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[en] (orig)
Fakultät für Ingenieurwissenschaften, Informatik und Psychologie
Institut für Datenbanken und Informationssysteme
Direktor: Prof. Dr. Manfred Reichert
Dissertation
zur Erlangung des Doktorgrades Dr. rer. nat.
der Fakultät für Ingenieurwissenschaften, Informatik und Psychologie
der Universität Ulm
Ein Rahmenwerk zur mobilen
Unterstützung therapeutischer Interventionen
vorgelegt von
Marc Schickler
aus Ulm
2018
Amtierender Dekan Prof. Dr.-Ing. Maurits Ortmanns
Gutachter Prof. Dr. Manfred Reichert
Prof. Dr. Thomas Probst
Tag der Promotion 26.11.2018
ii
für meinen Opa Rolf...
iii
iv
Vorwort
Die vorliegende Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als Doktorand am Institut für Da-
tenbanken und Informationssysteme der Universität Ulm. Die adressierten Problemstellungen
wurden im Rahmen des Forschungsprojekts MobileTx (Mobile Therapy Execution) identifiziert
und bearbeitet. Die Arbeit war darüber hinaus durch praktische Anforderungen und Fragestel-
lungen aus verschiedenen Teilprojekten mit externen Partnern geprägt. Als Resultat ist ein
innovatives Rahmenwerk für die flexible und mobile Unterstützung therapeutischer Interven-
tionen entstanden. An dieser Stelle chte ich mich bei allen Personen bedanken, die mich
während dieser spannenden Zeit begleitet haben und ohne deren Unterstützung diese Arbeit in
der vorliegenden Form nicht möglich gewesen wäre.
Mein herzlicher Dank gilt zunächst Herrn Prof. Dr. Manfred Reichert für die enge Betreuung
dieser Arbeit, seiner freundschaftlichen Unterstützung und seinem Einsatz als Doktorvater.
Ich danke ebenfalls Herrn Prof. Dr. Thomas Probst für die Übernahme des Koreferats sowie
seinen kreativen und innovativen Ideen für diese Arbeit. Darüber hinaus chte ich Herrn Dr.
Winfried Schlee für seine Hilfestellungen danken.
Ein ganz besonderer Dank gilt Herrn Dr. Rüdiger Pryss für seine unermüdliche Unterstützung,
unsere Freundschaft und seine grenzenlose Hilfsbereitschaft während meiner gesamten Promo-
tionszeit.
Weitere Freundschaften entstanden in dieser Zeit zu Dr. Johannes Schobel, Michael Zimoch,
Michael Stach, Tim Mohring und Kevin Andrews.
Ich chte mich auch von ganzem Herzen bei meiner Frau Caro bedanken, die mir während der
gesamten Promotionszeit den Rücken freigehalten, mich motiviert und unterstützt hat. Glei-
cher Dank gilt meiner Mutter, meinem Vater und meiner Schwester Tanja, ohne deren Rückhalt
all dies nicht möglich gewesen wäre. Darüber hinaus chte ich mich bei meiner Schwägerin
Nadine für das Korrekturlesen dieser Arbeit bedanken.
Zu guter Letzt chte ich mich bei meinen Freunden Tobias Wieder, Tobias Ebner, Micha-
el Knoblauch, Sven Gastrock, Kevin Kaiser, Marcel Angerer und Marc Schneidewind für die
Unterstützung und die motivierenden Worte in den letzten Jahren bedanken.
v
vi
Kurzfassung
Immer mehr Menschen leiden in der heutigen Zeit unter psychischen Erkrankungen, wie De-
pressionen oder Posttraumatischen Belastungsstörungen, die mithilfe therapeutischer Interven-
tionen im Rahmen einer Psychotherapie behandelt werden können. Die hierbei zur Anwendung
kommenden Interventionen hängen jeweils grundsätzlich von den zu Beginn der Therapie defi-
nierten Therapiezielen ab, und erstrecken sich teilweise über mehrere Sitzungen hinweg. Viele
Interventionen nutzen therapeutische Hausaufgaben, um die Zeit zwischen den Therapiesit-
zungen effizient zu gestalten bzw. eine bestmögliche Wirksamkeit der Intervention zu erzielen.
Hierbei spielt die korrekte Durchführung der Hausaufgabe eine große Rolle, d.h. diese sollte
einerseits im definierten Kontext (z.B. Zeit, Ort oder maximale Herzfrequenz) erfolgen und
andererseits entsprechend den Vorgaben des Therapeuten ausgeführt werden. Darüber hinaus
ist eine wahrheitsgetreue und lückenlose Rückmeldung (sog. Feedback) von Seiten des Patien-
ten über den Verlauf der Hausaufgabe essentiell, damit der Therapeut wichtige Erkenntnisse
hinsichtlich der Wirksamkeit der Hausaufgabe bzw. therapeutischen Intervention erhält. Auf-
grund fehlender technischer Lösungen ist es Therapeuten heute weder möglich, die Korrektheit
der durchgeführten Hausaufgabe zu überprüfen noch das direkte Feedback während oder im
Anschluss an die Hausaufgabe zu erfahren. Aber auch auf Seiten des Patienten fehlt eine maß-
geschneiderte technische Unterstützung, um eine kontinuierliche und angemessene Hausaufga-
bendurchführung gewinnbringend zu gewährleisten.
Die vorliegende Arbeit adressiert die erwähnten Aspekte und Anforderungen seitens der Thera-
peuten und Patienten durch Einführung eines umfassenden Rahmenwerks zur mobilen Unter-
stützung therapeutischer Interventionen. Die hierbei erarbeiteten Konzepte erlauben einerseits
eine robuste und flexible Ausführung therapeutischer Interventionen auf einem mobilen Endge-
rät des Patienten, andererseits ermöglichen sie deren flexible Modellierung und Konfiguration
durch den Therapeuten. Als weiteren Beitrag dieser Arbeit wurden Konzepte entwickelt, die
durch den Einsatz von End-User Development Techniken den Therapeuten in die Lage ver-
setzen, das technische Management therapeutischer Interventionen ohne Einbeziehung eines
IT-Experten durchzuführen. Mithilfe eines umfangreichen Prototyps wurde das Rahmenwerk
schließlich validiert und in mehreren praktischen Projekten getestet. Letztere haben gezeigt,
dass das vorgestellte Rahmenwerk einen erheblichen Beitrag in der aktuellen Gesundheitsfor-
schung leisten kann.
vii
viii
Inhaltsverzeichnis
I Problemstellung und Anforderungsanalyse 3
1 Einleitung 5
1.1 Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
1.2 Beitrag der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
1.3 Forschungsmethodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
1.4 Aufbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
2 Anforderungsanalyse 15
2.1 Szenarien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
2.1.1 Psychotherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
2.1.2 Physiotherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
2.1.3 Instrumentalunterricht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
2.2 Generalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
2.3 Projekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
2.3.1 TrackYourTinnitus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
2.3.2 Tinnitus Hearing Ability . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
2.4 Anforderungsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
2.4.1 Aktivitäten und Übungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
2.4.2 Ausführungskontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
2.4.3 Patientenfeedback . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
2.4.4 Benachrichtigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
2.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
3 Stand der Technik 75
3.1 Aktuelle Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
3.2 Existierende Technologien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
3.2.1 minddistrict . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
3.2.2 TelePsy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
3.3 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
II Grundlagen 85
4 Therapeutische Interventionen und Hausaufgaben 87
4.1 Allgemeiner Empfehlungsprozess therapeutischer Hausaufgaben . . . . . . . . . 88
4.1.1 Gemeinsame Entwicklung und Formulierung . . . . . . . . . . . . . . . . 89
4.1.2 Spezifische Vergabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
4.1.3 Annahme und Auseinandersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
4.1.4 Selbstständige Ausführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
4.1.5 Befragung des Patienten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
4.1.6 Erzählung der Erfahrungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
xi
Inhaltsverzeichnis
5 Prozessumgebung 93
5.1 Prozessmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
5.2 Prozesselemente für azyklische Graphen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
5.3 Prozesselemente für zyklische Graphen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
5.4 Teilprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
III Technische Lösung 107
6 Das Projekt MobileTx 109
7 Entwickelte Metamodelle 113
7.1 Metamodell für therapeutische Interventionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
7.2 Prozess-Metamodell für therapeutische Interventionen . . . . . . . . . . . . . . 115
7.2.1 Therapeutische Intervention . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
7.2.2 Therapeutische Hausaufgabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
7.2.3 Mobile Benachrichtigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
7.2.4 Ausführungskontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
7.2.5 Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
7.2.6 (Einfache) Patientenaktivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
7.2.7 Komplexe Patientenaktivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
7.2.8 Sensorische Messung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
7.2.9 Patientenfeedback . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
7.2.10 Multimediale Inhalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
8 Mehrstufiger Ebenenbasierter Mobiler Prozess 135
8.1 Hausaufgaben-Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
8.2 Übungs-Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
8.2.1 Patientenaktivitäten-Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
8.2.2 Sensorische Messungen-Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
8.3 Teilprozess-Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
9 Modellierung therapeutischer Interventionen 139
9.1 Allgemeine Definition der technischen Interventionsoperationen . . . . . . . . . 139
9.1.1 INSERT-Operation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
9.1.2 DELETE-Operation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
9.1.3 MOVE-Operation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
9.1.4 MODIFY-Operation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
9.2 Erweiterte Definition der Interventionsoperationen in den Modellierungsebenen 145
9.2.1 Hausaufgaben-Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
9.2.2 Übungs-Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
9.2.3 Teilprozess-Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
9.3 Grafische Modellierungssprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
10 Konfiguration und Ausführung therapeutischer Interventionen 187
10.1 Konfiguration mittels (Complex) Executable Components . . . . . . . . . . . . 187
10.1.1 Notification Executable Component . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
xii
Inhaltsverzeichnis
10.1.2 Patient Executable Component . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
10.1.3 Measurement Executable Component . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
10.1.4 Feedback Executable Component . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
10.1.5 Complex Executable Component . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
10.2 Ausführung therapeutischer Interventionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
IV Validation 197
11 Prototypische Implementierung 199
11.1 Albatros Server . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200
11.1.1 Datenstruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
11.2 Albatros Konfigurator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
11.2.1 Modellierung in der Übungs-Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
11.2.2 Detailkonfiguration in der Teilprozess-Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . 207
11.2.3 Darstellung des mobilen Prozesses in BPMN 2.0 . . . . . . . . . . . . . 208
11.3 Albatros Therapie Management Anwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
11.3.1 Behandlungsmodul Verwaltung einer Therapie bzw. Intervention . . . 210
11.3.2 Kontextmodul Verwaltung der Ausführungskontexte . . . . . . . . . . 211
11.3.3 Aktivitätenmodul Verwaltung der Patientenaktivitäten . . . . . . . . . 212
11.3.4 Medienmodul Verwaltung der multimedialen Inhalte . . . . . . . . . . 214
11.4 Albatros Smartphone Anwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
11.4.1 Android Anwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
11.4.2 iOS Anwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
11.4.3 Hybrid Anwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
11.4.4 Mobile Process Engine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
11.4.5 Mobile Sensor Framework . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
11.4.6 Kontexterfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
11.5 Albatros Smartwatch Anwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
11.5.1 Eingabe des Patientenfeedbacks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
12 Studie 237
12.1 Beschreibungsphase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
12.2 Modellierungsphase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
12.3 Analyse und Auswertung der Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
12.3.1 Material und Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
12.3.2 Deskriptive Statistik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
12.3.3 Explorative Statistik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
V Fazit 261
13 Zusammenfassung und Ausblick 263
Anhang 265
1
Inhaltsverzeichnis
2
Teil I
Problemstellung und
Anforderungsanalyse
3
1
Einleitung
Bereits 2001 veröffentlichte die World Health Organization (WHO) einen Bericht, der darauf
hinweist, dass jeder vierte Mensch weltweit im Laufe seines Lebens an mindestens einer psy-
chischen Erkrankung leidet. Zum damaligen Zeitpunkt waren bereits 450 Millionen Menschen
betroffen [O+01]. Neben Angststörungen gehört vor allem die Depression mit rund 268 Millio-
nen weltweit Betroffenen zu den am meisten verbreiteten seelischen Störungen, wodurch diese
entscheidend zum Global Burden of Disease (GBD)1beiträgt. Den wirtschaftlichen Schaden
beziffert die Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) auf rund 1,3
Billionen US-Dollar [who03] jährlich. Allein für Deutschland werden die jährlichen Kosten auf
bis zu 22 Milliarden Euro geschätzt [all11].
Für die Behandlung einer Depression, ebenso wie für andere psychische Störungen, stehen
heutzutage je nach Ausprägung und Schweregrad verschiedene störungsspezifische Therapie-
formen zur Verfügung, wie beispielsweise die Interpersonelle Therapie (IPT) [Kle03] und die
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) [HST08]. Diese erlauben eine zielorientierte Behandlung
einer Erkrankung im Rahmen einer zeitlich begrenzten Psychotherapie unter Anwendung un-
terschiedlicher wissenschaftlich anerkannter Methoden und Verfahren. Letztere unterscheiden
sich je nach Therapieform sowie adressierter Störung. Ein weiteres Differenzierungsmerkmal ist,
ob die Verfahren ausschließlich während einer Therapiesitzung angewendet werden oder auch
darüber hinaus, etwa zwischen den Sitzungen in Form von Aufgaben und Übungen im Rah-
men einer sog. therapeutischen Hausaufgabe. Gerade in der KVT, welche eine der verbreitetsten
und am umfangreichsten untersuchten Therapieformen ist, gelten therapeutische Hausaufgaben
als wesentlicher Wirkfaktor [BH02], um verhaltensbezogene Veränderungen beim Patienten zu
erzielen und zu manifestieren. Die geplanten und auszuführenden therapeutischen Aktivitä-
ten werden innerhalb einer Therapiesitzung vom Therapeuten gemeinsam mit dem Patienten
individuell geplant, jeweils unter Berücksichtigung von dessen spezifischen Therapiezielen.
Therapeutische Hausaufgaben spielen nicht nur in der KVT oder allgemein in der Psychothera-
pie eine wichtige Rolle, sondern auch in Therapien anderer Disziplinen, etwa der Physiotherapie.
Auch hier ist das Anwenden erlernter Techniken und Übungen in der Zeit zwischen den Thera-
piesitzungen ein elementarer Therapiebestandteil, um effizient eine Linderung der physischen
Beschwerden zu erzielen [LSS+02].
Ein grundlegender Aspekt für einen erfolgreichen und wirksamen Einsatz therapeutischer
Hausaufgaben ist deren korrekte und wie vom Therapeuten intendierte Ausführung durch
den Patienten, d.h. Letzterer sollte die getroffenen Vereinbarungen der Hausaufgabe einhalten
[MMR+10, KWZ+16]. Deren Nichteinhaltung gehört zu den am häufigsten genannten Gründen
1Quantifizierung von Krankheiten und Risiken mit dem Ziel Prognosen für eine weltweite Verbesserung der
Gesundheitszustände zu erstellen.
5
Kapitel 1 Einleitung
für das Abbrechen bzw. Scheitern einer KVT [HF04]. Die Ursachen für diese teils fehlende
Therapie- und Hausaufgabentreue, die sog. Hausaufgaben-Adhärenz (engl. Compliance) seitens
des Patienten, sind vielschichtig und auch bereits bekannt, jedoch stellt deren grundsätz-
liche Lösung sowohl die praktizierenden Therapeuten als auch die Forschung vor große
Herausforderungen.
Mithilfe mobiler Endgeräte, wie beispielsweise Smartphones, Tablets oder Wearables, lassen sich
diese Herausforderungen adressieren. So ermöglicht der Einsatz einer hausaufgabenspezifischen
mobilen Anwendung, einer sog. mHealth-Anwendung2[BTA+18, PRJ+18], einerseits das bisher
noch fehlende Monitoring3des Patienten während der Hausaufgabenausführung, um dadurch
Rückschlüsse auf mögliche Gründe der Nichteinhaltung zu erhalten; andererseits ist bei Bedarf
eine Anpassung der Hausaufgabe durch den Therapeuten auch außerhalb der Therapiesitzung
möglich. Darüber hinaus erlauben es mobile Endgeräte weitere wertvolle Informationen zu sam-
meln, etwa Sensor- oder Kontextdaten, die zur Erhaltung oder gar Steigerung der Wirksamkeit
einer therapeutischen Intervention beitragen können. Hierfür ist ein umfangreiches generisches
Konzept vonnöten, das die nahtlose Integration mobiler Endgeräte, unabhängig von der gewähl-
ten Therapieform, ermöglicht. Die Entwicklung eines solchen Rahmenwerks, welches sowohl den
Therapeuten bei der Erstellung, Konfiguration und Verwaltung mobiler therapeutischer Haus-
aufgaben als auch den Patienten während der Hausaufgabenausführung unterstützt, stellt das
primäre Ziel der vorliegenden Arbeit dar.
1.1 Hintergrund
Wie erwähnt sind die Ursachen einer fehlenden Hausaufgaben-Adhärenz vielschichtig und er-
fordern daher eine differenzierte Betrachtung, um die angestrebte flexible und mobile Unter-
stützung therapeutischer Interventionen adäquat zu adressieren. Mithilfe eines exemplarischen
Therapieszenarios, das in der gewählten abstrakten Form für verschiedene Therapieformen in-
frage kommt, werden grundlegende Aspekte und Missstände diskutiert, die durch den Einsatz
mobiler Endgeräte verbessert bzw. aufgelöst werden können.
Abbildung 1.1 zeigt eine vereinfachte Darstellung eines exemplarischen Therapieszenarios. Die-
ses beginnt in der Regel mit einem Unfall, einer Krankheit oder allgemein mit auftretenden
Beschwerden bei einer Person (vgl. Abbildung 1.1 1
). Da durch das reine Zuwarten keine
Linderung der Beschwerden auftritt, wendet sich die betroffene Person an einen Fachexperten,
etwa einen Therapeuten oder Arzt, der innerhalb der ersten Therapiesitzung meist mit einer
Anamnese und Diagnose beginnt (vgl. Abbildung 1.1 2
). Darauf aufbauend wendet der The-
rapeut im Rahmen einer therapeutischen Intervention verschiedene wirksame Methoden und
Techniken an, um eine Verbesserung des Gesundheitszustands herbeizuführen (vgl. Abbildung
1.1 3
). Noch während der Therapiesitzung erarbeitet und erläutert der Therapeut verschie-
dene Übungen, Aktivitäten und Aufgaben, die der Patient im Rahmen einer therapeutischen
Hausaufgabe in der Zeit bis zur nächsten Therapiesitzung ggf. mehrmals durchführen soll (vgl.
Abbildung 1.1 4
).
2Mobile Health (kurz: mHealth) ist ein Teilbereich des Electronic Health (eHealth), der sich mit tragbaren
elektronischen Geräten, wie Smartphones oder Tablets, beschäftigt.
3Überwachung und Erfassung von Vorgängen
6
1.1 Hintergrund
Person Patient Therapeut
Angst
Antriebslosigkeit
ckenschmerzen
Gelenkschmerzen
Verletzung
Physische
Beschwerden
Psychische
Beschwerden
Fachexperten
aufsuchen
Patient Therapeut
Nach Hause
gehen Zur nächsten
Therapiesitzung
Patient
Anamnese Diagnose
Erarbeitung und
Zuweisung
therapeutischer
Hausaufgaben
Anwendung
wirksamer
Methoden
Ausführung der Hausaufgabe
Schmerz Ängste
Erfahrung
Diskussion der
Hausaufgaben-
erfahrungen
Anpassung der
therapeutischen
Hausaufgabe
Zu Hause Während der Therapiesitzung Außerhalb der Therapiesitzung
1
2
3
4
6
7
8
9
5
Während der Therapiesitzung
Abbildung 1.1: Exemplarisches Therapieszenario ohne IT-Unterstützung
Deren Ausführung beginnt meist damit, dass sich der Patient zunächst einmal an seine Haus-
aufgabe erinnern muss und anschließend an deren einzelne Übungen und Anweisungen, wie
diese vom Therapeuten vorgegeben worden sind (vgl. Abbildung 1.1 5
). Im Anschluss beginnt
der Patient mit der Durchführung der Übungen (vgl. Abbildung 1.1 6
), wobei er währenddes-
sen oder im Anschluss daran verschiedene Eindrücke, Erfahrungen und Erkenntnisse sammelt
(vgl. Abbildung 1.1 7
). Beispielsweise kann es vorkommen, dass er eine Übung aufgrund von
Schmerzen oder Ängsten nicht durchführt oder die Bewältigung einer Aufgabe zu schwierig
ist (vgl. Abbildung 1.1 7
). Diese für den Therapeuten bzw. die Gestaltung der Interventi-
on äußerst wichtigen Informationen berichtet der Patient in der nächsten Therapiesitzung (vgl.
Abbildung 1.1 8
) in Form eines sog. Patientenfeedbacks. Basierend auf diesem Feedback erfolgt
die Anwendung weiterer Behandlungstechniken und ggf. eine Anpassung der therapeutischen
Hausaufgabe, die dann bis zur nächsten Therapiesitzung durchgeführt werden soll (vgl. Abbil-
dung 1.1 9
).
Anhand des in Abbildung 1.1 gezeigten idealen Szenarios lassen sich verschiedene Aspekte
und Eigenschaften identifizieren, die einerseits ursächlich für eine inkorrekte Ausführung der
therapeutischen Hausaufgabe sein können und andererseits Ansatzpunkte für eine sinnvolle
Unterstützung durch mobile Endgeräten darstellen. Diese Aspekte (d.h. die hier rot markierten)
werden im Folgenden erläutert:
Komplexe und missverständliche Hausaufgabenbeschreibung 4
:Für die kor-
rekte Ausführung einer therapeutischen Hausaufgabe ist oftmals eine Vielzahl an Infor-
mationen, d.h. Anweisungen (“Beginnen Sie mit.... Dann...”) oder Rahmenbedingungen
(“nur in einer ruhigen Umgebung”) notwendig, die den Patienten überfordern können oder
schlichtweg nicht nachvollziehbar für ihn sind. Des Weiteren kann eine unverständliche
7
Kapitel 1 Einleitung
Fachterminologie des Therapeuten zu Schwierigkeiten bei der späteren Hausaufgabenaus-
führung führen.
Zeitintensive Erklärungen 4
:Die Erläuterung und das Üben der teils komplexen
therapeutischen Hausaufgaben innerhalb der Therapiesitzung nimmt verhältnismäßig viel
Zeit in Anspruch, die dann für die Anwendung anderer Behandlungstechniken fehlt.
Erinnern an die therapeutische Hausaufgabe 5
:Ein elementarer Aspekt bei der
Hausaufgabendurchführung besteht darin, dass sich der Patient zunächst an den vom
Therapeuten spezifizierten Ausführungszeitpunkt erinnern muss, d.h. wann genau die
Hausaufgabe durchzuführen ist. Darüber hinaus muss er zudem alle Details für eine kor-
rekte Ausführung der Hausaufgabe kennen. Dies stellt für viele Patienten ein sehr großes
Problem dar, sodass die Hausaufgabe im Alltag oftmals vergessen wird.
Inkorrekte Ausführung der Übungen 6
:Aufgrund missverständlicher Informatio-
nen und Anweisungen bzw. vergessener Details der Hausaufgabe, kann es zu einer falschen
und sich ggf. negativ auswirkenden Ausführung der Übungen kommen, sodass die Wirk-
samkeit der therapeutischen Hausaufgabe nachteilig beeinflusst wird.
Unzureichendes und unvollständiges Patientenfeedback 7
8
:Ein äußerst wich-
tiges Instrument eines Therapeuten für die Einschätzung der Wirksamkeit einer Interven-
tion sind die Erfahrungen, Eindrücke und Informationen des Patienten, die er außerhalb
der Therapiesitzung, d.h. insbesondere bei der Ausführung seiner therapeutischen Haus-
aufgaben sammelt. Einige Patienten vergessen aufgrund der zeitlichen Distanz zwischen
Hausaufgabenausführung und nächster Therapiesitzung oftmals wichtige Details und Er-
fahrungen. Dies wiederum führt zu einem unvollständigen und somit unzureichenden Pati-
entenfeedback, das eine fehlerhafte Einschätzung des Therapeuten nach sich ziehen kann.
Eingeschränkte Anpassungsmöglichkeiten einer Hausaufgabe 9
:Neben einer
falschen Anpassung einer therapeutischen Hausaufgabe aufgrund eines unvollständigen
Patientenfeedbacks besteht ein weiterer Missstand darin, dass der Therapeut ausschließ-
lich innerhalb einer Therapiesitzung entsprechende Anpassungen (z.B. Änderung der
Übung, Anzahl der Wiederholungen) vornehmen kann. Falls Schwierigkeiten bei der Aus-
führung gleich zu Beginn des Zeitraums zwischen zwei Sitzungen auftreten, können diese
erst zu einem späteren Zeitpunkt ausgeräumt werden.
1.2 Beitrag der Arbeit
In der vorliegenden Arbeit wird für therapeutische Interventionen untersucht, inwiefern diese
und insbesondere die darin enthaltenen therapeutischen Hausaufgaben mit heutiger mobiler
Technologie, d.h. Smartphones, Tablets oder Wearables, unterstützt werden können, um die
Wirksamkeit einer Intervention zu steigern und somit das Therapieergebnis zu verbessern. Hier-
bei sollen Patienten von der Funktionsvielfalt heutiger mobiler Endgeräte profitieren, indem eine
interaktive Unterstützung der Hausaufgabenausführung realisiert wird. Darüber hinaus sollen
Therapeuten einerseits von einer flexiblen Konfigurierbarkeit der Hausaufgaben, auch außerhalb
von Therapiesitzungen, profitieren, andererseits sollen sie neue Erkenntnisse und Möglichkeiten
durch ein umfangreiches und unmittelbares Patientenfeedback erhalten. Das hierfür benötigte
Rahmenwerk, welches die verschiedenen Aspekte (vgl. Abschnitt 1.1) einer Therapie erfasst und
8
1.2 Beitrag der Arbeit
diese anschließend innerhalb eines umfangreichen Konzepts adressiert, stellt den Gesamtbeitrag
dieser Arbeit dar.
Um die einzelnen Teilbeiträge zu illustrieren, wird das bereits diskutierte Therapieszenario
(vgl. Abbildung 1.1) dahingehend erweitert, dass relevante Aspekte des Rahmenwerks hinzu-
gefügt werden. Entlang des Therapieszenarios werden wiederum die einzelnen Teilbeiträge im
Folgenden erläutert.
Patient Therapeut
Nach Hause
gehen
Patient
Anamnese Diagnose
Anwendung
wirksamer
Methoden
Ausführung einer interaktiven
Hausaufgabe
Während der Therapiesitzung Außerhalb der Therapiesitzung
Entspannung:
Zufriedenheit:
Hausaufg.
Therapeut
5
5
2
1
76
3
Konfiguration mobiler
therapeutischer Hausaufgaben
Kontextsensitive
Benachrichtigung des
Patienten
Umfangreiches digitales
Patientenfeedback
Adaption der Hausaufgabe
außerhalb der Therapiesitzung
Fachexperten
aufsuchen Zur nächsten
Therapiesitzung
Sensorische
Messungen
Person
Antriebslosigkeit
ckenschmerzen
Patient
Abbildung 1.2: Exemplarisches Therapieszenario mit IT-Unterstützung
Unterstützung des Patienten durch interaktive therapeutische Hausaufgaben auf
mobilen Endgeräten Der erste Beitrag der Arbeit betrifft die korrekte Ausführung interak-
tiver therapeutischer Hausaufgaben auf dem mobilen Endgerät des Patienten, z.B. unterstützt
durch ein Video. Hierzu müssen verschiedene Fragestellungen adressiert werden. Erstens ist
es notwendig, alle Ausprägungen therapeutischer Hausaufgaben zu erfassen und zu unterstüt-
zen, d.h. deren Aufbau, Inhalte und welche unterschiedlichen Anforderungen an diese gestellt
werden, geeignet abzubilden. Dadurch wird die in der Literatur geforderte Unterstützung des
Patienten durch verständliche und umfangreiche Inhalte adressiert (vgl. Abbildung 1.2 1
).
Zweitens wird ein Ansatz entwickelt, welcher einerseits den Patienten an die Ausführung mit-
tels einer Benachrichtigung erinnert und andererseits hierfür dessen Kontext (z.B. Zeit und
Ort) mit in Betracht zieht, sodass eine kontextsensitive Ausführung ermöglicht wird (vgl. Ab-
bildung 1.2 2
). Gerade die Benachrichtigung des Patienten ist ein in vielen wissenschaftli-
chen Arbeiten diskutierter Aspekt, um eine angemessene Hausaufgaben-Adhärenz zu erzielen
9
Kapitel 1 Einleitung
[MMR+10, CNB05]. Drittens wird ein Konzept entwickelt, das es erlaubt, therapeutische Haus-
aufgaben seitens des Fachexperten außerhalb der Therapiesitzung zu verändern, diese auf das
mobile Endgerät des Patienten zu übertragen und sie dann zwecks Ausführung zu starten.
Hierdurch lässt sich die Effizienz einer Intervention erhöhen, indem notwendige Änderungen
an der Hausaufgabe bereits vor der nächsten Therapiesitzung erfolgen können (vgl. Abbildung
1.2 3
). Viertens muss bei der Ausführung der Hausaufgabe auf dem mobilen Endgerät dafür
gesorgt werden, dass diese, wie vom Fachexperten intendiert (z.B. hinsichtlich Reihenfolge oder
Dauer einzelner Aufgaben), korrekt erfolgt.
Flexible und geführte Konfiguration therapeutischer Hausaufgaben durch den Fa-
chexperten Der zweite Beitrag der Arbeit betrifft die adäquate Unterstützung des Fach-
experten bei der Konfiguration und Verwaltung interaktiver therapeutischer Hausaufgaben.
Auch wenn in der Literatur empfohlen wird, gerade in der ersten Phase einer Therapie ein-
fache Hausaufgaben mit geringer Dauer zu verwenden, erhöht sich deren Komplexität in den
weiteren Therapiephasen. So kann etwa die Anzahl durchzuführender Aktivitäten steigen oder
deren Ausführung ist an bestimmte Voraussetzungen geknüpft. Um nun einerseits eine effiziente
Konfiguration einfacher Hausaufgaben zu ermöglichen, andererseits aber bei komplexen Haus-
aufgaben den Fachexperten anzuleiten, immer mit dem Ziel eine korrekte, d.h. vom Fachexper-
ten intendierte, Hausaufgabe zu erstellen, werden vom entwickelten Rahmenwerk verschiedene
Modellierungs- und Konfigurationsebenen unterstützt, in denen jeweils nur begrenzte Konfi-
gurationsfunktionen zur Verfügung stehen (vgl. Abbildung 1.2 4
). Wichtig ist jedoch, dass
die Konfigurationsvielfalt nicht eingeschränkt wird, d.h. weiterhin jegliche Art an therapeuti-
scher Hausaufgabe möglich ist. Schließlich wird der Ansatz durch eine spezifische und leicht
verständliche grafische Modellierungssprache unterstützt, welche die Modellierungs- und Kon-
figurationsebenen angemessen berücksichtigt. Die konfigurierte Hausaufgabe wird anschließend
auf das mobile Endgerät übertragen und ausgeführt (vgl. Abbildung 1.2 5
).
Bereitstellung eines umfangreichen und unmittelbaren Patientenfeedbacks Der
dritte Beitrag adressiert die adäquate Berücksichtigung eines umfangreichen und unmittelbaren
Patientenfeedbacks, um das heute oftmals vage und teils unvollständige retrospektive Feedback
zu verbessern (vgl. Abbildung 1.2 6
). Umfangreich bedeutet dabei, dass dem Fachexperten
neben den Antworten zu einem Feedbackfragebogen ausführliche Ausführungsdaten zur
Verfügung gestellt werden, d.h. protokollierte Informationen, wie Kontext, Zeitpunkt und
Dauer der Ausführung. Darüber hinaus werden bisher noch nicht verfügbare Informationen
(z.B. Vitalparameter) mittels sensorischer Messungen erfasst, die dann dem Patientenfeedback
hinzugefügt werden. Weiters erfolgt die Einholung des Patientenfeedbacks unmittelbar im
Anschluss an die Durchführung der Hausaufgabe, d.h. der Patient wird nach Durchführung
der letzten spezifizierten Aktivität aufgefordert, das Patientenfeedback abzugeben. Dieses
wird im Anschluss unmittelbar, unter der Voraussetzung einer vorhandenen Netzwerk- bzw.
Internetverbindung, an den Fachexperten übertragen. Dies führt dann ggf. zu notwendigen
Anpassungen an der Hausaufgabe.
Kontinuierliche Erfassung erweiterter und komplexer Patientendaten Der vierte
Beitrag befasst sich mit der Erfassung erweiterter Informationen im Kontext der Hausaufga-
benausführung, um diese dem Fachexperten zur Verfügung zu stellen, aber auch um auf dem
10
1.3 Forschungsmethodik
mobilen Endgerät spezifische Funktionen zu nutzen bzw. Aktionen auszulösen. Dies bedeutet
erstens, dass ein umfangreiches Konzept für die Erfassung sensorischer Messwerte bereitgestellt
wird, welches die verschiedenen internen und externen Sensoren heutiger mobiler Endgeräte
verwendet (vgl. Abbildung 1.2 7
). Das Konzept ist hierfür äußerst flexibel und hochgradig
konfigurierbar, um möglichst viele Sensoren zu berücksichtigen. Zweitens werden sensorische
Messungen in Kombination mit plattformspezifischen Diensten dazu verwendet, den aktuellen
Kontext zu bestimmen. Dieser wird anschließend zur Bestimmung des Ausführungszeitpunkts
und der damit verbundenen Benachrichtigung des Patienten genutzt, ebenso wie zur Überwa-
chung der Hausaufgabenausführung. Durch Letztere soll im Nachhinein nachvollzogen werden
können (z.B. von einem Therapeuten), in welchem Kontext die Durchführung der Hausaufgabe
jeweils erfolgte.
1.3 Forschungsmethodik
Im Rahmen der aktuellen Forschung zu Informationssystemen kommen vor allem die drei folgen-
den Forschungsmethoden zum Einsatz: Design Science,Natural Science [MS95] und Behavioral
Science [HMPR08]. Da sich der Design Science-Ansatz an bereits existierenden Technologien
orientiert [HMPR08], welche für diese Arbeit in Form der verwendeten Prozess-Management-
Technologie gegeben ist, wurde dieser Ansatz gewählt und als methodischer Rahmen der vor-
liegenden Arbeit zugrunde gelegt. Aus diesem Grund wird an dieser Stelle auf eine ausführliche
Diskussion der beiden anderen Forschungsmethoden verzichtet (vgl. [Wie14]). Für eine korrek-
te Untersuchung des Design Science-Ansatzes sind mehrere Aspekte zu berücksichtigen, die in
Form der sieben, in Tabelle 1.1 dargestellten, Leitlinien zusammengefasst sind und im Zuge der
vorliegenden Arbeit ihre Anwendung finden. Tabelle 1.1 zeigt neben den einzelnen Leitlinien
zudem deren konkrete Umsetzung.
1.4 Aufbau
Die vorliegende Arbeit besteht aus insgesamt fünf verschiedenen Teilen, deren Aufbau in Abbil-
dung 1.3 zusammengefasst ist. Teil I umfasst neben der Einleitung in das bearbeitete Themenge-
biet sowie der Beschreibung des adressierten Problems, eine ausführliche Anforderungsanalyse
und eine Diskussion des Stands der Technik. Im Teil II werden die für die Arbeit elementaren
Grundlagen hinsichtlich therapeutischer Interventionen und Hausaufgaben beschrieben sowie
weitere Grundlagen hinsichtlich der zum Einsatz kommenden Prozess-Management-Technologie
eingeführt. Teil III stellt das entwickelte Rahmenwerk zur flexiblen und mobilen Unterstützung
therapeutischer Interventionen vor, bevor sich Teil IV mit dessen Evaluation beschäftigt. Im
abschließenden Teil V wird die vorliegende Arbeit zusammengefasst sowie ein Ausblick auf
mögliche Anknüpfungspunkte und weitere Forschungsarbeiten gegeben.
11
Kapitel 1 Einleitung
PROBLEMSTELLUNG &
ANFORDERUNGSANALYSE
GRUNDLAGEN
TECHNISCHE LÖSUNG
VALIDATION
FAZIT
Kapitel 1 Einleitung
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
Kapitel 3 Stand der Technik
Kapitel 11 Prototypische Implementierung
Kapitel 12 Studie
Kapitel 6 Das Projekt MobileTx
Kapitel 7 Entwickelte Metamodelle
Kapitel 8 Mehrstufiger Ebenenbasierter Mobiler Prozess
Kapitel 9 Modellierung therapeutischer Interventionen
Kapitel 10 Konfiguration und Ausführung therapeutischer Interventionen
Kapitel 4 Therapeutische Interventionen und Hausaufgaben
Kapitel 5 Prozessumgebung
Kapitel 13 Zusammenfassung und Ausblick
Abbildung 1.3: Aufbau der Arbeit
12
1.4 Aufbau
Leitlinie Umsetzung
L1 Design des Artefakts Grundlegende Anforderungen für die flexible und
mobile Unterstützung therapeutischer Interventionen
werden hergeleitet und erörtert sowie daraus das Rah-
menwerk entwickelt. Letzteres stellt das Artefakt des
Design Science-Ansatzes dar, das u.a. die in Abschnitt
1.2 genannten Beiträge umsetzt.
L2 Problemrelevanz Die Problemrelevanz wird durch mehrere Fallstudien
sowie durch die Analyse und Diskussion verwandter
Arbeiten nachgewiesen.
L3 Design Bewertung Die verschiedenen Fallstudien werden in mehreren Zy-
klen durchgeführt, um das Artefakt iterativ zu entwi-
ckeln und zu verfeinern.
L4 Forschungsbeitrag Durch eine intensive Betrachtung des Stands der Tech-
nik wird der innovative Forschungsbeitrag des Arte-
fakts untermauert.
L5 Forschungsschlüssigkeit Die Forschungsschlüssigkeit ergibt sich einerseits aus
der Anwendbarkeit des Artefakts, andererseits aus den
angewandten Methoden für dessen Design. Durch ei-
ne umfangreiche prototypische Realisierung sowie der
praktischen Anwendung des Artefakts, wird eine solide
Anwendbarkeit nachgewiesen.
L6 Design als Suchprozess Entsprechend dem Design Science-Ansatz sollen bei
der Suche eines adäquaten Designs für das Artefakt
die in der Umgebung geltenden Regeln beachtet und
berücksichtigt werden. Dieses Vorgehen wird in der
vorliegenden Arbeit durch die explizite Berücksichti-
gung aktueller Prozess-Management-Technologie, mit
welcher die prozessorientierten therapeutischen Inter-
ventionen zum Einsatz kommen, umgesetzt.
L7 Kommunikation des
Forschungsbeitrags
Das Artefakt soll einerseits Fachexperten der unter-
schiedlichen Domänen und andererseits Nutzern bzw.
Endanwendern bekannt gemacht werden. Das Artefakt
wird auf mehreren wissenschaftlichen Konferenzen dis-
kutiert und durch verschiedene Publikationen den Fa-
chexperten vorgestellt. Mit Letzteren erfolgt darüber
hinaus eine Diskussion anhand praktischer Demos. Bei
der praktischen Anwendung des Artefakts interagiert
dieses hingegen mit dem Endanwender, um dessen An-
wendbarkeit zu ermitteln.
Tabelle 1.1: Leitlinien des Design Science-Ansatzes und deren Umsetzung
13
Kapitel 1 Einleitung
14
2
Anforderungsanalyse
Die flexible und mobile Unterstützung therapeutischer Interventionen, insbesondere die Assis-
tenz von Patienten bei der Durchführung therapeutischer Hausaufgaben, stellt aus mehreren
Gründen eine komplexe Aufgabe dar. Neben technischen Herausforderungen, wie beispielsweise
der kontinuierlichen Erfassung von Vitalparametern oder der kontextsensitiven Benachrichti-
gung des Patienten über eine bevorstehende Hausaufgabe, müssen therapierelevante Aspekte
präzise analysiert und berücksichtigt werden. Beispielhaft seien hier der Ablauf und Aufbau
einer Intervention genannt oder Eigenschaften, welche deren intendierte Wirksamkeit beeinflus-
sen. Insbesondere sollte geprüft und erörtert werden, welche Funktionen ein adäquates Konzept
unterstützen sollte und welche Randbedingungen es dabei zu berücksichtigen gilt. Trotz der Tat-
sache, dass ein möglichst generisches Konzept entwickelt werden soll, d.h. im besten Fall eines,
welches nicht nur therapeutische Interventionen unterstützt, sondern darüber hinaus weitere
Szenarien, die im Kontext der Hausaufgabenzuteilung und -durchführung stattfinden, gilt es
die Grenzen des zu entwickelnden Ansatzes genau zu analysieren.
Aufgrund dieser Aspekte wurden im Rahmen einer umfangreichen Analyse die einzelnen Anfor-
derungen an das Rahmenwerk erhoben. Hierzu wurden domänenübergreifend mehrere Fallstudi-
en durchgeführt (vgl. Abschnitt 2.1), die sowohl wichtige Erkenntnisse aus dem Therapiealltag
als auch spezifische Eigenschaften therapeutischer Interventionen identifizierten, insbesondere
im Hinblick auf die therapie- und interventionsspezifische Prozedur der Hausaufgabennutzung,
d.h. deren Verwaltung, Zuteilung und Durchführung. Basierend auf den hieraus gewonnenen
Erkenntnissen wird eine generalisierte Prozedur abgeleitet (vgl. Abschnitt 2.2), anhand derer
weitere Anforderungen für ein generisches Konzept definiert wurden. Weitere Erkenntnisse, vor
allem hinsichtlich der technischen Anforderungen, konnten durch aktive Mitarbeit an universi-
tätsübergreifenden Projekten, in denen die Unterstützung therapeutischer Interventionen durch
Informationssysteme konzipiert wurden, gewonnen werden (vgl. Abschnitt 2.3).
Die während der Anforderungsanalyse erhobenen funktionalen und nicht-funktionalen Anfor-
derungen an das entwickelte Rahmenwerk werden in Abschnitt 2.4 ausführlich diskutiert.
2.1 Szenarien
Dieser Abschnitt erläutert verschiedene Szenarien und Fallstudien, auf deren Basis die für die
Anforderungsdefinition notwendigen domänenspezifischen und domänenübergreifenden Abläufe
analysiert wurden. Bei der Auswahl der Szenarien wurden folgende Aspekte berücksichtigt:
In jedem Szenario existieren mindestens zwei unterschiedliche Akteure. Einer von ihnen
ist dafür verantwortlich mithilfe seines Wissens und Könnens gewisse Fähigkeiten bei
15
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
einem zweiten Akteur zu entwickeln oder aber, wie im Fall einer Therapie, bei diesem
eine Linderung oder gar Heilung von Beschwerden zu erzielen.
Bei der Wahl der Szenarien wurde bedacht, dass diese wiederkehrende, aber sich trotzdem
unterscheidende Abläufe besitzen, die zum Erreichen des jeweiligen Ziels durchlaufen wer-
den müssen. Dazu werden in allen Szenarien unterschiedliche Aktivitäten aller involvierter
Akteure in einer bestimmten Reihenfolge und ggf. mit spezifischen Abhängigkeiten und
logischen Verknüpfungen (z.B. wenn-dann) durchgeführt.
Alle Szenarien arbeiten explizit mit Hausaufgaben, d.h. zur Erreichung eines bestimmten
Therapie- bzw. Lernziels müssen spezifische Aktivitäten durchgeführt werden.
Um das Ziel einer IT-seitigen mobilen Unterstützung therapeutischer Hausaufgaben effi-
zient zu adressieren, wurde bereits vor Auswahl der Szenarien darauf geachtet, dass diese
ein gewisses Potential zur Integration mobiler Endgeräte aufweisen. Damit ist gemeint,
dass bereits vorab, unterstützt durch bestehende Forschungsarbeiten (vgl. Kapitel 3) in
Erfahrung gebracht wurde, dass einerseits sensorische Messungen (z.B. Herzfrequenz) be-
nötigt werden und andererseits die Notwendigkeit besteht, Hausaufgaben während ihrer
Ausführung von einem Therapeuten, Lehrer oder Betreuer ändern zu können.
Alle Szenarien sind auf ein korrektes, d.h. vollständiges und ehrliches, Feedback des Pa-
tienten angewiesen, um wirksam zu sein und mithilfe des bereitgestellten Feedbacks neue
Erkenntnisse zu erlangen, auf die wiederum später zurückgegriffen werden kann.
In allen Szenarien korreliert der Erfolg der angewandten Methoden stark mit der korrek-
ten und kontinuierlichen Durchführung der zugeordneten Hausaufgaben. Dies bedeutet,
dass ein inkorrektes Ausführen der Hausaufgaben einen negativen Einfluss auf den zu
erwartenden Fortschritt bzw. Erfolg innerhalb des betrachteten Szenarios hat.
Bei der Durchführung der drei Fallstudien bzw. der Untersuchung der verschiedenen Szenarien
wurde konsequent nach der in Abbildung 2.1 dargestellten Methodik vorgegangen. Anhand der
Erkenntnisse, die in jeder Phase gewonnen werden konnten, war es später möglich funktionale
und nicht-funktionale Anforderungen (vgl. Abschnitt 2.4) abzuleiten.
Experten-
gespräche Prozess-
Erhebungen
Erhebung
typischer
Aktivitäten
Analyse
spezifischer
Eigenschaften
Erarbeitung
möglicher
Optimierungen
Hospitation
Anforderungskatalog
Nicht-funktionale AnforderungenFunktionale Anforderungen
mehrfach mehrfach
Um Expertenwissen u.
Hintergrundinformationen
zu erhalten, wurden
mehrfach Gespräche und
Diskussionen mit
Experten geführt.
Um Einblicke in die
verschiedenen
Szenarien zu erhalten,
wurde Therapien bzw.
Unterrichtseinheiten
mehrfach beigewohnt.
Die spezifischen Abläufe
der unterschiedlichen
Szenarien wurden
aufgezeichnet und für die
Analyse aufbereitet.
Typische und wieder-
kehrende Aktivitäten
innerhalb der Szenarien
wurden extrahiert und
analysiert.
Um spezifische
Eigenschaften später
adressieren zu können,
wurden diese ausführlich
analysiert.
Mögliche Optimierungen
von Seiten der IT wurden
identifiziert, entwickelt
und kritisch diskutiert.
Abbildung 2.1: Ablauf der Fallstudien und Anforderungsanalyse
16
2.1 Szenarien
2.1.1 Psychotherapie
Die Psychotherapie umfasst die konsequente und methodische Behandlung unterschiedlicher
psychischer oder seelischer Störungen, d.h. krankhaften Beeinträchtigungen der Wahrnehmung,
des Denkens, Fühlens oder Verhaltens, unter Verwendung wirksamer Verfahren, Methoden und
Konzepte. Eine oftmals verwendete methodenübergreifende Definition der Psychotherapie lie-
fert [Str13]:
“Die Psychotherapie ist ein bewusster und geplanter interaktionaler Prozess zur Be-
einflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in einem Konsensus
(möglichst zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe) für behandlungsbedürf-
tig gehalten werden, mit psychologischen Mitteln (durch Kommunikation) meist
verbal, aber auch averbal, in Richtung auf ein definiertes, nach Möglichkeit gemein-
sam erarbeitetes Ziel (Symptomminimalisierung und/oder Strukturänderung der
Persönlichkeit) mittels lehrbarer Techniken auf der Basis einer Theorie des norma-
len und pathologischen Verhaltens. In der Regel ist dazu eine tragfähige emotionale
Bindung notwendig.”
In Deutschland leiden aktuell rund 27,8% der Erwachsenen an unterschiedlichen psychischen
Störungen bzw. Erkrankungen. Dies entspricht ca. 17,8 Millionen der betroffenen Menschen
[JHS+14]. Davon nehmen jährlich gerade einmal 18,9% (ca. 3,4 Millionen) Kontakt zu spe-
zialisierten Leistungsanbietern auf. Gemäß einer Studie zur Versorgungsforschung hinsichtlich
der spezifischen Rolle der Ärztlichen Psychotherapie [HSRS+11] verteilen sich Letztere auf acht
unterschiedliche Berufsgruppen (vgl. Abbildung 2.2a). Die innerhalb dieser Berufsgruppen an-
gesiedelten Fachärzte und Psychologen besitzen die Zulassung zur Heilkunde (Approbation)
und üben eine Psychotherapie im Sinne des Psychotherapeutengesetzes aus, d.h. die Diagnose
und Behandlung psychischer Störungen mittels wissenschaftlich anerkannter Verfahren und Me-
thoden der Psychotherapie [98]. Hierdurch findet eine klare und deutliche Abgrenzung zu Psy-
chologen (auch Diplom-Psychologen) statt, deren Fokus auf der wissenschaftlichen Forschung
im Rahmen der Psychologie liegt.
Die durch Fachärzte und Psychotherapeuten behandelnden Erkrankungen, die sog. psychischen
oder seelischen Störungen, sind weltweit mit die am weitesten verbreiteten Krankheitsbilder.
Zu diesen Störungen gehört beispielsweise die Depression, die den Affektiven Störungen zuge-
ordnet ist. Letztere kennzeichnet sich zum Beispiel dadurch, dass Personen sich einerseits in
negativen Gedankenschleifen verlieren oder andererseits von einem gehemmten Antrieb oder
gedrückter Stimmung berichten. Darüber hinaus sind lt. World Health Organization (WHO)
weltweit, neben den Depressionen mit ihren rund 300 Millionen Betroffenen, die Demenz mit
ca. 47,5 Millionen und die Schizophrenie mit ca. 21 Millionen am weitesten verbreitet [Wel17].
Nach einem Bericht der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychosomatik und Nervenheil-
kunde (DGPPN) gehören in Deutschland vor allem Angststörungen, welche sich durch exzessive
und übertriebene Angstreaktionen der Personen ohne tatsächliche Bedrohung äußern, und die
schon erwähnten Affektiven Störungen, die sich durch klinisch bedeutsame Veränderungen der
Stimmungslage kennzeichnen, zu den häufigsten psychischen Erkrankungen (vgl. Abbildung
2.2b) [dgp18].
Um die eben erwähnten psychischen Störungen wirksam und effizient durch Fachärzte und
Psychotherapeuten zu behandeln, werden im Rahmen verschiedener Psychotherapieverfahren
methodisch definierte Interventionen angewendet, die einen systematischen und verändernden
17
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
Einfluss auf die Störung nehmen sowie Bewältigungsfähigkeiten des Patienten aufbauen und
fördern [Bun17b]. Als Intervention wird innerhalb der Medizin jede aktive Form der Behand-
lung verstanden, die sich von einem reinen Ab- bzw. Zuwarten unterscheidet. Neben den in
diesem Abschnitt erwähnten psychotherapeutischen Interventionen werden dabei auch chirur-
gische oder medikamentöse Interventionen angewendet, um einen Krankheitsprozess positiv zu
beeinflussen.
(a) Verteilung von Psychotherapeuten in
verschiedene Berufsgruppen
(b) Häufigste psychische Störungen und Erkrankungen
in Deutschland
Abbildung 2.2: Psychotherapeutische Berufsgruppen und häufigste psychische Störungen [dgp18]
In Deutschland sind aktuell drei verschiedene Richtlinienverfahren für die Psychotherapie eta-
bliert, deren Kosten durch die ansässigen Krankenkassen erstattet bzw. gedeckt werden. Diese
unterscheiden sich hauptsächlich dadurch, wie das Auftreten psychischer Erkrankungen und
Störungen erklärt und mit welchen Methoden und Interventionen die psychischen Störungen
behandelt werden.
Alle drei beschriebenen Psychotherapieverfahren (vgl. Tabelle 2.1) sehen durchschnittlich zwei,
meistens 50 Minuten andauernde, Therapiesitzungen vor, in denen die psychotherapeutischen
Maßnahmen bzw. Interventionen angewendet bzw. trainiert werden. In vielen Fällen reichen
diese Therapiesitzungszeiten aber nicht aus, um die gewünschte therapeutische Wirksamkeit
einer Maßnahme zu erreichen. Daher ist es notwendig, verschiedene Aktivitäten, die im Rah-
men einer Intervention notwendig sind, vom Patienten außerhalb der Therapiesitzung in Form
therapeutischer Hausaufgaben durchführen zu lassen. Eine sehr häufig verwendete Definition
von therapeutischen Hausaufgaben lautet wie folgt [BK89]:
Therapeutische Hausaufgaben sind Aufgaben, die der Klient außerhalb des The-
rapiezimmers zwischen den Therapiesitzungen durchführt, um das in der Therapie
Gelernte einzuüben und zu vertiefen, auf seinen konkreten Lebensbereich zu über-
tragen oder Beobachtungsmaterial für die nächste Therapiesitzung zu sammeln.”
Die therapeutischen Hausaufgaben bzw. die darin vorgesehenen Aktivitäten und Aufgaben
werden dem Patienten während der Therapiesitzung vom Psychotherapeuten erläutert und ggf.
ausreichend geübt. Beispielsweise könnte eine Hausaufgabe im Rahmen einer Kognitiven Ver-
haltenstherapie (KVT) vorsehen, Pro- und Kontraargumente für eine Entscheidung zu notieren
und zu gewichten.
18
2.1 Szenarien
Name Therapiedauer Beschreibung
(Kognitive)
Verhaltenstherapie
25-80
Sitzungen, jeweils
1-2 pro Woche
Die Verhaltenstherapie basiert auf verschiede-
nen Lernprozessen. Dabei wird davon ausgegan-
gen, dass adäquate Denk- und Verhaltensweisen
erlernt werden können, um störungsbedingtes
Verhalten “zu verlernen” [Vet07]. Hierzu werden
dem Patienten entsprechende Techniken “antrai-
niert", um aktuelle, aber auch zukünftige Pro-
bleme zu verstehen bzw. beheben zu können.
Analytische
Psychotherapie und
Psychoanalyse
160-300
Sitzungen, jeweils
2-3 pro Woche
Im Gegensatz zur Verhaltenstherapie ist die Psy-
choanalyse eine aufdeckende Therapie, mit dem
Ziel das eigene Denken und die Gefühle zu ver-
stehen, um dadurch innere Konflikte aufzulösen.
Dabei werden bedeutende Konflikte besprochen
und erneut durchlebt. Es gibt hier kein ausfor-
muliertes Ziel, der Therapeut agiert eher passiv.
Tiefenpsychologisch
fundierte
Psychotherapie
25-100
Sitzungen, jeweils
1-2 pro Woche
Bei der tiefenpsychologisch fundierten Psycho-
therapie soll ein verdrängter “zentralen Kon-
flikt” identifiziert und die daraus resultierenden
Schwierigkeiten bewältigt werden. Im Gegensatz
zur Psychoanalyse bespricht der Therapeut kon-
krete Therapieziele und agiert dabei deutlich ak-
tiver während der Sitzung. Darüber hinaus steht
die gegenwärtige Situation des Patienten mehr
im Vordergrund.
Tabelle 2.1: Die drei Richtlinienverfahren der Psychotherapie
Bei der Vergabe der Hausaufgaben an den Patienten ist von Seiten des Therapeuten hilfreich,
sich an folgenden Punkten zu orientieren [FHL09], um einerseits eine “offizielle” und somit
für den Patienten bindende Vereinbarung einzugehen und andererseits Missverständnisse zu
vermeiden:
Was soll getan werden?
Wann soll es geschehen?
Wo soll es geschehen?
Wie lange soll(en) die Übung(en) dauern?
Wie häufig sollte(n) die Übung(en) ausgeführt werden?
Um den Verlauf einer psychotherapeutischen Behandlung zu erläutern und dabei sowohl die
Verwendung als auch den Nutzen therapeutischer Hausaufgaben zu verdeutlichen, wird in den
folgenden Abschnitten exemplarisch und vereinfacht eine Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
bei depressiven Störungen diskutiert. Hierbei wird angenommen, dass ein Patient verschiede-
ne Symptome der Störung, etwa Konzentrations- und Schlafprobleme oder ein vermindertes
Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, aufweist.
19
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
2.1.1.1 Involvierte Personen und Akteure
In dem in diesem Abschnitt beschriebenen Szenario einer KVT bei Depressionen sind typischer-
weise folgende zwei Akteure beteiligt:
Psychotherapeut: Der Psychotherapeut ist im Rahmen der KVT, aber auch in jedem
anderen Psychotherapieverfahren, dafür verantwortlich, die innerhalb der Therapie vor-
gesehenen therapeutischen Interventionen und Maßnahmen mit dem Patienten durchzu-
führen sowie deren Wirksamkeit über die gesamte Dauer der Psychotherapie zu überwa-
chen. In der nachfolgend erläuterten KVT kümmert sich der Therapeut beispielsweise
um eine ausreichende Verhaltens- und Problemanalyse sowie die Anwendung verschie-
dener notwendiger Maßnahmen und Strategien. Wie erläutert, ist ein Psychotherapeut
ein Mediziner oder Psychologe mit entsprechend abgeschlossener Psychotherapieweiter-
bildung, die ihn ermächtigt, psychische Störungen und Erkrankungen im Kontext einer
Psychotherapie zu behandeln.
Patient: Der Patient begibt sich aufgrund einer oder mehrerer gleichzeitig auftreten-
der psychischer Störungen in die Obhut eines Psychotherapeuten, um diese konsequent
und zielorientiert zu heilen oder zu lindern. Beispielsweise unterziehen sich Patienten
mit Angststörungen einer Psychotherapie, um die auftretenden Ängste abzulegen oder
die anhaltenden Symptome, wie z.B. Herzklopfen, Schwindel oder Atembeschwerden, zu
reduzieren.
Weitere Personen: Abhängig von der diagnostizierten psychischen Störung und den
für die Behandlung gewählten therapeutischen Strategien, sind neben dem Therapeuten
und Patienten u. U. weitere Personen aus dem Patientenumfeld involviert. Beispielsweise
erfordern verschiedene Strategien und Maßnahmen die aktive Auseinandersetzung und
ggf. auch Konfrontation mit Familienmitgliedern oder Freunden, um damit verbundene
Probleme und Ängste des Patienten zu lösen bzw. zu überwinden.
2.1.1.2 Ablauf
Um die Vorgehensweise und den Ablauf einer KVT bei Depressionen zu verdeutlichen, wird
auf deren einzelne Aktivitäten, Maßnahmen und Phasen genauer eingegangen. Der Ablauf und
Aufbau der Therapie wird in Abbildung 2.3 vereinfacht dargestellt. Hierbei dienten Auskünfte
verschiedener Psychotherapeuten und Patienten als Grundlage, um einerseits die Art der Me-
thoden und Strategien und andererseits deren Reihenfolge und Dauer innerhalb der KVT zu
bestimmen. Darüber hinaus zeigt Abbildung 2.3, an welchen Orten die jeweiligen Aktivitäten
durchgeführt werden sowie unter Verwendung welcher Hilfsmittel und Materialien.
Während der ersten Sitzung, die meist in einer psychotherapeutischen Praxis stattfindet, wird
zunächst im Rahmen der psychologischen Diagnostik ein ausführliches Screening durchgeführt.
Hierfür kommen standardisierte Fragebögen, sog. valide Instrumente zum Einsatz [Gun07], um
die exakte psychische Störung zu identifizieren. Im Fall des hier diskutierten Szenarios sind
dies, neben dem Gesundheitsfragebogen für Patienten (PHQ-D) (vgl. Abbildung 2.4a), dessen
Depressionsmodul PHQ-9 (vgl. Abbildung 2.4b).
20
2.1 Szenarien
Abbildung 2.3: Ablauf der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT)
Im Anschluss an das Screening und der Diagnose einer Major Depression1, erläutert der Psy-
chotherapeut dem Patienten ausführlich die diagnostizierte psychische Störung. Des Weiteren
gibt er ihm Informationen über mögliche Strategien und Maßnahmen, um die Erkrankung wirk-
sam und effizient zu behandeln. In diesem Szenario bedeutet dies, dass ihm der Aufbau und
Ablauf einer kognitiven Verhaltenstherapie erklärt wird.
Nachdem sich der Patient für die Durchführung einer kognitiven Verhaltenstherapie entschie-
den hat, folgt die sog. Probatorik (lateinisch: probare = (aus)probieren), d.h. jene anfängliche
Sitzungen, die noch vor dem eigentlichen Beginn der Psychotherapie erfolgen. Diese haben
beispielsweise das Ziel, vorab herauszufinden, ob eine harmonische und vertrauenswürdige the-
rapeutische Beziehung zwischen Psychotherapeut und Patient vorliegt bzw. aufgebaut werden
kann, um ggf. die Therapie abzubrechen oder einen anderen Psychotherapeuten aufzusuchen
[Ber16]. Darüber hinaus versucht der Psychotherapeut den Patienten zu motivieren, die Thera-
pie und die damit einhergehenden Strategien und Aufgaben konsequent durchzuführen, um die
ebenfalls in der Probatorik zu definierenden Therapieziele bestmöglich und schnellstmöglich zu
erreichen. Bei der Behandlung einer Depression können die Ziele wie Schuldgefühle abbauen,Lob
annehmen oder Perfektionismus abbauen sein. Ein weiterer wichtiger Aspekt innerhalb der Pro-
batorik ist die Durchführung einer Psychoedukation, d.h. die Vermittlung von wissenschaftlich
fundiertem Wissen an den Patienten, um Missverständnisse oder falsche Eindrücke bzw. Ein-
schätzungen hinsichtlich der Erkrankung, auszuräumen. Ebenso soll dadurch ein Optimismus
beim Patienten geweckt werden, der die Therapiemotivation fördern und mögliche Belastun-
gen (z.B. Angst, Scham, etc.) reduzieren soll [PWBK03]. Eine der wichtigsten Aktivitäten ist
aber die eigentliche Verhaltens- bzw. Problemanalyse, die eines der Kernkonzepte der KVT dar-
stellt [KS65]. Hierbei bestimmt der Psychotherapeut spezifische Merkmale, die ein vorliegendes
Verhalten des Patienten erklären. Ferner erörtert er, welche Konsequenzen und Faktoren dieses
besitzt. Hierbei dient meist das SORKC-Modell als Grundlage für die horizontale bzw. situative
Verhaltensanalyse [Kan77].
Unter der Voraussetzung, dass die meist fünf bis acht von den Krankenkassen erstattungsfähigen
probatorischen Sitzungen positiv verliefen, d.h. im engeren Sinne, dass alle Bedingungen für eine
erfolgsversprechende Psychotherapie erfüllt sind, beginnt im Anschluss die eigentliche Thera-
1Schwere Form der Depression mit Symptomen wie Schlaflosigkeit oder deutlichem Gewichtsverlust.
21
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
pie. Dabei wird zu Beginn jeder Therapiesitzung eine Agenda erarbeitet, in welcher der weitere
Therapieverlauf beschrieben und spezifiziert wird. Anschließend bespricht der Psychotherapeut
mit dem Patienten die Ergebnisse bzw. dessen Erfahrungen nach der Durchführung der in der
vorherigen Sitzung festgelegten therapeutischen Hausaufgaben. Hierbei wertet der Psychothe-
rapeut das vom Patienten zur Verfügung gestellte Feedback aus, das in mündlicher und, bei
Verwendung beispielsweise eines Tagebuchs, in schriftlicher Form vorliegen kann. Darauf basie-
rend passt der Therapeut dann u. U. die Therapie bzw. die darin angewendeten Strategien und
Methoden an und erläutert diese Anpassungen dann dem Patienten, um Missverständnissen
vorzubeugen.
(a) PHQ-D - Fragebogen für Patienten [phq18b] (b) PHQ-9 - Depressionsmodul [phq18a]
Abbildung 2.4: Valide Screening-Instrumente der Psychotherapie
Eine wirksame psychotherapeutische Strategie bei der Behandlung depressiver Störungen im
Rahmen einer KVT liegt vor, wenn zunächst am Aufbau positiver Aktivitäten für den Patien-
ten gearbeitet wird [HST08]. Dazu erhält der Patient eine Liste möglicher positiver Aktivitäten
(vgl. Abbildung 2.5). Hieraus kann er die Aktivitäten auswählen, welche für ihn positiv sein
könnten bzw. welche er früher als positiv erlebt hat. Gemeinsam mit dem Psychotherapeu-
ten wird dann ein Plan erstellt, welcher die vom Patienten gewählten Aktivitäten im Rahmen
einer therapeutischen Hausaufgabe beinhaltet. Hierbei wird darauf geachtet, dass die Aktivitä-
ten vom Patienten realistisch umsetzbar sind. Dabei werden, wie in Abschnitt 2.1.1 diskutiert,
neben den Zeitpunkten, der Häufigkeit und der Dauer auch die Lokalität (d.h. der Ort, an
dem eine Aktivität ausgeführt werden soll) klar definiert. Unter Umständen werden im An-
22
2.1 Szenarien
schluss verschiedene Aktivitäten vorab besprochen und angewendet bzw. geübt, um so eine
korrekte und somit wirksame Durchführung dieser zu gewährleisten. Dies kann beispielsweise
der korrekte Umgang mit einem sog. Stimmungstagebuch oder -kalender beinhalten. Auf dabei
auftretende Probleme oder Ängste aufgrund eines zu hohen Schwierigkeitsgrades kann somit
bereits während der Therapiesitzung reagiert werden.
Abbildung 2.5: Auszug aus der Liste positiver
Aktivitäten [Kir12]
In der Zeit zwischen den Therapiesitzungen
versucht der Patient die ihm zugeordneten
therapeutischen Hausaufgaben und die darin
spezifizierten Aktivitäten und Aufgaben best-
möglich und wie vom Psychotherapeuten in-
tendiert durchzuführen. Im hier diskutierten
Szenario beudeutet dies, dass der Patient täg-
lich zunächst das für ihn als positiv wahr-
genommene Hören einer Entspannungsmusik,
unter Zuhilfenahme der ihm zur Verfügung
gestellten Musik, für 15 Minuten durchführt,
um anschließend einen Spaziergang zu absol-
vieren dessen Dauer in diesem Fall mit einer
Distanz von ca. 8 km definiert ist. Als letzte
Aktivität dieser täglich zu erfüllenden therapeutischen Hausaufgabe ist das lückenlose Pro-
tokollieren der Erfahrungen aus den Aktivitäten in einem Tagebuch vorgesehen. Dies erfüllt
einerseits den Zweck, den Patienten aufgrund eines Fortschritts zu motivieren und andererseits
dem Psychotherapeuten qualitatives Feedback bei der nächsten Therapiesitzung zur Verfügung
zu stellen. Dies bedeutet, dass neben dem retrospektiven Feedback, d.h. dass ggf. auf lücken-
hafte Erinnerungen des Patienten beruht, auch detaillierte Informationen, die noch während
der Durchführung der therapeutischen Hausaufgabe gesammelt wurden, dem Therapeuten zur
Verfügung stehen. Auf Basis dieser Informationen können dann in der nächsten Therapiesitzung
wirksamkeitsrelevante Änderungen und Anpassungen an den Strategien und Hausaufgaben vor-
genommen werden.
2.1.1.3 Eigenschaften und Besonderheiten
Innerhalb des diskutierten Szenarios der kognitiven Verhaltenstherapie bei Depressionen, aber
auch generell innerhalb der Psychotherapie, existieren unterschiedliche Eigenschaften und Be-
sonderheiten im Hinblick auf die Nutzung und den Umgang mit therapeutischen Hausaufgaben.
Diese wurden im Rahmen mehrerer Experteninterviews mit Psychotherapeuten sowie ausführ-
lichen Gesprächen mit Patienten erörtert und anschließend analysiert.
Lokalität: Die Lokalität ist im Kontext psychotherapeutischer Hausaufgaben der tatsäch-
liche Ort, an dem die Hausaufgabe bzw. deren Aktivitäten vom Patienten durchgeführt
werden. Die Lokalität trägt hierbei je nach durchzuführender Aktivität unterschiedlich zur
Wirksamkeit der therapeutischen Hausaufgabe bei. Beispielsweise ist die Wirksamkeit der
in Abschnitt 2.1.1.2 erläuterten Aktivität Spazieren gehen merklich geringer, wenn diese
anstatt in einer ruhigen und entspannten Umgebung, etwa einem Wald oder Fluss, in
einem umtriebigen oder gar beängstigenden Umfeld, wie z.B. einem Industriegebiet, aus-
geführt wird. Dies hängt andererseits auch vom intendierten Ziel der Aktivität ab, denn
23
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
geht es wie im gerade erwähnten Beispiel nicht um Entspannung oder Stressreduktion,
sondern um die simple Bewegung des Patienten, spielt die Lokalität nur eine untergeord-
nete Rolle. Nichtsdestotrotz ist die Lokalität eine wichtige und durchaus zu beachtende
Eigenschaft von und für psychotherapeutische Hausaufgaben, sowohl für die Erhaltung
der Wirksamkeit als auch für deren Steigerung.
Zeitpunkt der Durchführung: Bei der Frage des optimalen Zeitpunkts der Durch-
führung einer psychotherapeutischen Hausaufgabe muss festgehalten werden, dass es, je
nach verordneter Aktivität, einerseits fix definierte Zeitpunkte gibt, d.h. der Psycho-
therapeut gibt exakt vor, dass die Aktivität täglich um 10 Uhr morgens durchgeführt
werden muss. Andererseits existieren Aktivitäten deren Durchführungszeitpunkte unab-
hängig von einer Uhrzeit oder einem Termin sind, sondern eher von Vorkommnissen,
Emotionen oder Situationen bestimmt werden. Als Beispiel für solch eine Aktivität kann
das Hören von Entspannungsmusik (vgl. Abbildung 2.3) herangezogen werden, welche
immer dann durchgeführt werden soll, wenn beim Patienten negative Gedanken aufkom-
men oder sich übermäßiger Stress einstellt. Eine weitere Alternative bei der Definition
eines optimalen Durchführungszeitpunkts ist jene, bei welchem der Psychotherapeut diese
dem Patienten überlässt und ihm ausschließlich die Vorgabe erteilt, die Aktivität in einer
bestimmten Häufigkeit durchzuführen, beispielsweise mindestens einmal am Tag (siehe
dazu auch Punkt Ausführungsfrequenz).
Ausführungsfrequenz: Die Ausführungsfrequenz bzw. Häufigkeit der Ausführung einer
psychotherapeutischen Hausaufgabe und deren Übungen ist ebenfalls eine wichtige Ei-
genschaft, die bei der Spezifikation der Hausaufgabe beachtet werden muss. Diese ähnelt
sehr stark dem bereits oben erwähnten Aspekt des Zeitpunkts der Durchführung, wobei
hier der Fokus mehr auf der Anzahl der Wiederholungen einer Aktivität innerhalb einer
Hausaufgabe liegt. Dies bedeutet, dass auch hier, je nach Art der Aktivität es hinsichtlich
deren Wirksamkeit vorteilhaft sein kann, diese mehrmals hintereinander durchzuführen.
Andererseits kann eine zu hoch oder zu niedrig gewählte Ausführungsfrequenz negati-
ve Auswirkungen auf die Wirksamkeit haben, weil der Patient dadurch überfordert sein
könnte und die Aktivität dann nur ungenügend durchführt oder diese abbricht.
Schwierigkeitsgrad & Intensität: Die vom Psychotherapeuten verordneten therapeu-
tischen Hausaufgaben können je nach Art, aber auch vor allem abhängig vom individuellen
Patienten und dessen psychischer Störung, einen unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad auf-
weisen. Dies bedeutet, dass ein und dieselbe Aktivität der eine Patient als nicht umsetzbar
empfindet, für einen anderen Patienten hingegen diese ohne Schwierigkeiten bewältigbar
ist. Beispielsweise kann im Fall der Angststörung Agoraphobie [Wes72], d.h. der Angst
vor bestimmten Orten oder Situationen, die Größe der Menschenmenge, ab welcher ein
Patient eine Angst oder ein Unbehagen verspürt, sehr unterschiedlich sein.
Hilfsmittel: Bestimmte Aktivitäten und Übungen im Rahmen psychotherapeutischer
Hausaufgaben erfordern die Verwendung bzw. Nutzung von Hilfsmitteln (z.B. Tagebuch
oder Musik). Diese gilt es bei der Erläuterung bzw. Vergabe der Hausaufgabe klar zu
definieren und, falls notwendig, dem Patienten zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus
muss in den meisten Fällen die korrekte Nutzung, wie beispielsweise im Fall eines täglich
zu verwendenden Stimmungstagebuchs (vgl. Abbildung 2.6a) oder eines Belohnungsplans
(vgl. Abbildung 2.6b), vom Psychotherapeuten exakt erklärt werden. Andernfalls kann
eine korrekte Durchführung der Aktivitäten nicht gewährleistet werden, wodurch ihre
24
2.1 Szenarien
intendierte Wirksamkeit negativ beeinträchtigt wird. Wird das Stimmungstagebuch nur
unvollständig oder aufgrund von Scham gar mit unwahren Angaben ausgefüllt, kann dies
dazu führen, dass der Psychotherapeut falsche Schlussfolgerungen zieht und als Konse-
quenz wiederum falsche, d.h. für den Erfolg der Psychotherapie sich negativ auswirkende,
Änderungen an der Therapie bzw. deren Strategien vornimmt. Die notwendigen Erklärun-
gen der Hilfsmittel können mitunter sehr umfangreich und dadurch zeitaufwändig sein,
was einerseits die eigentliche Therapie- bzw. Behandlungszeit verkürzt und andererseits
dazu führen kann, dass der Patient aufgrund der Komplexität und Informationsflut un-
wissentlich Fehler bei der Verwendung macht.
(a) Beispiel eines Stimmungstagebuchs [sti18b]
Janssen-Cilag GmbH
Johnson & Johnson Platz 1
41470 Neuss
www.janssen.com/germany
Die Sonne zeigt mir, dass ich meine Ziele erreicht habe.
Vereinbaren Sie gemeinsam mit Ihrem Kind konkrete Verhaltensziele. Jeden Abend
bewerten Sie zusammen mit Ihrem Kind den Tag. Eine Sonne oder eine Wolke zeigt,
ob die Ziele erreicht wurden oder nicht. Je mehr Sonnen gesammelt werden, desto
höher fällt die Belohnung aus (gemeinsame Aktivitäten, z.B. Kinobesuch).
Belohnungsplan
Dieser Belohnungsplan kann im Internet heruntergeladen werden:
www.mehr-vom-tag.de
Das kann ich besser!
Ziel erreicht!
Belohnung für Sonnen:
3
Ziel 1
Ziel 3
Ziel 2
Belohnung für Sonnen:
5Belohnung für Sonnen:
10
(b) Beispiel eines Belohnungsplans für ADHS-
Patienten [bel18]
Abbildung 2.6: Hilfsmittel für die Durchführung von psychotherapeutischen Hausaufgaben
Überwachung & Feedback: Um sicherzustellen, dass der Patient die vom Therapeu-
ten verordneten therapeutischen Hausaufgaben korrekt, d.h. wie intendiert, zwischen den
Therapiesitzungen durchführt, bedarf es entsprechender Lösungen. So bieten das Proto-
kollieren der Aktivitäten in einem Stimmungstagebuch oder andere Formen der Mitschrift
dem Therapeuten die Möglichkeit, einerseits die korrekte Ausführung der Aktivitäten und
andererseits die Ergebnisse bzw. Erfahrungen zu prüfen und zu analysieren. Hieraus lassen
sich wiederum Rückschlüsse ableiten oder bei Bedarf auch Anpassungen an der Thera-
pie vornehmen. Beides kann in der gängigen Praxis aber nur nachgelagert, d.h. in der
darauffolgenden Therapiesitzung, erfolgen, wodurch ggf. unnötig Therapie- bzw. Behand-
lungszeit “verschwendet” wird. Darüber hinaus hat der Therapeut keinerlei Eingriffs- bzw.
Anpassungsmöglichkeiten, um noch während oder zumindest vor dem nächsten Zeitpunkt
der Durchführung der Hausaufgabe diese zu verändern, sodass die von ihm intendierte
Wirksamkeit garantiert werden kann. Beispielsweise ist es in bestimmten Fällen sinn-
voll, die tägliche Durchführung einer bestimmten Aktivität bis zur nächsten Therapie-
sitzung auszusetzen, falls diese beim Patienten jeweils zu einer negativen Stimmungslage
führt. Mit der nicht vorhandenen Möglichkeit des Monitorings von Hausaufgaben geht
die Tatsache einher, dass jegliche Form von Feedback vom Patienten an den Therapeuten
retrospektiv ist, d.h. rückblickend basierend auf seinen Erinnerungen. Lückenhaften Er-
innerungen oder gar unwahre Angaben des Patienten können dann dazu führen, dass der
Therapeut unnötige Anpassungen an den Strategien und Methoden vornimmt, welche u.
U. wiederum negative Auswirkungen auf deren Wirksamkeit mit sich bringen.
25
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
2.1.1.4 Optimierungsmöglichkeiten durch den Einsatz mobiler Endgeräte
Wie bereits diskutiert, besitzt der Psychotherapeut im Rahmen der von ihm durchgeführten
Psychotherapie nur wenige, wenn nicht sogar keine Möglichkeiten, um zwischen Therapiesitzun-
gen, d.h. während der Durchführung einer therapeutischen Hausaufgabe, diese zu überwachen
und ggf. einzelne Aktivitäten anzupassen.
Mithilfe mobiler Endgeräte, wie z.B. Smartphones, wäre es hingegen möglich, Lösungen be-
reitzustellen, welche diese Funktionen bieten. So wäre es beispielsweise mittels einer geeigneten
mobilen Anwendung und der Verwendung der im Gerät verbauten Sensoren möglich, zu über-
prüfen, ob der Patient die ihm zugeordnete Aufgabe des täglichen Spazierengehens tatsächlich
durchgeführt hat oder nicht. Darüber hinaus bieten adäquate und spezifische mobile Anwendun-
gen auch für den Patienten hilfreiche und für den Behandlungsverlauf sich positiv auswirkende
Möglichkeiten. Beispielsweise könnte sich der Patient an therapeutische Hausaufgaben erin-
nern lassen oder diese mittels multimedialer Elemente, wie z.B. Videos, effizienter und genauer
durchführen.
Die Tatsache, dass diese vor allem von Therapeuten gewünschten Funktionen noch nicht in ih-
rem vollen Umfang vorhanden sind, bedeutet aber nicht, dass adäquate mobile Anwendungen
für Nutzer mit psychischen Störungen gänzlich fehlen. Für verschiedene spezifische Erkrankun-
gen, wie z.B. Depressionen oder Angststörungen, existieren durchaus qualitativ hochwertige,
d.h. hinsichtlich Funktionsumfang, Design und Usability, mobile Anwendungen. Im Folgenden
werden drei frei erhältliche, mobile Anwendungen im Kontext psychischer Störungen disku-
tiert. Diese bieten, neben dem Protokollieren von Stimmungszuständen, zusätzlich verschiedene
Übungen und Aktivitäten als eine Art von Hausaufgabe an.
Arya Companion: Die mobile Anwendung Arya Companion2der Arya mHealth UG
fokussiert auf die Unterstützung von an Depressionen leidenden Patienten im Alltag.
Einerseits sollen Emotionen, Gefühle und Gedanken über den Tag hinweg protokolliert
werden, um verschiedene Verhaltensmuster zu erkennen und zu verstehen. Hierzu steht
ein digitales Stimmungstagebuch (vgl. Abbildung 2.7a) zur Verfügung, das mit sog. Stim-
mungprotokollen gefüllt werden kann. Andererseits nutzt Arya Companion die bereits
erwähnte psychotherapeutische Strategie der positiven Aktivitäten. Hierfür stellt die mo-
bile Anwendung ca. 150 verschiedene Aktivitäten zur Verfügung, aus welchen sich der
Patient sein eigenes Portfolio zusammenstellen kann, je nach Präferenz und Stimmung.
Beispielsweise wird die Aktivität Spazieren gehen angeboten, für deren Durchführung sich
der Patient spezifische Erinnerungen anlegen kann, die dann zum definierten Zeitpunkt
vom mobilen Endgerät angezeigt werden. Nach Beendigung jeder Aktivität wird vom Pa-
tienten Feedback in Form eines Stimmungsprotokolls eingeholt, sodass die Auswirkungen
hinsichtlich seiner Stimmung nach Durchführung der Aktivität ermittelt werden können.
Die mobile Anwendung Arya Companion nutzt in ihrer aktuellen Version weder interne
noch externe Sensoren der mobilen Endgeräte, wie beispielsweise den eingebauten GPS
Sensor oder den Herzfrequenzsensor eines Fitnessarmbands, um die Stimmungsprotokolle
bzw. Aktivitäten mit Vitalparametern anzureichern. Auch eine Übertragung der gesam-
melten Informationen an den behandelnden Therapeuten findet nicht statt, sodass dieser
erst nachgelagert, d.h. in der nächsten Therapiesitzung, die Stimmungsprotokolle manuell
analysieren kann, um daraus Rückschlüsse auf die angewendete Therapie zu schließen.
2https://play.google.com/store/apps/details?id=com.arya
26
2.1 Szenarien
Moodpath: Depression & Burnout Test: Moodpath3ist eine mobile Anwendung der
Aurora Health GmbH deren übergeordnetes Ziel es ist, Depressionen frühzeitig zu er-
kennen, ohne dass dazu ein Fachexperte aufgesucht werden muss. Dazu werden in einem
ersten Schritt über einen Zeitraum von zwei Wochen die Gedanken, Gefühle und Emo-
tionen des Nutzers mittels eines täglich zu beantwortenden Fragebogens protokolliert.
Dieser enthält Fragen nach den internationalen Diagnostik-Standards (ICD-10, DSM-V,
AMDP-System). Nach diesem Zeitraum wird automatisiert, d.h. mithilfe eines Algorith-
mus, errechnet, ob eine Depression vorliegt und welchen Schweregrad diese besitzt. Dieses
vom Anbieter als Arztbrief bezeichnete Ergebnis (vgl. Abbildung 2.7b) dient dann dazu,
um mit einem Therapeuten das Erstgespräch zu führen, welches durch die bereits gesam-
melten Informationen und Ergebnisse deutlich effizienter vonstatten geht. Neben dem
Screening einer möglichen Depression bietet Moodpath zusätzlich ungefähr 150 verschie-
dene Übungen und Aktivitäten, welche stimmungs- und situationsabhängig täglich dem
Nutzer angeboten werden. Dies ist möglich, da auch Moodpath (vgl. Arya Companion)
alle gesammelten Informationen in Form eines Stimmungstagebuchs speichert. Darüber
hinaus ermöglicht die mobile Anwendung gemeinsam mit der vom Anbieter angebote-
nen Plattform Aurora4, diese Informationen und Daten mit behandelnden Ärzten und
Therapeuten zu teilen. Dadurch können Spezialisten den Stimmungsverlauf des Nutzers
bzw. Patienten uneingeschränkt verfolgen. Dies wiederum erlaubt eine deutlich zeit- und
kosteneffizientere Therapie, weil die Daten nicht erst mit dem Patienten in der Therapie-
sitzung besprochen werden müssen. Weiter ist der Therapeut in der Lage, verschiedene
für den Patienten und dessen Therapie hilfreiche oder auch notwendige Funktionen frei-
zuschalten. Ebenso wie die mobile Anwendung Arya Companion nutzt Moodpath in der
aktuellen Version keine internen oder auch externen Sensoren, um die Durchführung von
Aktivitäten zu überprüfen oder gesammelte Informationen mit Vitalparametern anzurei-
chern.
Rootd - Panic Attack & Anxiety Relief: Die leider nur in englischer Sprache er-
hältliche mobile Anwendung Rootd5ist, wie die bereits erwähnten Anwendungen, für
Android und iOS erhältlich. Die sehr spielerisch anmutende Anwendung fokussiert auf
die Unterstützung von Nutzern bzw. Patienten mit Angst- und Panikstörungen, indem
sie kontinuierlich deren Stimmung abfragt und im Falle einer Panikattacke mit hilfrei-
chen Tipps und Übungseinheiten aufwartet. Dabei unterscheidet Rootd zwischen kurz-
und langfristigen Übungseinheiten(vgl. Abbildung 2.7c), welche einerseits darauf abzie-
len, dass die Nutzer bzw. Patienten ihre Erkrankung besser verstehen und andererseits
Strategien und Methoden erlernen, um die Krankheit zu heilen oder die Symptome zu
lindern. Eine Besonderheit an Rootd ist, dass verschiedene Inhalte der Anwendung nur ge-
gen Bezahlung einer Gebühr freigeschaltet werden können (mittels sog. In-App-Käufe6).
Rootd ist im Gegensatz zu Arya und Moodpath nicht ausdrücklich für die Nutzung im
Rahmen einer Psychotherapie vorgesehen, sondern das Ziel ist in erster Linie eine Form
des Selbstmanagements sowie das Erlernen individueller und persönlicher Strategien im
Umgang mit der psychischen Erkrankung. Dabei werden wiederum keine Vitalparameter
erfasst und in Bezug mit den protokollierten Emotionen und Gefühlen gesetzt.
3https://www.moodpath.de/de/
4https://www.aurora-health.de/
5http://www.rootd.io/
6Neue Inhalte und Funktionen werden innerhalb der mobilen Anwendung gekauft und bezahlt.
27
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
(a) Arya Companion (b) Moodpath: Depression & Bur-
nout Test
(c) Rootd - Panic Attack & Anxiety
Relief
Abbildung 2.7: Screenshots von mobilen Anwendungen für die Physiotherapie
Die diskutierten mobilen Anwendungen zeigen, dass bereits Anwendungen zur Unterstützung
einer Psychotherapie bzw. zum Selbstmanagement eines Nutzers mit einer psychischen Erkran-
kung am Markt existieren. Diese fokussieren aber auf einige wenige Aspekte, wie beispielsweise
das Protokollieren von Emotionen bzw. Stimmung der Patienten. Weiterführende Funktionen
und Konzepte, wie dies zum Beispiel die mobile Anwendung Moodpath zeigt, dass Informationen
und Daten automatisch und ohne Zutun des Patienten an den Therapeuten übermittelt wer-
den und dieser dann ggf. Anpassungen an seinen therapierelavanten Strategien und Methoden
vornehmen kann, sind hingegen eher selten. Darüber hinaus sind sowohl die drei vorgestellten
als auch andere in den Appstores erhältlichen Anwendungen sog. Insellösungen, d.h. ihr Fokus
liegt meist auf genau einer psychischen Störung, wie z.B. die Depression bei Moodpath. Weiter
gehören die Verwaltung, Zuweisung und Änderung von therapeutischen Hausaufgaben und das
kontinuierliche Einholen des Patientenfeedbacks nicht zu den Kernfunktionen und -konzepten.
Neben den bereits erwähnten Funktionen bieten mobile Endgeräte bzw. deren mobile Anwen-
dungen weitaus mehr Möglichkeiten, um die Psychotherapie und vor allem die in deren Rahmen
durchgeführten therapeutischen Hausaufgaben ganzheitlich zu unterstützen. Einige Aspekte da-
von werden im Folgenden genauer erläutert:
Digitale Hilfsmittel: Wie erwähnt, werden in der Psychotherapie je nach angewen-
deter Strategie verschiedene Hilfsmittel (z.B. Stimmungstagebuch) genutzt. Auch wenn
einige der diskutierten mobilen Anwendungen bereits eine digitale Repräsentation eines
solchen Tagebuchs umsetzen, wird in vielen Fällen immer noch auf papierbasierte Do-
kumente zurückgegriffen (vgl. Abbildung 2.6a). Gleiches gilt für Erläuterungstexte oder
-illustrationen, die für den Patienten bei der Durchführung der therapeutischen Hausauf-
28
2.1 Szenarien
gabe notwendig sind. Hier bieten moderne mobile Anwendungen weitaus größere Mög-
lichkeiten, um komplexe Zusammenhänge (z.B. Atemübungen) darzustellen. So lassen
sich Erklärungen in Form von Videos realisieren oder mittels interaktiver bzw. dyna-
mischer Dokumente (z.B. PDF7-Dokumente) darstellen. Neben Texten beinhalten diese
Dokumente zusätzliche Informationen als Video- oder Audiodaten. Mit diesen Mitteln
wird der Patient dahingehend unterstützt, die therapeutische Hausaufgabe bzw. deren
Aktivitäten und Übungen korrekt durchzuführen, was im Umkehrschluss eine optimale
Wirksamkeit dieser garantiert. Im Hinblick auf das Protokollieren von Gemütszustän-
den, Emotionen oder Gefühlen bieten mobile Anwendungen ebenfalls deutliche Vorteile
gegenüber der Papierversion. Zum einen können die Informationen mit spezifisch entwi-
ckelten Benutzeroberflächenelementen deutlich einfacher, intuitiver und übersichtlicher
erfasst werden, zum anderen sind die erfassten Daten einheitlich, sodass keine Missver-
ständnisse bei deren Interpretation möglich sind. Darüber hinaus sind die Informationen
dahingehend geschützt, dass sie nicht verloren gehen oder manipuliert werden können.
Motivation & Gamification: Ein wichtiger Aspekt, der gerade bei der Psychotherapie
eine wichtige Rolle spielt, ist die Motivation des Patienten, die vom Therapeuten zuge-
ordneten Hausaufgaben, wie von diesem intendiert, durchzuführen. Gerade bei der psy-
chotherapeutischen Strategie, den Patienten positive Aktivitäten durchführen zu lassen,
kann es zu Beginn dazu kommen, dass diese aufgrund eines zu hohen Schwierigkeitsgrades
(vgl. Abschnitt 2.1.1.3) nicht oder nur unvollständig durchgeführt werden. Dies mindert
die Wirksamkeit der Strategie und somit die Effizienz der gesamten Psychotherapie, weil
der Therapeut erst bei der nächsten Therapiesitzung davon erfährt und darauf reagieren
kann. Hier könnte eine entsprechende mobile Anwendung in Form eines zuvor konfigurier-
ten Lobs, das dem Patienten angezeigt wird, motivierend eingreifen. Eine weitere Lösung
wäre die Umsetzung erweiterter und deutlich komplexerer Motivationskonzepte, wie z.B.
Gamification8[DDKN11], eines aus Computerspielen bekannten Konzepts, bei welchem
der Nutzer bzw. Patient Punkte oder sog. Badges9(vgl. Abbildung 2.24) erhält, wenn
er eine oder mehrere vorher definierte Aktivitäten erfolgreich absolviert hat. Beispiels-
weise könnte das mehrmalige und korrekte Durchführen einer beruhigenden Atemübung
jeweils 5 Punkte geben, wobei der Patient nach Erreichen einer vom Therapeuten defi-
nierten Punktegrenze eine themen- bzw. kontextspezifische Auszeichnung erhält. Weitere
Konzepte im Kontext von Gamification sind die Umsetzung von Levels oder Szenarien,
welche die Langzeitmotivation des Patienten fördern sollen.
Planung & Erinnerung: Um die Wirksamkeit einer Psychotherapie bzw. der dabei
angewendeten Strategien, insbesondere im Rahmen der therapeutischen Hausaufgaben,
sicherzustellen, ist es notwendig, dass der Patient die Hausaufgaben zu den korrekten
Zeitpunkten und in den geforderten Häufigkeiten durchführt. Gerade hierfür bieten mo-
bile Endgeräte ein großes Spektrum an Möglichkeiten, die zugeordneten Aktivitäten zu
organisieren. So erinnern mobile Anwendungen, etwa die auf allen mobilen Endgeräten
vorhandene Kalenderanwendung, ihre Nutzer über ein anstehendes Ereignis. Hierzu wer-
den grafische, plattformspezifische Elemente (sog. Notifications) verwendet. Eine entspre-
chende für die Psychotherapie entwickelte mobile Anwendung kann entweder selbst dieses
7Portable Document Format
8Gamification ist die Übertragung von spieltypischen Elementen in spielfremde Zusammenhänge mit dem Ziel
der Motivationssteigerung.
9deutsch “Abzeichen”
29
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
Konzept verwenden, d.h. anwendungsspezifische Erinnerungen dem Patienten anzeigen,
oder aber die Durchführungszeitpunkte der Aktivitäten werden in die bereits vorhande-
ne Kalenderanwendung eingetragen. Diese Variante hat den Vorteil, dass mögliche Ter-
minkollisionen zwischen therapeutischen Aktivitäten und bereits vorhandenen Terminen
erkannt bzw. vermieden werden können. Im Fall von kurzfristigen bzw. nicht vorherseh-
baren Terminkollisionen lassen sich Verschiebungen zusätzlich deutlich einfacher bewerk-
stelligen als in einem papierbasierten Terminkalender. Darüber hinaus erlaubt eine solche
digitale Hausaufgabenverwaltung dem Therapeuten nachzuvollziehen, ob der Patient die
Aktivitäten zu den vereinbarten Zeitpunkten durchgeführt oder ob er diese verschoben
hat. All diese Informationen können vom Psychotherapeuten dazu genutzt werden, um
Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der Psychotherapie zu erhalten.
Sensorik & Ad-hoc-Feedback: Schon bei der Diskussion der drei ausgewählten mo-
bilen Anwendungen, kam ein wichtiger und bisher noch meist unbeachteter Aspekt im
Kontext von therapeutischen Hausaufgaben in der Psychotherapie zur Sprache, nämlich
das Erfassen von Vitalparametern, etwa Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität10 oder
Hautleitfähigkeit (auch Elektrodermale Aktivität genannt), mit geeigneten Sensoren. Mit
heutigen modernen mobilen Endgeräten, wie Smartphones, Smartwatches (vgl. Abbildung
2.8a) und Fitnessarmbändern, aber auch mit einfach zu verwendenden externen Sensoren,
wie im Fall der Blutzuckermessung, lassen sich diese Vitalparameter kontinuierlich und für
den Patienten sehr komfortabel während der Durchführung der Hausaufgabe oder im An-
schluss, z.B. beim Ausfüllen eines Feedbackfragebogens, messen. Die hierbei gewonnenen
Informationen ermöglichen es dem Therapeuten, Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der
gewählten Strategie zu ziehen, um diese ggf. anzupassen oder gar zu wechseln. So kann
eine Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) mit geeigneten Sensoren unterstützt werden,
Emotionen und die Stimmung des Patienten nicht allein durch mehrmals täglich zu be-
antwortende Fragen zu erfassen, sondern mittels kontinuierlich gemessener Sensordaten in
Kombination mit komplexen Algorithmen [QMSH12, LN04, HGSW04, SKC+10, MBY13].
Die hierzu notwendigen Sensoren sind beispielweise in einem Armband, wie jenem von
Sentio Solutions Inc. (vgl. Abbildung 2.8b), vorzufinden. Das Sentio Feel Armband ist in
der Lage die Herzfrequenzvariabilität mittels eines Photoplethysmographie (PPG) Sensors
(vgl. grüne LEDs auf der Rückseite der Smartwatch in Abbildung 2.8a) zu bestimmen.
Die Herzfrequenzvariabilität und die ebenfalls durch das Sentio Feel Armband messbare
Elektromodale Aktivität sind notwendige Informationen, um Emotionen oder auch Stress
des Patienten bestmöglich zu bestimmen [QGO+12, LYP+06, ZB06].
Mittels den durch die Sensoren gewonnenen Informationen kann ein sog. Ad-hoc-Feedback
für den Patienten generiert werden. Dies bedeutet, dass mit geeigneten Sensoren die kor-
rekte Durchführung, d.h. wie vom Therapeuten intendiert, der Hausaufgabe geprüft und
im Anschluss oder auch noch während der Durchführung dem Patienten ein hilfreiches
und motivierendes Feedback angezeigt werden kann. Beispielsweise ermöglicht der im mo-
bilen Endgerät verbaute GPS-Sensor die zurückgelegte Distanz beim Spazieren gehen zu
messen und dem Patienten in geeigneter Form, d.h. z.B. grafisch, anzuzeigen.
10Bezeichnet die Abweichung der momentanen Herzfrequenz von einer streng rhythmischen Folge
30
2.1 Szenarien
(a) ZeRound HR Premium Smartwatch mit PPG
Sensor [zer18]
(b) Sentio Feel Armband mit verschie-
denen Sensoren [sen18]
Abbildung 2.8: Smartwatch und Armband zur Messung von Vitalparametern
2.1.2 Physiotherapie
Die Physiotherapie ist eine wichtige Therapieform zur Behandlung unterschiedlicher Erkrankun-
gen und Beschwerden, wie beispielsweise Funktions-, Bewegungs- bzw. Aktivitätseinschränkun-
gen. Wie die Abbildungen 2.9a und 2.9b zeigen, ist sowohl die Anzahl der ärztlich verordneten
Leistungen als auch die daraus resultierende Anzahl an einzelnen Behandlungen in den letz-
ten Jahren in Deutschland kontinuierlich angestiegen. Neben der stationären und ambulanten
Behandlung des Patienten in einem Krankenhaus bzw. in einer physiotherapeutischen Praxis,
steht die Durchführung von therapeutischen Hausaufgaben im Fokus.
(a) Entwicklung der verordneten Leistungen (b) Entwicklung der einzelnen Behandlungen
Abbildung 2.9: Physiotherapeutische Leistungen und Behandlungen (2007 bis 2015) [aok16]
Physiotherapie ist der Oberbegriff für alle aktiven und passiven Therapieformen (vgl. Aus-
bildungszielbeschreibung des MPhG). Dazu gehören beispielsweise die Bewegungstherapie, bei
welcher Erkrankungen durch sowohl aktive, d.h. durch den Patienten durchgeführte, als auch
passive, d.h. durch den Therapeuten durchgeführte, Bewegungen heilen oder vorgebeugt werden
sollen. Eine weitere Therapieform im Rahmen der Physiotherapie ist die Physikalische Therapie,
31
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
bei welcher sich mit physikalischen Mitteln der Erkrankung angenommen wird. Beispielsweise
umfasst die Physikalische Therapie die Behandlung mit mechanischen Reizen (Massage) oder
mit thermischen Reizen (Kälte und Wärme). Als Ziele der Physiotherapie werden neben der
Linderung von Schmerz die Erhaltung und Verbesserung von Beweglichkeit, Koordination, Kraft
und Ausdauer genannt.
Wie bereits motiviert, werden auch bei der Physiotherapie therapeutische Hausaufgaben ver-
wendet, um die Wirksamkeit der verordneten Maßnahmen zu erhöhen. Dies ist notwendig, da
sowohl die Therapiedauer als auch -frequenz meistens nicht ausreichen, um das definierte The-
rapieziel zu erreichen. Aus diesem Grund werden dem Patienten während des Behandlungster-
mins verschiedene Maßnahmen, d.h. Übungen, erläutert, die sie zwischen Behandlungsterminen
durchführen sollen. Hierbei sind der Ort, die Dauer und die Frequenz der Durchführung ab-
hängig von der jeweiligen therapeutischen Hausaufgabe. Beispielsweise können Übungen der
Dehngymnastik zu Hause durchgeführt werden, wohingegen Übungen zur Kräftigung der Mus-
kulatur unter Zuhilfenahme von Fitnessgeräten meist nur in speziellen Einrichtungen (z.B.
Fitnessstudio) möglich sind.
Um den Verlauf einer physiotherapeutischen Behandlung näher zu erläutern und den Einsatz
therapeutischer Hausaufgaben in diesem Kontext zu verdeutlichen, werden in diesem Abschnitt
exemplarisch und in vereinfachter Form die Nachbehandlungsstrategien nach einer Rekonstruk-
tion des vorderen Kreuzbandes gezeigt [EH08]. Hierbei wird angenommen, dass bei einem Pa-
tienten, der eine Verletzung des vorderen Kreuzbandes (lat.: Ligamentum cruciatum anterius,
LCA) aufweist, dieses mithilfe der Doppelbündeltechnik [Jär07] athroskopisch rekonstruiert
wurde. Um anschließend den Heilungsprozess zu unterstützen, begibt sich der Patient in eine
speziell für diese Operationstechnik entwickelte physiotherapeutische Nachbehandlung. Diese
umfasst die in Tabelle 2.2 dargestellten drei Phasen:
Phase Zeitliche Zuordnung Therapieziele
I 1. und 2. postoperative Woche Reduktion der Schwellneigung
Erhalt der Beweglichkeit
Femurpatellargelenk
Schmerzlinderung/-reduktion
II 3. bis 6. postoperative Woche Normalisierung der Beweglichkeit
Progressive Belastungssteigerung bis
zur Erreichung der Vollbelastung
Wiederherstellung koordinativer
Fähigkeiten
Stabilisation der physiologischen
Becken-Bein-Achse
III Ab 7. postoperativer Woche Normalisierung der Alltagsmotorik
Erreichen physiologischer Muskelba-
lance der gesamten Becken-Bein-Achse
Tabelle 2.2: Übersicht über die einzelnen Phasen der Physiotherapie und deren Therapieziele
32
2.1 Szenarien
2.1.2.1 Involvierte Personen und Akteure
In dem beschriebenen Szenario einer physiotherapeutischen Behandlung nach einem operativen
Eingriff am vorderen Kreuzband, sind meist zwei Akteure beteiligt:
Physiotherapeut: Der Physiotherapeut ist dafür verantwortlich, die ärztlich verord-
neten Maßnahmen entsprechend der im Heilmittelkatalog definierten Umfänge durchzu-
führen [hei17]. Hierbei entscheidet der Physiotherapeut selbstständig, welche Techniken
und Übungen im Rahmen der Therapie zum Einsatz kommen. Des Weiteren kann es
vorkommen, dass der Physiotherapeut während einer mehrwöchigen Therapie aufgrund
personeller Engpässe oder Terminüberschneidungen wechselt. Im hier beschriebenen Sze-
nario besteht die Aufgabe des Physiotherapeuten darin, die in den verschiedenen Phasen
beschriebenen Therapieziele (vgl. Tabelle 2.2), wie z.B. die Schmerzlinderung oder Nor-
malisierung der Beweglichkeit, gemeinsam mit dem Patienten zu erreichen.
Patient: Der Patient unterzieht sich einer Physiotherapie aufgrund unterschiedlichster
Erkrankungen oder physischer Beschwerden. Darüber hinaus nutzen Patienten die Physio-
therapie, um präventiv gegen mögliche Erkrankungen vorzugehen [Ste13], beispielsweise
zur Vorbeugung gegen auftretende Rückenschmerzen aufgrund der täglichen Arbeitsbe-
lastungen. Im hier beschriebenen Szenario hingegen, unterzieht sich der Patient einer
Physiotherapie, um nach erfolgter Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes, sein Knie
ohne Einschränkungen wieder belasten zu können.
2.1.2.2 Ablauf
Um die Vorgehensweise und den Ablauf einer physiotherapeutischen Behandlung zu verdeut-
lichen, soll nun genauer auf die einzelnen Aktivitäten, Maßnahmen und Phasen eingegangen
werden. Abbildung 2.10 stellt exemplarisch und vereinfacht, basierend auf Auskünften verschie-
dener Physiotherapeuten und Patienten, dar, welche Aktivitäten und Maßnahmen in welcher
Reihenfolge im Rahmen einer Nachbehandlung nach einer Rekonstruktion des vorderen Kreuz-
bandes notwendig sind. Darüber hinaus zeigt Abbildung 2.10 an welchen Orten und unter
Verwendung welcher Hilfsmittel und Materialien die einzelnen Aktivitäten durchgeführt wer-
den.
Abbildung 2.10: Ablauf der Physiotherapie
33
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
Während des ersten Behandlungstermins in einer physiotherapeutischen Praxis erstellt der be-
handelte Physiotherapeut zunächst eine Anamnese, indem er gemeinsam mit dem Patienten
dessen Krankengeschichte bespricht. Hierbei ist es das Ziel, neben den eigentlich zu behan-
delnden Beschwerden, Vorerkrankungen oder weitere Einschränkungen zu erfahren, die es bei
der Durchführung der therapeutischen Maßnahmen zu beachten gilt. Basierend auf der Ana-
mnese werden anschließend verschiedene Untersuchungen durchgeführt, die gemeinsam mit der
Diagnose des Arztes eine Therapiediagnose ergeben. Letztere dient dann als Basis für die Aus-
arbeitung der patientenspezifischen Therapieziele und der letztendlichen Therapie-Planung. Im
Fall der Nachbehandlung nach Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes werden hier die ein-
zelnen Maßnahmen für die verschiedenen Phasen (vgl. Tabelle 2.2) geplant.
Abbildung 2.11: Anleitung zur Patella-
Automobilisation [EH08]
Im nächsten Schritt werden die ersten passi-
ven und aktiven physiotherapeutischen Maß-
nahmen durch den Physiotherapeuten durch-
geführt. Beispielweise wird eine manuelle
Lymphdrainage oder eine Elektrostimulation
des inneren Schenkelmuskels (lat. Musculus
vastus medialis) durchgeführt [EH08]. Da ver-
schiedene Maßnahmen täglich durchgeführt
werden müssen, um den Heilungsprozess nicht
zu unterbrechen, erläutert der Physiothera-
peut dem Patienten einzelne Maßnahmen wie
diese zu Hause bzw. außerhalb der Behand-
lungstermine in Form von therapeutischen Hausaufgaben durchgeführt werden sollen (vgl. Ab-
bildung 2.11). Um sicher zu gehen, dass der Patient die Anweisungen adäquat nachvollziehen
kann, werden ihm Illustrationen und weitere Hilfsmittel zur Verfügung gestellt.
Abbildung 2.12: Automobilisation des Kniege-
lenks unter Zuhilfenahme eines
Skischuhs [EH08]
In der Zeit zwischen den Behandlungstermi-
nen führt der Patient die ihm zugeordne-
ten therapeutischen Hausaufgaben zuhause,
entsprechend den Vorgaben des Physiothera-
peuten, aus. Im hier gezeigten Szenario be-
deutet dies, dass die tägliche durchzuführen-
de Hausaufgabe zunächst aus einer Patella-
Automobilisation besteht. Dabei greift der
Patient auf die verfügbaren Illustrationen zu-
rück, um die Maßnahme korrekt durchzufüh-
ren. Hat er im Anschluss an diese Maßnahme
spürbare Schmerzen, überspringt er die darauffolgende Maßnahme Halbe Kniebeugen, welche
zur Ansteuerung einer gelenksichernden Muskelentspannung dient, und macht mit der Auto-
mobilisation des Kniegelenks weiter (vgl. Abbildung 2.12). Diese Maßnahme ist unter Zuhilfe-
nahme eines Skischuhs in Verbindung mit der Gravitation dazu gedacht, die Beweglichkeit zu
verbessern und mögliche Schmerz- und Schwellungszustände zu verringern [EH08].
Beim nächsten Behandlungstermin gilt es zunächst für Physiotherapeuten sowohl ein allge-
meines als auch ein hausaufgabenspezifisches Feedback des Patienten einzuholen. Dies dient
einerseits dazu, das allgemeine Befinden des Patienten zu erfahren und andererseits, um ad-
äquate Anpassungen der therapeutischen Maßnahmen vorzunehmen. Damit ist gemeint, dass
34
2.1 Szenarien
im Fall von anhaltend auftretenden Schmerzen bei der Durchführung der therapeutischen Haus-
aufgabe, diese vom Physiotherapeuten angepasst werden muss. Dies kann beispielsweise durch
Änderung der Dauer oder Intensität von Maßnahmen oder durch Weglassen einzelner Maßnah-
men erfolgen. Nach Einholen des Feedbacks beginnt der Physiotherapeut wiederum verschiedene
physiotherapeutische Maßnahmen durchzuführen. Am Ende des Behandlungstermins erläutert
der Physiotherapeut dem Patienten abermals die durchzuführende therapeutische Hausaufga-
be. Diese, ebenso wie die therapeutischen Maßnahmen während des Behandlungstermins, sind
abhängig vom Feedback des Patienten.
2.1.2.3 Eigenschaften und Besonderheiten
Für das skizzierte Szenario, aber auch generell innerhalb der Physiotherapie, existieren unter-
schiedliche Eigenschaften und Besonderheiten im Hinblick auf die Nutzung und den Umgang
mit therapeutischen Hausaufgaben. Diese wurden im Rahmen mehrerer Experteninterviews mit
Therapeuten sowie ausführlichen Gesprächen mit Patienten erörtert und analysiert.
Lokalität: Bei der Durchführung der Hausaufgabe und deren jeweiligen Übungen spielt
der tatsächliche Ort, an welchem diese stattfinden, in vielen Fällen nur eine unterge-
ordnete Rolle. Im obigen Szenario (vgl. Abschnitt 2.1.2.2) ist es z.B. hinsichtlich der
Wirksamkeit der Übung Automobilisation des Kniegelenks unerheblich, ob diese zuhause
oder an einem anderen Ort stattfindet. Diese Aussage kann aber nicht pauschal getätigt
werden, da für einige Übungen im Kontext der Physiotherapie der Ausführungsort von
großer Bedeutung ist. Beispielsweise werden zur Behandlung und Vorsorge von Arthrose
neben Übungen für zuhause auch solche verwendet, die aufgrund des gleichmäßigen Wi-
derstands und der höheren Temperatur im Wasser in einem Schwimmbad durchgeführt
werden müssen (vgl. Abbildung 2.13a). Gleiches gilt für Übungen, die nur mithilfe eines
spezifischen Fitness- oder Therapiegeräts ausgeführt werden können, das meist nur im
Fitnessstudio oder einer Physiotherapiepraxis verfügbar sind.
(a) Übung im Rahmen der Wassergymnastik [aqu18] (b) Übung am Gravity Training System (GTS) [gra18]
Abbildung 2.13: Unterschiedliche Orte für die Durchführung der Hausaufgabe
Uhrzeit: Die Uhrzeit, zu der eine Hausaufgabe durchgeführt werden soll, wird je nach
Übung durch den Physiotherapeuten während des Behandlungstermins spezifiziert. Ei-
ne genaue Festlegung der Uhrzeit ist aber nicht immer notwendig, sodass der Patient
die Möglichkeit besitzt, den Zeitpunkt der Durchführung selbst zu wählen und an seinen
35
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
Alltag anzupassen. Handelt es sich hingegen um Übungen, die beispielsweise der Mobilisa-
tion zu behandelnder Gelenke und Strukturen dienen, kann die Zeit eine äußerst wichtige
Rolle bei der Wirksamkeit der Hausaufgabe spielen. Im beschriebenen Szenario der Nach-
behandlung nach einer Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes ist die Übung Patella
Automobilisation (vgl. Abbildung 2.11) mehrmals täglich auszuführen, wobei die erste
Durchführung direkt nach dem Aufstehen erfolgen muss, um einerseits die Durchblutung
und andererseits die Beweglichkeit der Patella nach der langen Ruhephase zu fördern. In
solch einem Fall wird der Patient angehalten, sich an die vom Physiotherapeuten defi-
nierten Zeiten zu halten und sie, wenn möglich, nicht zu ändern.
Schwierigkeitsgrad & Intensität: Der Schwierigkeitsgrad bzw. die Intensität der Haus-
aufgabe und deren Übungen hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dazu gehören ei-
nerseits die Komplexität der jeweiligen Übungen, etwa ob zur korrekten Durchführung
komplizierte technische oder koordinative Abläufe und Fähigkeiten vonnöten sind, und
andererseits physikalische Faktoren, wie z.B. der Widerstand gegen welchen eine Übung
durchgeführt werden soll oder aber auch die Durchführungsgeschwindigkeit. Für jede
Übung werden hierbei die entsprechenden Faktoren vom Physiotherapeuten noch wäh-
rend des Behandlungstermins bei Erläuterung der Hausaufgabe festgelegt. Beispielsweise
kann die Übung Automobilisation des Kniegelenks (vgl. Abbildung 2.12) für den Patienten
dahingehend vereinfacht werden, indem sie anstatt mit einem Skischuh mit einem All-
tagsschuh oder barfuß durchgeführt wird. Die Erhöhung des Schwierigkeitsgrads bzw. der
Intensität durch den Patienten selbst ist meistens unerwünscht, da hierdurch die Wirk-
samkeit der Hausaufgabe gemindert wird und ggf. ein erhöhtes Verletzungsrisiko besteht.
Ausgenommen davon sind dynamische Anpassungen, die auf im Vorfeld mit dem Physio-
therapeuten besprochenen Kriterien basieren. Hierzu gehören beispielsweise der während
der Übung empfundene Schmerz oder die Erschöpfung, die aufgrund der Übung eingetre-
ten sind. Beide Kriterien werden in der Praxis oft angewendet, wobei keines von ihnen
ohne Weiteres objektiv messbar ist und deshalb in der Form Wenn der Schmerz zu groß
ist, dann reduziere den Widerstand“ definiert werden.
Übungsfrequenz: Die Frequenz, in welcher die Übungen und Hausaufgabe durchzufüh-
ren sind, wird ebenfalls vom Physiotherapeuten bei der Erläuterung der Hausaufgabe
während des Behandlungstermins bestimmt. Diese Frequenz gibt an, wie oft eine Übung
innerhalb der Hausaufgabe wiederholt werden soll, um eine optimale Wirksamkeit zu
erzielen. Hierbei entscheidet der Physiotherapeut, ob er die genaue Anzahl an Wiederho-
lungen mittels einer Zahl definiert, wie z.B. in der Übung Halbe Kniebeugen (vgl. Abbil-
dung 2.10), oder ob die Anzahl undefiniert ist und von unterschiedlichen Faktoren und
Kriterien abhängig gemacht wird. Diese Faktoren sind teilweise qualitativ messbar, wie
im Fall der Herzfrequenz, die sowohl manuell mithilfe des Zeigefingers an einer Arterie
bestimmt werden kann (vgl. Abbildung 2.14a), als auch mittels moderner Pulsuhren (vgl.
Abbildung 2.14b).
Hilfsmittel: Viele Übungen, die während einer Physiotherapie im Allgemeinen und im
Rahmen von Hausaufgaben im Speziellen durchzuführen sind, erfolgen ohne Zuhilfenahme
technischer Hilfsmittel, wenn man von der Verwendung einer komfortablen Übungsmatte
absieht. Beispielsweise können die meisten Dehnübungen rein mittels des eigenen Kör-
pergewichts ausgeführt werden. Neben Übungen, welche, wie erwähnt, ohne technische
Hilfsmittel auskommen, existieren auch Übungen, deren Wirksamkeit unter Verwendung
36
2.1 Szenarien
(a) Manuelle Herzfrequenzmessung [pul18a] (b) Herzfrequenzmessung mittels Pulsuhr und Brust-
gurt [pul18b]
Abbildung 2.14: Qualitative Messung der Herzfrequenz
von Hilfsmitteln, wie z.B. Gewichten oder Übungsbändern (vgl. Abbildung 2.15a), ge-
steigert oder erst garantiert werden kann. Mittels solcher Utensilien lassen sich die In-
tensität und der Schwierigkeitsgrad steigern, sodass eine größere Kraft bzw. Anstrengung
nötig ist, um die Übung korrekt auszuführen. Dies wirkt sich dann meist auch implizit
auf eine veränderte Übungsfrequenz aus. Im Gegensatz zu den gerade erwähnten inten-
sitätssteigernden Hilfsmitteln, werden aber auch Gegenstände benötigt, ohne die eine
korrekte Ausführung der Übung erst gar nicht möglich ist. Beispielweise werden für viele
Stabilisationsübungen ein sog. Wackelbrett oder Balance-Kissen (vgl. Abbildung 2.15b)
benötigt. Darüber hinaus erfordern die meisten Übungen detaillierte Erklärungen, um
(a) Kräftigung mit Übungsband [the18] (b) Stabilisierungsübung mit Wackelbrett [wac18]
Abbildung 2.15: Technische Hilfsmittel für physiotherapeutische Übungen
diese adäquat durchzuführen und somit eine ausreichende Wirksamkeit zu gewährleisten.
Die notwendigen Informationen werden meist vom Physiotherapeuten mündlich oder in
Form von gedruckten Illustrationen an den Patienten vermittelt. Vermehrt kommen aber
auch online verfügbare Videos zum Einsatz, welche den korrekten Übungsablauf interak-
tiv demonstrieren. Hierbei muss der Physiotherapeut ggf. auf die Webadresse des Videos
verweisen. Verschiedene technische Hilfsmittel, wie z.B. ein Schrittzähler, werden zudem
dazu verwendet, um die Durchführung der Übung zu überwachen, etwa indem die erfolg-
37
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
ten Wiederholungen oder Distanzen gemessen werden. Hierdurch erhält der Patient die
Möglichkeit, auf Basis der ihm zur Verfügung stehenden Daten ggf. die Übung anzupassen
und somit deren Effizienz zu erhöhen.
Überwachung & Feedback: Eine Überwachung bzw. Kontrolle der Hausaufgabe wäh-
rend ihrer Ausführung durch den Patienten außerhalb des Behandlungsraums, ist aktuell
nicht oder bestenfalls nur eingeschränkt möglich. Dies liegt hauptsächlich daran, dass
die meisten technischen Hilfsmittel, wie z.B. das Übungsband, überhaupt keine Daten
aufzeichnen. Wenn ein Hilfsmittel dies jedoch erlaubt, stehen die Daten dem Physiothe-
rapeuten aber meist nicht zur Verfügung. Dadurch ist es Letzterem nicht möglich, noch
während der Hausaufgabe auf die Übungen positiv einzuwirken, etwa um durch Anpas-
sung der Übungsfrequenz oder der Intensität die Wirksamkeit zu erhöhen oder zumindest
zu erhalten. Als mögliche Konsequenz der fehlenden Möglichkeit des Eingreifens, führt
der Patient die Hausaufgabe aufgrund eines zu hohen Schwierigkeitsgrades nicht korrekt
durch und dies kann erst beim nächsten Behandlungstermin korrigiert werden.
2.1.2.4 Optimierungsmöglichkeiten durch den Einsatz mobiler Endgeräte
Generell wird in der Physiotherapie, sowohl im Behandlungszimmer des Therapeuten als auch
bei der Durchführung von Übungen im Rahmen der von ihm definierten Hausaufgabe nahezu
vollständig auf die Unterstützung durch mobile Endgeräte verzichtet. Folglich wird der Patient
weder daran erinnert, die Hausaufgabe wie geplant durchzuführen, noch werden notwendige In-
formationen gesammelt, die als Feedback an den Therapeuten übermittelt werden. Ein Grund
für das Nichtvorhandensein solch einer Lösung ist sicherlich der erhöhte Realisierungsaufwand
aufgrund der zu erwartenden Komplexität. So müssen viele verschiedene Übungen und unter-
schiedliche Sensoren, welche miteinander kombiniert werden müssen, abgebildet werden. Dies
bedeutet aber keinesfalls, dass keinerlei mobile Anwendungen für spezifische Verletzungen oder
Beschwerden existieren, welche den Patienten bei dessen Therapie unterstützen. Diese konzen-
trieren sich meist auf die Planung der Übungen, d.h. deren Übungsfrequenz und Intensität
sowie deren korrekte Ausführung, indem sie Erklärungsvideos oder andere Illustrationen zur
Verfügung stellen.
Physio Vital: Die mobile Anwendung Physio Vital11 (vgl. Abbildung 2.16a) der No-
vartis Pharma AG unterstützt sowohl Patienten, die sich zur Rehabilitation nach einer
Verletzung, als auch Personen, die sich prophylaktisch mit physiotherapeutischen Übun-
gen auseinandersetzen, bei deren korrekter Ausführung. Hierzu stehen 50 verschiedene
Übungsvideos zur Verfügung, in welchen die Übungen ausführlich erläutert werden. Dar-
über hinaus bietet Physio Vital seinen Nutzern die Möglichkeit, gemeinsam mit ihrem
Therapeuten einen individuellen Trainingsplan zu erstellen und zu verwalten. Neben ver-
schiedenen Statistiken, die den Trainingsfortschritt widerspiegeln, beinhaltet die Anwen-
dung unterschiedliche Motivationsstrategien, wie z.B. Belohnungen und Auszeichnungen.
Leider besitzt Physio Vital weder Funktionen für das Aufzeichnen von Daten (z.B. Vital-
parameter) noch für das zur Verfügung stellen eines Feedback.
MyPhysio App: Im Gegensatz zur oben beschriebenen Anwendung Physio Vital, wel-
che nicht zwingend durch einen Therapeuten verordnet werden muss, ist MyPhysio App12
11https://play.google.com/store/apps/details?id=com.novartis.physio_vital
12https://play.google.com/store/apps/details?id=au.com.myphysioapp
38
2.1 Szenarien
(vgl. Abbildung 2.16b) eine mobile Anwendung, die nur in Verbindung mit einer physio-
therapeutischen Praxis verwendet werden kann. Dies bedeutet, dass der Patient bzw.
Nutzer individuell die für seine Therapie passenden Übungen zur Verfügung gestellt be-
kommt. Diese sind dann vom Therapeuten hinsichtlich der Übungsfrequenz und Intensität
entsprechend konfiguriert. Darüber hinaus bietet MyPhysio App sowohl eine Erinnerungs-
funktion als auch die Möglichkeit an, anwendungsintern mit dem Therapeuten mittels
Textnachrichten zu kommunizieren. Auch bei MyPhysio App fehlt es an adäquaten Kon-
zepten zur Aufzeichnung therapierelevanter Daten, wie z.B. Herzfrequenz oder Intensität,
welche als Feedback an den Therapeuten übermittelt werden könnten.
Pocket Physio: Die mobile Anwendung Pocket Physio13 (vgl. Abbildung 2.16c) stellt
eine digitale und mobile Lösung für die Zeit vor und nach einer Hüft- oder Knieope-
ration dar. Hierbei liegt der Fokus auf prä- und postoperativen physiotherapeutischen
Übungen, die den Patienten einerseits auf die Operation bestmöglich vorbereitet und
ihn andererseits bei der schnellen Rehabilitation unterstützt. Zur Erläuterung der ver-
schiedenen Übungen, wie z.B. Atem- oder Kräftigungsübungen, werden sowohl textuelle
Beschreibung als auch Erklärungsvideos, welche durch eine Online-Plattform (z.B. Youtu-
be) zur Verfügung gestellt werden, verwendet. Darüber hinaus bietet Pocket Physio eine
Erinnerungsfunktion, mit welcher der Patient auf die rechtzeitige und wiederkehrende
Durchführung der Hausaufgabe hingewiesen wird. Auf die Realisierung einer rudimentä-
ren Feedback-Funktion, welche relevante Informationen an den Therapeuten oder Arzt
versendet, wurde bei Pocket Physio verzichtet.
(a) Physio Vital (b) MyPhysio App (c) Pocket Physio
Abbildung 2.16: Screenshots von mobilen Anwendungen für die Physiotherapie
Die hier dargestellten Lösungen stellen einen kleinen Ausschnitt der aktuell verfügbaren mobi-
len Anwendungen im Kontext der Physiotherapie dar. Daneben existieren in den verschiedenen
13https://play.google.com/store/apps/details?id=uk.careUK.pocketphysio
39
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
Appstores noch einige weitere mobile Anwendungen, deren Fokus auf der Darstellung und zeit-
lichen Organisation von Übungen für einen spezifischen Bereich der Physiotherapie liegt. Trotz
der Auswahl an verfügbaren mobilen Anwendungen beschränkt sich die Unterstützung des
Patienten bei der Durchführung der Hausaufgaben immer noch weitestgehend auf deren münd-
liche Erläuterung und eine Demonstration durch den Therapeuten. Unter Umständen werden
darüber hinaus noch papierbasierte Illustrationen zur Verfügung gestellt. Mit mobilen Endge-
räten hingegen ist man in der Lage, die Physiotherapie und insbesondere deren Hausaufgaben
ganzheitlich, flexibel und somit effizienter zu gestalten. Einige Aspekte, welche Vorteile und
Möglichkeiten für eine ganzheitlich unterstützte Physiotherapie bieten, werden im Folgenden
erläutert:
Digitale Hilfsmittel: Heutzutage werden nahezu keinerlei digitale Hilfsmittel, wie z.B.
Videos, Animationen oder annotierbare Dokumente, in der Physiotherapie bzw. deren
Hausaufgaben eingesetzt. Papierbasierte Informationen, wie z.B. Illustrationen oder Be-
schreibungstexte, besitzen den Nachteil, dass sie nur einen begrenzten Informationsge-
halt besitzen oder eben den Patienten bei zu vielen Informationen überfordern. Mobile
Endgeräte bieten weit größere Möglichkeiten, Informationen verschiedener Komplexität
darzustellen. Beispielsweise kann es für den Patienten einfacher sein, ein Video, das die
Bewegungsabläufe einer Übung demonstriert, anzusehen als die Instruktionen in langen
textuellen Beschreibungen durchzulesen. Die Videos können dabei entweder direkt auf
dem mobilen Endgerät vorgehalten werden und somit auch ohne Internetverbindung ver-
fügbar sein oder eben durch eine Online-Plattform bereitgestellt werden. Mithilfe digitaler
Dokumente lassen sich darüber hinaus vom Therapeuten individuell erstellte Kommenta-
re an Instruktionen oder Textstellen anheften, welche den Patienten bei der Bewältigung
der Hausaufgabe unterstützen. Digitale Hilfsmittel helfen aber nicht nur bei der korrek-
ten Ausführung der Übungen, sondern assistieren Patienten auch bei der Einhaltung der
vom Therapeuten konfigurierten Parameter, wie Übungsfrequenz oder -dauer. Muss der
Patient bisher die Anzahl der getätigten Liegestützen selbstständig mitzählen, bietet die
mobile Anwendung Runtastic Push-Ups14 die komfortable Möglichkeit mithilfe des im
mobilen Endgerät verbauten Näherungssensors den Fortschritt zu erfassen. Hierzu muss
das mobile Endgerät nur auf Höhe der Nase unter dem Patienten platziert werden.
Sensorik und Ad-hoc-Feedback: Wie erwähnt, wäre es im Kontext der Physiothe-
rapie von Vorteil, wenn unterschiedliche therapierelevante Informationen, wie z.B. die
Anzahl der durchgeführten Wiederholungen, aufgezeichnet und entweder noch während
der Durchführung der Übung, d.h. in Echtzeit, oder im Anschluss daran analysiert werden
könnten. Basierend auf solch einer Analyse kann dann ein sog. Ad-hoc-Feedback für den
Patienten generiert werden, welches diesem beispielsweise Aufschluss über die korrekte
Durchführung der Übung gibt. Um solch eine Funktion zu realisieren, können verschie-
dene Sensoren, die entweder im mobilen Endgerät oder in einem drahtlos verbundenen
Wearable15 verbaut sind, genutzt werden. Beispielsweise kann mithilfe des GPS-Sensors
die zurückgelegte Strecke erfasst werden (vgl. Abbildung 2.17c), wohingegen die aktuelle
Herzfrequenz mittels der sog. Pulsoxymetrie am Handgelenk durch eine entsprechende
Smart Watch gemessen wird [MDC06]. Basierend auf diesen Informationen ist dann der
Patient in der Lage die Übung, in obigem Beispiel ein Ausdauerlauf, entsprechend den
14https://play.google.com/store/apps/details?id=com.runtastic.android.pushup.lite
15Tragbares Computersystem, welches während der Anwendung am Körper des Benutzers befestigt ist
40
2.1 Szenarien
Intensitätsvorgaben des Therapeuten auszuführen. Für die Darstellung des Feedbacks
stehen wiederum je nach Übung verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Die nahelie-
gendste Form ist die grafische Darstellung des Feedbacks auf dem Bildschirm des mobilen
Endgeräts, aber auch andere Formen, etwa die Verwendung des Lautsprechers bzw. Kopf-
hörers oder Aktivierung des Vibrationsmotors, sind vorstellbar.
Planung und Erinnerung: Um die Wirksamkeit einer Physiotherapie sicherzustellen,
ist es von großer Bedeutung, dass Hausaufgaben nicht nur adäquat, d.h. genau wie vom
Therapeuten vorgegeben, sondern auch regelmäßig durchgeführt werden. Dies reicht von
eher unpräzisen zeitlichen Vorgaben, wie z.B. mehrmals chentlich oder täglich, bis hin
zu sehr genauen Uhrzeiten bzw. Zeitpunkten, wie z.B. direkt nach dem Aufstehen oder
um 8 Uhr. Neben diesen zeitlichen Abhängigkeiten können noch weitere Anforderungen
an den Zeitpunkt der Durchführung gestellt werden, etwa dass sich der Patient an einem
bestimmten Ort befinden muss. Solch eine Art der Hausaufgabenplanung lässt sich mit
mobilen Endgeräten sehr gut bewerkstelligen, weil diese bereits die vom Patienten genutz-
te Kalender-Anwendungen besitzen und die definierten Hausaufgaben in diese eingetragen
werden können. Des Weiteren ist es möglich, mittels Notifications, an eine bevorstehen-
de Hausaufgabe zu erinnern, wobei diese Erinnerung von den jeweiligen zeitlichen oder
ortsabhängigen Anforderungen abhängt. Die Benachrichtigungen können für die jeweilige
Übung und individuell für jeden Patienten spezifisch konfiguriert werden. Darüber hinaus
lassen sich mittels der Benachrichtigungsfunktion und anschließenden Nutzung der mobi-
len Anwendung überprüfen, ob die Hausaufgabe wie gewünscht zum richtigen Zeitpunkt
durchgeführt wurde. Mittels dieser Informationen kann der Therapeut Rückschlüsse über
die aktuelle Wirksamkeit der Therapie, in Abhängigkeit der zeitlich korrekten Durchfüh-
rung der Hausaufgaben, ziehen.
Leistungsstand und Fortschritt: Ein wichtiger persönlicher Indikator zur Erfassung
der Wirksamkeit einer Physiotherapie und zur weiteren Motivation die Hausaufgaben re-
gelmäßig durchzuführen, ist dem Patienten eine Form des Fortschritts zur Verfügung zu
stellen. Auf welchen Parametern dieser Fortschritt basiert kann nicht generalisiert wer-
den, da dieser an das spezifische Therapieziel angepasst werden muss. Beispielsweise ist
es für den Patienten in obigem Szenario interessant und motivierend zu wissen, wie sich
die Beweglichkeit seines Knies, d.h. wie weit dieses ohne Schmerz angewinkelt werden
kann, über die Zeit der Physiotherapie und deren Hausaufgaben entwickelt hat. Auf der
anderen Seite wünscht sich ein Patient, dessen Ziel es ist, seine allgemeine Ausdauer zu
steigern und der dafür als Hausaufgabe das regelmäßige Laufen verordnet bekam, einen
Fortschritt bei der zurückgelegten Strecke oder eine niedrigere Herzfrequenz bei gleicher
Belastung zu erkennen. In beiden Fällen führt ein positiver Fortschritt dazu, dass der
Patient die Wirksamkeit der Therapie und ihren Hausaufgaben erkennt und somit seine
Motivation aufrechterhält, wenn nicht sogar steigert. Gleichzeitig verhilft die Anzeige ei-
nes stagnierenden Fortschritts, etwa wenn sich relevante Parameter (z.B. Herzfrequenz)
in die falsche Richtung entwickeln, Fehler bzw. Ungenauigkeiten in der Ausführung der
Hausaufgabe zu erkennen, die dann mit dem Physiotherapeuten besprochen werden müs-
sen. Dieser ist dann in der Lage, die Hausaufgabe entsprechend anzupassen. Um solch
einen Fortschritt zu Verfügung zu stellen sowie diesen komfortabel verwalten und darstel-
len zu können, bieten mobile Endgeräte zahlreiche Möglichkeiten. Zum einen kann der
Fortschritt in fast jeder erdenklichen Art dargestellt werden, etwa mittels Diagrammen,
Listen oder Auszeichnungen (vgl. Gamification). Zum anderen sind mobile Endgeräte in
41
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
der Lage, mittels der eingebauten Sensoren den Patienten bei der Aufzeichnung der für
den Fortschritt relevanten Daten zu unterstützen. Beispielsweise kann die zurückgelegte
Strecke und die Herzfrequenz automatisch und komfortabel vom mobilen Endgerät des
Patienten aufgezeichnet werden, sodass sie nicht manuell und somit fehleranfällig proto-
kolliert werden müssen.
Gamification: Wie erwähnt, ist die Anzeige eines kontinuierlichen Fortschritts für die
Erhaltung bzw. Steigerung der Motivation des Patienten essentiell. Neben der zeitlichen
Darstellung der sich positiv entwickelnden Parameter mit stetig steigenden Verlaufskur-
ven, kann das Konzept des Gamification verwendet werden. Dieses motiviert den Nutzer
bzw. Patienten, mithilfe von Preisen und Auszeichnungen, die über die Zeit gesammelt
werden können. Beispielsweise erhält ein Patient, der seine Hausaufgaben regelmäßig und
adäquat durchführt, eine wöchentliche Auszeichnung und anschließend eine weitere für
den Monat. Bei diesem Konzept wird ausgenutzt, dass Personen generell gerne Auszeich-
nugen und Preise sammeln und dadurch die Motivation hoch ist, weitere zu erhalten.
Dieser Effekt kann noch durch den gegenseitigen Vergleich mit anderen Nutzern bzw.
Patienten gesteigert werden. Hierzu ist eine Form der Gemeinschaft vonnöten (vgl. Ab-
schnitt Community). Mobile Endgeräte bieten heute alle notwendigen Funktionen, um
solch ein Konzept, bestehend aus der Vergabe von Preisen und Auszeichnungen, basie-
rend auf vorher individuell konfigurierten Parametern zu realisieren. Einerseits weil sie die
verschiedenen Artefakte (z.B. Preise, Auszeichnungen) komfortabel verwalten und visuell
ansprechend darstellen können und andererseits weil aufgrund der Fülle an messbaren
Parametern (z.B. Herzfrequenz, zurückgelegte Strecke) ausgefeilte und therapiespezifi-
sche Szenarien generiert werden können. Neben Auszeichnungen können noch weitere
Elemente des Gamification, wie z.B. Missionen bzw. Levels, welche durch entsprechend
zu erbringende Leistungen freigeschaltet werden müssen genutzt werden. Ein gutes Bei-
spiel für die Verwendung von Gamification im Kontext von physischer Belastung oder
Anstrengung sind die mobilen Anwendungen aus der Reihe Runtastic, bei welchen der
Nutzer verschiedene Auszeichnungen nach Erfüllung verschiedener Ziele oder Aufgaben
erhält (vgl. Abbildung 2.17a). Diese Auszeichnungen sind untereinander für andere Nut-
zer sichtbar, wodurch diese motiviert werden oder man selbst motiviert wird, das Ziel für
dieselbe Auszeichnung zu erreichen.
Community: Trotz der nachweislich positiven Effekte einfacher Elemente des Gamifica-
tion, kann die Motivation der Patienten durch die Einrichtung einer Gemeinschaft (sog.
Community) weiter gesteigert werden. Doch solch eine Gemeinschaft ist nicht nur aus mo-
tivationssteigernden Gründen von Vorteil, sie bietet den Patienten untereinander ebenfalls
eine Kommunikationsplattform mittels derer Informationen, Erfahrungen und Tipps aus-
getauscht werden können. Die ausgetauschten Informationen sind von unterschiedlicher
Art. Denkbar sind textuelle Informationen, aber auch Bilder oder Videos von Übungen,
mit welchen Patienten positive Erfahrungen gemacht haben. Mithilfe mobiler Endgeräte,
die über eine nahezu unterbrechungsfreie Internetverbindung verfügen, lassen sich heutzu-
tage lebendige, d.h. stetig mit neuen Inhalten gefüllte, Online-Gemeinschaften realisieren.
Darüber hinaus können auch hier die von den mobilen Endgeräten gesammelten Daten
verwendet werden, um beispielsweise den aktuellen Leistungsstand zu veröffentlichen und
somit vergleichbar zu machen oder eben die gerade durchgeführte Übung (z.B. Ausdau-
erlauf) live für die anderen Patienten sichtbar und verfolgbar zu machen (vgl. Abbildung
2.17b).
42
2.1 Szenarien
(a) Auszeichnungen (b) Live Tracking (c) Aufgezeichnete Daten
Abbildung 2.17: Funktionen der mobilen Anwendungsreihe Runtastic
Feedback: Um die Wirksamkeit einer Physiotherapie, aber auch vieler weiterer Thera-
pien, zu gewährleisten, ist es von großen Bedeutung, dass der Therapeut konstruktives
und vor allem korrektes sowie ehrliches Feedback vom Patienten erhält. Das notwendige
Feedback reicht von Empfindungen des Patienten hinsichtlich einer möglichen Verbesse-
rung oder Verschlechterung der Symptome bis hin zu konkreten Daten hinsichtlich der
Durchführung der gestellten Hausaufgaben, wie z.B. die Häufigkeit der Ausführung, die
Intensität der einzelnen Übungen oder der erzielte Fortschritt. Basierend auf diesen nach-
vollziehbaren und detaillierten Informationen ist es dem Therapeuten möglich, einerseits
zu überprüfen, ob die Therapie wirkt oder ob er Anpassungen an der Hausaufgabe bzw.
deren Übungen vornehmen muss. Darüber hinaus ist es möglich, subjektive Eindrücke
des Patienten, wie z.B. die Einschätzung, dass keine positive Entwicklung erkennbar ist,
zu überprüfen und zu hinterfragen. Gerade wenn es darum geht, Übungen sehr häufig,
d.h. mehrmals am Tag und u.U. zu genauen Zeitpunkten, durchzuführen, neigen manche
Patienten dazu, die regelmäßige Durchführung zu vernachlässigen. Gleichzeitig geben sie
aber dem Therapeuten häufig das Feedback, dass sich keine Besserung einstellt und die-
ser dann aufgrund fehlender Informationen einen vermeintlich korrekten und wirksamen
Therapieansatz verändert bzw. beendet. Mobile Endgeräte sind in der Lage, die Durch-
führung der Hausaufgaben zu verfolgen und hierbei relevante Daten zu erfassen. Dies
können wiederum komplexe Daten (z.B. Vitalparameter), aber auch kontextsensitive Da-
ten (z.B. Zeitpunkt und Ort der Durchführung) sein. Diese Daten können dann analysiert
und unmittelbar an den Therapeuten übermittelt werden. Letzterer ist somit stetig über
den aktuellen Status und Fortschritt der Hausaufgabe informiert. Das Feedback muss
aber nicht zwingenderweise aus gemessenen Werten (z.B. Herzfrequenz oder zurückge-
legter Strecke) bestehen, sondern kann auch subjektive Wahrnehmungen des Patienten
beinhalten. Diese müssen dann manuell mittels eines Formulars eingetragen werden.
43
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
Ad-hoc-Änderungen: Das vom Patienten zur Verfügung gestellte Feedback führt ggf.
zu einer Anpassung der Hausaufgabe durch den Therapeuten. Diese erfolgt meistens gegen
Ende des darauffolgenden Behandlungstermins unter Verwendung der gewohnten Metho-
den, wie z.B. mündliche Erläuterung durch den Therapeuten oder mittels Illustrationen.
Nun ist es denkbar, dass ein Patient schon bei der ersten Durchführung der Hausauf-
gabe Schwierigkeiten aufgrund einer zu komplexen Übung oder auftretender Schmerzen
hat. Der Patient hat dann mehrere Möglichkeiten, mit der Situation bis zum nächsten
Behandlungstermin umzugehen. Entweder er führt die Hausaufgabe nicht mehr durch
und es geht kostbare Therapiezeit verloren oder er passt die Hausaufgabe selbstständig
ohne Fachkenntnis an und beeinträchtigt somit evtl. deren Wirksamkeit. Mit mobilen
Endgeräten und speziellen mobilen Anwendungen, welche den Patienten bei der Haus-
aufgabe unterstützen, ist es nun denkbar, dass der Therapeut stetig über den aktuellen
Fortschritt und u.U. auftretende Probleme in Kenntnis gesetzt wird. Er ist dann in der
Lage, die Hausaufgabe entsprechend anzupassen, d.h. die Parameter, die zu den Schwie-
rigkeiten oder Schmerzen führen, zu ändern und die neu konfigurierte Hausaufgabe an
den Patienten, bzw. dessen mobiles Endgerät, zu übermitteln. Dadurch können einerseits
die Wirksamkeit der Hausaufgabe garantiert und anderseits negative Effekte durch nicht
fachgerechte Anpassungen durch den Patienten vermieden werden. Darüber hinaus wird
die Bindung zwischen Patient und Therapeut gestärkt, da der Therapeut einen direkten
Einfluss auf die Therapie auch außerhalb des Behandlungszimmers nehmen kann.
2.1.3 Instrumentalunterricht
Sowohl bei der Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) (vgl. Abschnitt 2.1.1) als auch bei der
Physiotherapie (vgl. Abschnitt 2.1.2) werden therapeutische Hausaufgaben dazu verwendet,
um die therapeutische Wirksamkeit der verordneten Therapie durch wiederholtes Durchführen
der Maßnahmen in der zur Verfügung stehenden Zeit zwischen den Behandlungsterminen zu
erhöhen. Hausaufgaben werden aber nicht nur im Kontext von Therapien verwendet, sondern
auch in Bildungseinrichtungen, wie beispielsweise Gymnasien oder Universitäten. Trotz ver-
schiedener Studien [Gän08], in welcher der pädagogische Nutzen von Hausaufgaben in Frage
gestellt wird und diese als eine Art pädagogisches Ritual bezeichnet werden, sind diese aus dem
heutigen Schul- und Universitätsleben nicht wegzudenken. Hierbei wird ungeachtet des kontro-
versen Diskurses angenommen, dass Hausaufgaben zwei Kernfunktionen besitzen [HB10]:
1. Didaktisch-methodische Funktion: Diese Funktion der Hausaufgaben wird wei-
ter unterteilt in eine Mechanisierungsfunktion (Einüben von neuem Lernstoff), eine
Übertragungs- und Kontrollfunktion (Überprüfung des neu Gelernten), eine Erweite-
rungsfunktion (Ergänzung der Unterrichtsstunde, Vertiefung) und eine Urkundungs- und
Motivationsfunktion (Unterrichtsvorbereitung).
2. Erzieherische Funktion: Diese Funktion adressiert hauptsächlich die Entwicklung von
Selbstständigkeit und persönlichkeitsstärkenden Haltungen, etwa Arbeitsfreude, Fleiß und
Selbstdisziplinierung. Dabei ist Selbstständigkeit nicht mit selbstbestimmten, d.h. auto-
nomen, Lernen gleichzusetzen. Vielmehr steht das selbstgeregelte Lernen, bei dem Schüler
erlernen Lernvorgänge zu organisieren, im Vordergrund.
Auch Musikschulen machen sich die didaktisch-methodische Funktion von Hausaufgaben bzw.
deren Unterfunktionen, wie beispielsweise die Mechanisierungsfunktion, zunutze, um die im
44
2.1 Szenarien
Unterricht neu erlernten Techniken einzuüben und zu vertiefen [Ans16]. Gerade das Üben,
Verinnerlichen und Automatisieren von Vorgängen und Techniken, wie zum Beispiel von un-
terschiedlichen Gitarrengriffen, ist beim Erlernen eines Musikinstruments unabdingbar und
äußerst wichtig [Suz94]. Professionelle Musiker haben beispielsweise bis zum vollendeten 20.
Lebensjahr teilweise mehr als 10.000 Übungsstunden absolviert, wobei ein Großteil davon im
Rahmen von Hausaufgaben erfolgt [Spi02].
Bei dem in diesem Abschnitt erläuterten Instrumentalunterricht werden Musikschülern jegli-
chen Alters das Spielen eines Musikinstruments gelehrt (vgl. Abbildungen 2.18a und 2.18b),
wobei dieser Unterricht meist von Musikschulen angeboten wird, deren Verbreitung in Deutsch-
land über die letzten Jahre konstant zugenommen hat (vgl. Abbildung 2.19a).
(a) Einzelunterricht für das Spielen eines Klaviers (b) Gruppenunterricht für das Spielen eines Cellos
Abbildung 2.18: Verschiedene Formen des Instrumentalunterrichts
Dieses stetig wachsende Angebot wird, wie in Abbildung 2.19b dargestellt, von immer mehr
Musikschülern in Deutschland angenommen. Neben Musikschulen wird der Instrumentalunter-
richt aber auch von verschiedenen anderen Institutionen und Personen angeboten. Beispiels-
weise bieten Privatlehrer den Instrumentalunterricht ohne übergeordnete Musikschule an oder
auch allgemeinbildende Schulen. Dabei können verschiedene Unterrichtsformen, wie z.B. der
Einzelunterricht (vgl. Abbildung 2.18a) oder der Gruppenunterricht (vgl. Abbildung 2.18b),
angewandt werden.
(a) Entwicklung der Musikschulen [mus18] (b) Entwicklung der Musikschüler [Mus16]
Abbildung 2.19: Entwicklung der Musikschulen und Musikschüler zwischen 2007 und 2015
45
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
Um den Aufbau und den Verlauf eines Instrumentalunterrichts näher zu erläutern und zudem
die Verwendung von Hausaufgaben im Rahmen dieses Unterrichts zu verdeutlichen, wird in
diesem Abschnitt exemplarisch und vereinfacht das Erlernen der notwendigen Techniken zum
Spielen einer Tuba gezeigt. Das hier beschriebene Szenario basiert auf verschiedenen Experten-
gesprächen, d.h. auf Aussagen und Informationen, welche bei Gesprächen sowohl mit Musikleh-
rern als auch Musikschülern und deren Eltern, gesammelt und analysiert wurden. Dabei folgt
der hier beschriebene Instrumentalunterricht dem fachspezifischen Teil Tuba des Lehrplans für
Musikschulen [Mus07].
Im Kontext dieses Szenarios wird angenommen, dass eine Musikschülerin im Alter zwischen 10
und 14 Jahren, welche bereits Angebote der elementaren Musikpädagogik (EMP) wahrgenom-
men und verstanden hat sowie die darin vermittelten Inhalte und Fertigkeiten, wie beispielsweise
das Wahrnehmen und Erleben von Musik, anzuwenden weiß. Dies bedeutet, dass die Musikschü-
lerin über ein grundlegendes Verständnis von Musik und Rhythmus verfügt, aber noch keinerlei
Erfahrung im Spielen einer Tuba oder eines anderen Blechblasinstruments besitzt. Daher ist
der hier beschriebene Instrumentalunterricht in die Elementarstufe des in Tabelle 2.3 gezeigten
Lehrplans einzuordnen [Mus07]. Des Weiteren findet der Unterricht chentlich in den Räumen
einer Musikschule statt und wird als Einzelunterricht durchgeführt.
Stufe Ziele Inhalte
Elementarstufe Übertragung der Lerninhalte der
elementaren Musikpädagogik
Entwicklung musikalischer Grund-
fertigkeiten
Fokussierung auf allgemeine Zugän-
ge und Inhalte
Erfassen und Ausführen einfacher
Rhythmen
Probieren, Singen, Nachmachen Ausbildung einer grundlegenden
Ansatz- und Atemtechnik
Unterstufe Vermittlung der grundlegenden
technischen Kenntnisse
Atmung & Haltung: Wecken eines
Bewusstseins für den Luftfluss
Erfassen der Literatur der Unterstu-
fe (nach Gehör und Notentext)
Ansatztechnik: Bildung eines stabi-
len Ansatzes
Technische, stilistische und musika-
lische Wiedergabe von Notentext
Rhythmische Schulung: Aufbauende
rhythmische Übungen
Mittelstufe Vertiefung und Festigung der in der
Unterstufe erlernten Fertigkeiten
Atmung, Haltung, Ansatztechnik
und Tonkultur
Selbstständige Interpretation von
musikalischen Zusammenhängen
Artikulation und Phrasierung: Um-
setzen von musikalischen Phrasen
Klassenübergreifendes Musizieren,
Bildung fixer Ensembles
Ornamentik: Anwendung von Ver-
zierungsarten
Oberstufe Erfassen und Erarbeiten von ver-
schiedenen Stilrichtungen
Stilrichtungen: Erarbeitung und
Ausführung versch. Stilrichtungen
Ausbau der Atemschulung mit aus-
drucksvoller Klangwirkung
Ansatz: Tonraumerweiterung und
Klangvolumen
Heranführen der Schüler an ein
selbstständiges Arbeiten
Artikulation und Phrasierung: Be-
herrschung aller Artikulationsarten
Tabelle 2.3: Auszug der Lernziele und Arbeitsinhalte aus dem Lehrplan für Musikschulen - Fachspe-
zifischer Teil Tuba [Mus07]
46
2.1 Szenarien
2.1.3.1 Involvierte Personen und Akteure
In dem in diesem Abschnitt beschriebenen Szenario eines Tuba Instrumentalunterrichts sind
die folgenden drei verschiedenen Akteure beteiligt:
Musikschüler: Ein Musikschüler ist eine Person, die an einem von Musikschulen oder
anderen Einrichtungen, wie beispielsweise einer Hochschule, angebotenen Musik- bzw.
Instrumentalunterricht teilnimmt. Dabei ist der Großteil der Musikschüler zwischen 6 und
9 Jahren alt. Aber auch der Anteil an Erwachsenen bleibt laut einer Studie des Verbandes
deutscher Musikschulen aus dem Jahr 2015 mit ungefähr 10% konstant [Mus16]. Im hier
diskutierten Szenario handelt es sich um eine Musikschülerin im Alter zwischen 10 und
14 Jahren ohne Kenntnisse im Umgang mit einer Tuba.
Musik- bzw. Privatlehrer: Der Begriff Musiklehrer wird meistens im Zusammenhang
mit Personen verwendet, die entweder musikalisches Wissen und Können im schulischen
Musikunterricht oder im außerschulischen Instrumentalunterricht, d.h. außerhalb von Bil-
dungseinrichtungen, vermitteln. Dabei muss dringend zwischen dem Beruf des Musikleh-
rers und einem Privatlehrer unterschieden werden. Bei Letzteren handelt es sich meist
um Berufsmusiker, die nur teilweise über eine pädagogische Ausbildung, etwa einen Ab-
schluss in Instrumentalpädagogik, besitzen [Bus16]. Musiklehrer hingegen besitzen eine
mindestens dreijährige Berufsausbildung an anerkannten Berufsfachschulen oder Musik-
akademien [Bun17a]. Bei dem Lehrer, der im hier beschriebenen Szenario den Instru-
mentalunterricht leitet, handelt es sich um einen Privatlehrer mit mehr als 40 Jahren
Erfahrung als Musiker mit den Instrumenten Posaune, Bariton und Tuba.
Eltern: Eine wichtige Rolle beim Instrumentalunterricht, vor allem bei Kindern, nehmen
die Eltern bzw. einzelne Elternteile ein. Zum einen begleiten sie die Musikschüler zu Be-
ginn der ersten Unterrichtseinheiten, zum anderen wirken sie motivierend auf die Musik-
schüler ein, sodass diese die wiederkehrenden Hausaufgaben gewissenhaft und pünktlich
durchführen. Dabei geht es nicht darum, die Musikschüler während der Durchführung
der Hausaufgabe explizit zu kontrollieren bzw. zu beaufsichtigen. Dies erwies sich, wie
eine Untersuchung im Kontext von schulischen Hausaufgaben zeigt, als kontraproduktiv
[TB+01].
2.1.3.2 Ablauf
Um die Vorgehensweise und den Ablauf eines Instrumentalunterrichts zu verdeutlichen, wird
nun genauer auf die einzelnen Aktivitäten, Schritte und Phasen eingegangen. Abbildung 2.20
stellt exemplarisch und basierend auf Informationen aus Experteninterviews dar, welche Akti-
vitäten in welcher Reihenfolge im Rahmen eines Instrumentalunterrichts durchgeführt werden.
Darüber hinaus zeigt Abbildung 2.20, an welchen Orten und unter Verwendung welcher Hilfs-
mittel und Materialien die einzelnen Aktivitäten durchgeführt werden.
Während der ersten Unterrichtseinheit im Unterrichtsraum einer Musikschule lernen sich Pri-
vatlehrer und Musikschülerin zunächst einmal kennen. In den ersten Minuten der Unterrichts-
einheit ist auch ein Elternteil zugegen, um die junge Musikschülerin positiv zu unterstützen
und mögliche Hemmungen und Berührungsängste von Seiten der Musikschülerin schnellstmög-
lich abzulegen. Neben dem persönlichen Kennenlernen erfährt der Privatlehrer einerseits den
47
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
aktuellen Kenntnisstand der Musikschülerin, wie beispielsweise deren Wissensstand zu ver-
schiedenen Ton- oder Taktarten, andererseits überprüft er bereits vorhandene Fertigkeiten, wie
beispielsweise das Halten eines Rhythmus.
Abbildung 2.20: Ablauf des Instrumentalunterrichts
Im nächsten Schritt werden technische Informationen zur Tuba sowie erste elementare Techni-
ken, etwa das Buzzing (engl. lautmalerisch für “Summen”) [Bai76], erläutert. Die technischen
Informationen sind notwendig, um der Musikschülerin ein grundlegendes Verständnis für die
Funktionsweise einer Tuba und die korrekten Fachbegriffe (vgl. Abbildung 2.21a 1
) zu ver-
mitteln. Das Buzzing hingegen ist eine erste wichtige Übung, welche aber ohne das eigentliche
Instrument stattfindet. Hierbei ist das Ziel, definierte Geräusche und Töne mit den Lippen und
später in Kombination mit dem Mundstück der Tuba zu erzeugen (vgl. Abbildung 2.21a 2
).
Dazu kommt im weiteren Verlauf des Instrumentalunterrichts ein Begleit- bzw. Übungsbuch
zum Einsatz, dessen Inhalt (z.B. Rhythmusübungen oder Griff-Tabellen) sowohl den Privatleh-
rer als auch die Musikschülerin im Unterricht unterstützen (vgl. Abbildung 2.21).
Im letzten Teil der ersten Unterrichtseinheit widmet sich der Privatlehrer der Erläuterung der
Hausaufgabe und speziell den einzelnen Übungen, welche die Musikschülerin in der Zeit zwi-
schen den Unterrichtseinheiten durchführen soll. Neben den Aufgaben und Zielen sowie der
Reihenfolge der jeweiligen Übung, gibt der Privatlehrer die Übungsfrequenz innerhalb einer
Hausaufgabe vor, d.h. er legt fest wie oft die Übung wiederholt werden soll. Ebenso gibt er eine
Übungsdauer vor, d.h. er legt fest wie lange diese durchgeführt werden soll.
In der Zeit zwischen den Unterrichtseinheiten führt die Musikschülerin die Hausaufgabe und
die darin enthaltenen Übungen täglich und in der vom Privatlehrer vorgegebenen Dauer und
Häufigkeit durch. Im hier beschriebenen Szenario bedeutet dies beispielsweise, dass die Auf-
wärmübung (vgl. Abbildung 2.21b 1
) genau ein Mal für jeweils 10 Minuten und vor der
Übung Fingergymnastik (vgl. Abbildung 2.21b 2
) erfolgen muss, welche 3 Mal für jeweils 5
Minuten wiederholt werden soll. Hierbei nutzt sie wie während der Unterrichtseinheit in den
Unterrichtsräumen der Musikschule das Begleit- und Übungsbuch und zusätzlich die beiliegende
Begleit-CD. Die darauf enthaltenen Inhalte dienen sowohl als Vorlage für die Übung (z.B. Ab-
spielen eines entsprechenden Rhythmus) als auch als Kontrolle, mit welcher die Musikschülerin
subjektiv überprüfen kann, ob sie die Übung korrekt durchgeführt hat. Neben der Begleit-CD
kommen auch andere externe Hilfsmittel, etwa ein Metronom oder eine digitale Stimmhilfe, zum
Einsatz. Wie Abbildung 2.21b 3
zeigt, kann die Übung Fingergymnastik außerdem hinsichtlich
des Schwierigkeitsgrades angepasst werden.
48
2.1 Szenarien
2
1
(a) Illustration zu technischen Aspekten der Tuba und
Buzzing [Kas07]
2
1
3
(b) Aufwärmübungen und Fingergymnastik mit unter-
schiedlichem Schwierigkeitsgrad [Kas07]
Abbildung 2.21: Auszüge aus dem Übungsbuch Schule für Tuba - Hören, lesen & spielen Teil 1
Bei der nächsten Unterrichtseinheit, welche meist im Wochenrhythmus stattfindet, wärmt sich
die Musikschülerin zunächst auf. Dazu führt sie beispielweise Atemübungen durch und spielt
sich für den Unterricht ein. Nach diesen ca. 3 Minuten wird die Hausaufgabe überprüft, indem
die Musikschülerin die einzelnen Übungen durchführt und der Privatlehrer diese auf deren Kor-
rektheit hin überprüft. Dabei übt der Privatlehrer konstruktive Kritik, d.h. er zeigt Fehler oder
Ungenauigkeiten auf und erläutert Möglichkeiten zur Verbesserung. Darüber hinaus ist es für
den Privatlehrer äußerst wichtig zu erfahren, ob sich die Musikschülerin bei der Bewältigung
der Hausaufgabe überfordert fühlte oder ob sie aus ihrer Sicht die Übungen mit wenig Mü-
he durchführen konnte. Daraus und aus der Information wie oft die Hausaufgabe durchgeführt
wurde, lässt sich anschließend einschätzen, ob der vom Privatlehrer gewählte Schwierigkeitsgrad
der einzelnen Übungen adäquat hinsichtlich der Kenntnisse und Fertigkeiten der Musikschüle-
rin oder aber nicht angemessen war. Im Anschluss an diese ca. 7 Minuten andauernde Phase
wird dazu übergegangen, weitere neue Techniken zu vermitteln bzw. zu erlernen. Hierbei wählt
der Privatlehrer neue oder aber auch schon für die Musikschülerin bekannte Übungen, welche
dann hinsichtlich des Schwierigkeitsgrades angepasst werden, sodass diese den Fertigkeiten der
Musikschülerin genügen. Nachdem die neuen Techniken vermittelt wurden, erläutert der Pri-
vatlehrer der Musikschülerin die neue Hausaufgabe. Hierbei werden Übungen spezifiziert, deren
Ziel es einerseits ist, die neu erlernten Techniken einzuüben, d.h. entsprechend der Mechani-
sierungsfunktion von Hausaufgaben, andererseits bereits vorhandene Fertigkeiten zu vertiefen,
49
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
d.h. entsprechend der Erweiterungsfunktion von Hausaufgaben. Hierbei werden wiederum je-
weils die Übungsdauer und die Übungsfrequenz genau definiert.
2.1.3.3 Eigenschaften und Besonderheiten
Das Szenario des Instrumentalunterrichts beinhaltet verschiedene Eigenschaften und Besonder-
heiten hinsichtlich dem Umgang mit Hausaufgaben und im Speziellen deren Übungen. Diese
wurden einerseits von den Musiklehrern während verschiedener Experteninterviews explizit er-
wähnt und andererseits durch Analysen im Anschluss an die Interviews extrahiert.
Lokalität: Bei der Durchführung der Hausaufgabe bzw. deren Übungen besteht im Kon-
text des Instrumentalunterrichts keine signifikante Relevanz zwischen der Lokalität, d.h.
dem Ort, an dem die Hausaufgabe durchgeführt wird, und deren Wirksamkeit. Dies bedeu-
tet, dass der Musikschüler theoretisch für jede Hausaufgabe, aber auch für jede einzelne
Übung, selbst entscheiden kann, an welchem Ort er diese erledigt. In der Praxis ist es
allerdings so, dass die Lokalität nur selten verändert wird, da aufgrund des Formfaktors
oder der Größe des Instruments eine örtliche Anpassung nur mit großem Aufwand möglich
ist.
Uhrzeit: Wie bei der Lokalität spielt die genaue Uhrzeit, wann die Hausaufgabe durch-
geführt wird, eine untergeordnete Rolle beim Instrumentalunterricht. Dies wiederum
bedeutet, dass der Musikschüler die Uhrzeit im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen,
wie z.B. Ruhezeiten, selbst wählen kann. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die
Konzentrations- und Leistungsfähigkeit nicht zu jeder Uhrzeit gleich sind und somit
ein eingeschränkter Zusammenhang zwischen der Uhrzeit, der Durchführung und der
Effizienz der Hausaufgabe besteht.
Schwierigkeitsgrad & Intensität: Der Schwierigkeitsgrad der einzelnen Übungen im
Kontext des Instrumentalunterrichts hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Beispiels-
weise kann die Anpassung des Tempos von Adagio16 zu Allegro17, in welchem eine Übung
erfolgen soll, den Schwierigkeitsgrad deutlich erhöhen. Letzterer wird durch den Musik-
oder Privatlehrer bei der genauen Definition der Hausaufgabe bzw. deren Übungen fest-
gelegt. Die dynamische Anpassung des Schwierigkeitsgrads ist nur eingeschränkt möglich,
da nahezu keine objektive Möglichkeit besteht, zu bestimmen, ob die Qualität der Durch-
führung oder allgemein die Kriterien erfüllt sind, um einen höheren bzw. niedrigeren
Schwierigkeitsgrad zu erlauben bzw. notwendig zu machen. Daher ist eine oft verwendete
Herangehensweise in der Praxis, dass auf die subjektive Wahrnehmung des Musikschülers
zurückgegriffen wird und der Musiklehrer weniger präzise Kriterien definiert, wie z.B.
Wenn du dich sicher fühlst, dann. . . oder Wenn das noch zu schnell ist, dann...“. Eine
eigenständige Adjustierung des Schwierigkeitsgrads durch den Musikschüler ist möglich,
führt aber unter Umständen zu einer unerwünschten Demotivation aufgrund von fehlen-
den positiven Resultaten, wie z.B. das erfolgreiche Nachspielen eines Liedes in Allegro.
Übungsfrequenz: Die Frequenz, in welcher die gesamte Hausaufgabe, aber auch jede
einzelne Übung, durchzuführen ist, wird ebenfalls vom Musiklehrer im Instrumentalun-
terricht spezifiziert. Dies kann einerseits bedeuten, dass er eine konkrete Anzahl an Wie-
16langsam, ruhig
17schnell, munter, fröhlich
50
2.1 Szenarien
derholungen vorgibt, andererseits, dass er diese von der subjektiven Wahrnehmung des
Musikschülers abhängig macht, indem er wiederum weniger präzise Kriterien formuliert,
wie z.B. Wiederhole die Übung solange bis du dich sicher fühlst“ oder „Übe diese Tech-
nik solange bis du keine Fehler mehr machst“. Dies bedeutet, dass die Adjustierung der
Übungsfrequenz im Rahmen der Hausaufgabe einzig durch den Musikschüler selbst statt-
findet. Die Herausforderung ist einzuschätzen, ob die Kriterien für mehr oder weniger
Wiederholungen erfüllt sind, da es nicht ohne Weiteres möglich ist, die hierfür notwen-
digen Informationen präzise zu bestimmen. Eine eigenständige Anpassung der Übungs-
frequenz ohne Rücksicht auf definierte Kriterien ist ebenfalls möglich. Hierbei ist aber
zu beachten, dass sich eine Verringerung der Anzahl an Wiederholungen meist negativ
auf die Wirksamkeit der Hausaufgabe auswirkt, da dann die Mechanisierungsfunktion der
Hausaufgabe nur eingeschränkt greift.
Übungsdauer: Die Dauer der einzelnen Übungen und somit die Gesamtdauer der Haus-
aufgabe wird ebenfalls vom Musiklehrer während des Instrumentalunterrichts bestimmt.
Hierbei ist es möglich, die Dauer mittels einer expliziten Zeitangabe zu definieren, wie es
in der Abbildung 2.20 dargestellt wird, oder implizit durch eine entsprechende Angabe der
Übungsfrequenz. Hierbei ist zu beachten, dass unter Umständen die Wirksamkeit einer
Übung, deren Dauer mit einer expliziten Zeitangabe spezifiziert wurde, nicht identisch ist
mit jener, die durch Angabe einer Wiederholrate definiert wurde. Dies liegt daran, dass
bei der Wiederholung der Übung eine nicht näher spezifizierte Pause eingelegt und durch
Regeneration die weitere Konzentrationsfähigkeit gesteigert wird [Mün16].
Hilfsmittel: Neben dem eigentlichen Musikinstrument, welches für die Hausaufgabe
verwendet wird, kommen meist auch andere Hilfsmittel zum Einsatz, um den Musik-
schüler einerseits bei der Durchführung der Übungen zu unterstützen und andererseits
die Wirksamkeit der Hausaufgabe zu erhöhen. Zur Unterstützung kommt beispielsweise
ein Begleitbuch (vgl. Abbildungen 2.21a und 2.21b) oder eine Begleit-CD zum Einsatz.
Diese enthalten nützliche Tipps und Ratschläge sowie die eigentlichen Beschreibungen
der Übungen (vgl. Abbildung 2.21b 1
). Darüber hinaus werden verschiedene technische
Hilfsmittel verwendet, um die Übungen sowohl effizienter zu gestalten als auch deren
Ausführung zu kontrollieren. Beispielsweise wird ein Metronom (vgl. Abbildung 2.22a)
verwendet, um das Tempo vorzugeben, in welchem die Übung gespielt werden soll. Das
digitale Stimmgerät (vgl. Abbildung 2.22b) hingegen kann sowohl zur Unterstützung als
auch Kontrolle eingesetzt werden, indem beispielsweise ein Ton in einer bestimmten Fre-
quenz vorgegeben ist und dieser vom Musikschüler nachgespielt werden soll. Mittels eines
solchen Hilfsmittels ist es dem Musikschüler möglich, seine Leistung bzw. sein Können zu
messen und gegebenenfalls durch Anpassung der Wiederholrate (vgl. Frequenz) oder des
Schwierigkeitsgrads, die Effizienz seiner Hausaufgabe zu optimieren.
Überwachung & Feedback: Eine Überwachung der Hausaufgabe durch den Musik-
lehrer oder ein kontinuierliches Bereitstellen von Feedback seitens des Musikschülers ist
aktuell nicht bzw. nur mit großem Aufwand möglich. Beispielsweise wäre es denkbar, dass
die durchgeführte Übung aufgezeichnet wird (als Audio- oder Videodatei) und anschlie-
ßend mit subjektiven Eindrücken (z.B. adäquater Schwierigkeitsgrad, Resultat entspricht
den Erwartungen des Musiklehrers, etc.) an den Musiklehrer übermittelt wird. Solch
ein Vorgehen wird aber aufgrund des hohen zeitlichen und technischen Aufwands in der
Praxis nicht angewandt. Daraus resultiert, dass Anpassungen, welche versprechen die
51
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
Effizienz der Hausaufgabe zu erhöhen oder zumindest zu erhalten, erst in der nächsten
Unterrichtseinheit erfolgen können. Dies führt wiederum dazu, dass die Zeit zwischen den
Unterrichtseinheiten nicht optimal genutzt wird und sich dadurch unter Umständen die
Gesamtzeit des Instrumentalunterrichts verlängert. Zudem kann eine fehlende Anpassung
der Hausaufgabe, beispielsweise durch Anpassung eines zu hohen Schwierigkeitsgrads, zur
Demotivation des Musikschülers führen.
(a) Mechanisches Metronom [met18] (b) Digitales Metronom und Stimmgerät [sti18a]
Abbildung 2.22: Technische Hilfsmittel zur Durchführung der Hausaufgabe
2.1.3.4 Optimierungsmöglichkeiten durch den Einsatz mobiler Endgeräte
Im Szenario eines Instrumentalunterrichts, in dem eine Musikschülerin durch einen Privatlehrer
das Spielen der Tuba erlernt, wird bisher nahezu vollständig auf die Unterstützung durch mo-
derne mobile Endgeräte und somit auch durch mobile Anwendungen verzichtet. Ein ähnliches
Bild zeichnet sich generell für den Unterricht anderer Instrumente ab, da auch hier auf die
etablierten Lehrmethoden, wie beispielsweise die Verwendung eines Begleit-bzw. Übungsbuchs
(vgl. Abbildung 2.21) oder das Überprüfen der Hausaufgabe zu Beginn der Unterrichtseinheit,
zurückgegriffen wird. Dabei ist es keinesfalls so, dass keine mobilen Anwendungen für den In-
strumentalunterricht existieren. Dies sind meist aber spezifische Anwendungen, deren Fokus
nicht auf der Gesamtheit der Hausaufgabe und deren effizienten Durchführung liegt, sondern
auf der Unterstützung beim Erlernen einer bestimmten Eigenschaft [Kre17]:
Tempo: Zum Erlernen der verschiedenen Tempi, in welchen ein Stück gespielt werden
kann, sowie zum Üben einen Takt adäquat zu halten, existieren mobile Anwendungen,
wie z.B. Pro Metronome18 (vgl. Abbildung 2.23b) oder Metronome: Tempo19.
Intonation: Eine Trainingshilfe zur korrekten Intonation für verschiedene Musikinstru-
mente, wie z.B. Blas- oder Zupfinstrumente, ist die mobile Anwendung Intunator20 (vgl.
Abbildung 2.23a). Diese analysiert den gespielten Ton mittels des im mobilen Endgerät
eingebauten Mikrofons und gibt diesen korrekt intoniert auf dem Lautsprecher oder einem
Kopfhörer wieder.
Notenlesen: Eine elementare Eigenschaft beim Erlernen eines Musikinstruments ist ne-
ben dem eigentlichen Spielen von Tönen das korrekte Lesen von Noten. Auch hierzu finden
18https://itunes.apple.com/de/app/pro-metronome-das-profi-metronom/id477960671?mt=8
19https://play.google.com/store/apps/details?id=com.frozenape.tempo
20https://itunes.apple.com/de/app/intunator/id994833079?mt=8
52
2.1 Szenarien
sich in den Appstores verschiedene mobile Anwendungen, welche die Musikschüler beim
Erlernen unterstützen. Hierzu gehört beispielsweise Mozart 2 Pro21.
Gehörbildung: Unter dem Begriff der Gehörbildung versteht man den Schulungspro-
zess des Gehörs, bei welchem dieses trainiert wird Intervalle, Tonhöhen und Rhythmen
bestimmen zu können. Hierfür werden verschiedene mobile Anwendungen zur Unterstüt-
zung angeboten, wie beispielweise Better Ears - Gehörbildung22 (vgl. Abbildung 2.23c)
oder Ear Trainer23.
(a) Intunator (b) Pro Metronome (c) Better Ears
Abbildung 2.23: Screenshots von mobilen Anwendungen für den Instrumentalunterricht
Mobile Endgeräte sind heutzutage in der Lage, nicht nur spezifische Eigenschaften zu unter-
stützen, sondern sie ermöglichen zudem eine ganzheitliche Unterstützung des Instrumentalun-
terrichts. Einige Aspekte einer solchen ganzheitlichen Unterstützung und ihre Vorteile werden
im Folgenden erläutert:
Digitale Hilfsmittel: Wurden bisher meist analoge Hilfsmittel bei der Unterstützung
von Hausaufgaben verwendet, wie ein Übungs- bzw. Begleitbuch (vgl. Abbildung 2.21)
oder klassisches Metronom (vgl. Abbildung 2.22a), bieten moderne mobile Enderäte
weitaus komplexere Möglichkeiten der Informationsdarstellung und Interaktion. Diese
sind in der Lage, digitale Dokumente, deren Inhalte vom Nutzer editiert bzw. annotiert
werden können, wie z.B. PDF-Dokumente, anzuzeigen oder Videos mit Erklärungen und
Hilfestellungen abzuspielen. Letztere können dabei lokal, d.h. auf dem mobilen Endge-
rät, gespeichert sein, oder von den bekannten Online-Plattformen (z.B. Youtube oder
Vimeo) bezogen werden. Darüber hinaus bieten moderne mobile Endgeräte die Möglich-
21https://itunes.apple.com/de/app/mozart-2-pro/id1049822737?mt=8
22https://play.google.com/store/apps/details?id=de.appsolute.betterearspremium
23https://itunes.apple.com/de/app/ear-trainer/id358733250?mt=8
53
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
keit, verschiedene Hilfsmittel, wie beispielweise ein Metronom oder ein Stimmgerät, zu
kombinieren und zu integrieren, sodass diese komfortabel genutzt werden können.
Sensorik und Ad-hoc-Feedback: Mithilfe der in modernen mobilen Endgeräten ein-
gebauten Sensoren, etwa dem Mikrofon, ist es möglich, die Hausaufgabe bzw. die aktuell
durchzuführende Übung aufzuzeichnen und zu analysieren. Basierend auf den Ergebnissen
der Analyse kann dann dem Musikschüler ein Ad-hoc-Feedback gegeben werden, ob er die
Übung korrekt durchgeführt hat oder welche Änderungen notwendig sind, falls dies nicht
der Fall war. Dieses Feedback kann hierbei im Anschluss an die Übung oder während der
Durchführung in Echtzeit erfolgen. So kann ein Musikschüler nach Beendigung der Übung
darüber informiert werden, dass das Tempo zu hoch war, oder aber noch während der
Durchführung, um dieses entsprechend anzupassen. Dieses Ad-hoc-Feedback kann dem
Musikschüler relativ einfach durch Anzeige der Information auf dem Display des mobilen
Endgeräts dargestellt werden. Es ist auch denkbar, andere Aktoren des mobilen End-
geräts, etwa den Lautsprecher oder die Vibrationskomponente, zu verwenden. Letztere
könnte bewirken, dass der Musikschüler nicht die Konzentration auf die Noten verliert.
Planung und Erinnerungen: Eine große Herausforderung bei der effizienten Gestal-
tung eines Instrumentalunterrichts und der konsequenten Einhaltung und Durchführung
der gestellten Hausaufgaben ist deren Planung, etwa die Festlegung zu welcher Uhrzeit
oder an welchem Ort diese durchgeführt werden soll. Dieser Hausaufgabenplan kann dann
in die bevorzugte Kalender-Anwendung des Musikschülers integriert werden. Ist solch ei-
ne Planung vorab durchgeführt worden, bieten mobile Endgeräte die Möglichkeit, den
Nutzer, in diesem Fall den Musikschüler, mithilfe sog. Notifications an die anstehende
Hausaufgabe zu erinnern. Dabei erhält der Musikschüler eine spezifische Nachricht, wel-
che die geplante Uhrzeit und eine kurze Beschreibung der Hausaufgabe enthält. Neben
dem Vorteil für den Musikschüler, an die Hausaufgabe erinnert zu werden, besteht die
Möglichkeit, sein Verhalten hinsichtlich der konsequenten Durchführung der Hausaufga-
be zu analysieren und diese Information dem Musiklehrer zur Verfügung zu stellen. Dies
ermöglicht Letzterem, Rückschlüsse auf den aktuellen Ausbildungs- bzw. Leistungsstand
des Musikschülers zu ziehen.
Fortschritt: Ein wichtiger Aspekt bei der konsequenten und regelmäßigen Durchführung
der Hausaufgaben im Rahmen des Instrumentalunterrichts ist die Motivation des Musik-
schülers, sich zu verbessern. Dazu ist es wichtig, dass er Einblick in seinen persönlichen
Fortschritt über einen definierten Zeitraum erhält. Beispielsweise kann die Erfolgs- bzw.
Fehlerrate bei der Durchführung einer bestimmten Übung aufgezeichnet und diese dem
Musikschüler zur Verfügung gestellt werden. Bei einer erkennbar sinkenden Fehlerrate ist
er u. U. weiterhin motiviert, diesen Wert zu minimieren. Neben dem Musikschüler, der
von einem erkennbaren Fortschritt profitiert, ist diese Information auch für den Musik-
lehrer äußerst wichtig, da er darauf aufbauend die weiteren Hausaufgaben und Übungen
bzw. deren Schwierigkeitsgrad ausrichten kann. Um dies zu ermöglichen, ist es notwendig,
alle relevanten Daten (z.B. Audio-Samples) daraufhin zu prüfen, ob das Tempo inner-
halb der Übung gehalten wurde oder Bewegungsdaten, um nachzuvollziehen, ob sich der
Musikschüler ruckartig bewegt. All diese Informationen können mit modernen mobilen
Endgeräten, bzw. den darin verbauten Sensoren erfasst und ausgewertet werden.
Gamification: Neben der Anzeige eines individuellen Fortschritts eignen sich zudem
wieder Konzepte des Gamification [DDKN11]. Hierbei werden verschiedene, aus Spielen
54
2.1 Szenarien
bekannte Ansätze und Methoden dazu verwendet, den Musikschüler zu motivieren, die
ihm gestellten Hausaufgaben regelmäßig durchzuführen. Beispielsweise können für ver-
schiedene Übungen unterschiedliche Level kreiert werden, wobei höhere Level erst nach
Abschließen des vorherigen Levels erreicht werden können. Die Kriterien, welche für das
erfolgreiche Abschließen eines Levels herangezogen werden, können dabei unterschiedli-
cher Natur sein, wie z.B. das fünfmalige korrekte Nachspielen einer Strophe. Ein weiteres
Konzept ist die Vergabe von Preisen oder Abzeichen, welche der Musikschüler abhängig
von den definierten Kriterien erhält. Diese Badges können allgemein gehalten werden,
wie bei der Vergabe von Medaillen, oder themenspezifisch, etwa das Abzeichen Flinker
Finger für gute Leistungen bei verschiedenen Tempo-Übungen. Auch für die Verwen-
dung von Gamification ist es notwendig, relevante Daten mithilfe mobiler Endgeräte zu
sammeln und diese auszuwerten, um zu prüfen, ob die für das Gamification relevanten
Kriterien erfüllt wurden. Des Weiteren bieten mobile Endgeräte bzw. deren mobile An-
wendungen die Möglichkeit, Levels, Preise und Auszeichnungen zu archivieren, sodass mit
einem langanhaltenden Effekt zu rechnen ist.
Abbildung 2.24: Themen- bzw. Kontextabhängige grafische Auszeichnungen [bad18]
Feedback: Nicht nur das bereits erwähnte Ad-hoc-Feedback, das der Musikschüler wäh-
rend oder im Anschluss an die Durchführung einer Übung erfährt, kann mithilfe mobiler
Endgeräte realisiert und zur Verfügung gestellt werden. Ein weiteres wichtiges Feedback
richtet sich an den Musiklehrer, welcher basierend auf den übermittelten Informationen
den eigentlichen Instrumentalunterricht und vor allem die Hausaufgaben deutlich zielge-
richteter und dadurch effizienter gestalten kann. Dieses Feedback erhält er nicht wie bisher
entweder explizit in mündlicher Form oder implizit durch Überprüfung der Hausaufgabe
beim nächsten Musikunterricht, sondern umgehend, d.h. noch während die Hausaufgabe
durchgeführt wird oder im Anschluss. Hierbei ist das mobile Endgerät sowohl für das
Erfassen aller relevanten Informationen als auch deren Aufbereitung und anschließen-
de Übermittlung an der Musiklehrer verantwortlich. Solch eine Lösung ermöglicht dem
Musiklehrer schnellstmöglich und effizient auf einen beispielsweise zu hohen Schwierig-
keitsgrad einer Übung zu reagieren, diesen entsprechend anzupassen und die Anpassung
an den Musikschüler zurück zu übermitteln. Darüber hinaus steigert solch eine Feedback-
Funktion nicht nur die Effizienz der Hausaufgabe, sondern ggf. auch jene des Präsenz-
bzw. Musikunterrichts, da eine zeitintensive Überprüfung der Hausaufgabe nicht mehr
zwingend notwendig ist.
Community: Ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Aspekt bei der Verwendung mobi-
ler Endgeräte im Instrumentalunterricht ist die Möglichkeit, eine Community zu erstellen
bzw. anzubieten, in welcher sich Gleichgesinnte, d.h. im vorliegenden Fall Musikschüler,
untereinander austauschen, motivieren und vergleichen können. Gerade das Vergleichen
untereinander fördert die Motivation, da vermeintlich schlechter eingestufte Nutzer bzw.
55
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
Musikschüler angeregt werden, sich zu verbessern, wohingegen besser bewertete Nutzer ein
Interesse daran haben, ihren Vorsprung zu behalten. Hierbei bietet sich eine Art Ranglis-
te an, die ähnlich zu anderen Bereichen (z.B. Sport) den aktuellen Leistungsstand im
Vergleich zu den anderen in der Community befindlichen Personen wiedergibt. Auch hier
ist es notwendig, das vergleichbare Attribute gefunden werden, etwa die Fehlerrate über
bestimmte Übungen hinweg. Um diese Attribute und Informationen zur Verfügung zu
stellen, können wiederum mobile Endgeräte mit den verschiedenen eingebauten Sensoren
alle relevanten Daten sammeln, auswerten und der Community bereitstellen.
Ad-hoc-Anpassungen: Wie erwähnt, ist ein wichtiger Aspekt in Bezug auf die effiziente
Durchführung von Hausaufgaben, dass diese individuell an die Bedürfnisse des Einzelnen
angepasst sind. Dies bedeutet umgekehrt, dass der Erfolg einer Hausaufgabe nicht garan-
tiert ist, falls die jeweiligen Übungen, d.h. deren Komplexität oder deren Schwierigkeits-
grad, nicht an den aktuellen Leistungsstand des Schülers angepasst sind. Mit der bereits
erläuterten Funktionsvielfalt mobiler Endgeräte bzw. deren mobilen Anwendungen, ist es
möglich, dass der Musiklehrer basierend auf den vom Musikschüler zur Verfügung gestell-
ten Daten (vgl. Abschnitt Ad-hoc-Feedback), jede einzelne Übung optimal und individuell
noch während der Durchführung der Hausaufgabe anpassen kann. Dies muss nicht unbe-
dingt bedeuten, dass diese noch während der aktuellen Durchführung angepasst werden,
aber zumindest bis zur nächsten. Damit kann verhindert werden, dass eine unzureichende
Übung mehrfach wiederholt wird und somit einerseits kostbare Zeit verschwendet wird
und sich andererseits anstatt einer positiven Entwickling eine negative einstellt. Beispiels-
weise ist es denkbar, dass der Musikschüler aufgrund eines zu hohen Schwierigkeitsgrades
eine falsche Technik anwendet, um die Übung trotzdem zu meistern. Auf der einen Seite
schmälert dies den Lernerfolg sichtbar, auf der anderen Seite kostet es oft sehr viel Zeit
und Fleiß, eine falsch erlernte Technik durch eine korrekte zu ersetzen.
2.2 Generalisierung
Die drei verschiedenen in Abschnitt 2.1 erläuterten Szenarien weisen unterschiedlichste Eigen-
schaften und Anforderungen hinsichtlich der Verwendung therapeutischer Hausaufgaben auf,
die mittels adäquater und spezifisch entwickelter mobiler Anwendungen unterstützt werden kön-
nen. Eine solch vorherrschende domänenübergreifende Heterogenität an Eigenschaften stellt für
eine technische Unterstützung durch mobile Endgeräte eine große Herausforderung dar, da eine
generische Lösung, die sowohl die drei gezeigten als auch weitere sich davon unterscheidende
Szenarien bzw. Therapien bestmöglich unterstützen soll (z.B. Ergotherapie oder spezifischer
Unterricht im schulischen Umfeld) sehr herausfordernd ist.
Um solch eine generische Lösung zu realisieren bzw. ein adäquates Konzept hierfür zu entwi-
ckeln, gilt es zunächst, die dafür relevanten Abläufe, d.h. insbesondere jene, welche sich mit der
Verwaltung, Zuteilung, Durchführung und Analyse von Hausaufgaben beschäftigen, zu genera-
lisieren. Dies bedeutet, gleiche bzw. ähnliche Abläufe und Eigenschaften szenarienübergreifend
zu identifizieren, dabei mögliche Herausforderungen für eine technische Lösung abzuleiten, um
anschließend darauf basierend, die notwendigen funktionalen und nicht-funktionalen Anforde-
rungen zu definieren.
56
2.2 Generalisierung
Abbildung 2.25 zeigt dazu die identifizierte und aus den beiden therapeutischen Szenarien
abgeleitete generalisierte Prozedur der therapeutischen Hausaufgabennutzung, d.h. deren Er-
läuterung, Zuteilung und Anpassung auf Seiten des Therapeuten sowie die Durchführung auf
Seiten des Patienten. Im Folgenden werden die einzelnen Aktivitäten innerhalb dieser Prozedur
kurz erläutert und diskutiert.
Außerhalb der
Therapiesitzung
Während der
Therapiesitzung
Beginn
Anamnese
Diskussion &
Erläuterung
der Hausaufgabe
Zuteilung
der Hausaufgabe
Analyse &
Anpassung
der Hausaufgabe
Feedback
zur Hausaufgabe
Hausaufgabe
hilfreich?
Ja
Hausaufgabe
noch notwendig?
Ja
Nein
Ende
Nein
Erinnerung an
Aktivitäten und
Anweisungen
Durchführung
der Hausaufgabe
Die potentielle Hausaufgabe
wird mit dem Patienten
ausführlich disktutiert. Dabei
werden die einzelnen
Aktivitäten vom Therapeuten
bestmöglich erläutert und
vorgeführt.
Die einzelnen Aktivitäten der
Hausaufgabe werden mit ihren
Eigenschaften (z.B. Häufigkeit,
Dauer, etc.) endgültig
spezifiziert und vom
Therapeuten zugeteilt.
Der Therapeut analysiert das
Patienten-Feeback und passt
ggf. seine Strategien und
Methoden sowie die nächste
Hausaufgabe entsprechend
seiner Erkenntnisse an.
Bei jeder Durchführung der
Aktivitäten muss sich der
Patient zunächst an all deren
Details und Abläufe erinnern,
um die Aktivitäten
anschließend korrekt
durchzuführen.
Der Patient berichtet dem
Therapeuten über seine
Erfahrungen oder
Vorkommnisse bei der
Durchführung der Hausaufgabe
in Form eines
Patienten-Feedbacks.
Der Patient führt die
Aktivitäten nach bestem
Wissen durch und sammelt
dabei Erfahrungen und
Eindrücke (z.B. Auftretender
Schmerz, etc.).
Die Anamnese findet nur in
der ersten Therapiesitzung
statt. Auf deren Basis
entscheidet der Therapeut über
den Einsatz therapeutischer
Hausaufgaben.
Nach Einholen des
Patienten-Feedbacks
entscheidet der Therapeut, ob
eine weitere Hausaufgabe für
die Wirksamkeit der
Intervention notwendig ist.
Abbildung 2.25: Generalisierte Prozedur der Hausaufgabennutzung im therapeutischen Umfeld
Zu Beginn jeder Therapie, d.h. in der ersten Therapiesitzung, wird durch den Therapeuten eine
Anamnese erstellt, auf deren Grundlage dieser die ihm zur Verfügung stehenden therapeutischen
Interventionen und Strategien wählt, mit deren Hilfe eine effiziente und wirksame Behandlung
des Patienten möglich wird. Im Anschluss daran entscheidet er entweder explizit oder implizit,
d.h. vorgegeben durch die gewählte Strategie, ob für eine wirksame Behandlung des Patienten
therapeutische Hausaufgaben im Rahmen der Therapie eingesetzt werden sollen. Ist dies nicht
der Fall, endet die in Abbildung 2.25 dargestellte Prozedur.
Sollen hingegen therapeutische Hausaufgaben konsequent und kontinuierlich eingesetzt werden,
werden sie innerhalb einer Therapiesitzung dem Patienten ausführlich und dadurch teils sehr
zeitaufwändig erläutert. Diese Erläuterung findet weitestgehend mündlich statt, wobei zum
besseren Verständnis auch textuelle Beschreibungen und Illustrationen verwendet und dem Pa-
tienten zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus wird jede Aktivität einer therapeutischen
Hausaufgabe mit dem Patienten diskutiert, um mögliche Bedenken und Ängste zu berücksichti-
gen bzw. auszuräumen, wie beispielsweise Bedenken von Seiten des Patienten bei der Nutzung
eines TENS24-Geräts im Rahmen einer Elektrotherapie.
Die endgültige Zuteilung einer therapeutischen Hausaufgabe an den Patienten findet im An-
schluss an deren Erläuterung und Diskussion statt. Hierbei werden noch einmal konkret die
Eigenschaften der einzelnen Aktivitäten, etwa deren Durchführungsfrequenz und -dauer, spezifi-
24Transkutane Elektrische Nerven-Stimulation
57
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
ziert. Hierbei wird die therapeutische Hausaufgabe in den Tages- und Wochenplan des Patienten
bestmöglich integriert, um eine kontinuierliche Durchführung und somit die vom Therapeuten
intendierte Wirksamkeit der Intervention zu ermöglichen.
Die eigentliche Durchführung der therapeutischen Hausaufgaben, bzw. den darin definierten
Aktivitäten in der Zeit zwischen den Therapiesitzungen, gliedert sich generell in zwei grund-
sätzliche Aktivitäten. Zunächst einmal muss sich der Patient an die Durchführung der Hausauf-
gabe erinnern, d.h. er darf die Hausaufgabe nicht vergessen. Zusätzlich ist es notwendig, dass
er sich an die Anweisungen für eine korrekte Durchführung der Aktivitäten genau erinnert.
Anschließend führt er die Aktivitäten bestmöglich und u.U. unter Einbeziehung verschiedener
Hilfsmittel (z.B. TENS-Gerät, Theraband) durch. Hierbei sammelt er verschiedene Erfahrun-
gen hinsichtlich mehrerer Aspekte, etwa den Schwierigkeitsgrad sowie auftretende Ängste oder
Schmerzen.
Zurück in der Therapiesitzung folgt szenarienübergreifend immer die Besprechung des Feed-
backs, wofür die während der Hausaufgabe gesammelten Erfahrungen dem Therapeuten zur
Verfügung gestellt werden. Dies erfolgt indem der Therapeut konkrete Aspekte der therapeu-
tischen Hausaufgabe erfragt, etwa in Form von “Hatten Sie Schmerzen während der Übung?”
oder “Denken Sie, dass Sie die Hausaufgabe korrekt durchgeführt haben?”. Darüber hinaus
entscheidet der Therapeut auf Grundlage des erhaltenen Feedbacks, ob weitere therapeutische
Hausaufgaben im Rahmen der Therapie notwendig sind.
Falls therapeutische Hausaufgaben für einen positiven Behandlungsverlauf weiterhin vonnöten
sind, werden sie aufgrund des vom Patienten erhaltenen Feedbacks analysiert und ggf. ange-
passt, etwa indem festgelegt wird, dass verschiedene Aktivitäten entfallen können oder spezifi-
sche Parameter einer Aktivität aufgrund eines zu hohen Schwierigkeitsgrades oder aufgetretener
Schmerzen angepasst werden. Die für eine wirksame therapeutische Intervention notwendigen
Anpassungen werden anschließend wiederum zwischem dem Therapeuten und dem Patienten
ausgiebig besprochen und diskutiert.
2.3 Projekte
Neben den durchgeführten Fallstudien und der Untersuchung unterschiedlicher Forschungs-
arbeiten konnten weitere für die Anforderungsanalyse relevante und hilfreiche Erkenntnisse
durch die Mitarbeit an verschiedenen universitätsübergreifenden Projekten erlangt werden
[GPSR13, PGS+17, PSS+17, PGS+16, SPSR15, GSP+14, SSP+15, SRLP+13]. Tabelle 2.4
zeigt eine Übersicht an Projekten, die gemeinsam haben, dass in den verschiedenen Szenarien
therapeutische Interventionen durch mobile Technologie, d.h. durch moderne mobile Endgeräte
und Konzepte [SRP+15], unterstützt werden. Genauer bedeutet dies, dass für jedes Szenario
therapie- und interventionsspezifische mobile Konzepte entwickelt wurden, welche anschließend
in lauffähige mobile Anwendungen überführt wurden.
Um einen Überblick über die verschiedenen Erkenntnisse zu geben, welche durch die obi-
gen Projekte gewonnen werden konnten, werden exemplarisch die Projekte TrackYourTinni-
tus [SPP+16, PPL+17, PRS+18, PPS+18, PPS+17, PSLR17, PPLS16, RLBS+16, PRLS15]
(vgl. Abschnitt 2.3.1) und Tinnitus Hearing Ability [SPR+16b] (vgl. Abschnitt 2.3.2) in den
folgenden beiden Abschnitten erläutert und diskutiert.
58
2.3 Projekte
Nr. Projekt Länder #UI #PF
1 TrackYourTinnitus 12 1.500
2 Tinnitus Hearing Ability 10 120
3 Risk Factors During Pregnancy 12 410
4 PTSD in War Regions 6 560
5 Accidents of Children 6 80
6 Psychosomatic in-patients clinics 23 25
Summe Σ59 2.870
#UI = Anzahl an unterstützten therapeutischen Interventionen
#PF = Anzahl an Patientenfällen
Tabelle 2.4: Übersicht realisierter Projekte zur mobilen Unterstützung therapeutischer Interventionen
2.3.1 TrackYourTinnitus
Im Jahr 2014 startete das europaweite Forschungsprojekt TINNET25, welches sich mit der
systematischen Erforschung des weit verbreiteten Krankheitsbildes Tinnitus beschäftigt. Als
Tinnitus wird dabei ein dauerhaft wahrgenommenes Phantomgeräusch (z.B. Pfeifen oder Rau-
schen) ohne externe Geräuschquelle bezeichnet, an welchem in den westlichen Gesellschaften ca.
5-15% der erwachsenen Bevölkerung leiden [HR04], wobei etwa 1% davon über erhebliche Belas-
tungen und Einschnitte in die Lebensqualität klagt [HCH+12]. Neben der Erforschung möglicher
Ursachen des Tinnitus, wie beispielsweise ein erlittenes Knalltrauma oder eine abnormale Akti-
vität des somatosensorischen Systems aufgrund von Beschwerden in der Halswirbelsäule, ist ein
weiteres Ziel von TINNET, Erkenntnisse über die vom Patienten im Tagesverlauf wahrgenom-
menen Schwankungen seines Tinnitus zu gewinnen. Diese Schwankungen können beispielsweise
durch maskierende Umgebungsgeräusche, die aktuelle Tätigkeit oder durch stressig empfundene
Ereignisse bedingt sein.
Um diese intraindividuellen Schwankungen in der Tinnituswahrnehmung an mehreren Zeit-
punkten während der täglichen Routine zu erfassen, wurde die mobile Anwendung TrackYour-
Tinnitus (vgl. Abbildungen 2.26a, 2.26b und 2.26c) konzipiert und realisiert. Mit ihrer Hilfe ist
es möglich, mehrmals täglich vom Nutzer bzw. Betroffenen den wahrgenommenen Tinnitus zu
messen. Hierzu wird dem Nutzer ein kurzer Fragebogen präsentiert (vgl. Abbildung 2.26b), bei
welchem er beispielsweise die Tinnitusstärke mittels einer numerischen Rating-Skala bestimmen
muss. Ein weiteres Novum ist die simultane Messung des Schallpegels der Hintergrundgeräusche
mithilfe des im mobilen Endgerät verbauten Mikrofons während der Beantwortung des Frage-
bogens, wodurch ein Testen der Hypothese ermöglicht wird, nach der die intraindividuellen
Schwankungen über eine Maskierung des Tinnitus durch den Umgebungsschall erklärbar wer-
den.
25www.tinnet.tinnitusresearch.net
59
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
Im Folgenden werden wichtige Eigenschaften, Anforderungen und Funktionen der mobilen An-
wendung TrackYourTinnitus erläutert, insbesondere wenn sie für die flexible und mobile Un-
terstützung therapeutischer Interventionen von Interesse sind.
Benachrichtigungen: Um den wahrgenommenen Tinnitus des Nutzers über den Tages-
verlauf mittels des Fragebogens zu erfassen, muss dieser mehrmals täglich ausgefüllt wer-
den. Da solch eine Tätigkeit vom Nutzer vergessen werden kann, sollte TrackYourTinnitus
die von mobilen Endgeräten zur Verfügung gestellten Benachrichtigungsfunktion verwen-
den. Der wichtigste Vorteil ist sicherlich, dass die Benachrichtigungen auch dann erfolgen,
wenn der Nutzer nicht aktiv mit seinem mobilen Endgerät interagiert, etwa wenn dieses
in der Hosentasche getragen wird. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die für eine
aussagekräftige Analyse der Daten notwendige Erfassungsfrequenz zumindest von Seiten
der mobilen Anwendung berücksichtigt wird.
Intuitives Bedienkonzept: Ein grundlegendes Prinzip von TrackYourTinnitus ist, dass
die mobile Anwendung mehrmals genutzt werden muss, um die Daten zu erfassen. Aus
diesem Grund ist es wichtig, den Nutzer bzw. Patienten nicht mit komplexen oder un-
verständlichen Benutzeroberflächen und -interaktionen zu irritieren. Dies bedeutet aus
technischer Sicht, dass die Benutzeroberflächen den für die jeweilige mobile Plattform
zugrundeliegenden Design-Empfehlungen, wie Material Design bei Android, entsprechen
sollen. Nichtsdestotrotz sollte TrackYourTinnitus ein dem Krankheitsbild entsprechendes
Aussehen und Bedienkonzept besitzen, welches für den Nutzer leicht verständlich und
eindeutig ist, um ungewollte Fehleingaben zu vermeiden.
Unterstützung verschiedener mobiler Plattformen: Um eine Vielzahl an betroffe-
nen Tinnituspatienten mit TrackYourTinnitus zu erreichen, d.h. diesen die mobile An-
wendung zur Verfügung zu stellen, sollte sichergestellt werden, dass möglichst viele, aber
zumindest die beiden am meisten verbreiteten Plattform iOS und Android [PRS+18],
unterstützt werden.
Präzise Messungen des Schallpegels: Neben der Erfassung relevanter Informationen
mittels des auszufüllenden Fragenbogens, wie z.B. Stärke des wahrgenommenen Tinnitus,
sollte TrackYourTinnitus zusätzlich den Schallpegel der Hintergrundgeräusche mittels des
eingebauten Mikrofons messen. Hierbei sollte darauf geachtet werden, dass die Messun-
gen mit maximaler Präzision über alle mobilen Plattformen und Gerätehersteller hinweg
erfolgt, um vergleichbare und somit für die spätere Auswertung der Daten notwendige
sensorische Messergebnisse zu ermöglichen.
Auf Grundlage dieser Eigenschaften und Anforderungen wurde ein aufwändiges Anwendungs-
konzept für die mobile Anwendung TrackYourTinnitus entwickelt und anschließend realisiert
(vgl. Abbildung 2.27). Neben der Entwicklung eines Konzepts für die mobile Anwendung war
es zusätzlich notwendig, eine Serverkomponente zu entwickeln, die einerseits die gesammelten
Informationen der Patienten bzw. Nutzer entgegennimmt und andererseits den Spezialisten und
Experten der verschiedenen Fachrichtungen, etwa Psychotherapeuten oder HNO-Ärzten, Zu-
gang zu diesen Daten erlaubt. Um diesen Zugang und letztendlich die Auswertung der Daten
auch Personen ohne ausgeprägte IT-Affinität zu ermöglichen, wurde eine moderne und einfach
zu bedienende Webanwendung entwickelt und realisiert, welche zudem Nutzern der mobilen
Anwendung TrackYourTinnitus zugänglich ist, um einfache administrative Tätigkeiten, wie
beispielsweise das Ändern des Passworts oder der Emailadresse, durchzuführen.
60
2.3 Projekte
Ein äußerst wichtiger und bereits erwähnter Aspekt bei der Entwicklung von TrackYourTinni-
tus war der korrekte Umgang mit der von der Fachseite geforderten Benachrichtigungsfunktion
der mobilen Plattformen. Dies bedeutet, dass sichergestellt werden musste, dass der Patient
bzw. Nutzer entsprechend dem initial definierten Intervall von 10 Benachrichtigungen im Zeit-
raum zwischen 8.00 Uhr und 22.00 Uhr erinnert wird, den Fragebogen auszufüllen. Darüber
hinaus wurde darauf geachtet, dass die von Apple und Google erlassenen Richtlinien hinsichtlich
der Benachrichtigung von Nutzern eingehalten werden. Diese Richtlinien besagen beispielswei-
se, dass Nutzer explizit die Erlaubnis erteilen muss, benachrichtigt zu werden und zudem die
Möglichkeit besitzen muss, diese Entscheidung rückgängig zu machen bzw. entsprechende Ein-
stellungen zu ändern. Hierfür wurde innerhalb TrackYourTinnitus ein aufwändiges und für den
Nutzer konfigurierbares Benachrichtigungskonzept entwickelt, welches es ihm erlaubt, nahezu
jede einzelne Benachrichtigung detailliert zu konfigurieren, aber das trotzdem sicherstellt, dass
eine ausreichende, d.h. für eine aussagekräftige Auswertung der Daten erforderliche Anzahl an
Benachrichtigungen, erfolgt.
(a) Übersicht (b) Wiederkehrender Fragebo-
gen
(c) Einstellungen für Benach-
richtigungen
Abbildung 2.26: Verschiedene Ansichten der mobilen Anwendung TrackYourTinnitus
Trotz der Tatsache, dass das Gesamtkonzept eine Serverkomponente vorsieht, werden die ver-
schiedenen notwendigen Fragebögen nur teilweise dynamisch zwischen dieser und dem mobilen
Endgerät ausgetauscht bzw. übertragen. Dies ist damit begründet, dass der wiederkehrende
Fragebogen nur selten geändert werden muss. Dabei stellt die lokale Verwaltung sicher, dass
auch im Fall einer fehlenden Internetverbindung, der wiederkehrende und mehrmals täglich aus-
zufüllende Fragebogen ausgefüllt werden kann. Für das Vorhalten der einzelnen Fragen wurde
61
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
ein effizientes und wiederverwendbares JSON Schema26 entwickelt, auf dessen Basis die ein-
zelnen Fragen bzw. deren Parameter, wie beispielsweise der eigentliche Fragetext sowie der
Antworttyp (z.B. Multiple-Choice oder Freitext), im JSON-Format gespeichert sind. Mithilfe
einer dedizierten Darstellungskomponente rendert TrackYourTinnitus jede einzelne Frage zu
komfortabel zu bedienenden Benutzeroberflächenelementen, wobei diese abhängig vom jeweils
definierten Antworttyp der Frage sind.
Für die Messung des Schallpegels während des Ausfüllens des wiederkehrenden Fragebogens,
werden die von den mobilen Plattformen zur Verfügung gestellten Programmierschnittstellen
verwendet. Diese abstrahieren sowohl den Zugriff auf das im mobilen Endgerät integrierte Mi-
krofon als auch die Verwendung des gemessenen Schallpegels dahingehend, dass dies unabhängig
vom Hersteller des mobilen Endgeräts sowie des Mikrofons komfortabel und mit geringem Auf-
wand möglich ist. Bei der Android Version von TrackYourTinnitus wird beispielsweise mittels
der Komponente MediaRecorder eine Momentaufnahme des Schallpegels erstellt, genau dann
wenn der Nutzer die eingegebenen Daten speichert. Der gemessene Schallpegel wird dann dem
aktuellen Datensatz hinzugefügt.
Abbildung 2.27: Gesamtarchitektur von TrackYourTinnitus
Folgende Erkenntnisse konnten durch die Konzeption und Realisierung von TrackYourTinnitus
für die flexible und mobile Unterstützung therapeutischer Interventionen gewonnen werden.
Plattformspezifisches Design und Bedienkonzept: Um Nutzern der verschiedenen
mobilen Plattformen eine gewohnte und intuitive Bedienung der mobilen Anwendung
zu gewährleisten, war es unumgänglich, für jede Plattform bzw. deren mobiler TrackY-
ourTinnitus Anwendung, ein spezifisches Design zu realisieren. Dieser in einem ersten
26JSON Schema ist ein Standard zur Beschreibung von JSON-Dokumenten, der insbesondere die Validierung
letzterer erlaubt [jso18].
62
2.3 Projekte
Augenblick als Mehraufwand wirkende Aspekt zahlt sich dahingehend aus, dass Nutzer
schneller und zielgerichteter in der jeweiligen Anwendung navigieren können und dadurch
deutlich weniger Fehler produzieren.
Intelligente Verwendung von Benachrichtigungen: Gerade im gezeigten Fall von
TrackYourTinnitus, bei dem Nutzer mehrmals täglich benachrichtigt werden, muss darauf
geachtet werden, dass die Benachrichtigungen nicht als unangenehm empfunden werden
und diese deshalb deaktiviert werden. Darüber hinaus ist es hilfreich, die verfügbaren
Möglichkeiten hinsichtlich der Konfiguration der Benachrichtigungen bestmöglich auszu-
schöpfen. Beispielsweise bietet es sich an, verschiedene Benachrichtigungstöne und -texte
zu verwenden, um nicht Gefahr zu laufen, dass der Nutzer die Benachrichtigung ignoriert.
Bedachte Nutzung der Sensorik: Mithilfe der mobilen Anwendung TrackYourTinni-
tus konnte festgestellt werden, dass trotz der bereits erwähnten einfach zu verwenden-
den Programmierschnittstellen für die Verwendung der Sensoren, darauf geachtet werden
muss, dass dies keine Garantie für vergleichbare und korrekte Messergebnisse ist. Ge-
rade am Beispiel der Messung des Schallpegels mittels des eingebauten Mikrofons fällt
auf, dass die gemessenen Werte teils stark voneinander abweichen. Dies ist teilweise mit
der Bauform des mobilen Endgeräts, d.h. wie und an welcher Stelle das Mikrofon einge-
baut ist, begründet oder aber schlichtweg aufgrund der unterschiedlichen Hersteller, deren
Mikrofone sich hinsichtlich Qualität und Sensitivität unterscheiden [KS15]. Um diesem
Umstand Sorge zu tragen, sind weitere, teils aufwändige, Kalibrationsprozesse notwendig,
die im Rahmen von TrackYourTinnitus bisher nicht berücksichtigt wurden.
2.3.2 Tinnitus Hearing Ability
Im Rahmen der Forschung zur mobilen Unterstützung von an Tinnitus leidenden Personen wur-
de neben TrackYourTinnitus (vgl. Abschnitt 2.3.1) eine weitere mobile Anwendung konzipiert
und realisiert. Deren Ziel ist es, mögliche Einschränkungen hinsichtlich der akustischen Lokali-
sation, d.h. Schwierigkeiten bei der Erkennung der Richtung und Entfernung einer Schallquelle,
bei Tinnitus-Patienten zu identifizieren sowie ggf. Betroffene mittels therapeutischer Interven-
tionen darin zu unterstützen, diese Fähigkeit zu trainieren und zu verbessern. Die akustische
Lokalisation ist eine für Menschen äußerst wichtige Fähigkeit, deren mögliche Einschränkung
neben der Minderung der Lebensqualität zusätzlich ernsthafte und teils gefährliche Situationen
hervorrufen kann, etwa bei der Überquerung einer Straße, wenn es notwendig ist, die Richtung
und Entfernung herannahender Fahrzeuge bestimmen zu können.
Um die ebenfalls Richtungs- und Entfernungshören genannte akustische Lokalisation explizit
im Kontext von Tinnitus genauer zu erforschen, wurde eine mobile Anwendung realisiert. Dabei
konnten wichtige Erkenntnisse gewonnen werden, die unmittelbar in die Anforderungsanalyse
bzw. in das Konzept einer mobilen Unterstützung therapeutischer Interventionen einflossen.
Im Folgenden werden einige wichtige Eigenschaften, Anforderungen und Funktionen der mobi-
len Anwendung vorgestellt, sofern sie für die generelle Unterstützung therapeutischer Interven-
tionen mit mobilen Endgeräten von Interesse sind.
Serious Game: Da das Ziel der mobilen Anwendung neben der Identifikation von Ein-
schränkungen der akustischen Lokalisation ein adäquates Training dieser Fähigkeit war,
63
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
sollte dieses in ein Spielkonzept integriert werden, das dem Nutzer einerseits Spaß bereitet
und ihn andererseits über einen längeren Zeitraum fordert und motiviert.
Explizite Nutzung der Sensorik: Aufgrund der in mobilen Endgeräten zur Verfügung
stehenden Sensoren, sollten zur komfortablen Bestimmung der akustischen Lokalisation,
die hierfür geeigneten Sensoren explizit und mit hoher Präzision einzeln oder gemeinsam
(vgl. Multi-Sensor Data Fusion) genutzt werden. Dies trifft insbesondere für eine präzise
Erkennung der Ausrichtung bzw. Lage des mobilen Endgeräts zu.
Kontinuierliche Protokollierung: Um aussagekräftige Daten zu erhalten, welche an-
schließend dazu verwendet werden können, um entweder automatisiert, d.h. mithilfe kom-
plexer Algorithmen, oder manuell, d.h. durch einen Experten, bestimmen zu können, ob
der Nutzer Einschränkungen bei der akustischen Lokalisation besitzt, sollten alle relavan-
ten Daten in kurzen Zeitabständen lokal auf dem mobilen Endgerät gespeichert werden.
Unterstützung verschiedener mobiler Plattformen: Trotz der aktuell vorherrschen-
den Marktmacht des von Google entwickelten mobilen Betriebssystems Android sollte die
Anwendung auf weiteren verfügbaren Plattformen lauffähig sein, wobei insbesondere zu-
sätzlich iOS von Apple und Windows Phone von Microsoft adressiert werden sollten.
Zudem sollte eine plattformunabhängige Lösung mittels adäquater moderner Bibliothe-
ken und Hilfsmittel (z.B. Phonegap, Ionic) realisiert werden.
Abbildung 2.28: Spielkonzept von SODA
Basierend auf den zuvor definierten Anfor-
derungen und Eigenschaften, welche die Be-
stimmung sowie das Training der akustischen
Lokalisation mittels eines mobilen Endge-
räts ermöglichen, wurde das mobile Anwen-
dungskonzept SODA27 entwickelt und für die
mobilen Plattformen iOS [Era17], Android
[Blo15] und Windows Phone [Wei15] reali-
siert. Grundlage für dieses Konzept ist die
mobile Anwendung Audio Defence: Zombie
Arena, bei welcher der Nutzer einzig unter Zu-
hilfenahme der akustischen Lokalisation meh-
rere Objekte (hier: Monster) im Raum identi-
fizieren und sich dagegen wehren muss. Dabei
hört er das Objekt mittels eines Stereokopf-
hörers in seiner Umgebung (z.B. von rechts
hinten), um sich anschließend mit dem mobi-
len Endgerät in dessen Richtung zu drehen,
bis er dieses direkt vor ihm wähnt. Während
dieser Zeit ist auf dem Bildschirm der mobilen Endgeräts nichts zu sehen, außer einer Schalt-
fläche, mit der eine Aktion gegen das Objekt ausgeführt werden kann.
SODA nutzt nun dieses grundlegende Konzept, bestehend aus einer im Raum sich befindenden
Geräuschquelle zu der sich der Nutzer mit seinem mobilen Endgerät drehen muss, um anschlie-
ßend eine Aktion durchzuführen. Als Indikatoren für eine mögliche eingeschränkte akustische
Lokalisation können die gemessenen Parameter Winkelabweichung und Dauer bis zur Aktion
27Sound Origin Direction Application
64
2.3 Projekte
verwendet werden, welche anschließend automatisch oder manuell zur Analyse genutzt werden.
Da SODA nicht nur von Erwachsenen genutzt werden sollte, wurde anstatt einer Kampfszene-
rie, wie in Audio Defence: Zombie Arena, die Szenerie gewählt, in welcher der Nutzer versuchen
muss, Aufnahmen von in der Umgebung sich befindenden Tieren zu machen, wobei er dabei
kein visuelles Feedback seiner Kamera erhält. Sobald er das Tiergeräusch vor sich wähnt, löst
er die Kamera mit einer Touch-Geste auf dem Bildschirm aus. Anschließend erhält er sowohl
ein grafisches Feedback in Form eines Panoramabildausschnitts mit ggf. dem photografierten
Tier als auch die tatsächliche Winkelabweichung in Textform (vgl. Abbildung 2.28).
Wie Abbildung 2.29 zeigt, ermöglicht SODA die Verwaltung unterschiedlicher Szenarien, welche
jeweils aus mehrere Objekten und einem 360°Panoramabild bestehen [Kna17]. Die Objekte kön-
nen dabei detailliert hinsichtlich der Abspieldauer des Geräuschs oder dessen Entfernung zum
Nutzer konfiguriert werden. Für die Generierung des realistischen, räumlichen Audio-Szenarios
wurde zunächst ein zweidimensionales Kreiskoordinatensystem definiert, wobei 0°“direkt vor
dem Nutzer” bedeutet und 90°“rechts neben ihm”. Darüber hinaus wurde unter Verwendung
und Ausnutzung einer sog. Head-Related Transfer Function (kurz HRTF) [GM95] und mithil-
fe der von den mobilen Plattformen zur Verfügung gestellten Audio Engines der notwendige
Raumklang der Objekte generiert. Für eine präzise Lage- und Richtungsbestimmung des mo-
bilen Endgeräts werden die verschiedenen sensorischen Daten des Beschleunigungssensors, des
Gyroskops und des Kompass miteinander aggregiert. Je nach mobiler Plattform wird dies durch
eine entsprechende und einfach zu verwendende Programmierschnittstelle ermöglicht, wie z.B.
bei Windows Phone, oder aber es müssen aufwändige manuelle Berechnungen durchgeführt
werden, um die gewünschte Präzision zu erreichen.
Sensor & Geräte
Management
3D Audio Management
Multi-Sensor Data Fusion
Beschleunigungs-
sensor Kompass Gyroskop
Filter
Lage & Ausrichtung
Blickrichtung
Filter Filter
chicken.mp3
pig.mp3
Raumklang
Verarbeitung 3D Audio
Szenario
Head-
Related
Transfer
Function
Datenlogger
Datensatz #1
40°35.2s
Datensatz #2
4,3°12.1s
Feedback &
Auswertung
Regeln
Intelligente
Algorithmen
Analysen
Szenarien Repository
Szenario #1
Objekt Repository
Objekt #1
pig.mp3
pig.png
Objekt #2
chicken.mp3
chicken.png
Level Repository
Level
panorama_farm.jpg
Huhn
5m
40° 1.5s
3
60s
3
Level
panorama_farm2.jpg
100s
4
Huhn
21m
50° 5.1s
6
Schwein
10m
155° 1.0s
2
Spezifische
Objekt-Parameter
des Levels
Level-
Parameter
Objekt-
Parameter
Szenario #2
ErkennungszeitSpielzeit Wiederholungen Abspielzeit des Objektgeräuschs Abstand zum Objekt Richtung zum Objekt Winkelabweichung
Abbildung 2.29: Gesamtarchitektur von SODA
Folgende Erkenntnisse konnten durch die Konzeption und Realisierung von SODA für die fle-
xible und mobile Unterstützung von therapeutischen Interventionen gesammelt werden.
Nachvollziehbare und präzise Ergebnisse: Für den Nutzer ist äußerst wichtig, dass
die Ergebnisse, d.h. hier die Winkelabweichungen und Dauer beim Auslösen der Aktion,
präzise und nachvollziehbar sind, um ihn bei der dauerhaften Verwendung der mobilen
Anwendung nicht zu irritieren und zu frustrieren. Folglich muss ein großes Augenmerk
vor allem auf die korrekte Bestimmung der relevanten Sensorinformationen gelegt werden,
65
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
um die Abweichungen zu minimieren. Darüber hinaus sind reproduzierbare und korrekte
Ergebnisse essentiell für die Einschätzung möglicher Beeinträchtigungen des Nutzers.
Native Anwendungen: Um die gewünschte Präzision bei der Berechnung der relevan-
ten Informationen zu erzielen, etwa bezogen auf die Ausrichtung des mobilen Endgeräts,
müssen unterschiedlichste Sensoren verwendet und deren sensorische Daten miteinander
aggregiert und verknüpft werden. Hierzu stehen auf den gängigen mobilen Plattformen
teilweise integrierte Bibliotheken zur Verfügung, die sich hinsichtlich Komplexität der
Nutzung und Qualität der Ergebnisse deutlich unterscheiden. Konnte man bei Windows
Phone eine einfache Verwendung der Schnittstelle feststellen, waren die Ergebnisse bei der
Berechnung der Ausrichtung leider nicht überzeugend. Bei der Realisierung von SODA
im Rahmen einer plattformübergreifenden HTML5-Anwendung konnte wiederum festge-
stellt werden, dass der Umgang mit den unterschiedlichen Sensoren der verschiedenen
Plattformen deutlich eingeschränkt ist. Als Fazit kann gezogen werden, dass mobile An-
wendungen mit hohen Anforderungen bzgl. der Verwendung von Sensoren und der dabei
geforderten Präzision, wenn möglich als native Anwendungen, realisiert werden.
Motivation des Nutzers: Ein essentieller Aspekt, der im Rahmen von SODA festge-
stellt wurde, ist die konsequente Anwendung motivierender Konzepte. Nur dann lässt
sich eine dauerhafte Nutzung der Anwendung erzielen. Dies wurde bei SODA durch die
Realisierung eines Spielkonzepts erreicht, das dem Nutzer durch die verschiedenen, unter-
schiedlich schwierigen Szenarien Abwechslung bietet und ihn motiviert, das Training über
einen längeren Zeitraum fortzuführen. Des Weiteren beinhaltet SODA weiterführende Mo-
tivationsstrategien, insbesondere Gamification mittels Auszeichnungen und Punkten.
Effiziente Protokollierung: Neben der endgültigen Winkelabweichung und Dauer für
die Detektion eines Objekts wurden im Abstand von 100ms weitere Daten protokolliert
und lokal gespeichert. Dies umfasste u.a. die aktuelle Ausrichtung des mobilen Endgeräts,
den Zeitstempel sowie die Herzfrequenz. Das kontinuierliche Protokollieren dieser Infor-
mationen erlaubte es, neben einer möglichen Einschränkung der akustischen Lokalisation
des Nutzers, weitere Erkenntnisse zu erlangen, etwa wie sich seine Herzfrequenz mit der
Zeit erhöht, was wiederum als ein Indiz für aufkommenden Stress betrachtet wurde.
2.4 Anforderungsanalyse
Basierend auf den Erkenntnissen aus den durchgeführten Fallstudien (vgl. Abschnitt 2.1), der
Studie zum aktuellen Stand der Technik (vgl. Kapitel 3) sowie den bereits realisierten mobilen
Anwendungen im Kontext therapeutischer Interventionen (vgl. Abschnitt 2.3), ist es nun mög-
lich, eine umfangreiche Anforderungsanalyse durchzuführen, welche die funktionalen und nicht-
funktionalen Anforderungen für eine mobile Unterstützung therapeutischer Interventionen de-
finiert. Diese adressieren die unterschiedlichen Aspekte und Eigenschaften der in Abschnitt 2.2
abgeleiteten generalisierten Prozedur zur Nutzung therapeutischer Hausaufgaben.
Um eine strukturierte Anforderungsanalyse zu gewährleisten, ist diese in vier Kategorien un-
terteilt. Letztere stellen die elementaren und separat zu berücksichtigenden Kernaspekte einer
mobilen Unterstützung therapeutischer Hausaufgaben dar. Einerseits besteht eine Hausaufgabe
aus einzelnen Übungen und Aktivitäten, deren Ausführungskontext berücksichtigt werden muss.
Andererseits sind Benachrichtigungen sowie das Patientenfeedback explizit zu unterstützen.
66
2.4 Anforderungsanalyse
2.4.1 Aktivitäten und Übungen
In diesem Abschnitt werden die für die Konfiguration, Verwaltung und Durchführung der Akti-
vitäten bzw. Übungen relevanten funktionalen (kurz: FA) und nicht-funktionalen (kurz: NFA)
Anforderungen definiert und erläutert, welche für eine flexible und mobile Unterstützung be-
rücksichtigt werden müssen. Tabelle 2.5 zeigt eine Übersicht der verschiedenen Anforderungen,
welche anschließend jeweils kurz beschrieben werden.
ID Titel Beschreibung
Kategorie 1: Konfiguration
FA 1.1 Eigenschaften Spezifikation relevanter Parameter
FA 1.2 Hilfsmittel Verwendung digitaler und interaktiver Hilfsmittel
FA 1.3 Instruktionen Nutzung textueller und multimedialer Anleitungen
NFA 1.4 Benutzbarkeit Intuitive Konfiguration mit angemessenem Lernaufwand
NFA 1.5 Änderbarkeit Flexible Änderungen ohne Anpassung des Systems
Kategorie 2: Ausführung
FA 2.1 Reihenfolge Flexible Definition der Ausführungsreihenfolge
FA 2.2 Verknüpfungen Verwendung logischer Verknüpfungen zwischen Aktivitäten
NFA 2.3 Zuverlässigkeit Korrekte, d.h. wie vom Therapeuten intendierte, Ausführung
Kategorie 3: Protokollierung & Messung
FA 3.1 Nutzeraktionen Protokollierung nutzerspezifischer Aktionen
FA 3.2 Messungen Kontinuierliche Speicherung relevanter Sensordaten
NFA 3.3 Kontinuität Zuverlässige Protokollierung und Messung
Kategorie 4: Versionierung
FA 4.1 Eindeutigkeit Verwendung eindeutiger Versionen
Kategorie 5: Wiederverwendbarkeit
NFA 5.1 Mehrfachnutzung Nutzung von Aktivitäten in verschiedenen Szenarien
FA = Funktionale Anforderung, NFA = Nicht-funktionale Anforderung
Tabelle 2.5: Anforderungen an Aktivitäten bzw. Übungen
FA 1.1 (Eigenschaften - Spezifikation relevanter, generischer Parameter) Jede Ak-
tivität bzw. Übung verfügt über spezifische Eigenschaften, etwa Ausführungsdauer oder -
häufigkeit, die mittels geeigneter Parameter für den Therapeuten konfigurierbar sein müssen.
Da diese Parameter abhängig von der Art der zu konfigurierenden Aktivität sind, müssen dabei
generische Parametertypen berücksichtigt werden.
FA 1.2 (Hilfsmittel - Verwendung digitaler und interaktiver Hilfsmittel) Für jede
Aktivität bzw. Übung soll es möglich sein, digitale Hilfsmittel zu spezifizieren, welche der Pa-
67
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
tient während der Durchführung der Aktivität oder im Anschluss daran verwenden kann. Dies
kann beispielsweise ein interaktives Stimmungstagebuch sein.
FA 1.3 (Instruktionen - Nutzung textueller und multimedialer Anleitungen) Um
eine korrekte Ausführung der Aktivitäten zu garantieren, sollen hierfür relevante Instruktionen
mithilfe textueller oder multimedialer Inhalte berücksichtigt werden. Dies bedeutet, dass neben
Beschreibungstexten auch Erklärungsvideos eingebunden werden sollen.
NFA 1.4 (Benutzbarkeit - Intuitive Konfiguration mit angemessenem Lernaufwand)
Die Konfiguration von Aktivitäten und Übungen soll für den Therapeuten komfortabel und
intuitiv möglich sein, um eine maximale Effizienz zu erzielen. Darüber hinaus soll sichergestellt
sein, dass für das Erlernen der Konfiguration ein angemessener Aufwand vonnöten ist.
NFA 1.5 (Änderbarkeit - Flexible Änderungen ohne Anpassung des Systems) An-
passungen an der Konfiguration und daraus resultierende Änderungen an der Ausführung und
Darstellung einer Übung sollen ohne weitere Implementierungsaufwände möglich sein. Insbeson-
dere sollen diese dynamisch, d.h. während der Ausführung auf dem mobilen Endgerät, jederzeit
möglich sein.
FA 2.1 (Reihenfolge - Flexible Definition der Ausführungsreihenfolge) Die Ausfüh-
rungsreihenfolge der Aktivitäten bzw. Übungen müssen vom Therapeuten frei konfigurierbar
sein, d.h. dieser soll bestimmen können, welche Aktivität nach Beendigung der vorherigen aus-
geführt werden soll. Weiter soll es für den Patienten möglich sein, die Ausführungsreihenfolge
flexibel und dynamisch zu verändern. Die vorgenommenen Änderungen sollen zudem protokol-
liert werden (vgl. FA 3.1).
FA 2.2 (Verknüpfungen - Verwendung logischer Verknüpfungen zwischen Aktivi-
täten) Neben der Definition einer expliziten Ausführungsreihenfolge (vgl. FA 2.1), sollen
logische Verknüpfungen zwischen den Aktivitäten berücksichtigt werden. Beispielsweise kann
es notwendig sein, dass eine Aktivität nur dann ausgeführt werden darf, wenn während oder
im Anschluss an die Durchführung der vorherigen kein Schmerz aufgetreten ist (Wenn-Dann-
Verknüpfung).
NFA 2.3 (Zuverlässigkeit - Korrekte und wie intendierte Ausführung) Aktivitäten
und Übungen sollen stets korrekt, d.h. einerseits wie vom Therapeuten intendiert, ausgeführt
werden und andererseits ohne dabei in einen undefinierten Systemzustand überzugehen. Auf-
tretende Ausnahmen und Fehler gilt es adäquat zu berücksichtigen und entsprechend darauf
zu reagieren.
FA 3.1 (Nutzeraktionen - Protokollierung nutzerspezifischer Aktionen) Jegliche
Art der Nutzer- bzw. Patienteninteraktion “mit” der therapeutischen Hausaufgabe bzw. deren
Aktivitäten soll protokolliert werden, um diese später mit zu berücksichtigen. Dies bedeutet
68
2.4 Anforderungsanalyse
beispielsweise, dass das manuelle Verschieben des Durchführungszeitpunkts aufgrund einer Ter-
minkollision genauso protokolliert werden soll wie das vorzeitige Abbrechen einer Aktivität.
FA 3.2 (Messungen - Kontinuierliche Speicherung relevanter Sensordaten) Um die
Vorteile mobiler Endgeräte und deren interner und externer Sensoren bestmöglich zu nutzen
und gesammelte Daten in die Auswertung der therapeutischen Hausaufgabe miteinzubeziehen,
sollen sensorische Informationen kontinuierlich und sicher gespeichert werden.
NFA 3.3 (Kontinuität - Zuverlässige Protokollierung und Messung) Es soll sicherge-
stellt werden, dass sowohl die Protokollierung ausführungsrelevanter Daten als auch sensorische
Messungen kontinuierlich und zuverlässig erfolgen, um Informationslücken und daraus resultie-
rende Fehleinschätzungen des Therapeuten zu vermeiden.
FA 4.1 (Eindeutigkeit - Verwendung eindeutiger Versionen) Da sich im Laufe ei-
ner Therapie aufgrund eines möglichen Patientenfeedbacks eine Aktivität hinsichtlich ihrer
Eigenschaften ändern kann und diese Änderung nachvollziehbar sein muss, sollen Aktivitäten
eindeutig versioniert werden können.
NFA 5.1 (Mehrfachnutzung - Nutzung von Aktivitäten in verschiedenen Szenari-
en) Einmal konfigurierte Aktivitäten sollen komfortabel innerhalb eines Szenarios oder einer
Therapie wiederverwendet werden können, um eine effiziente Konfiguration und Verwaltung
der Aktivitäten zu ermöglichen.
2.4.2 Ausführungskontext
Um therapeutische Hausaufgaben und deren Aktivitäten innerhalb eines vom Therapeuten de-
finierten Kontexts auszuführen, müssen verschiedene Parameter definiert werden, deren Werte
mithilfe geeigneter Sensoren und Dienste bestimmt werden können. Die hierfür notwendigen
funktionalen und nicht-funktionalen Anforderungen werden in diesem Abschnitt definiert. Ta-
belle 2.6 zeigt eine Übersicht der Anforderungen, welche anschließend wiederum beschrieben
werden.
FA 1.1 (Kontextparameter - Nutzung unterschiedlicher Kontextparameter) Um
den Ausführungskontext einer therapeutischen Hausaufgabe und deren Aktivitäten zu definie-
ren, soll ein konfigurierbares und wiederverwendbares Schema mit unterschiedlichen Kontextpa-
rametern, wie beispielsweise der Ort oder etwa die Umgebungslautstärke, verwendet werden.
FA 1.2 (Verknüpfung - Logische Verknüpfung der Kontextparameter) Da sich der
Ausführungskontext nicht aus nur einem einzigen Kontextparameter ableiten lässt, sollen un-
terschiedliche Parameter logisch miteinander verknüpft werden können. Dies bedeutet beispiels-
weise, dass eine Aktivität genau dann ausgeführt werden soll, wenn sich der Patient bzw. Nutzer
an einem bestimmten Ort befindet und gerade eine leise Geräuschkulisse herrscht.
69
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
ID Titel Beschreibung
Kategorie 1: Schema
FA 1.1 Kontextparameter Nutzung unterschiedlicher Kontextparameter
FA 1.2 Verknüpfung Logische Verknüpfung der Kontextparameter
NFA 1.3 Robustheit Spezifikation akzeptabler Toleranzen bei Parameterwerten
Kategorie 2: Datenquellen
FA 2.1 Automatismus Explizite oder automatische Definition der Quelle
FA 2.2 Lokalität Lokale oder entfernte Datenquelle
FA 2.3 Sensorik Explizite Nutzung vorhandener Sensoren
Kategorie 3: Versionierung
FA 3.1 Eindeutigkeit Verwendung eindeutiger Versionen
Kategorie 4: Wiederverwendbarkeit
FA 4.1 Mehrfachnutzung Nutzung von Kontextschemata in verschiedenen Szenarien
FA = Funktionale Anforderung, NFA = Nicht-funktionale Anforderung
Tabelle 2.6: Anforderungen an den Ausführungskontext
NFA 1.3 (Robustheit - Spezifikation akzeptabler Abweichungen bei Parameter-
werten) Für die unterschiedlichen Kontextparameter sollen mögliche Abweichungen definiert
werden können, um je nach Datenqualität der kontextrelevanten Sensoren oder Dienste, die in-
tendierte Ausführung der Aktivität zu ermöglichen. Beispielsweise bietet es sich aufgrund der
teils ungenauen Messung des GPS-Sensors an, für den Kontextparameter Ort zusätzlich eine
Toleranz in Form eines Radius zu spezifizieren.
FA 2.1 (Quelle - Explizite oder automatische Definition der Datenquelle) Es soll
möglich sein, die Datenquelle für die Bestimmung eines Kontextparameterwertes explizit zu
definieren oder aber diese automatisch während der Laufzeit, d.h. dynamisch, wählen zu lassen.
Damit ist gemeint, dass der Therapeut explizit den Herzfrequenzsensor eines Fitnessarmbands
als Datenquelle definieren kann oder das System selbstständig einen zur Verfügung stehenden
Sensor wählt.
FA 2.2 (Lokalität - Lokale oder entfernte Datenquelle) Es soll möglich sein, lokale
Datenquellen, etwa integrierte Sensoren der mobilen Endgeräte, oder aber externe Sensoren in
Form von verfügbaren Webservices einzubinden (z.B. Webservice eines Wetterdienstes).
FA 2.3 (Sensorik - Explizite Nutzung vorhandener Sensoren) Für die korrekte Be-
stimmung des aktuellen Kontexts des Nutzers bzw. Patienten sollen, wenn möglich, alle aktuell
zur Verfügung stehenden Sensoren mobiler Endgeräte genutzt sowie deren sensorische Daten
aggregiert werden.
70
2.4 Anforderungsanalyse
FA 3.1 (Eindeutigkeit - Verwendung eindeutiger Versionen) Da sich im Laufe einer
Therapie der Kontext, in welchem eine Aktivität ausgeführt werden soll, ändern kann und dies
für den Therapeuten bei der Auswertung der therapeutischen Hausaufgabe nachvollziehbar sein
muss, sollen die konfigurierten Kontextschemata eindeutig versioniert werden.
FA 4.1 (Mehrfachnutzung - Nutzung von Kontextschemata in verschiedenen Sze-
narien) Um Redundanzen bei der Konfiguration von Kontextschemata zu vermeiden und
dadurch deren fehlertolerante und effiziente Konfiguration zu ermöglichen, sollen Kontextsche-
mata sowohl szenarien- als auch therapieübergreifend genutzt werden können.
2.4.3 Patientenfeedback
Ein wichtiger Aspekt im Rahmen einer Therapie ist das kontinuierliche, ehrliche und nach-
vollziehbare Feedback vom Patienten an den Therapeuten. Aus diesem Grund ist das Patien-
tenfeedback ein Kernaspekt der mobilen Unterstützung therapeutischer Interventionen, sodass
abermals verschiedene funktionale und nicht-funktionale Anforderungen anfallen. Tabelle 2.7
gibt eine Übersicht der hierbei zu berücksichtigenden Anforderungen.
ID Titel Beschreibung
Kategorie 1: Schema
FA 1.1 Parameter Nutzung von Feedbackparametern unterschiedlichen Typs
FA 1.2 Abhängigkeiten Spezifikation von Abhängigkeiten zwischen Parametern
Kategorie 2: Multimedia
FA 2.1 Audio & Video Aufnahme und Nutzung von Audio- und Videodaten
FA 2.2 Dokumente Nutzung interaktiver Dokumente
Kategorie 3: Daten
FA 3.1 Übermittlung Übermittlung während der Ausführung gesammelter Daten
FA 3.2 Messungen Sensorische Messungen während des Feedbacks
Kategorie 4: Versionierung
FA 4.1 Eindeutigkeit Verwendung eindeutiger Versionen
Kategorie 5: Wiederverwendbarkeit
NFA 5.1 Mehrfachnutzung Nutzung von Feedbackschemata in verschiedenen Szenarien
FA = Funktionale Anforderung, NFA = Nicht-funktionale Anforderung
Tabelle 2.7: Anforderungen an das Patientenfeedback
FA 1.1 (Parameter - Nutzung von Feedbackparametern unterschiedlichen Typs)
Da, je nach therapeutischer Hausaufgabe und Aktivität, ein spezifisches Patientenfeedback
notwendig ist, das Informationen unterschiedlichen Typs liefert, soll ein konfigurierbares und
wiederverwendbares Feedbackschema verwendet werden.
71
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
FA 1.2 (Abhängigkeiten - Spezifikation von Abhängigkeiten zwischen Parametern)
Es soll möglich sein, Abhängigkeiten zwischen den Feedbackparametern zu definieren, etwa in
Form von Wenn-Dann-Beziehungen. Dies soll erlauben, dass eine spezifische Information nur
in Abhängigkeit einer zuvor gegebenen eingeholt wird. Beispiel: Wenn ein Schmerz aufgetreten
ist, dann soll dessen Stärke mit einer Numerischen Rating-Skala bestimmt werden.
FA 2.1 (Audio & Video - Aufnahme und Nutzung von Audio- und Videodaten)
Um dem Therapeuten aussagekräftige Informationen zukommen zu lassen, soll es möglich sein,
neben der Eingabe textueller oder numerischer Informationen, etwa durch Nutzung einer Nu-
merischen Rating-Skala, zusätzlich Video- und Tonaufnahmen zu erstellen und dem Patienten
zur Verfügung zu stellen.
FA 2.2 (Dokumente - Nutzung interaktiver Dokumente) Neben multimedialen Inhal-
ten (vgl. FA 2.1) sollen zusätzlich interaktive Dokumente, für die beispielsweise Annotationen
oder Kommentare hinzugefügt werden können genutzt und dem Therapeuten zur Verfügung
gestellt werden.
FA 3.1 (Übermittlung - Übermittlung während der Ausführung gesammelter Da-
ten) Das Patientenfeedback soll zusätzlich zu den oben genannten Daten (vgl. FA 1.1, 2.1
und 2.2) die während der Durchführung der einzelnen Aktivitäten gesammelten Informationen
an den Therapeuten übermitteln, etwa wann eine Aktivität begonnen und beendet oder an
welchem Ort sie durchgeführt wurde.
FA 3.2 (Messungen - Sensorische Messungen während des Feedbacks) Ein wichtiger
und fortschrittlicher Aspekt ist die explizite Übermittlung und Nutzung von sensorisch gemesse-
nen Daten, welche während der Durchführung der Aktivität, aber auch während des Einholens
des Patientenfeedbacks, gesammelt werden sollen. Dies können beispielsweise die Herzfrequenz,
der Standort oder der Hautleitwiderstand sein.
FA 4.1 (Eindeutigkeit - Verwendung eindeutiger Versionen) Um Änderungen am
Feedbackschema, die während eines Therapieverlaufs durch den Therapeuten u.U. vorgenom-
men werden, nachvollziehbar zu machen, sollen für die konfigurierten Schemata eindeutige Ver-
sionen verwendet werden.
NFA 5.1 (Mehrfachnutzung - Nutzung von Feedbackschemata in verschiedenen
Szenarien) Um Redundanzen bei der Konfiguration von Feedbackschemata zu vermeiden
und dadurch deren komfortable und effiziente Konfiguration sowie Verwaltung zu ermöglichen,
sollen diese szenarien- bzw. therapieübergreifend genutzt werden können.
2.4.4 Benachrichtigung
In allen bereits vorgestellten Fallstudien bzw. Szenarien (vgl. Abschnitt 2.1) wurde darauf
hingewiesen, dass die Wirksamkeit therapeutischer Hausaufgaben vor allem von deren konti-
72
2.5 Zusammenfassung
nuierlicher Durchführung abhängt. Da Hausaufgaben gerne vergessen werden und somit die
Wirksamkeit negativ beeinträchtigt werden kann, soll der Patient mittels geräte- und haus-
aufgabenspezifischer Benachrichtigungen an die Durchführung erinnert werden. Auch hierfür
wurden verschiedene funktionale und nicht-funktionale Anforderungen abgeleitet, die in Tabelle
2.8 zusammengefasst sind und entsprechend berücksichtigt werden müssen.
ID Titel Beschreibung
Kategorie 1: Schema
FA 1.1 Parameter Nutzung verschiedener Benachrichtigungsparameter
FA 1.2 Beschreibung Definition aktivitätenspezifischer Beschreibungstexte
FA 1.3 Multimedia Spezifikation von Inhalten abhängig von der Aktivität
Kategorie 2: Wiederverwendbarkeit
NFA 2.1 Mehrfachnutzung Nutzung von Benachrichtigungsschemata in versch. Szenarien
FA = Funktionale Anforderung, NFA = Nicht-funktionale Anforderung
Tabelle 2.8: Anforderungen an die Benachrichtigung
FA 1.1 (Parameter - Nutzung verschiedener Benachrichtigungsparameter) Wie be-
reits beim Patientenfeedback (vgl. Abschnitt 2.4.3) oder Ausführungskontext (vgl. Abschnitt
2.4.2) spezifiziert, soll eine Benachrichtigung mittels eines wiederverwendbaren Schemas, be-
stehend aus konfigurierbaren Parametern, bestehen.
FA 1.2 (Beschreibung - Definition hausaufgabenspezifischer Beschreibungstexte)
Da die Benachrichtigungskonzepte aktueller mobiler Plattformen für jede Benachrichtigung
eine textuelle Information vorsehen, soll diese Funktion dazu genutzt werden, um spezifische
für die Hausaufgabe relevante und für den Patienten motivierende Inhalte zu präsentieren.
NFA 1.3 (Multimedia - Spezifikation spezifischer Multimediainhalte) Ähnlich wie
bei der funktionalen Anforderung FA 1.2, sollen multimediale Inhalte, wie Video und Audio,
entsprechend der bevorstehenden Hausaufgabe eingesetzt werden. Beispielsweise erlaubt die
mobile Plattform Android eine Audiodatei zu hinterlegen, die dann bei der Anzeige der Be-
nachrichtigung abgespielt wird.
2.5 Zusammenfassung
Dieses Kapitel hat essentielle funktionale und nicht-funktionale Anforderungen abgeleitet, die
durch eine generische Lösung für die mobile Unterstützung therapeutischer Interventionen
adressiert werden müssen. Hierzu wurden neben einer Literaturrecherche mehrere Fallstudi-
en durchgeführt, wodurch bisher von anderen Lösungen noch nicht berücksichtigte Aspekte
und Anforderungen extrahiert werden konnten.
73
Kapitel 2 Anforderungsanalyse
74
3
Stand der Technik
Bereits die in Abschnitt 2.1 vorgestellten und diskutierten Fallstudien zeigen auf, dass für
die Unterstützung therapeutischer Interventionen durch die Integration mobiler Technologie
unterschiedliche Aspekte aus verschiedenen Perspektiven berücksichtigt werden müssen. Hierzu
gehört einerseits die Diskussion aktueller Forschungsarbeiten und -projekte, welche relevant
für die vorliegende Arbeit sind (vgl. Abschnitt 3.1). Andererseits ist es unabdingbar, bereits
existierende Technologien zu betrachten und zu diskutieren (vgl. Abschnitt 3.2)
3.1 Aktuelle Forschung
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurde eine Vielzahl verwandter Arbeiten untersucht. Dies
umfasst einerseits den Schwerpunkt der Psychotherapie aber auch weitere Therapieformen, wie
beispielsweise die Physiotherapie.
Die Recherche erfolgte mithilfe von Google Scholar sowie PubMed unter Verwendung der in die-
sem Kontext am häufigsten vorkommenden Begriffe und Begriffskombinationen, wie beispiels-
weise Therapeutic Intervention oder Homework Compliance. Darüber hinaus wurden Arbeiten
sowohl mit einem direkten Bezug zu mobiler Technologie, d.h. durch Kombination mit Mobile
Application oder Mobile Technology, als auch ohne einen solchen Bezug, untersucht.
Verwandte Arbeiten aus der Psychologie Bereits in der Einleitung wurde auf die ele-
mentare Bedeutung des Einsatzes therapeutischer Hausaufgaben im Rahmen einer Kognitiven
Verhaltenstherapie (KVT) hingewiesen, da diese maßgeblich zu einem positiven Therapiever-
lauf beitragen. Diese Tatsache wurde bereits von Beck, der als Pionier der KVT angesehen
wird, in seinem Buch Cognitive Therapy of Depression hervorgehoben [Bec79]. Auch fast 40
Jahre später hat sich daran nichts geändert, denn auch die aktuelle Forschung hält an der Be-
deutung therapeutischer Hausaufgaben fest. Dies zeigen sowohl Arbeiten, die sich wie Beck mit
der Behandlung von Depressionen beschäftigen [GS02, Mar12, TC06], aber auch Untersuchun-
gen, deren Fokus auf anderen psychischen Störungen liegt. In [CNB05] etwa wird gezeigt, dass
Patienten mit Kokainsucht signifikant weniger Kokain zu sich genommen haben, wenn ihnen
therapeutische Hausaufgaben zugeordnet wurden.
Die reine Zuteilung einer therapeutischen Hausaufgabe reicht bei weitem nicht aus, um einen
Therapieerfolg zu erzielen. Ein ebenfalls wesentlicher Aspekt hierbei spielt die sog. Hausaufga-
benadhärenz, d.h. die Einhaltung und Fertigstellung sowie die korrekte Ausführung der Haus-
aufgabe. Hierbei beschäftigen sich einige Arbeiten einerseits mit dem Zusammenhang zwischen
Hausaufgabenadhärenz und einem möglichen Therapieerfolg und andererseits mit Einflussfak-
75
Kapitel 3 Stand der Technik
toren und Ansätzen, um die Hausaufgabenadhärenz zu steigern bzw. zu erhalten. So zeigt
[MMR+10] in einer Meta-Analyse von 23 durchgeführten Studien mit 2183 Patienten, dass
eine kontinuierliche und wie vom Therapeuten intendierte Ausführung der Hausaufgaben zu
besseren Behandlungsergebnissen führt. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt [CNB05], hier
konnten deutlich umfangreichere und bessere Bewältigungsstrategien bei Suchtpatienten beob-
achtet werden.
Für die vorliegende Arbeit spielen vor allem Erkenntnisse für die Steigerung bzw. den Erhalt
der Hausaufgabenadhärenz eine wichtige Rolle, da hier seitens der Informatik und mittels mo-
derner Technologien ein Fortschritt erzielt werden kann. In [Tom02] werden Richtlinien und
Handlungsempfehlungen beschrieben, welche wichtige Anhaltspunkte und Anforderungen für
das zu entwickelnde Konzept darstellen. So wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass die
Hausaufgabe erfüllbar bzw. machbar sein muss und die Fähigkeiten des Patienten miteinbezo-
gen werden müssen. Weiter sollen klare und im besten Fall schriftliche Anweisungen erfolgen.
In [DW99] wurde darüber hinaus ein heuristisches Modell zum besseren Verständnis der Eigen-
schaften der Hausaufgabenadhärenz entwickelt. Dabei werden Eigenschaften der Hausaufgabe,
des Patienten, aber auch des Therapeuten separat betrachtet und untersucht. Die Autoren stim-
men dabei mit [Tom02] überein, dass einerseits die Komplexität und der Schwierigkeitsgrad der
Hausaufgabe den Fähigkeiten des Patienten entsprechen müssen [CPPD94], andererseits wird
empfohlen, den Patienten mithilfe schriftlicher Erinnerungen zur Durchführung der therapeu-
tischen Hausaufgabe zu motivieren.
Tabelle 3.1 fasst die verwandten Arbeiten im Kontext der Kognitiven Verhaltenstherapie und
allgemein der Psychotherapie nochmals zusammen.
Kategorie Beschreibung Arbeiten
Genereller Einsatz
therapeutischer Haus-
aufgaben
Es existieren wissenschaftliche Ar-
beiten, welche sich mit dem gene-
rellen Einsatz therapeutischer Haus-
aufgaben beschäftigen.
[KAB+10] [HF04]
[KLD05] [Bec79]
[GS02] [TC06]
[DMB02] [CNB05]
[GSD06] [KDR00]
[FM08]
Hausaufgabenadhärenz Verschiedene Arbeiten fokussieren
auf den Erhalt bzw. die Steigerung
der Hausaufgabenadhärenz.
[GLNG06] [Lea02]
[LDCC13] [EC95]
[RMN05] [WDM07]
[FZS11] [Tom02]
[KL+07] [JS13]
[WRE+13] [LH96]
[CPPD94] [CTC88]
Therapieergebnisse
und -erfolg
Weitere Arbeiten untersuchen hin-
gegen die Effekte und Auswirkungen
einer gegebenen Hausaufgabenadhä-
renz auf den Therapieerfolg.
[WS14] [RMN05]
[NKK+08] [TC06]
[CT03] [LDCC13]
[LH96] [CNHLL+13]
[CNB05] [MMR+10]
Tabelle 3.1: Kategorisierte Forschungsarbeiten im Kontext therapeutischer Hausaufgaben in der Psy-
chotherapie
76
3.1 Aktuelle Forschung
Für die vorliegende Arbeit spielen aber vor allem die wissenschaftlichen Arbeiten und For-
schungsprojekte eine elementare Rolle, in denen die explizite Unterstützung therapeutischer
Hausaufgaben mittels Informationssystemen untersucht werden. Aus diesen Arbeiten ließen
sich wichtige Erkenntnisse und somit auch Anforderungen für das zu entwickelnde innovative
Konzept extrahieren.
Tabelle 3.2 zeigt eine Übersicht der untersuchten und berücksichtigten Arbeiten. Diese lassen
sich hinsichtlich der verwendeten Technologien in die drei Kategorien computerunterstützte,
internetbasierte und mobil unterstützte Konzepte unterteilen.
In [PN06] wird auf die positiven Effekte einer zunächst technologieunabhängigen Unterstützung
bei der Therapie von Angstpatienten mittels Computern hingewiesen. Dieses Ergebnis wird
in [SO01] untermauert, da auch nach der Anwendung computerunterstützter Interventionen
im Kontext von Autismus oder des Asperger Syndroms signifikant weniger Fehler durch die
Patienten auftraten. Gleiches wird ebenfalls in [BZEZ+13] berichtet, wobei hier kollaborative
Technologien im Rahmen des Schulalltags verwendet wurden.
Kategorie Beschreibung Arbeiten
Computerunterstützte
Interventionen
Es existieren Arbeiten, welche sich
mit der generellen IT-Unterstützung
therapeutischer Interventionen und
Hausaufgaben beschäftigen.
[PN06] [KSF+14]
[BZEZ+13] [SO01]
Online- bzw. Internet-
Interventionen
Weitere Arbeiten und Forschungs-
projekte fokussieren gezielt auf in-
ternetbasierte Interventionen, wel-
che mittels eines Webbrowsers zu-
gänglich sind.
[SB08] [LBM13]
[MSS+12] [KM10]
[DZT+13] [MDC+12]
[KFE+11] [GCM06]
[LMK+08] [GTM10]
[RTGF+09] [NFT+03]
[KMA+10]
Mobile Interventionen Arbeiten aus diesem Jahrzehnt be-
schäftigen sich hingegen vermehrt
mit der Integration mobiler Techno-
logie und deren Effekte auf thera-
peutische Interventionen und Haus-
aufgaben.
[RABS16] [MDW+15]
[BC08] [Pro13]
[HPW+11] [CCT13]
[RHR+13] [WAVD+14]
[NCT99] [KFE+13]
[MLPT+11] [RGP+13]
[MEK+12] [MKL+10]
[VLM+12] [JLK14]
[BMK+14]
[AJACGB+14]
[GBZL+11] [FJHB14]
[MKS+10] [BR17]
[MMSS+15] [TK17]
Tabelle 3.2: Kategorisierte Forschungsarbeiten im Kontext IT-unterstützter therapeutischer Hausauf-
gaben in der Psychotherapie
In der Kategorie der internetbasierten Interventionen, in welcher bereits für diese Arbeit re-
levante Erkenntnisse identifiziert werden konnten, zeigt das Forschungsprojekt SPARX einen
77
Kapitel 3 Stand der Technik
interessanten Ansatz zur Behandlung von Depressionen [MSS+12] auf. Hierbei werden mit-
tels eines Serious Games1Strategien zur Bewältigung negativer Gedanken und Gefühlen ver-
mittelt. Eine Studie mit 187 Teilnehmern konnte nachweisen, dass mit solch einer Form der
Internet-Intervention positive Veränderungen bei der Schwere der Depression zu beobachten
waren. [LMK+08] beschäftigt sich hingegen mit der Entwicklung der Online-Intervention Down
Your Drink2für die Behandlung von Alkoholsucht. Hierbei werden Strategien sowohl für den
Aufbau einer wirksamen Intervention gegeben als auch Handlungs- und Designempfehlungen
für deren Realisierung als Webseite. Eine wichtige Erkenntnis ist die klare Strukturierung der
Informationen sowie die Realisierung eines digitalen Tagebuchs.
Dass der Einsatz mobiler Endgeräte und Technologien für therapeutische Interventionen ver-
mehrt in den Fokus der Forschung rückt, zeigt nicht nur die Anzahl und Aktualität der un-
tersuchten Arbeiten, sondern auch die Tatsache, dass einzelne Ergebnisse in den praktischen
Einsatz überführt wurden, d.h. es stehen teils umfangreiche mobile Softwarelösungen für den Pa-
tienten zur Verfügung. [BR17] zeigt weiter, dass durch kontinuierliche Verwendung der mobilen
Anwendung MoodPrism3die Schwere einer Depression gesenkt und gleichzeitig das seelische
Wohlbefinden der Betroffenen gesteigert werden konnte. Die mobile Anwendung unterstützt
hierbei durch ein digitales Stimmungstagebuch sowie einem täglichen Feedback an den Pa-
tienten. [MMSS+15] beschreibt ähnliche Ergebnisse nach der vierwöchigen Verwendung der
mobilen Anwendung MedLink im Rahmen einer kontrollierten Studie. Darüber hinaus zeigt
[MMSS+15], dass ein flexibles Benachrichtigungskonzept von Vorteil ist, d.h. dass der Nut-
zer selbst über die Art der Erinnerung an eine Aufgabe entscheiden kann (z.B. SMS oder
Smartphone-Notification). Generell werden Erinnerungen und Benachrichtigungen als äußerst
wichtiges Konzept bewertet, um eine adäquate Hausaufgabenadhärenz zu erzielen. [RHR+13]
zeigt ein mobiles Anwendungskonzept für die Behandlung einer Posttraumatischen Belastungs-
störung (PTBS) mittels Anwendung der Prolonged Exposure Therapy (PE). Der sog. PE Coach
unterstützt den Patienten zwischen den Therapiesitzungen, indem zu absolvierende Aufgaben
geplant werden, zudem werden Symptome protokolliert und Audioaufnahmen der Therapiesit-
zung aufgenommen. Dies zeigt, dass nicht nur die reine Darstellung von Informationen (z.B.
Anweisungen zu einer Aufgabe) von großer Bedeutung ist, sondern dass zudem sensorische
Anforderungen an die mobilen Anwendungen gestellt werden.
[TK17] beschäftigt sich detailliert und umfangreich mit der mobilen Unterstützung therapeu-
tischer Hausaufgaben und definiert dazu die folgenden sechs elementaren Funktionen und An-
forderungen an eine mobile Anwendung, um mit dieser die Hausaufgabenadhärenz zu maximie-
ren:
1. Mit Therapie übereinstimmen: Die mobile Anwendung soll ausschließlich interventi-
onsrelevanten Inhalt besitzen, der mit der Therapie übereinstimmt. Dies bedeutet insbe-
sondere, dass die unterschiedlichen in der KVT genutzten Hausaufgabentypen, wie bei-
spielsweise Psychoedukation oder Selbstbewertung, unterstützt werden müssen. Darüber
hinaus muss die mobile Anwendung in der Lage sein, je nach Therapiefortschritt, andere
Hausaufgabentypen zu nutzen.
1Computerspiele deren primäres Ziel nicht die Unterhaltung sondern das Vermitteln von Information und
Wissen ist.
2www.downyourdrink.org.uk
3www.moodprismapp.com
78
3.1 Aktuelle Forschung
2. Lernen fördern: Die therapeutischen Hausaufgaben sollen einfach sein, nicht zu lange
dauern und mit ausführlichen Anweisungen angereichert sein. Weiter ist es empfehlens-
wert, dass die mobile Anwendung die Komplexität und den Schwierigkeitsgrad an den
Therapiefortschritt des Patienten anpasst, wozu dieser kontinuierlich erfasst werden muss.
3. Therapie unterstützen: Die mobile Anwendung soll den Therapeuten bei seiner Auf-
gabe unterstützen, den Patienten anzuleiten und ihm Feedback zur Verfügung zu stellen.
Darüber hinaus soll die mobile Anwendung sicherstellen, dass die Hausaufgabe verständ-
lich ist sowie dass sie bewertet und kommentiert werden kann.
4. Verbindungen aufbauen: Es muss darauf geachtet werden, dass trotz der Möglich-
keiten heutiger mobiler Endgeräte der Patient nicht daran gehindert wird, tiefergehende
Verbindungen einzugehen. Vor allem im Hinblick auf die äußerst wichtige Beziehung zwi-
schen Therapeut und Patient dürfen keine negativen Einflüsse erfolgen. Um Verbindungen
verstärkt aufzubauen, sollen beispielsweise moderierte Foren oder Communities in die An-
wendung integriert werden.
5. Ausführung unterstreichen: Es ist äußerst wichtig, dass Patienten der positive The-
rapieverlauf und dessen Fortschritt sichtbar gemacht werden, etwa mit Verlaufsgrafiken.
Darüber hinaus gilt das Credo, dass die Ausführung vor dem Ergebnis kommt, d.h. der Pa-
tient soll ermutigt werden, die Hausaufgabe zumindest auszuführen bzw. fertigzustellen.
Hierzu sollen beispielsweise automatisch motivierende Nachrichten verschickt werden.
6. Zielgruppe beachten: Die mobile Anwendung soll die Charakteristika der Nutzergruppe
berücksichtigen und adressieren, d.h. kulturelle sowie geschlechts- und ausbildungsspezi-
fische Eigenschaften der Nutzer müssen beachtet werden.
Tabelle 3.3 gleicht obige Anforderungen und Funktionen mit jenen des in dieser Arbeit ent-
wickelten Konzepts MobileTx ab. Dabei wird bewertet, in welchem Umfang MobileTx den
Empfehlungen von [TK17] folgt.
1
2
3
4
5
6
MobileTx
Vollständig Weitestgehend Eingeschränkt Keine
Tabelle 3.3: Berücksichtigung der von [TK17] empfohlenen Funktionen durch MobileTx
Die Auswahl der hier untersuchten Arbeiten zeigt eine hohe Relevanz mobiler Endgeräte und
Anwendungen im Kontext therapeutischer Interventionen und Hausaufgaben, jedoch fokussiert
nahezu jede Arbeit auf eine spezifische Therapieform bzw. eine explizite Behandlungsmethode.
Es konnte kein generischer Ansatz identifiziert werden, welcher grundlegende Elemente (z.B.
Benachrichtigung, Darstellung von Anweisungen, etc.) aller Szenarien berücksichtigt und hier-
für ein umfangreiches Konzept zur Verfügung stellt. Nur wenn eine solche generische Lösung
bereitgestellt wird, werden sich mobile Anwendungen in diesem Kontext dauerhaft etablieren.
Verwandte Arbeiten aus weiteren Therapieformen und Szenarien Die Unterstüt-
zung von therapeutischen Interventionen mittels mobilen Endgeräten stellt auch im Kontext
anderer Therapieformen, etwa der Physiotherapie, einen Forschungsschwerpunkt dar. So zeigt
79
Kapitel 3 Stand der Technik
[PPB+12], dass die Integration und Verwendung mobiler Technologie zur Rehabilitationsun-
terstützung großes Potential besitzt. Auch [DPF+15] kommt zu dem Ergebnis, dass durch den
Einsatz von mHealth Anwendungen im Rahmen einer physiotherapeutischen Intervention deren
Effizienz gesteigert werden kann.
Aber auch zu therapiefremden Szenarien, bei denen Hausaufgaben eine Rolle spielen, finden sich
Forschungsarbeiten, die sich mit der Integration mobiler Endgeräte beschäftigen. In [BBSL15]
wird der einjährige Einsatz der mobilen Anwendung SamEx untersucht, welche Schüler bei der
Bewältigung der Hausaufgaben unterstützt. Hierzu werden neben Erinnerungen an die Haus-
aufgabe ein Gamification-Konzept genutzt, um die Schüler zu motivieren. [BBSL15] kommt zu
dem Ergebnis, dass der kollaborative Einsatz mobiler Technologie positive Auswirkungen auf
Ergebnisse der Schüler hat. Auch [TL04] kommt zu solch einem positiven Ergebnis. [RGW08]
wiederum beschäftigt sich mit den Effekten mobiler Anwendungen auf die extrinsische Mo-
tivation4sowie den vorhandenen Leistungsdruck und die Lernleistung von Schülern. Dabei
konnte eine gesteigerte Motivation ohne gleichzeitigen Anstieg des Drucks gemessen werden,
wenn Schüler mobile Anwendungen innerhalb und außerhalb des Schulunterrichts verwendet
haben.
Auch für weitere Therapieformen und Szenarien wird an vielversprechenden Lösungen gearbei-
tet, jedoch zeigt sich auch hier, dass meist Lösungen für spezifische Beschwerden oder Lerna-
spekte adressiert werden, ohne dazu ein allgemeineres, d.h. generisches, Konzept zu entwickeln.
Probleme dieser projektbezogenen Lösungen sind daher die hohen Entwicklungs- und War-
tungskosten sowie die fehlende Unterstützung bei der Konfiguration der Anwendungsinhalte.
Ebenso wenig erlauben diese Lösungen die in Kapitel 2.4 geforderte Flexibilität und Dynamik
bei der Durchführung der Hausaufgaben.
3.2 Existierende Technologien
Es existieren bereits einige Softwarelösungen und Technologien, die Patienten während einer
therapeutischen Intervention im Rahmen einer Psycho- oder Physiotherapie unterstützen. Die
Unterstützung kann hierbei einerseits bedeuten, dass dem Patienten digitale Tagebücher, etwa
Stimmungs- oder Angsttagebücher, zur Verfügung gestellt werden und andererseits, dass dem
Patienten Aufgaben und Übungen präsentiert werden, die in bestimmten zeitlichen Abständen
durchzuführen sind. Die Präsentation der Hilfsmittel und Informationen erfolgt entweder rein
browserbasiert oder mittels einer spezifischen mobilen Anwendung.
Ein wichtiges Kriterium zur Unterscheidung der einzelnen Lösungen ist, ob diese einen Fachex-
perten, wie beispielsweise einen Arzt, einen approbierten Therapeuten oder einen Coach, mit
in das Anwendungsszenario involvieren. Dies bedeutet, dass der Fachexperte einerseits Patien-
teninformationen, die durch die Verwendung der Softwarelösung gesammelt werden, erhält und
auswerten kann. Andererseits kann er aktiv auf die Inhalte, Aufgaben und Übungen, die dem
Patienten zur Verfügung gestellt werden, zugreifen und diese konfigurieren.
Abbildung 3.1 zeigt am Beispiel der psychischen Erkrankung Depression einen Auszug an exis-
tierenden Lösungen, deren Einsatz sowohl begleitet erfolgt, d.h. mit Involvierung eines Fach-
experten, als auch unbegleitet, d.h. zur reinen Selbstdiagnose bzw. -therapie. Hierbei gilt es zu
4Durch äußere Reize hervorgerufene Form der Motivation, wie zum Beispiel monetäre Belohnung
80
3.2 Existierende Technologien
beachten, dass bei der Verwendung einer begleiteten Lösung, die Unterstützung durch einen
Arzt bzw. approbierten Therapeuten von jener eines Coaches zu unterscheiden ist.
Begleitet durch Ärzte und
approbierte Psychotherapeuten Ungeleitete therapeutische
Interventionen
Begleitet durch Berater
oder Coaches
Abbildung 3.1: Technologien für die Behandlung von Depressionen (angelehnt an [fra16])
Das in dieser Arbeit entwickelte Rahmenwerk fokussiert vor allem auf die mobile Unterstützung
therapeutischer Interventionen, welche begleitet im Rahmen einer entsprechenden Therapie an-
gewandt werden. Gerade dann spielt das Patientenfeedback eine elementare Rolle und führt
dazu, dass patientenspezifische therapeutische Hausaufgaben während der Intervention vom
Experten angepasst werden.
Aus diesem Grund werden in den folgenden Abschnitten zwei begleitete Lösungen näher betrach-
tet. Hieraus sollen wichtige Erkenntnisse für das zu entwickelnde generische Konzept gewonnen
und darauf basierend entsprechende Anforderungen abgeleitet werden.
3.2.1 minddistrict
Minddistrict5ist eine E-Mental-Health-Plattform, die im Jahr 2008 gegründet wurde und in-
zwischen mehr als 200.000 Nutzer verzeichnet [min18b]. Das selbsterklärte Ziel dieser Plattform
ist es, technische Unterstützung bei der Besserung, Prävention und Nachsorge von psychischen
5https://www.minddistrict.com/
81
Kapitel 3 Stand der Technik
Beschwerden und Erkrankungen bereitzustellen. Diese Unterstützung erfolgt für den Patienten
durch therapeutische Hausaufgaben, die von minddistrict als Online-Interventionen bezeich-
net werden. Letztere umfassen verschiedene Inhalte, Aufgabe und Übungen unterschiedlichen
Typs, die von einem Therapeuten mithilfe eines speziellen Content-Management-Systems er-
stellt werden können (vgl. Abbildung 3.2a). Diese Interventionen werden dem Patienten ent-
weder browserbasiert6oder innerhalb der in Abbildung 3.2b dargestellten mobilen Anwendung
zur Verfügung gestellt.
(a) Content-Management-System zur Erstellung einer Online-
Intervention [min18b]
(b) Ansichten einer Online-Intervention in der
mobilen Anwendung [min18b]
Abbildung 3.2: Therapeuten- und Patientenansichten von minddistrict [min18b]
Zu den Elementen, die innerhalb einer Online-Intervention von minddistrict genutzt werden
können [min18a], gehören u.a. folgende:
Textuelle Beschreibung: Zur Darstellung spezifischer textueller Informationen oder
Übungsanweisungen können vorformatierte Textelemente der Intervention hinzugefügt
werden.
Multimediale Inhalte: Bilder, Videos oder Audios können mittels spezifischer Elemente
in die Intervention eingefügt werden, etwa um Übungen mittels eines Videos detailliert
zu erläutern.
Fragebögen: Um Informationen vom Patienten zu erhalten, die einerseits für das Pati-
entenfeedback genutzt und andererseits dem Patienten selbst zu Verfügung gestellt wer-
den können, erlaubt minddistrict verschiedene Fragetypen einzubinden, wie beispielsweise
Multiple-Choice oder Freitext.
Die einzelnen Elemente der Online-Intervention werden nach deren Zuweisung vom Patien-
ten mittels der mobilen Anwendung oder mittels eines Browsers sukzessive durchgeführt und
durchgearbeitet. Mithilfe von sog. Triggern erlaubt minddistrict die Festlegung bedingter Ver-
zweigungen innerhalb der Intervention, d.h. das nächste Element wird hier basierend auf den
vorher vom Patienten gegebenen Antworten gewählt.
6Die Nutzung der Anwendung erfolgt online mittels eines Webbrowsers, ohne dass eine spezifische Anwendung
installiert sein muss.
82
3.2 Existierende Technologien
Stand heute ist es mit minddistrict nicht möglich, sensorische Messungen während der Ausfüh-
rung einer Online-Intervention durchzuführen, sodass für die Wirksamkeit einer Intervention
wichtige Informationen, etwa verschiedene Vitalparameter, nicht erfasst werden können.
Die verschiedenen Ausführungszeitpunkte einer Online-Intervention werden vom Therapeuten
konfiguriert. Diese können als täglich oder chentlich spezifiziert sein oder aber durch Angabe
eines expliziten Zeitpunkts (z.B. am Dienstag um 10 Uhr) fixiert werden. Es ist hingegen
nicht möglich die Ausführungszeitpunkte anhand eines erweiterten Ausführungskontexts zu
definieren, dass etwa eine Intervention nur an einem bestimmten Ort erfolgen soll.
Die Online-Intervention wird dem Patienten mithilfe von Benachrichtigungen und Erinnerungen
angekündigt, die in Form von Emails oder mittels sog. Notifications auf dem mobilen Endgerät
[min18c] erfolgen.
Neben der Konfiguration eigener Online-Interventionen werden sog. Module angeboten, die be-
reits vorgefertigte und vorkonfigurierte Interventionen für unterschiedliche psychische Erkran-
kungen und Therapieformen (z.B. Kognitive Verhaltenstherapie oder Schematherapie) beinhal-
ten. Diese können einem Patienten einfach zugeordnet werden [min18c].
3.2.2 TelePsy
Die Plattform TelePsy7ist eine weitere E-Mental-Health-Plattform, die 2010 von Experten
unterschiedlicher Disziplinen in den Niederlanden etabliert wurde [tel18c]. Im Gegensatz zu
minddistrict verfügt diese Plattform über keine mobile Anwendung, sondern der Patient hat
die therapeutischen Interventionen ausschließlich mittels eines Webbrowsers durchzuführen.
TelePsy bietet dem Therapeuten umfangreiche Funktionen, um sowohl Patienten als auch the-
rapeutische Interventionen sowie deren Bestandteile komfortabel zu verwalten.
Neben verschiedenen Screening-Tests, wie beispielsweise der im Kontext der Depression oft ge-
nutzte PHQ-9, bietet diese Lösung verschiedene Inhalte (z.B. Videos, etc.) zur Psychoedukation
an, d.h. zur Vermittlung wissenschaftlich fundierter Informationen für Betroffene über deren
psychische Erkrankung.
Hinsichtlich der Verwaltung und Zuordnung von Aufgaben, Übungen und Hilfsmitteln bietet
TelePsy eine umfangreiche Auswahl an vorkonfigurierten Übungen für verschiedene Therapie-
formen, wie der Kognitiven Verhaltenstherapie oder der Akzeptanz- und Commitmenttherapie
(vgl. Abbildung 3.3a). Diese sind aber nicht konfigurierbar, d.h. es können weder Fragen noch
multimediale Inhalte dieser Übungen von einem Therapeuten patientenspezifisch angepasst
werden.
Die Übungen innerhalb von TelePsy bestehen meist aus HTML5-Formularen, die vom Patienten
ausgefüllt werden müssen (vgl. Abbildung 3.3b). Darüber hinaus stehen weitere Übungstypen
zur Verfügung (z.B. Meditationsübungen), welche aus multimedialen Inhalten (z.B. Videos,
Audioaufnahmen) bestehen.
TelePsy erlaubt dem Therapeuten weder die Festlegung spezifischer Ausführungszeitpunkte
noch einer exakten Reihenfolge für die Übungen. Nach ihrer Zuordnung stehen die Übungen
dem Patienten unmittelbar zu Verfügung, er kann sie beliebig nacheinander durchführen. Dar-
über hinaus muss eine wiederholte Durchführung der Übung manuell durch den Therapeuten
7https://www.telepsy.de/
83
Kapitel 3 Stand der Technik
angeordnet werden, d.h. wenn der Patient die Übung absolviert hat, ist diese für ihn nicht mehr
verfügbar, bis der Therapeut diese erneut zuordnet.
(a) Ausschnitt der Ansicht aller verfügbarer Übungen
[tel18a]
(b) Aufbau der Übung “Gedankenformel” [tel18a]
Abbildung 3.3: Verwaltungsdialoge von TelePsy [tel18a]
Sensorische Messungen zur Erfassung von Vitalparametern oder kontextuellen Informationen
sind zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich, sodass für die Wirksamkeit einer Intervention u.U.
wichtige Informationen nicht zur Verfügung stehen.
Die Benachrichtigung des Patienten erfolgt wie bei minddistrict mittels einer vordefinierten
Email, die dem Patienten mitteilt, dass ihm eine neue Übung zugeordnet wurde. Wann er
diese jedoch ausführt, bleibt ihm überlassen. Nach Beendigung der Übung wird der Therapeut
entsprechend informiert und ihm die Formularinhalte bereitgestellt.
Mithilfe sog. Module bietet TelePsy vorgefertigte Interventionen bestehend aus psychoeduka-
tiven Inhalten, verschiedenen Übungen und Videos. Diese können selbstständig und weitestge-
hend unabhängig vom Therapeuten genutzt werden [tel18b].
3.3 Fazit
Sowohl die umfangreiche Untersuchung bereits vorhandener und verwandter Forschungsarbei-
ten als auch die detaillierte Betrachtung kommerzieller Technologien zeigen, dass das in dieser
Arbeit zu entwickelnde Konzept einer flexiblen und mobilen Unterstützung therapieunabhän-
giger Interventionen und die dabei zu berücksichtigenden Herausforderungen von bisher noch
keiner Forschungsarbeit adressiert wurden. Weder von Seiten der Psychologie noch seitens der
Informatik existieren generische Konzepte und Lösungen, welche die Konfiguration individuel-
ler therapeutischer Hausaufgaben erlauben sowie deren korrekte Ausführung auf dem mobilen
Endgerät garantieren.
84
Teil V
Fazit
261
13
Zusammenfassung und Ausblick
Das Ziel der vorliegenden Arbeit war es, therapeutische Interventionen und insbesondere die
darin zum Einsatz kommenden therapeutischen Hausaufgaben mithilfe mobiler Technologie zu
unterstützen, um deren Wirksamkeit zu verstärken und somit den Therapieerfolg positiv zu
beeinflussen. Hierzu war es notwendig, die Unterstützung aus zwei Perspektiven zu betrachten.
Einerseits musste aus Sicht des Patienten herausgefunden werden, welche technischen Aspekte
diesem gezielt bei der korrekten Durchführung der Hausaufgabe helfen und eine akzeptable
Hausaufgaben-Adhärenz wahren. Andererseits musste aus Sicht des Therapeuten festgestellt
werden, wie sie therapeutische Interventionen erstellen, konfigurieren und verwalten können.
Um dieses Ziel zu erreichen, mussten teils komplexe Anforderungen unterschiedlicher Fach-
bereiche berücksichtigt werden. Da weder die Literatur der Psychologie noch der Informatik
generelle, d.h. therapie- und szenarienunabhängige Anforderungen in ausreichend betrachten,
wurden verschiedene Fallstudien durchgeführt, deren spezifische Empfehlungs- und Nutzungs-
prozeduren für Hausaufgaben generalisiert wurden, um daraus allgemeine Anforderungen für
das entwickelte Konzept abzuleiten. Weitere Erkenntnisse und Anforderungen konnten durch
die Realisierung prototypischer mobiler Anwendungen im Kontext therapeutischer Interventio-
nen gewonnen werden. Dadurch entstand ein umfangreicher Anforderungskatalog, der für eine
adäquate mobile Unterstützung therapeutischer Interventionen adressiert werden muss.
Abbildung 13.1 fasst die technischen Kernbeiträge der vorliegenden Arbeit grafisch entlang des
Prozesslebenszyklus zusammen. Der erste Lösungsbeitrag dieser Arbeit ist, neben der Ableitung
eines umfangreichen Anforderungskatalogs, die Entwicklung eines realistischen und anspruchs-
vollen Prozess-Metamodells, das es erlaubt, therapeutische Hausaufgaben unterschiedlicher Art
durch ein Prozessmodell zu beschreiben, das dann auf einem mobilen Endgerät ausgeführt wer-
den kann. Der zweite Lösungsbeitrag ermöglicht die geführte Modellierung und Konfiguration
einer therapeutischen Intervention. Hierzu wurde zunächst ein mobiler Prozess konzipiert, der
spezifische Modellierungs- und Konfigurationsebenen definiert. Diese ermöglichen, zusammen
mit den ebenfalls entwickelten ebenenspezifischen Interventionsoperationen, eine geführte Mo-
dellierung des mobilen Prozesses unter Wahrung der im Prozess-Metamodell definierten hier-
archischen Struktur einer therapeutischen Intervention. Für eine effiziente und komfortable
Modellierung durch einen Fachexperten, unter Anwendung und Berücksichtigung der im mo-
bilen Prozess definierten Ebenen sowie deren Interventionsoperationen, wurde eine grafische
Modellierungssprache entwickelt, deren Anwendbarkeit durch eine umfangreiche Studie evalu-
iert wurde. Der dritte Lösungsbeitrag adressiert die korrekte Ausführung einer therapeutischen
Intervention auf dem mobilen Endgerät, einerseits durch deren Transformation in ein ausführ-
bares Prozessmodell, andererseits durch Bereitstellung von (Complex) Executable Components.
Der Prozess wird dabei durch eine auf dem mobilen Endgerät installierte mobile Ausführungsen-
gine verwaltet und gesteuert, welche die vorkonfigurierten (Complex) Executable Components
263
Kapitel 13 Zusammenfassung und Ausblick
instantiiert und startet. Gemeinsam mit der mobilen Ausführungsengine ermöglichen (Com-
plex) Executable Components ein umfangreiches Monitoring der therapeutischen Intervention
einerseits durch Protokollierung ausführungsspezifischer Informationen, andererseits durch die
Integration und Nutzung interner und externer Sensoren des mobilen Endgeräts.
Design &
Analyse
Konfiguration
Ausführung
Evaluation
Business Process
Identification
Validation
Simulation
Test &
Bereitstellung
Systemauswahl
Monitoring
Wartung
Process Mining
Business Process
Lifecycle
Business Process Monitoring
Entwicklung &
Implementierung
Ebenbasierter Mobiler Prozess
Interventionsoperationen
(Complex) Executable ComponentsMobile Ausführung therapeutischer Hausaufgaben
Albatros Prototyp
Future Work
Grafische Modellierungssprache
Prozess-Metamodell
Abbildung 13.1: Zusammenfassung der Kernbeiträge dieser Arbeit
Abbildung 13.1 zeigt zudem, dass das Rahmenwerk die Evaluationsphase des Prozesslebens-
zyklus nicht berücksichtigt, da der Fokus der vorliegenden Arbeit gezielt auf der Entwicklung
geeigneter Konzepte für die Modellierung, Konfiguration und Ausführung einer therapeutischen
Intervention liegt. Soll hingegen eine automatisierte und effiziente Auswertung der während der
Ausführung einer prozessorientierten Hausaufgabe gesammelten Informationen erfolgen, kön-
nen heutige Process- und Data-Mining Algorithmen einbezogen werden. Mithilfe von Process
Mining, wie in [LRW11, LRW10, LRW09b, LRW09a, LRW09c] gezeigt, lässt sich der tatsäch-
liche Ablauf einer vom Patienten durchgeführten therapeutischen Hausaufgabe rekonstruieren
und analysieren. Bricht ein Patient die Hausaufgabe oder auch eine einzelne Patientenaktivität
264
ab oder hält er sich nicht an die vorgegebene Ausführungsdauer, so kann diese durch die Analyse
des Ausführungsprotokolls mittels Process-Mining identifiziert und somit vom Therapeuten im
Sinne einer bestmöglichen Wirksamkeit der Intervention entsprechend berücksichtigt werden.
Auf Basis aller gesammelten Daten, inklusive deren des Patientenfeedbacks und der sensori-
schen Messungen, lassen sich mithilfe entsprechender Data Mining [Obe04, KT+11] Ansätze
neue Muster innerhalb der Hausaufgabenausführung identifizieren, d.h. Regelmäßigkeiten, Wie-
derholungen, Ähnlichkeiten oder Gesetzmäßigkeiten. Angewandt auf die Daten eines Patienten
lassen sich so beispielsweise Zusammenhänge zwischen den im Patientenfeedback berichteten
Ängsten und dem Aufenhaltsort (bestimmt durch eine sensorische Messung), an welchem die
Hausaufgabe durchgeführt wurde, erkennen. Dies könnte zudem durch Auswertung weiterer Vi-
talparameter, etwa einer erhöhten Herzfreqzenz, untermauert werden. Diese Form der Auswer-
tung erlaubt es aber nicht nur, patientenspezifische Erkenntnisse zu gewinnen, sondern darüber
hinaus, ebenso therapiespezifisches Wissen zu generieren. Dies bedeutet, dass mittels adäquater
statistischer Verfahren des Data Mining interventionsspezifische Daten patientenübergreifend
analysiert und dadurch ein allgemeiner Erkenntnisgewinn erzielt werden kann.
Der von MobileTx berücksichtigte Ausführungskontext wird mittels verschiedener endogener
und exogener Kontextparamater beschrieben. Sie erlauben es, die in den Fallstudien beschrie-
benen und von den Experten gewünschten Szenarien bestmöglich abzubilden. Für den Einsatz
von MobileTx in weiteren Therapien bzw. in therapiefremden Szenarien, in denen andere spezi-
fische Kontextinformationen existieren, ist es notwendig, den Ausführungskontext bzw. dessen
Schema entsprechend zu erweitern, um allen Anforderungen gerecht zu werden.
Die angemessene Benutzbarkeit der im Rahmen dieser Arbeit entwickelten Modellierungsspra-
che wurde mithilfe der Studie bereits gezeigt, jedoch konnte bei zunehmend komplexeren the-
rapeutischen Hausaufgaben festgestellt werden, dass vermehrt Fehler bei der Modellierung auf-
traten. Diesen Umstand gilt es zu untersuchen, um die Modellierungssprache dahingehend zu
optimieren, dass auch komplexe Hausaufgaben effizient und korrekt erstellt werden können.
Gerade im Kontext medizinischer Anwendungen, in denen patientenbezogene Daten erfasst, ge-
speichert und analysiert werden, gilt es die geltenden gesetzlichen Regularien zu berücksichtigen,
sodass die Integration adäquater Compliance-Konzepte, wie in [Ly13, LRMGD09, CRRC11] be-
trachtet, in Erwägung gezogen werden sollte.
Die Fallstudien haben gezeigt, dass zeitliche Aspekte (z.B. Ausführungsdauer) teils von großer
Bedeutung sind. Um die existierenden Herausforderungen, vor allem bei der Ausführung kom-
plexer und langlaufender Patientenaktivitäten, zu beherrschen, müssen erweiterte Konzepte,
wie in [LPCR15, LWR14, LR14a, LR14b, LPCR13] vorgestellt, berücksichtigt werden.
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurde ein neues und umfangreiches Konzept geschaffen, das
durch den konsequenten Einsatz moderner mobiler Endgeräte, therapeutische Interventionen
und Hausaufgaben unterschiedlicher Fachbereiche dahingehend unterstützt, dass die intendierte
Wirksamkeit therapeutischer Interventionen erhalten oder gar verbessert werden kann.
Darüber hinaus leistet MobileTx auch Beiträge für das Gesundheitswesen im Allgemeinen.
Erstens kann MobileTx als ein Beitrag im Rahmen der fortschreitenden Digitalisierung in der
Medizin angesehen werden. Zweitens hilft es ggf. Patienten, Wartezeiten auf eine Antwort vom
Therapeuten zu reduzieren. Drittens können mit Konzepten wie MobileTx Kosten im Gesund-
heitswesen eingespart werden. Schließlich erlaubt MobileTx Wissenschaftlern, neuartige Studien
durchzuführen und dadurch neue Erkenntnisse zu gewinnen.
265
Kapitel 13 Zusammenfassung und Ausblick
266
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