scieee Science in your language
[en] (orig)
April 2022
Diskursreport | 3
Pilotprojekt
Decoding Antisemitism:
Eine KI-gestützte Untersuchung
von Hassrede und -bildern im
Internet
Principal Investigator:
Dr Matthias J. Becker
Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin
Principal Investigator:
Dr. Daniel Allington
Department of Digital Humanities, King’s College London
Forschungsteam Technische Universität Berlin:
Dr. Laura Ascone
Dr. Matthew Bolton
Alexis Chapelan
Dr. Jan Krasni
Karolina Placzynta
Marcus Scheiber
Hagen Troschke
Chloé Vincent
Projektkoordination:
Dr. Susanne Beer (Projektkoordinatorin)
Andrea Rellin (Sekretärin)
Studentische Hilfskräfte:
Alexa Krugel
Victor Tschiskale
Project Manager:
Prof. Uffa Jensen
Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin
Gefördert von der Alfred Landecker Foundation
Technische Universität Berlin
Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA)
Kaiserin-Augusta-Allee 104–106
10553 Berlin
Web: decoding-antisemitism.eu
Zitiervorschlag
Ascone, Laura; Becker, Matthias, J.; Bolton, Matthew; Chapelan, Alexis; Krasni, Jan; Placzynta, Karolina; Scheiber, Marcus;
Troschke, Hagen; Vincent, Chloé (2022).
Decoding Antisemitism: An AI-driven Study on Hate Speech and Imagery Online. Discourse Report 3.
Berlin: Technische Universität Berlin. Centre for Research on Antisemitism.
DOI: 10.14279/depositonce-15312
Wissenschaftlicher Beirat
Prof. Dr. Johannes Angermuller, Discourse,
Languages and Applied Linguistics, Open University,
Vereinigtes Königreich
Prof. Dr. Ildikó Barna, Department of Social Research
Methodology, Eötvös Loránd University, Budapest, Ungarn
Prof. Dr. Michael Butter, Amerikanische Literatur und
Kulturgeschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen,
Deutschland
Prof. Dr. Manuela Consonni, Vidal Sassoon International
Center for the Study of Antisemitism, Hebrew University,
Israel
Prof. Dr. Niva Elkin-Koren, Faculty of Law, Tel Aviv
University, Israel
Prof. Dr. Martin Emmer, Publizistik- und Kommunikations-
wissen¬schaft, Freie Universität Berlin; Weizenbaum-Institut,
Berlin, Deutschland
Prof. Dr. David Feldman, Birkbeck Institute for the Study of
Antisemitism, University of London, Vereinigtes Königreich
Dr. Joel Finkelstein, Network Contagion Research Institute
(NCRI); Princeton University, Vereinigte Staaten
Shlomi Hod, AI & Society Lab, Alexander von Humboldt
Institut für Internet und Gesellschaft, Deutschland
Prof. Dr. Günther Jikeli, Institute for the Study of
Contemporary Antisemitism, Indiana University Bloomington,
Vereinigte Staaten
Dr. Lesley Klaff, Department of Law & Criminology,
Sheffield Hallam University, Vereinigtes Königreich
Prof. Dr. Jörg Meibauer, Deutsches Institut, Johannes
Gutenberg Universität Mainz, Deutschland
Prof. Claudine Moïse, Labor für Linguistik und Didaktik
der Fremd- und Muttersprachen, Université Stendhal,
Grenoble 3, Frankreich
Dr. Andre Oboler, Online Hate Prevention Institute,
Australien
Dr. David Reichel, Research and Data Unit, European
Union Agency for Fundamental Rights (FRA), Austria
Prof. Dr. Martin Reisigl, Institut für Sprachwissenschaft,
Universität Wien, Österreich
RA Ido Rosenzweig, The Minerva Center for the Rule of
Law under Extreme Conditions, Universität Haifa, Israel
Prof. Dr. Eli Salzberger, Minerva Center for the Rule of Law
under Extreme Conditions, University of Haifa, Israel
Robert Schwarzenberg, Deutsches Forschungszentrum für
Künstliche Intelligenz, Berlin, Deutschland
Dr. Charles Asher Small, Institute for the Study of Global
Antisemitism and Policy, Vereinigte Staaten; St Antonys
College, University of Oxford, Vereinigtes Königreich
Dr. Abe Sweiry, UK Home Office, Vereinigtes Königreich
Prof. Dr. Gabriel Weimann, Department of Communication,
University of Haifa, Israel
Dr. Mark Weitzman, World Jewish Restitution Organization,
Vereinigte Staaten
Prof. Dr. Harald Welzer, Norbert Elias Center for Trans-
formation Design & Research, Europa-Universität Flensburg;
Futurzwei, Stiftung Zukunftsfähigkeit, Deutschland
Dr. Juliane Wetzel, Zentrum für Antisemitismusforschung
(ZfA), Technische Universität Berlin, Deutschland
Michael Whine MBE, UK & Bureau Member, European
Commission Against Racism and Intolerance, Council of
Europe; European Jewish Congress, Belgien
Prof. Dr. Matthew L. Williams, Criminology; HateLab,
Cardiff University, Vereinigtes Königreich
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 6
2. Zusammenfassung 8
3. Antisemitismus bei Demonstrationen gegen den Gesundheitspass in Frankreich 10
3.1. Verschwörungstheorien 13
3.2. Kritiktabu 14
3.3. NS-Analogie 16
3.4. Resümee 17
4. Strafverfolgung von ehemaligem KZ-Personal in Deutschland 18
4.1. Sekundärer Antisemitismus 18
4.2. Ergebnisse der Analyse 19
4.3. Resümee 23
Literaturverzeichnis 24
Quellenverzeichnis 24
Deutsche Quellen 24
Französische Quellen 25
1. Einführung
Decoding Antisemitism ist ein transnationales und
interdisziplinäres Forschungsprojekt, das Inhalt,
Struktur und Häufigkeit von Antisemitismus in Kom-
munikationsräumen online analysiert. Im Rahmen
der halbjährlichen Veröffentlichung der Diskursbe-
richte geben wir Einblicke in den Fortschritt und die
Zwischenergebnisse unserer Korpusanalysen. Die
regelmäßigen Veröffentlichungen unserer Ergebnisse
sind von zentraler Bedeutung für unser Vorhaben,
sowohl im akademischen als auch im nicht-akademi-
schen Bereich Einblicke in unsere Tätigkeit zu geben
sowie wichtige Impulse zu senden.
Dieser Bericht befasst sich mit den Auswirkungen
online von zwei jüngst erfolgten Kontroversen in
Frankreich und Deutschland. Das erste Ereignis
bezieht sich auf die hitzige Debatte in Frankreich
hinsichtlich der Einführung des sogenannten Gesund-
heitspasses – des „Corona-Passes“, der Impfung
oder einen Corona-negativen Status nachweist.
Die Proteste gegen den Pass, die online und offline
zahlreiche Diskussionen auslösten, führten zu einem
weit verbreiteten Klima des Antielitismus. Auch wenn
sich dies hauptsächlich gegen die politische Elite
richtete, lösten die Proteste gegen den Pass – und
insbesondere gegen die Verhaftung einer Demonst-
rantin, die den Pass einer jüdischen Elite anlastete –
zahlreiche antisemitische Debatten aus.
Das zweite Ereignis, das in diesem Bericht analysiert
wird, sind die Reaktionen in Deutschland auf drei
Strafverfahren gegen ehemaliges KZ-Personal. Das
Thema der historischen Verantwortung und Schuld
am Holocaust ist nach wie vor ein kritisches Thema
in der deutschen Gesellschaft. Unsere Analyse hat
gezeigt, dass trotz aller gegenteiligen Bemühungen in
den letzten Jahrzehnten der Wunsch vieler Deutscher,
Verantwortung herunterzuspielen, Schuld abzulehnen
und den Holocaust zu relativieren, nach wie vor eine
beunruhigend hohe Anziehungskraft hat.
Obwohl sich diese beiden Ereignisse – die Proteste
gegen den Gesundheitspass und die NS-Prozesse –
sowohl inhaltlich als auch kontextuell grundlegend
voneinander unterscheiden, zeigt unsere Analyse,
dass antisemitische Reaktionen auf beide Ereignisse
von Tendenzen der Relativierung oder Verharmlosung
des Holocaust untermauert werden und dass antisemi-
tische Äußerungen verwendet werden, um die Maß-
nahmen der jeweiligen Regierungen zu kritisieren.
Neben den inhaltlichen Ergebnissen freuen wir uns,
mit diesem Bericht unsere neue Website vorzustel-
len. Die Website enthält u. a. Informationen über
unser Team und den wissenschaftlichen Beirat, das
Forschungsdesign des Projekts, projektbezogene
Neuigkeiten zu Vorträgen, Workshops, Publikatio-
nen und mehr, sowie die bisher veröffentlichten
Diskursberichte.
7
Decoding Antisemitism
Im Mittelpunkt unseres Projekts steht die Erkenntnis, dass eine
präzise Terminologie für die genaue Beschreibung von ver-
balem und visuellem Antisemitismus und für die Unterschei-
dung zwischen legitimer Kritik und Hassrede entscheidend
ist. Zu diesem Zweck ist auf der Website auch ein Glossar mit
den wichtigsten Begriffen und Definitionen verfügbar, die wir
in unserer Arbeit verwenden. Für diejenigen, die sich einge-
hender über die von uns angewandten Verfahren zur Identi-
fizierung antisemitischer Inhalte informieren möchten, stellen
wir einen vereinfachten Codierleitfaden zur Verfügung. Er
enthält Schlüsselelemente des von unseren Codierer*innen
zur Analyse von Kommentar-Threads verwendeten Werk-
zeugs: Stereotype, linguistische und bildanalytische Katego-
rien mit Definitionen, untermauert mit expliziten sowie impli-
ziten Beispielen. Wir hoffen, zu gegebener Zeit auch die
(ungleich komplexere) vollständige Version des Leitfadens zu
veröffentlichen, in dem über 150 Kategorien aufgeführt sind.
Indem wir diese sehr detaillierten und umfassenden Ressour-
cen interessierten Akteur*innen sowohl aus dem akademi-
schen Bereich als auch relevanten Akteur*innen aus Politik,
Pädagogik, Medien, Sicherheit und dem IT-Bereich zur
Verfügung stellen, hoffen wir, mit unserem breit angelegten
Ansatz der qualitativen Inhaltsanalyse zu einem besseren
Verständnis über Natur und Trends antisemitischer Diskurse
im Internet und damit zu einer effektiveren Bekämpfung des
Antisemitismus beizutragen. Wenn Sie ein Exemplar des
gekürzten Leitfadens erhalten oder uns Feedback zu dem
Bericht oder dem Projekt geben möchten, senden Sie uns
bitte eine E-Mail an [email protected].
Im Hinblick auf den Teil des Projekts (Schritt 2 im
Forschungs design), der sich mit Machine Learning befasst,
arbeiten unsere Kolleg*innen am KCL noch mit unseren
annotierten Datensätzen, die im Zuge von Trainings-
prozessen die Grundlage für unsere KI-Modelle bilden
werden. Eine große Herausforderung für die Modelle ist,
dass – abgesehen von einigen offensichtlichen Begriffen
(wie „Gier“ oder „Zionazis“) – die sprachlichen Unter-
schiede zwischen antisemitischen und nicht-antisemitischen
Beiträgen oft graduell sind. Dies gilt insbesondere für
israelbezogene Diskussionen. Darüber hinaus können
Kommentare, die dem Antisemitismus entgegenwirken
oder ihn bekämpfen wollen, also Gegenrede, oft selbst
antisemitische Wendungen aufgreifen, um sie entweder
als antisemitisch zu kennzeichnen oder ihren Inhalt in
Frage zu stellen. Gleiches gilt für ironische Äußerungen,
die eine antisemitische Idee zurückweisen oder diese
auf subtile Weise wiedergeben können. Entsprechende
Feinheiten müssen auch von unserer künstlichen Intelligenz
„gelernt“ werden.
Mögliche Ansätze sind Support-Vektor-Maschinen,
logistische Regression und neuronale Netze. Insofern werden
unterschiedliche Modelle für einzelne Antisemitismusmarker
oder antisemitische Konzepte kombiniert und anschließend
einer überwachten Feinabstimmung unterzogen.
Wir möchten uns bei Flip Jansen von der HTW Berlin für
seine Unterstützung in allen Fragen rund um KI und Machine
Learning bedanken.
2. Zusammenfassung
1 – Da es sich bei
Stereotypen um Phäno-
mene handelt, die auf
der konzeptionellen,
d. h. mentalen Ebene
existieren und über der
Sprache reproduziert
werden können, werden
Stereotype gemäß den
Konventionen der kogni-
tiven Linguistik in KAPI-
TÄLCHEN angegeben.
1. Dieser Bericht zeigt die Breite, Vielfalt und Anpassungsfähigkeit des Anti-
semitismus im Internet. Zwei grundlegend unterschiedliche Diskursauslöser
in verschiedenen Ländern – der Corona-Gesundheitspass in Frankreich und
die Prozesse gegen ehemaliges KZ-Personal in Deutschland – lösten ein
ebenso unterschiedliches Repertoire an antisemitischen Äußerungen aus.
Dennoch gab es auch Parallelen: Eine gemeinsame Tendenz zeichnet sich
durch die Relativierung, Verharmlosung und Trivialisierung des Holocaust
aus, sowie durch die Verbindung antisemitischer Konzepte mit Kritik an
staatlicher Macht und staatlichem Verhalten.
2. Auf der französischen Seite wurden insgesamt 4.246 Facebook- und
Twitter-Kommentare im Zusammenhang mit dem Gesundheitspass analysiert.
Der Anteil antisemitischer Äußerungen stieg von 3 auf 15 %, als sich die
Diskussion auf die Strafverfolgung einer Demonstrantin verlagerte, die
prominente französische Jüd*innen beschuldigte, für dessen Einführung
verantwortlich zu sein.
3. Die häufigsten antisemitischen Konzepte waren die leugnung von antisemitis-
mus1 und kritiktabu. Diejenigen, die argumentierten, der Vorwurf der Demons-
trantin sei antisemitisch, wurden als böswillige Panikmacher*innen abgetan,
die im Namen der politischen Elite die Meinungsfreiheit einschränken wollten.
Andere bestätigten den Vorwurf und argumentierten, dass Jüd*innen in der
französischen Elite „überrepräsentiert“ seien.
4. Die Internetnutzer*innen verglichen die Maßnahmen der französischen
Regierung zur Bekämpfung von Corona häufig mit jenen der Nazis und die
Demonstrant*innen mit Jüd*innen. Dabei positionierten sich die Kommenta-
tor*innen durch eine Verharmlosung des Holocausts als Opfer.
5. Die beiden antisemitischen Szenarien, von denen das eine die Demons-
trant*innen gegen Jüd*innen verbündet und das andere jene mit ihnen
identifiziert, bestätigen die Wandelbarkeit des antisemitischen Diskurses:
Einmal werden Jüd*innen mit Macht gleichgesetzt und ein anderes Mal
ihr Leiden ausgenutzt.
6. Auf der deutschen Seite wurden insgesamt 3.780 Kommentare zu Prozessen
gegen ehemaliges KZ-Personal in Deutschland ausgewertet, von denen
25 % antisemitische Konzepte enthielten. Bei fast allen antisemitischen
Kommentaren handelte es sich um Formen des sogenannten sekundären
Antisemitismus.
7. Das häufigste antisemitische Konzept war das der schuldabwehr. Nutzer*innen
versuchten, die Angeklagten – und damit das deutsche Volk im Allgemeinen
– von der Verantwortung für den Holocaust freizusprechen. In Kommentaren
wurde behauptet, dass selbst SS-Offiziere keine Wahl für ihr Verhalten
hatten.
8. Nutzer*innen forderten einen schlussstrich unter der Vergangenheit, um
ein makelloses Bild der deutschen Nation und Familie (wieder-)herzustellen.
In mehreren anderen Kommentaren wurde versucht, die Schuld herunter-
zuspielen, indem zeitgenössische politische Szenarien oder (angebliche)
Verbrechen mit dem Holocaust verglichen wurden, wodurch letzterer
relativiert wurde.
9. Die Analyse zeigt, dass die Bemühungen der deutschen Gesellschaft um
eine Aufarbeitung und Bewältigung der Vergangenheit unzureichend bleiben.
Der vermeintlich breite Konsens in Deutschland über die NS-Verbrechen weist
erhebliche Lücken auf. Hier Abhilfe zu schaffen, sollte eine vordringliche
Aufgabe sein.
3. Antisemitismus bei
Demonstrationen gegen
den Gesundheitspass in
Frankreich Im August 2021, als Europa mit einem Anstieg der Corona-Fälle kämpfte,
gehörten die französischen Behörden zu den ersten, die einen „Gesundheits-
pass“ (passe sanitaire) einführten, der von allen Personen ab 12 Jahren den
Nachweis einer Impfung oder eines negativen Tests verlangte, um Zugang
zu vielen öffentlichen Orten (Bars, Kulturstätten, Einkaufszentren usw.) zu
erhalten. Es kam zu großen Protesten, die einen Angriff auf die Freiheit
und diskriminierende Maßnahmen gegen Ungeimpfte anprangerten.
Die Demonstrationen waren jedoch von Anfang an von antisemitischen
Äußerungen und Slogans geprägt, wie z. B. der Verwendung von Holocaust-
Bildern, um gegen die Impfpflicht zu protestieren, oder der Behauptung
einer jüdischen Verschwörung. Eine Lehrerin mit rechtsextremer Gesinnung,
Cassandre Fristot, wurde in Metz wegen eines Schildes mit der Aufschrift
„ABER WER?“ [„MAIS QUI?“] verhaftet, auf dem die Namen mehrerer
jüdischer Persönlichkeiten und ihrer angeblichen Unterstützer*innen standen
(siehe Abbildung1). Die rhetorische Frage „WER?“ [„QUI?“] verbreitete
sich im Internet als ein antisemitisches Codewort, das Andeutungen auf
zwielichtige jüdische graue Eminenzen hinter der Corona-Pandemie und den
Impfkampagnen macht (Audureau 2021). Fristot wurde im Oktober 2021
zu einer sechs monatigen Bewährungsstrafe verurteilt.
Abbildung1 – Antisemitisches
Plakat von Cassandre Fristot am
7. August 2021 in Metz („Die
Staatsanwaltschaft Metz hat eine
Untersuchung eingeleitet und die
Licra hat Anzeige erstattet, nach-
dem eine Demonstrantin während
einer Demonstration gegen den
#Gesundheitspass ein antisemiti-
sches Plakat gezeigt hat“)
11
Decoding Antisemitism
Unser Korpus umfasst 4.246 Kommentare, die in den
Kommentarbereichen der Facebook- und Twitter-
Seiten der folgenden Mainstream-Medien gesammelt
wurden: Le Monde, Le Figaro, Libération, Le Parisien,
L’Express, Le Point, Marianne, L’Obs, Le Journal du
Dimanche, France Bleu, Marianne, und Valeurs
Actuelles. Das Korpus ist chronologisch nach vier
wichtigen Aspekten geordnet: die Umsetzung des
Gesundheitspasses (5.–7. August 2021), Berichte
über antisemitische Plakate bei den Protesten
(7.–18. August), die Verhaftung und die gegen
Fristot eingeleiteten Ermittlungen (8.–10. August)
und ihr anschließender Prozess und das Urteil
(September–Oktober). Abbildung 2 zeigt den
Anteil der antisemitischen und nicht-antisemitischen
Kommentare in den vier Subkorpora. Antisemitische
Kommentare sind in den Threads, die auf die Einfüh-
rung des Gesundheitspasses in Frankreich reagieren,
kaum vorhanden. Sobald jedoch den Berichten
über antisemitische Zeichen und dem Fall Fristot
Aufmerksamkeit geschenkt wird, steigt die Zahl der
antisemitischen Kommentare.
Anteil der antisemitischen Kommentare in der Subkorpora
4. Prozess und Urteil
1. Umsetzung*
3.89 %
2. Berichte
15.85 %
3. Verhaftung und Ermittlungen
16.03 % 15.64 %
Antisemitisch
Ja Nein
Abbildung 2 – Anteil der anti-
semitischen Kommentare in den
vier Subkorpora (*Im Teilkorpus
„Berichte“ erschienen die anti-
semitischen Kommentare in einem
Thread, in dem einige Nutzer*innen
– wahrscheinlich dieselbe Person
unter verschiedenen Pseudonymen
– wiederholt dieselben Kommentare
abgab).
3. Antisemitismus bei Demonstrationen gegen den Gesundheitspass in Frankreich
Wie in Abbildung3, dargestellt, scheinen die drei Hauptaspekte dieselben antisemitischen Konzepte auszulösen, wenn auch
in unterschiedlichem Maße, wie in den folgenden Abschnitten dargestellt wird.
LA VT NaV NaAE ME KT HR NaNA LA VT NaV NaAE ME KT HR NaNA
Häufigkeit der Konzepte in den Subkorpora
4. Prozess und Urteil (15.64 %)
1. Umsetzung* (3.89 %) 2. Berichte (15.85 %)
3. Verhaftung und Ermittlungen (16.03 %)
Konzepte
Leugnung von Antisemitismus (LA) Verschwörungstheorien (VT)
Nicht-antisemitische Verschwörungstheorien (NaV)
Nicht-antisemitischer Antielitismus (NaAE)
Macht/Einfluss (ME) Kritiktabu (KT) Holocaust-Relativierung* (HR)
Nicht-antisemitische Nazi-Analogie* (NaNA)
15 %
10 %
5 %
0
15 %
10 %
5 %
0
LA VT NaV NaAE ME KT HR NaNA
Concepts
LA VT NaV NaAE ME KT HR NaNA
Abbildung3 – Prozentuale Verteilung der Konzepte in
den vier Subkorpora (*Im Teilkorpus „Berichte“ kamen
sowohl HR als auch NaNA in einem Thread vor, in dem
einige Nutzer*innen – wahrscheinlich dieselbe Person
unter verschiedenen Pseudonymen – wiederholt diesel-
ben Kommentare abgaben).
13
Decoding Antisemitism
3.1 Verschwörungstheorien
Eine häufige Reaktion auf die Medienberichterstattung über
die Ereignisse ist entweder die leugnung von antisemitismus
oder seine Verharmlosung. Einige Nutzer*innen drückten
ihre scheinbar echte Verwunderung darüber aus, dass ein
einfacher Satz wie „Aber wer?“ einen antisemitischen Sub-
text enthalten könnte. Andere hingegen unterstellten eine
böswillige Absicht hinter den Antisemitismusvorwürfen und
wiesen diese zurück (was eine Leugnung des Antisemitismus
impliziert), nur um anschließend antijüdische Stereotype zu
bestätigen bzw. zu verstärken. Hier konzentrieren wir uns auf
die Verbindung zwischen einerseits dem Gefühl der Viktimi-
sierung im Zusammenhang mit Antielitismus und andererseits
Verschwörungstheorien im Allgemeinen, die zu antisemiti-
schen Weltanschauungen führen können.
Die Befürwortung des o.g. Plakats wird auf unterschiedliche
Weise zum Ausdruck gebracht. Einige Nutzer*innen nehmen
eine antielitäre Haltung ein und erklären, dass die Angriffe
auf jüdische Persönlichkeiten ausschließlich aufgrund ihrer
Zugehörigkeit zur Elite erfolgten – und ignorieren dabei die
Tatsache, dass sie größtenteils nichts gemeinsam haben,
außer ihrer jüdischen Abstammung:
Andere gehen noch weiter und sagen, dass die Namen
auf den Schildern nur die vermeintliche Realität wider-
spiegeln, wonach Jüd*innen die Welt kontrollieren würden.
In einem Kommentar wird diese „Überrepräsentation“
jüdischer Persönlichkeiten unter den Mächtigen mit Ironie,
insbesondere durch das Emoticon „Lügengesicht“, ange-
prangert: „Während sie in den Medien, in der Wirtschaft
und in der Politik tatsächlich nicht überrepräsentiert sind.
[„Alors qu’ils nont, en effet, aucune sur-représentation
dans les médias, les milieux économiques et les milieux
politiques.
”] (TW-LEMON[20210810]).
In einigen Kommentaren wurde eine direkte Verbindung
zwischen Antielitismus und antisemitischen Verschwörungs-
theorien hergestellt. Nutzer*innen verwenden das Stereo-
typ der jüdischen macht, sowohl um den Antisemitismus des
Plakats zu leugnen – indem sie implizieren, dass der Vorwurf
des Antisemitismus nur eine Instrumentalisierung sei, um die
Aufmerksamkeit von den wirklichen Problemen abzulenken –
als auch um das Plakat zu verteidigen, indem sie den Wahrheits-
gehalt der Behauptung unterstreichen, dass die erwähnten
Personen viel Macht haben. Im folgenden Kommentar kann
man sich zum Beispiel fragen, ob es sich um die Schuldigen
für die Gesundheitskrise handelt, oder um einen allgemeinen
Hinweis, dass Juden immer die Schuldigen seien: „Und wo
hast du Antisemitismus gesehen, es ist nicht meine Schuld,
dass die Schuldigen Hebräer sind“ [„Et où as tu vu un anti-
sémitisme ce n’est pas de ma faute si les coupables sont
hébraïques“] (FB-LEPOI[20211008]). Interessant ist, dass das
Wort „Juden“ nicht erwähnt wird, sondern die Nutzer*in ein
Synonym als Absicherungsstrategie wählt.
„Antisemitisch? Ich sehe
nur die Namen derer, die diese
Elite bilden, die das Volk
verachtet. Lügen, Korruption,
Interessenkonflikte,
Manipulation: das ist es,
was sie gemeinsam haben!“
[„Antisémite ? Je ne vois que les noms de ceux
qui composent cette élite qui méprise le peuple.
Mensonges, corruption, conflits d’intérêts, mani-
pulation : voilà leurs points communs !”]
(TW-VALEU[20210808]).
Andere stellen die Verbindung zu einer potenziell nicht-
antisemitischen Verschwörung her. Nicht jede Verschwö-
rungstheorie ist im Kern antisemitisch, aber der Kontext
der Debatte um ein antisemitisches Plakat – und hier das
Codewort einer „kosmopolitischen Oligarchie“ in Bezug
auf Jüd*innen – macht den antisemitischen Charakter
des folgenden verschwörungstheoretischen Kommentars
deutlich:
Einige Nutzer*innen bringen ihre antisemitische Welt-
anschauung insbesondere hinsichtlich einer angeblichen
jüdischen Verschwörung deutlich zum Ausdruck – bspw. durch
die folgende generische Aussage: „Jeder weiß, dass die
Juden alles befehlen“ [„tout le monde sait que les juifs com-
mande 2 touts“] (FB-MONDE[20211008]), oder „Man könnte
meinen, dass es ihre Schuld ist, dass all diese hoch rangigen
Leute Juden sind !!! lmao“ [„A croire que cest de sa fautes a
elle si tout ses gens haut placer sont juif !!! mais mdrrrr“]
(FB-NOUVE[20211008]). Indem sie ihre antisemitische Aussage
als allgemeingültige Wahrheit präsentieren, verschaffen sich die
Verfasser*innen dieser Kommentare den Status einer Autorität,
der darauf abzielt, etwaige Gegenargumente abzuwehren.
3.2 Kritiktabu
Der Topos des kritiktabus, ob explizit oder implizit eingebettet in
breitere Verschwörungsnarrative, ist ein wesentlicher Bestandteil
des antisemitischen Diskurses. Aufbauend auf einer vagen Paro-
die des liberalen Ethos der Meinungsfreiheit werden Jüd*innen
als eine mächtige Elite dargestellt, die von einem komplizen-
haften oder ängstlichen Establishment geschützt werde. Im
französischen Kontext wird dieses Argument oft im Zusammen-
hang mit einer angeblichen Entwicklung des Landes zur Diktatur
vorgebracht: „Der Staat übernimmt alles! [...] Bald gibt es keine
Redefreiheit mehr, egal ob der Impfstoff wirksam ist oder nicht,
brauchen wir bald einen Pass um unsere Meinung äußern zu
dürfen“ [„Létat prends le pouvoir sur tout! […] Bientôt plus de
libre expression, vaccin efficace ou pas un Pass pour vivre ça!”]
(FB-NOUVE[20211008]). Als eine andere Nutzer*in versucht,
auf die Situation in realen autoritären Regimen wie Russland
oder China hinzuweisen, wird er/sie mit einer pessimistischen
Prognose konfrontiert: „Keine Sorge, in 5 Jahren sind wir auch
auf deren Niveau!!!“ [„t’inquiète encore 5 ans et on sera a leur
niveau!!!”] (FB-LEPAR[20211006]). Gelegentlich richtet sich die
Kritik auch gegen Präsident Macron und die Regierungspartei
LREM: „Die Meinungsfreiheit existiert in Frankreich – es sei
denn, wir kritisieren Macron und seine Freunde... Freiheit nach
LREM“ [„La liberté d’expression existe en France – mais il est
interdit de critiquer MACRON et ses amis ………la liberté vue
par La REM“] (FB-NOUVE[20211008]). In der Tat wird Macron
„Man sollte den Antisemitismus
oder den Rassismus nicht mit
dem Hass auf die kosmopolitischen
Oligarchen verwechseln, denen
es nicht unangenehm ist, uns
ständig daran zu erinnern, dass
sie die Eigentümer des Planeten
sind, dass sie Präsidenten stellen
oder absetzen, dass sie mit
Nahrungsmitteln, seltenen Erden
und Land spekulieren und die
Staaten dank ewiger Schulden
kontrollieren“
[„Il ne faut pas confondre l’anti sémitisme ou
le racisme avec la détestation des oligarques
cosmopolites qui n’éprouvent aucune gène à
nous rappeler sans cesse qu’ils sont les
propriétaires de la planète, qu’ils font ou défont
des présidents, qu’ils spéculent sur la nourriture,
les terres rares, le foncier et contrôlent les états
grâce à la dette perpétuelle“]
(LEFIG[20211008])
2 – Gemäß den Kon-
ventionen der kognitiven
und pragmatischen
Linguistik haben wir die
Rechtschreib-, Interpunk-
tions- und Grammatik-
fehler nicht korrigiert.
3. Antisemitismus bei Demonstrationen gegen den Gesundheitspass in Frankreich
15
Decoding Antisemitism
in antisemitischen verschwörungstheorien häufig so dargestellt,
als sei er aufgrund seiner früheren Beschäftigung bei der Roth-
schild-Bank von imaginierten jüdischen Interessen verbunden.
Auch andere Länder werden in der Debatte genannt: Die
USA mit ihrer Tradition der absoluten Meinungsfreiheit werden
positiv hervorgehoben; umgekehrt wird Deutschland als eine
quasi Orwell’sche Dystopie konzeptualisiert, in welcher der
kleinste Fehltritt, wenn man sich auf Jüd*innen bezieht, einen ins
Gefängnis bringen oder man sogar „gelyncht“ werden könne
(FB-VALEU[20211006]).
Die Idee der Angst steht im Mittelpunkt des topos kritiktabu:
In der verschwörungstheoretischen Weltanschauung ist die
Gesellschaft gespalten in eine unterworfene ängstliche Masse
und eine Handvoll mutiger Wahrheitsverkünder*innen. Die
Wiederholung von Verben wie „wagen“ in solchen Diskursen
verdeutlicht den unterstellten Mut, den es brauche, um die
angebliche jüdische Elite überhaupt beim Namen zu nennen.
Anlässlich der Verhaftung von Cassandre Fristot beklagt sich
eine Internetnutzer*in: „Endlich traut sich mal jemand...“
[„Pour une fois que quelqu’un ose…”] (FB-NOUVE[20211008]).
Eine andere Nutzer*in meldet sich zu Wort: „Sie wagt zu
sagen, was wir uns nicht trauen. Die Wahrheit stört [die Men-
schen] in diesem Land“ [„Elle ose ce que nous n’osons pas.la
vérité gêne dans ce pays“] (FB-LEPAR[20211006]).
Es ist selten, dass die Nutzer*innen jüdische Gemeinden
und Einzelpersonen direkt erwähnen: Um deren angeblich
privilegierten Status zu unterstreichen, verwenden sie häufig
religiöse Verweise auf das „auserwählte Volk“: „Die Mei-
nungsfreiheit ist tot, wenn es um die Auserwählten geht.
Leck mich am Ar***“ [„la liberté d expression est morte
face a
l elu mon Q“] (FB-MONDE[20211006]). Einige bezie-
hen sich
auf die „verbotene Gemeinschaft“ [„communauté
interdite“] (TWITT-MONDE[20210810]). Es gibt aber auch
ausdrückliche und unverhohlene antisemitische Äußerungen:
„Juden sind unantastbar und die Menschen beginnen, das
zu verstehen“ [„Les juifs sont intouchables et les gens
commencent à le voir“] (TWITT-MONDE[20210810]).
Die verwandten Leitmotive der jüdischen macht und des kritik-
tabus existieren in einem Nexus. Das aussagekräftigste Beispiel
dafür ist ein apokryphes Zitat, das Voltaire oder Orwell zuge-
schrieben wird: „Wenn du wissen willst, wer dich beherrscht,
finde einfach heraus, wen du nicht kritisieren darfst.“ Obwohl
inzwischen bekannt ist, dass es von dem Holocaust-Leugner
Kevin Strom stammt (Weiss 2019: 73), taucht das Zitat in meh-
reren analysierten Threads immer wieder auf. Nutzer*innen
behaupten, der Begriff Antisemitismus sei nur erfunden worden,
um Andersdenkende zum Schweigen zu bringen: „dieser
Begriff wurde erfunden, um zu verhindern, dass man die
Schuldigen benennt, und um diejenigen zu verunglimpfen,
die es wagen, das überall herrschende Böse anzuprangern“
[„ce terme a été inventé justement pour qu’on évite de dire qui
est responsable et condamné ceux ou celle qui oserait dénon-
cer le mal régnant partout“] (FB-MONDE[20211006]).
Bei der Behauptung eines vermeintlichen kritiktabus gegen-
über Juden, wie in Abbildung4, dargestellt, greifen die
Nutzer*innen häufig zu Hyperbeln und Sarkasmus:
Abbildung4 – „Denken Sie nicht
einmal daran, eine Person jüdischen
Glaubens anzuschauen, denn unter
diesen Umständen werden Sie bald
als Antisemit abgestempelt!“
(FB-VALEU[20211006])
In einem anderen Kommentar, der zur Mobilisierung des
Volkes aufruft, ist jedoch ein echtes Gefühl der Panik zu
spüren: „Die Gegenrevolution wird für unser Überleben
dringend notwendig“ [„La contre-revolution devient urgente
pour notre survie“] (FB-MONDE[20211110]).
Wie der Vergleich des Auftretens dieses Topos in unseren
Subkorpora zeigt (siehe Abbildung3), wird das unterstellte
kritiktabu durch eine wahrgenommene Viktimisierung aus-
gelöst – wie etwa in der Fristot-Affäre. Aus dieser Perspek-
tive betrachtet, aktivieren ihre Verhaftung und strafrechtliche
Verfolgung das populistische Szenario einer mutigen
Whistleblowerin, die den Preis für ihren Mut zahlt.
3.3 NS-Analogie
Bisher haben wir gesehen, dass sich antisemitische Kommen-
tare im Zusammenhang mit den Demonstrationen gegen den
Gesundheitspass und dem Prozess gegen Cassandre Fristot
entweder auf antisemitische Verschwörungstheorien oder
auf den Topos des kritiktabus beziehen. Ein weiteres Konzept,
das die durch dieses Diskursereignis ausgelösten Facebook-
Threads prägt, ist die Analogie zwischen der französischen
Regierung und NS-Deutschland, deren Verbreitung in den
Subkorpora in Abbildung3 dargestellt wird.
Die NS-Analogie, die sich gegen die französische Regierung
richtet, ist nicht immer ein antisemitisches Konzept. Damit diese
Analogie antisemitisch ist, ist ein ausdrücklicher Bezug auf
Jüd*innen und/oder den Holocaust erforderlich. Infolge-
dessen wurde die nächste Bemerkung nicht als antisemitisch
angesehen: „der ‘Verfassungs’rat, Garant der Verfassung,
zeigt uns seine Unterwerfung unter die globalistische Anord-
nung des paSS, und dann die Diktatur“ [„le conseil ‘constitu-
tionel’ garant de la constitution, nous montre sa soumission a
l’injonction mondialiste du paSS, et donc a la dictature“]
(FB-MONDE[20210806]). Hier spielt die Nutzer*in auf den
Vergleich zwischen der französischen Regierung und den
Nazis durch das Wortspiel „paSS“ an, das den Gesundheits-
pass und die Nazi-SS miteinander verbindet.
3. Antisemitismus bei Demonstrationen gegen den Gesundheitspass in Frankreich
„Jeder, der sich der
Nazi-Wissenschaftsherrschaft
nicht fügt, wird verbrannt
und bald deportiert“
[„TOUTE PERSONNE QUI NE SE PLIE PAS À
LA DOMINATION DE LA SCIENCE NAZI SERA
BRULÉE ET SERA BIENTÔT MENÉE EN
DÉPORTATION“]
(FB-MARIA[20210805])
Da sich dieser Kommentar jedoch nicht allein auf Jüd*innen
oder den Holocaust bezieht, kann er nicht als eine Form
der holocaust-relativierung angesehen werden, wie es im
folgenden Kommentar der Fall ist.
In diesem Kommentar wird der Vergleich zwischen der
aktuellen Situation und der Nazizeit auf zwei Ebenen
gezogen. Einerseits vermittelt der Ausdruck „die Nazi-
Wissenschaftsherrschaft“ die Vorstellung, dass die französi-
sche Regierung mit der Einführung des Gesundheitspasses
wie die Nazis in den 1930er und 1940er Jahren handeln
würde. Andererseits impliziert die Aussage, dass jeder, der
gegen den Gesundheitspass ist, „bald deportiert“ werden
würde, einen Vergleich zwischen den Gegner*innen des
Gesundheitspasses und den unter dem Nazi-Regime
deportierten Jüd*innen. Daher stellt der Kommentar implizit
eine relativierung des holocaust dar. Darüber hinaus ergab
die Analyse, dass die antisemitische Analogie zwischen
der französischen Regierung und den Nazis immer nur die
relativierung des holocaust impliziert.
17
Decoding Antisemitism
Solche Kommentare wurden eingehender analysiert, um zu
sehen, wie der Bezug auf den Holocaust verbalisiert wird.
Auch wenn die Nutzer*innen dies auf unterschiedliche Art
und Weise zum Ausdruck bringen, ist all diesen Kommentaren
das Gefühl der Viktimisierung gemein, das die Nutzer*innen
vermittelt, wie der Kommentar zeigt: „ihr stuft uns als ‘no
vax’ ein, als ob wir die neuen Juden wären, die ausgegrenzt
werden sollen, denn ihr seid die neuen Nazis“ [„vous nous
étiquetez comme ‘no vax’ comme si nous étions les nouveaux
juifs à marginaliser, car vous êtes les nouveaux nazis“]
(FB-MARIA[20211020]). Hier präsentiert sich die Nutzer*in
als Teil einer Gruppe, die unter Label und Ausgrenzung leidet.
Sie sieht sich als Opfer der Maßnahmen der französischen
Regierung, was den Nutzer dazu veranlasst, Politiker als „die
neuen Nazis“ zu betrachten. Darüber hinaus vergleicht die
Nutzer*in die Label „no vax“ ausdrücklich mit den „Juden“
als von den Nazis verfolgte Gruppe („als ob wir die neuen
Juden wären, die ausgegrenzt werden müssen“). In einigen
Kommentaren wird dieses Gefühl der Viktimisierung mit einer
potenziellen Bedrohung für die Gegner des Gesundheitspas-
ses in Verbindung gebracht: „Jeder, der sich der Nazi-Wissen-
schaftsherrschaft nicht fügt, wird verbrannt und bald deportiert“
[„TOUTE PERSONNE QUI NE SE PLIE PAS À LA DOMINA-
TION DE LA SCIENCE NAZI SERA BRULÉE ET SERA BIENTÔT
MENÉE EN DÉPORTATION“] (FB-MARIA[20210805]).
Wie bereits erwähnt, spielt der Nutzer mit dem Verb „depor-
tiert“ auf den Holocaust an. Auch wenn Anspielungen diese
Analogie mehr oder weniger implizit vermitteln, wurden in
unserem Korpus auch explizite Vergleiche gefunden:
In diesem Kommentar vergleicht der Nutzer ausdrücklich
die Einführung des Gesundheitspasses in Frankreich mit
dem „Ahnenpass von 1933“. Der Ausdruck „copy / paste“
verstärkt ein unterstelltes analoges Verhältnis zwischen der
französischen Regierung und den Nazis und zwischen den
Gegner*innen des Gesundheitspasses und den Jüd*innen.
3.4 Resümee
Antisemitismus wurde von Nutzer*innen erfolgreich
in den antielitären Rahmen der Proteste gegen den
Gesundheitspass integriert. Er hat verschwörungs-
theoretische Perspektiven auf die aktuelle Krise
genährt, die durch den Topos des kritiktabus verstärkt
wurden. Dies beweist, dass Antisemitismus in seinem
Kern als fetischisierte, zwanghafte Machtkritik
funktioniert. Die relativierung des holocaust durch die
Analogie zwischen der Völkermordpolitik des Dritten
Reichs und den Corona-Maßnahmen der französischen
Regierung zeigt auch, wie Narrative über jüdisches
Leiden von bestimmten Protestierenden gekapert
wurden, um sich selbst als die „ultimativen Opfer“
zu positionieren. Diese semantischen Figuren
veranschaulichen perfekt den „paranoiden Stil“
(Hofstadter 1963), der die antisemitischen Diskurse
charakterisiert. Sie stellen eine Form der performa tiven
Viktimisierung dar, die die Eigengruppe durch
ein Gefühl der moralischen Dringlichkeit und der
gemeinsam erfahrenen Unterdrückung durch die
Fremdgruppe (Regierung, Gesundheits behörden,
schattenhafte globale Eliten usw.) eint.
„Nichts Beunruhigendes in einem
Gesetz zu finden, das ein copy /
paste des Ahnenpasses von 1933 ist,
ist das für sie normal?“
[„Par contre ne rien trouver d’alarmant
à une loi qui est un copié / collé du
Ahnenpass de 1933 ça cest normal pour eux ?”]
(FB-MONDE[20210810])
4. Strafverfolgung von ehemaligem
KZ-Personal in Deutschland
In Deutschland wurde im Jahr 2021 in drei Fällen Straf-
verfolgung gegen ehemaliges Personal von Konzentrations-
lagern eingeleitet. Diese Verfahren wurden bereits im Vorfeld
medial begleitet und fanden in der Öffentlichkeit größere
Aufmerksamkeit. Wir analysierten 3.780 Web-Kommentare
zu Berichten über diese Verfahren, die von deutschen Leit-
medien (FAZ, taz, Zeit, Spiegel, Süddeutsche Zeitung,
Bild and ntv) veröffentlicht wurden. Dazu gehörten auch
Kommentare, die auf den Websites der Medien sowie auf
deren Facebook- und Twitter-Profilen veröffentlicht wurden.
Da das Thema Schuld und Verantwortung für den Holocaust
in der deutschen Gesellschaft historisch besonders aufgela-
den ist und nach wie vor für erhebliche öffentliche Diskussio-
nen sorgt, wurden die Kommentare qualitativ und quantitativ
ausgewertet, wobei der Fokus sowohl auf der allgemeinen
Position zu den Prozessen als auch auf dem spezifischen
Umgang der Nutzer*innen mit dem Schuldbegriff lag. Die
in diesem Korpus enthaltenen Artikel wurden zwischen dem
8.Februar 2021 (Anklageerhebung gegen einen ehemali-
gen KZ-Wachmann) und dem 7. Oktober 2021 (Beginn
des Prozesses gegen diesen Wachmann) veröffentlicht.
4.1 Sekundärer
Antisemitismus
Die Berichterstattung erfuhr viele antisemitische Reaktionen
und diese gehören überwiegend zum sekundären Antisemi-
tismus.3 Dieser wird sekundär genannt, weil sein Fokus auf
der Entlastung von Schuld am Holocaust liegt und er erst im
Zusammenhang damit gegen Jüd*innen gerichtet ist.
3 – S. dazu u.a.
Rensmann 2004,
Bergmann 2010,
Beyer 2015.
Das Wissen um die Verbrechen des Holocaust bzw. deren
Thematisierung verlangen, sich zu diesen zu positionieren.
In den NS-Nachfolgegesellschaften Deutschland und
Österreich (und dort, wo es Kollaboration mit den Nazis bei
der Ausführung des Holocaust gegeben hat) ist die Suche
nach Entlastung von Scham- und Schuldgefühlen der Täter-
generation und deren Nachfahren ein zentrales Motiv, das
auch weiterhin Aktualität besitzt. Dieses Motiv führte zu einer
Abwehrhaltung, die sich gegen Erinnerung, Gedenken und
die historischen Tatsachen selbst richtet, da diese für das
eigene Selbstbild als belastend erlebt werden können –
sowohl persönlich und im familiären Rahmen als auch hin-
sichtlich der Identifikation mit der eigenen Nation.
Die Topoi des sekundären Antisemitismus zielen darauf ab,
antisemitische Taten unsichtbar zu machen und antisemitische
Täter*innen zu schützen, indem Schuld abgewehrt und auf
ein Ende der Erinnerung gedrängt wird. Auch antisemitische
Einstellungen suchen sie zu schützen, indem der mit ihnen
verbundene Gewaltcharakter verschleiert wird. Im Zuge
dessen wird das Leiden der Opfer und ihrer Nachkommen
bagatellisiert oder negiert.
Die schuldabwehr kann zum einen über die Positionierung
zur Tatbeteiligung erfolgen: Durch eine Leugnung von Schuld
wird jede Beteiligung oder Verantwortung abgestritten.
Die Externalisierung geht – basierend auf einer Leugnung –
einen Schritt weiter und lenkt die Aufmerksamkeit auf andere
Akteur*innen, denen die Schuld zugewiesen wird. Bei der
relativierung von schuld wird schuldhaftes Verhalten grund-
sätzlich anerkannt, aber es wird versucht, den Schuldanteil
zu minimieren. Die Schuldabwehr kann sich auch auf den
Gegenstand der Schuld beziehen: Durch die Relativierung
und Leugnung des Holocaust oder des Antisemitismus wird
versucht, die Taten an sich umzudeuten oder für nicht existent
zu erklären.
19
Decoding Antisemitism
Erinnerungsabwehr kommt vor allem in Forderungen nach
einem schlussstrich, der für ein Ende jeglicher weiteren
Thematisierung steht, zum Ausdruck. Sie zeigt sich jedoch
auch im Stereotyp mahner, nach dem Jüd*innen die (deutsche)
Gesellschaft fortwährend mit dem Holocaust konfrontieren
würden und damit einer als erstrebenswert empfundenen
„unbeschwerten“ gesellschaftlichen Entwicklung ohne Ver-
antwortung für Holocaust im Wege stehen und die Möglichkeit
eines positiven Selbstbildes oder auch Nationalstolzes
verhindern würden.
4.2 Ergebnisse der Analyse
Grundsätzlich gab es ein weites Spektrum an Reaktionen.
Es reichte von Zustimmung zu den Prozessen über Kritik an
diesen (verspäteter Zeitpunkt der Verfahren, Möglichkeit
und Wirkung von Strafe, Vorwurf der „Symbolpolitik“) bis
hin zu 25 % antisemitischen Äußerungen (Abbildung5).
Es wurde kontrovers debattiert und die antisemitischen
Kommentare trafen auch auf Gegenrede. Strategien der
schuldabwehr stellen den weitaus größten Teil der antisemi-
tischen Äußerungen. Forderungen nach einem schlussstrich
sowie relativierungen des holocaust sind in einem geringeren
Maße aber ebenfalls prominent anzutreffen (Abbildung6).
25 %
75 %
Antisemitisch
Ja Nein
Abbildung5 – Anteil der
antisemitischen Kommentare
im Korpus
Häufigkeit der Konzepte im Korpus
15 %
10 %
5 %
0
SA SF HR
Konzepte
Schlussstrichforderungen (SF)
Holocaust-Relativierung (HR)
Schuldabwehr (SA)
Abbildung6 – Prozentsatz der
antisemitischen Begriffe im Korpus
4. Strafverfolgung von ehemaligem KZ-Personal in Deutschland
Dieser Kommentar behauptet wie viele andere, dass das
Handeln der KZ-Mitarbeiter*innen alternativlos gewesen
wäre. Über eine Relativierung von Schuld wird letztere also
abgewehrt: Entweder man folgte dem Regime ausnahmslos,
was eine Arbeit im KZ beinhaltete oder erfuhr selbst Viktimi-
sierung. Infolgedessen sind die Möglichkeiten individuellen
Handelns und folglich die Verantwortlichkeit limitiert und
damit einer moralischen Bewertung entzogen, sodass jed-
wede Mittäterschaft an den Morden in Konzentrationslagern
als entschuldbar erscheint bzw. in Abrede gestellt wird.
Zudem wird die schuldabwehr eingangs und abschließend
mit einer Forderung nach einem schlussstrich artikuliert.
Wie verankert dieses Narrativ im Diskurs ist, machen
vor allem Vorwürfe der Ahistorizität deutlich, welche in
Erscheinung treten, sobald der Versuch unternommen wird,
die wie oben falsch dargestellten Handlungsspielräume
des KZ-Personals argumentativ zu entkräften:
„weil man heute inzwischen
ein völlig falsches Bild von der
Zeit hat. Für mich ist der Skandal,
dass sich nach 75 Jahren jemand
erdreistet über damalige Gescheh-
nisse urteilen zu wollen“
(SP-FB [20210226])
Abbildung7 – Beispiel für SCHULDABWEHR
(SP-FB [20210226])
21
Decoding Antisemitism
Über die implizite Behauptung, dass eine moralische sowie
juristische Beurteilung von Straftaten nur zum Zeitpunkt
vollzogen werden kann, an dem diese begangen werden,
bestreiten solche Kommentare jedwede Legitimation der
Prozesse und nehmen ebenso eine Relativierung der Schuld
zugunsten der Beschuldigten vor. Die Relativierung kann so
weit gehen, dass einfach der Zweck eines KZ ausgeblen-
det und das Mitwirken an den Verbrechen zu einer davon
abgespaltenen alltäglichen und unproblematischen Tätig-
keit umgedeutet wird: „die Frau hat ihren Dienst gemacht...
nicht mehr und nicht weniger“ (B-FB[20210717]). Den
inhaltlich-konzeptuellen Dimensionen können musterhaft
Realisierungen auf der sprachlich-kommunikativen Ebene
zugeordnet werden. So werden die antisemitischen Kon-
zepte der schuldabwehr teils mittels rhetorischer Fragen
realisiert: „Welche Taten hat eine Sekretärin vollbracht?“
(B-TW[20210930]). Denn zum einen offerieren diese die
Sicherheit einer Interpretation als legitime Frage im Falle
einer Zurückweisung der antisemitischen Geltungsansprüche
und ermöglichen so zum anderen, die jeweilige antisemi-
tische Sichtweise implizit zu kommunizieren. In diesem Fall
wird jegliche Mittäterschaft bezweifelt und damit die Schuld
geleugnet. Selbst in Bezug auf einen SS-Angehörigen
finden vergleichbare rhetorischen Fragen mit Zweck der
Leugnung von Schuld Verwendung: „Seine Opfer?
Was hat er sich als Wachmann zu Schulden kommen las-
sen? Wissen Sie das schon?“ (W[20210801]). Ferner fin-
den ironische Äußerungen Verwendung, welche über indi-
rekte Argumentationsstrukturen eine Unverhältnismäßigkeit
jener Prozesse zum Ausdruck bringen sollen: „Als nächstes
bitte auch die Wachtürme und Zäune anklagen?¬タヘ♂
(B-FB[20210930]). Die augenscheinliche Widersprüchlich-
keit einer solchen Äußerung impliziert, dass die KZ-Sekretä-
rin an den Verbrechen ebenso unbeteiligt wie Gegenstände
gewesen wäre und sucht auf Basis dieser Ausführung ad
absurdum, indirekt die Schuld zu relativieren, den Prozess
lächerlich zu machen und dessen Legitimität anzugreifen.
schuldabwehr kann auch trotz Anerkenntnis der Nazi-
Ver brechen und der Zustimmung zu Strafverfolgung dieser
Taten auftreten. Mittels Externalisierung – in diesem Fall
durch das Verengen der Schuld auf den Kreis der sogenann-
ten Haupttäter– werden hier Täter*innen, die keine Befehls-
gewalt hatten, weitestgehend von der Verantwortung für
ihren Anteil freigesprochen. Damit werden all diejenigen in
Schutz genommen, die für das Funktionieren der Verfolgung
und Vernichtung unverzichtbar waren:
„Jetzt beginnt man mit
der gründlichen juristischen
Aufarbeitung und findet nur
noch die kleinen Rädchen im
Greisenalter vor. Das ist für mich
der eigen tliche Skandal. Eine junge
Frau, die als Sekretärin tätig war,
ein Hilfskoch usw, alle haben
einen Tatbeitrag sicher geleistet,
aber der ist verschwindend,
im Vergleich zu dem der Juristen,
KZ-Ärzten usw.“
(W[20210801])
Antisemitische Äußerungen können durch vielfältige Stra-
tegien abgesichert werden – hier erneut durch die vorder-
gründige Anerkenntnis der Nazi-Verbrechen, um ihr Anlie-
gen – in diesem Fall Forderungen nach einem generellen
schlussstrich – scheinbar legitimiert vorbringen zu können:
„Ja es war schlimm was im 3 Reich passiert war aber diese
Frau ist 96 Jahre lasst es gut sein!“ (SP-FB[20211005]). Der
Wunsch nach einem schlussstrich kann auch in Forderungen,
sich anderen, aktuellen Problemen zuzuwenden, oder Ver-
weisen auf das hohe Alter der Angeklagten, aufgrund des-
sen sie von Strafverfolgung ausgenommen werden sollten,
zum Ausdruck kommen: „Warum kann man ihn nicht einfach
nur in Ruhe lassen... glaub wir haben in der heutigen Zeit
andere Probleme wie Opas mit 100 Jahren auf das Bein
zu treten“ (SP-FB[20211007]). Hier wird zugleich über die
Bezeichnung „Opa“ und die Metapher eines körperlichen
Angriffs eine gewisse Sympathie für den Angeklagten zu
erzeugen versucht. Ironie kommt ebenfalls zum Tragen, wenn
der abgelehnten Strafverfolgung mittels eines übersteigerten
Szenarios Maßlosigkeit unterstellt wird: „schämen solltet ihr
euch. Eine 96 Jahre alte Frau. Vielleicht kann man ja noch
jemanden ausgraben und ab urteilen.“ (SP-FB[20210930]).
Die Empörung über den Prozess und die Ablehnung werden
auf vielfache Weise durch Bezüge zu tatsächlichen oder
vermeintlichen Missständen zu rationalisieren versucht – hier
durch einen in der Rechten populären Anti-Establishment-
Topos: „Unglaublich, was soll das? Im Bundestag sitzen
viele Kriminelle, darum sollte sich die Justiz mal kümmern!“
(B-FB[20211001]).
Daneben lassen sich Äußerungen ausfindig machen, welche
die historische Schuld der Deutschen zu negieren versuchen,
indem sie den Holocaust relativieren: „Wir sollten auch nicht
vergessen, was die Spanier und Portugiesen in Südamerika
gemacht haben…
4. Strafverfolgung von ehemaligem KZ-Personal in Deutschland
Dort wurden ganze Kulturen einfach mal so ausgelöscht...“
(SP-FB[20211005]). Indem andere historische Szenarien
vergleichend herangezogen werden, wird zum einen ver-
sucht, den Fokus des Interesses vom Holocaust abzulenken
und zum anderen, ihn in eine Vielzahl von Verbrechen ein-
zuordnen, wobei die Differenzen der jeweiligen historischen
Ereignisse (Verbrechen im Kontext des Kolonialismus und
Holocaust) ignoriert werden. Damit bestimmt sich der
Charakter des Holocaust nicht mehr als in der Menschheits-
geschichte einmalig, sondern im Gegenteil als beliebig. Infolge
dieser relativierung des holocaust werden alle Deutschen von
Verantwortung freigesprochen und dadurch wird abermals
implizit eine schuldabwehr postuliert. relativierungen des
holocaust traten insbesondere mit Bezug zur Corona-
Pandemie auf:
„man braucht ja nur aktuell
schauen, wie schnell die
Gesellschaft mit der Corona
Geschichte gespalten ist. […]
Wie schnell verurteilt wird,
alles geglaubt wird was
irgendwelche Politiker sagen,
anders denkende in die Rechte
Ecke geschoben werden, mit Angst
um den Arbeitsplatz freie
Meinungsfreiheit eingeschränkt
wird… Jede Zeit, jedes Land,
jede Epoche hat furchtbare
Verbrechen begangen.“
(SP-FB[20211007])
23
Decoding Antisemitism
Zunächst wird hier die gezielte Verfolgung von Jüdinnen und
Juden im Nationalsozialismus mit Verweis auf aktuelle gesell-
schaftliche Konflikte zu einem Interessengegensatz zwischen
gleichberechtigten Gruppen umgedeutet. Im abschließenden
Satz wird der Holocaust wie im vorhergehenden Beispiel in
einer Reihe von Verbrechen verallgemeinert. Die Ausdeh-
nung von Schuld auf die gesamte (historische) Menschheit
dient auch hier wieder der schuldabwehr.
Ebenfalls im Kontext von Corona wird – verbunden mit der
bereits bekannten schlussstrichforderung – die Notwendigkeit
formuliert, eher heutige Politiker*innen zu verurteilen. Deren
angebliches Verbrechen (die Politik zur Bekämpfung der
Pandemie) wiege schwerer als das einer Täterin im Holocaust:
„Eine Dame 96 Jahre alt ins
Gefängnis stecken. Ich weiss von
über 700 Politikern die das eher
verdient haben. Denn die waren
reif genug um das unrechte in
ihrem handeln zu erkennen.“
(B-FB[20211001])
4.3 Resümee
Diese Prozesse gehören zu den letzten, gegen ehemalige KZ-Mitarbeiter*innen gerichteten
Prozessen. Dementsprechend sind sie die letzten derartigen Diskursereignisse, zu denen die sich
daran anschließenden Debatten so unmittelbare Einblicke in frei formulierte Positionen in der
deutschen Gesellschaft geben können. Die Aufarbeitung der Ausführung und Hintergründe der
nationalsozialistischen Verbrechen und das Wissen um den Holocaust – und in diesem Fall insbe-
sondere der Schuld daran – erweisen sich angesichts der untersuchten Kommentare als ungenü-
gend. Vielmehr zeigt sich, dass der für die Perspektive auf diese Verbrechen angenommene breite
gesellschaftliche Konsens erhebliche Lücken aufweist: Die Abwehr von Schuld geht so weit, dass
sogar die spezifische Täterschaft verharmlost und die damit einhergehende Schuld in vielerlei Form
abgestritten wird. Die Solidarität der Nachfolge- mit der Täter*innengeneration, die sich in den
Versuchen zeigt, letztere zu entschuldigen, steht ebenso wie die Versuche der Verdrängung des
Holocaust aus der Erinnerung für eine fundamentale Empathielosigkeit mit den Opfern und für den
Wunsch, die historische Wahrheit zu vergessen bzw. ihr aus dem Weg zu gehen. Darüber hinaus
zeugt sie von der fehlenden Kompetenz, moralische und praktische Konsequenzen für das eigene
Handeln abzuleiten (und neue Formen von institutionalisiertem Unrecht und Verfolgung von
Minderheiten zu problematisieren bzw. zu verhindern).
Literaturverzeichnis Quellenverzeichnis
Audureau, William, 2021. Pancarte „Mais qui?”:
„Lantisémitisme auquel nous sommes confrontés avance
en oblique, il prend des detours.” Le Monde, 10. August.
https://www.lemonde.fr/les-decodeurs/arti-
cle/2021/08/10/pancarte-mais-qui-l-antisemitisme-au-
quel-nous-sommes-confrontes-avance-en-oblique-il-prend-
des-detours_6091082_4355770.html (letzter Zugriff am
9. Februar 2022).
Bergmann, Werner, 2010. Sekundärer Antisemitismus.
In: Benz, Wolfgang (Hg.), Handbuch des Antisemitismus.
Bd.3, Begriffe, Theorien, Ideologien. Berlin, Boston: de
Gruyter Saur, 300–302.
Beyer, Heiko, 2015. Theorien des Antisemitismus:
Eine Systematisierung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie
und Sozialpsychologie (67), 573–589.
Hofstadter, Richard, 1963. Anti-Intellektualismus im
amerikanischen Leben. New York: Knopf.
Rensmann, Lars, 2004. Demokratie und Judenbild.
Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik
Deutschland. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Rensmann, Lars/Salzborn, Samuel, 2021. Moderner
Antisemitismus als fetischisierter Antikapitalismus: Moishe
Postones Theorie und ihre historische und aktuelle Relevanz.
In: Antisemitism Studies, 5(1) (2021): 44–99.
Weiss, Bari, 2020. Wie man Antisemitismus bekämpft.
New York: Crown.
Deutsche Quellen
B-FB[20210717] Bild, July 17th, 2021, „Irmgard Furchner:
Frühere KZ-Sekretärin muss vor Gericht,”
https://www.facebook.com/bild/
posts/10160822638360730.
B-FB[20210930] Bild, September 30th, 2021,
„Prozess-Auftakt in Itzehoe: Angeklagte KZ-Sekretärin (96)
auf der Flucht,”
https://www.facebook.com/bild/
posts/10160981689420730.
B-FB[20211001] Bild, October 1st, 2021, „Nach Flucht
vor Prozessbeginn: KZ-Sekretärin (96) in U-Haft,”
https://www.facebook.com/bild/
posts/10160983491180730.
SP-FB[20210226] Spiegel, February 26th, 2021,
„Ehe malige KZ-Schreibkraft: Von ihrem Arbeitsplatz hatte
sie freien Blick auf das Krematorium,”
https://www.facebook.com/derspiegel/
posts/10159750156804869.
SP-FB[20210930] Spiegel, September 30th, 2021, „Prozess
gegen Ex-KZ-Sekretärin: 96-jährige nach Flucht verhaftet,”
https://www.facebook.com/derspiegel/
posts/10160250053824869.
SP-FB[20211005]
Spiegel, October 5th, 2021, „Nach Flucht
vor Prozess: 96-jährige Ex-KZ-Sekretärin aus U-Haft entlassen,”
https://www.facebook.com/derspiegel/
posts/10160258682659869.
SP-FB[20211007] Spiegel, October 7th, 2021,
„Brandenburg: Ehemaliger KZ-Wachmann im Alter
von 100 Jahren vor Gericht,”
https://www.facebook.com/derspiegel/
posts/10160262099424869.
W[20210801] Welt, August 1st, 2021, „100-jähriger
Wachmann aus KZ Sachsenhausen kommt vor Gericht,”
https://www.welt.de/politik/deutschland/
article232839589/Prozess-gegen-Wach-
mann-aus-KZ-Sachsenhausen.html.
25
Decoding Antisemitism
Französische Quellen
FB-MARIA[20210805] Marianne, August 5th, 2021,
„Passe sanitaire : le Conseil constitutionnel valide presque
tout, les anti-passe fulminent,”
https://www.facebook.com/Marianne.magazine/
posts/10165490120270445.
FB-MONDE[20210806] Le Monde, August 6th, 2021,
„Passe sanitaire : le droit, rien que le droit,”
https://www.facebook.com/lemonde.fr/
posts/10160232439582590.
FB-MONDE[20210808] Le Monde, August 8th, 2021,
„Une enquête ouverte après qu’une manifestante anti-passe
a brandi une pancarte antisémite à Metz,”
https://www.facebook.com/lemonde.fr/
posts/10160236725737590.
TW-VALEU[20210808] Valeurs Actuelles, August 8th, 2021,
“« Abjecte » : Gérald Darmanin condamne la pancarte
antisémite brandie lors d’une manifestation contre le passe
sanitaire,”
https://twitter.com/Valeurs/status/
1424464035324571651.
FB-VALEU[20210808] Valeurs Actuelles, August 8th,
2021, “« Qui ? » : une pancarte antisémite brandie à la
manifestation anti-passe sanitaire provoque l’indignation,”
https://www.facebook.com/valeursactuelles.page/
posts/3781982718569523.
LEFIG[20210809] Le Figaro, August 9th, 2021,
« Mais qui? »: que signifie ce slogan antisémite écrit sur les
pancartes de manifestants anti-passe sanitaire?,”
https://www.lefigaro.fr/actualite-france/mais-qui-que-sig-
nifie-ce-slogan-antisemite-ecrit-sur-les-pancartes-de-mani-
festants-anti-passe-sanitaire-20210809.
FB-NOUVE[20210809] Nouvel Observateur, August 9th,
2021, „Pancarte antisémite de Metz : la manifestante
interpellée,”
https://www.facebook.com/lenouvelobservateur/
posts/10165913328595037.
FB-MONDE[20210810] Le Monde, August 10th, 2021,
„Pancarte « Mais qui ? » : « Lantisémitisme auquel nous
sommes confrontés avance en oblique, il prend des détours »,”
https://www.facebook.com/lemonde.fr/
posts/10160240442397590.
TWITT-MONDE[20210810] Le Monde, August 10th, 2021,
„Pancarte « Mais qui ? »,”
https://twitter.com/lemondefr/status/
1425102458896977930.
FB-LEPAR[20210810] Le Parisien, August 10th, 2021,
„Pancarte antisémite à Metz : la garde à vue de Cassandre
Fristot prolongée,”
https://www.facebook.com/leparisien/
posts/10160344179239063.
FB-POINT[20210810] Le Point, August 10th, 2021,
„Paris: des pancartes antisémites signalées par la préfecture
de police,”
https://www.facebook.com/lepoint.fr/
posts/10158079317095703.
FB-MONDE[20211020] Le Monde, October 20th, 2021,
„Cassandre Fristot, la manifestante à la pancarte antisémite
« Mais qui ? », condamnée à six mois de prison avec sursis,”
https://www.facebook.com/lemonde.fr/
posts/10160379911707590.