Abfallvermeidung und –verminderung im
Bereich Technischer Textilien –
Hemmnisse und Lösungskonzepte
vorgelegt von
Diplom-Ingenieurin Angelika Tisch
Von der Fakultät III - Prozesswissenschaften
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktorin der Ingenieurwissenschaft
- Dr.-Ing. -
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender:Prof. Dr.-Ing. Jörg Steinbach
Berichter: Prof. Dr.-Ing. Udo Wiesmann
Berichterin: Dr.-Ing. Judy Libra
Berichterin: Prof. Dr. Ines Weller
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 8. November 2002
Berlin 2003
D 83
Vorwort I
Vorwort
Die vorliegende Arbeit habe ich am Institut für Verfahrenstechnik, Fachgebiet Umwelt-
verfahrenstechnik der Technischen Universität Berlin bei Prof. Dr.-Ing. Udo Wiesmann
erarbeitet.
Die Arbeit wurde von der Heinrich Böll Stiftung durch ein Stipendium, das ich von 1998 bis
2001 erhalten habe, finanziell gefördert. Ich danke der Heinrich Böll Stiftung für die finanzielle
Unterstützung, ohne die diese Arbeit nicht hätte zustande kommen können. Als Stipendiatin
war es mir möglich, an Arbeitsgruppen und Veranstaltungen teilzunehmen, die von der Stiftung
stipendiumsbegleitend angeboten wurden. Auch dafür möchte ich der Stiftung danken, da die
Treffen nicht nur inhaltlich interessant waren, sondern mir auch die Möglichkeit boten, mich mit
anderen Stipendiat/innen auszutauschen.
Ganz besonders danke ich Prof. Dr. Ines Weller, Dr. Judy Libra und Prof. Dr.-Ing. Udo
Wiesmann für die sehr engagierte und wertvolle Betreuung meiner Arbeit.
Weiterhin danke ich den befragten Akteur/innen im life cycle der untersuchten Fallbeispiele, für
Ihre Bereitschaft, meine Fragen zu beantworten, insbesondere den befragten Zeltherstellern in
den USA und dem Hersteller von Sicherheitsgurtbändern.
Dr. Susanne Schön danke ich herzlich für die vielen wertvollen Anregungen zu meiner Arbeit.
Daneben danke ich Gertraud Busch, Louise Stewart, Anne Schuchardt und Romy Morana sehr
für Ihre Unterstützung.
Meiner Schwester Sabine Tisch danke ich sehr für Ihre Hilfe bei der Übersetzung meiner
Fragestellungen ins Englische. Ohne Ihre Anmerkungen wäre die Kommunikation insbeson-
dere mit den Zeltherstellern und –nutzern in den USA sicherlich nicht so problemlos verlaufen.
Schließlich ein großes „Danke schön“ für das Korrekturlesen des Manuskripts vor allem an
Bettina Büge, Sabe Wunsch und Anke Fissabre.
InhaltsverzeichnisII
Inhaltsverzeichnis
1Einleitung........................................................................................................................... 1
2Produktbereich Technische Textilien............................................................................... 4
2.1Definitionsvorschläge..................................................................................................4
2.2Strukturierung des Produktbereichs .............................................................................7
2.2.1Produktgestalt ..............................................................................................8
2.2.2Anwendungsbereich....................................................................................10
2.2.3Eigenschaften.............................................................................................13
3Stoffstrommanagement.................................................................................................. 15
3.1Einführung ...............................................................................................................15
3.2Schritte des Stoffstrommanagements.........................................................................16
3.3Stand des Konzepts..................................................................................................18
3.4Strategien zur Abfallreduzierung................................................................................20
4Untersuchungsdesign und Methodik ............................................................................. 26
4.1Untersuchungsdesign Stoffstrommanagement............................................................26
4.2Methodik der Auswahl der Fallbeispiele.....................................................................29
4.2.1Auswahlkriterien .........................................................................................29
4.2.2Methodik der Auswahl.................................................................................31
4.3Methodik der Befragung der Akteure..........................................................................33
4.4Methodik der Auswertung der Befragung ...................................................................36
5Untersuchung der Fallbeispiele...................................................................................... 37
5.1Fallbeispiel Pavillon..................................................................................................37
5.1.1Produktkunde .............................................................................................37
5.1.2 Lebensweg des Pavillons ............................................................................38
5.1.3Stoffstromanalyse des textilen Abfallaufkommens .........................................39
5.1.3.1Stoffanalyse..................................................................................40
5.1.3.2Strukturanalyse.............................................................................40
5.1.3.3Quantifizierung..............................................................................41
5.1.4Akteurskette...............................................................................................43
5.1.4.1Informationsströme.......................................................................43
5.1.4.2Einfluss der Akteure auf das Abfallaufkommen................................44
5.1.4.3Ursachen für Akteursentscheidungen .............................................46
5.1.5Bewertung der textilen Abfälle .....................................................................47
5.1.6Umgesetzte Strategien zur Abfallreduzierung ...............................................47
5.1.7Diskussion der Ergebnisse „Pavillon“ ...........................................................49
5.2Fallbeispiel Baumwollzelt..........................................................................................51
5.2.1Produktkunde .............................................................................................51
5.2.2 Lebensweg des Baumwollzeltes ..................................................................52
5.2.3Stoffstromanalyse des textilen Abfallaufkommens .........................................53
5.2.3.1Stoffanalyse..................................................................................53
5.2.3.2Strukturanalyse.............................................................................53
5.2.3.3Quantifizierung..............................................................................55
InhaltsverzeichnisIII
5.2.4Akteurskette...............................................................................................57
5.2.4.1Informationsströme.......................................................................57
5.2.4.2Einfluss der Akteure auf das Abfallaufkommen................................58
5.2.4.3Ursachen für Akteursentscheidungen .............................................59
5.2.5Bewertung der textilen Abfälle .....................................................................59
5.2.6Umgesetzte Strategien zur Abfallreduzierung ...............................................60
5.2.6.1Verlängerung der Lebensdauer......................................................61
5.2.6.2Wieder- und Weiterverwendung der Zuschnittabfälle .......................66
5.2.6.3Wieder- und Weiterverwendung der Altzelte ...................................67
5.2.7Diskussion der Ergebnisse „Baumwollzelt“ ...................................................67
5.3Fallbeispiel Sicherheitsgurtband................................................................................69
5.3.1Produktkunde .............................................................................................69
5.3.2 Lebensweg des Gurtbandes ........................................................................70
5.3.3Stoffstromanalyse des textilen Abfallaufkommens .........................................71
5.3.3.1Stoffanalyse..................................................................................72
5.3.3.2Strukturanalyse.............................................................................72
5.3.3.3Quantifizierung..............................................................................73
5.3.4Akteurskette...............................................................................................75
5.3.4.1Informationsströme.......................................................................76
5.3.4.2Einfluss der Akteure auf das Abfallaufkommen................................77
5.3.4.3Ursachen für Akteursentscheidungen .............................................78
5.3.5Bewertung der textilen Abfälle .....................................................................80
5.3.6Umgesetzte Strategien zur Abfallreduzierung ...............................................81
5.3.6.1Verlängerung der Lebensdauer......................................................82
5.3.6.2Wieder- und Weiterverwendung des Altbandes
durch Autoverwerter......................................................................82
5.3.6.3Weiterverwendung des Altbandes durch den Autohersteller .............83
5.3.6.4Wiederverwertung von Garnresten.................................................83
5.3.6.5Wiederverwertung von Bandabfällen ..............................................84
5.3.6.6Weiterverwertung von Garnresten ..................................................85
5.3.6.7Weiterverwertung von Bandabfällen ...............................................86
5.3.6.8Minimierung der Masse..................................................................87
5.3.6.9Minimierung problematischer Materialien........................................87
5.3.7Diskussion der Ergebnisse „Sicherheitsgurtband“ .........................................88
6Ergebnisse....................................................................................................................... 92
6.1Strategien zur Abfallreduzierung im Lebensweg der Fallbeispiele................................92
6.1.1Umgesetzte Strategien zur Abfallreduzierung ...............................................92
6.1.2Theoretisch umsetzbare Strategien zur Abfallreduzierung .............................95
6.2Rahmenbedingungen................................................................................................97
7Zusammenfassung.........................................................................................................102
Literaturverzeichnis......................................................................................................................104
Anhang
AbkürzungsverzeichnisIV
Abkürzungsverzeichnis
BMBFBundesministerium für Bildung und Forschung
EPEA Environmental Protection Encouragement Agency
HD-PE Polyethylen hoher Dichte (high density)
KrW-/AbfG Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz
LD-PE Polyethylen niedriger Dichte (low density)
PE Polyethylen
TATechnische Anleitung
UVUltraviolett
VDA Verband der Automobilindustrie
VDIVerein deutscher Ingenieure
AbbildungsverzeichnisV
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1Definitionen und Definitionsvorschläge für den Begriff „Technische Textilien“ .............4
Abb. 2Begriffsschema textiler Produkte (nach Daimler 1975)...............................................6
Abb. 3Definition des Begriffs „Technische Textilien“............................................................7
Abb. 4Funktionen Technischer Textilien............................................................................13
Abb. 5Massenströme im Bilanzsystem Produktlinie...........................................................28
Abb. 6Darstellung wesentlicher Beziehungen für das Management
von Stoffströmen (vgl. De Man 1997)......................................................................29
Abb. 7Abbildung des untersuchten Pavillons.....................................................................38
Abb. 8Hauptlinie der textilen Kette (Pavillon).....................................................................39
Abb. 9Textile Abfallströme im Lebensweg des Pavillons.. ..................................................40
Abb. 10 Informationsströme zwischen den Akteuren der untersuchten
Lebenswegphasen (Pavillon)..................................................................................43
Abb. 11 Textile Abfallströme, die verwertet werden ..............................................................48
Abb. 12 Massenströme des Polyethylengewebes im Lebensweg des Pavillons ......................48
Abb. 13 Hauptlinie der textilen Kette (Baumwollzelt).............................................................52
Abb. 14 Textile Abfallströme im Lebensweg des Baumwollzeltes. .........................................54
Abb. 15 Abbildung des exemplarisch untersuchten Baumwollzeltes
(Panther Primitives 2002).......................................................................................55
Abb. 16 Informationsströme zwischen den Akteuren der untersuchten
Lebenswegphasen (Baumwollzelt)..........................................................................57
Abb. 17 Textile Abfallströme, die verwertet und verwendet werden .......................................60
Abb. 18 Jährliche Massenströme der textilen Abfälle im Lebensweg
des Baumwollzeltes in den USA .............................................................................61
Abb. 19 Fördernde Faktoren für die Umsetzung der Strategie
„Verlängerung der Lebensdauer“ ............................................................................65
Abb. 20 Hauptlinie der textilen Kette (Sicherheitsgurtband)...................................................70
Abb. 21 Textile Abfallströme im Lebensweg des Sicherheitsgurtbandes ................................73
Abb. 22 Textile Abfälle in der Weberei und der Systemherstellung........................................74
Abb. 23 Berechnung der Masse der textilen Bandabfälle pro Gurtband
in den Phasen Weberei und Systemherstellung .......................................................74
Abb. 24 Informationsströme zwischen den Akteuren der untersuchten
Lebenswegphasen (Sicherheitsgurtband)................................................................76
Abb. 25 Einflussfaktoren auf die Masse an Bandabfall ..........................................................79
Abb. 26 Textile Abfallströme, die verwendet und verwertet werden .......................................81
TabellenverzeichnisVI
Tabellenverzeichnis
Tab.1Kriterien zur Strukturierung des Produktbereichs der Technischen Textilien................8
Tab.2Masse und Anteil unterschiedlicher Faserarten zur Herstellung Technischer
Textilien in Westeuropa im Jahr 1995 (N.N. 1997).....................................................8
Tab. 3Weltweiter Verbrauch Technischer Textilien in Bezug auf die textile Verarbeitung
in den Jahren 1985, 1995 und 2005 (Prognose), (Rigby 1997) ...................................9
Tab. 4Einteilung der Technischen Textilien nach der Branche............................................10
Tab. 5Masse der weltweit in den Jahren 1985, 1995 und 2005 (Prognose) hergestellten
Technischen Textilien, unterteilt nach Branchen (Rigby 1997)..................................11
Tab. 6Zuordnung der Strategien zur Abfallreduzierung zur Systematik des KrW-/AbfG
und der Systematik von Huber................................................................................25
Tab. 7Auswahlkriterien und entsprechende Eigenschaften der drei ausgewählten
Technischen Textilien ............................................................................................32
Tab. 8Umfang der schriftlichen und mündlichen Befragung der Experten............................35
Tab. 9Masse und Größe des Zuschnittabfalls und des Altgewebes eines einzelnen
Pavillons sowie aller Pavillons, die in Deutschland jährlich entsorgt werden. .............42
Tab. 10 Masse der textilen Abfälle im Lebensweg des Baumwollzeltes .................................57
Tab. 11 Masse der Bandabfälle ..........................................................................................75
Tab. 12 Umgesetzte Strategien zur Abfallreduzierung im Lebensweg der
ausgewählten Technischen Textilartikel..................................................................93
Tab. 13 Strategien zur Abfallreduzierung, die ein nennenswertes Abfallreduzierungs-
potenzial im Lebensweg des jeweiligen Fallbeispiels versprechen............................97
Einleitung 1
1 Einleitung
Unsere derzeitige Wirtschaftsweise ist geprägt durch den zunehmenden Verbrauch von Roh-
stoffen, die zu einem Teil nicht erneuerbar sind, und der Produktion von nicht oder nur schwer
abbaubaren Stoffen, die sich in der Umwelt anreichern. Beides führt zu einer Veränderung der
Umweltsituation, die sich beispielsweise in einer Zunahme anthropogener Schad stoffe im Boden,
der Verringerung der Ozonschicht oder der steigenden Kohlendioxidkonzentration in der
Atmosphäre äußert. Einen möglichen Ausweg aus dieser Entwicklung bietet ein Wirtschaften,
das sich am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung orientiert. Diese wird umschrieben als eine
dauerhafte Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die
Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und
ihren Lebensstil zu wählen (Brundlandt 1987). Um sich diesem Leitbild zu nähern, müssen
anthropogen erzeugte Stoffströme reduziert und dahingehend verändert werden, dass Abfälle
die Qualität von Stoffen annehmen, die für die Herstellung neuer Produkte verwendet oder
problemlos in den Naturhaushalt zurückgeführt werden können (vgl. Hofmeister 1998).
In der vorliegenden Arbeit wird der Produktbereich der Technischen Textilien danach untersucht,
welche Strategien zur Reduzierung textiler Abfälle umgesetzt werden und inwieweit sich damit
erste praktische Ansätze für eine Annäherung an das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung
zeigen. Die Technischen Textilien wurden gewählt, da sie mengenmäßig bedeutend sind,
Wachstumstendenzen zeigen und ein großes Innovationspotenzial besitzen. Daneben sind die
Technischen Textilien im Gegensatz zu den Bekleidungstextilien, zu denen eine beachtliche
Anzahl von Studien über die ökologischen Auswirkungen der textilen Kette vorliegt, bislang einer
systematischen Untersuchung entgangen.
Im Jahr 1993 bestand fast die Hälfte der Masse der in Deutschland hergestellten Textilien aus
Technischen Textilien, während die Bekleidung nur rund 20 Prozent der textilen Produktion
ausmachte (Dönnebrink 1998). Untersuchungen des Marktes prognostizieren für das Segment
der Technischen Textilien zukünftig eine hohe Wachstumsgeschwindigkeit (vgl. zum Beispiel
Rigby 1997). Eine wichtige Ursache dieser Entwicklung ist, dass die deutsche Textilindustrie mit
Technischen Textilien ihr Überleben sichert. Während die Produktion von Bekleidungstextilien
mit ihren Standardqualitäten Deutschland in Richtung billiger produzierendes Ausland verlässt
beziehungsweise bereits verlassen hat, versucht die verbleibende Textilindustrie bislang
erfolgreich durch Materialinnovationen, Spezialisierungen, verstärkte Kontakte zum Kunden und
der Suche nach neuen Anwendungsbereichen konkurrenzfähig zu bleiben.
Aus der Abfallperspektive sind die Technischen Textilien auch deshalb interessant, weil die für
diesen Bereich entwickelten Fasern und Gewebe zunehmende Verbreitung im Bereich der Be-
kleidung finden. So scheint es, dass Innovationen für Bekleidungsmode vorwiegend durch die
Verwendung neuer Stoffe, insbesondere aus dem Bereich der Technischen Textilien, erwartet
werden (vgl. Magerl, Schlotfeldt 1998). Zur Zeit werden beispielsweise in der Ober- und Sportbe-
kleidung originär technische Materialien wie hochfeste Nylonfasern, Karbonfasern oder Mischun-
gen aus Polyamid und Elasthan, die für eine matte und glänzende Oberfläche sorgen, angeboten
(vgl. Gehrmann 2001).
Übergreifendes Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den Produktbereich der Technischen Textilien
aus der Abfallperspektive zu untersuchen und so einen Beitrag zur Abfallreduzierung zu leisten.
Einleitung 2
Unter dem Begriff der Abfallreduzierung werden hier sowohl die Maßnahmen der Abfallver-
meidung, die vor Entstehung des Abfalls greifen und zu einer Verminderung der Menge und der
Schädlichkeit von Abfällen führen (Enquete-Kommission 1994), als auch die Maßnahmen der
Abfallverminderung in Form der stofflichen Verwertung von Abfällen zusammengefasst. Dagegen
wird die Beseitigung von Abfällen in Form der Verbrennung oder Deponierung sowie die
energetische Verwertung von Abfällen hier nicht als Abfallreduzierung bezeichnet. Die
vorliegende Arbeit nähert sich dem Ziel, einen Beitrag zur Abfallreduzierung zu leisten, induktiv
mit der Analyse von drei ausgewählten Technischen Textilartikeln, deren Lebensweg mit der
Methode des Stoffstrommanagements untersucht wird. Die Arbeit beschränkt sich dabei auf
textile Abfälle.
Die Ziele der Untersuchung sind, die Menge und die Gefährlichkeit der textilen Abfälle im
Lebensweg der Fallbeispiele zu ermitteln und sowohl die Entscheidungen der Akteure, die zur
Entstehung textiler Abfälle führen, als auch die Ursachen dieser Entscheidungen ausfindig zu
machen. Weitere Ziele liegen in der Analyse der Strategien zur Abfallreduzierung, die im Lebens-
weg der ausgewählten Technischen Textilartikel bislang umgesetzt werden, ihrer Reichweite und
Wirksamkeit und der Faktoren, die die Umsetzung hemmen oder fördern. Daneben soll ermittelt
werden, durch welche Maßnahmen textile Abfälle im Lebensweg der ausgewählten Technischen
Textilartikel wirksam reduziert werden könnten.
Zentrale Fragestellungen der Arbeit sind, ob textile Abfälle in Bezug auf ihre Menge und/oder
ihre Gefährlichkeit für Mensch und Umwelt relevant sind und wenn ja, inwieweit sich im
Produktbereich erste Entwicklungen in Richtung nachhaltiger Entwicklung zeigen. Daneben wird
danach gefragt, welche Faktoren eine Umsetzung von Strategien zur Abfallreduzierung hemmen
oder fördern. Der Arbeit liegen die Hypothesen zu Grunde, dass die textilen Abfälle in der
Produktlinie der Technischen Textilien sowohl in Bezug auf ihre Masse als auch auf ihre
Gefährlichkeit relevant sind und dass eine Umsetzung von Strategien zur Abfallreduzierung
durch Faktoren gehemmt wird, die nur zu einem geringen Teil stofflicher oder technischer und in
der Regel ökonomischer Natur sind. Es wird angenommen, dass Ansätze einer nachhaltigen
Entwicklung im Produktbereich der Technischen Textilien bislang „kaum Wurzeln geschlagen“
haben.
Das Design der vorliegenden Arbeit sieht zunächst in Kapitel zwei eine Definition des Begriffs
„Technische Textilien“ vor. Daneben wird hier der Produktbereich strukturiert, um eine Basis für
die Auswahl der Fallbeispiele zu schaffen. Einzelne Kriterien zur Strukturierung Technischer
Textilien werden der Auswahl zu Grunde gelegt, mit dem Ziel, die Vielfalt des Produktbereichs in
den Fallbeispielen abzubilden.
In Kapitel drei wird das Konzept Stoffstrommanagement vorgestellt. Das Stoffstrommanagement
dient in der vorliegenden Arbeit zum einen als Methode zur Untersuchung des Lebensweges der
ausgewählten Technischen Textilartikel. Zum anderen wird der Lebensweg der ausgewählten
Produkte auf Ansätze des Stoffstrommanagements, also Ansätze einer unmittelbaren und
systematischen Beeinflussung anthropogener Stoffströme (vgl. Hofmeister 1998), untersucht, die
die Reduzierung textiler Abfälle zum Ziel haben. Die Untersuchung basiert auf sechs Strategien
zur Abfallreduzierung, die in Kapitel drei genannt und diskutiert werden.
Einleitung 3
Das Untersuchungsdesign der Arbeit sowie die Methodik der Auswahl der Fallbeispiele, der
Befragung der Expert/innen und der Auswertung der Informationen werden in Kapitel vier
erläutert.
Das fünfte Kapitel gibt die Ergebnisse der Untersuchung der drei Fallbeispiele wieder. Dar-
gestellt werden die Strukturen der Produktlinien, die relevanten textilen Stoffströme, die Ent-
scheidungen der Akteure, durch die der textile Abfall verursacht wird, sowie die Ursachen für
diese Entscheidungen. Daneben werden die umgesetzten Strategien zur Abfallreduzierung, die
Faktoren, die eine Umsetzung dieser Strategien hemmen oder fördern, sowie spezifische
Rahmenbedingungen der Fallbeispiele, die das Abfallaufkommen beeinflussen, erläutert.
In Kapitel sechs werden die Strategien zur Abfallreduzierung, die im Lebensweg der ausgewähl-
ten Technischen Textilartikel bislang umgesetzt werden, zusammenfassend dargestellt und in
Bezug auf ihren Umfang und ihre Reichweite bewertet. Daneben wird diskutiert, welche Strate-
gien sich für die einzelnen Fallbeispiele, unabhängig von den bestehenden restriktiven Rahmen-
bedingungen, eignen würden. Abschließend wird zusammenfassend dargestellt, wie sich die zur
Zeit existierenden Rahmenbedingungen auf das textile Abfallaufkommen im Lebensweg der Fall-
beispiele auswirken und durch welche veränderten Rahmenbedingungen eine Reduzierung der
textilen Abfälle unterstützt werden könnte.
Kapitel 2 – Produktbereich Technische Textilien 4
2 Produktbereich Technische Textilien
Im folgenden Kapitel werden verschiedene Definitionsvorschläge für Technische Textilien
genannt und diskutiert. Eine Definition wird gewählt, die das in der vorliegenden Arbeit betrach-
tete Untersuchungsfeld abgrenzen soll. Der Produktbereich der Technischen Textilien, der sich
durch eine ausgesprochene Vielfalt kennzeichnen lässt, wird strukturiert nach Anwendungs-
bereichen, Eigenschaften und der Produktgestalt. Die zur Strukturierung verwendeten Kriterien
werden der späteren Auswahl der Fallbeispiele zu Grunde gelegt (vgl. 4.2).
2.1 Definitionsvorschläge
Eine einheitliche Definition des Begriffs „Technische Textilien“ existiert bislang nicht. In Publika-
tionen zum Thema Technische Textilien wird der Begriff entweder nicht definiert oder es werden
neue Definitionen oder Definitionsvorschläge entwickelt. Für die vorliegende Arbeit werden Defi-
nitionen des Begriffs aus Lexika, von Textilverbänden und sonstigen Organisationen dargestellt
und diskutiert. Als Ergebnis wird eine Definition ausgewählt, mit deren Hilfe der in der Arbeit
betrachtete Produktbereich abgegrenzt wird. In der folgenden Abbildung sind Definitionen bzw.
Definitionsvorschläge dargestellt.
Chemiefaser-Lexikon (Koslowski 1997, S. 159-160): „Technische Textilien, für Anwendung in
technischen Einsatzgebieten. Zusammen mit Bekleidungs-, Haus- und Heimtextilien bilden sie
die Textilbranche“.
Textil-Fachwörterbuch (Kiessling, Matthes 1993, S. 370-371): „Technische Textilien, Sam-
melbegriff für zu industriellen Zwecken verwendete Textilerzeugnisse. (...) Sie werden zum Teil
in wirtschaftlichen Produktionsstraßen erzeugt.“
Altenhövel, Forschungsstelle für allgemeine und textile Marktwirtschaft (1997, S. 2): „Der
Begriff Technische Textilien wird in der Regel negativ abgegrenzt. Nach dieser Definition sind
Technische Textilien alle Textilien, die nicht zu Bekleidungs-, Haus- und Heimtextilien
gehören.“
Egbers, Direktor des Instituts für Textil- und Verfahrenstechnik, Denkendorf (1986): Eine
Abgrenzung der Technischen Textilien von den sonstigen Textilien ist schwierig, da die Gren-
zen zwischen Technik und Textil im klassischen Sinne fließend sind. Technische Textilien sind
geprägt durch den Werkstoff aus dem sie gefertigt sind und durch den Einsatzzweck.
Begemann, Gesamtverband der Textilindustrie in der Bundesrepublik Deutschland (1998):
Eine einheitliche Definition des Begriffs „Technische Textilien“ wird sich kaum finden, da sich
die Einsatzgebiete für Technische Textilien ständig ausweiten. Durch die Anwendungen
Technischer Textilien lässt sich zumindest der Bereich der Technischen Textilien von
Bekleidungstextilien sowie Haus- und Heimtextilien abgrenzen.“
Kapitel 2 – Produktbereich Technische Textilien 5
Daimler (1975, S. 41): „Technische Textilien sind Halbfabrikate, die zum Teil in mehreren
Verarbeitungsstufen (thermisch, mechanisch und chemisch) zu Halbfertigfabrikaten bearbeitet
werden. Hier spielt auch die Vereinigung mit anderen, zum Teil nichttextilen Stoffen eine be-
deutende Rolle. „Technische Textilien erfüllen Hilfs- oder Schutzfunktionen in Verbrauchs- und
Gebrauchsgütern außerhalb üblicher Bekleidung und Heimtextilien sowie bei der Produktion
von Gütern und Leistungen“.
Fachinformationszentrum Technik (1997): „Technische Textilien sind in einer weiten
Abgrenzung alle Textilien, die nicht in die Verwendungsbereiche Bekleidung, Heim- und
Haustextilien einzuordnen sind. Sie unterscheiden sich von den anderen Gruppen durch
besondere physikalische, chemische oder anwendungstechnische Eigenschaften.“
Jänicke, Messe Frankfurt, Techtextil (1998): „Eine einheitliche Definition des Begriffs
`Technische Textilien` gibt es bisher nicht. Es setzt sich jedoch mehr und mehr die Definition
durch, dass Technische Textilien solche Textilien sind, die für technische Anwendungen
eingesetzt werden. Mit anderen Worten: Der Einsatz/die Anwendung bestimmt die Eingruppie-
rung. Diese Definition trifft sicher in den allermeisten Fällen zu, jedoch gibt es auch eine ganze
Reihe von Feldern, wo sich die Frage stellt, ist der Einsatz noch Bekleidung oder z.B. eine
eher innovativ ausgerichtete Schutzfunktion. Als Beispiel seien hier die `off-shore-Anzüge`,
Rennfahreroveralls usw. genannt.“
Rigby David, Associates, Marktforschungs- und Consultingunternehmen (1997): Technische
Textilien sind alle auf Fasern und Garnen basierende Produkte, die später zu Endprodukten
verarbeitet werden und vornehmlich technischen bzw. praktischen anstatt ästhetischen
Zwecken dienen. D.h. die fertig konfektionierten Endprodukte, die aus technischen Textilien
hergestellt werden, zählen nicht dazu, ebensowenig Fasern und Garne. Technische Textilien
sind demnach Vorprodukte bzw. halbfertige Produkte.
Abb. 1: Definitionen und Definitionsvorschläge für den Begriff „Technische Textilien“
Neben der bislang fehlenden einheitlichen Definition des Begriffs „Technische Textilien“ belegen
einzelne Aussagen in den oben genannten Definitionsvorschlägen, wie schwierig eine genaue
Abgrenzung des Produktbereichs von den sonstigen Textilien ist. Die Mehrzahl der Definitionen
grenzt die Technischen Textilien nach dem Anwendungsbereich ab. Oftmals über eine Negativ-
abgrenzung, nach der Technische Textilien die Textilien sind, die weder zur Bekleidung noch zu
den Haus- und Heimtextilien gehören. Eine positive Abgrenzung des Produktbereichs findet sich
nur in der Definition von Jänicke (1998) und der Definition aus dem Chemiefaser-Lexikon (1997).
Hier sind Technische Textilien solche Textilien, die in technischen Bereichen verwendet werden.
Diese positive Abgrenzung schränkt den Produktbereich sehr stark ein. Die negativen Abgren-
zungen lassen unberücksichtigt, dass es Überschneidungen insbesondere zwischen den Beklei-
dungs- und den Technischen Textilien gibt. So zählt die Schutzbekleidung, zum Beispiel die
Arbeitsbekleidung der Feuerwehr, allgemein zu den Technischen Textilien. Auch die Schulter-
polster oder Futterstoffe von Bekleidungstextilien werden zu den Technischen Textilien gerech-
net und nicht zum Bereich Bekleidung.
Kapitel 2 – Produktbereich Technische Textilien 6
Nur wenige Definitionen grenzen die Technischen Textilien nach ihren Eigenschaften ab. Das
Fachinformationszentrum Technik (1997) nennt in seiner Definition die besonderen thermischen,
mechanischen und chemischen Eigenschaften der Technischen Textilien. Das Marktforschungs-
und Consultingunternehmen David Rigby Associates (1997) grenzt Technische Textilien auf
Grund der anscheinend eher praktischen und technischen Eigenschaften von den anscheinend
eher ästhetischen Eigenschaften der Bekleidungs-, Haus- und Heimtextilien ab. Da sich die
Eigenschaften von Technischen Textilien und sonstigen Textilien gleichen können, erscheint
eine Abgrenzung auf der Grundlage der Gewebeeigenschaften als nicht sinnvoll. So werden
einzelne Technische Textilien aus einem Gewebe hergestellt, dass in den Bereichen Bekleidung,
Haus- und Heimtextilien gebräuchlich ist. Daneben wird verstärkt spezifisches Gewebe aus dem
Produktbereich Technischer Textilien für die Herstellung von Bekleidung verwendet (Magerl,
Schlotfeldt 1998). Auch der konstruierte Gegensatz zwischen den praktischen oder technischen
Eigenschaften Technischer Textilien und den ästhetischen Eigenschaften der sonstigen Textilien
übersieht, dass das Kriterium der Ästhetik in wichtigen Bereichen der Technischen Textilien -
beispielsweise im Freizeitbereich oder im Bereich der Schutztextilien – ein wesentliches
Kriterium ist.
Das Technische Textil wird in verschiedenen Produktionsstufen von der Faser bis zum Halb-
fertigprodukt produziert. Anschließend wird es in der Regel mit nichttextilen Produkten verbun-
den. Nicht alle Produkte der einzelnen Produktionsschritte gelten als Technische Textilien. Ein
Teil der Definitionen Technischer Textilien berücksichtigt die Phase in der Produktionskette, in
der das textile Produkt als Technisches Textil bezeichnet werden kann. Für Daimler (1975) stellt
das textile Halbprodukt vor der Ausrüstung das Technische Textil dar. Das Produkt nach der
Ausrüstung bezeichnet er dagegen als Technischen Textilartikel. Zur Ausrüstung zählt er neben
der chemischen und mechanischen Ausrüstung auch das Kleben, Nähen oder Einbetten des
Textils in Kunststoff. In Abb. 2 sind die einzelnen textilen Produkte des Herstellungsprozesses
dargestellt. Aus der Abbildung ist erkennbar, dass das Technische Textil aus Technischen
Fasern besteht, die selbst nicht als Technische Textilien bezeichnet werden. Diese Technischen
Fasern umfassen textile Fasern, also Fasern, die auch für die Herstellung von Bekleidungs-,
Haus- und Heimtextilien verwendet werden und Technische Fasern im engeren Sinne, die
speziell für Technische Textilien entwickelt wurden. Zu ihnen zählen „High-tech-Fasern“ wie
Kevlar und Karbonfasern, aber auch Polyethylenbändchen und hochfestes Polyester.
Abb. 2: Begriffsschema textiler Produkte (nach Daimler 1975)
Fasern
allgemein
Technische
Textilien
Technische
Fasern im
engeren Sinne
Technische
Fasern
Technische
Textilartikel
Kapitel 2 – Produktbereich Technische Textilien 7
In diesem Sinne stellen die im Rahmen dieser Arbeit untersuchten Fallbeispiele eigentlich Tech-
nische Textilartikel dar. Da der Begriff aber relativ ungebräuchlich ist, wird im Folgenden teil-
weise auch dann der Begriff Technische Textilien verwendet, wenn eigentlich Technische Textil-
artikel gemeint sind.
Auch das Marktforschungs- und Consultingunternehmen David Rigby Associates (1997) definiert
Technische Textilien als auf Fasern und Garnen basierende Vorprodukte oder halbfertige Pro-
dukte, die später zu Endprodukten verarbeitet werden. Weder die fertig konfektionierten End-
produkte noch die Fasern und Garne werden als Technische Textilien bezeichnet. Der Produk-
tionsschritt sollte in der Definition Technischer Textilien berücksichtigt werden, um beispiels-
weise die Masse der produzierten Technischen Textilien bestimmen zu können und Mehrfach-
zählungen zu vermeiden. Soll beispielsweise die Masse der in der Europäischen Union herge-
stellten Technischen Textilien für die Verwendung in Airbags ermittelt werden, so darf bei der
Berechnung lediglich die Masse des Gewebes vor der Ausrüstung berücksichtigt werden. Das
Filamentgarn zur Herstellung des Gewebes zählt zu den Technischen Fasern, das ausgerüstet
Gewebe bereits zu den Technischen Textilartikeln.
In der Definition des Textil-Fachwörterbuches (1993) werden Technische Textilien als Textilien
definiert, die für industrielle Zwecke eingesetzt werden. Diese Definition ist veraltet. Früher
wurde besonders in angelsächsischen Ländern nicht von Technischen Textilien sondern von
Industrietextilien gesprochen (vgl. Daimler 1975). Heute stellen die Industrietextilien nur noch
den Teilbereich der Technischen Textilien dar, die in in dustriellen Prozessen eingesetzt werden.
Am sinnvollsten erscheint als Definition für Technische Textilien die Negativabgrenzung des
Produktionsbereichs, ergänzt um den Teil der Bekleidungstextilien, der zu den Technischen
Textilien gezählt wird. Zusätzlich wird die Produktionsstufe berücksichtigt. Für die vorliegende
Arbeit wird der Begriff der Technischen Textilien wie folgt bestimmt:
Technische Textilien sind Vorprodukte oder Halbfertigprodukte (Produkte vor der Einarbeitung
in das Endprodukt und nach dem Faser- und Garnzustand), die nicht in den Bereichen Beklei-
dung, Haus- und Heimtextilien verwendet werden. Zusätzlich werden zu den Technischen Tex-
tilien die spezifische Schutzbekleidung und die Bestandteile von Bekleidung gezählt, die
Verfüllungs- oder Stützfunktionen besitzen.
Abb. 3: Definition des Begriffs „Technische Textilien“
2.2 Strukturierung des Produktbereichs
Auf Grund der Vielfalt der Technischen Textilien – so zählen hierzu Textilien wie Nähfäden für
den chirurgischen Bedarf, Geotextilien zum Schutz im Deponiebau, Überdachungen von Gebäu-
den oder Filtermaterialien – ist eine Strukturierung des Produktbereichs sinnvoll. Die folgende
Einteilung dient darüber hinaus auch der Auswahl von drei Technischen Textilartikeln, die im
Rahmen dieser Arbeit untersucht wurden. Zu den Kriterien, die eine relativ einfache Zuordnung
der Technischen Textilien erlauben, da sie keine aufwendige Untersuchung der jeweiligen Pro-
duktlinie erfordern, zählen die Produktgestalt, der Anwendungsbereich und die Eigenschaften
des Technischen Textils. Diese Kriterien werden in Tab. 1 dargestellt.
Kapitel 2 – Produktbereich Technische Textilien 8
Tab. 1: Kriterien zur Strukturierung des Produktbereichs der Technischen Textilien
ProduktgestaltAnwendungsbereichEigenschaften
FaserartBranche Funktion
Textile Verarbeitung Verarbeitende IndustrieQualitätsniveau
Private/öffentliche/
industrielle Anwendung
Nutzungsdauer
Die Produktgestalt kann weiter unterteilt werden in die Art der verwendeten Fasern und die
textile Verarbeitung des Technischen Textils. Bei der Unterteilung nach dem Anwendungs-
bereich kann das Technische Textil nach der Branche eingeteilt werden, in der es genutzt wird,
nach dem Industriezweig, in dem es verarbeitet wird oder danach, ob es sich bei den Nutzern um
die Industrie, öffentliche Einrichtungen oder Privatpersonen handelt. Auch die Eigenschaften der
Technischen Textilien sind weiter differenzierbar in die Funktion, die zu einem bestimmten Teil
die Eigenschaften bestimmt, das Qualitätsniveau sowie die Nutzungsdauer.
2.2.1Produktgestalt
Faserart
Technische Textilien können nach der Faserart unterteilt werden, aus der sie bestehen. Hier
können zunächst Textilien aus Naturfasern von den Textilien aus Chemiefasern unterschieden
werden, wobei weitere Unterteilungen möglich sind. In Tab. 2 ist die Menge und der Anteil men-
genmäßig bedeutender Chemiefasern, der Baumwolle, der Wolle und sonstiger Fasern dar-
gestellt, die 1995 in Westeuropa zu Technischen Textilien verarbeitet wurden.
Tab. 2: Masse und Anteil unterschiedlicher Faserarten zur Herstellung Technischer Textilien
in Westeuropa im Jahr 1995 (N.N. 1997)
Faserart Menge zur Verwendung in
Technischen Textilien [t]
Anteil in Technischen
Textilien [%]
Polyester350.000 27
Polypropylen 330.000 26
Polyamid/Polyacryl160.000 12
Cellulosische Fasern 230.000 18
Sonstige Chemiefasern 30.000 2
Baumwolle 181.000 14
Wolle und andere Fasern 13.000 1
Gesamt1.294.000 100
Kapitel 2 – Produktbereich Technische Textilien 9
Insgesamt wurden 1995 85% der in Westeuropa verarbeiteten Technischen Textilien aus Che-
miefasern hergestellt und nur 14% aus Baumwolle. Die meistverwendete Chemiefaser war Poly-
ester, gefolgt von Polypropylen und cellulosischen Fasern.
Besondere „High-tech-Fasern“ wie Kevlar und Karbonfasern sind in der Gruppe der sonstigen
Fasern zusammengefasst, die nur einen Anteil von 2% an den Technischen Textilien ausmach-
ten. Bei der Einteilung nach der Faserart ist zu berücksichtigen, dass sich viele Technische Tex-
tilien aus einer Mischung verschiedener Faserarten zusammensetzen. Aktuellere Zahlen als die
in der oben angegebenen Tabelle liegen leider nicht vor, da insbesondere aus den Zahlen des
Statistischen Bundesamtes die Rohstoffzusammensetzung der in der Bundesrepublik verfüg-
baren Technischen Textilien nicht zu erfassen ist. Die amtliche Statistik schlüsselt zum Beispiel
nicht alle Rohstoffmischungen auf und macht bei teiltextilen Produkten keine genauen Angaben
zu den Rohstoffen der textilen Zutaten.
Textile Verarbeitung
Technische Textilien können nach ihrer textilen Verarbeitung unterteilt werden erstens in Fasern
und Garne, zweitens in Gewebe, Gestricke und Gewirke, drittens in Vliesstoffe und Filzprodukte
sowie viertens in Composites (vgl. Rigby 1997). Die Gruppe der Vliesstoffe und Filzprodukte wird
auch als Nonwovens bezeichnet. Composites sind Textilien, die mit einem oder mehreren
anderen Materialien auf makroskopischer Ebene zu einem Werkstoff verbunden sind (vgl.
Rouette 1995). Sie werden auch Verbundstoffe genannt. Um den Anteil der einzelnen textilen
Verarbeitungsarten an den Technischen Textilien abschätzen zu können, wird in Tab. 3 der welt-
weite Verbrauch Technischer Textilien in Abhängigkeit von der textilen Verarbeitung in den
Jahren 1985, 1995 und für das Jahr 2005 (Prognose) dargestellt. In der Tabelle sind die zwei
Produktgruppen Fasern und Garne sowie Gewebe, Gestricke und Gewirke zusammengefasst.
Tab. 3: Weltweiter Verbrauch Technischer Textilien in Bezug auf die textile Verarbeitung in
den Jahren 1985, 1995 und 2005 (Prognose), (Rigby 1997)
Masse
1985
[1.000 t]
Anteil
[%]
Masse
1995
[1.000 t]
Anteil
[%]
Masse
2005
[1.000 t]
Anteil
[%]
jährliches
Wachstum
[%]
85-95
jährliches
Wachstum
[%]
95-05
Fasern, Garne, Ge-
webe, Gestricke,
Gewirke
2.629 433.406 374.096 312,61,9
Nonwovens1.257 212.506 274.300 327,15,5
Composites887151.492 162.581 195,35,6
Andere Textilien1.289 211.917 212.711 204,03,5
Summe6.062 1009.321 10013.6881004,43,9
Etwa ein Fünftel der Textilmenge kann den Produktgruppen Fasern, Garne, Gewebe, Gestricke,
Gewirke, Nonwovens und Composites nicht zugeordnet werden.
Kapitel 2 – Produktbereich Technische Textilien 10
Eine Ursache hierfür liegt in der unzureichenden Differenzierung der Daten, die den Verfassern
der Marktstudie zur Verfügung standen (Rigby 1997). Sie sind in der Tabelle unter dem Begriff
„andere Textilien“ aufgeführt.
Aus der Tabelle ist ersichtlich, dass der Anteil der Fasern, Garne, Gewebe, Gestricke und Ge-
wirke an den Textilprodukten sinkt, während der Anteil der Nonwovens und der Composites
weiterhin steigt. Nach dieser Prognose wird die Gruppe der Vliesstoffe (Nonwovens) im Jahr
2005 die mengenmäßig größte Gruppe im Produktbereich der Technischen Textilien sein.
2.2.2Anwendungsbereich
Branche
Die Einteilung der Technischen Textilien nach der Branche in der sie angewendet werden, wurde
von der Fachmesse Techtextil in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungs- und Consulting-
unternehmen David Rigby Associates erarbeitet (Rigby 1997). Technische Textilien werden hier
einer von zwölf Branchen zugeordnet, die in Tab. 4 genannt und erläutert werden.
Tab. 4: Einteilung der Technischen Textilien nach der Branche
BrancheAnwendungsbereicheBeispiele
Agrotech Land- und ForstwirtschaftNetze, Schnüre zum Fischen, Vliesstoffe für
den Transport von Feuchtigkeit und Dünger
BuildtechBauwesenTextilien und Verbundstoffe für den Bau von
dauerhaften und temporären Gebäuden
ClothtechTechnische Komponenten von Be-
kleidung und Schuhen
Schuhfutterstoffe, Nähzwirn und Vliesstoffe
in der Konfektion (Ehrler, Maute 1986)
GeotechErdbauNetze zur Verstärkung weicher Baugründe,
Vliesstoffe zur Uferbefestigung
HometechWohnbereich außerhalb der Haus-
und Heimtextilien
Unterlagen von Teppichböden, Polsterungen
von Möbeln (Ehrler, Maute 1986)
IndutechIndustrie und Gewerbe Flexible Behälter, Filter und Dichtungen
MedtechGesundheit und HygieneWundverbände, chirurgische Textilien und
medizinische Schutzkleidung
MobiltechPassagier- und GütertransportAirbags, Schläuche und Bänder
OekotechUmweltschutzGeotextilien, Filter, Dämmstoffe
PacktechAufnahme, Beförderung und La-
gerung von Gütern
Gewebe für Säcke, flexible Großbehälter,
Umhüllungen für Nahrungsmittel
ProtechSchutz von Personen u.a.Schutztextilien gegen Schüsse, Feuer,
gefährliche Chemikalien, extreme Kälte
SporttechSport und FreizeitSegeltücher, Ballongewebe, Paragleiter- und
Fallschirmgewebe, Seile, Zelte, Schlafsäcke
Kapitel 2 – Produktbereich Technische Textilien 11
Die Masse und der Anteil der Technischen Textilien, die in den oben dargestellten Branchen in
den Jahren 1985 und 1995 eingesetzt wurden und nach einer Prognose im Jahr 2005 eingesetzt
werden, sind in Tab. 5 dargestellt (Rigby 1997).
Tab. 5: Masse der weltweit in den Jahren 1985, 1995 und 2005 (Prognose) hergestellten
Technischen Textilien, unterteilt nach Branchen (Rigby 1997)
BrancheMasse
1985
[1.000 t]
Anteil
[%]
Masse
1995
[1.000 t]
Anteil
[%]
Masse
2005
[1.000 t]
Anteil
[%]
jährliches
Wachstum
[%]
85-95
jährliches
Wachstum
[%]
95-05
Mobiltech1.408 231.918 212.483 183,12,6
Indutech980161.523 162.344 174,54,4
Hometech854141.439 152.259 175,34,6
Medtech703121.177 131.652 125,33,4
Buildtech508884991.266 95,34,1
Agrotech554974181.021 73,03,3
Clothtech5058647782462,52,5
Packtech2785423565854,34,5
Geotech992251357449,78,6
Sporttech1272237339036,55,1
Oekotech(88)(1)(167)(2)(305)(2) (6,6) (6,2)
Protech4511171215210,16,3
Summe6.061 1009.322 10013.6861004,43,9
Ein Großteil der Technischen Textilien wird in den Branchen Mobiltech, Indutech und Hometech
verwendet. Da sich die Branche Oekotech mit anderen Branchen überschneidet, wird sie bei der
Berechnung der Summen nicht berücksichtigt. Die Branche mit dem größten prognostizierten
Wachstum ist der Bereich Geotech.
Verarbeitende Industrie
Technische Textilien können nach den Industrie- und Gewerbezweigen unterteilt werden, in
denen sie zu einem Teil des Endproduktes verarbeitet werden. Nach der vom Statistischen Bun-
desamt herausgegebenen Reihe „Material und Wareneingang im Bergbau und Verarbeitenden
Gewerbe“ verarbeiten folgende Gewerbe- und Industriezweige Textilien, die sie in der Regel von
der Textilindustrie beziehen (Pesch 1972):
- Autoindustrie, Luft- und Raumfahrt sowie Schiffsbau (Isoliermaterialien, Seile u.a.)
- Bekleidungs- und Textilindustrie (textile Futterstoffe, Bänder u.a.)
- Chemische Industrie (Filterstoffe, Filze, Seilereierzeugnisse u.a.)
Kapitel 2 – Produktbereich Technische Textilien 12
- Elektrotechnik (Textilien in Kabeln, Heizkissen, Staubsaugern u.a.)
- Feinmechanik/Optik (Projektionswände u.a.)
- Verarbeitung von Gummi (Reifen, Treibriemen), Holz (Möbelstoff und Polstermaterial),
Kunststoff (Textilien als Trägermaterial z.B. in Transportbändern), Leder (Textilien in
Schuhen) und Metall (Korrosionsschutzgewebe)
- Lebensmittelindustrie (Säcke, Getränkefilter, Netze u.a.)
- Maschinenbau (Gurte, Filze, Dichtungen, Seile u.a.)
- Papiererzeugende und –verarbeitende Industrie (Papiermaschinenfilze u.a.)
- Druckerei, Industrie zur Herstellung von Spielwaren und Musikinstrumenten (Textilien in
Stoffspielwaren u.a.)
- Stahl- und Leichtmetallbau, Schienenfahrzeugbau (Textilien in Dichtungsbändern, Schleif-
mitteln u.a.)
- Steine/Erden (Schutzbekleidung, Zündschnüre u.a.)
- Tabakverarbeitung (Zigarettenfilter u.a.)
Da die Erfassungsmethode des Statistischen Bundesamtes den Textileinsatz nicht in allen Textil-
und Gewerbezweigen abfragt, fehlen einzelne Industriezweige (Bäckmann 1991). Auch die
Bekleidungs- und Textilindustrie selbst gehört zu den Industriezweigen, die Technische Textilien
zur Weiterverarbeitung einkauft.
Private, öffentliche oder industrielle Anwendung
Technische Textilien lassen sich danach einteilen, ob sie im industriellen, öffentlichen oder
privaten Bereich genutzt werden. Zu den Technischen Textilien, die im industriellen Bereich
angewendet werden, zählen beispielsweise Förderbänder, Filter oder Schutzbekleidung. Im
öffentlichen Anwendungsbereich finden sich Technische Textilien beispielsweise in Kranken-
häusern, bei der Feuerwehr oder der Polizei. Zu den Technischen Textilien, die im privaten
Bereich verwendet werden, zählen u.a. Zelte und Rucksäcke. Diese Einteilung lässt, ebenso wie
die Einteilung nach dem Anwendungsbereich, keine Rückschlüsse auf die Produktgestalt zu. So
werden beispielsweise Seile, Vliesstoffe, Bänder oder Netze sowohl in privaten und öffentlichen
als auch in industriellen Anwendungen eingesetzt.
Kapitel 2 – Produktbereich Technische Textilien 13
2.2.3Eigenschaften
Funktion
Technische Textilien können nach ihrer Funktion eingeteilt werden. Sie besitzen eine oder meh-
rere der in Abb. 4 dargestellten Funktionen. Diese wurden auf der Grundlage von Arbeiten von
Ehrler und Maute (1986) und dem Arbeitgeberkreis Gesamttextil (1998) sowie eigener Überle-
gungen zusammengestellt. Zur besseren Übersicht sind in der Abbildung in den einzelnen Spal-
ten die Funktionen zusammengefasst, die sich ähneln. Da Technische Textilien in der Regel mul-
tifunktionale Produkte sind, existieren keine Prozentangaben für diese Unterteilung.
Abdeckung DekorationVerfüllungFormgebung TransportSchutz
DichtungSpeicherungVerstärkung Verbindung
Rückhaltung/
Trennung
Stützen/
Tragen
Übertragung/
Leitung
Isolierung
Abb. 4: Funktionen Technischer Textilien
Die oben angegebene Schutzfunktion kann sich mit einer oder mehrerer der anderen Funktionen
überschneiden. So kann die Schutzfunktion der Textilien beispielsweise in deren isolierenden
oder abdeckenden Funktion bestehen.
Qualitätsniveau
Technische Textilien lassen sich nach den qualitativen Anforderungen unterteilen, die von Her-
stellern, Anwendern oder auf Grund gesetzlicher Vorschriften an sie gestellt werden. Sie können
unterteilt werden in Textilien, die
- höchsten Anforderungen oder
- weniger hohen bis geringen Anforderungen entsprechen müssen.
Insbesondere im Bereich der Sicherheitstextilien werden sehr hohe Anforderungen an die Quali-
tät gestellt. Weitere Beispiele finden sich in der Medizin (Implantate) oder bei einzelnen Frei-
zeittextilien (Gewebe für Paragleiter). Daneben existieren Einsatzbereiche wie Polsterung oder
Verpackung, in denen an die Qualität der Technischen Textilien weniger hohe bis geringe
Anforderungen gestellt werden.
Nutzungsdauer
Die Nutzungsdauer bezeichnet den Zeitraum der Nutzung eines Produktes (Hirschl et al. 1998).
Der Begriff Nutzungsdauer wird in dieser Arbeit synonym mit dem Begriff der Lebensdauer
verwendet. Die Lebensdauer beschreibt „den Zeitraum der physischen Existenz eines Produktes,
welcher für Gebrauchsgüter in der Regel in Jahren angegeben wird“ (Hirschl et al. 1998, S. 21).
Kapitel 2 – Produktbereich Technische Textilien 14
Technische Textilien können nach ihrer Nutzungsdauer unterschieden werden, die beispiels-
weise vom Verwendungszweck, der Qualität der Produkte und dem Pflegeverhalten der Nutzer
abhängen kann. In Anlehnung an die Unterteilung der Nutzungsdauer von Kunststofferzeug-
nissen nach Brandrup (1995), kann die Nutzungsdauer Technischer Textilien unterteilt werden in
eine kurze Nutzungsdauer von weniger als 2 Jahren, eine mittlere Nutzungsdauer von 2 bis 10
Jahren, eine lange Nutzungsdauer von 10 bis 20 Jahren und eine sehr lange Nutzungsdauer von
mehr als 20 Jahren. Zu den Technischen Textilien mit einer sehr langen Nutzungsdauer sind
zum Teil auch die Textilien zu rechnen, die nicht beseitigt werden müssen, weil sie für einen
Einbau in die Erde oder in das Wasser bestimmt sind und mit ihrer Anwendung in diesen Berei-
chen gleichzeitig entsorgt werden. Es liegen keine quantitativen Angaben für eine Unterteilung
der Technischen Textilien nach der Nutzungsdauer vor.
Im vorliegenden Kapitel wurde der Untersuchungsbereich zunächst in Abschnitt 2.1 mit Hilfe
einer Definition eingegrenzt. Auch mit dieser Definition lassen sich nicht alle Textilien zielsicher
in die Bereiche Technische Textilien und Bekleidungs-, Haus- und Heimtextilien einteilen, da es
weiterhin Überschneidungen geben kann, die auf der Grundlage einer Definition nicht vermeid-
bar sind. Daneben wurden Kriterien für die Strukturierung des sehr vielfältigen Produktbereichs
der Technischen Textilien genannt. Teilweise wurde der Produktbereich auf der Grundlage
einzelner Kriterien quantifiziert. Anhand der Kriterien ist ersichtlich, wie heterogen die Gruppe
der Technischen Textilien ist. Mit Ausnahme der Funktion werden alle hier genannten Kriterien
zur Auswahl der Fallbeispiele verwendet (vgl. 4.2). Das Kriterium der Funktion wird nicht weiter
berücksichtigt, da kein Zusammenhang zwischen der Funktion des Technischen Textils und der
Abfallproblematik bzw. möglicher Strategien zur Abfallreduzierung erkennbar ist.
Kapitel 3 - Stoffstrommanagement15
3 Stoffstrommanagement
Der Begriff Stoffstrommanagement, der seit Anfang der 90er Jahre in der umweltpolitischen Dis-
kussion in Deutschland verwendet wird, bezeichnet eine Methodik zur Untersuchung und
Steuerung von Stoffströmen. In der vorliegenden Arbeit wurde der Lebensweg ausgewählter
Technischer Textilien mit der Methodik des Stoffstrommanagements auf Schwachstellen aus der
Abfallperspektive untersucht. Daneben wurde ermittelt, welche Strategien zur Abfallreduzierung
im Lebensweg dieser Fallbeispiele bislang realisiert werden. Der Untersuchung wurden sechs
Strategien zur Abfallreduzierung zu Grunde gelegt, die - ausgehend von den textilen Abfällen -
darauf abzielen, Stoffflüsse im Lebensweg zu steuern und zu reduzieren oder zu verändern. Die
betrachteten Strategien stellen Ansätze eines Stoffstrommanagements dar, da sie in der Regel
nur in Kooperation verschiedener Akteure in der Wertschöpfungskette umgesetzt werden
können.
Das folgende Kapitel führt in das Stoffstrommanagement ein. Die einzelnen Schritte des
Stoffstrommanagements werden beschrieben, die Managementregeln für einen ökologischen
Umgang mit Stoffen aufgeführt und der Stand des Konzeptes sowie die Lücken, die es in der
Umsetzung zur Zeit besitzt, dargestellt. Im Anschluss werden Ansätze des Stoffstrommanage-
ments in Form von sechs Strategien zur Abfallreduzierung beschrieben, auf deren Umsetzung
hin die Fallbeispiele in Kapitel fünf untersucht werden.
3.1 Einführung
Das Konzept Stoffstrommanagement wurde von der im Februar 1992 vom Deutschen Bundestag
eingerichteten Enquete-Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt – Bewertungs-
kriterien und Perspektiven für umweltverträgliche Stoffkreisläufe in der Industriegesellschaft“
erarbeitet. „Unter dem Management von Stoffströmen der beteiligten Akteure wird das zielorien-
tierte, verantwortliche, ganzheitliche und effiziente Beeinflussen von Stoffsystemen verstanden,
wobei die Zielvorgaben aus dem ökologischen und dem ökonomischen Bereich kommen, unter
Berücksichtigung von sozialen Aspekten“ (Enquete-Kommission 1994, S. 549-550). Stoffsysteme
können beispielsweise durch ein Produkt, das mehrere Stoffströme bündelt, oder einen
besonders herausragenden Stoff charakterisiert werden (Zundel et al. 1998).
Das Konzept des Stoffstrommanagements ist insbesondere deshalb attraktiv, weil es den Stoff-
strom, also den Weg eines Stoffes von seiner Gewinnung als Rohstoff über die verschiedenen
Stufen der Verarbeitung zum Endprodukt, den Gebrauch/Verbrauch des Produktes bis zur
Entsorgung in den Blick nimmt (Zundel et al. 1998). Somit können durch das Konzept des Stoff-
strommanagements im Idealfall – bei Berücksichtigung des gesamten Stoffstroms - mögliche
Verlagerungseffekte zwischen den Umweltmedien und den Lebenswegphasen sichtbar gemacht
und so die Umweltbelastungen insgesamt reduziert werden (Fritz, Henseling 2000).
Daneben macht das Konzept Stoffstrommanagement die Bedeutung der Akteure beispielsweise
im Lebensweg von Produkten sichtbar und verdeutlicht damit, dass die anthropogen erzeugten
Stoffströme – zumindest zunächst – nicht von alleine fließen.
Kapitel 3 - Stoffstrommanagement16
Das Stoffstrommanagement ist ein kooperatives Konzept, da die wesentliche Verantwortung für
die Planung und Umsetzung in der Hand der direkten Akteuren im Lebensweg, das sind die
Akteure, die direkt mit dem Stoffstrom in Kontakt kommen, liegt. Es kann dementsprechend
verstanden werden als eine Anleitung zur Selbstorganisation der in der Produktlinie miteinander
verbundenen direkten Akteure (Fritz, Henseling 2000). Die staatlichen Stellen (indirekte Akteure)
sollen die Aufgabe übernehmen, Rahmenbedingungen für ein Stoffstrommanagement zu setzen,
die die direkten Akteure dazu veranlassen, Stoffströme entsprechend zu steuern.
Das Leitbild des Stoffstrommanagements ist die nachhaltige Entwicklung (Enquete-Kommission
1994). Eine nachhaltige Entwicklung schließt ökologische, ökonomische, soziale und kulturelle
Ziele ein. Die ökologischen Ziele des Stoffstrommanagements lassen sich in Form von Regeln
für das Management von Stoffströmen darstellen, die von der Enquete-Kommission (1994) erar-
beitet wurden. Diese Regeln stellen Grundsätze für das Handeln der Akteure dar, das am oben
genannten Leitbild orientiert ist. Sie besagen:
- „Die Abbaurate erneuerbarer Ressourcen soll deren Regenerationsrate nicht überschreiten.
- Stoffeinträge in die Umwelt müssen sich an der Belastbarkeit der als Senken dienenden
Umweltmedien, also etwa der Böden, Sedimente, Ozeane oder der Atmosphäre, in allen
ihren Funktionen orientieren.
- Nicht erneuerbare Ressourcen sollen nur in dem Umfang genutzt werden, in dem ein phy-
sisch und funktionell gleichwertiger Ersatz in Form erneuerbarer Ressourcen geschaffen
wird.
- Das Zeitmaß anthropogener Einträge bzw. Eingriffe in die Umwelt muss in einem ausge-
wogenen Verhältnis zu der Zeit stehen, die die Umwelt zur Reaktion benötigt.
- Gefahren und unvertretbare Risiken für die menschliche Gesundheit durch anthropogene
Einwirkungen sind zu vermeiden“ (Friege 1999, S. 32).
3.2Schritte des Stoffstrommanagements
Die Methodik des Stoffstrommanagements kann in die Teilschritte Zielfestlegung, Stoffstrom-
analyse, Stoffstrombewertung, Entwicklung von Strategien sowie Durchführung und Kontrolle
unterteilt werden. Insgesamt ist das Stoffstrommanagement ein praxisorientierter und iterativer
Prozess, in dem auch die Ziele schrittweise konkretisiert werden (Enquete-Kommission 1994).
Zielfestlegung: Zunächst werden die Ziele festgelegt, die mit Hilfe des Stoffstrommanagements
erreicht werden sollen. Diese können trotz weitgehendem Leitbild (s.o.) sehr unterschiedlich sein
(Zundel et al. 1998). Sie reichen von Entsorgungsabsprachen über die Festlegung ökologischer
Qualitätsstandards durch stoff- und produktbezogene Anforderungsprofile bis hin zu Produkt-
und Stoffinnovationen. In Abhängigkeit von der Reichweite der Ziele werden die bestehenden
Akteursketten und Stoffströme unterschiedlich stark verändert. So führen Entsorgungs-
absprachen zwischen Akteuren in der Regel zu keiner Veränderung der Akteurskette oder der
Stoffströme. Weitreichendere Ziele wie ökologische Produktinnovationen werden dagegen in der
Regel sowohl die Akteurskette als auch die Stoffströme verändern.
Kapitel 3 - Stoffstrommanagement17
Im Rahmen der Zielfestlegung wird auch definiert, für welches räumliche System das Stoffstrom-
management umgesetzt werden soll. Dieses System kann abgegrenzt werden durch ein geogra-
fisches Gebiet, eine Produktlinie, ein Bedürfnisfeld oder einen Anwendungsbereich und setzt
sich in der Regel aus verschiedenen Produktions- und Entsorgungsstätten sowie den Orten der
Nutzung zusammen. Für das räumliche System, das Bilanzsystem, werden im folgenden Schritt,
der Stoffstromanalyse, die Stoffströme bilanziert.
Stoffstromanalyse: Die Stoffstromanalyse besteht aus den Teilen Stoffanalyse, Strukturanalyse
und Quantifizierung der untersuchten Stoffe.
Zunächst werden in der Stoffanalyse die für die Zielstellung relevanten Stoffströme ermittelt und
beschrieben. Der Begriff „Stoff“ bezeichnet, je nach Zielstellung des Stoffstrommanagements,
einzelne chemische Elemente, chemische Verbindungen, Güter oder Energie. Somit findet bei
der Stoffanalyse mit der Auswahl der zu untersuchenden Stoffe bereits eine Bewertung vor der
eigentlichen Analyse statt (Hofmeister 1998). Wurde ein geografisches Gebiet, beispielsweise
die Region, als Bilanzsystem gewählt, so werden in der Regel ausgewählte Stoffströme erfasst,
die in dieser Region auftreten. Für das Bilanzsystem Produktlinie werden die Stoffströme analy-
siert, die mit einem Produkt entlang des gesamten Lebensweges verbunden sind (De Man et al.
1997). Stellt das Bedürfnisfeld das System für das Stoffstrommanagement dar, so werden die
Stoffströme in einem Bedürfnisfeld analysiert, beispielsweise in dem Bedürfnisfeld Mobilität,
Bauen und Wohnen, Landwirtschaft und Ernährung, Unterhaltung und Medien oder Textilien. Der
bedürfnisfeldbezogene Ansatz ist sinnvoll, da die Ressourceninanspruchnahme für die einzelnen
Bedürfnisfelder in der Regel charakteristisch ist (Fritz, Henseling 2000). „Die bedürfnis-
feldorientierte Stoffstromanalyse soll den am Stoffstrommanagement beteiligten Akteuren
Informationen über die durch ein Bedürfnisfeld insgesamt verursachte Umweltinanspruchnahme
geben“ (Henseling 1999, S. 55). Wird das Anwendungsfeld als Bilanzsystem gewählt, dann
werden die Stoffströme analysiert, die in bestimmten Sektoren oder Branchen auftreten.
Anschließend wird in einer Strukturanalyse untersucht, in welchen Prozessen und von welchen
Akteuren diese Stoffe in dem gewählten Bilanzsystem umgesetzt werden. Dabei werden auch
die Beziehungen zwischen den Akteuren in der Akteurskette, beispielsweise ihre wirtschaftlichen
und informellen Verbindungen und Barrieren und bestehende Kooperationsformen, analysiert
(De Man 1997). In der folgenden Quantifizierung wird mit Hilfe von Bilanzen ermittelt, in welchen
Mengen die untersuchten Stoffe in dem gewählten Bilanzsystem umgesetzt, aus der Umwelt
entnommen und in die Umwelt eingetragen werden.
Stoffstrombewertung: Im Anschluss an die Analyse werden je nach Zielstellung die mit den
Stoffströmen verbundenen ökonomischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Wirkungen
bewertet.
Entwicklung von Strategien: Auf der Grundlage der Bewertung der analysierten Stoffströme
wird untersucht, welche Maßnahmen geeignet sind, die Stoffströme entsprechend der vorgege-
benen Ziele zu beeinflussen. Entscheidungen über die durchzuführenden Maßnahmen beruhen
auf der Abschätzung ihrer ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Wirkungen.
Kapitel 3 - Stoffstrommanagement18
Diese sollten auf Grund der vielfältigen Zusammenhänge und Wechselwirkungen in realen Stoff-
systemen nicht unabhängig voneinander betrachtet werden.
Durchführung und Kontrolle: Im Anschluss an die Entwicklung der Strategien folgt deren prak-
tische Umsetzung. Gleichzeitig werden Maßnahmen ergriffen, mit denen kontrolliert werden
kann, ob durch die Umsetzung der Strategien auch die angestrebten Wirkungen erzielt werden.
3.3 Stand des Konzepts
Die Enquete-Kommission hat die ersten Arbeiten zur Schaffung einer Grundlage für das Stoff-
strommanagement mit dem Ziel in Auftrag gegeben, die Anwendbarkeit der methodischen
Ansätze in konkreten Anwendungsfeldern zu überprüfen. Daneben sollten aus den Anwendungs-
beispielen und den hier gewonnenen Erkenntnissen über konkrete Stoffströme und deren
ökologische, ökonomische und soziale Implikationen verallgemeinerbare Schlüsse für einen
verantwortungsvollen Umgang mit Stoffströmen und Hinweise für die theoretischen Konzep-
tionen des Stoffstrommanagements gezogen werden (Enquete-Kommission 1994).
So hat die Enquete-Kommission für die Bedürfnisfelder (Bekleidungs-)Textilien sowie Mobilität
ausführliche Stoffstromanalysen erstellen lassen und in Gesprächen mit den wichtigsten Akteu-
ren Vorschläge für ein Stoffstrommanagement erarbeitet. Insbesondere die Initiative der En-
quete-Kommission im Bedürfnisfeld Textilien war Anlass für verschiedene Aktivitäten des Stoff-
strommanagements im Bereich Bekleidungstextilien (Fritz, Henseling 2000). Die Enquete-Kom-
mission hat auch für den Sektor der Chlorchemie Arbeiten in Auftrag gegeben. Daneben wurden
die Stoffströme von Cadmium, dem Fluorkohlenwasserstoff R134a und Benzol auf ihren Auftrag
hin untersucht. Parallel dazu wurden an der Technischen Universität Wien beispielhaft die geo-
genen und anthropogenen Stoffimporte und –exporte von drei europäischen Regionen abge-
schätzt und miteinander in Beziehung gesetzt, mit dem Ziel, sie zu steuern und langfristig eine
umweltverträgliche und optimale Nutzung der Ressourcen zu gewährleisten (vgl. Brunner 1992).
Seit den Arbeiten der Enquete-Kommission und denen der Technischen Universität Wien
(Brunner 1992) sind verschiedene Projekte durchgeführt worden, die dem Stoffstrommanage-
ment zugeordnet werden können. Diese Projekte können als „bunter Blumenstrauß“ bezeichnet
werden, da sie sich „stark hinsichtlich der verfolgten Ziele, der beteiligten Akteure und der einge-
setzten Mittel“ unterscheiden (Zundel et al. 1998, S. 328). Die Projekte zielen zum einen darauf
ab, das Konzept Stoffstrommanagement theoretisch weiterzuentwickeln, zum anderen geht es
darum, das Konzept umzusetzen. Im folgenden werden zwei Beispiele für praktische Projekte
dargestellt. Eines bezieht sich auf das Bilanzsystem Produktlinie, das andere auf das speziell zur
Zeit stärker untersuchte Bilanzsystem Region.
Ein Beispiel für ein erfolgreich durchgeführtes Stoffstrommanagementprojekt im Bilanzsystem
Produktlinie ist das 1994 vom Textilunternehmen Rohner Textil AG, dem Designer McDonough
(Designtex) und dem Umweltinstitut EPEA begonnene Projekt, dessen Ziel es war, einen kom-
postierbaren Möbelbezugsstoff – „Climatex Lifecycle“ – zu entwickeln und herzustellen (Braun-
gart, McDonough 1999).
Kapitel 3 - Stoffstrommanagement19
Insgesamt sind etwa 12 Unternehmen am Managementsystem beteiligt, die sich dazu verpflich-
tet haben, nur solche Stoffe zu verwenden, die vom Umweltinstitut EPEA – dem zentralen Stoff-
strommanager in dem Netzwerk - als für Mensch und Umwelt unbedenklich eingestuft wurden.
Die von den Unternehmen eingesetzten Stoffe werden von dem Institut EPEA überprüft, das sich
zur Geheimhaltung der Informationen der Unternehmen, wie der Struktur von Farbstoffen oder
der Zusammensetzung von Chemikalienmischungen, verpflichtet. Da diese Informationen somit
nicht dem gesamten Netzwerk, sondern nur diesem zentralen Stoffstrommanager bekannt sind,
ist die Kooperation nicht starr in Bezug auf ihre Akteure. Einzelne Unternehmen können aus-
steigen, ohne wichtige Daten an andere Produktionsunternehmen weitergegeben zu haben.
Das BMBF hat 1998 mit der Förderinitiative „Modellprojekte für nachhaltiges Wirtschaften“ expli-
zit Projekte zum regionalen Stoffstrommanagement aufgenommen. Regionales Stoffstrom-
management verfolgt das Ziel einer kreislauforientierten regionalen Bedarfsdeckung und damit
einer Reduzierung und Lenkung der regionalen Stoffströme (Thraen et al. 1999). In der Förder-
initiative dominieren Projekte mit einer begrenzten Reichweite, die darauf abzielen, Abfälle eines
Betriebes für den anderen verfügbar zu machen. Zu ihnen gehört beispielsweise das Projekt
„Aufbau eines nachhaltigkeitsorientierten Stoffstrommanagements in der Industrieregion Rhein-
Neckar“, das darauf abzielt, die Abfall- und Sekundärrohstoffströme im Wirtschaftsraum Rhein-
Neckar transparent zu machen und die jeweiligen Produzenten miteinander in Verbindung zu
setzen, um so industrielle Abfälle eines Produzenten als Rohstoff in einem anderen Produk-
tionsbetrieb einsetzen zu können.
Das relativ junge Konzept Stoffstrommanagement weist noch verschiedene Lücken auf, von
denen einige im Folgenden erläutert werden:
- Das Konzept Stoffstrommanagement ist insbesondere in der wissenschaftlichen Diskussion
und Forschung, sehr viel weniger dagegen in der realen Umsetzung verbreitet. Hier findet es
sich bislang nur in Nischen. Besonders große Lücken klaffen in der Umsetzung von
Stoffstrommanagementprojekten, die weitreichende ökologische Ziele verfolgen.
- Einer der Gründe für die nur schleppende praktische Umsetzung des Konzeptes Stoffstrom-
management liegt in den fehlenden Rahmenbedingungen, die die Umsetzung für die betei-
ligten Unternehmen auf breiter Basis ökonomisch sinnvoll werden lassen. Bislang sind
wesentliche Auslöser für das Stoffstrommanagement Reaktionen auf Einflüsse der Märkte,
die einzelne Unternehmen zum Anlass nehmen, in Kooperationen innovative Lösungen in
den Markt einzuführen. Daneben kommen einzelne Projekte auf Grund des Drucks gesell-
schaftlicher Anspruchsgruppen oder der drohenden staatlichen Regulierung zu Stande
(Zundel et al. 1998). Zur Zeit wird daher insbesondere darüber diskutiert, unter welchen
objektiven Voraussetzungen bzw. Rahmenbedingungen das Stoffstrommanagement in
einem weit größeren Rahmen erfolgreich sein kann.
- In der Diskussion und der praktischen Umsetzung des Konzepts Stoffstrommanagement liegt
der Fokus auf Kooperationen zwischen wirtschaftlichen Akteuren in der Produktionsphase.
Mögliche Kooperationen der Produzenten mit privaten Nutzern werden dagegen kaum disku-
tiert oder umgesetzt. Letztere werden „vorwiegend auf eine reagierende Rolle festgeschrie-
ben“ (Weller 1999, S. 145).
Kapitel 3 - Stoffstrommanagement20
Eine Berücksichtigung der Erfahrungen und des Wissens der Nutzer aus dem Gebrauch der
Produkte kann im Rahmen des Stoffstrommanagements zu weiteren Umweltentlastungen in
der Produktlinie führen, indem beispielsweise in Kooperation zwischen Herstellern und
Nutzern untersucht wird, woran bislang die langfristige Nutzung des Textilartikels scheitert
(vgl. Weller 1999).
- Die fehlende Berücksichtigung der privaten Nutzer gilt nicht nur für das Kommunikationsge-
schehen im Stoffstrommanagement, sondern lässt sich auch bei der Stoffstromanalyse,
einem Teilschritt des Stoffstrommanagements, nachweisen (Weller et al. 2001). So basieren
einige Analysen der Stoff- und Energieströme im Lebensweg von Produkten, die der privaten
Nutzung einen hohen Anteil der Umweltbelastung zuordnen, auf Annahmen zum Nutzerver-
halten, die zum Teil nicht belegt sind und in der Regel die Unterschiede im Nutzerverhalten
nicht ausreichend berücksichtigen (vgl. Weller 1999).
- Daneben werden in den umgesetzten Konzepten bislang insbesondere ökologische und öko-
nomische Ziele verfolgt. Soziale und kulturelle Zielsetzungen finden sich dagegen kaum.
Auch die vorliegende Arbeit beinhaltet allein ökologische Ziele. Eine nachhaltige Ent-
wicklung, das Leitbild des Stoffstrommanagements, kann aber nur dann realisiert werden,
wenn auch soziale und kulturelle Ziele berücksichtigt werden.
3.4 Strategien zur Abfallreduzierung
Im Folgenden werden Strategien zur Abfallreduzierung genannt und erläutert. Sie stellen
Ansätze des Stoffstrommanagements dar, da sie auf eine Steuerung und Reduzierung der Stoff-
ströme abzielen und in der Regel nur in Kooperation verschiedener Akteure im Lebensweg
realisiert werden können. Für die Fallbeispiele wird untersucht, welche Strategien zur Redu-
zierung von Abfällen in den Produktlinien bereits umgesetzt werden und welche Strategien
umgesetzt werden könnten. Ausschließlich outputorientierte Strategien, die auf die möglichst
schadlose Beseitigung des Abfalls abzielen sowie die Strategie des Produktverzichts, die auch
zu einer Abfallreduzierung führt, werden hier nicht berücksichtigt. Der Untersuchung der Fall-
beispiele wird ein Katalog von sechs Strategien zur Abfallreduzierung zu Grunde gelegt, die auf
der Grundlage eigener Überlegungen und der Auswertung der Literatur (vgl. Bierter 2000, Bras
1997, VDI 1993) zusammengestellt wurden:
- Verlängerung der Lebensdauer
- Kreislaufführung
- Minimierung der Masse
- Minimierung problematischer Materialien
- Biologische Abbaubarkeit
- Neue Nutzungsformen
Die Strategien der Minimierung der Masse, der Minimierung problematischer Materialien und
biologischen Abbaubarkeit sind inputorientiert.
Kapitel 3 - Stoffstrommanagement21
Ihr Ziel ist es, den Input problematischer Stoffströme zu begrenzen, die Masse des Inputs zu
verringern oder den Input so zu gestalten, dass Abfälle biologisch abgebaut werden können.
Auch die Strategie der Kreislaufführung ist im Idealfall inputorientiert, wenn sie darauf abzielt,
dass nur solche Stoffe eingesetzt werden, die es erlauben, entstehende Abfälle in hochwertigen
technischen Kreisläufen zu führen und sie somit als produktive Ausgangsbasis künftiger
Prozesse zu verwenden (Hofmeister 1998). In der Praxis wird der Idealfall jedoch selten
angestrebt. In der zur Zeit praktizierten Umsetzung setzt diese Strategie in der Regel am Ende
der Stoffumwandlungskette an, indem auf der Grundlage des anfallenden Abfalls das Recycling-
verfahren festgelegt wird.
Verlängerung der Lebensdauer
Die Strategie der Verlängerung der Lebensdauer kann sowohl die Herstellung eines potenziell
langlebigen Produkts als auch das Angebot von lebensdauerverlängernden Dienstleistungen
oder Serviceangeboten für die Gebrauchsphase, wie die Reparatur oder die Aufrüstung,
beinhalten. Durch eine verlängerte Lebensdauer werden weniger Produkte hergestellt, was den
Stoffeinsatz insbesondere in der Herstellungsphase und damit auch den Abfallanfall reduzieren
kann. Ob durch die längere Lebensdauer tatsächlich Stoffflüsse bzw. Abfälle im gesamten
Lebensweg reduziert werden können, hängt insbesondere davon ab, wie sich der Input in der
Phase der Herstellung und des Gebrauchs auf Grund der längeren Lebensdauer verändert.
Kreislaufführung
Bei den Strategien der Kreislaufführung werden Abfälle erneut in unterschiedlichen Veredelungs-
stufen eingesetzt, in denen sie Primärstoffe substituieren. Die Strategie der Kreislaufführung
umfasst die Wieder- und Weiterverwendung und die Wieder- und Weiterverwertung von
Produkten und Teilen von Produkten, die auch unter dem Begriff Recycling zusammengefasst
werden. Die einzelnen oben genannten Arten der Kreislaufführung von Stoffen werden im
Folgenden definiert:
„Wiederverwendung ist die erneute Benutzung eines gebrauchten Produkts (Altteils) für den
gleichen Verwendungszweck wie zuvor unter Nutzung seiner Gestalt ohne beziehungsweise mit
beschränkter Veränderung einiger Teile (VDI 1993)“.
„Weiterverwendung ist die erneute Benutzung eines gebrauchten Produkts (oder von Produkt-
bestandteilen) für einen anderen Verwendungszweck (...) Sie kann unter Nutzung der Gestalt
ohne beziehungsweise mit beschränkter Veränderung des Produkts erfolgen. (VDI 1993)“.
„Wiederverwertung ist der wiederholte Einsatz von Altstoffen und Produktionsabfällen bezie-
hungsweise Hilfs- und Betriebsstoffen in einem gleichartigen wie dem bereits durchlaufenen
Produktionsprozess (...). Durch Wiederverwertung entstehen aus den Ausgangsstoffen
weitgehend gleichwertige Werkstoffe (VDI 1993)“.
„Weiterverwertung ist der Einsatz von Altstoffen und Produktionsabfällen beziehungsweise
Hilfs- und Betriebsstoffen in einem von diesen noch nicht durchlaufenen Produktionsprozess.
Kapitel 3 - Stoffstrommanagement22
Durch Weiterverwertung entstehen Werkstoffe oder Produkte mit anderen Eigenschaften
(Sekundärwerkstoffe) und/oder anderer Gestalt (VDI 1993)“.
Durch einzelne Maßnahmen der Kreislaufführung kann der Einsatz primärer Rohstoffe unter-
schiedlich stark reduziert werden. Grundsätzlich ist das Recycling von Werkstoffen „fast immer
technisch lösbar, jedoch bei den heutzutage typischen Produktzusammensetzungen in der Regel
weder ökonomisch noch ökologisch“ sinnvoll (Bujanowski et al. 1998, S. 26). Eine hochwertige
Kreislaufführung ist in der Regel erst dann möglich und ökologisch sinnvoll, wenn bereits bei der
Entwicklung der Produkte die Anforderungen der Nachgebrauchsphase berücksichtigt werden.
Minimierung der Masse
Die Strategie „Minimierung der Masse“ umfasst alle Ansätze zur Reduzierung der Masse der im
Lebensweg des Produktes verwendeten Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe. In der vorliegenden
Arbeit werden jedoch nur die Strategien berücksichtigt, die auf die Reduzierung der Produkt-
masse abzielen. Durch die Strategie kann die Abfallmasse gesenkt und die Ressourcenprodukti-
vität erhöht werden, da im Lebensweg des Produktes weniger Ressourcen eingesetzt werden.
Minimierung problematischer Materialien
Bei der Strategie der Minimierung problematischer Materialien besteht die Abfallreduzierung
darin, dass die Gefährlichkeit der Abfälle reduziert wird, indem problematische Inhaltsstoffe ver-
mieden oder substituiert werden. Mit problematischen beziehungsweise gefährlichen Inhaltsstof-
fen werden human- oder ökotoxikologische Stoffe bezeichnet, insbesondere solche, die per-
sistent, bioakkumulierend oder toxisch sind.
Biologische Abbaubarkeit
Die Strategie der biologischen Abbaubarkeit sieht vor, dass der Input im Lebensweg des
Produktes so gestaltet wird, dass das Produkt in der Nachgebrauchsphase durch Vergärung
oder Kompostierung vollständig biologisch abgebaut werden kann. Neben den Fasern müssen
folglich auch die Hilfsstoffe biologisch abbaubar sein. Ein Werkstoff wird als biologisch abbaubar
bezeichnet, wenn alle Bestandteile vollständig kompostierbar sind (Klein et al. 1997) und der
Kompost beispielsweise in der Landwirtschaft verwendet werden kann. Die Abfallreduzierung
dieser Strategie besteht darin, die anfallenden Abfälle in den natürlichen Stoffhaushalt in Form
von Biogas oder Kompost wieder einzugliedern. Die Strategie bezieht sich nicht allein auf die
Verwendung nachwachsender Rohstoffe wie Naturfasern oder Fasern aus biologisch abbau-
baren Werkstoffen auf der Basis von Fettsäuren, Stärke oder Cellulose. Auch einzelne petro-
chemische Rohstoffe können in Abhängigkeit ihres Molekülaufbaus die Eigenschaft besitzen,
biologisch abbaubar zu sein (Klein et al. 1997). Bei ihrer Verwendung wird jedoch der Manage-
mentregel, den Einsatz nicht erneuerbarer Ressourcen zu begrenzen, widersprochen.
Kapitel 3 - Stoffstrommanagement23
Neue Nutzungsformen
Unter neuen Nutzungsformen werden die Strategien zur Abfallreduzierung verstanden, die zu
einer intensiveren Nutzung von Produkten führen und damit die Gesamtzahl der Produkte
reduzieren, beispielsweise durch das Vermieten, Leihen, Teilen oder Tauschen von Produkten
(Hoffmann, Pansegrau 1997). Die Strategie „neue Nutzungsformen“ rückt nicht den Produkt-
besitz, sondern die Nutzung des Produktes in den Vordergrund. Sie führt nur dann zu einer
Reduzierung von Abfällen, wenn die auf Grund der kleineren Produktionsmenge verringerten
Stoffströme in der Herstellungsphase nicht durch eine Zunahme der Stoffströme insbesondere in
der Gebrauchsphase kompensiert werden.
Die Strategien „neue Nutzungsformen“ und „Verlängerung der Lebensdauer“ können sich
einander bedingen, da die Servicewirtschaft im Vergleich zur Fertigungswirtschaft ein „großes
Interesse daran hat, dauerhafte, zuverlässige Güter zu gestalten, weil das lange Nutzen,
inklusive Wartung und Reparatur, und nicht das schnelle Wegwerfen Profit bringt“ (vgl. Tischner
1998, S. 21). Beide Strategien gehen im Wesentlichen auf Arbeiten von Stahel und dem Institut
für Produktdauerforschung zurück (vgl. Giarini, Stahel 1993). Sie basieren auf der Gleichung:
„Stoffstrom pro Nutzer = Produktmasse / (Nutzungsdauer des Produktes x Anzahl der Nutzer)“.
Der Stoffstrom pro Nutzer kann bei gleichbleibender Masse des Produktes reduziert werden,
indem die Nutzungsdauer des Produkts verlängert (längere Nutzung) oder die Anzahl der Nutzer
vergrößert (intensivere Nutzung) wird.
Zuordnung der Strategien zur Abfallreduzierung zu verschiedenen Systematiken
Um die Beschreibung der oben dargestellten Strategien zur Abfallreduzierung zu vertiefen, wer-
den sie der Systematik des Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetzes (KrW-/AbfG), das in Strate-
gien zur Abfallvermeidung und –verminderung unterteilt und der Systematik von Huber (1995),
die eine Einteilung in Strategien der Effizienz, Suffizienz und Konsistenz vorsieht, zugeordnet.
Nach dem KrW-/AbfG (1994) können Strategien zur Abfallreduzierung unterteilt werden in
Strategien zur Abfallvermeidung und Strategien zur Abfallverminderung. Zu den Strategien zur
Abfallvermeidung zählen alle Maßnahmen, die vor Entstehen des Abfalls greifen (Enquete-Kom-
mission 1994) und zur Verminderung der Menge und der Schädlichkeit von Abfällen führen. Zu
den Strategien zur Abfallverminderung zählt die stoffliche Verwertung von Abfällen. Sie bein-
haltet die Substitution von Rohstoffen durch die Gewinnung von sekundären Rohstoffen (roh-
stoffliche Verwertung) und die Nutzung der stofflichen Eigenschaften der Abfälle (werkstoffliche
Verwertung) für den ursprünglichen Zweck oder für andere Zwecke. Daneben ordnet das KrW-/-
AbfG den Strategien zur Abfallverminderung auch die energetische Verwertung von Abfällen zu,
die im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht als Strategie zur Abfallreduzierung im eigentlichen
Sinne gewertet wird.
In Anlehnung an Huber (1995) können Handlungsempfehlungen zu einer nachhaltigen Entwick-
lung und damit auch Strategien zur Abfallreduzierung in die Strategien Effizienz, Konsistenz und
Suffizienz unterteilt werden. Die Effizienz bezeichnet eine (Produktions-)Leistung mit geringst-
möglichem Einsatz an Material und Energie.
Kapitel 3 - Stoffstrommanagement24
Die Suffizienz wird umschrieben als Genügsamkeit, Bescheidenheit und materieller Verzicht, die
durch moralische und ökonomische Signale hervorgerufen werden kann.
Die Konsistenz bezeichnet die Änderung vorhandener Stoffströme, beispielsweise durch die
Substitution ökologisch problematischer Stoffströme oder Innovationen bei den Stoffqualitäten,
mit dem Ziel, anthropogene Produktions- und Konsumtionsprozesse den natürlichen Prozessen
in ihren Organisations- und Wirkungsprinzipien wieder anzugleichen. Strategien zur Konsistenz
zielen auf die Veränderung der Beschaffenheit von Stoffen und berücksichtigen dabei nur am
Rande die Stoffmenge.
Die Strategien Effizienz und Suffizienz werden in verschiedenen Darstellungen (vgl. Tischner
1998) spezifischen Akteursgruppen zugeordnet. Die Effizienz wird mit der Erwähnung der Pro-
duktionsleistung Herstellern zugeschrieben, während die Suffizienz mit ihren Elementen Verzicht
und Genügsamkeit den Nutzern zugeordnet wird. Entgegen dieser Festlegung müssen die
beiden Strategietypen nicht auf diese Akteursbereiche festgelegt werden. So können auch in der
Produktion Strategien der Suffizienz umgesetzt werden, indem beispielsweise darauf verzichtet
wird, Produkte in verschiedenen Farben anzubieten, was zu einer Abnahme an Abfällen führen
kann. Daneben können auch Nutzer Strategien der Effizienz umsetzen, indem sie ein beschä-
digtes Produkt nicht entsorgen, sondern reparieren lassen (vgl. Hoffmann, Weiland 1999).
Die Strategie der Effizienz wird zur Zeit in der Umweltdebatte häufig erwähnt. Wichtig ist jedoch,
dass es nicht ausreicht, nur die Ressourcenproduktivität zu erhöhen, sondern dass es darum
gehen muss, „die absolute Umweltinanspruchnahme in den Grenzen der Belastbarkeit der Natur
als Quelle und als Senke zu halten“ (Henseling 1999, S. 54). In Tab. 6 werden die für die Unter-
suchung der Fallbeispiele verwendeten Strategien zur Abfallreduzierung den oben genannten
Systematisierungen zugeordnet.
Zwei der sechs Strategien, die „Kreislaufführung“ und die „Biologische Abbaubarkeit“, zählen
nach der Einteilung des KrW-/AbfG zu den Strategien zur Verwertung der Abfälle, alle anderen
Strategien können den Vermeidungsstrategien zugeordnet werden. Die Zuordnung der Strate-
gien zu den Kategorien Effizienz, Suffizienz und Konsistenz ist nur zum Teil möglich. Die Ver-
wendung biologisch abbaubarer Stoffe ist eine Konsistenzstrategie. Die Minimierung problemati-
scher Materialien kann nur dann als Konsistenzstrategie bezeichnet werden, wenn auf diese
Materialien ganz verzichtet bzw. sie vermieden werden. Die Strategie der Kreislaufführung zählt
zu den Effizienzstrategien, die Strategien „Verlängerung der Lebensdauer“, „Minimierung der
Masse“ und „neue Nutzungsformen“ können sowohl Effizienz- als auch Suffizienzstrategien sein.
Sie lassen sich nur im Einzelfall abgrenzen.
Kapitel 3 - Stoffstrommanagement25
Tab. 6: Zuordnung der Strategien zur Abfallreduzierung zur Systematik des KrW-/AbfG
und der Systematik von Huber
StrategieEinteilung nach dem
KrW-/AbfG (1994)
Einteilung nach
Huber (1995)
Verlängerung der LebensdauerVermeidungEffizienz/Suffizienz
KreislaufführungVerwertung Effizienz
Minimierung der MasseVermeidungEffizienz/Suffizienz
Minimierung problematischer Materialien Vermeidung-
Biologische AbbaubarkeitVerwertung Konsistenz
Neue NutzungsformenVermeidungEffizienz/Suffizienz
Reichweite der Strategien zur Abfallreduzierung
Die Strategien zur Abfallreduzierung im Lebensweg von Produkten können nach ihrer Reichweite
dahingehend unterteilt werden, ob sie sich auf einzelne Phasen des Produktlebensweges be-
ziehen oder ob sie die ökologischen Belastungen im gesamten Lebensweg berücksichtigen
(Bras 1997). Die Gefahr insbesondere der Strategien, die sich nur auf einzelne Phasen im
Lebensweg beziehen, liegt darin, dass die positiven Auswirkungen in dieser Phase möglicher-
weise durch negative Auswirkungen in anderen Phasen kompensiert oder noch übertroffen
werden (Bras 1997).
Die Strategien zur Abfallreduzierung, die sich in verringerten Stoffströmen im gesamten Lebens-
weg äußern und in der Regel zu grundlegenden Veränderungen in Produkten oder der Produkt-
nutzung führen, werden nach Looß und Katz (1998) als Strategien zur absoluten Abfallredu-
zierung bezeichnet. Dagegen werden die Strategien, die lediglich auf die Reduzierung spezifi-
scher Abfallmengen oder Schadstoffe im Lebensweg des Produktes abzielen, und deren abfall-
reduzierende Wirkung in diesen Phasen durch andere Umsätze und Abfallströme kompensiert
werden kann, unter dem Begriff der Strategien zur spezifischen Abfallreduzierung zusammen-
gefasst.
Die ausgewählten sechs Strategien zur Abfallreduzierung lassen sich per se weder danach
einteilen, ob sie zu einer absoluten oder spezifischen Abfallvermeidung führen, noch danach, wie
groß ihre Reichweite ist. Erst in der praktischen Umsetzung der Strategien und der mit dieser
Umsetzung verfolgten Zielsetzung, zeigt sich, ob es sich um Strategien der absoluten oder
spezifischen Abfallvermeidung handelt und welche Reichweite sie besitzen. So zählen beispiels-
weise zu den Strategien der Kreislaufführung sowohl die Verwendung von Sekundärrohstoffen,
die sich nur auf die Herstellungsphase bezieht und somit eine kleine Reichweite besitzt, als auch
die hochwertige Wiederverwertung eines Produktes, die nur dann erzielt werden kann, wenn ent-
sprechende Vorgaben in den Phasen Herstellung, Gebrauch und Nachgebrauch eingehalten
werden.
Kapitel 4 – Unterschungsdesign und Methodik 26
4 Untersuchungsdesign und Methodik
Im folgenden Kapitel wird das Untersuchungsdesign der vorliegenden Arbeit und die Methodik
der Auswahl der Fallbeispiele, der Befragung und der Auswertung der Informationen dargestellt.
4.1 Untersuchungsdesign Stoffstrommanagement
Die vorliegende Arbeit basiert auf der Untersuchung von drei ausgewählten Technischen
Textilartikeln nach der Methodik des Stoffstrommanagements. Als Bilanzsystem für das Stoff-
strommanagement wird die Produktlinie gewählt.
Die Untersuchung des Lebensweges der Fallbeispiele, nach Möglichkeit von der Wiege bis zur
Bahre, beschränkt sich auf textile Abfälle, um die Komplexität zu reduzieren und eine ausrei-
chende Detailltreue zu sichern. „Der Mut zur Lücke einerseits und die exemplarische Detailliert-
heit andererseits ermöglichen es erst, komplexe Themenfelder einer Stoffstrombetrachtung zu
unterziehen“ (Enquete-Kommission 1994). Die Ziele des Stoffstrommanagements können in An-
lehnung an das Konzept der Nachhaltigkeit in den Bereichen Soziales (und Kulturelles), Ökologie
und Ökonomie angesiedelt sein. Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit liegt im Bereich der
ökologischen Ziele. Berücksichtigt werden nach Möglichkeit die Menge und die Qualität der
textilen Abfälle. Letztere wird bestimmt durch die Chemikalien, die auf dem Textil haften. Nicht
berücksichtigt werden die Chemikalien, die im Lebensweg verwendet werden, jedoch nicht für
den Verbleib auf dem Textil vorgesehen sind, wie Pestizide oder Reinigungschemikalien.
Die Untersuchung der Produktlinie der Fallbeispiele beschränkt sich weiter auf die Hauptlinie der
textilen Kette. Dazu zählen die Phasen der Herstellung, des Gebrauchs und des Nachgebrauchs,
an dem die Faser unmittelbar beteiligt ist (Enquete-Kommission 1994). Nebenlinien, die der
Hauptlinie zuarbeiten, wie die Kette der Agrarchemikalien oder die Kette der Chemikalien, die als
Hilfsmittel bei der Produktion eingesetzt werden, bleiben hier unberücksichtigt.
Zunächst werden für die Fallbeispiele die Struktur des Lebensweges, das textile Abfall-
aufkommen in den einzelnen Lebenswegphasen, die Informationsflüsse in der Akteurskette und
die Einflussmöglichkeiten einzelner Akteure auf das textile Abfallaufkommen ermittelt. Die
textilen Abfälle werden quantifiziert und bewertet. Weiterhin wird untersucht, welche Strategien
zur Abfallreduzierung in der Produktlinie umgesetzt werden und welche Faktoren die Umsetzung
der Strategien hemmen oder fördern. Für die Fallbeispiele wird aufgezeigt, mit welchen bislang
nicht genutzten Strategien die textilen Abfälle theoretisch reduziert werden könnten. Ziel der
Untersuchung der Fallbeispiele ist es nicht, bestehende Stoffsysteme in der Praxis zu opti-
mieren. Um dieses Ziel zu erreichen, fehlte es an dem Interesse und der Kooperations-
bereitschaft einzelner befragter wirtschaftlicher Akteure.
Die Untersuchung der Fallbeispiele mit der Methode Stoffstrommanagement gliedert sich in
folgende Schritte:
Kapitel 4 – Unterschungsdesign und Methodik 27
1. Stoffstromanalyse
- Stoffanalyse
- Strukturanalyse
- Quantifizierung der textilen Stoffströme
2. Stoffstrombewertung
3. Ermittlung von Strategien zur Abfallreduzierung
Unter dem Begriff der Stoffstromanalyse werden die Stoffanalyse, die Strukturanalyse und die
Quantifizierung zusammengefasst. In der Stoffanalyse wird festgelegt, welche Stoffe im
Lebensweg ermittelt werden sollen, um das zuvor festgelegte Ziel zu erreichen. In der vor-
liegenden Arbeit wird das Ziel verfolgt, die Abfallsituation im Lebensweg von ausgewählten
Technischen Textilartikeln zu untersuchen und mögliche Strategien zur Abfallreduzierung zu
erfassen. Daher werden allein die textilen Abfälle berücksichtigt.
In der Strukturanalyse wird zunächst der Lebensweg der ausgewählten Technischen Textilien
dargestellt. Er wurde ermittelt, indem Hersteller oder Händler nach ihren Lieferanten und diese
wiederum nach vorgelagerten Akteuren befragt wurden. Entsprechend wurden die den Nutzern
nachgelagerten Akteure erfasst. In der Strukturanalyse wird daneben untersucht, welche textilen
Abfälle in welcher Qualität im Lebensweg anfallen. Dafür wurden bei den Fallbeispielen einzelne,
aus der Abfallperspektive als relevant erachtete, Lebenswegphasen ausgewählt, die genauer
untersucht wurden. Weiterhin wurden die Akteurskette, die Informationsströme zwischen den
untersuchten Akteuren und die Einflussmöglichkeiten der befragten Akteure auf die textilen
Abfallströme analysiert.
Die Quantifizierung der textilen Abfälle in der Produktlinie der Fallbeispiele basiert auf
Massenbilanzen. Die Produktlinie wird als Kette verschiedener räumlicher Systeme beschrieben,
beispielsweise Produktions- und Entsorgungsstätten und Orte des Gebrauchs. In der folgenden
Abbildung sind diese Systeme zu den drei Phasen Herstellung, Gebrauch und Nachgebrauch
zusammengefasst. Die Nachgebrauchsphase umfasst hier nur die Sammlung der Altprodukte
und ggf. deren Sortierung. Die eigentliche Entsorgung, d.h. die Verwertung oder die Beseitigung
der textilen Abfälle findet in dem hier abgebildeten Modell im Anschluss an die
Nachgebrauchsphase statt. In der Abbildung sind die Massenströme in der Produktlinie der Fall-
beispiele allgemein dargestellt.
Kapitel 4 – Unterschungsdesign und Methodik 28
Abb. 5: Massenströme im Bilanzsystem Produktlinie
Die zu bilanzierende Größe ist die Masse des Textilgewebes mg. Die Bilanzierung beruht auf der
Gleichung:
Speicher = Transport +/- Wandlung.
Dabei wird hier vereinfachend angenommen, dass in der Produktlinie innerhalb der Phasen und
zwischen den einzelnen Phasen keine Speicherung des Textilgewebes stattfindet. Dies spiegelt
zwar nicht den realen Zustand wider, da beispielsweise in Produktionsbetrieben durchaus Gewe-
be gelagert wird, doch wird angenommen, dass über den Zeitraum von einem Jahr, über den
hier in der Regel bilanziert wird, stationäre Bedingungen existieren. Auch der Wandlungsterm
wird vereinfachend als Null angenommen, das heißt, dass innerhalb und zwischen den berück-
sichtigten Phasen kein Gewebe umgewandelt (hergestellt oder beseitigt) wird1.
Im Anschluss an die Stoffstromanalyse werden die textilen Abfälle in Bezug auf ihre Menge
und ihre Gefährlichkeit ansatzweise bewertet. Der Bewertung werden die Regeln für ein Ma-
nagement von Stoffströmen der Enquete-Kommission (1994) zu Grunde gelegt (vgl. Kapitel
3.1).
Die Produktlinien der Fallbeispiele wurden danach untersucht, ob einzelne Strategien zur
Abfallreduzierung (vgl. 3.4) von direkten Akteuren umgesetzt werden.
1 Die Nachgebrauchsphase umfasst in dem abgebildeten Modell nur die Sammlung und ggf.
die Trennung der textilen Abfälle, nicht aber deren Verwertung oder Beseitigung. Daher kann
angenommen werden, dass der Wandlungsterm in der Nachgebrauchsphase Null ist.
ProduktionGebrauchNachgebrauch
g-Ek
g-Vk
g-Vb
g-B2
g-B1
g-Vt1
g-Vn
g-Ek = Masse des von der Produktion gekauften Gewebes pro Zeiteinheit
g-Vk = Masse des von der Produktion verkauften Gewebes pro Zeiteinheit
g-Vb = Masse des von den Nutzern verbrauchten Gewebes pro Zeiteinheit
g-Vn = Masse des wieder-/weiterverwendeten Gewebes pro Zeiteinheit
g-Vt1 = Masse des in der Produktionsphase anfallenden Gewebes, das wieder-/weiterverwertet wird, pro Zeiteinheit
g-Vt2 = Masse des in der Nachgebrauchsphase anfallenden Gewebes, das wieder-/weiterverwertet wird, pro Zeiteinheit
g-B1 = Masse des in der Produktionsphase anfallenden Gewebes, das beseitigt wird, pro Zeiteinheit
g-B2 = Masse des in der Nachgebrauchsphase anfallenden Gewebes, das beseitigt wird, pro Zeiteinheit
g-Vt2
Kapitel 4 – Unterschungsdesign und Methodik 29
Direkte Akteure sind die Akteure, die mit dem Produktstrom in direkten Kontakt kommen. Zu
ihnen zählen beispielsweise Produzenten, Handelsunternehmen, Nutzer und Entsorgungsunter-
nehmen. Davon unterschieden werden die indirekten Akteure wie der Staat oder Verbraucher-
verbände, die die Rahmenbedingungen für den Umgang der direkten Akteure mit den Stoff-
strömen setzen bzw. beeinflussen. In Abb. 6 sind die wesentlichen Verbindungen zwischen den
Stoffströmen, den direkten und den indirekten Akteuren dargestellt.
Abb. 6: Darstellung wesentlicher Beziehungen für das Management von Stoffströmen (vgl.
De Man 1997)
Aus Abb. 6 ist ersichtlich, dass die direkten Akteure der Produktlinie die Stoffströme unmittelbar
lenken und beeinflussen. Sie sind es auch, die im Stoffstrommanagement Kooperationen entlang
der Produktlinie bilden. Die indirekten Akteure beeinflussen die Stoffströme dagegen nur über
Rahmenbedingungen.
4.2 Methodik der Auswahl der Fallbeispiele
4.2.1Auswahlkriterien
Aus dem Produktbereich der Technischen Textilartikel wurden drei Fallbeispiele ausgewählt. Die
Auswahl basiert auf folgenden Kriterien:
- Hohe Abfallrelevanz
- Gute Datenlage/Informationsbereitschaft
- Geographische Nähe
- Unterschiede in der Faserart (Chemie- und Naturfasern)
- Textile Verarbeitung: Keine Verbundwerkstoffe
Indirekte Akteure
(Staat, Verbraucherverbände u.a.)
Direkte Akteure in der Produktlinie
(Produzenten, Handel, Nutzer u.a.)
Stoffstromsysteme
(ökologische, ökonomische, sozia-
le und kulturelle Auswirkungen)
Setzen Rahmenbedingungen für die Stoffstrompolitik
Lenken und beeinflussen die Stoffströme
Nehmen
Einfluss auf
Rahmen-
bedingungen
Kapitel 4 – Unterschungsdesign und Methodik 30
- Anwendung in unterschiedlichen Branchen/Verarbeitenden Industrien
- Industrieller und privater Gebrauch
- Unterschiede im Qualitätsniveau
- Unterschiede in der Nutzungsdauer
Ein Teil der Kriterien stammt aus der Strukturierung des Produktbereichs der Technischen
Textilien (vgl. 2.2). Daneben wurden für die Auswahl der Fallbeispiele die Kriterien „hohe Abfall-
relevanz“, „gute Datenlage“ und „geographische Nähe der Akteure" als wichtig eingeschätzt und
entsprechend berücksichtigt. Im Folgenden wird begründet, warum die einzelnen Kriterien für die
Auswahl der Fallbeispiele bedeutend sind.
Abfallrelevanz
Die im life cycle der ausgewählten Technischen Textilartikel anfallenden textilen Abfälle sollen
entweder in Bezug auf ihre Masse oder in Bezug auf ihre Gefährlichkeit relevant sein. Dieses
Kriterium wird erfüllt, wenn beispielsweise solche Textilien gewählt werden, die mit human-
toxikologisch wirkenden Chemikalien ausgerüstet sind.
Informationsbereitschaft
Im Lebensweg der ausgewählten Technischen Textilien sollten Akteure existieren, die zu einer
Weitergabe von Informationen bereit sind. Dies können möglicherweise Unternehmen sein, die
ein Umweltmanagementsystem implementiert haben.
Geographische Nähe
Damit einzelne Akteure im life cycle besucht und Unternehmen besichtigt werden können, sollte
ein großer Teil der Akteure im Lebensweg der Fallbeispiele in Deutschland oder in Nachbar-
ländern ansässig sein.
Faserart
Mindestens eines der Fallbeispiele soll aus Naturfasern und mindestens eines aus Chemiefasern
bestehen, um erfassen zu können, ob sich einzelne Strategien zur Abfallreduzierung besonders
gut für Natur- oder Chemiefasern eignen.
Textile Verarbeitung
Die Fallbeispiele sollen keine Composites bzw. Textilverbundstoffe sein, bei denen der textile
Anteil mit einem nichttextilen fest verbunden ist, da sich die Untersuchung des Lebensweges der
Fallbeispiele auf den textilen Bestandteil beschränkt. So können beispielsweise Strategien zur
Abfallreduzierung im Lebensweg von Composites nur dann umgesetzt werden, wenn gleichzeitig
der nichttextile Anteil berücksichtigt wird.
Kapitel 4 – Unterschungsdesign und Methodik 31
Branche/Verarbeitende Industrie
In der textilen Kette von Technischen Textilien, die im gleichen Industriezweig verarbeitet oder in
der gleichen Branche angewendet werden, kann es zu Überschneidungen in Hinblick auf Macht-
strukturen kommen. So besitzt beispielsweise der Autohersteller in der Produktlinie aller
Technischen Textilien, die in der Autoindustrie verarbeitet werden, eine sehr einflussreiche
Position. Um Unterschiede in den Machtstrukturen oder den Informationsströmen in den
Akteursketten ermitteln zu können, sollen die Fallbeispiele aus unterschiedlichen Branchen
stammen und in unterschiedlichen Industriezweigen verarbeitet werden. Daneben kann es in
einzelnen Branchen und in einzelnen verarbeitenden Industriezweigen spezifische Konzepte zur
Abfallreduzierung oder spezielle gesetzliche Regelungen geben, die in ihrer Besonderheit nur
dann ermittelt werden können, wenn Fallbeispiele aus unterschiedlichen Bereichen gewählt
werden.
Industrieller oder privater Gebrauch
Der Lebensweg der ausgewählten Technischen Textilien soll auf mögliche Unterschiede in den
Einflussmöglichkeiten von industriellen und privaten Kunden untersucht werden. Zu den Textilien
für den industriellen Gebrauch zählen die Technischen Textilien, über deren Kauf der Hersteller
des Endproduktes bestimmt. Beispielsweise wird das textile Band eines Bügeleisens zum
Bereich des industriellen Gebrauchs gezählt, da der Bügeleisenhersteller über dessen Kauf
entscheidet. Die privaten Nutzer bestimmen dagegen nur über den Kauf des kompletten
Bügeleisens und haben keinen Einfluss auf die textilen Bestandteile. Die Fallbeispiele sollen
sowohl aus dem industriellen als auch aus dem privaten Gebrauch stammen.
Qualitätsniveau
Die Fallbeispiele sollen ein unterschiedliches Qualitätsniveau besitzen, um mögliche Auswir-
kungen der Qualität Technischer Textilien auf die Abfallsituation im Lebensweg oder auf Strate-
gien zur Abfallreduzierung erfassen zu können. Durch die Auswahl eines Technischen Textils mit
einer geringen Qualität wird auch der häufig anzutreffenden Aussage begegnet, Technische
Textilien seien generell qualitativ hochwertige Produkte.
Nutzungsdauer
Die Fallbeispiele sollen eine unterschiedliche Nutzungsdauer aufweisen, um ermitteln zu können,
welche Auswirkungen die Nutzungsdauer auf den Abfallanfall im Lebensweg hat und welche
Strategien zur Abfallreduzierung für kurz- und langlebige Technische Textilartikel geeignet sind.
4.2.2Methodik der Auswahl
Die Auswahl der Fallbeispiele erfolgte sukzessive, so dass die Ergebnisse der Untersuchung des
ersten bzw. zweiten Technischen Textilartikels bei der Auswahl der folgenden Fallbeispiele
berücksichtigt werden konnten. In Tab. 7 ist dargestellt, ob und inwieweit die drei ausgewählten
Fallbeispiele den oben dargestellten Auswahlkriterien entsprechen. Im Anschluss wird die Aus-
wahl der Produkte beschrieben.
Kapitel 4 – Unterschungsdesign und Methodik 32
Tab. 7: Auswahlkriterien und entsprechende Eigenschaften der drei ausgewählten Tech-
nischen Textilien
KriterienPavillon BaumwollzeltGurtband
Hohe AbfallrelevanzMenge relevantchemische
Ausrüstung
relevant
Menge relevant
Gute Datenlagezunächst gute
Datenlage
angenommen
gute Datenlage relativ gute
Datenlage
Geographische Nähezunächst
angenommen
neinja
Unterschiedliche FaserartenPolyethylenBaumwollePolyester
Textile Verarbeitung: Keine
Verbundwerkstoffe
GewebeGewebeGewebe
Anwendung in unterschiedlichen
Branchen/Verarbeitenden
Industrien
Buildtech/Textil-
und Beklei-
dungsindustrie
Buildtech/Textil-
und Beklei-
dungsindustrie
Mobiltech/
Automobil-
industrie
Sowohl industrieller als auch
privater Gebrauch
privatprivatindustriell
Unterschiede im Qualitätsniveaugering hoch hoch
Unterschiede in der
Nutzungsdauer
kurz bis mittel lang bis sehr langlang bis sehr
lang
Pavillon
Als erstes Fallbeispiel wurde ein Pavillon aus einem weißen Polyethylen-Bändchengewebe
gewählt, der in vielen Gärten, vor Imbissbuden und bei Straßenfesten angetroffen werden kann.
Aus der Abfallperspektive ist die große Menge an Pavillons interessant, die auf Grund einer
relativ geringen Qualität und einer kleinen bis mittleren Nutzungsdauer des Pavillons schon nach
kurzer Zeit zu einem hohen Abfallaufkommen führt. Erste Kontakte mit einzelnen Akteuren im
Lebensweg, die zum Teil als ökologisch pro-aktive Unternehmen in Erscheinung treten, ließen
auf deren Bereitschaft zur Weitergabe von Informationen und eine Fertigung der Pavillons im
Inland schließen. Erst nachdem erste Untersuchungen des Fallbeispiels abgeschlossen waren,
wurde ersichtlich, dass der „Hersteller“ entgegen ersten Aussagen den Pavillon zum Großteil aus
Asien importiert und nur zu einem kleinen Teil in Osteuropa konfektionieren lässt. Da die Unter-
suchung des Fallbeispiels zu diesem Zeitpunkt schon relativ weit fortgeschritten war, wurde es
beibehalten. Der textile Anteil des Pavillons besteht aus Polyethylen. Der Pavillon zählt zur
Branche Buildtech und wird im Industriezweig Textil- und Bekleidungsindustrie, in dem auch die
Konfektionierung Technischer Textilien zusammengefasst ist, verarbeitet.
Kapitel 4 – Unterschungsdesign und Methodik 33
Baumwollzelt
Als zweites Fallbeispiel wurde das Baumwollzelt ausgewählt, ein Technisches Textil das
zunächst bei der Untersuchung potenzieller Strategien zur Abfallreduzierung für das
Fallbeispiel Pavillon in Erscheinung trat. Es wurde als Fallbeispiel gewählt, da eine Unter-
suchung des Lebensweges aus der Abfallperspektive interessante Ergebnisse versprach und
die Akteure eine hohe Bereitschaft zur Weitergabe von Informationen zeigten. Neben den aus
der Abfallperspektive positiven Tendenzen – beispielsweise der langen bis sehr langen
Nutzungsdauer – besitzt das Baumwollzelt auf Grund der für die Ausrüstung des Zeltes
verwendeten Chemikalien eine hohe Abfallrelevanz. Weitere Kriterien, die das Baumwollzelt
erfüllt, sind die hohe Qualität sowie die Verwendung von Naturfasern. Dagegen entspricht es
nicht dem geforderten Kriterium der geographischen Nähe, da die Hersteller und Nutzer in den
USA ansässig sind. Weiterhin zählt das Baumwollzelt zur gleichen Branche wie der Pavillon
und wird im gleichen Industriezweig verarbeitet wie dieser. Es entspricht damit nicht dem Krite-
rium, nach dem die Fallbeispiele in unterschiedlichen Branchen angewendet und von unter-
schiedlichen Industriezweigen verarbeiten werden sollen.
Sicherheitsgurtband
Das Sicherheitsgurtband eines Kraftfahrzeugs wurde als drittes und letztes Fallbeispiel gewählt.
Für die Auswahl sprach, dass das Produkt mengenmäßig sehr relevant ist, die Datenlage nach
ersten Gesprächen mit einzelnen Akteuren (Herstellern und Verwertungsunternehmen) als
positiv zu bewerten war, die relevanten Akteure in Deutschland und den Niederlanden ansässig
sind und die direkten Zulieferunternehmen der Autohersteller Umweltmanagementsysteme im-
plementiert haben. Daneben ist das Gurtband in einer anderen Branche/Verarbeitenden Industrie
angesiedelt als die beiden ersten Fallbeispiele und besitzt im Vergleich zum Pavillon eine sehr
hohe Qualität (Sicherheitstextil) und eine lange Nutzungsdauer.
4.3 Methodik der Befragung der Akteure
Für die vorliegende Untersuchung ist das Wissen der Akteure der Produktlinie eine wesentliche
Datenquelle. Die Akteure können auf Grund ihrer detaillierten Kenntnisse zur Herstellung, zum
Gebrauch oder zur Entsorgung der ausgewählten Produkte als Experten für ihr Handlungsfeld
bezeichnet werden (Meuser, Nagel 1991). Für die Befragung der Akteure entlang der Produkt-
linie wurden folgende Methoden angewandt:
- Fragebögen (schriftlich)
- Leitfadengestützte offene Experteninterviews (direkt oder per Telefon).
Die Fragen des Fragebogens und des Leitfadens basieren auf den oben genannten Frage-
stellungen. Sie wurden ergänzt durch spezifische Fragen aus einer im Vorfeld durchgeführten
explorierenden Untersuchung der im Bereich der einzelnen Fallbeispiele vorliegenden Literatur.
Die Leitfäden und Fragebögen finden sich im Anhang.
Kapitel 4 – Unterschungsdesign und Methodik 34
Fragebogen
Nach ersten telefonischen Kontakten, die das Untersuchungsfeld erschließen sollten, wurden in
der Regel an die relevanten Akteure zunächst Fragebögen verschickt. Einzelne Akteure wurden
in Ausnahmefällen auch direkt angerufen, insbesondere wenn die Anzahl der Fragen begrenzt
war oder die Akteure telefonisch leichter erreichbar waren. Die für die Untersuchung besonders
wichtigen Akteure wurden im Anschluss telefonisch oder direkt (persönlich) interviewt. Eine
Ausnahme stellen die Akteure im Lebensweg des Baumwollzeltes dar. Da sie in den USA
ansässig sind, wurden sie ausschließlich schriftlich befragt.
Da die Fragebögen nur an die Akteure versendet wurden, die vorher telefonisch bereits ihre
Bereitschaft erklärt hatten, die Fragen schriftlich zu beantworten, wurden alle versendeten
Fragebögen – teilweise nach wiederholter telefonischer Erinnerung - beantwor tet.
Leitfadengestütztes offenes Experteninterview
Im Experteninterview bildet der organisatorische und institutionelle Zusammenhang den
Gegenstand der Analyse, der mit dem Lebenszusammenhang der agierenden Personen nicht
identisch ist (Meuser, Nagel 1991). Die Experten, die sich auf Grundlage der Ergebnisse der
Fragebögen oder erster telefonischer explorativ-felderschließender Interviews als relevant und
informationsbereit gezeigt hatten, wurden mit Hilfe eines Leitfadens interviewt. Die Interviews
wurden in Abhängigkeit von der Bereitschaft der befragten Akteure, ihr Unternehmen für eine
Besichtigung zu öffnen und für Fragen in einem direkten Interview zur Verfügung zu stehen, zum
Teil in direkter Anwesenheit, zum Teil telefonisch durchgeführt.
Für die Untersuchungen wurden:
- teilweise mehrere Experten in einer Firma befragt,
- einzelne Experten stellvertretend für eine Lebenswegphase des Fallbeispiels interviewt oder
- mehrere Experten einer Lebenswegphase befragt.
Die Unterschiede in der Anzahl der in den einzelnen Lebenswegphasen befragten Akteure be-
gründen sich mit der Bereitschaft einzelner Unternehmen, Informationen für die vorliegende
Untersuchung zur Verfügung zu stellen. Besonders beim Sicherheitsgurtband, dessen
Herstellungsphase sich europaweit aus einigen wenigen Unternehmen zusammensetzt, kann be-
reits die Bereitschaft eines wirtschaftlichen Akteurs zur Informationsweitergabe als Erfolg
angesehen werden.
In der folgenden Tabelle ist dargestellt, in welchem Umfang die Akteure in den einzelnen Phasen
des Lebenswegs der Fallbeispiele befragt wurden.
Kapitel 4 – Unterschungsdesign und Methodik 35
Tab. 8: Umfang der schriftlichen und mündlichen Befragung der Experten
Pavillon BaumwollzeltGurtband
SpinnereiBefragt wurde eine
Spinnerei
(ein Fragebogen)
Befragt wurde eine Spinnerei
(zwei telefonische Interviews)
WebereiBefragt wurde eine Weberei
(ein Fragebogen und zwei
Interviews mit je einem
Mitarbeiter)
VeredlerBefragt wurde ein Ver-
edelungsunternehmen
(ein telefonisches
Interview)
Hersteller/
Konfektionär
Befragt wurden ein
Hersteller, der gleich-
zeitig Großhändler ist
(ein Fragebogen und
ein telefonisches Inter-
view) sowie ein weiterer
Hersteller (telefo-
nisches Interview)
Befragt wurden vier
Zelthersteller
(Fragebögen)
Befragt wurden ein System-
hersteller
(telefonisches Interview)
und zwei Autohersteller
(zwei Fragebögen und ein
telefonisches Interview)
HandelBefragt wurde ein Ver-
sandhandelsunterneh-
men (ein Fragebogen
und ein telefonisches
Interview)
NutzerBefragt wurden drei
Nutzer
(Zwei Fragebögen und
ein telefonisches
Interview)
Befragt wurden drei
Nutzer
(Fragebögen)
EntsorgerBefragt wurde ein
öffentlicher Entsorger
(Interview) und ein
Recycler (telefonisches
Interview)
Befragt wurden sieben Auto-
verwerter
(fünf Fragebögen und zwei
Interviews),
ein Schredderbetrieb
(telefonisches Interview),
zwei Recycler
(ein telefonisches Interview
und ein Fragebogen)
und ein Mitarbeiter der Recyc-
lingabteilung eines Auto-
herstellers
(telefonisches Interview)
Forschungs-
einrichtung
Befragt wurde ein
Forschungsinstitut
(telefonisches Inter-
view)
Kapitel 4 – Unterschungsdesign und Methodik 36
Neben den in der Tab. 8 angegebenen Interviews und schriftlichen Befragungen der Experten
wurde Literatur zur Auswertung herangezogen. Die Untersuchung des Fallbeispiels Baumwollzelt
basiert daneben auf den Informationen der Homepages der befragten und anderer Zelthersteller
und den E-mail-Diskussionen von Zeltnutzern.
4.4 Methodik der Auswertung der Befragung
Eines der Ziele der Auswertung ist es, repräsentative Aussagen zu machen. „Mit dem, was der
einzelne Experte vertritt, kann er sich in Gesellschaft dieser oder jener anderen Experten befin-
den, auch alleine dastehen – und es ist das Vorgehen des thematischen Vergleichs, mit dem wir
Gemeinsamkeiten und Unterschiede feststellen“ (Meuser, Nagel 1991, S. 452). Um dieses Ziel
zu erreichen, wurden die Aussagen der Akteure in Abhängigkeit davon, ob mehrere oder nur
einzelne Akteure einer Lebenswegphase befragt wurden wie folgt ausgewertet:
- Wurde nur ein Akteur stellvertretend für eine Phase im Lebensweg befragt, so wurde dessen
Aussage im Vergleich mit den Angaben der Akteure in den benachbarten Lebenswegphasen
sowie, soweit möglich, durch den Vergleich mit Angaben aus der Literatur ausge wertet.
- Wurden mehrere Akteure einer Lebenswegphase befragt, dann wurden deren Aussagen ver-
glichen.
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 37
5 Untersuchung der Fallbeispiele
In diesem Kapitel werden die Ergebnisse der Untersuchung des Lebensweges der drei ausge-
wählten Technischen Textilartikel Pavillon, Baumwollzelt und Sicherheitsgurtband dargestellt.
5.1 Fallbeispiel Pavillon
Im Folgenden werden der untersuchte Pavillon und die Struktur seines Lebensweges beschrie-
ben. In der Stoffstromanalyse werden die Stoffströme und die Lebenswegphasen abgegrenzt,
die für die Untersuchung als relevant erachtet und untersucht wurden. Das Abfallaufkommen
der untersuchten Phasen wird dargestellt und quantifiziert. Die Informationsströme zwischen
den Akteuren der untersuchten Lebenswegphasen, die Entscheidungen der Akteure, die das
Abfallaufkommen betreffen und die Ursachen dieser Entscheidungen werden genannt. Es folgt
eine Bewertung der untersuchten Stoffströme sowie eine Darstellung der Strategien zur Abfall-
reduzierung, die im Lebensweg des Fallbeispiels Pavillon umgesetzt werden. Die Ergebnisse
werden abschließend diskutiert.
5.1.1Produktkunde
Der gewählte Pavillon aus Polyethylenbändchen wird seit Ende der 80er, Anfang der 90er
Jahre (Information eines Großhandels 1999) auf dem deutschen Markt angeboten. Er besteht
aus einem Stahlrohrgerüst, einem Dach aus Gewebe und jeweils einer schmalen Gewebebahn
an den Standbeinen. Wahlweise existieren für den Pavillon auch Seitenteile, die am Gerüst
befestigt werden können. Der Pavillon wird mit einer quadratischen, rechteckigen oder sechs-
eckigen Grundfläche angeboten. Neben dem Pavillon aus Polyethylen existieren auf dem deut-
schen Markt auch Pavillons aus anderen Materialien, die sich in ihrer Qualität von dem aus-
gewählten Fallbeispiel unterscheiden, jedoch nicht Gegenstand der vorliegenden Unter-
suchungen sind. Ein Material, dass sich zur Zeit immer mehr durchsetzt, ist ein beschichtetes
Polyestergewebe. Der Pavillon aus diesem Material weist im Vergleich zum Pavillon aus
Polyethylen eine höhere Reißfestigkeit und eine bessere Verarbeitung auf (Informationen
eines Versandhandels 2000).
Der Pavillon wird in unterschiedlichen Bereichen verwendet. Diese lassen sich zum Beispiel
nach der Dauer der Installation in drei Gruppen einteilen (Dalland 1987):
- Up-and-down Pavillons, die für einen Zeitraum von weniger als 30 Tagen im Rahmen von
kurzzeitigen Events wie Gartenfesten, Informations- oder Verkaufsveranstaltungen aufge-
stellt werden.
- Saison-Pavillons, die für einen Zeitraum von einem bis zu sechs Monaten aufgestellt
werden, beispielsweise in Gartenlokalen und Privatgärten.
- Dauerhaft installierte Pavillons, die für einen Zeitraum von mehr als 6 Monaten installiert
werden, beispielsweise als Unterstand bei Imbissbuden oder als Fahrradständer.
Während die Pavillons aus Polyethylen Anfang der neunziger Jahre ein starkes Wachstum
verzeichnen konnten, befindet sich der Markt derzeit in einer Sättigungsphase.
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 38
Lagen die Preise für einen Pavillon vor einigen Jahren noch bei durchschnittlich 200-250 DM
(Information eines Großhandels 1999), wurden sie im Jahr 2000 für Preise zwischen 50-100
DM angeboten. Die folgende Abbildung zeigt den untersuchten Pavillon:
Abb. 7: Abbildung des untersuchten Pavillons
Das Pavillongewebe muss nach den Anforderungen des Herstellers für eine geschätzte
Nutzungsdauer von 6-8 Jahren beständig gegen UV-Strahlung, unverrottbar und wasserabwei-
send sein. Polyethylen hoher Dichte erfüllt diese Anforderungen, da es eine gute Bestän digkeit
gegen UV-Strahlung besitzt, beständig ist gegen Mikroorganismen und eine hohe Festigkeit
aufweist (vgl. Chemiefaser-Lexikon 1997).
Das Polyethylengewebe der Pavillons, die von einem der befragten deutschen Großhändler
angeboten werden, stammt zur Zeit zu 100% aus Korea und wird dort zu etwa 90% auch kon-
fektioniert. Etwa 10% des in Korea hergestellten Gewebes wird erst in Polen und Tschechien
zu Pavillons verarbeitet.
5.1.2Lebensweg des Pavillons
Zu der textilen Hauptlinie des Pavillons zählen die Phasen Rohstoffgewinnung, Polyethylen-
herstellung, (Bändchen-) Spinnerei, Weberei, Veredelung (Beschichtung), Konfektionierung,
Gebrauch und Entsorgung. Im Folgenden wird daneben der Handel zwischen den Phasen
Konfektionierung und Gebrauch berücksichtigt, da er für das Abfallaufkommen im Lebensweg
eine wichtige Rolle spielt. In Abb. 8 sind die Lebenswegphasen mit dem Produktstrom darge-
stellt. Die in der vorliegenden Arbeit untersuchten Phasen sind dunkelgrau hervorgehoben, die
nicht untersuchten Phasen sind hellgrau hinterlegt.
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 39
Abb. 8: Hauptlinie der textilen Kette (Pavillon)
Ausgangsprodukt für die Herstellung von Polyethylen ist die „light destillate fraction“, auch
Naphtha genannt, die in der Phase der Rohstoffgewinnung bei der Raffination von Erdöl an-
fällt. Sie enthält bereits in geringen Mengen Ethylen, ein größerer Anteil kann durch Crack-
prozesse (hydrolytische Crackung von höheren Kohlenwasserstoffen) gewonnen werden, das
im Anschluss in der Phase der Polyethylenherstellung zu Polyethylen polymerisiert wird. Für
die Herstellung des Gewebes wird Polyethylen hoher Dichte (HD-PE) verwendet, das aus
linearen Molekülen mit wenigen Verzweigungen besteht (vgl. Brinkmann et al. 1994).
Da Polyethylen nur spinngefärbt werden kann, werden dem Polymer in der Spinnerei zur Fär-
bung feinstverteilte, meist weiße, Pigmente zugegeben. Aus dem Polymer wird zunächst eine
Folie hergestellt, aus dieser werden dünne, schmale Bänder geschnitten (Chemiefaser-Lexikon
1997). Die Bändchen werden vor oder nach dem Schneiden monoaxial gereckt. Zu einem
kleinen Teil werden die Bändchen daneben durch ein Spinnen mit hoher Geschwindigkeit her-
gestellt (Lexikon für Textilveredlung 1995). Typisch ist der bändchenartige Querschnitt, der
sich auf Grund des großen Verhältnisses von der Breite (z.B. 2-3 mm) zur Dicke (z.B. 30 µm)
ergibt. Die Bändchen werden in der Weberei verwoben. Der Teil des Gewebes, der für die
Herstellung des Pavillondachs verwendet wird, wird anschließend von einem Veredelungsun-
ternehmen mit Polyethylen niedriger Dichte (LD-PE) beschichtet, um ihm wasserfeste Eigen-
schaften zu verleihen. Polyethylen niedriger Dichte besteht aus Molekülen mit langkettigen
Verzweigungen (vgl. Brinkmann et al. 1994). Das Gewebe für die Seitenteile bleibt aus Kosten-
gründen unbeschichtet (Information eines Veredlers 1999). In der Phase der Konfektionie-
rung wird das Gewebe zugeschnitten und vernäht. Den Phasen Pavillonherstellung und Ge-
brauch ist der Handel zwischengeschaltet, beim Pavillon in der Regel der Großhandel sowie
der Einzel- und Versandhandel. Es folgen die Gebrauchsphase und die Phase der Entsor-
gung. Gebrauchte Pavillons werden bislang von den städtischen Entsorgungsunternehmen
entweder verbrannt oder deponiert (Information eines Entsorgungsunternehmens 1999).
5.1.3 Stoffstromanalyse des textilen Abfallaufkommens
Im Folgenden wird in der Stoffanalyse abgegrenzt, welche Stoffströme untersucht werden. In
der anschließenden Strukturanalyse wird dargestellt, welche Lebenswegphasen untersucht
wurden und welche textilen Abfälle in diesen Lebenswegphasen anfallen. Anschließend wer-
den die textilen Abfälle quantifiziert. Für die Untersuchung wurden Mitarbeiter der Spinnerei,
des Beschichtungsunternehmens, des Pavillonherstellers und des Handels, Nutzer und Mit-
arbeiter von Entsorgungsunternehmen schriftlich und mündlich befragt.
SpinnereiWebereiVeredelungKonfektio-
nierungGebrauch
PE-Gewebe
Bändchengarn
Veredeltes
PE-Gewebe
Pavillon
Polyethen-
herstellung Handel
Pavillon
Polymere
Rohstoff-
gewinnung
Grundchemikalien
Entsorgung
Alt-Pavillon
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 40
5.1.3.1 Stoffanalyse
Die Untersuchung beschränkt sich auf textile Abfälle im Lebensweg des Pavillons. Nicht-textile
Elemente des Pavillons wie das Stahlgerüst werden nicht berücksichtigt.
5.1.3.2 Strukturanalyse
In der Strukturanalyse wird dargestellt, in welcher der untersuchten Lebenswegphasen textile
Abfälle anfallen und wie sie beschaffen sind. Für die Analyse wurden allein die Phasen
Konfektionierung, Handel, Gebrauch und Entsorgung untersucht, da sie einen wesentlichen
Einfluss auf das Abfallaufkommen im Lebensweg haben. In diesen Phasen wird das Material,
die Qualität, die Lebensdauer und die Art der Entsorgung des Pavillons festgelegt. Die Analyse
der Akteurskette, der Informationsströme zwischen den Akteuren und der Einflussmöglich-
keiten der befragten Akteure auf die textilen Abfallströme, die ebenfalls zur Strukturanalyse
zählen, werden erst im Anschluss an die Quantifizierung der textilen Abfälle dargestellt.
In den untersuchten Lebenswegphasen des Pavillons fallen textile Abfälle in Form von
Zuschnittabfällen in der Phase der Pavillonherstellung und in Form des Altpavillons in der
Phase der Entsorgung an. Auf Grund der geringen Lebensdauer des Pavillons wird davon
ausgegangen, dass in der Gebrauchsphase kein verschlissenes Gewebe als Abfall anfällt.
Auch textile Reparaturabfälle können vernachlässigt werden, da gerissene Stellen des
Pavillons in der Regel geklebt oder genäht, jedoch nicht ausgetauscht werden (Information von
Nutzern 1999). In Abb. 9 sind der in der Untersuchung berücksichtigte Input, der die
toxikologische Relevanz der textilen Abfälle und deren Recyclingfähigkeit beeinflusst, und die
untersuchten textilen Abfälle mit schwarzen vertikalen Pfeilen dargestellt. Die grauen
vertikalen Pfeile stellen den Input und die textilen Abfälle dar, die hier nicht berücksichtigt
wurden. Die horizontalen Pfeile kennzeichnen den Produktstrom.
Abb. 9: Textile Abfallströme im Lebensweg des Pavillons
WebereiVeredelung Konfektio-
nierung Gebrauch
Entsorgung textiler Materialien
SpinnereiHandel
AltpavillonZuschnittabfälle
PE-Gewebe
Bändchengarn
Pavillon
Pavillon
Polymere
PE-Gewebe
Polyethylen-
herstellung
Rohstoff-
gewinnung
Grundchemikalien
LD-PEAdditiveAdditive
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 41
Die Zusammensetzung der Zuschnittabfälle und des Altpavillons hängt im Wesentlichen von
den in der Phase der Herstellung verwendeten Chemikalien ab. Hier sind besonders die
Additive relevant, die dem Polymer in der Phase der Polyethylenherstellung und der Spinnerei
zugegeben werden. Der Altpavillon enthält daneben Schmutzstoffe und ggf.
Reinigungsmittelrückstände aus der Gebrauchsphase.
5.1.3.3 Quantifizierung
Die Berechnung der Masse der oben genannten textilen Abfälle basiert auf durchschnittlichen
Angaben bzw. Schätzwerten. Nach Auskunft eines Konfektionärs beträgt der Anteil an
Zuschnittabfall etwa 3% des Gewichts des Ausgangsmaterials. Diese Zahl erscheint plausibel,
da die Form des Pavillons auf einen minimalen Anteil an Verschnitt hin ausgelegt wird
(Information eines Großhandels 1999).
Der Pavillon wird in fünf verschiedenen Formen mit einer Grundfläche von 6 bis 18 m² ange-
boten. Drei Modelle besitzen eine rechteckige, eines eine quadratische und eines eine sechs-
eckige Grundfläche. In den einzelnen Pavillonmodellen sind zwischen 11 und 23 m² Gewebe
verarbeitet. Da deren jeweilige Verkaufszahlen nicht bekannt sind, wird die Gewebemenge, die
im Pavillon der Grundfläche 3 m * 4 m verarbeitet ist, als durchschnittlich für die in Poly-
ethylen-Pavillons verarbeitete Gewebemenge angesehen. Die Wahl wird gestützt durch die
Aussage des Großhandels, nach der der Trend zur Zeit hin zu rechteckigen Grundflächen geht
(Information eins Großhandels 1999). Für den Pavillon werden separat noch großflächige Sei-
tenteile angeboten, mit denen er zu einer Art Zelt verwandelt werden kann. Da ein Großteil der
aufgestellten Pavillons keine Seitenteile besitzt, werden sie bei der Berechnung der Abfall-
masse nicht berücksichtigt. In dem Pavillon mit der Grundfläche von 12 m² sind etwa 17,2 m²
Gewebe verarbeitet (12,6 m² für das Dach, 2,4 m² für die vier Stangenseitenteile und 2,2 m² für
die Blendleiste inklusive eines Zuschlags für Nähte von 5%). Das unbeschichtete Gewebe an
den Seitenteilen wiegt etwa 170 g/m², das beschichtete Dachgewebe wiegt etwa 240 g/m².
Daraus ergibt sich ein Gewebegewicht von etwa 4 kg. Der gesamte Pavillon, der aus dem
Gewebe (ohne Seitenwände), Gerüst und Befestigungsringen besteht, wiegt 29 kg (Information
eines Großhandels 1999).
Die zwei wichtigsten deutschen Großhändler für Polyethylen-Pavillons geben an, dass sie
jährlich zusammen etwa 25.000 Pavillons aus Polyethylen in Deutschland verkaufen (Infor-
mation des Großhandels 1999 und 2000). Da weder den befragten Großhändlern noch dem
befragten Versandhandel weitere Pavillongroßhändler bekannt sind und diese Pavillonart von
inländischen Zeltherstellern auf Grund der Billigimporte aus Asien nicht mehr hergestellt wird
(Information eines Konfektionärs 2000), wird davon ausgegangen, dass die oben angegebene
Zahl etwa der Anzahl der jährlich in Deutschland verkauften Pavillons aus Polyethylen
entspricht. In Tab. 9 ist die Masse und die Fläche des Zuschnittabfalls, der bei der Herstellung
eines Pavillons anfällt, sowie die Masse und Fläche eines Altpavillons aus 100%-Polyethylen-
gewebe angegeben. Die Angaben wurden hochgerechnet auf die Anzahl der jährlich in
Deutschland verkauften Pavillons. Der Berechnung liegt die vereinfachende Annahme zu
Grunde, dass die Menge an jährlich produzierten Pavillons gleich der Menge an jährlich
entsorgten Pavillons ist. Dies gilt strenggenommen nur für einen bestimmten Zeitraum nach
Erreichen der Marktsättigung.
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 42
Vor der Marktsättigung wird die Anzahl der produzierten Pavillons größer sein als die Anzahl
der entsorgten, nach Marktsättigung wird die Anzahl der entsorgten Pavillons die Zahl der
produzierten übersteigen.
Tab. 9: Masse und Größe des Zuschnittabfalls und des Altgewebes eines einzelnen Pavil-
lons sowie aller Pavillons, die in Deutschland jährlich entsorgt werden
Abfall je PavillonAbfall der in Deutschland
entsorgten Pavillons
Zuschnittabfall0,1 kg 0,5 m² 2,5 t0,01 km²
Altpavillon 4,0 kg 17,2 m² 100 t0,43 km²
Gesamt4,1 kg17,7 m²102,5 t0,44 km²
Der Zuschnittabfall eines einzelnen Pavillon wiegt etwa 0,1 kg. Im Rahmen der Herstellung der
jährlich in Deutschland entsorgten Pavillons fallen in Asien und zu einem geringen Teil in Ost-
europa textile Zuschnittabfälle mit einer Masse von 2,5 t an. Daneben fallen in Deutschland
jährlich etwa 100 t gebrauchtes Polyethylengewebe aus Altpavillons an.
Nutzungsdauer
Problematisch ist aus der Abfallperspektive besonders die geringe Nutzungs- oder
Lebensdauer des Pavillons. Sowohl die befragten Handelsunternehmen als auch die Nutzer
gehen von einer kurzen bis mittleren Lebensdauer des Pavillons von 2 bis 4 Jahren aus. Der
Handel spricht sogar von einem „Wegwerfprodukt“.
Die befragten Handelsunternehmen und die befragten Nutzer geben unterschiedliche
Ursachen für die geringe Lebensdauer des Pavillons an. Der Großhandel, der von einer
theoretischen Lebensdauer von 5 bis 8 Jahren ausgeht, sieht die Ursachen besonders in dem
schlechten Pflegeverhalten der Nutzer. Der Pavillon wird nach seinen Angaben von den
Nutzern in der Regel nicht sorgsam behandelt, gereinigt und repariert und relativ schnell
entsorgt. Bei diesen Aussagen ist zu berücksichtigen, dass der Großhandel keinen Kontakt zu
den Nutzern hat und keine systematischen Befragungen zum Nutzerverhalten oder der
Kundenzufriedenheit durchführt.
Dagegen sehen die Nutzer als Ursache für die geringe Lebensdauer des Pavillons ins-
besondere dessen geringe Qualität, die sich in dem verwendeten Material, der Verarbeitung
und der Konstruktion zeigt. Schon nach kurzer Anwendungszeit soll sich das Gewebe abhän-
gig vom Standort irreversibel grünlich oder grau verfärben und schmuddelig aussehen, spröder
werden und Risse zeigen. Auch durch den unhandlichen Auf – und Abbau des Pavillons kann
es nach Aussagen der Nutzer leicht zu Gewebeschäden in Form von Rissen an den Nähten
und in den Dachecken kommen. Der Einfluss des Pflegeverhaltens auf die Lebensdauer ist auf
Grund der schlechten Qualität des Pavillons begrenzt. Die Entscheidungen einzelner Akteure
in Bezug auf die Qualität des Pavillons sowie das Verhalten der Nutzer bezüglich der Pflege
und der Entsorgung des Pavillons werden in Punkt 5.1.4.2 dargestellt.
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 43
5.1.4Akteurskette
Im Folgenden werden für die untersuchten Lebenswegphasen die Informationsströme zwi-
schen den Akteuren, die abfallrelevanten Akteursentscheidungen und die Ursachen für diese
Entscheidungen dargestellt. In der Untersuchung wird sowohl der Großhandel als auch der
Einzel- und Versandhandel berücksichtigt, da beide Akteure relativ einflussreich sind. Eine
Besonderheit ist, dass der befragte Großhandel gleichzeitig partiell die Funktion des
Konfektionärs übernimmt. Er kauft den Großteil der Pavillons bereits fertig konfektioniert in
Asien ein und lässt daneben aus Asien importiertes Gewebe im Bedarfsfall von firmeneigenen
Unternehmen in Osteuropa konfektionieren, um nicht kalkulierbare Nachfragespitzen des
Einzel- und Versandhandels kurzfristig abdecken zu können. Der Großhandel gibt an, vor
einigen Jahren den Großteil der Pavillons noch selbst im Inland konfektioniert zu haben, auf
Grund der Billigkonkurrenz aus Asien aber immer mehr zum Handeln übergegangen zu sein.
Obgleich der Großhandel somit sowohl die Funktion des Großhandels als auch die des
Konfektionärs besitzt, wird er im Folgenden nur als Großhandel bezeichnet.
5.1.4.1 Informationsströme
Die sehr spärliche Kommunikation im Lebensweg des Pavillons beschränkt sich auf benach-
barte Akteure. Es findet keine direkte Kommunikation über mehr als zwei Phasen hinweg statt.
Hinweise aus den Befragungen deuten darauf hin, dass insbesondere größere Ketten des
Einzel- und Versandhandels relativ mächtige Akteure sind. Sie wählen die Modelle aus der
Kollektion des Großhandels nicht nur aus, sondern können auch Änderungen in der Pro-
duktgestalt festlegen, wie den Verzicht auf Beschichtung oder eine veränderte Farbe oder
Form.
Die zentralen Einkäufer des Großhandels stehen in direktem Kontakt mit den Pavillonher-
stellern in Asien und leiten sowohl die eigenen Anforderungen an die Gestalt der Prototypen
als auch die Anforderungen des Einzel- und Versandhandels an diese weiter. Dadurch, dass
der Großhandel nicht nur Auflagen und Anforderungen erfüllt, sondern auch mit einer eigenen
Kollektion vorstellig wird, hat er Einfluss auf die Gestaltung des Pavillons. In Abb. 10 sind die
Informationsströme zwischen den befragten Akteuren (dunkelgrauer Hintergrund) dargestellt.
Abb. 10: Informationsströme zwischen den Akteuren der untersuchten Lebenswegphasen
(Pavillon)
SpinnereiWebereiVeredlerGroß-
handelNutzer
Chemische
Industrie
Einzel-
handel
Entsor-
gungsun-
ternehmen
Konfek-
tionär
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 44
Eine direkte Kommunikation zwischen dem Einzel- und Versandhandel und den Nutzern findet
nicht statt. So kennen die Handelsunternehmen nicht die Lebensdauer der von ihnen verkauf-
ten Pavillons und machen in der Befragung zur Lebensdauer Angaben, die wesentlich höher
sind als die Angaben der befragten Nutzer. Der Handel betreibt zwar Marktforschung, um
Informationen zu den Wünschen der Nutzer bezüglich Größe, Farbe, Material und Qualität des
Pavillons zu erhalten und das Produktangebot entsprechend zu gestalten. Eine Kommuni-
kation zwischen Handel und Nutzern zu den bereits verkauften und genutzten Produkten, ihren
Schwächen und Stärken, findet jedoch nicht statt. Eine Kommunikation zwischen den Nutzern
und dem Handel könnte bei der Reklamation eines mangelhaften Pavillons stattfinden. Nach
Aussagen eines Mitarbeiters des Versandhandels ist der Preis des Polyethylen-Pavillons
jedoch so gering, dass die Nutzer das schadhafte Produkt nicht oder nur in Ausnahmefällen
reklamieren. Belegt wird dies von einem Nutzer, der einen Pavillon gekauft hat, bei dem eine
Stange fehlte, und der diesen nicht reklamiert, sondern entsorgt hat (Information eines Nutzers
1999).
Es existiert auch keine indirekte Kommunikation zwischen den Pavillonherstellern und den
Nutzern in Form von Anleitungen zur Reinigung und Pflege des Pavillons. Daneben existiert
keine ausreichende Kommunikation zwischen den Entsorgungsunternehmen und den Nutzern.
Belegt werden kann dies durch die Unsicherheit, die bei den befragten Nutzern in Hinblick auf
die Art der Entsorgung besteht. Die befragten Nutzer entsorgen ihre Pavillons entweder über
die gelbe Tonne für Verpackungsmaterial, die Restmülltonne oder über den Sperrmüll. Sowohl
aus der gelben Tonne als auch aus dem Sperrmüll wird er aussortiert, um über die Restmüll-
entsorgung auf der Deponie oder in der Müllverbrennung beseitigt zu werden (Informationen
von Entsorgungsunternehmen 1999).
5.1.4.2 Einfluss der Akteure auf das Abfallaufkommen
Im Folgenden werden die Entscheidungen des Großhandels, des Einzel- und Versandhandels,
der Nutzer und des Entsorgungsunternehmens dargestellt, die sich auf das textile Abfallauf-
kommen und die Lebensdauer des Pavillons auswirken.
Großhandel
Die Orientierung des Großhandels am Preis und nicht an der Qualität des Pavillons führt zu
einer Reduzierung der Gewebemasse und damit gleichzeitig zu einer Reduzierung der Lebens-
dauer.
Er entscheidet sich dafür, den Preis des Pavillons als wesentliches Kriterium anzusetzen. So
standen für die Auswahl des Materials für das Pavillongewebe nicht Funktion und Lebens-
dauer, sondern Preis und Routinen – der Großhändler hat seit Jahrzehnten Produkte aus Poly-
ethylen im Angebot - im Vordergrund. Folge ist, dass ein Gewebe aus Polyethylenbändchen
verwendet wird, das qualitativ nicht hochwertig ist.
Bei der Auslegung der Pavillonmodelle achtet der Großhandel darauf, dass die eingesetzte
Gewebemasse möglichst gering ist. So werden (1) vom Großhandel nur solche Prototypen
angeboten, deren Menge an Zuschnittabfall minimal ist.
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 45
Daneben werden (2) die Bändchen dünner und (3) nur noch die Gewebebahnen für die Her-
stellung des Daches beschichtet (Information eines Veredlers 1999). Diese Entscheidungen
wirken sich insofern abfallreduzierend aus, als sie die verarbeitete Gewebemasse reduzieren.
Gleichzeitig sinkt die Lebensdauer des Pavillons, da das dünnere Bändchen leichter reißt, der
Pavillon mit partieller Beschichtung weniger wasserdicht ist, die Kundenzufriedenheit sinkt und
der Pavillon somit früher entsorgt wird.
Die kurze Lebensdauer des Pavillons wird vom Großhandel akzeptiert und auf Grund der von
ihm initiierten Veränderungen des Materials und des Designs, die zu einer sinkenden Qualität
führen, unterstützt. Der befragte Großhandel äußert sich zur Idee der Lebensdauerverlänge-
rung der Pavillons mit: „Dann sterben wir in Schönheit“ (Information eines Großhandels 1999).
Einzel- und Versandhandel
Der Einzel- und Versandhandel unterstützt durch seine Kostenorientierung die Entwicklung des
Pavillons zum Wegwerfprodukt. So fordert der Einzel- und Versandhandel vom Großhandel ein
möglichst preiswertes Produkt, ungeachtet dessen sinkender Qualität. Beispielsweise nehmen
größere Einzel- und Versandhandelsketten Einfluss auf die Prototypen des Großhandels,
indem sie die Gewebefläche weiter reduzieren und den Pavillon so noch kostengünstiger
gestalten (Information eines Großhandels 1999).
Nutzer
Die Nutzer haben durch ihr Pflege- und Entsorgungsverhalten einen gewissen Einfluss auf die
Lebensdauer, der auf Grund der geringen Qualität des Pavillons begrenzt ist. Die Auswahl-
kriterien der Nutzer beim Kauf des Pavillons sind allein Preis und Farbe (Information von
Nutzern 1999). Sie entscheiden sich für einen Pavillon mit unbekannter Qualität. Eine fehlende
Qualitätsorientierung kann für die Pavillonnutzer hier jedoch nicht generell festgestellt werden,
da nach Angaben des Großhandels viele Nutzer, die bereits einen Pavillon aus Polyethylen-
gewebe besaßen, im Anschluss einen qualitativ hochwertigeren Pavillon aus einem anderen
Material kaufen. Das wird auch von den befragten Nutzern bestätigt (Information von Nutzern
1999).
Die Bereitschaft zur Pflege des Pavillons ist bei den befragten Nutzern sehr unterschiedlich.
Während ein Teil der Nutzer Schäden sofort repariert und den Pavillon nach jedem Gebrauch
trocknet und verstaut, investieren andere Nutzer keine Pflege in den Pavillon. Auch bei einer
guten Behandlung und Pflege kann der Pavillon jedoch schon nach wenigen Aufbauvorgängen
Schäden zeigen, die durch die geringe Qualität des Gewebes und der Verarbeitung verursacht
werden (Informationen von Nutzern, 1999).
Das Entsorgungsverhalten der befragten Nutzer ist dahingehend ähnlich, dass sie den Pavillon
nicht weitergeben oder verkaufen, sondern entsorgen. Ähnlich ist weiterhin, dass sie den Pa-
villon nicht allein deshalb entsorgen, weil er schäbig aussieht. Sämtliche befragte Nutzer
berichten von einem schäbigen Aussehen nach kurzer Nutzungsdauer, alle nutzen den Pavil-
lon aber immerhin 2 bis 4 Jahre.
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 46
Für den Zeitpunkt der Entsorgung können sowohl die textilen als auch die nichttextilen
Bestandteile wesentlich sein. Entsorgt wird der Pavillon wenn die Schäden (Risse) im Gewebe
zu groß werden, das Produkt nicht mehr gefällt oder das Gerüst beschädigt oder unvollständig
ist (Informationen von Nutzern 1999).
Entsorgungsunternehmen
Verwertungsunternehmen für Polymere nehmen den Altpavillon aus ökonomischen Gründen
nicht zur Verwertung an, obgleich er stofflich verwertbar ist (Blechschmidt et al. 1996). Die
Pavillons werden zur Zeit auch nicht von den Unternehmen, die Verpackungen aus vergleich-
baren Materialien verwerten, angenommen (Information eines Sortierungsunternehmens für
Verpackungsabfälle 1999). Die Unternehmen, in denen üblicherweise Alttextilien – in der
Regel Bekleidungstextilien - recycelt werden, nehmen den Altpavillon nicht, da die zu verwer-
tenden Textilien hier zunächst zu Fasern zerrissen werden, was bei dem aus Folienbändchen
bestehenden Pavillon nicht möglich ist.
5.1.4.3 Ursachen für Akteursentscheidungen
Die oben dargestellten Entscheidungen der Akteure, die sich auf das textile Abfallaufkommen
im Lebensweg des Pavillons auswirken, haben folgende Ursachen:
Der Pavillon wird für einen relativ geringen Preis angeboten (Niedrigpreissegment). Der gerin-
ge Preis wird ermöglicht durch niedrige Herstellungskosten, die sich in der schlechten Verar-
beitung, dem leicht reißenden und leicht verschmutzenden Material und der schlechten Kon-
struktion spiegeln. Auf Grund der Marktsättigung wird der Preis des Pavillons immer stärker re-
duziert, um neue Käufergruppen zu gewinnen. Ein Gewinn kann nur noch durch einen hohen
Umsatz erzielt werden (Information eines Großhandels 1999). Da das Herstellungsverfahren
relativ investitionsarm ist und die Lohnkosten auf Grund der Herstellung in Billiglohnländern
bereits gering sind, treten die Bemühungen um die Reduzierung der Kosten für die Rohstoffe
bzw. das Polyethylengewebe stärker in den Mittelpunkt. Folgen dieser Entwicklung sind
beispielsweise die Reduzierung des Flächengewichts des Gewebes.
Hersteller und Handel besitzen in Bezug auf den Pavillon keine Qualitätsorientierung. So
existieren keine Mindestanforderungen an die Qualität des Pavillons. Der Einzel- und Versand-
handel muss Reklamationsfälle zwar zurücknehmen. Nutzer reklamieren Schäden am Pavillon
in der Regel jedoch nicht, da der Pavillon nicht teuer ist (Information eines Versandhandels
2000) und sich daher möglicherweise der Aufwand der Reklamation nicht lohnt. Die Nutzer
erhalten daneben beim Kauf des Pavillons keine Informationen zur Qualität.
Der Zeitpunkt der Entsorgung hängt beim Pavillon auch von dem Aufwand ab, den die Ent-
sorgung des relativ großen und sperrigen Pavillons mit sich bringt. Immerhin besteht er selbst
ohne Gerüst noch aus 17 m² relativ sprödem Gewebe. Aus der Befragung der Nutzer ergeben
sich Hinweise, dass der hohe Aufwand der Entsorgung die Lebensdauer des Pavillons
verlängern kann.
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 47
Ursachen für die fehlende stoffliche Verwertung des Altpavillons liegen unter anderem im
Material, das nicht zu Fasern gerissen und weiterverwertet werden kann und in der geringen
Qualität des Altzelt-Gewebes, die eine Verwertung angesichts der geringen Kosten für primä-
res Polyethylen nicht rentabel erscheinen lässt.
5.1.5Bewertung der textilen Abfälle
Die ausgewählten Pavillons aus Polyethylengewebe verursachen in den untersuchten Lebens-
wegphasen in Deutschland jährlich einen textilen Abfallanfall von 102,5 Tonnen. Gemessen an
der 1997 in Europa produzierten Masse an Polyethylen von 4,1 Millionen Tonnen, die zeitlich
versetzt auch als Abfall anfallen wird, erscheint die Masse der Abfälle aus dem Lebensweg
des Pavillons zunächst vernachlässigbar klein. Sie ist trotzdem relevant, da eine nachhaltige
Entwicklung nur dann erreicht werden kann, wenn auch die Abfälle in den Produktgruppen
reduziert bzw. vermieden werden, die in Bezug auf die Gesamtmasse eher klein sind.
Der Abfall in den untersuchten Phasen des Lebensweges besteht fast ausschließlich aus nicht
erneuerbaren Ressourcen. Ihr Verbrauch widerspricht einer der Managementregeln des nach-
haltigen Wirtschaftens (vgl. Kapitel 3.1). Danach sollen nicht erneuerbare Ressourcen wie
Erdöl und Kohle nur in dem Umfang genutzt werden, in dem ein physisch und funktionell
gleichwertiger Ersatz in Form erneuerbarer Ressourcen geschaffen wird (vgl. Friege 1999).
Diese Regel wird bislang insbesondere in den Industriestaaten noch nicht ansatzweise umge-
setzt, sollte aber in Zukunft allein schon mit Blick auf die zunehmende Konzentration an Treib-
hausgasen in der Atmosphäre ernster genommen werden.
Die Gefährlichkeit der textilen Abfälle ist zum Teil abhängig von den in der Phase der Her-
stellung der Bändchen und deren Beschichtung verwendeten Katalysatoren und Additiven.
Diese werden jedoch geheim gehalten. Es ist lediglich bekannt, dass keine flammhemmenden
Stoffe eingesetzt werden (Information eines Großhandels 1999). Da darüber hinaus keine
Informationen über öko- und humantoxikologische Wirkungen der Chemikalien bekannt sind,
die bei der Herstellung von Polyethylenbändchen verwendet werden, kann hier keine Aussage
über die Gefährlichkeit des Materials gemacht werden.
5.1.6Umgesetzte Strategien zur Abfallreduzierung
Im Lebensweg des Pavillons wurde auf der Grundlage der in Kapitel 3.4 dargestellten theo-
retisch möglichen Strategien zur Abfallreduzierung im Bereich der Produkte allein die Strategie
„Kreislaufführung“ identifiziert. Die Minimierung der Masse des Pavillons wird nicht als
Strategie zur Abfallreduzierung gewertet, da sie gleichzeitig zu einer Verkürzung der
Lebensdauer und damit zu einer Zunahme der textilen Abfälle führt.
Die Strategie der Kreislaufführung wird in der Phase der Konfektionierung durch die Weiterver-
wertung von Zuschnittabfällen realisiert. In Abb. 11 sind die Stoffströme bei der Verwertung
der Zuschnittabfälle dargestellt. Verwertet werden die Zuschnittabfälle der Pavillons, die in
Osteuropa konfektioniert werden. Es ist nicht bekannt, ob dies auch für die Zuschnittabfälle der
in Korea hergestellten Pavillons zutrifft. Im Folgenden wird angenommen, dass sie nicht
verwertet, sondern beseitigt werden.
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 48
Nach Angaben des Großhändlers werden jährlich etwa 10% der 25.000 in Deutschland ver-
kauften Pavillons in Osteuropa konfektioniert. Dabei fallen pro Pavillon 0,1 kg Zuschnittabfall
(Information eines Großhandels 1999) und somit jährlich etwa 250 kg Zuschnittabfall an, der
zur Weiterverwertung abgegeben wird.
Abb. 11: Textile Abfallströme, die verwertet werden
Der schwarze Pfeil kennzeichnet den textilen Abfallstrom, der im Lebensweg des Pavillons
verwertet wird, die grauen Pfeile stehen für die textilen Abfallströme zur Beseitigung. In Abb.
12 sind die Massenströme des Polyethylengewebes zwischen den Lebenswegphasen Konfek-
tionierung (inkl. Handel), Gebrauch und Sammlung des Altpavillons dargestellt.
Abb. 12: Massenströme des Polyethylengewebes im Lebensweg des Pavillons
WebereiVeredelungKonfektio-
nierung Gebrauch
Beseitigung textiler Materialien
SpinnereiHandel
Zuschnittabfälle
Polyethylen-
herstellung
Rohstoff-
gewinnung
Verwertung textiler Materialien
Konfektio-
nierung
Pavillon
Gebrauch
Pavillon
Sammlung
Altpavillon
g-Ek =
102,5 t/a
g-Vk=
100 t/a
g-Vb=
100 t/a
g-B2 =
100 t/a
g-Vt =
0,25 t/a
g-B1 =
2,25 t/a
g-Ek = Masse des von der Konfektionierung gekauften Gewebes pro Zeiteinheit
g-Vk = Masse des von der Konfektionierung verkauften Gewebes pro Zeiteinheit
g-Vb = Masse des von den Nutzern verbrauchten Gewebes pro Zeiteinheit
g-B = Masse des zu beseitigenden Gewebes pro Zeiteinheit
g-Vt = Masse des Gewebes, das zur Verwertung abgegeben wird pro Zeiteinheit
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 49
Aus der Abbildung ist erkennbar, dass nur ein Bruchteil des Polyethylengewebes (weniger als
0,3%) verwertet wird. Über 99,7% der textilen Abfälle im Lebensweg des Pavillons werden
dagegen beseitigt, d.h. deponiert oder verbrannt.
Die Strategie der Kreislaufführung wird daher im Lebensweg des Pavillons nur in einem sehr
geringen Umfang umgesetzt. Da die Strategie erst beim Abfallanfall ansetzt und das Gewebe
nicht auf eine Wiederverwertung ausgelegt wird, besitzt sie auch nur eine geringe Reichweite.
Fördernde Faktoren
Fördernd auf die Verwertung der Zuschnittabfälle wirkt sich aus, dass der Konfektionär den
Verschnitt gewinnbringend abgeben kann, da die Zuschnittabfälle sauber und neuwertig sind.
5.1.7Diskussion der Ergebnisse „Pavillon“
Wesentliche Ergebnisse der Untersuchung sind, dass die textilen Abfälle im Lebensweg des
Pavillons besonders auf Grund ihrer Menge ökologisch relevant sind und dass bislang kaum
Ansätze zur Reduzierung der textilen Abfälle existieren. Mit der Strategie „Kreislaufführung“,
die in der Phase der Konfektionierung umgesetzt wird, wird nur ein sehr kleiner Teil der textilen
Abfälle erfasst. Der Großteil der textilen Abfälle in Form des Altpavillon-Gewebes wird dage-
gen beseitigt.
Sowohl der Hersteller als auch der Handel arbeiten darauf hin, die Herstellungskosten des
Pavillons zu minimieren, um ihn zu einem möglichst geringen Preis verkaufen zu können.
Während der Pavillon ursprünglich noch nicht im Niedrigpreissegment angesiedelt war, hat er
sich im Laufe der Marktsättigung dorthin entwickelt (Information eines Großhandels 1999). Die
Minimierung der Herstellungskosten und der resultierende geringe Preis des Pavillons haben
jedoch sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf das Abfallaufkommen. So wird auf
Grund der Minimierung der Materialkosten die Dicke der Bändchen und damit das textile
Abfallaufkommen pro Pavillon weiter verringert. Weiterhin wird nur noch das Gewebe
beschichtet, das für das Dach bestimmt ist. Der Verzicht auf die Beschichtung verringert nicht
nur die Masse des Pavillons, er erhöht auch gleichzeitig die Recyclingfähigkeit des Gewebes,
da unbeschichtetes Polyethylen hochwertig verwertet werden kann, während beschichtetes
Polyethylen bei der stofflichen Verwertung zu Problemen führt (Information eines Forschungs-
institutes 1999).
Gleichzeitig wirkt sich die Minimierung der Herstellungskosten erhöhend auf das Abfallaufkom-
men aus, indem die Qualität (durch die Minimierung des Materials und die schlechter
werdende Verarbeitung) und damit die Lebensdauer des Pavillons verkürzt wird. Daneben
existieren Hinweise aus der Befragung der Nutzer, dass der geringe Preis des Pavillons dazu
führt, dass ein Teil der Nutzer den Pavillon weder reinigt noch repariert, wodurch die ohnehin
geringe Lebensdauer weiter sinkt. Die geringen Kosten des Pavillons und der damit
verbundene geringe Preis haben weitere negative Auswirkungen auf das Abfallaufkommen, da
sich Abfallreduzierungsstrategien für die Gebrauchsphase wie der Verleih des Pavillons (neue
Nutzungsformen) oder die professionelle Reparatur (Verlängerung der Lebensdauer) nicht
lohnen.
Kapitel 5.1 – Fallbeispiel Pavillon 50
Die Untersuchung des Lebensweges ergab, dass die Nutzer den Pavillon ungeachtet seiner
schlechten Qualität länger nutzen als es für ein solch qualitativ geringwertiges Produkt erwartet
werden kann. Er wird zu einem Zeitpunkt entsorgt, zu dem er unabhängig von der Pflege schon
seit längerem schmuddelig aussieht und mit großer Wahrscheinlichkeit mehrfach gerissen ist.
Ursachen für dieses Verhalten liegen möglicherweise in der Größe des Pavillons, der sperrig und
nicht leicht zu entsorgen ist, und in den Kosten von 50 - 100 DM, die wahrscheinlich für viele
Nutzer zu hoch sind, um den Pavillon jährlich durch einen Neuen zu ersetzen.
Die Untersuchung ergab weiterhin, dass die Nutzer beim Kauf des Pavillons nicht primär auf die
Qualität achten. Das mag darauf hindeuten, dass die Nutzer keine Qualitätsorientierung
besitzen. Dieser Annahme widerspricht, dass die Nutzer beim Kauf des Pavillons keine Kenntnis
über dessen Qualität besitzen. Der einzige Hinweis auf die schlechte Qualität besteht in dem
geringen Preis. Der Zusammenhang zwischen einem geringen Preis und einer schlechten
Qualität ist jedoch nicht immer zwingend. Daneben kaufen sich Nutzer nach Angaben des Groß-
handels in der Regel ein besseres Nachfolgeprodukt, was durch einen Nutzer bestätigt wurde,
der sich inzwischen einen seiner Ansicht nach qualitativ hochwertigeren Pavillon aus mit
Glasfasern verstärktem Baumwollgewebe gekauft hat. Auch die Aussagen der Nutzer gehen
dahin, dass sie sich ein qualitativ hochwertigeres Produkt wünschen. Ein Teil der Nutzer des
Wegwerfproduktes Pavillon sind qualitätsorientiert, bereit zur Pflege und zur Verlängerung der
Lebensdauer durch Verzögerung des Zeitpunktes der Entsorgung. Den Herstellern und dem
Handel kann dagegen die Qualitätsorientierung abgesprochen werden.
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt51
5.2 Fallbeispiel Baumwollzelt
Im Folgenden werden die Ergebnisse der Untersuchung des Fallbeispiels Baumwollzelt darge-
stellt. Einleitend wird das Produkt und sein Lebensweg beschrieben. In der Stoffstromanalyse
wird abgegrenzt, welche Stoffströme und welche Lebenswegphasen für die Untersuchung als
relevant erachtet und untersucht wurden. Das Abfallaufkommen der untersuchten Phasen wird
quantifiziert. Im Anschluss werden die Informationsströme zwischen den untersuchten
Akteuren, die Entscheidungen der Akteure, die das Abfallaufkommen betreffen, und die Ur-
sachen dieser Entscheidungen dargestellt. Es folgt eine Bewertung der untersuchten textilen
Abfälle und eine Darstellung der Strategien zur Abfallreduzierung, die im Lebensweg des
Baumwollzeltes umgesetzt werden. Die Ergebnisse werden abschließend diskutiert.
5.2.1Produktkunde
Zelte, die aus einem 100%-igen Baumwollgewebe bestehen, werden - zumindest in Deutsch-
land und den USA - nur noch selten angeboten. Zur Zeit lassen sie sich in einer Marktnische
finden, in der Zelte nach historischen Vorbildern möglichst authentisch nachgebaut werden,
wie Tipis, Wikingerzelte und mittelalterliche Pavillons. Als Vorlage dienen den Herstellern Bil-
der und andere Dokumente aus den entsprechenden Zeitepochen.
Die Verwendung von Baumwollgewebe für die historischen Zelte lässt sich mit der Forderung
der Nutzer nach Authentizität begründen. Für die historischen Zelte werden neben dem Baum-
wollgewebe auch Stoffe aus Leinen und Wolle verwendet. Dies aber nur sehr vereinzelt und
nur auf ausdrücklichen Kundenwunsch. Zu den Nutzern der historischen Zelte zählen neben
Pfadfindern und sonstigen „Naturfreunden“ besonders die „true re-enactors“, die geschichtliche
Ereignisse in einem möglichst authentischen Rahmen nachspielen.
Im Rahmen dieser Arbeit werden historische Zelte aus Baumwollgewebe untersucht, die von
professionellen Zeltherstellern angeboten werden. Die historischen Zelte, die daneben auch
von den Nutzern selbst hergestellt werden, sind nicht Bestandteil der Untersuchung. Auf der
Grundlage von Befragungen einzelner Baumwollzelthersteller in den USA zur Anzahl der von
ihnen produzierten Zelte, wird geschätzt, dass jährlich in den USA etwa 4.000 historische
Baumwollzelte professionell hergestellt werden. Der Markt der historischen Zelte ist durch eine
enorme Vielfalt gekennzeichnet. Es werden zahlreiche Zeltformen in unterschiedlichen Größen
angeboten. Auch individuelle Anfertigungen sind in der Regel möglich. Daneben variieren das
Flächengewicht des verwendeten Baumwollgewebes, dessen Farbe und die Art der
Ausrüstung.
Positive Eigenschaften des unbehandelten Baumwollgewebes in der Anwendung als Zelt-
material sind dessen „Atmungsaktivität“, die zu einem kühlen und angenehmen Zeltklima bei-
trägt und sich besonders bei längerem Aufenthalt im Zelt positiv auswirkt, die wasserabweisen-
den Eigenschaften bei geringen Regenspenden, verursacht durch die Fähigkeit der Baum-
wollfaser, Wasser zu speichern, und die gute Beständigkeit gegen UV-Strahlung. Negative
Eigenschaften sind das im Vergleich zu synthetischem Zeltgewebe hohe Gewebegewicht und
die Verfärbung des Gewebes beim Gebrauch. Weitere negative Eigenschaften des Baumwoll-
gewebes sind dessen Brennbarkeit, die Unbeständigkeit gegenüber Mikroorganismen, die
Undichtigkeit bei großen Regenspenden und die Fähigkeit zu schrumpfen und sich zu dehnen.
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt52
Diese Eigenschaften können durch eine mechanische und/oder chemische Ausrüstung verbes-
sert werden. In einzelnen Bundesstaaten der USA ist die flammhemmende Ausrüstung des
Baumwollgewebes gesetzlich vorgeschrieben.
Das in den historischen Zelten verwendete Baumwollgewebe wird in der Regel nicht spezifisch
für die Anwendung als Zeltmaterial hergestellt. Das Gewebe wird auch für die Herstellung
anderer Technischer Textilartikel wie Planen oder Segel verwendet.
5.2.2Lebensweg des Baumwollzeltes
Zur Hauptlinie der textilen Kette des Baumwollzeltes zählen die Lebenswegphasen Gewinnung
der Baumwollfaser, Spinnerei, Weberei, Veredelung, Konfektionierung, Gebrauch und Entsor-
gung des Baumwollzeltes. In Abb. 13 sind die Lebenswegphasen sowie der Produktstrom in
der textilen Kette des Baumwollzeltes dargestellt. Die untersuchten Phasen sind dunkelgrau
schattiert, die nicht untersuchten Phasen sind grau hinterlegt. Der Handel wird hier nicht
berücksichtigt, da er zwischen den untersuchten Lebenswegphasen keine nennenswerte Rolle
spielt.
Abb. 13: Hauptlinie der textilen Kette (Baumwollzelt)
In der Phase der Gewinnung der Baumwollfaser wird die Baumwolle angepflanzt und geern-
tet. Die Fasern werden anschließend in der Spinnerei gereinigt, zu Fäden versponnen und zu
Garnen verdreht. Die Baumwollgarne können sich in ihrer Qualität, z.B. ihrer Reißfestigkeit,
unterscheiden (Enquete-Kommission 1994). In der Weberei wird aus dem Baumwollgarn das
Gewebe hergestellt. Das Baumwollgewebe kann im Anschluss an die Weberei in der Verede-
lung mechanisch und chemisch ausgerüstet werden. Für die Verwendung in der Zelther-
stellung wird oft ein Gewebe verwendet, das mechanisch gegen das Schrumpfen und
chemisch gegen Feuer, Wasser und Schimmel ausgerüstet wurde. Durch die Ausrüstung kann
sich das Gewebegewicht, die Farbe (z.B. helle Schicht bei flammhemmender Ausrüstung) und
die Luftdurchlässigkeit ändern. In der Phase der Zeltherstellung wird veredeltes oder
unbehandeltes Baumwollgewebe zu historischen Zelten konfektioniert, in der Gebrauchs-
phase genutzt und schließlich in der Phase der Entsorgung in der Regel auf der Deponie
oder in der Müllverbrennung beseitigt.
Gewinnung
Baumwoll-
fasern
SpinnereiWebereiVeredelungGebrauch
Konfektio-
nierung
Entsor-
gung
Baumwollfasern
Garn
Gewebe
Gewebe
Zelt
Zelt
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt53
5.2.3Stoffstromanalyse des textilen Abfallaufkommens
Die untersuchten Stoffströme werden in der folgenden Stoffanalyse abgegrenzt. In der Struk-
turanalyse werden der Lebensweg des Baumwollzeltes und die in den untersuchten Lebens-
wegphasen anfallenden textilen Abfälle dargestellt. Im Anschluss werden sie quantifiziert. Für
die Untersuchung wurden Hersteller und Nutzer von historischen Zelten in den USA – dort
existieren im Vergleich zu Deutschland mehr und längere Erfahrungen mit historischen Zel-
ten – befragt. Geantwortet haben vier Hersteller historischer Zelte und drei Nutzer. Den fol-
genden Ausführungen liegen neben den Antworten der Befragten die Homepages verschie-
dener historischer Zelthersteller sowie die E-mail-Diskussionen innerhalb der Gruppe der Zelt-
nutzer zu Grunde.
5.2.3.1 Stoffanalyse
Die Untersuchung beschränkt sich auf textile Gewebeabfälle im Lebensweg professionell her-
gestellter historischer Zelte aus reinem Baumwollgewebe, wobei jedoch die textile Boden-
abdeckung des Zeltes nicht berücksichtigt wird.
5.2.3.2 Strukturanalyse
Für die folgende Analyse der aus der Abfallperspektive relevanten textilen Stoffströme im
Lebensweg des Baumwollzeltes wurden allein die Phasen Zeltherstellung und Gebrauch unter-
sucht, da sie einen wesentlichen Einfluss auf die Masse und die Gefährlichkeit der textilen
Abfälle für Mensch und Umwelt haben. Beispielsweise treffen Zelthersteller und Nutzer wich-
tige Entscheidungen zur Lebensdauer und zur chemischen Ausrüstung des Baumwollzeltes,
die bei der Betrachtung der Abfallrelevanz entscheidend sind. Die Phasen Veredelung und
Entsorgung wurden nicht explizit untersucht, einzelne Erkenntnisse zu diesen Phasen wurden
bei der Untersuchung jedoch berücksichtigt. Die Ergebnisse der Analyse der Akteurskette, die
ebenfalls zur Strukturanalyse zählt, wird nach der Quantifizierung der textilen Abfälle darge-
stellt.
In den untersuchten Lebenswegphasen des Baumwollzeltes fallen in der Phase der Zelther-
stellung Zuschnittabfälle, in der Gebrauchsphase textile Reparaturabfälle und zerschlissene
Gewebefasern und in der Nachgebrauchsphase das Altzelt als textiler Abfall an. Die in der
vorliegenden Arbeit berücksichtigten textilen Abfälle sowie der Input, dessen Einfluss auf die
textilen Abfälle hier einbezogen wurde, sind in Abb. 14 mit schwarzen vertikalen Pfeilen darge-
stellt. Die grauen vertikalen Pfeile stellen textile Abfälle und Input dar, die in der Untersuchung
unberücksichtigt blieben. Mit den horizontalen Pfeilen ist der Produktstrom gekennzeichnet.
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt54
Abb. 14: Textile Abfallströme im Lebensweg des Baumwollzeltes
Die Zelthersteller verwenden in der Regel für den Zeltbau ein Gewebe, das mit Hilfe von
Chemikalien hydrophob, biozid und flammhemmend ausgerüstet ist. Nur ein geringer Anteil der
Baumwollzelte wird daneben auf Kundenwunsch aus chemisch nicht ausgerüstetem Gewebe
hergestellt. Mit Ausnahme der textilen Abfälle im Lebensweg dieser Baumwollzelte, sind daher
alle textilen Abfälle in den untersuchten Phasen mit Ausrüstungschemikalien behandelt. Die
Veredelungsunternehmen geben die Art und Menge der für die Ausrüstung verwendeten
Substanzen nicht bekannt.
Die Zuschnittabfälle enthalten die Ausrüstungschemikalien in der Anfangskonzentration, bei
allen anderen textilen Abfällen ist die Konzentration der chemischen Ausrüstungschemikalien
unbekannt. Sie ist abhängig insbesondere von der Haltbarkeit der chemischen Ausrüstung und
dem Pflegeverhalten der Nutzer. So kann die chemische Ausrüstung bei falscher Behandlung
des Zeltes zerstört und abgetragen/abgewaschen werden, was dazu führen kann, dass die
Nutzer das Zelt eigenhändig chemisch ausrüsten (E-mail-Diskussionen der Nutzer).
Die vier befragten Zelthersteller gehen davon aus, dass die Haltbarkeit der industriell aufge-
brachten chemischen Ausrüstung bei richtiger Behandlung der Lebensdauer des Baum-
wollzeltes entsprechen kann und dass das Zelt daher nicht chemisch nachgerüstet werden
muss. Da ein Großteil der Nutzer bemüht zu sein scheint, das Zelt schon auf Grund des hohen
Preises – ein Zelt kostet je nach Modell zwischen 800 und 2.500 US-Dollar - den
Empfehlungen der Hersteller entsprechend zu behandeln (E-mail-Diskussionen von Nutzern),
ist es wahrscheinlich, dass das professionell ausgerüstete Baumwollzelt in der Regel von den
Nutzern nachträglich nicht chemisch ausgerüstet werden muss. Es wird daher angenommen,
dass die Konzentration der chemischen Ausrüstungschemikalien auf den verschlissenen
Fasern, den Reparaturabfällen und dem Altzelt kleiner oder gleich der Anfangskonzentration
ist.
Gewinnung
Baumwoll-
fasern
SpinnereiWebereiVeredelungGebrauch
Entsorgung textiler Materialien
Konfek-
tionierung
Zuschnittabfall
Altzelt
Reparaturabfall
Baumwollfaser
n
Garn
Gewebe
Gewebe
Zelt
Verschlissene
Fasern
Ausrüstungs-
chemikalienGgf. Ausrüstungs-
chemikalien
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt55
5.2.3.3 Quantifizierung
Zur Abschätzung der Masse des textilen Abfallaufkommens in den untersuchten Lebensweg-
phasen wird zunächst ein repräsentatives Baumwollzelt ermittelt und sein Gewebegewicht be-
stimmt. Basierend auf diesen Angaben lassen sich der Anteil der Zuschnitt- und Reparatur-
abfälle und das Gewicht des Altzeltes errechnen. Die Masse der verschlissenen Fasern wird
hier nicht bestimmt, da keine Angaben über den Faserverschleiß in Abhängigkeit von der
Lebensdauer des Baumwollzeltes vorliegen. Es wird davon ausgegangen, dass die Summe
aus dem Gewicht des Altzeltes und dem Gewicht der abgewetzten Fasern dem Gewicht des
Neuzeltes entspricht.
Repräsentatives Baumwollzelt
Die Gewebemenge der einzelnen Baumwollzelte ist auf Grund der diversen Formen und Grö-
ßen sehr unterschiedlich. Aus den Angaben von Nutzern und Herstellern ergeben sich folgen-
de Größenbereiche, die der Auswahl des repräsentativen Zeltes zu Grunde gelegt werden: Die
Zelte befragter Nutzer besitzen eine Grundfläche zwischen 10 und 20 m². Für drei Zeltformen
aus dem Angebot eines der größeren Baumwollzelthersteller wurde jeweils für mindestens
zwei Größenangaben das Verhältnis von verarbeiteter Gewebemasse zur Grundfläche des
Zeltes errechnet. Es liegt im Bereich zwischen 2,6 und 4,3 kg/m².
Abb. 15: Abbildung des exemplarisch untersuchten Baumwollzeltes (Panthers Primitives
2002)
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt56
Auf der Grundlage dieser Intervalle wurde als repräsentatives Zelt eines aus dem Angebot des
entsprechenden befragten Zeltherstellers ausgewählt. Es besteht aus einem zylinderförmigen
Zeltkörper mit einem Radius von 2,1 m und einem kegelförmigen Zeltdach und besitzt eine
Höhe von etwa 4 m und eine kreisförmige Grundfläche von 14 m². Das Verhältnis aus verarbei-
teter Gewebemasse zur Grundfläche beträgt 3,6 kg/m². Für die Berechnung der verarbeiteten
Gewebemasse wird berücksichtigt, dass schätzungsweise 10% der sichtbaren Gewebefläche
in Nähten und Säumen verarbeitet ist. Damit ergibt sich, dass in dem Zelt insgesamt etwa 51
m² Gewebe verarbeitet sind. Das repräsentative Zelt ist in Abb. 15 dargestellt.
Das Flächengewicht des Baumwollgewebes, das einen Kompromiss zwischen guten Ge-
brauchseigenschaften und langer Lebensdauer darstellt (Information eines Konfektionärs
2000), beträgt nach Angaben der Zelthersteller in der Regel 300 g/m² zzgl. des Gewichts der
Ausrüstung. Das Gewebe des repräsentativen Baumwollzeltes wiegt somit etwa 15,3 kg zzgl.
der chemischen Ausrüstung. Auf der Basis dieser Angaben wird die Masse der textilen Abfälle
im Lebensweg des Baumwollzeltes abgeschätzt.
Zuschnittabfall
Das Gewicht des Zuschnittabfalls ist von der Form des Zeltes abhängig. Borten und sonstige
Verzierungen erhöhen die Menge an Zuschnittabfall. Die Zelthersteller gehen von einem Anteil
des Zuschnittabfalls von 2 bis 10% aus. Hier wird ein durchschnittlicher Anteil an Zuschnitt-
abfall von 6% angenommen. Bei der Herstellung des exemplarisch betrachteten Baumwollzel-
tes fallen somit etwa 1 kg bzw. 3,3 m² Zuschnittabfall an.
Reparaturabfall
Das Gewicht der Reparaturabfälle ist im Wesentlichen von der Qualität der Zelte sowie dem
Pflege- und Entsorgungsverhalten der verantwortlichen Akteure abhängig. Diese Einflussfakto-
ren werden bei der Untersuchung der Lebensdauer des Zeltes in Punkt 5.2.6.1 ausführlich dar-
gestellt. Hier sei kurz erwähnt, dass die untersuchten Baumwollzelte eine hohe Qualität
besitzen, ausreichend gepflegt und in der Regel erst bei Gewebeverschleiß entsorgt werden.
So sinkt die Masse des Reparaturabfalls pro Jahr und Zelt mit wachsender Qualität des Zeltes.
Gleichzeitig steigt aber die Lebensdauer des Zeltes, was zu einer Zunahme an Repa-
raturabfällen pro Zelt und Lebensdauer führt. Im Folgenden wird geschätzt, dass der Anteil an
textilem Gewebe aus Reparaturfällen über die gesamte Lebensdauer des Zeltes 3% des Zelt-
gewichtes beträgt. Das Gewicht des textilen Reparaturabfalls beträgt somit etwa 0,5 kg/Zelt.
Altzelt
Es wird angenommen, dass die Masse des exemplarisch betrachteten Gewebes des Altzeltes
der des Neuzeltes entspricht. Somit wiegt das Altzelt ohne Berücksichtigung des Gewichtes
der chemischen Ausrüstung 15,3 kg und umfasst eine Fläche von etwa 51 m².
In Tab. 10 ist die Masse der textilen Abfälle für ein einzelnes Zelt sowie für die in den USA
jährlich professionell hergestellten Baumwollzelte dargestellt, unter der vereinfachenden An-
nahme, dass die Menge der jährlich hergestellten Baumwollzelte auch in etwa dem jährlichen
Anfall an Altzelten entspricht.
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt57
Tab. 10: Masse der textilen Abfälle im Lebensweg des Baumwollzeltes
Abfallmasse des
repräsentativen Zeltes
Abfallmasse der in den USA
hergestellten Zelte
Zuschnittabfall1,0 kg 4,0 t
Reparaturabfall0,5 kg 2,0 t
Altzelte 15,3 kg 61,2 t
Gesamt16,8 kg67,2 t
Im Lebensweg des Baumwollzeltes fallen etwa 1,0 kg Zuschnittabfall, 0,5 kg Reparaturabfall
und 15,3 kg Abfall aus Altzelten an. Insgesamt sind das 16,8 kg textiler Abfall pro Zelt, die im
Laufe der langen bis sehr langen Lebensdauer von 10 bis 25 Jahren entstehen. In den USA
fallen im Lebensweg der professionell hergestellten Baumwollzelte jährlich etwa Zuschnittab-
fälle mit der Masse von 4,0 t, Reparaturabfälle mit der Masse von 2,0 t und Altzelte mit einer
Masse von 61,2 t an.
5.2.4Akteurskette
Als Teil der Strukturanalyse werden hier die Informationsströme zwischen den Akteuren, ihre
Entscheidungen, die das Abfallaufkommen beeinflussen, und die Ursachen dieser Entschei-
dungen dargestellt.
5.2.4.1 Informationsströme
Zu den Akteuren im Lebensweg des Baumwollzeltes zählen landwirtschaftliche Unternehmen,
die die Baumwolle anbauen, die Baumwollspinnerei, die Baumwollweberei, Veredelungsunter-
nehmen, der Zelthersteller (Konfektionär), Nutzer und Unternehmen zur Sammlung und Besei-
tigung der textilen Abfälle sowie der Handel, der jedoch hier nicht berücksichtigt wird. Die
Ergebnisse der Befragung von Herstellern und Nutzern historischer Baumwollzelte deuten auf
große qualitative Unterschiede in den Informationsströmen zwischen einzelnen Akteuren hin.
Auffällig ist besonders der geringe Informationsfluss zwischen den Zeltherstellern und den
vorgelagerten Herstellungsstufen sowie der rege Informationsaustausch zwischen den Zelther-
stellern und den Nutzern. In Abb. 16 sind die Informationsströme in den untersuchten Phasen
des Lebensweges dargestellt.
Abb. 16: Informationsströme zwischen den Akteuren der untersuchten Lebenswegphasen
(Baumwollzelt)
Baumwoll-
erzeugerSpinnereiWebereiVeredlerNutzer
Konfek-
tionär
Entsor-
gungsun-
ternehmen
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt58
Die Intensität des Informationsaustausches wird in der Abbildung durch die Breite der Linien
dargestellt. Die nicht untersuchten Phasen sind hellgrau gezeichnet, die untersuchten Phasen
dunkelgrau.
So geben die vier befragten Zelthersteller an, dass sie von der Baumwollweberei bzw. dem
Gewebehandel kaum Informationen über die Herstellung des Baumwollgewebes wie die Quali-
tät der Fasern oder die bei der Veredelung verwendeten Chemikalien und deren Eigenschaften
erhalten. Übermittelt werden lediglich Informationen zur Faserart, zum Gewebegewicht und zur
Art der Ausrüstung. Auch ein befragter Zelthersteller, der das Gewebe auftragsveredeln lässt,
besitzt keine zusätzlichen Informationen über die chemische Zusammensetzung der
Ausrüstung.
Dagegen äußern sich sowohl alle befragten Hersteller als auch sämtliche Nutzer sehr zufrie-
den mit dem gegenseitigen Informationsaustausch. Auch zwischen den Nutzern historischer
Baumwollzelte findet ein reger Informationsaustausch statt. Sie kommunizieren unter anderem
per E-mail oder bei den Treffen der “true-re-enactors”.
5.2.4.2 Einfluss der Akteure auf das Abfallaufkommen
Im Folgenden werden die Akteursentscheidungen dargestellt, die sich erhöhend auf das textile
Abfallaufkommen im Lebensweg des Baumwollzeltes auswirken. Die Akteursentscheidungen,
die hier zu einer Reduzierung des textilen Abfallaufkommens führen, werden in Kapitel 5.2.6
(“Umgesetzte Strategien zur Abfallreduzierung”) dargestellt.
Zelthersteller
Die folgenden Entscheidungen der Zelthersteller erhöhen die Gefährlichkeit des Abfallaufkom-
mens. Drei der vier befragten Hersteller raten in der Regel zur Wahl des Gewebes, das was-
serabweisend, schimmel- und flammhemmend ausgerüstet ist, da der Pflegeaufwand geringer
und die Sicherheit im Falle eines Brandes erhöht ist (Information eines Zeltherstellers 2000).
Weiterhin entscheiden sie sich dafür, von den Anbietern des Gewebes keine genauen
Informationen über die bei der Gewebeausrüstung verwendeten Chemikalien zu fordern, was
beispielsweise auch durch das Aufstellen einer Positivliste möglich wäre. Bei den befragten
Herstellern konnte kein kritisches Bewusstsein in Hinblick auf die öko- und humantoxikolo-
gische Relevanz der chemischen Ausrüstung festgestellt werden.
Zeltnutzer
Die Enflussmöglichkeiten der Zeltnutzer auf die Gefährlichkeit des Abfallaufkommens sind sehr
begrenzt. Zwar entscheiden sie sich in der Regel für das chemisch ausgerüstete und gegen
das unbehandelte Zeltgewebe, doch liegt in dieser Wahl auch ihre einzige Einflussmöglichkeit.
Die Nutzer erhalten keine Informationen über die für die chemische Ausrüstung verwendeten
Chemikalien und deren Wirkung auf Mensch und Umwelt. Sie können entsprechend auch kei-
nen Einfluss nehmen auf eine Substitution oder die Vermeidung einzelner Appreturen.
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt59
5.2.4.3 Ursachen für Akteursentscheidungen
Die oben genannten Entscheidungen der Zelthersteller und –nutzer, die die toxikologische
Relevanz des textilen Abfallaufkommens erhöhen, können folgende Ursachen haben:
So besitzt das unbehandelte Baumwollgewebe Eigenschaften wie die Wasserdurchlässigkeit,
die Brennbarkeit und die Angreifbarkeit durch Mikroorganismen, die sich in der Anwendung als
Zeltgewebe nachteilig auswirken. Sie können zur Zeit entweder durch ein größeres Flächen-
gewicht oder eine chemische Ausrüstung abgemildert werden. Da ein größeres Flächen-
gewicht den ohnehin nicht einfachen Aufbau des Baumwollzeltes (E-mail-Diskussionen der
Zeltnutzer) erschweren würde, wählt ein Großteil der Hersteller und Nutzer bislang die chemi-
sche Ausrüstung des Zeltgewebes.
Bislang gibt es bei Zeltherstellern und Nutzern keine Diskussionen über die toxikologischen
Eigenschaften der für die Ausrüstung verwendeten Chemikalien. Eine solche könnte die Nutzer
sensibilisieren und die Zelthersteller dazu bringen, den Druck auf die vorgelagerten Akteure zu
verstärken mit dem Ziel, Einfluss auf die chemische Ausrüstung des Gewebes zu nehmen.
Einzelne Zelthersteller, die geringe Gewebemengen verarbeiten, haben nur einen relativ klei-
nen Einfluss auf die Gestaltung des Zeltgewebes und die Chemikalien, die für die Ausrüstung
verwendet werden. Daneben sind ihre Einflussmöglichkeiten durch Vorschriften einzelner Bun-
desstaaten eingeschränkt, nach denen alle Baumwollzelte eine flammhemmende Ausrüstung
besitzen müssen.
5.2.5Bewertung der textilen Abfälle
Die textilen Abfälle in den untersuchten Lebenswegphasen des Baumwollzeltes sind weniger
auf Grund ihrer Menge, sondern insbesondere auf Grund ihrer Gefährlichkeit relevant. Sie wird
verursacht durch die Chemikalien, mit denen das Gewebe hydrophob, flammhemmend und
biozid ausgerüstet wird. Die für die chemische Ausrüstung verwendeten Chemikalien werden
von den Veredelungsunternehmen geheim gehalten, es ergeben sich jedoch aus der Literatur
Anhaltspunkte für ihre human- und ökotoxikologische Relevanz.
Während die Wirkung auf Gesundheit und Umwelt der für die Hydrophobierung verwendeten
Stoffe wie Paraffin, fettsaure Metallsalze und fettmodifizierte Kunstharze nicht bekannt ist, wer-
den die Stoffe, die für die flammhemmende und biozide Ausrüstung eingesetzt werden, als
toxisch, allergen oder kanzerogen beschrieben. So werden für die flammhemmende Aus-
rüstung des Gewebes anorganische und organische Phosphorverbindungen, Borverbindungen,
organische Halogenverbindungen und Kombinationen von Phosphor- und Stickstoffverbin-
dungen verwendet, die krebserregend und allergen sein können (Enquete-Kommission 1994).
Auch für die Biozidausrüstung können toxische Verbindungen eingesetzt werden, beispiels-
weise Ammoniumverbindungen mit Metallsalzen oder organische Zinnverbindungen (Enquete-
Kommission 1994). Ein Hinweis auf humantoxikologische Wirkungen der flammhemmenden
und bioziden Ausrüstung geben auch die Vergabekriterien des Textillabels „Öko-Tex 100“ des
Forschungsinstitutes Hohenstein. Danach dürfen nur die Textilien mit dem Label
ausgezeichnet werden, die u.a. weder flammhemmend noch biozid ausgerüstet sind.
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt60
Bei der Bewertung der textilen Abfälle nehmen die in der Gebrauchsphase verschlissenen
Fasern, die Ausrüstungschemikalien in unbekannter Konzentration enthalten, eine besondere
Stellung ein. Sie werden nicht auf einer geregelten Deponie abgelagert oder verbrannt, son-
dern auf dem freien Feld „freigesetzt“ und gelangen so ungehindert in die Umwelt.
Es sei hier darauf hingewiesen, dass sich die Abfallrelevanz des Baumwollzeltes weiter
erhöhen kann, wenn das Zelt unsachgemäß behandelt und seine chemische Erstausrüstung
zerstört wird. Aus den Angaben der Nutzer wird deutlich, dass sie das Zeltgewebe dann in der
Regel eigenständig chemisch ausrüsten. Zu den für die Nachrüstung zu verwendenden Chemi-
kalien und deren Dosierung besteht bei den Nutzern relativ viel Unsicherheit. Teilweise werden
eher ungeeignete Chemikalien in unterschiedlicher Dosierung verwendet. Zudem wird die
Behandlung in der Regel „im Freien“ durchgeführt, wodurch das Grund- oder Abwasser
belastet werden kann (E-mail-Diskussionen der Nutzer).
5.2.6Umgesetzte Strategien zur Abfallreduzierung
Im Lebensweg des Baumwollzeltes wurden die umgesetzten Strategien „Verlängerung der
Lebensdauer“ und „Kreislaufführung“ identifiziert. Die Strategie der Kreislaufführung wird in
Form der „Verwendung und Verwertung von Zuschnittabfällen und Altzelten“ realisiert. Für die
Strategien werden im Folgenden die Entscheidungen einzelner Akteure sowie die Faktoren
dargestellt, die die Umsetzung der Strategie hemmen oder fördern. Abb. 17 zeigt die realisier-
ten Strategien zur Kreislaufführung.
Abb. 17: Textile Abfallströme, die verwertet und verwendet werden
Die schwarzen Pfeile kennzeichnen die textilen Abfallströme, die im Lebensweg des Baum-
wollzeltes verwertet oder verwendet werden, die grauen Pfeile stellen die textilen Abfallströme
zur Beseitigung dar. Da mit den umgesetzten Kreislaufstrategien nur ein Teil der textilen Ab-
fälle erfasst wird, existieren auch in diesen Phasen noch Abfallströme zur Beseitigung.
Gewinnung
Baumwoll-
fasern
SpinnereiWebereiVerede-
lung Gebrauch
Beseitigung textiler Abfälle
Konfek-
tionierung
Zuschnittabfall
Altzelt
Verwertung textiler Abfälle
Altzelt, Teile des Altzeltes,
Baumwollbeutel, Reparaturstreifen
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt61
Die Art der Verwendung und Verwertung der mit schwarzen Pfeilen dargestellten textilen
Abfälle wird in den Abschnitten 5.2.6.2 und 5.2.6.3 erläutert.
In Abbildung 18 sind die jährlichen Massenströme der textilen Abfälle in den Lebenswegphasen
Konfektionierung, Gebrauch und Sammlung des Baumwollzeltes in den USA dargestellt. Der
Abbildung liegen die Annahmen zu Grunde, dass 20% der textilen Zuschnittabfälle in der
Konfektionierung sowie 5% der Altzelte verwertet und somit 80% der Zuschnittabfälle und 95%
der Altzelte beseitigt werden.
Abb. 18: Jährliche Massenströme der textilen Abfälle im Lebensweg des Baumwollzeltes in
den USA
Aus der Abbildung ist erkennbar, dass nur ein kleiner Teil der textilen Abfälle (3,9 t) verwertet
und verwendet, der Großteil mit einer Masse von 63,3 t jedoch beseitigt wird.
5.2.6.1 Verlängerung der Lebensdauer
Die Strategie der Verlängerung der Lebensdauer stellt im Lebensweg des Baumwollzeltes eine
der wesentlichsten Strategien zur Abfallreduzierung dar, die eine große Reichweite besitzt. Im
Folgenden werden zunächst Einflussfaktoren auf die Lebensdauer des Zeltes genannt.
Anschließend werden die Entscheidungen der Hersteller und Nutzer dargestellt und einzelne
Faktoren genannt, die die Umsetzung der Strategie fördern.
Grundannahmen und Einflussfaktoren
Die Antworten der befragten Hersteller und Nutzer zur Lebensdauer der Baumwollzelte sind
dahingehend ähnlich, dass sie von einer hohen maximalen Lebensdauer ausgehen. Die
befragten Zelthersteller schätzen die Lebensdauer ihrer Baumwollzelte auf maximal 10 bis 25
Jahre ein, die befragten Nutzer gehen von einer Lebensdauer von 20 bis 40 Jahren aus.
Konfektionie-
rung Zelt
Gebrauch
Zelt
Sammlung
Altzelt
g-Ek=
67,2 t/a
g-Vk=
63,2 t/a
g-Vb=
61,2 t/a
g-B3= 58,1 t/a
g-B1=
3,2 t/a
g-Vt1= 0,8 t/a
g-B2= 2,0 t/a
g-Vd
g-Ek = Masse des von der Konfektionierung gekauften Gewebes pro Zeiteinheit
g-Vk = Masse des von der Konfektionierung verkauften Gewebes pro Zeiteinheit
g-Vb = Masse des von den Nutzern verbrauchten Gewebes pro Zeiteinheit
g-Vd = Masse des wiederverwendeten Gewebes pro Zeiteinheit
g-Bn = Masse des zu beseitigenden Gewebes pro Zeiteinheit
g-Vtn = Masse des Gewebes, das zur Verwertung abgegeben wird pro Zeiteinheit
g-Vt2= 3,1 t/a
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt62
Der Mittelwert der von den Herstellern angegebenen Lebensdauer beträgt 11,5 Jahre, der der
Nutzerangaben 30 Jahre. Die Angaben der befragten Hersteller und Nutzer ähneln sich auch
dahingehend, dass sie für die Lebensdauer in der Regel nicht eine einzelne Jahreszahl, son-
dern ein relativ großes Intervall angeben, beispielsweise einen Zeitraum von 1 bis 10 Jahren.
Dies verdeutlicht, dass die tatsächliche Lebensdauer des Baumwollzeltes stark abhängig ist
von verschiedenen Einflussfaktoren, die von den einzelnen Akteuren unterschiedlich stark
gewertet werden. Von den befragten Akteuren werden folgende Einflussfaktoren auf die
Lebensdauer des Baumwollzeltes in der Befragung genannt oder auf den Homepages erwähnt.
Einflussfaktoren in der Herstellungsphase:
- Qualitätsorientierung
- Direkte Kommunikation zwischen Herstellern und Nutzern als Grundlage für die
Umsetzung hoher Qualitätsmaßstäbe
Einflussfaktoren in der Gebrauchsphase:
- Pflegeverhalten der Nutzer
- Serviceleistungen der Hersteller
- Kommunikation zwischen Nutzern
- Jährliche Nutzungsdauer
- Klima
- Entsorgungsverhalten der Nutzer
Nachfolgend werden die Entscheidungen einzelner Akteure genannt, die Einfluss auf die oben
genannten Faktoren haben. Der Einflussfaktor „Klima“, der von den Akteuren nicht beeinflusst
werden kann und der Einflussfaktor jährliche Nutzungsdauer, die etwa 3 - 7 Wochen beträgt,
bleiben hierbei unberücksichtigt.
Entscheidungen einzelner Akteure
Zelthersteller
Zahlreiche Hinweise, die im folgenden genannt werden, lassen darauf schließen, dass sich die
Hersteller für eine Verlängerung der Lebensdauer der Baumwollzelte entscheiden.
Die Qualität des Baumwollzeltes kann nach der Qualität des Gewebes (z.B. Reißfestigkeit, Art
der Ausrüstung), der Qualität der Verarbeitung (z.B. Stabilität der Nähte) und der Qualität der
Konstruktion (z.B. Gewebespannung einfach und dauerhaft herstellbar - ungespanntes Gewe-
be bewegt sich bei Wind, im Gewebe eingelagerte Schmutzkörner reiben an der Faser und
schwächen diese irreversibel) beurteilt werden. Während die Zelthersteller einen großen
Einfluss auf die Verarbeitung und die Konstruktion haben, ist ihr Einfluss auf das Zeltgewebe
begrenzt.
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt63
Sie können in der Regel nur zwischen dem angebotenen Gewebe auswählen, wobei sie auf
die Verwendung von Naturfasern festgelegt sind. Folgende Entscheidungen der Zelthersteller
belegen, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchen, das Zelt in einer hohen Qualität
herzustellen:
- Die Hersteller verbessern die Konstruktion und Verarbeitung der Zelte kontinuierlich. Sie
greifen die Qualitätsorientierung der Nutzer auf und bieten ihnen durch ihre mündlichen
oder schriftlichen Informationen zur Qualität des Produktes Entscheidungshilfen.
- In der Regel bieten die Zelthersteller eine Garantie von 3 bis 5 Jahren auf die Funktion des
ausgerüsteten Zeltgewebes sowie eine Garantie von 5 Jahren für Schäden in der Verar-
beitung. Einer der vier befragten Hersteller übernimmt sogar eine lebenslange Garantie.
- Einer der größeren Zelthersteller kauft unbehandeltes Gewebe ein und lässt es auftrags-
veredeln, um seinen Einfluss auf die Veredelung des Gewebes zu erhöhen und somit die
Qualität der Veredelung zu verbessern. Die kleineren Zelthersteller kaufen hochwertig aus-
gerüstetes Gewebe, bei dem die Lebensdauer der Ausrüstung der des Gewebes ent-
sprechen soll. Zwei der vier befragten Zelthersteller besitzen Testanlagen, in der Gewebe-
bahnen der Witterung ausgesetzt werden. Hier werden Untersuchungen zur Farbfestigkeit,
Wasserdichtigkeit und Schimmelresistenz des Gewebes in Abhängigkeit vom Flächen-
gewicht und der Ausrüstung durchgeführt.
In den Befragungen wurde die Bedeutung der direkten Kommunikation für die Verlängerung
der Lebensdauer des Baumwollzeltes deutlich. Die Hersteller unterstrichen, dass sie auf die
Erfahrung der Nutzer angewiesen sind, um die Lebensdauer der Baumwollzelte zu verlängern
bzw. das Zelt qualitativ hochwertig zu gestalten. Sie gaben an, dass sie die Kunden nach ihren
Erfahrungen mit dem Zelt in der Gebrauchsphase befragen und die Konstruktion und Verarbei-
tung auf Grund dieser Informationen verbessern. Die Hersteller befragen die Nutzer bei per-
sönlichen Kontakten beispielsweise bei den regelmäßigen Treffen der Nutzer, bei denen in der
Regel auch Zelthersteller aus Werbe- und Verkaufszwecken anwesend sind. Einer der befrag-
ten Hersteller verschickt spezielle Karten, um sich über die Erfahrungen der Kunden zu infor-
mieren.
Die Konstruktion und Verarbeitung der Zelte wird von den befragten Zeltherstellern auch durch
die Nutzung des Wissens früherer Zelthersteller optimiert. Mehrere Hersteller äußern sich in
dem Sinne, dass sie „das Rad nicht neu erfinden wollen“ und beziehen wichtige Informationen
für die Konstruktion und die Verarbeitung der Zelte aus historischen Vorlagen, die sie in
Museen, Büchern und auf alten Bildern finden.
Zu den Serviceleistungen des Herstellers zählen der Reparaturservice, die Weitergabe von
Informationen zur Behandlung und Pflege des Zeltes, die Bereitschaft des Herstellers konti-
nuierlicher Ansprechpartner zu sein und die Berücksichtigung individueller Wünsche der
Nutzer:
- Zwei der befragten Zelthersteller bieten einen kostenlosen Reparaturservice an, der von
einem der beiden Hersteller an die Voraussetzung einer sorgfältigen Pflege des Zeltes ge-
knüpft ist.
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt64
Die Zelthersteller übermitteln Informationen zur Behandlung und Pflege der Zelte in der
Gebrauchsphase über Informationsblätter, die dem Neuprodukt beiliegen oder über ihre
Kataloge und Homepages. Die befragten Nutzer äußerten sich zufrieden zum Kontakt und
dem Informationsaustausch mit den Herstellern.
- Die Zelthersteller stehen den Nutzern als Ansprechpartner bei Fragen oder Problemen, die
das Zelt betreffen, langfristig zur Verfügung. Sie sind sowohl auf einzelnen Treffen der
Nutzer präsent und ansprechbar als auch an ihren Produktionsstandorten. In den E-mail-
Diskussionen der Nutzer finden sich Hinweise darauf, dass sich diese bei Unklarheiten zur
Behandlung des Zeltes an die Hersteller wenden.
- Die Hersteller gehen auf individuelle Wünsche der Nutzer zur Konstruktion, Form, Farbe
und Größe des Zeltes ein. In den Diskussionen der Zeltnutzer lassen sich Hinweise finden,
dass die Nutzer das Zelt auch auf Grund der individuellen Gestaltung als persönlichen
Wertgegenstand sehen und daher den Pflegeaufwand erhöhen und somit auch die
Lebensdauer verlängern.
Zeltnutzer
Hinweise aus den Befragungen lassen darauf schließen, dass sich auch die Nutzer für die
Verlängerung der Lebensdauer entscheiden. So lässt sich die Gruppe der Nutzer durch ihre
Qualitätsorientierung kennzeichnen. Alle befragten Nutzer nannten die Qualität des Baum-
wollzeltes als ein wesentliches Kriterium für ihre Kaufentscheidung.
Daneben investieren die befragten Nutzer diverse Pflegeleistungen in das Zelt, stopfen bei-
spielsweise Löcher, trocknen das Gewebe nach der Nutzung, waschen es regelmäßig, nehmen
kleinere Reparaturen vor und beeinflussen damit die Nutzungsdauer des Zeltes entscheidend.
Unter Berücksichtigung der Größe und Unhandlichkeit des Zeltgewebes stellt beispielsweise
das Trocknen und das regelmäßige Waschen, bei dem Schmutzkörnchen vom Zeltgewebe
entfernt werden, eine zeitlich und räumlich anspruchsvolle Pflegetätigkeit dar.
Die Nutzer kommunizieren über ihre Erfahrungen, die sie bei der Nutzung der Baumwollzelte
machen, sowohl mit den Zeltherstellern (s.o.) als auch mit anderen Nutzern. Sie haben dazu
beispielsweise bei ihren regelmäßig stattfindenden Treffen und in den per E-mail geführten
Diskussionen Gelegenheit.
Entsorgt wird das Zelt in der Regel erst dann, wenn das Gewebe verschlissen ist. Sollte es
noch nicht verschlissen sein, wenn sich der Nutzer ein neues Zelt kauft, wird das gebrauchte
und funktionstüchtige Zelt an andere Nutzer verschenkt oder verkauft (Informationen von
Nutzern 2000).
Fördernde Faktoren
Bei der Untersuchung der Abfallreduzierungsstrategie „Verlängerung der Lebensdauer“
wurden nur fördernde Faktoren ermittelt. Zu ihnen zählen sowohl die oben genannten Fakto-
ren, die die Lebensdauer beeinflussen, als auch weitere Ursachen und Rahmenbedingungen,
die im Folgenden erläutert werden. Die fördernden Faktoren sind in Abb. 19 dargestellt.
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt65
Abb. 19: Fördernde Faktoren für die Umsetzung der Strategie „Verlängerung der Lebens-
dauer“
Eine positive Rahmenbedingung für die Verlängerung der Lebensdauer des Baumwollzeltes ist
die Lage der Zeltherstellung in einer Marktnische. Da die Nachfrage nach historischen Baum-
wollzelten eher gering ist, sind die befragten Hersteller kleinere Unternehmen, die jährlich
maximal einige Hundert Baumwollzelte herstellen und verkaufen. Die Zelte werden in zeitlich
aufwendigen Einzelanfertigungen hergestellt, die hohe Herstellungskosten und relativ hohe
Zeltpreise bis etwa 2.500 US-Dollar nach sich ziehen (Hochpreissegment). Der hohe Zelt-
preis ist eine Ursache dafür, dass die Hersteller die Lebensdauer des Zeltes in der Gebrauchs-
phase durch zahlreiche Serviceangebote verlängern. Der Zeltpreis ist auch eine Ursache für
den hohen Pflegeaufwand, den die Nutzer in der Gebrauchsphase in das Zelt investieren und
eine Ursache dafür, dass das Zelt erst dann beseitigt wird, wenn es zerschlissen ist, da es
sonst an weitere Nutzer abgegeben oder verkauft wird. Die Einzelanfertigung der Baum-
wollzelte ist eine der Voraussetzungen dafür, dass die Hersteller auf individuelle Wünsche der
Nutzer wie beispielsweise eine besondere Farbkombination der Gewebebahnen reagieren
können und dass zahlreiche Zeltmodelle zur Auswahl angeboten werden können.
Alle befragten Hersteller waren ursprünglich Nutzer von Baumwollzelten und haben in der
Regel mit der Herstellung von Zelten begonnen, weil auf dem Markt ein entsprechendes Ange-
bot an historischen Baumwollzelten fehlte. Dies kann eine der Ursachen für die Qualitätsorien-
tierung der Hersteller sein. Die Herkunft der Hersteller aus der Nutzergruppe vereinfacht den
Kontakt zwischen Nutzern und Herstellern und ist möglicherweise auch eine Voraussetzung für
die Haltung der Hersteller, dass ihre Baumwollzelte verbesserungsfähig sind
(Firmengeschichte).
Verlängerung
Lebensdauer
Hochpreissegment
Serviceangebote
Hersteller
Informationsaustausch
zwischen Nutzern
Pflegeverhalten
Marktnische/ Einzel-
anfertigung
Firmengeschichte
Informationsaus-
tausch mit Nutzern
Relativ einflussreiche
Nutzergruppe
Hersteller
Entsorgungsverhalten
Qualitätsorientierung
Qualitätsorientierung
Nutzer
Direktverkauf
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt66
Durch den Zusammenschluss der Nutzer in kleinen Gruppen oder Organisationen gewinnen
sie an Einflussmöglichkeiten auf die Gestaltung der Zelte. Eine ihrer wesentlichen
Forderungen ist beispielsweise die nach authentischem Material.
Der Direktverkauf des Baumwollzeltes – ein Großteil der Zelte wird von den befragten Zelt-
herstellern ohne Zwischenhändler verkauft – wirkt sich unterstützend auf die Kommunikation
zwischen Herstellern und Nutzern aus.
5.2.6.2 Wieder- und Weiterverwendung der Zuschnittabfälle
Drei der vier Zelthersteller verwenden einen Teil der Zuschnittabfälle für den Zeltbau und für
andere Anwendungsbereiche. Sie geben dafür folgende Alternativen an:
- Herstellung von Baumwollbeuteln durch die Zelthersteller,
- Wiederverwendung zur Reparatur von Baumwollzelten durch die Zelthersteller oder die
Nutzer,
- Weiterverwendung außerhalb des untersuchten Lebensweges in einer Schule zur Her-
stellung von Kunstobjekten.
Es ist anzunehmen, dass nur ein kleiner Teil der Zuschnittabfälle in den von den Herstellern
genannten Absatzbereichen verwendet werden kann. Ein Großteil der Zuschnittabfälle wird
aus kleineren Gewebeflächen bestehen, die sich nicht zur Herstellung von Baumwollbeuteln
oder zur Reparatur der Zelte eignen. Zudem erscheint die Anzahl an absetzbaren Baumwoll-
beuteln eher gering und Reparaturen im Lebensweg des Baumwollzeltes sind auf Grund der
hohen Qualität selten. Auch die Menge der Zuschnittabfälle, die von einer Schule weiter-
verwendet werden können, ist wahrscheinlich begrenzt.
Hemmende und fördernde Faktoren
Folgende Faktoren haben einen hemmenden oder fördernden Einfluss auf die Umsetzung der
Strategie: Fördernd wirkt sich aus, dass im Hochpreissegment der Baumwollzelte auch das
Gewebe der Zuschnittabfälle noch einen gewissen Wert hat. Daher versuchen die Hersteller es
so gewinnbringend wie möglich zu verwenden.
Die Verwendung in der Produktlinie wird durch den direkten Kontakt zwischen Herstellern und
Nutzern gefördert, da die Zelthersteller die Möglichkeit haben, Zuschnittabfälle bei Bedarf in
Form von Reparaturstreifen direkt an die Nutzer abzugeben. Durch die Abgabe der Reparatur-
streifen wird gleichzeitig die Kundenanbindung gestärkt. Da die Hersteller die Verantwortung
für die Gebrauchsphase übernommen haben, können sie einen Teil der Zuschnittabfälle für
selbst durchgeführte Reparaturen verwenden.
Die Verwendung außerhalb der Produktlinie wird möglicherweise gehemmt durch die Form der
Gewebeabfälle und die unbekannte chemische Zusammensetzung der Ausrüstung.
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt67
5.2.6.3 Wieder- und Weiterverwendung der Altzelte
Einer der vier befragten Hersteller nimmt die Baumwollzelte nach der Gebrauchsphase zurück
und verwendet sie nach Möglichkeit weiter, er übernimmt also die Verantwortung für die Nach-
gebrauchsphase. Für die Verwendung des Altzeltes bieten sich dem Hersteller folgende
Möglichkeiten:
- Wiederverwendung des Zeltes. Das Zelt wird an Nutzer verkauft falls es noch funktions-
tüchtig ist.
- Wiederverwendung von Teilen des Altzeltes, die noch nicht verschlissen sind, für die
Herstellung von Teilen in Neuzelten mit weniger hohen Anforderungen wie beispielsweise
der Bodenabdeckung oder für die Reparatur von noch funktionstüchtigen Zelten.
- Weiterverwendung des Zeltes in der Filmindustrie.
Es ist anzunehmen, dass der Anteil der zurückgenommenen Zelte, die von dem Zelthersteller
wieder- und weiterverwendet werden können, gering ist. Ein Beleg dafür ist die Aussage der
Nutzer, dass sie das Zelt erst bei Gewebeverschleiß entsorgen. Das verschlissene Zeltgewebe
kann nur noch in vereinzelten Marktnischen, wie der Verwendung als Filmkulisse eingesetzt
werden. Ein weiterer Beleg dafür ist, dass nur einer der befragten Zelthersteller die Altzelte
zurücknimmt.
Hemmende und fördernde Faktoren
Auch das Altzelt kann noch einen gewissen Wert besitzen, durch den eine gewinnbringende
Wiederverwendung ermöglicht wird. Ein Faktor, der die Wiederverwendung der gebrauchten
Zelte fördert, ist der direkte Kontakt zwischen Herstellern und Nutzern.
Unabhängig von der tatsächlichen Verwendung der Altzelte durch die Zelthersteller stärkt die
Rücknahme der gebrauchten Zelte möglicherweise die Kundenanbindung. Die Nutzer, die ihr
Altzelt an den Hersteller zurückgeben, kaufen hier unter Umständen auch ihr Neuzelt.
Hemmend wirkt sich aus, dass die Rücknahme des Zeltes mit einem gewissen Risiko
verbunden ist. Eine Wiederverwendung ist abhängig vom Zustand des Altzeltes. Da die Nutzer
angeben, das Baumwollzelt erst bei Verschleiß zu entsorgen bzw. es sonst an andere Nutzer
abzugeben, wird der Anteil der nicht verschlissenen Altzelte, die an den Hersteller zurück-
gegeben werden, gering sein.
5.2.7Diskussion der Ergebnisse „Baumwollzelt“
Am Fallbeispiel Baumwollzelt sind erste Ansätze für einen Übergang von der Produktions- zur
Servicegesellschaft erkennbar. Die Service- oder Performancegesellschaft zeichnet sich durch
ein im Vergleich zur Produktionsgesellschaft anderes Wirtschaften mit materiellen Gütern aus
und äußert sich beispielsweise im Verkauf des Nutzens statt des Produktes (Stahel 2001). Das
Baumwollzelt wird zwar noch für den Einzelbesitz produziert, der Zelthersteller bietet jedoch
zahlreiche produktorientierte Serviceleistungen in der Gebrauchsphase an, die die Lebens-
dauer des Zeltes verlängern.
Kapitel 5.2 - Fallbeispiel Baumwollzelt68
Die Untersuchung des Lebensweges ergab, dass die Abfallrelevanz des Fallbeispiels Baum-
wollzelt weniger in der Abfallmasse, sondern auf Grund der chemischen Ausrüstung des
Gewebes vor allem in der Gefährlichkeit der Abfälle liegt. Sämtliche in den untersuchten
Phasen anfallenden textilen Abfälle enthalten, mit Ausnahme der textilen Abfälle unbehan-
delter Zelte, Ausrüstungschemikalien. Die Veredlungsunternehmen geben die Konzentration
und Art der verwendeten Chemikalien nicht bekannt, auf Grund der verwendeten Stoffgruppen
kann jedoch davon ausgegangen werden, dass sie sowohl öko- als auch humantoxikologisch
bedenklich sind. Auffällig ist das Desinteresse der Zelthersteller und der Zeltnutzer an der für
die Ausrüstung der Zelte verwendeten Chemikalien. Selbst ein Zelthersteller, der das Gewebe
auftragsveredeln lässt, nutzt seine Position nicht, um Einfluss auf die verwendeten
Chemikalien zu nehmen.
Drei von vier befragten Herstellern empfehlen den Nutzern den Kauf des chemisch aus-
gerüsteten Zeltes. Es ist anzunehmen, dass hier ein Zusammenhang mit der Produktverant-
wortung besteht, die die Hersteller für die Zelte in der Gebrauchsphase übernehmen. Das
chemisch ausgerüstete Zelt ist im Vergleich zum unbehandelten Zelt wesentlich pflegeleichter
und erhöht somit nicht nur die Kundenzufriedenheit sondern verringert auch den Arbeitsauf-
wand der Hersteller.
Ein weiteres Ergebnis ist, dass die chemische Ausrüstung die Lebensdauer des Baumwoll-
zeltes verlängert, indem sie die Kundenzufriedenheit in Bezug auf das Aussehen des Zeltes
erhöht, da das chemisch ausgerüstete Gewebe länger hell bleibt, weniger Schimmelflecken
zeigt und den Pflegeaufwand reduziert. Im Lebensweg des Baumwollzeltes wird ein Zielkonflikt
zwischen den Strategien der Effizienz und der Konsistenz sichtbar. Während die chemische
Ausrüstung die Lebensdauer des Zeltes und damit die Effizienz erhöht, vergrößert sie
gleichzeitig die Gefährlichkeit der textilen Abfälle. Wegen der Gefährlichkeit der Ausrüstungs-
chemikalien erscheint die kürzere Lebensdauer des Zeltes – auf Grund der fehlenden chemi-
schen Ausrüstung oder der Verwendung weniger effektiver Ersatzstoffe – im Vergleich zum
langlebigen, chemisch ausgerüsteten Zelt als ökologisch vorteilhafter, zumal das nicht che-
misch ausgerüstete Zelt theoretisch kompostiert werden kann.
Es ist davon auszugehen, dass die Strategie der Kreislaufführung im Lebensweg des Baum-
wollzeltes nur begrenzt umgesetzt werden kann, da das zerschlissene Altzelt nicht sinnvoll in
technischen Kreisläufen geführt werden kann. An den Stellen, in denen eine Umsetzung sinn-
voll ist, stellt der direkte Kontakt zwischen Herstellern und Nutzern einen wichtigen Faktor für
die Realisierung der Strategie dar. Gleiches gilt für die Umsetzung der Strategie der Verlän-
gerung der Lebensdauer, die wesentlich auf der Kommunikation zwischen Herstellern und
Nutzern beruht.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 69
5.3 Fallbeispiel Sicherheitsgurtband
5.3.1Produktkunde
Das Sicherheitsgurtband eines Personenkraftwagens ist Bestandteil des Rückhaltesystems
Sicherheitsgurt. Das Gurtband hat die Aufgabe, die Vorwärtsbewegung der Autoinsassen bei
einem Unfall oder einem Bremsvorgang zu begrenzen und ist daher wesentlich für die Sicher-
heit der Insassen im Auto. Das Gurtband muss in der gesamten Lebensdauer des Kraftfahr-
zeugs, die durchschnittlich etwa 12 bis 15 Jahre beträgt, funktionstüchtig sein (Information
eines Autoherstellers 2000). Die Anforderungen an das Gurtband sind entsprechend hoch. Es
existieren gesetzliche Vorschriften für die Eigenschaften, die ein Gurtband aufweisen muss,
die durch Anforderungen der Hersteller ergänzt und in der Regel verschärft werden. Die vor-
geschriebenen Eigenschaften des Bandes betreffen die Bandbreite, die Reißkraft, die Mindest-
reißfestigkeit nach Scheuerung sowie die Beständigkeit bei Licht, Kälte, Wärme und Feuch-
tigkeit. Das Band wurde in den letzten 30 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt.
Ein Großteil der Gurtbänder besteht zur Zeit aus hochfestem Polyester. Nur wenige Bänder
werden daneben noch aus Polyamid hergestellt. Das Polyesterband wird aus hochverstreckten
Multifilamentgarnen hergestellt, die jeweils aus etwa 200 Einzelfilamenten bestehen. Die hohe
Festigkeit wird durch eine hohe Orientierung der Makromoleküle entlang der Filamentlängs-
achse erreicht (Koch 1993). Für das Band werden etwa 400 Kettfäden verwoben (Information
einer Weberei 2000). Polyester zeichnet sich u.a. durch eine hohe Reißfestigkeit, eine sehr
gute Scheuerbeständigkeit, eine hohe Beständigkeit gegenüber einer großen Anzahl von
aggressiven Chemikalien, insbesondere Säuren, und eine sehr gute Beständigkeit gegenüber
biologischen Verrottungseinflüssen aus (Koch 1993).
Die Gurtbänder unterscheiden sich in der Regel in der Dicke, der Farbe, der Art der Bindung2,
der Dehnung und der Art der Kante (Informationen einer Weberei und eines Autoherstellers
2000). Der Trend geht bei Gurtbändern nach Ansicht von Experten hin zu einem dünneren
Band, zu mehr Farbe und Design (Information eines Autoherstellers 2000). Neben schwarzen
Gurtbändern werden auf dem deutschen Markt bereits graue und beige Farbtöne und in Zu-
kunft mit großer Wahrscheinlichkeit neben buntgefärbten auch bedruckte Bänder angeboten.
Im Vergleich mit japanischen oder US-amerikanischen Personenkraftwagen werden von deut-
schen Autoherstellern bislang noch besonders häufig schwarze Bänder eingesetzt. 80% der
vom europäischen Markt zur Zeit verwendeten Gurtbänder sind schwarz, die restlichen 20%
bunt gefärbt – in der Regel in grauen und braunen Farbtönen (Information einer Weberei
2000).
Das Gurtband nimmt an der Wertschöpfung des Sicherheitsgurtes eine untergeordnete Stel-
lung ein. Ein Gurtband kostet den Autohersteller zwischen 1,60 und 2,30 Euro (Information
eines Systemherstellers 2000). Nach Schätzungen wurden weltweit im Jahr 2000 fast 36.000
Tonnen Gurtband hergestellt.
2 Die Art nach der die Fasern und Fäden im Textil gekreuzt werden, wird als Bindung bezeich-
net.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 70
Das sind etwa 0,3% der Gesamtmasse an Technischen Textilien3, die im Jahre 2000
produziert wurden.
5.3.2Lebensweg des Gurtbandes
Zu der textilen Hauptlinie des Sicherheitsgurtbandes zählen die Phasen Rohstoffgewinnung,
Polyesterherstellung, Spinnerei, (Band-)Weberei, Systemherstellung, Autoherstellung, Ge-
brauch, Altautoverwertung und Beseitigung. In Abb. 20 sind die Lebenswegphasen mit dem
Produktstrom dargestellt. Die in der vorliegenden Arbeit genauer untersuchten Phasen sind
dunkelgrau schattiert, die nicht untersuchten Phasen sind hellgrau hinterlegt.
Abb. 20: Hauptlinie der textilen Kette (Sicherheitsgurtband)
Zu der Phase der Rohstoffgewinnung zählt die Förderung und die Raffination von Erdöl,
durch die Naphtha gewonnen wird. Aus Naphtha werden die Grundprodukte für die Polyester-
herstellung wie Diethylenglykol und Terephthalsäure hergestellt. An der Phase der Rohstoff-
gewinnung können ein oder mehrere Unternehmen beteiligt sein. In der Phase der Polyester-
herstellung wird durch Polykondensation aus den oben genannten Ausgangsstoffen Poly-
ethylenterephthalat (Polyester) hergestellt (Koch 1993). In der Spinnerei wird zunächst hoch-
festes Polyesterfilament ersponnen, aus dem dann Polyestermultifilamentgarn hergestellt wird.
Die Gurtbänder werden in spezialisierten Gurtbandwebereien kontinuierlich in Form von End-
losbändern hergestellt, ggf. gefärbt und mechanisch sowie zum Großteil auch chemisch aus-
gerüstet. Zunächst wird das Polyestergarn zu Band verwebt, wobei für die Kett- und Schuss-
fäden unterschiedliches Garn verwendet werden kann. Die Kettfäden können beispielsweise
eine Feinheit von etwa 1.200 dtex4, die Schussfäden eine Feinheit von etwa 600 dtex besitzen
(Information einer Weberei 2000).
3 Weltweit wurden nach Schätzungen im Jahr 2000 11,3 Millionen Tonnen Technische Textilien
hergestellt. Davon werden etwa 2,2 Millionen Tonnen im Fahrzeugbau verwendet (vgl. Rigby
1997).
4 Zur Darstellung der Feinheit von Fäden wird u.a. das Gewicht des Fadens bezogen auf die
Länge angegeben. 1 dtex = 0,1 tex = 0,1 g/ 1000 m
SpinnereiWebereiSystemher-
stellung
Autoher-
stellung
Altauto-
verwer-
tung
Gurtband
Garn
Sicherheitsgurt
Auto
Polyester-
herstellung Gebrauch
Altauto
Polymere
Rohstoff-
gewinnung Beseitigung
Grundchemikalien
Altauto
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 71
Im direkten Anschluss an den Webvorgang wird das Band – soweit es nicht aus spinn-
gefärbtem Garn besteht – durch ein Färbebad gezogen und oberflächengefärbt. Bei der folgen-
den mechanischen Ausrüstung, der Thermofixierung, wird das Band durch Heißluft ge-
schrumpft oder gestreckt und so in Abhängigkeit vom verwendeten Polyestergarn auf eine in
den Technischen Lieferbedingungen des Autoherstellers vorgegebene Dehnung gebracht. Ab-
schließend wird ein Teil der Bänder – den Spezifikationen der Autohersteller entsprechend –
chemisch ausgerüstet (beschichtet). Ein Teil der Autohersteller verzichtet auf die chemische
Ausrüstung der Bänder. Das Band wird getrocknet und optisch auf Fehler kontrolliert. Band-
bereiche, die nicht optimal gewebt oder gefärbt sind, werden zunächst mit einem metall-
beschichteten Klebestreifen gekennzeichnet. Diese Bereiche werden in der Kontrolle ausge-
schnitten und die jeweiligen Bandreste mit einem weiteren metallbeschichteten Klebestreifen
zusammengeklebt. In Abhängigkeit von den Lieferbedingungen des Systemherstellers wird das
Gurtband direkt geschnitten oder auf Rollen mit einem Durchmesser von etwa 1,50 m aufge-
rollt. Die Systemhersteller akzeptieren pro Rolle in der Regel maximal zwei bis drei ehemalige
Fehlstellen, sichtbar an den metallbeschichteten Klebestreifen, der die Gurtenden verbindet.
In der Systemherstellung wird das Gurtband zusammen mit den anderen Gurtbestandteilen
zum Sicherheitsgurt zusammengesetzt, der anschließend in der Autoherstellung in das Auto
eingebaut wird. Der Autoherstellung folgt der Gebrauch, in dessen Verlauf das Band keine
spezielle Pflege benötigt.
In der Autoverwertung wird ein Teil der Gurtbänder herausgeschnitten und zur Weiterverwen-
dung abgegeben oder zusammen mit dem Gurtsystem zur Wiederverwendung ausgebaut. Die
Gurte, die nicht ausgebaut oder herausgeschnitten werden, werden zusammen mit dem Auto
gepresst und geschreddert und in Form der Schredderleichtfraktion verbrannt oder deponiert5.
5.3.3Stoffstromanalyse des textilen Abfallaufkommens
In der folgenden Stoffanalyse wird zunächst abgegrenzt, welche Stoffströme untersucht wur-
den. Anschließend wird in der Strukturanalyse dargestellt, welche Lebenswegphasen unter-
sucht wurden und welche textilen Abfälle in diesen Lebenswegphasen anfallen. Sie werden im
Anschluss quantifiziert. Die Darstellung der Akteurskette, die ebenfalls zur Strukturanalyse
zählt, folgt in Punkt 5.3.4. Für die Untersuchung wurden Akteure in den einzelnen untersuchten
Phasen schriftlich oder mündlich befragt. Dazu zählen Mitarbeiter zweier Spinnereien, einer
Weberei, eines Systemherstellers, zweier Autohersteller sowie mehrerer Autoverwertungs- und
Recyclingunternehmen.
5 Die Deponierung der Schredderleichtfraktion ist nur bis zum Jahr 2005 möglich. Danach
müssen Abfälle mit einem Organikgehalt von über 5% nach der TA Siedlungsabfall verbrannt
werden.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 72
5.3.3.1 Stoffanalyse
Untersucht wird allein das textile Abfallaufkommen im Lebensweg des Gurtbandes. Ein
besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf den textilen Abfällen in Form des Bandes.
5.3.3.2 Strukturanalyse
In der Strukturanalyse wird dargestellt in welcher der untersuchten Lebenswegphasen welche
textilen Abfälle anfallen und wie sie beschaffen sind. Untersucht wurden die Phasen Spinnerei,
Weberei, Systemherstellung, Autoherstellung, Gebrauch, Autoverwertung und –beseitigung,
wobei der Schwerpunkt auf den Phasen Weberei, Autoherstellung und Autoverwertung liegt.
Sie wurden ausführlicher untersucht, da sie für die Masse der textilen Abfälle und die Möglich-
keiten der Umsetzung von Strategien zur Abfallreduzierung von besonderer Bedeutung sind.
Für die Abfallbetrachtung ist der Input besonders der Herstellungsphase des Gurtbandes
wesentlich, da hier eine Vielzahl von Chemikalien zugegeben wird, die teilweise zwar
ausgewaschen, teilweise aber auch in dem Produkt und damit in dem textilen Abfall enthalten
sind. Auf Grund der sehr schlechten Datenlage über die verwendeten Chemikalien werden hier
nur einige wenige Chemikalien beispielhaft herausgegriffen und für das Abfallaufkommen
problematisiert: (1) der bei der Polyesterherstellung verwendete Katalysator, (2) die Additive
aus der Herstellung der Filamentgarne und (3) die low-friction-Ausrüstung der Weberei.
Die Monomere, die auf der Basis von Erdöl erzeugt werden, werden unter Zuhilfenahme von
Katalysatoren zu Polyester kondensiert. Weltweit werden dabei zu 90% Antimonverbindungen
eingesetzt. Ein Teil des Katalysators verbleibt nach der Polykondensation im Polymer und
später auch in der Faser und dem textilen Abfall, ein Teil wird mit Glykol oder dem Abwasser in
der Herstellungsphase ausgetragen (vgl. Grebe, Rabe 1999).
In der Spinnerei werden dem Ausgangsgranulat oder dem Extruder Additive zudosiert (vgl.
Koch 1993). Die Polyestergarne, die für die Gurtbandherstellung verwendet werden, enthalten
keine Flammschutzmittel, dafür aber Mattierungsmittel und Farbstoffe (Information einer
Weberei 2000). Da das reine Polymer durchsichtige und glänzende Gewebe ergeben würde,
wird zur Mattierung in der Regel schwermetall-präpariertes Titandioxidpulver zugegeben
(Enquete-Kommission 1994). Bei der Spinnfärbung der Garne, die bei etwa 40% der euro-
päischen Garne angewendet wird (Information einer Weberei 2000) und in den Farbtönen
Schwarz und Anthrazit erhältlich ist, werden der Polymermasse als Farbpigmente Rußpartikel
beigemischt (Horsch, Siejack 1993). Alle anderen Garne werden in der Weberei mit
Farbstoffen oberflächengefärbt.
Die Bänder werden in der Weberei mit einer chemischen Ausrüstung beschichtet, um die Rei-
bung zu erniedrigen und den Griff des Bandes feiner zu machen, was als low-friction-effect
bezeichnet wird (Information einer Weberei 2000). Auch die für die Beschichtung verwendeten
Chemikalien werden nicht bekannt gegeben. In Abb. 21 ist das textile Abfallaufkommen in den
untersuchten Lebenswegphasen des Gurtbandes unter Berücksichtigung einzelner
Chemikalien, die in der Phase der Herstellung zugegeben werden, dargestellt. Der hier
berücksichtigte Input und Output ist mit schwarzen, der nicht berücksichtigte mit grauen
Pfeilen dargestellt.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 73
Abb. 21: Textile Abfallströme im Lebensweg des Sicherheitsgurtbandes
In den Phasen Spinnerei und Weberei fallen Garnabfälle an, die aus gefärbten und ungefärb-
ten Polyesterfilamenten bestehen. In der Weberei fällt der Bandabfall entweder direkt an der
Webmaschine oder bei der abschließenden optischen Kontrolle an, wenn das Band den Anfor-
derungen nicht entspricht und beispielsweise einen unregelmäßigen Farbauftrag, Kapillar-
brüche oder Webfehler aufweist. Der Bandabfall besteht je nach Anfallort in der Weberei aus
ungefärbten oder spinngefärbten, beschichteten oder unbeschichteten Bandabschnitten, teil-
weise mit metallhaltigem Klebestreifen.
In der Systemherstellung fällt der Bandabfall in Form von Bandresten der Rolle, als Bandrest
vor ehemaligen Fehlstellen und als Montageabfall bei Mängeln bereits zusammengesetzter
Gurtsysteme an. Der Bandabfall besteht aus spinn- oder stückgefärbten, in der Regel be-
schichteten Bandabschnitten und besitzt oft einen metallhaltigen Klebestreifen.
In der Autoverwertung liegt der Bandabfall in Form von Altbändern vor. Auch hier handelt es
sich um stück- oder spinngefärbte Bänder. Die Konzentration der Beschichtung ist unbekannt,
es wird hier jedoch davon ausgegangen, dass die Gurtbänder, die intensiv genutzt wurden,
eine geringere Konzentration an Ausrüstungschemikalien als die Anfangskonzentration ent-
halten. Die Gurtbänder enthalten daneben diverse Schmutzstoffe aus dem Gebrauch, zum Teil
auch aus der Autoverwertung, die ebenfalls unbekannt sind.
5.3.3.3 Quantifizierung
Die folgende Quantifizierung des textilen Abfallaufkommens bezieht sich allein auf die Band-
abfälle im Lebensweg des Gurtbandes. Die in der Spinnerei und der Weberei anfallenden
Garnabfälle bleiben unberücksichtigt. Um das Aufkommen an textilen Bandabfällen in den
untersuchten Lebenswegphasen quantifizieren zu können, liegen der Berechnung folgende
durchschnittliche Angaben zum Gewicht und zur Länge eines Gurtbandes, zu den Abfallquoten
in der Weberei und der Systemherstellung und zur Anzahl der jährlich in Deutschland zu
entsorgenden Personenkraftfahrzeuge zu Grunde:
SpinnereiWebereiSystemher-
stellung
Autoher-
stellung
Altauto-
verwertung
Entsorgung textiler Abfälle
Chemische
Industrie Gebrauch
Gurtband
Garn
Sicherheitsgurt
Auto
Altauto
Polymere
Altgurtband
BandabfälleBandabfälle
GarnresteGarnreste
Additive
Chemische
Ausrüstung
Kataly-
satoren
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 74
- Ein durchschnittliches Gurtband besitzt ein Gewicht von 160 g und hat eine Länge von
2,8 m (Horsch, Siejack 1993). In einem durchschnittlichen Personenkraftwagen sind 5
Gurtbänder eingebaut, die zusammen ein Gewicht von 800 g besitzen.
- Der Anteil des Bandabfalls beträgt in der Weberei etwa 10% des Garninputs und in der
Systemherstellung etwa 6% des Bandinputs (Informationen einer Weberei und eines
Systemherstellers 2000).
- Die Zahl der jährlich in Deutschland zu entsorgenden Autos wird auf 1,7 Millionen
geschätzt (VDA 2001).
In Abb. 22 sind die textilen Abfälle in der Weberei und der Systemherstellung für die Herstel-
lung eines 160 Gramm schweren Gurtbandes dargestellt.
Abb. 22: Textile Abfälle in der Weberei und der Systemherstellung
Die textilen Bandabfälle der Weberei und der Systemherstellung wurden wie folgt berechnet:
Abb. 23: Berechnung der Masse der textilen Bandabfälle pro Gurtband in den Phasen We-
berei und Systemherstellung
Danach entstehen bei der Herstellung eines 160 g schweren Gurtbandes in der Weberei etwa
19 g, in der Systemherstellung etwa 10 g Bandabfall. Das sind 18% der Masse des Gurtban-
des, die in der Phase der Herstellung allein in Form von Bandabfällen anfallen.
MS = MAMA = 160 g
MW = MS + Mab SMab S/ MW = 0,06 MW= 170 g Mab S = 10 g
MSPIN = MW + Mab WMab W/ MSPIN = 0,1MSPIN= 189 gMab W = 19 g
SpinnereiWebereiSystem-
hersteller
Autoher-
steller
10 g
MSpin=189gMW=170gMS= MA MA = 160 g
MabWMabS
19 g
Mspin = Garnmasse, MW = Masse des Bandes nach der Weberei
MS = Masse des Bandes nach der Systemherstellung
MA = Masse des Bandes nach der Autoherstellung
MabW = Masse Bandabfall in der Weberei
MabS = Masse Bandabfall in der Systemherstellung
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 75
In Tab. 11 ist die Masse des Bandabfalls bezogen auf ein einzelnes Gurtband, das Gurtband
eines Pkws sowie das Gurtband der jährlich in Deutschland entsorgten Personenkraftwagen
dargestellt. Ergänzend wird in der Tabelle die Länge der Gurtbandabfälle angegeben.
Tab. 11: Masse der Bandabfälle
Bandabfall bezogen auf: einzelnes
Gurtband
gesamtes
Gurtband im Pkw
gesamtes Gurtband
der jährlich in Deut-
schland entsorgten
Pkws
Bandabfall Weberei19 g 0,3 m95 g 1,7 m162 t2.890 km
Bandabfall
Systemherstellung
10 g 0,2 m51 g 0,9 m87 t1.530 km
Bandabfall Autoverwertung 160 g 2,8 m800 g 14,0 m1.360 t23.800 km
Bandabfall gesamt189 g3,3 m946 g16,6 m1.609 t28.220 km
Demnach fallen in Deutschland jährlich etwa 1.360 Tonnen Altgurtband in zu entsorgenden
Pkws an. Werden zudem die Bandabfälle berücksichtigt, die bei der Herstellung der Bänder in
der Weberei und beim Systemhersteller anfallen, dann beträgt die Menge der Gurtbandabfälle
für die jährlich in Deutschland entsorgten Altautos 1.609 Tonnen.
Die hier dargestellten Abfallmengen stellen durchschnittliche Angaben dar. Die genauen
Abfallmengen in der Weberei sind unter anderem abhängig von der Qualität der verwendeten
Garne. Eine schlechtere Garnqualität führt zu mehr Ausschuss beim Fadeneinzug am Web-
stuhl und zu mehr Kapillarbrüchen und erhöht damit die Zahl der Fehlstellen im Band (Infor-
mation einer Weberei 2000). Weiterhin ist die Abfallmenge in der Weberei davon abhängig, ob
spinngefärbtes oder ungefärbtes Garn verwendet wird. Ein Großteil der Bandabfälle entsteht
nach Angaben der Weberei auf Grund der Stückfärbung des Gurtbandes, die oft nicht der vom
Autohersteller geforderten Gleichmäßigkeit des Farbauftrags entspricht. Bei Verwendung von
spinnschwarzem Garn fallen danach in der Weberei die geringsten Abfallmengen an. Schließ-
lich hängt die genaue Abfallmenge des Altgurtes vom Gewicht und der Länge des Bandes ab.
Diese können je nach Anforderungen der Autohersteller und der Position des Gurtbandes im
Pkw unterschiedlich sein. So ist das mittlere Gurtband der Rücksitze dünner als die sonstigen
Gurtbänder, da der Platz für den Aufrollbereich begrenzt ist (Information eines Autoherstellers
2000).
5.3.4Akteurskette
Zunächst werden hier die Informationsströme zwischen den Akteuren der untersuchten
Lebenswegphasen dargestellt. Im Anschluss werden die Entscheidungen der Akteure, die das
Abfallaufkommen beeinflussen sowie einzelne Ursachen für die Akteursentscheidungen
genannt.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 76
5.3.4.1 Informationsströme
In den untersuchten Lebenswegphasen des Gurtbandes kommen die Akteure Spinnerei, We-
berei, Systemhersteller, Autohersteller, Nutzer, Autoverwertungsunternehmen (mit Presse und
Schredder) und Unternehmen zur Beseitigung direkt mit dem Gurtband in Berührung. Die Infor-
mationsströme zwischen den direkten Akteuren weisen große Unterschiede auf. Sie sind in
Abb. 24 dargestellt. Die Intensität der Beziehungen wird durch die Breite der Pfeile beschrie-
ben. Der Handel ist in der Abbildung nicht dargestellt, da er in der untersuchten Produktlinie
des Gurtbandes eine sehr geringe Bedeutung besitzt. So existieren lediglich zwischen dem
Autohersteller und dem Nutzer Handelsunternehmen, die jedoch in der Regel relativ eng an die
einzelnen Autohersteller gebunden sind, so dass hier auf ihre Darstellung verzichtet wird.
Abb. 24: Informationsströme zwischen den Akteuren der untersuchten Lebenswegphasen
(Sicherheitsgurtband)
Aus der Abbildung ist erkennbar, dass der Autohersteller eine zentrale Position einnimmt. Er
besitzt großen Einfluss besonders auf die vorgelagerten Herstellungsschritte. Erkennbar ist
dies an den Vorgaben, die der Autohersteller den Zulieferbetrieben in Form von technischen
Lieferbedingungen oder der Positivliste macht, in der festgelegt ist, welche Chemikalien bei
der Herstellung des Gurtbandes oder des Garns verwendet werden dürfen.
Die vorgelagerten Herstellungsstufen - zumindest die Phasen Systemherstellung, Weberei und
Teile der Spinnerei – sind spezialisiert auf die Herstellung von Garnen und Bändern für das
Gurtband oder die Herstellung des Gurtes selbst und daher ausschließlich Zulieferbetriebe der
Autohersteller. Zwischen den vorgelagerten Herstellungsstufen existieren in der Regel keine
Handelsunternehmen, so dass eine direkte Kommunikation möglich ist. Während der Autoher-
steller in Form von Positivlisten, Prüfmethoden und Preisen relativ viel festlegt und regelt, zeigt
er nach Ansicht von vorgelagerten Herstellern wenig Bereitschaft, Informationen aufzunehmen.
So legt der Autohersteller nach Ansicht einer Weberei die Anforderungen an das Gurtband
fest, ohne dabei das spezifische Wissen der Weberei ausreichend zu berück sichtigen.
Der Autohersteller unterhält nach eigenen Angaben einen intensiven direkten Kontakt zum
Systemhersteller und einen weniger intensiven direkten Kontakt zur Weberei. Der Systemher-
steller übermittelt in der Regel lediglich die Informationen des Autoherstellers an die Weberei,
kann dem Autohersteller aber auch Vorschläge zur Gestaltung des Gurtbandes unterbreiten.
SpinnereiWebereiSystemher-
steller
Autoher-
steller
Altauto-
verwerter
Chemische
Industrie Nutzer
Entsor-
gungs-
unter-
nehmen
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 77
Bei der Kommunikation zwischen der Weberei und der Spinnerei geht es im Wesentlichen
darum, die Anforderungen der Autohersteller wie die technischen Lieferbedingungen und die
Positivliste der erlaubten Chemikalien zu übermitteln.
Zwischen Autohersteller und Nutzer findet nur eine sehr indirekte Kommunikation zur Pflege
des Gurtbandes über die Betriebsanweisung des Autos statt. Die Nutzer werden nicht zu ihren
Erfahrungen mit dem Gurtband in der Gebrauchsphase befragt. Die Kommunikation zwischen
Autoherstellern und Autoverwertern verläuft in der Regel ebenfalls indirekt in Form von
Demontageanleitungen. Eine direkte Kommunikation existiert nur in Ausnahmefällen, beispiels-
weise bei einem der befragten Autohersteller, der mit einzelnen Autoverwertern vertraglich
gesicherte Partnerschaften vereinbart hat. Eines der Ziele dieser Kommunikation ist die
Rücknahme gebrauchter Gurtbänder durch den Autohersteller, um diese gewinnbringend zur
Weiterverwendung abzugeben. Es existieren keine Hinweise auf einen Kontakt zwischen Auto-
herstellern und Recyclingunternehmen, der darauf abzielt, die stoffliche Zusammensetzung
des Gurtbandes so zu verändern, dass eine hochwertige werkstoffliche Verwertung möglich
wird.
5.3.4.2 Einfluss der Akteure auf das Abfallaufkommen
Im Folgenden werden Entscheidungen der untersuchten Akteure genannt, die sich auf das
oben dargestellte Aufkommen an Bandabfällen erhöhend auswirken. Sie werden unterteilt
nach den Akteuren, die die Entscheidung treffen.
Weberei
Die Weberei hat durchaus Einfluss auf das textile Abfallaufkommen in ihrem Produktions-
prozess. Dies lässt sich durch die folgenden Entscheidungen belegen, die von der Weberei
getroffen werden (Informationen einer Weberei 2000):
So entscheidet sich die Weberei aus Kostengründen dafür, billigere Garne zu kaufen, die
qualitativ schlechter sind als teurere Garne. Damit wird die Zahl der Fehlstellen im Band und
somit die Masse an Bandabfällen in der Weberei erhöht.
Daneben reduziert die Weberei aus Kostengründen die Zahl der überwachenden Arbeitsplätze
und erhöht gleichzeitig die Produktionsgeschwindigkeit. Dies führt bei sich fortsetzenden
Fehlern an den Webstühlen oder bei der Oberflächenfärbung zu großen Mengen an
Bandabfällen.
Die befragte Weberei ist bemüht, die Kundenwünsche so gut wie möglich zu erfüllen, um eine
entsprechende Kundenanbindung zu erzielen. So werden auch kleine Bandmargen mit
speziellen Farben oberflächengefärbt, obgleich hier auf Grund der notwendigen Einstellungen
der Produktionsabfall relativ hoch ist.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 78
Systemhersteller
Der Einfluss des Systemherstellers auf den Bandabfall ist gering. Durch die Entscheidung, die
ausgeschnittenen Fehlstellen auf der Bandrolle auf eine Anzahl von zwei bis drei zu
begrenzen, und statt Gurtbandrollen zum Teil bereits geschnittene Bänder zu beziehen, hat
der Systemhersteller lediglich einen Einfluss darauf, ob der Gurtbandabfall in seinem Ver-
antwortungsbereich oder in dem der Weberei anfällt.
Autohersteller
Der Autohersteller hat einen ganz wesentlichen Einfluss auf die Masse und die Zusammen-
setzung des Bandabfallaufkommens in den untersuchten Lebenswegphasen, insbesondere auf
die Masse des Bandabfalls in der Weberei:
So entscheiden sich die befragten Autohersteller dafür, sehr hohe optische Anforderungen an
das Band zu stellen, die nach Angaben der Weberei und der Spinnerei auf „Null Fehler“
hinauslaufen. Gurtbandabschnitte mit Kapillarbruch werden in der Regel als Fehlerstellen
ausgeschnitten, obgleich solche äußerlichen Fehler nicht zwangsläufig auf Fehler in der
Bandqualität hindeuten. Auch Bandabschnitte, die leichte Unterschiede im Farbauftrag auf-
weisen, werden in der Regel als Fehlerstellen entfernt (Informationen einer Weberei 2000).
Auch die Entscheidung des Autoherstellers, den Nutzern eine größere Auswahlmöglichkeit bei
der farblichen Gestaltung des Autoinnenraums und auch der Gurtbänder zu bieten, führt zu
einer Zunahme an Bandabfällen in der Weberei, da bunte Bänder oberflächengefärbt werden
müssen. Dies äußert sich in einer wesentlichen Zunahme der Bandabfälle in der Weberei
(Informationen einer Weberei 2000).
Der Autohersteller geht mit seinen Lieferanten längerfristige Verträge mit Preisbindungen ein.
So sind Verträge üblich, die über mehrere Jahre laufen und die als festen Bestandteil enthal-
ten, dass die gelieferten Produkte jährlich um einige Prozent günstiger werden. Die Preispolitik
der Automobilindustrie zwingt die Zulieferer zur Minimierung der Lohnkosten und zur Minimie-
rung der Kosten für Ausgangsstoffe (Informationen einer Spinnerei und einer Weberei 2000).
Der Autohersteller entscheidet mit der Vorgabe der Positivliste, in der die Chemikalien
aufgeführt sind, die bei der Produktion des Gurtbandes verwendet werden dürfen, über die
stoffliche Zusammensetzung des Gurtbandes und damit auch über die stoffliche Zusam-
mensetzung der Bandabfälle.
5.3.4.3 Ursachen für Akteursentscheidungen
Für die oben genannten Entscheidungen der Akteure, die sich auf die Menge an Bandabfällen
im Lebensweg erhöhend auswirken, existieren verschiedene Ursachen, die im Folgenden
genannt werden. Die Akteursentscheidungen, die sich reduzierend auf das Bandabfallaufkom-
men auswirken, werden in Abschnitt 5.3.6 („Umgesetzte Strategien zur Abfallreduzierung“) dar-
gestellt.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 79
Eine wesentliche Ursache für viele Entscheidungen der Weberei ist der hohe Kostendruck, der
von den Autohersteller ausgeübt wird. Ursache für den Kostendruck der Autohersteller wie-
derum ist die starke Konkurrenzsituation, in der sich die Autohersteller zur Zeit befinden. Auch
die wachsende Konkurrenzsituation zwischen Webereien führt zu zunehmenden Bandabfällen,
da die Webereien bemüht sind, auch kleine Margen zu färben, um die Kunden bindung zu festi-
gen.
Der wachsende Kostendruck auf Weberei und Autohersteller erlaubt es nicht, Gurtbänder aus
spinngefärbtem farbigen Garn zu verwenden, da die Kosten für die Herstellung dieses Garns
bislang viel höher sind als die Kosten für die Stückfärbung der Bänder.
Nur bei der Farbe Schwarz gibt es bislang eine vom Preis vergleichbare Alternative zwischen
der abfallarmen Spinn- und der abfallintensiven Oberflächenfärbung.
Die Autohersteller haften für die Funktionstüchtigkeit des Gurtbandes und stellen daher relativ
hohe technische Anforderungen an das Band. Daneben werben sie oft mit der hohen Sicher-
heit, die ihre Automarke bietet und sind um ein entsprechendes Image bemüht. Da dieses
Image durch optische Fehler wie Kapillarbrüche in den Gurtbändern – die sich auf die Qualität
ansonsten nicht auswirken - gefährdet werden könnte, sind auch die optischen Anforderungen
der Autohersteller an das Band entsprechend hoch. In Abb. 25 sind die wesentlichen Einfluss-
faktoren auf die Masse des Bandabfalls dargestellt.
Abb. 25: Einflussfaktoren auf die Masse an Bandabfall
Autohersteller
Diversifikation
Reduzierung der
Garnqualität
Reduzierung der Zahl
der Arbeitsplätze
Eingehen auf
Kundenwünsche
Masse
Bandabfall
Hohe Anfor-
derungen
Hohe Produktionsge-
schwindigkeit
Hoher Kosten-
druck
Weberei
ImageProduktver-
antwortungKonkurrenz
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 80
Die oben angegebenen Ursachen für die Akteursentscheidungen sind in einem rautenförmigen
Rahmen angegeben. Autohersteller und Weberei, die einen wesentlichen Einfluss auf das
Abfallaufkommen besitzen, sind in den rechteckigen Kästchen, ihre oben genannten Entschei-
dungen in Ellipsen dargestellt.
Aus dem Diagramm ist erkennbar, dass die Rahmenbedingungen wie die Produkthaftung
(Verantwortung), die Bedeutung der Sicherheit (Image) und die wachsende Konkurrenz zu
einer zunehmenden Masse an Bandabfällen führen. Weiterhin ist erkennbar, dass der Autoher-
steller mit den von ihm getroffenen Entscheidungen - verstärkte Diversifikation, höchste Anfor-
derungen und Minimierung der Kosten - die abfallerhöhenden Entscheidungen der Weberei
wesentlich beeinflusst.
5.3.5Bewertung der textilen Abfälle
Die textilen Abfälle, die im Lebensweg des Gurtbandes anfallen, sind mengenmäßig proble-
matisch. So fallen durch die jährlich in der Bundesrepublik entsorgten Pkws allein 1.609 Ton-
nen Bandabfälle im Lebensweg an. Diese setzen sich vor allem aus nicht-erneuerbaren Roh-
stoffen zusammen. So besteht nicht nur das Gurtband selbst aus Produkten der Erdölraffi-
nation, sondern auch viele Zusatzstoffe werden auf der Basis von Mineralölen hergestellt, bei-
spielsweise die Spinnpräparationen. Die Verwendung von nicht-erneuerbaren Ressourcen
widerspricht aber den Grundsätzen des nachhaltigen Wirtschaftens, die die Enquete-Kom-
mission „Schutz des Menschen und der Umwelt“ (1994) postuliert hat. Danach sollen nicht-
erneuerbare Ressourcen nur in dem Umfang genutzt werden, in dem ein physisch und funk-
tionell gleichwertiger Ersatz in Form erneuerbarer Ressourcen geschaffen wird (vgl. Friege
1999).
Es lassen sich Hinweise finden, dass die textilen Abfälle daneben auf Grund der Chemikalien,
die in der Phase der Herstellung verwendet werden, auch in Bezug auf ihre Gefährlichkeit
relevant sind. Da die einzelnen Chemikalien, die zur Herstellung des Polymers verwendet, der
Polymermasse zugegeben oder auf das Garn oder das Gewebe aufgebracht werden, nicht
bekannt sind, kann die Gefährlichkeit hier nur abgeschätzt werden.
So soll die Antimonverbindung (Antimontrioxid), die bei der Polykondensation von Polyester in
der Regel als Katalysator eingesetzt wird und die zum Teil im Abfall der Herstellungsphase
sowie zum Teil im Filament verbleibt, kanzerogen und toxisch sein. Glykolrückstände aus der
Polykondensation, die Antimontrioxid enthalten, müssen in Sondermüllverbrennungsanlagen
beseitigt werden (vgl. Grebe, Rabe 1999). Auch Chemikalien , die in Spinnpräparationen oder
der Beschichtung enthalten sind, können unvertretbare Risiken für die menschliche Gesund-
heit darstellen. Einzelne hier verwendete Chemikalien zeigen toxische, kanzerogene und aller-
gene Wirkungen (Enquete-Kommission 1994). Dies widerspricht insbesondere der Manage-
mentregel nach der Gefahren und unvertretbare Risiken für die menschliche Gesundheit durch
anthropogene Einwirkungen zu vermeiden sind (vgl. Friege 1999).
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 81
5.3.6Umgesetzte Strategien zur Abfallreduzierung
In den untersuchten Lebenswegphasen des Gurtbandes werden die Abfallreduzierungsstrate-
gien „Verlängerung der Lebensdauer“, „Kreislaufführung“, „Minimierung der Masse“ und „Mini-
mierung problematischer Materialien“ umgesetzt. Die Strategien der Kreislaufführung werden
in Form der Verwendungsstrategien „Wieder- und Weiterverwendung des Altbandes durch
Autoverwerter“ und „Weiterverwendung des Altbandes durch die Autohersteller“ sowie in Form
der Verwertungsstrategien „Wiederverwertung von Bandabfällen“, „Wiederverwertung von
Garnresten“, „Weiterverwertung von Garnresten“ und „Weiterverwertung von Bandabfällen“
umgesetzt. Die Strategien wurden auf Entscheidungen einzelner Akteure und Faktoren unter-
sucht, die die Umsetzung der Strategie hemmen oder fördern. In Abb. 26 sind die Strategien
zur Kreislaufführung dargestellt, die in den untersuchten Lebenswegphasen umgesetzt
werden.
Abb. 26: Textile Abfallströme, die verwendet und verwertet werden
Die schwarzen Pfeile kennzeichnen die textilen Abfallströme, die im Lebensweg des Gurt-
bandes verwertet oder verwendet werden, die grauen Pfeile stellen die textilen Abfallströme
zur Beseitigung dar. Da die umgesetzten Kreislaufstrategien nur einen Teil der textilen Abfälle
berücksichtigen, existieren in der Regel in jeder Phase noch Abfallströme zur Beseitigung. Die
gestrichelten Linien kennzeichnen die Strategie der Wiederverwertung von Bandabfällen durch
die Spinnerei. Da diese Strategie nicht über das Versuchsstadium hinaus umgesetzt wurde,
theoretisch aber umsetzbar wäre, sind hier nur die potenziellen Stoffströme eingezeichnet. Alle
untersuchten Strategien zur Kreislaufführung besitzen eine geringe Reichweite auf (vgl. Kapitel
3.4). Dagegen weist die Strategie der Verlängerung der Lebensdauer eine größere Reichweite,
da hier verschiedene Hersteller eingebunden sind, um die hohe Qualität und damit die lange
Lebensdauer zu sichern.
SpinnereiWebereiSystem-
hersteller
Autoher-
steller
Altauto-
verwerter
Unternehmen zur Beseitigung textiler Materialien
Nutzer
Unternehmen zur Verwertung und Verwendung textiler Materialien
Altband
Altband
GarnresteBandabfall
GarnresteAltband
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 82
5.3.6.1 Verlängerung der Lebensdauer
Da das Gurtband ein Teilprodukt des Pkws ist, führt eine Verlängerung der Lebensdauer des
Bandes nur dann zu einer Abfallreduzierung, wenn gleichzeitig die Lebensdauer des Pkws
verlängert oder das Gurtband in der Nachgebrauchsphase ausgebaut oder herausgeschnitten
und wieder- oder weiterverwendet wird.
Es lassen sich zahlreiche Hinweise finden, dass das Band auch über die durchschnittliche
Lebensdauer des Pkws hinaus auf Grund der hohen Qualität des Bandes, die weit über den
gesetzlichen Anforderungen liegt, verwendet werden kann. So sind nach Angaben der Weberei
die Belastungen, die das Band in den lebensdauersimulierenden Tests aushalten muss,
weitaus größer als die tatsächlichen Belastungen, die es im Gebrauch erfährt (Information
einer Weberei 2000). Dies führt dazu, dass das Band auch in der Nachgebrauchsphase nach
Angaben der Autoverwerter keine auffallenden Schäden aufweist und daher von einem Teil der
Autoverwerter ausgebaut oder –geschnitten und wieder- oder weiterverwendet wird. Auch nach
Angaben des Autoherstellers, der gebrauchte Bänder zurücknimmt und an einen
Taschenhersteller für die Anwendung als Band oder Riemen verkauft, ist die Qualität des
Altgurtbandes für diesen Anwendungsbereich noch völlig ausreichend (Information eines
Autoherstellers 2000).
Die Verlängerung der Lebensdauer führt jedoch nicht ausschließlich zu einer Abfall-
reduzierung. Die hohen Anforderungen an das Band, die eine lange Lebensdauer erst ermög-
lichen, erhöhen gleichzeitig die Menge und die Gefährlichkeit der Bandabfälle.
Fördernde Faktoren
Die lange Lebensdauer des Bandes wird dadurch unterstützt, dass der Autohersteller rechtlich
verpflichtet ist, die Verantwortung für die Funktionstüchtigkeit des Gurtbandes in der Ge-
brauchsphase zu übernehmen. Daneben wirkt sich fördernd aus, dass vom Autohersteller auf
Grund des angestrebten Sicherheitsimages höchste Anforderungen an die Eigenschaften des
Gurtbandes gestellt werden, die oft höher sind als die gesetzlichen Mindestanforderungen.
5.3.6.2 Wieder- und Weiterverwendung des Altbandes durch Autoverwerter
Die befragten Autoverwertungsunternehmen verwenden einen Teil der Bänder wieder oder
weiter. Zwei von sieben befragten Unternehmen gaben an, dass sie einen Teil der kompletten
Gurtsysteme aus dem Auto ausbauen und zur Wiederverwendung an Kunden verkaufen.
Daneben schneidet ein Teil der Autoverwerter das Gurtband aus dem Altauto heraus, um es im
Eigengebrauch weiterzuverwenden. Ein Verwerter befestigt beispielsweise beim Verkauf von
gebrauchten Motoren diese mit Gurtbändern, die dann zusammen mit den Motoren bei den
Kunden verbleiben.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 83
Hemmende und fördernde Faktoren
Bei der Wiederverwendung von gebrauchten Gurtbändern wirkt sich hemmend aus, dass deren
Qualität unbekannt ist. Mögliche Schäden im Band oder auch in den sonstigen Teilen des Gurt-
systems können nicht immer optisch erkannt werden. Insofern ist die Wiederverwendung mit
einem Sicherheitsrisiko verbunden und wird daher auch von einigen Autoverwertern ausdrücklich
nicht durchgeführt.
Fördernd wirkt sich aus, dass das Altautoverwertungsunternehmen durch den Verkauf des Gurt-
systems einen Gewinn macht. Ein weiterer fördernder Faktor für die Weiterverwendung des
Gurtbandes ist dessen Form. Das Band lässt sich vielfältig einsetzen.
5.3.6.3 Weiterverwendung des Altbandes durch den Autohersteller
Die Recyclingabteilung eines Autoherstellers nimmt Altgurtbänder gegen ein geringes Entgelt
von den Autoverwertungsunternehmen zurück, die Vertragspartner sind (drei der sieben be-
fragten Verwertungsunternehmen sind Vertragspartner). Es werden nur solche Bänder ange-
nommen, die den Spezifikationen des Autoherstellers entsprechen. So muss das Band
schwarz und frei von nichttextilen Elementen sein und darf optisch keine Abnutzungserschei-
nungen zeigen. Die Bänder werden von dem Autohersteller zunächst zur Reinigung abge-
geben und anschließend an einen Taschenhersteller verkauft, der sie schneidet und als Bän-
der für Taschen oder Rucksäcke verwendet. Nach Aussagen des Autoherstellers sind die
Eigenschaften des Altgurtbandes ausreichend für den Einsatz in Taschen.
Fördernde Faktoren
Die Wiederverwendung des Altbandes durch den Autohersteller wird gefördert durch den
Gewinn, der beim Verkauf der gebrauchten Bänder erzielt werden kann. Einen weiteren för-
dernden Faktor stellt die sehr hohe Qualität des Gurtbandes dar, das die Weiterverwendung
des Bandes auch am Ende der Lebensdauer des Pkws ermöglicht. Unterstützt wird die Um-
setzung der Strategie auch durch die Entscheidung des Autoherstellers, einzelne Autover-
werter zu Vertragspartnern zu machen und so eine direkte Kommunikation zu ermöglichen.
Dem Autohersteller erleichtert dies den Zugang zu lohnenden Altprodukten des Pkws. Nur so
kann er relativ einfach eine Mindestmenge an Bändern zurücknehmen, ab der die Reinigung
und der Verkauf wirtschaftlich sinnvoll wird. Daneben unterstützt der geringe finanzielle Wert
des Bandes (das Neuband kostet 0,5 bis 0,7 Euro/m) die Entscheidung besonders der
kleineren Autoverwerter, das Band an die Recyclingabteilung des Autoherstellers zurückzuge-
ben und nicht eigenständig nach Absatzbereichen zu suchen.
5.3.6.4 Wiederverwertung von Garnresten
Es kann davon ausgegangen werden, dass die Spinnerei einen Teil ihrer sauberen textilen
Produktionsabfälle dem Extruder direkt wieder zugibt. Somit wird ein Teil des Produktions-
abfalls in der Spinnerei wiederverwertet (Information einer Spinnerei 2000). Neben den
Produktionsabfällen werden in der befragten Spinnerei keine Sekundärrohstoffe eingesetzt
(Information einer Spinnerei 2000).
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 84
Fördernde Faktoren
Die produktionsinterne Wiederverwertung der Polyesterabfälle ist für die Spinnerei gewinn-
bringend, da Rohstoff- und Entsorgungskosten eingespart werden.
Fördernd auf die Umsetzung der Strategie wirkt sich weiterhin aus, dass bei der Wieder-
verwertung der Produktionsabfälle das gleiche Polymer mit der identischen Konzentration an
Additiven verwendet wird. Abweichungen könnten dagegen die Verarbeitung zu hochwertigen
Sekundärprodukten erschweren (Stewart 2000).
5.3.6.5 Wiederverwertung von Bandabfällen
Die Rücknahme der Bandabfälle und Altbänder und deren Wiederverwertung durch die Spin-
nerei ist eine Strategie zur Abfallreduzierung, die von der Spinnerei Akzo Nobel in Zusammen-
arbeit mit der Porsche AG konzipiert und bis im Versuchsstadium durchgeführt, jedoch nie
darüber hinaus realisiert wurde. Da sie sich im Versuchsstadium als realisierbar gezeigt hat,
wird sie hier zu den umgesetzten Strategien zur Abfallreduzierung gezählt.
Grundannahmen und Entscheidungen einzelner Akteure
1990 hat der Faser- und Garnhersteller Akzo Nobel ein Projekt zur Untersuchung der Recyc-
lingfähigkeit von spinnschwarzen Sicherheitsgurtbändern aus Polyester durchgeführt. Getestet
wurden sowohl Bandabfälle aus der Produktion als auch Altbänder. Ein Ergebnis war, dass die
Qualität der Garne, die aus regranulierten Altbändern hergestellt wurden, nur für die Verwen-
dung als Schussgarn im Sicherheitsgurtband ausreicht. Die Anforderungen, die an das Kett-
garn gestellt werden, konnten von dem wiederverwerteten Garn nicht erfüllt werden. Voraus-
setzung für eine Wiederverwertung der Altbänder war deren geringe Verschmutzung. Die Ver-
suche bezogen sich allein auf Bänder aus spinnschwarzem Garn, die chemisch nicht mit einer
„low-friction“ – Beschichtung ausgerüstet waren, da sich sowohl die Farbstoffe aus der Ober-
flächenfärbung als auch die Beschichtung negativ auf die Spinnbarkeit der regranulierten Mas-
se ausgewirkt haben (Engels, Sternberg 1994).
Die Firma Akzo Nobel hat auf der Basis dieser Versuche eine Rücknahmegarantie für Gurt-
bänder aus ihren spinnschwarzen Garnen mit den Markennamen Diolen 177 und Diolen 178
ausgesprochen, d.h. die Altautoverwerter konnten die betreffenden Gurtbänder an Akzo Nobel
kostenlos zurückgeben. Obgleich die Firmen Akzo Nobel und Courtaulds inzwischen zur Firma
Acordis fusioniert sind, besteht diese Rücknahmegarantie nach der Aussage eines Mitarbeiters
von Acordis noch immer, wurde aber niemals realisiert (Information einer Spinnerei 2000).
Beispielsweise wurde das Band aus Diolen nicht gekennzeichnet, so dass für den
Autoverwerter nicht erkennbar ist, welche Bänder unter die Rücknahmegarantie fallen. Auch
die fehlende Information der Autoverwerter zu der Rücknahmegarantie legen den Schluss
nahe, dass das Projekt nicht tatsächlich realisiert werden sollte. Vielmehr ist naheliegend, dass
Akzo Nobel die Versuchsreihen zur Recyclingfähigkeit des spinnschwarzen Garns zum dama-
ligen Zeitpunkt durchgeführt hat, um dessen Konkurrenzfähigkeit gegenüber ungefärbtem
Garn, dass stückgefärbt wird, zu stärken. Akzo Nobel/Acordis ist einer der wenigen und
größten Hersteller von spinnschwarzem Garn.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 85
Nachdem dessen Anteil in Gurtbändern zu Gunsten der oberflächengefärbten Bänder sank,
war das Unternehmen daran interessiert, diese Entwicklung aufzuhalten bzw. umzukehren.
Das ist ihnen nach Ansicht eines Mitarbeiters mit diesem Projekt gelungen, in dem mit der
Recyclingfähigkeit der spinngefärbten Garne geworben wurde. Das Produkt spinnschwarzes
Garn existiert noch immer und ist konkurrenzfähig (Information einer Spinnerei 2000).
Hemmende und fördernde Faktoren
Gehemmt wurde die Umsetzung der Strategie insbesondere durch das damals und sicher auch
heute noch unwirtschaftliche Verfahren. Das recycelte Material kann ökonomisch nicht mit
Primärrohstoffen konkurrieren. Da besonders die Webereien nur enge finanzielle Spielräume
durch Preisbindungen mit den Autoherstellern besitzen, werden in der Regel nur preiswerte
Garne gekauft.
Die hohe Verarbeitungsgeschwindigkeit und die geringe Anzahl an überwachenden Arbeits-
plätzen hemmen die Verwendung von Sekundärrohstoffen bzw. Garnen aus Sekundär-
rohstoffen. Nicht entfernte Verunreinigungen in Sekundärrohstoffen können zu großen Verar-
beitungsproblemen und somit zu einer erhöhten Abfallmasse in der Spinnerei und der Weberei
führen. Daneben wurde die Umsetzung der Strategie auch dadurch gehemmt, dass ein
Großteil der Bänder beschichtet ist, was die Recyclingfähigkeit stark vermindert.
Die Spinnerei besitzt das Image, Garne höchster Qualität herzustellen. Die hohen Ansprüche
der Autoindustrie an die Qualität der Garne sichert der Spinnerei bislang ihr Überleben.
Hemmend wirkt sich auf die Umsetzung der Strategie aus, dass durch die Verwendung von
Sekundärrohstoffen Fehler in das Garn eingeschleppt werden können, die sich auf die Qualität
der Garne und das Image des Unternehmens negativ auswirken können.
Der leichte Druck in Richtung auf umweltfreundliche bzw. recyclingfähige Produkte, der Anfang
der 90er Jahre bestand, wirkte sich fördernd auf die Konzeption der Strategie aus (Information
einer Spinnerei 2000).
5.3.6.6 Weiterverwertung von Garnresten
Die befragte Spinnerei, die das spinnschwarze Garn produziert, nimmt die Garnreste der
Weberei zurück und gibt sie zusammen mit den eigenen Garnresten weiter an ein Unter-
nehmen, das sie zu Teppichrücken verwertet.
Fördernde Faktoren
Ein fördernder Faktor ist, dass die Spinnerei mit dieser Strategie ihr Image als ökologisch
handelndes Unternehmen festigt. Es existieren Hinweise, dass sie sich damit neue Kunden
und die stärkere Bindung an bestehende Kunden verspricht.
Es ist anzunehmen, dass die Spinnerei durch den Verkauf der Garne einen Gewinn erzielt.
Unbekannt ist, in welchem Verhältnis die Einnahmen durch den Verkauf zu den Ausgaben für
die Sortierung oder Rücknahme der Garnabfälle stehen.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 86
Es wird angenommen, dass es für die Spinnerei leichter ist, ein Recyclingunternehmen für
größere Mengen der relativ homogenen und recycelbaren Garnreste zu finden. Dieser
Umstand wirkt sich auf die Rücknahme der Garnreste durch die Spinnerei fördernd aus.
Ebenso fördernd wirkt sich die relativ geringe Entfernung zwischen der Spinnerei und der
Weberei aus, die die Kosten für die Rücknahme der Garnreste begrenzt.
Fördernd wirkt sich weiterhin aus, dass in dem Bereich, in dem die Garnreste später eingesetzt
werden, nicht bekannt ist, dass es sich um Recyclingprodukte handelt. Recyclingprodukte
besitzen nach Aussage mehrerer befragter Akteure derzeit einen eher schlechten Ruf (u.a.
Information eines Verwertungsunternehmens 2000).
5.3.6.7 Weiterverwertung von Bandabfällen
Der Systemhersteller, der die Bandabfälle bislang noch einer energetischen Verwertung
zuführt, möchte diese zukünftig stofflich verwerten lassen. Zur Zeit werden vom System-
hersteller zusammen mit einem Recyclingunternehmen Versuche durchgeführt mit dem Ziel,
aus den Gurtbändern ein Vlies herzustellen, das beispielsweise als Dämmstoff eingesetzt wer-
den kann. Probleme bei der stofflichen Verwertung der Bandabfälle bereiten in dem
Versuchsstadium besonders die Kunststoffteile am Band, zum Beispiel die Schlosszunge oder
das metallhaltige Klebestück aus der Weberei.
Hemmende und fördernde Faktoren
Der metallhaltige Klebestreifen aus der Weberei stellt einen hemmenden Faktor für die
Umsetzung der Strategie dar, da er den Verwertungsprozess, beispielsweise den Reißprozess,
stört (Information einer Weberei und eines Systemherstellers 2000). Bei der Installation einer
optischen Detektion von Fehlstellen in der Weberei wurde nicht darauf geachtet, welche
Auswirkungen die gewählte Methode auf Entsorgungprozesse hat.
Ein fördernder Faktor für die Umsetzung der Strategie ist das Image des umweltbewussten
Betriebes, das sich der Systemhersteller gibt. Fördernd wirkt sich auch das Umweltmanage-
mentsystem aus, das er – auf Druck des Autoherstellers – implementiert hat.
Die relativ große Masse von 200 t neuwertigen Gurtbandresten, die jährlich beim Systemher-
steller anfallen (Information eines Systemherstellers6 2000) und für die die Kosten der Entsor-
gung getragen werden müssen, fördert die Notwendigkeit, zumindest Versuche zur stofflichen
Verwertung durchzuführen.
6 Der untersuchte Systemhersteller produziert die Sicherheitsgurte nicht nur für den deutschen
Markt. Daher übersteigt die Masse der Gurtbandreste mit 200 Tonnen die Angabe in Tab. 11,
in der mit 87 Tonnen die Gurtbandreste aus der Systemherstellung bezogen auf die in Deut-
schland jährlich entsorgten Pkws angegeben sind.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 87
5.3.6.8 Minimierung der Masse
Die Autohersteller haben sich in den letzten Jahrzehnten dafür entschieden, das Gurtband in
Richtung dünneres und leichteres Band weiterzuentwickeln, ohne die Qualität oder die Lebens-
dauer des Bandes zu verändern. Das geringere Gewicht pro Längeneinheit und die geringere
Dicke des Bandes wurden durch Veränderungen des textilen Materials, der Drehung der Garne
und der Dicke der Filamente erzielt (Blumberg, Droste 1979).
Fördernde Faktoren
Fördernd auf die Minimierung des Flächengewichts des Bandes wirkten sich technische Anfor-
derungen sowie Wünsche von Nutzern aus. Da die Gurtbänder auf Grund der zunehmenden
Leibesfülle einzelner Autofahrer länger werden (Information eines Autoherstellers 2000), die
Aufrollvorrichtung aber nur ein bestimmtes Bandvolumen aufnehmen kann, werden die Bänder
dünner. Die Entwicklung wird nach Auskunft eines Autoherstellers weiterhin dadurch unter-
stützt, dass die Nutzer die leichteren und dünneren Gurte als angenehmer empfinden. Da
gleichzeitig mit der Reduzierung der Masse pro Längeneinheit die Bandlänge vergrößert
wurde, kann nicht abgeschätzt werden, inwieweit damit die Masse pro Gurtband reduziert wird.
Da sich die Änderungen in der Masse nicht auf die Qualität des Bandes auswirken dürfen,
führt die Minimierung der Masse hier im Vergleich zum Pavillon nicht zu einer Minimierung der
Qualität und damit der Lebensdauer des Technischen Textils.
5.3.6.9 Minimierung problematischer Materialien
Der Autoinnenraum wird durch Emissionen belastet, die sich unter anderem in einem stören-
den Geruch und einem schmierigen Flüssigkeitsfilm an der Windschutzscheibe äußern kön-
nen. Der Geruch wird im Wesentlichen von leicht- bis mittelflüchtigen organischen Substanzen,
der Flüssigkeitsfilm auf der Windschutzscheibe (Fogging) durch schwerflüchtige Substanzen
verursacht, die aus den Werkstoffen der Innenausstattung emittieren (Lüßmann-Geiger 1999).
Dazu gehören beispielsweise Weichmacher und Stabilisatoren. Da einzelne Nutzer sowohl den
Geruch als auch das Fogging als störend empfinden, ist der Autohersteller bemüht, die
Emissionen im Autoinnenraum zu reduzieren. Die textilen Bestandteile des Autoinnenraums
haben auf Grund ihrer großen Oberfläche einen nennenswerten Anteil an den Verursachern
dieser Emissionen. Die Autohersteller legen zum einen in der Positivliste für die Zuliefer-
betriebe verbindend fest, welche Stoffe bei der Herstellung verwendet werden dürfen und
führen zum anderen Schadstoff- und Geruchsmessungen im Autoinnenraum durch. Werden
einzelne Parameter überschritten, dann wird mit Zulieferern an einer Lösung des Problems
gearbeitet. So existiert auch für die Zulieferbetriebe des Gurtbandes die Anforderung, den An-
teil an emittierenden Substanzen in ihren Produkten zu reduzieren (Information einer Weberei
2000). Die Reduzierung der Emissionen im Innenraum wird durch die Substitution oder den
Verzicht auf Chemikalien in der Herstellungsphase realisiert. Bislang wird die Strategie der
Verringerung problematischer Materialien nur in engen Grenzen u.a. in Bezug auf die Emis-
sionen im Autoinnenraum angewendet. Sie könnte theoretisch aber mit Hilfe der Positivliste
auf andere in der Herstellungsphase eingesetzte Chemikalien erweitert werden, die für Mensch
und Umwelt gefährlich sind.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 88
Fördernde Faktoren
Fördernd auf die Umsetzung der Strategie wirken sich die bereits bestehenden Kom-
munikationsstrukturen zwischen dem Autohersteller und den Zulieferbetrieben aus. Sie finden
unter anderem in dem Instrument der Positivliste ihren Ausdruck, in der die Autohersteller den
vorgelagerten Betrieben mitteilen, welche Chemikalien bei der Herstellung des Gurtbandes
eingesetzt werden dürfen.
Fördernd wirkt sich weiterhin die Bedeutung des Images des Autoherstellers in einer Zeit
starker Konkurrenz aus. Der Autohersteller ist bemüht, eine mögliche negative Beeinflussung
des Sicherheitsimages seiner Automarke zu verhindern. Dieses könnte beispielsweise durch
Schleimhautreizungen sehr empfindlicher Insassen gefährdet werden (Lüßmann-Geiger 1999),
die durch eine hohe Konzentration an emittierten Stoffen im Innenraum hervorgerufen werden
kann.
5.3.7Diskussion der Ergebnisse „Sicherheitsgurtband“
Die textilen Abfälle im Lebensweg des Gurtbandes sind auf Grund ihrer Menge ökologisch
relevant. Daneben existieren Hinweise, dass sie auch auf Grund ihrer Gefährlichkeit von Be-
deutung sind. Im Lebensweg des Gurtbandes werden zahlreiche Strategien zur Abfallredu-
zierung umgesetzt. Da im Vorfeld sich verändernder gesetzlicher Vorschriften oft innovative
Projekte initiiert werden (De Man 1999), ist anzunehmen, dass die Ursache für die vergleichs-
weise große Zahl an Strategien in den sich zur Zeit verändernden rechtlichen Rahmen-
bedingungen liegt.
Das Gurtband ist ein qualitativ sehr hochwertiger Technischer Textilartikel, der trotz der diver-
sen Beanspruchungen in der Gebrauchsphase wie Reibung, Feuchtigkeit, größeren Tem-
peraturwechseln oder UV-Strahlung, eine hohe Lebensdauer aufweist. Die hohe Qualität lässt
sich mit der gesetzlich festgelegten Übernahme der Produktverantwortung für die Gebrauchs-
phase durch den Autohersteller und mit dem vom Autohersteller angestrebten hohen
Sicherheitsimage begründen. Die Faktoren Image, Produktverantwortung und –haftung des
Herstellers, die die Lebensdauer des Bandes verlängern, führen gleichzeitig in der Produktion
des Bandes zu einer Zunahme des textilen Abfallaufkommens, weil beispielsweise
Bandbereiche mit kleineren optischen Fehlern nicht akzeptiert werden.
Der Trend hin zu einer Vergrößerung des Angebotes an farbigen Gurtbändern erhöht den
textilen Abfallanfall im Lebensweg. So steigt die Masse an Produktionsabfall in der Weberei, in
der die farbigen Gurte oberflächengefärbt werden, was im Vergleich zur Spinnfärbung für die
Weberei wesentlich abfallintensiver ist (Information einer Weberei 2000). Daneben existieren
Hinweise aus ersten Versuchen zur Recyclingfähigkeit der Altbänder, dass die Farbstoffe aus
der Oberflächenfärbung den Wiederverwertungsprozess behindern (Horsch, Siejack 1993). Die
nicht-schwarzen Bänder entziehen sich zur Zeit auch der Wiederverwendung des Bandes, da
nur schwarze Bänder zurückgenommen werden.
Der starke Preisdruck der Autohersteller auf die Zulieferbetriebe bei gleichbleibenden hohen
technischen und optischen Anforderungen an das Band führt zu einer Zunahme des
Abfallaufkommens in der Produktion.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 89
So versucht die Weberei ihre Kosten zu reduzieren, indem sie die Verarbeitungsgeschwin-
digkeit erhöht und die Anzahl der überwachenden Arbeitsplätze stark dezimiert. Die Folgen
sind hohe Mengen an textilen Produktionsabfällen bei schon kleinsten Fehlern im Ausgangs-
material oder bei Problemen mit den Web- oder Färbemaschinen. Die Verwendung von billige-
ren und qualitativ schlechteren Garnen in der Weberei, die weitere Fehlerquellen in den
Prozess einschleppen, verstärkt das Aufkommen an Bandabfällen zusätzlich. Die Entschei-
dung der befragten Weberei, auf Grund des wachsenden Kostendrucks preiswertere und
qualitativ schlechtere Garne zu verwenden, die gleichzeitig zu einer Zunahme an Bandabfällen
führt, ist nur eine von mehreren möglichen Alternativen, die auf eine Kostenreduktion abzielen.
So entscheidet sich beispielsweise die Firma Kunert, ein Strumpfhersteller, die ebenfalls einem
wachsenden Kostendruck ausgesetzt ist (der im Vergleich zur Gurtbandweberei
möglicherweise geringer ist), für einen anderen Weg der Kostenreduktion. Die Firma Kunert
hat errechnet, dass ihr jährlicher Strumpfabfall einen Wert von 1,2 Millionen DM hat. Davon
fallen eine Millionen DM auf die Kosten für die Rohstoffe, aus denen der Strumpfabfall besteht.
Kunert hat daher eine Arbeitsgruppe beauftragt, die Artikelqualität in allen Produktionsstufen
zu verbessern und so den Ausschussanteil zu senken und den Anteil an Artikeln höchster
Qualitätsstufe zu steigern (Rauberger 1999).
Bislang werden die textilen Produktionsabfälle, die bei den einzelnen Herstellern anfallen,
meist als individuelles Problem des jeweiligen Unternehmens betrachtet. Lediglich eine
Spinnerei und ein Autohersteller nehmen textile Abfälle aus nachgelagerten Phasen zurück,
um sie gewinnbringend zu verkaufen oder die Kundenanbindung zu stärken. Eine Zusammen-
arbeit bei der Reduzierung von Abfällen, die zunächst darin bestehen könnte, sich über das
Abfallaufkommen und dessen Ursachen zu informieren oder gemeinsam über Strategien zur
Reduzierung nachzudenken, findet sich im Lebensweg des Gurtbandes bislang nicht. Die
Kontakte zwischen einem Autohersteller und einzelnen Altautoverwertern sind ein Einzelfall.
Sie dienen im Falle des Gurtbandes den Autoherstellern nicht dazu, das Wissen der Auto-
verwerter zum Ausbau oder dem Zustand des Gurtbandes zu ermitteln, um damit die vor-
gelagerten Herstellungsstufen aus der Abfallperspektive zu optimieren, sondern sollen ihm
lediglich die Altbänder zugänglich machen, für die ein gewinnbringender Nischenabsatzmarkt
gefunden wurde.
Der Autohersteller besitzt mit der Positivliste ein wesentliches Instrument zur Beeinflussung
der Stoffströme in den vorgelagerten Herstellungsphasen und damit auch für die Beeinflussung
insbesondere der Zusammensetzung der textilen Abfälle im Lebensweg. Das Instrument wird
vom Autohersteller bislang u.a. dafür genutzt, das Gurtband so herzustellen, dass Emissionen
in der Gebrauchsphase reduziert werden. Es könnte darüber hinaus vom Autohersteller auch
dafür genutzt werden, das textile Abfallaufkommen so zu verändern, dass es hochwertig
stofflich verwertbar ist oder dass ökotoxikologische Stoffe substituiert werden.
Mit der EU-Richtlinie Altauto, die in Form des Altfahrzeug-Gesetzes und der Veränderung der
Altauto-Verordnung in nationales Recht umgewandelt wurde, ändern sich die rechtlichen Rah-
menbedingungen des Fallbeispiels Gurtband. Dem Autohersteller wird neben der Verant-
wortung für die Gebrauchsphase nun auch die Verantwortung für die Nachgebrauchsphase
übertragen. Die sich verändernden rechtlichen Rahmenbedingungen bieten die Chance auf
eine verstärkte Abfallreduzierung im Lebensweg des Gurtbandes.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 90
Im Vorfeld der Änderungen wurden von den Autoherstellern und ihren Zulieferern zahlreiche
Projekte initiiert, die die Abfallreduzierung im Altauto zum Ziel hatten. So wurde beispielsweise
vom europäischen Kunststoffverband APME ein Projekt umgesetzt, das auf eine Vermittlung
von Informationen zur Altautoverwertung über das Internet abzielt.
Die neuen gesetzlichen Vorschriften sehen beispielsweise eine Minimierung problematischer
Abfälle vor. So dürfen nach dem 1. Juli 2003 bei der Autoherstellung Blei, Quecksilber,
sechswertiges Chrom und Cadmium nur noch in bestimmten Ausnahmefällen eingesetzt
werden. Weiterhin fördern die EU-Richtlinien eine Kreislaufführung von Stoffen, indem sie den
Hersteller von Fahrzeugen verpflichten, alle Altfahrzeuge seiner Marke vom Letzthalter zurück-
zunehmen. Daneben müssen die „Wirtschaftsbeteiligten“ (Hersteller und Betreiber von An-
nahmestellen, Demontagebetrieben u.a.) sicherstellen, dass folgende Zielvorgaben bezogen
auf das durchschnittliche Fahrzeuggewicht aller pro Jahr überlassenen Altfahrzeuge erreicht
werden: Spätestens ab 2006 müssen mindestens 85 Gewichtsprozent der Fahrzeugmasse
wiederverwendet und verwertet werden, wobei mindestens 80% der Fahrzeugmasse wieder-
zuverwenden und stofflich zu verwerten7 sind. Es wurden jedoch keine Quoten für die
Wiederverwertung festgelegt, so dass theoretisch die erforderlichen 80% der Fahrzeugmasse
auch gänzlich zur stofflichen Weiterverwertung abgegeben werden könnten. Damit wird der
Anteil der energetisch verwerteten Fraktion eingeschränkt. Ab 2015 erhöht sich der Anteil der
Fahrzeugmasse, die wiederverwendet oder verwertet werden muss, auf 95%, wobei min-
destens 85% wiederzuverwenden und stofflich zu verwerten sind.
Weiterhin sollen bereits bei der Autoherstellung die Demontage, die Wiederverwendung und
die Verwertung, insbesondere die stoffliche Verwertung, von Altfahrzeugen, ihren Bauteilen
und Werkstoffen umfassend berücksichtigt werden. Daneben ist verstärkt Recyclingmaterial zu
benutzen. Die Hersteller werden verpflichtet, Bauteile und Werkstoffe zu kennzeichnen,
Demontageanleitungen an Autoverwerter abzugeben und Informationen zur recyclinggerechten
Konstruktion von Fahrzeugen, zur Entwicklung und Optimierung von Möglichkeiten zur Wieder-
verwendung und zur stofflichen und sonstigen Verwertung von Altfahrzeugen weiterzugeben.
Nach Ansicht von Autoherstellern werden sich die gesetzlichen Forderungen nach einer Kreis-
laufführung insbesondere negativ auf die von den Autoherstellern zur Zeit präferierte Strategie
der Minimierung der Masse (dem Fahrzeuggewicht) auswirken, da sich die im Automobilbau
verstärkt verwendeten relativ leichten Verbundmaterialien bislang nicht für eine Wiederverwen-
dung oder stoffliche Verwertung eignen. Die Reduzierung des Fahrzeuggewichts soll auf
Grund des verminderten Treibstoffverbrauchs in der Gebrauchsphase zu einer erheblichen
Verminderung der Stoffströme im Lebensweg des Pkws führen. Am Beispiel des Gurtbandes
ist ersichtlich, dass eine Erhöhung der Kreislauffähigkeit relativ einfach umsetzbar wäre, wenn
das Kriterium der Abfallreduzierung schon bei der Entwicklung des Bandes berücksichtigt wer-
den würde. Es ist daher anzunehmen, dass auch die Verbundmaterialien so hergestellt werden
könnten, dass sie hochwertig stofflich verwertbar sind und so gleichzeitig eine Reduzierung
des Fahrzeuggewichtes und eine Reduzierung der textilen Abfälle möglich wird.
7 Mit der stofflichen Verwertung ist die Wieder- und Weiterverwertung gemeint.
Kapitel 5.3 – Fallbeispiel Sicherheitsgurtband 91
Da das Gurtband mit einem Gewicht von etwa 800 g einen geringen Anteil am durchschnittlich
907 kg schweren Pkw besitzt (VDA 2001), ist unklar, inwieweit sich die gesetzlichen Anfor-
derungen zur Wiederverwendung und stofflichen Verwertung, die sich auf die Fahrzeugmasse
beziehen, auf die Gestalt der Gurtbänder auswirken werden. Da sich der Trend zum Leichtbau
im Automobilbereich wahrscheinlich fortsetzen wird, wird der Anteil des Gewichts des Gurt-
bandes an der Fahrzeugmasse steigen und möglicherweise damit die Notwendigkeit, auch für
zur Zeit noch sehr leichte Bestandteile Konzepte zur Abfallreduzierung zu entwickeln. So
wurde bei der Entwicklung des Airbags, der ebenfalls ein geringes Gewicht besitzt, bereits
darauf geachtet, dass das verwendete Material relativ hochwertig recyclebar ist (Information
einer Spinnerei 2000).
Die Überprüfung der Einhaltung der neuen rechtlichen Bestimmungen erfolgt u.a. im Rahmen
der Überprüfung der Entsorgungsfachbetriebe durch Sachverständige. Da dieses System zur
Zeit nach Rachut und Christiani (2001) noch starke Mängel aufweist – so waren beispielsweise
Quotenvorgaben aus der Altauto-Verordnung bei vielen Verwertern unbekannt – kann bislang
keine Aussage darüber getroffen werden, wie sich die neuen rechtlichen Bestimmungen in der
Praxis tatsächlich auswirken werden.
Kapitel 6 – Ergebnisse 92
6 Ergebnisse
In diesem Kapitel wird zusammenfassend dargestellt, welche Strategien zur Abfallreduzierung im
Lebensweg der untersuchten Technischen Textilartikel umgesetzt werden und in welchem Um-
fang die Umsetzung erfolgt. Daneben wird die Reichweite der Strategien genannt. Weiterhin wer-
den für die einzelnen Fallbeispiele die Strategien erläutert, deren Realisierung über dem ggf.
jetzt schon bestehenden Maß hinaus ein nennenswertes Abfallreduzierungspotenzial bietet. Zum
einen um zu verdeutlichen, welche Differenz zwischen den realisierten und den aus der
Abfallperspektive sinnvoll umsetzbaren Strategien besteht, zum anderen um mögliche zukünftige
Entwicklungen aufzuzeigen, die zur Minimierung von Abfällen beitragen können. Abschließend
werden die Auswirkungen der bestehenden Rahmenbedingungen auf den textilen Abfallanfall
genannt sowie potenzielle Rahmenbedingungen diskutiert, die eine Reduzierung des textilen
Abfalls im Produktbereich der Technischen Textilien fördern können.
6.1Strategien zur Abfallreduzierung im Lebensweg der Fallbeispiele
Von den in den letzten Jahren diskutierten Strategien zur Abfallreduzierung (vgl. Kapitel 3.4) wird
die Mehrzahl im Lebensweg der drei untersuchten Technischen Textilartikel umgesetzt. Jedoch -
mit Ausnahme der Strategie der Verlängerung der Lebensdauer - in einem sehr geringen Um-
fang und/oder mit geringen Auswirkungen auf die Reduzierung der Menge und Gefährlichkeit der
textilen Abfälle. Daneben zeigen sich bei der Umsetzung einzelner Strategien Zielkonflikte
insbesondere zwischen den Zielen der Effizienz und der Konsistenz. So kann als ein Ergebnis
der Arbeit festgehalten werden, dass die in den letzten Jahren diskutierten Strategien zur
Abfallreduzierung mit dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung bislang an den untersuchten
Technischen Textilartikeln so gut wie vorbeigegangen sind.
6.1.1Umgesetzte Strategien zur Abfallreduzierung
Im Folgenden werden die vier Strategien zur Abfallreduzierung: (1) Verlängerung der Lebens-
dauer, (2) Kreislaufführung, (3) Minimierung problematischer Materialien und (4) Minimierung der
Masse, die im Lebensweg der drei untersuchten Fallbeispiele partiell umgesetzt werden, zusam-
menfassend dargestellt. Weiterhin wird auf den Umfang der Umsetzung und die Reichweite der
Strategien in den konkreten Fällen eingegangen.
Die umgesetzten Strategien zur Abfallreduzierung zielen mit Ausnahme der Strategie „Minimie-
rung problematischer Materialien“ insbesondere auf eine Erhöhung der Effizienz ab. „Effizienz ist
meistens hilfreich, doch bedeutet sie für die etablierte Industrie eine sehr konservative Möglich-
keit, den Wandel, auf den es eigentlich ankäme, auf die lange Bank zu schieben“ (vgl. Huber et
al. 1999, S. 8). Effizienz setzt „innerhalb des Systems an, welches die Schwierigkeiten verur-
sacht hat. Es käme aber darauf an, die Probleme, die uns die Produktionsweise der ersten
industriellen Revolution gebracht hat, in die wir immer noch verstrickt sind, nicht bloß zu lindern –
sondern zu lösen“ (Braungart, McDonough 1999, S. 19). Die Effizienzstrategien sind eher kon-
servativ, da in der Regel weder die Akteurskette noch die Stoffströme wesentlich verändert
werden und damit keine neuen oder besonders innovativen Kooperationen entlang der Wert-
schöpfungskette entstehen.
Kapitel 6 – Ergebnisse 93
In Tab. 12 sind die im Lebensweg der Fallbeispiele identifizierten Strategien zur Abfallredu-
zierung dargestellt.
Tab. 12: Umgesetzte Strategien zur Abfallreduzierung im Lebensweg der ausgewählten
Technischen Textilartikel
Pavillon BaumwollzeltGurtband
Verlängerung der Lebensdauer
Kreislaufführung
(Minimierung der Masse) Minimierung der Masse
Minimierung problematischer
Materialien
Die Strategie der Verlängerung der Lebensdauer wird im Lebensweg des Baumwollzeltes und
des Gurtbandes realisiert. Die zwei Technischen Textilartikel besitzen mit durchschnittlich etwa
10 bis 15 Jahren eine lange Lebensdauer, die bei beiden Produkten unter anderem durch die
hohe Qualitätsorientierung der Hersteller und Nutzer, die Übernahme der Verantwortung für die
Gebrauchsphase durch die Hersteller und eine auffallend intensive Kommunikation in Teilen der
Produktlinie ermöglicht wird. Während die Kommunikation beim Baumwollzelt insbesondere
zwischen dem Zelthersteller und den Nutzern stattfindet, erstreckt sie sich beim Gurtband auf
den Autohersteller und seine vorgelagerten Akteure.
Die Reichweite der Strategie ist bei beiden Produkten begrenzt, da den aus der Abfallperspektive
positiven Auswirkungen in der Phase der Herstellung (Abfallreduzierung auf Grund der gerin-
geren Produktionsmenge) gleichzeitig negative Auswirkungen in dieser und/oder anderen
Phasen gegenüberstehen. Beim Baumwollzelt wird ein Zielkonflikt zwischen den Strategien der
Effizienz und der Konsistenz sichtbar. Die längere Lebensdauer, die die Effizienz erhöht, wird
durch die Verwendung einer chemischen Ausrüstung erzielt, durch die gleichzeitig die Kon-
sistenz der Abfälle vermindert oder zerstört wird. Beim Gurtband stehen der verlängerten
Lebensdauer die großen Abfallmengen in der Produktion gegenüber, die unter anderem durch
die hohen Anforderungen an die Qualität und Lebensdauer des Bandes verursacht werden.
Die Strategie der Kreislaufführung wurde im Lebenswegs aller Fallbeispiele identifiziert, unter-
scheidet sich aber stark in ihrem Umfang bzw. in Bezug auf den Anteil an textilen Abfällen, die
von der Strategie erfasst werden. So wird im Lebensweg des Pavillons und des Baumwollzeltes
nur ein kleiner Anteil des textilen Abfalls, in der Regel Produktionsabfälle, von etwa 3 - 6% einer
stofflichen Verwertung oder Verwendung zugeführt, der Rest wird beseitigt. Der Anteil an textilen
Abfällen, der im Lebensweg des Gurtbandes verwendet oder verwertet wird, ist höher. Durch den
relativ großen Anteil der Altbänder, der von den Autoverwertern weiterverwendet wird, dominiert
beim Gurtband eine Kreislaufführung, bei der das in der Regel noch qualitativ hochwertige
Produkt einer meist sehr kurzen erneuten Nutzung vor der Beseitigung zugeführt wird. Das
Abfallreduzierungspotenzial dieser Strategien zur Kreislaufführung ist daher gering, wird aber
zumindest nicht durch negative Effekte in anderen Phasen kompensiert.
Kapitel 6 – Ergebnisse 94
Einzelne der identifizierten Strategien zur Kreislaufführung werden von den Herstellern mit dem
Ziel umgesetzt, sich als umweltfreundliches Unternehmen zu präsentieren. Sie stellen damit im
Vergleich zu den anderen realisierten Strategien zur Abfallreduzierung, die z.B. auf Grund der
Anforderungen des Einsatzbereiches, des Kostendrucks oder „drohender staatlicher
Regelungen“ umgesetzt werden, eine Besonderheit dar. So finden sich im Lebensweg des Gurt-
bandes eine Spinnerei und ein Systemhersteller, die aus Gründen des „Umwelt-Images“, Strate-
gien der Kreislaufführung umsetzen. Dies kann damit zusammenhängen, dass ein Teil der
Firmen, die ihren Sitz in der Europäischen Union haben, versuchen, so ihre Konkurrenzfähigkeit
zu verbessern. Es lassen sich daneben Hinweise finden, dass das Image der Umwelt-
freundlichkeit für die Autohersteller wichtig ist, möglicherweise weil Kraftfahrzeuge in der
Diskussion um den Treibhauseffekt und die Verknappung von nicht-erneuerbaren Rohstoffen als
„Mitverursacher“ gelten. Dies zeigt sich auch daran, dass die deutschen Autohersteller ihre
Zulieferbetriebe dazu verpflichten, ein Umweltmanagementsystem zu implementieren.
Die umgesetzten Strategien der Kreislaufführung, die die Effizienz erhöhen, können als win-win-
Strategien bezeichnet werden, da sie in der Regel sowohl einen finanziellen Gewinn (für das
Unternehmen) als auch einen ökologischen Gewinn, hier in Form der Abfallreduzierung, bieten
(vgl. z.B. von Gleich et al. 2001). Die Fallbeispiele zeigen, dass das Potenzial dieser win-win-
Strategien bei den derzeitigen Rahmenbedingungen nahezu ausgeschöpft ist, ohne dass sich
wesentliche Auswirkungen auf das Abfallaufkommen zeigen.
Die Strategie der Minimierung der Masse wird in der Phase der Herstellung des Gurtbandes
umgesetzt. Zwar wird auch bei der Herstellung des Pavillons die Materialmasse minimiert, doch
wirkt sich diese Minimierung hier auf Grund fehlender Mindestanforderungen an die Qualität
gleichzeitig verkürzend auf die Lebensdauer aus. Die Minimierung der Materialmasse wurde
daher beim Fallbeispiel Pavillon nicht als Strategie zur Abfallreduzierung gewertet. Im Lebens-
weg des Gurtbandes wirkt sich die Minimierung der Masse auf Grund der hohen Qualitäts-
anforderungen an das Band nicht auf dessen Lebensdauer aus. Diese Strategie scheint daher
aus der Abfallperspektive nur dann sinnvoll zu sein, wenn gleichzeitig Mindestanforderungen an
die Qualität des Technischen Textilartikels eingehalten werden.
Die Strategie der Minimierung problematischer Materialien wird allein beim Fallbeispiel Gurt-
band in der Phase der Herstellung umgesetzt. Bislang zielt der Autohersteller mit der Strategie
insbesondere darauf ab, die Chemikalien in der Ausstattung des Fahrzeuginnenraums zu verrin-
gern, die in der Gebrauchsphase emittieren und zu Beeinträchtigungen der Autoinsassen führen
können. Im Zuge dessen wird wahrscheinlich schon jetzt en passant der Anteil human- und
ökotoxikologisch bedenklicher Stoffe im Gurtband reduziert. Eine weitere Reduktion wäre dann
möglich, wenn der Autohersteller explizit auf die Reduzierung dieser Stoffe in den textilen
Abfällen abzielen würde.
Kapitel 6 – Ergebnisse 95
6.1.2Theoretisch umsetzbare Strategien zur Abfallreduzierung
Da bislang, wie oben beschrieben, die Strategien zur Abfallreduzierung im Lebensweg der unter-
suchten Technischen Textilartikel nur in einem sehr begrenzten Umfang umgesetzt werden
und/oder eine geringe Reichweite besitzen, wird nachfolgend dargestellt, welche weitergehenden
Maßnahmen für die einzelnen untersuchten Technischen Textilartikel zu einer verstärkten
Reduzierung der textilen Abfälle beitragen können.
Die Strategie der Verlängerung der Lebensdauer wird bei den Fallbeispielen Baumwollzelt und
Gurtband bereits in großem Umfang umgesetzt. Für den Pavillon, der im Niedrigpreissegment
angesiedelt ist, bietet sich die Strategie nicht an, da eine deutliche Verlängerung der Lebens-
dauer die Entwicklung eines neuen und teureren Produktes notwendig macht, so müsste z.B. ein
hochwertigeres Gewebe verwendet werden. Von den jetzigen Nutzern würde ein solches Produkt
auf Grund des Preises wahrscheinlich nicht nachgefragt werden.
Die Strategie der Kreislaufführung mit dem Ziel der Wiederverwertung bietet insbesondere im
Lebensweg des Gurtbandes ein hohes Abfallreduzierungspotenzial. Dass eine Wieder-
verwertung bei Berücksichtigung der Anforderungen der Nachgebrauchsphase bei der Produkt-
entwicklung möglich ist, haben Horsch und Sieljack (1993) für das Gurtband nachgewiesen. Die
Umsetzung dieser Strategie setzt unter anderem den Verzicht oder die Substitution der Be-
schichtungschemikalien, die die Wiederverwertung behindern, sowie die Verwendung von spinn-
gefärbten Garnen voraus. Auch für den Pavillon ist eine Wiederverwertung des Gewebes
grundsätzlich möglich. Nach Blechschmidt et al. (1996) können Polyethylen-Regranulate in der
Folienbändchen-Produktion eingesetzt werden. So wurden Folienbändchen aus 100% Poly-
ethylen-Recyclat ohne Festigkeitsverlust produziert. Grundsätzlich eignen sich hier sortenreine
und unverschmutzte Produktionsabfälle. Doch auch das Alttextil kann je nach Verschmutzungs-
grad und Abbau durch UV-Strahlung wiederverwertet werden. Die Umsetzung dieser Strategie
setzt, vergleichbar mit dem Gurtband, den Verzicht auf eine Beschichtung voraus, das diese in
der praktischen Umsetzung bei der Regranulierung zu Problemen führt (Informationen eines
Forschungsinstitutes 1999). Eine Kreislaufführung bietet sich für das Baumwollzelt nicht an, da
es in der Regel erst bei Verschleiß entsorgt wird und die Fasern nach dem Reißprozess dann zu
kurz sind, um erneut versponnen zu werden (vgl. Gulich 1996). Lediglich die Zuschnittabfälle
könnten verwertet werden.
Im Lebensweg des Pavillons und des Gurtbandes wird die Strategie der Minimierung der
Masse bereits in großem Umfang jedoch mit unterschiedlicher Reichweite umgesetzt. Eine Mini-
mierung der Gewebemasse bietet sich für das Baumwollzelt nicht an, da die Eigenschaften des
leichteren Baumwollgewebes wie die geringere Wasserundurchlässigkeit für die Verwendung im
Baumwollzelt nicht geeignet sind. Sie könnten möglicherweise durch eine verstärkte chemische
Ausrüstung kompensiert werden, durch die die Gefährlichkeit der textilen Abfälle jedoch weiter
steigen würde.
Bislang wird die Strategie der Minimierung problematischer Stoffe allein im Lebensweg des
Gurtbandes partiell umgesetzt. Eine Ausdehnung dieser Strategie auf andere problematische
Stoffe im Lebensweg des Gurtbandes wie beispielsweise den bereits erwähnten Katalysator
Antimon verspricht ein großes Abfallreduzierungspotenzial (vgl. Empacher et al. 2000).
Kapitel 6 – Ergebnisse 96
Gleiches gilt für das Baumwollzelt, in dessen Lebensweg verschiedene Stoffe – unter anderem
für die chemische Ausrüstung - eingesetzt werden, für die Hinweise auf ihre human- und ökotoxi-
kologische Wirkung existieren. Ob die Strategie auch im Lebensweg des Pavillons zu einer
Reduzierung der Gefährlichkeit der textilen Abfälle führen kann ist ungewiss, da hier keine Aus-
sagen dazu gemacht werden können, ob die Inhaltsstoffe des Polyethylengewebes proble-
matisch sind.
Auffällig ist, dass die Strategie der biologischen Abbaubarkeit bislang im Lebensweg der
untersuchten Technischen Textilartikel nicht umgesetzt wird. Als Ergebnis kann festgehalten
werden, dass das Potenzial für Konsistenzstrategien, die zu einer „regenerativen und unschäd-
lichen Industrie“ (Braungart, McDonough 1999, S. 19) führen, bislang im Produktbereich der
Technischen Textilien noch ungenutzt ist.
Die Auslegung des Technischen Textilartikels auf eine biologische Abbaubarkeit hin, bietet
sich besonders für den Pavillon und das Baumwollzelt an. Für das Gurtband erscheint sie nicht
sinnvoll, da bislang die hohen Anforderungen an das Band nur von einzelnen, biologisch nicht
abbaubaren, Chemiefasern erzielt werden können. Der Pavillon könnte beispielsweise auch
aus einem auswechselbaren Gewebe aus biologisch abbaubaren Folienbändchen hergestellt
werden, das nach der Gebrauchsphase stofflich verwertet oder kompostiert wird. Bei der Her-
stellung der Biofolie ist auf Grund der DIN-Norm 54900, Prüfung der Kompostierbarkeit von
Kunststoffen, in der der Schadstoffgehalt, die biologische Abbaubarkeit und die Qualität der
entstehenden Komposte geregelt wird, und der Prüfkriterien der Bioabfallverordnung gesichert,
dass als Input keine für Mensch und Umwelt gefährlichen Stoffe eingesetzt werden. Kriti ker der
Verwendung biologisch abbaubarer Kunststoffe weisen darauf hin, dass diese die Weg-
werfmentalität unterstützen (vgl. Bertram, Zeschmar-Lahl 2000). Da der Pavillon derzeit
praktisch als Wegwerfprodukt genutzt wird, die Wegwerfmentalität also bereits bei einzelnen
Herstellern und Nutzern besteht, bietet die Umsetzung dieser Strategie eine – im Vergleich zur
Veränderung von Konsummustern – kurzfristigere Möglichkeit zur Abfallreduzierung.
Bislang wird die biologisch abbaubare Folie nur für einzelne Verpackungsstoffe verwendet. Die
hier eingesetzte Folie eignet sich jedoch nicht als Material für die Herstellung des Pavillon-
gewebes, da der Abbauvorgang, der bereits in der Gebrauchsphase beginnt, beim Pavillon,
unterstützt durch Feuchtigkeit, Mikroorganismen und Nährstoffe, relativ schnell ablaufen würde.
Sinnvoll wäre hier die Verwendung von biologisch abbaubaren Werkstoffen, deren Produkteigen-
schaften in der Gebrauchsphase gegen mikrobiellen Abbau relativ stabil sind und deren
biologische Labilität erst in der Nachgebrauchsphase beispielsweise durch ein thermische
Vorbehandlung aktiviert wird. Diese Materialien existieren bislang noch nicht und stellen somit
noch Herausforderungen für die Entwicklung dar (Klein et al. 1997).
Da das verschlissene Baumwollgewebe nicht wiederverwertet werden kann (vgl. Gulich 1996),
stellt die Strategie der biologischen Abbaubarkeit auch für das Baumwollzelt eine geeignete
Form der Abfallreduzierung dar. Eine Voraussetzung dafür ist, dass die im Herstellungsprozess
verwendeten Chemikalien durch biologisch abbaubare Materialien ersetzt werden oder auf
einzelne Chemikalien ganz verzichtet wird.
Kapitel 6 – Ergebnisse 97
Obgleich die Strategie der neuen Nutzungsformen im Lebensweg der Fallbeispiele auf der
Grundlage der Befragung nicht identifiziert werden konnte, findet sie sich wahrscheinlich partiell
bereits in der Gebrauchsphase des Pavillons in Form einer geteilten Nutzung, die spontan und
nach Bedarf sowie nur auf Vertrauensbasis stattfindet. Es wird hier meist einen Besitzer geben,
der freiwillig für die Beschaffungs- und Wartungskosten aufkommt (vgl. Hübner 2001). Ein kom-
merzieller Verleih bietet sich für den Pavillon nicht an, da der Erwerb des Produktes preiswerter
ist als das Entleihen. Die Strategie der neuen Nutzungsformen lässt sich für das Fallbeispiel
Gurtband nur im Rahmen des Autoverleihs umsetzen, der hier nicht behandelt wird. In Form
eines professionellen Verleihs bietet sich die Strategie besonders für die pflegeintensiven Baum-
wollzelte an, die im Hochpeissegment angesiedelt sind. Die Strategie bietet den zusätzlichen
Vorteil, dass das Baumwollzelt intensiver genutzt und die Gefahr der verkürzten Lebensdauer
oder der chemischen Nachrüstung auf Grund falscher Pflege minimiert werden würde, da der
Hersteller oder ein Zeltverleihunternehmen für die Zeltpflege verantwortlich wäre. Nach Behr und
Behrendt (2000) bieten sich ökologische Dienstleistungen für Produkte mit relativ hohen
Anschaffungskosten, niedrigen Nutzungsraten und hohen Ausgaben für die Instandhaltung an.
Die Kriterien treffen auf das Baumwollzelt zu. Unterstützend für den kommerziellen Zeltverleih
könnte sich auswirken, dass die Zelthersteller bei den planmäßigen Treffen der Nutzer aus
Verkaufszwecken bislang ohnehin in der Regel anwesend sind. Die Umsetzung dieser Strategie,
bei der der Hersteller den Transport, den Auf- und Abbau und die Pflege der Zelte übernehmen
würde, böte den Nutzern eine erhebliche Arbeitsersparnis.
In der folgenden Tabelle sind die Strategien aufgeführt, die für die untersuchten Technischen
Textilartikel ein größeres Abfallreduzierungspotenzial aufweisen.
Tab. 13: Strategien zur Abfallreduzierung, die ein nennenswertes Abfallreduzierungspotenzial
im Lebensweg des jeweiligen Fallbeispiels versprechen
Pavillon BaumwollzeltGurtband
KreislaufführungKreislaufführung
Minimierung problematischer Materialien
Biologische Abbaubarkeit
Neue Nutzungsformen
Danach existieren für jedes der Fallbeispiele zwei bzw. für das Baumwollzelt sogar drei
Strategien zur Abfallreduzierung, die ein hohes Abfallreduzierungspotenzial versprechen.
6.2Rahmenbedingungen
Eines der Ergebnisse der Untersuchung ist, dass der Handlungsdruck in den Unternehmen
zur Zeit bestimmt wird durch Kosteneinsparung, Globalisierung und Diversifikation des Angebo-
tes, mit dem Ziel, sich gegen die Konkurrenz abzusetzen. „Niedrige Produktionskosten sind mehr
denn je der Maßstab der Konkurrenzfähigkeit auf globalen Märkten. Global Sourcing und Ver-
lagerung der Produktion in Billiglohnländer sind weltweit gängige Praxis“ (Bujanowski et al. 1998,
S. 26).
Kapitel 6 – Ergebnisse 98
Die Reduzierung von Abfällen ist für einen Großteil der Unternehmen daher von untergeordneter
Bedeutung oder läuft dem dargestellten Handlungsdruck direkt zuwider. So wirkt sich der
Kostendruck in der Phase der Weberei des Gurtbandes zum einen in einer wachsenden Zahl an
Fehlstellen im Band auf Grund der Verwendung von Garnen geringerer Qualität aus. Zum
anderen äußert er sich in der Reduzierung der Anzahl der überwachenden Arbeitsplätze und der
Erhöhung der Verarbeitungsgeschwindigkeit. Dies führt bei einem Auftreten von Fehlstellen in
der Regel dazu, dass sich die Fehler über einen längeren Bandabschnitt fortsetzen und das
textile Abfallaufkommen somit erhöhen.
Aus der Abfallperspektive wirkt sich der hohe Kostendruck im Lebensweg des Pavillons sowohl
positiv als auch negativ aus. Er bewirkt zum einen eine Reduzierung der textilen Materialmasse
und der Qualität der Verarbeitung und setzt in der Folge die Qualität und die Lebensdauer des
Endprodukts herab. Zum anderen führt er zu einem Verzicht auf die Beschichtung und erhöht
damit die Recyclingfähigkeit des Gewebes. Der Kostendruck führt insbesondere dann zu einer
Minimierung der Materialmasse, wenn die Qualität des Endproduktes veränderbar und der Anteil
der Materialkosten an den Gesamtkosten relativ groß ist, was beim Pavillon, der in Billiglohn-
ländern produziert wird, der Fall ist.
Die wachsende Diversifikation des Angebotes führt beim Gurtband zu einer Zunahme der textilen
Abfälle und erschwert gleichzeitig die Weiterverwendung der Bänder. Dieser Zusammenhang
lässt sich auch in anderen Produktbereichen nachweisen, beispielsweise für den Lebensweg der
Computerhardware, in dem der wachsende Einsatz von Farbstoffen die Verwertung behindert.
So werden „in vier bis fünf Jahren die Schwierigkeiten in den Kunststoffrecyclingverfahren
zunehmen, weil in der Gegenwart vermehrt gefärbte Personalcomputer den Markt erobern.
Durch den Zusatz von Farbpigmenten sind keine einheitlichen Recyclingverfahren für Kunststoffe
mehr möglich, weil Mischfarben aus Imagegründen nur sehr selten in neuen Produkten ver-
wendet werden“ (Meyer 2001, S. 44).
Die individuelle Produktgestaltung, die durch Einzelanfertigung ermöglicht wird, ist mit der
zunehmenden Diversifikation nicht zu verwechseln. Sie kann – wie im Lebensweg des Baum-
wollzeltes - zu einer Abfallreduzierung in Form der Verlängerung der Lebensdauer führen, wenn
das Pflegeverhalten einen Einfluss auf die Lebensdauer des Technischen Textilartikels hat (was
aber insbesondere bei teiltextilen Produkten nicht immer zutrifft). So werden die Produkte durch
die kundenindividuelle Fertigung „ästhetisch langlebig (...) weil sie nicht modisch sind oder weil
sie optisch genau nach den Wünschen des Kunden gemacht wurden“ (...). „Objekte, die für den
Kunden maßgeschneidert wurden“ (Ax 2001, S. 17) zählen zu den Dingen, die den Menschen
dauerhaft so wertvoll sind, dass sie gepflegt, Instand gehalten und weitergegeben werden.
Als ein weiteres Ergebnis der Untersuchung lässt sich festhalten, dass das Stoffstrommana-
gement mit dem Ziel der Abfallreduzierung kein Selbstläufer ist. Für seine Umsetzung sind ent-
sprechende Rahmenbedingungen notwendig. Insbesondere die zur Zeit existierenden öko-
nomischen Rahmenbedingungen stehen dem Stoffstrommanagement entgegen (s.o.). Daneben
unterstützen die existierenden rechtlichen Rahmenbedingungen in der Regel nur die Strategien
zur Abfallreduzierung, die ein geringe Reichweite besitzen, beispielsweise eine Kreislaufführung,
die erst beim Abfallanfall und nicht bereits beim Produktdesign ansetzt.
Kapitel 6 – Ergebnisse 99
Zu ihnen zählt die Gewerbeabfallverordnung, die die Getrennthaltung von einzelnen Abfall-
fraktionen wie Papier, Glas, Kunststoffen und Metallen vorschreibt, mit dem Ziel, die Quoten für
die stoffliche und energetische Verwertung zu erhöhen.
Zu den wenigen rechtlichen Rahmenbedingungen im Produktbereich der Technischen Textilien,
die Vorgaben zur Produktgestaltung machen und die dazu geeignet sind, die Umsetzung weit-
reichenderer Strategien zur Abfallreduzierung zu unterstützen, zählen das Altautogesetz und die
Altautoverordnung sowie die geplanten Richtlinien des Europaparlamentes zum Elektroschrott.
In beiden Gesetzen/Richtlinien wird den Herstellern die Produktverantwortung für die Nachge-
brauchsphase übertragen. Daneben wird festgelegt, dass ein bestimmter Anteil der Produkt-
masse wiederverwendet oder stofflich verwertet werden muss. Weiterhin wird die Verwendung
gefährlicher Stoffe wie Blei, Quecksilber oder Cadmium bei der Herstellung verboten (vgl. N.N.
2001). Die gesetzlichen Bestimmungen zu Kraftfahrzeugen werden sich auf die in dieser Bran-
che eingesetzten Technischen Textilien auswirken, die bislang Blei, Quecksilber oder Cadmium
enthalten. Weiterhin kann davon ausgegangen werden, dass zukünftig mehr Technische
Textilien im Pkw wiederverwendet oder stofflich verwertet werden, damit die in der Richtlinie
geforderten Quoten erfüllt werden können.
Mit der Übertragung der Verantwortung für die Nachgebrauchsphase des Produktes an die
Hersteller kann die Umsetzung aller im Rahmen der vorliegenden Arbeit diskutierten Strategien
zur Abfallreduzierung unterstützt werden. Die Produktverantwortung kann beispielsweise dazu
beitragen, dass die Hersteller die Technischen Textilartikel so auslegen, dass sie hochwertig
recycelt werden können. Hinweise aus der Untersuchung der Fallbeispiele lassen darauf schlie-
ßen, dass die Übertragung der Produktverantwortung an die Hersteller aber nicht automatisch zu
einer Abfallreduzierung führt. Die Hersteller, die im Lebensweg des Baumwollzeltes und des
Gurtbandes die Verantwortung für die Nachgebrauchsphase übernehmen, haben ihre
Technischen Textilartikel auf Grund dieser Verantwortung bislang nicht dahingehend verändert,
dass sie wiederverwertbar sind oder einzelne problematische Materialien nicht mehr enthalten.
Ein Grund dafür ist, dass die Abfallgebühren noch relativ gering sind und der Aufwand größerer
Veränderungen in der textilen Kette nicht rechtfertigen. Damit eine Übertragung der Produkt-
verantwortung an die Hersteller zu einer Unterstützung der im Rahmen dieser Arbeit aufge-
zeigten Strategien zur Abfallreduzierung führt, müssen daher noch weitere Rahmenbedin-
gungen, verändert werden. Wenn beispielsweise die Abfallgebühren und die Kosten für eine
energetische Verwertung entsprechend hoch sind, wird der Hersteller darin unterstützt, seine
Produkte so herzustellen, dass sie stofflich verwertet werden können.
Durch eine weitergehende Besteuerung nicht erneuerbarer Rohstoffe und die Erhöhung der
Abfallgebühren können ökonomische Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Ver-
längerung der Lebensdauer, die Kreislaufführung von Stoffen, die biologische Abbaubarkeit und
die neuen Nutzungsformen unterstützen. Als Folge der Besteuerung von primären Rohstoffen,
die nicht erneuerbar sind, und der Anhebung der Abfallgebühren könnten zum einen Sekundär-
rohstoffe bzw. das stoffliche Recycling von textilen Abfällen sowie biologisch abbaubare Materia-
lien finanziell attraktiver werden, wobei zu beachten ist, dass auch im Lebensweg dieser
Produktgruppen nicht erneuerbare Rohstoffe beispielsweise in Form von Treibstoffen eingesetzt
werden.
Kapitel 6 – Ergebnisse 100
Damit kann die Veränderung der ökonomischen Rahmenbedingungen große Auswirkungen auf
sämtliche im Lebensweg eingesetzten Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe haben, nicht nur auf das
Material für das Gewebe. Zum anderen würden die so veränderten ökonomischen Rahmen-
bedingungen die Strategien der Nutzungsdauerverlängerung und –intensivierung von Techni-
schen Textilartikeln („Verlängerung der Lebensdauer“, „neue Nutzungsformen) finanziell attrak-
tiver machen, da durch sie der Einsatz von Rohstoffen in den Phasen der Herstellung und der
Anfall von textilen Abfällen in der Nachgebrauchsphase reduziert wird.
Als weiteres Ergebnis lässt sich festhalten, dass die Kommunikation bzw. die Übermittlung von
Informationen eine wichtige Grundlage für die Umsetzung insbesondere der Abfallreduzierungs-
strategien ist, die eine größere Reichweite und ein höheres Abfallreduzierungspotenzial
besitzen. So ist die Kommunikation zwischen den Akteuren in der Herstellungsphase des Gurt-
bandes (u.a. durch Positivliste) und die Kommunikation zwischen Herstellern und Nutzern des
Baumwollzeltes beispielsweise grundlegend für die Verlängerung der Lebensdauer. Es ist davon
auszugehen, dass die Berücksichtigung der Erfahrungen der privaten Nutzer, die diese bei dem
Gebrauch der Technischen Textilartikel machen, auch im life cycle anderer Technischer Textilien
zu einer Abfallreduzierung führen kann (vgl. Weller 1999).
Auch in der abfallpolitischen Diskussion wird die Bedeutung der Kommunikation für die
Umsetzung von Strategien zur Abfallreduzierung hervorgehoben. So wird in einer Untersuchung
öko-effizienter Dienstleistungen8 im Heimmöbelbereich festgestellt, dass der wesentliche
Schwerpunkt für die Entwicklung und Etablierung öko-effizienter Dienstleistungen darin liegt, „die
Kommunikation zwischen Herstellern und Endverbrauchern zu verbessern. Der mangelnde
direkte Kontakt hat sich der Studie zufolge als ein großes Hemmnis herausgestellt, um neue
Produkte und Dienstleistungen zu etablieren“ (Hirschberger und Ostertag 2001, S. 20).
Neben der direkten Berücksichtigung des Wissens der privaten Nutzer bei der Herstellung kön-
nen die Strategien zur Abfallreduzierung durch eine Verbesserung des Informationsflusses von
Herstellern zu Nutzern in Form von Labeln und Garantien unterstützt werden. So erhalten die
privaten Nutzer bislang kaum Informationen zu den Produkten. Durch ein Label, vergleichbar mit
dem Label „Öko-Tex 100“ des Forschungsinstitutes Hohenstein, könnten die Nutzer des
Baumwollzeltes beispielsweise dahingehend informiert werden, dass das gekennzeichnete Textil
bestimmte Schadstoffprüfungen durchlaufen und bestanden hat. Daneben könnten die Nutzer
durch Label darüber informiert werden, dass das Produkt kompostierbar ist oder im Anschluss
stofflich verwertet wird.
Eine Erhöhung der Garantiezeiten für Technische Textilartikel könnte einzelnen Herstellern den
Faktor Qualität verstärkt ins Bewusstsein bringen. Daneben würden Nutzer einen Anhaltspunkt
zur Qualität der Produkte erhalten.
8 Als öko-effiziente Dienstleistungen werden die Dienstleistungen bezeichnet, die den privaten
Besitz und Gebrauch von materiellen Produkten ersetzen und dadurch zumindest theoretisch
weniger ressourcenintensiv sind. Sie gehen mit einem hohen Kundennutzen einher (Scholl
2000). Zu den öko-effizienten Dienstleistungen zählt beispielsweise der Verleih und die
Reinigung von Fußmatten.
Kapitel 6 – Ergebnisse 101
Neben den Nutzern sollte auch die Gruppe der Entsorger stärker in die Auslegung von Tech-
nischen Textilartikeln eingebunden werden. Eine Stärkung der Gestaltungsmacht der Ent-
sorger durch die Berücksichtigung ihres Wissens über die Probleme und Möglichkeiten des
Recyclings oder des biologischen Abbaus bei der Herstellung der Technischen Textilien
könnten insbesondere die Strategien „Kreislauffähigkeit“ und „biologische Abbaubarkeit“
fördern. In der Vermittlung von Know-how kann zukünftig ein wichtiger Tätigkeitsbereich von
Entsorgungsunternehmen liegen.
Kapitel 7 - Zusammenfassung 102
7Zusammenfassung
Ziel der vorliegenden Arbeit war es, einen Beitrag zur Abfallreduzierung für den Produktbereich
der Technischen Textilien zu leisten. Technische Textilien wurden als Vorprodukte oder Halb-
fertigprodukte definiert, die nicht in den Bereichen Haus- und Heimtextilien und Bekleidung
verwendet werden, mit Ausnahme verfüllender oder stützender Bestandteile der Bekleidung oder
spezifischer Schutzbekleidung.
Für drei ausgewählte Technische Textilartikel, einen Pavillon, ein Baumwollzelt und das Sicher-
heitsgurtband für Kraftfahrzeuge, wurde dargestellt, dass die im Lebensweg anfallenden textilen
Abfälle mengenmäßig relevant sind. Daneben existieren Hinweise, dass im Lebensweg des
Baumwollzeltes und des Gurtbandes, insbesondere bei der Veredelung Chemikalien eingesetzt
werden, die öko- und humantoxikologisch wirken. Da diese Chemikalien auf den Textilien haften,
sind auch Teile der textilen Abfälle in Bezug auf ihre Gefährlichkeit relevant. Es wird
angenommen, dass diese Aussagen auch auf die textilen Abfälle des gesamten Produktbereichs
übertragen werden können.
Der zur Zeit in den Unternehmen herrschende Handlungsdruck ist geprägt von einem Zwang zu
einer Minimierung der Kosten, einer Auslagerung kompletter oder einzelner Produktionsstufen in
Billiglohnländer und einer wachsenden Diversifikation des Angebotes, die darauf abzielt, die
Konkurrenzfähigkeit zu sichern. Der Anreiz zur Abfallreduzierung ist für die Unternehmen bislang
sehr gering. Überdies laufen die genannten Faktoren einer weitergehenden Abfallreduzierung in
der Regel entgegen. So konnte im Lebensweg des Sicherheitsgurtbandes und des Pavillons, bei
denen ein besonders starker Kostendruck existiert, nachgewiesen werden, dass dieser entweder
zu einer direkten Zunahme an textilen Produktionsabfällen oder zu einer indirekten Zunahme an
textilen Abfällen durch die Verringerung der Produktlebensdauer führt.
In dem Lebensweg der ausgewählten Technischen Textilartikel werden von sechs zur Zeit dis-
kutierten Strategien zur Abfallreduzierung, (1) der Verlängerung der Lebensdauer, (2) der Kreis-
laufführung, (3) der Minimierung der Masse, (4) der Minimierung problematischer Materialien, (5)
der biologischen Abbaubarkeit und (6) der neuen Nutzungsformen, bislang zwar vier Strategien
realisiert. Diese besitzen aber nur eine geringe Reichweite und daneben auf Grund der
marginalen Umsetzung und/oder existierender Zielkonflikte nur ein geringes Abfallreduzierungs-
potenzial.
Die Aussage, dass die in den letzten Jahren diskutierten Strategien zur Abfallreduzierung mit
dem Ziel der nachhaltigen Entwicklung bislang am Produktbereich der Technischen Textilien so
gut wie vorbeigegangen sind, trifft auf das Baumwollzelt nur zum Teil zu, da sich hier erste positi-
ve Ansätze zur Abfallreduzierung zeigen. So wird die lange Lebensdauer des Zeltes insbeson-
dere auf Grund der intensiven Kommunikation zwischen den Akteuren der Herstellungs- und der
Gebrauchsphase ermöglicht. Dies stellt insbesondere im Vergleich mit anderen Kooperationen
entlang der Wertschöpfungskette, die auf eine Abfallreduzierung abzielen, eine Besonderheit
dar. Viele Projekte, die dem Stoffstrommanagement zugeordnet werden können, beschränken
sich insbesondere auf eine Vernetzung der Akteure der Herstellungsphase und unterschätzen
die Bedeutung des Wissens und der Erfahrungen der Nutzer.
Kapitel 7 - Zusammenfassung 103
Auffallend sind die verschiedenen produktorientierten Dienstleistungen, die der Hersteller in der
Gebrauchsphase des Baumwollzeltes anbietet, wie die kostenlose Reparatur, die ständige
Verfügbarkeit als Ansprechpartner für Nutzer und die Übernahme weitreichender Garantien.
Das Abfallreduzierungspotenzial der Strategie der Lebensdauerverlängerung wird beim Baum-
wollzelt jedoch durch die chemische Ausrüstung vermindert. Hier wird der Konflikt zwischen der
Strategie der Effizienz und der Strategie der Konsistenz sichtbar. Das Zelt besitzt eine lange
Lebensdauer, die auch von der Verwendung von Ausrüstungschemikalien abhängig ist. Da die
für die Ausrüstung verwendeten Chemikalien öko- oder humantoxikologisch wirken, wird durch
Verwendung der chemischen Ausrüstung gleichzeitig die Konsistenz des Zeltes verringert bzw.
zerstört. Es ist grundsätzlich abzuwägen, ob der Erhöhung der Ressourcenproduktivität oder der
schadlosen Gestaltung der Stoffströme mehr Bedeutung zugemessen wird.
Die bislang im Lebensweg der Fallbeispiele umgesetzten Strategien zur Abfallreduzierung
zählen in der Regel zu den Effizienzstrategien. Sie verringern die Menge an Material, die für die
(Produktions-)Leistung eingesetzt wird. Konsistenzstrategien, die die Veränderung der Beschaf-
fenheit von Stoffen beinhalten, sind dagegen kaum zu finden. Da die Konsistenzstrategien darauf
abzielen, die Stoffe relativ schadlos in den Naturhaushalt zurückzuführen, bieten sie ein
besonders hohes Abfallreduzierungspotenzial. Ihre Umsetzung stellt im Vergleich zu den bislang
realisierten Effizienzstrategien jedoch wesentlich höhere Anforderungen an die Akteure, bei-
spielsweise in Bezug auf die Kommunikation. Die Umsetzung von Konsistenzstrategien führt
daneben in der Regel auch zu grundlegenden Veränderungen in der Akteurskette und den Stoff-
strömen, wovor bislang noch viele Akteure zurückschrecken.
Im Lebensweg aller Fallbeispiele könnten Strategien zur Abfallreduzierung mit einem hohen
Abfallreduzierungspotenzial umgesetzt werden. Zur Zeit werden sie auf Grund ungünstiger
Rahmenbedingungen nur von besonders innovativen Akteuren im Rahmen von Projekten
realisiert. Bislang ist die staatliche Umweltpolitik im Sinne einer Abfallreduzierung nicht
erfolgreich. Eine umfassendere und weitreichendere Umsetzung von Strategien zur Abfall-
reduzierung wird aber nur bei entsprechend fördernden Rahmenbedingungen stattfinden. Zur
Zeit zeigen sich erste interessante Veränderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen für
einzelne Produktgruppen, zu deren Bestandteilen auch Technische Textilien gehören. Dazu
zählen das Altautogesetz und die Richtlinienentwürfe des Europaparlamentes zu Elektroschrott.
In beiden Gesetzen wird den Herstellern die Produktverantwortung übertragen. Darüber hinaus
wird die Verwendung einzelner gefährlicher Chemikalien verboten und der Anteil des Produkt-
gewichtes, der mindestens einer Verwendung oder stofflichen Verwertung zugeführt werden
muss, festgelegt. Diese rechtlichen Rahmenbedingungen können im Lebensweg der Techni-
schen Textilien, die im Auto und in Elektrogeräten eingesetzt werden, zu einer Realisierung der
im Rahmen der vorliegenden Arbeit diskutierten Strategien zur Abfallreduzierung beitragen.
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Abschlussbericht, 2001
Zimmermann, Heiner (1982): Spinnfärbung von Polyesterfasern – eine zeitgemäße Ergänzung
der Naßverfahren. In: Chemiefasern/Textilindustrie, Band 32 (1982), Heft 9, S. 663-667
Zundel, Stefan; Bunke, Dirk; Schramm, Engelbert; Steinfeldt, Michael (1998): Stoff-
strommanagement: Zwischenbilanz einer Diskussion. In: Zeitschrift fuer Umweltpolitik und
Umweltrecht. Band 21 (3), 1998, S. 317-339
Anhang: Fragebögen/Interviewleitfäden VII
Anhang
Interviewleitfaden/Fragebogen Fallbeispiel Pavillon
Fragen an den Großhandel/Konfektionär
- Seit wann bieten Sie Pavillons an? Wie ist Ihr Unternehmen dazu gekommen, Pavillons
anzubieten?
- Wie gestaltet sich zur Zeit der Markt für Pavillons?
- Welche Pavillonarten bieten Sie an?
- In welchem Zyklus werden neue Pavillons angeboten? Welche Rolle spielen dabei modische
Aspekte?
- Welcher Anteil an Pavillons wird im Auftrag Ihres Unternehmens konfektioniert, welcher Anteil
an Pavillons wird fertig konfektioniert gekauft?
- Aus welchen Ländern stammen die Pavillons und wie unterscheiden sich diese von den im Auf-
trag Ihres Unternehmens konfektionierten Pavillons?
- Aus welchen textilen Material werden die Pavillons angeboten? Nach welchen Kriterien wird
das textile Material ausgesucht ?
- Welche Anforderungen soll das Gewebe des Pavillons erfüllen? Gibt es eine Art Pflichtenheft
für die liefernden Betriebe?
- Werden bei der Herstellung textile Sekundärrohstoffe verwendet?
- Wie wird das Gewebe ausgerüstet?
- Werden die Zeltformen so gewählt, dass beim Zuschnitt möglichst wenig textiler Abfall anfällt?
- Kennen Sie die durchschnittliche Lebensdauer Ihrer Pavillons? Welche Lebensdauer wird den
Pavillons aufgrund welcher Kriterien gegeben?
- Ist Ihr Unternehmen bestrebt, die Lebensdauer des Pavillons zu verlängern? Gegebenenfalls
mit Hilfe welcher Maßnahmen (Qualität, Ausrüstung, Konstruktion)?
- Wissen Sie, was mit den Pavillons nach dem Gebrauch geschieht?
- Welche wesentlichen Prozesse umfasst die Herstellung des Pavillons?
- Wie groß ist der Anteil der textilen Produktionsabfälle bei der Konfektionierung?
- Was geschieht mit den textilen Produktionsabfällen?
- Nach welchen Kriterien werden Zulieferer und Vertragsveredler ausgewählt? Welche Informa-
tionen erhalten Sie von diesen Unternehmen?
Anhang: Fragebögen/Interviewleitfäden VIII
- Berücksichtigen Sie die Wünsche Ihrer Kunden bei der Herstellung der Pavillons?
Fragen an den Versandhandel
- Können Sie mir die Namen der wichtigsten Hersteller bzw. Anbieter von Pavillons in
Deutschland nennen?
- Seit wann führen Sie den Pavillon aus Polyethylengewebe in Ihrem Sortiment?
- Wieviele Pavillons verkaufen Sie etwa pro Jahr?
- Gibt es aktuelle Trends für Pavillons zum Beispiel in Bezug auf die Kosten oder das Material?
- Kennen Sie die Schwachstellen der Pavillons aus Polyethylengewebe?
- Kennen Sie die durchschnittliche Lebensdauer der Pavillons aus Polyethylengewebe?
- Erhalten Sie Informationen von den privaten Nutzern und geben Sie diese ggf. an die Hersteller
weiter?
Fragen an die Nutzer
- Wann wurde der Pavillon gekauft?
- Wo wurde er gekauft (Name der Handelskette)?
- Wie teuer war der Pavillon in etwa?
- Welche Firma hat ihn hergestellt?
- Auf was wurde beim Kauf besonders geachtet (Preis, Farbe, Material, Form, Eigenschaften....)?
- Wirkt der Pavillon qualitativ hochwertig (stabile Nähte, relativ gutes Gewebe etc.)?
- Aus welchem Material besteht der Pavillon? (z.B. Polyester, Polyethylen)
- Ist der Pavillon bereits gerissen? Wenn ja, wann und an welchen Stellen?
- Wurde er repariert? Falls ja, wie?
- Wann zeigte er erste Verschleißerscheinungen (welche) bzw. wurde unansehnlich?
- Falls Sie bereits einen Pavillon besessen und entsorgt haben: Wie lange wurde er genutzt, wa-
rum wurde er ausgemustert und wohin wurde er entsorgt?
- Wohin wird der jetzige Pavillon voraussichtlich entsorgt?
- Für was verwenden Sie den Pavillon?
- Wie oft wird er im Jahr genutzt?
- Lässt er sich leicht auf- und abbauen?
- Welches sind Ihre Anforderungen an den Pavillon?
- Was würden Sie an dem Pavillon verbessern (Material, Konstruktion etc.)?
- Was gefällt Ihnen am Pavillon besonders gut?
Anhang: Fragebögen/Interviewleitfäden IX
Interviewleitfaden/Fragebogen Fallbeispiel Baumwollzelt
Fragen an die Zelthersteller
- Wie sind Sie dazu gekommen, Zelte aus Baumwolle anzubieten?
- Wieviele Zelte aus Baumwollgewebe stellen Sie jährlich etwa her?
- Stellen Sie auch Zelte aus synthetischen Fasern her?
- Verleihen Sie Ihre Zelte auch? Ist der Zeltverleih ein ökonomisch wichtiger Faktor in Ihrem
Unternehmen?
- Reparieren Sie die von Ihnen verkauften Zelte? Stellt die Reparatur einen ökonomisch
wichtigen Faktor in Ihrem Unternehmen dar?
- Wie gestaltet sich Ihrer Einschätzung nach der Markt für Zelte aus Baumwolle in den letzten
Jahren? Welches sind ggf. Gründe für diese Entwicklung?
- Können Sie Ihre Kunden näher beschreiben? Gehören diese in der Regel zu einer bestimmten
Nutzergruppe?
- Verkaufen Sie direkt an Ihre Kunden oder auch an Zwischenhändler?
- Werden Sie in der Regel von Ihren Kunden über deren Erfahrungen beim Gebrauch der Zelte
informiert?
- Was wird von Kunden besonders häufig bemängelt?
- Inwieweit werden Anforderungen von Kunden an das Material bzw. die Konstruktion von Ihnen
bei der Produktion berücksichtigt?
- Von welcher Firma/welchen Firmen beziehen Sie das Gewebe?
- Was wissen Sie über die Herstellung des Baumwollgewebes (Herkunft der Baumwolle,
Hilfsmittel bei der Spinnerei und Weberei)?
- Können Sie Einfluss nehmen bzw. nehmen Sie Einfluss auf die Herstellung des Gewebes?
- Wie ist das Gewebe ausgerüstet?
- Welche Chemikalien werden bei dieser Ausrüstung und der Färbung eingesetzt?
- Welcher Anteil des Stoffes fällt bei der Konfektion der Zelte durchschnittlich als Abfall an?
- Was geschieht mit diesen textilen Abfällen?
- Aus welchem Material sind die Zeltstangen?
- Können Sie Aussagen dazu machen, wie lange die chemische Ausrüstung des Zeltgewebes in
etwa hält?
- Welche Pflege benötigt das Zelt während des Gebrauchs?
- Kennen Sie die durchschnittliche Lebensdauer Ihrer Zelte?
Anhang: Fragebögen/Interviewleitfäden X
- Ist es möglich, Baumwollzelte auch als Saisonzelte (Stellzeit: 1-6 Monate) oder als permanente
Zelte (Stellzeit: 6 Monate und länger) zu verwenden? Falls es möglich ist, brauchen Baumwoll-
zelte für längere Stellzeiten eine spezielle Ausrüstung?
- Nehmen Sie die gebrauchten Zelte zurück? Falls ja, was machen Sie damit?
- Welches sind Ihrer Ansicht nach die größten Hemmnisse für den Verkauf von Baumwollzelten?
- Welches sind Ihrer Einschätzung nach fördernde Faktoren für den Verkauf der Baumwollzelte
im Vergleich zu Zelten aus synthetischen Fasern?
- Haben Sie Erfahrung mit Bränden von flammhemmend ausgerüsteten und nicht-
flammhemmend ausgerüsteten Zelten gemacht? Halten Sie die flammhemmende Ausrüstung
für notwendig?
Fragen an die Nutzer
- Wann wurde das Baumwollzelt gekauft?
- Bei welchem Zelthersteller wurde es gekauft?
- Wie oft wird das Zelt im Jahr genutzt?
- Bei welchem Klima wird er in der Regel genutzt
- Auf was wurde beim Kauf besonders geachtet? (z.B. Preis, Form, Material, Ausrüstung, Garan-
tie)
- Was wissen Sie über das Gewebe des Zeltes?
- Welches waren Ihre Gründe, sich für dieses Gewebe zu entscheiden? (ökol., authentisch,
Eigenschaften, Überzeugung durch die Zelthersteller)
- Welche Anforderungen an die Lebensdauer des Zeltes haben Sie? Wieviele Jahre wollen Sie
das Zelt mindestens nutzen?
- Welche Arbeit sind Sie bereit, in die Pflege des Zeltes zu investieren?
- Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zum Hersteller bzw. dessen Angebot, das Zelt zu reparieren
bzw. Sie bei Schwierigkeiten mit Rat und Tat zu unterstützen?
- Wie zufrieden sind Sie mit dem Kontakt zu den Herstellern?
- Zeigten sich Mängel – wenn ja, welche?
- Wie sind Sie mit den Mängeln umgegangen? Haben Sie das Zelt zur Reparatur gegeben oder
es selbst repariert?
- Wissen Sie, wie das Zelt ausgerüstet ist?
- Was ist Ihnen an der Ausrüstung wichtig bzw. welche Ausrüstung wollten Sie auf keinen Fall?
- Hatten Sie mehr Informationen über die Ausrüstung gewünscht, diese aber nicht bekommen?
- Wie lange hielt die Ausrüstung? Gab es vom Hersteller Informationen, wie das Zelt später che-
misch nachgerüstet werden kann?
- Was gefällt Ihnen an dem Zelt besonders gut?
Anhang: Fragebögen/Interviewleitfäden XI
- Was stört Sie an dem Zelt besonders?
- Welche könnten zukünftige Gründe für Sie sein, das Zelt zu entsorgen?
- Wohin wird er voraussichtlich entsorgt?
Interviewleitfaden/Fragebogen Fallbeispiel Sicherheitsgurtband
Fragen an die Spinnerei
- Mit welchen Ausgangsstoffen arbeiten Sie?
- Welche Daten über Stoff- und Energieverbräuche liegen Ihnen vor?
- Welche Daten über Produktionsabfälle liegen Ihnen vor?
- Welche Herstellungs- und Verarbeitungsstufen sind Ihnen direkt vorgelagert?
- Welche Entwicklungen gab und gibt es in Hinblick auf Anforderungen an die Qualität (Festigkeit
u.a.) und die Verarbeitung der Filamentgarne?
- Von welcher Abfallbehandlung Ihrer Garne gehen Sie bei der Produktentwicklung aus?
- Von welcher Lebensdauer Ihrer Garne gehen Sie aus?
- Haben Sie aus Umwelt- oder Abfallgründen in der vergangenen Zeit etwas an der Produktion
oder an dem Filamentgarn verändert?
- Seit wann nehmen Sie Garnabfälle aus der Weberei zurück und warum haben Sie sich zu
diesem Schritt entschlossen?
- Welche gefärbten Garne bieten Sie an? Ist Ihrer Ansicht nach ein Trend zu bunten Garnen er-
kennbar?
- Welche Firma nimmt die Produktionsabfälle und die Garnabfälle aus der Weberei?
- Welche Informationen erhalten Sie beispielsweise von Kunden oder liefernden Betrieben?
- Welche Informationen verlangen Sie beispielsweise von liefernden Betrieben?
- Wie schätzen Sie den Informationsfluss ein?
Fragen an die Weberei
- Welche Prozesse zur Herstellung des Produktes finden in Ihrem Betrieb statt?
- Welche Daten über Rohstoff- und Energieverbräuche liegen Ihnen vor?
- Welche Daten über Produktionsabfälle liegen Ihnen vor?
- Mit welchen Ausgangsstoffen arbeiten Sie?
- Welche Herstellungs- und Verarbeitungsstufen sind Ihnen direkt vorgelagert?
- Welche Informationen erhalten Sie von Kunden und von den liefernden Betrieben?
- Welche Informationen verlangen Sie beispielsweise von liefernden Betrieben?
Anhang: Fragebögen/Interviewleitfäden XII
- Wie schätzen Sie den Informationsfluss ein?
- Von welcher Abfallbehandlung Ihrer Produkte gehen Sie bei der Produktentwicklung aus?
- Von welcher Lebensdauer Ihrer Produkte gehen Sie aus?
- Haben Sie aus Umwelt- oder Abfallgründen in der vergangenen Zeit etwas an der Produktion
oder an dem Produkt verändert?
- Gibt es in Ihrem Betrieb Überlegungen, Ihre Produkte zurückzunehmen?
- Welche verschiedenen Produkte (z.B. Gurtbänder oder Polyestertypen) bieten Sie an?
Wodurch unterscheiden sich die einzelnen Produktarten?
- Mit welchen Akteuren arbeiten Sie eng zusammen?
- Inwieweit haben sich Sicherheitsgurte in der Vergangenheit in Bezug auf Fasern, Ausrüstung
und Qualität verändert? Welche Trends sehen Sie für die Zukunft?
Fragen an den Systemhersteller
- Welche Arten an Gurtbändern (Material, Art der Färbung, Farbe) verwenden Sie für Ihre Sicher-
heitsgurte?
- Was besagt die Gurtkennzeichnung?
- Welche Anforderungen haben Sie an die Qualität und das Aussehen der Gurtbänder?
- Welche dieser Anforderungen an das Gurtband leiten Sie von den Autoherstellern weiter,
welche Anforderungen stellen Sie selbst?
- Wie haben sich die Anforderungen an die Sicherheitsgurtbänder in den letzten Jahren/ Jahr-
zehnten verändert?
- Übernehmen Sie eine Garantie für die Sicherheitsgurtbänder in der Gebrauchsphase?
- Von welcher Lebensdauer der Sicherheitsgurtbänder gehen Sie aus?
- Wie hoch ist der Anteil der Gurtbandreste in Bezug zu dem produzierten Gurtband?
- Was machen Sie mit den Gurtbandresten?
- Von welcher Abfallbehandlung der gebrauchten Sicherheitsgurtbänder gehen Sie aus?
- Haben Sie aus Abfall- und Umweltgründen in der vergangenen Zeit Ihre Anforderungen an das
Produkt Sicherheitsgurtband verändert?
- Welchen Einfluss hat Ihrer Ansicht nach die europäische Richtlinie über Altfahrzeuge auf die
Gestaltung des Sicherheitsgurtbandes?
- Welche Informationen bzgl. der Sicherheitsgurtbänder verlangen Sie von den liefernden Betrie-
ben?
- Mit welchen Akteuren im Lebensweg des Sicherheitsgurtbandes arbeiten Sie zusammen und
welche Ziele hat diese Zusammenarbeit?
- Wie schätzen Sie den Informationsfluss ein?
Anhang: Fragebögen/Interviewleitfäden XIII
Fragen an die Autohersteller
- Welche Arten (Material, Spinn- oder Stückfärbung, Farbe etc.) an Sicherheitsgurtbändern ver-
wenden Sie für Ihre Pkws?
- Beziehen Sie die Sicherheitsgurte von einem oder von mehreren Herstellern?
- Welche Anforderungen haben Sie an die Qualität der Sicherheitsgurtbänder?
- Wie haben sich Ihre Anforderungen an die Qualität der Sicherheitsgurtbänder in den letzten
Jahren verändert?
- Welche Informationen zu den Sicherheitsgurtbändern verlangen Sie von den liefernden Betrie-
ben?
- Mit welchen Akteuren im Lebensweg des Sicherheitsgurtbandes (Systemhersteller, Weberei,
Spinnerei etc.) arbeiten Sie zusammen und welches Ziel hat diese Zusammenarbeit?
- Wie schätzen Sie den Informationsfluss ein?
- Inwieweit haften Sie für die Funktionstüchtigkeit bzw. die Qualität des Sicherheitsgurtbandes
während des Gebrauchs?
- Von welcher Lebensdauer der Sicherheitsgurtbänder gehen Sie aus?
- Von welcher Abfallbehandlung der Sicherheitsgurtbänder gehen Sie aus?
- Haben Sie aus Umwelt- oder Abfallgründen in der vergangenen Zeit Ihre Anforderungen an das
Produkt Sicherheitsgurtband verändert?
- Welchen Einfluss hat Ihrer Ansicht nach die Altautoverordnung und die europäische Richtlinie
zu Altfahrzeugen auf die Gestaltung des Sicherheitsgurtbandes?
- Gibt es in Ihrem Betrieb Überlegungen, Ihre Produkte zurückzunehmen?
- Gibt es Überlegungen, Gurte so herzustellen, dass sie hochwertig recyclingfähig sind?
- Welchen Anforderungen müssen Reißfasern/regranulierte Sekundärrohstoffe für den Einsatz im
Pkw entsprechen?
- Was kosten die Sicherheitsgurte?
Fragen an die Altautoverwerter
- Welche Prozesse zur Demontage/Verwertung finden in Ihrem Betrieb statt?
- Was geschieht bei der Altautoverwertung mit den Sicherheitsgurtbänder?
- Werden die Gurtbänder je nach Autohersteller oder nach Material/Gurttyp unterschiedlich
behandelt?
- Haben Sie bei der Behandlung/Abgabe der Bänder verschiedene Optionen?
- Warum werden die Bänder herausgeschnitten bzw. warum werden sie es nicht? Gibt es hier
Auflagen?
Anhang: Fragebögen/Interviewleitfäden XIV
- Falls die Bänder an ein Recyclingunternehmen abgegeben werden: Welches Unternehmen
nimmt die Bänder an? Was wird von den Unternehmen für die Bänder bezahlt? Welche Anfor-
derungen stellen diese Unternehmen an die Bänder?
- Welche Informationen in Bezug auf den Sicherheitsgurt erhalten bzw. verlangen Sie beispiels-
weise von den Autoherstellern?
- Wie gehen Sie im Vergleich mit den anderen Textilien im Pkw um? Z.B. dem Airbag, den texti-
len Dämmstoffen, dem Autohimmel, den Auskleidungen etc.
- Gab es zu einer früheren Zeit Interesse für Autosicherheitsgurte von anderen Akteuren?
- Was wurde früher mit den Bändern gemacht? Hat sich durch die Altautoverordnung an der
Behandlung der Bänder etwas geändert? Wenn ja, welche Veränderungen sind aufgetreten?
- Mit welchen Akteuren in der textilen Kette besteht Kontakt bzw. arbeiten Sie zusammen?
- Wie schätzen Sie den Informationsfluss ein?
Fragen an Verwertungsunternehmen
- Welche Prozesse zur Verwertung finden in Ihrem Betrieb statt?
- Welche Polyesterprodukte recyceln Sie? Verwerten Sie auch Sicherheitsgurtbänder aus Poly-
ester?
- Welches sind Ihre Anforderungen an die Polyesterprodukte, die Sie verwerten?
- Welches sind Ihrer Einschätzung nach die größten Probleme beim stofflichen Recycling?
- Nach welchen Kriterien unterscheiden Sie das von Ihnen produzierte Sekundärpolyester?
- Wie beurteilen Sie die Nachfrage nach Ihren Sekundärrohstoffen? Welche Unterschiede gibt
es?
- Welche Entwicklungen nimmt das stoffliche Recycling von Polyester Ihrer Ansicht nach in den
letzten Jahren? Wie schätzen Sie die Zukunft des stofflichen Recyclings von Polyester ein?
- Welche Informationen erhalten bzw. verlangen Sie von den Unternehmen, die Ihnen die Poly-
esterprodukte liefern? Wie schätzen Sie den Informationsfluss ein?
- Gibt es Ihrer Ansicht nach bei den Herstellern ein Interesse, die Wiederverwertbarkeit/stoffliche
Recyclingfähigkeit der textilen Produkte zu verbessern?
- Existiert Ihrer Ansicht nach von Seiten der Hersteller ein Interesse, Ihr Wissen zur Recycling-
fähigkeit bzw. zum Recycling zu nutzen?