschaftswerten der beiden Komponenten
die entsprechende Aussage beinhalten [2-60]. Tabelle
2.2-1 gibt einen Überblick über die Zuordnung von Meßgrößen
M und Eigenschaftsmerkmalen E.
In Kapitel 4 - ”Der praktische Einsatz einiger Charakterisie-
rungsmethoden am Beispiel der CFRPAs” finden sich die experi-
mentellen Daten dieser Arbeit.
Falls , und und ihre zugrundeliegenden
Meßgrößen adäquate adhäsive Eigenschaftsmerkmale des Verbun-
des sind (d.h. falls die zugrundeliegenden Modelle und die damit
verbundenen Theorien eine qualitativ analoge Sicht auf Adhäsion
beinhalten), dann müßte paarweise eine lineare Korrelation sicht-
bar werden. Kapitel 7 - ”Ein Evaluierungskonzept für die Gegen-
überstellung von Theorie und Experiment”, Kapitel 10 - ”Ist das
CFRPA-Verbundmodell eine Struktur/Eigenschaft-Beziehung
im Sinne der Adhäsionsforschung?” und Kapitel 11 - ”Skalie-
rungsmodell und thermodynamische Adhäsion” bereiten eine
entsprechende Korrelationsanalyse vor. Kapitel 12 - ”Thermody-
namik vs. Mikromechanik” und Kapitel 13 - ”Elektrokinetik vs.
Mikromechanik” diskutieren deren Ergebnisse.
2.2 d Black Boxes ohne Error Bars
Strukturmodell, Adhäsionsmodell, Auswahl der experimentel-
len Methoden und Zusammenstellung des zu untersuchenden Sy-
stems - eigentlich kann’s doch jetzt losgehen. Oder doch nicht?
Wie zuverlässig sind eigentlich die Meßdaten, die im Rahmen der
Korrelationsanalyse eingesetzt und letztlich als Indizien bei der Beur-
teilung von Modell und Theorie ins Feld geführt werden?
Man muß noch nicht einmal den meßtechnischen Ursprung
der Daten beleuchten - gerade bei Meßdaten, deren Auswertung
statistische Methoden beinhaltet (z.B. Stichprobenanalyse) zeigt
sich die Anfälligkeit der Auswertungsmethoden gegenüber mini-
malen Abweichungen bei der Parameterwahl (z.B. Klassenbreite).
Wie groß die daraus resultierende Bandbreite der Meßergebnisse
des Einzelfaserfragmentierungs-Tests ist und auf welche Weise das
Vertrauen in die Meßdaten vergrößert werden kann, zeigt Kapitel
9 - ”Der SFC-Test: Traue keiner Statistik, ...”.
Langjährige Erfahrungen bei der Durchführung von Zetapoten-
tial-Messungen geben Anlaß für berechtigte Zweifel an der Rich-
tigkeit und Zuverlässigkeit der gewonnenen Meßdaten: So
segensreich die Einführung computergestützter und automatisier-
ter Meßsysteme auch sein mag - wenn dadurch die Transparenz für
den Experimentator verloren geht, so ist dies ein Ausschluß-Krite-
rium für jede wissenschaftliche Forschung. Die verwendeten Meß-
algorithmen mögen zwar zum spezifischen und
geheimzuhaltenden Know-how des Geräteherstellers gehören, den-
noch sollte der Benutzer wissen (dürfen), wann ein Meßgerät auf
welche Art und Weise Daten aufnimmt und zu einem gemeinsa-
men Datensatz formt. Dies ist um so wichtiger, wenn die Rohdaten
γ
Wa
∆ζplateau
∆ζplateau WaτIFSS
2 Das Konzept
2-10
verworfen und nur noch abgeleitete Meßwerte ohne eine aussage-
kräftige und sinnvolle Fehleranalyse zur Verfügung gestellt werden.
Ein mangelhaftes Feedback-Konzept in Meßgeräten und -software
führt zu falschen Meßergebnissen. Wenn darüberhinaus die Meß-
methode selbst auch noch umstritten ist, dann ist es eigentlich
schon sehr verwunderlich, daß die Fürsprecher der Methode ihren
wissenschaftlichen Kritikern eine derartige Angriffsfläche dadurch
bieten, daß sie ihr eigenes experimentelles System nicht genauer be-
leuchten und technisch korrigieren.
Im Rahmen dieser Arbeit wurde die Funktionsweise des Elektro-
kinetic Analyzers (EKA) der Anton Paar GmbH untersucht. Das
Gerät wurde in seine Bestandteile zerlegt, Schwachstellen wurden
identifiziert und Konsequenzen für die praktische Durchführung
der Experimente abgeleitet. Unter Anwendung all dieser Erkennt-
nisse entstand der Prototyp eines – technisch auf dem EKA basie-
renden – neuen Meßgerätes: ElektrA 2002. Ursprünglich sollten
Evaluierung, Geräteumbau und einige Meßergebnisse im Rahmen
der vorliegenden Arbeit vorgestellt werden. Die Erfahrungen und
Erkenntnisse, die sowohl während des Umbaus als auch durch die
Auswertung der neuen Meßergebnisse gewonnen wurden, können
einen wichtigen Beitrag für die Auseinandersetzung mit der Frage
nach der Robustheit von Zetapotentialmessungen leisten. Um je-
doch den Umfang der vorliegenden Arbeit nicht überzustrapazie-
ren, wurde die Entscheidung getroffen, diesen gerätetechnischen
Teil des Konzeptes hier nicht abzubilden. Der interessierte Leser sei
auf Veröffentlichungen verwiesen, die sich derzeit noch in Vorbe-
reitung befinden.
2.2 e Aufgabenstellung
Struktur/Eigenschaft-Beziehungen können also nur identifiziert
und in einem Modell abgebildet werden, wenn
a) eine analytische Beschreibungsmöglichkeit für die eigenschaftsrele-
vanten Strukturmerkmale existiert bzw. gefunden werden kann,
b) ein systematisches Variieren der Strukturmerkmale in einer genü-
gend großen Bandbreite experimentell möglich ist und dies nicht
„unkontrolliert“ mit der Veränderung anderer Strukturmerkmale
einhergeht,
c) mehrere Meßmethoden zur Verfügung stehen, die sensibel auf die
strukturellen Unterschiede der Materialien reagieren und deren
zugrundeliegenden Modelle eine sinnvolle Abbildung der physika-
lischen Meßgrößen auf strukturelle oder für den Korrelationsver-
such anderweitig relevante Materialeigenschaften ermöglichen,
d) die Transparenz der Meßmethode und die Anwendbarkeit der hin-
ter dem Experiment stehenden Modelle eine solche Abbildung
erlaubt bzw. deren Gültigkeitsbereich verdeutlicht und gewährlei-
stet.
2.3 Experimenteller Fokus und
Strategie
2-11
2.3 Experimenteller Fokus und Strategie
2.3 a Einführung
Für die ursprüngliche [2-60] Auswahl des Verbundsystems
spielten Faktoren wie Verfügbarkeit, experimentelle Beherrschbar-
keit und bereits vorliegende Vergleichsdaten zur Charakterisierung
der Verbundkomponenten eine wichtige Rolle.
Das dem Einzelfaserfragmentierungstests zugrundeliegende
Auswertungsmodell erfordert die Erreichbarkeit des sogenannten
Sättigungszustandes, was ein Bruchdehnungsverhältnis von Matrix
zu Faser im Bereich oberhalb von 3:1 voraussetzt (vgl. Kapitel 3.3).
Da Carbonfasern in der Regel eine Bruchdehnung von 1-3% auf-
weisen, scheiden duroplastische (z.B. Epoxide) und bei Testbedin-
gungen*) im Glaszustand befindliche thermoplastische (z.B.
Polycarbonat) Polymere aus. Zudem muß darauf geachtet werden,
daß die Matrix optisch transparent ist und dies auch trotz der ver-
streckungsinduzierten Kristallisationsprozesse bleibt. Nur so kann
eine lichtmikroskopische Auswertbarkeit der Fragmentierung ge-
währleistet werden.
Die in Kapitel 2.2 a herausgearbeiteten Ansprüche an ein expe-
rimentelles System decken sich mit den Eigenschaften der in [2-60]
ansatzweise bereits bearbeiteten Kombination Carbonfaser/Poly-
amid. Ausgehend von dieser Feststellung wurde für die in Kapitel
2.2 e formulierte wissenschaftliche Zielsetzung eine experimentelle
Strategie entwickelt. Diese Strategie, das experimentelle System
und die eingesetzten Meßmethoden werden nachfolgend vorge-
stellt.
2.3 b Aliphatische Polyamide (Nylons)
Auswahl und Herkunft
Die aliphatischen Polyamide wurden durch die EMS-Chemie
AG /Domat (CH) in Form von Folien (Stärke ca. 100 µm) zur
Verfügung gestellt. Einzige Ausnahme bildet das PA 4.6 - eine von
der Sulzer AG überreichte Polymerfolie der DSM Deutschland
GmbH. Für die Auswahl der Polyamide war einzig und allein die
Verfügbarkeit entscheidend. Die Proben mußten als Laborchargen
ohne Additive in Folienform mit einer Stärke von 100 bis 250µm
vorliegen. Eine Folienpräparation aus Granulat (durch Heißpres-
sen) hätte experimentell zwar realisiert werden können, jedoch be-
stand die Befürchtung, daß die gepreßten gegenüber den
extrudierten Folien eine unterschiedliche Oberflächencharakteri-
stik oder interne Struktur aufweisen würden. Dies hätte die ober-
und grenzflächensensitiven Tests verfälschen können. Der zu Be-
ginn der Arbeiten beschrittene Weg, beginnend mit der Synthese
aus dem entsprechenden Diamin bzw. Disäurechlorid und der an-
schließenden Folienpräparation aus der Lösung scheiterte am un-
zureichenden Umsatz der Polykondensationsreaktion bzw. an dem
daraus resultierenden viel zu geringen Polymerisationsgrad. Daher
*) hier 23-25°C bei Normaldruck
2 Das Konzept
2-12
war eine Umorientierung auf solche Polyamide erforderlich, die als
reale Werkstoffe eingesetzt werden und somit eventuell als Labor-
proben von den Herstellern erhältlich sind.
Charakteristische Strukturkomponenten
Abb. 2.3-1 Die Amidgruppe - Resonanzstabili-
sierung innerhalb des charakteristische Struktu-
relements der Polyamide
Alle im Rahmen dieser Arbeit verwendeten Polyamide sind ali-
phatische Polyamide. Alle Angaben und Aussagen in dieser Arbeit
beziehen sich auf Polyamide dieses Typs. Es handelt sich dabei um
diejenige Gruppe von Polyamiden, die in der englischsprachigen
Literatur als Nylons bezeichnet wird [2-63]. Kapitel 5 geht sehr de-
tailliert auf die strukturellen Aspekte aliphatischer Polyamiden ein.
Namensgebende Strukturkomponente ist die Amid-Gruppe
(Abb. 2.3-1). Beim Zusammenschluß zweier Monomere entsteht
genau eine Amid-Funktionalität.
Die Amid-Gruppe wird aus zwei verschiedenen funktionellen
Gruppen gebildet – formal aus einer Carboxylgruppe und einer
Aminogruppe*). Aus den beiden formalen Monomertypen Diamin
(AA) und Dicarbonsäure (BB) entsteht durch alternierenden Zu-
sammenschluß ein Polyamid vom Typ AABB. Aus dem formalen
Monomertyp Aminosäure (AB) entsteht ein Polyamid vom Typ
AB. Die geometrischen und physikochemischen Eigenschaften der
Amid-Funktionalität sind der Schlüssel zum Verständnis der tertiä-
ren und quartären Strukturmerkmale von Polyamiden, insbeson-
dere des Polymorphismus.
Abb. 2.3-2 Kugel-Stab-Modell zur Planarität
der Amidgruppe
Die Arbeiten von Pauling und Corey aus den 30er und 40er
Jahren des 20. Jahrhunderts führten zu der Erkenntnis, daß die
Amidgruppe eine starre, planare Struktur besitzt (Abb. 2.3-2) und
daß die zentrale C-N-Bindung aufgrund einer Resonanzstabilisie-
rung über die benachbarten vier Atome –CO-NH– einen 40%igen
Doppelbindungscharakter aufweist. Amidgruppen liegen meist in
trans-Konfiguration vor [2-81] (siehe dazu auch Kapitel 5).
Die zweite charakteristische Strukturkomponente ist die Me-
thylengruppe. Die Grundbausteine der Polyamide enthalten je
eine (unverzweigte) Methylenkette variabler Länge. In der polyme-
ren Hauptkette folgen eine Amidgruppe und eine Methylenkette
abwechselnd aufeinander. Dabei kann die Länge der Methylenket-
ten entweder alternierend variieren (nur möglich bei AABB-Typen)
oder nicht (AB-Typen und AABB-Typen).
Die dritte und letzte Strukturkomponente sind die Endgrup-
pen. Je nach Herstellungsverfahren und -bedingungen sind ver-
schiedene funktionelle Gruppen denkbar. Für die hier
verwendeten Polyamide des AABB-Typs sind Amino- und Car-
boxyl-Gruppen anzunehmen. Die in Tab. 2.3-2 enthaltenen Her-
stellerangaben zu titrimetrisch bestimmten Endgruppenäquivalen-
ten liefern einen Hinweis auf einen möglichen Überschuß der ei-
nen oder anderen Komponente. Im Falle der AB-Typen ist von ei-
ner Gleichverteilung aminischer und carboxylischer Endgruppen
auszugehen.
R1
O
N
R2
H
R1N+
R2
H
O-
*) Polykondensation und Ringöffnungspolymerisation ausgehend von Lac-
tamen sind die technisch relevanten Verfahren
2.3 Experimenteller Fokus und
Strategie
2-13
Nomenklatur in dieser Arbeit
Die Nomenklatur der Polyamide basiert im wesentlichen auf
den Vorgaben nach ISO 1874-1. Der Umstand, daß in dieser Ar-
beit lediglich AABB- und AB-Typen behandelt werden, vereinfacht
das Nomenklaturproblem beträchtlich. Die grundlegende Bezeich-
nungsvorschrift nach ISO lautet:
Tab. 2.3-1 Nomenklatur der Polyamide1. Für AB-Typen ergibt die Anzahl der Kohlenstoffatome in der
Monomereinheit den Zahlenwert x im Namen PA x.
2. Für AABB-Typen ergibt die Anzahl der Kohlenstoffatome des
Diamins den Zahlenwert x und die Anzahl der Kohlenstoffa-
tome der Disäure den Zahlenwert y im Namen PA xy.
Im Falle der AABB-Polyamide ist es unüblich, zwischen der AA-
und der BB-Monomerkomponente ein Trennzeichen zu verwen-
den. Im praktischen Umgang mit industriell gefertigten Polyami-
den mag dies durchaus eine sinnvolle Vorgabe sein - im Rahmen
des theoretischen Teils dieser Arbeit kann es bei Verwendung der
ISO-Nomenklatur jedoch zu Verwechslungen zwischen den
AABB- und AB-Typen kommen. Daher wird im Falle der AABB-
Typen ein Punkt als Trennungszeichen eingeführt. Das Polyamid
PA66 nach ISO wird demnach im weiteren als PA 6.6 bezeichnet.
Eine Verwechslungsgefahr mit dem AB-Typ PA66, dessen Wieder-
holungseinheit 66 C-Atome enthielte, ist somit beseitigt. Siehe
dazu auch Tab. 2.3-2.
Physikalische und chemische Charakterisierung
Abb. 2.3-3 Durch ab initio Berechnung be-
stimmte Ladungsverteilung in generischen Ny-
lon-backbones [2-98]
Amide gelten als die am wenigsten reaktiven Derivate der Car-
bonsäuren [2-82]. Die Ursache dafür liegt ebenfalls in der Reso-
nanzstabilisierung des freien Elektronenpaars des Stickstoffs.
Die wichtigste chemische Eigenschaft der Amidgruppe ist ihr
Bestreben, intra- und intermolekulare Wasserstoffbrückenbindun-
gen auszubilden. Die Formung der
α
-Helix bei Polypeptiden ist
das Ergebnis eines molekularenergetischen Optimierungsprozesses
unter Einstellung erlaubter Konformationswinkel einerseits und
maximaler Ausbildung stabilisierender Wasserstoffbrückenbin-
dungen andererseits. Heute weiß man, daß die Proteinfaltung der
Etablierung von Wasserstoffbrückenbindungen folgt [2-81], [2-
83]. Die sehr umfangreichen theoretischen und experimentellen
Untersuchungen hinsichtlich des Polymorphismus der kristallinen
Festphase von Polyamiden durch Jones et al. und Puiggali et al.
[2-84]- [2-96] liefern ein weiteres Indiz für die immense Bedeu-
tung der Wasserstoffbrückenbindung in Systemen unter Beteili-
gung von Polyamiden. Eine besondere Bedeutung kommt dabei
Gruppen- bzw. kooperativen Effekten zu: Eine Amid-Amid-Was-
serstoffbrückenbindung wird stärker, wenn sowohl die CO- als
auch die NH-Funktionalität jeder Amidgruppe jeweils einen Was-
serstoffbrückenbindungspartner besitzen [2-97].
Abb. 2.3-3 stellt die in [2-98] mit Hilfe von ab initio Berech-
nungen bestimmte Ladungsverteilung für einen generischen Ny-
lon-backbone unter Einbeziehung voll ausgebildeter Wasserstoff-
brücken dar. Auffällig ist die Ladung von +0.2 Elektroneneinheiten
an der NH-benachbarten Methylengruppe. Ausgeglichen wird die-
im Rahmen
dieser Arbeit
nach ISO
PA 6.9 PA69
PA 12.9 PA129
PA 4.6 PA46
PA 6.10 PA610
PA 10.10 PA1010
PA 12.10 PA1210
PA 12 PA12
O
H
NR1
R2
-0.62
+0.78
-0.68
+0.32
+0.2
± 0
± 0 ± 0
± 0
± 0
2 Das Konzept
2-14
se Ladung durch eine Netto-Gesamtladung der Amid-Funktiona-
lität von -0.2 Elektroneneinheiten.
Abb. 2.3-4 Geometrieoptimierte Anordnung
(Kraftfeld) zweier PA 4.5-Oligomere unter Aus-
bildung von Wasserstoffbrückenbindungen
Das PA 12 ist eine Probe des unter dem Handelsnamen Gril-
amid L25 kommerziell verfügbaren Standard-Extrusionstyps der
hochviskosen PA 12-Serie der EMS-Chemie AG. Es ist daher da-
von auszugehen, daß es zu einem geringen Teil Additive enthält,
die für die Stabilisierung bzw. Etablierung der zugesicherten Pro-
dukteigenschaften sorgen. Da Grilamid L25 jedoch über ein FDA-
Zertifikat*) verfügt und speziell für den Lebensmittelbereich ent-
wickelt wurde, kann angenommen werden, daß eine Freisetzung
von Additiven wenn überhaupt, dann über einen größeren als den
durch die Messungen im Rahmen dieser Arbeit beanspruchten
Zeitraum erfolgt. Stabilisierende Füllstoffe - wie beispielsweise Ruß
- sollten bei der hier durchgeführten Charakterisierung keinen Ein-
fluß auf die Meßergebnisse oder Probenpräparationen haben. Alle
anderen Homopolyamide der EMS-Chemie AG sind Laborproben
und demzufolge frei von Additiven. Über das PA 4.6 der DSM
Deutschland GmbH liegen keinerlei Angaben vor.
Tabelle 2.3-2 listet die im Rahmen dieser Arbeit wichtigen phy-
sikalischen und chemischen Eigenschaften der verwendeten Poly-
amide auf.
Die Angaben zum Endgruppenverhältnis bei den verschiedenen
Polyamiden entstammen einer formlosen Spezifikation durch die
EMS Chemie AG. Die Berechnung des zahlenbezogenen Mittel-
wertes der Molmasse Mn erfolg mit Hilfe der Beziehung
(2.3-1),
wobei bzw. die mittels Endgruppentitration bestimmten
Molmassenäquivalente aminischer bzw. carboxylischer Endgrup-
pen angeben [2-63].
Tab. 2.3-2 Physikalische und chemische
Eigenschaften der verwendeten Polyamide.
*) FDA - (F)ood and (D)rug (A)dministration, US-amerikanische Arznei-
mittelzulassungsbehörde. Deutsche Entsprechung: Bundesinstitut für
Arzneimittel und Medizinprodukte.
Mn
2
EAES
+
-------------------
=
EAES
Polyamid EA /
µÄq/g
ES /
µÄq/g
MPWE /
g/mol
Mn /
g/mol
Pn /
°C
start (peak) ende
/
°C
(peak)
PA 4.6----- -
PA 6.9 - - 268 - - 130 (199) 202 (210)
PA 6.10 23 61 282 23800 168 190 (208) 212 (208-210)
PA 10.10 69 17 338 23300 137 160 (189) 192
PA 12.9 52 36 352 22700 129 130 (172) 176
PA 12.10 82 16 366 20400 111 150 (170) 182
PA 12----- (178)(172-179)
TmDSC,TmLit,
2.3 Experimenteller Fokus und
Strategie
2-15
MPWE ist die Molmasse der (konstitutiven) Wiederholungsein-
heit. Zur Begriffsklärung siehe Kapitel 5 - ”Chemometrische Mo-
dellierung von aliphatischen Polyamiden”.
Abb. 2.3-5 Durch Polarisation sichtbar gemach-
te Domänenbildung in einem verstreckten Poly-
amid (Phase eines SFC-Experiments)
IR-Spektroskopie (Spectrum ONE mit ATR-Golden Gate / Per-
kin Elmer), DSC-Messung (Pyris 6 DSC / Perkin Elmer) und
Elementar-Analyse (CHN-Analyse) sind die drei Methoden, die
zum Identitätsnachweis der durch die EMS Chemie AG zur Ver-
fügung gestellten Polyamide eingesetzt wurde:
Tabelle 2.3-2 enthält die Ergebnisse der DSC-Messungen. Falls
möglich, wurden auch Vergleichswerte aus der Literatur angege-
ben. Polyamide sind semikristalline Thermoplaste. Lamellen- und
sphärolitische Strukturen bzw. deren Aggregate koexistieren mit
amorphen Bereichen in einem Zweiphasensystem [2-63]. Beson-
ders deutlich sichtbar werden die koexistierenden Phasen während
des SFF-Tests (siehe Kap.). Die zunehmende Verstreckung der Po-
lymerproben induziert stetig wachsende Bereiche kristalliner Ord-
nung - so genannte Domänen. Durch den Einsatz polarisierten
Lichtes können diese morphologischen Veränderungen unter dem
Mikroskop verfolgt werden (siehe Abb. 2.3-5). Die Angaben zu
Tm,x beziehen sich auf die kristalline Phase.
Tabelle 2.3-3 enthält die Ergebnisse der CHN-Analyse. Die
Übereinstimmung zwischen berechneten (in Klammern) und ge-
messenen Massenanteilen ist hervorragend. Der Masse-Anteil für
Sauerstoff (O) wurde indirekt durch Bestimmung der Differenz
aus Gesamtmasse und Summe der Masse-Anteile von C, H und N
berechnet.
Tab. 2.3-3 Ergebnisse der CHN-Analyse
2.3 c Polyethylen
Auswahl und Herkunft
Den Modellüberlegungen, die in Kapitel 5 ausführlich dargelegt
werden, entstammte der Wunsch, die Versuchsreihen um ein wei-
teres Polymer zu ergänzen - Polyethylen (PE). Die konsequente
Übertragung des Modells aus Kapitel 5 in ein chemometrisches
Adhäsionsmodell in Kapitel 6 legte jedoch bestimmte Anforderun-
gen an die strukturellen Eigenschaften des zu verwendenden Poly-
ethylens nahe: Der Verzweigungsgrad sollte so gering wie möglich
Polymer Masse-Anteil
N / %
Masse-Anteil
C / %
Masse-Anteil
H / %
Masse-Anteil
O / %
(Differenz)
HDPE 0 (0) 85 (86) 14 (14) 1 (0)
PA 12----
PA 12.10 8 (8) 73 (72) 12 (12) 8 (9)
PA 12.9 8 (8) 72 (72) 11 (11) 9 (9)
PA 10.10 8 (8) 70 (72) 11 (11) 10 (9)
PA 6.10 10 (10) 68 (68) 11 (11) 12 (11)
PA 6.9 10 (10) 67 (67) 10 (11) 13 (12)
2 Das Konzept
2-16
sein. Das in dieser Arbeit verwendete Polyethylen ist ein unter dem
Handelsnahmen Hostalen GF 7740 F2 kommerziell erhältliches
HDPE (siehe nächster Abschnitt) der Hoechst AG. Es wurde be-
reits in [2-64] eingehend charakterisiert und freundlicherweise
vom Institut für Nichtmetallische Werkstoffe / TU Berlin zur
Verfügung gestellt. Der gleichen Quelle entstammt der Hinweis,
daß es sich bei der Folie um ein Breitschlitzextrudat handelt.
Charakteristische Strukturkomponenten
PE besitzt die einfachste Molekülstruktur der Polymere. Für die
idealisierte Darstellung geht man von unverzweigt vorliegenden Al-
kylketten aus. Diese Alkylketten sind das wesentliche Strukturele-
ment von PE. Als Produkt einer radikalischen Polymerisation ist
PE in praxi nicht ausschließlich linear. Übertragungsreaktionen
führen zu lang- und kurzkettigen Verzweigungen. Wichtiges eigen-
schaftsbestimmendes Strukturmerkmal für Polyethylen ist neben
Molmasse bzw. Polymerisationsgrad demnach der Verzweigungs-
grad. In Kapitel 2.1 wurde bereits auf die Auswirkungen des Ver-
zweigungsgrades auf Dichte, Quellungsverhalten und Kristallinität
hingewiesen.
Die Einführung alternativer Synthesewege (z.B. der Einsatz von
Ziegler-Natta-Katalysatoren) ermöglichte eine deutliche Reduk-
tion des Verzweigungsgrades und damit eine bemerkenswerte Er-
weiterung des Einsatzspektrums von Polyethylen. Das katalytisch
hergestellte HDPE (high density polyethylene) verfügt nur noch über
eine sehr geringe Anzahl von Verzweigungen (typischer Weise um
2 pro 1000 C-Atome). Zum Vergleich: Im Falle des LDPE (low
density polyethylene) rechnet man mit ca. 35 Verzweigungsstellen
pro 1000 C-Atome.
Physikalische und chemische Charakterisierung
Der Wert für die Schmelztemperatur kann
aus [2-64] entnommen werden. Die Foliendichte beträgt 0,938g/
cm³. Der gleichen Quelle entstammt auch die Angabe zum Ver-
zweigungsgrad: 2 pro 1000 C-Atome.
Der streng alkylische und damit unpolare Charakter des poly-
meren Backbones bewirkt eine geringe Quellung in polaren Lö-
sungsmitteln (z.B. Wasser). PE ist chemisch äußerst inert.
Genau wie die hier behandelten Polyamide gilt PE als semikri-
stalliner Thermoplast. Aufgrund der sehr ausgeprägten Kristallisa-
tionsneigung wird Polyethylen jedoch als hochkristallin
bezeichnet. Wie für semikristalline Polymere allgemein üblich,
dient zur Beschreibung der Morphologie ein einfaches Zweipha-
senmodell [2-63]. Die Alkylketten liegen überwiegend in trans-
Konformation vor. In der amorphen Phase sind die Ketten ähnlich
wie in den kristallinen Bereichen gepackt, verfügen jedoch über
eine höhere Beweglichkeit [2-64].
Das Ergebnis der CHN-Analyse wurde bereits in Tab. 2.3-2
vorgestellt.
TmDSC,120°C
2.3 Experimenteller Fokus und
Strategie
2-17
2.3 d Carbonfasern
Auswahl, Herkunft und Präparation
Abb. 2.3-6 Potentiell auf Carbonfasern des L-
Typs vorhandene Oberflächenfunktionalitäten
a) carboxylisch, b) hydroxylisch, c) carbonylisch
bzw. chinonisch, d) lactonisch
Als Referenz- und Ausgangsmaterial für die Modifizierungen
dient eine unmodifizierte und unbeschlichtete hochfeste (HT -
high tensile) Carbonfaser, basierend auf Polyacrylnitril (PAN) - zur
Verfügung gestellt unter dem Handelsnamen Sigrafil C320.00A
von der Sigri SGL Carbon / Meitingen.
Nach [2-71] sind grundsätzlich vier Effekte einer Oberflächen-
aktivierung durch Oberflächenbehandlungen denkbar:
Entfernen von Oberflächenkontaminationen, welche die
Benetzungsfähigkeit der Faser beeinträchtigen oder reak-
tive Oberflächengruppen blockieren,
Abtragen einer dünnen Oberflächenschicht, was zur Freile-
gung einer reaktiveren, unkontaminierten bzw. schwächer
graphitischen und damit für Scherbelastungen nicht so
anfälligen Oberfläche führt,
Aufrauhen der Oberfläche zur Vergrößerung der effektiven
Oberfläche bei gleichzeitiger Verbesserung der Chancen
eines mechanical interlocking (Verzahnung) und
Erzeugen von chemisch oder physikalisch reaktiven Ober-
flächengruppen durch Abtragen struktureller Fehlstellen.
Die im Rahmen dieser Arbeit untersuchten Carbonfasern wur-
den durch thermische Verfahren oberflächenaktiviert*) und an-
schließend mit verschiedenen Methoden oxidativ nachbehandelt.
Je nach Prozeßtemperatur werden thermisch oxidierte Carbonfa-
sern in einen L-Typ (low temperature) und einen H-Typ (high tem-
perature) unterschieden. Je nachdem, ob die Temperatur während
der Oxidation oberhalb oder unterhalb 500-600°C liegt, können
funktionelle Gruppen mit überwiegend basischen (H-Typ) oder
überwiegend sauren (L-Typ) Eigenschaften auf der Faseroberfläche
erzeugt werden [2-77].
Morphologische Aspekte
In [2-70] findet sich eine ausführliche Beschreibung der für die
vorliegende Arbeit wesentlichen Strukturcharakteristika von Car-
bonfaseroberflächen. Detaillierte Angaben finden sich u.a. in [2-
75], [2-76] und [2-78]. Um dem Leser jedoch eine Beurteilung der
in späteren Kapiteln dargelegten experimentellen Ergebnisse sowie
deren Interpretation zu ermöglichen, enthalten die folgenden Ab-
sätze zusammenfassend einige wesentliche Aussagen.
Die äußere Geometrie der Fasern erweist sich trotz des sehr ge-
ringen Durchmessers (die Faserdicke liegt typischer Weise zwi-
schen 6 und 10 µm) als sehr einheitlich. Je nach Auslegung des
Herstellungsprozesses werden Morphologie und Chemie der Ober-
fläche durch graphitische, polykristalline oder isotrop orientierte
planar-hexagonale Struktureinheiten bestimmt. Die polykristalli-
nen Bereiche der Carbonfaseroberfläche entziehen sich noch im-
R
R
R
R
O
OH
R
R
R
OH
R
R
R
R
O
R
O
O
R
R
R
R
a)
b)
c)
d)
*) Konzept und Durchführung: A. Bismarck, siehe [2-70]
d)
2 Das Konzept
2-18
mer weitestgehend einer exakten Beschreibung und Charakterisie-
rung. Als erwiesen gilt jedoch mittlerweile, daß eben diese die Trä-
ger der Oberflächenfunktionalitäten von Carbonfasern sind [2-77]
und an ihren „Rändern“ potentielle Reaktionszentren besitzen.
Abb. 2.3-7 Potentiell auf Carbonfasern des H-
Typs vorhandene Oberflächenfunktionalitäten
a) kationisch bzw. b) radikalisch stabilisiert
Die existierenden Strukturmodelle erklären die von Natur aus
eher schlechten adhäsiven Eigenschaften von Carbonfasern. Prinzi-
piell existieren morphologische Inhomogenitäten, die sich im Auf-
treten von Orientierungsunterschieden und strukturellen Defekten
der chemisch inerten Basalflächen (vollständig abgebundener Koh-
lenstoff in einer turbostratischen Struktur) manifestieren. Je höher
der Graphitisierungsgrad und die Ausrichtung der Kristallite an der
Oberfläche ist, desto geringer ist die Bereitschaft zur Ausbildung
neuer chemischer Bindungen. Das Maß an struktureller Imperfek-
tion bestimmt den Grad der Oberflächenreaktivität.
Die Mikroporösität der Faser wird durch den Fertigungsprozeß
beeinflußt. Mikroporen ermöglichen die Wanderung von Imper-
fektionen und wirken sich somit wesentlich auf die Faserzugfestig-
keit aus [2-79]. Eine höhere Endbehandlungstemperatur führt
zum sogenannten Ausheilen der Poren, damit aber auch zu einer
Verkleinerung der Oberfläche.
Das Bestreben, eine möglichst hohe Strukturintegrität der Faser
zu erreichen und zu bewahren, konkurriert demnach mit der Auf-
bringung von Oberflächenfunktionalitäten, die einen maßgebli-
chen Beitrag bei der Ausbildung adhäsiver Verbunde leisten.
Abb. 2.3-8 REM-Aufnahme einer unbeschlich-
teten Carbonfaser vom Typ C320.00A [2-70]
Die Abbildungen 2.3-6 und 2.3-7 kennzeichnen einige Ober-
flächenfunktionalitäten, die in der zitierten Literatur einstimmig
für den L-Typ bzw. den H-Typ thermisch oxidierter Carbonfasern
als existent angenommen werden.
Nomenklatur
Zur Kennzeichnung der verwendeten Carbonfasern wurde das
folgende Prinzip eingeführt: Der Buchstabe ’C’ kennzeichnet die
Probe als Carbonfaser, der Suffix gibt einen Hinweis auf die Art
und Weise der Oberflächenmodifizierung. Aufeinanderfolgende
Behandlungen erscheinen als durch Bindestrich getrennte Suffixe.
Das zugrundeliegende Fasermaterial ist in allen Fällen identisch.
Tabelle 2.3-4 faßt die im Rahmen dieser Arbeit referenzierten
Carbonfasern und deren Nomenklatur zusammen.
Tab. 2.3-4 Nomenklatur der Carbonfasern
C+
OR
R
R
R
C
OR
R
R
R
a)
b)
Bezeichnung Fasermaterial Modifizierung
C-U C320.00A unmodifiziert, unbehandelt und unbeschlichtet
C-L C320.00A thermisch, saure Oberflächenfunktionalitäten
C-H C320.00A thermisch, basische Oberflächenfunktionalitäten
C-U-NMAA C320.00A chemisch, C-U mit N-Methylacetamid
C-L-NMAA C320.00A chemisch, C-L mit N-Methylacetamid
2.3 Experimenteller Fokus und
Strategie
2-19
2.3 e Ein Modellexperiment
Die immense Bedeutung der Wasserstoffbrückenbindungen für
Amide und die Auflistung potentiell auf der Carbonfaseroberfläche
vorhandener Sauerstoff-Funktionalitäten legen auch für einen Ver-
bundmechanismus zwischen beiden Komponenten die Dominanz
von H-Brücken nahe.
Davon abgesehen, sind jedoch auch Wechselwirkungen durch
chemische Reaktionen nicht auszuschließen. Alterungs- und Ab-
bauprozesse sind für Polyamide ebenso bekannt wie decidierte Alk-
oxyalkylierungsverfahren zur Vorbereitung für den Einsatz in
Materialverbunden [2-63].
Um die Attraktivität der Amidgruppe für die potentiell auf der
Carbonfaseroberfläche vorhandenen funktionellen Gruppen zu be-
werten, wurde ein Modellversuch konzipiert:
Abb. 2.3-9 Durch ab initio Berechnung be-
stimmte Ladungsverteilung in N-Methylacet-
amid [2-98]
Als kleinstmögliches reaktives Modell der Homopolyamide [2-
99], [5-164] wurde das Molekül N-Methylacetamid ausgewählt.
In vier parallel durchgeführten Experimenten wurde N-Methylace-
tamid jeweils im Überschuß und im Unterschuß mit den Carbon-
fasern C-U und C-L über Nacht unter Rückfluß bei 220°C
umgesetzt. Ein fünftes - ebenfalls zeitlich parallel laufendes - Expe-
riment diente als Referenz: Hier wurde ausschließlich N-Methyla-
cetamid unter analogen Bedingungen erhitzt. Der Siedepunkt von
N-Methylacetamid liegt bei 206°C. Die Behandlungstemperatur
von 220°C wurde gewählt, weil dies der Präparationstemperatur ei-
nes der Modellverbundsysteme aus [2-62] unter Beteiligung von
PA 12 entspricht.
Die aus [2-98] entnommenen ab initio Daten zur Ladungsver-
teilung in N-Methylacetamid zeigen noch einmal ganz deutlich die
enge elektronische Verwandtschaft von N-Methylacetamid-Mole-
kül und generischem Nylon-backbone aus Abb. 2.3-3.
N-Methylacetamid neigt zur hydrolytischen Spaltung in Me-
thylamin und Essigsäure. Für eine Auflistung möglicher Reaktio-
nen an der Faseroberfläche müssen demnach auch diese beiden
Reaktanden berücksichtigt werden. Im Experiment werden da-
durch die beiden potentiell verfügbaren polymeren Endgruppen si-
muliert. Abbildung 2.3-10 zeigt einige mögliche Reaktionen von
N-Methylacetamid mit einigen typischen Oberflächenfunktionali-
täten der Carbonfasern. Neben den aufgeführten Reaktionsprinzi-
pien Umamidierung, Amidkondensation und Enamin-Reaktion
sind auch noch andere Mechanismen wie z.B. eine Enaminbildung
durch Kondensationsreaktion an einer carbonylischen Oberflä-
chengruppe, ein Aminolyse oder eine Esterkondensation von Hy-
droxylgruppen denkbar (siehe auch Tab. 2.3-6). Aus Abb. 2.3-10
wird ersichtlich, daß eine chemische Analyse der flüssigen Produkt-
phase der durchgeführten Experimente keinen Aufschluß über die
Reaktivität zwischen N-Methylacetamid und den Carbonfasern
liefern kann. Viel verheißungsvoller erscheint hier die Untersu-
chung der Carbonfaseroberfläche (siehe nachfolgendes Kapitel).
O
H
CH3
NCH3
-0.62
+0.78
-0.68
+0.32
+0.2
± 0
2-20
Abb. 2.3-10 Einige denkbare Reaktionen zwi-
schen N-Methylacetamid und Oberflächen-
funktionalitäten der Carbonfasern: a)
Umamidierung zum Imid, b) basekatalytische
Amidkondensation, c) Enamin-Reaktion zum
Imin
ss
Faseroberflächenanalyse mittels ESCA
Die Elektronenspektroskopie zur Chemischen Analyse (ESCA,
engl. X-ray (p)hotoelectron (s)pectroscopy - XPS) ist eine Verfahren
zur chemischen Analyse von vakuumtauglichen Werkstoffoberflä-
chen (Metalle, Keramiken, Gläser, Polymere, Membranen, Bioma-
terialien,...). Als Meßergebnis liegen sowohl die Elementverteilung
als auch Informationen über den jeweiligen Oxidationszustand der
Elemente vor. Das Verfahren ist oberflächensensitiv, es bezieht sei-
ne Informationen lediglich aus einer Tiefe bis zu 10 nm unterhalb
der Oberfläche. Die Methode eignet sich insbesondere zum quali-
tativen Nachweis von geringfügigen Verunreinigungen oder Mi-
grationsschichten an der Oberfläche und wird daher häufig bei der
Klärung von Benetzungs- bzw. Haftfestigkeitsproblemen einge-
setzt (u.a. [2-100]).
Falls es also im Rahmen des Modellexperiments zu permanen-
ten Oberflächenveränderungen (im Sinne einer Modifizierung) ge-
kommen ist, so muß sich dies in den ESCA-Spektren der vier
Fasern C-U, C-L, C-U-NMAA und C-L-NMAA niederschlagen.
Tabelle 2.3-5 enthält die Elementzusammensetzung der Faserober-
flächen, berechnet aus der relativen Signalintensität der O1s (um
Bindungsenergie Eb=532eV), N1s (um Eb=401eV) und C1s-Peaks
(um Eb= 286eV).
Die Auswertung der Elementepeaks erfolgt durch eine Zerle-
gung in Peak-Anteile mittels nichtlinearer Kurvenanpassung ge-
O
H
CH3
NCH
3
OOH ON
CH3
OCH3
OH2
a)
CH3
NH2
OOH ON
CH3
H
OH2
b)
CH3
NH2
OH2
OOHNH
CH3
N
CH3
c)
2.3 Experimenteller Fokus und
Strategie
2-21
mischter Gauß/Lorentz-Produktfunktionen an die Spektren-
daten [2-70]. Aus der relativen Intensität der Teil-Peaks kann auf
den Anteil der zugehörigen elektronischen Spezies am Gesamt-
spektrum geschlossen werden. Die Festlegung der Anzahl von Teil-
peaks und deren Zuordnung zu konkreten Bindungszuständen
erfordert riesige Datenbanken und viel praktische Erfahrung. In
[2-70] wird darauf hingewiesen, wie widersprüchlich die Interpre-
tationen speziell im Zusammenhang mit der Aufspaltung des O 1s
Peaks sind. Abbildung 2.3-11 zeigt das originale ESCA-Spektrum
der vier Carbonfasern im Bereich des N 1s Peaks inklusive der
identifizierten Peak-Anteile.
Tab. 2.3-5 Ergebnisse der CHN-Analyse
In Anlehnung an den Auswertungsbericht zu den ESCA-Mes-
sungen ist die folgende Interpretation der Spektren möglich (siehe
Tab. 2.3-5 und Abb. 2.3-11):
1. Schon die unmodifizierte Carbonfaser C-U enthält – als Folge
des Herstellungsprozesses*) – Sauerstoff und Stickstoff auf der
Oberfläche.
2. Die thermische Oxidation (C-L) führt zu einem leicht höheren
Sauerstoffanteil auf der Oberfläche (ca. 2.5%). Der Stickstoff-
anteil bleibt quasi unverändert.
3. Der Hauptpeak-Anteil des O1s Peaks (Eb=532,3 eV) deutet auf
überwiegend carbonylische Kohlenstoff/Sauerstoff-Oberflä-
chenfunktionalitäten sowohl bei C-U als auch bei C-L hin.
4. Der Hauptpeak-Anteil des N1s Peaks (Eb=400,9 eV) ist imidi-
schen Strukturen (–C-N-C=O) zuordnen.
5. Der sowohl bei C-U als auch bei C-L auftretende kleine Peak-
Anteil (Eb=398eV) wird aminischen Gruppen (R–NH2) zuge-
ordnet.
6. Die mit NMAA umgesetzte Faseroberflächen zeigen neue Peak-
Anteile im N1s-Spektrum (Eb=400,3 eV und Eb=399,8eV)
und im O1s-Spektrum (Eb=531,5eV). Diese Peak-Anteile deu-
ten auf primäre und sekundäre amidische Strukturen hin.
Unterstützt wird diese Annahme durch den Befund, daß die
neu identifizierten Peak-Anteile im Verhältnis 1:1, d.h. entspre-
chend dem atomaren Verhältnis der Elemente in einer Amid-
gruppe (–CO-NH–), auftreten.
Faser Anteil an Ober-
flächengruppen
O 1s / %
Anteil an Ober-
flächengruppen
N 1s / %
Anteil an Ober-
flächengruppen
C 1s / %
C-U 6,5 1,5 92,0
C-L 8,9 1,6 89,5
C-U-NMAA 9,5 3,9 86,6
C-L-NMAA 10,8 6,7 82,5
*) Die hier eingesetzten Carbonfasern werden aus PAN gewonnen
2 Das Konzept
2-22
7. Die Faser C-L-NMAA zeigt einen stärkeren Gesamtzuwachs an
Sauerstoff und Stickstoff (ca. 7%). Der Gewinn an Stickstoff
auf der Oberfläche ist jedoch deutlich höher als bei C-U-
NMAA. Das Verhältnis zwischen O- und N-Zuwachs beträgt
bei C-L-NMAA etwa 1:2,7. Bei C-U-NMAA kehren sich die
Verhältnisse um. Das Verhältnis zwischen O- und N-Zuwachs
beträgt bei C-U-NMAA etwa 1:0,8. Der anteilige Gewinn an
Oberflächensauerstoff liegt für C-U-NMAA leicht über demje-
nigen von C-L-NMAA (siehe Abb. 2.3-12).
Abb. 2.3-11 Original-ESCA-Spektren des N1s
Peaks für die vier Carbonfasern.
Diese ersten Befunde geben Anlaß zu einer systematischeren
Auseinandersetzung mit möglichen Oberflächenreaktionen. Es sei
vorausgeschickt, daß die nachfolgenden Betrachtungen bewußter-
maßen rein formaler Natur sind. Ob die aufgeführten Reaktionen
wirklich ablaufen (können), ist ohne größeren analytischen Auf-
404 402 400 398 396
SOL NNAA
UB NNAA
SOL
N 1s XP Intensity
Binding Energy / eV
UB
C-L-NMAA
C-U-NMAA
C-U
C-L
2.3 Experimenteller Fokus und
Strategie
2-23
wand nicht nachzuweisen. Des weiteren wird kein Anspruch auf
Vollständigkeit erhoben. Die aufgeführten Reaktionen wurden im
Rahmen einer systematischen Recherche in den Standard-Lehrwer-
ken der Organischen Chemie ausgewählt.
Abb. 2.3-12 Vergleich der durch die Umsetzung
mit NMAA erzielten Veränderung der elemen-
taren Zusammensetzung der Faseroberfläche für
C-U und C-L.
In Ergänzung zu Abb. 2.3-10 listet Tab. 2.3-6 eine Reihe von
möglicherweise zwischen den Funktionalitäten an der Carbonfa-
seroberfläche einerseits und NMAA bzw. dessen Zersetzungspro-
dukten (Methylamin und Essigsäure) andererseits ablaufenden
Reaktionen auf. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt auf der
elementbezogenen Nettobilanz (speziell N und O) für die ange-
nommene reaktive Oberflächenspezies.
Tab. 2.3-6 Formale elementbezogene
Nettobilanz bei ausgewählten Reaktionen
zwischen NMAA und den Carbonfasern C-L
bzw. C-U
C-U > C-U-NMAA C-L > C-L-NMAA
-8
-6
-4
-2
0
2
4
6
8
N1s
O1s
C1s
C1s
N1s
O1s
Gewinn und Verlust an Elementen
auf der Faseroberfläche / %
reaktive
Oberflächenspecies
Reaktions-
partner
Reaktionstyp finale Oberflächenspecies NO
–OH –NH2Aminolyse sek. Amin +1 −1
–COOH Esterkondensation Carbonsäureester +1
>C=O NMAA Kondensation Enamin +1 −1
–NH2Amidkondensation Amid +1 −1
–COOH NMAA Umamidierung Amid +1
–NH3+Amidkondensation Amid +1 −1
–OOC– –NH2Amidkondensation Hydroxylgruppe −1
2 Das Konzept
2-24
Aus Tab. 2.3-6 geht deutlich hervor:
1. Nahezu alle aufgeführten Reaktionen an carbonylischen Ober-
flächenspezies gehen mit einem Verlust an O und einem
Gewinn an N einher. Damit läßt sich der überproportionale
Zuwachs an N für C-L-NMAA erklären.
2. Der in beiden Fällen (C-U und C-L) zu beobachtende
Zuwachs an Oberflächensauerstoff läßt sich – im Rahmen der
aufgeführten Reaktionen – nur durch das Vorhandensein von
Hydroxylgruppen (Esterkondensation mit Essigsäure) erklären.
Er ist für die C-U-Faser stärker ausgeprägt als für die C-L-Faser.
Besonders deutlich wird dies bei einer Gegenüberstellung, wie
sie in Abb. 2.3-12 zu sehen ist. Es ist natürlich nicht auszu-
schließen, daß der O-Zuwachs auf einen unspezifischen Oxida-
tionsprozeß mit dem Luftsauerstoff zurückzuführen ist. Für
den Stickstoffzuwachs kann dies jedoch ausgeschlossen werden,
da aus Tab. 2.3-5 bereits zu ersehen ist, daß es während der
Fasermodifizierung von C-U nach C-L zu keinem Anstieg der
Konzentration an Oberflächenstickstoff gekommen ist.
Plausibel wäre demnach die folgende Vorstellung: C-U verfügt
über deutlich mehr hydroxylische Oberflächengruppen als C-L.
Die thermische Fasermodifizierung von C-U zu C-L hat zu einer
Weiteroxidation der hydroxylischen zu carbonylischen Funktiona-
litäten geführt.
Sollte diese Einschätzung stimmen, und sollten die adhäsiven
Wechselwirkungen zwischen Carbonfasern und Polyamiden
hauptsächlich auf Wasserstoffbrückenbindungen beruhen, so wür-
de C-L vorwiegend als Protonenakzeptor, C-U dagegen vorwie-
gend als Protonendonator fungieren. Da die Polyamide sowohl als
Donatoren als auch Akzeptoren wirken können und da sie jeweils
die gleiche Anzahl von entsprechenden Wechselwirkungszentren
(–CO– bzw.–NH–) zur Verfügung stellen, müßte sich – einen
Haftungsmechanismus auf der Basis von H-Brücken angenommen
– der Zuwachs an Oberflächensauerstoff von C-U nach C-L pro-
portional (ca. 2.5%) in der Stärke der Anbindung bemerkbar ma-
chen.
Sollte es dagegen zwischen Fasern und Polyamiden zu chemi-
schen Reaktionen kommen, so wäre eine Faser mit vielen carbony-
lischen Oberflächenspezies (also C-L) begünstigt, denn die
Endgruppen der Polyamide sind nach EMS-Angaben (Kapitel 2.3
b) überwiegend aminisch.
Eine Umamidierung bzw. Enamin-Bildung als alternative che-
mische Wechselwirkung mit den Amidgruppen der Polymerhaupt-
kette setzt entweder carboxylische oder carbonylische
Oberflächenspezies voraus.
2.3 Experimenteller Fokus und
Strategie
2-25
2.3 f Modell-Verbund-Systeme (MVS)
Auswahl
In [2-60], [2-67], [2-68], [2-69] und [2-70] wurden Modell-
Verbund-Systeme verglichen, die sich in ihrer Faserkomponente
unterscheiden. Diese Unterscheidung war entweder gegeben durch
die Auswahl verschiedener Fasertypen oder durch die gezielte Mo-
difizierung der Faseroberfläche vor der Verbundherstellung. Bei
den verwendeten Matrixmaterialien (Polyamid 12 und Polycarbo-
nat) handelte es sich zwar noch um relativ einfache und damit auch
gut beschreibbare Polymere, die morphologischen und molekula-
ren Auswirkungen einer Fasermodifizierung (Sauerstoffplasma,
thermische Oxidation) waren jedoch gar nicht oder nur im akku-
mulierten Sinne zu interpretieren. Weit entfernt und auch niemals
dafür konzipiert war dieser Ansatz demnach von dem Anspruch,
eine dezidierte Strukturveränderung zur Quantifizierung von
Struktur/Eigenschaft-Beziehungen vorzunehmen.
Der Konzept der vorliegenden Arbeit bestand hingegen in einer
deutlichen Gewichtung zu Gunsten der Variation der Matrixkom-
ponente. Über die Auswahl der Faser- und der Matrixkomponente
ist bereits geschrieben worden, so daß sich ausgehend von den zur
Verfügung stehenden Verbundkomponenten eine sehr simple ex-
perimentelle Strategie für die MVS ergab: Als Faserkomponente
wurden die beiden Typen C-U und C-L eingesetzt. Jeder Fasertyp
wurde mit jedem der fünf Polyamide und dem PE zu einem Mo-
dellverbundsystem verarbeitet. Darüber hinaus wurde auf Daten-
material aus [2-60] zurückgegriffen.
Präparation
Der Präparationsprozeß erwies sich als ein äußerst empfindli-
cher Vorgang. Durch empirische Arbeit wurden folgende Schritte
als unabdingbar identifiziert, die nur in ihrer Gesamtheit und strikt
einzuhaltenden Reihenfolge eine erfolgreiche Präparationsvor-
schrift ergaben:
1. Um das in den Polymerfolien absorbierte Wasser zu entfernen,
werden Folienrechtecke (7x7 cm) über Nacht bei 60°C im
Vakuum (1mbar) getrocknet.
2. Die Entnahme der Folien erfolgt paarweise. Auf einer der bei-
den Folien werden anschließend vier Carbonfasern gleichen
Typs in einem Abstand von 2 cm parallel angeordnet und mit
einem Lötkolben punktuell fixiert.
3. Übereinander werden eine Grundplatte aus Messing, eine 2
mm starken Teflonfolie, die Polymerfolie mit den aufgelöteten
Carbonfasern, die zweite Polymerfolie, eine zweite Teflonfolie
und eine abschließende Deckplatte aus Messing zu einem sand-
wich-förmigen Präparationskörper zusammengefügt.
4. Der Präparationskörper wird in einer Heizpresse unter schwa-
chem Anpreßdruck von 150 bar auf eine Temperatur knapp
oberhalb der Glastemperatur Tg des jeweiligen Polymers erhitzt.
2 Das Konzept
2-26
5. Weiteres Aufheizen bis knapp unterhalb der Schmelztempera-
tur Tm des jeweiligen Polymers erfolgt unter einem Anpreß-
druck von 300 bar. Wenn die finalen Präparationsbedingungen
erreicht sind, wird ca. 2 min getempert.
6. Der Präparationskörper wird zunächst noch in der Presse unter
Druck so schnell wie möglich auf eine Temperatur unterhalb
der Schmelztemperatur*) abgekühlt. Nach Unterschreiten die-
ses Temperaturbereiches wird der Probekörper zügig aus der
Heizpresse entfernt und in einem Wasserbad auf ca. 15°C abge-
schreckt.
Abb. 2.3-13 „dog bone shaped“ Probekörper
der Modellverbundsysteme für den SFC-Test
(Angaben in mm),
Diese Vorgehensweise führt zu reproduzierbaren Ergebnissen
bei der Probenpräparation unter Vermeidung von Kristallisations-
prozessen einerseits und einer Trübung der Matrix durch einge-
schlossene Wasser-Reservoirs andererseits. Als Problem seien an
dieser Stelle die nicht nur stark unterschiedlichen, sondern sogar
invers orientierten thermischen Ausdehnungskoeffizienten von
Carbonfaser und Polymer erwähnt. Dies führte trotz schnellen Ab-
kühlens des Präparationskörpers zu starken thermischen Vorspan-
nungen im Probekörper, als deren Ergebnis entweder sinuskurven-
förmige Fasereinbettungen oder auch Faserbrüche resultierten. Ins-
gesamt hat sich die Vorbereitung kleinflächiger Präparationskörper
bewährt. Auf diese Weise konnte sowohl eine gleichmäßige Dicke
der Probekörper als auch eine weitgehend lineare Ausrichtung der
eingebetteten Fasern gewährleistet werden.
Zur direkten Vorbereitung des SFC-Tests wurden hundekno-
chenförmige (dog bone shaped, dumb bell) Probekörper derart aus-
gestanzt, daß in deren Mitte eine einzelne parallel zur Längsseite
orientierte Carbonfaser verläuft. Diese Form des Probekörpers wur-
de gewählt, um eine definierte Form der Krafteinleitung während
des Zugdehnungsversuches zu garantieren (siehe Abb. 2.3-13).
Nomenklatur
Tabelle 2.3-7 stellt die präparierten Mikroverbundsysteme, de-
ren Zusammensetzung, Anzahl und Nomenklatur zusammen. An
mehreren Stellen dieser Arbeit ist es erforderlich, die gesamte Serie
von Verbundsystemen mit gleichem Fasermaterial (C-U bzw. C-L)
zu referenzieren. Dies erfolgt unter Verwendung der Bezeichner
MVS-xx-C-U und MVS-xx-C-L.
Tab. 2.3-7 Nomenklatur der Mikroverbundsy-
steme
*) Nach [2-65] wird die maximale Kristallisationsrate bei den meisten
Polymeren in einem Temperaturbereich um 0.82Tm bis 0.83Tm gefun-
den.
3
5
---
Bezeichnung Matrix-
material
Fasermaterial Stichproben-
umfang
MVS-69-C-U PA 6.9 C320.00A-C-U 14
MVS-129-C-U PA 12.9 C320.00A-C-U 16
MVS-610-C-U PA 6.10 C320.00A-C-U 13
MVS-1010-C-U PA 10.10 C320.00A-C-U 15
MVS-1210-C-U PA 12.10 C320.00A-C-U 16
2.4 Literatur
2-27
2.3 g Das experimentelle Rüstzeug
Das Konzept sieht die vergleichende Gegenüberstellung von
drei experimentellen Methoden vor: Der Bezug zu realen Haf-
tungssystemen wird dabei durch die Auswahl des mikromechani-
schen SFF-Tests sichergestellt. Der Brückenschlag zwischen
Eigenschaftsmerkmalen der separaten Verbundkomponenten und
dem Haftungsverhalten der Komponenten im Verbund soll mit
Hilfe von thermodynamischen Benetzungsmessungen gelingen.
Beide Methoden verfügen über ein konsistentes Adhäsionsmodell
– das eine ist Kräfte- und das andere Energie-bezogen. Ergänzend
– und eher auf dem experimentellen Prüfstand stehend – erfolgt
der Einsatz der dritten Methode: ζ-Potentialmessungen nach der
Strömungspotentialmethode (ZpSM). Abgesehen von einigen em-
pirischen Thesen gibt es kein elektrokinetisches Adhäsionskonzept.
Da ZpSM-Messungen jedoch erwiesenermaßen oberflächensensi-
tiv sind, empfiehlt sich das Verfahren als Kandidat für diejenige
Gruppe an Methoden, mit deren Hilfe adhäsionsbezogene Struk-
tur/Eigenschaft-Beziehungen identifiziert und quantifiziert werden
sollen.
Eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Modellen und
Verfahren erfolgt in Kapitel 3 - ”Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Oberflächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerechten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Materialverbunden”.
2.4 Literatur
60. Häßler, R., Jacobasch, H.-J., kleben & dichten - Adhäsion, 10 (1994) 36
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MVS-PE-C-U HDPE C320.00A-C-U 10
MVS-69-C-L PA 6.9 C320.00A-C-L 14
MVS-129-C-L PA 12.9 C320.00A-C-L 14
MVS-610-C-L PA 6.10 C320.00A-C-L 19
MVS-1010-C-L PA 10.10 C320.00A-C-L 15
MVS-1210-C-L PA 12.10 C320.00A-C-L 11
MVS-12-C-L PA 12 C320.00A-C-L 5
MVS-PE-C-L HDPE C320.00A-C-L 10
Bezeichnung Matrix-
material
Fasermaterial Stichproben-
umfang
2 Das Konzept
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1992
2 Das Konzept
2-30
3-1
3 Drei Methoden und Verfahren zur
Charakterisierung von Oberflächen
und Grenzschichten im Kontext der
anwendungsgerechten Optimierung
attraktiver Wechselwirkungen in
Materialverbunden
(1) Thermodynamische Benetzungsmessun-
gen – Kontaktwinkel und Oberflächenspan-
nung, Thermodynamische Adhäsionsarbeit
(2) Thermodynamische Adhäsionsmodelle –
Separationsansatz und Theorie der Zustands-
gleichung
(3) Elektrokinetische Messungen – Elektroki-
netische Phänomene und Elektrochemische Dop-
pelschicht, interface- und surface complexation
Modelle
(4) Mikromechanische Messungen – Grenz-
flächenscherfestigkeit und das constant shear
Modell von Kelly und Tyson
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-2
Einleitung
In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der drei
Meßmethoden vorgestellt, die im Rahmen dieser Arbeit zur Unter-
suchung der Haftungseigenschaften von aliphatischen Polyamiden
und Carbonfasern eingesetzt wurden. Die thermodynamische Be-
netzungsmessung und die Messung des Zetapotentials nach der
Strömungsstrom-/Strömungspotential-Methode (ZpSM) über-
nehmen dabei die Rolle komparativer experimenteller Methoden
(siehe 1.7 b und 2.2 c) zur Oberflächencharakterisierung der Ein-
zelkomponenten. Während Benetzungsmessungen jedoch die
Grundlage für ein mathematisch fundiertes, thermodynamisches
Adhäsionsmodell darstellen, ermöglichen Zetapotentialmessungen
zur Zeit lediglich das Postulieren von empirischen Zusammenhän-
gen zwischen elektrokinetischen Größen und Haftungseigenschaf-
ten. Der Einzelfaserfragmentierungstest (SFF-Test) stellt eine
Möglichkeit dar, die praktische Adhäsion an einem realen Ver-
bundsystem (wenn auch mit Modellcharakter) zu quantifizieren.
3.1 Thermodynamisch basierte Methoden:
Benetzungsmessungen
Die experimentelle Bestimmung der Festkörper-Oberflächen-
spannung (bzw. spezifischen Oberflächenenergie) erfüllt im Rah-
men dieser Arbeit die Rolle einer komparativen Meßmethode (siehe
1.7 b und 2.2 c). Der interessierte Leser stößt in der Fachliteratur
auf eine große Anzahl von Grundlagen- und weiterführenden Ar-
beiten (u.a. [1-24],[1-57],[1-58][3-101]-[3-120]). Abgesehen von
einer kurzen (phänomenologischen) Einführung sollen sich die
Ausführungen zum theoretischen Hintergrund daher darauf be-
schränken, herauszuarbeiten, welchen Platz Benetzungsexperimen-
te und die daraus gewonnenen Systemgrößen (z.B.
Oberflächenspannung) im Kontext der Adhäsionsforschung ein-
nehmen (können).
3.1 a Ein Beispiel
Fast jeder hat schon einmal versucht, einen Klebestreifen von ei-
ner Papieroberfläche abzuziehen. Das im Sinne des „Experimenta-
tors“ optimale Ergebnis liegt vor, wenn der Klebestreifen ohne
Beschädigung der Papieroberfläche entfernt werden konnte. In der
Mehrzahl der Fälle wird allerdings eine dünne Papierschicht am
Klebestreifen haften bleiben. Was man hier ganz alltagsnah erfährt,
sind die beiden (bereits in Kapitel 1.5 d definierten) Fälle von Ad-
häsiv- und Kohäsiv-Versagen. Beiden Prozessen ist gemein, daß sie
mit einem Arbeitsaufwand des „Experimentators“ verbunden sind,
wobei der Begriff Arbeit im Sinne der physikalischen Definition zu
verstehen ist.
Die (klassische) Thermodynamik basiert auf einem makrosko-
pischen energetischen Konzept. Sie muß also daran scheitern, den
erfahrbaren Arbeitsaufwand des Experimentators auf molekulare
Prozesse abzubilden. Verläßt sie allerdings ihren Gültigkeitsbereich
nicht, so gelingt unter Verwendung des Ober- und Grenzflächen-
3.1 Thermodynamisch basierte
Methoden: Benetzungsmessun-
gen
3-3
Begriffs eine abstrakte Beschreibung des oben beschriebenen Vor-
gangs: Unabhängig davon, ob die Separation des Klebestreifens
von der Papieroberfläche gelingt (Adhäsivversagen) oder nicht (Ko-
häsivversagen) – durch das Experiment werden zwei neue Oberflä-
chen gebildet. Falls die Separation gelingt, entstehen eine
„Papieroberfläche“ und eine „Klebestreifenoberfläche“, anderen-
falls zwei „Papieroberflächen“. Interpretiert man die Gesamtheit
des auf der Papieroberfläche haftenden Klebestreifens als 2-Phasen-
System mit einer zweidimensionalen Phasengrenze (Grenzfläche),
so gelingt die Formulierung einer Art Energiebilanz (unter Ver-
nachlässigung von Deformationsarbeit u.ä.)
Arbeitsaufwand für die Zerstörung der Grenzfläche
+Arbeitsaufwand für die Erzeugung der beiden Oberflächen
=Gesamt-Arbeitsaufwand
Es ist klar, daß es im Falle des Kohäsiv-Versagens nicht zur Zer-
störung der Grenzfläche Klebestreifen/Papier kommt, eine entspre-
chende Arbeit also nicht geleistet wird.
Die berechtigte Frage ist nun, warum die Erzeugung einer
Oberfläche - respektive Grenzfläche - überhaupt mit einem Ar-
beitsaufwand verbunden ist. Die Beantwortung dieser Frage ge-
lingt mit Hilfe einer Modellvorstellung und führt zur Definition
einer wichtigen Größe, die als spezifische Oberflächenenergie oder
– traditionell bedingt – als Oberflächenspannung bezeichnet
wird.
3.1 b Mesoskopische Modellierung einer 2-Phasen-Grenze
Generell gilt: Ein einzelnes isoliertes Molekül ist gegenüber ei-
nem Molekül, das sich innerhalb eines Molekülverbands befindet,
energetisch benachteiligt. Jedes System ist bestrebt, in den stabilen
Gleichgewichtszustand kleinster potentieller Energie zu gelangen.
Als Folge des Energie-Minimierungs-Bestrebens jedes einzelnen
Moleküls kommt es zur Ausbildung attraktiver Wechselwirkungen
zwischen den Molekülen. Das Energie-Minimierungsbestreben ist
die Triebkraft für die Ausbildung kondensierter Phasen (Kohäsions-
druck).
Die Stärke der zwischenmolekularen Anziehungskräfte verrin-
gert sich jedoch exponentiell mit der Entfernung vom Molekül
(siehe auch Kapitel 1.8). Der Einflußbereich der Kräfte wird daher
im Modell auf (endliche) kugelförmige Wirkungssphären abstra-
hiert, in deren Zentren sich die einzelnen Moleküle befinden. Der
Radius r einer solchen Sphäre entspricht in etwa dem Abstand zwi-
schen benachbarten Molekülen. *)Traditionell bedingt beziehen sich
die nachfolgenden Ausführungen auf
ein 2-Phasensystem, bestehend aus
einer kondensierten (fest oder flüssig)
und einer gasförmigen Phase.
Innerhalb einer isotropen, stofflich einheitlichen Phase ist ein
Molekül stets von gleichen Nachbarmolekülen umgeben. Das Mo-
lekül übt auf alle seine Nachbarn eine attraktive Kraft aus, erfährt
jedoch auch von allen seinen Nachbarn eine vom Betrag her gleiche
Gegenkraft. D.h., im Inneren einer Phase (engl. bulk) liegt ein
Kräftegleichgewicht vor. Bei Molekülen der kondensierten*) Phase,
die sich innerhalb eines Abstands von der Phasengrenze ent-
γ
xr<
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-4
fernt befinden, ragt jedoch ein Teil des Sphärenvolumens über die
Phasengrenze hinaus in die Gasphase hinein. Dort ist die Molekül-
dichte viel geringer, der mittlere Abstand zwischen den Nachbar-
molekülen viel größer. Diesen Molekülen (nennen wir sie einmal
Oberflächenmoleküle) fehlen Wechselwirkungspartner. Die Kräfte-
verhältnisse sind daher asymmetrisch, d.h. auf die Oberflächenmo-
leküle wirkt eine resultierende Kraft, senkrecht zur Oberfläche ins
Innere der kondensierten Phase.
3.1 c Die Oberflächenspannung
Um ein Molekül aus dem Inneren der kondensierten Phase an
die Phasengrenze zu transportieren und somit die Oberfläche zu
vergrößern, muß gegen die Resultierende der intermolekularen
Kräfte Arbeit geleistet werden. Die Größe dieser Arbeit, dW, ist
proportional zur resultierenden Oberflächenvergrößerung, dA. Der
Proportionalitätsfaktor wird als Oberflächenspannung (engl. sur-
face tension) bezeichnet:
(3.1-1)
Umstellen von Gl. (3.1-1) ergibt
(3.1-2)
und führt zur Deutung von als diejenige Arbeit, die zu leisten
ist, wenn die Oberfläche um einen bestimmten (Einheits-) Betrag
vergrößert werden soll.
Abb. 3.1-1 Standardexperiment zur Erläuterung
des Begriffs Oberflächenspannung (nach [1-58])
Der Begriff „Spannung“ entspringt einer äquivalenten Betrachtung unter
Verwendung von Kraft und Weg statt Arbeit und Fläche her. Die Beschrei-
bung eines entsprechendes physikalischen Grundlagenexperiments (Abbil-
dung 3.1-1: ein Seifenfilm mit 2 Oberflächen innerhalb eines rechteckigen
Metallrahmens, dessen eine Seite mit Hilfe eines variablen Bügels verscho-
ben werden kann, so daß sich eine Veränderung der Filmoberfläche(n) er-
zielen läßt) findet sich in der Literatur (z.B. [1-58]). Danach ergibt sich die
Oberflächenspannung als diejenige Kraft, die aufgewendet werden muß, um
den beweglichen Bügel der Länge l entlang einer Strecke ds zu bewegen und
dadurch letztendlich eine Vergrößerung der Oberfläche zu erzielen.
Die Oberflächenspannung ist demnach eine Zugkraft pro Länge - eine so-
genannte Linienspannung:
Die Äquivalenz zu Gl. (3.1-2) ergibt sich aufgrund der einfachen Beziehun-
gen
und .
Wichtig ist: Im konventionellen mechanistischen Modell beschreibt „Ober-
flächenspannung“ eine Kraft, die innerhalb und entlang (parallel) der Phasen-
grenze wirkt. Man beachte ferner die Wegabhängigkeit des Terms dW.
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß die bisherige Ver-
wendung des Begriffs Oberflächenvergrößerung für diesen Prozeß zu
ungenau ist. Eine Oberflächenvergrößerung läßt sich prinzipiell
auch dadurch erzielen, daß die Abstände zwischen den Oberflä-
chenmolekülen vergrößert, die Oberfläche also gedehnt wird (engl.
γ
dW γdA=
γdW
dA
--------
=
γ
dW F ds=dA 2 l ds()=
3.1 Thermodynamisch basierte
Methoden: Benetzungsmessun-
gen
3-5
stretching). Im Gegensatz dazu werden bei einer Oberflächenbil-
dung (engl. forming) Moleküle aus dem Phaseninneren an die
Oberfläche transportiert bzw. durch äußere Einflüsse (z.B. durch
Zerschneiden oder Zerteilen) zu Oberflächenmolekülen „ge-
macht“. Während das stretching einer elastischen Deformation der
kondensierten Phase gleichkommt, entspricht das forming einer
plastischen Deformation. Oberflächenspannung bezieht sich aus-
schließlich auf den Prozeß der Neubildung. Die Oberflächenver-
größerung durch Dehnung wird durch den Begriff bzw. die Größe
surface stress beschrieben [3-101].
Ein Festkörper kann in der Regel nicht durch Molekül-, Atom-
oder Ionen-Bewegung auf die Bildung neuer Oberflächen (zum
Beispiel durch Zerschneiden) reagieren. Demgegenüber wird das
thermodynamische Gleichgewicht bei einer Oberflächenvergröße-
rung von Flüssigkeiten in der Vielzahl der praktischen Fälle genau
durch diese Prozesse wieder eingestellt. Aus diesem Unterschied re-
sultieren zwei Probleme: Zum einen ist die Oberflächenspannung
eines Festkörpers ( mit S für solid) experimentell nicht zugäng-
lich. Die zur Bestimmung der Oberflächenspannung einer Flüssig-
keit ( mit L für liquid) einsetzbaren Methoden (z.B. via
Ringtensiometer) sind vollkommen ungeeignet. Zum anderen
fehlt für die kräftebezogene Deutung der Oberflächenspannung ei-
nes Festkörpers die praktische Relevanz des zugrundeliegenden
Modells. Warum sollte man mit einer ins Innere des Festkörpers
gerichteten Kraft argumentieren, wenn sie aufgrund der fehlenden
Moleküldynamik im Festkörper per se gar nicht wirken kann?
Das Problem der Meßbarkeit von Festkörperoberflächenspan-
nungen ist auf direktem experimentellen Wege nicht lösbar. Unter
Verwendung der Äquivalenz von Energie und Arbeit eröffnet sich
jedoch zumindest eine für Flüssigkeiten und für Festkörper glei-
chermaßen relevante – energiebezogene – Interpretation der Ober-
flächenspannung:
An einem System Arbeit zu leisten, bedeutet physikalisch, ihm
Energie zuzuführen. Träger dieser (potentiellen) Energie sind die
Moleküle in der Oberflächenregion – die „Oberflächenmoleküle“
sind energiereicher als die Moleküle im Phasenvolumen (bulk). Es
gilt
(3.1-3),
wonach die spezifische Oberflächenenergie (thermodyn.: excess spe-
cific surface free energy) jener Energie entspricht, die dem System
für die Erzeugung einer Oberfläche der Einheitsgröße dA zugeführt
werden muß. Eine exakte thermodynamische Herleitung der ener-
giebezogenen Deutung von würde Rahmen und Fokus dieser Ar-
beit sprengen, findet sich jedoch u.a. in [1-58]. Wichtigste
Konsequenz des Übergangs von Gl. (3.1-2) zu einer thermodyn.
Formulierung analog
(3.1-4),
ist der Austausch der wegabhängigen Größe dW gegen eine (ther-
modynamische) Zustandsgröße (Gibbsenergie G).
γS
γL
γdE
dA
-------
=
γ
γ
γG
A
-------


Tp,
=
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-6
3.1 d Die Thermodynamische Adhäsionsarbeit Wa
Die Energie, die benötigt wird, um zwei Phasen, die über eine
gemeinsame Grenzfläche im Gleichgewichtszustand in Kontakt
stehen, reversibel zu trennen, entspricht der thermodynamischen
Adhäsionsarbeit Wa. Da bei einem solchen Vorgang neue Grenzflä-
chen (Oberflächen) geschaffen und alte Grenzflächen zerstört wer-
den, ergibt sich nach Dupre [1-33] folgender physikalischer
Zusammenhang:
(3.1-5)
Hierbei stehen und für die Oberflächenspannungen der
beiden Phasen (1) und (2) und für die Grenzflächenspannung
zwischen den beiden Phasen.
Wa ist danach ein direktes Maß für die Attraktion zwischen bei-
den Phasen und offensichtlich geeignet, Adhäsion zu quantifizie-
ren. Je stärker die Anziehung zwischen beiden Phasen ist, desto
größer ist die thermodynamische Adhäsionsarbeit. Zu beachten ist
allerdings, daß Wa als thermodynamische Größe ausschließlich für
die Beschreibung reversibler Prozesse herangezogen werden kann.
Chemische Bindungen beispielsweise werden nicht erfaßt. Dies ist
eines der Hauptprobleme bei der Anwendung des thermodynami-
schen Adhäsionsmodells auf adhäsive Verbunde.
Umformen von Gl. (3.1-4) ergibt
(3.1-6),
d.h. je stärker die Anziehung zwischen beiden Phasen ist, desto
kleiner ist die Grenzflächenspannung .
Der Vollständigkeit halber soll noch die Definition der thermo-
dynamischen Kohäsionsarbeit Wc angegeben werden. In diesem
Fall sind die beiden Phasen (1) und (2) – respektive und
identisch. Wie bereits erwähnt, entfällt hier der Beitrag zur Grenz-
flächenspannung und Gl. (3.1-4) vereinfacht sich damit zu
(3.1-7),
mit als Oberflächenspannung der stofflich homogenen Phase i.
Mit Wa existiert zwar eine Möglichkeit zur Quantifizierung von
Adhäsion – die Bestimmung der Ober- und Grenzflächenspannun-
gen in der Dupreschen Gleichung (Gl. (3.1-4)) ist jedoch alles an-
dere als trivial. Zum einen existiert keine Möglichkeit, die
Grenzflächenspannung zwischen zwei Phasen (unter Beteili-
gung mindestens einer festen Phase) direkt zu messen. Zum ande-
ren enthält Gl. (3.1-4) im Falle eines adhäsiven Verbundes
(bestehend aus zwei Festkörpern S1 und S2) zwei Festkörperober-
flächenspannungen und . Wie bereits erwähnt,
sind beide Werte experimentell nicht zugänglich. Im Falle eines
2-Phasenssystems, bestehend aus einem Festkörper S und einer
flüssigen Phase L, mit , und , ist le-
diglich direkt meßbar.
Waγ1γ2γ12
+=
γ1γ2
γ
12
γ12 γ1γ2Wa
+=
γ
12
γ1γ2
Wc2γi
=
γi
γ
12
γ1γ=S1γ2γ=S2
γ1γS
=γ2γL
=γ12 γSL
=
γL
3.1 Thermodynamisch basierte
Methoden: Benetzungsmessun-
gen
3-7
Eine allseits anerkannte Lösung für diese Probleme gibt es nicht.
Benetzungsmessungen sind bis zum heutigen Tage die experimen-
telle Grundlage für diverse Modelle, die allesamt der Quantifizie-
rung von Festkörperoberflächenspannungen, Grenzflächen-
spannungen und letztlich auch von Wa dienen.
3.1 e Der experimentelle Zugang zur Adhäsionsarbeit Wa
Unter Benetzung versteht man das spontane Ausbreiten einer
Flüssigkeit auf einer Festkörperoberfläche. Bringt man einen Flüs-
sigkeitstropfen auf eine ideal glatte, ebene und homogene Oberflä-
che eines Festkörpers und ist gewährleistet, daß keine
Phasenmischung oder etwa irreversible bzw. chemische Bindungen
auftreten, so resultiert ein Gleichgewichtszustand. Dieser Gleichge-
wichtzustand wird bestimmt durch das Wechselspiel der Oberflä-
chenspannungen der festen und flüssigen Phasen im benetzten
Bereich (resultierend in einer Grenzflächenspannung ) sowie
den Oberflächenspannungen (unbenetzter Festkörper S / ge-
sättigte Dampfphase V der Flüssigkeit) bzw. (Flüssigkeit L /
gesättigte Dampfphase V der Flüssigkeit).
Je nach Benetzbarkeit des Festkörpers kommt es zur Ausbildung
eines dünnen Flüssigkeitsfilms auf der Festkörperoberfläche oder
zur Entstehung eines Tropfens mit einem spezifischen Kontakt-
winkel θ. Es gilt die Youngsche Gleichung [1-34]:
(3.1-8)
Abb. 3.1-2 Standardexperiment zur Erläuterung
des Begriffs Oberflächenspannung (nach [1-58])
Der Kontaktwinkel θ ist ein Maß für die Benetzbarkeit eines
Substrats durch die Flüssigkeit. Im Grenzfall θ=0° liegt vollständige
Benetzung vor, bei Kontaktwinkeln θ>90° spricht man von nicht-
benetzenden, anderenfalls von benetzenden Flüssigkeiten.
Unter Vernachlässigung der Adsorption von Molekülen aus der
Gasphase vereinfacht sich Gl. (3.1-7) zu
(3.1-9).
In Kapitel 3.1 b konnte gezeigt werden: Die Kohäsionskräfte
bestimmen den Wert der Oberflächenspannung. Die Youngschen
Betrachtungen zeigen: Die Adhäsionskräfte bestimmen im Wech-
selspiel mit den Kohäsionskräften über das Benetzungsverhalten.
Der Kontaktwinkel als direkter Ausdruck dieses Kräftegleichge-
wichts ist daher gut geeignet, um Adhäsionsaussagen zu stützen.
Gleichung (3.1-8) enthält zwei experimentell nicht zugängliche
Größen - die Grenzflächenspannung und die Festkörperober-
flächenspannung . Durch Kombination mit einer zweiten Glei-
chung, die ebenfalls einen Zusammenhang zwischen den Ober-
und Grenzflächenspannungen beschreibt – nämlich Gl. (3.1-4) – ,
gelangt man jedoch zu einem Ausdruck, der als Young-Dupresche
Gleichung bekannt ist und der einen direkten Zusammenhang
γSL
γSV γLV
θcos
γSV γSL
γLV
---------------------
=
θcos
γSγSL
γL
------------------
=
γSL
γS
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-8
zwischen Kontaktwinkel θ und thermodynamischer Adhäsionsar-
beit Wa herstellt:
(3.1-10)
Die außerordentliche Bedeutung dieses Zusammenhangs liegt
in der Tatsache, daß er einen experimentellen Zugang zur thermo-
dynamischen Adhäsionsarbeit eröffnet.
Die große experimentelle Euphorie, die sich mit Gl. (3.1-9) ver-
bindet, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß keines der
beiden ursprünglichen Probleme – a) die Bestimmung der Festkör-
peroberflächenspannung und b) die Bestimmung der Grenzflä-
chenspannung – wirklich gelöst wurde. Vor allem für die
Quantifizierung der Haftung eines Festkörperverbundes auf der
Grundlage von Benetzungsmessungen an den Einzelkomponenten
(zwei Festkörper) ist dieser Umstand mehr als unbefriedigend.
In der Literatur werden unterschiedliche Methoden zur (indi-
rekten) Bestimmung der Festkörperoberflächenspannung kontro-
vers diskutiert. Der wissenschaftliche Streit ist im wesentlichen
durch zwei antagonistische Modellanschauungen geprägt - den Se-
parationsansatz (engl. theory of surface tension components) (siehe
Kapitel 3.1 f) und die Theorie der Zustandsgleichung (engl. equation
of state (EOS) approach) (siehe Kapitel 3.1 g). Ebenso uneinig ist
man sich bei der Formulierung eines mathematischen Modells für
das Wechselspiel der Oberflächenspannungen beider Phasen, das
in der Grenzflächenspannung resultiert. Hier wurden unter dem
englischen Begriff combining rule diverse Rechenvorschriften (z.B.
Berthelots rule [3-104]) eingeführt und in den verschiedenen
Modellen verankert.
3.1 f Indirekte Bestimmung von und Separationsansatz
Der Separationsansatz
Der Separationsansatz geht auf die Arbeiten von Fowkes zu-
rück [3-102]. Das Grundprinzip besteht in der Annahme, daß an
einer Grenzfläche nur Kräfte des selben Typs miteinander wechsel-
wirken (i1, i2,...in). Daraus resultiert eine weitere Annahme – die
Separierbarkeit der einzelnen Wechselwirkungsanteile und de-
ren lineare Additivität zu einer Gesamt-Oberflächenspannung
(engl. additivity and fractional contribution, AFC):
(3.1-11)
Die Grundaussage des Separationsansatzes ist daher die Be-
hauptung, die Grenzflächenspannung zwischen zwei Phasen sei ab-
hängig von Typ, relativer Stärke und tatsächlicher Entfaltung der
verschiedenen Interaktionsmechanismen.
An einem fest/flüssig-2-Phasen-System, bestehend aus einer po-
laren und einer apolaren Phase, demonstrierte Fowkes die Wir-
kungsweise seines Konzeptes unter Verwendung des geometrischen
Mittels (Berthelot’s rule [3-103],[3-104]) für die dispersiven
WaγLθcos 1+()=
γS
γix
γt
γtγi1γi2... γin
+++=
3.1 Thermodynamisch basierte
Methoden: Benetzungsmessun-
gen
3-9
Komponenten der Oberflächenspannungen ( ) von fester und
flüssiger Phase:
(3.1-12)
Kritiker weisen darauf hin, daß es für die Separationsannahme
weder ein thermodynamisches Fundament noch eine makroskopi-
sche Rechtfertigung auf der Grundlage von identifizierbaren Be-
standteilen (fractional contributions) physikalischer Stoffeigenschaf-
ten gäbe [3-105],[3-106],[3-107].
Demgegenüber sehen Vertreter des Separationsansatzes in dem
Modell eine gute Übereinstimmung mit den Vorstellungen von in-
trinsisch anisotropen und gerichteten Wechselwirkungen an der
Grenzfläche [3-103]. Beispielsweise ist die Entfaltung einer Säure-
Base-Wechselwirkung nach den allgemein anerkannten Konzepten
von BrØnstedt bzw. Lewis auf das Vorhandensein eines komplet-
ten Säure/Base-Paares angewiesen. Die Einbeziehung polarer
Wechselwirkungen in den Separationsansatz hat daher zu zahlrei-
chen Weiterentwicklungen des ursprünglichen Fowkes-Modells
geführt, die sich vor allem in Typ und Anzahl der separierbaren
Wechselwirkungsbeiträge unterscheiden. Die dabei geführte Dis-
kussion um die Benennung und Belegung dieser Wechselwir-
kungsbeiträge mit physikalischen und chemischen Kategorien
(dispersiv, polar, vdW- und Säure-Base-Wechselwirkung etc.) erin-
nert an die generelle Auseinandersetzung bei der Identifizierung
und Gruppierung der Wechselwirkungsmechanismen in der meso-
skopischen Domäne (siehe Kapitel 1.8 a).
Bestimmung von und Wa nach Owens/Wendt
Owens und Wendt [3-103] gehen von der Additivität eines di-
spersiven ( ) und eines polaren ( ) Anteils der Oberflächen-
spannung aus:
(3.1-13)
Dem dispersiven Anteil werden ausschließlich London-Wech-
selwirkungen zugeordnet. Durch den polaren Anteil werden dage-
gen Keesom- und Debye-Wechselwirkungen sowie Wasserstoff-
brückenbindungen repräsentiert.
Zur Berechnung der Grenzflächenspannung schlugen sie die
folgende Gleichung vor:
(3.1-14)
Dieser Ansatz entspricht im wesentlichen demjenigen von Fow-
kes. Jedoch wird in Gl. (3.1-13) die Methode des geometrischen
Mittels sowohl auf die dispersiven als auch die polaren Anteile der
Oberflächenspannungen angewendet. Die Kombination von Gl.
(3.1-13) mit Gl. (3.1-8) führt zu:
γd
γLθcos 1+()2γS
dγL
d
=
γS
γdγp
γtγdγp
+=
γSL γSγL2γS
dγL
d
γS
pγL
p
+=
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-10
(3.1-15)
In Gl. (3.1-14) werden die Oberflächenspannungsanteile der
flüssigen und festen Phasen separiert. Der Ausdruck entspricht
dem Typus einer einfachen linearen Funktion (y=mx+n), deren
Funktionsparameter (m und n) mit den gesuchten polaren und di-
spersiven Anteilen der Festkörperoberflächenspannung in Bezie-
hung stehen. Das Verfahren nach Owens und Wendt sieht
demnach vor, die Benetzungsmessungen am Festkörper mit einer
Reihe unterschiedlicher Testflüssigkeiten vorzunehmen und an-
schließend aus den Meßergebnissen durch lineare Regression (Gl.
(3.1-14)) die gesuchten Festkörper-Oberflächenspannungsanteile
zu bestimmen.
Durch Umformen von Gl. (3.1-14), Ersetzen der Indizes (L)
und (S) durch die allgemeine Kennzeichnung (1) und (2) und
durch Kombination mit Gl. (3.1-9) wird die Berechnung der ther-
modynamischen Adhäsionsarbeit für zwei „beliebige“ Phasen (1)
und (2) möglich:
(3.1-16)
Für die Berechnung der thermodynamischen Adhäsionsarbeit
in einem 2-Phasen-Festkörperverbund charakterisieren die Indizes
(1) und (2) die beiden Festkörper (S1) und (S2), deren Oberflä-
chenspannungsanteile in zwei separaten Meßreihen unter Verwen-
dung von Gl. (3.1-14) zu bestimmen sind.
Bestimmung von und Wa nach Wu
Wu [1-24] geht analog zu Owens und Wendt von der Zerle-
gung der Oberflächenspannung in einen dispersiven und einen po-
laren Anteil aus. Die Zuordnung der Wechselwirkungsmecha-
nismen stimmt mit derjenigen von Owens und Wendt überein.
Die Methode zur Bestimmung der beiden Oberflächenspannungs-
anteile weicht jedoch experimentell und theoretisch von derjenigen
nach Owens und Wendt ab.
Wu konnte zeigen, daß die Verwendung des geometrischen
Mittels (Berthelot’s rule) speziell bei der Untersuchung von po-
lymeren Festkörperoberflächen zu unbefriedigenden Ergebnissen
führt. Er schlug daher eine combining rule auf der Grundlage einer
harmonischen Mittelwertbildung der Oberflächenspannungskom-
ponenten vor:
(3.1-17)
Nach Wu werden Benetzungsexperimente lediglich mit einer
polaren und einer apolaren („dispersiven“) Testflüssigkeit durchge-
führt. In der Regel sind dies Wasser und Diiodmethan (DIM). Die
Auswertung der Meßergebnisse und die Bestimmung der Festkör-
θcos 1+
(
L
2γL
d
-
-----------------------------------γS
pγL
p
γL
d
-----γS
d
+=
W
OW
a2γ1
dγ2
d
⋅γ
1
pγ2
p
+()=
γS
γSL γSγL4γS
dγL
d
γS
dγL
d
+
-----------------γS
pγL
p
γS
pγL
p
+
-----------------
+



+=
3.1 Thermodynamisch basierte
Methoden: Benetzungsmessun-
gen
3-11
peroberflächenspannungsanteile erfolgt durch Lösen eines nichtli-
nearen Gleichungssystems, bestehend aus zwei formal identischen
Gleichungen des Typs (Kombination aus Gl. (3.1-16) und (3.1-8))
(3.1-18).
Die Berechnung der thermodynamischen Adhäsionsarbeit er-
folgt unter Verwendung der Beziehung
(3.1-19).
Für die Berechnung der thermodynamischen Adhäsionsarbeit
in einem 2-Phasen-Festkörperverbund charakterisieren die Indizes
(1) und (2) die beiden Festkörper (S1) und (S2), deren Oberflä-
chenspannungsanteile in zwei separaten Meßreihen unter Verwen-
dung von Gl. (3.1-17) zu bestimmen sind.
Alternativ kann die thermodynamische Adhäsionsarbeit
unter Verwendung des geometrischen Mittels berechnet werden.
Die beschriebene experimentelle Verfahrensweise wird dabei nicht
beeinflußt. Die Bestimmung der Oberflächenspannungskompo-
nenten der Festkörper erfolgt analog durch Lösen eines nichtlinea-
ren Gleichungssystems, diesmal jedoch bestehend aus zwei
Gleichungen des Typs (Kombination aus Gl. (3.1-13) und (3.1-8))
(3.1-20)
Die Berechnung der thermodynamischen Adhäsionsarbeit er-
folgt unter Verwendung einer Beziehung analog Gl. (3.1-15):
(3.1-21)
Auch hier charakterisieren die Indizes (1) und (2) die beiden
Festkörper (S1) und (S2) in einem 2-Phasen-Festkörperverbund,
deren Oberflächenspannungsanteile in zwei separaten Meßreihen
unter Verwendung von Gl. (3.1-18) zu bestimmen sind.
Im Anhang (15.2 a und 15.2 b) findet der interessierte Leser die
MATLAB-Implementierung des von Wu ursprünglich als FORT-
RAN-Code veröffentlichten Algorithmus zur Lösung der Glei-
chungssysteme und zur Bestimmung der Festkörper-Oberflächen-
spannungskomponenten. Die Auswertung der Meßergebnisse die-
ser Arbeit erfolgte mit Hilfe des MATLAB-Codes.
θcos 1+()γ
L
4γS
dγL
d
γS
dγL
d
+
-----------------γS
pγL
p
γS
pγL
p
+
-----------------
+



=
W
h
a4γ1
dγ2
d
γ1
dγ2
d
+
---------------- γ1
pγ2
p
γ1
pγ2
p
+
----------------
+



=
W
g
a
θcos 1+()γ
L
2γS
dγL
d
⋅γ
S
pγL
p
+()=
W
g
a2γ1
dγ2
d
⋅γ
1
pγ2
p
+()=
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-12
Bestimmung von und Wa nach van Oss/Good
van Oss, Chaudhury und Good ([3-103],[3-109]) stützen ihr
Benetzungsmodell ebenfalls auf den Separationsansatz. Allerdings
erfolgt die Zerlegung der Oberflächenspannung
γ
t auf der Grund-
lage anderer Kategorien. Statt einer Unterscheidung zwischen polar
und dispersiv schlagen van Oss et al. eine Separation in chemisch
und physikalisch vor. Unter der Kategorie physikalische Wechselwir-
kungen werden die dispersiven London-, aber auch die polaren
Keesom- und Debye-Wechselwirkungen zusammengefaßt. Der
entsprechende Term wird durch das Kürzel LW (für Lifshitz-van
der Waals) gekennzeichnet. Die Kategorie chemische Wechselwir-
kungen dagegen beinhaltet Lewis-Säure/Base- bzw. Protonendona-
tor-/-akzeptor-Wechselwirkungen sowie Wasserstoffbrücken-
bindungen. Der zugehörige Term erhält das Kürzel AB (für engl.
acid/base).
(3.1-22)
Für van Oss folgen die Argumente für eine derartige Weiterent-
wicklung des ursprünglichen Separationsansatzes nach Fowkes
und gegen die generelle Kritik an diesem Modell der gleichen Über-
legung. Danach muß sich die Spezifizität und Anisotropie einzel-
ner Wechselwirkungsmechanismen auf die Grenzflächenspannung
zwischen Phasen auswirken. Im Fokus seiner Betrachtungen liegen
Lewis-Säure/Base-Wechselwirkungen, die er ausschließlich einem
chemischen Kontext zuschreibt.
Für die Beschreibung von Wechselwirkungen verwendet van
Oss die geometrische Mittelwertbildung (Berthelot’s rule). Da-
bei unterscheidet er jedoch zwischen den symmetrisch bzw. unspezi-
fisch wirkenden Kräften, die durch den LW-Term wiedergegeben
werden und den spezifisch bzw. komplementär wirkenden Kräften,
die ihren Ausdruck im AB-Term finden. Folgerichtig gibt es einen
Beitrag zur thermodynamischen Adhäsionsarbeit, der durch
die nachfolgende Beziehung beschrieben werden kann:
(3.1-23)
Die Beschreibung der Lewis-Säure/Base-Wechselwirkungen
muß jedoch der Spezifizität und gegenseitigen Verfügbarkeit von
Wechselwirkungszentren Rechnung tragen. van Oss nimmt daher
eine weitere Unterteilung des AB-Terms der Oberflächenspannung
vor, als deren Ergebnis eine Säurekomponente und eine
Basekomponente der Oberflächenspannung vorliegen. Für eine
einzelne Phase i gelten entweder
(3.1-24)
oder
(3.1-25),
γS
γtγLW γAB
+=
Wa
LW
Wa
LW 2γ1
LW γ2
LW
=
γAB γ+
γ
γi
AB 2γi
γi+
=
γi
AB 0=
3.1 Thermodynamisch basierte
Methoden: Benetzungsmessun-
gen
3-13
je nachdem, ob i eine bipolare (Gl. (3.1-23)) oder eine mono-
polare bzw. apolare (Gl. (3.1-24)) Phase indiziert.
Die Anwendung auf ein 2-Phasen-Fest/Flüssig-System (ent-
sprechend einem Benetzungsexperiment), die Einbeziehung des
LW-Terms (Gl. (3.1-22)) und eine anschließende Verknüpfung
mit der Youngschen Gleichung (Gl. (3.1-8)) führen zur Beziehung
(3.1-26).
Gl. (3.1-25) enthält die drei unbekannten Komponenten der
Festkörperoberflächenspannung. Führt man das Benetzungsexpe-
riment mit drei verschiedenen Testflüssigkeiten (meist Diiodme-
than, Wasser und Glycerin) durch, so kann man die fehlenden
Komponenten analog zum Wuschen Verfahren durch Lösen eines
Gleichungssystems, bestehend aus drei nichtlinearen Gleichungen
des Typs Gl. (3.1-25), bestimmen. Anschließend ist eine Berech-
nung der thermodynamischen Adhäsionsarbeit möglich:
(3.1-27).
Der Superindex vOa verdeutlicht, daß in diesem Ausdruck le-
diglich attraktive Wechselwirkungen berücksichtigt werden. Die
Indizes (1) und (2) charakterisieren die beiden Festkörper (S1) und
(S2) in einem 2-Phasen-Festkörperverbund, deren Oberflächen-
spannungsanteile in zwei separaten Meßreihen unter Verwendung
von Gl. (3.1-25) zu bestimmen sind.
Eine Besonderheit der Methode nach van Oss besteht in dem
Umstand, daß auch repulsive Wechselwirkungen („chemischen“
Ursprungs) – nachfolgend gekennzeichnet durch den Superindex
vOr – berücksichtigt werden können. Unter Anwendung der Me-
thode des geometrischen Mittels auf die Wechselwirkungsparame-
ter „gleicher Natur“ erhält man:
(3.1-28)
Gl. (3.1-27) ist laut van Oss mit in die Betrachtungen einzube-
ziehen, falls die repulsiven Wechselwirkungen auf der Grundlage
permanent vorhandener Zentren auftreten, d.h. nicht erst durch
die Wechselwirkung induziert werden. Anderenfalls verschwindet
der entsprechende Beitrag zur thermodynamischen Adhäsionsar-
beit.
Die Berechnung der thermodynamischen Adhäsionsarbeit nach
van Oss erfolgt daher im allgemeinsten Fall mit Hilfe der nachfol-
genden Beziehungen:
(3.1-29)
Superindex vOt mit t=total kennzeichnet den Term entspre-
chend.
θcos 1+()γ
L
2γS
LW γL
LW
⋅γ
S
γL
+
⋅γ
S
+γL
++()=
W
vOa
a
W
vOa
a2γ1
LW γ2
LW
⋅γ
1
γ2
+
⋅γ
1
+γ2
++()=
W
vOr
a2γ1
+γ2
+
⋅γ
1
γ2
+()=
W
vOt
aW
vOa
aW
vOr
a
=
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-14
3.1 g Indirekte Bestimmung von und Zustandsgleichung
Die Zustandsgleichung der Grenzflächenspannung
Die Kritiker [3-105], [3-106] und [3-107] des Separationsan-
satzes mahnen vor allem dessen fehlende thermodynamische Basis
bzw. einen Verstoß gegen eine grundlegende thermodynamische
Beziehung – die Gibbssche Phasenregel [1-48] – an.
Ausgangsproblem ihrer Überlegungen ist ebenfalls die experi-
mentelle Unzugänglichkeit von Festkörper-Oberflächenspannung
γS und Grenzflächenspannung γSL. Lösungsansatz ist eine einfache
mathematische Überlegung, nach der die Youngsche Gleichung
(Gl. (3.1-7)) mit einer zweiten Gleichung der abstrakten Form
(3.1-30)
zu kombinieren sei, um die beiden Unbekannten bestimmen zu
können. Gleichung (3.1-29) wird als Zustandsgleichung der Grenz-
flächenspannung (engl. equation of state for interfacial tension, abgek.
EOS) bezeichnet. Der Beweis für die Existenz einer solchen Bezie-
hung wird mit Hilfe der Gibbs-Duhem-Gleichungen und auf
Grundlage einer modifizierten Gibbsschen Phasenregel für ein
Grenzflächensystem geführt [3-105].
Gestützt werden die Überlegungen zur Existenz der Zustands-
gleichung auf eine Analyse der frühen Arbeiten von Zisman et al.
[3-110]: Im sogenannten „Zisman-Plot“ werden die Oberflächen-
spannungen
γ
L verschiedener Testflüssigkeiten gegen den Kontakt-
winkel θ aufgetragen, der in Benetzungsexperimenten für die
jeweilige Testflüssigkeit gegen den zu untersuchenden Festkörper
gemessen wurde. Durch Extrapolation einer linearen Regressions-
geraden auf deren Funktionswert an der Stelle cos(θ)
=
1 wird nach
Zisman die sogenannte kritische Oberflächenspannung des Festkör-
pers
γ
c bestimmt. Wenn man nun Meßreihen dieser Art für ver-
schiedene homologe Testflüssigkeiten oder für verschiedene
Festkörperoberflächen durchführt und im Rahmen eines „Zisman-
Plots“ auswertet, so erhält man unterschiedliche Werte für
γ
c und
den Anstieg der Regressionsgeraden. Laut den Vertretern der
Theorie der Zustandsgleichung sind diese Unterschiede aber nur
scheinbar auf ein unterschiedliches Wechselwirkungsverhalten zwi-
schen Substrat und Testflüssigkeit zurückzuführen. Vielmehr läßt
sich zeigen [3-105], daß
Adsorptionsprozesse (Moleküle der Flüssig- und Gasphase
auf der Festkörperoberfläche),
Tropfengrößeneffekte sowie
das experimentelle Verfahren zur Bestimmung des Kon-
taktwinkels θ
Abweichungen verursachen können, deren Größenordnung mit
den Schwankungen der experimentellen Daten in typischen Zis-
man-Auftragungen übereinstimmen. Dieser Befund stützt das Po-
stulat einer Idealkurve, die den Zusammenhang zwischen cos(θ)
und γSL generalisiert: Der Kontaktwinkel θ wird ausschließlich
γS
γSL fγSV γLV
,()=
3.1 Thermodynamisch basierte
Methoden: Benetzungsmessun-
gen
3-15
durch die Oberflächenspannungswerte des Festkörpers γSV und
der Flüssigkeit γLV bestimmt. Das bedeutet, alle 3-Phasen-2-Kom-
ponenten-Systeme (also Systeme im Sinne eines klassischen Benet-
zungsexperiments), die in ihren Werten für die
Oberflächenspannungen γSV und γLV übereinstimmen, müssen
auch den gleichen Kontaktwinkel θ aufweisen:
(3.1-31)
In dieser Beziehung manifestiert sich der wichtigste Unterschied
zwischen den beiden antagonistischen Modellansätzen, denn Gl.
(3.1-30) postuliert eine Unabhängigkeit des Kontaktwinkels von
Art und Stärke der molekularen Wechselwirkungen. Für den Expe-
rimentator bedeutet dies vor allem, daß die Bestimmung von γSV
und γSL durch eine einzige Kontaktwinkelmessung (θ) möglich ist.
Problematisch und im Sinne eines Modellbeweises unbefriedi-
gend ist die Tatsache, daß bislang keine analytische, physikalisch
fundamentierte Herleitung einer Beziehung der Form (3.1-29)
möglich war. Die Zustandsgleichung existiert ausschließlich in
Form von Tabellen und empirisch gefundenen Beziehungen.
Bestimmung von nach Neumann
Eine erste, auf der Grundlage von Kurvenanpassungen an expe-
rimentelle Kontaktwinkeldaten gefundene, empirische Beziehung
für die Zustandsgleichung wurde von Neumann et al. [3-111] for-
muliert:
(3.1-32)
Durch Kombination mit der Youngschen Gleichung erhält
man:
(3.1-33)
Die Feststellung, daß die Verwendung des geometrischen Mit-
tels für die Berechnung der Grenzflächenspannung zu erhöhten
Werten für die thermodynamische Adhäsionsarbeit Wa führt, ver-
anlaßte Neumann und Li [3-112] zur Einführung einer modifi-
zierten Verknüpfungsregel. Unter Verwendung dieser Vorschrift
läßt sich die thermodynamische Adhäsionsarbeit nach Neumann
NWa berechnen:
(3.1-34)
Die Indizes 1 und 2 referenzieren die Oberflächenspannungen
der beiden Phasen. Für die empirische Konstante ermittelte Neu-
mann den Wert β=0.000115 (m²/mJ)².
θ()cos gγSV γLV
,()=
γS
γSL
γLγS
()
2
1 0.0015 γLγS
()
-----------------------------------------------------
=
θcos 0.0015 γS2()γ
LγS
⋅γ
L
+
γL0.0015 γLγS
1()
--------------------------------------------------------------------------
=
W
N
a2γ1γ2
eβγ
1γ2
()2
()
⋅⋅=
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-16
Bestimmung von Wa nach Kwok
Die Überarbeitung der Neumannschen combining rule durch
Zhang and Kwok ([3-114],[3-116]) führt zu einer neuen Formel
zur Berechnung der thermodynamischen Adhäsionsarbeit KWa:
(3.1-35)
Auch hier referenzieren die Indizes 1 und 2 die Oberflächen-
spannungen der beiden Phasen. Als einzige der hier vorgestellten
Beziehungen zur Berechnung von Wa ist Gl. (3.1-34) nicht invari-
ant in Bezug auf die Zuordnung von Phasenindex und Rolle der
Phase im Benetzungsexperiment: Index 1 kennzeichnet das Adhä-
siv und Index 2 das Adhärent. Die empirische Konstante beträgt
α=1.17m²/mJ.
3.1 h Experimentierumgebung für die Benetzungsmessungen an
den Carbonfasern
Die Bestimmung der Carbonfaser-Kontaktwinkel erfolgt in die-
ser Arbeit mit Hilfe der Wilhelmy-Plattenmethode ([3-117],
[3-118]). Die Experimentierumgebung und das Auswertungsver-
fahren sind ausführlich in [2-70] beschrieben. Als Meßgerät kam
das Tensiometer K100 (Krüss GmbH, Hamburg) zum Einsatz. Die
Messungen erfolgten bei Raumtemperatur (20°C).
3.1 i Experimentierumgebung für die Benetzungsmessungen an
den Polyamidfolien
Die Benetzungsmessungen an den verschiedenen Polymerfolien
wurden mit Hilfe eines Drop Shape Analyzers DSA 10 Mk2
(Krüss GmbH, Hamburg) durchführt. Zum Einsatz kam die sessile
drop Methode. Die Messungen erfolgten bei Raumtemperatur
(20°C). Eine detaillierte Beschreibung der experimentellen Metho-
de kann der Literatur entnommen werden ([3-119],[3-120]).
W
K
a2
4γ1
γ2
----


13
1γ1
γ2
----


13
+
2
-----------------------------------







αγ
1
()
23
γ1γ2
⋅⋅=
3.2 Elektrokinetische Verfahren:
Zetapotentialmessungen nach der
Strömungspotential/-strom-Me-
thode
3-17
3.2 Elektrokinetische Verfahren:
Zetapotentialmessungen nach der
Strömungspotential/-strom-Methode
In Analogie zu den Benetzungsmessungen soll die experimentel-
le Bestimmung des Zetapotentials im Rahmen dieser Arbeit die
Rolle einer komparativen Meßmethode übernehmen. Diese Funk-
tion erwächst jedoch zunächst nur aus der Tatsache, daß elektroki-
netische Messungen zur Charakterisierung von Festkörper-
oberflächen herangezogen werden können – ein elektrokinetisch
basiertes Modell zur Beschreibung adhäsiver Wechselwirkungen ist
per se nicht verfügbar. Aufgrund einfacher Überlegungen lassen
sich dennoch empirische Zusammenhänge für diesen Zweck po-
stulieren. Ein entsprechender Ansatz, formuliert von Häßler und
Jacobasch [3-116], wird zu diskutieren sein. Für eine detaillierte
Auseinandersetzung mit den elektrokinetischen Phänomenen so-
wie deren methodischer Erfassung und praktischen Anwendung sei
auf die Literatur ([3-121]-[3-124]) verwiesen.
3.2 a Die elektrochemische Doppelschicht
Die Entdeckung des elektrokinetischen Effekts geht auf das frü-
he 19. Jahrhundert zurück: Die Erzeugung eines elektrischen Fel-
des in einer kolloidalen Lösung induziert eine Stoffströmung der
Flüssigkeit aufgrund einer so erzwungenen gerichteten Teilchenbe-
wegung in der Lösung. Allgemein versteht man daher unter elek-
trokinetischen Erscheinungen die Relativbewegung einer flüssigen
in Bezug auf eine feste Phase bzw. den inversen Effekt des Auftre-
tens einer Potentialdifferenz als Folge der Relativbewegung einer
flüssigen gegenüber einer festen Phase. Elektroosmose und Strö-
mungspotential bzw. Elektrophorese und Sedimentationspotential
sind die identifizierten, dialektischen Resultate der kinetischen Sta-
bilisierungsbestrebungen geladener Teilchen in einem wässrigen
Elektrolyten.
Mittlerweile weiß man, daß derartige Phänomene keineswegs
auf kolloidale Systeme beschränkt sind: Steht ein im chemischen
und thermodynamischen Gleichgewicht befindlicher, in Stoff und
Form beliebiger Festkörper in Kontakt mit einer Elektrolytlösung,
so bildet sich eine elektrochemische Doppelschicht (EDS, engl. electric
double layer, EDL) aus. Die elektrochemische Doppelschicht ist die
experimentell nachweisbare Folge komplexer chemischer und elek-
trostatischer Wechselwirkungsprozesse, in deren kausalem Zen-
trum die Ausprägung von Ladungen an (bzw. innerhalb) der
Phasengrenze (bzw. Grenzschicht) zwischen Festkörper und Elek-
trolyt steht. Nach Hunter [3-121] sind folgende Ursachen für die-
se Ladungsausprägung zu differenzieren:
Unterschiede in der Elektronenaffinität beider Phasen.
Dieser Fall beschränkt sich in der Regel auf Kontaktpoten-
tiale metallischer Oberflächen.
Unterschiede in der Affinität beider Phasen in Bezug auf
entgegengesetzt geladene Ionen (z.B. ionenselektive oder
bevorzugte Adsorption sowie die Distribution von Ionen
zwischen zwei nicht miteinander mischbaren Phasen)
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-18
Ionisierung von Oberflächengruppen (z.B. Dissoziation
und Protonierung)
Physikalische Fixierung von Ladungsträgern innerhalb
einer Phase (z.B. Kristalldefekte)
Die Ausprägung der Nettoladung an der Phasengrenze hat ein
Neutralisationsbestreben des Systems zur Folge. Zur Ladungskom-
pensation werden Ionen aus der Elektrolytlösung herangezogen,
die entweder direkt am Festkörper adsorbieren oder zu Bestandtei-
len einer während der Gleichgewichtseinstellung stetig expandie-
renden Grenzschicht (EDS) werden.
Abb. 3.2-1 Gouy-Chapman Modell (diffuse lay-
er) der EDS. Dargestellt sind Ladungs- (σx) und
Potentialverlauf (Ψx) über den Querschnitt der
Doppelschicht. Indizes: 0 - Oberfläche, d - dif-
fuse Schicht
Die ersten Modellierungsversuche der elektrochemischen Dop-
pelschicht gehen auf Helmholtz (1853) zurück: Die Ladungen
der Doppelschicht sind auf zwei benachbarte starre Ebenen (engl.
Helmholtz-Plane, HP) fixiert und die Betrachtungen erfolgen ana-
log zu einem Kondensator. Mit fortschreitender naturwissenschaft-
licher Entwicklung erschienen die Annahmen des Modells jedoch
bald nicht mehr plausibel. Vor allem die Fixierung der Ladungsträ-
ger im Elektrolyten auf eine einzelne Ebene war nicht mehr akzep-
tabel. Gouy (1910, [3-125]) und Chapman (1913, [3-126])
entwickelten ein Alternativmodell und beschritten dabei einen
komplett gegensätzlichen Weg - ihr Modell beschreibt eine diffuse
Doppelschicht und ein mit zunehmender Entfernung von der Fest-
körperoberfläche abklingendes Potential (siehe Abb. 3.2-1). Auch
dieses Modell erwies sich als unbefriedigend. Die Beschreibung der
Ionen als Punktladungen (und damit der Ausschluß von Größen-
effekten) führte zu nahezu unbegrenzten Ladungskonzentrationen
an der Oberfläche [3-121]. Wichtig war jedoch die Einführung der
Idee einer uneinheitlichen Ladungsdistribution im Elektrolyten
und die Verwendung der Poissonschen Gleichung zur Beschrei-
bung des Zusammenhangs zwischen Ladungsdistribution und Po-
tentialverlauf.
Abb. 3.2-2 Basic Stern (a) und Extended Stern
(b) Modell der EDS. Dargestellt sind Ladungs-
(σx) und Potentialverlauf (Ψx) über den Quer-
schnitt der Doppelschicht. Indizes: 0 - Oberflä-
che, i - innere Helmholtzebene, d - diffuse
Schicht bzw. OHP
Das – in Bezug auf das prinzipielle Verständnis – vorläufig fina-
le Modell nach Stern (1924, [3-127]) vereinigte die Vorstellungen
von Helmholtz und Chapman, indem es den Aufbau der EDS
aus einem starren und einem diffusen Teil beschreibt. Formal ge-
3.2 Elektrokinetische Verfahren:
Zetapotentialmessungen nach der
Strömungspotential/-strom-Me-
thode
3-19
sehen, besteht der starre Teil der Doppelschicht auch nach Stern
aus einer inneren (IHS) und einer äußeren Helmholtz-Schicht
(OHS). Stern nimmt jedoch an, daß die Verwendung einer über
beide starren Schichten integralen Kapazität und damit auch die
Gleichsetzung der Potentiale an IHP (inner Helmholtz plane) und
OHP (outer Helmholtz plane) zu einem relativ kleinen Fehler führt.
Das Sternsche Modell mit nur einer Helmholtzschicht wird in der
Literatur daher als Basic Stern Modell bezeichnet (siehe Abb. 3.2-
2-a). Die durch Zusammenführung von IHS und OHS entstande-
ne starre Ladungsschicht wird oft auch Stern-Schicht (Stern-lay-
er) genannt. Das Sternsche Modell mit zwei separaten
Helmholtzschichten (und Kapazitäten) findet man dagegen unter
der Bezeichnung Extended Stern Modell [3-128], (siehe Abb. 3.2-
2-b).
Abb. 3.2-3 Gouy/Chapman/Stern/Grahame-
(GCSG) Modell der EDS. Dargestellt sind La-
dungs- (σx) und Potentialverlauf (Ψx) über den
Querschnitt der Doppelschicht. Indizes: 0 –
Oberfläche (OF) , i – innere Helmholtzebene
(IHP), d – äußere Helmholtzebene (OHP).
Weitere Abkürzungen: SP – Scherebene (engl.
shear plane). Das Potential an dieser Ebene wird
mit dem Zetapotential ζ gleichgesetzt.
Die Weiterentwicklung des Stern Modells zum so genannten
Gouy/Chapman/Stern/Grahame-Modell (GCSG) durch Gra-
hame (1947, [3-129]) beinhaltet Verfeinerungen hinsichtlich der
Adsorptionsprozesse und des Hydratisierungsgrades von Festkör-
peroberfläche und Ionen. So wird beispielsweise die Steilheit des li-
nearen Potentialabfalls in den Helmholtzschichten durch die
Größe und den Hydratisierungsgrad der Gegenionen bestimmt.
Diese Weiterentwicklungen dienten vor allem der Korrektur der
Lage von Adsorptionsebenen und der Größe von (chemischen und
elektrostatischen) Adsorptionsenergien [3-128].
Das GCSG-Modell gilt als derzeit beste Beschreibung der Elek-
trochemischen Doppelschicht ([3-130], [3-121]). Abbildung 3.2-
3 stellt die wichtigsten Komponenten graphisch dar. Man unter-
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-20
scheidet zwei Schichten starr angeordneter Ladungsträger (IHS
und OHS) – reduziert auf eine innere (IHP) und eine äußere
(OHP) Helmholtz-plane – und eine diffuse Ionenschicht (auch
Gouy-Schicht genannt). Starre und diffuse Schicht werden zusam-
men als elektrische Doppelschicht bezeichnet, deren Dicke als De-
bye-Länge. In der IHS befinden sich die unter Verlust ihrer
Hydrathülle adsorbierten Ladungsträger. Sie sind chemisch
und/oder elektrostatisch fest an die Oberfläche gebunden. Die Io-
nen in der OHS tragen eine der IHP-Ladung entgegengesetzte La-
dung. Sie verfügen noch über ihre Hydrathülle und sind durch
elektrostatische Wechselwirkungen an die Oberfläche gebunden.
Der verbleibende Netto-Ladungsüberschuß wird durch Ionen in
der diffusen Schicht kompensiert. Innerhalb der Helmholtzschich-
ten wird das Potential durch einen linearen Kurvenverlauf beschrie-
ben, in der diffusen Schicht fällt das Potential exponentiell ab.
Die für die weiteren Betrachtungen wichtigen Modellgrößen
sind die Oberflächenladung bzw. das Oberflächenpotential σ0
bzw. Ψ0, die Ladung bzw. das Potential an der OHP (entspricht
der äußeren Grenze des starren Teils der Doppelschicht) σd bzw.
Ψd sowie das Potential an der Scherebene ζ.
3.2 b Das Zetapotential
Durch Induzieren einer Relativbewegung von flüssiger und fe-
ster Phase (strömender Elektrolyt) ist es experimentell möglich, ei-
nen Teil der Ladungsträger der EDS und damit auch einen Teil der
EDS selbst abzuscheren. Diese Scherung erfolgt entlang einer Ebe-
ne, deren Abstand zur Festkörperoberfläche physikalisch eindeutig
durch das Gleichgewicht zwischen den attraktiven Oberflächen-
kräften und dem angelegten äußeren Kraftfeld definiert ist
[3-131]. Unter Bezugnahme auf das oben beschriebene GCSG-
Modell wird allgemein angenommen, daß sich die Scherebene an
bzw. in unmittelbarer Nähe der OHP innerhalb des diffusen Teils
der Doppelschicht befindet. Das elektrische Potential an der Sche-
rebene wird Zeta (ζ)-Potential genannt.
Das Zeta-Potential fungiert – allgemein akzeptiert – als quanti-
tatives Maß zur Beschreibung der elektrochemischen Doppel-
schicht. Aus Messungen des ζ-Potentials können Aussagen über
Entstehung und Aufbau der EDS gewonnen werden. Grundlage
einer derartigen Interpretation ist die Sensibilität der elektrochemi-
schen Doppelschicht für Veränderungen in der chemischen und
physikalischen Zusammensetzung der Elektrolytlösung; und eine
Veränderung im Aufbau der elektrochemischen Doppelschicht
wirkt sich unmittelbar auf das ζ-Potential aus. Aus der Abhängig-
keit des ζ-Potentials von der physikalischen und chemischen Zu-
sammensetzung des Elektrolyten, ζ=f(c,pH) läßt sich auf die
Mechanismen schließen, die zur Entfaltung der EDS beitragen.
Weiterhin können thermodynamische Größen wie Flächenla-
dungsdichte, molare freie Adsorptionsenthalpien und Gleichge-
wichtskonstanten für die spezifische Adsorption von Ionen bzw.
der Dissoziationsreaktionen von Oberflächenfunktionalitäten be-
stimmt werden ([2-62],[2-70],[2-74],[3-121],[3-131]).
3.2 Elektrokinetische Verfahren:
Zetapotentialmessungen nach der
Strömungspotential/-strom-Me-
thode
3-21
3.2 c site-dissociation- und site-binding-Modelle
Die in Abschnitt 3.2 a beschriebenen Modelle fokussieren auf
die Ladungsdistribution und den Potentialverlauf in der EDS.
Man bezeichnet sie zusammenfassend als surface-solution-interface
Modelle. Da ihre experimentelle Tradition in der Untersuchung
metallischer (Hg) und ionischer (AgI) Grenzflächen zu Elektroly-
ten liegt, haben naturgemäß auch die Modelle selbst einen Schwer-
punkt auf der Beschreibung elektrostatischer Wechselwirkungen.
Für die überwiegende Anzahl der im Rahmen von elektrokine-
tischen Experimenten untersuchten Festkörperoberflächen (v.a.
Metalloxide und Polymere) lassen sich die Mechanismen zur Ent-
stehung von Oberflächenladungen jedoch auf die Dissoziation
bzw. Protonierung von Oberflächenfunktionalitäten bzw. die (spe-
zifische) Adsorption der Ionen des Elektrolyten (siehe Abschnitt
3.2 a) zurückführen. Die Wechselwirkung zwischen Festkörper-
oberfläche und Elektrolytlösung ist in diesen Fällen also hoch spe-
zifisch und vor allem „örtlich diskret“.
Diese Erkenntnis hat zur Implementierung sogenannter surface
sites in die interface Modelle geführt – diskreter Wechselwirkungs-
zentren, denen man pro identifiziertem Typus eine bestimmte
Dichte Ns und eine Gleichgewichtskonstante (pK-Wert) zuordnet
(u.a. [3-132],[3-133]). Während anfänglich vor allem die soge-
nannten site-dissociation-Modelle diskutiert wurden (quantitative
Beschreibung von Dissoziations- und Protonierungsreaktionen),
orientierte man sich bald auf die als site-dissociation/site-binding-
oder auch surface complexation-Modelle bezeichneten Konzepte,
(u.a. [3-134],[3-135],[3-136]). In diesen Ansätzen gelingt eine
quantitative Beschreibung der spezifischen Adsorption von Elek-
trolytionen auf der Grundlage von Komplexbildungsreaktionen
oder chemischer Bindung an Oberflächenladungsträgern.
Das bereits im Zusammenhang mit der Untersuchung von AgI
eingeführte Konzept der „Potential bestimmenden Ionen“ (engl.
potential determining ions, p.d.i.) und eine Klassifizierung der
„Nicht-p.d.i.“ in „spezifisch adsorbierende“ und „indifferente“ Io-
nen wird durch die surface-site-Implementierung aufgeweicht
[[3-121],[3-122],[3-138]]. Oftmals ist eine Unterscheidung im ur-
sprünglichen Sinne der Definition physikalisch oder chemisch
nicht sinnvoll bzw. unmöglich. Für die angesprochenen Systeme
(Metalloxid und die meisten Polymere) gelten H+ und OH allge-
mein als „Potential bestimmende Ionen“. Speziell aus dieser Tatsa-
che resultiert die besondere experimentelle Bedeutung pH-
abhängiger ζ-Potentialmessungen an derartigen Systemen: Da
(1) σ0 und Ψ0 in unmittelbarer Beziehung mit der Konzentra-
tion an p.d.i. in der Elektrolytlösung stehen und
(2) das ζ-Potential – wie durch das GCSG-Modell beschrieben
– maßgeblich von der Oberflächenladungsdichte
σ
0 bzw.
dem Oberflächenpotential Ψ0 bestimmt wird,
resultiert auch für das ζ-Potential ein maßgeblicher Einfluß durch
die p.d.i. Der entscheidende Aspekt der Zusammenführung von
surface-solution-interface- und surface-site-Modellen ist demnach
die Definition eines quantitativen Zusammenhangs zwischen der
Konzentration an p.d.i. im Elektrolyten und dem Oberflächenpo-
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-22
tential (engl. surface potential, auch double layer potential) Ψ0
[3-121]. In diesem Zusammenhang enthalten sind ([3-135])
(1) die Formulierung der Reaktionen der surface sites mit den
p.d.i., die zur primären Ladungsausprägung führen und
(2) die Formulierung der Ladungs-Potentialbeziehung(en)
(Ladungsdistribution und Potentialverlauf) über den
gesamten Querschnitt der EDS.
*) Dies führt zu einer Klassifizierung in
single-site-dissociation- und two-site-dis-
sociation-Modelle. Eine weitere Unter-
teilung der single-site-dissociation-
Modelle in single-site-1pK- und single-
site-2pK-Modelle fokussiert auf eine
adäquate Beschreibung amphoterer
Oberflächengruppen.
Beide Aspekte sind innerhalb gewisser Grenzen variabel model-
lierbar. Während (1) vor allem durch das zu untersuchende System
bestimmt wird, hängt (2) letztendlich vom Fokus des Experimen-
tators ab. In vielen Fällen ist eine Reduktion der den Potentialver-
lauf charakterisierenden Parameter möglich und oft auch nötig.
Die in der Literatur sehr zahlreich vertretenen site-dissociation- und
surface complexation-Modelle unterscheiden sich daher einerseits
hinsichtlich Anzahl und Typ der betrachteten surface sites (pK-Wer-
te)*) und andererseits in Bezug auf die zugrundegelegte Beschrei-
bung der EDS. Zum letzteren Aspekt tragen die Definition und
Zuordnung von Ionen auf die verschiedenen Adsorptionsebenen
der surface-solution interface-Modelle und die Auswahl der elektro-
statischen Gleichung zur Verknüpfung von Oberflächenladung
und Oberflächenpotential bei [3-128]. Ein strukturierter Über-
blick über die derzeit diskutierten Modelle für oxidische Systeme
findet sich in [3-139]. Speziell für Polymersysteme sei u.a. auf
[3-121], [3-124] und [3-140] verwiesen. In [3-128] werden einige
Modelle anhand einer Zurückführung auf das Basic Stern Modell
und das Extended Stern Modell verglichen.
3.2 d ZpSM zur Bestimmung von ζ
Der in Abschnitt 3.2 b beschriebene Schervorgang bildet die
Grundlage für die Strömungspotential-/Strömungsstrom-Metho-
de zur Bestimmung des ζ-Potentials (ZpSM).
Strömungspotentialmessungen eignen sich zur Bestimmung des
ζ-Potentials von denjenigen Stoffen, aus denen sich ein – vom
Elektrolyten durchströmtes – Kapillarsystem formen läßt. In der
experimentellen Praxis haben sich Faserbündel, Pulverschüttun-
gen, Membranen, Platten und Folien bewährt [3-137].
Zur Messung des Strömungspotentials wird durch eine hydro-
dynamische Druckdifferenz p in einem Rohrleitungssystem eine
Flüssigkeitsbewegung erzeugt. Der Flüssigkeitsstrom durch das Ka-
pillarsystem bewirkt ein vollständiges oder partielles Abscheren des
diffusen Teils des EDS und dadurch die Ausbildung eines Konvek-
tionsstroms (meßbar als Strömungsstrom Is) und letztendlich einer
Potentialdifferenz (meßbar als Strömungspotential Us) zwischen
Strömungseingang und Strömungsausgang des Kapillarsystems.
Die Potentialdifferenz verursacht eine zum Zwecke der Ladungs-
kompensation initiierte Ionenwanderung und damit einen Ohm-
schen Rückstrom Ir. Für ein Kapillarsystem mit fester Geometrie
und einer konstanten Druckdifferenz p (respektive konstanten
Strömungsgeschwindigkeit u(r) ) wird ein Gleichgewichtszustand
erreicht, wenn gilt:
(3.2-1)
IsIr
=
3.2 Elektrokinetische Verfahren:
Zetapotentialmessungen nach der
Strömungspotential/-strom-Me-
thode
3-23
Eine Anwendung dieser Überlegungen unter Einbeziehung der
Kapillargeometrie, des Hagen-Poisseuilleschen Gesetzes und der
Poissonschen Gleichung führen zur Smoluchowski-Gleichung,
die einen Zusammenhang zwischen Strömungspotential Us,
Druckdifferenz p und Zetapotential
ζ
formuliert:
(3.2-2)
κ
steht für die spezifische Leitfähigkeit des Elektrolyten,
η
für
dessen dynamische Viskosität und
ε
r für dessen relative Dielektri-
zitätskonstante.
ε
0 ist die elektrische Feldkonstante.
Zu beachten ist: Eine der grundlegenden Beziehungen für die
Herleitung von Gl. (3.2-2) ist das Hagen-Poisseuillesche Gesetz.
Damit ist die Gültigkeit der Smoluchowski-Gleichung auf lami-
nare Strömungsverhältnisse im Kapillarsystem beschränkt
[3-141].
Aus Gl. (3.2-2) folgt eine Druckabhängigkeit des Zetapotenti-
als. Die experimentelle Praxis sieht daher die Bestimmung des Ze-
tapotentials aus einer Vielzahl von Meßpunkten {Us,,p} vor. Eine
Umformung von Gl. (3.2-2) nach
(3.2-3)
ermöglicht die Bestimmung von ζ aus dem Anstieg einer durch die
Meßpunkte gelegten Regressionsgeraden. Aus dem Achsenab-
schnitt der selben Regressionsgeraden erhält man das sogenannte
Asymmetriepotential Uasym. Das Asymmetriepotential ist die Span-
nung, die zwischen den beiden Elektroden gemessen wird, wenn
sich das Strömungssystem des elektrokinetischen Experiments im
Ruhezustand befindet (d.h. wenn u(r)=0 und p=0). In [2-74] fin-
det der interessierte Leser eine ausführliche Beschreibung von Ur-
sache und Auswirkung des Asymmetriepotentials bei Zeta-
Potential-Messungen.
3.2 e Typische Kurvenverläufe pH-abhängiger ZpSM
Abbildung 3.2-4 zeigt typische Kurvenverläufe ζ=f(pH) für – im
Sinne des Bronstedt-Begriffs – saure, basische, amphotere und
unpolare Polymeroberflächen (nach [3-130]). Für saure, basische
und amphotere Proben sind H+ und OH potentialbestimmende
Ionen im klassischen Sinne: Protonen sind intrinsische Ionen der
Festkörperoberfläche und Hydroxid-Ionen sind über das Ionen-
produkt des Wassers direkt mit der Konzentration an Protonen im
Elektrolyten verbunden.
Die Netto-Oberflächenladung des Festkörpers entsteht unmit-
telbar durch Protonierungs- und Dissoziationsvorgänge an den sur-
face sites. Wenn man den Einfluß anderer – spezifischer –
Adsorptionsvorgänge (Ionen des Elektrolyten) vernachlässigt, so
läßt sich der Kurvenverlauf ζ=f(pH) in Analogie zu den bekannten
Säure/Base-Titrationskurven erklären:
Us
p
-------ζεrε0
ηκ
--------------
=
Usζεrε0
ηκ
--------------p⋅⋅=
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-24
Mit sinkendem pH-Wert wird die Dissoziation der sauren Grup-
pen zurückgedrängt, d.h. die negative Gesamtladung auf der Ober-
fläche wird geringer. Gleichermaßen steigt die Anzahl protonierter
basischer Gruppen und somit auch die positive Netto-Gesamtla-
dung. Mit steigendem pH-Wert kehren sich die Vorgänge um. Eine
vollständige Dissoziation bzw. Protonierung ist mit dem Auftreten
eines Plateaus in der ζ(pH)-Kurve verbunden. Unpolare Oberflä-
chen zeigen kein Plateau, da dissoziationsfähige Gruppen fehlen.
Abb. 3.2-4 Typische Kurvenverläufe pH-ab-
hängiger Zetapotentialmessungen. Die Attribu-
te „sauer“, „basisch“, „amphoter“ und“ unpolar“
beziehen sich auf den Typus der an der Festkör-
peroberfläche vorhandenen Funktionalitäten
(surface sites)
Im Falle amphoterer Oberflächenfunktionalitäten kommt es zu
einer Ladungsumkehr. Mit dieser Ladungsumkehr verbunden ist
ein Meßwert ζ(pH)=0. Dieser Punkt der Meßkurve wird als
isoelektrischer Punkt (i.e.p., oder auch pI) bezeichnet. Der i.e.p.
kennzeichnet den pH-Wert, an dem durch Neutralisationsvorgän-
ge ein vollständiger Ausgleich der Nettoladung an der Scherebene
erreicht ist. An diesem Punkt gelten ([3-121]) ζ=0, Ψd
=0
, Ψi
=0
,
σd
=0
und σ0
=−
σi. Falls spezifische Adsorptionsvorgänge vernach-
lässigt werden können, fallen der i.e.p. und der so genannte point
of zero charge (p.z.c.)*) zusammen. Für den p.z.c. gelten σ0
=0
und
Ψ0
=
Ψi. Folglich gilt für den isoelektrischen Punkt eines solchen
Systems Ψ0
=0
und σ0
=0
.
Für Systeme, bei denen H+ bzw. OH die potentialbestimmen-
den Ionen darstellen, sind der i.e.p. und der Wert des Zetapotenti-
als im Plateaubereich der Meßkurve ζPlateau miteinander
verknüpft. Parameter dieser Verknüpfung sind die Aciditätskon-
stanten pKa und die zugehörige Dichte der beiden (basischen und
sauren) Oberflächenfunktionalitäten. Ausschließlich für den Fall
gleicher Dichten, der Vernachlässigbarkeit spezifischer Adsorpti-
onsvorgänge und bei Verwendung eines 1:1 Elektrolyten (z.B.
*) keine Netto-Oberflächenladung, d.h. σ0
=0
3.2 Elektrokinetische Verfahren:
Zetapotentialmessungen nach der
Strömungspotential/-strom-Me-
thode
3-25
KCl) gilt die Beziehung
(3.2-4)
mit pKi und pKj als Aciditätskonstanten der sauren und basi-
schen Oberflächenspecies.
Abbildungen wie Abb. 3.2-4 werden oft in der einführenden Li-
teratur und in Artikeln, die auf den Anwender der Zetapotential-
messungen fokussieren, verwendet (u.a. [3-121], [3-124], [3-130],
[2-60]). Dem Autor erscheinen diese Abbildungen insofern proble-
matisch, als daß sie dem Novizen elektrokinetischer Verfahren den
Eindruck vermitteln, dieser Verlauf wäre eine Art Kennlinie, wie
man sie aus der Elektrotechnik für elektronische Bauteile (Diode,
Transistor etc.) kennt. Dem ist nicht so. Im Kapitel 8 wird diese
Anmerkung noch einmal aufgegriffen und beispielhaft erläutert.
3.2 f Die ZpSM als komparative Meßmethode
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird die Argumentation
im wesentlichen auf zwei Ergebnisse aus pH-abhängigen ZpSM ge-
stützt - den isoelektrischen Punkt (i.e.p) und den Wert des Zetapo-
tentials im Plateaubereich der Meßkurve ζplateau. An dieser Stelle
sei auf Kapitel 8 verwiesen. Dort wird ein Interpretationsmodell
für pH-abhängige ZpSM an aliphatischen Polyamiden entwickelt.
Der Einsatz der ZpSM im Rahmen dieser Arbeit ist lediglich als
eine Art komplexe Oberflächentitration anzusehen. Im Unter-
schied zur klassischen Titration entstehen dabei jedoch mindestens
zwei verschiedene Titrationskurven: ζ vs. pH bzw. σ0 vs. pH und
pH vs. S/B-Äquivalent.
An dieser Stelle muß bereits auf einen weiteren Umstand hinge-
wiesen werden: Die Auseinandersetzung mit den in der Literatur
verfügbaren Erkenntnissen zur elektrokinetischen Modellierung
von aliphatischen Polyamiden und – ergänzend – mit den publi-
zierten titrimetrischen und elektrokinetischen Untersuchungen
von Aminosäuren, Polypeptiden und Proteinen hat deutlich ge-
zeigt, daß der Verlauf des Zetapotentials bei solchen Systemen aus-
schließlich durch die Protonierungs- und Dissoziationsprozesse an
den polymeren Endgruppen bestimmt wird. Eine „sichtbare“ Betei-
ligung der Amidgruppen ist nicht zu erwarten, da sich die zugehö-
rigen pK-Werte außerhalb des experimentellen Fensters (pH-Skala)
befinden. Es ist daher fraglich, ob die hier gewonnenen Meßergeb-
nisse mit dem Adhäsionsmodell für aliphatische Polyamide (siehe
Kap. 5 und 6) korreliert werden können. Falls ein Teil der adhäsi-
ven Wechselwirkungen jedoch auf Interaktionen mit den termina-
len Gruppen der Polyamide zurückzuführen sind, kann ein Einfluß
der Molmassenverteilung nicht mehr ausgeschlossen werden.
Die Arbeiten von Häßler und Jacobasch [3-116] befassen
sich mit der Möglichkeit der Vorhersage adhäsiver Wechselwir-
kungen aus der Differenz der ζplateau-Werte der im Verbund kom-
binierten Materialien. Danach soll die Haftfestigkeit mit dem Wert
von ∆ζPlateau zunehmen. Dieses „empirische Adhäsionsmodell“
wird zu diskutieren sein.
pI 0.5 pKipKj
+()=
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-26
3.2 g Experimentierumgebung zur Durchführung der ZpSM
Die Standard-Meßumgebung zur Bestimmung des Zetapoten-
tials nach der Strömungsmethode besteht im wesentlichen aus drei
Funktionseinheiten - dem Vorratsbehälter für die Elektrolytlö-
sung, dem Electrokinetic Analyzer (EKA) der Anton Paar GmbH
und einem PC (Abb. 3.2-5).
Der Vorratsbehälter für die Elektrolytlösung besitzt für den
Meßaufbau eine Doppelfunktion. Zum einen schließt er den offe-
nen Strömungskreislauf des EKA. Zum anderen dient er der Vor-
bereitung bzw. Manipulation der Elektrolytlösung vor bzw.
während einer Messung. Zusätzlich zur Veränderbarkeit der che-
mischen Eigenschaften der Elektrolytlösung (Konzentration, Zu-
sammensetzung, pH-Wert etc.) bietet der 2-Liter-Doppelwand-
Batchreaktor in Verbindung mit einem externen Thermostaten die
Möglichkeit, die Flüssigkeit zu temperieren. Ein installiertes Rühr-
werk mit Propellerrührer gewährleistet eine stetige und effektive
Umwälzung der im Vorratsbehälter befindlichen Lösung.
Der EKA beinhaltet in einem offenen Strömungskreislauf die
für die ZpSM-Messung minimal erforderliche Sensorik (Leitfähig-
keitsmeßzelle λ mit integriertem Temperatursensor T, Differenz-
drucksensor p, Meßelektroden zur Spannungsmessung U, pH-
Elektrode) und Aktorik (Drei-Wege-Ventile V1 und V2, Zahnrad-
pumpe). Zudem beherbergt er elektronische Baugruppen zur Auf-
bereitung der Meßsignale und zur Generierung elektrischer
Spannungen bzw. Steuerimpulse. Darüberhinaus besitzt der EKA
eine serielle Schnittstelle, über die das Gerät mit einem externen
Computer (hier ein PC) kommunizieren kann. Im zugehörigen Be-
fehlssatz finden sich u.a. Kommandos zur Steuerung der Aktorik
und zur Abfrage aktueller Meßwerte. Obwohl der EKA über ein
manuelles Bedienungspanel verfügt, ist ein stand-alone-Betrieb
(d.h. ohne PC) nicht sinnvoll möglich.
Abb. 3.2-5 Schematische Darstellung der Expe-
rimentierumgebung zur Durchführung von
ZpSM
3.3 Mikromechanische Verfahren:
Einzelfaserfragmentierungstest
3-27
Das Herzstück der Meßanordnung ist die Meßzelle. Modular in
den Strömungskreislauf eingebunden und in unterschiedlichen
Bauformen verfügbar, ermöglicht sie die Untersuchung von Fest-
körperproben mit nahezu beliebiger Geometrie (Fasern, Folien,
Platten, Granulat etc.).
Die Ablaufsteuerung einer Messung, die weiterführende Meß-
datenaufbereitung und die abschließende Repräsentation der Meß-
größen in einem ASCII-Datenfile werden von der „Steuer- und
Auswertungssoftware EKS100“ auf dem PC übernommen. Dabei
handelt es sich um eine MS DOS-Applikation.
Im Rahmen dieser Arbeit war der Zugriff auf zwei Meßgeräte
möglich – ein Gerät älterer Bauart (Seriennummer 104) und ein
Gerät neueren Datums. Das ältere Gerät wird mit der EKS100-
Software-Release R1.0, das neuere mit der EKS100-Software- Re-
lease R4.3 betrieben. Darüberhinaus liegen die Release-Versionen
R3.0 und R4.25 vor.
3.3 Mikromechanische Verfahren:
Einzelfaserfragmentierungstest
Der Einzelfaserfragmentierungstest (engl. single fiber fragmenta-
tion test, abgek. SFF-Test) ist eine Charakterisierungsmethode mit
einem den realen Faserverbundwerkstoffen sehr nahe kommenden
Untersuchungsgegenstand - dem Einzelfaserverbund (engl. single
fiber composite, abgek. SFC). Ein Einzelfaserverbund entsteht durch
das Einbetten einer einzelnen kontinuierlichen Verstärkungsfaser
in eine Matrixfolie. Im Rahmen dieser Arbeit wird auf einen kon-
kreten Einzelfaserverbund, bestehend aus einer bestimmten poly-
meren Matrix und einer einzelnen Carbonfaser eines bestimmten
Typs unter Verwendung der Bezeichnung Modell-Verbund-System
(MVS) Bezug genommen.
Der SFF-Test ist im Rahmen dieser Arbeit die einzige Methode
mit einem direkten experimentellen Bezug auf das reale Haf-
tungsphänomen. D.h., die aus dem SFF-Test hervorgehenden
Meßdaten sind das (alleinige) Bindeglied zwischen dieser Arbeit
und dem real-praktischen und phänomenologischen Aspekt von
Adhäsion. Die Meßergebnisse dienen als Evaluierungsgrundlage
für das in den Kapiteln 5 und 6 postulierte Verbundmodell von
CFRPAs und als Referenzdaten bei der Bewertung der Haftungs-
prognosen aus thermodynamisch (siehe Kap 3.1) und elektrokine-
tisch (siehe Kap. 3.2) basierten Adhäsionsmodellen.
Der Leser möge die Positionierung des SFF-Tests jedoch keines-
falls im Sinne eines absoluten Wahrheitskriteriums verstehen.
Auch der Auswertung der mikromechanischen Rohdaten liegt ein
Modell zu Grunde - d.h. eine naturwissenschaftlich fundamentier-
te - wenn auch experimentell weitestgehend unterstützte, so doch
stets vereinfachende - Beschreibung von komplexen und in diesem
Fall sogar außerhalb unseres natürlichen Wahrnehmungsbereiches
liegenden Prozessen.
Die Ausführungen in diesem Kapitel beschränken sich auf die-
jenigen Aspekte, die für ein Verständnis von Auswertung, Analyse
und Interpretation der mikromechanischen Rohdaten mit Hilfe
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-28
des Kelly/Tyson-Modells [1-44] erforderlich sind. Für weiterge-
hende Informationen und eine Beschreibung des SFF-Tests auf der
Grundlage anderer Modelle sei auf [2-62] im besonderen und
[1-42],[2-72] im allgemeinen verwiesen.
3.3 a Das Versuchsprinzip
Der Einzelfaserfragmentierungstest appliziert einen zerstören-
den Verstreckungsprozeß auf einen Einzelfaserverbund. Durch
eine Bewertung des experimentellen Ergebnisses dieses Prozesses
werden Rückschlüsse auf den vor der Prozeßapplikation im Ver-
bund vermuteten Adhäsionszustand gezogen. Die Verstreckung er-
folgt entlang der Faserhauptachse. Je nach gewähltem
Modellverbundsystem kommt es oberhalb einer bestimmten Deh-
nung zu einer Reihe von Faserbrüchen. Die bei kontinuierlicher
Verstreckung fortschreitende Fragmentierung der Faser mündet in
einen Sättigungszustand (engl. saturation state) der den Abschluß
des Fragmentierungsprozesses kennzeichnet: Ab diesem Stadium
des Experiments treten keine weiteren Faserbrüche auf.
Als direktes Meßergebnis liegt pro MVS eine ungeordnete Liste
(Urliste) von Fragmentlängen vor, die einer stochastischen Auswer-
tung zugeführt wird.
Für einen erfolgreichen Abschluß des Experiments sollte die
Bruchdehnung der Matrixkomponente mindestens das Dreifache
der Faserbruchdehnung betragen (u.a. [3-142],[3-143]).
3.3 b Mikromechanische Modellierung des Einzelfaserfragmentie-
rungstests
Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich auf das con-
stant-shear-Modell nach Kelly und Tyson [1-44]. Modellgegen-
stand ist eine einzelne zylinderförmige Verstärkungskomponente
(Faser), die von allen Seiten vollständig von einer Matrixkompo-
nente umgeben ist. Betrachtet wird ein infinitesimal kleines Fa-
serelement mit dem Durchmesser df und der Länge dl.
In Analogie zur praktischen Durchführung des SFF-Tests wird
die Auswirkung einer axial in Faserrichtung applizierten Zugspan-
nung σ analysiert: Eingeleitet in die Matrixkomponente und über
die Faser/Matrix-Grenzfläche in die Faser eingetragen, kommt es
zu einer Relativverschiebung der beiden Verbundkomponenten.
Dieser Relativverschiebung entgegen wirkt eine (induzierte)
Schubspannung τ in der Faser/Matrix-Grenzfläche.
Das constant-shear-Modell postuliert eine über die gesamte Län-
ge der Grenzfläche zwischen Faser und Matrix konstante Schub-
spannung
(3.3-1)
und einen linearen Anstieg der Zugspannung σ in den so ge-
nannten Spannungsaufbauzonen (engl. stress recovery region), aus-
gehend von den Faserenden. Der Betrag von τ wird limitiert von
der Fähigkeit der Faser/Matrix-Grenzfläche, der Relativverschie-
τdσ
dlc
-------
=
3.3 Mikromechanische Verfahren:
Einzelfaserfragmentierungstest
3-29
bung entgegenzuwirken. Diese Fähigkeit kann als Stärke adhäsiver
Kräfte interpretiert werden: Ein „schlechtes“ oder „schwaches“ Fa-
ser/Matrix-Interface vermag nur eine geringe Schubspannung auf-
zubauen. Entsprechend gering ausgeprägt ist das Phänomen
Haftung. Ein „gutes“ oder „starkes“ Interface dagegen vermag der
Relativbewegung eine große Kraft entgegenzusetzen, d.h. die
Schubspannung ist entsprechend groß. Praktisch wird man die bei-
den Verbundkomponenten als gut haftend wahrnehmen.
An dieser Stelle ist eine Fallunterscheidung erforderlich:
Fall 1: Der adhäsive Zusammenhalt der Verbundkomponenten
ist kleiner als der kohäsive Zusammenhalt der Verstärkungskom-
ponente (Faser). In diesem Fall kann die Faser/Matrix-Grenzfläche
die Kraftübertragung von der Matrix auf die Faser gar nicht oder
nur begrenzt leisten. Es kommt zu einem Adhäsivversagen der
Grenzfläche, d.h. einer Faser/Matrix-Ablösung (engl. debonding).
Eine im fortschreitenden Experiment auftretende (deutlich kleine)
Schubspannung ist als Grenzflächenreibungsspannung (engl. inter-
face frictional stress) τfri zu interpretieren [1-44]. Phänomenologi-
sche Folge eines debonding im Einzelfaserverbund ist das Gleiten
der Faser in dem sich kontinuierlich dehnenden Matrixmaterial.
Fall 2: Der adhäsive Zusammenhalt der Verbundkomponenten
ist größer als der kohäsive Zusammenhalt der Verstärkungskompo-
nente (Faser). In diesem Fall kann die Faser/Matrix-Grenzfläche
die Kraftübertragung von der Matrix auf die Faser praktisch unein-
geschränkt leisten, erleidet dabei jedoch eine (Scher-)Deformation.
Die Schubspannung wird daher durch das Kelly/Tyson-Modell
im Sinne einer Grenzflächenfließspannung (engl. yielding shear
stress) τy interpretiert. Die Faserzugspannung σ steigt stetig linear
mit fortschreitender Probendehnung entlang einer Länge l. Bei ei-
ner Länge lc/2 übersteigt die Faserzuspannung den kritischen Wert
σfu=σ(lc/2) und es kommt zu einem Faserbruch. σfu wird als Ein-
zelfaserzugfestigkeit bezeichnet, lc als kritische Fragmentlänge. Die-
ser Prozeß wiederholt sich nun: Die Faserzugspannung in der
gebrochenen Faser wird, induziert durch die Grenzflächenschub-
spannung, ausgehend von den Faserenden entlang einer Länge l
wieder aufgebaut. Wird die Einzelfaserzugfestigkeit überschritten,
bricht die Faser erneut, usw. D.h., bei fortlaufendem Experiment
wird die Faser sukzessive fragmentiert. Sind jedoch alle Faserfrag-
mente kürzer als die kritische Fragmentlänge lc, dann kann der
Wert der Faserzugspannung in den Spannungsaufbauzonen den
Betrag der Einzelfaserzugfestigkeit σfu nicht mehr überschreiten.
Ein weiterer Faserbruch ist nicht möglich. Der Sättigungszustand
(engl. saturation state) ist erreicht. Als direktes Meßergebnis liegt
eine Fragmentlängenverteilung im Intervall vor.
Die Deutung von τ im Rahmen des Kelly/Tyson-Modells
führt in dem beschriebenen Fall zur Definition eines festigkeitsrele-
vanten Versagenskriteriums - der Grenzflächenscherfestigkeit τIFSS:
(3.3-2)
τIFSS kann nun zu Haftungsaussagen herangezogen werden.
lc2ll
c
<<
τIFSS
σfu df
2l
c
----------------
=
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-30
3.3 c Anwendung des Kelly/Tyson-Modells auf reale Systeme
Zur Berechnung der Grenzflächenscherfestigkeit τIFSS mit Hil-
fe von Gl. (3.3-2) müssen drei Variablen bekannt sein: die Einzel-
faserzugfestigkeit σfu, der Faserdurchmesser df und die kritische
Fragmentlänge lc.
Während lc laut Modell aus der Fragmentlängenverteilung ge-
wonnen werden soll, setzen die Bestimmung der Einzelfaserzugfe-
stigkeit und des Faserdurchmessers eine physikalische
Charakterisierung der Faserkomponente unabhängig vom Einzel-
faserfragmentierungstest voraus. Durch diese Messungen wird der
Experimentator jedoch mit einer Reihe von praktischen und theo-
retischen Problemen konfrontiert, die den idealisierenden Charak-
ter des Kelly/Tyson-Modells offenbaren und letztendlich eine
Korrektur der ursprünglichen Kelly/Tyson-Gleichung (Gl.
(3.3-2)) erzwingen.
Einzelfaserzugfestigkeit und Fragmentlängenverteilung
Das Kelly/Tyson-Modell geht von der Annahme aus, Faser-
durchmesser und Einzelfaserzugfestigkeit wären für eine einzelne
Faser invariant. Tatsache ist jedoch, daß – bedingt durch Herstel-
lung (bei Carbon-, PE-, Glasfasern etc.) oder Wachstum (bei
Flachs-, Hanf, Sisalfasern etc.) – entlang einer einzelnen Faser Risse
und Schädigungen in unterschiedlicher Ausprägung und zufällig
verteilt „eingebaut“ wurden. Genau diese Schädigungen und Risse
reduzieren die „intrinsische“, d.h. ausschließlich durch die Stärke
von Kohäsivkräften limitierte, „ideale“ Faserzugfestigkeit auf den
real meßbaren Wert. Unmittelbare Folge der Zufälligkeit in Posi-
tion und Ausprägung der Fehlstellen ist eine Abhängigkeit der
meßbaren Einzelfaserzugfestigkeit von getestetem Faserabschnitt
und freier Einspannlänge [3-144]-[3-148]. Diese Erkenntnis hat
eine Reihe von Konsequenzen:
1. Ein Faserbruch tritt stets an der schwächsten Stelle der Faser
(eines Faserfragments) auf. Die Position des „nächsten“ Faser-
bruches wird dabei durch die Verteilung der Einzelfaserzugfe-
stigkeitswerte über die gesamte Faserlänge bestimmt. Als
unmittelbare Folge variiert die Länge der Spannungsaufbauzo-
nen ständig während eines Experiments. Entsprechend der
Längenveränderung der Spannungsaufbauzonen resultiert eine
vom Modell abweichende Fragmentlängenverteilung.
2. Es gibt keinen Satz von Parametern, bestehend aus
σ
fu, df und
lc, der für ein Modellverbundsystem experimentell bestimmt und
in Gl. (3.3-2) eingesetzt werden könnte: Die Größen
σ
fu und df
müssen als Mittelwerte der statistisch streuenden realen Cha-
rakteristika behandelt werden. Der Wert der Einzelfaserzugfe-
stigkeit
σ
fu muß für eine freie Einspannlänge bestimmt
werden, die der Länge der Spannungsaufbauzone zum Zeit-
punkt des Versagens entspricht. Die kritische Fragmentlänge lc
ist ein Merkmal der durch das idealisierte Kelly/Tyson-
Modell postulierten Fragmentlängenverteilung. Eine derartige
Verteilung aber liegt praktisch nie vor.
3.3 Mikromechanische Verfahren:
Einzelfaserfragmentierungstest
3-31
3. τIFSS kann höchstens als mittlere Grenzflächenscherspannung
über die gesamte Länge des adhäsiven Kontaktes (im Falle des
SFC-Tests also über alle Fragmente) zum Zeitpunkt des Versa-
gens interpretiert werden [3-149].
Bereits frühe Arbeiten von Fraser et al.([3-151],[3-152]), Ne-
travali, Henstenburg und Phoenix [3-153], Curtin [3-154]
und Wagner [3-155] gehen von der Vorstellung einer eher stoch-
astischen Natur der Faser/Matrix-Anbindung aus. Fraser et al.
führten die Abhängigkeit der Faserzugfestigkeit von der Einspann-
länge ein. Henstenburg und Phoenix modifizieren die Kelly/
Tyson-Gleichung durch Verwendung einer mittleren Fragment-
länge sowie eines Korrekturfaktor K
ρ
, der die Verteilung der
Fragmentlänge infolge der Streuung der Zugfestigkeit berücksich-
tigt.
Fasergeometrie
Gl. (3.3-2) gilt ausschließlich für Fasern mit kreisförmigem
Querschnitt. Bei anderen Fasergeometrien muß ein geometrischer
Korrekturfaktor KG verwendet werden, um die Spannungsverhält-
nisse im System richtig wiederzugeben. Für die in dieser Arbeit ver-
wendeten synthetischen Carbonfasern ist trotz oberflächen-
schädigender Modifizierungsverfahren von einer nahezu idealen
Zylindergeometrie auszugehen, d.h. es gilt KG=1. Der Einsatz von
Naturfasern als Verstärkungskomponente macht die Verwendung
von KG jedoch unumgänglich (z.B. [2-72]).
Die modifizierte Kelly/Tyson-Gleichung
Die Anwendung dieser Erkenntnisse führt zu einer modifizier-
ten Form der Kelly/Tyson-Gleichung:
(3.3-3)
Im einzelnen bedeuten: mittlere Grenzflächenscherspannung,
mittlere Fragmentlänge, mittlere Einzelfaserzugfestigkeit
bei freier Einspannlänge , Faserdurchmesser, KG geome-
trischer Korrekturfaktor, K
ρ
statistischer Korrekturfaktor für die
Faserzugfestigkeit.
3.3 d Einzelfaserzugfestigkeit und Weibull-Modul
Die Bestimmung der Einzelfaserzugfestigkeit bei mittlerer Frag-
mentlänge einer aus dem SFF-Test resultierenden Verteilung
erweist sich als schwierig. Die Werte von liegen meist in ei-
ner Größenordnung von einigen wenigen hundert Mikrometern –
Einzelfaserzugfestigkeitsmessungen können jedoch, experimentell
bedingt, nur an wesentlich größeren Prüflängen durchgeführt wer-
den. Allgemein üblich und für eine Standardisierung der Tests
empfohlen (u.a. [3-157],[3-158]), ist die Verwendung des soge-
nannten Weibull-Plots.
l
τσl()df
2l
-------------------- KGKρ
⋅⋅=
τ
lσl()
Ll=df
σl() l
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-32
Die 2-parametrige Weibull-Verteilung
Die Wahrscheinlichkeit, daß eine Faser während einer Zerreiß-
probe versagt, entspricht der Wahrscheinlichkeit, daß auf dieser
Faser innerhalb der betrachteten Länge L mindestens eine fabrika-
tions- oder anderweitig bedingte Schädigung vorhanden ist. Legt
man für das Auftreten der Fehlstellen eine Poisson-Verteilung zu-
grunde, so gilt für die Wahrscheinlichkeit des Bruchs der Faser
F(σ,L), mit der Faserspannung σ, der Faserlänge L und der Fehl-
stellendichte :
(3.3-4)
Wählt man nun zur Beschreibung der Fehlstellendichte nach
Curtin [3-154] bzw. Henstenburg und Phoenix [3-153]
(3.3-5)
so ergibt sich die 2-parametrige WEIBULL-Verteilung
(3.3-6)
mit σ0 als Weibull scale Parameter, ρ als Weibull shape Parameter
(auch Weibull-Modul ) und L0 als Weibull-Referenzlänge für σ0.
Die Referenzlänge L0 ist die Mindestlänge, die eine Faser über-
schreiten muß, um Schwachstellen enthalten zu können. Dieser
Länge ist die Zugfestigkeit σ0 zugeordnet.
Der Weibull-Plot
Prinzipiell bestünde die Möglichkeit, mit Hilfe einer doppelt
logarithmischen Auftragung von Gl. (3.3-6) einen lokalen Weibull-
Modul aus der Streuung der Zugfestigkeits-Einzelmeßwerte für
eine definierte Einspannlänge zu bestimmen [2-72]. In der Praxis
hat sich jedoch eine andere Verfahrensweise durchgesetzt: Experi-
menteller Ausgangspunkt ist die Bestimmung der Einzelfaserzugfe-
stigkeit für verschiedene Einspannlängen (z.B. 100µ, 300µm,
500µm, 700µm, 1000µm und 3000µm) mit ausreichendem Stich-
probenumfang und eine anschließende Mittelung der Werte pro
freie Einspannlänge.
Der arithmetische Mittelwert der Weibull-Verteilung ist ge-
geben durch
(3.3-7)
Logarithmieren von Gl. (3.3-7) führt zu einer linearen Abhän-
gigkeit zwischen den Logarithmen der mittleren Zugfestigkeit
und der freien Einspannlänge :
(3.3-8)
µσ()
FσL,()1Lµσ'()σ'd
0
σ


exp=
µσ() ρ
L0σ0
----------------σ
σ0
------


ρ1
=
FσL,()1L
L0
----- σ
σ0
------


ρ


exp=
σ
σL() σ
0
L0
L
-----


1ρ Γ11
ρ
---
+


⋅⋅=
σL()()ln L()ln
σL()()ln 1
ρ
---
L() L0
()lnln[]⋅σ
0Γ11
ρ
---
+




ln+=
3.3 Mikromechanische Verfahren:
Einzelfaserfragmentierungstest
3-33
Trägt man die gemittelten und logarithmierten Einzelfaserzug-
festigkeitsmeßwerte gegen die zugehörigen logarithmierten Werte
der freien Einspannlänge auf, so läßt sich durch Kurvenanpassung
eine Ausgleichsgerade ermitteln. Diese Ausgleichsgerade ermög-
licht einerseits die Berechnung eines mittleren Weibull-Moduls ρ
(aus dem Anstieg der Geraden) und andererseits die Extrapolation
auf Zugfestigkeitswerte bei beliebigen freien Einspannlängen: Dies
erfolgt entweder unter direkter Verwendung der Parameter der
Ausgleichsgeraden und Gl. (3.1-8) oder mit Hilfe von Gl. (3.1-9).
Bei Kenntnis der Zugfestigkeit für eine Einspannlänge L1 und des
mittleren Weibull-Moduls ρ kann die Zugfestigkeit für jede weitere
Einspannlänge L2 berechnet werden:
(3.3-9)
Bestimmung von
Die Gleichungen (3.3-8) bzw. (3.3-9) ermöglichen die Berech-
nung eines Einzelfaserzugfestigkeitswertes für eine beliebige Ein-
spannlänge. Hat man also Kenntnis von der mittleren
Fragmentlänge , so kann man die mittlere Einzelfaserzugfestig-
keit bei mittlerer Fragmentlänge durch Extrapolation be-
stimmen.
3.3 e Bestimmung des mittleren Faserdurchmessers
Die Bestimmung des Faserdurchmessers erfolgt mit Hilfe eines
Laserbeugungsverfahrens [3-156]. Die Messungen erfolgen stets an
Proben, die anschließend auch einem Einzelfaserzugfestigkeitsex-
periment unterzogen werden. Dazu werden einzelne Fasern an bei-
den Faserenden in Epoxidharz-Tropfen eingebettet. Dieser
Vorgang erfolgt mit hoher Präzision, um einerseits eine Orthogo-
nalität gegenüber der Tropfenoberfläche zu gewährleisten und um
andererseits eine möglichst genaue Einstellung der freien Ein-
spannlänge zu gewährleisten. Eine Beschreibung des experimentel-
len Aufbaus ist in [3-159] zu finden. Aus den Rohdaten wird durch
Bildung des arithmetische Mittelwertes ein mittlerer Faserdurch-
messer pro Fasertyp (unmodifiziert und modifiziert) berechnet.
3.3 f Bestimmung des statistischen Korrekturfaktors K
ρ
In [2-72] findet sich eine ausführliche Herleitung des Zusam-
menhangs zwischen Weibullmodul ρ und statistischem Korrektur-
faktor K
ρ
. Bemerkenswert ist die dort getroffene Feststellung, daß
die Verwendung eines Korrekturfaktors von 0.75 – wie durch die
Näherung von Ohsawa [3-160] vorgeschlagen (Gl. (3.3-10)) – ei-
nen Weibull-Modul von ρ=22 und damit eine nahezu einheitliche
Zugfestigkeit der Faserprobe voraussetzt.
(3.3-10)
σL2
() σL1
()L1
L2
-----


1ρ
=
σl()
l
σl()
df
lcl3
4
---
=
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-34
Dagegen steht der in [2-72] erwähnte experimentelle Befund,
daß die für reale Systeme bestimmten Weibull-Moduln selten über
15 liegen. Für das in der gleichen Arbeit untersuchte Naturfasersy-
stem wurde beispielsweise ein Weibull-Modul ρ=2 und ein statisti-
scher Korrekturfaktor K
ρ
=1.171 ermittelt.
Die für die im Rahmen dieser Arbeit untersuchten Carbonfaser-
systeme anzuwendenen statistischen Korrekturfaktoren K
ρ
wurden
– ausgehend von einer Bestimmung der Weibull-Moduln ρ – an-
hand einer generischen Auftragung in [2-72] grafisch ermittelt.
3.3 g Bestimmung der mittleren Fragmentlänge
In der Literatur werden verschiedene Ansätze zur quantifizieren-
den Beschreibung von Fragmentlängenverteilungen diskutiert. Ei-
nen guten Überblick liefern [2-62] und [2-72]. Neben einfachen
analytischen Näherungen durch Weibullverteilung, logarithmische
Normalverteilung und Normalverteilung verwenden einige Auto-
ren auch Computersimulationen, denen komplexere Annahme
über die Fehlstellendistribution zu Grunde liegen.
Ein wesentliches Kriterium für den Erfolg der vorliegenden Ar-
beit ist die Vergleichbarkeit von Meßdaten. An dieser Stelle geht es
dabei weniger um Modelle und Theorien. Vielmehr geht es um Re-
produzierbarkeit und Verfahrensgleichheit bei der Gewinnung von
Meßdaten mit Hilfe einer einzelnen experimentellen Methode.
Die Vergleichbarkeit wird genau dann als gegeben angesehen (eine
Übereinstimmung experimenteller Parameter – z.B. Temperatur –
vorausgesetzt), wenn ein eventuell nachfolgendes mathematisches
Auswertungskonzept auf alle Meßdaten anwendbar ist (z.B. Stich-
probenumfang, Konvergenz von Optimierungsverfahren etc.) und
auch angewendet wird.
In der vorliegenden Arbeit erfolgt die Bestimmung der mittle-
ren Fragmentlänge durch Anpassen einer Verteilungsfunktion an
die experimentell gewonnenen Fragmentlängendistribution. Es ist
ein (empirischer) Befund dieser Arbeit, daß dieser Schritt die Achil-
lesferse des Auswertungsverfahrens ist:
a) Es ist es nahezu eine Glaubensfrage, welchen Typ von Vertei-
lungsfunktion man dem Optimierungsverfahren zu Grunde legt.
Tatsache ist, daß die Ergebnisse für verschiedene Anpassungsfunk-
tionen deutlich voneinander abweichen.
b) Nicht jede Verteilungsfunktion liefert für die Fragmentlän-
genverteilungen aller Modellverbundsysteme ein verwertbares Er-
gebnis. Die mathematische Gleichbehandlung der Rohdaten ist
jedoch Bedingung für die Vergleichbarkeit der abgeleiteten Meß-
daten.
c) Die Rohdaten liegen zunächst nur in Form einer ungeordne-
ten Liste von Fragmentlängen vor. Diese Liste muß daher erst einer
Häufigkeitsanalyse unterzogen werden, um die Stützpunkte für die
anzupassende Häufigkeitsverteilungsfunktion zu ermitteln. Der
Ordinatenwert jedes einzelnen Stützpunktes entspricht dem Mit-
telpunkt des Klassenintervalls (Klassenmitte) der zugehörigen Klas-
se. Der Abszissenwert ergibt sich aus der Anzahl der Fragmente, die
dieser Klasse aufgrund der Lage des Klassenintervalls zuzuordnen
l
l
3.3 Mikromechanische Verfahren:
Einzelfaserfragmentierungstest
3-35
sind. Es ist leicht nachvollziehbar, daß die Wahl der Klassenbreite
einen entscheidenden Einfluß auf die Lage der Punkte entlang der
Abszisse und entlang der Ordinate hat. Die Wahl der Klassenbreite
ist jedoch durch keine mathematische Vorschrift reglementiert
oder standardisiert - und daher „Ansichtssache“.
Abb. 3-1 Defragmentierte Carbonfaser in einer
Polyamidmatrix - Erfolgreicher Abschluß eines
SFF-Experiments
Diese drei Aspekte erforderten einen langwierigen Optimie-
rungsprozeß des Auswertungsverfahrens nach dem Prinzip Versuch
und Irrtum. Kapitel 9 stellt die Vorgehensweise anhand der experi-
mentellen Meßdaten vor. Hier soll der Hinweis genügen, daß für
die Auswertung eine logarithmische Normalverteilung der Frag-
mentlängen angenommen wird. Die mittlere Fragmentlänge ent-
spricht dem berechneten Verteilungsmittelwert.
3.3 h Zur Anwendbarkeit des constant shear Modells nach
Kelly/Tyson und des Einzelfaserfragmentierungstests
Das der vorliegenden Arbeit zugrundeliegende Konzept, die Er-
gebnisse des SFF-Tests als Referenz für die Güte der thermodyna-
misch und elektrokinetisch basierten Adhäsionsprognosen zu
verwenden, erfordert eine besonders kritische Betrachtung der mi-
kromechanischen Methode. Eine grundlegende Analyse findet sich
bereits in [2-62] und ist Gegenstand vieler anderer Publikationen
(u.a.[1-42],[2-72],[3-161]). An dieser Stelle sei insbesondere auf
einen im Jahre 1993 durchgeführten round robin-Test [1-45] ver-
wiesen. Dieser Quelle ist zu entnehmen, daß mikromechanische
Verfahren (einschl. SFF-Test) prinzipiell reproduzierbare Meßer-
gebnisse hervorbringen. Der Datenvergleich zwischen den beteilig-
ten Forschungslabors ergab jedoch unakzeptable Differenzen.
Besonders offensichtlich sind die Abweichungen bei einer Gegen-
überstellung der Haftungsaussagen, die sich auf unterschiedliche
Meßmethoden und Auswertungsmodelle stützen (z.B. Einzelfaser-
auszugsversuch im Vergleich zum SFF-Test). Hier gibt es bereits
innerhalb eines einzelnen am Test beteiligten Instituts deutliche
Unterschiede in der Bewertung der Faser/Matrix-Anbindung (sie-
he dazu auch [1-42]). Unterstützt werden diese Befunde durch eine
Veröffentlichung von Herrera-Franco und Drzal [3-161]. Hier
lassen die Ergebnisse keinen Zweifel an der eingeschränkten Ver-
wertbarkeit der jeweiligen Aussagen.
Allerdings wird der SFF-Test als prinzipiell grenzflächensensitiv
bewertet. Es ist anzunehmen, daß der SFF-Test in Verbindung mit
dem hier beschriebenen modifizierten Kelly/Tyson-Modell bei
einer Anwendung auf synthetische Fasersysteme mit weitestgehend
homogener Faser/Matrix-Anbindung zu aussagekräftigen Ergeb-
nissen führt. Auch hier ist die Übereinstimmung mit der prakti-
schen Erfahrung das ultimative Qualitätskriterium. Eine
Ausdehnung der Versuchsreihen dieser Arbeit auf „reale“ Makro-
verbundsysteme mit einer abschließenden Charakterisierung durch
ingenieurswissenschaftlich fundierte Kenngrößen wäre wünschens-
wert.
Abschließend sei noch auf einen eher erkenntnisphilosophi-
schen Umstand hingewiesen:
Die Modellierung des SFF-Tests durch das un-/modifizierte
Kelly/Tyson-Modell beinhaltet zwar eine Belastung des Fa-
l
3 Drei Methoden und Verfahren
zur Charakterisierung von Ober-
flächen und Grenzschichten im
Kontext der anwendungsgerech-
ten Optimierung attraktiver
Wechselwirkungen in Material-
verbunden
3-36
ser/Matrix-Interfaces, doch stützt sich die Auswertung des Experi-
ments auf ein Kohäsivversagen der Verstärkungskomponente
(Annahme „idealer“ Haftung zwischen Matrix und Faser [1-44]).
Die Grenzflächenscherfestigkeit kann also per se kein Maß für die
Maximalbelastbarkeit der adhäsiven Grenzschicht sein.
3.3 i Experimentierumgebung zur Bestimmung von τIFSS
Für die Durchführung des Einzelfaserfragmentierungstests
stand eine kommerziell nicht erhältliche Meßapparatur zur Verfü-
gung. Sie wurde im Rahmen von [2-62] planungs- und bautech-
nisch vollendet, automatisiert und schließlich erstmalig eingesetzt.
Unter gleicher Referenz findet sich eine detaillierte Beschreibung
der Meßumgebung.
Mittels eines Schrittmotors (4000 Schritte/Umdrehung) wird
über eine Spindel (4mm Hub) eine Translationsbewegung des mo-
bilen Teils einer Probekörperfassung erzeugt. Über einen mecha-
nisch fest mit dieser Komponente verbundenen induktiven
Längenmesser kann diese Bewegung verfolgt werden. Das starre
Gegenstück zur mobilen Probekörperfassung ist mit einem Kraft-
aufnehmer (Meßbereich bis 20 kN) verbunden. Zwischen die bei-
den Probekörperfassungen wird das Untersuchungsobjekt
eingespannt. Die beiden Sensoren übertragen ihre Spannungs-
Meßsignale an ein Infinity-Meter (INFP) der NEWPORT Elec-
tronics Inc. bzw. einem Kraftmeßgerät (MVD2555) der HBM
GmbH. Beide Geräte stellen serielle Schnittstellen zur Ansteuerung
und Meßdatenabfrage zur Verfügung. So werden Weglänge und
aufzuwendende Zugkraft digital erfaßt und protokolliert. Der
Schrittmotor wird durch eine Schrittmotorsteuerung (MSD) der
BERGER GmbH direkt über die parallele Schnittstelle eines PCs
getriggert.
Je nach Versuchsziel gilt ein anderes Abbruchkriterium. Bei der
Bestimmung der Bruchdehnung gilt der Versuch als beendet, wenn
der gesamte Probekörper versagt. Im Falle des Einzelfaserfragmen-
tierungstests wird die Zugbewegung gestoppt, wenn der Fragmen-
tierungsprozeß der Faserkomponente im Verbund abgeschlossen
und die Bruchstücke für die sich anschließende optische Auswer-
tung ausreichend weit voneinander entfernt sind.
Um den Versagensprozeß frühzeitig zu erkennen, die Beobach-
tung des Fragmentierungsfortschritts zu ermöglichen und das Er-
reichen des Abbruchkriteriums deklarieren zu können wurde über
dem Probekörper ein Makroskop (WILD) fest installiert. Unter-
halb des Probekörpers befindet sich eine Lichtquelle. So können
durch dem Einsatz von Polarisatoren auch die auftretenden Dop-
pelbrechungseffekte sichtbar gemacht werden.
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4-1
4 Der praktische Einsatz einiger
Charakterisierungsmethoden am
Beispiel der CFRPAs
(1) Benetzungsmessungen und thermodyna-
mische Charakterisierung – Oberflächenspan-
nung der Testflüssigkeiten
(2) Charakterisierung der Carbonfasern
thermodynamisch, mikromechanisch, elektro-
kinetisch
(3) Charakterisierung der polymeren Matrices
thermodynamisch, mikromechanisch, elektro-
kinetisch
(4) Charakterisierung der Modellverbund-
systeme – thermodynamisch, mikromechanisch
4 Der praktische Einsatz einiger
Charakterisierungsmethoden am
Beispiel der CFRPAs
4-2
Einleitung
Auflistung der experimentellen Ergebnisse, ohne Bewertung und
ohne Interpretation bzw. Diskussion.
4.1 Allgemeines
4.1 a Testflüssigkeiten für Benetzungsmessungen
Tab. 4.1-1 Polare und dispersive Anteile sowie
Gesamtwert der Oberflächenspannung der
Testflüssigkeiten bei T=23°C [2-70]
Testflüssigkeit γd /
mN/m
γp /
mN/m
γt /
mN/m
Xp
Wasser (H2O) 51,0 21,8 72,8 0,70
Glycerin (GLY) 22,8 40,6 63,4 0,36
Formamid (FA) 22,2 36,0 58,2 0,38
Diiodmethan (DIM) 6,7 44,1 50,8 0,13
Ethylenglycol (EG) 19,0 29,3 48,3 0,39
Dieethylenglycol (DEG) 45,0
Dimethylsulfoxid (DMSO) 8,7 34,9 43,6 0,2
Tricresylphosphat (TCP) 1,8 39,2 40,9 0,04
4.2 Carbonfasern
4-3
4.2 Carbonfasern
4.2 a Benetzungsmessungen
Kontaktwinkel
Tab. 4.2-1 Kontaktwinkel (a=Vorrück- und
r=Rückzugswinkel) der unmodifizierten und
der thermisch behandelten Carbonfasern,
gemessen gegen Wasser, Diiodmethan und
Fomamid bei T=23°C
Oberflächenspannung nach Wu
Unter Verwendung der Methode des harmonischen Mittels
(Gl. (3.1-17)) ergeben sich nach Wu die nachfolgenden Werte für
den dispersiven hγd und den polaren hγp Anteil der Gesamt-Ober-
flächenspannung hγt sowie die Polarität Xp
p/γt :
Tab. 4.2-2 Festkörper-Oberflächenspannung
der Verstärkungsfasern nach Wu (Methode des
harmonischen Mittels)
Unter Verwendung der Methode des geometrischen Mittels
(Gl. (3.1-19)) ergeben sich nach Wu die nachfolgenden Werte für
den dispersiven gγd und den polaren gγp Anteil der Gesamt-Oberflä-
chenspannung gγt sowie die Polarität Xp
p/γt :
Tab. 4.2-3 Festkörper-Oberflächenspannung
der Verstärkungsfasern nach Wu (Methode des
geometrischen Mittels)
Carbonfaser Kontaktwinkel vs. Wasser Kontaktwinkel vs. Diiodmethan Kontaktwinkel vs. Formamid
θa / ° θr / ° θa / ° θr / ° θa / ° θr / °
C-U 82,5±2,9 56,30±3,1 49,5±3,2 47,7±1,9 46,2±2,0 40,3±2,8
C-L 80,9±3,4 23,4±7,7 23,3±0,7 22,4±2,6 51,4±2,1 27,2±3,0
C-H 33,8±7,0 31,8±3,0 52,6±3,7 29,6±3,6 30,1±5,8 23,9±2,6
Carbonfaser hγd /
mN/m
hγp /
mN/m
hγt /
mN/m
hXp
C-U 27,5±2,0 10,1±2,0 37,6±2,0 0,27±0,06
C-L 32,6±0,3 35,0±1,7 67,6±1,4 0,52±0,03
C-H 22,0±1,7 39,9±5,3 61,9±3,5 0,64±0,09
Carbonfaser gγd /
mN/m
gγp /
mN/m
gγt /
mN/m
gXp
C-U 29,7±3,8 4,8±2,2 34,5±1,7 0,14±0,06
C-L 23,9±1,0 39,3±2,8 63,3±1,8 0,62±0,05
C-H 11,3±3,0 50,8±9,0 62,1±6,0 0,82±0,17
4 Der praktische Einsatz einiger
Charakterisierungsmethoden am
Beispiel der CFRPAs
4-4
Oberflächenspannung nach Ownes/Wendt
Unter Verwendung des Auswertungsverfahrens nach
Owens/Wendt (Gl. (3.1-14)) ergeben sich die nachfolgenden
Werte für den dispersiven OWγd und den polaren OWγp Anteil der
Gesamt-Oberflächenspannung OWγt sowie die Polarität Xp
p/γt:
Tab. 4.2-4 Festkörper-Oberflächenspannung
der Verstärkungsfasern nach Owens/Wendt
Oberflächenspannung nach van Oss/Good
Unter Verwendung des Auswertungsverfahrens nach van
Oss/Good (Gl. (3.1-25)) ergeben sich die nachfolgenden Werte
für den Lifshitz/van-der-Waals-Term γLW, den Säure/Base-Term
γAB, den Elektronendonor-Term γ und den Elektronenakzeptor-
Term γ+ der Gesamt-Oberflächenspannung vOγt, den relativen An-
teil von chemischen Wechselwirkungen XAB
AB /vOγt sowie die
Acidität +/ γ):
Tab. 4.2-5 Festkörper-Oberflächenspannung
der Verstärkungsfasern nach van Oss/Good
Oberflächenspannung nach Neumann/Kwok
Unter Verwendung des empirischen Zusammenhangs (Gl.
(3.1-31)) nach Neumann ergeben sich die nachfolgenden Werte
für die Gesamt-Oberflächenspannung γc:
Tab. 4.2-6 Festkörper-Oberflächenspannung
der Verstärkungsfasern nach Neumann
Carbonfaser OWγd /
mN/m
OWγp /
mN/m
OWγt /
mN/m
OWXp
C-U 35,5±12,3 4,1±4,1 39,6±12,9 0,10±0,11
C-L 45,4±0,7 2,2±0,1 47,6±0,7 0,05±0,00
C-H 11,6±0,5 50,6±1,1 62,3±1,2 0,81±0,02
Carbonfaser γLW /
mN/m
γAB /
mN/m
vOγt /
mN/m
γ /
mN/m
γ + /
mN/m
XAB +/ γ)
C-U 34,6±1,8 3,4±2,1 38,0±5,1 1,0±0,9 3,0±1,8 0,09±0,07 3,0±4,5
C-L 46,7±0,2 1,7±2,0 48,4±2,2 2,1±0,6 0,3±0,7 0,03±0,04 0,2±0,5
C-H 32,8±2,1 22,8±7,1 55,6±9,2 3,6±1,4 36,0±14,5 0,41±0,20 10,0±7,9
Carbonfaser γc /
mN/m
C-U 42,3±12,4
C-L 42,6±6,6
C-H 51,3±14,5
4.2 Carbonfasern
4-5
4.2 b Mechanische Charakterisierung
Bestimmung des Faserdurchmessers
Die Experimente zur Bestimmung des Faserdurchmessers wur-
den an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung
(BAM)*) mit Hilfe eines optischen Verfahrens auf der Grundlage
von Laserbeugung durchgeführt.
Abb. 4.2-1 Grafische Darstellung der mittleren
Durchmesser der Carbonfasern (zur Nomenkla-
tur siehe Kapitel 2.3 d), die Daten sind Tab.
entnommen
Tab. enthält die experimentellen Ergebnisse der Bestimmung
des Faserdurchmessers aller verwendeten Carbonfasertypen. In den
einzelnen Spalten sind dargestellt: der Stichprobenumfang N (An-
zahl der vermessenen Proben), der arithmetische Mittelwert des
Faserdurchmessers , die Standardabweichung SD(df), der Abso-
lutfehler des Mittelwerts , der jeweils minimale (max(df)) und
maximale (max(df)) gemessene Faserdurchmesser. Für die weiteren
Berechnungen ist lediglich relevant. Die anderen Daten dienen
der Abschätzung der Vertrauenswürdigkeit der Meßergebnisse.
Abbildung 4.2-1 stellt einige der Tabellendaten noch einmal gra-
fisch dar.
Tab. 4.2-1 Ergebnisse der Bestimmung der
Faserducrchmesser
*) Frau M. Bistritz, Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung,
Labor VI.21 "Mikromechanik von Polymeren/Grenzflächen", Berlin
C-U
NMAA-C-U
NMAA-C-L
C-L
C-H
01278910
8,70
8,02
8,22
8,12
9,27
Faserdurchmesser df [µm]
Carbonfaser
d
f
d
f
d
f
Carbonfaser N
/ µm SD(df) / µm / µm min(df) / µm max(df) / µm
C-H 3 9,27 0,71 0,41 8,74 10,08
C-L 20 8,70 0,66 0,15 7,55 10,20
NMAA-C-L 11 8,22 0,38 0,11 7,55 8,86
NMAA-C-U 3 8,12 0,31 0,18 7,77 8,35
C-U 15 8,02 0,44 0,11 7,49 8,69
d
f
d
f
4 Der praktische Einsatz einiger
Charakterisierungsmethoden am
Beispiel der CFRPAs
4-6
Bestimmung der Faserzugfestigkeit
Die Experimente zur Bestimmung der Faserzugfestigkeit wur-
den an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung
(BAM)*) durchgeführt. Ein vollständiger Datensatz für eine Faser-
probe enthielt Angaben zu Fasertyp, Faserdurchmesser (ermittelt
analog zu Kapitel 4.2 b), freier Weglänge, Bruchdehnung und
Zugfestigkeit (gemessen parallel zur Faser-Hauptachse). Da die
Messungen sehr zeitaufwendig sind, mußten die laufenden Experi-
mente auf zwei der ursprünglich geplanten fünf Carbonfasertypen
beschränkt werden. Alle weiteren mikromechanischen Auswertun-
gen und Interpretation beziehen sich daher vor allem auf die Car-
bonfasertypen C-U und C-L.
Tab. 4.2-2 Statistisch aufgearbeitete Rohdaten
zur Bestimmung der Faserzugfestigkeit. Bedeu-
tung der Fußnoten: a. gemessen von Herrn T.
Lampke an der TU Chemnitz im Rahmen von
[58], Daten zur Bruchdehnung nicht vorhan-
den. b. Auswertung nicht möglich
In einem ersten Schritt werden die Rohdaten statistisch ausge-
wertet (Berechnung der arithmischen Mittelwerte). Tab. 4.2-2 faßt
die Ergebnisse (Stichprobenumfang N, mittlere Freie Weglänge
, mittlere Bruchdehnung , mittlere Zugfestigkeit bei mittlerer
Freier Weglänge ) zusammen.
*) Frau M. Bistritz, Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung,
Labor VI.21 "Mikromechanik von Polymeren/Grenzflächen", Berlin
Carbonfaser N / µm / % / GPa
C-H 3 300 4,2 ± 0,6 3,0 ± 0,2
20 3000a- 3,5 ± 0,5
C-L 3 100 11,6 ± 2,2 4,0 ± 0,6
4 300 5,0 ± 0,5 3,5 ± 0,4
3 500 2,7 ± 0,2 2,7 ± 0,2
5 700 4,0 ± 0,6 3,8 ± 0,4
2 1000 4,0 ± 0,6 2,0 ± 0,5
20 3000a- 2,5 ± 0,4
NMAA-C-L 2 100 13.5 ± 2,0 5,0 ± 1,5
2300b--
3 500 5,0 ± 0,5 4,7 ± 0,5
4 700 3,5 ± 0,3 4,4 ± 0,4
NMAA-C-U 4 100b--
C-U 4 100 16 ± 1 5,4 ± 0,3
33006,3 ± 1,9 4,7 ± 1,0
35003,4 ± 0,2 3,7 ± 0,1
37002,2 ± 0,1 2,9 ± 0,3
2 1000 2,7 ± 0,1 4,0 ± 0,4
20 3000a-3,1 ± 0,5
LεσL()
Lε
σL()
4.2 Carbonfasern
4-7
Der zweite Auswertungsschritt umfaßt:
a) die Ermittlung des Weibull-Moduls (Ausfallsteilheit),
b) die Abschätzung des Korrekturfaktors ,
Die Berechnungen wurden auf der Grundlage der in
Kapitel 3.3 d eingeführten Überlegungen und mathematischen
Methoden vorgenommen. Die nachfolgenden Abbildungen 4.2-2
und 4.2-3 zeigen für die Carbonfasertypen C-U und C-L die Ab-
hängigkeit der gemessenen Zugfestigkeit von der freien Weglänge
(Einspannlänge) L und visualisieren die Bestimmung von nach
Gleichung Gl. (3.3-8).
Abb. 4.2-2 Bestimmung des Weibullmoduls
für die Carbonfaser C-U nach Gl. (3.3-8)
Abb. 4.2-3 Bestimmung des Weibullmoduls ρ
für die Carbonfaser C-L nach Gl. (3.3-8)
ρ
Kρ
ρ
ρ
-10,0 -9,5 -9,0 -8,5 -8,0 -7,5 -7,0 -6,5 -6,0 -5,5 -5,0
21,5
22,0
22,5
λ=3000µm
λ=1000µm
λ=500µm
λ=300µm
λ=700µm
λ=100µm
ρ = 5.8
ln σ(L)
[ln(L)-ln(L0)]
-9,5 -9,0 -8,5 -8,0 -7,5 -7,0 -6,5 -6,0 -5,5
21,5
22,0
22,5
λ=3000µm
λ=1000µm
λ=300µm
λ=700µm
λ=500µm
λ=100µm
ρ = 6.0
ln σ(L)
[ln(L)-ln(L0)]
4 Der praktische Einsatz einiger
Charakterisierungsmethoden am
Beispiel der CFRPAs
4-8
Tabelle 4.2-1faßt die Ergebnisse (Stichprobenumfang N, An-
zahl der vermessenen freien Weglängen, d.h. Anzahl der Stütz-
punkte für die lineare Regression, Weibullmodul , statistischer
Korrekturfaktor ).
Tab. 4.2-1 Ergebnisse der Einzelfasercharakte-
risierung
4.2 c ZpSM-Messungen
Charakterisierung der unmodifizierten Ausgangsfaser
Abbildung 4.2-4 zeigt den Einfluß der Elektrolytkonzentration
auf die Meßergebnisse einer pH-abhängigen Zetapotentialmessung
an der unmodifizierten Carbonfaser C-U. Die Abbildung wurde
[2-70] entnommen.
Abb. 4.2-4 Einfluß der Elektrolytkonzentration
auf die Meßergebnisse einer pH-abhängigen Ze-
tapotentialmessung an der unmodifizierten Car-
bonfaser C-U, [2-70]
Deutlich ist ein Veränderung (shift) des i.e.p. in Abhängigkeit
von der Elektrolytkonzentration zu erkennen. Dieser Befund deu-
tet auf spezifische Adsorptionsprozesse der Ionen aus der Elektro-
lytlösung hin. Die „Schlangenlinien-Gestalt“ der Kurve (besonders
auffällig bei c=3*10-3 M) indiziert eine Vielzahl konkurrierender
Adsorptions-/Desorptions- und Dissoziations-/Protonierungs-
ρ
Kρ
Carbonfaser NAnzahl getesteter
Freier Weglängen
C-H - - - -
C-L 18 6 6.0 ± 3,0 0,91± 0,46
NMAA-C-L 11 3 (18) -
NMAA-C-U - - - -
C-U 15 6 5.8 ± 2,0 0,92 ± 0,31
ρKρ
24681012
-70
-60
-50
-40
-30
-20
-10
0
10
20
30
C320.00A
@ 6*10-4mol/l
@ 1*10-3mol/l
@ 3*10-3mol/l
ζ [mV]
pH
4.2 Carbonfasern
4-9
Vorgänge. Eine detaillierte Analyse der pK-Werte der beteiligten
Gleichgewichte ist aufgrund der Komplexität nicht möglich (vgl.
auch Kapitel 8.2).
Auswirkungen der Fasermodifizierung
Abbildung 4.2-5 zeigt im direkten Vergleich die Ergebnisse der
pH-abhängigen Zetapotentialmessungen für die unmodifizierte
(C-U) und die modifizierte Carbonfaser (C-L) bei gleicher (Stan-
dard-) Elektrolytkonzentration c=10-3 M. Die Abbildung wurde
[2-70] entnommen.
Abb. 4.2-5 Ergebnisse der pH-abhängigen Ze-
tapotentialmessung für die unmodifizierte (C-
U) und die modifizierte (C-L) Carbonfaser,
[2-70]
Die thermische Oxidation der Carbonfaser (Angaben zum Mo-
difizierungsverfahren, siehe Kapitel 2.3 d) führt zu einer Faserober-
fläche mit erhöht sauren Charakter: Der isoelektrische Punkt der
unmodifizierten Carbonfaser liegt bei pI=4,2. Für die modifizierte
Carbonfaser ist ein i.e.p innerhalb des experimentell zugänglichen
pH-Bereiches nicht meßbar. Die im Plateaubereich auftretenden
Unregelmäßigkeiten werden durch eine überlagerte Adsorption
von Ionen (K+ und Cl) aus dem Elektrolyten verursacht [2-70].
Die Verschiebung des Plateaubereiches hin zu größeren Absolutbe-
trägen des Zetapotentials zeigt deutlich einen durch die Fasermodi-
fizierung induzierten Zuwachs an Oberflächenfunktionalitäten an.
Untersuchungen zum Modellexperiment
In Kapitel 2.3 e wurden bereits einige Aspekte des Modellexpe-
riments (Umsetzung der Carbonfasern mit N-Methylacetamid)
diskutiert. An dieser Stelle sollen ergänzend die Ergebnisse der pH-
abhängigen Zetapotentialmessungen vorgestellt werden.
24681012
-70
-60
-50
-40
-30
-20
-10
0
10
20
30
C-U
C-L
ζ [mV]
pH bei c(KCl)=10-3mol/l
4 Der praktische Einsatz einiger
Charakterisierungsmethoden am
Beispiel der CFRPAs
4-10
Abbildung 4.2-6 zeigt den Verlauf ζ(pH) für vier verschiedene
Fasertypen: die modifizierte Carbonfaser C-L als Referenz, die im
Blindversuch „umgesetzte“ Carbonfaser C-L* und die mit N-Me-
thylacetamid umgesetzte Carbonfaser C-L-NMAA.
Abb. 4.2-6 pH-abhängige Zetapotentialmes-
sungen für das Modellexperiment aus
Kapitel 2.3 e
Der Vergleich zwischen C-L und C-L* zeigt, daß diejenigen
Oberflächenfunktionalitäten, die für die Ausbildung des Plateau-
abschnitts bei pH-abhängigen Zetapotentialmessungen verant-
wortlich sind, nur unwesentlich durch die nachfolgende
thermische Behandlung (225°C an Luft, siehe Kapitel 2.3 e) beein-
flußt werden. Lediglich eine Verringerung der spezifischen Ionen-
adsorption ist zu beobachten.
Der Vergleich zwischen C-L und C-L-NMAA indiziert dagegen
eine deutliche Veränderung der Oberflächenbeschaffenheit der
Carbonfasern. Der Plateaubereich der C-L-NMAA-Faser ist zu
kleineren Absolutbeträgen des Zetapotentials hin verschoben. Dar-
aus läßt sich eine Verringerung der Anzahl von Oberflächenfunk-
tionalitäten ableiten, für die Protonen und Hydroxidionen die
p.d.i. sind. Die Adsorptionsartefakte (bei pH=3,8 und pH=8,5)
treten weiterhin mit ähnlicher Intensität auf, obgleich eine Ver-
schiebung entlang der pH-Achse zu beobachten ist. Der starke An-
stieg des ζ(pH)-Absolutbetrags im sauren pH-Bereich läßt sich
genausowenig erkenntnisbringend diskutieren wie die Adsorpti-
onsartefakte.
23456789101112
-70
-60
-50
-40
-30
-20
-10
0
10
C-L-NMAA (T=225°C)
C-L
C-L* (T=225°C)
ζ [mV]
pH bei c(KCl)=10-3mol/l
4.3 Polymere Matrices
4-11
4.3 Polymere Matrices
4.3 a Benetzungsmessungen
Kontaktwinkel
Tab. 4.3-1 Kontaktwinkel (a=Vorrückwinkel)
verschiedener aliphatischer Polyamide und
Polyethylen, gemessen gegen Wasser,
Diiodmethan und Glycerin bei T=23°C
Oberflächenspannung nach Wu
Unter Verwendung der Methode des harmonischen Mittels
(Gl. (3.1-17)) ergeben sich nach Wu die nachfolgenden Werte für
den dispersiven hγd und den polaren hγp Anteil der Gesamt-Ober-
flächenspannung hγt sowie die Polarität Xp
p/γt :
Tab. 4.3-2 Festkörper-Oberflächenspannung
der Matrixkomponenten nach Wu (Methode
des harmonischen Mittels)
Polymer Kontaktwinkel vs. Wasser Kontaktwinkel vs. Diiodmethan Kontaktwinkel vs. Glycerin
θa / ° θa / ° θa / °
PE 84,4±2,6 50,0±1,4 74,6±1,3
PA 12 77,1±1,2 35,6±3,1 70,3±2,0
PA 12.10 79,2±0,5 50,4±3,3 67,8±2,1
PA 12.9 74,2±0,9 45,5±2,3 57,9±3,0
PA 10.10 77,6±1,6 49,6±3,8 64,6±1,9
PA 6.10 74,3±2,3 56,6±1,2 69,9±2,5
PA 6.9 65,8±1,6 43,2±3,8 59,8±0,9
Polymer hγd /
mN/m
hγp /
mN/m
hγt /
mN/m
hXp
PE 27,6±2,8 9,2±5,1 36,8±2,3 0,25±0,14
PA 12 32,9±3,6 11,2±5,9 44,1±2,3 0,25±0,13
PA 12.10 26,4±2,6 12,0±5,0 38,4±4,1 0,31±0,13
PA 12.9 27,8±2,0 13,9±4,9 41,7±4,4 0,33±0,12
PA 10.10 26,5±3,5 12,7±4,8 39,2±4,4 0,32±0,13
PA 6.10 22,7±1,8 15,7±3,4 38,4±6,2 0,41±0,11
PA 6.9 27,8±3,1 18,2±3,3 46,0±5,8 0,40±0,09
4 Der praktische Einsatz einiger
Charakterisierungsmethoden am
Beispiel der CFRPAs
4-12
Unter Verwendung der Methode des geometrischen Mittels
(Gl. (3.1-19)) ergeben sich nach Wu die nachfolgenden Werte für
den dispersiven gγd und den polaren gγp Anteil der Gesamt-Oberflä-
chenspannung gγt sowie die Polarität Xp
p/γt:
Tab. 4.3-3 Festkörper-Oberflächenspannung
der polymeren Matrices nach Wu (Methode des
geometrischen Mittels)
Oberflächenspannung nach Ownes/Wendt
Unter Verwendung des Auswertungsverfahrens nach
Owens/Wendt (Gl. (3.1-14)) ergeben sich die nachfolgenden
Werte für den dispersiven OWγd und den polaren OWγp Anteil der
Gesamt-Oberflächenspannung OWγt sowie die Polarität Xp
p/γt:
Tab. 4.3-4 Festkörper-Oberflächenspannung
der polymeren Matrices nach Owens/Wendt
Polymer gγd /
mN/m
gγp /
mN/m
gγt /
mN/m
gXp
PE 30,3±2,6 4,0±5,2 34,3±2,6 0,12±0,15
PA 12 36,5±3,6 5,2±6,0 41,7±2,4 0,12±0,14
PA 12.10 27,4±1,7 7,0±5,0 34,4±4,0 0,20±0,15
PA 12.9 28,5±1,2 9,0±4,9 37,5±4,3 0,24±0,13
PA 10.10 27,3±2,1 7,7±5,0 35,0±4,2 0,22±0,15
PA 6.10 20,9±1,8 12,2±3,5 33,1±5,4 0,37±0,12
PA 6.9 26,2±1,8 14,8±3,5 41,0±5,0 0,36±0,10
Polymer OWγd /
mN/m
OWγp /
mN/m
OWγt /
mN/m
OWXp
PE 26,4±7,1 4,6±2,9 31,0±7,7 0,15±0,10
PA 12 32,8±4,2 5,4±2,1 38,2±4,7 0,14±0,06
PA 12.10 28,8±3,1 5,5±1,6 34,3±3,5 0,16±0,05
PA 12.9 27,0±4,1 8,4±2,8 35,4±4,9 0,24±0,08
PA 10.10 26,2±3,1 7,1±1,9 33,3±3,6 0,21±0,06
PA 6.10 24,1±4,3 8,9±3,2 33,0±5,3 0,27±0,10
PA 6.9 22,8±4,8 14,0±4,6 36,8±6,7 0,38±0,14
4.3 Polymere Matrices
4-13
Oberflächenspannung nach van Oss/Good
Unter Verwendung des Auswertungsverfahrens nach van
Oss/Good (Gl. (3.1-25)) ergeben sich die nachfolgenden Werte
für den Lifshitz/van-der-Waals-Term γLW, den Säure/Base-Term
γAB, den Elektronendonor-Term γ und den Elektronenakzeptor-
Term γ + der Gesamt-Oberflächenspannung vOγt, den relativen An-
teil von chemischen Wechselwirkungen XAB
AB /γt sowie die
Acidität +/ γ):
Tab. 4.3-5 Nach van Oss/Good berechnete
Oberflächenspannungen, Anteilscharakterisk
und Acidität der polymeren Matrices
Oberflächenspannung nach Neumann
Unter Verwendung des empirischen Zusammenhangs (Gl.
(3.1-31)) nach Neumann ergeben sich die nachfolgenden Werte
für die Gesamt-Oberflächenspannung γEOS:
Tab. 4.3-6 Nach Neumann berechnete Fest-
körper-Oberflächenspannungen der polymeren
Matrices
Polymer γLW /
mN/m
γAB /
mN/m
vOγt /
mN/m
γ /
mN/m
γ+ /
mN/m
XAB γ +/ γ
PE 34,3±0,8 1,1±1,4 35,4±2,2 5,0±2,2 0,1±0,1 0,03±0,04 0,01±0,01
PA 12 40,6±1,4 1,4±0,7 42,0±2,1 7,3±1,0 0,1±0,1 0,03±0,02 0,01±0,01
PA 12.10 34,1±1,9 3,4±1,3 37,4±3,3 6,3±1,1 0,5±0,3 0,09±0,04 0,07±0,05
PA 12.9 36,7±1,2 5,6±1,2 42,4±3,2 5,7±1,4 1,4±0,6 0,13±0,04 0,24±0,16
PA 10.10 34,5±2,1 3,6±1,7 38,1±3,8 4,3±1,7 0,8±0,4 0,09±0,05 0,18±0,16
PA 6.10 30,5±0,7 3,5±2,3 34,0±3,0 12,7±3,6 0,2±0,3 0,10±0,07 0,02±0,04
PA 6.9 38,0±2,0 4,6±1,5 42,6±3,5 15,0±0,2 0,4±0,2 0,11±0,04 0,02±0,01
Polymer γEOS /
mN/m
PE 32,7±3,5
PA 12 38,7±3,0
PA 12.10 36,2±0,4
PA 12.9 39,9±2,1
PA 10.10 37,3±1,1
PA 6.10 35,8±3,0
PA 6.9 41,6±2,6
4 Der praktische Einsatz einiger
Charakterisierungsmethoden am
Beispiel der CFRPAs
4-14
4.3 b ZpSM-Messungen
Ergebnisse für HDPE
Abbildung 4.3-1 zeigt die pH-Abhängigkeit des Zetapotentials
für HDPE. Überraschenderweise zeigt das System kein unpolares
Verhalten (siehe Abb. 3.2-4). Es ist zu vermuten, daß auch hier spe-
zifische Adsorptionsprozesse dominieren. Aufschluß darüber
könnten Ergebnisse aus konzentrationsabhängigen Messungen lie-
fern, die jedoch leider nicht vorliegen.
Aus Abb. 4.3-1 muß geschlußfolgert werden, daß sich die
HDPE-Festkörperoberfläche als stark saure Oberfläche mit einem
i.e.p. bei pI=3,25 präsentiert. Wie noch zu sehen sein wird, ist der
i.e.p von HDPE damit sogar noch kleiner als alle i.e.p.s der alipha-
tischen Polyamide.
Der deutlich sichtbare Sprung bei pH=5.7 resultiert aus einem
experimentellen Fehler. Die separat als „saurer Ast“ und „basischer
Ast“ vermessenen Teilkurven wurden für minimal unterschiedliche
Elektrolytkonzentrationen bzw. Elektrolytleitfähigkeiten (Diffe-
renz ca. 0.5mS/m) gemessen. Bei einem Vergleich von Meßkurven
müssen diese beiden Kurven stets mit einbezogen werden.
Abb. 4.3-1 pH-abhängige Zetapotentialmes-
sung für HDPE
Ergebnisse für die aliphatischen Polyamide
Abbildung 4.3-2 zeigt am Beispiel von PA 12.9 den für alle ver-
messenen Polyamide typischen Verlauf für ζ(pH).
Wie aus der elektrokinetischen Theorie zu erwarten ist (siehe
Kap.Kapitel 4.2 c), zeigen alle Systeme eine deutlich amphoteren
Kurvenverlauf mit einem i.e.p. im sauren und einem Plateau im ba-
sischen pH-Bereich. ζPlaetau-Werte im sauren pH-Bereich können
23456789101112
-35
-30
-25
-20
-15
-10
-5
0
5
10
15
ζ [mV]
pH
4.3 Polymere Matrices
4-15
ohne mathematische Hilfsmittel (sieh Kap. 13) nicht quantifiziert
werden.
Tabelle 4.3-7 faßt die Ergebnisse zusammen.
Abb. 4.3-2 pH-abhängige Zetapotentialmes-
sung für PA 12.9. Dieser Kurvenverlauf ist ty-
pisch für alle vermessenen aliphatischen
Polyamide.
Tab. 4.3-7 Lage des i.e.p. und ζplateau aus pH-
abhängigen Zetapotentialmessungen für die ver-
schiedenen polymeren Matrizes
234567891011
-25
-20
-15
-10
-5
0
5
10
15
20
ζ [mV]
pH
Polymer pI ζplateau / mV
PE 3,2 -24,86
PA 12 4,2 -25,0
PA 12.10 4,1 -20,07
PA 12.9 4,0 -20,67
PA 10.10 3,7 -23,78
PA 6.10 4,0 -24,43
PA 6.9 3,7 -18,78
4 Der praktische Einsatz einiger
Charakterisierungsmethoden am
Beispiel der CFRPAs
4-16
4.4 Modellverbundsysteme
4.4 a Thermodynamische Adhäsionsmodelle
Thermodynamische Adhäsionsarbeit nach Wu
Unter Verwendung der Methode des harmonischen Mittels
(Gl. (3.1-18)) und der Methode des geometrischen Mittels (Gl.
(3.1-20)) nach Wu ergeben sich die nachfolgenden Werte für die
thermodynamische Adhäsionsarbeit Wa:
Tab. 4.4-1 Nach Wu berechnete
thermodynamische Adhäsionsarbeit
Thermodynamische Adhäsionsarbeit nach Ownes/Wendt
Durch den Einsatz der Auswertungsmethode nach Ownes und
Wendt unter Verwendung des geometrischen Mittels (Gl.
(3.1-15)) ergeben sich die nachfolgenden Werte für die thermody-
namische Adhäsionsarbeit Wa:
Tab. 4.4-2 Nach Owens/Wendt berechnete
thermodynamische Adhäsionsarbeit
Carbonfaser C-U C-H C-L C-U C-H C-L
Polymere
Matrix
hWa /
mN/m
hWa /
mN/m
hWa /
mN/m
gWa /
mN/m
gWa /
mN/m
gWa /
mN/m
PE 74,4±14,7 88,9±17,9 78,9±19,0 68,7±6,7 89,5±12,8 65,4±15,3
PA 12 81,2±16,1 99,4±20,2 87,7±21,3 75,8±7,6 87,7±14,7 73,1±17,5
PA 12.10 75,8±13,6 94,1±16,8 84,9±18,2 68,6±7,6 84,4±16,7 72,9±19,7
PA 12.9 78,7±12,5 99,8±15,5 90,4±17,5 71,3±8,2 89,9±18,9 78,7±22,2
PA 10.10 76,5±14,2 95,7±17,0 86,6±18,3 69,1±7,9 85,9±17,6 74,7±20,7
PA 6.10 74,3±10,1 96,9±11,2 89,8±13,8 65,1±9,3 88,6±22,1 80,5±25,6
PA 6.9 81,3±11,3 107,9±12,1 99,1±14,5 72,6±10,1 98,3±24,3 89,3±28,2
Carbonfaser C-U C-H C-L
Polymere
Matrix
OWWa /
mN/m
OWWa /
mN/m
OWWa /
mN/m
PE 69,9±14,7 75,7±9,8 65,5±16,0
PA 12 77,6±14,2 84,1±6,0 72,1±16,8
PA 12.10 73,4±13,4 79,3±5,2 70,0±16,9
PA 12.9 73,6±14,3 78,7±6,8 76,7±20,8
PA 10.10 71,7±13,5 76,9±5,7 72,7±19,1
PA 6.10 70,5±14,2 75,0±7,3 75,8±21,4
PA 6.9 72,0±15,7 75,5±8,8 85,9±26,9
4.4 Modellverbundsysteme
4-17
Thermodynamische Adhäsionsarbeit nach van Oss/Good
Unter Verwendung des Modells von van Oss/Good (Gl.
(3.1-26) und Gl. (3.1-27)) ergeben sich die nachfolgenden Werte
für den attraktiven (vOaWa ) und den repulsiven (vOrWa) Beitrag zur
thermodynamischen Adhäsionsarbeit:
Tab. 4.4-3 Nach van Oss/Good berechnete
thermodynamische Adhäsionsarbeit, attraktiver
(A) und repulsiver (R) Anteil
Nach Gl. (3.1-28) ergeben sich die Gesamtwerte der thermody-
namischen Adhäsionsarbeit vOtWa:
Tab. 4.4-4 Nach van Oss/Good berechneter
Gesamtwert der thermodynamischen Adhäsi-
onsarbeit
Carbonfaser C-U C-H C-L C-U C-A C-L
Polymere
Matrix
vOAWa /
mN/m
vOaWa /
mN/m
vOaWa /
mN/m
vOrWa /
mN/m
vOrWa /
mN/m
vOrWa /
mN/m
PE 77,1±3,5 83,4±3,0 94,9±8,4 5,3±2,5 6,8±1,8 11,5±4,1
PA 12 84,8±3,7 91,0±3,5 106,5±7,4 6,3±2,6 8,1±1,4 13,5±2,6
PA 12.10 78,6±3,8 84,7±3,7 99,4±7,2 7,3±2,6 8,0±1,5 17,6±3,7
PA 12.9 81,1±3,6 89,1±3,3 102,6±7,4 8,8±2,7 8,3±2,0 23,2±4,8
PA 10.10 77,9±3,9 85,2±3,6 95,5±7,6 7,1±2,4 7,0±1,8 18,3±4,0
PA 6.10 78,2±4,5 81,1±4,4 107,8±10,8 8,7±3,6 10,9±2,2 19,4±4,6
PA 6.9 87,0±4,8 90,5±5,1 119,3±9,8 9,7±3,6 11,9±1,9 21,8±3,6
Carbonfaser C-U C-H C-L
Polymere
Matrix
vOtWa /
mN/m
vOtWa /
mN/m
vOtWa /
mN/m
PE 71,8±8,6 76,6±7,0 83,5±18,8
PA 12 78,5±8,9 82,9±7,6 93,0±15,7
PA 12.10 71,3±9,1 76,6±8,1 81,8±16,2
PA 12.9 73,0±9,1 80,8±7,7 79,4±17,5
PA 10.10 70,8±9,0 78,2±8,0 77,1±17,3
PA 6.10 69,5±11,4 70,3±9,9 88,5±23,5
PA 6.9 77,3±12,1 78,6±10,9 97,5±21,0
4 Der praktische Einsatz einiger
Charakterisierungsmethoden am
Beispiel der CFRPAs
4-18
Thermodynamische Adhäsionsarbeit nach Neumann
Tab. 4.4-5 Nach Neumann berechnete
thermodynamische Adhäsionsarbeit
Thermodynamische Adhäsionsarbeit nach Kwok
Tab. 4.4-6 Nach Kwok berechnete
thermodynamische Adhäsionsarbeit
Carbonfaser C-U C-H C-L
Polymere
Matrix
NWa /
mN/m
NWa /
mN/m
NWa /
mN/m
PE 73,5±9,9 73,7±6,5 78,7±8,2
PA 12 80,7±11,5 81,0±6,7 87,5±9,6
PA 12.10 77,9±10,1 78,1±5,3 84,0±7,7
PA 12.9 82,0±11,7 82,3±6,5 89,1±9,6
PA 10.10 79,1±10,6 79,4±5,7 85,5±8,2
PA 6.10 77,5±10,6 77,7±6,3 83,4±8,7
PA 6.9 83,8±12,4 84,1±6,9 91,4±10,5
Carbonfaser C-U C-H C-L
Polymere
Matrix
KWa /
mN/m
KWa /
mN/m
KWa /
mN/m
PE 72,5±8,2 72,6±6,3 75,1±7,2
PA 12 80,6±10,8 80,9±6,4 86,1±7,6
PA 12.10 77,5±8,6 77,7±4,5 81,9±4,0
PA 12.9 82,0±11,2 82,2±6,2 88,0±7,4
PA 10.10 78,9±9,4 79,1±5,0 83,7±6,1
PA 6.10 77,0±9,2 77,2±5,9 81,2±6,6
PA 6.9 83,8±12,3 84,1±6,8 90,7±8,8
4.4 Modellverbundsysteme
4-19
4.4 b Einzelfaserfragmentierungstest
Mittlere Fragmentlänge
Das Ergebnis eines Einzelfaserfragmentierungstests ist (wie in
Kapitel 3.3 dargestellt) eine Fragmentlängenverteilung. Deren sta-
tistische Analyse führt zu einem spezifischen Mittelwert der
Fragmentlänge . Die in Tab. 4.4-7 zusammengefaßten Werte
wurden nach dem in Kapitel 9.1 f vorgestellten Verfahren be-
stimmt.
Tab. 4.4-7 Mittlere Fragmentlängen für die ho-
mologen Verbundserien MVS-xx-C-U und
MVS-xx-C-L
Mittlere Einzlfaserzugfestigkeit bei mittlerer Fragmentlänge
Die letzte unbekannte Größe für die Berechnung der mittleren
Grenzflächenscherfestigkeit nach Gl. (3.3-3) ist die mittlere Ein-
zelfaserzugfestigkeit bei mittlerer Fragmentlänge . Mit Hilfe
der optimierten Funktionsparameter aus der linearen Regression
zur Bestimmung des Weibull-Moduls ρ sowie den Gleichungen
3.3-8 oder 3.3-9 können die gesuchten Werte pro MVS und zuge-
höriger mittlerer Fragmentlänge durch Interpolation bestimmt
werden. Tabelle 4.4-8 faßt die Ergebnisse zusammen.
Tab. 4.4-8 Mittlere Einzelfaserzugfestigkeit bei
mittlerer Fragmentlänge
l
l
Carbonfaser C-U C-L
Polymere
Matrix /
µm
/
µm
PE 2680±830 2130±820
PA 12 674±83 -
PA 12.10 615±76 403±46
PA 12.9 726±64 376±38
PA 10.10 566±71 361±33
PA 6.10 603±75 325±86
PA 6.9 400±56 311±83
l l
σl()
τ
σl()
l
Carbonfaser C-U C-L
Polymere
Matrix
/
GPa
/
GPa
PE 2,75±1,53 2,17±1,73
PA 12 3,78±2,36 -
PA 12.10 3,84±2,42 3,17±2,94
PA 12.9 3,73±2,32 3,21±2,98
PA 10.10 3,89±2,46 3,23±3,01
PA 6.10 3,85±2,43 3,29±3,09
PA 6.9 4,13±2,68 3,31±3,12
σl() σl()
4 Der praktische Einsatz einiger
Charakterisierungsmethoden am
Beispiel der CFRPAs
4-20
4.4 c Grenzflächenscherfestigkeit nach Kelly/Tyson
Die Zusammenführung aller Ergebnisse aus den Kapiteln 4.2 b
(Faserdurchmesser, statistischer Korrekturfaktor) und 4.4 b (Mitt-
lere Fragmentlänge, Einzelfaserzugfestigkeit) durch Einsetzen der
Werte in die modifizierte Kelly/Tyson-Gleichung (Gl. (3.3-3))
ermöglicht die Berechnung der mittleren Grenzflächenscherfestig-
keit . Die Absolutfehler wurden (wie auch bei allen anderen Grö-
ßen) nach dem Gaußschen Fehlerfortpflanzungsgesetz bestimmt.
Die sehr großen Werte ergeben sich aufgrund der Tatsache, daß so-
wohl der statistische Korrekturfaktor als auch die mittlere Ein-
zelfaserzugfestigkeit aufgrund der gemeinsamen statistische
Datenbasis bereits mit Relativfehlern zwischen 30 und 50 % behaf-
tet sind (vgl. Tabellen 4.2-1 und 4.2-2). Einmal mehr zeigt sich
daran die enorme Bedeutung vertrauenswürdiger Experimente zur
Bestimmung der Einzefaserzugfestigkeit für die Qualität der
Grenzflächenscherfestigkeitsdaten. Tabelle 4.4-9 faßt die Ergebnis-
se zusammen.
Tab. 4.4-9 Grenzflächenscherfestigkeit für die
homologen Verbundserien MVS-xx-C-U und
MVS-xx-C-L
Carbonfaser C-U C-L
Polymere
Matrix /
MPa
/
MPa
PE 2,1 ± 1,6 2,1 ± 2,1
PA 12 20,6 ± 14,7 -
PA 12.10 22,9 ± 16,5 31,2 ± 32,9
PA 12.9 18,9 ± 13,4 33,8 ± 35,8
PA 10.10 25,3 ± 18,2 35,4 ± 37,6
PA 6.10 23,4 ± 16,9 40,1 ± 42,8
PA 6.9 37,9 ± 27,9 42,2 ± 45,2
τ
Kρ
σl()
τ τ
Teil 11
Modelle
„Erfahrung, Experiment und Mathematik
sind die drei tragenden Säulen der Wissenschaft.“
Roger Bacon
5-3
5 Chemometrische Modellierung von
aliphatischen Polyamiden
(1) Grundlegende Klassifizierungsoptionen
für aliphatische Polyamide - Parität , konstitu-
tive Wiederholungseinheit, homologe Reihen
und isomere Gruppen
(2) Abstrakte Darstellung der Hauptkette von
aliphatischen Polyamiden - extended-Ketten-
konfiguration
(3) Weitergehende Klassifizierungsoptionen
für aliphatische Polyamide - konfigurative
Wiederholungseinheit
(4) Chemometrische Grundformeln
(5) Kurze Analyse konventioneller Skalie-
rungsungsmodelle - Strukturmerkmale und
Grenzwertbetrachtungen
(6) Polyamidmoleküle als binäre Mischung -
Konzeptionell-mathematische Vorbereitung
eines Separationsansatzes
(7) Wiederholungseinheit und Indifferenz -
Systembedingte Schwächen von Skalierungsmo-
dellen
(8) Strukturvariablen der Homopolyamide -
Zu Energieminimierungsprozessen und deren
strukturbasierten Parametern
5 Chemometrische Modellierung
von aliphatischen Polyamiden
5-4
Einleitung
Mathematische Voraussetzung für eine Korrelationsanalyse zwi-
schen molekularer Struktur und makroskopischer Eigenschaft ist
die Festlegung eines skalierbaren Strukturmerkmals S auf mole-
kularer Ebene (siehe Kapitel 2). S muß im Sinne einer gemeinsa-
men mathematischen Basis gewählt werden, auf deren Grundlage
die Proben miteinander in Relation gesetzt werden können. Alle
mit in die Korrelationsanalyse einbezogenen Test-Verbindungen
müssen innerhalb der molekularen Dimension auf dieses gemein-
same Strukturmerkmal abbildbar sein – beispielsweise das Verhält-
nis zweier funktioneller Gruppen, die jeweils in allen zu
betrachtenden Molekülen vorhandenen sind.
Der Festlegung eines geeigneten Strukturmerkmals wird in der Re-
gel eine Arbeitshypothese (Modell) zugrunde liegen. Man wird S
so wählen, daß sich Moleküle, für die verschiedene numerische
Werte der fokussierten (gemeinsamen) makroskopischen Eigen-
schaften erwartet werden, bereits innerhalb des Wertebereichs des
Strukturmerkmals unterscheiden. Ist dies nicht der Fall, dann läßt
sich auch kein analytischer, mathematischer Zusammenhang
(Funktion) zwischen Strukturmerkmal und Eigenschaftswert fin-
den, denn die Abbildung ist nicht eindeutig.
Aus den Arbeiten zur thermodynamischen Benetzungstheorie
kennt man die Vorgehensweise [2-70], eine Größe (in jenem Fall
die Oberflächenspannung γ) durch einen Separationsansatz in
Teilgrößen zu zerlegen (z.B. dispersive, polare, Säure-Base-, Elek-
tronendonor- Elektronenakzeptor-, Lifshitz/van-der-Waals-Kom-
ponente etc.), um anschließend die Teilbeiträge quantitativ
bewerten zu können (siehe Kapitel 3.1 f). Ziel des theoretischen
Teils der vorliegenden Arbeit ist es, einen solchen Separationsan-
satz auch für eine, den Verbund aus Carbonfaser und Polyamid
charakterisierende, Pseudo-Kenngröße – die Grenzflächenscherfe-
stigkeit
τ
IFSS – zu entwickeln.
In diesem Kapitel wird ein chemometrisches Modell für aliphati-
sche Polyamide entwickelt. Es wird herausgearbeitet, warum die in
der Literatur üblicherweise für Polyamide verwendeten Struktur-
merkmale S für die wissenschaftlichen Ziele dieser Arbeit unge-
eignet sind. Es sei vorausgeschickt, daß dieses Modell durchaus auf
eine Reihe grenzwertiger Vereinfachungen aufbaut. Da dies aber
ein Wesensmerkmal wissenschaftlicher Modelle und die Praxis (al-
so das Experiment) stets das höchste Wahrheitskriterium ist, sei der
skeptische Leser auf Kapitel 10 verwiesen.
5.1 Konventionelle Klassifizierungsoptionen für Polyamide
Die Argumentation in diesem und den nachfolgenden Kapiteln
baut größtenteils auf einer mathematikbasierten, strukturbezoge-
nen Abstraktion von Homopolyamiden auf. Es erscheint daher
sinnvoll, diese absolut theoretische Sicht bereits einleitend einzu-
führen und wichtige Begriffe zu definieren. Absolut theoretisch ist
die Sicht deshalb, weil einerseits der Versuch unternommen wird,
die Natur zu idealisieren, in ein Raster zu pressen und dabei An-
nahmen zu treffen, die bei pauschaler Verwendung zu einem fal-
xy
1y2..., yn
,,{}
5.1 Konventionelle
Klassifizierungsoptionen für
Polyamide
5-5
schen Bild von Makromolekülen im Allgemeinen und Polyamiden
im Speziellen führen; andererseits, weil von konkreten Polyamiden
gesprochen werden wird, die entweder keine praktische Relevanz
besitzen (z.B. PA 20) oder synthetisch überhaupt nicht zugänglich
sind (z.B. PA 0.2).
Zu Fragen der Nomenklatur sei auf Kapitel 2.3 b verwiesen.
5.1 a Die konstitutive Wiederholungseinheit PWE
Die für die Naturwissenschaft Chemie natürlichste Klassifizie-
rungsoption für Polyamide basiert auf der chemischen Konstituti-
on. Die Makromolekulare Chemie definiert zu diesem Zweck die
Wiederholungseinheit, einen repetitiven Strukturabschnitt inner-
halb der Polymerkette, der alle Grundbausteine des Polymers (ge-
nau ein Mal) enthält und dessen Grenzen auf Grundlage der bei
der Polymerbildung geknüpften chemischen Bindungen festgelegt
werden.
Im weiteren Verlauf (Kapitel 5.3) wird es zur Definition einer
„anderen“ Wiederholungseinheit kommen, deren Grenzen nicht
mit denen der konventionellen Wiederholungseinheit überein-
stimmen. Um eine begriffliche und inhaltliche Unterscheidung
zwischen diesen beiden Wiederholungseinheiten zu gewährleisten,
wird die konventionelle Wiederholungseinheit im weiteren als kon-
stitutive Wiederholungseinheit (PWE, P für primär in Anlehnung an
die biochemische Kategorie) bezeichnet.
5.1 b Die Parität P
Die lange Tradition in der Untersuchung der Eigenschaften von
Polyamiden hat zu einer weiteren Klassifizierung geführt. Das Un-
terscheidungskriterium ist die Parität P, die von der Anzahl der
Methylengruppen in den Grundbausteinen abgeleitet wird:
Ist die Anzahl der Methylengruppen in der Hauptkette eines
Grundbausteins gerade, so wird dies durch den Buchstaben „g“ ge-
kennzeichnet. Ist sie dagegen ungerade, so wird der Buchstabe „u
verwendet. Im Falle der AABB-Typen erhalten die beiden alternie-
renden Grundbausteine jeweils einen eigenen Buchstaben zugewie-
sen. Die Reihenfolge der Buchstaben folgt der generellen
Nomenklaturvorschrift für Polyamide. Es resultieren insgesamt 4
Paritätenklassen: gg, gu, ug und uu. Für AB-Typen, die jeweils nur
1 Grundbaustein enthalten, können nur 2 Paritätenklassen abgelei-
tet werden: u und g. Unter Verwendung des Paritätskriteriums er-
hält man also insgesamt 6 Paritätsklassen für aliphatische
Polyamide. Wenn man – ausgehend von einem beliebigen alphati-
schen Polyamid – die in einem Grundbaustein enthaltene Methy-
lensequenz in Schritten von 2n Methylengruppen verlängert oder
verkürzt, gehören alle auf diese Art neu gebildeten Polyamide der
gleichen Paritätsklasse wie das ursprüngliche Polyamid an. Dage-
gen würde das Hinzufügen oder Entfernen einer ungeraden Anzahl
von Methylengruppen zu einem Paritätsklassenwechsel führen.
5 Chemometrische Modellierung
von aliphatischen Polyamiden
5-6
5.1 c Homologe Reihen und isomere Gruppen
In Arbeiten, die sich mit einer systematischen Charakterisierung
der Eigenschaften von Polyamiden beschäftigen (u.a. [5-168]-
[5-170], [5-172], [5-177], [5-180]) werden die zu untersuchenden
Polyamide meist auf der Grundlage einer spezifischen strukturellen
Charakteristik ausgewählt. Beispielsweise könnte die Anforderung
sein, daß der aminische und der acidische Grundbaustein des Po-
lyamids exakt die gleiche Anzahl von Methylengruppen enthält.
Oft stellt man fest, daß die geforderte Charakteristik für eine ganze
Reihe von Polyamiden typisch ist, die noch dazu in einem mathe-
matisch beschreibbaren Zusammenhang stehen. Zur Identifizie-
rung dieser Polyamide wird meist ein variabler Bezeichner
konstruiert, der sich in seiner Grundform an der Nomenklatur von
aliphatischen Polyamiden orientiert und der den mathematischen
Zusammenhang im Sinne einer Bildungsvorschrift für eine homo-
loge Reihe wiedergibt, z.B. PA (2n).(2n+2) – hier wären alle Poly-
amide erfaßt, die der (homologen) Reihe PA 0.2, PA 2.4, PA 4.6,
PA 6.8 usw. angehören.
Die Möglichkeit, aliphatische Polyamide auf der Grundlage von
homologen Reihen zu klassifizieren, mag nicht weiter überraschen
– schließlich sind die Monomere aliphatischer Polyamide selbst
Glieder homologer Reihen. Zu beachten ist jedoch, daß die Typ-
AABB-Polyamide das (chemische) Produkt der Vertreter zweier
unabhängig voneinander indizierter homologer Reihen sind. Die
Folge ist, daß chemisch verschiedene Polyamide über exakt die glei-
che Art und Anzahl von Atomen in der konstitutiven Wiederho-
lungseinheit verfügen können – dann also einer konstitutiven
Strukturisomerie unterliegen. Prinzipiell sind unendlich viele end-
liche Mengen von Strukturisomeren möglich.
Abb. 5.1-1 Schmelztemperaturen von Polyami-
den, basierend auf Tetramethylendiamin (z)
und Pentamethylendiamin ({) nach [5-162]
Die Anzahl der Elemente jeder Menge wird durch die Anzahl
der Methylengruppen bestimmt, die insgesamt in der konstitutiven
Wiederholungseinheit zur Verfügung stehen. Ein beliebiges Poly-
amid PA x.y hat jeweils (x+y-2) strukturisomere Polyamide. Das
heißt, aus einer gegebenen Anzahl von Methylengruppen in der
Hauptkette eines Polyamids pro konstitutive Wiederholungsein-
heit ergeben sich stets strukturisomere
Polyamide.
5.2 Die extended-Kettenkonfiguration
Ein bekanntes Beispiel für die quantitative Auftragung einer
Struktur/Eigenschaft-Beziehung ist die vergleichende Darstellung
der Schmelztemperatur verschiedener Homopolyamide (z.B.
[2-63], [5-162]). Man erhält den typischen oszillierenden Kurven-
verlauf, wie er in Abb. 5.1-1 skizziert ist - eine Darstellung, die gut
geeignet ist, die enorme Bedeutung der Wasserstoffbrückenbin-
dungen in Polyamiden aufzuzeigen:
Markiert man die Meßpunkte jeweils mit dem Paritätsklassen-
symbol (“uu“,“gg“,“gu“,“ug“) des zugehörigen Polyamids und ver-
bindet anschließend diejenigen Meßpunkte, die das gleiche
Paritätsklassensymbol tragen, so erhält man vier diskrete, aber
nCH2
()
PWE nCH2
()
PWE 1+
5.2 Die extended-
Kettenkonfiguration
5-7
nicht oszillierende, Kurven auf unterschiedlichen Niveaus
(Schmelztemperatur) die einem gemeinsamen Grenzwert zuzustre-
ben scheinen. Die Kurve für die Paritätsklasse gg verläuft auf dem
nächsten Niveau, gefolgt von den Paritätsklassen gu, ug und uu.
Abb. 5.2-1 Relative Orientierung der Amid-
gruppen entlang der Polymerhauptkette und de-
ren Beeinflußbarkeit durch das Hinzufügen und
Entfernen von Methylengruppen. Ausgehend
von PA 4.4 (Mitte) erfolgt durch Hinzufügen
von einer (unten) oder zwei (oben) Methylen-
gruppen ein Übergang in eine andere Paritäts-
klasse oder nicht (siehe nebenstehenden Text).
Diese phänomenologische Analyse ist die Motivation für eine
Modellabstraktion, bei der die Konfiguration der Hauptkette von
Polyamiden als linear (d.h. ausschließlich in trans-Konfiguration
vorliegend) und unverdrillt (d.h, planar in einer Ebene liegend) be-
trachtet wird. In der Literatur ist eine derartige Konfiguration als
extended oder all-trans-Konfiguration bekannt. Auf diese Weise
rückt die relative Orientierung der Amidgruppen entlang der
Hauptkette in den Fokus der Betrachtung. Man kann sich anhand
eines einfachen Beispiels sehr schnell klarmachen, daß die relative
Orientierung zweier benachbarter Amidgruppen unabhängig von
der Anzahl der zwischen ihnen liegenden Methylgruppen ist, so
lange es durch das Hinzufügen oder Entfernen von Methylengrup-
pen nicht zu einem Paritätsklassenwechsel des Polyamids kommt.
In Abb. 5.2-1 ist der Ausschnitt einer PA 4.4-Kette in einer exten-
ded-Konfiguration dargestellt. Die beiden markierten Amidgrup-
pen sind antiparallel zueinander und orthogonal zur Kettenachse
orientiert. Fügt man nun zwei Methylengruppen in die Hauptkette
des aminischen Grundbausteins ein, so erhält man PA 6.4. Auch
hier sind die beiden Amidgruppen antiparallel zueinander orien-
tiert. Beide Polyamide gehören der Paritätsklasse gg an. Fügt man
lediglich eine Methylengruppe in die Hauptkette des aminischen
Grundbausteins ein, so erhält man PA 5.4. Die beiden markierten
Amidgruppen(fragmente) sind nun parallel zueinander orientiert.
PA 5.4 besitzt die Paritätsklasse ug. Das gleiche Experiment hätte
man natürlich auch mit dem acidischen Grundbaustein oder par-
allel mit dem aminischen und acidischen Grundbaustein durch-
führen können.
Um die spezifische Abhängigkeit der Amidgruppenorientierung
von der Methylengruppenanzahl in den Grundbausteinen zu beto-
nen, werden die Methylenketten in den Abbildungen dieser Arbeit
noch stärker abstrahiert. Die Darstellung reduziert sich auf die re-
lative Lage der Verknüpfungspunkte zwischen Methylenkette und
Amidgruppen. Die Methylenkette wird als durchgehende Linie
dargestellt (Abb. 5.2-2). Dabei entspricht eine „gerade“ Linie zwi-
schen zwei Amidgruppen der Parität „ungerade“ (u).
Abb. 5.2-2 Abstraktion der Hauptkette am Bei-
spiel von PA 4.5: Die Methylenkette wird auf
die relative Lage ihrer Verknüpfungspunkte mit
den Amidgruppen reduziert und als durchge-
hende Linie (rot) dargestellt
Die Interpretation des in Abb. 5.1-1 dargestellten oszillierenden
Kurvenverlaufes gelingt nun durch paarweise Gegenüberstellung
beliebiger, aber chemisch identischer Polyamidketten im Rahmen
einer einfachen geometrischen Betrachtung (siehe Abbildungen
5.2-3 bis 5.2-4):
5 Chemometrische Modellierung
von aliphatischen Polyamiden
5-8
XFür alle nachfolgenden Betrachtungen wird eine von der übli-
chen Konvention abweichende Darstellung für Polyamide
gewählt. Die Molekülausschnitte werden stets beginnend mit
einer vollständigen Amidgruppe (–NH-CO–) und dem acidi-
schen Grundbaustein abgebildet. Zur Bestimmung der Anzahl
von Amidgruppen pro PWE werden stets alle NH- und CO-
Gruppen in der PWE berücksichtigt.
Dieser Konventionsbruch ist für die nachfolgendem (chemome-
trischen) Betrachtungen von praktischem Vorteil.
Abb. 5.2-3 Ausbildung von intermolekularen
Wasserstoffbrückenbindungen bei den verschie-
denen Paritätsklassen aliphatischer Polyamide:
gg-Typ / u-Typ / g-Typ mit paralleler (g) und
antiparalleler (g’) Orientierung benachbarter
Kettensegmente / uu-Typ
Lediglich bei den Paritätsklassen gg, u und g sind alle NH- und
CO-Funktionalitäten an der Ausbildung von intermolekularen
Wasserstoffbrückenbindungen beteiligt (Abb. 5.2-3). Bei Polyami-
den des g-Typs kann diese maximale Anzahl an Wasserstoffbrük-
kenbindungen nur durch eine antiparallele Orientierung (g’) der
benachbarten Ketten erreicht werden. Bei AABB-Polyamiden mit
5.2 Die extended-
Kettenkonfiguration
5-9
einem ungeraden Paritätsanteil (uu, gu, ug) können dagegen inner-
halb einer kristallinen Struktur aufgrund molekülgeometrischer
Schranken maximal 50% aller formal existierenden Amidgruppen
an der Ausbildung von Wasserstoffbrückenbindungen beteiligt
sein (vgl. Abb. 5.2-4).
Auf Grundlage dieser Erkenntnis läßt sich erklären, warum Po-
lyamide der Paritätsklasse gg gegenüber allen anderen AABB-Pari-
tätsklassen die höchste Schmelztemperatur aufweisen (Abb. 5.1-1).
Das Beispiel macht vor allem aber deutlich, wie sinnvoll es ist, das
Makromolekül als ein expandiertes Gebilde in seinem mesoskopi-
schen Umfeld zu diskutieren. Struktur- und Wiederholungseinhei-
ten sind formale Charakteristika eines Moleküls, die ihren
abstrakten Ausdruck in chemischen Formeln finden. Vorrangiges
Ziel dabei ist die identifizierende Benennung. Der größte Teil der
Methoden, die von der Physik bzw. physikalischen Chemie zur
Charakterisierung von Stoff- und Oberflächeneigenschaften zur
Verfügung gestellt werden, beruht jedoch nicht auf der Wechsel-
wirkung mit einem einzelnen Molekül. Die Lösung technischer
Probleme (z.B. Haftung und Enthaftung) liegt meist nur bei
Grenzanwendungen in der molekularen Domäne; das Medium ei-
nes Werkstoffwissenschaftlers ist das Material.
Abb. 5.2-4 Ausbildung von intermolekularen
Wasserstoffbrückenbindungen bei den verschie-
denen Paritätsklassen aliphatischer Polyamide:
gu-Typ und ug-Typ
Wie ausführlich in den Kapiteln 1.8 und 3.1 dargelegt, liegt die
Ursache für Benetzung, Adhäsion und Kohäsion in der Entfaltung
von Kräften in der mesoskopischen Domäne. Dort vollzieht sich
der erstaunliche Übergang zwischen Betrachtungshorizonten; et-
was prosaisch ausgedrückt: In der mesoskopischen Domäne wird
aus Materie Material. Durch Gruppen- und Summeneffekte for-
men sich Materialeigenschaften, die dann für uns Menschen un-
mittelbar erfahrbar werden. Auch das Ziel dieser Arbeit ist die
Charakterisierung von Materialeigenschaften bzw. von Wechsel-
wirkungen zwischen Materialen. Nur allzu deutlich erweist sich da-
her die Notwendigkeit, über die formalistische Betrachtung eines
Moleküls hinaus auch im Dreidimensionalen und auf der Basis ei-
ner mesoskopischen Größenskala nach Strukturmerkmalen zu su-
chen, die geeignet scheinen, das ein oder andere im
Makroskopischen Erfahrbare zu erklären.
5 Chemometrische Modellierung
von aliphatischen Polyamiden
5-10
5.3 Die konfigurative Wiederholungseinheit
Durch eine genauere Analyse der Darstellung verschiedener Po-
lyamide in extended-Kettenkonfiguration läßt sich feststellen, daß
es entlang der Hauptkette je nach Paritätsklasse zu einer anderen
Abfolge in der Amidgruppenorientierung kommt. Diese Orientie-
rungssequenzen - im weiteren als Muster (engl. pattern) bezeichnet
- sind offensichtlich spezifisch für jede Paritätsklasse.
Abb. 5.3-1 Die vier Orientierungsmöglichkei-
ten der Amidgruppe innerhalb der polymeren
Hauptkette
Prinzipiell sind vier Instanzen der planaren Amidgruppe denk-
bar, die sich aufgrund ihrer Ausrichtung innerhalb einer Ebene un-
terscheiden (siehe Abb. 5.3-1).
Aus den Abbildungen 5.3-2 und 5.3-3 wird ersichtlich, daß die
Ausdehnung der Muster nicht immer mit der Länge der konstitu-
tiven Wiederholungseinheit übereinstimmt. Vielmehr läßt sich
feststellen, daß bei der Hälfte der betrachteten Paritätsklassen (gu,
ug und g) die Längen zweier konstitutiver Wiederholungseinheiten
für die Ausbildung eines vollständigen Musters erforderlich sind.
Dieser Umstand hat eine ganz wesentliche Konsequenz für alle Be-
trachtungen, die auf geometrischen Überlegungen beruhen: die
konstitutive Wiederholungseinheit beschreibt zwar den kleinsten sich
wiederholende Strukturabschnitt im Sinne des chemischen Forma-
lismus, nicht jedoch im Sinne eines absoluten Identitätsmerkmals.
D.h., die konstitutive Wiederholungseinheit berücksichtigt nicht die
Orientierung von Amidfunktionalitäten. Erst durch Einbeziehung
dieser strukturellen Eigenschaft läßt sich ein Molekülabschnitt
identifizieren, aus dem ausschließlich durch Replikation und ohne
weitere Symmetrie-Operationen (Drehung, Spiegelung, Inversion)
das komplette Makromolekül entwickelt werden kann.
Abb. 5.3-2 Definition der konfigurativen Wie-
derholungseinheit bei aliphatischen Polyamiden
des Typs AABB.
5.3 Die konfigurative
Wiederholungseinheit
5-11
Greift man die Terminologie der Biochemie auf, so läßt sich die
konstitutive Wiederholungseinheit des Polymers als ein primäres
Strukturmerkmal betrachten. Die Ausdehnung des Musters dage-
gen markiert die Grenzen eines sekundären Strukturmerkmals.
Dieses sekundäre Strukturmerkmal wird im weiteren als konfigura-
tive Wiederholungseinheit (SWE, S für sekundär im Sinne der bio-
chemischen Kategorie) bezeichnet.
Abb. 5.3-3 Definition der konfigurativen Wie-
derholungseinheit bei aliphatischen Polyamiden
des Typs AB
Die Beobachtung derartiger Überstrukturen ist keineswegs neu.
In der Biochemie hat man ähnliche Erkenntnisse bei der Analyse
der Sekundärstrukturen von Proteinen gewonnen [5-163]. Nach
[5-163] hat sich hier die Bezeichnung Identitätsperiode durchge-
setzt. Die Länge einer solchen Identitätsperiode beträgt bei Faser-
proteinen zwischen 280 pm (Kollagen) und 700 pm (
β
-Keratin).
Die theoretische (berechnete) Länge der Identitätsperiode eines ge-
nerischen Proteinabschnitts wird mit 727 pm angegeben (Abb.
5.3-4).
Abb. 5.3-4 Identitätsperiode eines generischen
Proteinabschnitts, nach [5-163]
Obwohl die Definition der Identitätsperiode mit derjenigen der
oben eingeführten konfigurativen Wiederholungseinheit überein-
stimmt, soll der biochemische Begriff hier nicht verwendet werden.
Dem Autor erscheint der Begriff Periode für eine Wiederholung in
Abhängigkeit von einer Ortskoordinate ungeschickt gewählt. Peri-
ode sollte mit einem zeitlichen Aspekt verbunden sein. Im Übrigen
dient die Auseinandersetzung mit der konfigurativen Wiederho-
5 Chemometrische Modellierung
von aliphatischen Polyamiden
5-12
lungseinheit einem ganz bestimmten Zweck: Im Fokus der Be-
trachtungen befinden sich die Muster selbst und nicht nur die
Länge der Muster oder das bloße „Vorhandensein“ einer Struktur-
einheit „Identitätsperiode“. In diesem Zusammenhang wird es in
Kapitel 6.4 zur Einführung des Begriffs Bonding Site Pattern (BSP)
kommen (vorgreifend bereits in den Abbildungen Abb. 5.3-2 und
Abb. 5.3-3 enthalten). Das BSP ist der Grundpfeiler des chemome-
trischen Verbundmodells in Kapitel 6.
5.3 a Grundformeln und Bezeichner
Abschließend folgen nun - formlos aneinandergereiht - mathe-
matische Beziehungen und Definitionen, die den rechnerischen
Umgang mit chemometrisch erfaßbaren Struktureigenschaften
von Polyamiden erleichtern sollen:
1) Der Unterschied zwischen y und S ist
im Wesen der Variablen begründet:
Während y eine Variable für einen Be-
zeichner (Zeichenfolge) ist, trägt S den
Zahlenwert.
S - Anzahl der Kohlenstoffatome im acidischen Grundbaustein
eines Homopolyamids vom Typ AABB, inklusive der carbonyli-
schen Kohlenstoffatome. Die Definition von S stimmt mit der De-
finition von y in den Nomenklatur-Regeln zur Benennung eines
Polyamids vom Typ AABB als PA x.y überein1). Der Wert von S
kann also direkt aus dem Namen des Polyamids entnommen wer-
den. 2) Der Unterschied zwischen x und A ist
im Wesen der Variablen begründet:
Während x eine Variable für einen Be-
zeichner (Zeichenfolge) ist, trägt A den
Zahlenwert.
A - Anzahl der Kohlenstoffatome im aminischen Grundbau-
stein eines Homopolyamids vom Typ AABB. Die Definition von A
stimmt mit der Definition von x in den Nomenklatur-Regeln zur
Benennung eines Polyamids vom Typ AABB als PA x.y überein2).
Der Wert von A kann also direkt aus dem Namen des Polyamids
entnommen werden. 3) Der Unterschied zwischen x und AS
ist im Wesen der Variablen begründet:
Während x eine Variable für einen Be-
zeichner (Zeichenfolge) ist, trägt AS den
Zahlenwert.
AS - Anzahl der Kohlenstoffatome in der Hauptkette eines Po-
lyamids vom Typ AB pro Grundbaustein, inklusive der carbonyli-
schen Kohlenstoffatome. Die Definition von AS stimmt mit der
Definition von x in den Nomenklatur-Regeln zur Benennung eines
Polyamids vom Typ AB als PA x überein3). Der Wert von AS kann
also direkt aus dem Namen des Polyamids entnommen werden.
Smeth - Anzahl der Kohlenstoffatome im acidischen Grundbau-
stein eines Homopolyamids vom Typ AABB, jedoch ohne die car-
bonylischen Kohlenstoffatome. Zwischen S und Smeth gilt die
Beziehung:
(5.3-1)
Ameth - Anzahl der Kohlenstoffatome im aminischen Grund-
baustein eines Homopolyamids vom Typ AABB. Zwischen A und
Ameth gilt die Beziehung:
(5.3-2)
ASmeth - Anzahl der Kohlenstoffatome in der Hauptkette eines
Polyamids vom Typ AB pro Grundbaustein, jedoch ohne die car-
bonylischen Kohlenstoffatome. Zwischen AS und ASmeth gilt die
Beziehung:
Smeth S2=
Ameth A=
5.4 Konventionelle
Skalierungsmodelle für
aliphatische Polyamide
5-13
(5.3-3)
Die Gesamtzahl der Hauptkettenatome pro konstitutive Wie-
derholungseinheit nPWE berechnet sich wie folgt:
(5.3-4)
für AABB-Polyamide bzw.
(5.3-5)
für AB-Polyamide.
5.4 Konventionelle Skalierungsmodelle für ali-
phatische Polyamide
5.4 a Vom Strukturelement zum Strukturmerkmal
In Kapitel 5.1 wurde mit Abb. 5.1-1 bereits auf ein populäres
Beispiel der quantitativen Auftragung einer Struktur/Eigenschaft-
Beziehung bei Polyamiden hingewiesen. Auffällig ist, daß hinsicht-
lich der Skalierung der x-Achse (Strukturmerkmal S ) weder Ei-
nigkeit noch Diskussionsbedarf bestehen. Diesen Eindruck
gewinnt man zumindest nach einer gezielten Recherche in der Li-
teratur. Man stößt dabei auf einige wenige - dem Wesen nach aber
überwiegend gleichwertige - Skalierungsmodelle für aliphatische
Polyamide (z.B. [2-63], [5-162], [5-168], [5-169], [5-174],
[5-184]).
Aliphatische Polyamide sind natürlich aufgrund ihrer charakte-
ristischen Strukturelemente und deren Anordnung bzw. Abfolge
innerhalb der Hauptkette (siehe Kapitel 2.3 b) prädestiniert für
einfache Quantifizierungsmodelle. Naheliegend ist die quantitative
Erfassung der Vertreter einer jeden Strukturkomponente innerhalb
der konstitutiven Wiederholungseinheit. Wie in Kapitel 2.3 b dar-
gelegt, verfügen einfache aliphatische Polyamide – abgesehen von
den Endgruppen – über genau zwei verschiedene Strukturkompo-
nenten. Die einfachste Möglichkeit, um zwei Mengen, die ver-
schiedene Dinge beinhalten, miteinander in Beziehung zu setzen,
ist die Bildung ihres Verhältnisses.
Genau aus diesem Ansatz resultiert das am häufigsten verwen-
dete Skalierungsmodell auf Grundlage einer Mengenrelation von
Methylen- und Amidfunktionalitäten pro konstitutiver Wiederho-
lungseinheit (PWE). Das zugehörige Strukturmerkmal
wird als methylene/amide ratio bezeichnet:
(5.4-1)
Da sich die enthaltenen Strukturkomponenten ausschließlich
diskret verändern lassen (es können nur eine ganze Methylengrup-
pe oder eine ganze Amidgruppe ergänzt werden), führt ein Skalie-
ASmeth AS 1=
nPWE SA2Ameth Smeth 4++=++=
nPWE AS 1ASmeth 2+=+=
SCH2CONH
SCH2CONH
nCH2
nCONH
----------------
PWE
=
5 Chemometrische Modellierung
von aliphatischen Polyamiden
5-14
rungsmodell auf der Grundlage von Gl. (5.4-1) zu einer
wertediskreten Abbildung. Aus einfachen Strukturüberlegungen
folgt, daß die diskreten Punkte linear entlang der Abszisse verteilt
sind, gemäß der diskreten Funktion:
(5.4-2)
Der Definitionsbereich ist (sofern nicht weiter einge-
schränkt) die Menge der natürlichen Zahlen inklusive Null, der
Wertebereich eine Teilmenge der reellen Zahlen. Gl. (5.4-2) ist
also eine Bildungsvorschrift für die Elemente einer Zahlenfolge.
5.4 b Das Problem der Ununterscheidbarkeit
Mit liegt zwar ein skalierbares Strukturmerkmal
vor, das zweite Kriterium aber - die Unterscheidbarkeit der Test-
verbindungen innerhalb des gesamten Skalierungsmodells - ist
nicht erfüllt. Ein Beispiel:
Die Strukturisomere PA 5.7 und PA 6.6 besitzen das gleiche
Verhältnis von Methylen- zu Amidgruppen, also den gleichen
Wert für das Strukturmerkmal
(5.4-3)
Insgesamt sind 11 (zum Teil fiktive) Polyamide vom Typ AABB
denkbar, die aufgrund des gemeinsamen Strukturmerkmals
nicht unterschieden werden können. Sie bilden
die Menge der Strukturisomere für 10 Methylengruppen pro kon-
stitutive Wiederholungseinheit. Diese Uneindeutigkeit ist übrigens
nicht auf die Polyamide vom Typ AABB begrenzt: Auch PA 6, ein
Vertreter des Typs AB wird durch den gleichen Zahlenwert des
Strukturmerkmals repräsentiert.
Der Frage, ob diese Indifferenz des Strukturmerkmals das Po-
tential besitzt, ein gesamtes Skalierungsmodell unbrauchbar zu ma-
chen, wird in Kapitel 5.6 nachgegangen.
5.4 c Lokale Auslegung
Das im vorherigen Abschnitt beschriebene Problem der Unun-
terscheidbarkeit tritt ausschließlich bei Polyamiden des Typs AABB
auf. Einige Autoren (z.B. [5-162]) beschränken ihre Skalierungs-
modelle daher von vornherein auf eine bestimmte Gruppe von Po-
lyamiden. Dies gelingt, indem die Anzahl an Methylengruppen für
entweder den acidischen oder den aminischen Grundbaustein als
konstant angenommen und im jeweils anderen Grundbaustein
sukzessive variiert wird. Abb. 5.1-1 basiert auf einer solchen Me-
thode: Dort werden die Homologen PA 4.x und PA 5.x mit
x=4,5,6,7,8,9 aufgetragen.
Mit Hilfe eines solchen Skalierungsmodells entgeht man zwar
der Unterscheidungsproblematik; die Betrachtung verliert aber
ihre Allgemeingültigkeit.
fx() x
2
--- , x0
=
0
SCH2CONH
SCH2CONH
55+
2
------------64+
2
------------5===
SCH2CONH5=
5.4 Konventionelle
Skalierungsmodelle für
aliphatische Polyamide
5-15
5.4 d Grenzwertbetrachtung
An dieser Stelle lohnt es sich, das konventionelle Skalierungs-
modell (siehe Gl. (5.4-3)) einer Art Grenzwertbetrachtung zu un-
terziehen. Es sei nochmals darauf hingewiesen, daß es bei allen
nachfolgenden Ausführungen um mathematische Formalismen
geht. Es wird von „Polyamiden“ die Rede sein, die mit Sicherheit
nie in einem Labor synthetisiert wurden und wahrscheinlich auch
nie werden. Der geneigte Leser möge sich auf den abstrakten Kern
der Betrachtungen konzentrieren.
Abb. 5.4-1 Fiktive Polyamide: PA 1 (oben) und
PA 0.2 (unten)
Zunächst einmal ergibt sich aufgrund der unteren Begrenzung
des diskreten Definitionsbereiches mit eine untere Schranke
Su=0. Im Klartext heißt das: Die „kleinsten“ mit Hilfe von
Gl. (5.4-3) beschreibbaren „Polyamide“ sind PA 0.2 bzw. PA 1
(siehe Abb. 5.4-1). Beide Polymere besitzen keine einzige Methy-
lengruppe innerhalb ihrer Hauptkette (x=0); beiden ist also der
Funktionswert f(x)=0 zugeordnet. Abgesehen von der fehlenden
Unterscheidbarkeit entspricht das Verhalten des Modells in diesem
unteren Grenzbereich genau den Erwartungen; denn PA 0.2 bzw.
PA 1 sind auch formal diejenigen (wenn auch fiktiven) Polyamide
mit der größtmöglichen Amidgruppenanzahl pro konstitutiver
Wiederholungseinheit.
Hin zu größeren x-Werten gibt es weder eine mathematische
noch eine natürliche Beschränkung. Formal sind Polyamide wie
PA 22860.37892 oder PA 9999 denkbar und im Rahmen des Mo-
dells auch darstellbar. Abgesehen von der Tatsache, daß es sich bei
solchen Molekülen um enorm lange Makromoleküle handeln wür-
de, ist es relativ unwahrscheinlich, daß sich deren chemischen und
physikalischen Eigenschaften merklich von denen eines Polyethy-
len-Moleküls unterscheiden würden. Es drängt sich also die Frage
auf, ob eine solches Polyamid hinsichtlich seiner Eigenschaften
überhaupt noch ein Polyamid ist. In Kapitel 2.1 wurde eine ähnli-
che Fragestellung mit der Diskussion von Struktur/Eigenschaft-
Beziehungen verbunden.
Abb. 5.4-2 Konvergenz der Schmelztemperatu-
ren verschiedener Polymere gegen die Schmelz-
temperatur von Polyethylen, nach [5-162]
Welchen Einfluß haben einzelne funktionelle Gruppen auf die Ei-
genschaften eines Polymeren und bei welchem kritischen Konzentrati-
onsverhältnis im Molekül geht dieser Einfluß gegenüber den aus dem
Backbone resultierenden Eigenschaften verloren?
In [5-162] stößt man auf die folgende Darstellung (Abb. 5.4-2):
Für vier verschiedene Polymergruppen - darunter auch Polyamide
und Polyethylen - ist die Schmelztemperatur in Abhängigkeit von
der Anzahl der Hauptkettenatome pro (konstitutiver) Wiederho-
lungseinheit aufgetragen. Zu beobachten ist eine Konvergenz der
Meßwerte gegen einen Grenzwert, von dem man plausibel anneh-
men kann, daß er mit der Schmelztemperatur von Polyethylen
übereinstimmt (Molmassen- und Dichteeffekte vernachlässigt).
Dieses eine Beispiel ist Anlaß genug, ein Skalierungsmodell auf die
These zu stützen, Polyethylen repräsentiere für jede andere Poly-
merklasse, die als Struktureinheit innerhalb der Hauptkette eine
„längenvariable“ Methylenkette besitzt, eine Art homologe Grenz-
struktur.
Das Strukturmerkmal aus Gl. (5.4-3) ist offen-
sichtlich ungeeignet, dieses Grenzverhalten abzubilden. Der Ver-
x0
SCH2CONH
5 Chemometrische Modellierung
von aliphatischen Polyamiden
5-16
such, PE zu repräsentieren, führt zu einer unzulässigen Division
durch Null. Auch die Verwendung des reziproken Quotienten -
des amide/methylene ratio - führt zu keiner Lösung: das Struktur-
merkmal ist nicht in der Lage die Polyamide PA 0.2
und PA 1 abzubilden. Der (reine) Quotient aus der Anzahl der bei-
den Strukturelemente (Methylen- und Amidgruppe) ist also keine
geeignete mathematische Beziehung, um ein allgemeingültiges und
skalierbares Strukturmerkmal für Polyamide zu konstruieren.
5.4 e Das Modell „Amidgruppenkonzentration“
In [2-63] stößt man auf ein Skalierungsmodell auf der Grund-
lage eines alternativen Strukturmerkmals - bezeichnet als Amid-
gruppen-Konzentration:
(5.4-4)
Der Autor skaliert auf Grundlage der Anzahl von Amidgruppen
pro 100 Hauptkettenatome. Die beiden Grenzwerte (siehe Kapitel
5.4 d) sind abbildbar. Der Definitionsbereich des Skalierungsmo-
dells reicht von für Polyethylen bis
für PA 1 bzw. PA 0.2, der Wertebereich demnach von 0 (PE) bis
0.5 (PA 1 bzw. PA 0.2). Definitions- und Wertebereich sind auch
hier diskrete Mengen. Man kann sich leicht überlegen, daß die be-
nachbarten Punkte (Gl. (5.4-4)) entlang der Skalierungsachse
nicht äquidistant angeordnet sind. Mit steigender Länge der kon-
stitutiven Wiederholungseinheit (d.h. mit zunehmender Anzahl
von Methylengruppen in den Grundbausteinen der Polyamide)
nimmt die Anzahl der Amidgruppen auf 100 Hauptkettenatome
ab. Bei „kurzen“ konstitutiven Wiederholungseinheiten macht sich
diese Abnahme jedoch stärker bemerkbar als bei „langen“ konstitu-
tiven Wiederholungseinheiten. Ein Beispiel: Bei PA 20.18 kom-
men auf 100 Hauptkettenatome 5 Amidgruppen. Durch
Hinzufügen einer weiteren Methylengruppe in die Hauptkette des
acidischen Grundbausteins erhält man PA 20.19. PA 20.19 hat 4
Amidgruppen auf 100 Hauptkettenatome. PA 3.4 dagegen hat 22
Amidgruppen pro 100 Hauptkettenatome. Durch Hinzufügen ei-
ner weiteren Methylengruppe in die Hauptkette des aminischen
Grundbausteins erhält man PA 4.4. PA 4.4 hat aber lediglich 20
Amidgruppen pro 100 Hauptkettenatome.
Das Strukturmerkmal Amidgruppenkonzentration (Gl. (5.4-4))
enthält also eine verdeckte 1/x-Abhängigkeit: Die Anzahl der
Amidgruppen ist mathematisch nicht unabhängig von den 100
Hauptkettenatomen. Beide Größen sind über die Anzahl der
Hauptkettenatome pro konstitutive Wiederholungseinheit
miteinander verknüpft (die Gleichungen 5.4-5 bis 5.4-7 gelten für
AABB- Polyamide, sind aber leicht auf den Typ AB übertragbar):
(5.4-5)
(5.4-6)
SCONH CH2
SCONH 100
nCONH
100
---------------- CONH[]
100
==
nCONH 0= nCONH 50=
nPWE
CONH[]
100
2
nPWE
-------------100=
CH2
[]
100
nPWE 4()
nPWE
-------------------------- 100=
5.4 Konventionelle
Skalierungsmodelle für
aliphatische Polyamide
5-17
(5.4-7)
Gl. (5.4-4) verdeckt also die diskrete rationale Funktion
(5.4-8).
Die Konsequenz ist eine zunehmende Häufung der Punkte zu
einer Art Kontinuum (siehe Abb. 5.4-3) im Bereich unendlich gro-
ßer bzw. unendlich kleiner und eine Entwick-
lung der Zahlenfolge gegen den Grenzwert
(5.4-9).
Abb. 5.4-3 Verdeckte 1/x-Abhängigkeit im Ska-
lierungsmodell in [2-63]
Dieser Grenzwert markiert im Skalierungsmodell die Position
von Polyethylen. Die Besonderheit ist, daß der Definitionsbereich
des Modells durchaus den Wert Null mit einschließt. Nähert man
sich dem Grenzwert jedoch aus dem Bereich kleiner nPWE bzw.
großer kommend, so wird man immer ein „Poly-
amid“ definieren können, das noch zwischen die aktuelle Modell-
position und die Modellposition für Polyethylen „paßt“ (siehe
Abb. 5.4-4). Dieser Gap ist gewissermaßen der mathematische
Ausdruck eines erkenntnistheoretischen, philosophischen Pro-
blems. In Kapitel 6.9 d werden die experimentellen und theoreti-
schen Auswirkungen diskutiert.
2CONH[]
100
CH2
[]
100 100=+
SCONH 100
CONH[]
100
2CONH[]100 CH2
[]
100
+
------------------------------------------------------------------
=
nPWE CONH[]
100
SCONH 100
()
CONH[]
100 0
lim 0=
0
10
20
30
40
50
60
0 50 100 150 200
Anzahl der Hauptkettenatome pro konstitutive Wiederholungseinheit nWE
Anzahl der Amidgruppen pro 100
Hauptkettenatome
CONH[]
100
5 Chemometrische Modellierung
von aliphatischen Polyamiden
5-18
Abb. 5.4-4 Kontinuum und gap in der Vertei-
lung der Modellpunkte des Skalierungsmodells
in [2-63].
5.5 Polyamidmoleküle als binäre Mischung
In einem ersten Schritt werden nun die konzeptionellen Grund-
pfeiler eines neuen Skalierungsmodells vorgestellt:
1) Die experimentell untersuchten Polyamide verfügen über zwei
typische Strukturkomponenten: Amid- und Methylengruppen
(Endgruppen vernachlässigt).
2) Amidgruppen sind polare Strukturkomponenten; das Dipolmo-
ment steht nahezu orthogonal zu einer idealisierten linearen
Hauptkette. Methylengruppen sind unpolare Strukturkomponen-
ten.
3) Polyethylen wird als homologe Grenzstruktur der hier untersuchten
Polyamide betrachtet. Polyethylen enthält ausnahmslos die unpola-
ren Methylengruppen.
4) Die zweite homologe Grenzstruktur wird durch die (fiktiven)
Polyamide PA 1 bzw. PA 0.2 markiert. Beide Polyamide enthal-
ten ausnahmslos die polaren Amidgruppen.
Auf hoher Abstraktionsstufe lassen sich die Moleküle der alipha-
tischen Polyamide formal als binäre Mischung aus den beiden
Strukturkomponenten (1) Methylengruppe und (2) Amidgruppe be-
trachten (Abb. 5.5-1).
0 102030405060
Anzahl der Amidgruppen pro 100 Hauptkettenatome
Eigenschaftsmerkmal E
gap
Kontinuum
5.6 Wiederholungseinheit und
Indifferenz
5-19
Im Unterschied zu üblichen Mischungsmodellen wird Mi-
schung hier natürlich auf struktureller Ebene interpretiert: Jedes
„Mischungsverhältnis“ hat eine exakte und wohldefinierte struktu-
relle Entsprechung in Form eines Moleküls. Das molekulare Pen-
dant zur Reinkomponente (1) ist das Polyethylen, das zur
Reinkomponente (2) das PA 1 bzw. PA 0.2.
Abb. 5.5-1 Das Polyamidmolekül als „binäre
Mischung“ aus Methylen- und Amidgruppen.
Die formal neben PA 0.2 existierende Grenz-
struktur PA 1 (rechts oben) wurde mit in die
Darstellung aufgenommen, obwohl das generi-
sche Molekül (Mitte) ausschließ auf ein AABB-
Polyamid fokussiert. Das Prinzip der binären
Mischung bezieht aber ausdrücklich auch AB-
Polyamide mit ein.
Es gilt:
(5.5-1)
Das Strukturmerkmal Gl. (5.5-1) kennzeichnet eine auf die An-
zahl der Hauptkettenatome pro konstitutive Wiederholungseinheit
(PWE) normierte Konzentration. Das darauf aufbauende Skalie-
rungsmodell bildet die Menge aller Typ-AABB- und Typ-AB-Poly-
amide auf Zahlenwerte zwischen 0 und 1 ab. Der Grenzwert 0
repräsentiert dabei die unpolare Grenzstruktur Polyethylen und
der Grenzwert 1 die polare Grenzstrukturen PA 0.2 bzw. PA 1.
5.6 Wiederholungseinheit und Indifferenz
Nun ist ein Skalierungsmodell auf Grundlage von Gl. (5.5-1)
zwar in der Lage, die Modellgrenzen zu beschreiben, das Problem
der Ununterscheidbarkeit (siehe 5.4 b) wurde jedoch nicht gelöst.
Diese Erkenntnis ist nicht unbedingt überraschend: Zum einen ist
die Anzahl der Amidfunktionalitäten pro konstitutiver Wiederho-
lungseinheit (Zähler in Gl. (5.5-1)) eine - wenn auch typabhängi-
ge, aber dennoch - konstante Größe (2 für Typ AABB und 1 für
Typ AB). Auf der anderen Seite ist jeweils für eine bestimmte
Gruppe von (isomeren) Polyamiden invariant:
Nach Gl. (5.3-4) und Gl. (5.3-5) gelten:
(5.6-1)
(5.6-2)
SCONH nPWE
nCONH
nPWE
----------------
=
nPWE
nPWE 4 Ameth Smeth
+= für Typ AABB
nPWE 2ASmeth
= für Typ AB
5 Chemometrische Modellierung
von aliphatischen Polyamiden
5-20
Für eine Verteilung von m zur Verfügung stehenden Methylen-
gruppen auf den aminischen und acidischen Grundbaustein eines
Typ-AABB-Polyamids stehen immer (m+1) Möglichkeiten zur
Verfügung. Dazu kommt eine weitere Möglichkeit, die sich aus der
Annahme ergibt, es läge ein Typ-AB-Polyamid vor. Darauf zu ach-
ten ist, daß ein Typ-AB-Polyamid pro PWE lediglich eine Amid-
gruppe aufweist.
Tab. 5.6-1 Verteilungsmöglichkeiten für 10
Methylengruppen auf 10 Typ-AABB-
Polyamide
Die nebenstehende Tabelle 5.6-1 listet beispielhaft die Vertei-
lungsmöglichkeiten für 10 Methylengruppen auf insgesamt 11 ver-
schiedene Typ-AABB-Polyamide auf. Für diese Gruppe von
isomeren Polyamiden ist der Wert des Strukturmerkmals iden-
tisch:
(5.6-3)
Das zwölfte, zusätzliche Polyamid dieser Gruppe - ein Typ-AB-
Polyamid - ist demnach das PA 6.
Es stellt sich nun die Frage, ob diese Indifferenz im Skalierungs-
modell für die darauf aufbauenden theoretischen Betrachtungen
akzeptabel ist oder nicht:
Tab. 5.6-2 Schmelztemperatur von PA 6,
PA 6.6 [2-63] und PA 4.8 [5-177] im Vergleich
Argument 1: Eine Differenz in der Schmelztemperatur ist bei ei-
nem semikristallinen Thermoplast - und gerade bei einem Poly-
amid - ein deutliches Indiz für einen morphologischen
Unterschied. Die Angaben in Tab. 5.6-2 wurden [2-63] entnom-
men und basieren auf DSC-Messungen. Aus Kapitel 5.2 folgt un-
mittelbar, daß die Polyamide PA 6 und PA 6.6 über ein
unterschiedliches Potential zur Ausbildung von Wasserstoffbrük-
kenbindungen verfügen. Daß sich dies auch wirklich in der Mor-
phologie niederschlägt, wird im nachfolgenden Kapitel 5.7 vertieft.
Argument 2: Unter den zwölf isomeren Polyamiden des obigen
Beispiels sind fünf Species der Paritätsklasse uu - darunter auch PA
5.7. Wie man sich leicht anhand von Abb. 5.2-3 verdeutlichen
kann, verfügt PA 5.7 über eine Besonderheit, die es mit allen Poly-
amiden teilt, die der homologen Reihe
(5.6-4)
angehören. Diese Polyamide weisen jeweils gleichlange Methylen-
ketten im aminischen und acidischen Grundbaustein auf, was bei
einer antiparallelen Anordnung benachbarter Ketten eine für die
Paritätsklasse uu untypische (siehe Kapitel 5.2) vollständige Aus-
bildung von Wasserstoffbrückenbindungen ermöglicht (siehe Abb.
5.6-1).
Abb. 5.6-1 Geometrisch gestützte vollständige
Ausbildung von Wasserstoffbrückenbindungen
bei Homopolyamiden der Paritätsklasse uu mit
der Bildungsvorschrift PA (2n+1).(2n+3)
ss
PA PA
PA 0.12 PA 10.2
PA 1.11 PA 9.3
PA 2.10 PA 8.4
PA 3.9 PA 7.5
PA 4.8 PA 6.6
PA 5.7
SCONH nPWE
nCONH
nPWE
---------------- 2
14
------1
7
---
===
PA Tm/ °C
PA 6.6 264
PA 6 224
PA 4.8 262
P
A 2n1+().2n3+()
5.7 Die Strukturelemente der
Homopolyamide und deren
Einfluß auf die Morphologie der
Festphase
5-21
Argument 3: PA 4.8 und PA 6.6 gehören neben PA 5.7 ebenfalls
zu dieser isomeren Gruppe. Sie lassen sich durch Verschieben zwei-
er Methylengruppen zwischen dem aminischen und dem acidi-
schen Grundbaustein ineinander überführen. Sie gehören beide
der Paritätsklasse gg an. Die Schmelztemperatur von PA 4.8 ist mit
262°C [5-177] nahezu identisch mit derjenigen von PA 6.6. Ähn-
liche Beobachtungen machten Koning et al. an der isomeren
Gruppe PA 2.14, PA 4.12, PA 6.10, PA 8.8 und PA 10.6 [5-177].
Während PA 2.14, PA 4.12 und PA 10.6 im Temperaturbereich
um 237°C schmelzen, wurden für PA 6.10 und PA 8.8 geringere
Schmelztemperaturen (224°C) gefunden. Daraufhin entwickelten
Koning et al. die Hypothese, die Schmelztemperatur eines isome-
ren Polyamids wäre von der Anzahl der verfügbaren energetisch
günstigen Kettenfaltungsarten bestimmt, wobei eine höhere Varia-
tionsbreite zu niedrigeren Schmelztemperaturen führen würde.
Bereits diese drei Argumente lassen erkennen, daß eine Isome-
ren-Gruppierung von Polyamiden bei allen bisher besprochenen
Struktur- bzw. Skalierungsmodellen, zu einer unzulässigen Pau-
schalisierung von Strukturparametern führen kann.
5.7 Die Strukturelemente der Homopolyamide und
deren Einfluß auf die Morphologie der Festphase
5.7 a Einleitung
Innerhalb der letzten sieben Jahre sind Polyamide verstärkt in
den Fokus kristallographischer [5-168]-[5-180] und quantenche-
mischer [5-164]-[5-167] Analysen gerückt. Diese Untersuchungen
sind weder Kompetenz- noch inhaltlicher Schwerpunkt der vorlie-
genden Arbeit; für eine detaillierte Darstellung sei daher auf die re-
ferenzierte Literatur verwiesen. Die Motivation, dennoch dieses
Unterkapitel aufzunehmen, beruht auf der Absicht, den Leser für
die generellen Triebkräfte und Mechanismen zu sensibilisieren, die
zur Ausprägung geordneter Strukturen in Polyamiden führen. Dies
erscheint um so wichtiger, als daß
Polyamide als semikristalline Polymere einen „natürlichen“
Kristallinitätsgrad von 30-50% besitzen ([5-172],[5-181]),
durch technische Verarbeitungsschritte (Extrudieren, Bla-
sen, Kaltverstrecken, Heißpressen etc.) zusätzliche Orien-
tierung induziert wird ([2-63],[2-80],[5-182]),
Polyamide bekanntermaßen an Grenzschichten (auch zu
verstärkendem Fasermaterial) zur Ausprägung geordneter
[2-63] oder gar transkristalliner Strukturen neigen,
der SFF-Test auf einer Verstreckung des Bulkmaterials
und einer energetischen Belastung der Grenzschicht zwi-
schen Faser und Matrix beruht (siehe Kapitel 3.3).
In Kombination mit der Tatsache, daß die Modellierung von
Kristallinität und Orientierung in Polyamiden auf Grundlage der
gleichen (im Sinne eines common sense), stark vereinfachten Struk-
turbetrachtungen erfolgt, ergibt sich eine Legitimation für die Ver-
wendung analoger Modelle auch im Rahmen der vorliegenden
5 Chemometrische Modellierung
von aliphatischen Polyamiden
5-22
Arbeit (Kapitel 5.1-5.6).
5.7 b Struktur durch Optimierung
Zur physikalischen Struktur von Polyamiden
Das makroskopische Material Polyamid ist semikristallin, d.h.
innerhalb des Volumens liegen sowohl amorphe als auch kristalline
Bereiche vor. Traditionell werden semikristalline Polymere im Sin-
ne eines 2-Phasen-Systems behandelt - die kristalline Bereiche wer-
den in einer amorphen Matrix verteilt. Die Anwendbarkeit dieses
Modells ist jedoch umstritten: Ein einziges Kettenmolekül besitzt
sowohl einen amorphen als auch einen kristallinen Volumenanteil,
was letztendlich beide „Phasen“ untrennbar miteinander verbindet
[5-183]. Daß gerade diese „morphologische Wechselwirkung“ zwi-
schen beiden Phasen über die Integrität des makroskopischen Ma-
terials bestimmt, ist im Rahmen des SFF-Tests (siehe Kapitel 3.3)
erfahrbar. Ein Versagen der polymeren Matrix wird in der Regel
durch Spannungsüberschüsse an der Phasengrenze zwischen kri-
stalliner bzw. auf Kristallitebene orientierter und amorpher Phase
induziert.
Dennoch wird aus dem im Rahmen eines 2-Phasen-Modells
normierten Verhältnis der Quantitäten von amorpher und kristal-
liner Phase der Kristallinitätsgrad abgeleitet.
Der Kristallinitätsgrad von Polyamiden kann über einen weiten
Bereich variiert werden. Typische Werte liegen zwischen 24 und
51% ([2-63],[5-181],[5-183]). Damit ist der durchschnittliche
Kristallinitätsgrad von Polyamiden geringer als derjenige von Po-
lyethylen - hier liegen die Werte zwischen 55 und 90%
([2-80],[5-181], [5-183]). Im Gesamtspektrum semikristalliner
Polymere zählen Polyamide zu den Species mit einem mittleren
Kristallinitätsgrad.
Neben dem Kristallinitätsgrad gibt es bei semikristallinen Mate-
rialien eine zweite Ordnungsgröße - den Orientierungsgrad. Der
Orientierungsgrad beschreibt den Anteil einer Vorzugsrichtung der
Kristalle bzw. der Moleküle im amorphen Bereich.
Generell gilt: Ein höherer Ordnungsgrad im System ermöglicht
höhere Packungsdichten. Beispielsweise sind orientierte amorphe
Bereiche von Polyamiden 20 bis 30% dichter gepackt [2-63]. Hö-
here Packungsdichten sind energetisch bevorzugt. Die Ausbildung
der finalen Morphologie ist demnach das Ergebnis eines Energie-
Optimierungsprozesses und damit auch direkt abhängig von den
Umgebungsbedingungen.
Die strukturbestimmenden Faktoren in Polyamiden sind
[2-63]:
der Typ der Monomereinheit (AB vs. AABB) , d.h. die
Polarität entlang der Hauptkettenachse,
die Paritätsklasse, d.h. die Anisotropie in der Polarität der
Amidgruppe,
Packungs-Effekte (die dichteste Struktur ist die energetisch
günstigste).
5.7 Die Strukturelemente der
Homopolyamide und deren
Einfluß auf die Morphologie der
Festphase
5-23
Die strukturelle Vielfalt der Polyamide ist eine Folge der Tatsa-
che, daß Polyamide eine Reihe parallel zugänglicher Parameter be-
sitzen, die intra- und intermolekular für eine Gleichgewichts-
optimierung zur Verfügung stehen ([5-174],[5-167]):
van-der-Waals (vdW) - Wechselwirkungen zwischen paraf-
finen Hauptkettensegmenten,
Wasserstoffbrückenbindungen zwischen Amidgruppen,
Dipol-Dipol-Wechselwirkungen zwischen Amidgruppen,
sukzessive oder plötzliche Torsion um kovalente Bindun-
gen innerhalb der paraffinen Hauptkettensegmenten.
In theoretische Arbeiten konnte übereinstimmend mit der expe-
rimentellen Praxis gezeigt werden, daß Wechselwirkungen auf der
Grundlage von Wasserstoffbrückenbindungen deutlich (um etwa
eine Größenordnung) stärker sind, als die vdW-Wechselwirkun-
gen zwischen den paraffinen Hauptkettensegmenten. Attraktive
Dipol-Dipol-Wechselwirkungen zwischen den Amidgruppen er-
scheinen etwa 50% schwächer als die Wasserstoffbrückenbindun-
gen [5-167].
Im folgenden werden die zwei wichtigsten konkurrierenden
Optimierungsmechanismen in Polyamiden etwas genauer betrach-
tet. Generell ist festzustellen, daß der ambivalente Grundcharakter
des Gesamtoptimierungsprozesses in Polyamiden das binäre Mi-
schungsmodell aus Kapitel 5.5 und den Separationsansatz aus
Kapitel 6.8 b unterstützt.
Triebkraft 1: Ausbildung von Wasserstoffbrückenbindungen
Das wichtigste Optimierungsbetreben der Polyamide ist die
Ausbildung intra- und intermolekularer Wasserstoffbrückenbin-
dungen unter Einbeziehung möglichst vieler - respektive aller -
Amidgruppen. Der optimale Energiegewinn wird genau dann er-
zielt, wenn jede Amidgruppe über zwei antiparallele Wasserstoff-
brücken mit zwei weiteren Amidgruppen linear verbunden ist. Die
Bindungen werden um so stärker, je länger die Sequenz aufeinan-
derfolgender Wasserstoffbrücken ist [2-83].
Wie stark die Triebkraft hinter diesem Optimierungsprozeß ist,
vermag folgender statistischer Zahlenwert zu veranschaulichen: Bei
Raumtemperatur liegen in Homopolyamiden weniger als 1% aller
Amidgruppen in isolierter, d.h. nicht in eine Wasserstoffbrücken-
bindung einbezogener Form vor [2-63]. Das bedeutet, obwohl (wie
in Kapitel 5.2 beschrieben) bei einigen Paritätsklassen und Poly-
amidtypen lediglich 50% der Wasserstoffbrücken geometrisch prä-
destiniert sind, kommt es in realen Systemen zu einer nahezu
100%igen Ausbildung.
Bei Temperaturerhöhung werden die Wasserstoffbrückenbin-
dungen zunächst in den amorphen Bereichen nach und nach zer-
stört. Ein vollkommen anderes Verhalten zeigen die kristallinen
Bereiche. Es läßt sich nachweisen, daß selbst in der Schmelze über
einen langen Zeitraum noch bis zu 20% der in den kristallinen Be-
reichen ausgebildeten Wasserstoffbrückenbindungen etabliert sind
[2-63]. Das führt in Teilvolumina des Polyamids zu einer Art Me-
mory-Effekt. Die infolge der (noch) etablierten Wasserstoffbrük-
5 Chemometrische Modellierung
von aliphatischen Polyamiden
5-24
kenbindungen geordneten Kettenabschnitte fungieren als Kristal-
lisationszentren. Die Folge sind deutlich höhere Kristallisationsra-
ten. Der Effekt verstärkt sich mit steigender Amidgruppenkonzen-
tration.
Das Auftreten einer für viele Polyamide (z.B. PA 6.6, PA 11,
PA 6.10) typischen mobilen Hochtemperaturphase oberhalb einer
spezifischen, deutlich unterhalb der Schmelztemperatur liegenden,
Temperatur betont die Rolle der Wasserstoffbrückenbindungen
und verdeutlicht den intramolekularen 2-Phasen-Charakter selbst
innerhalb der kristallinen Struktur. Bei Erreichen dieser sogenann-
ten Brill-Temperatur kommt es zu einem lokalen Schmelzen der
CH2-Ketten, während der Bestand des größeren strukturellen Zu-
sammenhangs durch die weiterhin intakten Wasserstoffbrücken-
bindungen gewährleistet wird. Die Folge ist eine polymorphe
Transformation einer triklinen in eine pseudohexagonale Kristall-
struktur - die mobile Hochtemperaturphase ([5-169],[5-170],
[5-172],[5-175],[5-176]).
Neuere Überlegungen ([2-63],[5-175]) zielen sogar dahin,
überhaupt nicht mehr davon auszugehen, daß es zu einer Spaltung
der Wasserstoffbrückenbindungen kommt. Statt bei Temperatur-
erhöhung eine Verringerung der Anzahl intakter Brückenbindun-
gen anzunehmen, argumentiert man mit einer Verringerung deren
mittlerer Bindungsstärke und einer daraus resultierenden hohen
Dynamik.
Der optimale Energiegewinn kann bei einer linearen Konstella-
tion der drei Atome C=O::H erzielt werden. Berechnungen haben
gezeigt, daß eine gewinkelte Anordnung zu einer Schwächung der
Bindung führt. Ein (seitliches) Abknicken innerhalb der Ebene der
Wasserstoffbrückenbindung (beispielsweise hervorgerufen durch
das aneinander vorbeigleiten der Polyamidketten) ist dabei energe-
tisch unproblematischer als aus der Ebene heraus [5-164].
Triebkraft 2: vdW-Attraktion der Paraffinketten-Segmente
Ein mit der Ausbildung von Wasserstoffbrückenbindungen
konkurrierendes Optimierungsziel besteht in dem maximalen En-
ergiegewinn aus den dispersiven Wechselwirkungen zwischen den
Paraffinsegmenten und damit dem Erreichen einer möglichst ho-
hen molekularen Packungsdichte der Paraffinsegmente.
Mittlerweile gilt als belegt ([2-63], [5-167], [5-174], [5-178],
[5-179]) daß in Polyamiden, die mehr als 6 Kohlenstoffatome in
den paraffinen Hauptkettensegmenten enthalten, eine Abwei-
chung von der idealen all-trans-Konfiguration auftritt. Die Inter-
pretation dieses Grenzwertes ist jedoch keineswegs trivial.
Einerseits kann diese Deformation als Folge eines Optimierungs-
prozesses zur Sättigung der Wasserstoffbrückenbindungen unter
Ausnutzung der Beweglichkeit der paraffinen Hauptkettensegmen-
te auftreten. Andererseits wird natürlich ab einem bestimmten Me-
thylen-/Amid-Gruppenverhältnis auch die Optimierung der vdW-
Wechselwirkungen zwischen den Paraffinketten energetisch rele-
vant, d.h. je länger die Paraffinketten zwischen den Amidgruppen
werden, desto größer ist die Rolle der dispersiven Wechselwirkun-
gen [5-174], [5-178].
5.8 Literatur
5-25
5.8 Literatur
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5 Chemometrische Modellierung
von aliphatischen Polyamiden
5-26
6-1
6 Ein Modell für adhäsive Verbunde
aus Carbonfasern und aliphatischen
Polyamiden
(1) Wechselwirkungsmechanismen in CFRPA
– Dualismus und Anisotropie
(2) Wechselwirkungsmechanismen und Haf-
tung in CFRPA – Dominanz der Amidgruppe
(3) Das Bonding Site Pattern (BSP) – Defini-
tion und chemische Modellierung
(4) Ein neues Strukturmerkmal – die gerichtete
Amidgruppenkonzentration pro konfigurative
Wiederholungseinheit
(5) Das Verbundmodell – Verstärkungsinkre-
ment und Separationsansatz
(6) Schwächen des Verbundmodells – Annah-
men, Einschränkungen, Vereinfachungen
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-2
Einleitung
Die in der Literatur gebräuchlichen Skalierungsmodelle für Poly-
amide (siehe Kapitel 5.4) werden in nahezu allen dem Autor be-
kannten Fällen zur vergleichenden Betrachtung von
Stoffeigenschaften (meist Schmelztemperatur) der Polyamide
selbst verwendet (siehe Abb. 5.1-1). Naturgemäß werden in diese
Untersuchungen ausschließlich Wechselwirkungen zwischen den
Polyamid-Molekülen selbst einbezogen.
Wie bereits in den Kapiteln 2.3 b und 5.7 herausgearbeitet wurde,
führt die einzigartige - und damit für aliphatische Polyamide typi-
sche - chemische Konstitution zu einer besonders stark ausgepräg-
ten (Eigen-)Kompatibilität für Wechselwirkungen zwischen den
Molekülen der gleichen Spezies: So stellt ein einzelnes Polyamid-
molekül in exakt gleichem Umfang sowohl Protonendonor- als
auch Protonenakzeptorfunktionalität zur Verfügung. Die Positio-
nierung dieser polaren Wechselwirkungszentren folgt einer exakten
(molekularen) Systematik. Protonendonatoren und -akzeptoren
treten stets paarweise, unmittelbar benachbart und darüberhinaus
antiparallel orientiert auf. In Kombination mit den relativ flexi-
blen, bei Polyamiden einer Spezies in der Summe stets gleichlangen
aliphatischen Methylenketten zwischen den polaren Wechselwir-
kungszentren entsteht eine makromolekulare „Schlüssel/Schloß“-Ar-
chitektur über mehrere Wechselwirkungszentren hinweg, die von
den Molekülen nahezu optimal für einen Energiegewinn genutzt
werden kann.
Die Strukturmerkmale, die den in Kapitel 5.4 beschriebenen Ska-
lierungsmodellen zugrundeliegen, sind in jeder Hinsicht unspezi-
fisch. So werden beispielsweise in der „Anzahl der Amidgruppen
pro konstitutive Wiederholungseinheit“ bzw. „Amidgruppenkon-
zentration“ sowohl die Protonenakzeptor- als auch die Protonen-
donatoreigenschaft der Amidgruppe erfaßt. Für eine
Untersuchung von Stoffeigenschaften wie zum Beispiel der
Schmelztemperatur ist eine Unterscheidung auch nicht erforder-
lich, denn die Wechselwirkungspartner (Polyamidmoleküle der
gleichen Spezies) stellen formal stets das entsprechende Gegenstück
zur Verfügung.
Dieser Umstand rechtfertigt zwar die Verwendung der Struktur-
merkmale und darauf aufbauender Skalierungsmodelle für bulk-Ei-
genschaften der (homogenen) Phase (z.B. Schmelztemperatur als
Funktion der Amidgruppenkonzentration, siehe Abb. 5.1-1, ver-
bietet jedoch eine Verallgemeinerung auf die funktionale Abhän-
gigkeit von Charakteristika, deren Grundlage Wechselwirkungen
mit den Molekülen oder Molekülverbänden einer anderen chemi-
schen Spezies sind (z.B. Grenzflächenspannung): Während im
bulk-Volumen einer Phase jedes Molekül in jeder Richtung des
Raumes von einem gleichartigen Molekül umgeben ist, trifft ein
Molekül, das sich an der Phasengrenze befindet, in mindestens ei-
ner Raumrichtung auf andersartige Wechselwirkungspartner (siehe
Kapitel 3.1). Will man Art und Stärke dieser adhäsiven Wechsel-
wirkung beurteilen, muß man die Natur der zugrundeliegenden
Kräfte (siehe Kapitel 1.8) berücksichtigen. Während dispersive
Kräfte zu unspezifischen und ungerichteten Wechselwirkungen
6.1 CFRPA und Arbeitshypothese
I
6-3
und dabei stets zu einer Art „Grundhaftung“ führen, sind elektro-
statische, Polarisations- und chemische Wechselwirkungen bereits
intrinsisch richtungs-anisotrop und können die Gesamthaftung so-
wohl stärken (attraktiv) als auch schwächen (repulsiv) oder gar un-
beeinflußt lassen.
Ob ein Interaktionsmechanismus, der spezifisch, gerichtet und lo-
kal begrenzt wirkt (z.B. eine Wasserstoffbrückenbindung), sein Po-
tential entfalten und zu einer Minimierung der
Grenzflächenenergie beitragen kann, ist eine Frage der (chemi-
schen, physikalischen und sterischen) Kompatibilität der Wechsel-
wirkungspartner im Bereich der Phasengrenze. So kann sich
beispielsweise eine Wasserstoffbrückenbindung nur dann ausbil-
den, wenn einem Protonendonator des einen Wechselwirkungs-
partners auch ein Protonenakzeptor des anderen
Wechselwirkungspartners gegenübersteht. Im Zusammenhang mit
Benetzungsmessungen und der thermodynamischen Interpretation
der Meßdaten sind derartige Überlegungen nicht neu (siehe
Kapitel 3.1) und führen zu dem heutzutage wissenschaftlich aner-
kannten Separationsansatz bei der Berechnung thermodynami-
scher Größen (z.B. Grenzflächenspannung
und thermo-
dynamische Adhäsionsarbeit ).
Es liegt nun nahe, daß die beschriebene Wechselwirkungs-Aniso-
tropie in dem Skalierungsmodell mit berücksichtigt werden muß.
In diesem Kapitel wird daher - aufbauend auf die Erkenntnisse und
Definitionen aus Kapitel 5 - ein spezifisches Strukturmerkmal für
aliphatische Polyamide der Typen AABB und AB konstruiert. Als
Träger der Spezifizität dient das aus der konfigurativen Wiederho-
lungseinheit abgeleitete bonding site pattern (BSP). Am Schluß des
Kapitels liegt ein Verbundmodell für das System Carbonfaser/Po-
lyamid vor, das eine quantitative Vorhersage (Extrapolation) der
praktisch meßbaren Adhäsion ermöglicht.
6.1 CFRPA und Arbeitshypothese I
Obwohl die zum Verbundmodell führenden Überlegungen ei-
ner allgemeingültigen Herangehensweise folgen, ist die konkrete
mathematische Modellierung ausschließlich auf die hier untersuch-
ten Carbonfaserverstärkten Polyamide (CFRPA) fokussiert. Der
Ausgangspunkt der theoretischen Arbeit war daher eine Arbeitshy-
pothese, in deren Mittelpunkt eine eingrenzende Definition der in
CFRPAs zu erwartenden Wechselwirkungskräfte bzw. -mechanis-
men stand. Obwohl als Ergebnis der Zusammenführung von Mo-
dell und Experiment (siehe Kapitel 6.8 b) die im Rahmen dieser
Arbeitshypothese verwendete Klassifizierung rückwirkend einer
Generalisierung unterzogen wird, erscheint es an dieser Stelle sinn-
voll, dem Leser das ursprüngliche Konzept - gewissermaßen als Le-
sehilfe für die nachfolgenden Abschnitte - vorzustellen.
Ausgehend von einer chemischen und physikochemischen Be-
wertung der Struktureinheiten von aliphatischen Polyamiden ei-
nerseits und der Oberflächenfunktionalitäten der hier
untersuchten Carbonfasern andererseits wurde folgende Arbeitshy-
pothese formuliert:
γ
Wa
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-4
Arbeitshypothese I: In einem adhäsivem Verbund unter Betei-
ligung von Polyamiden sind die polaren Amidgruppen hauptsächlich
Träger polarer Wechselwirkungen. Diese polaren Wechselwirkungen
manifestieren sich mechanistisch vor allem in Form von Wasserstoff-
brückenbindungen. Die unpolaren Methylenketten sind dagegen aus-
schließlich an dispersiven Wechselwirkungen beteiligt. Der dispersive
Wechselwirkungsbeitrag der Amidgruppen ist vernachlässigbar gering.
Abbildung 6.1-1 veranschaulicht die Aussage grafisch.
Abb. 6.1-1 Arbeitshypothese IArbeitshypothese 1 geht also davon aus, daß es im Grenzflä-
chenkontakt zwischen Polyamid und Carbonfaser zu einer Beteili-
gung gerichteter Wechselwirkungskräfte und damit auch zu einer
strukturell verankerten Wechselwirkungsanisotropie kommt. Da
die Anordnung und Orientierung der Zentren dieser gerichteten
Kräfte (die Amidgruppen) durch die konstitutiven und konfigura-
tiven Charakteristika der Polyamide systematisch vorgegeben wird,
besteht die (mathematische) Möglichkeit, ein neuartiges Anisotro-
pie-korrigiertes Strukturmerkmal zu modellieren und die klassi-
schen unspezifischen Skalierungsmodelle für Polyamide (siehe
Kapitel 5.4) durch ein spezifisches Modell zu ersetzen.
6.2 CFRPA und Arbeitshypothese II
Die Kenntnis um die Eigenschaften von Polyamiden (siehe
Kapitel 5.2) und ein simples technisches Verständnis veranlassen
zu einem weiteren Postulat:
Arbeitshypothese II: Falls dem Polyamid ein für polare Wech-
selwirkungen kompatibler Partner zur Verfügung steht, dann ist die
meßbare Gesamtstärke der Haftung proportional zur Anzahl der für
diese Wechselwirkungen zur Verfügung stehenden vollständigen Paare
antagonistisch wirkender Zentren (z.B. Protonendonator/Protonenak-
zeptor).
Zur Erklärung: In Kapitel 5.1 konnte gezeigt werden, daß sich
die Anzahl der in Polyamiden inter- und intramolekular ausgebil-
deten Wasserstoffbrückenbindungen deutlich auf die Schmelztem-
peratur auswirkt. Die Stärke des kohäsiven Zusammenhalts des
- spezifisch
- gerichtet( / )
-“lokal
OO
H
Polyamid
Carbonfaser
- unspezifisch
- ungerichtet
-“diffus
polare Wechselwirkung,
dominiert durch H-Brücken
dispersive
Wechselwirkung
N
N
O
H
H
O
N
N
O
H
H
O
6.3 Ein Rechenbeispiel
6-5
polymeren Festkörpers wird also letztendlich durch die Konzentra-
tion an Protonendonatoren und -akzeptoren bestimmt, die zum
Zeitpunkt des Experiments an einer Wasserstoffbrückenbindung
beteiligt sind.
Es ist klar, daß nicht alle zur Verfügung stehenden Protonendo-
natoren und -akzeptoren auch an einer Wasserstoffbrückenbin-
dung beteiligt sein müssen. Umgekehrt gilt jedoch die Aussage: Es
können nicht mehr Wasserstoffbrückenbindungen ausgebildet
werden, als vollständige Protonendonator/-akzeptor-Paare zur Ver-
fügung stehen.
Arbeitshypothese II enthält die Annahme, daß die innerhalb der
polyamidischen bulk-Phase dominierenden Wechselwirkungsme-
chanismen (v.a. Wasserstoffbrückenbindungen) auch den adhäsi-
ven Zusammenhalt in CFRPAs bestimmen: Je mehr
Wasserstoffbrückenbindungen zwischen den Verbundpartnern
über die Phasengrenze hinweg etabliert werden, desto stärker ist die
Haftung. Auch hier ist die Verfügbarkeit von Protonendonatoren
und -akzeptoren beider Verbundpartner an der Phasengrenze ein
kritischer Faktor für die resultierende Gesamtstärke der Adhäsion.
Jedoch gilt auch für einen adhäsiven Verbund, daß aus einer Ver-
fügbarkeitsanalyse bei den Einzelkomponenten noch kein Ergebnis
für die Gesamthaftung prognostiziert werden kann. Vielmehr muß
nun die Frage der mengenbezogenen Kompatibilität geklärt wer-
den. Der Verbundpartner mit dem geringeren „Angebot“ an
Wechselwirkungszentren bestimmt die Maximalanzahl der in ei-
nem adhäsiven Verbund verfügbaren vollständigen antagonisti-
schen Paare und damit letztlich die Stärke der Haftung.
6.3 Ein Rechenbeispiel
Aus den Arbeitshypothesen I und II folgt: Es muß ein Struktur-
merkmal für Polyamide konstruiert werden, das in der Lage ist, die
in der Struktur der Polyamide begründeten Orientierungsunter-
schiede der Amidgruppen zu erfassen, daraus die Wirkungsrich-
tung der Interaktion abzuleiten und letztendlich die einzelnen
polaren Wechselwirkungszentren (CO und NH) im Sinne einer
Anisotropie-kontrollierten Verfügbarkeit zu quantifizieren.
Zunächst soll jedoch noch einmal veranschaulicht werden, wel-
che (mathematischen) Konsequenzen der Einsatz der bisher be-
sprochenen unspezifischen Strukturmerkmale für die (relative)
Positionierung der aliphatischen Polyamide innerhalb der jeweili-
gen Skalierungsmodelle hat.
Zu diesem Zweck sind in Abb. 6.3-1 sechs verschiedene alipha-
tische Polyamide in all-trans-Konfiguration dargestellt. Pro Pari-
tätsklasse (uu, gg, ug, gu, u und g) und Typ (AABB und AB) ist
jeweils eine Spezies vertreten.
Die konstitutiven Wiederholungseinheiten sind durch eckige
Klammern gekennzeichnet. Die grün unterlegten Bereiche markie-
ren die jeweilige konfigurative Wiederholungseinheit und das zu-
gehörige bonding site pattern (siehe Kapitel 6.4).
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-6
Abb. 6.3-1 Paritätsklasse, PWE und SWE am
Beispiel von sechs Polyamiden
Tab. 6.3-1 gibt einen Überblick über die Positionierung der
sechs ausgewählten Polyamide im Rahmen bisher erörterter Skalie-
rungsmodelle. Das jeweils zugrundeliegende Strukturmerkmal ist
im Tabellenkopf angegeben. Verglichen werden das einfache
Amidgruppen/Methylengruppen-Verhältnis (Spalte 3) und die
N
N
N
O
O
O
H2C
H
HH
NN
NN
O
H
H2C
N
O
O
H
H
H
OH
N
NN
N
O
H2C
N
OH
H
HH
C
O
HO
PA 1.2
PA 0.3
PA 2
NNN
O
H
H2C
O
HH
O
N
N
N
O
H
O
O
H
H
CH3
NN
O
HH
O
CH3
PA 1
PA 0.2
PA 1.3
6.3 Ein Rechenbeispiel
6-7
Amidgruppenkonzentration bezogen auf die Anzahl der Hauptket-
tenatome pro Wiederholungseinheit (Spalte 4). Als Berechnungs-
basis x werden jeweils die konfigurative (SWE) und die konstitutive
(PWE) Wiederholungseinheit (siehe Kapitel 5.1) gegenüberge-
stellt.
Tab. 6.3-1 Gegenüberstellung der
Positionierung von Polyamiden entlang einer
Skalierungsachse aufgrund von verschiedenen
Strukturmerkmalen
Der Gewinn, der durch die Einführung des Skalierungsmodells
Amidgruppenkonzentration erzielt wird, ist offensichtlich: die fikti-
ven Modellgrenzen PA 0.2 und PA 1 werden mathematisch zu-
gänglich.
An dieser Stelle soll das Augenmerk des Lesers jedoch auf fol-
genden Umstand gelenkt werden: Die sechs Polyamide werden in
allen beiden Skalierungsmodellen jeweils nur durch drei verschie-
dene Skalierungswerte (u.U. je nach Modell unterschiedlich) reprä-
sentiert. Das bedeutet im Detail, daß für die beiden Modelle jeweils
kein Unterschied zwischen den Polyamiden PA 2 und PA 1.3, PA
0.2 und PA 1 sowie PA 0.3 und PA 1.2 besteht. Wie im folgenden
zu sehen sein wird, ist diese Ununterscheidbarkeit im Rahmen der
Untersuchung von Wechselwirkungseigenschaften untragbar. Bei-
de Skalierungsmodelle versagen bei der Beschreibung der Richt-
ungsanisotropie potentieller Wechselwirkungszentren. Würde
man eines dieser (unspezifischen) Skalierungsmodelle bei der Vor-
hersage von Wechselwirkungseigenschaften verwenden, so käme
man zu falschen Ergebnissen.
Polyamid P
x=PWE x=SWE x=PWE x=SWE
PA 2 g
PA 0.3 gu
PA 1.2 ug
PA 1.3 uu
PA 0.2 gg
PA 1 u
nCONH
nCH2
----------------
x
nCONH
nCONH n+CH2
----------------------------------
x
1
1
---1= 2
2
---1= 1
11+
------------1
2
---
=2
22+
------------1
2
---
=
2
1
---2=4
2
---2=2
21+
------------2
3
---
=4
42+
------------2
3
---
=
2
1
---2=4
2
---2=2
21+
------------2
3
---
=4
42+
------------2
3
---
=
2
2
---1= 2
2
---1= 2
22+
------------1
2
---
=2
22+
------------1
2
---
=
2
0
---n.d.= 2
0
---n.d.= 2
20+
------------1= 2
20+
------------1=
1
0
---n.d.= 1
0
---n.d.= 1
10+
------------1= 1
10+
------------1=
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-8
6.4 Definition des bonding site pattern (BSP)
Ausgangspunkt für die Entwicklung des neuen Strukturmerk-
mals ist die quantitative Erfassung der für einen adhäsiven Ver-
bund verfügbaren Wechselwirkungszentren:
a) (Abb. 6.4-1) Ein beliebiges Typ AB- oder Typ-AABB-Poly-
amidmolekül wird unter strikter Verwendung der all-trans-Konfi-
guration dreidimensional modelliert. Die Amidgruppen liegen
planar innerhalb einer Ebene. Ihre jeweilige Orientierung ergibt
sich aus der strikten Einhaltung der all-trans-Konfiguration und
bleibt für alle nachfolgenden Betrachtungen fixiert.
Abb. 6.4-1 Ausgangspunkt für die Konstruktion
des neuen Strukturmerkmals für Polyamide:
eine idealisierte Hauptkette in all-trans-Konfi-
guration.
b) (Abb. 6.4-2) Die Methylen-, CO- und NH-Gruppen werden
auf Kugeln, die Bindungen zwischen diesen Gruppen auf Stäbchen
abstrahiert. Es gilt die Annahme, alle Bindungslängen (H2C-CH2,
C-CO, OC-NH und C-NH) wären gleich. Diese Annahme wird
auf die Stäbchenlänge appliziert. Kugeln und Stäbchen werden neu
im Raum positioniert, so daß ihre Symmetriezentren bzw. Symme-
triehauptachsen auf einer gemeinsamen Geraden liegen, die dem
Verlauf der Molekül-Hauptachse folgt. Die Orientierung der CO-
und NH-Gruppen wird gesondert gekennzeichnet.
Abb. 6.4-2 Schritt 1 der Abstraktion: Eine per-
lenkettenförmigen Struktur mit fixierter Amid-
gruppenorientierung.
6.4 Definition des bonding site
pattern (BSP)
6-9
c) (Abb. 6.4-3) Die perlenkettenförmige Struktur aus b) wird in
ein zweidimensionales Gitter eingetragen, dessen Rasterweite ge-
nau einer Bindungslänge (Stäbchenlänge) entspricht. Letztendlich
werden Methylen-, CO- und NH-Gruppen also auf Gitterpunkte
reduziert. Das Eintragen der Struktur beginnt stets mit einer NH-
Gruppe an den Gitterkoordinaten (0,0), gefolgt von einer CO-
Gruppe an den Gitterkoordinaten (1,0). Anschließend kann das
Molekül entlang der x-Achse des Gitters entwickelt werden.
Abb. 6.4-3 Schritt 2 der Abstraktion: 2D-Pro-
jektion der perlenkettenförmigen Struktur und
Reduktion der Hauptkettenatome auf Gitter-
punkte.
d) (Abb. 6.4-4) Eine Trennebene wird so definiert, daß sie - or-
thogonal auf der Gitterebene c) stehend - das Polyamidmolekül
entlang der Molekül-Hauptachse „halbiert“.
Abb. 6.4-4 Definition einer Trennebene: Die
Trennebene ist eine „Denkhilfe“ für die Einfüh-
rung der Anisotropie in das Modell.
Gitterebene
Trennebene
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-10
e) (Abb. 6.4-6) und (Abb. 6.4-7) Es wird postuliert, daß nur
diejenigen polaren Wechselwirkungszentren für eine Interaktion
zur Verfügung stehen, deren reaktiver Teil sich auf der dem Ver-
bundpartner zugewandten Seite dieser (virtuellen) Trennebene be-
findet. Ein in diesem Sinne verfügbares Wechselwirkungszentrum
wird im weiteren als Verknüpfungsstelle (engl. bonding site) bezeich-
net.
Abb. 6.4-5 Schritt 3 der Abstraktion: Nur ein
bestimmter Teil der Verknüpfungsstellen ist an
Interaktionen mit dem Verbundpartner betei-
ligt (Darstellung im 3D-Modell).
Je nach chemischer Natur fungieren die Verknüpfungsstellen
entweder als Protonenakzeptor (-CO ) oder als Protonendo-
nator (-NH ).
Abb. 6.4-6 Schritt 3 der Abstraktion: Nur ein
bestimmter Teil der Verknüpfungsstellen ist an
Interaktionen mit dem Verbundpartner betei-
ligt (Darstellung in der Gitterprojektion).
f) Weiterhin wird postuliert, daß sich Polyamide innerhalb ei-
nes adhäsiven Verbundes entweder als reine Protonenakzeptoren
Verbundpartner
kein
Haftungsbeitrag Haftungsbeitrag
Verbundpartner
Haftungs-
beitrag
Haftungs-
beitrag
kein
6.4 Definition des bonding site
pattern (BSP)
6-11
oder als reine Protonendonatoren verhalten. Somit fungieren ent-
weder die CO- oder die NH-Gruppen als Verknüpfungsstellen
(bonding sites). Ein attraktiver Wechselwirkungsbeitrag der jeweils
anderen Gruppierung wird vernachlässigt. Ebenso werden repulsi-
ve Beiträge aller Verknüpfungsstellen vernachlässigt.
Abb. 6.4-7 Schritt 4 der Abstraktion: Separation
polarer Wechselwirkungszentren anhand ihrer
Wirkungsrichtung (nicht Orientierung!). Die
roten Pfeile stehen für die als Protonendonato-
ren wirkenden NH-Gruppen. Die blauen Pfeile
repräsentieren die als Protonenakzeptoren wir-
kenden CO-Gruppen.
f) (Abb. 6.4-8) Aus der Gitterdarstellung e) wird eine neuartiges
strukturelles Charakteristikum abgeleitet, mit dessen Hilfe die
strukturbedingte Verfügbarkeit von Verknüpfungsstellen aliphati-
scher Polyamide im Grenzflächenkontakt mit einem Verbundpart-
ner bewertet werden kann - das bonding site pattern.
XDas bonding site pattern (BSP) veranschaulicht die Häufigkeit
und Distribution der für einen adhäsiven Verbund verfügbaren
Verknüpfungsstellen.
Das BSP wird von der konfigurativen Wiederholungseinheit ab-
geleitet bzw. durch deren Grenzen bestimmt und unterliegt somit
dem gleichen Wiederholungszyklus innerhalb des Moleküls.
(0,0)
123456789101112 1413
(0,0)
123456789101112 1413
1)
2)
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-12
Abb. 6.4-8 Definition des bonding site pattern
(BSP)
g) Durch einfaches Abzählen der Gitterpunkte, ausgehend vom
Gitterursprung (0,0), kann nun die Gitterposition Xi der i-ten Ver-
knüpfungsstelle bestimmt werden. Aufgrund der Tatsache, daß
eine Amidgruppe jeweils aus einem antiparallel orientierten Paar,
bestehend aus genau einer CO- und einer NH-Gruppe, aufgebaut
ist, resultieren folgende einfache Zusammenhänge zwischen der
Netto-Anzahl der verschiedenen Verknüpfungsstellen pro Seite A
und B der Trennebene d):
(6.4-1)
(6.4-2)
(6.4-3)
Die Entscheidung, ob eine quantitative Erfassung der Proto-
nendonator- oder -akzeptor-Zentren erfolgt, wird vom potentiel-
len Wechselwirkungspartner abhängig gemacht, hat mathematisch
jedoch keine Konsequenzen. Das chemometrische Modell läßt sich
problemlos sowohl auf ein reines Protonenakzeptor- als auch auf
ein reines Protonendonator-Verhalten der Polyamide ausrichten.
Für den nachfolgenden mathematischen Formalismus wird davon
ausgegangen, daß sich das Polyamid wie ein Protonendonator ver-
hält und die NH-Gruppen als Verknüpfungsstellen fungieren.
NH SeiteA()NCO SeiteA()+NNH SeiteB()NCO SeiteB()+=
N
NH SeiteA()NCO SeiteB()=
N
CO SeiteA()NNH SeiteB()=
6.5 Chemometrische
Beschreibung der BSPs
6-13
6.5 Chemometrische Beschreibung der BSPs
Die Gitterpositionen der potentiellen Verknüpfungsstellen
(bonding sites) sind die Elemente Xi einer Zahlenfolge, deren Bil-
dungsvorschrift für Polyamide unter Berücksichtung der jeweiligen
Paritätsklasse hergeleitet werden kann (siehe Gleichungen (6.5-1)-
(6.5-6)). Das i-te Element jeder dieser Zahlenfolgen kennzeichnet
die Position der i-ten für einen adhäsiven Verbund verfügbaren
Verknüpfungsstelle entlang der abstrahierten Hauptkette des Poly-
amids ausgehend vom Gitterursprung (0,0).
Die Verwendung der Bildungsvorschriften ermöglicht eine che-
mometrische Beschreibung der bonding site pattern. Es gilt die An-
nahme einer Einheits-Bindungslänge. Für die Definitionen von S,
A und AB sei auf Kapitel 5.3 a verwiesen:
(6.5-1)
(6.5-2)
(6.5-3)
(6.5-4)
(6.5-5)
(6.5-6)
Der erste Gitterpunkt innerhalb eines BSPs enthält immer eine
Verknüpfungsstelle. Weiterhin läßt sich zeigen, daß die Verknüp-
fungsstellen bei allen Polyamiden aller Paritätsklassen stets an gera-
den Gitterpunkten mit geradem Index auftreten.
6.6 Das Rechenbeispiel in neuem Licht
Abb. 6.6-1 enthält die BSPs der Polyamide aus dem Rechenbei-
spiel in Kapitel 6.3. Wie bereits durch Abb. 6.4-8 veranschaulicht,
kennzeichnet jeder Kreis die Position eines Hauptkettenatoms.
Nach der Konvention in Kapitel 6.4 repräsentieren die schwarz
ausgefüllten Kreise „seitenrichtige“, d.h. für einen adhäsiven Ver-
bund verfügbare, NH-Gruppen.
Entgegen der ursprünglichen Reihenfolge im Rechenbeispiel
sind die Polyamide in Abbildung 6.6-1 neu angeordnet. Sortierkri-
terium ist die „Konzentration an schwarzen Punkten“, d.h. die
Konzentration an verfügbaren NH-Gruppen.
X
g
g
iNH,i2 S1[]A1+[]++()=
X
g
iNH,i22AS+()=
X
g
u
iNH,i2 S1[]+()i1()
i1
2
---------------------
+


A1+[]+=
X
ug
iNH,i11()i
2
-------------------
+


2S1[]+()iA 1+[]+=
X
uu
iNH,i11()i
2
-------------------
+


1S+()i1()
i1
2
---------------------
+


A+=
X
u
iNH,i1AS+()=
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-14
Insbesondere im Vergleich mit Tab. 6.3-1 hält Abb. 6.6-1 eini-
ge Überraschungen bereit: Zunächst einmal wird deutlich sichtbar,
daß PA 1 gegenüber PA 0.2 die doppelte Zahl an verfügbaren NH-
Gruppen besitzt. Darüber hinaus gibt es sogar noch ein Polyamid,
das eine höhere Zahl an verfügbaren NH-Gruppen hat als PA 0.2
- das PA 1.3. Folgt man den Angaben der Skalierungsmodelle
(Tab. 6.3-1), so müßten PA 2 und PA 1.3 den gleichen (niedrig-
sten!) Skalierungswert besitzen. Aus Abbildung 6.6-1 geht aber ein-
deutig hervor, daß PA 1.3 gegenüber PA 2 die doppelte Anzahl
verfügbarer NH-Gruppen aufweist.
Abb. 6.6-1 Bonding Site Patterns (BSPs) für die
Polyamide aus dem Rechenbeispiel in
Kapitel 6.3.
6.7 Vom BSP zum Strukturmerkmal
6.7 a Echte und unechte Strukturmerkmale
Die Darstellung der BSPs in Abb. 6.6-1 basiert auf einer nume-
rischen Herleitung der verfügbaren Verknüpfungsstellen (NH-
Gruppen) mit Hilfe der Gleichungen (6.5-1) bis (6.5-6). Die Posi-
tionierung der Polyamide innerhalb eines Skalierungsmodells
(praktisch das Zuweisen eines einzelnen Wertes auf der Skalie-
rungsachse) erfolgt jedoch unter Verwendung einer Art Kennzahl
(der Wert auf der Skalierungsachse). Die Berechnung dieser Kenn-
zahl erfolgt auf der Grundlage einer mathematischen Vorschrift,
die der Anforderung unterliegt, die zu vergleichenden Proben an-
hand von strukturellen Charakteristika ausreichend differenzieren
zu können. Gelingt es, diese mathematische Vorschrift mit einem
einzelnen analytischen Ausdruck (Funktion) abzubilden, so kann
man diesen Ausdruck als echtes Strukturmerkmal bezeichnen. Alle
bisher eingeführten Skalierungsmodelle (Kapitel 5.4) basieren auf
echten Strukturmerkmalen.
6.7 Vom BSP zum
Strukturmerkmal
6-15
Es ist jedoch denkbar, daß die einzelnen Kennzahlen mit Hilfe
zusammengesetzter Algorithmen numerisch bestimmt werden.
Warum dies notwendig sein kann, wird in den nachfolgenden Ka-
piteln aufgezeigt. In diesem Fall liegt ein unechtes Strukturmerkmal
vor.
Der Leser möge also beachten: Mit den BSPs wurde zunächst
nur ein Kriterium für die erforderliche Differenzierung der Poly-
amide geschaffen. Nun muß noch eine Rechenvorschrift zur Be-
stimmung von Kennzahlen definiert werden, die jedes einzelne
Polyamid im Rahmen eines Skalierungsmodells unter Wahrung
dieser Unterscheidbarkeit repräsentieren. Dazu werden in den
nachfolgenden Unterkapiteln 6.7 b und 6.7 c zwei unterschiedli-
che Wege beschritten. Beide führen jedoch zur Definition des glei-
chen Strukturmerkmals - der Konzentration an verfügbaren
Verknüpfungsstellen.
Um eine neutrale Behandlung des Modells - losgelöst von Fra-
gen zur physikalischen und chemischen Identität der Verknüpfung
- zu ermöglichen, wird für die NH- bzw. CO-Gruppe im weiteren
der Bezeichner BS (Abk. vom engl. bonding site) verwendet.
6.7 b Analytisch
Die Grundlage der analytischen Herleitung des Strukturmerk-
mals ist eine arithmetische Mittelwertbildung. Dabei wird die An-
zahl von Verknüpfungsstellen pro BSP auf die Gesamtzahl der im
gleichen BSP enthaltenen Gitterpunkte bezogen. Die resultierende
Kennzahl gibt an, in welchem (mittleren) Abstand - gemessen in
„Anzahl von Gitterpunkten“ - verfügbare Verknüpfungsstellen in
der Hauptkette aufeinander folgen.
Ein Beispiel: Abb. 6.6-1 stellt unter anderem das BSP von
PA 0.3 dar. Die Zahl der enthaltenen Verknüpfungsstellen beträgt
. Die Anzahl aller im BSP enthaltenen Gitterpunkte be-
trägt . Die Konzentration an verfügbaren Verknüp-
fungsstellen bezogen auf das BSP von PA 0.3 beträgt damit
Im Mittel befindet sich also bei PA 0.3 an jedem fünften Haupt-
kettenatom eine für den adhäsiven Verbund verfügbare Verknüp-
fungsstelle.
Eine Verallgemeinerung dieser Rechenvorschrift auf alle alipha-
tischen Polyamide der Typen AB und AABB führt zu einem (pari-
tätsklassen- und typabhängigen) analytischen Zusammenhang
zwischen strukturkennzeichnenden Parametern (für die Definitio-
nen von S, A und AB sei auf Kapitel 5.3 a verwiesen) und der An-
zahl verfügbarer Verknüpfungsstellen :
NBS 2=
NGP 10=
BS[]
0.3
NBS
NGP
----------


0.3
2
10
------1
5
--- .===
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-16
(6.7-1)
bzw.
(6.7-2)
[BS] ist das neue Strukturmerkmal - die gerichtete Verknüpfungs-
stellenkonzentration, bezogen auf das BSP, bzw. die SWE (vgl. Ab-
bildungen 5.3-2 und 5.3-3). Da es durch eine analytische
Vorschrift zugänglich ist (Gleichungen (6.7-1) und (6.7-2)), han-
delt es sich um ein echtes Strukturmerkmal.
6.7 c Numerisch
Aus der Definition des BSP (siehe Kapitel 6.4) geht hervor, daß
eigentlich zwei Parameter zur vollständigen Beschreibung eines
BSP erforderlich sind – die Häufigkeit und die Distribution von
Verknüpfungsstellen. Die analytische Formulierung des Struktur-
merkmals (Kapitel 6.7 b) berücksichtigt lediglich die Häufigkeit
und postuliert eine Gleichverteilung der Verknüpfungsstellen. In
Abhängigkeit von der Paritätsklasse und dem konkret zu beschrei-
benden Polyamid führt dies zu mehr oder minder großen Fehlern
bei der Positionierung im Skalierungsmodell. Kapitel 6.9 ist spezi-
ell diesem Problem gewidmet.
In diesem Kapitel wird ein alternativer Weg beschritten, der mit
einer phänomenologischen Interpretation des BSP-Modells be-
ginnt. Es wird vielleicht nicht überraschen, daß die Entwicklung
des Modells genau auf diesen Betrachtungen und nicht etwa auf
der analytischen Darstellung (Kapitel 6.7 b) basiert. Das Struktur-
merkmal ist zuerst numerisch hergeleitet und dann erst analytisch
formuliert worden.
Die Vorgehensweise ist simpel. Die Polyamide werden paarwei-
se miteinander verglichen. Voraussetzung ist, die BSPs beider Po-
lyamide sind bekannt.
Abb. 6.7-1 Numerische Herleitung des neuen
Strukturmerkmals am Beispiel der Polyamide
PA 0.2 / PA 1: Schritt a).
a) Ausgangspunkt der Betrachtungen ist eine Darstellung ana-
log zu Abb. 6.6-1, in der die BSPs der beiden zu vergleichenden Po-
lyamide direkt übereinander angeordnet sind. Alsdann werden
Endlossequenzen der BSPs erzeugt. Abb. 6.7-1 zeigt eine solche
Gegenüberstellung am Beispiel der Polyamide PA 0.2 und PA 1.
BS[]
1
AS2++
---------------------- für gg,gu und ug
2
AS2++
---------------------- für uu
=
BS[]
2
2AS 2+
------------------- für u
1
2AS 2+
------------------- für g
=
6.7 Vom BSP zum
Strukturmerkmal
6-17
b) Ausgehend vom ersten Gitterpunkt (links), an dem die bei-
den zu vergleichenden Polyamide stets eine Verknüpfungsstelle be-
sitzen, werden die BSPs Schritt für Schritt verglichen, bis man zu
einem Gitterpunkt gelangt, an der beide Polyamide in ihren BSPs
über eine Verknüpfungsstelle verfügen. Dieser Gitterpunkt wird
gekennzeichnet. Im Beispiel (Abb. 6.7-2) ist es der Gitterpunkt mit
dem Gitterpunktindex GP=4.
Abb. 6.7-2 Numerische Herleitung des neuen
Strukturmerkmals am Beispiel der Polyamide
PA 0.2 / PA 1: Schritt b)
c) Nun wird – separat für jedes der beiden Polyamide – die An-
zahl der Verknüpfungsstellen NBS bestimmt, die vor dem unter
Schritt b) bestimmten Gitterpunkt liegen. Als Ergebnis erhält man
zwei Ganze Zahlen, die im Sinne einer Konzentration an verfügba-
ren Verknüpfungsstellen interpretiert werden können. Referenzlänge
ist die Differenz zwischen Gitterursprung und ermitteltem Gitter-
punktindex GP, d.h. lR = GP - 0. Man kann zur Bestimmung der
Zahlen auch die Gleichungen (6.5-1) bis (6.5-6) heranziehen. Die
Variable i trägt die gesuchte Information. Für das Beispiel (Abb.
6.7-1) sind die Gleichungen 6.5-1 (PA 0.2) und 6.5-6 (PA 1) zu
wählen. Durch Umstellen und Einsetzen des Gitterpunktindex
GP=4 sowie die Einführung der Indizes 1 und 2 für das erste
(PA 0.2) und zweite (PA 1) zu vergleichende Polyamid erhält man
die Beziehungen:
bzw.
Mit S=2 und A=0 bzw. AB=1 ergeben sich:
bzw.
d) Abschließend werden die beiden unter Schritt c) ermittelten
Zahlen ins Verhältnis gesetzt. Dieses Verhältnis gibt an, um wel-
chen Faktor sich die Anzahl der in beiden Polyamiden pro Refe-
renzlänge lR verfügbaren Verknüpfungsstellen unterscheidet.
i1
GP
2S1[]A1+[]++()
-------------------------------------------------------N1
BS GP
==
i2
GP
1AB+()
--------------------- N2
BS GP
==
i1
4
211++()
-------------------------- 1==
i2
4
11+()
-----------------2==
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-18
Bei der Benennung dieses Faktors bietet sich eine Bezugnahme
auf Arbeitshypothese II (Kapitel 6.2) an. Laut Postulat kommt es
durch eine Erhöhung der Zahl an verfügbaren Verknüpfungsstel-
len zu einem Anstieg der meßbaren Gesamtstärke der Haftung. Es
wird also der theoretische Verstärkungsfaktor (theoretical gain factor)
fT definiert:
(6.7-3)
Für das Beispiel ergibt sich ein theoretischer Verstärkungsfaktor
fT = 0,5. D.h., bezogen auf die Referenzlänge lR hat PA 0.2 nur
halb so viele verfügbare Verknüpfungsstellen wie PA 1. Die Rich-
tigkeit dieser Aussage ist leicht nachprüfbar.
Prinzipiell kann ein fT natürlich zwischen zwei beliebigen Poly-
amiden bestimmt werden. Für die numerische Herleitung des
Strukturmerkmals ist jedoch ein systematisches Vorgehen erforder-
lich: Wählt man PA 1 als festen Bezugspunkt und führt die oben
beschriebene Prozedur für alle aliphatischen Polyamide durch, so
erhält man eine Zahlenfolge, deren Elemente theoretische Verstär-
kungsfaktoren bezogen auf PA 1sind (Gl. (6.7-4)).
(6.7-4)
Trägt man nun alle Verstärkungsfaktoren auf einem Zahlen-
strahl auf, so erhält man eine Skalierungsachse für Polyamide mit
den Grenzen 0 und 1 auf Basis eines unechten Strukturmerkmals -
dem theoretischen Verstärkungsfaktor .
Der Zusammenhang mit dem echten Strukturmerkmal [BS]
kann nun folgendermaßen hergestellt werden:
Alle BSPs enthalten eine gerade Anzahl von Gitterpunkten. Im
Kontext der Wiederholungseinheiten gilt eine analoge Aussage:
Die Anzahl der Hauptkettenatome pro SWE ist stets gerade. Das
BSP von PA 1 enthält zwei Gitterpunkte. Die möglichen Längen
(Anzahl von Gitterpunkten) aller BSPs sind also Vielfache der Län-
ge des BSPs von PA 1. Normiert man die Zahlenfolge auf diese
Länge, so erhält man das sinngemäß und vom Wertebereich her
identische, bereits bekannte Strukturmerkmal – die auf das BSP
bzw. die SWE bezogene, gerichtete Verknüpfungsstellenkonzentration
[BS].
6.7 d Analytisch vs. Numerisch
Die analytische und die numerische Berechnung der Skalie-
rungskennzahlen führen auf den ersten Blick zum gleichen Ergeb-
nis. Bei genauerer Betrachtung stößt man jedoch auf ein Problem:
fT
N1
BS GP
N2
BS GP
---------------------
=
f
PAxy
T
NPAxy
BS GP
NPA 1
BS GP
------------------------------
=
f
PAxy T
6.7 Vom BSP zum
Strukturmerkmal
6-19
Abbildung 6.7-3 enthält alle für die Bestimmung des theoreti-
schen Verstärkungsfaktors erforderlichen Komponenten.
Durch die Pfeile markiert sind diejenigen Gitterpunkte, an denen
beide Polyamide (PA 0.3 und PA 1) über eine Verknüpfungsstelle
verfügen. Folgt man den Instruktionen aus Kapitel 6.7 c, so kann
man – ausgehend von einer Interpretation der Verhältnisse bei Git-
terpunkt „4“ – einen theoretischen Verstärkungsfaktor von
bestimmen. Die nächste Koinzidenz verfügbarer
Verknüpfungsstellen tritt am Gitterpunkt „10“ auf. Wendet man
hier erneut die Rechenvorschrift an, so erhält man ein abweichen-
des Ergebnis: 0.4. Das gleiche Phänomen tritt an Gitterpunkt „14“
auf – hier erhält man eine irrationale Zahl. Gitterpunkt „20“ liefert
dagegen wieder den Wert 0.4. Zum Vergleich: Der theoretische
Verstärkungsfaktor von PA 0.2, , ist an allen Gitter-
punkten mit Verknüpfungsstellen-Koinzidenz („4“, „8“, „12“,
„16“ usw.) identisch (Abb. 6.7-2).
Abb. 6.7-3 Inhomogenität des theoretischen
Verstärkungsfaktors PA 0.3fT entlang eines als
unendlich angenommenen Grenzflächenkon-
taktes zwischen PA 0.3 und PA 1.
Eine systematische Untersuchung dieser Auffälligkeit führt zu
folgenden Erkenntnissen:
a) Das Phänomen tritt bei den Polyamiden der Paritätsklassen
ug, gu und uu auf. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, daß Po-
lyamide dieser Paritätsklassen über zwei Verknüpfungsstellen pro
BSP verfügen, zwischen denen – paarweise alternierend – eine un-
terschiedliche Anzahl von Gitterpunkten liegt bzw. liegen kann
(siehe Abb. 6.7-4). Da Verknüpfungsstellen stets an Gitterpunkten
mit geradem Laufindex auftreten und da PA 1 an genau diesen Git-
terpunkten stets über eine Verknüpfungsstelle verfügt, werden bei
der numerischen Herleitung des Strukturmerkmals alle Verknüp-
fungsstellen des dem PA 1 gegenübergestellten Polyamids erfaßt.
Abb. 6.7-4 Alternierender Abstand zwischen be-
nachbarten BS entlang eines als unendlich ange-
nommenen Grenzflächenkontaktes zwischen
PA 0.3 und PA 1.
b) Bestimmt man die Verstärkungsfaktoren für Polyamide der
unter a) genannten Paritätsklassen an möglichst vielen Gitterposi-
tionen Xi und ordnet sie entsprechend ihrem Index i (siehe Glei-
chungen 6.5-1 bis 6.5-6), so erhält man eine alternierend
konvergierende Zahlenfolge (siehe Abb. 6.7-5). Alle berechneten
f
PA 0.3 T
f
PA 0.3 T0.5=
f
PA 0.2 T0.5=
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-20
Verstärkungsfaktoren an den Gitterpositionen Xh mit h=2i+1 ha-
ben den gleichen Betrag, der zugleich auch der Grenzwert der Zah-
lenfolge ist.
Abb. 6.7-5 Konvergenz der Inhomogenität des
theoretischen Verstärkungsfaktors PA 0.3fT ent-
lang eines als unendlich angenommenen Grenz-
flächenkontaktes zwischen PA 0.3 und PA 1
c) Durch eine Normierung der Zahlenfolge (siehe Kapitel 6.7 c)
auf die Länge des BSPs von PA 1 erhält man eine ebenfalls alternie-
rend konvergierende Zahlenfolge, deren Elemente im Sinne des
Strukturmerkmals zu interpretieren sind – jedoch bezogen
auf ein einzelnes Polyamid. Man kann feststellen, daß der Grenz-
wert dieser Zahlenfolge dem auf analytischem Wege (Gleichungen
6.7-1 und 6.7-2) bestimmten Wert des Strukturmerkmals dieses
Polyamids entspricht. Zurück zum Beispiel: Für PA 0.3 beträgt die
gerichtete Verknüpfungsstellenkonzentration nach Gl. (6.7-1)
.
Die numerische Bestimmung des Grenzwertes
ist in Abb. 6.7-5 dargestellt. Zur Normierung des theoretischen
Verstärkungsfaktors auf die Länge des BSPs von PA 1 muß man
eine Division durch 2 vornehmen. Damit erhält man wiederum
den Wert der gerichteten Verknüpfungsstellenkonzentration
Das heißt, die analytische Formulierung des Strukturmerkmals
(Gleichungen 6.7-1 und 6.7-2) enthält implizit die Annahme eines
räumlich unendlichen Kontaktes zwischen den Verbundpartnern
BS[]
BS[]
PA 0.3 0.2=
f
PA 0.3 T0.4=
BS[]
PA 0.3
f
PA 0.3 T
2
---------------- 0.4
2
--------0.2===
6.7 Vom BSP zum
Strukturmerkmal
6-21
und markiert somit einen Grenzfall der numerischen Lösung. Ver-
wendet man das Strukturmerkmal im Rahmen eines allgemeinen
Verbundmodells für das System Polyamid/Carbonfaser (siehe
Kapitel 6.8), so wird diese Annahme auch auf einen solchen Ver-
bund übertragen. Dadurch wird unmittelbar die Frage nach dem
Einfluß der Molmasse bzw. der Einheitlichkeit der Polyamide auf
den Verbund berührt. Für eine diesbezügliche kritische Bewertung
des Modells sei auf Kapitel 6.9 verwiesen.
6.7 e Gegenüberstellung der Strukturmerkmale
Abschließend wird nun das Rechenbeispiel aus Kapitel 6.3 wie-
der aufgegriffen. Anhand der tabellarischen Gegenüberstellung
(Tab. 6.7-1) wird ersichtlich, welche Auswirkungen das neue
Strukturmerkmal auf die Relativpositionierung der Polyamide ent-
lang der Skalierungsachse hat.
Tab. 6.7-1 Gegenüberstellung der
Positionierung von Polyamiden entlang einer
Skalierungsachse aufgrund von verschiedenen
Strukturmerkmalen
Polyamid P
x=PWE x=SWE x=PWE x=SWE x=BSP
PA 2 g
PA 0.3 gu
PA 1.2 ug
PA 1.3 uu
PA 0.2 gg
PA 1 u
nCONH
nCH2
----------------
x
nCONH
nCONH n+CH2
----------------------------------
x
BS[]
x
1
1
---1= 2
2
---1= 1
11+
------------1
2
---
=2
22+
------------1
2
---
=1
22 2+
------------------- 1
6
---
=
2
1
---2=4
2
---2=2
21+
------------2
3
---
=4
42+
------------2
3
---
=1
032++
--------------------- 1
5
---
=
2
1
---2=4
2
---2=2
21+
------------2
3
---
=4
42+
------------2
3
---
=1
122++
--------------------- 1
5
---
=
2
2
---1= 2
2
---1= 2
22+
------------1
2
---
=2
22+
------------1
2
---
=2
132++
--------------------- 1
3
---
=
2
0
---n.d.= 2
0
---n.d.= 2
20+
------------1= 2
20+
------------1= 1
022++
--------------------- 1
4
---
=
1
0
---n.d.= 1
0
---n.d.= 1
10+
------------1= 1
10+
------------1= 2
212+
------------------- 1
2
---
=
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-22
6.8 Vom Strukturmerkmal zum Verbundmodell
6.8 a Verbundmodell und grundlegende Interpretation
Da nun mit [BS] ein geeignetes Strukturmerkmal zur Verfü-
gung steht, kann ein Verbundmodell für das System Poly-
amid/Carbonfaser formuliert werden.
Die Konkretisierung von Arbeitshypothese II führt zu folgen-
den Postulaten:
(6.8-1)
(6.8-2)
Abbildung 6.8-1 veranschaulicht die Aussagen grafisch. Die Va-
riable M fungiert als Platzhalter und ist für eine konkrete Auftra-
gung durch das entsprechende Symbol der Meßgröße ( bzw.
) zu ersetzen.
Abb. 6.8-1 Grafische Repräsentation des neuen
Verbundmodells: Template für die Auftragung
einer die Haftung quantifizierenden Meßgröße
M gegen das neue Strukturmerkmal. Definition
des Kompatibilitätsfaktors Mc.
Den Postulaten zufolge sollten sich die Werte M ([BS]) auf ei-
ner Geraden befinden, die insbesondere durch zwei wichtige Punk-
te gekennzeichnet ist – zum einen M(0) und zum anderen M(0.5).
In Anlehnung an Arbeitshypothese I wird die durch M(0) quanti-
fizierte Haftung ausschließlich durch Wechselwirkungen mit den
Methylengruppen der polymeren Matrix erzielt, während die
durch M(0.5) quantifizierte Haftung ausschließlich auf Wechsel-
wirkungen mit den CO- bzw. NH-Gruppen der polymeren Matrix
beruht. Während jedoch M(0) durch die Verwendung von PE als
Matrixmaterial experimentell zugänglich ist, kann M(0.5) lediglich
durch eine Extrapolation der Meßdaten auf das fiktive PA 1 be-
stimmt werden.
τIFSS BS[]
WaBS[]
τIFSS
Wa
M(0)
M(0.5)
Mc
0 0.5
[BS]
M
6.8 Vom Strukturmerkmal zum
Verbundmodell
6-23
Die eindeutige Zuordnung der Grenzwerte des Modells ermög-
licht eine analytische Formulierung des Verbundmodells:
(6.8-3)
Wendet man die im Rahmen dieser Arbeit relevanten Meßgrö-
ßen zur Quantifizierung von Adhäsion auf Gl. (6.8-3) an, so erge-
ben sich die analytischen Beziehungen
(6.8-4)
und
(6.8-5)
Der dritte wichtige Eckpunkt des Verbundmodells ist der An-
stieg Mc der Geraden aus Abb. 6.8-1. Laut Gl. (6.8-3) ist Mc be-
stimmt durch
(6.8-6).
Mc wird im weiteren als Kompatibilitätsfaktor (engl. compatibili-
ty factor) bezeichnet. Die Auswertung der Ergebnisse aus den un-
terschiedlichen Experimenten (SFF-Test, Benetzungsexperiment,
ZpSM-Messung) wird auf Grundlage des in diesem Kapitel defi-
nierten Strukturmerkmals [BS] vorgenommen. Um eine Unter-
scheidbarkeit der aus den jeweiligen Daten und Modellen
gewonnen Kompatibilitätsfaktoren zu gewährleisten, wird der Su-
perindex M eingeführt. M ist ein universeller Platzhalter für die
Kennzeichnung des jeweiligen Ursprungs der Datensätze bzw. des
jeweils zugrundeliegenden Modells (siehe Tab. 7.0-1).
Der Kompatibilitätsfaktor ist eine spezifische Eigenschaft des
gesamten Verbundsystems (hier Carbonfaser/Polyamid). Er eröff-
net damit eine wichtige Interpretationsmöglichkeit für die experi-
mentellen Meßdaten im Hinblick auf die generelle
„Kompatibilität“ der beiden Verbundpartner. Prinzipiell sind drei
Fälle denkbar:
a)
In diesem Fall gilt , d.h. die Haftung mit dem
Fasermaterial wird durch die Wechselwirkungen mit den CO-
bzw. NH-Gruppen der Polyamidmatrix dominiert. Je größer |Mc|
ist, desto stärker ist diese Dominanz und desto größer ist die „Kom-
patibilität“ des Verbundsystems Polyamid/Carbonfaser.
b)
In diesem Fall gilt , d.h. die Haftung mit dem
Fasermaterial wird durch die Wechselwirkungen mit den Methy-
len-Gruppen der Polyamidmatrix dominiert. Je größer |Mc| ist, de-
sto stärker ist diese Dominanz und desto größer ist die
„Kompatibilität“ des Verbundsystems Polyamid/Carbonfaser.
M
PA 2MPA 1 MPE
()BS[]
PA
MPE
+=
τIFSS,PA 2τIFSS,PA 1 τIFSS,PE
()BS[]
PA
⋅τ
IFSS,PE
+=
Wa,PA 2W
a,PA 1 Wa,PE
()BS[]
PA
Wa,PE
+=
c
M
2MPA 1 MPE
()=
c
M
0>
MPA 1 MPE
>
c
M
0<
MPA 1 MPE
<
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-24
c) bzw.
In diesem Fall gilt bzw. , d.h.
die Verbundpartner sind entweder „inkompatibel“ oder die Wech-
selwirkung ist unspezifisch hinsichtlich der physikochemischen Ei-
genschaften der Wechselwirkungszentren. Eine weitergehende
Interpretation ist nur anhand eines Vergleichs der Absolutbeträge
der Meßwerte bzw. mit den Ergebnissen aus anderen
Messungen möglich.
6.8 b Verbundmodell und Separationsansatz
Die konsequente Anwendung von Arbeitshypothese I auf das in
Kapitel 6.8 a eingeführte Verbundmodell ermöglicht eine weiter-
gehende Interpretation der Meßdaten in Anlehnung an eine eta-
blierte Methode der thermodynamischen Benetzungstheorie (siehe
Kapitel 3.1 f). Die durch Fowkes postulierte Additivität von spe-
zifischen Teilbeiträgen (z.B. dispersiv, polar) zur thermodynami-
schen Adhäsionsarbeit sollte auch auf andere, die Haftung
quantifizierende Meßgrößen M (z.B. die Grenzflächenscherfestig-
keit ) übertragbar sein - wenngleich das Verbundmodell die
Zerlegung der Meßgröße M zunächst in Teilbeiträge anderer Ka-
tegorien verlangt. Durch die Anwendung von Arbeitshypothese I
kann jedoch indirekt eine Verbindung zu den in der Thermodyna-
mik verwendeten Kategorien hergestellt werden.
Abb. 6.8-2 Separationsansatz für die Grenzflä-
chenscherfestigkeit τIFSS
Ausgangspunkt der Überlegungen ist die bereits bekannte Auf-
tragung der Grenzflächenscherfestigkeit (oder einer anderen
die Haftung quantifizierenden Meßgröße M) gegen die gerichtete
Verknüpfungsstellenkonzentration [BS] (siehe Abb. 6.8-1). Unter
Bezugnahme auf das binäre Strukturmodell für aliphatische Poly-
amide (siehe Kapitel 5.5) kann nun für die Grenzflächen-scherfe-
stigkeit folgender Separationsansatz postuliert werden:
c
M
0=c
M0
MPA 1 MPE
=MPA 1 MPE
MPA
M
PE
Wa
τIFSS
00.5
[BS]
τ
IFSS
τIFSS
()
meth
τIFSS
()
BS
τIFSS
6.8 Vom Strukturmerkmal zum
Verbundmodell
6-25
(6.8-7)
D.h., die experimentell bestimmte Grenzflächenscherfestigkeit
ist additiv zusammengesetzt aus dem Anteil ,
der aus Wechselwirkungen mit den Methylengruppen der Poly-
amide herrührt und dem Anteil , der durch Wechselwir-
kungen mit den Verknüpfungsstellen (BS) entsteht.
Es ist sofort ersichtlich, daß der Anteil von bei einer
Verwendung von PE als Matrixmaterial verschwindet. Dagegen er-
reicht der Anteil seinen Maximalbeitrag im Falle des Einsatzes von
PA 1. Für den Anteil gilt die umgekehrte Aussage.
Nimmt man nun an, daß die Beziehungen
(6.8-8)
und
(6.8-9)
gelten, so können die Anteile aufgrund einer einfachen geome-
trischen Überlegung bestimmt werden (Abb. 6.8-2):
(6.8-10)
(6.8-11)
τIFSS τIFSS
()
meth τIFSS
()
BS
+=
τIFSS τIFSS
()
meth
τIFSS
()
BS
τIFSS
()
BS
τIFSS
()
meth
τIFSS
()
meth CH2
[]
BSP
τIFSS
()
BS BS[]
BSP
τIFSS,PA
()
meth 12BS[]
PA
()τ
IFSS,PE
=
τIFSS,PA
()
BS 2BS[]
PA
⋅τ
IFSS,PA 1
=
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-26
6.9 Kritische Bewertung des Modells
Das Verbundmodell in Kapitel 6.8 wurde entwickelt, um für
das System Carbonfaser/Polyamid Adhäsionsvorhersagen treffen zu
können. Diese Vorhersagen basieren auf strukturellen Parametern
der am Verbund beteiligten Polyamide. Somit sind die Gleichun-
gen 6.8-3 bis 6.8-11 quantitative Struktur/Eigenschaft-Beziehun-
gen. Die im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten experimentellen
Arbeiten sind geeignet, die praktische Relevanz des Modells zu be-
werten – wenngleich eine größere Vielfalt an Verbundkomponen-
ten, insbesondere an Polyamiden, zu einer Absicherung des
Modells beitragen würde. In jedem Fall ist es jedoch erforderlich,
die Auswirkungen der im Modell getroffenen Annahmen auf die
Vertrauenswürdigkeit der Prognosen zu untersuchen. Dies ist Ge-
genstand des vorliegenden Kapitels.
6.9 a „SIMSURF“ - Ein MATLAB-Programm
Um ein besseres Verständnis für das Zusammenspiel der getrof-
fenen Annahmen (insbesondere bezüglich Sättigung, Homogenität
und Vollständigkeit) zu erlangen, wurde – inspiriert durch das
Computerspiel „Minesweeper“ – das kleine Simulationsprogramm
„SIMSURF“ in MATLAB implementiert. Der Algorithmus ist
simpel:
Abb. 6.9-1 SIMSURF - Schritt 1Schritt 1: Auf die NOb Felder (Ob für Oberfläche) eines zweidi-
mensionalen Gitters werden NWWZ Punkte (WWZ für Wechsel-
wirkungszentrum) verteilt. Die Gittermatrix repräsentiert die
Carbonfaseroberfläche, die einzutragenden Punkte entsprechen
den Wechselwirkungszentren auf der Faseroberfläche. Die Position
für jeden einzelnen Punkt wird mit Hilfe eines Zufallsgenerators
ausgewürfelt, so daß man eine statistische Gleichverteilung der
Wechselwirkungszentren über die Carbonfaseroberfläche erhält.
Durch Variieren von NWWZ können verschiedene Konzentratio-
6.9 Kritische Bewertung des
Modells
6-27
nen von Oberflächenfunktionalitäten ρWWZ simuliert werden:
(6.9-1)
Abb. 6.9-2 SIMSURF - Schritt 2Schritt 2: Nun wird – ausgehend von der ersten Spalte der Git-
termatrix – jede k-te Spalte markiert. k simuliert die durchschnitt-
liche Länge der Methylenketten zwischen zwei
Verknüpfungsstellen im BSP des Polyamids (siehe Gleichungen
(6.7-1) und (6.7-2)). Durch Variieren von k können verschiedene
Polyamide simuliert werden.
Abb. 6.9-3 SIMSURF - Schritt 3
ρWWZ
NWWZ
NOb
--------------
=
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-28
Schritt 3: Abschließend werden alle Punkte in der Gittermatrix
gezählt, die sich in einer der markierten Spalten (Schritt 2) befin-
den. Dies sind genau diejenigen Wechselwirkungszentren, die mit
dem Polyamid interagieren und einen Haftungsbeitrag leisten. Die
Anzahl dieser Punkte wird daher mit NB (B für Verknüpfung,
engl. bonding) bezeichnet.Wiederholt man die Schritte 1 bis 3
mehrmals für einen konstanten Parametersatz aus n und ρWWZ, so
erhält man schließlich einen Stichprobenumfang für NB, der eine
statistische Auswertung der Ergebnisse ermöglicht. Abbildung 6.9-
4 stellt ein mögliches Ergebnis aus 100 Simulationsläufen für den
Parametersatz n=12 und ρWWZ =0.0165 (d.h. auf 6000 Gitter-
plätze werden 99 Wechselwirkungszentren verteilt) dar. Es er-
scheint plausibel, davon auszugehen, daß die meßbare Adhäsion in
realen Systemen durch die Lage des Verteilungsschwerpunktes
Abb. 6.9-4 SIMSURF-Histogramm nach 100
Simulationsläufen für den Parametersatz n=12 /
ρWWZ=0.0165
(6.9-2)
bestimmt wird. Die Streuung der Meßdaten dagegen wird
durch Form und Breite dieser Verteilung bestimmt.
6.9 b Konfigurationsannahme
Die Annahme, die an der Phasengrenze befindlichen und mit
dem Verbundpartner (Carbonfaser) in adhäsivem Kontakt stehen-
den Polyamidketten würden in einer idealen all-trans-Konfigurati-
on vorliegen, ist die Grundlage für die Entwicklung des
Strukturmerkmals [BS] und des darauf aufbauenden Skalierungs-
modells. Argumente, die eine derart stark abstrahierende Behaup-
tung rechtfertigen, sind bereits ausführlich in Kapitel 5.7 dargelegt
worden.
Zur Verteidigung der Konfigurationsannahme ist jedoch zu sa-
gen: Das Verbundmodell verlangt nicht, daß die gesamte Polymer-
kette in all-trans-Konfiguration vorliegt. Diese Anforderung wird
lediglich an diejenigen Kettenabschnitte gestellt, die sich im Kon-
takt mit dem Verbundpartner befinden. Diese Kettenabschnitte
müssen nicht länger sein als die konfigurative Wiederholungsein-
heit des betreffenden Polyamids (siehe auch Additivitätsannahme).
Generell gilt: Nur wenn Konfigurations- und Additivitätsan-
nahme gleichermaßen zutreffen, ist die Absolut- und Relativposi-
tionierung der Meßwerte auf der Skalierungsachse ([BS]) korrekt.
Dies ist gewissermaßen die Achillesferse des Modells.
6.9 c Additivitätsannahme
In Kapitel 6.7 d konnte bereits gezeigt werden, daß der analyti-
sche Ausdruck des Strukturmerkmals [BS] einen Grenzfall der nu-
merischen Herleitung repräsentiert. Die Applikation der
Gleichungen 6.7-1 und 6.7-2 für die Positionierung der Polyamide
entlang der Skalierungsachse impliziert die Annahme unendlich
langer Polymerketten, die sich im vollständigen Kontakt mit der
Carbonfaseroberfläche befinden. Es ist offensichtlich, daß eine der-
artige Vorstellung unrealistisch ist. Die Argumentation ist jedoch
die folgende:
0 5 10 15 20 25
0
5
10
15
20
25
Anzahl der Simulationen
Wechselwirkungszentren mit
aktivem Haftungsbeitrag
NB
NWWZ
n
--------------
=
6.9 Kritische Bewertung des
Modells
6-29
Nach Gl. (6.8-1) bzw. Gl. (6.8-2) ist die Gesamtstärke der Haf-
tung proportional zur Anzahl gerichteter Verknüpfungsstellen pro
konfigurativer Wiederholungseinheit. Dabei sollte es unerheblich
sein, ob die sich im Kontakt mit der Carbonfaseroberfläche befind-
lichen Kettenabschnitte der gleichen Polymerkette entstammen
oder nicht (Abb. 6.9-5).
Abb. 6.9-5 Zur Additivitätsannahme: Oben:
eine einzelne Polymerkette mit acht konfigurati-
ven Wiederholungseinheiten im adhäsiven Kon-
takt mit der Carbonfaseroberfläche. Unten:
Drei verschiedene Polymerketten mit insgesamt
acht konfigurativen Wiederholungseinheiten im
adhäsiven Kontakt mit der Carbonfaseroberflä-
che
Der Absolutbetrag der Haftung wird letztendlich dadurch be-
stimmt, wie effektiv die gegenseitige Ausnutzung der Wechselwir-
kungszentren beider Verbundpartner ist, d.h. wie physikalisch,
chemisch und sterisch „kompatibel“ die beiden Verbundpartner
sind.
Die Additivitätsannahme postuliert also die Unabhängigkeit
der Haftungsstärke im Verbundsystem Carbonfaser/Polyamid von
Molmasse und Einheitlichkeit des Matrixpolymers. Selbstverständ-
lich haben beide Größen eine Auswirkung auf die Krafteinleitung
in die Grenzschicht, da hier die kohäsiven Eigenschaften der Ma-
trix bestimmend sind. Da dies jedoch ein mögliches Kohäsivversa-
gen eines der beiden Verbundpartner berührt, gerät dieser Fall aus
dem Fokus des Verbundmodells und soll an dieser Stelle nicht wei-
ter behandelt werden.
6.9 d Sättigungsannahme
Abb. 6.8-1 zeigt den durch das Modell postulierten idealen Kur-
venverlauf. Eine Linearität der vorhergesagten Meßpunkte ist aller-
dings nur dann über den gesamten Skalierungsbereich möglich,
wenn die Carbonfaser stets eine ausreichend hohe Konzentration
(Dichte) an Wechselwirkungszentren zur Verfügung stellt, so daß
selbst noch alle Verknüpfungsstellen im BSP von PA 1 über den
gleichen Haftungsmechanismus mit der gleichen Haftungsstärke
interagieren können.
Wäre dieses Kriterium nicht erfüllt, so käme es bei einem Über-
schreiten der Sättigungsgrenze (d.h. oberhalb eines bestimmten
) zu einem Abknicken der Idealkurve; denn eine weitere
Erhöhung der Konzentration an Verknüpfungsstellen (durch die
Carbonfaser
.
Carbonfaser
BS[]
sat
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-30
Verwendung von Polyamiden mit immer kürzeren Methylenket-
ten zwischen den BS) würde zu keinem zusätzlichen Haftungsbei-
trag führen (Abb. 6.9-6).
Abb. 6.9-6 Zur SättigungsannahmeIm Bereich kleiner kann ein „Unterangebot“ an Wechsel-
wirkungszentren auf der Carbonfaseroberfläche dazu führen, daß
ein meßbarer Anstieg der Haftung ausgehend von PE als Matrix-
material erst oberhalb einer kritischen Verknüpfungsstellenkon-
zentration zu verzeichnen ist. Unterhalb dieses
Schwellwertes „interpretiert“ die Carbonfaser das Polyamid de facto
als Polyethylen. Diese Aussage kann mit Hilfe der Simulationser-
gebnis (Kapitel 6.9 a) gestützt werden.
Die Abbildungen 6.9-7 und 6.9-8 veranschaulichen den Ein-
fluß der Konzentration von Oberflächenfunktionalitäten auf den
Wert der meßbaren Adhäsion. Für den gewählten Parameter n=6
ist zu erkennen, daß die Wahrscheinlichkeit für die Koinzidenz von
mindestens einer Verknüpfungsstelle im BSP und mindestens ei-
nem Wechselwirkungszentrum auf der Carbonfaseroberfläche erst
bei einer Konzentration ρWWZ = 5/6000 größer ist als die Möglich-
keit, daß es aus sterischen Gründen zu überhaupt keiner Wechsel-
wirkung kommt. Wählt man dagegen n=24, so muß mindestens
eine Konzentration von ρWWZ = 15/6000 vorliegen.
Diese Überlegungen berühren die Grundfrage der Makromole-
kularen Chemie (siehe auch Kapitel 2.1). Formal zählt natürlich
auch ein PA 512 zur Stoffklasse der Polyamide. Es stellt sich jedoch
die Frage, ob meßbare bzw. praxisrelevante Eigenschaften existie-
ren, die eine Unterscheidbarkeit der makroskopischen Materialien
PA 512 und PE gewährleisten?
00.5
[BS]
Kurvenverlauf mit BS[]
c und BS[]
sat
Kurvenverlauf mit BS[]
sat
BS[]
sat
BS[]
sat
BS[]
c
BS[]
BS[]
c
τ
IFSS
6.9 Kritische Bewertung des
Modells
6-31
6.9 e Homogenitätsannahme
Neben der Sättigungsannahme enthält das Verbundmodell ein
weiteres Postulat, das sich auf die Oberflächenfunktionalitäten der
Carbonfaser bezieht. Während die Sättigungsannahme auf die ge-
nerelle Konzentration an Oberflächenfunktionalitäten abzielt, ver-
langt die Homogenitätsannahme eine Gleichverteilung von
Oberflächenfunktionalitäten.
Abb. 6.9-7 SIMSURF-Ergebnisse für 100 Si-
mulationsläufe mit n=6, Nob=6000 und
NWWZ=1 (oben), NWWZ=2 (Mitte), NWWZ=4
(unten)
Eine Verletzung dieses Kriteriums führt nicht zu einer Abwei-
chung zwischen Modell und Experiment, so lange das Sättigungs-
kriterium erfüllt bleibt. D.h., so lange die Carbonfaser „lokal“
immer noch eine ausreichende Anzahl von Wechselwirkungszen-
tren zur Verfügung stellt, haben „globale“ Dichteschwankungen
keine Auswirkung auf die meßbare Adhäsion. Wird jedoch das Sät-
tigungskriterium durch die Dichteschwankungen verletzt, so
kommt es zu einer statistischen „Erniedrigung“ der meßbaren Ad-
häsion in Bezug auf das Niveau der Idealkurve.
6.9 f Vollständigkeitsannahme
Während Sättigungs- und Homogenitätsannahme Anforderun-
gen an die Anzahl und Verteilung von spezifischen Wechselwir-
kungszentren auf der Carbonfaseroberfläche stellen, geht die
Vollständigkeitsannahme davon aus, daß stets alle Verknüpfungs-
stellen, die im BSP eines Polyamids enthalten sind, auch einen
Haftungsbeitrag leisten.
Eine Verletzung dieses Kriteriums kann in verschiedenen Berei-
chen der Idealkurve zu Deformationen führen. In jedem Fall wäre
eine „Erniedrigung“ der Meßwerte in Bezug auf das Niveau der
Idealkurve zu beobachten. Beispielsweise tritt ein Abknicken der
Kurve in Richtung großer [BS] analog zu Abb. 6.9-6 auf, wenn die
Verletzung des Vollständigkeitskriteriums systematisch – etwa
durch eine Verletzung des Sättigungskriteriums (siehe
Kapitel 6.9 d) – bedingt ist.
6.9 g Souveränitätsannahme
Die Entwicklung des Strukturmerkmals [BS] aus dem BSP (Ka-
pitel 6.4 bis 6.7) enthält die Annahme, daß Polyamide – obwohl sie
sowohl über „seitenrichtige“ Protonendonator- als auch „seiten-
richtige“ Protonenakzeptorfunktionalitäten verfügen – in einem
Verbund mit Carbonfasern jeweils nur als reine Protonendonato-
ren oder reine Protonenakzeptoren fungieren. Die generelle Gül-
tigkeit dieser Behauptung ist definitiv nicht gegeben. In Bezug auf
das im Rahmen dieser Arbeit untersuchte Verbundsystem erscheint
sie jedoch zulässig (siehe Kapitel 2.3 e). Bei Anwendung des Ver-
bundmodells auf andere Fasersysteme muß eine Korrektur in der
chemometrischen Modellierung des BSPs in Betracht gezogen wer-
den. Diese Korrektur führt zu einer Neupositionierung der Poly-
amide entlang der Skalierungsachse.
01
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
Anzahl der Simulationen
Wechselwirkungszentren mit
aktivem Haftungsbeitrag
012
0
10
20
30
40
50
60
70
Anzahl der Simulationen
Wechselwirkungszentren mit
aktivem Haftungsbeitrag
01234
0
10
20
30
40
50
Anzahl der Simulationen
Wechselwirkungszentren mit
aktivem Haftungsbeitrag
6 Ein Modell für adhäsive
Verbunde aus Carbonfasern und
aliphatischen Polyamiden
6-32
Sollte es im realen System zu einer antiparallel gerichteten at-
traktiven Wechselwirkung kommen (simultane Beteiligung von
Protonendonator/Protonenakzeptor- und Protonenakzeptor/Pro-
tonendonator-Paaren) so wäre ein deutlicher Anstieg der meßbaren
Adhäsion zu erwarten.
Abb. 6.9-8 SIMSURF-Ergebnisse für 100 Si-
mulationsläufe mit n=6, Nob=6000 und
NWWZ=5 (oben), NWWZ=16 (Mitte),
NWWZ=99 (unten)
Neben der Behauptung, die Verknüpfungsstellen der Polyami-
de würden stets dem gleichen Wechselwirkungsmechanismus un-
terliegen, gilt die Annahme, daß jede Verknüpfung des gleichen
Typs auch einen identischen Haftungsbeitrag liefert. Unterschiede
in der physikalischen, chemischen und sterischen Umgebung der
beteiligten Wechselwirkungszentren werden somit vernachlässigt.
Es ist zu erwarten, des aufgrund dieser stark idealisierenden und
von der Realität abweichenden Annahme zu einer statistischen
Streuung der Meßwerte um den vorhergesagten Idealwert kommt.
6.9 h Vernachlässigung repulsiver Wechselwirkungen
Neben den möglichen attraktiven Kräften, die von den nicht
durch das BSP erfaßten, jedoch „seitenrichtigen“ Wechselwir-
kungszentren der Polyamide (siehe Kapitel 6.9 g) ausgehen, ver-
nachlässigt das Modell auch deren repulsive Wirkung. Stattdessen
werden diese Wechselwirkungszentren als Träger dispersiver (also
generell attraktiver) Kräfte gewertet. Dies führt im Rahmen des Se-
parationsansatzes zu einer generellen Unterbewertung der attrakti-
ven Wechselwirkungen (siehe Kapitel 6.8 b).
012345
0
10
20
30
40
Anzahl der Simulationen
Wechselwirkungszentren mit
aktivem Haftungsbeitrag
012345678
0
10
20
30
Anzahl der Simulationen
Wechselwirkungszentren mit
aktivem Haftungsbeitrag
5 1015202530
0
2
4
6
8
10
12
14
Anzahl der Simulationen
Wechselwirkungszentren mit
aktivem Haftungsbeitrag
7-1
7 Ein Evaluierungskonzept für die
Gegenüberstellung von Theorie und
Experiment
(1) Evaluierungsfaktoren für Carbonfaserver-
stärkte Polyamide (CFRPA) – Kompatibilitäts-
faktor, Kompatibilitätsinkrement,
Verstärkungsfaktor und Verstärkungsinkrement
(2) Modellkorrelationsfaktoren Normierte
Darstellung der Kompatibilitätsfaktoren und
Verstärkungsfaktoren
7 Ein Evaluierungskonzept für die
Gegenüberstellung von Theorie
und Experiment
7-2
Einleitung
In den Kapiteln 5 und 6 wurde ein Skalierungsmodell für aliphati-
sche Polyamide entwickelt. Die daraus resultierende eindeutige Po-
sitionierung von verschiedenen adhäsionsbezogenen Meßdaten auf
einer gemeinsamen Skalierungsachse einerseits und die mathemati-
sche Formulierung eines Verbundmodells (siehe Kapitel 6.8) ande-
rerseits ermöglichen eine quantitative Gegenüberstellung von
Adhäsionsvorhersagen aus thermodynamischen Oberflächenener-
giemodellen und empirischen elektrokinetischen Adhäsionsmodel-
len sowie experimentellen Adhäsionsdaten aus mikromechanischen
Haftungsmodellen.
Zur Vorbereitung dieser Modellkorrelationsanalyse ist jedoch eine
Weiterverarbeitung der experimentellen und theoretischen Rohda-
ten erforderlich. Zu diesem Zweck werden im vorliegenden Kapitel
verschiedene Faktoren definiert: das Kompatibilitätsinkrement
(compatibility increment) Mic, der Verstärkungsfaktor (gain factor)
Mf[BS] sowie zwei verschiedene Modell-Korrelationsfaktoren (model
correlation factors) Mφc und Mφf. Eine weitere wichtige Größe - der
Kompatibilitätsfaktor (compatibility factor) Mc - wurde bereits in
Kapitel 6.8 a eingeführt.
Der Superindex M ist ein universeller Platzhalter für die Kenn-
zeichnung des jeweiligen Ursprungs der Datensätze bzw. des je-
weils zugrundeliegenden Modells (siehe Tab. 7.0-1).
Tab. 7.0-1 Bedeutung des Superindex M
MMeß-/Modellgröße MBeschreibung
OW Thermodynamische Adhäsionsarbeit, nach Owens/Wendt
hThermodynamische Adhäsionsarbeit, nach Wu unter Verwen-
dung des harmonischen Mittels
gThermodynamische Adhäsionsarbeit, nach Wu unter Verwen-
dung des geometrischen Mittels
vOt Thermodynamische Adhäsionsarbeit, nach van Oss und Good
unter Einbeziehung sowohl attraktiver als auch repulsiver
Wechselwirkungen
vOa Thermodynamische Adhäsionsarbeit, nach van Oss und Good
unter ausschließlicher Einbeziehung attraktiver Wechselwirkun-
gen
NThermodynamische Adhäsionsarbeit, nach Neumann
KThermodynamische Adhäsionsarbeit, nach Kwok
τ
mittlere Grenzflächenscherspannung, bestimmt mit dem modi-
fizierten Kelly/Tyson-Modell
ζ
Differenz der -Werte, nach Jacobasch
W
OW
a
W
h
a
W
g
a
W
vOt
a
W
vOa
a
W
N
a
W
K
a
τ
∆ζplateau ζPlateau
7.1 Evaluierungsfaktoren für
CFRPA
7-3
7.1 Evaluierungsfaktoren für CFRPA
7.1 a Verstärkungsfaktor Mf[BS]
Während der Kompatibilitätsfaktor Mc aus einer linearen Re-
gression von adhäsionsbezogenen Meßdaten für Modellverbunde
mit gleicher Verstärkungskomponente (Carbonfaser) aber unter-
schiedlicher Matrixkomponente (Polyamid) hervorgeht, quantifi-
ziert der Verstärkungsfaktor Mf[BS] eine durch den Austausch der
Verstärkungskomponente initiierte Veränderung der adhäsionsbe-
zogenen Meßdaten. Das experimentelle Konzept dieser Arbeit sieht
die Verwendung zweier unterschiedlicher Verstärkungskomponen-
ten (Carbonfasern C-U und C-L) vor. Es bietet sich daher ein paar-
weiser Vergleich von Meßdaten auf Grundlage folgender
Definition an:
(7.1-1)
Die aus diesem Verhältnis resultierende Größe Mf[BS] wird im
weiteren als Verstärkungsfaktor (gain factor) bezeichnet. Der Ver-
stärkungsfaktor ist stets einer konkreten Matrixkomponente zuge-
ordnet und somit eine Funkion der gerichteten Bindungsstellen-
konzentration [BS]. Abbildung 7.1-1 veranschaulicht die Definiti-
on grafisch. Die sich in der Verstärkungskomponente unterschei-
denden Serien sind durch kreisförmige und dreieckige Meßpunkt-
Attrappen voneinander abgegrenzt.
Abb. 7.1-1 Veranschaulichung der Definition
des Verstärkungsfaktors (gain factor). Dreiecke
und Kreise markieren die sich in der Verstär-
kungskomponente unterscheidenden homolo-
gen Modellverbundserien.
f
M
BS[]
M C-L
()
BS[]
M C-U
()
BS[]
---------------------------
=
[BS]
M (
M (
,[BS])
,[BS])
Mf[BS]
M
7 Ein Evaluierungskonzept für die
Gegenüberstellung von Theorie
und Experiment
7-4
Drei Fälle sind zu unterscheiden:
Mf[BS]>1
In diesem Fall hat der Wechsel der Verstärkungskomponente in
Bezug auf die unmodifizierte Carbonfaser (C-U) zu einer Erniedri-
gung der adhäsiven Gesamtstärke beigetragen.
Mf[BS]<1
In diesem Fall hat der Wechsel der Verstärkungskomponente in
Bezug auf die unmodifizierte Carbonfaser (C-U) zu einer Erhö-
hung der adhäsiven Gesamtstärke beigetragen.
Mf[BS]=1
In diesem hat Fall der Wechsel der Verstärkungskomponente in
Bezug auf die unmodifizierte Carbonfaser (C-U) keine Verände-
rung der adhäsiven Gesamtstärke zur Folge.
7.1 b Das Verstärkungsinkrement M[BS]
Inhaltlich verwandt mit dem Verstärkungsfaktor Mf[BS] ist die
nachfolgende Beziehung:
(7.1-2)
Die aus dieser Differenz hervorgehende Größe M[BS] wird im
weiteren als Verstärkungsinkrement (gain increment) bezeichnet.
Abb. 7.1-2 Veranschaulichung der Definition
des Verstärkungsinkrements (forcing increment).
Dreiecke und Kreise markieren die sich in der
Verstärkungskomponente unterscheidenden
homologen Modellverbundserien
Das Verstärkungsinkrement ist stets einer konkreten Matrix-
komponente zugeordnet und somit eine Funkion der gerichteten
Bindungsstellenkonzentration [BS]. Abbildung 7.1-3 veranschau-
licht die Definition grafisch.
M
BS[] MC-L
()
BS[] MC-U
()BS[]
=
[BS]
M (,[BS])M (,[BS])M
[BS]
M
7.1 Evaluierungsfaktoren für
CFRPA
7-5
7.1 c Das Kompatibilitätsinkrement Mic
Trägt man die Verstärkungsfaktoren in Abhängigkeit von [BS]
in einem Diagramm auf, so läßt sich beurteilen, in wie weit sich ein
Austausch der Verstärkungskomponente auf die adhäsive Wechsel-
wirkung mit den Spezies der homologen Serie von Matrixkompo-
nenten auswirkt. Zu beachten ist, daß die Linearitätsannahme für
die Abhängigkeit zwischen der Meßgröße M und dem
Strukturmerkmal [BS] (siehe Kapitel 6.8) einen Kurvenverlauf für
Mf[BS]([BS]) postuliert, der demjenigen einer rationalen Funktion
des nachfolgenden Typs entspricht:
(7.1-3)
Die Parameter m1 und m2 entsprechen den Kompatibilitätsfak-
toren Mc der homologen Verbundserien mit den Faserkomponen-
ten C-U und C-L. Reduziert man Gl. (7.1-3) auf das Verhältnis der
Parameter m1 und m2 bzw. der Kompatibilitätsfaktoren McC-U und
McC-L, so erhält man eine Größe, mit deren Hilfe sich die durch den
Wechsel der Verstärkungskomponente induzierte Veränderung in
der Kompatibilität zwischen beiden Verbundkomponenten relativ
einfach abschätzen läßt:
(7.1-4)
Die Größe Mic wird im weiteren als Kompatibilitätsinkrement
(compatibility increment) bezeichnet. Abbildung 7.1-1 veranschau-
licht die Definition grafisch.
Auch hier können unter der Bedingung, daß beide Kompatibi-
litätsfaktoren McC-U und McC-L über gleiche Vorzeichen verfügen
und McC-U 0 gilt, zunächst drei Fälle unterschieden werden:
Mic > 1
In diesem Fall hat der Wechsel der Verstärkungskomponente in
Bezug auf die unmodifizierte Faser (C-U) zu einem Kompatibili-
tätszuwachs geführt.
0 Mic < 1
In diesem Fall hat der Wechsel der Verstärkungskomponente in
Bezug auf die unmodifizierte Faser (C-U) zu einer Kompatibilitäts-
abnahme geführt.
Mic = 1
In diesem Fall hat der Wechsel der Verstärkungskomponente in
Bezug auf die unmodifizierte Faser (C-U) zu keiner Kompatibili-
tätveränderung geführt.
fx() m1xn
1
+
m2xn
2
+
---------------------
=
i
M
c
c
M
C-L
c
M
C-U
------------
=
7 Ein Evaluierungskonzept für die
Gegenüberstellung von Theorie
und Experiment
7-6
Ein vierter möglicherweise auftretender Fall Mic < 0 indiziert ei-
nen Wechsel in der Dominanz von Interaktionsmechanismen. Für
eine weitergehende Interpretation müssen die Kompatibilitätsfak-
toren selbst herangezogen werden.
Ein fünfter Fall schließlich tritt ein, wenn gilt: McC-U =0 und
McC-L 0. Eine Berechnung des Kompatibilitätsinkrements ist
dann nicht möglich. Dennoch kann eine Interpretation der Meß-
daten im Sinne einer Kompatibilitätszunahme erfolgen. Das Vor-
zeichen von McC-L weist dabei auf den dominierenden Inter-
aktionsmechanismus hin.
Abb. 7.1-3 Veranschaulichung der Definition
des Kompatibilitätsinkrements (compatibility
increment). Dreiecke und Kreise markieren die
sich in der Verstärkungskomponente unter-
scheidenden homologen Modellverbundserien
Der Vorteil einer solchen Parameterreduktion wird bei der Ver-
wendung des Verstärkungsfaktors im Zusammenhang mit Modell-
Plausibilitätsprüfungen deutlich. Gerade für Situationen, in denen
nur eine geringe Anzahl von Meßpunkten zur Verfügung steht*),
erweist sich eine Kurvenregression auf Grundlage einer nichtlinea-
ren 4-parametrigen Funktion (Gl. (7.1-3)) als instabil und teilweise
sogar unmöglich. Die Verwendung des Kompatibilitätsinkrements
für die gleiche Kernaussage erfordert dagegen lediglich den unab-
hängigen Einsatz zweier linearer Optimierungen mit der gleichen
Anzahl von Meßpunkten. Zu beachten ist allerdings, daß sich die
Qualität der linearen Regression unmittelbar auf das Kompatibili-
tätsinkrement auswirkt und somit auch zu Fehlinterpretationen
der Daten führen kann. In der Regel sollten also alle Faktoren in
die Diskussion mit einbezogen werden.
Das Kompatibilitätsinkrement ermöglicht einen Modellver-
gleich anhand einer einzelnen kompakten Größe, in der die Wech-
selwirkung zwischen verschiedenen Verstärkungs- und Matrix-
komponenten vollständig gekapselt ist. Insbesondere kann bewer-
tet werden, in wie weit Modellvorhersagen und experimentelle Ad-
[BS]
c
M
c
M
c
M
c
Mi
Mc
*) als Ergebnis dieser Arbeit liegen z.B. lediglich sechs Meß-
punkte vor
M
7.2 Modell-Korrelationsfaktoren
7-7
häsionsdaten den Einfluß der Faserkomponente auf die
resultierende Gesamtstärke der Adhäsion reflektieren.
7.2 Modell-Korrelationsfaktoren
7.2 a Modell-Korrelationsfaktor M
φ
c
Mathematisch betrachtet entsteht der Modell-Korrelationsfak-
tor M
φ
c durch eine Normierung des zugehörigen Kompatibilitäts-
faktors Mc. Basis dieser Normierung ist der Kompatibilitätsfaktor
τ
c, d.h. alle Mc, die auf der Grundlage thermodynamischer und
elektrokinetischer Daten bestimmt wurden, werden pro homolo-
ger Verbundserie (nachfolgend durch den Index Faser gekenn-
zeichnet) mit dem aus mikromechanischen Experimenten
hervorgehenden Kompatibilitätsfaktor
τ
c ins Verhältnis gesetzt:
(7.2-1)
Einer vergleichenden Auftragung der Modell-Korrelationsfak-
toren auf der Basis von Modell-Kategorien (M) kann
demnach die relative Vorhersage-Qualität der theoretischen und
empirischen Adhäsionsmodelle entnommen werden. Zu beachten
ist, daß ein derartiger Vergleich vor allem den Einfluß der Matrix-
komponente (Adhäsiv) fokussiert. Weiterhin sollte man sich be-
wußt machen, daß in M
φ
c bereits einige der Modellannahmen -
insbesondere der lineare Zusamenhang zwischen M und [BS]) -
verankert sind.
Abb. 7.2-1 Veranschaulichung der Definition
des Modell-Korrelationsfaktors M
φ
c
φ
M
c
()
Faser
c
M
c
τ
------



Faser
=
φ
M
c
()
Faser
[BS]
c
τ
Mτ
c
M
[BS]
φ
c
M
c
M
c
τ
7 Ein Evaluierungskonzept für die
Gegenüberstellung von Theorie
und Experiment
7-8
Abbildung 7.2-1 veranschaulicht die Definition grafisch. Die
Übereinstimmung der äußeren Form der Meßpunkt-Attrappen
(Kreis) soll verdeutlichen, daß nur Serien von Modellverbundsyste-
men in Beziehung gesetzt werden, die auch die gleiche Verstär-
kungskomponente enthalten. Hohle Symbole kennzeichnen stets
die Werte der mittleren Grenzflächenspannung .
7.2 b Modell-Korrelationsfaktor M
φ
f
Im Unterschied zu M
φ
c wird der Modell-Korrelationsfaktor M
φ
f
direkt aus einem Satz von vier Meßdaten berechnet, die einem ge-
meinsamen Wert der gerichteten Bindungsstellenkonzen-
tration [BS]zugeordnet sind. Dabei wird folgende Rechenvor-
schrift verwendet:
(7.2-2)
Mathematisch betrachtet entsteht der Modell-Korrelationsfak-
tor M
φ
fdurch eine Normierung des zugehörigen Verstärkungsfak-
tors . Normierungsbasis sind das mikromechanische
Verbundmodell und die damit erhobenen praktischen Adhäsions-
daten bzw. der Verstärkungsfaktor .
Abbildung 7.2-2 veranschaulicht die Definition grafisch. Kreise
und Dreiecke markieren jeweils Modellverbundserien mit unter-
schiedlicher Verstärkungskomponente (Fasermaterial). Ausgefüllte
und hohle Symbole kennzeichnen die unterschiedliche Zugehörig-
keit zur dargestellten Modellgröße. Hohle Symbole kennzeichnen
stets Werte der mittleren Grenzflächenspannung .
Die besondere Bedeutung des Faktors für die Modell-
korrelationsanalyse besteht in dessen direkter Beziehung zu den
Meßdaten M([BS]). Bestimmt man die Werte von für
ein beliebiges Modell M und für eine genügend große Anzahl von
Matrixkomponenten, so ermöglicht die anschließende Auftragung
von gegen [BS] eine Validierung des in Kapitel 6.8 po-
stulierten Verbundmodells. Dazu muß man sich verdeutlichen,
daß die berechneten im Falle der Gültigkeit der Modell-
annahmen zum Wertebereich einer echt gebrochenen rationalen
Funktion des nachfolgenden Typs gehören müssen:
(7.2-3)
Die Variable x entspricht im vorliegenden Modell der gerichte-
ten Bindungsstellenkonzentration [BS]. Die vier in Gl. (7.2-3) ent-
haltenen linearen Funktionen
τ
φ
Mf
()
BS[]
M C-L
M C-U
--------------


BS[]
τC-L
τC-U
---------


BS[]
----------------------------f
MBS[]
f
τ
BS[]
------------
==
f
MBS[]
f
τ
BS[]
τ
φ
Mf
()
BS[]
φ
Mf
()
BS[]
φ
Mf
()
BS[]
φ
Mf
()
BS[]
gx() m1xn
1
+
m2xn
2
+
---------------------m4xn
4
+
m3xn
3
+
---------------------
=
7.2 Modell-Korrelationsfaktoren
7-9
(7.2-4)
mit i=1...4 sind mathematischer Ausdruck der Annahme eines li-
nearen Zusammenhangs zwischen der Meßgröße M und der ge-
richteten Bindungsstellenkonzentration [BS] in Analogie zu Gl.
(6.8-3). Zur Erinnerung: Die Parameter m1 bis m4 entsprechen
den Kompatibilitätsfaktoren Mc der jeweiligen Serien, während die
Parameter n1 bis n4 den jeweiligen Funktionswert M(0)*) wieder-
geben.
Abb. 7.2-2 Veranschaulichung der Definition
des Modell-Korrelationsfaktors M
φ
f. Dreiecke
und Kreise markieren die sich in der Verstär-
kungskomponente unterscheidenden homolo-
gen Modellverbundserien.
Die Verknüpfungsvorschrift für die vier Funktionen li(x) ergibt
sich aus der Definition des Modellkorrelationsfaktors
(siehe Gl. (7.2-2)). Die Indizes 1 und 2 beziehen sich auf die Da-
tenreihen des für die Korrelationsanalyse gewählten Modells M; die
Indizes 3 und 4 kennzeichnen die aus dem mikromechanischen
Versuch hervorgehenden Datenreihen. Ungerade Indizes referen-
zieren die homologe Modellverbundserie mit der Verstärkungsfaser
C-U, während gerade Indizes die homologe C-L-Serie kennzeich-
nen.
*) also den Meßwert M für einen Verbund, der als Matrixkomponente
Polyethylen enthält
lix() mixn
i
+=
[BS]
M
[BS]
M
M (,[BS])
M (,[BS])
τ
(,[BS])
,[BS])
τ
(
Mf[BS]
τ
f[BS]
Mf[BS]
τ
f[BS]
φ
f
M
φ
Mf
()
BS[]
7 Ein Evaluierungskonzept für die
Gegenüberstellung von Theorie
und Experiment
7-10
8-1
8 Elektrokinetische Modellierung
aliphatischer Polyamide
(1) Elektrokinetische Sicht auf aliphatische
Polyamide – p.d.i., spezifische Adsorption und
Modellauswahl
(2) Zwitterionenoberflächen – Ladungsaus-
prägung an der Oberfläche und Ladungsdistri-
bution in der elektrochemischen Doppelschicht
(3) Experimentelle Praxis und Modell – Ver-
fahrensweise bei der Interpretation der Meßer-
gebnisse für pH-abhängige ZpSM
8 Elektrokinetische Modellierung
aliphatischer Polyamide
8-2
Einleitung
Die Anforderungen an ein vollständiges elektrokinetisches Modell
(site dissociation- bzw. surface complexation-Modell) sind bereits in
Kapitel 3.2 dargelegt worden. Ebenso wurde darauf hingewiesen,
daß sowohl die speziellen Bedürfnisse des Experimentators als auch
die Spezifizität des untersuchten Systems zu einer großen Variati-
onsbreite an verfügbaren Modellen führt. Die Zusammenstellung
eines adäquaten Modells kann also unter Berücksichtigung ver-
schiedener Annahmen und Einschränkungen wie bei einem modu-
laren Baukastensystem erfolgen. In allen Fällen unabdingbar ist
jedoch ([3-135])
(1) die Formulierung von Reaktionen der surface sites mit den
p.d.i., die zur primären Ladungsausprägung führen und
(2) die Formulierung der Ladungs-Potentialbeziehung(en)
(Ladungsdistribution und Potentialverlauf) über den
gesamten Querschnitt der EDS.
Nun liegt der Fokus der vorliegenden Arbeit zwar nicht auf elek-
trokinetischen Modellen, jedoch sollen Meßergebnisse aus elektro-
kinetischen Messungen bei der Formulierung von Struktur/
Eigenschaft-Beziehungen helfen bzw. es soll geklärt werden, ob
elektrokinetische Messungen – so wie sie hier durchgeführt wurden
– einen Beitrag zur Auffindung von Struktur/Eigenschaft-Bezie-
hungen leisten können. Beide Absichten implizieren jedoch die
Verfügbarkeit eines Interpretationskonzeptes für die hier vorlie-
genden Meßkurven aus pH-abhängigen Zetapotentialmessungen.
Ein solches Interpretationskonzept muß
(1) charakteristische Punkte oder Abschnitte der Meßkurve in
Form von Merkmalen identifizieren und quantifizieren und
(2) diese Merkmale anhand eines Modells auf systemspezifische
Eigenschaften der untersuchten Probe abbilden.
Das vorliegende Kapitel ist daher eine Ergänzung zur methodi-
schen Beschreibung elektrokinetischer Messungen in Kapitel 333.
Während dort die grundlegende Theorie elektrokinetischer Phäno-
mene vorgestellt wurde, erfolgt hier die Entwicklung eines Inter-
pretationskonzeptes für die via ZpSM-Messung gewonnen
elektrokinetischen Rohdaten aliphatischer Polyamide.
8.1 Der Ausgangspunkt wird defi-
niert
8-3
8.1 Der Ausgangspunkt wird definiert
Die Verfügbarkeit eines Interpretationskonzeptes (siehe Einlei-
tung) erfordert im Umkehrschluß: Es muß ein Modell entwickelt
werden, das geeignet ist, die experimentellen Ergebnisse der ZpSM
von aliphatischen Polyamiden zu erklären. Bei dieser Aufgabe hel-
fen sowohl ein Grundverständnis für das elektrokinetische Phäno-
men als auch diverse Publikationen, aus denen bereits einige
grundlegende Modellannahmen abgeleitet werden können:
XDie Potential bestimmenden Ionen für aliphatische Polyamide
sind H+ und OH ([1-52],[3-121],[3-140]).
XDer Beitrag spezifischer Adsorptionsprozesse kann vernachläs-
sigt werden [3-140].
XDie polaren Amidgruppen in der Hauptkette haben bei pH-
abhängigen Zetapotentialmessungen keinen spezifischen Ein-
fluß auf den Verlauf der Meßkurve ([2-81],[3-140]).
XDer Verlauf
ζ
(pH) wird bei konstanter Elektrolytkonzentration
durch einen sauren und einen basischen Typ von surface site
bestimmt. Diese surface sites entsprechen den beiden mögli-
chen Endgruppen aliphatischer Polyamide (sekundäre Amino-
gruppe bzw. Carboxylgruppe) ([2-81],[3-140]).
In Bezug auf die Einordnung des zu entwickelnden, in die Reihe
der in der Literatur beschriebenen site dissociation-Modelle läßt sich
die folgende Aussage treffen ([3-121],[3-140]):
XDas zugrundeliegende Modell ist dem Wesen nach ein two site
dissociation-Modell. Von den derzeit in der Literatur verfügba-
ren Modellklassifizierungen ist der Begriff Zwitterionen-Modell
zutreffend.
In dieser Arbeit werden ZpSM-Messungen mit der Absicht ein-
gesetzt, Meßergebnisse für verschiedene Polyamide miteinander zu
vergleichen. Der Fokus dieses Vergleichs liegt dabei eher auf meß-
baren Unterschieden als auf Absolutwerten. In Kombination mit
der Annahme, spezifische Adsorptionsvorgänge seien zu vernach-
lässigen, resultiert eine wichtige Modellvereinfachung
([3-121],[3-140]):
XDie Beschreibung von Ladungsdistribution und Potentialver-
lauf kann auf Grundlage des Gouy/Chapman- bzw. des pure
diffusion-Modells erfolgen.
8 Elektrokinetische Modellierung
aliphatischer Polyamide
8-4
8.2 Referenzsysteme
Ein Großteil der im vorliegenden Kapitel getroffenen Aussagen
legitimiert sich aus einer Veröffentlichung von Rendall und
Smith aus dem Jahre 1978 [3-140] und aus Lehrbuchwissen der
Biochemie (z.B. [2-81], [2-82]). Der inhaltliche Bezug auf die Ar-
beit von Rendall und Smith ist der Gegenstand ihrer Modellierung
- ein two site dissociation-Modell für PA 6.6. Die Verbindung zu
den Arbeiten der Biochemie leitet sich aus der Analogie zwischen
Polyamiden und den wohl meist untersuchten Verbindungsklassen
der Naturstoffe ab: Aminosäuren, Proteine, Peptide und Polypep-
tide. Ein Blick in die Lehrbücher der Biochemie zeigt sehr schnell,
daß die dort eingesetzten Charakterisierungs- und Trennungsver-
fahren (Säure/Base-Titration, Gel-Elektrophorese, Isoelektrische
Fokussierung) in unmittelbarem Zusammenhang mit den ZpSM-
Untersuchungen dieser Arbeit stehen. Es erscheint daher legitim,
die dort gewonnen grundlegen Erkenntnisse auf aliphatische Poly-
amide zu übertragen.
8.2 a Analoge Systeme in der Biochemie
Aminosäuren
Abb. 8.2-1 Generische Struktur der natürlichen
α
-Aminosäuren
Aminosäuren sind Moleküle mit mindestens einer Carboxyl-
gruppe und mindestens einer Aminogruppe. Die meisten der in der
Natur vorkommenden Verbindungen sind so genannte
α
-Amino-
säuren - die Aminogruppe befindet sich am
α
-C-Atom, in unmit-
telbarer Nachbarschaft zur Carboxylgruppe (siehe Abb. 8.2-1). Die
aliphatischen oder aromatischen Seitenketten (R) vieler Aminosäu-
ren tragen weitere Carboxyl- und Aminogruppen oder enthalten
Hydroxyl-, Thiol- oder sulfidische Gruppen ([2-81], [2-82],
[8-188]).
Abb. 8.2-2 Die einfachste Aminosäure: Glycin
Die Analogie zu den aliphatischen Polyamiden wird besonders
deutlich am Beispiel der einfachsten natürlichen Aminosäure - dem
Glycin (R=H, siehe Abb. 8.2-2). Ohne weiteres könnte dieses Mo-
lekül als Monomeres bei der Polykondensation zu PA 2 fungieren
(siehe auch Kap. 222). Laut Definition werden bei der Typ-AB-Po-
lyamidsynthese
α,ω
-Aminosäuren als Monomere eingesetzt. Im
Falle des Glycins bezeichnen
α
und
ω
jedoch das gleiche C-Atom
(C2).
Aminosäuren sind amphotere Moleküle. Da die Säurekonstan-
ten (pKa-Werte) der sauren und basischen Gruppe(n) deutlich aus-
einanderliegen (siehe Tab. 8.2-1), liegen Aminosäuren in wässrigen
Lösungen hauptsächlich als Zwitterion vor.
Abb. 8.2-3 Amphoterer Charakter der Amino-
säuren am Beispiel des Glycins
O
NH2
OH
R
O
NH2
OH
H
H+
H+
OH- OH-
O
NH3
+
OH
O
NH3
+
O-
O
NH2
O-
8.2 Referenzsysteme
8-5
Im stark Sauren (pH
<
2) sind die Carboxyl- und Aminogruppen
protoniert, so daß eine positive Nettoladung des Moleküls ent-
steht. Mit steigendem pH-Wert kehren sich die Verhältnisse um:
Die Carboxylgruppe ist deprotoniert und die Aminogruppe liegt in
ihrer neutralen Form vor. Im stark Basischen resultiert eine negati-
ve Nettoladung:
Tab. 8.2-1 pK-Werte der ionisierbaren
Gruppen einiger α-Aminosäuren bei 25°C,
Ausschnitt aus [2-81]
Abbildung 8.2-4 veranschaulicht die Vorgänge anhand der Ti-
trationskurve von Glycin. Zur allgemeinen Beschreibung der Ti-
trationskurven von Aminosäuren wird die Henderson-
Hasselbalch-Gleichung verwendet:
(8.2-1)
Gleichung 8.2-1 läßt sich direkt aus dem Massenwirkungsgesetz
der Dissoziationsreaktion ableiten und beschreibt die Beziehung
zwischen dem pH-Wert einer Lösung und den Konzentrationen ei-
ner Säure [HA] und deren konjugierter Base [A]. Der pKa-Wert
jedes Ionisierungsschrittes läßt sich aus dem Wendepunkt (Markie-
rungen (II) und (IV)) der zugehörigen Teilkurve ableiten; Zur Er-
innerung: Bei einem pH-Wert, der dem pKa-Wert einer
Dissoziationsreaktion (-stufe) entspricht, liegen die dissoziierte und
die nicht dissoziierte Form im Verhältnis 1:1 vor.
Abb. 8.2-4 Titrationskurve der Aminosäure
Glycin (nach [2-81]). Die Punkte (I), (III) und
(V) korrespondieren mit den Dissoziationszu-
ständen nach Abb. 8.2-3. Die Punkte (II) und
(IV) markieren zwei wichtige Wendepunkte der
Titrationskurve, die zudem gleichzeitig den pK-
Werten der ionisierbaren Gruppen entsprechen.
Die Konkurrenz und Gegenläufigkeit von Protonierung und
Dissoziation einer sauren und einer basischen Gruppe muß
zwangsläufig zum auftreten eines sogenannten isoelektrischen
Punktes (i.e.p. oder auch pI ) führen (Markierung (III)). Bei diesem
pH-Wert weisen die Aminosäuremoleküle keine Nettoladung auf.
Tabelle 8.2-2 listet pI-Werte einiger Aminosäuren auf. Zur Berech-
nung des isoelektrischen Punktes wird allgemein die Beziehung
α-Amino-
säure
pKa
–-COOH
pKa
–NH3+
Asparagin 2.1 8.84
Lysin 2.16 9.18
Glutamin 2.17 9.13
Valin 2.29 9.74
Isoleucin 2.32 9.76
Glycin 2.34 9.60
pH pKa
A
[]
HA[]
-------------log+=
(III) pI=5,97
(II) pKa=2,34
(IV) pKa=9,60
(I)
(V)
0
2
4
6
8
10
12
0,25 0,50 0,75 1,00 1,25 1,50 1,75 2,00
OH- - Äquivalente
pH
8 Elektrokinetische Modellierung
aliphatischer Polyamide
8-6
(8.2-2)
Tab. 8.2-2 Isoelektrische Punkte einiger α-
Aminosäuren, Ausschnitt aus [2-81]
eingesetzt [2-81], wobei pKi und pKj für die Säurekonstanten
der beiden protonierten Spezies i
=
–NH3+ und j
=
–COOH stehen.
Begründet wird die Anwendbarkeit von Gl. (8.2-2) vor allem da-
mit, daß die pKa-Werte der Carboxyl- und Aminogruppen genü-
gend weit (
pH>2) auseinanderliegen. Diese Bedingung ist zwar
notwendig, aber sie ist nicht hinreichend. Ein ganz wesentliches
Kriterium für die Gültigkeit der Beziehung steckt in der Struktur
der Aminosäuren selbst: Abgesehen von sieben der zwanzig natür-
lichen Aminosäuren, befinden sich in den Seitenketten (R) keine
funktionellen Gruppen mit einem pK-Wert innerhalb des experi-
mentell zugänglichen pH-Fensters (pH
=
1-12). In diesem Fall tra-
gen genau zwei Gruppen zur Einstellung des pI-Wertes bei. Und
die Konzentration dieser Gruppen ist zudem auch noch identisch;
denn ein
α
-Aminosäure-Molekül enthält immer eine
α
-Amino-
gruppe und eine
α
-Carboxylgruppe. Genau diese Übereinstim-
mung in der Konzentration beider ionisierbarer Gruppen ist
Bedingung für die Anwendbarkeit von Gl. (8.2-2). In Abschnitt
8.3 a wird der
ζ
(pH)-Verlauf bei Polyamiden mit einer Abwei-
chung von diesem Prinzip erklärt.
Peptide
Peptide sind quasi die Polymere (Polykondensate) der Amino-
säuren, wobei in Oligopeptiden, Polypeptiden und Proteinen 20
verschiedene Aminosäuren in unterschiedlichen Sequenzen über
Peptidbindungen (Amidgruppen) miteinander verknüpft sind. Die
Charakterisierung und Aufbereitung (Trennung) der Proteine er-
folgt jedoch auf Grundlage kumulativ wirkender Eigenschaften
von Aminosäuren. So überrascht es nicht, daß Peptide einen isolek-
trischen Punkt aufweisen, der für ein jeweiliges Peptid charakteri-
stisch ist und daß diese Eigenschaft sogar genutzt werden kann, um
Peptide mit einer Auflösung von 0.01 pH-Einheiten zu trennen.
Für eine detaillierte Beschreibung dieses Verfahrens – der isolektri-
schen Fokussierung – sei u.a. auf [8-185] und [2-81] verwiesen.
Interessant an dieser Stelle ist, daß die Berechnung des i.e.p.
selbst bei so riesigen Molekülen wie den Peptiden mit relativ großer
praktischer Übereinstimmung gelingt [8-185]. Zu diesem Zweck
läßt sich sehr leicht aus dem Massenwirkungsgesetz eine analyti-
sche Formel herleiten, mit deren Hilfe die Berechnung der forma-
len Nettoladung
σ∗
des Peptidmoleküls in Abhängigkeit vom pH-
Wert der Elektrolytlösung möglich ist:
(8.2-3),
mit den Indizes i für basische Gruppen und j für saure Gruppen.
Gleichung (8.2-3) wurde beispielhaft auf ein aus 35 Aminosäuren
bestehendes Peptid angewendet, dessen Zusammenstellung Tab.
pI 1
2
---pKipKj
+()=
a-Aminosäure pI
Valin 5.96
Glycin 5.97
Isoleucin 5.98
Alanin 6.00
Leucin 6.02
Lysin 9.74
σ*ni
Ki
H+
[]
------------1+
--------------------- nj
H+
[]
Kj
------------1+
---------------------
j
i
=
8.2 Referenzsysteme
8-7
8.2-3 (nach [8-185]) zu entnehmen ist.
Tab. 8.2-3 Zusammensetzung eines in [8-185]
untersuchten Peptids. Anzahl und pK-Werte
zur Berechnung des pI nach Gl. (8.2-3)
Der gleichen Quelle entstammt der experimentell bestimmte
Wert pI
=
5.3. Die analytische Lösung ergibt den Wert pI
=
5.49.
Die graphische Darstellung des pH-abhängigen Nettoladungsver-
laufs des gleichen Polyamids in Abbildung 8.2-5 läßt bereits erah-
nen, daß oberhalb einer bestimmten Anzahl verschiedener
ionisierbarer Gruppen mit unterschiedlichen pK-Werten keine ein-
deutige Zuordnung mehr auf Grundlage simpler Säure/Base-Titra-
tionskurven erfolgen kann.
Abb. 8.2-5 Nach Gleichung (8.2-3) berechneter
theoretische pH-Abhängigkeit der Nettoladung
eines Peptids mit Aminosäureeinheiten laut
Tab. 8.2-3. pI kennzeichnet den theoretisch be-
stimmten isoelektrischen Punkt.
Auch hier gilt: Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile; in
komplexeren Molekülen beeinflussen sich benachbarte geladene
Gruppen; Wasserstoffbrückenbindungen, elektrostatische Abschir-
mung und Salzeffekte des Lösemittels führen zudem zur Verschie-
bung der pK-Werte [2-81].
Aminosäure /Funktionelle Gruppe pKa,i nipKa,j nj
a-Aminogruppe 9.7 1
Lysin 10.5 4
Arginin 12.4 5
Histidin 6.0 2
a-Carboxylgruppe 3.3 1
Aspargin 3.9 5
Glutamin 4.3 6
Cystein 8.3 10
Tyrosin 10.0 3
pI=5.49
0123456789101112
-24
-22
-20
-18
-16
-14
-12
-10
-8
-6
-4
-2
0
2
4
6
8
10
12
14
Nettoformalladung σ*
pH
8 Elektrokinetische Modellierung
aliphatischer Polyamide
8-8
8.2 b Das two site dissociation-Modell von Rendall/Smith
Im Jahre 1978 veröffentlichten Rendall und Smith ein two site
dissociation Modell für PA 6.6 [3-140]. Den experimentellen Be-
weis ihres Modells führten sie auf Grundlage elektrophoretischer
Messungen an zwei verschiedenen PA 6.6-Dispersionen (Sol A und
Sol B) in vier verschiedenen Elektrolytkonzentrationen.
Tab. 8.2-4 Ergebnisse des two site dissociation
Modells von Rendall und Smith für PA 6.6. e0
steht für die Elementarladung
Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Beschreibung einer
zwitterionischen Oberfläche, die sowohl positive (Protonierung
von sekundären Aminogruppen) als auch negative (Dissoziation
von Carboxylgruppen) Ladungen tragen kann. Mit Hilfe einfacher
Kurveninterpretationen und einem sich daran anschließenden
stochastischen Optimierungsprozess gewinnen Rendall und
Smith nacheinander den isoelektrischen Punkt (i.e.p.), die Dichte
an surface sites (Ns+, Ns–) und die zugehörigen Säurekonstanten
(pK+, pK) für beide Oberflächenspecies sowie die integrale Kapa-
zität K des starren Teils der Doppelschicht. Die Beziehung zwi-
schen Ladung und Potential wird durch das Gouy-Chapman
interface Modell abgebildet. Auf eine detailliertere Darstellung soll
an dieser Stelle verzichtet werden. Eine Erklärung des Modells fin-
det sich auch in [3-121] und [3-123].
Voraussetzung für die Berechnungen ist allerdings die Verfüg-
barkeit eines (positiven)
ζ
plateau-Wertes bei niedrigen pH-Werten.
Fehlt dieses Plateau bzw. ist es experimentell nicht zugänglich,
dann ist die Auswertung nicht möglich. Tabelle 8.2-4 zeigt die Er-
gebnisse für PA 6.6 noch einmal im einzelnen.
8.3 Elektrokinetische Modellierung
8.3 a Mechanismen der Ladungsausprägung
Dissoziationsmodell und Nettoformalladung
Abb. 8.3-1 Vergleich der Ergebnisse von Modell
und Experiment nach Rendall und Smith
[3-140]. Dargestellt sind
ζ
(pH)-Kurven für das
SOL A bei unterschiedlichen Elektrolytkonzen-
trationen. Die experimentellen Ergebnisse sind
als Punkte, die theoretisch berechneten Werte
als Kurven dargestellt
Die aliphatischen Polyamide werden unter Bezugnahme auf die
Erkenntnisse in Kapitel 8.2 als two site dissociation - Zwitterionen-
System modelliert. Den beiden Dissoziations- bzw. Protonierungs-
mechanismen an den polymeren Endgruppen werden die folgen-
den Konzentrationsgleichgewichte mit den zugehörigen
Gleichgewichtskonstanten zugrunde gelegt:
(1) basische Endgruppe (sekundäre Aminogruppe)
(8.3-1)
(2) saure Endgruppe (Carboxylgruppe)
(8.3-2)
Größe Sol A Sol B
Ns+e0 /
µC cm-2 0.62 0.72
Ns–e0 /
µC cm-2 1.42 1.1
i.e.p. 5.4 5.8
pK+10.0 10.0
pK5.5 5.5
K /
µF cm-2 25 26
K+
–NH2
[]H+
[]
–NH3
+
[]
-----------------------------------
=
K
–COO
[]H+
[]
–COOH[]
---------------------------------------
=
8.3 Elektrokinetische Modellie-
rung
8-9
Die Definition erfolgt grundsätzlich im Sinne einer Säurekon-
stante bzw. eines Dissoziationsvorgangs ausgehend von einer neu-
tralen oder geladenen protonierten Spezies.
Die bisherigen Modellparameter verhalten sich noch vollkom-
men konform zu den Angaben, die im Zusammenhang mit Ami-
nosäuren gemacht werden (siehe Kapitel 8.2 a). Ein guter
Ausgangspunkt für die nachfolgenden Überlegungen stellt daher
Abb. 8.3-2 dar. Sie veranschaulicht den nach Gl. (8.2-3) berechne-
ten Kurvenverlauf der auf 1 normierten Nettoformalladung
σ∗
ei-
ner Glycinprobe in Abhängigkeit vom pH-Wert des Elektrolyten.
Die Berechnung erfolgt auf der Grundlage der Parameter
ni
=
nj
=
1, pKi
=
pK+
=
9.7 und pKj
=
pK-
=
2.3. Für den Absolut-
betrag der maximalen Nettoladung resultiert |
σ∗
max|
=
1.
Abb. 8.3-2 Mit Gl. (8.2-3) berechnete Verände-
rung der Nettoladung σ∗ einer Glycinprobe in
Abhängigkeit von der p.d.i.-Konzentration.
Für die fünf markierten Punkte (I)-(V) können folgende Aussa-
gen getroffen werden:
(I) Bei diesem pH-Wert liegen alle Endgruppen in protonierter
Form vor; während die Carboxylgruppe keine Ladung trägt, besitzt
die Aminogruppe eine positive Ladung. Die resultierende Netto-
formalladung beträgt
σ∗ = +
1.
(II) Dieser pH-Wert entspricht dem pKa-Wert der Carboxyl-
gruppe nach Gl. (8.3-2). D.h., die protonierte und die nicht pro-
tonierte Form der Carboxylgruppe tritt in der untersuchten Probe
im Verhältnis 1:1 auf. Die terminalen Aminogruppen sind weiter-
hin vollständig protoniert. Diese Stelle entspricht einem Wende-
punkt in der Ladungskurve und in der Säure/Base-Titrationskurve
(vgl. Abb. 8.2-4).
(III) Dies ist der isoelektrische Punkt (pI ) des Systems. Die Gly-
cin-Moleküle tragen keine Nettoladung. Carboxyl- und Amino-
gruppe liegen jeweils in der ionisierten Form vor. Für diesen Punkt
gilt Gl. (8.2-2).
(III) pI=6.0
(II) pK-=2.3
(IV) pK+=9.7
(I)
(V)
024681012
-1,25
-1,00
-0,75
-0,50
-0,25
0,00
0,25
0,50
0,75
1,00
1,25
Nettoformalladung σ∗
pH
8 Elektrokinetische Modellierung
aliphatischer Polyamide
8-10
(IV) Dieser pH-Wert entspricht dem pKa-Wert der Aminogrup-
pe nach Gl. (8.3-1). D.h., die protonierte und die nicht protonierte
Form der Aminogruppe liegt in der untersuchten Probe im Ver-
hältnis 1:1 vor. Die terminalen Carboxylgruppen sind vollständig
dissoziiert. Diese Stelle entspricht einem Wendepunkt in der La-
dungskurve und in der Säure/Base-Titrationskurve (vgl. Abb. 8.2-
4).
(V) Bei diesem pH-Wert liegen alle Endgruppen in dissoziierter
Form vor; während die Carboxylgruppe eine negative Ladung
trägt, besitzt die Aminogruppe keine Ladung. Die resultierende
Nettoformalladung beträgt
σ∗ = −
1.
Generalisierung der pH-abhängigen Ladungsausprägung
Alle Zwitterionensysteme (amphoteren Systeme) mit einstufi-
gen Dissoziations- bzw. Protonierungsgleichgewichten zeigen eine
pH-abhängige Ladungskurve und eine Säure/Base-Titrationskurve
wie sie in den Abbildungen 8.3-2 und 8.2-4 zu sehen ist. Die Lage
der Punkte (I)-(V) und damit auch die konkrete Gestalt der Kurve
wird bestimmt durch die pKa-Werte der beteiligten Spezies und –
wie noch gezeigt wird – von der absoluten und relativen Konzen-
tration an Dissoziations- bzw. Protonierungszentren (surface sites).
Trägt man also eine der Kurven in ein neues Diagramm ein (Abb.
8.3-3) und verzichtet dabei auf eine Skalierung von Abszisse und
Ordinate, so erhält man eine Art Masterkurve mit den fünf charak-
teristischen Punkten (i)-(v).
Abb. 8.3-3 Zusammenhang zwischen Nettofor-
malladung und p.d.i.-Konzentration (pH) für
ein Zwitterionensystem. Die Abbildung zeit die
Masterkurve mit den fünf charakteristischen
Punkten.
Das Prinzip des „experimentellen Fensters“
Die absolute Lage der pKa-Werte des betrachteten Systems ent-
scheidet darüber, welcher Kurvenabschnitt entlang der pH-Achse
experimentell zugänglich ist und was der Experimentator letztend-
(iii) pI
(ii) pK-
(iv) pK+
(i)
(v)
Nettoformalladung σ∗
pH
8.3 Elektrokinetische Modellie-
rung
8-11
lich in seinem „experimentellen Fenster“ sieht. Je kleiner pKist,
desto stärker sauer muß das Titriermittel sein, damit die Punkte (i)
und (ii) erreicht werden können. Je größer pK+ ist, desto stärker ba-
sisch muß das Titriermittel sein, damit die Punkte (iv) und (v) er-
reicht werden können. Bei pH-abhängigen
ζ
-potentialmessungen
stößt man dabei sehr schnell an Grenzen.
Das experimentelle Fenster vermag in der Regel den pH-Bereich
zwischen 2.5 und 9.5 abzudecken. Ober- bzw. unterhalb dieser
Werte wird die Ionenstärke des Elektrolyten zu groß, so daß es zu
verfälschenden Effekten kommt (Kompression der EDS, [2-74]).
Abb. 8.3-4 Das Prinzip des „experimentellen
Fensters“. Es sind zwei verschiedene Ausschnitte
markiert. Der Fall „rot/durchgezogene Linie“
kennzeichnet ein System mit großem pK+, der
Fall „blau/gestrichelte Linie“ bezieht sich auf ein
System mit kleinem pK-. Man vergleiche die
Kurvenausschnitte mit den generischen
ζ
(pH)-
Kurven in Kapitel 3.2 e.
In diesem Sinne sind auch die generischen Kurvenverläufe pH-
abhängiger Zetapotentialmessungen zu verstehen, wie sie in
Kapitel 3.2 e bereits vorgestellt wurden. Man sollte sich bewußt
machen, daß es „ein links“ und „ein rechts“ von diesen Kurven
gibt, das sich jedoch dem experimentellen Zugang entzieht.
Skalierung und Positionierung der Masterkurve
In Kapitel 8.2.a wurde bereits auf die eingeschränkte Gültigkeit
von Gl. (8.2-2) hingewiesen. Im vorliegenden Abschnitt wird der
Einfluß einer Abweichung vom 1:1-Konzentrationsverhältnis sau-
rer und basischer Reaktionszentren (surface sites) auf den Kurven-
verlauf
σ∗
(pH) untersucht. Zu diesem Zweck werden die
Variablen Ns+ bzw. Ns– (Anzahl der Endgruppen pro Oberflächen-
einheit, surface site density) definiert. Die Indizes „+“ und „–“ ver-
weisen im Sinne der bisherigen Nomenklatur auf saure bzw.
basische Spezies. Grundlage der Berechnungen ist weiterhin Gl.
(8.2-3), wobei ni
=
Ns+ und nj
=
Ns– gelten. Die berechnete Netto-
formalladung entsteht direkt an der Oberfläche. Über die Elemen-
tarladungskonstante (e0
=
1,60219E-19 C) ist
σ∗
(pH) daher mit
der Oberflächenladung pro Oberflächeneinheit
σ
0(pH) verknüpft:
(8.3-3)
(iii) pI
(ii) pK-
(iv) pK+
(i)
(v)
pH=9.5
pH=2.5
pH=9.5
pH=2.5
Nettoformalladung σ∗
pH
σ0σ*e0
=
8 Elektrokinetische Modellierung
aliphatischer Polyamide
8-12
Abbildung 8.3-5 enthält eine Reihe von simulierten
σ∗(
pH)-
Verläufen. Für die pKa-Werte wurden die bisher verwendeten Wer-
te von Glycin beibehalten. Gekennzeichnet sind wiederum die
Punkte (I) bis (V). Zusätzlich markiert wurden die Positionen des
Ladungsnulldurchgangs (i.e.p.) mit den Bezeichnern (VI1-5).
Abb. 8.3-5 Verschiebung des i.e.p. in Abhängig-
keit vom Dichteverhältnis der beiden Oberflä-
chenspezies Ns+ und Ns–. Einfluß auf Skalierung
und Position der „Meßkurve“ entlang der La-
dungsachse.
Die Lage der Punkte (I)-(V) entlang der pH-Achse ist unabhän-
gig von Ns– und Ns+ und wird ausschließlich durch pK und pK+
bestimmt. Es handelt sich in allen Fällen um die Wendepunkte
bzw. Plateauwerte der Kurve. Im einzelnen gelten:
(8.3-4)
(8.3-5)
(8.3-6)
(8.3-7)
(8.3-8)
Der Wert der Oberflächenladung
σ
0 an den Punkten (I) und
(V) wird von Absolutwerten der Parameter Ns– und Ns+ bestimmt.
Es gelten:
(8.3-9)
(8.3-10)
(III)
(II)
(IV)
(I)
(V)
(VI5)(VI
1)/(VI2)(VI3)(VI
4)
0123456789101112
-1,00
-0,75
-0,50
-0,25
0,00
0,25
0,50
0,75
1,00 1: NS-=1; NS+=1
2: NS-=0.5; NS+=0.5
3: NS-=1; NS+=0.5
4: NS-=0.5; NS+=1
5: NS-=1; NS+=0.5
Nettoformalladung σ*
pH
pH I() 0=
pH I I() pK
=
pH I I I()12pKpK+
+()=
pH I V() pK+
=
pH V() pKpK+
+=
σ0I() Ns+e0
=
σ0V() Ns
e0
=
8.3 Elektrokinetische Modellie-
rung
8-13
Der Wert der Oberflächenladung
σ
0 an den Punkten (II)-(IV)
wird von dem Verhältnis der Parameter Ns– und Ns+ bestimmt. Es
gelten:
(8.3-11)
(8.3-12)
(8.3-13)
In Abb. 8.3-5 deutlich zu sehen ist die Wanderung des isoelek-
trischen Punktes. Gilt Ns–
/ Ns+
1,
so stimmen pI und Punkt (III)
nicht mehr miteinander überein, d.h. Gl. (8.2-2) verliert ihre Gül-
tigkeit. Die Verschiebungsrichtung des isoelektrischen Punktes
wird dabei durch den Charakter der Oberfläche bestimmt: Falls
Ns–
> Ns+ bewegt sich der isoelektrische Punkt in Richtung kleine-
rer pH-Werte. Bei Ns–=2Ns+ stimmt der pI mit dem Wendepunkt
(II) überein. Ist die Anzahl an sauren Oberflächenfunktionalitäten
noch kleiner, so befindet sich der isoelektrische Punkt links vom
Wendepunkt (II).
Eine analoge Betrachtung läßt sich auch mit einem Überschuß
an basischen Oberflächenfunktionalitäten und dem Wendepunkt
(IV) durchführen.
Für die durch Gl. (8.2-3) beschriebene Funktion kann ein ana-
lytischer Ausdruck zur Berechnung der Nullstelle(n)*) und somit
auch von pI gefunden werden:
(8.3-14)
mit
(8.3-15)
8.3 b Ladungsdistribution und Potentialverlauf
Falls spezifische Ionen-Adsorptionsprozesse zu vernachlässigen
sind und falls ein 1:1-Elektrolyt verwendet wird, dann kann ein
Zwitterionen-System befriedigend mit Hilfe des Gouy-Chapman
(GC) - Modells (siehe Kapitel 3.2 a) beschrieben werden ([3-121],
[3-130],[3-140]). Der Zusammenhang zwischen dem Potential an
der Scherebene Ψd und der Ladungsdichte an der Scherebene σd
wird durch die nachfolgende Beziehung wiedergegeben:
(8.3-16)
*) Das Problem hat eine reelle und eine komplexe Lösung. Die komplexe
Lösung wird verworfen.
σ0II() Ns+Ns2()e0
=
σ0III() NsNs+
()e0
=
σ0IV() NsNs+2()e0
=
pI Ns-
Ns+
-------- 1


Λ
Ns+
--------
+K-
2
-----
log=
ΛNs+Ns-
()
24N
s+Ns-
K+
K-
------
⋅⋅+=
σd8εε
0kTc⋅⋅ ⋅⋅ e0Ψd
2kT⋅⋅
------------------


sinh=
8 Elektrokinetische Modellierung
aliphatischer Polyamide
8-14
Unter Einbeziehung der Elektroneutralitätsbedingung für die
durch das GC-Modell beschriebene EDS
(8.3-17)
und unter der Annahme [3-140], daß
(8.3-18)
kann nun mit Hilfe von Gl. (8.3-16) und unter Verwendung der
Beziehungen (8.3-9)-(8.3-13) an den in Abb. 8.3-5 ausgewiesenen
Punkten (I)- (V) der Zetapotentialmeßkurve eine Bestimmung der
surface-site Dichte erfolgen.
Rendall und Smith benutzen einen solchen Zusammenhang
an Punkt (I) zur Bestimmung von Ns+ und in Kombination mit der
Boltzmann-Beziehung (einer Substitution aus der Nernst-Glei-
chung und Gl. (8.3-2))
(8.3-19)
zur Berechnung von pK. Der Parameter θ beschreibt den Ionisie-
rungsgrad der betrachteten Oberflächenspezies (in diesem Fall die
Carboxylgruppen):
(8.3-20)
wobei ns– die Zahl der flächenbezogenen ionisierten (sauren)
Oberflächengruppen kennzeichnet.
Analoge beziehungen lassen sich auch für die basische Oberflä-
chenspezies formulieren:
(8.3-21)
(8.3-22)
wobei ns+ die Zahl der flächenbezogenen ionisierten (basischen)
Oberflächengruppen kennzeichnet.
Unter der Annahme Gl. (8.3-18) folgt aus dem GCSG-Modell
([3-121],[3-140]) der Zusammenhang
(8.3-23)
mit K für die integrale Kapazität des starren Teils der Doppel-
schicht im GC-Modell. Dieser Wert wurde für das PA 6.6-System
zu 25µF/cm² bestimmt [3-140].
Rendall und Smith beschreiben einen stochastischen Opti-
mierungsprozeß, in dessen Ergebnis der Wert für pK+ bestimmt
wurde. Die wichtigste Erkenntnis ihrer Arbeit ist jedoch, daß die
getroffenen Modellannahmen eine sehr gute Übereinstimmung
σ0σd0=+
ζΨ
d
=
pKpH 0.4343 1θ
θ
--------------


lne0Ψ0
2.303 kT⋅⋅
----------------------------
++=
θ
ns
Ns
--------
=
pK+pH 0.4343 θ+
1θ+
--------------


lne0Ψ0
2.303 kT⋅⋅
----------------------------
++=
θ+
ns+
Ns+
--------
=
Ψ0ζσd
K
------
=
8.4 Verfahrensweise
8-15
mit der Realität zeigen und daher gut geeignet sind, um Zwitterio-
nensysteme im allgemeinen und aliphatische Polyamide im Spezi-
ellen zu beschreiben.
8.4 Verfahrensweise
Das Optimierungsverfahren von Rendall und Smith ist für die
im Rahmen dieser Arbeit untersuchten Polyamide nicht anwend-
bar. Der Grund dafür liegt in der experimentellen Unerreichbar-
keit der sauren Plateauwerte (Punkt (I)). Aus diesem Grund
wurden die Protonierungs- und Dissoziationsgleichgewichte an ei-
ner Zwitterionen-Oberfläche genauer analysiert. Die Ergebnisse
sind bereits in Kapitel 8.3 a vorgestellt worden.
Die Berechnung der pK-Werte der beiden Oberflächenspezies
stützt sich daher auf die Gleichungen (8.3-9)-(8.3-13). Es werden
jeweils diejenigen Punkte ausgewählt, die eine vertrauenswürdige
Extraktion von Wertepaaren (
ζ
,pH) zulassen. Die Berechnung der
Oberflächenladung erfolgt auf Grundlage der Gleichungen
(8.3-16) - (8.3-18).
8.5 Literatur
185. Ros, Alexandra, Dissertation, Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne,
Lausanne, 2000
186. Mosher, R. A., Saville, D. A., Thormann, W., The Dynamics of Electropho-
resis, VCH, Weinheim, 1992
187. Lehninger, A. L. Biochemistry, New York, 1975
188. Christen, H.R., Vögtle, F., Organische Chemie - Von den Grundlagen zur
Forschung, Band I, Otto Salle Verlag, Frankfurt /a.M., 1992
8 Elektrokinetische Modellierung
aliphatischer Polyamide
8-16
Teil 111
Kritik der
Vertrauenswürdigkeit
Und umzuschaffen das Geschaffne,
damit sich's nicht zum Starren waffne,
wirkt ewiges, lebendiges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden
zu reinen Sonnen, farbigen Erden;
in keinem Falle darf es ruhn.
Goethe, aus „Eins und Alles“
9-3
9 Der SFC-Test: Traue keiner Statistik,
...
(1) Von der Urliste zur Fragmentlängenvertei-
lung – der Einfluß der Klassenbreite auf die
Ergebnisse des SFF-Tests
9 Der SFC-Test: Traue keiner
Statistik, ...
9-4
Einleitung
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit ist der SFF-Test die einzige
Methode mit einem direkten experimentellen Bezug auf das reale
Haftungsphänomen. Darüber hinaus avancieren die Meßergebnis-
se gewissermaßen zu einem durch die Praxis legitimierten Wahr-
heitskriterium, denn sie dienen als Evaluierungsgrundlage für das
in den Kapiteln 5 und 6 postulierte Verbundmodell von CFRPAs
und als Referenzdaten bei der Bewertung der Haftungsprognosen
aus thermodynamisch (Kapitel 3.1) und elektrokinetisch
(Kapitel 3.2) basierten Adhäsionsmodellen. In Kapitel 3.3 wurde
bereits darauf hingewiesen, daß die Auswertung des SFF-Tests
ebenfalls auf einem Modell aufbaut, dessen Einsatz durchaus um-
stritten ist. Entsprechende Literaturhinweise finden sich an glei-
cher Stelle.
Das vorliegende Kapitel dient dazu, den Leser für ein Problem
zu sensibilisieren, daß sich – obwohl inhaltlich mit den gleichen
Fragestellungen verknüpft – unabhängig von dieser prinzipiellen
Modell-Diskussion und eher im praktischen Einsatz von Methode
und Auswertungsmodell zeigt. Konfrontiert wird der Experimenta-
tor mit diesem Problem, wenn er versucht, aus der Fragmentlän-
gendistribution die Stützpunkte für die Anpassung der
Häufigkeitsverteilungsfunktion an die Meßdaten zu generieren.
9.1 Dichtefunktionsanpassung an Häufigkeitsver-
teilungen von Stichproben
9.1 a Was ist zu tun?
Der SFF-Test liefert eine vom MVS-Stichprobenumfang ab-
hängige Anzahl von Fragmenten unterschiedlicher Länge li in einer
ungeordneten Liste (Urliste). Gemäß des zugrundeliegenden Frag-
mentierungsmodells nach Kelly/Tyson (siehe Kapitel 3.3) liegt
idealerweise eine Fragmentlängenverteilung im Intervall
lc/2 li<lc vor. In praxi treten jedoch davon abweichende Vertei-
lungen mit anderem Intervall und Verteilungsschwerpunkt auf
(siehe Kapitel 3.3 c). Gleichung (3.3-3) wird diesem Umstand
durch die Einführung der mittleren Fragmentlänge und des stati-
stischen Korrekturfaktors K
ρ
gerecht.
Nichtsdestotrotz muß aus der ungeordneten Liste von Frag-
menten zunächst eine Häufigkeitsverteilung generiert werden, de-
ren graphische Repräsentation üblicherweise ein Histogramm ist:
Jeder einzelne Balken eines Histogramms repräsentiert dabei eine
so genannte Klasse, in der jeweils eine bestimmte Gruppe von
Stichprobendaten zusammengefaßt wird. Diese Gruppierung er-
folgt auf Grundlage eines Intervalls – der Klassenbreite – um einen
diskreten Datenwert – die Klassenmitte. Alle Stichprobendaten, die
sich innerhalb dieses Intervalls befinden, werden einer Klasse zuge-
ordnet. Aus der Anzahl von Stichprobendaten, die in einer Klasse
enthalten sind, ergibt sich unmittelbar die zahlenbezogene Klassen-
häufigkeit und damit die Höhe des Balkens im Histogramm.
Markiert man nun diejenigen Punkte, deren Abszissenwert
durch die diskreten Klassenmitten und deren Ordinatenwert durch
l
9.1 Dichtefunktionsanpassung an
Häufigkeitsverteilungen von
Stichproben
9-5
die zugehörige Klassenhäufigkeit charakterisiert sind, so erhält man
die Stützpunkte für die Anpassung der gewählten Häufigkeitsver-
teilungsfunktion.
9.1 b Der Einfluß der Klassenbreite auf die Lage der Stützpunkte
So einfach die beschriebene Vorgehensweise auch erscheinen
mag – die Wahl der Klassenbreite hat einen direkten Einfluß auf
die Lage der Klassenmitten, die zugehörigen Klassenhäufigkeiten
und letztendlich auf die Position der Stützpunkte für die Anpas-
sung der gewählten Häufigkeitsverteilung. Abbildung 9.1-1 de-
monstriert dieses Phänomen am Beispiel des Modellverbund-
systems MVS-6.10-C-L. Dargestellt sind die Histogramme, die
sich aus einer schrittweisen Vergrößerung der Klassenbreite von
10µm bis 150µm ergeben.
Abb. 9.1-1 Abhängigkeit des Histogrammbildes
einer SFF-Test-Fragmentlängenverteilung von
der Klassenbreite am Beispiel des Modellver-
bundsystems MVS-6.10-L-CA
0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600
0
5
10
15
20
10µm
Häufigkeit (Anzahl)
Fragmentlänge l
0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600
0
5
10
15
20
25
30
20µm
Häufigkeit (Anzahl)
Fragmentlänge l
0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600
0
5
10
15
20
25
30
35
30µm
Häufigkeit (Anzahl)
Fragmentlänge l
0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600
0
10
20
30
40
50
40µm
Häufigkeit (Anzahl)
Fragmentlänge l
0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600
0
10
20
30
40
50
60
60µm
Häufigkeit (Anzahl)
Fragmentlänge l
0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600
0
20
40
60
80
80µm
Häufigkeit (Anzahl)
Fragmentlänge l
0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600
0
20
40
60
80
100
100µm
Häuf igkeit (Anza hl)
Fragmentlänge l
0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600
0
20
40
60
80
100
110µm
Häufigkeit (Anzahl)
Fragmentlänge l
0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600
0
20
40
60
80
100
120
120µm
Häuf igkeit (An za hl)
Fragmentlänge l
0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600
0
20
40
60
80
100
120
130µm
Häufigkeit (Anzahl)
Fragmentlänge l
0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600
0
20
40
60
80
100
140µm
Häufigkeit (Anzahl)
Fragmentlänge l
0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600
0
20
40
60
80
100
120
150µm
Häufigkeit (Anzahl)
Fragmentlänge l
9 Der SFC-Test: Traue keiner
Statistik, ...
9-6
9.1 c Stützpunkte und Häufigkeitsverteilungsfunktion
Abbildung 9.1-2 zeigt die Veränderung verschiedener Parame-
ter im Zusammenhang mit der Anpassung einer logarithmischen
Normalverteilungsfunktion an die Häufigkeitsverteilung für das
Modellverbundsystem MVS-6.10-C-L in Abhängigkeit von der ge-
wählten Klassenbreite.
Abbildung 9.1-2-a hat ausschließlich informativen Charakter:
Dargestellt ist der Zusammenhang zwischen der resultierenden
Klassenanzahl bei gewählter Klassenbreite. Abbildung 9.1-2-c zeigt
die Variation der durch die Optimierung (Gl. (9.1-2)) bestimmten
mittleren Fragmentlänge . ist der entlogarithmierte Funktions-
parameter xc. Abbildung 9.1-2-b demonstriert zusätzlich die Ver-
änderung des zweiten Funktionsparameters w. In Abb. 9.1-2-d ist
ein Güteparameter für die Optimierung (Kurvenanpassung) aufge-
tragen – Chi-Quadrat χ².
Abb. 9.1-2 Auswirkung der Wahl der Klassen-
breite auf die Ergebnisse der Kurvenanpassung
durch theoretische Verteilungsfunktionen: a)
Klassenanzahl, b) Funktionsparameter w, c)
mittlere Fragmentlänge, berechnet aus Funkti-
onsparameter xc, d) Chi-Quadrat
Anhand des Beispiels wird klar, daß sich die Lage der Stütz-
punkte erheblich auf das Ergebnis und die Güte der Anpassung der
Häufigkeitsverteilungsfunktion auswirkt.
9.1 d Der Kern des Problems
Es existieren keinerlei mathematische Vorschriften oder Regeln,
die den Experimentator bei der Wahl einer „richtigen“ Klassenbrei-
te unterstützen könnten. Gepaart mit der offensichtlichen Sensibi-
lität der Optimierungsergebnisse in Bezug auf die gewählte
Klassenbreite wird das beschriebene Phänomen zu einem Problem,
das die Vertrauenswürdigkeit der mikromechanischen Meßergeb-
nisse in Frage stellt. Ansätze, selbst einen entsprechenden Regelsatz
zu formulieren, verstärken den gewonnenen Eindruck jedoch nur:
l l
10 20 30 40 50 60 70 80 90 100110120130140150
0
10
20
30
40
50
60
70
80
10 20 30 40 50 60 70 80 90 100110120130140150
310
315
320
325
330
335
340
345
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100110120130140150160
0,60
0,62
0,64
0,66
0,68
0,70
0,72
0,74
0,76
0,78
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100110120130140150160
0
5
10
15
20
25
30
35
Klassenanzahl
Mittlere Fragmentlänge / µm
Parameter w
Klassenbreite / µm
χ²
Klassenbreite / µm
a)
b)
c)
d)
9.1 Dichtefunktionsanpassung an
Häufigkeitsverteilungen von
Stichproben
9-7
Ansatz 1: Die Auswertung aller Modellverbundsysteme erfolgt auf
der Grundlage ein und der selben (beliebig gewählten) Klassenbreite
Hier zeigt sich sehr schnell, daß die Qualität der Kurvenanpas-
sung von Modellverbundsystem zu Modellverbundsystem starken
Schwankungen unterworfen ist. Dies ist vor allem dem Umstand
geschuldet, daß sich Lage und Spannweite der Fragmentlängenver-
teilung von System zu System stark unterscheiden – und das wie-
derum ist eine konsequente Folge der systemspezifischen
Haftungsveränderung im jeweiligen Verbund.
Ansatz 2: Pro Modellverbundsystem wird eine Klassenbreite auf
Grundlage des Güteparameters χ² ausgewählt und verwendet.
Abgesehen von der Tatsache, daß zu diesem Zweck pro MVS
stets eine ganze Reihe von Häufigkeitsverteilungen mit verschiede-
nen Klassenbreiten zur Kurvenoptimierung herangezogen werden
muß, erweist sich χ² als ungeeignet, die Vertrauenswürdigkeit der
optimierten Funktionsparameter abzubilden: Abbildung 9.1-3
zeigt für das MVS-6.10-C-L die aus dem Funktionsparameter xc
berechnete Mittlere Fragmentlänge und den Güteparameter χ²
in Abhängigkeit von der gewählten Klassenbreite. Für die Klassen-
breiten 110µm, 140µm und 130µm (farbige Kreise) wurden die
kleinsten χ² -Werten ermittelt.
Abb. 9.1-3 Gegenüberstellung von Optimie-
rungsergebnis (mittlere Fragmentlänge) und
Güteparameter der Optimierung
χ
²
l
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150 160
0
5
10
15
20
25
30
35 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150
310
315
320
325
330
335
340
345
χ²
Klassenbreite / µm
Mittlere Fragmentlänge / µm
9 Der SFC-Test: Traue keiner
Statistik, ...
9-8
Eine vergleichende Betrachtung beider Teildiagramme macht
das Dilemma jedoch deutlich:
•Obwohl
χ
²(110µm) am kleinsten ist, erscheint der zugehö-
rige Wert (110µm) keineswegs repräsentativ für die
Gruppe von -Werten aller Klassenbreiten. Ganz anders
verhält es sich mit (130µm) und (140µm). Diese Werte
liegen nahezu in der Mitte des Streuspektrums (rote Linie).
Der Abstand zwischen dem Punkt (110µm) und den
Punkten (130µm) und (140µm) ist deutlich größer als
der Abstand zwischen den Punkten anderer Klassenbreiten,
obwohl sich deren zugehörige χ² -Werte stärker unterschei-
den als χ²(110µm) von χ²(130µm) und χ²(140µm).
Es existieren weitere Punkte ( (100µm), (70µm) und
(30µm)), deren Wert nahezu identisch mit demjenigen
von (140µm) ist, deren zugehörige χ² -Werte aber deut-
lich von χ²(110µm) abweichen.
Im Abschnitt 9.1 f wird eine Methode vorgestellt, die geeignet
scheint, um vertrauenswürdige Fragmentlängeninformationen zu
erhalten. Um die Vollständigkeit der dort beschrieben Auswer-
tungsschritte zu gewährleisten, muß zuvor jedoch noch ein weiterer
Aspekt diskutiert werden.
9.1 e Die Auswahl der Häufigkeitsverteilungsfunktion
Die Berechnung der mittleren Grenzflächenscherfestigkeit
nach Gl. (3.3-3) stützt sich im wesentlichen auf die Interpretati-
on der Fragmentlängenverteilung bzw. einer aus dieser Distributi-
on gewonnenen mittleren Fragmentlänge .
Die Frage, welche Verteilungsform man dem Optimierungsver-
fahren zu Grunde legen sollte, wird in der Literatur kontrovers dis-
kutiert. Geschürt wird die Diskussion durch den Umstand, daß
offensichtlich in Abhängigkeit vom untersuchten Verbundsystem
deutliche Unterschiede in der Gestalt der resultierenden Fragment-
längenverteilung bestehen [2-62]. Tatsache ist, daß die Ergebnisse
für verschiedene Anpassungsfunktionen und somit auch die Werte
für deutlich voneinander abweichen. Abbildung 9.1-4 veran-
schaulicht die Problematik anhand einer Fragmentlängenvertei-
lung für das MVS-6.10-C-L. Die gewählte Klassenbreite beträgt
60µm.
Welche Auswirkung die Auswahl der Dichtefunktion auf die
Berechnung der Grenzflächenscherfestigkeit hat, wurde anhand
der drei wichtigsten Diskussionsansätze untersucht: Normalvertei-
lung (Gl. (9.1-1)), logarithmische Normalverteilung (Gl. (9.1-2))
und 3-parametrige Weibullverteilung (Gleichungen (9.1-3) und
(9.1-4)). Für die Kurvenanpassung wurden die Standard-Funktio-
nen des Programmpaketes Microcal Origin 6.0 (Northhamp-
ton/USA) verwendet:
(9.1-1)
l
l
l l
l
l l
l l
l
l
τ
l
τ
yA
wπ2
-----------------------e
2xx
c
()
2
w2
--------------------
=
9.1 Dichtefunktionsanpassung an
Häufigkeitsverteilungen von
Stichproben
9-9
(9.1-2)
Tab. 9.1-1 Ergebnisse der Kurvenoptimierung
aus Abb. 9.1-4
(9.1-3)
(9.1-4)
Die aus der Kurvenoptimierung resultierenden mittleren Frag-
mentlängen sind in Tab. 9.1-1 aufgelistet.
Führt man die Kurvenanpassungen mittels der drei gewählten
Funktionen für sämtliche Histogramme (in Abhängigkeit von der
gewählten Klassenbreite) und eine Vielzahl verschiedener Modell-
verbundsysteme durch, so gewinnt man einen relativ fundierten
Eindruck von der Anwendbarkeit der verschiedenen Verteilungs-
funktionen:
Abb. 9.1-4 Kurvenanpassung an eine Fragment-
längenverteilung auf Grundlage verschiedener
Häufigkeitsverteilungsfunktionen
Erkenntnis Nr. 1: Die Annahme, der Fragmentlängenverteilung
würde eine Gaußverteilung zugrundeliegen, ist nicht haltbar.
Schon die äußere Gestalt der Verteilungen (vgl. auch Abb. 9.1-1)
weist auf eine rechtsschiefe Verteilung hin. Im übrigen ergibt sich
bereits aufgrund des Fragmentierungsmodells (Kelly/Tyson bzw.
yA
2πwx⋅⋅
-------------------------- e
xx
c
()ln()
2
2w2
------------------------------
=
Verteilung / [µm]
Gauß 353±6
log. Normal 327±4
Weibull 327±9
l
sxx
c
w1
------------- w21
w2
---------------


+
1
w2
------
=
yA
w21
w2
---------------


1w2
w2
---------------
sw21()
es
w2
w21
w2
---------------


+
⋅⋅=
0 200 400 600 800 1000 1200 1400
0
10
20
30
40
50
60
70
Häufigkeit (Anzahl)
Fragmentnge L
Stützpunkte für Kurvenanpassung
Fit an Normalverteilung
Fit an log. Normalverteilung
Fit an Weibullverteilung
9 Der SFC-Test: Traue keiner
Statistik, ...
9-10
Henstenberg/Phoenix und Curtin) aus Kapitel 3.3 b ein aus-
reichender Hinweis auf die Entwicklung einer schiefen Verteilung.
Erkenntnis Nr. 2: Naheliegend ist die Annahme einer Weibull-
verteilung. Schließlich liegen dem Fragmentierungsprozeß die glei-
chen Mechanismen zu Grunde, wie sie auch schon für die
Bestimmung der Einzelfaserzugfestigkeit diskutiert wurden. Pro-
blematisch erweist sich jedoch die Tatsache, daß die Kurvenanpas-
sung auf Grundlage der 3-parametrigen Weibullfunktion nur in
sehr wenigen Fällen zu einem sinnvollen und im Sinne des Opti-
mierungsverfahrens robusten Ergebnis führte. Bei einigen Frag-
mentlängenverteilungen wurden sehr große Absolutfehler für die
mittlere Fragmentlänge bestimmt (z.B. MVS-610-C-L mit Klas-
senbreite 100µm ergab =351±821µm), bei vielen anderen Vertei-
lungen führte die Kurvenanpassung zu gar keinem Ergebnis. Im
Hinblick auf die Vergleichbarkeit der aus dem Auswertungsverfah-
ren des SFF-Tests resultierenden Größen erwies sich die Weibull-
verteilung daher als praktisch ungeeignet.
Erkenntnis Nr. 3: Für alle Modellverbundsysteme und alle ge-
wählten Klassenbreiten führte die Verwendung einer logarithmi-
schen Normalverteilungsfunktion zu sinnvollen und vertrauens-
würdigen Ergebnissen. In vielen Fällen war der Absolutfehler des
Verteilungsmittelwertes kleiner als bei Anwendung der beiden an-
deren Dichtefunktionen. Wie auch durch Abb. 9.1-4 dokumen-
tiert, wird die Form der Fragmentlängenverteilung adäquat durch
die optimierte Verteilungsfunktion wiedergegeben.
9.1 f Vorschlag für ein optimiertes Verfahren zur Erlangung ver-
trauenswürdiger Werte für die mittlere Fragmentlänge
Schritt 1: Mit Hilfe weniger Stichproben wird das Spektrum
von Klassenbreiten ermittelt, deren Applikation auf die Rohdaten
des SFF-Tests zur Erzeugung sinnvoller Histogramme mit einer ge-
nügend großen Anzahl von Stützpunkten führt.
Schritt 2: Innerhalb des ermittelten Klassenbreitenintervalls
werden pro MVS für mehrere Klassenbreiten (im vorliegenden Fall
16) Fragmentlängenverteilungen erzeugt.
Schritt 3: Die Abszissenwerte der Stützpunkte jedes Diagramms
werden logarithmiert und dienen somit als Grundlage einer Kur-
venanpassung unter Annahme einer logarithmischen Normalver-
teilung. Die Kurvenanpassung wird pro MVS für jedes
Histogramm unter Verwendung der Verteilungsdichtefunktion für
eine Normalverteilungen (Gl. (9.1-1)) durchgeführt. Dieser Schritt
hat sich als praktikabel im Umgang mit dem Softwarepaket
Microcal Origin 6.0 erwiesen.
Schritt 4: Aus den optimierten Funktionsparametern xc werden
durch Entlogarithmieren die Werte einer vorläufigen mittleren
Fragmentlänge bestimmt.
Schritt 5: Aus den vorläufigen mittleren Fragmentlängen wer-
den pro MVS durch Bildung des arithmetischen Mittelwertes die
mittleren Fragmentlängen berechnet.
l
l
l
Teil 1111
Erkenntnisse
To every problem, however complicated, there is a simple elegant solution,
which one will find if one looks hard enough.
This solution will turn out to be wrong.
Rothchild’s rule
10-3
10 Ist das CFRPA-Verbundmodell eine
Struktur/Eigenschaft-Beziehung im
Sinne der Adhäsionsforschung?
(1) Verbundmodell und praktische Adhäsion
– Berechnung der Evaluierungsfaktoren,
Anwendung des Separationsansatzes
10 Ist das CFRPA-
Verbundmodell eine
Struktur/Eigenschaft-Beziehung
im Sinne der
Adhäsionsforschung?
10-4
Einleitung
In diesem Kapitel werden die Beziehungen zwischen dem Struk-
turmerkmal (Amidgruppenkonzentration [CONH] bzw. gerichte-
te Bindungsstellenkonzentration [BS]) und den experimentellen
mikromechanischen Meßdaten untersucht. Ziel ist es, Skalierungs-
und Verbundmodell (siehe Kap. 5 und 6) hinsichtlich ihrer Prak-
tikabilität und Vorhersageeigenschaften zu bewerten.
10.1 Verbundmodell vs. praktische Adhäsion
10.1 a Die Kompatibilitätsfaktoren
τ
c
In den Abbildungen 10.1-1 und 10.1-2 ist die mittlere Grenz-
flächenscherfestigkeit τ der beiden homologen Verbundserien
MVS-x-C-U und MVS-x-C-L als Funktion der Strukturmerkmale
gerichtete Bindungsstellenkonzentration [BS] und Amidgruppenkon-
zentration [CONH] aufgetragen. Die zugehörigen Werte finden
sich bereits in Tab. 4.4-9. Zusätzlich sind lineare Funktionen dar-
gestellt, deren Parameter (Anstieg und Achsenabschnitt) mittels
Kurvenanpassung an die experimentellen Meßdaten pro Verbund-
serie bestimmt wurden. Bei diesen Parametern handelt es sich um
die in Kapitel 6.8 eingeführten Quantifizierungsmerkmale Kompa-
tibilitätsfaktor Mc (mit M) und M(0).
Abb. 10.1-1 Mittlere Grenzflächenscherfestig-
keit in Abhängigkeit von der gerichteten Bin-
dungsstellenkonzentration
Der jeweilige Kurvenverlauf bestätigt deutlich die in
Kapitel 6.8 a postulierte lineare Abhängigkeit zwischen den Struk-
turmerkmalen und der mittleren Grenzflächenscherfestigkeit. Die
Regressionskoeffizienten R weisen nahezu ideale Werte (um 1) auf
(siehe Tab. 10.1-1).
Wie erwartet, zeigt die MVS-x-C-U-Serie einen größeren An-
stieg als die MVS-x-C-L-Serie. Dies ist ein eindeutiger Indikator
für die durch den Faseraustausch induzierte Haftungssteigerung in
den CFRPA, d.h. die Oberflächenmodifizierung der Carbonfaser
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06 0,07
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
PE
MVS-x-C-U
R=0.920
R=0.997
MVS-x-C-L
τ / MPa
[BS]
10.1 Verbundmodell vs.
praktische Adhäsion
10-5
hat zu einer Verbesserung der Haftungseigenschaften gegenüber
Polyamiden geführt.
Abb. 10.1-2 Mittlere Grenzflächenscherfestig-
keit in Abhängigkeit von der Amidgruppenkon-
zentration
Die Extrapolation der linearen Funktionen auf den Funktions-
wert τ(0) entspricht im Rahmen des Fehlers den experimentell be-
stimmten Meßwerten τ für Polyethylen (PE). Im Kontext des
Verbundmodells gibt es somit gute Gründe, davon auszugehen, daß
sich die Kurven der beiden homologen Verbundserien in exakt dem
gleichen Punkt τ(0) schneiden: Wie erwartet, verfügt Polyethylen
über keine geeigneten Wechselwirkungszentren, die zu einem stabi-
len Haftverbund mit den untersuchten Carbonfasern führen. Kon-
sequenterweise ist daher auch keine Haftungsverbesserung nach
einem Austausch des Fasermaterials im Verbund zu beobachten.
Tab. 10.1-1 Ergebnisse der linearen Kurvenan-
passung an die Meßwerte der mittleren Grenz-
flächenscherfestigkeit t für die beiden
homologen Modellverbundserien und zwei ver-
schiedene Strukturmerkmale. Angegeben sind
der Anstieg τc, der Achsenabschnitt
τ
(0) und der
lineare Regressionskoeffizient R.
Auffällig ist die stärkere Streuung der Meßwerte der MVS-x-C-
U-Serie um die Regressionsgerade im Vergleich zur MVS-x-C-L-
Serie. Es wird angenommen, daß dies Folge einer herstellungsbe-
dingten inhomogenen Verteilung und stärker ausgeprägten Hete-
rogenität der Oberflächenfunktionalitäten ist.
Es muß erwähnt werden, daß die Einzelfaserfragmentierungs-
versuche für Modellverbundsysteme mit PA 6.9 als Matrixkompo-
nente bereits an die experimentellen Grenzen der SFF-Methode
stießen. Grund dafür ist das deutlich sprödere Bruchverhalten von
PA 6.9 im Vergleich zu den anderen untersuchten Polyamiden*).
0,00 0,02 0,04 0,06 0,08 0,10 0,12 0,14
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
PE
MVS-x-C-U
R=0.924
R=0.995
MVS-x-C-L
τ / MPa
[CONH]
Verbundserie Struktur-
merkmal
τ
c /
MPa
τ(0) /
MPa
R
MVS-x-C-U [BS] 503,6±96,3 1,2±4,3 0.920
MVS-x-C-L [BS] 690,0±24,3 2,6±1,1 0.997
MVS-x-C-U [CONH] 224,6±41,7 1,4±4,1 0,924
MVS-x-C-L [CONH] 305,9±16,5 3,2±1,7 0,995
10 Ist das CFRPA-
Verbundmodell eine
Struktur/Eigenschaft-Beziehung
im Sinne der
Adhäsionsforschung?
10-6
Diese Sprödigkeit führt zu einem den erfolgreichen Abschluß des
Einzelfaserfragmentierungsversuches gefährdenden frühzeitigen
Kohäsivversagen der Matrixkomponente. Daher kann der Sätti-
gungszustand in einigen Fällen nicht erreicht werden oder die an-
schließende bildoptische Auswertung erweist sich als praktisch
nicht durchführbar*). Diese Proben müssen verworfen werden, was
eine deutliche Reduktion des Stichprobenumfangs zur Folge hat.
Entsprechend weniger vertrauenswürdig sind auch die Meßergeb-
nisse für Modellverbundsysteme mit PA 6.9 einzuschätzen. Die
Versuchsreihen für PA 4.6-Verbundsysteme mußten vollends ab-
gebrochen werden, da es hier experimentell nicht gelang, verwert-
bare SFF-Daten zu erhalten.
Abb. 10.1-3 Absolutdifferenzen zwischen dem
theoretischen (th) und praktischen (exp) Kur-
venverlauf der mittleren Grenzflächenscherfe-
stigkeit in Abhängigkeit der von den
Strukturmerkmalen [CONH] und [BS].
Beschrieben wird das Modellverbundsystem
MVS-x-C-U
In den Abbildungen 10.1-3 und 10.1-4 sind pro homologe Ver-
bundserie die Absolutdifferenzen zwischen dem theoretischen und
praktischen Kurvenverlauf der mittleren Grenzflächenscherfestig-
keit in Abhängigkeit von den Strukturmerkmalen [CONH] und
[BS] gegenübergestellt. Um den Vergleich zwischen beiden Dar-
stellungen zu unterstützen, besitzen die Ordinaten gleiche Endwer-
te und eine identische Skalierung. Tabelle 10.1-2 enthält die
berechneten Werte.
Abb. 10.1-4 Absolutdifferenzen zwischen den
theoretischen (th) und praktischen (exp) Kur-
venverlauf der mittleren Grenzflächenscherfe-
stigkeit in Abhängigkeit von den
Strukturmerkmalen [BS] und [CONH]. Be-
schrieben wird das Modellverbundsystem
MVS-x-C-L
*) verursacht durch eine höhere Kristallinität
*) da einzelne Faserfragmente nicht identifiziert werden können
PE PA 12 PA 12.10 PA 12.9 PA 10.10 PA 6.10 PA 6.9
-8,0
-6,0
-4,0
-2,0
0,0
2,0
4,0
6,0
8,0
τth - τexp / MPa
MVS-x-C-U:
Skalierungsmodell [CONH]
Skalierungsmodell [BS]
PE PA 12 PA 12.10 PA 12.9 PA 10.10 PA 6.10 PA 6.9
-8
-6
-4
-2
0
2
4
6
8
τth - τexp / MPa
MVS-x-C-L:
Skalierungsmodell [CONH]
Skalierungsmodell [BS]
10.1 Verbundmodell vs.
praktische Adhäsion
10-7
Obwohl für die MVS-x-C-L-Verbundserie unter Verwendung
des Strukturmerkmals [BS] durchaus kleinere Abweichungen be-
obachtet werden können, verhalten sich die Differenzen für die Se-
rie MVS-x-C-U weit weniger systematisch. Es findet sich kein
aussagekräftiger Hinweis in Bezug auf die „Richtigkeit“ des jeweils
zugrundeliegenden Skalierungsmodells. Auf der anderen Seite sind
die Qualitätsunterschiede in der Linearität (siehe Regressionskoef-
fizienten R) zu gering, als das daraus geeignete Schlüsse gezogen
werden können. Dennoch stützen sich die nachfolgenden Betrach-
tungen in erster Linie auf das Strukturmerkmal gerichtete Bindungs-
stellenkonzentration [BS].
Tab. 10.1-2 Absolutdifferenzen zwischen dem
theoretischen (th) und praktischen (exp) Kur-
venverlauf der mittleren Grenzflächenscherfe-
stigkeit in Abhängigkeit von den
Strukturmerkmalen [BS] und [CONH].
10.1 b Das Kompatibilitätsinkrement τic
Das Kompatibilitätsinkrement τic (siehe Gl. (7.1-3) mit M)
quantifiziert den faserwechsel-induzierten, systematischen „Kom-
patibilitätszuwachs“, bezogen auf eine gesamte Verbundserie. Für
die mittlere Grenzflächenscherfestigkeit und die beiden Verbund-
serien MVS-x-C-U und MVS-x-C-L wurde das Kompatibilitätsin-
krement zu τic=1.4 bestimmt. D.h., durch die Faseroberflächen-
modifizierung konnte ein 40%-iger „Kompatibilitätszuwachs“ ge-
genüber aliphatischen Polyamiden erzielt werden. Da für beide
Verbundserien τ(0) << τ([BS]) gilt, läßt sich ebenfalls die Aussage
treffen, daß die Faseroberflächenmodifizierung im Mittel zu einem
40%-igen Zuwachs der Haftfestigkeit gegenüber aliphatischen Po-
lyamiden geführt hat.
Strukturmerkmal [BS][CONH]
Modellverbundsystem
MVS
τth- τexp /
MPa
τth- τexp /
MPa
MVS-PE-C-U 0,9 0,7
MVS-12-C-U -0,7 0,5
MVS-12.10-C-U 0,7 1,1
MVS-12.9-C-U -4,2 -3,9
MVS-10.10-C-U 1,2 1,4
MVS-6.10-C-U -5,8 -6,1
MVS-6.9-C-U 7,1 6,6
MVS-PE-C-L 0,5 1,1
MVS-12.10-C-L 0,2 -0,2
MVS-12.9-C-L -1,2 -1,5
MVS-10.10-C-L -1,4 -1,6
MVS-6.10-C-L 0,9 1,3
MVS-6.9-C-L 1,0 1,8
10 Ist das CFRPA-
Verbundmodell eine
Struktur/Eigenschaft-Beziehung
im Sinne der
Adhäsionsforschung?
10-8
10.1 c Die Verstärkungsfaktoren τf[BS]
Auch die Verstärkungsfaktoren Mf[BS] ermöglichen eine Bewer-
tung der Modellprognosen für eine durch den Wechsel der Verstär-
kungskomponente verursachte Veränderung der adhäsiven Stärke.
Im Unterschied zum Kompatibilitätsinkrement Mic erfolgt die Ge-
genüberstellung der Haftungsprognosen jedoch für jede einzelne
Matrixkomponente – quantifiziert durch die gerichteten Bin-
dungsstellenkonzentration [BS]. Zur Definition des Verstärkungs-
faktors siehe Kapitel 7.1 a.
Tabelle 10.1-3 enthält die nach Gl. (7.1-1) berechneten Verstär-
kungsfaktoren. In Abb. 10.1-5 sind diese Werte grafisch dargestellt.
Tab. 10.1-3 Verstärkungsfaktoren, berechnet
nach Gl. (7.1-1).
Das Ergebnis ist überraschend: Trotz der relativ hohen Lineari-
tät der τ([BS])-Kurven beider Verbundserien weichen die aus den
experimentellen Daten bestimmten Verstärkungsfaktoren (ausge-
füllte Dreiecke in Abb. 10.1-5) deutlich von ihrer theoretisch zu er-
wartenden Position ab (leere Dreiecke und Kreise in Abb. 10.1-5).
Lediglich zwei der Punkte (PA 12.10 und PA 10.10) liegen – das
dann aber auch nahezu ideal – auf der theoretischen Kurve (berech-
net nach Gl. (7.1-3)). Die beiden dargestellten theoretischen Kur-
ven unterscheiden sich hinsichtlich einer Annahme in Bezug auf
die Lage der Punkte M(0)C-L und M(0)C-U. Während Kurve 1
(leere Kreise) unter Verwendung der aus der Bestimmung der
Kompatibilitätsfaktoren Mc resultierenden Parameter konstruiert
wurde, beschreibt die andere Kurve (leere Dreiecke) den Verlauf,
der sich durch den Einsatz des experimentellen Wertes
τ(0)=τ(PE)=2.1 (siehe Tab. 4.4-9) für beide Teilgleichungen (siehe
Parameter nx in Gl. (7.1-3)) ergibt. Das Ergebnis stützt einmal
mehr die Annahme, daß sich die Kurven τ([BS])C-U und
τ([BS])C-L in einem einzelnen – HDPE zugeordneten – Punkt
schneiden. Anderenfalls wäre die durch Faserwechsel induzierte
Haftungssteigerung für HDPE um ein vielfaches höher als diejeni-
ge aller untersuchten aliphatischen Polyamide.
Natürlich muß man sich bewußt machen, das die Rechenvor-
schrift für den Verstärkungsfaktor (Gl. (7.1-1)) geeignet ist, die oh-
nehin in den Meßdaten vorhandenen Absolutfehler zu verstärken.
Dies gilt insbesondere für PE, da die zugehörigen Werte τ(0)C-U
und τ(0)C-L sehr klein sind (siehe Tab. 4.4-9). Ein möglicher
Grund für die starken Abweichungen bei PA 6.9 wurde bereits in
Matrixmaterial [BS]τf[BS]
HDPE 0 1,0
PA 12 0,03846 -
PA 12.10 0,04167 1,4
PA 12.9 0,04348 1,8
PA 10.10 0,04545 1,4
PA 6.10 0,05556 1,7
PA 6.9 0,05882 1,1
10.1 Verbundmodell vs.
praktische Adhäsion
10-9
Kapitel 10.1 a diskutiert.
Auf der anderen Seite liegt dem dargestellten theoretischen Kur-
venverlauf das Linearitätspostulat des Skalierungs- bzw. Verbund-
modells zu Grunde. Ebensogut ist auch eine modellunabhängige
Interpretation der Grafik möglich: Die praktisch meßbare Adhäsi-
on zwischen PE und Carbonfaser wird durch den Wechsel des Fa-
sermediums quasi nicht beeinflußt. Demgegenüber zeigen PA
12.10 und PA 10.10 eine 50%ige, PA 12.9 und PA 6.10 eine ca.
75%ige und PA 6.9 eine 15%ige durch Faserwechsel induzierte
Steigerung in der Verbundfestigkeit. Der geneigte Leser möge sich
das Muster der relativen Lage der Meßpunkte (insbesondere die
Dreierkonstellation PA 12.10, PA 12.9, PA 10.10) merken. An ge-
eigneter Stelle wird darauf noch einmal Bezug genommen.
Abb. 10.1-5 Gegenüberstellung der experimen-
tell bestimmten und theoretisch zu erwartenden
Verstärkungsfaktoren. Die Mc-Korrektur wird
in Kapitel 10.1 d beschrieben.
10.1 d Separationsansatz für die Grenzflächenscherfestigkeit τ
In Kapitel 6.8 b wurde in Analogie zum thermodynamischen
Separationsansatz für die Oberflächenspannung (siehe
Kapitel 3.1 f) eine Zerlegbarkeit der mittleren Grenzflächenscher-
festigkeit τ postuliert. Danach können die in den Gleichungen
(6.8-10) und (6.8-11) allgemein definierten Funktionen für die ad-
häsiven Teilbeiträge in Bezug auf beide homologe Verbundserien
MVS-x-C-U und MVS-x-C-L konkretisiert werden:
(10.1-1)
(10.1-2)
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0,0
0,1
0,9
1,0
1,1
1,2
1,3
1,4
1,5
1,6
1,7
1,8
1,9
2,0
2,1
2,2
2,3
PE
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
experimentell bestimmte Werte
/ theoretischer Kurvenverlauf (ohne Mc-Korrektur)
/ theoretischer Kurvenverlauf (mit Mc-Korrektur)
Verstärkungsfaktor τf[BS]
[BS]
τmeth
()
BS[]C-U,12BS[]()1.2=
τBS
()
BS[]C-U,2BS[]253.1=
10 Ist das CFRPA-
Verbundmodell eine
Struktur/Eigenschaft-Beziehung
im Sinne der
Adhäsionsforschung?
10-10
(10.1-3)
(10.1-4)
Die erforderlichen Werte für τIFSS, PA1 wurden durch Extrapo-
lation auf den Funktionswert für [BS]=0,5 bestimmt.
Die Verfügbarkeit der analytischen Zusammenhänge Gl.
(10.1-1) bis Gl. (10.1-4) ermöglicht nun die Berechnung der adhä-
siven Teilbeiträge τmeth und τBS pro Modellverbundsystem – auf-
gezeigt in Tab. 10.1-4.
Dem Auswertungsverfahren der thermodynamischen Modelle
des Separationsansatzes folgend kann eine Größe τXBS definiert
werden:
(10.1-5)
Da – wie in Kapitel 6 ausführlich beschrieben – ein Haftungs-
beitrag durch Wechselwirkungen zwischen der Carbonfaser und
den Methylengruppen der aliphatischen Polyamide als unspezifisch
und ein Haftungsbeitrag durch Wechselwirkungen zwischen der
Carbonfaser und den Amidgruppen als spezifisch angesehen werden
kann, wird auf die Größe τXBS im weiteren als Spezifizität Bezug
genommen. Tabelle 10.1-4 enthält die berechneten Werte und
Abb. 10.1-6 veranschaulicht das Ergebnis graphisch.
Tab. 10.1-4 Adhäsive Teilbeiträge pro Modell-
verbundsystem, berechnet mit Gl. (10.1-1) bis
Gl. (10.1-4). τXBS ist die Spezifizität ( siehe Gl.
(10.1-5))
τmeth
()
BS[]C-L,12BS[]()2.6=
τBS
()
BS[]C-L,2BS[]347.6=
X
τ
BS
τBS
τmeth τBS
+
--------------------------
=
MVS τmeth /
MPa
τBS /
MPa
τXBS
MVS-PE-C-U 1,185 0,0 0,0
MVS-12-C-U 1,090 20,248 0,949
MVS-12.10-C-U 1,086 21,093 0,951
MVS-12.9-C-U 1,082 22,009 0,953
MVS-10.10-C-U 1,077 23,006 0,955
MVS-6.10-C-U 1,054 28,124 0,964
MVS-6.9-C-U 1,046 29,774 0,966
MVS-PE-C-L 2,626 0,0 0,0
MVS-12.10-C-L 2,408 28,972 0,923
MVS-12.9-C-L 2,398 30,231 0,927
MVS-10.10-C-L 2,388 31,600 0,930
MVS-6.10-C-L 2,335 38,630 0,943
MVS-6.9-C-L 2,317 40,896 0,946
10.1 Verbundmodell vs.
praktische Adhäsion
10-11
Die Funktionsgleichung für den theoretischen Kurvenverlauf
(gestrichelte farbige Linien in Abb. 10.1-6) ergibt sich aus der Be-
rechnungsvorschrift der Einzelwerte unter Verwendung der Glei-
chungen (10.1-1) bis (10.1-4):
(10.1-6)
mit x=[BS], m=τc und n=M(0) – siehe auch Kapitel 6.8 a.
Eine analoge Beziehung kann für die Verwendung des Skalie-
rungsmerkmals [CONH] formuliert werden:
(10.1-7)
Abb. 10.1-6 Spezifizität τXBS in Abhängigkeit
von [BS]. Die gestrichelten Linien deuten den
zu erwartenden Kurvenverlauf dieser Beziehung
an. Deutlich ist eine Art „Sättigungsverhalten“
(asymptotische Annäherung an den Grenzwert)
zu erkennen.
Abbildung 10.1-6 und Tab. 10.1-4 suggerieren, der Faserwech-
sel hätte zu einer Erhöhung des Anteils an dispersiven Wechselwir-
kungen (Methylgruppen) geführt. Ein solcher Befund erscheint
zunächst plausibel, denn es ist durchaus davon auszugehen, daß die
thermische Oberflächenmodifizierung der Carbonfaser zur Beseiti-
gung von Oberflächenrauhigkeiten geführt hat, was den – für die
Ausbildung dispersiver Wechselwirkungen erforderlichen – inti-
men Kontakt von Faser- und Matrixkomponente erleichtert. Auf
der anderen Seite deuten weitere experimentelle Ergebnisse (Benet-
zungsmessungen, ESCA und ζ-Potential) auf eine deutliche Zu-
nahme an polaren Oberflächenfunktionalitäten hin. Das Ausmaß
dieser Zunahme läßt daher eher einen Anstieg des nicht-dispersi-
ven Wechselwirkungsanteils erwarten.
Es läßt sich nun sehr leicht zeigen, wie sensibel das Separations-
modell auf leichte Datenveränderung reagiert. Hintergrund der
Überlegungen ist eine Korrektur der linearen Kurvenanpassung aus
Kapitel 10.1 a. Danach wird der Parameter τ(0) während der Kur-
y
m2n+
mnx+
---------------------
=
y
mn+
mnx+
--------------------
=
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0,0
0,2
0,4
0,6
0,8
1,0
y=(m+2*n)/(m+n/x)
τXBS
[BS]
MVS-x-C-U
MVS-x-C-L
10 Ist das CFRPA-
Verbundmodell eine
Struktur/Eigenschaft-Beziehung
im Sinne der
Adhäsionsforschung?
10-12
venanpassung einem constraint unterworfen, d.h. τ(0) wird der ex-
perimentell für beide Verbundserien einheitlich bestimmte Wert
2.1 MPa zugewiesen und während der Kurvenanpassung wird aus-
schließlich der Korrekturfaktor
τ
c optimiert. Um die korrigierten
Faktoren von den ursprünglich Variablen zu unterscheiden, wer-
den sie durch ein „*“ gekennzeichnet. Tabelle 10.1-5 enthält die
neu berechneten Werte.
Tab. 10.1-5 Ergebnisse der korrigierten linea-
ren Kurvenanpassung an die Meßwerte der
mittleren Grenzflächenscherfestigkeit t für die
beiden homologen Modellverbundserien. Ange-
geben sind der Anstieg Mc, der Achsenabschnitt
τ
(0) und der lineare Regressionskoeffizient R.
Die Korrektur behandelt den Parameters τ(0) als
konstant (contraint)
Hintergrund dieser Verfahrensweise ist die Umsetzung der bis-
her in diesem Kapitel gewonnenen Erkenntnisse: Erst durch die
Korrektur wird der experimentelle Befund berücksichtigt, daß sich
die Kurven beider Verbundserien in einem gemeinsamen Punkt
τ(0)=τ(PE) schneiden.
Eine Neuberechnung der Grenzflächenscherfestigkeitsanteile
und der Spezifizität ergibt nun ein gänzlich anderes Bild – darge-
stellt in Abb. 10.1-7. Die zugehörigen Werte zeigt Tab. 10.1-6.
Tab. 10.1-6 Adhäsive Teilbeiträge pro Modell-
verbundsystem, berechnet mit Gl. (10.1-1) bis
Gl. (10.1-4). τXBS ist die Spezifizität ( siehe Gl.
(10.1-5)). Alle Werte wurden unter Berücksich-
tung der Mc-Korrektur berechnet.
Demnach hätte sich durch den Faserwechsel eine Erhöhung des
Haftungsbeitrags durch spezifische Wechselwirkung mit den
Amidgruppen (τBS) ergeben
Besonders deutlich wird der Unterschied der beiden Interpreta-
tionen bei einer Gegenüberstellung der beitragsbezogenen Absolut-
differenzen zwischen den Grenzflächenscherfestigkeitswerten
Verbundserie Struktur-
merkmal
τ
c* /
MPa
τ(0) /
MPa
R
MVS-x-C-U [BS]484,9±35,7 2,1 0.919
MVS-x-C-L [BS]700,6±9,7 2,1 0.997
MVS τmeth /
MPa
τBS /
MPa
τXBS
MVS-PE-C-U 2,100 2,100 0,0
MVS-12-C-U 1,932 21,497 0,910
MVS-12.10-C-U 1,925 22,307 0,914
MVS-12.9-C-U 1,917 23,184 0,917
MVS-10.10-C-U 1,909 24,140 0,921
MVS-6.10-C-U 1,867 29,042 0,936
MVS-6.9-C-U 1,853 30,623 0,939
MVS-PE-C-L 2,100 0 0,0
MVS-12.10-C-L 1,925 29,367 0,938
MVS-12.9-C-L 1,917 30,643 0,941
MVS-10.10-C-L 1,909 32,031 0,944
MVS-6.10-C-L 1,867 39,157 0,954
MVS-6.9-C-L 1,853 41,454 0,957
10.1 Verbundmodell vs.
praktische Adhäsion
10-13
beider Verbundserien. Dem Wesen nach entsprechen diese Abso-
lutdifferenzen dem in Kapitel 7.1 b definierten Verstärkungsinkre-
ment. Da es sich jedoch um eine Betrachtung theoretischer Daten
handelt, werden Symbol und Begriff an dieser Stelle vermieden.
Abb. 10.1-7 Spezifizität τXBS in Abhängigkeit
von [BS] unter Berücksichtigung der Mc-Kor-
rektur. Die gestrichelten Linien deuten den zu
erwartenden Kurvenverlauf dieser Beziehung
an.
Abb. 10.1-8 veranschaulicht die Ergebnisse grafisch. Wie nach
dem Separationsansatz zu erwarten ist, zeigt sich in beiden Fällen
die überaus bedeutsame Rolle der Wechselwirkungszentren BS.
Die Erhöhung eines adhäsiven Beitrags der Methylgruppenseg-
mente kann in einem Fall als nahezu konstant bzw. leicht rückläu-
fig, im anderen Fall als quasi nicht existent angesehen werden. Für
das reale Verbundsystem ist davon auszugehen, daß die „Wahrheit“
irgendwo zwischen diesen beiden Grenzfällen liegt.
Abb. 10.1-8 Gegenüberstellung der beitragsbe-
zogenen Absolutdifferenzen zwischen den
Grenzflächenscherfestigkeitswerten beider Ver-
bundserien. Deutlich sichtbar werden die Aus-
wirkungen der Mc-Korrektur: der unspezifische
Anteil im adhäsiven Stärkezuwachs verschwin-
det.
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0,0
0,2
0,4
0,6
0,8
1,0
y=(m+2*n)/(m+n/x)
τXBS
[BS]
MVS-x-C-U mit Mc-Korrekur
MVS-x-C-L mit Mc-Korrekur
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0
2
4
6
8
10
12
Adhäsiver Gesamtzuwachs
nach Mc-Korrektur
τT
(τC-L- τC-U) / MPa
[BS]
Adhäsiver Gesamtzuwachs
τT
- anteilig unspezifisch
τmeth
- anteilig spezifisch
τBS
10 Ist das CFRPA-
Verbundmodell eine
Struktur/Eigenschaft-Beziehung
im Sinne der
Adhäsionsforschung?
10-14
10.2 Schlußfolgerungen
XDer in Kapitel 6.8 a postulierte lineare Zusammenhang zwi-
schen der gerichteten Bindungsstellenkonzentration [BS] und
der Grenzflächenscherfestigkeit τIFSS (siehe Gl. (6.8-1) und Gl.
(6.4-3)) wird durch die praktischen Meßergebnisse bestätigt.
XDas Verbundmodell erweist sich als sensibel für (systematische)
Veränderungen im Faserverbund (hier initiiert durch eine
Faseroberflächenmodifizierung). Somit erscheinen Adhäsions-
vorhersagen für nicht vermessene Polyamide möglich. Das Ska-
lierungs- bzw. Verbundmodell ist eine praktisch verwertbare
Struktur/Eigenschaft-Beziehung.
XFür carbonfaserverstärkte Polyamide (CFRPA) mit ähnlich
wechselwirkender Faserkomponente kann der Wert
M(0) =M(PE)
IFSS(PE) = 2,1 MPa als konstant angesehen
werden. Somit kann aus einem einzigen weiteren Meßpunkt
τIFSS ([BS]) für ein anderes Fasersystem auf das Haftungsver-
halten einer gesamten CFRPA-Verbundserie geschlossen wer-
den
XDie Anwendung des Separationsansatzes nach Gl. (6.8-7) führt
zu konsistenten und sinnvollen Ergebnissen. Das CFRPA-Ver-
bundmodell indiziert einen ca. 95%igen Anteil an der Gesamt-
haftung, der sich auf Wechselwirkungen mit polaren
Bindungsstellen (d.h. die durch das Modell abstrahierten
Amidgruppen, BS) zurückführen läßt.
XOb sich durch die Verwendung des Strukturmerkmals [BS]
statt [CONH] ein Vorteil oder eine größere Realitätsnähe
ergibt, kann mit den vermessenen aliphatischen Polyamiden
nicht statuiert werden. Um hier zu einer Aussage zu kommen,
ist die Einbeziehung von Polyamiden mit uu-Parität (siehe
Kapitel 5.1 b) erforderlich.
11-1
11 Skalierungsmodell und
thermodynamische Adhäsion
(1) Berechnung der Evaluierungsfaktoren –
Das Versagen der Linearitätsannahme
(2) Vom Kontaktwinkel zur Adhäsionsvorher-
sage – Nicht-Linearität mit System, polyamidi-
sche Paritätsklassen und thermodynamische
Adhäsion
(3) Equation of State vs. Separationsansatz –
Die gegensätzlichen Prognosen im adhäsiven
Grenzverhalten
11 Skalierungsmodell und
thermodynamische Adhäsion
11-2
Einleitung
Nachdem im vorangegangenen Kapitel 10 die prinzipielle Verwert-
barkeit des Skalierungsmodells (Kapitel 5 und 6) für die praktisch
meßbare Adhäsion (mittlere Grenzflächenscherfestigkeit τ) bestä-
tigt werden konnte, soll es im vorliegenden Kapitel auf die Ergeb-
nisse thermodynamischer Benetzungsmessungen und abgeleiteter
Größen (
θ
a,
γ
, Wa) angewendet werden. Somit wird die Korrelati-
onsanalyse zwischen thermodynamisch und mikromechanisch ba-
sierten Adhäsionsmodellen vorbereitet.
11.1 Das Versagen der Linearitätsannahme
11.1 a Die Kompatibilitätsfaktoren Mc
In Analogie zum Auswertungsverfahren der Ergebnisse des mi-
kromechanischen Tests (siehe Kapitel 10) können auch für die
thermodynamisch basierten Meßergebnisse (MWa) zugehörige
Kompatibilitätsfaktoren Mc auf Grundlage des Strukturmerkmals
[BS] bestimmt werden. Tabelle 11.1-1 enthält die berechneten
Werte. Abbildung 11.1-1 veranschaulicht das Ergebnis grafisch.
Zusätzlich wurde in den Vergleich der Kompatibilitätsfaktor τc
aufgenommen.
Tab. 11.1-1 Ergebnisse der linearen Kurvenan-
passung an die aus Benetzungsdaten berechne-
ten Werte der thermodynamischen
Adhäsionsarbeit Wa für die beiden homologen
Modellverbundserien und sieben verschiedene
Modelle M. Angegeben sind der Anstieg Mc, der
Achsenabschnitt MWa(0) und der lineare Re-
gressionskoeffizient R.
Es ist deutlich zu erkennen, daß alle thermodynamischen Mo-
delle den durch eine Erhöhung der gerichteten Bindungsstellen-
konzentration [BS] induzierten Gewinn an Stärke der adhäsiven
Wechselwirkung unterschätzen. Natürlich sollte man sich bewußt-
machen, daß eine solche Gegenüberstellung dem sprichwörtlichen
Vergleich von Äpfel und Birnen ähnelt. Verglichen werden eine en-
Verbundserie Modell
M
Mc /
mN/m
MWa(0) /
mN/m R
MVS-x-C-U g5,7±79.2 69,9±3,5 0,03
vOt 22,6±78,4 72,3±3,5 0,13
OW 30,5±32.0 70,6±1,4 0,43
h60,7±63,4 75,0±2,8 0,39
vOa 90,2±79,5 77,1±3,5 0,45
N130,6±51,8 73,9±2,3 0,75
K144,8±56,7 73,0±2,5 0,75
MVS-x-C-L vOt 126,8±163,1 79,5±7,3 0,36
N162,0±68,4 78,7±3,1 0,76
K201,2±81,8 75,2±3,7 0,78
OW 261,6±98,3 63,8±4,4 0,80
h266,0±87,0 77,4±3,9 0,84
vOa 293,3±160,7 91,3±7,3 0,67
g329,5±94,7 63,5±4,3 0,87
11.1 Das Versagen der
Linearitätsannahme
11-3
ergetische Größe (thermodynamische Adhäsionsarbeit in mN/m)
und eine mechanischen Größe (Grenzflächenscherfestigkeit, dem
Wesen nach ein Druck in MPa).
Abb. 11.1-1 Ergebnisse der linearen Kurvenan-
passung an die aus Benetzungsdaten berechne-
ten Werte der thermodynamischen
Adhäsionsarbeit Wa für die beiden homologen
Modellverbundserien MVS-x-C-L (oben) und
MVS-x-C-U (unten) und sieben verschiedene
Modelle M. Dargestellt sind der Anstieg Mc und
der Achsenabschnitt MWa(0)
Besonders auffällig ist die Uneinheitlichkeit der aus den ver-
schiedenen thermodynamischen Modellen resultierenden Aussa-
gen. Es lassen sich Abweichungen von bis zu 300% feststellen.
Ordnet man die Modelle entlang der Abszisse nach steigendem Mc,
so ist zu beobachten, daß die Modelle des Separationsansatzes (ab-
gesehen von M
=
g) für beide homologe Verbundserien die gleiche
Sequenz (vOt–OW–h–vOA) aufweisen. Die beiden EOS-Modelle
nach (N)eumann und (K)wok tauschen ihre relative Position zu
dieser Sequenz.
Die Werte MWa(0) werden von allen thermodynamischen Mo-
dellen recht einheitlich beschrieben. Die arithmetischen Mittel-
werte sind in den Abbildungen gekennzeichnet; die Schwankungen
g vOt OW h vOa N K
0
50
100
150
200
500
73.1mN/m
τ
Mc und MWa(0) [mN/m]
Modell/Methode (M)
Mc
MWa(0)
vOt N K OW h vOa g
0
50
100
150
200
250
300
350
650
700
75.6mN/m
τ
Mc und MWa(0) [mN/m]
Modell/Methode (M)
Mc
MWa(0)
11 Skalierungsmodell und
thermodynamische Adhäsion
11-4
um den Mittelwert der einen Verbundserie schließen den Mittel-
wert der anderen Verbundserie mit ein, so daß – analog zur Fest-
stellung für τ(0) – davon ausgegangen werden kann, daß der Wert
der thermodynamischen Adhäsionsarbeit für einen PE-Modellver-
bund praktisch unabhängig vom Fasermaterial ist.
Abb. 11.1-2 Vergleich von Achsenabschnitt
MWa(0) und realem Meßwert MWa(PE) pro ho-
mologe Verbundserie MVS-x-C-U (oben) und
MVS-x-C-L (unten)
Diese Annahme wird durch Abb. 11.1-2 unterstützt. Darge-
stellt sind pro homologe Verbundserie und thermodynamisches
Modell die realen Meßwerte MWa(PE) und die aus der Regressions-
analyse gewonnenen Ordinatenabschnitte MWa(0). Hervorgeho-
ben sind die arithmetischen Mittelwerte beider Typen (theoretisch
vs. experimentell) von Datenpunkten.
Natürlich darf dieses Ergebnis nicht überstrapaziert werden,
denn schließlich befinden sich die Meßpunkte MWa(PE) in einer
für das Ergebnis der linearen Regression besonders signifikanten
Position: Der Abstand zwischen den MWa(PE) und den Punkten
KNh gOWvOAvOT
0
60
70
80
90
chem./phys.-Separation
disp./pol.-Separation
EOS-Modelle
72,6
73,1
MWa(0)
MWa [mN/m]
Modell/Methode M
MWa(PE)
KNh gOWvOAvOT
0
50
60
70
80
90
100
chem./phys.-Separationdisp./pol.-Separation
EOS-Modelle
77,4
75,6
MWa(0)
MWa [mN/m]
Modell/Methode M
MWa(PE)
11.1 Das Versagen der
Linearitätsannahme
11-5
der Polyamide entlang der Skalierungsachse ist (modellbedingt)
größer als jedes andere Intervall. Auf der anderen Seite konvergiert
der Optimierungsalgorithmus gegen eine Lösung, für die eine mi-
nimale Nähe zwischen Regressionsgerade und MWa(PE) resul-
tiert*). Das heißt im Umkehrschluß: Nur wenn MWa(PE) und
MWa(0) gut übereinstimmen und gleichzeitig Regressionskoeffizi-
enten R um 1 vorliegen, wäre die Linearitätsannahme bestätigt.
Abb. 11.1-3 Vergleich der linearen Regressions-
koeffizienten R: Gegenüberstellung von Model-
len M und Verbundserien MVS-x-C-U und
MVS-x-C-L
Ein Blick in Tab. 11.1-1 und die zugehörige Abb. 11.1-3 läßt
keinen Zweifel daran aufkommen, daß hier eine detaillierte Dis-
kussion erforderlich ist: Knapp 50% der thermodynamisch erhobe-
nen Meßreihen konvergieren mit einem linearen Regressions-
koeffizienten R<0,5. Nahezu alle Datenreihen mit einem solchen
Ergebnis sind der Verbundserie MVS-x-C-U zuzuordnen. Die An-
wendbarkeit der Linearitätsannahme muß also diskutiert werden.
11.1 b Die Kompatibilitätsinkremente Mic
Ein Vergleich der Kompatibilitätsinkremente Mic aus verschie-
denen Modellen M ermöglicht eine Analyse der Modellprognosen
für eine aus dem Wechsel der Verstärkungskomponente (Faser) re-
sultierende Veränderung der adhäsiven Stärke. Obwohl in Kapitel
11.1 a bereits Hinweise darauf gefunden wurden, daß die Lineari-
tätsannahme für die Beziehung MWa([BS]) unzutreffend ist, ent-
hält Tab. 11.1-2 die berechneten Kompatibilitätsinkremente Mic.
Auch hier ist eine deutliche Streuung der Adhäsionsprognosen zu
erkennen. Abbildung 11.1-4 veranschaulicht die Ergebnisse gra-
fisch. Zusätzlich in den Vergleich aufgenommen wurde das Kom-
patibilitätsinkrement τic. (siehe Kapitel 10.1 b).
Alle Modelle indizieren eine Veränderung im Haftungsverhal-
ten. Die Richtung dieser Veränderung wird von allen Modellen im
Sinne einer Haftungs-Verbesserung prognostiziert. Deutlich ist je-
doch zu erkennen, daß lediglich die EOS-Modelle nach (K)wok
*) Es gibt keinen Grund, diese Punkte als constraints für den Fitalgorith-
mus zu definieren.
0,03
0.13
0.43
0.39
0.45
0.75
0.75
0.92
0,87
0.36
0.84
0.80
0,67
0,76
0,78
0.99
g
vOt
h
OW
vOa
N
K
0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0
τ
Regressionskoeffizient Rr Mc - Bestimmung
Modell/Methode (M)
MVS-x-L-CA
MVS-x-CA
0,03
0,13
0,43
0,39
0,45
0,75
0,75
0,92
0,87
0,36
0,84
0,80
0,67
0,76
0,78
0.99
g
vOt
h
OW
vOa
N
K
K
0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0
τ
Regressionskoeffizient R für Mc - Bestimmung
Modell/Methode (M)
MVS-x-C-L
MVS-x-C-U
11 Skalierungsmodell und
thermodynamische Adhäsion
11-6
und (N)eumann eine Haftungsverbesserung in einer Größenord-
nung vorhersagen, wie sie durch das mikromechanische Experi-
ment auch wirklich gefunden wurde. Bei allen Modellen, die dem
Separationsansatz folgen, zeigt sich eine starke Überschätzung des
durch Faserwechsel induzierten Adhäsionszuwachses.
Abb. 11.1-4 Vergleich der Kompatibilitätsin-
kremente: Gegenüberstellung von Modellen M
11.1 c Die Verstärkungsfaktoren Mf[BS]
Tab. 11.1-2 Vergleich der Kompatibilitätsin-
kremente: Gegenüberstellung von Modellen M
Tabelle 11.1-3 enthält die nach Gl. (7.1-1) berechneten Ver-
stärkungsfaktoren. Abbildung 11.1-5 veranschaulicht die Ergeb-
nisse grafisch. Dargestellt sind die pro thermodynamisches Modell
und Matrixkomponente berechneten Verstärkungsfaktoren. Da-
ten, die aus dem gleichen Modell hervorgehen, sind zu Serien zu-
sammengefaßt und mit Linien verbunden. Unterschiedliche
Symbole kennzeichnen unterschiedliche Modelle.
Es sind drei Gruppen von Kurvenverläufen zu erkennen:
a) Die Modelle OW, h und g zeigen einen deutlich nichtlinearen
Kurvenverlauf mit einem typischen Muster für die drei Polyamide
PA 12.10, PA 12.9 und PA 10.10. Dieses Muster wurde bereits bei
der Berechnung der Verstärkungsfaktoren τf[BS] beobachtet.
b) Die Modelle vOa und vOt zeigen ebenfalls einen deutlich
nichtlinearen Kurvenverlauf. Das unter a) erwähnte typische Mu-
ster für die drei Polyamide PA 12.10, PA 12.9 und PA 10.10 ist al-
lerdings verändert.
c) Die EOS-Modelle (K und N) zeigen einen linearen bzw.
schwach nichtlinearen Kurvenverlauf. Das unter a) erwähnte Mu-
ster für die drei Polyamide PA 12.10, PA 12.9 und PA 10.10 ist
auch hier zu erkennen.
Bereits in Kapitel 7.1 c wurde darauf hingewiesen, daß die Wer-
te des Verstärkungsfaktors unter der Modellannahme einer Linea-
rität zwischen der Modellgröße M und der gerichteten
Bindungsstellenkonzentration der nicht-linearen Funktion
1.2 1.4 1.4
3.3
4.4
5.6
8.6
59.1
N K vOa h vOt OW g
0
2
4
6
8
50
60
70
τ
Kompatibilitätsinkrement Mic
Modell/Methode (M)
Modell MMic
N1,2
τ1,4
K1,4
vOa 3,3
h4,4
vOt 5,6
OW 8,6
q 59,1
11.1 Das Versagen der
Linearitätsannahme
11-7
(11.1-1)
mit x=[BS] folgen.
Tab. 11.1-3 Verstärkungsfaktoren, berechnet
für verschiedene thermodynamische Modelle M
Abb. 11.1-5 Gegenüberstellung der pro thermo-
dynamisches Modell M und Matrixkomponente
berechneten Verstärkungsfaktoren. Daten, die
aus dem gleichen Modell hervorgehen, sind zu
Serien zusammengefaßt und mit Linien verbun-
den. Unterschiedliche Symbole kennzeichnen
unterschiedliche Modelle.
Eine mathematische Analyse des Funktionstyps Gl. (11.1-1)
macht deutlich, daß kein Parametersatz {m1,m2,n1,n2} gefunden
werden kann, der einen nicht-linearen Kurvenverlauf erzeugt, wie
er für die Verstärkungsfaktoren der thermodynamischen Modelle
zu beobachten ist. Die Graphen dieser Funktion sind mit dem
Kurvenverlauf nach Abb. 11.1-5 unvereinbar. Dies ist ein weiterer
Hinweis darauf, daß eine Linearitätsannahme für MWa([BS]) un-
zutreffend ist.
fx() m1xn
1
+
m2xn
2
+
---------------------
=
Matrixmaterial [BS]OWf[BS] hf[BS] gf[BS] vOaf[BS] vOtf[BS] Nf[BS] Kf[BS]
HDPE 0 0,93 1,06 0,95 1,23 1,16 1,07 1,04
PA 120,03846-------
PA 12.10 0,04167 0,95 1,12 1,06 1,27 1,15 1,08 1,06
PA 12.9 0,04348 1,04 1,15 1,10 1,25 1,09 1,09 1,07
PA 10.10 0,04545 1,01 1,13 1,08 1,22 1,09 1,08 1,06
PA 6.10 0,05556 1,07 1,21 1,24 1,38 1,27 1,08 1,05
PA 6.9 0,05882 1,19 1,22 1,23 1,37 1,26 1,09 1,08
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0,0
0,9
1,0
1,1
1,2
1,3
1,4
PE
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
h
OW
K
N
g
vOt
vOa
Verstärkungsfaktor Mf[BS]
[BS]
11 Skalierungsmodell und
thermodynamische Adhäsion
11-8
11.1 d Die Verstärkungsinkremente M[BS]
Für die Verifikation der Linearitätsannahme – bzw. deren Ver-
sagens – bietet sich eine Analyse der Verstärkungsinkremente
M[BS] an (zur Definition siehe Kapitel 7.1 b). Hintergrund der
Überlegungen ist der Versuch einer Gegenüberstellung der in Gl.
(7.1-2) durch die Linearitätsannahme gekapselten Funktion
(11.1-2)
mit dem Ergebnis der Anwendung dieser Rechenvorschrift auf
die experimentellen Daten MWa([BS]). Wie sich leicht zeigen läßt,
ist g(x) eine lineare Funktion, d.h. die Anwendung der Rechenvor-
schrift auf die Werte MWa([BS]) sollte ebenfalls zu einem linearen
Kurvenverlauf der zugehörigen M[BS] führen.
Abb. 11.1-6 Gegenüberstellung der pro thermo-
dynamisches Modell M und Matrixkomponente
berechnete Verstärkungsinkremente. Daten, die
aus dem gleichen Modell hervorgehen, sind zu
Serien zusammengefaßt und mit Linien verbun-
den. Unterschiedliche Symbole kennzeichnen
unterschiedliche Modelle
Abbildung 11.1-6 veranschaulicht das Ergebnis grafisch. Deut-
lich ist eine Nicht-Linearität zu erkennen, die in Gestalt und Aus-
maß dem Befund für die Verstärkungsfaktoren Mf[BS] (siehe Abb.
11.1-5) ähnelt. Dieses Ergebnis führt konsequenterweise zu der Er-
kenntnis, daß MWa([BS]) nicht durch einen linearen Zusammen-
hang beschrieben werden kann.
gx() m1xn
1
+()m2xn
2
+()=
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
-10
-5
0
5
10
15
20
25
30
35
PE
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
vOr
h
OW
K
N
g
vOt
vOa
MWa(C-L) -MWa(C-U)
[BS]
11.2 Die Benetzungsmessungen
unter der Lupe
11-9
11.2 Die Benetzungsmessungen unter der Lupe
Wie in Kapitel 3.1 ausführlich dargelegt, basiert die Berechnung
der thermodynamischen Adhäsionsarbeit unabhängig von dem zu
Grunde gelegten thermodynamischen Modell M auf der Messung
von Randwinkeln θa, der anschließenden (näherungsweisen) Be-
rechnung der Festkörperoberflächenspannung/skomponenten so-
wie der Anwendung einer combining rule zur quantifizierenden
Abschätzung der verschiedenen adhäsiven Wechselwirkungen. Je-
der Versuch, die in Kapitel 11.1 beobachtete Nicht-Linearität des
Zusammenhangs MWa([BS]) zu verstehen, erfordert daher eine
Auseinandersetzung mit den Zwischenergebnissen dieser Rech-
nung.
11.2 a Das „constitutive law of wettability“
In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts haben die experimen-
tellen Arbeiten von Zisman et al. zu der Erkenntnis geführt, daß es
einen systematischen Zusammenhang zwischen der „Natur und
der Dichte“ von Funktionalitäten auf Festkörperoberflächen einer-
seits und der kritischen Oberflächenspannung γc andererseits gibt
(z.B. [11-189]). Dieser Zusammenhang ist unter der Bezeichnung
constitutive law of wettability bekannt. In [11-189] wird anhand der
Ergebnisse von Benetzungsexperimenten an homologen Serien von
Polymeroberflächen (abstrakt betrachtet: erzeugt durch sukzessive
Substitution von Polyethylen-Wasserstoff-Atomen durch Chlor-
und Fluor-Atome, sowie sukzessive Dehydrierung von Polyethylen
zu ungesättigten bis hin zu konjugierten Systemen) der Einfluß der
Konstitution von Monoschichten auf deren Benetzbarkeit unter-
sucht: Eine Auftragung der kritischen Oberflächenspannung γc ge-
gen den prozentualen Anteil der im Polymer substituierten
Wasserstoffatome (der Bezugspunkt ist PE) ergibt überwiegend li-
neare (progressiv und degressiv) aber auch asymptotische Kurven-
verläufe. Aus diesen Ergebnissen wird postuliert, daß
Abweichungen von der Linearität genau dann zu beobachten sind,
wenn Wasserstoffbrückenbindungen oder andere starke assoziative
Wechselwirkungen zwischen benetzender Flüssigkeit und Festkör-
peroberfläche auftreten.
Die systematischen Arbeiten von Zisman et al. gipfelten in der
Entwicklung eines sogenannten Benetzungsspektrums (wettability
spectrum) für Niedrig-Energie-Oberflächen [11-189]. In diesem
Spektrum sind homologe Reihen von Festkörperoberflächen – ge-
ordnet nach steigender Benetzbarkeit (aufsteigendes γc) – aufgetra-
gen. Der offensichtliche Befund ist: Die γc-Werte einer jeweiligen
homologen Reihe konzentrieren sich in einem Band des Spek-
trums. Die Grenzen eines solchen Bandes werden einerseits durch
Polyethylen und andererseits durch eine Festkörperoberfläche mit
100% substituierten Wasserstoffatomen beschrieben. γc für Polye-
thylen wird in [11-189] mit 31 mN/m angegeben. Im Rahmen der
vorliegenden Arbeit wurde für HDPE γc=32,7 mN/m gemessen.
11 Skalierungsmodell und
thermodynamische Adhäsion
11-10
11.2 b Randwinkel, Oberflächenspannung und Strukturmerkmal
Die Auftragung von θa für die im Rahmen dieser Arbeit verwen-
deten Benetzungsflüssigkeiten gegen das Strukturmerkmal [BS]
führt zu einer überraschenden Erkenntnis; beispielhaft ist in Abb.
11.2-1 ein solcher Zusammenhang für die Testflüssigkeit H2O
aufgetragen. Die zugehörigen Meßdaten wurden bereits in Tab.
4.3-1 aufgelistet:
Der Kurvenverlauf ist deutlich nicht-linear. Die Streuung der
Meßdaten um eine angenommene einzelne Kurve erweist sich je-
doch als Fehlinterpretation: Stattdessen liegen offensichtlich zwei
verschiedene Kurven vor, die jeweils eine von zwei Meßpunktese-
rien beschreiben. Die Unterteilung der Meßpunkte in diese beiden
Serien ist nicht zufällig, sondern sie folgt der Zuordnung der
AABB-Polyamide zu ihren Paritätsklassen gg und gu. Beide Kurven
scheinen einem einzelnen – HDPE zugeordneten – Meßpunkt zu
entspringen.
Abb. 11.2-1 Randwinkel vs. Strukturmerkmal.
Dargestellt sind die Ergebnisse der Benetzungs-
messungen von Wasser auf polyamidischen
Oberflächen. Deutlich ist die Teilung der Kurve
in zwei separate Äste zu erkennen.
Ein derartiger Befund ist im Prinzip nicht unerwartet; in Kapitel
5.2 wurden bereits ähnliche Kurvenverläufe diskutiert und auch in
[11-190] findet man eine ähnliche Auftragung: Dort dargestellt ist
der Zusammenhang zwischen γc und dem Reziproken einer soge-
nannten average nylon number (letztendlich nichts anderes als
[CONH]) für die Polyamide PA 6.6, PA 7.7, PA 8.8, PA 9.9, PA
10.10 und PA 11. Zum Vergleich: In [11-190] wird γc für PE mit
28 mN/m und γc für PA 10.10 mit 32 mN/m angegeben. Im Rah-
men der vorliegenden Arbeit wurde für PA 10.10 γc=37.3 mN/m
gemessen.
Erstaunlich ist jedoch der Umstand, daß sich dieser Aufspal-
tungseffekt trotz der Verwendung des Strukturmerkmals [BS] so
deutlich zeigt. Schließlich wurde [BS] in Kapitel 6.7 mit dem Ziel
modelliert, die Konstitution polyamidischer Oberflächen realitäts-
näher abzubilden als dies nach Meinung des Autors mit den kon-
ventionellen Strukturmerkmalen (z.B. [CONH]) gelingt. Folgt
man der Argumentation von Zisman et al. und Fort [11-190] so-
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
65
70
75
80
85 PE
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
θa / °
[BS]
vs. H2O
11.2 Die Benetzungsmessungen
unter der Lupe
11-11
wie der Aussage des constitutive law of wettability, so ergibt sich eine
Abhängigkeit der Benetzbarkeit (deren Ausdruck der Randwinkel
θa ist) von „Natur, Dichte und Orientierung“ der Amidfunktiona-
litäten an der Polymeroberfläche. Genau diese Aspekte sollte [BS]
berücksichtigen – offensichtlich gelingt dies aber im Kontext der
Thermodynamik nur unzureichend.
Mit diesem Befund im kognitiven Gepäck bietet sich nun ein
Blick auf die Beziehungen zwischen der Festkörperoberflächen-
spannung γt (berechnet aus den verschiedenen thermodynami-
schen Modellen vO,OW,g,h,N/K) und dem Strukturmerkmal
[BS] an. Die zugehörigen Werte finden sich bereits in den Tabellen
4.2-2 bis 4.3-6. Abbildung 11.2-2 veranschaulicht die Ergebnisse
grafisch anhand der Modelle OW, h, vO und N.
Abb. 11.2-2 Zusammenhang zwischen Oberflä-
chenspannung Mγt und gerichteter Bindungs-
stellenkonzentration [BS] für verschiedene
thermodynamische Modelle M. Dargestellt sind
a) Owens und Wendt, b) Neumann und
Kwok, c) Wu - harmonisch, d) van Oss und
Good
Drei Aspekte sind besonders augenscheinlich:
e) Alle Kurven sind deutlich nicht-linear.
f) Unabhängig vom thermodynamischen Modell teilen sich (wie
bereits für die Randwinkel beobachtet) die Meßpunkte in zwei
Serien, die den Paritätsklassen gg und gu zugeodnet werden
können. Der isolierte Punkt ( ) gehört zu PA 12, einer dritten
Paritätsklasse (g).
g) Je nach Modell kommt es zu einem exponentiellen (g, h) oder
einem asymptotischen (vO, OW, N/ K) Kurvenverlauf.
Darüber hinaus – veranschaulicht durch die geradlinigen Ver-
bindungen zwischen den γt-Werten eines Modells – beschreiben
alle Meßdaten ein Muster, wie es ähnlich bereits im Zusammen-
hang mit anderen Abschnitten der Auswertung (siehe Kapitel
10.1 c und Kapitel 11.1 c) zu beobachten war.
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
a)
gg
gu
OWγt [mN/m]
[BS]
b)
gu
gg
γc [mN/m]
[BS]
c)
gg
gu
hγt [mN/m]
[BS]
d)
gg
gu
vOγt [mN/m]
[BS]
11 Skalierungsmodell und
thermodynamische Adhäsion
11-12
Ergänzend muß zu Abb. 11.2-2 bemerkt werden, daß der ange-
nommene Kurvenverlauf (rote Linien) im Bereich um PA 6.10
weit weniger willkürlich ist, als es dem Leser zunächst scheinen
mag. Eine Analyse der Randwinkeldaten und ein Vergleich mit den
Ergebnissen älterer Messungen hat ergeben, daß es bei der Bestim-
mung des Randwinkels für PA 6.10 gegenüber Diiodmethan
(DIM) offensichtlich zu einem Fehler gekommen ist. Den früheren
Meßergebnissen (mit ingesamt kleineren Randwinkeln – siehe
Abb. 11.2-3) ist zu entnehmen, daß der Zusammenhang θa([BS])
auch für DIM einem Kurvenverlauf analog zu Abb. 11.2-1 folgt.
Aus Abb. 11.2-3 geht hervor, daß der Meßpunkt für PA 6.10 ge-
genüber DIM deutlich zu hoch liegt. Dieser Fehler hat dramatische
Auswirkungen auf die weitere Auswertung, begründet durch die
Tatsache, daß DIM das mit Abstand unpolarste Lösemittel aus der
Reihe der hier verwendeten Testflüssigkeiten ist. Wie in Kapitel
3.1 ausführlich beschrieben, liegt auch der Bestimmung der Ober-
flächenspannung(skomponenten) eine lineare Kurvenanpassung
zu Grunde. Der Meßpunkt θa(DIM) erhält in einer solchen Aus-
wertung ein starkes Gewicht aufgrund der exponierten Eigenschaft
des Lösemittels. Es ist daher leicht einzusehen, daß die Lage dieses
Punktes das Berechnungsergebnis überdurchschnittlich zu bestim-
men vermag. Im nachfolgenden Abschnitt werden die Auswirkun-
gen am Beispiel der thermodynamischen Adhäsionsarbeit nach
Wu, gWa und hWa, aufgezeigt.
Abb. 11.2-3 Vergleich zwischen einer älteren
und der aktuellen Meßreihe des Randwinkels
gegenüber Diiodmethan (DIM). Man beachte
insbesondere die Lage des Punktes für PA 6.10
11.2 c Thermodynamische Adhäsionsarbeit und Strukturmerkmal
In den Abbildungen 11.2-4 und 11.2-5 sind am Beispiel der
Modelle M=g, h, N und K die berechneten Werte für die thermo-
dynamische Adhäsionsarbeit MWa als Funktion von [BS] aufgetra-
gen. Erwartungsgemäß wird die Gestalt der Kurven von den
Oberflächenspannungswerten der Polyamide geprägt. Auch hier
führen die Paritätsklassen der AABB-Polyamide zu einer Aufspal-
0,00 0,05 0,10 0,15
36
38
40
42
44
46
48
50
52
54
56
58
PE PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
θa / °
[BS]
aktuelle Messung gegen DIM
ältere Messung gegen DIM
11.2 Die Benetzungsmessungen
unter der Lupe
11-13
tung der Meßserien. Tabelle 11.2-1 gibt einen Überblick über die
zu beobachtende Gestalt der Kurven.
Tab. 11.2-1 Gegenüberstellung von Adhäsions-
modell M und Kurvenverlauf MWa([BS])
Abb. 11.2-4 Abhängigkeit der thermodynami-
schen Adhäsionsarbeit von der gerichteten Bin-
dungsstellenskonzentration, geordnet nach
Modellen: a) Wu (harmonisch) und MVS-x-C-
U, b) Wu (harmonisch) und MVS-x-C-L, c)
Wu (geometrisch) und MVS-x-C-U, d) Wu
(geometrisch) und MVS-x-C-L
Aus Tab. 11.2-1 gut zu ersehen ist die systematische Überein-
stimmung von Kurvengestalt und antagonistischer Sichtweise des
jeweiligen thermodynamischen Modells. Während die Modelle des
Separationsansatzes einen (quasi unlimitierten) Zuwachs adhäsiver
Stärke vorhersagen (exponentieller Kurvenverlauf), nähern sich die
Faserkomponente
im MVS
Modell MKurvenverlauf
C-U vOa exponentiell
C-U vOt exponentiell
C-L vOa exponentiell
C-U vOt exponentiell
C-U OW unbestimmt
C-L OW exponentiell
C-U hexponentiell
C-L hexponentiell
C-U gexponentiell
C-L gexponentiell
C-U Kasymptotisch
C-L Kasymptotisch
C-U Nasymptotisch
C-L Nasymptotisch
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0
64
66
68
70
72
74
76
78
80
82
84
86
88
90
92
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0
64
66
68
70
72
74
76
78
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0
76
78
80
82
84
86
88
90
92
94
96
98
100
102
MVS-x-C-U
a)
hWa [mN/m]
[BS]
MVS-x-C-L
b)
gWa [mN/m]
[BS]
MVS-x-C-U
c)
gWa [mN/m]
[BS]
MVS-x-C-L
d)
hWa [mN/m]
[BS]
11 Skalierungsmodell und
thermodynamische Adhäsion
11-14
Prognosen der EOS-Modelle einem Maximum (asymptotischer
Kurvenverlauf). Es ist anzunehmen, daß dieses Maximum an der
Obergrenze des Skalierungsmodells (d.h. [BS]=0,5) erreicht wird.
Entsprechend gegensätzlich verhalten sich die Modellprognosen in
Bezug auf den Meßwert für PE.
Die durchgehend gestrichelten Geraden in den Abbildungen
11.2-4 und 11.2-5 markieren der Verlauf derjenigen linearen
Funktionen, die in Kapitel 11.1 a bei der Bestimmung der Kompa-
tibilitätsfaktoren Mc durch die Kurvenanpassung ermittelt wurden.
Abb. 11.2-5 Abhängigkeit der thermodynami-
schen Adhäsionsarbeit von der gerichteten Bin-
dungsstellenskonzentration, geordnet nach
Modellen: a) Neumann und MVS-x-C-U, b)
Neumann und MVS-x-C-L, c) Kwok und
MVS-x-C-U, d) Kwok und MVS-x-C-L
In Kapitel 11.2 b wurde bereits auf Probleme im Zusammen-
hang mit dem Meßpunkt PA 6.10 hingewiesen. Abbildung 11.2-6
demonstriert sehr eindrucksvoll am Beispiel der Ergebnisse des
Modell M=g, welche Auswirkung eine Korrektur des Randwinkel-
wertes von PA 6.10 gegen DIM hat: Dargestellt sind Korrekturen
für die beiden Verbundserien MVS-x-C-U und MVS-x-C-L. Die
Berechnung der neuen Werte für die thermodynamische Adhäsi-
onsarbeit gWa(PA 6.10) erfolgte auf Grundlage einer Abschätzung
des „richtigen“, d.h. zu erwartenden Randwinkels.
Tab. 11.2-2 Auswirkung der Randwinkel-
korrektur für PA 6.10 gegen DIM auf gγx, hγx,
gWa und hWa
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0
78
80
82
84
86
88
90
92
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0
72
74
76
78
80
82
84
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0
72
74
76
78
80
82
84
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0
74
76
78
80
82
84
86
88
90
92
b)
MVS-x-C-L
NWa [mN/m]
[BS]
c)
MVS-x-C-U
KWa [mN/m]
[BS]
a)
MVS-x-C-U
NWa [mN/m]
[BS]
d)
MVS-x-C-L
KWa [mN/m]
[BS]
Modell MM
γ
d /
mN/m
M
γ
p /
mN/m
M
γ
t /
mN/m
MXpMWa (C-U) /
mN/m
MWa (C-L) /
mN/m
g 25,8 10,0 35,8 0,28 69.2 79.1
h 26,0 14,5 40,5 0,36 77.3 90.2
11.2 Die Benetzungsmessungen
unter der Lupe
11-15
Als Schätzung wurde θa(DIM)=49,5° gewählt (vgl. Abb. 11.2-
3). Die Berechnung erfolgt analog zu den in Tab. 4.3-3 und Tab.
4.4-1 aufgeführten Werten mit Hilfe des Programms im Anhang
(Kapitel 15.2 a und 15.2 b). Tabelle 11.2-2 enthält die korrigierten
Werte für gWa(PA 6.10). Abbildung 11.2-6 veranschaulicht das Er-
gebnis grafisch. Die blauen Pfeile weisen auf den zu PA 6.10 gehö-
renden Punkt hin. Deutlich zeigt sich, daß die Korrektur des
Randwinkels zu einer Integration des Meßpunktes bzw. abgeleite-
ter Meßgrößen (z.B. gWa) in den generellen Trend der Meßdaten
führt. Die Korrektur unterstützt somit den Befund eines AABB-pa-
ritätenseparierten nicht-linearen Kurvenverlaufs für alle
MWa([BS]).
Abb. 11.2-6 Auswirkung der Randwinkelkor-
rektur für PA 6.10 gegen DIM auf den Kurven-
verlauf der thermodynamischen
Adhäsionsarbeit am Beispiel des Modells M=g.
Erklärung siehe Text.
Interessant ist die unterschiedlich starke Auswirkung der Kor-
rektur innerhalb der homologen Verbundserien: In Bezug auf die
Charakterisierung von PA 6.10 bewirkt die Korrektur eine Absen-
kung der Polarität Xp(für M=g von Xp=0,37 auf Xp=0.28, siehe auch
Tab. 4.3-3). Dadurch wird die prognostizierte adhäsive Wechsel-
wirkung mit der unmodifizierten Faser C-U gestärkt (Anstieg von
gWa(PA 6.10) = 65,1 mN/m auf gWa(PA 6.10) = 69.1 mN/m).
Demgegenüber sinkt die Prognose etwas für die modifizierte Faser
C-L.
Wie sich leicht überprüfen läßt, sind die Auswirkungen der
PA 6.10-Randwinkelkorrektur für das Modell M=h vollkommen
analog. Es ist davon auszugehen, daß alle thermodynamischen Mo-
delle M in ähnlicher Weise reagieren.
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0
62
64
66
68
70
72
74
76
78
80
82
84
86
88
90
92
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0
62
64
66
68
70
72
74
76
78
80
82
84
86
88
90
92
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
MVS-x-C-L
c)
gWa [mN/m]
[BS]
MVS-x-C-L
d)
gWa [mN/m]
[BS]
MVS-x-C-U
a)
gWa [mN/m]
[BS]
MVS-x-C-U
b)
gWa [mN/m]
[BS]
11 Skalierungsmodell und
thermodynamische Adhäsion
11-16
11.3 Kampf der Modelle
Der neben der Paritätsklassenseparation wohl auffälligste Be-
fund ist die Tatsache, daß Separationsansatz und EOS unterschied-
liche Trends für MWa([BS]) prognostizieren (vgl. auch
Abbildungen 11.2-4. und 11.2-5 sowie Tab. 11.2-1). Während die
EOS-Modelle – ausgehend von einem PE-basierten Verbund –
eine asymptotische Annäherung an einen Wert „maximaler“ ther-
modynamischer Adhäsionsarbeit vorhersagen, beschreiben die Mo-
delle des Separationsansatzes – ausgehend von einem PA 1- bzw.
PA 0.2-basierten Verbund – eine asymptotische Annäherung an ei-
nen (PE zuzuordnenden) Wert „minimaler“ thermodynamischer
Adhäsionsarbeit. In diesem Sinne verhalten sich die beiden Mo-
dellklassen wahrhaft antagonistisch.
Wie bereits in Kapitel 5.4 e ausführlich diskutiert, implizieren
Skalierungsmodelle auf Grundlage von [CONH] und [BS] einen
gap (d.h. eine Unstetigkeitsstelle) zwischen den Elementen der ho-
mologen Reihe aliphatischer Polyamide und Polyethylen (vgl. auch
Abb. 5.4-4). Die Annäherung an die Eigenschaften von Polyethy-
len ist zwar möglich, ein direkter Übergang von Polyamiden zu Po-
lyethylen gelingt jedoch weder mathematisch noch philosophisch.
Für ein reales System geschieht die Überschreitung dieses gaps de-
finitionsartig bei einer kritischen Amidgruppenkonzentration
[CONH], die einen Abstand zwischen zwei benachbarten Amid-
gruppen in der Polymerkette bedingt, der die durchschnittliche
Kettenlänge der Polyamide überschreitet.
Im Kontext dieser Betrachtung erscheint der von den Modellen
des Separationsansatzes prognostizierte Kurvenverlauf plausibel.
Die Adhäsionsvorhersagen der EOS-Modelle folgen dagegen ei-
nem Trend, der sich weder interpretieren noch rechtfertigen läßt.
Abb. 11.3-1 Kurvenanpassung einer Funktion
vom Typ Gl. (11.3-1) an die gg-Polyamide der
Verbundserie MVS-xx-CL und das Modell des
geometrischen Mittels nach Wu. Der Parameter
a wurde in einem ersten Optimierungsschritt
bestimmt; für die eigentliche Kurvenanpassung
wurde a als constraint (also als unveränderlicher
Parameter) behandelt.
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
64
66
68
70
72
74
76
78
80
82
PE
PA 12.10
PA 10.10
PA 6.10
gWa(C-L)
1.74^(78.98*x+0.71)+63.92
R2 = 0.99987
gWa [mN/m]
[BS]
11.4 Schlußfolgerungen
11-17
Der exponentielle Kurvenverlauf kann in erster Näherung gut
mit einer empirisch gefundenen Funktion des Typs
(11.3-1)
mit den Parametern a, b, c und h0 beschrieben werden. Abbil-
dung 11.3-1 demonstriert dies am Beispiel der gg-Polyamide aus
der Verbundserie MVS-xx-C-L und das Modell M=g. Im Rahmen
dieser Arbeit war es leider nicht möglich, eine physikalisch sinnvol-
le Interpretation für die Funktionsparameter zu finden.
11.4 Schlußfolgerungen
XDer Zusammenhang zwischen der gerichteten Bindungsstellen-
konzentration [BS] und der thermodynamischen Adhäsionsar-
beit MWa ist systematisch aber nicht-linear.
XDer Versuch, den strukturgebenden Einfluß der Paritätsklassen
aliphatischer Polyamide (siehe Kapitel 5.1 b) im Strukturmerk-
mal [BS] zu kapseln (d.h. intrinsisch zu verankern) ist in Bezug
auf die thermodynamische Interpretation von Adhäsion (MWa)
nicht gelungen. Aliphatische Polyamide einundderselben Pari-
tätsklasse bilden im Funktionsverlauf MWa([BS]) eigenständige
Serien von Meßpunkten aus. Dieses Separationsverhalten kann
bereits für Kontaktwinkel θa und Festkörper-Oberflächenspan-
nungen MγS beobachtet werden.
XDas Skalierungsmodell auf Grundlage des Strukturmerkmals
[BS] ist ungeeignet, die Morphologie/Konstitution polyamidi-
scher Festkörperoberflächen linear auf die Ergebnisse der
Benetzungsergebnisse abzubilden. Die Parameter der nicht-
linearen empirischen Fitfunktion können nicht physikalisch
sinnvoll interpretiert werden
XDiejenigen Evaluierungsfaktoren (siehe Kapitel 7.1), die von
einem linearen Zusammenhang MWa([BS]) ausgehen, können
und dürfen für die Auswertung nicht herangezogen werden.
XDie Qualität der Kontaktwinkelmessungen hat drastische Aus-
wirkungen auf den Kurvenverlauf MWa([BS]). Je exponierte die
Stellung des Benetzungsmittels in der Reihe der Testflüssigkei-
ten ist, desto deutlicher machen sich Meßfehler bemerkbar.
XDie dem Separationsansatz und dem EOS-Konzept folgenden
Modelle (siehe Kapitel 3.1) zur Bestimmung der Festkörper-
oberflächenspannung MγS führen zu einem gegensätzlichen
Grenzwertverhalten des Zusammenhangs MWa([BS]). Die Pro-
gnosen der Modelle des Separationsansatzes (Wu, Owens und
Wendt sowie van Oss) stimmen mit dem gemessenen System-
verhalten überein (asymptotische Annäherung an einen Grenz-
wert für Wa(Pa 1) bzw. τ(PA 1)). Der durch die EOS-Modelle
(Neumann und Kwok) prognostizierte Verlauf (exponentielles
Ansteigen von Wa für [BS]J0,5) läßt sich nicht sinnvoll inter-
pretieren.
hx() abxc+()
h0
+=
11 Skalierungsmodell und
thermodynamische Adhäsion
11-18
11.5 Literatur
189. Shafrin, E.G., Zisman, W.A., J.Phys.Chem., 64 (1960) 519
190. Fort jr., T., Advances in Chemistry Series 43 (1964) 302
12-1
12 Thermodynamik vs. Mikromechanik
(1) Auswahl und Berechnung der Modellkor-
relationsfaktoren
(2) Die Details der Gegenüberstellung
12 Thermodynamik vs.
Mikromechanik
12-2
Einleitung
Wie bereits an mehreren Stellen betont, übernehmen Benetzungs-
messungen im Rahmen dieser Arbeit die Rolle einer komparativen
Methode. Ziel ist es, Korrelationen zwischen praktisch meßbaren
Haftungseigenschaften und thermodynamischen Charakteristika
der Einzelkomponenten aufzudecken und diese dann im Um-
kehrschluß auf ihre Brauchbarkeit im Zusammenhang mit Haf-
tungsvorhersagen zu untersuchen. Nachdem in den beiden
vorangegangenen Kapiteln 10 und 11 die Ergebnisse aus thermo-
dynamischen Benetzungsmessungen und mikromechanischen
Verbundtests diskutiert wurden, beschäftigt sich dieses Kapitel mit
einer Gegenüberstellung beider Verfahren.
12.1 Die Basis der Gegenüberstellung
In Kapitel 11.1 konnte gezeigt werden, daß MWa([BS]) nicht
durch eine lineare Funktion (siehe Linearitätsannahme in
Kapitel 6.8) ausgedrückt werden kann. Als unmittelbare Folge die-
ser Erkenntnis verbieten sich alle vergleichenden Betrachtungen
von Kompatibilitätsfaktoren und anderen in Kapitel 6 definierten
Charakteristika, die mathematisch auf den Kompatibilitätsfakto-
ren basieren.
Legitim ist jedoch die Anwendung des Modellkorrelationsfak-
tors Mφf , denn die Rechenvorschrift (siehe Gl. (7.2-2)) bedient sich
ausschließlich authentischer Modell-Ausgangsgrößen und trifft
darüber hinaus keine weiteren Annahmen zu Serieneigenschaften
(z.B. Linearität der gesamten homologen Verbundserie). Tabelle
12.1-1 enthält die berechneten Werte, Abbildung 12.1-1 veran-
schaulicht das Ergebnis grafisch.
Tab. 12.1-1 Modellkorrelationsfaktoren Mφf
für die verschiedenen Modelle M in
Abhängigkeit von der gerichteten
Bindungsstellenkonzentration.
Dargestellt sind die Werte des Modellkorrelationsfaktors Mφf in
Abhängigkeit von der gerichteten Bindungsstellenkonzentration
[BS] für ein mikromechanisches und sieben thermodynamische
Modelle M. Diejenigen Werte, die zu einem gemeinsamen M ge-
hören, sind in Serien zusammengefaßt, mit gleichen Symbolen ge-
kennzeichnet und durch gerade Linien miteinander verbunden.
Auf eine solche Gruppe von Daten wird im weiteren unter Ver-
wendung des Begriffs Serie Bezug genommen. Die einem einzelnen
Wert von [BS] zugehörigen unterschiedlichen Mφf werden zusam-
mengefaßt als Satz bezeichnet. Die in Abb. 12.1-1 dargestellten
Polymer vOa vOt OW h g N K
τ
PE 1,23 1,16 0,94 1,06 0,95 1,04 1,07 1,00
PA 12.10 0,90 0,82 0,68 0,80 0,76 0,75 0,77 1,00
PA 12.9 0,70 0,61 0,58 0,64 0,62 0,60 0,61 1,00
PA 10.10 0,88 0,78 0,72 0,81 0,77 0,76 0,77 1,00
PA 6.10 0,80 0,74 0,63 0,70 0,72 0,61 0,63 1,00
PA 6.9 1,23 1,13 1,07 1,10 1,10 0,97 0,98 1,00
12.1 Die Basis der
Gegenüberstellung
12-3
Sätze umfassen jeweils sieben Punkte aus sieben thermodynami-
schen Modellen M. Die Werte des Modellfaktors τφf werden als
Referenz betrachtet. Alle zugehörigen Punkte liegen auf einer Ge-
raden τφf =1.
I
Abb. 12.1-1 Gegenüberstellung der Serien von
Modellkorrelationsfaktoren für unterschiedliche
thermodynamische Adhäsionsmodelle M.
Abb. 12.1-1 macht zwei interessante Aspekte sichtbar:
a) Die Spreizung der Punkte pro Datensatz scheint nahezu unab-
hängig von [BS] zu sein. Die [BS]-abhängige Verschiebung der
Datensätze entlang der Ordinate geht daher stets auch mit
einer Verschiebung der Spreizungsgrenzen einher.
b) Die Reihenfolge der Punkte eines Datensatzes verändert sich
nicht signifikant in Abhängigkeit von [BS]. Es scheint, als ob
die jeweiligen Serien durch eine Parallelverschiebung entlang
der Ordinate ineinander überführt werden können.
Jeder Datensatz läßt sich daher auf einen Schwerpunkt abstra-
hieren. Jeder dieser Schwerpunkte charakterisiert die mittlere Lage
der zu einem [BS] gehörenden thermodynamischen Adhäsionspro-
gnosen. Der Schwerpunkt wird aus dem arithmetischen Mittelwert
der jeweiligen Spreizungsgrenzen gebildet. Abbildung 12.1-2 ver-
anschaulicht das Ergebnis grafisch.
Da es leider nicht möglich war, für den Zusammenhang
MWa([BS]) einen analytischen Zusammenhang zu finden, dessen
Parameter physikalisch sinnvoll interpretiert werden können, muß
die Betrachtung der Modellkorrelationsfaktoren phänomenolo-
gisch erfolgen. Unter Hinweis auf Kapitel 7.2 b und Gl. (7.2-2)
soll daher noch einmal an die Bedeutung von Mφferinnert werden:
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0,0
0,5
0,6
0,7
0,8
0,9
1,0
1,1
1,2
1,3
PE
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
Referenzmethode τ
vOa
vOt
K
N
Modell-Korrelationsfaktor M
φ
f ([BS])
[BS]
OW
h
g
12 Thermodynamik vs.
Mikromechanik
12-4
a) Jeder Modellkorrelationsfaktor Mφf ist quantitativer Ausdruck
der Übereinstimmung zwischen thermodynamisch basierter
Adhäsionsprognose und mikromechanisch gemessener Adhäsion.
Für ein gegebenes [BS] werden prognostizierter und gemessener
Wert der durch Faserwechsel induzierten Adhäsionsverände-
rung ins Verhältnis gesetzt.
b) Die Auftragung Mφf([BS]) ermöglicht eine Bewertung der
Einschätzung einer [BS]-induzierten Adhäsionsveränderung
durch die thermodynamischen Modelle im Vergleich zum rea-
len, praktisch meßbaren Effekt.
Abb. 12.1-2 Abstraktion der Modellkorrelati-
onsfaktoren aller Thermodynamischen Modelle
pro [BS] auf Schwerpunkte. Jeder dieser
Schwerpunkte charakterisiert die mittlere Lage
der zu einem [BS] gehörenden thermodynami-
schen Adhäsionsprognosen. Der Schwerpunkt
wird aus dem arithmetischen Mittelwert der je-
weiligen Spreizungsgrenzen gebildet.
Entsprechend der zugrundeliegenden Rechenvorschrift ist fol-
gende Interpretation der Werte vorzunehmen:
Wenn Mφf<1, dann liegen die thermodynamischen Adhäsions-
prognosen unterhalb der praktisch gemessenen Werte. Gilt dage-
gen Mφf>1, so liegen die thermodynamischen Prognosen oberhalb
der praktisch gemessenen Werte. Für Mφf=1 folgt ideale Überein-
stimmung zwischen thermodynamischer Adhäsionsprognose und
praktisch gemessener Adhäsion.
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0,0
0,5
0,6
0,7
0,8
0,9
1,0
1,1
1,2
1,3
PE
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
Referenzmethode τ
max( M
φ
f )
(max( M
φ
f )-min( M
φ
f ))/2
arithmetischer Mittelwert von M
φ
f
min( M
φ
f )
Modell-Korrelationsfaktor M
φ
f ([BS])
[BS]
12.2 Die Details der
Gegenüberstellung
12-5
12.2 Die Details der Gegenüberstellung
12.2 a Die Modellkorrelationsfaktoren Mφf
Die nachfolgenden Aussagen beziehen sich ausschließlich auf
die Schwerpunkte der Datensätze:
Mφf(PE) und Mφf(PA 6.9) liegen knapp oberhalb von 1. Alle
anderen Werte liegen deutlich unterhalb von 1. Aus den Betrach-
tungen in Kapitel 10.1 a folgt jedoch, daß die Lage der Punkte
Mφf(PA 6.9) eine Folge der Probleme bei der Durchführung des
SFF-Experiments ist. Die konkrete Ursache liegt in einem viel zu
kleinen Meßwert τ für das Modellverbundsystem MVS-6.9-C-L.
Dadurch rückt der meßbare, durch Faserwechsel induzierte Adhä-
sionszuwachs in die Größenordnung der thermodynamischen Pro-
gnosen. Ohne weitere Tests muß die Lage der Punkte Mφf(PA 6.9)
daher als Artefakt betrachtet werden.
Die Lage der Punkte Mφf(PE) erscheint dagegen mehr als plau-
sibel. Sowohl Mikromechanik als auch Thermodynamik liefern für
PE-haltige Modellverbundsysteme die kleinsten Meßwerte. Ob-
wohl speziell durch die thermodynamischen Modelle kleinere Un-
terschiede für die homologen Verbundserien MVS-x-C-L und
MVS-x-C-U prognostiziert werden, darf man nicht verkennen,
daß die Bandbreite dieser Abweichungen im Fehlerbereich jedes
einzelnen Wertes liegt. Um so erstaunlicher ist die Tatsache, daß
die Punkte Mφf(PE) so nah bei 1 liegen. Generell wird Polyethylen
sowohl von der Thermodynamik als auch von der Mikromechanik
als Bezugssystem für die sukzessive Einführung der polaren Wech-
selwirkungszentren innerhalb der homologen Reihe der aliphati-
schen Polyamide bestätigt. Adhäsionsprognose und
Adhäsionsmessung stimmen für PE-haltige Verbundsysteme gut
überein.
Die Position aller anderen Punkte Mφf(PA 12.9), Mφf(PA
12.10), Mφf(PA 10.10) und Mφf(PA 6.10) zeigt dagegen eine
deutliche Unterschätzung der faserwechsel-induzierten Adhäsions-
zunahme durch die thermodynamischen Modelle an.
12.2 b Die Beziehung Mφf ([BS])
Die auffällige Konstellation der Punkte Mφf(PA 12.9),
Mφf(PA 12.10) und Mφf(PA 10.10) impliziert die These, auch die
Modellkorrelationsfaktoren seien von den Paritäten der Polyamide
geprägt. Angesichts der zugrundeliegenden Rechenvorschrift ist
dieser Befund nicht überraschend – die Gestalt der Abhängigkeit
Mφf ([BS]) wird in erster Linie durch die Gestalt der Abhängigkeit
MWa ([BS]) geprägt. Die wichtigste Erkenntnis ist jedoch, daß sich
die Werte Mφf mit steigendem [BS] immer weiter von 1 entfernen,
d.h. die Abweichungen zwischen Adhäsionsprognose und gemesse-
ner Adhäsion nimmt mit steigender Amidgruppenkonzentration
(bzw. [BS]) zu.
12 Thermodynamik vs.
Mikromechanik
12-6
12.3 Schlußfolgerungen
XDie thermodynamisch basierten Prognosen für einen durch
Faser- oder Matrixwechsel induzierten Adhäsionszuwachs bei
CFRPA liegen generell unterhalb des praktisch gemessenen
Adhäsionsgewinns.
XDaraus folgt: Die praktisch relevanten Wechselwirkungsme-
chanismen werden in den thermodynamischen Adhäsionsmo-
dellen entweder quantitativ unzureichend oder qualitativ
unvollständig wiedergegeben. Eine mögliche Interpretation
dieses Befundes – gestützt durch die experimentellen Ergeb-
nisse des Modellexperiments mit N-Methyl-Acetamid (siehe
Kapitel 2.3 e) – ist, daß die Wechselwirkungsmechanismen in
CFRPA zu einem wesentlichen Teil durch chemische Kräfte
(siehe Kapitel 1.8) bestimmt werden. Dadurch kommt es wäh-
rend der Verbundherstellung zu irreversiblen Prozessen (ver-
mutlich chemische Bindungen und spezifisch agierende
Wasserstoffbrückenbindungen), die nur ungenügend durch die
thermodynamischen Modelle (thermodynamische Adhäsions-
theorie, siehe Kapitel 3.1) abgebildet werden können.
13-1
13 Elektrokinetik vs. Mikromechanik
(1) Chancen – Widersprüche – Zweifel –
Die Anwendung des Zwitterionenmodells
(2) Ja, was messen Sie denn...? – Zetapotential-
messungen als komparative Meßmethode
(3) Ein neuer alter Befund – Bewertung des
empirischen Adhäsionsmodells nach Hässler/
Jacobasch
13 Elektrokinetik vs.
Mikromechanik
13-2
Einleitung
Wie bereits an mehreren Stellen betont wurde, soll geprüft werden
inwieweit Zetapotentialmessungen die Rolle einer komparativen
Methode übernehmen können, deren Einsatzziel es ist, Korrelatio-
nen zwischen praktisch meßbaren Haftungseigenschaften und
elektrokinetischen Charakteristika der Einzelkomponenten aufzu-
decken und diese dann im Umkehrschluß auf ihre Brauchbarkeit
im Zusammenhang mit Haftungsvorhersagen zu untersuchen.
13.1 Anwendung des Zwitterionenmodells
13.1 a Datenerhebung
Die phänomenologische Interpretation der Ergebnisse der
ZpSM-Messungen an den Verbundkomponenten wurde bereits in
den Kapiteln 4.2 c und 4.3 b vorgenommen. An dieser Stelle er-
folgt ergänzend die Anwendung des Zwitterionenmodells für Poly-
amide (siehe Kapitel 8.2).
Zu diesem Zweck wird zunächst analysiert, welche Informatio-
nen direkt oder indirekt aus den pH-abhängigen Zetapotentialkur-
ven gewonnen werden können:
1. Experimentell zugänglich sind die in Abb. 8.3-5 ausgewiesenen
Punkte (II) und (VI). Während der isoelektrische Punkt (VI)
direkt ablesbar ist, muß der Wendepunkt der sigmoidalen
Kurve (II) mit Hilfe numerischer Differentiation bestimmt
werden.
2. Obwohl der Punkt (III) nicht bzw. nur mit großer Unsicherheit
zugänglich ist, kann eine Abschätzung des basischen ζPlateau-
Wertes vorgenommen werden. Diese Daten sind bereits
Bestandteil von Tab. 4.3-7.
3. Eine Abschätzung der sauren ζPlateau-Werte gelingt nur mit
Hilfe einer Kurvenanpassung (sigmoidale Standardfunktion des
Softwarepaketes Microcal Origin 6.0). Eine auf diesen Werten
aufbauende Dateninterpretation ist allerdings nicht verläßlich.
Tab. 13.1-1 Für die Auswertung mit Hilfe des
Zwitterionenmodells erforderliche elektrokine-
tische Daten
4. Aus pH(II) ergibt sich unmittelbar pK (vgl. Gl.(8.3-5)). Aus
σ0(II) und σ0(III) können Ns+ und Ns berechnet werden (vgl.
Gleichungen (8.3-11) und (8.3-12)). Die Werte der Oberflä-
chenladung σ0 an den ausgewiesenen Punkten (II) und (III)
Polymer pI pH(II) ζ(II) /
mV
ζ(III) /
mV
PE 3,2 3,25 -0,716 -24,86
PA 12.10 4,1 4,10 -1,202 -20,07
PA 12.9 4,0 4,20 -2,900 -20,67
PA 10.10 3,7 3,80 -2,508 -23,78
PA 6.10 4,0 4,15 -7,500 -24,43
PA 6.9 3,7 4,03 -0,420 -18,78
13.1 Anwendung des
Zwitterionenmodells
13-3
lassen sich mit Hilfe der Gouy-Chapman-Beziehung (siehe
Gleichungen (8.3-16)-(8.3-18)) bestimmen. Einsetzen von pI,
Ns+, Ns und K in Gl.(8.3-14) bzw. Gl.(8.3-15) und Auflösen
der Beziehung nach K+ ermöglicht die Berechnung von pK+.
Tab. 13.1-2 Oberflächenladung, Dichte der
Oberflächenfunktionalitäten und deren pK-
Werte, berechnet für das Zwitterionenmodell.
Die Tabellen 13.1-1 und 13.1-2 fassen die Ergebnisse zusam-
men. Die Analyse dieser Daten wirft eine Reihe ernster Probleme
auf, die im nachfolgenden Abschnitt 13.1 b diskutiert werden.
13.1 b Interpretation der Zwitterionencharakteristik
Saure oder basische Oberflächencharakteristik?
Die Feststellung, daß sich auf den polyamidischen Oberflächen
überwiegend saure Funktionalitäten befinden, steht im Wider-
spruch zu den Herstellerangaben (EMS Chemie AG/Donath): Ta-
belle 2.3-2 listet die Ergebnisse der beim Hersteller zum Zwecke
der Molmassenbestimmung durchgeführten Endgruppentitration
auf. Aus den Säure/Base-Mikroäquivalenten ES und EA ist abzule-
sen, daß die terminalen Gruppen überwiegend aminischer – also
basischer – Natur sind. Auf der anderen Seite weist der Verlauf der
Zetapotentialkurve bereits phänomenologisch auf eine saure Ober-
flächencharakteristik hin. Quantitativ bestätigt wird dieser Befund
durch die berechneten Dichtewerte für die sauren und basischen
Oberflächenfunktionalitäten Ns+ und Ns.
Eine naheliegende Erklärung ist, daß es bei der Übermittlung
der Herstellerdaten zu einer Verwechslung gekommen ist. Dafür
spricht auch der Befund aus den Benetzungsmessungen: Die Inter-
pretation von Randwinkeldaten nach dem Verfahren von van Oss/
Good (siehe Kapitel 3.1 f) führt zu einem Säure/Base-Oberflä-
chenspannungsanteil γAB, der weiter in einen Säureanteil γ- und ei-
nen Baseanteil γ+ zerlegt werden kann. Die berechneten Werte sind
bereits Bestandteil von Tab. 4.3-5. Eindeutig ist hier die Lewis-ba-
sische Oberflächencharakteristik zu erkennen. Abbildung 13.1-1
zeigt jedoch, daß Benetzungs- und Titrationsdaten (Herstelleran-
gaben) nicht miteinander korrelieren – selbst unter der Annahme,
es wäre zu einer Datenverwechslung gekommen. Natürlich muß
man sich dabei bewußt machen, daß der Separationsansatz nach
van Oss/Good das Lewis-Säure/Base-Modell verwendet, wäh-
rend Endgruppentitration und ζ(pH)-Messung auf dem Broen-
stedtschen Säure/Base-Konzept aufbauen.
Polymer σ0(II) /
C/m²
σ0(III) /
C/m²
Ns/
1/m²
Ns+
1/m²
pKpK+
PE 5,3 E-05 0,0019 2,44 E+16 1,25 E+16 3,25 4,7
PA 12.10 8,8 E-05 0,0015 2,00 E+16 1,06 E+16 4,1 5,3
PA 12.9 2,1 E-04 0,0016 2,22 E+16 1,24 E+16 4,2 4,4
PA 10.10 1,9 E-04 0,0018 2,50 E+16 1,36 E+16 3,8 4,3
PA 6.10 5,5 E-04 0,0019 3,02 E+16 1,86 E+16 4,15 3,6
PA 6.9 3,1 E-05 0,0014 1,8 E+16 9,21 E+15 4,03 5,2
13 Elektrokinetik vs.
Mikromechanik
13-4
Aussagekräftiger ist Abb. 13.1-2-a): Hier werden das Verhältnis
(13.1-1),
und der Quotient EA/ES gegenübergestellt. Die Anzahl der
Punkte (4) ist leider durch die Verfügbarkeit der Herstellerangaben
beschränkt.
Abb. 13.1-1 Gegenüberstellung thermodynami-
scher (van Oss/Good) und titrimetrischer Er-
gebnisse zur Bestimmung der Acidität der
Polyamide
Zwischen beiden Vergleichsgrößen ist eine deutliche Linearität
für die gg-Polyamide (PA 6.10, PA 10.10 und PA 12.10) zu erken-
nen. Das gu-Polyamid PA 12.9 liegt nicht auf der Geraden. Unab-
hängig von dieser Abweichung unterstützt der Anstieg der
Funktion die These der Datenverwechslung. Abbildung 13.1-2-b)
zeigt im Gegentest die Korrelation zwischen dem zu Gl.(13.1-1)
inversen Verhältnis, , und ES/EA.
Falscher pK+-Wert?
Aus der elektrokinetischen Modellierung von aliphatischen Po-
lyamiden (siehe Kapitel 8) sind für die sauren Endgruppen pK-
Werte um 4 und für die basischen Endgruppen pK-Werte um 9 zu
erwarten. Dementsprechend überraschend ist das Ergebnis für
pK+. Die berechneten Werte sind deutlich zu klein (um pK+=5),
um aminischen Endgruppen zugeordnet zu werden. Natürlich
muß man sich bewußt machen, daß die Berechnung von pK+ auf
der Grundlage eines Schätzwertes für den basischen ζPlateau-Wert
erfolgt (vgl. vorheriges Kapitel 13.1 a). Auf der anderen Seite sind
die dabei auftretenden Abweichungen (etwa ±0,5 mV) nicht dazu
geeignet, derartige Rechenfehler zu verursachen. Viel sensibler
erweist sich dagegen der Wendepunkt (II), denn kleine
Abweichungen entlang der Abszisse (pH) haben große
XNS+
NS+
NS-
---------
=
0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0
0,00
0,05
0,10
0,15
0,20
0,25
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
γ-/γ+
ES/EA
XNS-
13.1 Anwendung des
Zwitterionenmodells
13-5
Veränderungen der zugehörigen ζ(pH)-Werte zur Folge. Der
Einsatz eines numerischen Verfahrens zur Bestimmung des
Wendepunktes führt jedoch bereits zum bestmöglichen Ergebnis.
Abb. 13.1-2 Hinweis auf eine Datenverwechs-
lung? Erklärung siehe Text
Endgruppenäquivalent und Oberflächengruppendichte
Interessant ist eine Gegenüberstellung der durch den Hersteller
angegebenen molaren Gesamtanzahl an Endgruppen (Summe der
sauren ES und basischen EA Mikroäquivalente) mit der Gesamt-
dichte an Oberflächenfunktionalitäten NS=Ns++Ns. Dieser An-
satz ermöglicht einen Vergleich zwischen ZpSM-Experiment und
0123456
0,50
0,55
0,60
0,65
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
XNs-
EA/ES
a)
0123456
1,60
1,65
1,70
1,75
1,80
1,85
1,90
1,95
2,00
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
XNs+
EA/ES
b)
13 Elektrokinetik vs.
Mikromechanik
13-6
klassischer titrimetrischer Spezifikation, ohne auf die Verteilung
der Säure/Base-Anteile eingehen zu müssen. Der Korrelationsver-
such ist in Abb. 13.1-3 grafisch veranschaulicht.
Abb. 13.1-3 Endgruppentitration vs. Elektroki-
netik
Die Verteilung der Punkte gibt Anlaß zu der Vermutung, daß
beide Größen miteinander korreliert sind. Offensichtlich handelt
es sich dabei jedoch nicht um einen linearen Zusammenhang (ge-
strichelte Linie in Abb. 13.1-3). Die Interpretation dieses Befundes
sollte mit der Klärung der Frage beginnen, warum die Titrations-
experimente überhaupt zu unterschiedlichen Gesamtwerten der
Mikroäquivalente führen. Die Antwort ist klar: Aufgrund der ver-
schiedenen chemischen Konstitution der Monomereinheiten (und
somit der Kettenlängen der PWE) einerseits und unterschiedlichen
mittleren Polymerisationsgraden für die einzelnen Polyamidpro-
ben andererseits kommt es zu Variationen des Masseanteils von
Endgruppen in 1 Mol Polymer (siehe Tab. 2.3-2). Für eine Inter-
pretation von Abb. 13.1-3 ist zu berücksichtigen, daß die Größen
Ns+ und Ns einen geometrischen Bezug (Fläche) und die Größen
EA und ES einen Massenbezug haben. Die Bindeglieder zwischen
den Größen sind also die mittlere Kettenlänge in der Polyamidpro-
be (folgend aus Molmasse Mn und Polymerisationsgrad Pn) und
eine Art „Packungsdichte“ der Ketten bzw. Endgruppen an der
Oberfläche des polymeren Festkörpers. Dieser Zusammenhang
läßt sich mit Hilfe einer Modellabstraktion quantifizieren:
1. In einem ersten Schritt wird die Anzahl der Hauptkettenatome
nK für ein gegebenes Polyamid PA x.y mit einer Molmasse Mn
bzw. einem Polymerisationsgrad Pn bestimmt:
(13.1-2)
0828486889092949698100
0,0
2,5
3,0
3,5
4,0
4,5
5,0
5,5
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
NS [1016 m-2]
EA+ES [µÄq/g]
nKAS2++()
Pn
2
------nEG
+=
13.1 Anwendung des
Zwitterionenmodells
13-7
A und S entsprechen den Definitionen in Kapitel 5.3 a. nEG ist
die Anzahl der Endgruppen für das Polymer. Für die hier
betrachteten aliphatischen Polyamide gilt nEG=2.
Tab. 13.1-3 Aus den titrimetrischen Daten
des Polyamid-Herstellers berechnete
Endgruppendichte
2. In einem zweiten Schritt wird die Anzahl der Endgruppen
nEG=2 auf die berechnete Anzahl der Hauptkettenatome nK
bezogen. Dadurch erhält man die dimensionslose Endgruppen-
konzentration [EG]:
(13.1-3)
3. Wir betrachten nun ein Ensemble von mehreren polyamidi-
schen Hauptketten gleichen Typs und gleicher Länge (respek-
tive gleicher [EG]). Unter der Annahme, alle Hauptketten-
atome würden sich auf den nK2 Gitterpunkten eines zweidi-
mensionalen Gitters befinden, gelingt der Übergang zu einer
dimensionslosen Endgruppendichte ρEG, deren Zahlenwert
mit dem der Endgruppenkonzentration [EG] übereinstimmt.
Tabelle 13.1-3 enthält die berechneten Werte für ρEG.
Abb. 13.1-4 Auftragung der elektrokinetisch be-
stimmten Dichte an Oberflächenfunktionalitä-
ten NS gegen die aus titrimetrischen Daten
abgeleitete theoretische Endgruppendichte an
der Oberfläche ρEG.
Die Verwendung der Endgruppendichte ρEG anstelle der Sum-
me der titrimetrisch bestimmten Mikroäquivalente in einer Auftra-
gung analog zu Abb. 13.1-3 führt nun zu einer Gegenüberstellung
zweier flächenbezogenen Größen und berücksichtigt zudem eine
potentielle Beeinflussung der Meßergebnisse durch die Molmas-
senunterschiede der Polyamidproben. Abbildung 13.1-4 veran-
schaulicht das Ergebnis grafisch.
Polymer ρEG
PA 12.10 1,49 E-03
PA 12.9 1,34 E-03
PA 10.10 1,32 E-03
PA 6.10 1,31 E-03
EG[]
nEG
nK
---------
=
0,0 1,30 1,35 1,40 1,45 1,50
0,0
2,5
3,0
3,5
4,0
4,5
5,0
5,5
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
NS / 1016 [m-2]
ρEG / 10-3
13 Elektrokinetik vs.
Mikromechanik
13-8
Somit ist nun die folgende Interpretation möglich:
Die Beziehung zwischen beiden Größen ist deutlich nicht-line-
ar. Es kommt zu einem asymptotischen Abnahme in der Anzahl
der durch die Zetapotentialmessungen bestimmten Oberflächen-
gruppen – hin zu Polyethylen. Obwohl PA 12.10 über die höchste
Endgruppendichte ρEG verfügt, wird durch die Ergebnisse der Ze-
tapotentialmessungen die niedrigste Dichte an Oberflächenfunk-
tionen NS angezeigt. Genau gegenteilig ist die Aussage für PA 6.10:
Obwohl PA 6.10 über die geringste Endgruppendichte ρEG ver-
fügt, besitzt der polymere Festkörper laut Zetapotentialmessungen
die höchste Dichte an Oberflächenfunktionen NS. Für diesen Be-
fund bieten sich zwei mögliche Erklärungen an:
These I: Bedingt durch die kürzeren PWEs der niedrigeren Homo-
logen (z.B. PA 6.10) kommt es zu einer größeren Dichte von Wasser-
stoffbrückenbindungen, zu höheren Ordnungsgraden und letztendlich
zu größeren Packungsdichten (vgl. auch Kapitel 5.7). Diese größeren
Packungsdichten implizieren eine erhöhte Endgruppendichte ρEG an
der Oberfläche des polymeren Festkörpers.
These II: Die aus den elektrokinetischen Messungen hervorgehende
Größe NS repräsentiert nicht nur der Endgruppen der Polyamide, son-
dern auch die Amidgruppen der polymeren Hauptkette. Deren Dichte
steigt in Richtung der niedrigen Homologe (z.B. PA 6.10).
Eine bevorzugte Anordnung von Endgruppen an der Material-
oberfläche ist dagegen nicht festzustellen. Wäre dies der Fall, so
müßte man einen gegensätzlichen Kurvenverlauf für NS([EG]) be-
obachten können: Das Polyamid mit der größten Endgruppen-
dichte ρEG (in diesem Fall PA 12.10) sollte dann über den größten
Wert für die Dichte an Oberflächenfunktionalitäten NS verfügen.
Diese Aussage schließt natürlich den generellen Effekt einer bevor-
zugten Anordnung von terminalen Gruppen an der Oberfläche
nicht aus – nur ist dies nicht die Ursache für die Diskrepanz zwi-
schen Titrationsdaten und elektrokinetischem Meßergebnis.
Die insbesondere durch These 2 formulierte Problemstellung
markiert einen neuralgischen Punkt der Anwendbarkeit von Ze-
tapotentialmessungen für Haftungsaussagen für CFRPAs. Das
nachfolgende Kapitel 13.2 ist daher diesem Aspekt gewidmet.
13.2 Die ZpSM als komparative
Meßmethode?
13-9
13.2 Die ZpSM als komparative Meßmethode?
Sensibilisierung des Lesers
Der Flächenbezug der Größen Ns+ und Ns legitimiert einen
Korrelationsversuch der elektrokinetischen mit den mikromecha-
nischen Daten, denn auch das Verbundmodell (vgl. Kapitel 6.8)
hat eine rein geometrische Grundlage. Die Einsatzmöglichkeiten
der ZpSM als komparative Meßmethode wird jedoch im wesentli-
chen dadurch bestimmt, welche physikalischen und chemischen
Charakteristika der Polyamide durch die pH-abhängigen Zetapo-
tential-Messungen erfaßt und durch den ζ(pH)-Verlauf indiziert
werden (können):
Die Interpretation durch die isoelektrische Fokussierung (siehe
Kapitel 8.2) geht davon aus, daß der ζ(pH)-Verlauf ausschließlich
durch die Anzahl und die pK-Werte der Endgruppen (Carboxyl-
und Aminogruppen) bestimmt wird. Das Verbundmodell in Kapi-
tel 6.8 stützt die Argumentation für den Haftungsmechanismus
dagegen auf die in der polymeren Hauptkette enthaltenen Amid-
gruppen. Außerdem werden die terminalen Gruppen vernachläs-
sigt. Das heißt: Falls sich nun das Verbundmodell als richtig bzw.
praktisch anwendbar erweist – die Ergebnisse in Kapitel 10 deuten
darauf hin – und falls die Interpretation durch die isoelektrische
Fokussierung vollständig und korrekt ist – wovon zunächst auszu-
gehen ist – dann wäre es systembedingt unmöglich, aus ZpSM-
Messungen Haftungsaussagen für CFRPAs zu gewinnen – Elektro-
kinetik und Mikromechanik wären für CFRPAs inkommensura-
bel. Sollten jedoch trotzdem Korrelationen zwischen
elektrokinetischen und mikromechanischen Daten aufzufinden
sein, so könnte dies entweder ein Indiz für eine mehr als nebenläu-
fige Beteilung der Endgruppen am Haftungsmechanismus oder ein
Hinweis auf die Beteiligung der Amidgruppen am experimentellen
Ergebnis der elektrokinetischen Messungen sein. Letzteres er-
scheint auf den ersten Blick als eine Provokation für die Interpre-
tation durch die isoelektrische Fokussierung. Man sollte dabei
jedoch bedenken, daß die für die Biochemie relevanten Peptide
konstitutionell in erster Linie durch carboxylische und aminische
Endgruppen und weniger durch Sequenzen von Amidfunktionali-
täten geprägt sind. Es wäre daher zulässig, anzunehmen, daß der
Einfluß dieser Amidgruppen bei vielen biochemisch relevanten Sy-
stemen im experimentellen Gesamtergebnis „verschwindet“.
Haftung und Molmasseneffekt
Es erscheint als guter Startpunkt, die aus der titrimetrischen
Analyse der EMS Chemie AG hervorgegangenen Stoffcharakteri-
stika ρEG und Mn im Kontext des Verbundmodells darzustellen.
Auf diese Weise läßt sich unmittelbar abschätzen, inwieweit das Er-
gebnis der mikromechanischen Messungen einem Molmassenein-
fluß unterliegt. Die Abbildungen 13.2-1 und 13.2-2 veranschau-
lichen die Gegenüberstellung grafisch.
Der Zusammenhang τ([BS]) ist ausführlich im Kapitel 10 dis-
kutiert worden. Der Kurvenverlauf kann in Abb. 10.1-1 betrachtet
13 Elektrokinetik vs.
Mikromechanik
13-10
werden. Die zu beobachtende Linearität zwischen den Größen τ
und [BS] wurde als Bestätigung für die Anwendbarkeit des Ver-
bundmodells interpretiert.
Abb. 13.2-1 Verbundmodell, Strukturmerkmal
und Molmasse
Die Abbildungen 13.2-1 und 13.2-2 zeigen dagegen eine deut-
liche Nichtlinearität zwischen den Größen ρEG und Mn einerseits
und dem Strukturmerkmal [BS] andererseits. Die Schlußfolgerung
aus diesem Befund ist daher: Die mikromechanisch quantifizierte
Haftung unterliegt keinem signifikanten Molmasseneinfluß.
Abb. 13.2-2 Verbundmodell, Strukturmerkmal
und Endgruppendichte
0,00 0,040 0,042 0,044 0,046 0,048 0,050 0,052 0,054 0,056 0,058 0,060
20000
20500
21000
21500
22000
22500
23000
23500
24000
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
Mn [g/mol]
[BS]
0,00 0,040 0,042 0,044 0,046 0,048 0,050 0,052 0,054 0,056 0,058 0,060
0,00130
0,00132
0,00134
0,00136
0,00138
0,00140
0,00142
0,00144
0,00146
0,00148
0,00150 PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
ρEG
[BS]
13.2 Die ZpSM als komparative
Meßmethode?
13-11
Elektrokinetik vs. Mikromechanik
Ein überraschendes Ergebnis liefert die Gegenüberstellung der
aus den elektrokinetischen Experimenten abgeleiteten Größe NS
mit dem Strukturmerkmal [BS]. Abbildung 13.2-3 veranschau-
licht den Zusammenhang. Die Betrachtungen sind zunächst auf
die durch die EMS-Chemie AG charakterisierten Polyamide
PA 12.10, PA 12.9, PA 10.10 und PA 6.10 beschränkt.
Abb. 13.2-3 Elektrokinetisches Experiment und
Strukturmerkmal [BS]
Der phänomenologisch wichtigste Befund ist: Für das Polyamid
mit der größten gerichteten Bindungsstellenkonzentration wird
auch durch die elektrokinetischen Messungen die Dichte an Ober-
flächenfunktionalitäten NS angezeigt. Obwohl die Kurvengestalt
insgesamt einen asymptotischen Verlauf suggeriert, ist die Konstel-
lation der Meßpunkte für die Polyamide PA 12.10, PA 12.9 und
PA 10.10 besonders auffällig. In diesem Bereich verhält sich die
Kurve nahezu ideal linear (gestrichelte Linie).
Anders freilich entwickelt sich das Bild, wenn man die Meß-
punkte für HDPE und PA 6.9 mit in die Betrachtungen einbezieht
(siehe Abb. 13.2-4). Da HDPE über eine andere chemische Kon-
stitution als die Polyamide verfügt, ist die Lage des zugehörigen
elektrokinetischen Meßpunktes nicht irritierend. Zusätzlich ergibt
sich jedoch die folgende Interpretationsmöglichkeit: Wenn – wie
ursprünglich angenommen – der pH-abhängige Zetapotentialver-
lauf durch die Endgruppendichte ρEG und zugehörigen pK-Werte
bestimmt wird, dann müßte der Meßpunkt NS(HDPE)=NS(0) als
Grenzwert aller Meßpunkte der homologen Reihe aliphatischer
Polyamide erscheinen. Da dies nicht der Fall ist, könnte man nun
behaupten, die elektrokinetischen Messungen und insbesondere
NS wären nicht durch die Endgruppen bestimmt. Auf der anderen
Seite wurde die atypische Gestalt des ζ(pH)-Verlaufs für HDPE be-
reits in Kapitel 4.3 b mit dem Auftreten spezifischer Adsorptions-
prozesse begründet. Eben diese Adsorptionsprozesse müssen
0,00 0,040 0,045 0,050 0,055 0,060
0,0
0,5
1,0
1,5
2,0
2,5
3,0
3,5
4,0
4,5
5,0
5,5
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
NS / 1016 [m-2]
[BS]
13 Elektrokinetik vs.
Mikromechanik
13-12
jedoch auch für Polyamide angenommen werden, in dem Maße,
wie deren Konstitution der des HDPE immer ähnlicher wird. Sy-
stematische konzentrationsabhängige Zetapotentialmessungen
könnten hier Klarheit verschaffen.
Abb. 13.2-4 Elektrokinetisches Experiment und
Strukturmerkmal [BS]
Es ist anzunehmen, daß es zu einer Überlagerung von spezifi-
schen Adsorptions-, Dissoziations- und Protonierungsprozessen
kommt, die eine Zuordnung der Werte für NS im Rahmen eines
simplen Skalierungsmodells nicht zulassen. Die Lage des Punktes
NS(PA 6.9) ist beispielsweise vollkommen unerklärlich. Leider lie-
gen für dieses Polyamid keine spezifischen Stoffdaten des Herstel-
lers vor.
Abschließend soll nun die direkte Gegenüberstellung von elek-
trokinetischen und mikromechanischen Daten erfolgen. Abbil-
dung 13.2-5 zeigt die Auftragung der mittleren Grenzflächen-
scherfestigkeit τ gegen die Dichte an sauren (NS) und basischen
(NS+) Oberflächenfunktionalitäten. Die Punkte für HDPE liegen
deutlich abseits; diejenigen für PA 6.9 weisen wiederum eine nicht
erklärbare Anomalie auf. Das Ergebnis für die Verbundsysteme auf
Basis der Polyamide PA 12.10, PA 12.9, PA 10.10 und PA 6.10 ist
dagegen überraschend – hier deutet sich eine Korrelation zwischen
Elektrokinetik und Mikromechanik an. Dieser Zusammenhang ist
für beide homologe Verbundserien durch eine gestrichelte Linie in
Abb. 13.2-5 angedeutet.
Aus Abb. 13.1-4 folgt unmittelbar, daß es keinen linearen Zu-
sammenhang zwischen der Endgruppenkonzentration ρEG und
der Dichte an Endgruppen an der polymeren Festkörperoberfläche
NS gibt. Anhand von Abb. 13.2-2 wurde unter Bezugnahme auf
die Abbildungen 10.1-1 und 10.1-2 geschlußfolgert, daß ρEG kei-
nen signifikanten Einfluß auf die Grenzflächenscherfestigkeit τ der
CFRPAs besitzt. Wenn nun auf der anderen Seite zwischen τ und
NS eine (lineare) Korrelation besteht (vgl. Abb. 13.2-5), die sich
bereits in Abb. 13.2-3 andeutet, so folgt daraus unmittelbar, daß
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
0,0
0,5
1,0
1,5
2,0
2,5
3,0
3,5
4,0
4,5
5,0
HDPE
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
NS / 1016 [m-2]
[BS]
NS
NS+
NS
13.2 Die ZpSM als komparative
Meßmethode?
13-13
der Verlauf von ζ(pH) für aliphatische Polyamide zu einem wesent-
lichen – wenn nicht gar überwiegenden – Teil durch die Wechsel-
wirkungscharakteristik der Amidgruppen bzw. durch die
Amidgruppendichte in der polymeren Hauptkette bestimmt wird.
Diese Aussage unterstützt These 2 aus Kapitel 13.1 b.
Abb. 13.2-5 Elektrokinetik vs. Mikromechanik:
Gegenüberstellung der Grenzflächenscherfestig-
keit τ und der Dichte an a) basischen und b) sau-
ren Oberflächenfunktionalitäten
These 1 ist damit nicht wiederlegt. Gegen deren Aussage spricht
allerdings die Tatsache, daß eine Erhöhung der „Packungsdichte“
auch zu einer Erhöhung der gerichteten Bindungsstellenkonzentra-
tion [BS] führen müßte. Dies hätte sich aber in den τ([BS])-Dia-
grammen in Form einer – mit zunehmendem [BS] stärker werden-
den – inkrementellen Abweichung der Grenzflächenscherfestig-
keitswerte von der linearen Idealkurve bemerkbar machen müssen.
0,0 0,8 1,0 1,2 1,4 1,6 1,8 2,0
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
HDPE
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
HDPE / PA 12.9
τ / MPa
NS+ / 1016 [m-2]
MVS-x-C-U
MVS-x-C-L
0,0 1,8 2,0 2,2 2,4 2,6 2,8 3,0 3,2
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
HDPE
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
MVS-x-C-U
MVS-x-C-L
τ / MPa
NS / 1016 [m-2]
a)
b)
13 Elektrokinetik vs.
Mikromechanik
13-14
13.3 Das Adhäsionsmodell nach Häßler/Jacobasch
Nach einem empirischen Modell von Häßler/Jacobasch soll
es einen Zusammenhang zwischen der Differenz der pH-abhängi-
gen Plateauwerte zweier adhäsiver Komponenten ∆ζplateau und der
meßbaren Stärke der Adhäsion zwischen diesen Komponenten ge-
ben (siehe Kapitel 3.2 f): Je größer ∆ζplateau, desto stärker die meß-
bare Adhäsion. Es ist sofort einsichtig, daß die Haupt-
argumentation für einen solchen Zusammenhang auf der Dichte
an Oberflächenfunktionalitäten beruht (vgl. dazu auch Kapitel 3.2
und Kapitel 8). Insofern sollte der Einsatz des Skalierungsmodells
auf Grundlage von [BS] eine solche Beziehung sichtbar machen
können. Vorraussetzung dafür wäre allerdings, daß die gerichtete
Bindungsstellen- bzw. Amidgruppenkonzentration von den pH-
abhängigen Zetapotentialmessungen erfaßt wird. Diese Frage wur-
de bereits ausgiebig in Kapitel 13.2 diskutiert.
Tab. 13.3-1 Empirisches Adhäsionsmodell
nach Hässler/Jacobasch.
Tabelle 13.3-1 enthält die für ∆ζplateau berechneten Werte. Die
Abbildungen 13.3-1 und 13.3-2 veranschaulichen das Ergebnis.
Abb. 13.3-1 Empirisches Adhäsionsmodell
nach Hässler/Jacobasch (C-U-Faser)
Polymer ∆ζplateau / mV
C-U
∆ζplateau / mV
C-L
PE -0,43 -20,43
PA 12.10 -5,13 -25,13
PA 12.9 -4,53 -24,53
PA 10.10 -1,53 -21,53
PA 6.10 -6,73 -26,73
PA 6.9 -0,23 -20,23
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
-7
-6
-5
-4
-3
-2
-1
0HDPE
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
∆ζplateau [mV]
[BS]
C-U
13.4 Schlußfolgerungen
13-15
Die Anwendung des Adhäsionsmodells nach ssler/Jaco-
basch führt offensichtlich nur zu einem teilweisen Erfolg: Betrach-
tet man die durch den Faserwechsel (von C-U nach C-L) induzierte
Haftungssteigerung, so kann man durchaus feststellen, daß der zu
beobachtende Haftungszuwachs durch eine Vergrößerung der Dif-
ferenz ∆ζplateau – also im Sinne des Modells – indiziert wird. Wird
der Haftungszuwachs jedoch durch einen Matrixkomponenten-
wechsel verursacht, so versagt das Modell. Die Punkte scheinen zu-
fällig über Definitions- und Wertebereich verteilt zu sein. Eine
Systematik ist nicht zu erkennen. Eine ähnliche Beobachtung wur-
de bereits in [2-62] gemacht. Es ist also fraglich, inwieweit aus dem
Plateauwert ∆ζplateau Haftungsaussagen abgeleitet werden können.
Abb. 13.3-2 Empirisches Adhäsionsmodell
nach Hässler/Jacobasch (C-L-Faser)
13.4 Schlußfolgerungen
XpH-abhängige Zetapotentialmessungen an aliphatischen Poly-
amiden führen zu Kurvenverläufen und elektrokinetischen
Größen, die sowohl von der spezifischen Endgruppencharakte-
ristik als auch von der Amidgruppenkonzentration des Unter-
suchungsgegenstandes bestimmt werden. Eine Beschränkung
der Analyse auf terminale Gruppen ist unvollständig und führt
bei Polyamiden zu Fehlinterpretationen.
XObwohl der Untersuchungsgegenstand (aliphatische poly-
amide) ein konstitutionell und strukturell relativ simples
System ist, war es nicht möglich, die typischen elektrokineti-
schen Meßgrößen und Quantitäten auf diese strukturellen oder
konstitutionellen Charakteristika abzubilden. Konzentrations-
abhängige Messungen hätten hier sicherlich einen wertvollen
Beitrag leisten können – es ist jedoch unwahrscheinlich, daß
0,00 0,01 0,02 0,03 0,04 0,05 0,06
-27
-26
-25
-24
-23
-22
-21
-20 HDPE
PA 12.10
PA 12.9
PA 10.10
PA 6.10
PA 6.9
∆ζplateau [mV]
[BS]
C-L
13 Elektrokinetik vs.
Mikromechanik
13-16
eine exakte und quantitative Trennung von Adsorptionsprozes-
sen einerseits und Säure/Base-Reaktionen andererseits gelingen
würde.
XAuch im Rahmen der vorliegenden Arbeit konnte das empiri-
sche Adhäsionsmodell nach Hässler und Jacobasch nicht
bestätigt werden. Zwar wird der durch den Faserwechsel indu-
zierte Haftungszuwachs richtig vorhergesagt – die Haftungsver-
änderung, verursacht durch einen Wechsel der
Matrixkomponente, läßt sich jedoch aus den stark streuenden
∆ζplateau-Werten nicht ableiten. Viel deutlicher ist in diesem
Zusammenhang beispielsweise die Funktion NS([BS]).
XDie Meßungenauigkeit der ZpSM und die hohe Sensibilität
des Auswertungsverfahrens für Änderungen in den experimen-
tellen Rohdaten machen es für den Experimentator sehr
schwierig, robuste Meßergebnisse zu erzielen. Generell muß
man zu folgender Einschätzung kommen: Zetapotentialmes-
sungen sind geeignet, um weitere wichtige Bausteine bei der
Suche nach Struktur/Eigenschaft-Beziehungen im Kontext der
Adhäsionsforschung aufzuspüren. Der praktische Einsatz der
Methode als Werkzeug für eine zuverlässige und eindeutige
Charakterisierung von Festkörperoberflächen ist gegenwärtig
jedoch noch nicht ausgereift.
14-1
14 Schlußwort
Ich hoffe, Sie erinnern sich immer, wenn Sie ein Ergebnis erzielt haben,
vor allem, wenn es ein neues ist,
daß Sie sich fragen sollten: „Warum ist das so? Warum tritt es ein?“
Dann werden Sie im Laufe der Zeit den Grund herausfinden.
Michael Faraday
14 Schlußwort
14-2
Die vorliegende Arbeit soll einen konzeptionellen und prakti-
schen Beitrag für die Adhäsionsforschung leisten. Insbesondere sol-
len die Einsatzmöglichkeiten und Grenzen experimenteller
Verfahren und assoziierter Modellinterpretationen ausgelotet und
methodische Verbesserungen initiiert werden. Im Kontext der
Chemie besteht das Konzept dieser Arbeit in einer Suche nach
Struktur/Eigenschaft-Beziehungen. Für die Adhäsionsforschung ist
diese Formulierung jedoch mehr als nur ein begrifflicher Container
für Arbeitsinhalte. Es ist vielmehr der Wunsch, die kognitive Hür-
de zwischen Natur- und Ingenieurwissenschaft zu überwinden. In
welcher der Hälften des investigativen Spielfeldes der geneigte Le-
ser auch immer stehen möge, er soll durch diese Arbeit inspiriert
werden, die mesoskopische Domäne wissenschaftlich zu okupie-
ren, d.h. den „Ball der Erkenntnis“ in „die Welt der vernachlässig-
ten Dimensionen“ hinein und hindurch zu tragen, statt in der
eigenen Hälfte Besitz von ihm zu ergreifen oder ihn an der Zonen-
grenze einfach wegzuschlagen. Die mesoskopische Domäne ist eine
Schnittstelle – und Schnittstellen sind Kommunikationszentren.
Natürlich kann ein solches Projekt weder allumfassend noch all-
gemeingültig sein: Einerseits muß sich die Arbeit auf ein einzelnes
experimentelles Verbundsystem beschränken, andererseits kann
nur eine begrenzte Anzahl experimenteller Methoden und Modell-
vorstellungen einer Bewertung unterzogen werden.
Aufgrund der großen Zahl an Einflußgrößen muß ein Untersu-
chungsgegenstand gewählt werden, dessen chemische Konstitution
auf einige wenige strukturelle Parameter abstrahiert und reduziert
werden kann. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit ist dieser Unter-
suchungsgegenstand die Familie der carbonfaserverstärkten Poly-
amide (CFRPAs). Bedingt durch das Arbeitsumfeld liegt der Fokus
der Betrachtungen dabei auf der polymeren Matrixkomponente
(aliphatische Polyamide, engl. Nylons). Die Oberflächencharakteri-
stik der Verstärkungskomponente (Carbonfaser) unterliegt ledig-
lich einer verbalen Pauschalbewertung. Für eine gezielte
Einstellung von Oberflächeneigenschaften waren weder präparati-
ve noch analytische Methoden verfügbar. Die anzunehmende sta-
tistische Heterogenität einer Carbonfaseroberfläche wäre zudem
ein nahezu unüberwindbares konzeptionelles Hinternis für einen
erfolgreichen Abschluß des Projektes. Ganz andere Möglichkeiten
bietet da der regelmäßige konstitutionelle Aufbau aliphatischer Po-
lyamide und deren Gruppierbarkeit in einer homologen Reihe: Aus
den konstitutionellen Strukturparametern aliphatischer Polyamide
wird ein skalierbares Strukturmerkmal – die gerichtete Bindungs-
stellenkonzentration [BS] – konstruiert. Auf Basis der identifizier-
ten Grenzstrukturen Polyethylen (PE) und PA 1 entsteht ein
Skalierungsmodell und schließlich ein Verbundmodell für
CFRPAs, daß aufgrund rein geometrisch-mechanischer Argumen-
tation einen linearen Zusammenhang zwischen [BS] und einer be-
liebigen Adhäsion quantifizierenden Meßgröße postuliert.
Mikromechanik, Thermodynamik und Elektrokinetik sind die
drei experimentellen Säulen dieser Arbeit. Während der mikrome-
chanische Einzelfaserfragmentierungstest (SFF-Test) mit der
14-3
Grenzflächenscherfestigkeit τIFSS einen praktischen Bezug zum
Phänomen Adhäsion herstellt, dringen die thermodynamischen
Oberflächenspannungskonzepte in die mesoskopische Domäne
vor, argumentieren auf der Basis zwischenmolekularer Kräfte und
bringen eine makroskopische energetische Größe – die thermody-
namische Adhäsionsarbeit Wa – hervor. Der experimentelle Zu-
gang zur Festkörperoberflächenspannung erfolgt über Benetzungs-
messungen. Die Zetapotentialmessungen nach der Strömungspo-
tential/-strom-Methode (ZpSM) als Vertreter der elektrokineti-
schen Charakterisierungsmethoden von Festkörpern bewegt sich
ebenfalls in der mesoskopischen Domäne und argumentiert auf der
Grundlage zwischenmolekularer Wechselwirkung. Dieses Verfah-
ren erweitert den Horizont des Experimentators auf chemische
Kräfte und stellt damit eine ideale Ergänzung zu der auf reversible
physikalische Interaktionen beschränkten Thermodynamik dar.
Die detaillierten Befunde dieser Arbeit wurden bereits am Ende
des jeweiligen Auswertungskapitels zusammengefaßt. Darüber hin-
aus ergibt sich die nachfolgende generelle Einschätzung:
1. Das CFRPA-Verbundmodell erweist sich als geeignet, in Ver-
bindung mit geringem experimentellen Aufwand mikromechani-
sche Adäsionsvorhersagen für ganze homologe Verbundserien zu
treffen. Verbundmodell, SFF-Test und shear-lag-Modell nach Kel-
ly/Tyson bilden eine konsistente investigative Einheit.
2. Das auf Benetzungsexperimenten aufbauende thermodyna-
mische Adhäsionsmodell empfiehlt sich als leistungsfähiges Kon-
zept bei der qualitativen Abschätzung von Haftungsphänomenen.
Systemgemäß muß es jedoch bei quantitativen Aussagen scheitern,
wenn der Haftungsmechanismus von irreversiblen und/oder
stöchiometrischen Prozessen dominiert wird. Dieses Versagen äu-
ßert sich bei beiden antagonistischen Oberflächenspannungskon-
zepten (Zustandgleichung vs. Separationsansatz) gleichermaßen.
Für den Untersuchungsgegenstand CFRPA konnte keines der
angewendeten Modelle (Wu, Owens/Wendt, van Oss/Good,
Neumann, Kwok) als besonders geeignet identifiziert werden. Es
empfiehlt sich daher, stets mit der größtmöglichen Menge und
Bandbreite an Informationen zu argumentieren. Es sei jedoch da-
vor gewarnt, Wechselwirkungskomponenten und deren jeweilige
modellinterne Interpretation aus dem Kontext des Modells heraus-
zutragen und an anderer Stelle synonym zu verwenden, ohne eine
semantische Basis für diese Analogie zu schaffen bzw. zu definieren.
3. Die Elektrokinetik verfügt über kein mathematisch fundier-
tes Adhäsionskonzept. Der Einsatz der ZpSM legitimiert sich je-
doch über den Fokus der Untersuchungen bzw. den Untersu-
chungsgegenstand: Festköperoberflächen. Ergebnisgrößen wie
zum Beispiel die Dichte an Oberflächenfunktionalitäten Ns kön-
nen eine geometrisch-mechanische Sicht auf den Haftungsmecha-
nimus unterstützen. Die Identifizierung der verschiedenen Ober-
flächenspecies und deren chemisch-physikalische Charakterisie-
14 Schlußwort
14-4
rung (pKa-Werte) ergänzen dieses Bild.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt muß man jedoch berechtigte
Zweifel haben, ob Zetapotentialmessungen diesem Anspruch wirk-
lich gerecht werden.Denn der praktische Einsatz der Methode ge-
staltet sich weit weniger stringent als dies die obige Beschreibung
verheißt:
Die Interpretation von ζ(pH)-Meßkurven scheint oft mehr von
der subjektiven Einschätzung des Experimentators als von objekti-
ven Kriterien geprägt zu sein. Daß ein solcher Freiraum existiert,
spricht nicht unbedingt für die Robustheit des Verfahrens. Dem
Experimentator selbst ist an dieser Stelle kein Vorwurf zu machen.
Die einschlägige Literatur ist nicht geeignet, ihm bei der Bewer-
tung von Meßergebnissen hilfreich zur Seite zu stehen. Abgesehen
von der Interpretation durch die isoelektrische Fokussierung ist
dem Autor kein weiteres geschlossenes, konsistentes und doku-
mentiertes Interpretationskonzept bekannt. Die Hauptschwierig-
keit besteht in der Zuordnung von signifikanten
Kurvenabschnitten auf spezifische Probenmerkmale. Es ist unbe-
dingt davon auszugehen, daß die Gestalt und quantitative Ausprä-
gung von ζ(pH)-Meßkurven von kumulativ wirkenden Prozessen
bestimmt werden. Dies zu erkennen, ist mit dem zur Verfügung
stehenden interpretativen Rüstzeug schon äußerst schwierig oder
immens aufwendig – eine quantitative Separation der Wechselwir-
kungskomponenten nahezu unmöglich. Nach Meinung des Autors
kann der praktische Wert der Methode nur durch systematische
Arbeiten an skalierbaren Probensystemen gesteigert werden. Wie
in der spektroskopischen Analytik traditionell üblich, sollten derar-
tige Konzepte durch den Aufbau und die Verfügbarkeit einer Da-
tenbank gestützt werden.
Neben dieser methodischen Schwäche als problematisch erweist
sich die starke Fehleranfälligkeit des experimentellen Verfahrens
bei Verwendung des EKA*) die systemspezifische Beschränkung
auf einen variierenden Satz von Ergebnisgrößen, was den Einsatz
aufwendiger numerischer Verfahren erzwingt. Werden Experimen-
te unter identischen Bedingungen durchgeführt, so sind die Ergeb-
nisse reproduzierbar. Eine Vergleichbarkeit der experimentellen
Daten muß dennoch als kritisch eingeschätzt werden – zu stark ist
der Einfluß verfahrenstechnischer Parameter (z.B. Temperatur,
Kanalgeometrie, Grundelektrolytkonzentration) und zu schwach
sind die Kontroll- und Steuermechanismen, die dem Experimenta-
tor zur Verfügung stehen. Nach Meinung des Autors ist es drin-
gend erforderlich, unter der Federführung eines unabhängigen
Institutes einen round-robin Test durchzuführen, um die Schwach-
stellen von Methode und Experimentierumgebung zu identifizie-
ren, zu analysieren und zu publizieren. Es bedarf dringendst eines
Empfehlungskatalogs für den Einsatz der Methode in der For-
schungs- und Anwendungspraxis. Eine solche Vorgehensweise hat
sich bereits für den Umgang mit mikromechanischen Methoden
(SFF-Test, Einzelfaserauszugsversuch usw.) bewährt.
*) Anton Paar GmbH / Graz
15-1
15 Anhang
(1) Symbole und Abkürzungen (2) Programm-Code
15 Anhang
15-2
15.1 Verzeichnis der Abkürzungen und Symbole
15.1 a Abkürzungen
15.1 b Symbole
AFC Separations-Ansatz, engl. additivity and fractional contribution
BS Bindungsstelle, engl. bonding site
BSP Muster der Bindungsstellen innerhalb der SWE, bonding site pattern
CFRPA carbonfaserverstärktes Polyamid, engl. carbon fiber reinforced polyamide
EDS Elektrochemische Dopppelschicht, engl. electric double layer (EDL)
EOS Theorie der Zustandsgleichung, engl. equation of state
i.e.p. isoelektrischer Punkt, engl. isoelectric point
MVS Modellverbundsystem
p.d.i. Potential bestimmende Ionen, engl. potential determining ions
p.z.c. Null-Ladungs-Punkt, engl. point of zero charge
PWE konstitutive Wiederholungseinheit, P=primär
SFC Einzelfaserverbund, engl. single fiber composite
SFF Einzelfaserfragmentierung, engl. single fiber fragmentation
SWE konfigurative Wiederholungseinheit, S=sekundär
ZpSM Zetapotentialmessung nach der Strömungspotential/-strom-Methode
[BS]gerichtete Bindungsstellenkonzentration
McKompatibilitätsfaktor, bezogen auf ein Modell/eine Meßmethode M
[CONH] Amidgruppenkonzentration
mittlerer Faserdurchmesser
M[BS]Verstärkungsinkrement
∆ζplateau Differenz der Plateauwerte des Zetapotentials ζplateau zweier Testsubstanzen
EEigenschaftsmerkmal
Mf[BS]Verstärkungsfaktor, bezogen auf ein Modell/eine Meßmoethode M
M
φ
cModellkorrelationsfaktor auf Basis der Kompatibilitätsfaktoren
M
φ
fModellkorrelationsfaktor auf Basis der Verstärkungsfaktoren
γOberflächenspannung (allgemein)
γiOberflächenspannung der Phase i
df
15.1 Verzeichnis der
Abkürzungen und Symbole
15-3
γij Grenzflächenspannung zwischen den beiden Phasen i und j
γLOberflächenspannung einer Flüssigkeit (L=liquid)
γSOberflächenspannung eines Festkörpers (S=solid)
γSL Grenzflächenspannung zwischen einem Festkörper (S) und einer Flüssigkeit (L)
γtGesamtoberflächenspannung (t=total), Nomenklatur aus den Modellen des
Separationsansatzes
γiTeilbeitrag zur Oberflächenspannung. i ist Platzhalter für
d dispersiv
p polar
LW Lifshitz/van der Waals
AB Säure/Base,
+ Lewis-Säure
- Lewis-Base
MγOberflächenspannung, berechnet unter Verwendung eines bestimmten Modells M.
Abkürzungen für M siehe unter M. Kann mit anderen Darstellungsformen von γ
(siehe oben) kombiniert auftreten.
MicKompatibilitätsinkrement, bezogen auf ein Modell/ eine Meßmethode M
KGgeometrischer Korrekturfaktor
Kρstatistischer Korrekturfaktor
mittlere Fragmentlänge
lckritische Fragmentlänge
MPlatzhalter für die Kennzeichnung eines Modells. Als Superindex werden verwendet:
M=g: Separationsmodell nach Wu unter Verwendung der geometrischen
Mittelung
M=h: Separationsmodell nach Wu unter Verwendung der geometrischen
Mittelung
M=OW: Separationsmodell nach Owens und Wendt
M=vO: Separationsmodell nach van Oss und Good (allgemein)
M=vOa: Separationsmodell nach van Oss und Good, ausschließlich attraktive
Wechselwirkungen (a=attraktiv)
M=vOr: Separationsmodell nach van Oss und Good, ausschließlich repulsive
Wechselwirkungen (r=repulsiv)
M=vOt: Separationsmodell nach van Oss und Good, inklusive attraktiver und
repulsiver Wechselwirkungen (t=total)
M=K: EOS-Modell nach Kwok
M=N: EOS-Modell nach Neumann
M=τ:constant-shear-Modell nach Kelly und Tyson
MMeßgröße
MWaThermodynamische Adhäsionsarbeit, berechnet unter Verwendung eines bestimmten
Modells M. Abkürzungen für M siehe unter M.
l
15 Anhang
15-4
PParität
pI pH-Wert am isoelektrischer Punkt
θRandwinkel (auch Kontaktwinkel) bei Benetzungsmessungen
θaRandwinkel, speziell der Vorrückwinkel (a=advancing angle)
ρWeibull-Modul
SStrukturmerkmal
σZugspannung
σ0Netto-Oberflächenladung, engl. surface charge
σdNetto-Ladung an der äußeren Helmholtzschicht (OHP)
σfu Einzelfaserzugfestigkeit, engl. single fiber ultimate tensile strength
mittlere Einzelfaserzugfestigkeit bei mittlerer Fragmentlänge
τSchubspannung
mittlere Grenzflächenscherspannung
τIFSS Grenzflächenscherfestigkeit
τXBS Spezifizität
WaThermodynamische Adhäsionsarbeit
WcThermodynamische Kohäsionsarbeit
XpPolarität
Ψ0Oberflächenpotential, engl. surface potential, auch double layer potential
ΨdPotential an der äußeren Helmholtzschicht (OHP)
ζZetapotential, Potential an der Scherebene der elektrochemischen Doppelschicht
ζplateau Plateauwert des Zetapotentials in pH-abhängigen Zetapotentialmessungen
σl() l
τ
15.2 Programm-Code
15-5
15.2 Programm-Code
15.2 a MATLAB-Implementierung des WUschen Verfahrens zur
Berechnung der Festkörperoberflächenspannungsanteile γd und γp
function gammas(T1,T2)
% ---------------------------------------------------------
% calculates dispersion and polar parts to surface tension
% additionally, the polarity Xp is calculated
% usage: gammas(theta against H2O, theta against DIM)
%
% internal usage: gd(H2O)=21.8
% gd(DIM)=44.1
%
% gt(H2O)=72.8
% gt(DIM)=50.8
% ---------------------------------------------------------
G1=72.8;
G2=50.8;
D1=21.8;
D2=44.1;
% converting degree to radian
% ---------------------------
T1=T1*pi/180;
T2=T2*pi/180;
P1=G1-D1;
P2=G2-D2;
% calculation using the geometric mean
% ------------------------------------
disp('using geometric mean:');
disp('---------------------');
disp(' ');
Q1=0.5*G1*(1+cos(T1));
Q2=0.5*G2*(1+cos(T2));
R1=sqrt(D1);
R2=sqrt(D2);
S1=sqrt(P1);
S2=sqrt(P2);
A=S1*R2-S2*R1;
D3=((S1*Q2-S2*Q1)/A)^2;
P3=((R1*Q2-R2*Q1)/A)^2;
G3=D3+P3;
XP=P3/G3;
textout=sprintf('solid dispersion component=%g',D3);
disp(textout);
textout=sprintf('solid polar component=%g',P3);
disp(textout);
textout=sprintf('solid total=%g',G3);
disp(textout);
textout=sprintf('solid Polarity=%g\n\n',XP);
disp(textout);
15 Anhang
15-6
% calculation using the harmonic mean
% ------------------------------------
disp('using harmonic mean:');
disp('---------------------');
disp(' ');
Q1=0.25*G1*(1+cos(T1));
Q2=0.25*G2*(1+cos(T2));
S1=D1+P1-Q1;
S2=D2+P2-Q2;
R1=P1*(D1-Q1);
R2=P2*(D2-Q2);
U1=D1*(P1-Q1);
U2=D2*(P2-Q2);
V1=Q1*D1*P1;
V2=Q2*D2*P2;
A=1/S1/S2;
W=R1/S1-R2/S2;
X=A*(R1*U2-R2*U1)+V2/S2-V1/S1;
Y=A*(U1*V2-U2*V1);
X=-0.5*X/W;
Y=X^2-Y/W;
Y=sqrt(Y);
D3=X-Y;
P3=(V1-R1*D3)/(S1*D3+U1);
G3=D3+P3;
XP=P3/G3;
disp('solution 1:');
textout=sprintf('solid dispersion component=%g',D3);
disp(textout);
textout=sprintf('polar component=%g',P3);
disp(textout);
textout=sprintf('total=%g\n',G3);
disp(textout);
textout=sprintf('solid Polarity=%g\n\n',XP);
disp(textout);
D3=X+Y;
P3=(V2-R2*D3)/(S2*D3+U2);
G3=D3+P3;
XP=P3/G3;
disp('solution 2:');
textout=sprintf('solid dispersion component=%g',D3);
disp(textout);
textout=sprintf('polar component=%g',P3);
disp(textout);
textout=sprintf('total=%g',G3);
disp(textout);
textout=sprintf('solid Polarity=%g\n\n',XP);
disp(textout);
function q=fq(G,T)
q=0.5*G*(1+cos(T));
15.2 Programm-Code
15-7
15.2 b MATLAB-Implementierung des WUschen Verfahrens zur
Berechnung der thermodynamischen Adhäsionsarbeit Wa
function wax(P1,P2,D1,D2)
% -----------------------------------------------------------------
% calculates work of adhesion using the geometric and harmonic mean
% usage: wax(gp(1),gp(2),gd(1),gd(2))
% -----------------------------------------------------------------
wah=4*(D1*D2/(D1+D2)+P1*P2/(P1+P2));
wag=2*(sqrt(D1*D2)+sqrt(P1*P2);
textout=sprintf('Wa(h)=%g',wah);
disp(textout);
textout=sprintf('Wa(g)=%g',wag);
disp(textout);
15 Anhang
15-8
Curriculum Vitae
Name: David Immanuel Richter
Geburtsdatum: 21. Februar 1970
Geburtsort: Berlin
Staatsangehörigkeit: Bundesrepublik Deutschland
Ausbildungsweg
Sep 1984 – Jul 1988 Besuch der Spezialschule für Musikerziehung „Georg Friedrich
Händel“
Jul 1988 Abitur
Nov 1988 – Jan 1990 Grundwehrdienst NVA (verkürzt von 18 auf 15 Monate)
Apr 1990 – Jul 1997 Chemiestudium an der Technischen Universität Berlin (Mär 1992
Vordiplom Chemie, Schwerpunktfach im Hauptstudium: Physikalische
Chemie, Wahlfach: Theoretische Chemie)
Nov 1994 – Sep 1998 Zweitstudium der Informatik
Jan 1997 – Jun 1997 Freiwilliges Praktikum bei der Hewlett-Packard GmbH,
Medizinelektronik, Böblingen
Nov 1997 – Mai 1998 Anfertigung der Diplomarbeit „Methodische Entwicklungen zum
Einzelfaser-Fragmentierungstest zur Charakterisierung adhäsiver
Eigenschaften von Faser-Verbundmaterialien“ unter der Betreuung von
Herrn Prof. Dr. Jürgen Springer, Institut für Technische Chemie,
Fachgebiet Makromolekulare Chemie, TU Berlin
Feb 1998 – Mär 1998 Erfolgreiche Teilnahme am Projekt „Innovationsmanagement“ am
Fachbereich 14 (Wirtschaft und Marketing) der TU Berlin unter der
Leitung von Prof. Dr. V. Trommsdorff
Jul 1998 Beginn der Promotion im Arbeitskreis von Prof. Dr. Jürgen Springer,
Institut für Technische Chemie, Fachgebiet Makromolekulare Chemie,
TU Berlin
Stipendien
Jul 1998 – Jun 2001 Stipendiat im Graduiertenkolleg „Polymerwerkstoffe“ der drei Berliner
Universitäten
Aug 2001 – Jul 2002 Stipendiat im Graduiertenkolleg „Synthetische, mechanistische und
reaktionstechnische Aspekte von Metallkatalysatoren“ der drei Berliner
Universitäten
Berufstätigkeit
Nov 1993 Unternehmensgründung Einzelunternehmen – Software-Engineering,
EDV-Beratung, Einzelhandel Computer-Hardware/Software
Jul 1995 Leiter der Vorjury des Kreativitätswettbewerbes ‚Leonardo da Vinci’,
ausgerichtet durch die IBM Deutschland GmbH, Bereich „Creative
Freestyle
Jan 1997 – Jun 1997 Freiwilliges Praktikum bei der Hewlett-Packard GmbH,
Medizinelektronik, Böblingen
Aug 1997 Beginn freier Mitarbeiterschaft bei der Hewlett-Packard GmbH,
Medizinelektronik, Böblingen
Okt 2001 Beginn freier Mitarbeiterschaft bei der bvm Gesellschaft für
Konzeption und Gestaltung digitaler Medien GmbH (seit dem
Konzeption und projektbegleitende Betreuung für vier Edutainment-
Titel mit den Lernschwerpunkten Chemie, Informatik und Technik im
Auftrage der Verlagstochter HEUREKA-Klett GmbH des Ernst-Klett-
Verlages, Stuttgart
Nov 2002 Beginn freier Autorentätigkeit bei der Verlagstochter HEUREKA-Klett
GmbH des Ernst-Klett-Verlages, Stuttgart