Für Hanna und meine Eltern
iii
Vorwort
Die vorliegende Arbeit ist während meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter der
HFC Human-Factors-Consult GmbH entstanden. In dieser Zeit hatte ich die Möglichkeit, in
einer Vielzahl interessanter Forschungsprojekte mit Bezug zur Thematik der Modellierung
menschlichen Verhaltens mitwirken zu dürfen. Diese und vor allem Professor Dr. Thomas
Jürgensohn haben in mir die Faszination für die Thematik der „menschähnlichen“ Fahrermodelle
geweckt. Da ohne ihn diese Arbeit nicht denkbar gewesen wäre, möchte ich mich ganz besonders
für die ausgiebigen Diskussionen, die konstruktiven Ratschläge und die manchmal unorthodoxen
Methoden zur „Messung“ menschlichen Verhaltens bedanken.
Für das freundliche Interesse und die Übernahme der Doktorvaterschaft bedanke ich mich bei
Prof. Dr. Matthias Rötting. Ebenfalls möchte ich mich bei Prof. Dr. Steffen Müller für die
Übernahme des Prüfungsvorsitzes bedanken. Ich danke ebenso der Geschäftsführung der HFC
für das mir entgegengebrachte Vertrauen und die gewährten Freiräume während der Entstehung
dieser Arbeit. Den Kollegen der HFC, insbesondere Dr. Astrid Oehme, die vor allem am Anfang
der Promotionszeit eine wichtige Ratgeberin war, sowie nicht zuletzt Robert Alms und Philipp
Kotsch danke ich für die vielen interessanten Gespräche, die zum Gelingen der Arbeit wesentlich
beigetragen haben.
Des Weiteren möchte ich mich bei meiner Familie, insbesondere meinen Eltern Brigitte und
Werner bedanken, die – vor allem letzterer – den Grundstein für meinen Berufsweg und somit
auch für diese Arbeit gelegt haben. Für die akribische Durchsicht, die unendliche Geduld und die
vielen wertvollen Anregungen während der Entstehung dieser Arbeit danke ich ganz besonders
Birgit Schuster.
iv
Kurzfassung
Fahrermodelle haben in den letzten Jahrzehnten einen bemerkenswerten Fortschritt erlebt. Aus-
gehend von einfachen technischen Reglern für singuläre Aufgabenstellungen (Längs- bzw.
Querregelung) sind sowohl Anforderungen als auch Komplexität stetig gewachsen. Ansätze aus
der Psychologie beeinflussen die Fahrermodellentwicklung nachhaltig und führten zur Entwick-
lung von hybriden Modellen, die Methoden aus unterschiedlichen Arbeitsgebieten vereinen.
Die Anwendungsszenarien menschähnlicher Fahrermodelle sind ebenso breit gefächert und rei-
chen von Fahrdynamiksimulationen über den Test von Fahrerassistenzsystemen, der Simulation
von Fremdverkehr in Fahrsimulatoren bis hin zur Erzeugung von Trainingsdaten für autonome
Fahrzeuge. Nichtsdestoweniger ist eine konkrete Implementierung spezifisch menschähnlichen
Fahrerverhaltens bisher kaum zu finden.
Diese Arbeit widmet sich daher dieser Thematik. Anhand einer dreistufigen Taxonomie werden
zunächst unterschiedliche Modellierungsansätze bezüglich ihrer Menschähnlichkeitskategorie
verglichen sowie Vor- und Nachteile des entsprechenden Ansatzes herausgearbeitet. Weiterhin
werden allgemeine Erkenntnisse über die Modellierung physiologischer sowie psychologischer
Aspekte im Kontext der Fahrzeugführung analysiert und bewertet.
Basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen wird ein Fahrermodell vorgestellt, das spezifisch
menschähnliches Verhalten für Längs- und Querführung abbildet. Die Grundlage hierfür bildet
das Konzept der Fahrzustände: Es wird angenommen, dass sich ein Fahrer abwechselnd entweder
im Fahrzustand Homöostase oder Manöver befindet. Auf diese Art und Weise lassen sich
bestimmte menschliche Verhaltensweisen bei der Fahrzeugführung – vor allem in Situationen
geringer Aufgabenschwierigkeit – besonders realitätsnah nachbilden.
Weiterhin wird die Entwicklung eines Rahmenmodells für die Modellierung menschähnlichen
Fahrerverhaltens beschrieben, mit dessen Hilfe anwendungsspezifische Fahrermodelle erstellt
werden können. Das Gerüst für die Modellierung orientiert sich an der menschlichen Informati-
onsverarbeitung. Es beinhaltet die Hauptelemente „Wahrnehmen von Informationen“, „Erkennen
von Situationen“, „Auswahl von Handlungen“ und „Durchführung von Handlungen“, welche
sequentiell durchlaufen werden. Weitere Modellkomponenten sind ein Arbeitsgedächtnis sowie
Module, die emotionale bzw. motivationale Zusammenhänge abbilden. Die modular konzipierte
Modellstruktur stellt sicher, dass eine effiziente Modellierung erfolgen kann. Grundbausteine
des entwickelten Modells sind Fähigkeiten. Diese führen bestimmte, möglichst elementar zu
definierende Handlungen durch, wobei die Art und Weise der Ausführung durch Parameter
beeinflusst werden kann. Mit Hilfe dieser Parameter kann eine Vielzahl von Fahrertypen mit
spezifischen Eigenschaften definiert werden. Das entstandene Rahmenmodell ermöglicht die
Integration unterschiedlicher psychologischer Konzepte in eine simulationsfähige Modellum-
gebung und kann damit zu einer realistischeren Modellierung menschlichen Fahrerverhaltens
beitragen.
v
Abstract
Driver models have undergone a remarkable progress over the last decades. Starting from simple
technical controllers for singular tasks (longitudinal or lateral control), requirements as well
as complexity have grown steadily. Approaches from psychology have had a lasting effect
on the development of driver models and have led to hybrid models which combine methods
from different fields of work. The application scenarios for human-like driver models are just
as broad and range from vehicle dynamics simulations to testing of driver assistance systems,
the simulation of external traffic in driving simulators up to the generation of training data
for autonomous vehicles. Nevertheless, an actual implementation of specific human-like driver
behavior is hardly found.
This work is therefore dedicated to human-like driver models. First of all, different modeling
approaches are compared with respect to their „human-likeness“ based on a three-level taxonomy
of driver models. Advantages and disadvantages of the corresponding approach are elaborated
and general findings about the modeling of physiological as well as psychological aspects in the
context of vehicle guidance are analyzed and evaluated.
Based on the knowledge gained, a driver model is presented that depicts specific human-like
behavior for longitudinal and lateral guidance. The basis for this is the concept of driving states:
It is assumed that a driver is alternately either in the driving state homeostasis or maneuver.
In this way, certain human behaviors in vehicle guidance – especially in situations of low task
difficulty – can be simulated in a particularly realistic manner.
Furthermore, the development of a framework for the modeling of human-like driving behavior
is described, which can be used to create application-specific driver models. The modeling
framework is based on human information processing. It includes the main elements „perception
of information“, „recognition of situations“, „selection of actions“ and „execution of actions“,
which are passed through sequentially. Further modules, such as working memory or emotional
and motivational components, influence the overall behavior. The modularly designed model
structure ensures an efficient modeling process. The building blocks of the framework are ability
modules. Each of those conduct elementary actions, which are to be defined as simple as possible,
whereby the manner of execution can be influenced by parameters. These parameters can be used
to define a variety of driver types with specific characteristics. The resulting model framework
enables the integration of different psychological concepts into a simulatable model environment
and can thus contribute to a more realistic representation of human driver behavior.
vi
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis xi
Tabellenverzeichnis xv
1 Einführung 1
1.1 Fahrermodell und Menschähnlichkeit – eine erste Eingrenzung der Thematik . 2
1.2 Anwendungsszenarien für menschähnliche Fahrermodelle . . . . . . . . . . . 3
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle 9
2.1 Grundsätzliches und Versuche der Kategorisierung der Fahraufgabe . . . . . . 9
2.1.1 Fahraufgabe................................ 11
2.1.2 Ebenenmodelle.............................. 12
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
2.2.1 Regelungstechnische Ansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
2.2.1.1 Zwei-Ebenen-Modell des menschlichen Regelverhaltens . . . 29
2.2.1.2 Erweitertes Reglermodell des Fahrers nach Bösch . . . . . . 31
2.2.1.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
2.2.2 Ansätze aus der Verkehrssimulation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
2.2.2.1 ACME............................. 37
2.2.2.2 PELOPS............................ 38
2.2.2.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
2.2.3 Probabilistische Ansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
2.2.3.1 BAD-Modelle......................... 41
2.2.3.2 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
2.2.4 Psychologische Ansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.2.4.1 ACT-R............................. 44
2.2.4.2 SOAR ............................. 46
2.2.4.3 QN-MHP ........................... 48
2.2.4.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2.2.5 HybrideAnsätze ............................. 51
2.2.5.1 COSMODRIVE........................ 53
2.2.5.2 SSDRIVE ........................... 56
2.2.5.3 Hybrides Fahrermodell von Kiencke & Nielsen . . . . . . . 58
vii
Inhaltsverzeichnis
2.2.5.4 Fahrermodell von Mai . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
2.2.5.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens 63
3.1 Wahrnehmung................................... 64
3.1.1 Visuelle Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
3.1.1.1 Physiologie der visuellen Wahrnehmung . . . . . . . . . . . 65
3.1.1.2 Gesichtsfeld/Blickfeld/Nutzbares Sehfeld . . . . . . . . . . . 68
3.1.1.3 Optischer Fluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
3.1.1.4 Tiefenwahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
3.1.2 Auditive Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
3.1.3 Somatosensorische Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
3.1.4 Vestibuläre Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
3.1.5 Wahrnehmung relevanter Informationen . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
3.1.5.1 Fahrdynamische Informationen . . . . . . . . . . . . . . . . 79
3.1.5.2 Situative Informationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
3.2 Informationsverarbeitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
3.2.1 Gedächtnis ................................ 88
3.2.1.1 Arbeitsgedächtnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
3.2.2 KognitiveProzesse............................ 91
3.2.2.1 Mentale Modellbildung und Antizipation . . . . . . . . . . . 92
3.2.2.2 Problemlösen und Handlungsplanung . . . . . . . . . . . . . 93
3.2.3 Entscheidungsfindung und Risiko . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
3.2.3.1 Entscheidungsmodelle für die Fahrermodellierung . . . . . . 98
3.3 Handlungsausführung............................... 101
3.3.1 Der Handlungsbegriff, Handlungsregulation und Volition . . . . . . . . 102
3.3.2 Sensumotorik............................... 105
3.3.3 Physiologische Aspekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
3.3.4 Handlungsausführung beim Autofahren . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
3.4 Einflussfaktoren.................................. 112
3.4.1 Aufmerksamkeit ............................. 113
3.4.1.1 Aufmerksamkeit als Ressource . . . . . . . . . . . . . . . . 114
3.4.1.2 Visuelle Aufmerksamkeit und Fahrzeugführung . . . . . . . 116
3.4.1.3 Modellierung visueller Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . 119
3.4.2 Belastung und Beanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
3.4.2.1 Müdigkeit ........................... 123
3.4.3 Situationsbewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
3.4.4 Motivation ................................ 126
3.4.4.1 Motivation und Fahrzeugführung . . . . . . . . . . . . . . . 127
3.4.4.2 Modellierung von Motivation . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
viii
Inhaltsverzeichnis
3.4.5 Emotion.................................. 132
3.4.5.1 Emotion und Fahrzeugführung . . . . . . . . . . . . . . . . 135
3.4.5.2 Modellierung von Emotion . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
3.5 Individualität menschlichen Fahrverhaltens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
3.5.1 Situationen und Manöver . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
3.5.1.1 Variable Situationsmerkmale . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
3.5.1.2 Modi der Längsführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
3.5.1.3 Manöver............................ 143
3.5.2 Fehler................................... 145
3.5.3 Lernen .................................. 150
3.6 Unterschiede im Fahrverhalten und ihre Ursachen . . . . . . . . . . . . . . . . 150
3.6.1 Persönlichkeit............................... 152
3.6.2 Demografie................................ 153
3.6.3 Fahrerfahrung............................... 154
3.6.4 Fahrstile.................................. 154
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung 157
4.1 Modell menschähnlicher Fahrhandlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
4.1.1 Fahrhandlung............................... 161
4.1.2 Homöostase................................ 165
4.1.3 Manöver ................................. 170
4.1.4 Fehler................................... 174
4.1.4.1 Fehler während der Homöostase . . . . . . . . . . . . . . . 174
4.1.4.2 Fehler während einer M-Situation . . . . . . . . . . . . . . . 176
4.1.5 Modellierung von Einflussfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
4.2 Validierung von Fahrermodellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182
4.2.1 Validierung und Menschähnlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
4.2.2 Validierung und Kalibrierung des Fahrermodells . . . . . . . . . . . . 187
5 Rahmenmodell für die Erzeugung parametrierbarer Fahrermodelle 189
5.1 Aufbau und Struktur des Rahmenmodells . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
5.2 Wahrnehmung................................... 194
5.3 Situationserkennung ............................... 196
5.4 Entscheidung ................................... 198
5.5 Ausführung .................................... 200
5.6 Motivations- und Emotionskomponenten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
5.7 Arbeitsgedächtnis................................. 204
5.8 Fahrertypen.................................... 207
5.9 Validierung des Rahmenmodells . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207
5.10 Zusammenfassung & Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
Literaturverzeichnis 211
ix
Abbildungsverzeichnis
1.1 Kategorisierung von Fahrermodellen anhand eines Entscheidungsbaums . . . . 4
1.2 Stufen der Menschähnlichkeit eines Fahrermodells . . . . . . . . . . . . . . . 5
2.1 Vereinfachter Regelkreis Fahrer-Fahrzeug-Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . 9
2.2 Vereinfachter Regelkreis Fahrer-Fahrzeug-Umwelt mit FAS . . . . . . . . . . . 10
2.3 Schema der Fahraufgabe nach Geiser [Gei85] . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
2.4 Drei-Ebenen-Modell der Fahraufgabe nach Donges [Don82] . . . . . . . . . . 13
2.5 Modelle der Fahraufgabe mit drei bzw. vier Ebenen . . . . . . . . . . . . . . . 14
2.6 Drei-Ebenen-Modell des zielgerichteten Verhaltens aus Rasmussen [Ras83] . . 16
2.7 Fahrverhaltenskollektive und Kraftschlussgrenze nach Braess & Donges [BD06] 17
2.8 Driver-In-Control Modell von Hollnagel [HNL03] . . . . . . . . . . . . . . . . 19
2.9 Hierarchische Level des Fahrerverhaltens nach Peräaho et al. [PKH03] . . . . . 20
2.10 Fünf-Ebenen-Modell der Fahraufgabe nach Klimke et al. [KKE15] . . . . . . . 21
2.11 Dimensionen von Fahrerverhaltensmodellen nach de Winter [DWH12] . . . . . 24
2.12 Vorschlag einer Kategorisierung von Fahrermodellen . . . . . . . . . . . . . . 24
2.13 Überführung eines Reglers in ein einfaches Fahrermodell . . . . . . . . . . . . 26
2.14 Fahrermodell nach MacAdam [Mac01] bzw. [Mac03] . . . . . . . . . . . . . . 27
2.15 Kybernetisches Fahrermodell nach Saleh et al. [SCM+11] ........... 29
2.16 Zwei-Ebenen-Modell der Fahrzeugführung nach Donges [Don77] . . . . . . . 31
2.17 Vier-Ebenen-Fahrermodell nach Bösch [Bös91] . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
2.18 Zusammenhänge von Verkehrsfluss mit Geschwindigkeit bzw. Verkehrsdichte . 35
2.19 Kognitives Fahrermodell ACME nach Krajzewicz & Wagner [KW02], [KW04] 37
2.20 Struktur des Fahrermodells PELOPS nach Düser [Düs10] . . . . . . . . . . . . 38
2.21 Schema für „Fahren auf Landstraße“ in einem BAD-MoB-Modell [EM10b] . . 42
2.22 Struktur von ACT-R nach Anderson [ABB+04] ................. 45
2.23 Fernpunkt und Nahpunkt bei gerader Strecke bzw. Kurve nach Salvucci [Sal06] 46
2.24 Menschliche Motorik im Fahrermodell DRIVER aus Aasman [Aas95] . . . . . 47
2.25 Struktur und Informationsfluss des QN-MHP aus Tsimhoni & Liu [TL03] . . . 48
2.26 Struktur des QN-Fahrermodells aus Bi et al. [BWWL15] . . . . . . . . . . . . 49
2.27 Informationsfluss in COSMODRIVE nach Bellet et al. [BBMG06] . . . . . . . 53
2.28 Struktur des Human Driver Models aus Delorme & Song [DS01] . . . . . . . . 55
2.29 Taktisches Modul des Human Driver Model aus Delorme & Song [DS01] . . . 56
xi
Abbildungsverzeichnis
2.30 Fahrermodell SSDRIVE nach Amantini, Cacciabue & Carsten [AC09] & [CC10] 57
2.31 Hybrides Fahrermodell aus Kiencke & Nielsen [KN05] . . . . . . . . . . . . . 58
2.32 Primärebene des Fahrermodells von Mai [Mai17] . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3.1 Zyklischer Wahrnehmungsprozess nach Goldstein [Gol07] . . . . . . . . . . . 65
3.2 Verarbeitungskapazitäten der Sinne aus Kupfmüller [Kup59]) . . . . . . . . . . 66
3.3 Aufbau des menschlichen Sehapparats aus Gegenfurtner [Geg15] . . . . . . . . 66
3.4 Foveales, parafoveales und peripheres Sehen aus Schweigert [Sch02] . . . . . . 68
3.5 Darstellung des binokularen Gesichtsfelds für weißes Licht aus Negele [Neg07] 69
3.6 Nutzbares Sehfeld abängig von gefahrener Geschwindigkeit aus Babkov [Bab75] 70
3.7 Optischer Fluss aus Cockpitsicht aus Gibson [Gib50] . . . . . . . . . . . . . . 71
3.8 Mögliche systematische Gliederung der visuellen Wahrnehmung . . . . . . . . 74
3.9 Hörfläche des menschlichen Gehörs aus Gegenfurtner [Geg15] . . . . . . . . . 75
3.10 Spreizwinkel von Fahrbahnbegrenzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
3.11 TTC und TLC aus Bubb [BBGV15] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
3.12 Schema der menschlichen Informationsverarbeitung nach Wickens [WH00] . . 87
3.13 Integratives Motivation-Emotion-Modell aus Trimmel [Tri15] . . . . . . . . . 88
3.14 Dreistufiges Gedächtnismodell nach Atkinson & Shiffrin [AS68] . . . . . . . . 89
3.15
Schema des Arbeitsgedächtnisses nach Baddeley & Hitch [
BH74
] bzw. Baddeley
[Bad00] ...................................... 90
3.16 Prototypischer Ablauf des Problemlösens nach Blech [Ble10] . . . . . . . . . . 95
3.17 Entscheidungsmodell nach Wickens & Hollands [WH00] . . . . . . . . . . . . 96
3.18 Modell von Fahrerentscheidungen nach Boer & Hoedemaker [BH98] . . . . . . 99
3.19
Umhüllende Zonen („envelope zones“) im COSMODRIVE-Modell aus Bornard
etal.[BSB16]................................... 100
3.20 Entscheidungsprozesse beim Überholen nach Irmscher [Irm01a] . . . . . . . . 101
3.21 Strukturelle Einordnung von Tätigkeiten, Handlungen und Operationen . . . . 102
3.22 Handlungsmodell aus Jürgensohn [Jür97] nach Miller et al. [MGP60] . . . . . 103
3.23 Hierarchisch-sequentielles Handlungsmodell nach Volpert [Vol83] . . . . . . . 103
3.24 Rubikonmodell der Handlungsphasen nach Heckhausen [Hec89] . . . . . . . . 104
3.25 Minimale Reaktionszeit bei optischer Informationsaufnahme aus Wolf [Wol09] 108
3.26 Motorik des Lenkens aus Pick & Cole [PC06] . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
3.27
Modell des neuromuskulären Systems während des Lenkens aus Pick & Cole
[PC03]....................................... 110
3.28 Blockschaltbild des Lenkvorgangs aus Wolf [Wol09] . . . . . . . . . . . . . . 111
3.29 Bremsregelkreis nach Grzesik [Grz09] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
3.30 Multiples Ressourcenmodell nach Wickens [Wic08] und POC-Kurven . . . . . 115
3.31 Einflussfaktoren auf das Blickverhalten aus Schweigert [Sch02] . . . . . . . . 118
3.32 Visuelle Aufgaben nach Miura [Miu86] aus Jürgensohn & Timpe [SRJ01] . . . 120
xii
Abbildungsverzeichnis
3.33
Darstellung eines Blickvorgangs mit Hilfe des EMMA-Modells nach Salvucci
[Sal01]....................................... 121
3.34 Kategorien von Beanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
3.35
Zusammenhang zwischen mentaler Belastung und Leistung nach De Waard
[DW96]...................................... 123
3.36 Schema des Situationsbewusstseins nach Endsley [End95] . . . . . . . . . . . 126
3.37
Fahrermodell bei einem Überholvorgang auf einer Autobahn nach Irmscher
[Irm01b]...................................... 131
3.38 Kategorien affektiver Zustände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
3.39 Die sechs Basisemotionen aus Ekman [Ekm92] . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
3.40 Dimensionales Emotionsmodell aus Russel [Rus80] . . . . . . . . . . . . . . 133
3.41 Struktur des „Monitor“-Modells nach Vaa [Vaa03] . . . . . . . . . . . . . . . . 136
3.42 OCC-Modell nach Ortony, Clore & Collin [OCC90] aus Kraus [Kra12] . . . . 138
3.43 Folgemodell aus Wiedemann [Wie74] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
3.44 Fahrerfähigkeiten nach Siedersberger [Sie03] . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
3.45 Fehlerkategorien von Zimmer [Zim01] nach Rasmussen [Ras82] . . . . . . . . 147
3.46 Unfallursachen nach einer Untersuchung durch Gründl [Grü05] . . . . . . . . . 147
3.47 Unfälle nach Fehlerkategorien im Jahr 2017 [Bun18] . . . . . . . . . . . . . . 149
4.1 Modellgrenzen des Fahrermodellansatzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
4.2 Darstellung einer Fahrhandlung am Beispiel der Geschwindigkeitsregelung . . 161
4.3 Homöostase und Manöver . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
4.4
Verortung der im Modellierungskonzept beschriebenen Bereiche bzgl. des Wi-
ckens’schen Informationsverarbeitungsmodells . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
4.5 Schema Längshomöostase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
4.6 Implizite Sollwerte während der Längshomöostase (Folgefahrt) . . . . . . . . . 168
4.7 Implizite Sollwerte während der Längshomöostase (Freie Fahrt) . . . . . . . . 169
4.8 AblaufQuerhomöostase ............................. 170
4.9 Implizite Sollwerte während der Querhomöostase . . . . . . . . . . . . . . . . 171
4.10 Explizite Sollwerte während eines Quermanövers . . . . . . . . . . . . . . . . 173
4.11SchemaTeilmanöver ............................... 175
4.12 Modellierung von Fehlern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
4.13 Statische und Dynamische Einflussfaktoren auf das Fahrverhalten . . . . . . . 179
4.14 Schema Motiv-Handlungs-Kette . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
4.15
Situationsraum mit Kalibriersituation Kinnerhalb eines Gültigkeitsbereichs und
Experimentalsituation Eaus Buchholz [Buc19] . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
5.1 Struktur des Rahmenmodells . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
5.2 Struktur einer Fähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
5.3 Parametereinfluss anhand der Beispielfähigkeit „Schätzen des Bremswegs“ . . 195
xiii
Abbildungsverzeichnis
5.4 Exemplarische Struktur der Fähigkeiten des Hauptmoduls „Wahrnehmung“ . . 196
5.5
Vereinfachte Statechart-Darstellung der Wahrnehmungsfähigkeit „Geschwindig-
keitswahrnehmung“................................ 197
5.6
Vereinfachte Statechart-Darstellung der Situationsfähigkeit „Erkennung zu hoher
Eigengeschwindigkeit“.............................. 198
5.7 Schema Entscheidungsmodul . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200
5.8
Vereinfachte Statechart-Darstellung der Manöverfähigkeit „Geschwindigkeitsre-
duzierung“..................................... 201
5.9
Vereinfachte Statechart-Darstellung der Ausführungsfähigkeit „Regelung der
Fahrzeuggeschwindigkeit“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202
5.10 Beeinflussung des Fahrermodellverhaltens durch Motivationen/Emotionen . . . 203
5.11 3x3-Matrix des zu beachtenden Fremdverkehrs . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
5.12 Beispiel für den Raum der Performanzparametern . . . . . . . . . . . . . . . . 208
xiv
Tabellenverzeichnis
1.1 Typen von Menschähnlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
2.1 Interaktionen Fahrer-Fahrzeug-Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
2.2 Interaktionen FAS zu Fahrer, Fahrzeug und Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . 11
2.3
Ranneys [
Ran94
] Klassifizierung der Fahraufgabe nach Michon [
Mic85
] und
Rasmussen[Ras83]................................ 18
2.4 Typen von Fahrerverhaltensmodellen nach Michon [Mic85] . . . . . . . . . . . 21
3.1 Formen der menschlichen Tiefenwahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
3.2
Vestibuläre Wahrnehmungsschwellen aus Abendroth & Bruder [
AB15
] nach
Tomaske[Tom83]................................. 78
3.3 Herkunft fahrdynamischer Informationen angelehnt an Zöller [Zöl15] . . . . . 79
3.4 Motive und ihre Auswirkungen nach Irmscher [Irm01b] . . . . . . . . . . . . . 130
3.5 Wichtige, das Fahren beeinflussende Umweltfaktoren . . . . . . . . . . . . . . 140
3.6 PsychosozialeFaktoren.............................. 141
3.7 Fahrmanöver nach Nagel & Enkelmann [NE91] und Tölle [Töl96] . . . . . . . 144
3.8 Fehlerarten nach Reason [Rea90] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
4.1 Typen von Menschähnlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
4.2 Vorschlag einer Situationspriorisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
4.3 Kategorisierung von Manövern bzgl. Fahrzeugdynamik sowie deren Ursachen . 176
4.4 Informationsfehler während der Homöostase und ihre Auswirkung . . . . . . . 178
4.5 Diagnosefehler in der Situationserkennung und ihre Auswirkung . . . . . . . . 178
5.1 Informationen im Arbeitsgedächtnis des Fahrermodells und ihre Gültigkeiten . 206
xv
1 Einführung
„Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.“
Kaiser Wilhelm II.
Seit über einem halben Jahrhundert werden Fahrermodelle entwickelt, um die unterschiedlichsten
Problemstellungen im Kontext Fahrer-Fahrzeug-Umwelt analysieren und bewältigen zu können.
In dieser Zeit haben sich Fahrermodelle von einfachen technischen Reglern für spezifische
Aufgaben in einem stark eingeschränkten Kontext zu vielseitig einsetzbaren Werkzeugen für
verschiedene Anwendungsszenarien entwickelt. Die Grundaufgabe eines jeden Fahrermodells
besteht somit aus der Modellierung des Verhaltens eines Fahrers. Eine möglichst menschähnliche
Modellierung, also eine maximale Ähnlichkeit nicht nur des erzeugten Modellverhaltens zu
menschlichem Verhalten, sondern auch dessen Zustandekommen, steht jedoch bis dato nicht
im Fokus der Modellierung. Durchaus werden – vor allem in ingenieurtechnischen Methoden
– punktuell Parameter wie Stellgrößenbeschränkungen oder Totzeiten implementiert, um den
Steuergrößen des Modells ein menschliches Antlitz zu verleihen. Diese Modifikationen werden
der Komplexität eines wirklich menschähnlichen Fahrermodells jedoch nicht gerecht. Auf der
anderen – psychologisch motivierten – Seite existieren zwar kognitive Modellierungsansätze,
deren Prämisse – die Nachbildung menschlicher Kognition – theoretisch Abhilfe schaffen könnte,
jedoch erscheint der Aufwand, den die Modellierung eines nicht nur einzelne Situationen umfas-
senden Fahrermodells mit solcherlei Methoden hätte, wirtschaftlich betrachtet als viel zu hoch.
Diese Arbeit widmet sich ebendieser Thematik – der Menschähnlichkeit von Fahrermodellen,
sowie deren Modellierung.
In Abschnitt 1.1 wird der Begriff Menschähnlichkeit eingeführt und es werden die sich daraus
ergebenden Forderungen an die Modellierung formuliert. Folgend werden in Abschnitt 1.2 Sze-
narien für die Anwendung menschähnlicher Fahrermodelle ausgeführt. Kapitel 2 beschäftigt sich
mit dem Stand der Technik: Es werden unterschiedliche Herangehensweisen an die Modellierung
der Fahraufgabe betrachtet und eine Vielzahl aktueller, aber auch bedeutsamer historischer Fah-
rermodelle begutachtet. In Kapitel 3 wird die menschliche Informationsverarbeitung im Kontext
der Fahrzeugführung ausführlich betrachtet. In Kapitel 4 wird auf das Thema der Modellierung
menschähnlichen Verhaltens näher eingegangen und ein Modell menschähnlicher Fahrhand-
lungen vorgestellt. In Kapitel 5 wird ein Rahmenmodell für die Erzeugung parametrierbarer
menschähnlicher Fahrermodelle vorgestellt.
1
1 Einführung
1.1 Fahrermodell und Menschähnlichkeit – eine erste
Eingrenzung der Thematik
Durch die Einführung des Mikroprozessors und die damit einhergehende stetig steigende Rechen-
leistung entstanden neue Möglichkeiten zur Simulation von komplexen Systemen. Im Bereich der
Fahrzeugtechnik entwickelte sich die Simulation dieser Systeme zu einem mächtigen Werkzeug
für den technischen Fortschritt dieses Forschungsfelds. Die einer solchen Simulation zugehörigen
Teilsysteme können aus verschiedenen Entitäten bestehen:
•
Physisch vorhandene technische Systeme (in eine Simulation eingebundene technische
Systeme/HiL)
• Virtuelle technische Systeme (Modelle technischer Systeme)
• Reale Personen (in die Simulation eingebundene menschliche Akteure)
• Virtuelle Personen (Modelle menschlicher Akteure)
Diese Arbeit beschäftigt sich mit letzteren, mit der Einschränkung, dass deren Aufgabe das Fahren
eines Fahrzeugs beinhaltet, den Fahrermodellen. Die Aufgabe eines Fahrermodells ist es, alle
für das Führen eines realen oder virtuellen Fahrzeugs notwendigen Handlungen durchzuführen.
Es muss also motorische Aktionen erzeugen können, um diese Handlungen zu vollstrecken,
beispielsweise das Drehen des Lenkrads
1
. Diese partikulären Aktionen basieren auf kausalen
Ursachen, welche aus der jeweiligen Situation des Fahrer-Fahrzeug-Ensembles in seiner Umwelt
hervorgehen. Jedes Fahrermodell lässt sich nun bezüglich seiner Eigenschaft Menschähnlichkeit
bewerten – eine Begriffsbestimmung sowie eine inhaltliche Auseinandersetzung findet im Kapitel
4 statt. Für den Moment soll angelehnt an den Turing-Test
2
als vereinfachte Arbeitsdefinition
gelten: Ein Fahrermodell ist maximal menschähnlich, wenn ein menschlicher Beobachter keinen
Hinweis auf nichtmenschliche Elemente im Fahrverhalten zu erkennen vermag. Mit Hilfe dieser
Begriffsklärung können Fahrermodelle nun weiter kategorisiert werden, in dem der Kontext, in
dem Menschähnlichkeit betrachtet wird, genauer spezifiziert wird (vgl. auch Abbildung 1.2).
Typ
0 Fahrer-Fahrzeug-Ensemble verhält sich nicht menschähnlich
Typ
I Fahrer-Fahrzeug-Ensemble verhält sich menschähnlich
Typ
II motorische Aktionen des Fahrers sind menschähnlich
Typ
III kausale Ursachen der motorischen Aktionen des Fahrers sind menschähnlich
Tabelle 1.1: Typen von Menschähnlichkeit
In Typ 0 werden jene autonom gesteuerten Fahrzeuge zusammengefasst, bei denen kein Zweifel
daran besteht, dass sich diese nicht menschähnlich fortbewegen. Eine korrekte Einteilung eines
1
Bei sehr einfachen Fahrzeugmodellen ohne Stellglieder für den Fahrer muss das Fahrermodell in das Fahrzeugmo-
dell integriert werden, das Fahrzeug fährt dann „selbst“.
2
Ein menschlicher Beobachter soll in diesem von Alan Turing 1950 formulierten Test entscheiden, ob eine Ausgabe
von einem Menschen oder Computer stammt
2
1.2 Anwendungsszenarien für menschähnliche Fahrermodelle
Fahrer-Fahrzeug-Ensembles in Typ 0 ausschließlich auf Basis des Verhaltens ist schwierig, da
ein menschlicher Fahrer in der Lage ist, nichtmenschliches Verhalten zu simulieren. Oftmals
ist zusätzliches Wissen notwendig, z.B. dass es sich um ein autonom gesteuertes Fahrzeug
handelt, um die aus dem Fahrverhalten gewonnenen Annahmen zu validieren. Typ-I-Modelle
sind Fahrer-Fahrzeug-Ensembles, welche menschähnliches Verhalten zeigen, bei denen es jedoch
unerheblich bzw. von außen nicht erkennbar ist, wie dieses Verhalten erzeugt worden ist. Zum
Beispiel können unrealistische Eingabewerte verwendet werden, also für menschliche Fahrer
nicht erreichbare Lenkfrequenzen, negative Totzeiten oder Ähnliches. Fahrermodelle des Typs
II erzeugen menschähnliche motorische Aktionen, um ein Fahrzeug zu steuern. Dies impliziert
die Miteinbeziehung der physiologischen Einschränkungen des menschlichen Körpers für die
Erzeugung der entsprechenden Signale. Die generierten Handlungsmuster sind jedoch nicht
menschähnlich erzeugt worden, diese können beispielsweise durch Variation aufgezeichneter
Realfahrdaten entstanden sein. Typ-III-Fahrermodelle erzeugen die menschähnlichen Hand-
lungsmuster zusätzlich auf eine menschähnliche Art und Weise: solch ein Fahrermodell besitzt
eine dem Menschen ähnlich aufgebaute Kognition, welche die Grundlage für das Verhalten
des Fahrermodells darstellt. Eine Kombination von menschähnlich aufgebauter Kognition mit
nicht-menschähnlicher Handlungsausführung ist ebenfalls als ein Typ-III-Fahrermodell zu be-
werten, da die Modellierung menschlicher Informationsverarbeitung hierzu vonnöten ist. Für
die Einschätzung des Beobachters gilt hier die Annahme, dass die Entscheidungen über die
Kategorisierung sukzessive getroffen werden, d.h. dass Informationen, die darüber entscheiden
können, ob ein Fahrermodell beispielsweise zu Typ II zuzuordnen ist, nicht für die Entscheidung
über die Zugehörigkeit zu Typ I verwendet werden. In diesem Beispiel sieht der Bewerter nicht,
wie gelenkt wird, sondern beurteilt ausschließlich das Fahrverhalten, um ein Typ-I-Modell zu
identifizieren. Eine Entscheidungsbaum für die beschriebene Klassifizierung ist in Abbildung 1.1
dargestellt.
1.2 Anwendungsszenarien für menschähnliche Fahrermodelle
Das Anwendungsgebiet für menschähnliche Fahrermodelle deckt ein weites Spektrum unter-
schiedlicher Forschungsgebiete der Wissenschaft, aber auch der kommerziellen Entwicklung
im Bereich der Fahrzeugtechnik ab. Abhängig vom Anwendungsgebiet liegt das Hauptaugen-
merk der Modellierung auf unterschiedlichen Schwerpunkten: Für die Anwendung in bspw.
Verkehrssimulationen wird weniger auf die maximale Menschähnlichkeit der Fahrerausgaben
geachtet, vielmehr wird hier besonderer Wert auf ein augenscheinlich plausibles Verhalten des
Fahrer-Fahrzeug-Ensembles gelegt (Typ I). Möglichst menschähnliche Fahrerausgaben stellen
hingegen bei Fahrdynamiksimulationen ein durchaus wichtiges Kriterium dar. Eine besonders
menschähnliche Generierung dieser Stellgrößen wird jedoch nicht oder nur sehr eingeschränkt
benötigt (Typ II). Fahrermodelle beider beschriebenen Ausprägungen existieren seit langem und
befinden sich im kommerziellen Einsatz. Nachfolgend werden diese und weitere Anwendungsfel-
3
1 Einführung
Typ I
erkannt?
Typ 0
mehr
Infos?
Typ I Typ II
erkannt?
mehr
Infos?
Typ II Typ III
erkannt? Typ III
nein
ja
nein
ja
nein
ja
nein
ja
nein ja
Abbildung 1.1:
Entscheidungsbaum für die Kategorisierung von Fahrermodellen: Falls das Mo-
dell nicht als Typ N erkannt wird, so gilt es als Modell vom Typ N-1. Falls der
Test positiv ausfällt, so wird überprüft, ob weitere Informationen vorhanden sind,
um ein Modell des Typs N+1 zu erkennen. Ist dies nicht der Fall, so gilt das
Modell als Typ N-Modell, falls doch, wird mit dem Test auf Typ N+1 fortgesetzt
usw.
der vorgestellt, in welchen der Einsatz menschähnlicher Fahrermodelle – auch Typ-III-Modelle –
denkbar erscheint.
Fahrerassistenzsysteme
In modernen Kfz ist eine Vielzahl unterschiedlicher Fahrerassistenz-
systeme implementiert, welche kontinuierlich neu- bzw. weiterentwickelt werden. Für komplette
Tests aller möglichen Interaktionen dieser Systeme müssen – schon bei geringen Änderungen –
umfangreiche und teure Testfahrten unternommen werden, deren Anzahl und Kosten mit jedem
zusätzlichen Gerät weiter steigen. Diese Kosten können bedeutend reduziert werden, falls es
möglich wäre, die benötigten Tests zumindest teilweise zu automatisieren. Mit höherer Mensch-
ähnlichkeit der hierbei eingesetzten Fahrermodelle steigt auch die Anzahl der automatisierbaren
Tests an: Closed-Loop-Manöver, welche Handlungen eines menschlichen Fahrers bedürfen,
können zunehmend durch Fahrermodelle absolviert werden. Des Weiteren benötigen Fahreras-
sistenzsysteme Fahrermodelle, die Bestandteil des FAS-Algorithmus sind: Das Verhalten des
4
1.2 Anwendungsszenarien für menschähnliche Fahrermodelle
Typ 0
Typ I
Typ II
Typ III
Abbildung 1.2:
Stufen der Menschähnlichkeit eines Fahrermodells: Typ III
⊂
Typ II
⊂
Typ I,
sowie Typ I /∈Typ 0
Fahrers soll antizipiert werden, so dass die Wirksamkeit des FAS maximiert und somit beispiels-
weise die Ablenkung minimiert werden kann. Bei entsprechend hoher Menschähnlichkeit – und
somit höherer ökologischer Validität – des Fahrermodells können sogar Aussagen über mögliche
Problemfelder bei der Interaktion von Fahrer und FAS getroffen werden. Möglicherweise können
auf diese Art identifizierte Probleme mittels Designanpassungen des FAS schon behoben werden,
bevor ein Prototyp an realen Probanden getestet werden kann. Weiterhin ist ein adaptives Design
von FAS denkbar, welches mittels Fahrermodellen verschiedener Fahrertypen parametriert wer-
den kann. Je nach System und dessen Zielsetzung können Fahrermodelle mit unterschiedlichen
Menschähnlichkeitsstufen zum Einsatz kommen. So ist ein hoch menschähnliches Fahrermo-
dell für einen Notbremsassistenten weniger bedeutsam, als beispielsweise für ein System zur
Müdigkeitserkennung.
Autonomes Fahren
Im Kontext des Autonomen Fahrens und seiner verschiedenen Stufen
existieren mehrere Themenfelder, in denen menschähnliche Fahrermodelle zu einer erfolgreichen
Weiterentwicklung beitragen können. So muss bis hin zu vollständig fahrerlosem Fahren der
menschliche Fahrer zu bestimmten Zeitpunkten in der Lage sein, die Kontrolle über das Fahrzeug
vom autonomen System zu übernehmen. Interaktionskonzepte für solche Szenarien können unter
Zuhilfenahme menschähnlicher Fahrermodelle entwickelt werden, um diese Art von Übergabesi-
tuationen zu untersuchen und besser an den menschlichen Fahrer anzupassen. Solcherlei Modelle
können ebenfalls dazu dienen, Vorhersagen über den Fahrer treffen zu können, so dass eine
Einschätzung des Situationsbewusstseins und daraus folgend eine sicherere Kontrollübergabe
gewährleistet werden kann. Hierfür werden Typ-III-Modelle benötigt, da diese Vorhersagen nicht
ohne eine Nachbildung bestimmter kognitiver Aspekte getroffen werden können.
Ein weiterer Aspekt im Kontext des autonomen Fahrens ist die individuelle Anpassung des
Fahralgorithmus des autonomen Fahrzeugs. Im Zeitalter der Individualisierung scheint es kaum
denkbar, dass ein Algorithmus, der ein autonomes Fahrzeug steuert, dies für alle Fahrzeugbesitzer
bzw. -fahrer gleich befriedigend bewerkstelligt. Die Anpassung dieses Fahralgorithmus an die
5
1 Einführung
persönlichen Präferenzen des Insassen zum Zwecke der Erhöhung der hedonischen Qualität, aber
auch der Akzeptanz, kann mit Hilfe hoch menschähnlicher Fahrermodelle (Typ III) geschehen.
Das Themengebiet des Mischverkehrs von autonomen Fahrzeugen und Fahrzeugen unterschied-
licher Automatisierungsstufe wird die Automobilindustrie sowie verwandte Forschungsbereiche
ebenfalls für eine bisher noch nicht absehbare Zeit beschäftigen. In dieser Zeit werden sich
autonome Fahrzeuge immer mit von menschlichen Fahrern gesteuerten Fahrzeugen einen Ver-
kehrsraum teilen und somit auf menschliche Verkehrsteilnehmer und deren Handlungen reagieren
müssen. Diese Reaktionen müssen reproduzierbar sein, ob aus verkehrsrechtlichen Notwendig-
keiten oder aus ingenieurtechnischem Interesse. Für die notwendigen Tests muss somit möglichst
„menschlich“ agierender Fremdverkehr in die jeweilige Simulation eingebunden werden. Zwar ist
es technisch möglich, auf menschliche Teilnehmer zurückzugreifen, jedoch birgt diese Variante
die inhärente Problematik in sich, dass die beim Testen unbedingt notwendige Reproduzierbarkeit
mit menschlichen Akteuren a priori unmöglich ist. Bestimmte, psychologisch gut untersuchte
menschliche Verhaltensweisen könnten mithilfe menschähnlicher Fahrermodelle implementiert
und die Reaktionen autonom gesteuerter Fahrzeuge auf diese untersucht werden.
Zusätzlich kann auch der rechtliche Aspekt der Evaluierung von autonomen Systemen ein An-
wendungsgebiet für menschähnliche Fahrermodelle darstellen. Heutzutage vorhandene Freigabe-
und Testmethoden sind nicht für autonomes Fahren erdacht worden, mithin sind neuartige Verfah-
ren – beispielsweise unter Zuhilfenahme von menschähnlichen Fahrermodellen – zur Beurteilung
eines Fahralgorithmus notwendigerweise zu entwickeln. Diese Problematik – die Messung der
Leistungsfähigkeit autonomer Fahrzeuge – kann nach Winner [
Win15
] sogar als „kritischer Pfad
zum autonomen Fahrzeug“ angesehen werden.
Psychologische Untersuchungen
Die Untersuchung menschlichen Fahrverhaltens wird
trotz der immer weiter voranschreitenden Automatisierung der Fahraufgabe in den nächsten Jahr-
zehnten eine wichtige Aufgabe der Ingenieur- und Verkehrspsychologie bleiben, beispielsweise
wird die Erforschung des Fahrverhaltens älterer Verkehrsteilnehmer aus demographischen Grün-
den eine größere Rolle spielen. Ein sich möglichst realistisch verhaltener – durch menschähnliche
Fahrermodelle simulierter – Fremdverkehr kann die ökologische Validität der Untersuchungen
erhöhen, da die Untersuchungsbedingungen realistischer wirken.
Verschleiß und Verbrauch
Ein weiteres Einsatzgebiet von menschähnlichen Fahrermodellen
ist die Optimierung von Verschleiß- und Verbrauchsberechnungen. Um eine zuverlässige Voraus-
sage beispielsweise über die Lebensdauer einzelner Fahrzeugkomponenten bei unterschiedlichen
Fahrweisen treffen zu können, sind möglichst menschähnliche Fahrermodelle notwendig. Eben-
falls kann auf diese Art und Weise unsachgemäße Benutzung des Fahrzeugs untersucht werden:
Es ist beispielsweise bekannt, dass sich der Reifenverschleiß bei zu vorsichtiger Fahrweise
6
1.2 Anwendungsszenarien für menschähnliche Fahrermodelle
erhöhen kann, was sich durch ein entsprechend parametriertes menschähnliches Fahrermodell
abbilden lässt.
Zusammenfassung
Diese Beispiele zeigen, dass ein Bedarf an menschähnlichen Fahrermo-
dellen vorhanden ist und die Anwendungsgebiete von ingenieurtechnischen Feldern wie For-
schung und Entwicklung in der Automobilindustrie bis hin zu psychologischen Forschungsfragen
reichen. Zu den vergleichsweise älteren Anwendungsfeldern wie FAS, Verbrauchsberechnungen
oder Fahrsimulatoren kommen verschiedenste Aspekte im Kontext des autonomen Fahrens hinzu,
so dass die Sinnhaftigkeit einer vertieften Beschäftigung mit menschähnlicher Fahrermodellie-
rung, sowohl aus psychologischer, als auch aus technischer und letztendlich auch wirtschaftlicher
Sicht gegeben ist.
7
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und
Fahrermodelle
„Der Mensch ist das Modell der Welt.“
Leonardo da Vinci
Für die Annäherung an die Thematik der menschähnlichen Fahrermodelle ist es notwendig, für
dieses Spezialgebiet grundlegende Vorarbeiten vorzustellen. Hierbei wird die Aufmerksamkeit
zunächst auf die Definition der Fahraufgabe gelegt, darauf aufbauend werden unterschiedliche
Ansätze der Implementierung von Fahrermodellen vorgestellt und bezüglich ihrer Menschähn-
lichkeit eingeordnet.
2.1 Grundsätzliches und Versuche der Kategorisierung der
Fahraufgabe
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich eine Vielzahl von Forschern mit dem Problem auseinan-
dergesetzt, Fahrverhalten nachzubilden bzw. schlussendlich Fahrermodelle zu entwickeln, welche
diese Aufgabe erfüllen können. Hierfür existieren mannigfaltige Ansätze mit unterschiedlichen
Zielsetzungen aus verschiedensten Forschungsgebieten. Es gibt jedoch Grundannahmen und
Gemeinsamkeiten, die zur Modellierung eines Fahrers notwendig sind: Die Simulation von
Fahrverhalten geschieht innerhalb eines abgeschlossenen Systems und beinhaltet die Simulati-
onskomponenten Fahrer,Fahrzeug und Umwelt (vgl. Abbildung 2.1).
Fahrer Fahrzeug
Umwelt
Abbildung 2.1: Vereinfachter Regelkreis Fahrer-Fahrzeug-Umwelt
Der Fahrer übernimmt in diesem System die Aufgabe, das Fahrzeug unter Zuhilfenahme der
ihm zur Verfügung stehenden Informationen aus Umwelt und Fahrzeug zu bedienen. Die bidirek-
tionalen Interaktionen der Systemkomponenten sind in Tabelle 2.1 zusammengefasst.
9
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Ursprung
der
Information
Aufnehmer
der
Information
Wirkzusammenhang zwischen
Informationsursprung und
Informationsaufnehmer
Umwelt Fahrer Informationen über Straße, Verkehr, Umweltbedingungen
Umwelt Fahrzeug physikalische Größen (Reibung, Wind, Steigung)
Fahrzeug Fahrer
Informationen (Geschwindigkeit, Drehzahl, Gang) und phy-
sikalische Größen (Beschleunigung, Geräusche)
Fahrzeug Umwelt
Lichtsignale, physikalisches Vorhandensein (Inanspruch-
nahme öffentlichen Raumes)
Fahrer Fahrzeug
Bedienung des Fahrzeugs (Stellgrößen für Längs- und Quer-
regelung, Signale)
Fahrer Umwelt
indirekte Wirkung über Fahrzeug sowie direkte Kommu-
nikation mit anderen Verkehrsteilnehmern (Blickkontakt,
Handzeichen, verbale Kommunikation)
Tabelle 2.1: Interaktionen Fahrer-Fahrzeug-Umwelt
Im Laufe der Geschichte der Tätigkeit Fahren haben sich die Funktionen der beschriebenen drei
Komponenten im Allgemeinen kaum geändert. Das zu lenkende Fahrzeug, sei es ein Pferd
1
, eine
Kutsche oder ein Automobil, wird über bestimmte Bedienelemente – früher Zügel, Schenkeldruck
und Sporen, momentan noch Lenkrad, Pedalerie usw. – so manipuliert, dass es einer gewünschten
Trajektorie in der Umwelt folgt. Mit der Entwicklung und Implementierung von Fahrerassistenz-
systemen (FAS) ist nun eine vierte Komponente hinzugekommen, die zwar technisch gesehen
dem Fahrzeug zuzurechnen ist, welche jedoch auch Aufgaben des Fahrers übernimmt. Dies ist
graphisch in Abbildung 2.2 skizziert, in Tabelle 2.2 sind die hinzugekommenen Interaktionen
kurz beschrieben. Im Hinblick auf die Entwicklung von Fahrermodellen kann somit gefolgert
werden, das die Fähigkeit zur Interaktion mit Fahrerassistenzsystemen für gegenwärtig und
zukünftig einsetzbare Fahrermodelle obligatorisch ist.
Fahrer Fahrzeug
Umwelt
FAS
Abbildung 2.2: Vereinfachter Regelkreis Fahrer-Fahrzeug-Umwelt mit FAS
1Ich bitte alle Pferdeliebhaber die Kategorisierung des Pferdes als „Fahrzeug“ zu entschuldigen.
10
2.1 Grundsätzliches und Versuche der Kategorisierung der Fahraufgabe
Ursprung
der
Information
Aufnehmer
der
Information
Wirkzusammenhang zwischen
Informationsursprung und
Informationsaufnehmer
FAS Fahrer
FAS als Schnittstelle zwischen Umwelt+Fahrzeug und Fahrer
FAS Fahrzeug Manipulation des Fahrzeugs über spezielle Schnittstellen
FAS Umwelt (noch) keine direkte Kommunikation vorhanden
Fahrer FAS An- und Abschalten sowie Konfiguration des Systems
Fahrzeug FAS Informationen über den Fahrzeugzustand
(physikalische Größen)
Umwelt FAS
dynamische (andere Verkehrsteilnehmer) und statische Um-
weltinformationen (Straßenschilder, Fahrbahnmarkierungen)
Tabelle 2.2: Interaktionen FAS zu Fahrer, Fahrzeug und Umwelt
2.1.1 Fahraufgabe
Das Führen eines Fahrzeugs setzt sich aus mehreren Teilaufgaben zusammen, welche hierarchisch
gegliedert werden können. Geiser [
Gei85
] beschreibt hierfür drei unterschiedliche Kategorien
bezüglich ihrer Wichtigkeit zur Erfüllung der Fahraufgabe (vgl. Abbildung 2.3):
1.
Die primäre Fahraufgabe entspricht dem eigentlichen Fahrprozess, der in Navigation,
Führung und Stabilisierung aufgeteilt werden kann. Darauf wird im folgenden Abschnitt
2.1.2 vertieft eingegangen.
2.
Die sekundäre Fahraufgabe enthält verkehrs- oder umweltbedingt anfallende Aufgaben, die
jedoch nicht direkt sicherheitsrelevant sind. In diese Kategorie fallen einerseits Aktionen
des Fahrers, deren Ziel darin besteht, die primäre Aufgabe (für sich oder die andern Ver-
kehrsteilnehmer) zu vereinfachen (z.B. die Betätigung des Scheibenwischers, Betätigen der
Lichthupe um z.B. Vorfahrt zu gewähren), als auch jene, die z. B. durch Verkehrsregeln
vorgegeben werden (z.B. Blinken, Aktivieren der Nebelschlussleuchte).
3.
Die tertiäre Fahraufgabe besteht aus einem Sammelsurium an Aufgaben, die weder direkt
noch indirekt mit der Fahrtätigkeit in Verbindung stehen. Diese Aufgaben befriedigen
Bedürfnisse nach Komfort (z.B. Klimaanlage bzw. Heizung), Information/Unterhaltung
(z.B. Nachrichten im Radio, Telefonieren).
Nach Gasser et al. [
GAA+12
] gewinnen Tertiäraufgaben im Zuge der fortschreitenden Automati-
sierung der Fahraufgabe zunehmend an Bedeutung, da der Fahrer immer weniger Ressourcen
auf die eigentliche Hauptaufgabe der Fahrzeugführung aufwenden muss. So werden heute schon
große Teile der primären Fahraufgabe, beispielsweise die Navigationsaufgabe, oftmals nicht mehr
vom menschlichen Fahrer durchgeführt. Weitere Aufgaben, die heute schon durch Fahrerassis-
tenzsysteme unterstützt bzw. übernommen werden sind z. B. Notbremsassistenz (Längsführung)
oder ESP (Querführung). Somit ergeben sich neue Anforderungen an das Design von Fahrermo-
11
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Abbildung 2.3: Schema der Fahraufgabe nach Geiser [Gei85]
dellen – die alleinige Modellierung der primären Fahraufgabe wird für zukünftige Anwendungen,
besonders im Bereich des hochautomatisierten Fahrens, nicht ausreichen.
2.1.2 Ebenenmodelle
Während der Bedienung eines Fahrzeugs wird der Fahrer mit unterschiedlichen Aufgaben
konfrontiert, welche er zu lösen imstande sein muss, um das Fahrzeug sicher durch den Straßen-
verkehr zu manövrieren. Diese Aufgaben können verschiedenen Hierarchieebenen zugeordnet
werden. Basis für die heute so oft zitierten drei Ebenen der Fahrzeugführung sind u.a. die
Arbeiten von Bernotat ([Ber70], vgl. Abbildung 2.5), dort wird die Aufgabe eines „Operateurs“
(hier: der Pilot eines Flugzeugs) beschrieben, welche aus mehreren „Führungsschleifen“ besteht:
Navigation, Lenkung sowie Lage- und Geschwindigkeitsregelung. In all diesen Regelkreisen
wird die jeweils nächste Führungsgröße für die darunter liegende Ebene festgelegt, wobei der
Mensch (gleichzeitig) in all diesen Ebenen die Funktionen „Messgeber“, „Regler“ sowie „Stell-
glied“ einnehmen kann. Donges [
Don78
] adaptierte die Strukturierung an die Problematik der
Kraftfahrzeugführung, welche so oder so ähnlich formuliert werden kann:
1.)
In der Navigationsebene entscheidet sich der Fahrer für eine bestimmte Route hinsichtlich
verschiedenster Aspekte. Abhängig von persönlichen Präferenzen können für unterschied-
liche Fahrer auch verschiedene Routen die jeweilig optimalen sein. Beispielsweise kann
für Fahrer A die Minimierung der Fahrtdauer eine besondere Relevanz besitzen, Fahrer B
möchte jedoch eine Strecke befahren, welche zu geringstmöglichem Kraftstoffverbrauch
12
2.1 Grundsätzliches und Versuche der Kategorisierung der Fahraufgabe
Abbildung 2.4: Drei-Ebenen-Modell der Fahraufgabe nach Donges [Don82]
führt. Die Routenwahl geschieht im Allgemeinen vor Fahrtantritt oder bei Fahrtunterbre-
chungen und wird in den meisten Fahrermodellen nicht berücksichtigt.
2.)
In der Bahnführungsebene bestimmt der Fahrer, basierend auf der vorher gewählten Route
und den situativen Gegebenheiten seiner aktuellen Position, seine Sollwerte für Quer- und
Längsregelung. Für die Querregelung bedeutet dies zum einen die gewählte Sollspur –
falls mehrere zur Auswahl stehen – sowie die Position innerhalb der gewählten Fahrspur.
Der Sollwert der Längsregelung besteht aus der gegenwärtigen Wunschgeschwindigkeit.
Im Gegensatz zur Navigationsebene können bzw. müssen Änderungen der Sollwerte
jederzeit vorgenommen werden, da sich das Fahrzeug im Normalfall auf einer Straße
mit Fremdverkehr befindet und daher auf das Fahrverhalten anderer Verkehrsteilnehmer
reagiert werden muss.
3.)
In der Stabilisierungsebene agiert der Fahrer vor allem als Regler: Seine Aufgabe besteht
darin, den in der Bahnführungsebene generierten Sollwerten für Längs- und Querrege-
lung des Fahrzeugs zu folgen. Konkret bedeutet dies die Bedienung der als Regelglieder
funktionierenden Stellgrößen des Fahrzeugs (Querregelung: Lenkrad, Längsregelung: Gas-
/Bremspedal, Kupplung, Schaltung). Die in der Stabilisierungsebene durchgeführten, für
die Stabilität des Fahrzeugs notwendigen Handlungen, finden kontinuierlich statt.
Bei der Interpretation dieses Modells ist jedoch zu beachten, dass die Ebenen Bahnführung
und Stabilisierung eine rein regelungstechnische Beschreibung der Fahraufgabe darstellen: Dies
13
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
(a)
vereinfachtes Schema der Flugführung
aus Bernotat [Ber70]
(b)
3 Ebenen der Fahrzeugführung aus Michon
[Mic85] (nach Janssen)
(c)
hierarchische Level des Fahrerverhaltens nach
Michon [
Mic85
], modifiziert nach Panou
[PBP07]
Abbildung 2.5: Modelle der Fahraufgabe mit drei bzw. vier Ebenen
bedeutet, dass kontinuierlich Sollvorgaben in der Bahnführungsebene sowie Modellausgaben für
Längs- und Querführung aus der Stabilisierungsebene erzeugt werden
2
. Die Sollvorgaben aus der
Bahnführungsebene sind dementsprechend eindimensionale Signale und können weder komplexe
Manöver noch sonstwie geartete Vorausplanungen beschreiben. Die Navigationsaufgabe hinge-
gen spielt während des Fahrens keine bzw. eine vom „eigentlichen Fahren“ abgekoppelte Rolle
und ist im regelungstechnischen Zwei-Ebenen-Modell dementsprechend nicht vorhanden.
Einen etwas anderen Blickwinkel auf die Fahraufgabe nimmt Michon [
Mic85
] mit seinem Drei-
Ebenen-Modell ein: Er beschreibt die Ebenen strategic/planning level,tactical/manoeuvring
level und operational/control level etwas abstrakter – ohne genaue Informationen, was die ein-
zelnen Modellebenen exakt hervorbringen. Er definiert jedoch Zeitfenster, in welchen sich die
einzelnen Ebenen bewegen: In der Regelungs- bzw. Stabilisierungsebene wird im Millisekun-
denbereich gehandelt, wobei automatic action patterns (automatisierte Handlungssequenzen)
ausgeführt werden. In der Manöverebene werden controlled action patterns (geregelte Hand-
lungssequenzen), die sich im Sekundenbereich abspielen, ausgeführt. Für die Planungs- bzw.
Navigationsebene wird eine „lange“ Zeitkonstante angenommen. Dies zeigt ebenfalls, dass für
die konkrete Simulation eine „strategische“ Ebene nicht unbedingt vorhanden sein muss.
2
Im „Zwei-Ebenen-Modell der Fahrzeugführung“ von Donges (vgl. Abschnitt 2.2.1.1) wird zusätzlich eine antizipa-
torische Steuerung beschrieben, welche bereits in der Bahnführungsebene einen Lenkwinkel erzeugt.
14
2.1 Grundsätzliches und Versuche der Kategorisierung der Fahraufgabe
Vergleicht man das Donges’sche eher die Ingenieursperspektive einnehmende Drei-Ebenen-
Modell mit der eher „psychologischen“ Herangehensweise von Michon, so kann das Donges’sche
Modell als ein konkreter Anwendungsfall für ein spezifisches Fahrszenario, das Michon’sche
Modell jedoch als universeller, da eine Vielzahl von Anwendungsszenarien abgedeckt werden
können, betrachtet werden. Die „strategische“ Ebene bei Michon ist etwas umfassender angelegt
und beinhaltet ebenfalls Entscheidungen wie „Wahl des Verkehrsmittels“ oder eine „Evaluation
der Kosten und Risiken der Fahrt“ – im Donges’schen Modell wird eine Fahrt mit einem
Automobil angenommen und die Route vor der Fahrt festgelegt, welche sich jedoch auch während
der Fahrt ändern kann. Die „Manöver-“ oder „taktische“ Ebene entspricht jedoch keinesfalls
der Donges’schen „Bahnführungsebene“. Ein „Manöver“ beschreibt bei Michon eine komplexe
Handlung mit einem definierten Ziel (vgl. auch Abschnitt 4.1), dessen Erzeugung kognitive
Vorgänge miteinbezieht. Im Donges’schen Modell leiten sich die Sollvorgaben hingegen direkt
aus den Routeneigenschaften her – eine diskrete, komplexe Planung ist nicht vorgesehen. Die
unterste Ebene wird bei Michon nicht weiter beschrieben, es ist jedoch anzunehmen, dass diese
ähnlich der Donges’schen „Stabilisierungsebene“ zu interpretieren ist. Interessant ist, dass bei
Michon sowohl die „taktische“ als auch die „Regelungsebene“ Modellausgaben erzeugen – ob
dies jedoch gleichzeitig oder wechselseitig geschieht, lässt der Autor offen.
Eine allgemeinere Möglichkeit, zielgerichtetes Verhalten eines Menschen – also auch das Führen
eines Fahrzeugs – in einem Modell abzubilden, wurde 1983 von Rasmussen vorgestellt [
Ras83
].
Er unterscheidet dabei zwischen drei Verhaltensebenen der Handlungsregulation bzw. kognitiver
Prozesse:
1.)
Wissensbasiertes Verhaltens (knowledge-based behaviour) tritt in komplexen Anforde-
rungssituationen auf, die den Menschen dazu zwingen, untrainierte Handlungsweisen zu
verwenden, um Lösungen für Probleme zu generieren. Die Ergebnisse dieses Prozesses
sind Regeln, die in die zweite Ebene übertragen werden.
2.)
Die Ebene des regelbasierten Verhaltens (rule-based behaviour) beinhaltet Situationen,
welche dem Menschen bekannt sind und an deren Lösungsschemata eine Erinnerung
besteht. Er kann hier aus einem Repertoire verschiedener Verhaltensmuster das subjektiv
optimale auswählen. In dieser Ebene werden Regeln ausgewählt, die ein bestimmtes,
automatisiertes Verhalten auslösen.
3.)
In der Ebene des fertigkeitsbasierten Verhaltens (skill-based behaviour) erfolgen Verhal-
tensweisen, welche vom Menschen nicht bewusst kontrolliert werden können. Dies können
sowohl Reiz-Reaktions-Mechanismen als auch kontinuierliche Handlungssequenzen sein.
Erstere sind zumeist angelegt, letztere oft erlernt; beide werden unbewusst abgerufen.
Donges [
Don15
] stellt das Rasmussen’sche Modell seinem Drei-Ebenen-Modell gegenüber und
findet gewisse Zusammenhänge: Er ordnet Entscheidungen der Navigationsebene überwiegend
dem wissensbasierten Verhalten zu, da diesen üblicherweise bewusste Planungen zu Grunde
liegen – dies gilt allerdings nur für unbekannte Umgebungen. Inwiefern sich Bahnführungs- und
15
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Abbildung 2.6: Drei-Ebenen-Modell des zielgerichteten Verhaltens aus Rasmussen [Ras83]
Stabilisierungsaufgaben auf der Ebene des wissens-, regel- oder fertigkeitsbasiertem Verhalten
befinden, hängt nach Donges vor allem von der Erfahrung des Fahrers ab. Mit zunehmender
Routine werden mehr und mehr unbewusst ablaufende Fertigkeiten entwickelt, so dass sich
das Fahrverhalten auf die fertigkeitsbasierte Verhaltensebene verlagert. Beispielsweise werden
sich routinierte Fahrer auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit im Allgemeinen ausschließlich auf
ebendieser Ebene bewegen. Tritt jedoch eine kritische Situation auf, so wird die fertigkeitsbasierte
Ebene verlassen und das vorhandene Problem muss entweder mit Hilfe bekannter Regeln
oder – noch anspruchsvoller – mit wissensbasiertem Verhalten (und damit einhergehend der
Erzeugung neuer Regeln) gelöst werden. Vor allem letzteres kann zu gefährlichen Situationen
führen, da oftmals nicht genügend Zeit für komplexere Denkvorgänge und das Durchspielen von
Handlungsalternativen zur Verfügung steht.
Diesen Gedanken führen Braess & Donges [
BD06
] weiter aus: Untersuchungen von mehreren
Fahrern ergaben unterschiedliche g-g-Diagramme
3
für verschiedene Fahrertypen. Nun kann man
den Umhüllenden bestimmter Perzentile eines solchen g-g-Diagramms eine bestimmte Verhal-
tenskategorie zuordnen: Beschleunigungen über dem
95
-Prozent-Perzentil wurde wissensbasier-
tes Verhalten zugeordnet, dem
80
-Prozent-Perzentil regelbasiertes Verhalten und dem „inneren“
Rest fertigkeitsbasiertes Verhalten. Die Autoren betonen, dass die Zahlen willkürlich gewählt
sind, der Gedanke dahinter ist jedoch folgender: Je höher die gemessenen Beschleunigungen,
desto seltener wird ein Manöver mit entsprechenden physikalischen Rahmenbedingungen vom
Fahrer gefahren, somit ist a) wenig Erfahrung vorhanden und b) sind entsprechend dynamische
3Ein g-g-Diagramm stellt Längs- und Querbeschleunigungen einer Fahrt grafisch in einem Diagramm dar.
16
2.1 Grundsätzliches und Versuche der Kategorisierung der Fahraufgabe
Manöver per se riskanter und somit seltener und höchstwahrscheinlich nicht fertigkeitsbasiert
abzufahren.
Abbildung 2.7:
Fahrverhaltenskollektive und Kraftschlussgrenze nach Braess & Donges [
BD06
]
Die Adaptierung des Modells von Rasmussen an die Fahraufgabe kann jedoch auch kritisch
betrachtet werden. Zum einen besteht die Fahrhandlung selbst zu einem Großteil aus sensumoto-
rischen Aktionen – Rasmussen selbst nennt das Beispiel „Fahrradfahren“ für fertigkeitsbasiertes
Verhalten. Regelbasiertes Verhalten, also das Abarbeiten bestimmter Handlungen wie in einem
„Kochbuch“, kommt beim Autofahren nur in sehr wenigen Situationen (z.B. bei der Generierung
von Vorfahrtreihenfolgen bei komplexen Kreuzungen) oder beim Fehlen jeglicher Fahrerfahrung
(Reihenfolge der Pedale beim Anfahren, Spiegel-Spiegel-Schulterblick beim Abbiegen usw.) vor.
Zum anderen ist es fraglich, ob – gerade bei hochdynamischen Problemstellungen wie bei Braess
& Donges [
BD06
] beschrieben – die sehr kurze Zeitspanne, in der das aktuelle Problem gelöst
werden kann, ausreicht, um regel- oder wissensbasierte Handlungen durchführen zu können.
Ranney [
Ran94
] klassifizierte bestimmte Fahrhandlungen mit Hilfe einer Matrix aus auf der einen
Seite Michons hierarchischer Modellstruktur [
Mic85
] sowie auf der anderen Seite Rasmussens
Modell [
Ras83
] (vgl. Tabelle 2.3). Er betont dabei, dass sich die Vielzahl der Fahrhandlungen
auf der in der Grafik markierten Diagonale befänden. Es scheint auch hier schwer, Beispiele für
wissens- oder regelbasierte (Regelungs-)Handlungen zu finden, die nicht nach einer kurzen Lern-
phase zu fertigkeitsbasiertem Handeln übergehen. Die Manöverzuordnung erscheint ebenfalls
teilweise arbiträr (das Kontrollieren eines schleudernden Fahrzeugs („controlling skid“) mag
für wenige, blutige Anfänger im ersten Augenblick eine wissensbasierte Handlung darstellen,
realistisch betrachtet ist dieses Szenario für eben beschriebenen Fahrertyp bereits beendet, bevor
17
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
eine aus Wissen abgeleitete Handlung eingeleitet wird). Ebenso fragwürdig ist die regel- oder
fertigkeitsbasierte Routenwahl.
Strategisch Taktisch/Manöver Ausführung/Regelung
Wissensbasiert
Navigation in unbe-
kannter Umgebung
Ausregeln von Schleu-
dern
Fahranfänger in erster
Fahrstunde
Regelbasiert
Auswahl zwischen be-
kannten Routen
Überholen anderer
Fahrzeuge
Fahren eines unbekann-
ten Fahrzeugs
Fertigkeitsbasiert
Tägliche Pendlerroute
Verhalten an bekannter
Kreuzung
Fahrzeugsteuerung in
Kurven
Tabelle 2.3:
Ranneys [
Ran94
] Klassifizierung der Fahraufgabe nach Michon [
Mic85
] und Ras-
mussen [Ras83]
Hollnagel betont ebenso, dass die Fahraufgabe nicht als eine lose Kombination von Aufgaben
beschrieben werden kann [
HNL03
]. Vielmehr wird ein Grundsatz bzw. eine Regel um diese
Aufgaben anzuordnen, also eine Hierarchie von Aufgaben oder Handlungen, benötigt. Er be-
schreibt zwei Kriterien, die ein solches Modell erfüllen muss: Erstens muss die Kontrolle der
verschiedenen Ebenen gleichzeitig möglich sein. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Menschen
(und auch Maschinen) normalerweise dazu in der Lage sind, mehrere Ziele gleichzeitig zu
verfolgen. Zweitens müssen Fahrer und Fahrzeug gemeinsam beschrieben werden, was Hollnagel
damit begründet, dass in modernen Fahrzeugen eine Vielzahl von automatisierten Funktionen
vorhanden sind, welche die Kontrolle vom Fahrer übernehmen können.
Hollnagel definiert in seinem Modell folgende vier Ebenen:
1.)
Tracking: Diese Ebene beschreibt die grundlegenden Fahreraktivitäten, um das Fahrzeug
auf der Straße zu halten.
2.)
Regulating: In dieser Ebene werden die Ziele für die Tracking-Ebene erzeugt, also Soll-
geschwindigkeit, gewünschte Position und Relativgeschwindigkeit gegenüber anderen
Verkehrsteilnehmern.
3.)
Monitoring: Hier wird sich mit der Beziehung des Fahrer-Fahrzeug-Verbunds mit seiner
Umgebung auseinandergesetzt und entsprechende Pläne generiert, falls nötig.
4.) Targeting: Es werden globale Ziele und Parameter für die Fahrt festgelegt.
Die erste und letzte Ebene ähneln den entsprechenden Ebenen aus dem Drei-Ebenen-Modell.
Interessant erscheint die Aufteilung der Bahnführungsebene in eine Beobachtungs- sowie eine
Regulationsebene.
Brezillon & Tijus [
BT07
] beschreiben einen hierarchischen Ansatz des Fahrens basierend auf der
von Peräaho et al. [
PKH03
] vorgestellten GDE-Matrix
4
(vgl. Abbildung 2.9). Das im Rahmen des
EU-Projekts GADGET
5
entwickelte Modell unterteilt die Fahraufgabe ebenso in drei Ebenen:
4Goals for Driver Education
5Guarding Automobile Drivers through Guidance Education and Technology
18
2.1 Grundsätzliches und Versuche der Kategorisierung der Fahraufgabe
Abbildung 2.8: Driver-In-Control Modell von Hollnagel [HNL03]
eine strategische, eine taktische sowie eine operationale. Über diese drei Ebenen wurde im
GDE-Modell eine vierte gestellt: „goals for life and skills for living“, in welcher keine direkt
mit dem Fahren zusammenhängenden Eigenschaften vorkommen, jedoch die Persönlichkeit des
Fahrers mit seinem Fahrverhalten verknüpft wird. Als Beispiele für die Anwendung konkreter
Situationen auf das Modell werden folgende genannt: In der höchsten Ebene kann eine sich oft
riskant verhaltende Person als nicht optimal für die Verkehrssicherheit betrachtet werden. Auf
der strategischen Ebene wird eine betrunkene Person zu einem Sicherheitsrisiko. Zu schnelles
Fahren wird als Beispiel für eine schlechte Entscheidung auf der taktischen Ebene genannt,
fehlende technische Fähigkeiten zum Führen eines Fahrzeugs sind auf der operationalen Ebene
anzusiedeln.
Innerhalb des EU-Projekts DESERVE
6
wurde sich ebenfalls der Thematik gewidmet. Die Au-
toren unterschieden zwischen qualitativen und quantitativen Fahrermodellen, wobei erstere
psychologisch fundiert sind und die kognitiven Prozesse während des Fahrens abzubilden versu-
chen, ohne jedoch konkretes Fahrverhalten zu simulieren. Letztere hingegen tun genau dies auf
mathematischer Basis, in dem das Fahren als Reaktion auf äußere Reize interpretiert wird. Basie-
rend auf den Modellüberlegungen von Donges [
Don78
] und Rasmussen [
RL82
] entwickelten
Klimke et al. [
KKE15
] eine Modellstruktur, welche einen einheitlichen Ansatz zur Kombination
qualitativer und quantitativer Modellierungsansätze bietet (vgl. Abbildung 2.10). Es wird eine
6Development Platform for Safe and Efficient Drive
19
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Abbildung 2.9: Hierarchische Level des Fahrerverhaltens nach Peräaho et al. [PKH03]
aus fünf Ebenen bestehende Struktur vorgeschlagen: Routenplanung, Manöverentscheidung, be-
wusste Bestimmung der Wunschgröße, unterbewusste Überführung in eine Führungsgröße sowie
Umsetzung durch Fahrzeugeingaben. Es wird die Ebene der „unterbewussten Fahrzeugführung“
eingeführt, welche die bewusste Bestimmung einer Wunschgröße (z.B. einer Sollgeschwindig-
keit) mit der Ausführungsebene verbindet. Als Beispiel wird für die Geschwindigkeitsregelung
eine unbewusste Beschleunigungsregelung angenommen (der Fahrer bestimmt durch den Druck
auf das Gaspedal unbewusst eine Beschleunigung).
Fazit
Es gibt – je nach Zielsetzung bzw. Anwendungsbereich – unterschiedliche Ansätze bzw.
Herangehensweisen zur Beschreibung der Fahraufgabe. So konzentrieren sich beispielsweise
Bernotat, Donges und Michon eher auf die (regelungs-)technischen Thematiken der Fahrzeugfüh-
rung und unterscheiden hier drei voneinander getrennte Bereiche. Geiser ergänzt die (primäre)
Fahraufgabe um Nebentätigkeiten. Rasmussen beschreibt allgemeiner unterschiedliche Typen
von Verhalten, welche sich auch im Fahrkontext wiederfinden. Im Bezugsrahmen dieser Arbeit
hat jede der Beschreibungen – je nach Modellierungskontext – ihre Legitimation.
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Ziel der Fahrermodellierung ist ein intelligentes, wissens- und regelbasiertes Modell, welches
eine Vielzahl von komplexen, möglichst realistischen Situationen bewältigen kann – oder anders
20
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Umwelt
Fahrer
Verhalten und Handlung
Planung
Entscheidung
bewusste Führung
unterbewusste Führung
Bedienung
Route
Manöver
bewusste Vorgaben
unterbewusste Vorgaben
Eingabe
Fahrzeug
Verkehrsinfos
Situation
indirektes Feedback
aus Fahrzeug
direktes Feedback
aus Fahrzeug
Ziel
Parameter
...
...
Wahrnehmung
Zustand/Gedächtnis
Wissen Navigation
Regel Führung
Fertigkeit Stabilisierung
Abbildung 2.10: Fünf-Ebenen-Modell der Fahraufgabe nach Klimke et al. [KKE15]
ausgedrückt: ein psychologisch plausibles Expertensystem. Michon definiert es folgenderma-
ßen:
„A comprehensive model of driver behavior should not only take the various levels
into account, but should also provide an information flow control structure that
enables control to switch from one level to the other at the appropriate points in
time.“ Michon [Mic85]
Er unterteilt Fahrermodelle in zwei Kategorien mit jeweils zwei Ausprägungen: funktionale und
taxonomische Modelle sowie behavioristische und psychologische Modelle (vgl. Tabelle 2.4).
taxonomische Modelle funktionale Modelle
Eingabe-Ausgabe-Modelle
(behavioristisch)
Aufgabenanalyse-
modelle
mechanistische Modelle,
adaptive Regelungsmodelle
interne Zustandsmodelle
(psychologisch)
Trait-Modelle motivationale Modelle,
kognitive (Prozess-)Modelle
Tabelle 2.4: Typen von Fahrerverhaltensmodellen nach Michon [Mic85]
21
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Taxonomische Modelle sind demnach ein reines „Fakteninventar“, innerhalb dessen nicht dynami-
sche, bestenfalls korrelative Relationen zwischen verschiedenen Sets dieses Inventars vorhanden
sind. Ein Aufgabenanalysemodell der Fahraufgabe besteht aus Anforderungen an die Fahr-
aufgabe, Performanzzielen und Fähigkeitsanforderungen, siehe Kapitel 2.1. Als Beispiel für
eine umfassende Aufgabenanalyse der Fahraufgabe gelten die Arbeiten von McKnight aus den
1970
er Jahren ([
MA70a
], [
MA70b
], [
MH71a
] und [
MH71b
]), die Fahraufgabe wird dort in
45
Hauptaufgaben und
1700
Elementaraufgaben heruntergebrochen. Einen umfänglichen Überblick
über Aufgabenanalyse im Fahrzeugführungskontext liefern Fastenmeier & Gstalter [
FG92
].
Trait-Modelle
7
hingegen beschreiben Zusammenhänge von Persönlichkeitsmerkmalen der Fahrer
basierend auf statistischen Methoden.
Im Gegensatz zu taxonomischen Modellen sind funktionale Modelle dynamisch und somit
tatsächlich für die (Echtzeit-)Simulation eines Fahrers zu verwenden. Mechanistische Modelle
versuchen hingegen, bestimmte physikalische Gesetzmäßigkeiten auf eine meist größere Menge
an Fahrzeugen anzuwenden, Verkehrsflussmodelle seien als Beispiel genannt. Adaptive Reg-
lermodelle sind beispielsweise Servo-Regelungsmodelle, welche die Fahraufgabe analog zu
einer kontinuierlichen Tracking-Aufgabe behandeln. Motivationale Modelle hingegen treffen
Annahmen über interne Zustände des Fahrers, um darauf basierend, mit Hilfe bestimmter Regeln
Fahrerverhalten zu erzeugen. Hierzu gehören beispielsweise Kompensationsmodelle nach Taylor
[Tay64] oder auch die Risiko-Homöostase-Theorie von Wilde [Wil82].
Zusammenfassungen über die regelungstechnischen Fahrermodelle bis zum Anfang der 80er
Jahre finden sich u.a. in den Arbeiten von Reid et al. [
RSB81
], [
Rei83
] und Michon [
Mic85
]. Wil-
lumeit & Jürgensohn [
WJ97
] begutachten – und kritisieren – die wichtigsten bis zum Jahre
1997
veröffentlichten Fahrermodelle. Basierend auf der Klassifikation von Michon wird allgemein
zwischen Dynamikmodellen (unterteilt in Längs- und Querdynamikmodelle) und Verkehrs-
flussmodellen unterschieden, wobei bei letzteren zwischen makroskopisch und mikroskopisch
aufgebauten unterschieden wird (vgl. Abschnitt 2.2.2). Ranney [
Ran94
] fasst die Fahrermodell-
entwicklung im englischsprachigen Raum bis zum Anfang der 90er Jahre zusammen und sieht
in der Modellierung visueller Suchmuster sowie kognitiver Modellierung wichtige zukünftige
Entwicklungen.
Ein kompletter Überblick über unterschiedlichste Ansätze, einen Fahrer zu modellieren, findet
sich in der Dissertation Jürgensohns [
Jür97
]. Die Entwicklungsgeschichte der menschlichen
Reglermodelle wird bis zu ihren Anfängen, welche vor allem im militärischen Bereich in den
40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts liegen, zurückverfolgt. Wichtige Konzepte, z. B. das
quasilineare Modell von Tustin [
Tus47
], das Crossover-Modell von McRuer et al. [
MG65
] sowie
optimaltheoretische Ansätze bis hin zu weiteren, die den Pfad des linearen kontinuierlichen
Systems verlassen (Schaltmodelle, Bang-Bang-Modelle
8
), werden beschrieben und bezüglich
7Trait: engl. für Merkmal/Eigenschaft
8
Eine Stellgröße eines Bang-Bang-Reglers bzw. Zweipunktreglers kann nur zwischen zwei Zuständen, zumeist
an/aus wechseln.
22
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
ihrer Einsetzbarkeit kritisiert. Eines der Hauptprobleme der regelungstechnischen Ansätze ergibt
sich laut Jürgensohn dadurch, dass „die Fahraufgabe zwar unbestritten ohne Regeltätigkeit
nicht zu bewältigen ist, dass das Regeln in vielen Fahrsituationen aber nur einen Bruchteil der
Fahrerhandlungen umfasst“. Als Lösung werden werden hybride Modellansätze vorgestellt, auf
welche im Kapitel 2.2.5 vertieft eingegangen wird.
Eine weitere Zusammenfassung, die viele Fahrermodelle bis zum Jahre
2006
beinhaltet, haben
Plöchl & Edelmann veröffentlicht [
Plö07
]. Die Autoren kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass
das Verständnis bezüglich des menschlichen Fahrens nicht annähernd dem des theoretischen
Wissens über das Fahrzeug entspricht und leiten daher die Notwendigkeit ab, das menschliche
Fahrverhalten weiter zu untersuchen, um bessere – und allgemeinere – Fahrermodelle entwickeln
zu können. Eine weitere, aktuellere Zusammenfassung unterschiedlicher Fahrermodelle findet
sich in Oppenheim et al. [OSC+10].
Henze [
Hen04
] unterteilt Fahrermodelle in quantitative und qualitative Modelle. Qualitative
Modelle basieren auf verkehrspsychologischen Ansätzen und können daher nur theoretisch, aber
nicht mathematisch beschrieben werden. Im Gegensatz dazu stehen quantitative Fahrermodelle,
welche mathematisch beschrieben werden können und somit für die Industrie interessanter
erscheinen, da diese für Simulationen genutzt werden können.
Carsten [
Car07
] unterscheidet zwei Modellierungsansätze. Ersteren bezeichnet er als deskriptiv,
d.h. die Fahraufgabe wird bezüglich dem, „was der Fahrer zu tun hat“, beschrieben. Obwohl dies
der bisher gebräuchlichste Ansatz wäre, kritisiert er vor allem die beschränkte Vorhersagequalität,
da die verschiedenen Verhalten von Fahrern (Motivationen, Fähigkeiten, Beschränkungen) nicht
genügend beachtet würden. Er unterteilt deskriptive Modelle noch einmal in Aufgabenanalysemo-
delle, adaptive Reglermodelle (analog zu Michon, vgl. Tabelle 2.4), sowie Produktionenmodelle,
welche er zwar als nützlich, um etwas zu beschreiben, jedoch, nutzlos, um zu verstehen, wie
etwas funktioniert, bezeichnet. Den zweiten Ansatz benennt er als motivational, hier wird der
Fahrer eher als aktiv handelnder Protagonist in einer bestimmten Situation betrachtet. Er ist
„aktiver Entscheider“ und „Informationssucher“, er beschäftigt sich mit Risiko und Aufgaben-
schwierigkeiten. Motivationale Modelle versuchen konkret zu beschreiben, warum der Fahrer
in einer bestimmten Situation die von ihm gewählte Handlung einer alternativen Handlung
vorgezogen hat.
Cacciabue & Carsten [
CC10
] trennen prinzipiell zwischen bottom-up- und top-down- Ansätzen.
Einem mittels bottom-up-Methodik erzeugten Fahrermodell wird nach und nach die Bewältigung
einzelner grundlegender Fahraufgaben antrainiert, welche durch Beobachtung von menschlichen
Fahrern definiert werden könnten (vgl. beispielsweise Salvuccis Modell [
SL02
]). Im Gegensatz
dazu wird bei einem top-down-Ansatz zuerst die Fahraufgabe theoretisch beschrieben, um dann
einzelne Komponenten des so entwickelten Fahrermodells zu spezifizieren.
Eine weitere Möglichkeit zur Kategorisierung verschiedener Modellierungsansätze bietet De
Winter [
DWH12
]. Er unterscheidet zwischen „spezifischen“ und „unspezifischen“ Modellen (vgl.
23
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Abbildung 2.11: Dimensionen von Fahrerverhaltensmodellen nach de Winter [DWH12]
Abbildung 2.11), wobei motivationale Modelle eher als unspezifisch kategorisiert werden, da
diese oft an einer Vagheit leiden, welche eine Falsifizierung des Modells unmöglich macht. Laut
De Winter tendieren adaptive Reglermodelle im Gegensatz dazu zu einer Überspezifizierung,
einer überbordenden Detailgenauigkeit, weshalb eine psychologisch plausible Vorhersage des
Fahrerverhaltens nur schwer zu realisieren ist. De Winter sieht Trait-Modelle als intelligenten
Kompromiss aus globalen, eher unspezifischen motivationalen Modellen und den im Detail
sehr genauen, aber rein deterministisch funktionierenden adaptiven Reglermodellen. Er pro-
pagiert multivariate statistische Modelle als möglichen Treffpunkt der psychologischen und
ingenieurtechnischen Herangehensweise.
AbuAli [
AAz16
] beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen, fokussiert dabei auf Fahrermodel-
le mit dem Zweck der Vorhersage des Fahrverhaltens für Fahrerassistenzsysteme. Er identifiziert
vier Modellierungsziele: Spurwechsel, Kreuzungsverhalten, Parametrierung von Fahrertypen
sowie fahrertypabhängige Navigation.
Im Rahmen dieser Arbeit werden nichtfunktionale Modellierungsansätze nicht als Fahrermodelle
im eigentlichen Sinn betrachtet, sondern als Hilfsmittel, um die tieferen Gründe für das Verhalten
des Fahrers untersuchen, modellieren und in ein funktionales Modell übertragen zu können. Ein
Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt somit in dem Versuch, relevante Erkenntnisse aus taxonomi-
schen bzw. beschreibenden Modellierungsansätzen in einen funktionalen Modellierungsansatz
einfließen zu lassen. Eine an diesen Kontext angepasste Kategorisierung von Fahrermodellen ist
in Abbildung 2.12 dargestellt.
Fahrermodelle
ingenieurtechnisch
probabilistisch
regelungstechnisch
mikroskopisch
hybrid psychologisch
kognitiv
Abbildung 2.12: Vorschlag einer Kategorisierung von Fahrermodellen
24
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
2.2.1 Regelungstechnische Ansätze
Eine für einen ingenieurtechnischen Ansatz naheliegende Interpretation der Fahraufgabe ist die
des Haltens des Fahrzeugs auf einem vorgegebenen Kurs mit einer vorgegebenen Geschwindig-
keit. Somit kann die Interaktion zwischen Fahrer und Fahrzeug als eine Überwachungs- und
Regelungsaufgabe angesehen werden. Eine mathematische Modellierung der Fahraufgabe ist
möglich, in dem die Elemente des Systems Fahrer-Fahrzeug-Umwelt (vgl. Abbildung 2.1) in
einen Regelkreis überführt werden. Der Fahrer übernimmt die Aufgabe des Reglers und ist dafür
verantwortlich, die Differenz zwischen Führungsgröße und gemessener und zurückgeführter
Regelgröße zu bestimmen und diese zu minimieren. Als Stellgrößen dienen dem Fahrer hierfür –
je nachdem, ob Längs- oder Querführung abgebildet werden soll – Gas- und Bremspedal bzw.
Lenkrad. Die Regelstrecke wird in diesem System durch das Fahrzeug dargestellt, die Störgrößen
haben ihren Ursprung in der Umwelt und wirken auf das Fahrzeug. Der Platz des Sensors,
welcher den aktuellen Istwert der Regelgröße zu bestimmen hat, wird im Fahrermodell durch die
menschliche Kognition eingenommen, aufgrund ihrer Komplexität wird diese jedoch in vielen
Fällen nicht implementiert – der Fahrer „kennt“ den Wert der entsprechenden Regelgröße, was
im Sinne einer Maximierung der Menschähnlichkeit einen wesentlichen Kritikpunkt darstellt.
Für eine möglichst realistische Simulation von Fahrverhalten ist das Vorhandensein realitäts-
getreuer Fahrzeug- und Umweltmodelle notwendig, weiterhin muss der Informationsaustausch
zwischen den drei Komponenten modelliert werden. Die mathematische Darstellung von (einfa-
chen) Umweltumgebungen, beispielsweise einer Straße in einer ebenen Umgebung ist unschwer
umzusetzen und für grundlegende Untersuchungen meist ausreichend. Ein der realen Fahrdyna-
mik in vielen Situationen entsprechendes Fahrzeugmodell existiert jedoch erst seit der Entwick-
lung des Einspurmodells im Jahre
1940
von Riekert & Schunck [
RS40
]. Unter Zuhilfenahme
dieses Fahrzeugmodells entstanden Anfang der zweiten Hälfte des
20.
Jahrhunderts die ersten
– meist regelungstechnisch inspirierten – Fahrermodelle (Kondo [
Kon53
], Enke [
Enk66
], Weir
& McRuer [
WM70
] und viele andere). Eine umfassende Beschreibung regelungstechnischer
Fahrermodelle liefert Jürgensohn [Jür07].
Ein Modell, dass in vielen – auch aktuellen – Publikationen als Grundlage für ein regelungstechni-
sches Fahrermodell erwähnt wird, ist das Zwei-Ebenen-Modell von Donges aus dem Jahre
1977
[
Don77
]. Daher wird dieses, zusammen mit der auf diesem Modell aufbauenden Erweiterung
von Bösch aus dem Jahre
1991
[
Bös91
], in den Abschnitten 2.2.1.1 bzw. 2.2.1.2 beispielhaft für
die eingangs beschriebene – ingenieurtechnische – Herangehensweise an die Fahrermodellierung
näher erläutert.
Erwähnenswert für regelungstechnische Ansätze nach
2000
sind sicherlich die Arbeiten von
MacAdam [
Mac01
], [
Mac03
]. Dieser unterscheidet zunächst ebenso zwischen klassischen und
optimaltheoretischen Reglermodellen sowie KI-Ansätzen (KNN, Fuzzy, genetische Algorithmen)
und erweiterte ein lineares Fahrermodell u.a. um eine interne Repräsentation des Fahrzeugs
sowie eine neuromuskuläre Filterung des Lenkverhaltens (vgl. Abbildung 2.14). Modelleinga-
25
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Regler Stellglied Regelstrecke
Störgröße
Sensor
u(t)
Stellgröße
allgemein
us(t)
Stellgröße
y(t)e(t)
Regel-
abweichung
w(t)
Führungsgröße d(t)
yS(t)
Rückführung
Fahrer Lenkrad Fahrzeug
Kognition
Störgröße
u(t)
Stellgröße
allgemein
δ(t)
Lenkwinkel
y(t)
Kurs
e
y(t)
Quer-
abweichung
w(t)
Sollkurs d(t)
yK(t)
erkannter Kurs
Abbildung 2.13: Überführung eines Reglers in ein einfaches Fahrermodell
ben sind die Mittellinie der Straße sowie deren äußere Begrenzungen. Die für die Regelung
verwendeten Informationen über das eigene Fahrzeug werden verzögert, gefiltert und mit einem
Rauschen versehen, so dass die darauf basierenden Vorausschauberechnungen des internen
Fahrzeugmodells von den Fähigkeiten des Fahrers abhängen können. Der berechnete optimale
Lenkwinkel wird mit Hilfe einer Kostenfunktion erzeugt und – ähnlich zu den Modelleingaben –
„physiologisch und ergonomisch“ gefiltert. Die Vorausschauweite des Fahrers ist variabel und
wird beispielsweise beim Erkennen von Hindernissen entsprechend verringert. Ungoren & Peng
[
UP05
] haben das MacAdam’sche Modell weiterentwickelt und generalisiert, z.B. indem sie
weitere Variablen (Gierwinkelfehler, Krümmungsfehler usw.) der Kostenfunktion hinzufügten,
um ein differenzierteres Fahrverhalten erzeugen zu können.
Weitere „konservative“ Ansätze zur Querregelung beschreiben Wu & Chang [
WC05
], Boros
[
Bor07
] sowie von Vietinghoff [
von08
]. König [
Kön08
] verglich in seiner Arbeit
25
regelungs-
technische Fahrermodelle und stellte fest, dass der Fokus in diesen Konzeptionen zumeist auf der
Optimierung des Reglers hinsichtlich der Robustheit – also vor allem auf einer Minimierung der
maximalen Querabweichung des Fahrzeugs von der Solltrajektorie – lag. Er kritisierte dabei die
Nichtberücksichtigung des Fahrverhaltens im Grenzbereich, was sich durch die oft unrealistisch
geringen Querbeschleunigungen in den Simulationen im Vergleich zu realen Fahrsituationen und
die viel zu einfachen Streckenmodelle widerspiegelt. Keen & Cole verwendeten in [
KC06
] und
[
Kee08
] eine modellprädiktive Regelung für ein nichtlineares Querführungsmodell. Eigel imple-
26
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Abbildung 2.14: Fahrermodell nach MacAdam [Mac01] bzw. [Mac03]
mentierte eine Sliding-Mode-Regelung
9
für parallele, kombinierte oder integrierte Längs- und
Querführung durch ein Fahrermodell [
Eig10
]. Werling entwickelte eine Bi-Level-Stabilisierung
für die Regelung autonomer Fahrzeuge in zeitkritischen Straßenszenarien und bei hohen Ge-
schwindigkeiten [
Wer10
]. Diese Methode verbindet High-level- und Low-level-Stabilisierung
10
.
Konzeptionell handelt es sich hierbei ebenso um eine unterlagerte Regelung, welche mit einer
schwellwertbasierten Reinitialisierung auf Planungsebene kombiniert wird. Als ein Ziel die-
ses Modells wird „unauffälliges, menschenähnliches Verhalten im Verkehr“ genannt. Hiesgen
[
Hie11
] verwendet einen potentialfeldbasierten Bahnfolgeregler sowie eine kaskadierte Regelung
für einen Bahnführungsassistenten, welche kombiniert mit den implementierten Fahrermodellen
von Iguchi [
Igu59
], Renski [
Ren01
] sowie Donges & Naab [
DN96
] evaluiert wurden. Verglichen
wurden die Modelle bezüglich eines Spurwechselmanövers, wobei die Untersuchungen ergaben,
9
Sliding-mode-Regelung ist eine strukturvariable Regelung, bei der in die Rückführstruktur des Regelkreises gezielt
nichtlineare Funktionen integriert werden, zwischen denen dann zustandsabhängig umgeschaltet wird
10
High-level-Stabilisierung (HLS) steht hier für Änderungen auf der Planungsebene, Low-level-Stabilisierung (LLS)
bezeichnet Rückführungen auf niederer (Regler-)Ebene
27
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
dass die laterale Abweichung vom Sollkurs mit der Menschähnlichkeit des verwendeten Modells
zunahm.
Vor allem für das Lenken in Kurven existiert eine Vielzahl von Modellen, in denen das Lenk-
verhalten direkt mit dem Blickverhalten verknüpft wird. Lappi [
Lap14
] verglich Modelle aus
den letzten 20 Jahren und stellte eine zweidimensionale Kategorisierung auf: Auf der einen
Seite unterscheidet er zwischen Modellen, die den Tangentenpunkt als visuellen Bezugspunkt
verwenden, auf anderen Seite beschreibt er Modelle, welche sich visuell an einem Sollkurs
orientieren (vgl. Abschnitt 3.1.5.1). Die zweite Dimension unterscheidet, ob anhand der Richtung
hin zu einem bestimmten Punkt oder mittels des optischen Flusses (vgl. auch Abschnitt 3.1.1.3)
gelenkt wird. Modelle basierend auf Tangentenpunkt sind von Land & Lee [
LL94
], Wilkie &
Wann [
WW03
], Salvucci & Gray [
SG04
] sowie – bei Miteinbeziehung des optischen Flusses
– von Authié & Mestre [
AM11
] erschienen. Modelle, die sich an einem Sollpfad orientieren,
finden sich ebenso bei Wilkie & Wann [
WW03
], Salvucci & Gray [
SG04
], sowie bei Wann &
Land [
WL00
], bei Miteinbeziehung des retinalen Flusses u.a. bei Kim & Turvey [
KT99
] bzw.
Wann & Swapp [WS00].
Jiang et al. [
JWSD11
] unterscheiden Querreglermodelle in Kompensations- und Vorausschaure-
gelungsmodelle. Letztere werden als überlegen beurteilt, ein mathematischer Ansatz basierend
auf einer optimaltheoretischen Regelung mit Vorausschau wird als neue Lösung vorgestellt.
Saleh et al. entwickelten ein „kybernetisches“ und „menschähnliches (human-like)“ Fahrer-
modell [
SCM+11
], dessen Fahrregler – ähnlich dem Donges’schen Modell – sich aus einem
kompensatorischen und einem antizipatorischen Anteil zusammensetzt. Die Führungsgröße des
antizipatorischen Teils entspricht hier dem Winkel zwischen der Fahrzeugrichtung und dem
Tangentenpunkt der Kurve, im kompensatorischen Zweig wird der Winkel zwischen Fahrzeug
und einem Nahpunkt 5m vor dem Fahrzeug verwendet. Die Menschähnlichkeit dieses Modells
besteht im Wesentlichen aus einem Modul zur Simulation des neuromuskulären Systems (NMS),
welches dafür zuständig ist, den aus dem Regler generierten Wunschlenkwinkel in ein Lenk-
moment umzuwandeln (vgl. Abbildung 2.15). Wang et al. [
WXC14
] fassten eine Vielzahl von
aktuellen regelungstechnischen Modellen zusammen, welche mittels aufgezeichneter Fahrzeug-
daten Parameter identifizieren, um diese an unterschiedlichste regelungstechnische Modelle
anzupassen (u.a. Burnham et al. [
BSB74
], Hermannstädter & Yang [
HY12
] und Tokutake et al.
[TSS13]).
Im folgenden Kapitel wird das Zwei-Ebenen-Modell von Donges exemplarisch für ein rege-
lungstechnisches Fahrermodell näher beschrieben, da dieses Modell als repräsentativ für viele
ingenieurtechnische Ansätze gelten kann. Es verwendet die gängigen Konzepte einer Voraus-
schau sowie eines vorhandenen Sollkurses, welcher durch den Regler Mensch abgefahren werden
soll.
28
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Abbildung 2.15: Kybernetisches Fahrermodell nach Saleh et al. [SCM+11]
2.2.1.1 Zwei-Ebenen-Modell des menschlichen Regelverhaltens nach Donges
Basierend auf den Forschungsarbeiten der Fahrermodellierung der 50er und 60er Jahre des
vergangenen Jahrhunderts z.B. von Fiala [
Fia67
] und der daraus bekannten Unterscheidung
zwischen kompensatorischem und antizipatorischem Verhalten und den Ergebnissen einer Simu-
latorstudie entwickelte Donges in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine formalisierte
Beschreibung menschlichen Lenkverhaltens. Unter anderem werden die Verhaltensweisen des
Regelverhaltens von Donges [Don77] näher erläutert:
Bei der kompensatorischen Regelung erhält der Mensch als Information nur die Regelabweichun-
gen, welche er auszugleichen hat. Der aktuelle Wert der zu regelnden Sollgröße ist ihm jedoch
unbekannt. Regelungstechnisch impliziert dies das Fehlen eines Sensors sowie das Wissen um
die Führungsgröße11.
Eine Nachfolgeregelung tritt auf, wenn dem Fahrer sowohl Führungs- als auch Regelgrößen
bekannt sind. In diesem Fall ist er in der Lage, Änderungen der Führungsgröße wahrzunehmen
und die Regelabweichungen aus den bekannten Größen selbst zu berechnen. Kompensatorische
und Nachfolgeregelung können inhaltlich zusammengefasst werden, da sie sich nur in der
Auslegung der Systemgrenzen des Systems Fahrer unterscheiden.
Antizipatorisches Verhalten kann der Fahrer zeigen, wenn ihm zusätzlich zur aktuellen Situa-
tion die Information über den zukünftigen Wert der Führungsgrößen bekannt ist. Somit ist es
ihm möglich, noch vor dem Eintreten der Veränderungen, auf diese reagieren. Hierbei wird
die Zeitspanne, um welche die Information der Führungsgrößen der aktuellen Zeit vorauseilt,
sensorische Antizipationszeit genannt. Eine solche antizipatorische Fahraktion ist demnach ein
Steuervorgang, da kein instantaner Abgleich zwischen Soll- und Istgröße vorgenommen wird.
Dieser wird durch einen kompensatorischen Regelvorgang übernommen.
11
Solch ein rein kompensatorisch fahrendes Modell wäre somit auf eine externe Intelligenz angewiesen, die Führungs-
und Regelgrößen erkennt und die entsprechenden Differenzen berechnet.
29
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Basierend auf den beschriebenen Verhaltensformen entwickelte Donges am Beispiel des Fah-
rerlenkverhaltens ein Fahrermodell mit zwei Ebenen: Bahnführung und Stabilisierung. Die
Navigationsebene wird hier explizit nicht berücksichtigt.
Das in diesem Modell der Bahnführungsebene entsprechende Element ist die antizipatorische
Steuerung: Der Fahrer erkennt den aktuellen sowie zukünftigen Verlauf der Sollspur und leitet
daraus einen Teil seines Lenkwinkels her. Im Donges’schen Fahrermodell werden Soll- und
Istspur als Kehrwerte der jeweiligen Kurvenradien
RS
(Radius der Sollspur) und
RI
(Radius der
Istspur), also als Krümmungen KS=1
RSund KI=1
RIinterpretiert.
Die Stabilisierungsebene wird durch die kompensatorische Regelung repräsentiert: Die vom
Fahrer beobachteten Abweichungen des Fahrzeugs vom Sollkurs werden durch entsprechende
Lenkhandlungen kompensiert. Hierbei handelt es sich – im Gegensatz zur antizipatorischen
Steuerung – um eine Regelung, da ein geschlossener Wirkungskreislauf vorhanden ist (vgl.
Abbildung 2.16)
12
. Die für den Fahrer zu beachtenden Regelgrößen sind folgende: die Quer-
abweichung
y∆
zwischen der aktuellen Fahrzeugposition und der gewünschten Sollspur, der
Gierwinkelfehler im Schwerpunkt
ψ∆
(Winkel zwischen der Ist- und Sollspurtangente) sowie
die Krümmungsdifferenz
κ∆
(Differenz der Krümmungen von Ist- und Sollspur). Interessant ist
die von Donges angeführte Erkenntnis, dass die in den Fahrversuchen beobachteten Beiträge
von Krümmungsdifferenz, Gierwinkelfehler und Querabweichung etwa im Verhältnis 1:4:1
zueinander stehen. Den weitaus wichtigsten Beitrag bei der Querregelung eines Fahrzeugs leistet
beim Donges’schen Fahrermodell demnach der Gierwinkelfehler13.
Der vom Fahrermodell erzeugte Lenkwinkel
λ
ergibt sich aus der Summe aller von den Teilm-
odellen generierten Lenkwinkel:
λ=λS+λZ+ (λy+λψ+λκ)
(vgl. Abbildung 2.16). Die
Restgröße (bzw. Remnant)
λZ
ergibt sich aus der Differenz der bei den Simulatorversuchen
aufgenommenen und der vom Fahrermodell erzeugten Lenkwinkeln. Diese Restgröße betrug in
geraden Streckenabschnitten bis zu 52% des Gesamtlenkwinkels – für Fahrten in realen Um-
gebungen ist eine weitere Erhöhung anzunehmen. Abschließend kann gesagt werden, dass das
Zwei-Ebenen-Modell in bestimmten Szenarien (z. B. Kurvenfahrt) recht realistische Lenkwinkel-
verläufe erzeugt und somit eine Basis für weitere regelungstechnisch inspirierte Fahrermodelle
darstellt.
Fazit
Das Donges’sche Zwei-Ebenen-Modell steht beispielhaft für die Klasse der regelungs-
technischen Fahrermodelle. Eine vorgeschaltete Vorausschau erlaubt eine Antizipation des
Straßenverlaufs, welche anhand des so generierten Sollkurses die Basis für die kompensatorische
Regelung der Stabilisierungsebene darstellt. Zum Behufe der Simulation von ausschließlich
Lenkverhalten ohne Betrachtung der dahinterliegenden Ursachen kann das Modell realitätsna-
12
Beispielhaft für ein rein kompensatorisches Regelverhalten sei hier die Reaktion des Fahrers auf einen plötzlichen
Seitenwindstoß angeführt.
13Es werden allerdings nur optische Eingangsinformationen berücksichtigt.
30
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Bahnführungsebene
Antizipatorische
Steuerung
Nicht
aufgabenbezogenes
Lenkverhalten
Fahrzeug
Stabilisierungsebene
Kompensatorische
Regelung
+
Fahrer
Umwelt
(Straße
und
Verkehrs-
situation)
λS
λZ
λy,λψ,λK
Sollbahn
KS
0
Abweichungen zwischen Ist- und Sollbahn
y∆,ψ∆,K∆
-
Abbildung 2.16: Zwei-Ebenen-Modell der Fahrzeugführung nach Donges [Don77]
he Lenkwinkel erzeugen. Die Generierung der Sollwerte alleinig aus der Streckenarchitektur
beschränkt die Anwendungsszenarien jedoch stark.
2.2.1.2 Erweitertes Reglermodell des Fahrers nach Bösch
Einen weiteren Versuch, den Fahrer mathematisch nachzubilden, liefert Bösch
1991
in [
Bös91
].
Das entwickelte Modell kann als eine Weiterentwicklung des Donges’schen Fahrermodells
angesehen werden (vgl. Abschnitt 2.2.1.1) – auch hier wird eine Kombination aus Steuerung
und Regelung als die am ehesten realistische Methode favorisiert. Die zwei Ebenen aus dem
Donges’schen Fahrermodell (bzw. ähnlich funktionierende zwei Ebenen) werden um zwei weitere
Ebenen erweitert: Zum bereits vorhandenen vorausschauenden Element der antizipatorischen
Steuerung wird eine prädiktive Regelung hinzugefügt, zusätzlich wird noch eine vierte Ebene,
welche „Lenken aus Erfahrung“ genannt wird, addiert. In dieser soll die Fähigkeit des Fahrers
implementiert sein, auf unerwartetes Fahrzeugverhalten reagieren zu können. Abschließend ist
– sozusagen als fünfte Ebene – ein Fahrerrauschen implementiert, welches ähnlich dem schon
31
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
im Donges’schen Modell postulierten Remnant
14
die „nicht modellierbaren Verhaltensanteile“
repräsentieren soll.
Bahnführungsebene
Antizipatorische
Steuerung
Prädiktive
Regelung
Nicht aufgabenbe-
zogenes Lenkver-
halten
Fahrzeug
Stabilisierungsebene
Kompensatorische
Regelung
Lenken aus
Erfahrung
+
+
+
+
Fahrer
Straßen-
information
Umwelt
Abbildung 2.17: Vier-Ebenen-Fahrermodell nach Bösch [Bös91]
Die vorausschauende antizipatorische Steuerung erzeugt – ähnlich dem Donges’schen Modell –
einen gesteuerten mittleren Lenkwinkel
aδ
aus der Kurvenkrümmung. Dieser Lenkwinkel soll
den ungefähren Spurverlauf einstellen.
Für die vorausschauende Regelung werden folgende vier Kennwerte berechnet:
• der Weg bis zur Überschreitung der Fahrbahnbegrenzung SLC (space to line crossing)
• die Zeit bis zur Überschreitung der Fahrbahnbegrenzung TLC (time to line crossing)
• die voraussichtliche seitliche Abweichung in der Vorausschau ev
• der voraussichtliche Gierwinkelfehler in der Vorausschau ψv
14
Treffender könnte man den Remnant auch als „nicht regelungstechnisch modellierbares Verhalten“ beschreiben.
Die Vereinfachung als „Rauschen“ oder „nicht aufgabenbezogenes Verhalten“ erzeugt eine Vorstellung einer
reinen Zufallsgröße, die so nicht haltbar ist. Vielmehr sollte der Remnant als „das Menschliche“ am Fahrverhalten
betrachtet werden – also gerade das, was menschliches von roboterhaftem Fahren unterscheidet: Emotionen,
Motivationen, Können, Handicaps und ähnliche typisch menschliche Eigenschaften.
32
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Die
SLC
sowie
TLC
liefern keinen eigenen Lenkwinkelanteil, werden jedoch für die kompensa-
torische Regelung als Schaltkriterien gebraucht. Der Lenkanteil der Prädiktivregelung
pδ
ergibt
sich aus der Summe der beiden Teillenkwinkel pδeund pδψ.
Für die kompensatorische Regelung werden proportionale, differenzierende und integrierende
Regelungen aggregiert verwendet (PID-Regler). Jedoch wird die komplette Ebene nur dann akti-
viert, wenn
SLC
oder
TLC
einen bestimmten Grenzwert unterschreiten. Die Proportionalregelung
berücksichtigt die seitliche Abweichung von der Mittellinie, den Gierwinkelfehler gegenüber
der Sollbahntangente sowie den seitlichen Abstand vom Fahrbahnrand. Der differenzierende
Regelungsanteil nutzt die seitliche Relativbewegung, die Änderung des Gierwinkelfehlers und
die Querbeschleunigung als Eingangsgrößen. Der integrierende Regler verwendet wiederum die
seitliche Abweichung und den Gierwinkelfehler als Eingangsgrößen. Des Weiteren wird noch
das Produkt der Bahnkrümmungsdifferenz zwischen Fahrzeug- und Fahrbahnkrümmung und der
Fahrgeschwindigkeit verwendet.
Das Lenken aus Erfahrung soll die Gewöhnung des Fahrers an das jeweilig verwendete Fahrzeug
simulieren, die dafür verwendeten Größen sind Lenkradmoment und Querbeschleunigung –
jeweils als Vergleich mit Erfahrungswerten. Falls die aktuellen Werte für eine längere Zeit nicht
mit den Erfahrungswerten übereinstimmen, so können die entsprechenden Parameter geändert
werden, um die Abweichungen zu minimieren.
Als letzter Wert wird der Regelung noch ein Remnant hinzugefügt, welches aus zwei Kom-
ponenten besteht. Zum einen Teil sind dies vom Menschen erzeugte, nicht aufgabenbezogene
Lenkvorgänge, die willkürliche (also nicht mit den vorhandenen Führungsgrößen zusammen-
hängende) und unwillkürliche (zufällige, durch die Unzulänglichkeit des menschlichen Fahrers)
Reaktionen umfassen. Der zweite Teil besteht aus den durch die Beschränktheit des Modellansat-
zes nicht reproduzierbaren Anteile des Lenkverhaltens. Letztendlich wurde das Fahrerrauschen
durch ein parametriertes zufälliges Rauschsignal implementiert.
Fazit
Das erweiterte Reglermodell von Bösch fügt den im Donges’schen Ansatz eingeführten
zwei Ebenen noch weitere hinzu: eine vorausschauende Regelung sowie eine für Schreckreak-
tionen. Dies erlaubt realistischere Modellausgaben, das regelungstechnische Grundparadigma
scheint jedoch mittlerweile ausgereizt zu sein. Für bestimmte Anwendungen (z.B. Standard-
manöver für Fahrdynamikuntersuchungen) ist das Modell gut geeignet, der kognitive Überbau,
welcher für die Anwendung in komplexeren Umgebungen z.B. mit Fremdverkehr und Kreu-
zungsszenarien notwendig ist, existiert bei diesem Ansatz naturgemäß nicht.
2.2.1.3 Zusammenfassung
Regelungstechnische Fahrermodelle sind – definiert man die Fahraufgabe lediglich als aus
Längs- und Querführung bestehend – der naheliegende Ansatz der sich daraus ergebenden Re-
33
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
gelungsaufgabe. Aufbau und Funktionsweise eines regelungstechnischen Fahrermodells wurde
anhand des Donges‘schen bzw. durch Bösch erweiterten Zwei-Ebenen-Modells demonstriert.
Generelle Struktur sowie die generierten Modellausgaben ähneln sich bei vielen dieser Mo-
delle. Visuell-getriebene Modelle können für bestimmte Fahraufgaben (Kurvenfahrten) gute
Ergebnisse erzielen, sind jedoch ebenfalls auf das traditionelle Reglerparadigma begrenzt. In
der Domäne der Fahrermodellierung stellen regelungstechnische Modelle einen vergleichsweise
konservativen Ansatz dar. Sie sind reliabel, im Allgemeinen deterministisch und werden in vielen
Bereichen eingesetzt, beispielsweise als virtuelle Testfahrer für Standardmanöver. Von Nachteil
sind die oftmals engen Systemgrenzen sowie fehlende Generalisierbarkeit des entsprechenden
Modellierungsansatzes – regelungstechnische Modelle bieten oft eine optimale Lösung für ein
beschränktes Problem, eine hohe ökologische Validität wird jedoch nur für hochspezifische
Szenarien erreicht.
Menschähnlichkeit
Bezüglich der in Kapitel 1.1 definierten Kategorien der Menschähnlich-
keit von Fahrermodellen fallen regelungstechnische Modelle zumeist in Typ 0 – ihr Fahrverhalten
kann oft problemlos als nicht-menschlich erkannt werden. Dies fällt vor allem wegen der zumeist
nicht vorhandenen Interaktion mit anderen Verkehrsteilnehmern auf. Bei entsprechender Para-
metrierung und komplexeren Modellen kann Typ I, mit an die menschliche Physis angepassten
Regelparametern kann für spezielle Manöver Typ II erreicht werden, wenngleich sich technische
Regler oft „zu gut für einen menschlichen Fahrer“ verhalten. Dies liegt zum einen an unrealis-
tischen Sollvorgaben
15
, die es dem Regler erst ermöglichen, einen optimalen Kurs zu fahren.
Diese Problematik, sowie fehlende Kognition und Informationsverarbeitung begrenzen die Men-
schähnlichkeit dieser Modellkategorie. Als Garant für stabiles Fahrverhalten können technische
Regler jedoch ein schnell und vergleichsweise kostengünstig einzusetzendes Werkzeug innerhalb
eines größeren Rahmenmodells für menschähnliche Fahrermodellierung darstellen.
2.2.2 Ansätze aus der Verkehrssimulation
Für die Simulation von Verkehr – das kann im Extremfall die Simulation von mehreren Millionen
Verkehrsteilnehmern bedeuten – wird der Fokus weg vom einzelnen Fahrzeug verlagert. Für den
Modellierer bedeutet dies, dass (vor allem aufgrund von technischen Beschränkungen) die auf
einen einzigen Fahrer bzw. Fahrer-Fahrzeug-Verbund angepassten Modellierungsmethoden nicht
effektiv einzusetzen sind. Es existieren hierfür unterschiedliche Betrachtungsweisen, welche
sich anhand des Detaillevels der Modelle unterscheiden. Grundsätzlich kann nach Gartner et
al. zwischen mikroskopischen, mesoskopischen und makroskopischen Simulationsmodellen
unterschieden werden [
GMR92
], wobei die Differenzierung anhand des Detaillevels der Modelle
stattfindet.
15Jürgensohn kritisierte dies bereits u.a. in [Jür97].
34
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Auf der makroskopischen Ebene kann der Verkehr als komprimierbare Flüssigkeit betrachtet
werden, somit können Parameter wie Verkehrsfluss und -dichte mit physikalischen Gleichungen
modelliert werden. Fahrzeuge werden als Teil einer Menge betrachtet, das zu simulierende
Streckennetz wird nicht physikalisch, sondern logisch modelliert. Das Ziel makroskopischer
Modellierung des Straßenverkehrs ist die möglichst genaue Simulation bzw. Vorhersage der
Auslastung des Straßennetzes. Wichtige Kenngrößen sind in diesem Zusammenhang die mitt-
lere Geschwindigkeit des Verkehrsstroms, der Verkehrsfluss sowie die Verkehrsdichte, die
Beziehungen zwischen diesen Größen lassen sich anschaulich im Fundamentaldiagramm des
Verkehrsflusses darstellen (vgl. Abbildung 2.18).
Abbildung 2.18:
Links: Zusammenhang zwischen Verkehrsfluss und Verkehrsdichte (Fundamen-
taldiagramm des Verkehrsflusses); rechts: Zusammenhang zwischen Geschwin-
digkeit und Verkehrsdichte
Im Gegensatz zu makroskopischen Modellen verwenden mesoskopische Modelle zumeist auch
komplexere Beschreibungen der einzelnen Fahrzeuge, zusätzlich können einzelne Handlungen
(z.B. ein Spurwechsel) simuliert werden, jedoch sind diese Handlungen nicht hochgradig detail-
liert beschrieben, sodass der eben erwähnte Spurwechsel instantan stattfindet. Ein Beispiel für
eine mesoskopische Simulation stellt der zelluläre Automat von Nagel & Schreckenberg [
NS92
]
dar.
Mikroskopische Modelle sind vergleichsweise komplex beschrieben, so werden im Allgemeinen
die Handlungen des Fahrer-Fahrzeug-Ensembles modelliert, nicht jedoch die des Fahrzeugführers.
Neuere Modelle beziehen jedoch den Fahrer und dessen Kognition mit ein, als Beispiele seien
ACME und PELOPS genannt, auf die folgend eingegangen wird. Die Straßen müssen hierfür
ebenfalls annähernd realistisch modelliert werden (z.B. müssen Fahrspuren vorhanden sein).
Die Modellierung der dynamischen Prozesse der Fahrzeuge beschränkt sich jedoch auf die
Längsdynamik.
Noch detailliertere Modellierung wird als submikroskopisch bezeichnet, bei dieser Methodik
werden sowohl einzelne Handlungen des Fahrers als auch physikalische Vorgänge innerhalb des
Fahrzeugs (Motor, Getriebe, etc.) simuliert.
Erste Beschreibungen des Verkehrsflusses stammen aus den 30er Jahren von Greenshields
et al. [
GBCM35
]. In den 50er Jahren entwickelten Reuschel [
Reu50
] und Pipes [
Pip53
] Be-
35
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
schreibungen für Fahrzeugfolgemodelle. Harding [
Har07
] nennt diese Ansätze „deterministische
Abstandsmodelle“, da sich alle Fahrer bzw. Fahrzeuge nach identischen mathematischen Regeln
verhalten.
Grundlegend für Fahrzeugfolgemodelle ist der Zusammenhang zwischen einem äußeren Reiz
und einer daraus resultierenden Reaktion des Fahrers, wobei
τ
für die Reaktionszeit des Fahrers
und αfür den Sensitivitätsfaktor des Fahrers stehen:
Reaktion(t+τ) = α·Reiz(t)
Als äußere Reize kommen beispielsweise der Abstand zum Vorderfahrzeug oder auch die
Geschwindigkeitsdifferenz zum Vorderfahrzeug (
∆v(t)
) in Betracht. Die Reaktion wird zumeist
als Beschleunigung (
a
) interpretiert. So lässt sich unter Annahme eines konstanten
α
ein lineares
Fahrzeugfolgemodell ableiten:
a(t+τ) = α∆v(t)
Ein allgemeines und oft verwendetes nichtlineares Modell zur Fahrzeugfolgebewegung ist das
GHR-Modell
16
von Gazis et al. [
GHR61
]. Das lineare Modell wurde durch die aktuell erkannte
Geschwindigkeit des eigenen Fahrzeugs
v(t+τ)
sowie den Abstand zum vorausfahrenden
Fahrzeug ∆x(t)sowie um die Modellkonstanten βund γergänzt:
a(t+τ) = αv(t+τ)β
∆x(t)γ∆v(t)
Die Parameter
β
und
γ
sind fahrerabhängig anzupassen und führen zu Modellen, die entweder
der geschwindigkeitsabhängigen oder der abstandsabhängigen Komponente größeres Gewicht
zuweisen. Umfassende Zusammenfassungen von (makroskopischen) Fahrzeugfolgemodellen
finden sich in den Arbeiten von Mitschke & Chen [
MC91
], Rothery [
Rot92
], Gartner et al.
[GMR92], Brackstone & McDonald [BM99] und Toledo et al. [TKBA03].
Es existieren auch mikroskopische Modelle, welche Entscheidungsbäume verwenden, um die
Handlungen des Fahrermodells an die spezifischen Gegebenheiten der aktuellen Situation an-
zupassen (z.B: Barceló et al. [
BCC+05
]). Eine auf Fuzzy-Logik basierende mikroskopische
Simulationsumgebung ist das Framework FLOWSIM
17
, welches ein Fahrermodell beinhaltet,
das den Fahrer mit Hilfe von drei Handlungen beschreibt: Beobachten, Denken und Reagieren.
McDonald et al. [
MWB97
] beschreiben unterschiedliche Fahrertypen als Änderungen in den
Verteilungen der Fuzzy-Funktionen. Weitere kommerziell eingesetzte mikroskopische Modelle
sind das vor allem in Deutschland verbreitete VISSIM
18
, das in den USA gebräuchlichere COR-
16Gazis-Herman-Rothery-Modell
17Fuzzy LOgic based motorWay SIMulation
18Verkehr in Städten - Simulation
36
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
(a)
Informationsfluss beim Führen eines Kraftfahr-
zeugs nach Krajzewicz & Wagner [KW04]
(b)
Struktur des Fahrermodells ACME nach Kraj-
zewicz & Wagner [KW02]
Abbildung 2.19:
Kognitives Fahrermodell ACME nach Krajzewicz & Wagner [
KW02
], [
KW04
]
SIM
19
sowie das aus Japan stammende KAKUMO (Shiraishi et al. [
SHK+04
]). Alle Modelle
besitzen Fahrzeugfolge- sowie Spurwechselmodelle. Die Entwicklung geht hin zu immer genaue-
rer (submiskroskopischer) Modellierung des Fahrers, beispielsweise mittels der mikroskopischen
Simulationsumgebung AIMSUN20.
2.2.2.1 ACME
Ein Beispiel für mikroskopische Modellierung ist das ACME
21
-Modell von Krajzewicz &
Wagner [
KW02
], [
KW04
], [
Kra05
]. Dieses wird als ein „kognitives Fahrermodell“ vorgestellt,
welches auf der mikroskopischen Simulationsumgebung SUMO
22
aufsetzt. Ziel der Entwick-
lung war ein Fahrermodell, welches echtzeitfähig ist und unterschiedliche kritische Situationen
erzeugen kann. Es betrachtet den Fahrer als Regelschleife zwischen Umwelt und Fahrzeug (vgl.
Abbildung 2.19). Ein realistisches Verhalten soll durch die Modellierung der menschlichen
Informationsverarbeitung auf einem recht hohen Abstraktionsgrad erreicht werden. Das Modell
von Atkinson & Shiffrin [
AS68
], welches auf den drei Typen des Gedächtnisses (sensorischer
Input, Kurzzeitgedächtnis und Langzeitgedächtnis) basiert (vgl. Kapitel 3.2.1), dient hier als
Vorlage. Neben einer einfachen Modellierung des sensorischen Inputs wird das Bewusstsein
als Container mit bis zu sieben Platzhaltern für relevante Informationen, geplante Handlungen,
Erwartungen und ähnliches interpretiert. Des Weiteren beinhaltet das Kognitionsmodell ein
Aufmerksamkeits-, Planungs- sowie ein haptisches Modul.
19Federal Highway Administration Corridor Simulation
20http://www.aimsun.com
21(„A Commmon Mental Environment“)
22„Simulation of Urban MObility“
37
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Abbildung 2.20: Struktur des Fahrermodells PELOPS nach Düser [Düs10]
Fazit
ACME ist ein Modellansatz, der einem mikroskopischen Fahrermodell eine kognitive
Struktur hinzufügt. Eine Einteilung in die Kategorie „hybrides Modell“ wäre daher ebenso
zulässig gewesen. Da das Modell nicht öffentlich verfügbar ist, kann eine umfassende kritische
Beurteilung nicht vorgenommen werden.
2.2.2.2 PELOPS
Ein weiteres mikroskopisches Fahrermodell ist PELOPS
23
, welches an der RWTH Aachen in
Kooperation mit BMW entwickelt wurde, um die Interaktion von Fahrer, Fahrzeug und Umge-
bung zu simulieren (Benmimoun [
Ben04
]). Das implementierte Fahrermodell besteht aus einem
Verhaltens- sowie einem Handlungsmodell. Das Verhaltensmodell beschreibt zwei Zustände:
Folgen und Spurwechsel. Ersterer ist an das Folgemodell von Wiedemann [
Wie74
] angelehnt,
welches aus den Zuständen unbeeinflusstem Fahren, Annähern, Folgen und Bremsen besteht.
Das Spurwechselmodell entscheidet sich für eine Spur mit dem maximalen Zufriedenheitswert
des Fahrers und leitet den Spurwechsel ein. Das Handlungsmodell setzt nun die vom Verhaltens-
modell initiierte Fahrstrategie um, in dem die entsprechenden Stellgrößen des Fahrzeugs betätigt
werden.
23
Programmsystem zur Entwicklung Längsdynamischer mikrOskopischer VerkehrsProzesse in Systemrelevanter
Umgebung
38
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Fazit
Der größte Nachteil des PELOPS-Modells ist seine starke Fokussierung auf die Längs-
dynamik. Des Weiteren existieren ausschließlich die Zustände „Folgefahrt“ und „Spurwechsel“,
was die Bandbreite an möglichen Verkehrssituationen einschränkt. Im Kontext der Verkehrssimu-
lation stellt das Modell jedoch einen Fortschritt für die Erzeugung von realistischem Verkehr mit
einer hohen Anzahl von Verkehrsteilnehmern dar.
2.2.2.3 Zusammenfassung
Die aus den Verkehrsflussmodellen entstandenen Fahrermodelle haben sich mittlerweile zu –
im Vergleich zu diesen – hochkomplexen Modellen weiterentwickelt. Die Erzeugung realis-
tischer Fahrerausgaben ist im Allgemeinen für den Anwender eines solchen Modells nicht
relevant. Somit liegt der Fokus im Gegensatz zu den regelungstechnischen Modellen nicht auf
der Fahrzeug- bzw. Fahrerebene, vielmehr wird der Verkehr als Ganzes betrachtet und analy-
siert. Eine Komplexisierung der Modelle findet daher in einer Top-Down-Richtung statt, dies
zeigt sich beispielsweise in der Implementierung kognitiver Elemente in den in diesem Kapitel
beschriebenen Modellen.
Menschähnlichkeit
Im Kontext der Menschähnlichkeit sind die Fortschritte ebenso erkenn-
bar; waren die ersten Verkehrsflussmodelle ausnahmslos Typ-0-Modelle, so kann bei aktuellen
Modellen zumindest bei entsprechender Distanz ein sich menschähnlich bewegendes Fahrer-
Fahrzeug-Ensemble (Typ I) erkannt werden und – wie beispielsweise im Modell ACME –
zumindest theoretisch sogar ein Typ-III-Modell erzeugt werden. Hierbei ist jedoch einschränkend
zu erwähnen, dass letztere Aussage sich nur auf die Modellstruktur bezieht: Es sind sowohl
Module für Kognition als auch für den Körper vorhanden. Aufgrund der aus Rechenzeitgründen
begrenzten Komplexität – schon die Anzahl der zu simulierenden Fahrzeuge verhindert eine
höhere – sind weder menschähnliche motorische Aktionen (Typ II), noch eine menschähnliche
Erzeugung derselben (Typ III) möglich, was sich zukünftig mit entsprechender Rechenleistung
der Simulationshardware ändern kann. Nichtsdestoweniger können mikroskopische Fahrermodel-
le für die Modellierung von bestimmten Aspekten menschlichen Fahrerhaltens, beispielsweise
bei Abstandsverhalten oder Spurwechseln, hilfreiche Werkzeuge darstellen. Des Weiteren bieten
diese einfach umzusetzende Methoden, um menschähnliche Algorithmen – vor allem im Bereich
der Längsführung – validieren zu können.
2.2.3 Probabilistische Ansätze
Die Anforderungen an mikroskopische Verkehrssimulationen zur immer realistischeren Ab-
bildung des Verkehrs bzw. der Simulation der einzelnen Verkehrsteilnehmer führten u.a. zur
Anwendung probabilistischer Methoden. Zum einen eignen sich diese Verfahren für die Erzeu-
gung von statistisch verteiltem Verkehr – auch in Verknüpfung mit Realdaten – zum anderen
39
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
können probabilistische Ansätze verwendet werden, um Fahrerverhalten vorhersagen zu können.
Oftmals werden hierfür Bayes’sche Netze eingesetzt. Ein Bayes’sches Netz besteht aus gerich-
teten azyklischen Graphen, in denen jeder Knoten eine Zufallsvariable und jede Verknüpfung
den kausalen Zusammenhang des Einflusses zweier benachbarter Knoten repräsentiert. Diese
werden oft als „Hidden Markov Modell (HMM)“ implementiert. Hierbei wird angenommen,
dass das zu modellierende System aus Markov-Ketten besteht (die Wahrscheinlichkeiten der
zukünftigen Zustände hängen ausschließlich vom aktuellen Zustand ab) und die Zustände an sich
nicht bekannt („hidden“) sind, jedoch geschätzt bzw. beobachtet werden können.
Forbes et al. [
FHKR95
] entwickelten ein Entscheidungsmodell für ein autonomes Fahrzeug in
einer einfachen Umgebung mittels dynamischer probabilistischer Netze. Yang & Koutsopou-
los [
YK96
] implementierten innerhalb des Frameworks MITSIM
24
eine einfache probabilisti-
sche Routenwahl. Liu & Pentland [
LP98
] benutzten HMMs zur Fahrerzustandserkennung. Oza
[
Oza99
] verwendete dynamische probabilistische Netze für die Vorhersage von (simuliertem)
Fahrverhalten. Ahmed [
Ahm99
] benutzte ein probabilistisches Modell, um Folgefahrt und freie
Fahrt zu unterscheiden. Oliver et al. [
OP00
] erstellten je Fahreraktion (z.B. Spurwechsel) ein
separates HMM. Eine beispielhafte Implementierung eines auf HMM basierenden Modells für
die Fahrerzustandserkennung findet sich im Artikel von Kuge et al. [
KYSL00
]. Liu & Salvucci
[
LS01
] verwendeten dynamische Markov-Modelle ebenfalls für die Erkennung von Fahrer-
intentionen. Sakaguchi et al. [
SOTA03
] implementierten eine probabilistische Verteilung der
Brems-Onset-Zeit mittels eines statischen Bayes’schen Netzes basierend auf unterschiedlichen
Datenquellen.
Dagli & Reichardt [
DR02
] generierten ein Fahrermodell mit Hilfe von probabilistischen Netzen
basierend auf einem Set aus abstrakten Motivationen des Fahrers. Kumagai et al. [
KA04
] zeich-
neten Abbiegeverhalten auf und trainierten mittels Bayes’scher Netze Vorhersagemodelle daraus.
Rakotonirainy [
RM05
] entwarf ein kontextsensitives Fahrermodell auf Basis von Bayes’schen
Netzen zur Vorhersage von Fahrverhalten. Krumm et al. [
Kru08
] verwendeten ein Markov-
Modell zur Erkennung von Abbiegeverhalten. Gindele et al. [
GBD10
] nutzten ein Dynamisches
Bayes’sches Netz zur Fahrerintentionserkennung sowie zur Trajektorienschätzung. Boerger
[
Bör13
] implementierte mit Random Forest
25
-Algorithmen kombinierte HMMs ebenfalls zur
Fahrerintentionserkennung.
Sadigh et al. [
SDCP+14
] entwickelten ein probabilistisches Fahrermodell, welches mittels
Markov-Ketten basierend auf der Umgebung (bis zu vier Sekunden Vorausschau), dem aktuellen
Fahrerzustand (abgelenkt oder aufmerksam) sowie einer Historie bekannter Lenkmanöver des
Fahrers die Trajektorie des Fahrzeugs vorhersagt.
24Microscopic Traffic Simulator
25Klassifikationsverfahren, welches aus mehreren unkorrelierten Entscheidungsbäumen besteht
40
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
2.2.3.1 BAD-Modelle
Eine weitere – und im Kontext der Fahrermodellierung weitaus interessantere – Einsatzmöglich-
keit probabilistischer Methoden ist das Erzeugen von Fahrverhalten basierend auf Realdaten.
Kombiniert mit maschinellen Lernverfahren entstehen sog. BAD
26
-Modelle durch die Schätzung
Bayes’scher Modelle aus Verhaltensdaten. BAD-Modelle können komplexes Verhalten durch
Mischen und Aneinanderreihen einfacherer Verhaltensweisen erzeugen. Laterale und longitu-
dinale Fahrzeugregelungen wurden von Möbus & Eilers in [
ME08
] (statische BAD-Modelle)
und [
MEZG09
] (dynamische BAD-Modelle) vorgestellt. BAD-Modelle rekonstruieren die ge-
meinsamen Verteilungsfunktionen von Zufallsvariablen des Fahrerverhaltens (gewonnen aus
Realdaten) mittels einer Verknüpfung der bedingten Wahrscheinlichkeitsverteilungen. Ein großer
Vorteil dieser Herangehensweise besteht den Autoren zufolge darin, dass die vorhandenen und
letztendlich nie komplett zu verstehenden inter- und intraindividuellen Unterschiede im mensch-
lichen Verhalten sowie der ebenso stochastischen Umwelt simuliert und nachgebildet werden
können.
Eilers et al. [
EM10a
], [
EM10b
] implementierten ein dynamisch-modulares BAD-MoB-Fahrer-
modell, welches eine psychologisch motivierte Architektur mit autonomer und zielbasierter
Aufmerksamkeitssteuerung beinhaltet. Mittels Zerlegung des gewünschten Gesamtverhaltens
in einfache Verhalten (sog. „Mixture of Behaviors“-Modell) kann realistisches Fahrverhal-
ten erzeugt werden, wobei die Modelle möglichst vollständig aus empirischen Daten gelernt
werden sollen. Die Verhalten sind innerhalb einer Verhaltensbibliothek hierarchisch in drei
Kompetenzlevel strukturiert: es gibt Fahrszenarien, (komplexe) Fahrmanöver sowie (einfaches)
Fahrverhalten („Behaviors“). Ein Fahrszenario besteht aus einer Reihe von Fahrmanövern, wel-
che sich ihrerseits wieder in Fahrverhalten untergliedern lassen. Einfaches Fahrverhalten wird
„Sensor-Motor-Schema“ genannt. In [
EM10b
] wurde ein Landstraßenszenario mit den Fahrma-
növern „Spurfolgen“, „Fahrzeugfolgen“ und „Überholen“ umgesetzt. Das Fahren in einer Spur
wurde in die drei einfachen Verhalten „Gerade“, „leichte Kurve“ und „scharfe Kurve“ unterteilt,
ähnlich wurde mit dem Fahrzeugfolgemanöver verfahren. Überholen wurde in „Ausscheren“,
„Vorbeifahren“ und „Einscheren“ aufgeteilt (vgl. Abbildung 2.21).
Eilers & Möbus [
EM13
] haben ein BAD-MoB-Fahrermodell anhand von etwa
550.000
Samples
27
einer Person und mehrerer Simulatorversuchen implementiert. Ein Hauptaugenmerk wurde auf
die vom Fahrermodell verwendeten Perzepte
28
gelegt: Anhand von maschinellen Lernverfahren
wurden die für natürliches Fahrverhalten wichtigsten aus ursprünglich über
400
unterschiedlichen
Perzepten ausgewählt. Ein BAD-MoB-Fahrermodell wurde mit Hilfe dieser Informationen
trainiert, welches auf einer Autobahn autonom zu fahren in der Lage ist und die bereits bekannten
Manöver ausführen kann. Die Verhalten „Spurwechsel links“, „Spurwechsel rechts“, „Spurfolgen“
26Bayesian Autonomous Driver
27
Ein Sample aus dieser Untersuchung besteht aus einer Menge von Perzepten (z.B. dem Spreizwinkel, vgl. auch
Abschnitt 3.1.5.1), dem Lenkwinkel sowie einer kombinierten Stellung des Gas- bzw. Bremspedals.
28Ein Perzept beschreibt das Ergebnis eines Wahrnehmungsprozesses.
41
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Abbildung 2.21:
Schema des Szenarios „Fahren auf Landstraße“ in einem BAD-MoB-Modell
[EM10b]
sowie „Fahrzeugfolgen“ mit den jeweils relevanten Perzepte für jedes Verhalten (aufgeteilt in
Längs- und Querführung) wurden ebenso implementiert. Abhängig von der aktuellen Fahrspur
ermittelt das Verhaltensklassifizierungsmodell das aktuell zu verwendende Verhaltensmodell.
Fazit
BAD-Modelle erzeugen realistisches Fahrverhalten basierend auf sehr großen Datensät-
zen aus echten Verhaltensdaten, kombiniert mit probabilistischen Methoden sowie maschinellen
Lernverfahren. Dieser Ansatz eignet sich besonders für die Erzeugung einer großen Anzahl sich
realitätsnah bewegender Fahrzeuge, z.B. für Untersuchungen des Verkehrsflusses. Aufgrund
des datengetriebenen Ansatzes ist die Modellierung von spezifischem Verhalten nur sehr einge-
schränkt möglich, daher kann diese Art von Fahrermodellen nicht oder nur sehr eingeschränkt in
entsprechenden Anwendungsszenarien eingesetzt werden.
2.2.3.2 Zusammenfassung
Probabilistische Modelle bieten eine sich von den tradierten Methoden unterscheidende Mög-
lichkeit der Modellierung von Fahrverhalten. Im Gegensatz zu den eingangs beschriebenen
Methoden basieren viele der beschriebenen Modelle nicht – oder nur in einem beschränkten
Maße – auf den Modellannahmen des jeweiligen Modellierers, sondern auf empirischen Daten
des zu modellierenden Subjekts (z.B. beim BAD-Mob-Modell). Ein so generiertes Modell besitzt
eine Realitätsnähe, die mit konventionellen Modellierungsmethoden nur schwer zu erreichen ist.
Des Weiteren wird das Element des Zufälligen auf eine elegante Art und Weise in den Fahrermo-
dellierungskontext eingebunden. Die mit dieser Methode einhergehenden Nachteile erscheinen
offensichtlich: Ein erzeugtes Modell repräsentiert nur den einen Fahrer, eine Veränderung des
Fahrverhaltens mittels Parametrierung erscheint schwierig, das Erzeugen eines Modells, mit dem
unterschiedliche Fahrweisen abgebildet werden können, erscheint aufwändig.
42
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Menschähnlichkeit
Für eine menschähnliche Fahrermodellierung kommen probabilistische
Modelle bis zu Typ-II-Modellierung (motorische Aktionen des Fahrers sind menschähnlich)
in Frage. Aufgrund der Quasi-Unmöglichkeit einer Modellierung der kognitiven Prozesse,
welche die zu simulierenden Handlungen anstoßen, kann eine Typ III-Modellierung mittels
probabilistischer Modelle nicht gelingen. Selbst bei erfolgreicher Implementierung stände der
Modellierer vor dem Problem, dass nur ein spezifisches Fahrermodell erzeugt wurde – eine
Generalisierung jedoch kaum möglich ist.
2.2.4 Psychologische Ansätze
Es existiert eine Vielzahl von Modellen bzw. Theorien, um menschliches (Fahr-)Verhalten aus
psychologischer Sicht zu beschreiben, im Kontext dieser Arbeit werden jedoch nur diejenigen
behandelt, für welche funktionale Umsetzungen existieren, die eine echtzeitfähige Simulation
des Modells ermöglichen. Nach Byrne [
Byr01
] müssen in solch einem Modell sowohl kognitive,
als auch wahrnehmende und motorische Fähigkeiten implementiert sein („embodied cognition“).
Derartige kognitive Fahrermodelle lassen sich nach Deml & Neumann [
DN09
] in generische und
aufgabenspezifische Modellansätze kategorisieren. Erstere basieren auf einer „Unified Theory of
Cognition“, wie sie u.a. Newell beschrieben hat [
New94
] und ermöglichen – zumindest in der
Theorie – eine zusammenhängende Beschreibung und Simulation von menschlichen Strukturen,
Strategien und Handlungen. Dieser Ansatz erlaubt zwar – theoretisch – die Modellierung aller
menschlichen Handlungen innerhalb eines Frameworks, die Implementierung von einzelnen,
hochspezifischen Fähigkeiten wie z.B. „Fahren“ ist aufgrund der komplexen Struktur sowie
hoher Simulationstiefe der Architektur jedoch nur sehr aufwändig umzusetzen. Folgend werden
die kognitiven Architekturen „ACT-R“, „SOAR“ und „QN-MHP“ sowie auf diesen basierende
Fahrermodelle vorgestellt. Aufgabenspezifische Modelle basieren ebenso auf psychologisch
fundierten Grundannahmen über den Menschen, konzentrieren sich jedoch ausschließlich auf
die Erfüllung einer bestimmten Aufgabe. Im Kapitel „Hybride Ansätze“ 2.2.5 wird darauf näher
eingegangen.
Kognitive Architekturen
Die Basis für ein kognitives Fahrermodell bildet eine kognitive
Architektur. Allgemein wird unter diesem Begriff eine Umgebung verstanden, die es ermöglicht,
menschliches Denken mittels bestimmter formaler Regeln nachzubilden. Nach Langley [
LLR09
]
stellt eine kognitive Architektur eine grundlegende Infrastruktur für ein intelligentes System dar,
innerhalb derer sowohl über die Zeit als auch über verschiedene Anwendungsdomänen hinweg
konstante Aspekte eines Agenten vorhanden sein müssen. Typischerweise betrifft dies das Kurz-
und das Langzeitgedächtnis, in denen dessen Ziele und Wissen gespeichert sind sowie eine
Repräsentation der in diesen Gedächtnissen gespeicherten Elemente und funktionalen Prozesse,
die auf den gespeicherten Strukturen operieren (z.B. Lernen). Die Grundlage für viele kognitive
Architekturen bilden Produktionensysteme: dies sind aus der theoretischen Informatik bekannte
43
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Symbolsysteme, welche die Informationsverarbeitung einer kognitiven Aufgabe beschreiben
können. Produktionensysteme bestehen aus drei Hauptkomponenten: einer Datenbasis, einer
Regelbasis und einem Interpreter. Die Produktionen werden über der Datenbasis ausgewertet, die
auch als „Arbeitsspeicher“ („working memory“ – WM) oder bei Anwendung in der kognitiven
Psychologie als „Kurzzeitgedächtnis“ („short term memory“ – STM) bezeichnet wird. Kognitive
Fahrermodelle simulieren mentale Prozesse während des Fahrens und sind daher prinzipiell
dazu in der Lage, zu erklären, aufgrund welcher Kausalitäten ein Fahrer bestimmte Handlungen
durchführt.
2.2.4.1 ACT-R
Eine der am weitesten verbreiteten kognitiven Architekturen ist ACT-R („Adaptive Control of
Thought – Rational“), welche u.a. von Anderson an der Carnegie Mellon University entwickelt
wurde [
AL98
]. ACT-R besteht aus drei Komponententypen: Modul, Puffer und Mustererkenner
(vgl. Abbildung 2.22). Die Module werden – falls möglich – bestimmten Gehirnarealen zuge-
ordnet und erfüllen unterschiedliche Aufgaben: Visuelles sowie auditives Modul sind für die
Informationsaufnahme zuständig, für die Ausgabe bzw. Handlungen existieren ein sprachliches
und ein motorisches Modul. Zusätzlich gibt es zwei Gedächtnismodule, ein deklaratives für
Faktenwissen und ein prozedurales, welches Handlungswissen speichert. Das deklarative Wissen
wird in Chunks
29
gespeichert. Jedem der Module ist ein Puffer zugeordnet, in dem der aktuelle
Status des Moduls gespeichert ist
30
. Der Mustererkenner überprüft, ob Zustände in den Puffern
mit Produktionen im prozeduralen Gedächtnis übereinstimmen und führt jene mit maximaler
Übereinstimmung aus. Die Verarbeitungskapazität wird bei ACT-R auf
7±2
Chunks festgelegt
(vgl. Kapitel 3.2).
Salvucci et al. ([
SBL01
], [
SG04
], [
Sal06
]) entwickelten basierend auf ACT-R ein einfaches Fah-
rermodell, welches basierend auf zwei bestimmten Punkten im Raum operiert (vgl. Abbildung
2.23). Der erste der beiden Punkte wird als „Nahpunkt“ bezeichnet, dieser befindet sich in der
Mitte der aktuellen Fahrspur, etwa
0,5
Sekunden vor dem eigenen Fahrzeug. Der zweite Punkt –
der „Fernpunkt“ – ist der sich in Sehwinkel am nächsten zu einer der folgenden drei Positionen
befindende: Horizont, Tangente der aktuellen Kurve oder Mitte des vorher fahrenden Fahrzeugs.
Die maximale Vorausschau des ausgewählten Punktes beträgt
4
Sekunden. Die Regelgröße für
die Querregelung des Fahrzeugs ist die Winkeldifferenz zwischen Nah- und Fernpunkt, welche
mittels PI-Regelung minimiert wird. Die Längsregelung wird bei vorhandenem Vorderfahrzeug
über eine gewünschte Zeitlücke, sonst über eine Wunschgeschwindigkeit realisiert, wobei zu-
sätzlich auch weitere Spuren (links und rechts sowie vor als auch hinter dem Ego-Fahrzeug)
Beachtung finden. Spurwechsel können initiiert werden, in dem Nah- bzw. Fernpunkt auf die
Zielspur verlegt werden. Das Modell wurde u. a. von Neumann & Deml [
ND11
] in Simulatorun-
29Ein Chunk bezeichnet eine psychologische Repräsentationseinheit von Informationen.
30Die Ausnahme bildet das prozedurale Gedächtnis, es besitzt keinen Puffer.
44
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Abbildung 2.22: Struktur von ACT-R nach Anderson [ABB+04]
tersuchungen validiert, die Annahmen über die verwendeten Punkte konnten zum überwiegenden
Teil bestätigt werden.
Liu & Wu [
LW03
] entwickelten ebenfalls eine Methode zur Modellierung des Fahrerverhaltens
basierend auf ACT-R. Anhand eines Notbremsmanövers wurde ein Fahrermodell beispielhaft im-
plementiert. Das vorgeschlagene Modell besteht aus den drei Hauptkomponenten „Beobachtung“,
„Entscheidung“ und „Regelung“: Die Beobachtungskomponente kann entweder vor oder hinter
dem Ego-Fahrzeug fahrende Fremdfahrzeuge wahrnehmen sowie deren Geschwindigkeiten, Spur
und Sicherheitsabstand berechnen. Das Entscheidungsmodul urteilt basierend auf den bekannten
Informationen, ob eine Notbremsung eingeleitet werden soll oder nicht, während sich die Re-
gelungskomponente für die longitudinale und laterale Regelung des Fahrzeugs verantwortlich
zeigt. Das Modell wurde mittels Realfahrten validiert, wobei die vom Modell vorausgesagten
Notbremsreaktionen zum großen Teil mit denen der Versuchsteilnehmer übereinstimmten.
Fazit
ACT-R ist eine umfangreiche, gut dokumentierte und weit verbreitete kognitive Architek-
tur. Es wurden bereits einige Fahrermodelle basierend auf ACT-R umgesetzt und validiert, jedoch
sind diese zumeist auf eine bestimmte Fahrsituation (z. B. „freies Fahren auf einer mehrspurigen
Straße“ bei [
Sal06
]) oder nur auf einen Aspekt der Fahrzeugführung (z.B. „Notbremsassistenz“
bei [
LW03
]) beschränkt. Dies liegt zum einen an der Komplexität der kognitiven Architek-
45
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Abbildung 2.23:
Fernpunkt (Kreuz) und Nahpunkt (Kreis) bei gerader Strecke (links) bzw. Kurve
(rechts) nach Salvucci [Sal06]
tur und dem damit verbundenen Aufwand einer Implementierung, zum anderen an den hohen
Rechenanforderungen von ACT-R.
2.2.4.2 SOAR
SOAR
31
stellt eine weitere kognitive Architektur dar und wurde seit den 80er Jahren an der
University of Michigan von u. a. Laird et al. [
LNR87
], Newell [
New94
]und Lewis [
Lew01
] ent-
wickelt. Sie wird von seinen Urhebern als „Problemlösungsarchitektur“ beworben, dies bezieht
sich auf die Funktionsweise, dass Problemlösen als eine Suche in einem Problemraum bzw. als
schrittweise Transformation von einem Ausgangszustand (Problemerfassung) in einen Zielzu-
stand (Problemlösung) aufgefasst wird (vgl. auch Abschnitt 3.2.2). Analog zu ACT-R gibt es zwei
Gedächtnistypen: Im Langzeitgedächtnis bzw. Produktionenspeicher wird prozedurales Wissen
in Form von Produktionenregeln gespeichert; temporäres Wissen wird im Kurzzeitgedächtnis
bzw. Arbeitsspeicher durch Objekte repräsentiert. Erweiterungen haben das in SOAR implemen-
tierte Langzeitgedächtnis um ein mit deklarativem Wissen arbeitenden Speicher ergänzt: ein
episodisches Gedächtnis, welches einen Verlauf der vergangenen Zustände beinhaltet, sowie
ein semantisches Gedächtnis, welches Fakten speichert. Hauptelemente der SOAR-Struktur
sind Problemlösen, Lernen, visuelle Orientierung, Motorik sowie Multitasking, wobei letzteres
anfangs ein Alleinstellungsmerkmal von SOAR war.
Aasman beschreibt [
Aas95
] das in SOAR implementierte Fahrermodell DRIVER, das aus ver-
schiedenen Modulen, wie Visuelle Orientierung, Navigation, Geschwindigkeitskontrolle usw.
aufgebaut ist. Neben den kognitiven Prozessen werden innerhalb des Modells auch Körperbewe-
gungen des Fahrers simuliert sowie Bewegungen abgeschätzt. Der Lenkwinkel berechnet sich
vor allem aus der TLC, sowie aus dem Gierwinkel und der seitlichen Abweichung von einem
intern repräsentierten Idealkurs. Die Längsregelung funktioniert basierend auf Informationen,
wie der vom Tachometer abgelesenen Momentangeschwindigkeit, aber auch dem Motorgeräusch,
31State, Operate And Result
46
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Abbildung 2.24: Menschliche Motorik im Fahrermodell DRIVER aus Aasman [Aas95]
sowie abstrakteren Werten wie beispielsweise der TTI
32
. Eine hohe Bedeutung besitzt das Modul
der Elementarwahrnehmung, mit welchem Objekte erkannt und diesen Attribute zugeordnet
werden. Hierbei wird zwischen Funktionellem Gesichtsfeld (Functional Visual Field, FVF), das
einen Winkelbereich von ca.
20°
umfasst und Peripherem Gesichtsfeld (Peripheral Visual Field,
PVF) mit einem Erfassungsbereich von
210°
horizontal und
90°
vertikal unterschieden (vgl. auch
Kapitel 3.1.1.2).
Fazit
Eines der ersten kognitiven Fahrermodelle – DRIVER – wurde in SOAR implementiert,
die Umsetzung wurde jedoch als durchaus schwierig beschrieben
33
. Im Vergleich zu ande-
ren in kognitiven Architekturen implementierten Fahrermodellen ist DRIVER außerordentlich
komplex, dies trifft sowohl auf Längs- als auch Querführung zu, und beinhaltet ebenso komple-
xe Sehorientierungsstrategien. Leider ist seit
1995
keine Weiterentwicklung bzw. zusätzliche
Veröffentlichung bekannt.
32Time to Intersection – Zeit bis zur nächsten Kreuzung.
33
Aasman beschreibt dies in [
Aas95
] sinngemäß folgendermaßen: „Is Soar a practical system for modelling driver
behaviour? Yes, if you are a happy hacker; No for all others“.
47
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
2.2.4.3 QN-MHP
Ein weiterer Ansatz zur Modellierung von Strukturen und Verhaltensweisen des menschlichen
Gehirns, basierend auf psychologischen Modellen der menschlichen Informationsverarbeitung,
wird mittels QN-MHP
34
verfolgt. QN-MHP integriert zwei unterschiedliche Ansätze der kogniti-
ven Modellierung: Den eines Warteschlangennetzwerks sowie den eines Prozessors menschlichen
Verhaltens. Ersterer ist vor allem für die Simulation von parallel stattfindenden Handlungen in
komplexen Umgebungen nützlich. Der MHP (ähnlich ACT-R, SOAR usw.) basiert auf GOMS
35
-
Aufgabenbeschreibungen und eignet sich in besonderem Maße für die Generierung menschlicher
Handlungen in bestimmten Situationen. Insgesamt existieren
20
Prozessoren, die jeweils unter-
schiedlichen Subnetzen (perzeptuell, kognitiv und motorisch) zugeordnet werden können (vgl.
Abbildung 2.25).
,
Abbildung 2.25:
Layout der einzelnen Server in QN-MHP und deren Informationsfluss aus
Tsimhoni & Liu [TL03]
Tsimhoni & Liu [
TL03
] bzw. [
LFT06
] beschrieben ein Fahrermodell mittels eines QN-MHP.
Es ist hierarchisch strukturiert – angelehnt an die bekannten drei Ebenen – wobei mehrere
Teilziele parallel verfolgt werden können. Als Eingabewerte des visuellen Subnetzes werden
folgende Parameter berechnet: die laterale Position mittels eines eine Sekunde vor dem Fahrer
festgelegten Nahpunktes; der Gierwinkel durch einen sich 2-4 Sekunden vor dem Fahrer befind-
lichen Fernpunkt sowie die Krümmung der nächsten Kurve, berechnet aus dem Schnittpunkt des
angenommenen Blickes des Fahrers mit der Tangente der nächsten Kurve. Das Modell erzeugt
34Queueing Network – Model Human Processor
35GOMS steht für „goals, operators, methods and selection rules“ – Ziele, Operatoren, Methoden und Selektionsre-
geln; GOMS beschreibt vor allem Mensch-Computer-Interaktion
48
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Abbildung 2.26: Struktur des QN-Fahrermodells aus Bi et al. [BWWL15]
Hand- sowie Augenposition. Gelenkt wird mittels Korrekturbewegungen, wobei angenommen
wird, dass die grundlegende Einheit des Lenkens aus einer halben Sinusbewegung besteht. Dies
wird auf Arbeiten von Hildreth et al. [
HBBR00
] sowie Wallis et al. [
WCB02
] begründet. Ein
Vorteil des Modells ist seine Fähigkeit, parallel stattfindende Prozesse adäquat modellieren zu
können, sowie die (theoretisch) vorhandene Echtzeitfähigkeit. Das Modell wurde in Simulatorun-
tersuchungen validiert, die Unterschiede im Lenkverhalten sowie lateralem Versatz zwischen den
vom Modell generierten und den von den Versuchspersonen erzeugten Daten waren zu erkennen,
jedoch nicht signifikant.
Bi et al. [
BGSL12
] bzw. [
BWWL15
] implementierten ebenfalls (rein lateraldynamische) Fah-
rermodelle in ein Warteschlangen-Netzwerk. Als Eingabewerte verwendet das Modell die Stra-
ßeninformationen (Straßenmitte, Straßenbreite sowie die aktuelle Position, Beschleunigung und
Geschwindigkeit des eigenen Fahrzeugs), ausgegeben wird der erzeugte Lenkwinkel, wobei die-
ser erst durch das neuromuskuläre System (NMS) erzeugt wird. Das NMS ist hierbei angelehnt
an Pick & Cole [
PC06
] außerhalb der QN-Architektur entwickelt worden. Das Modell wurde an-
hand von Simulatorversuchen in einem Spurwechselszenario validiert. Gegenüber einem Modell
ohne NMS erzielte das propagierte Modell vor allem bei höheren Geschwindigkeiten signifikant
bessere Ergebnisse und korrelierte besser mit den von menschlichen Fahrern erzeugten Daten.
Fazit
Der Ansatz der Warteschlangennetzwerke im Bereich der kognitiven Modellierung
hat zur Entwicklung einiger Fahrermodelle geführt. Positiv ist zum Beispiel im Modell von
Tsimhoni et al. [
TL03
] die Möglichkeit der Simulation von Zweitaufgaben zu bewerten. Die
Modelle von Bi et al. [
BGSL12
], [
BWWL15
] integrieren ein neuromuskuläres System, womit
dieses Modell daher durchaus auch als ein hybrides Fahrermodell kategorisiert werden kann
(vgl. Abschnitt 2.2.5). Die Fähigkeit von QN-MHP zur parallelen Abarbeitung bestimmter
Aufgaben stellt ein besonderes Merkmal dieser Architektur da. Mit der an das menschliche
49
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Gehirn angelehnten Netzwerkstruktur von QN-MHP lassen sich kognitive Prozesse schlüssig
simulieren. Vorteilhaft ist dies beispielsweise für die Messung mentaler Beanspruchung. QN-
MHP wird an der Universtity of Michigan entwickelt und ist nicht öffentlich zugängig.
2.2.4.4 Zusammenfassung
Kognitive Architekturen ermöglichen es, menschliche Handlungen bzw. die diesen Handlungen
zugrunde liegenden Denkprozesse mittels kognitiver Verhaltensmodelle zu simulieren. Das
Führen eines Fahrzeugs ist in diesem Zusammenhang nur eine weitere Ausprägung einer solchen
simulierbaren Handlung. Diese Herangehensweise hat den systemimmanenten Vorteil einer
bewährten und in vielen Experimenten validierten psychologischen und technischen Grundlage.
Die Top-Down-Vorgehensweise birgt jedoch die Problematik in sich, dass, um menschähnliches
Fahren simulieren zu können, der Mensch bzw. das Menschsein theoretisch und algorithmisch
spezifiziert und in eine Programmumgebung überführt werden muss, um daraus auf etwas
Spezielles – in diesem Fall Fahrverhalten – schließen zu können. Die damit einhergehende Ver-
einfachung einzelner Handlungen kann zu einer Überspezifizierung des so generierten Modells
führen. Beispielhaft steht dafür das in Abschnitt 2.2.4.1 beschriebene Modell von Salvucci, in
dem die ursprünglich komplexe Handlung „Fahren“ auf ein reines Regelungsproblem reduziert
wird – die Vorteile einer kognitiven Architektur kommen kaum zum Vorschein. Weiterhin kann
kritisiert werden, dass sich viele dem Fahrverhalten zugrunde liegenden menschlichen Eigen-
schaften, wie z.B. Emotionen oder Motivationen (vgl. auch Kapitel 3.4.4) nur sehr aufwändig in
die vergleichsweise unflexiblen kognitiven Architekturen implementieren lassen.
Menschähnlichkeit
Betrachtet man kognitive Architekturen bezüglich der vorgestellten Ka-
tegorisierung von Menschähnlichkeit, so reicht die Bandbreite dieser Modelle – zumindest
potentiell – von Typ 0 bis zu Typ III. Ein einfaches kognitives Fahrermodells mag zwar eine dem
Menschen ähnlich
36
aufgebaute Kognition implementiert haben, der Komplexitätsunterschied zu
einem menschlichen Gehirn bleibt jedoch gewaltig. Dementsprechend wurden bisher nur einzel-
ne, klar abgegrenzte Handlungen in Form von kognitiven Fahrermodellen umgesetzt, welche –
ähnlich den regelungstechnischen Modellen – aufgrund dieser Abgrenzung oftmals nicht als men-
schähnlich wahrgenommen werden. Lässt man Effizienz und Komplexität der Implementierung
eines maximal menschähnlichen Fahrermodells, welches auf einer kognitiven Architektur basiert,
außen vor, so kann davon ausgegangen werden, dass mit entsprechend hohem Aufwand durchaus
ein Typ-III-Modell erzeugt werden kann. Der Modellierer würde dann nicht ein Modell eines
menschähnlichen Fahrers, sondern das eines „Menschen, der Autofahren kann“ modellieren.
Die wenigen bisher mittels kognitiven Architekturen erstellten Fahrermodelle scheinen das
Argument der mangelnden Effizienz zu belegen: Keines der beschriebenen Modelle erfüllt die
für eine Typ-II-Modellierung beschriebenen Voraussetzungen. Eine umfassende und realistisch
36„Ähnlich“ steht in diesem Kontext für „weniger nichtmenschlich“.
50
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
anmutende Simulation von menschähnlichem Fahren mittels kognitiver Architekturen erscheint
daher momentan als wenig aussichtsreich. Ausgewählte Konzepte der kognitiven Modellierung
stellen somit sicherlich einen beachtlichen Mehrwert für ein menschähnliches Fahrermodell dar,
die damit einhergehende Zunahme der Komplexität des Modells sollte jedoch beachtet werden.
2.2.5 Hybride Ansätze
Die bisher vorgestellten Ansätze zur Fahrermodellierung sind – obwohl sie in Teilaspekten
durchaus respektable Ergebnisse vorzuweisen haben – für eine (umfassende) Simulation des
menschlichen Fahrverhaltens nicht zielführend. Regelungstechnische Modelle erweisen sich ob
ihrer Einfachheit und Beschränkung auf die körperlich agierenden Komponenten des Fahrers
als hierfür ungeeignet. Fahrermodelle basierend auf kognitiven Architekturen hingegen mögen
in der Lage sein, bestimmte klar umrissene Reiz-Reaktions-Mechanismen in ihrer Gesamtheit
abzubilden und zu simulieren, eine Ausweitung auf ein so komplexes Verhalten wie „Fahren“
scheint jedoch zum heutigen Zeitpunkt nicht realisierbar. Sowohl aus der Verkehrssimulation
motivierte als auch probabilistische Fahrermodelle stehen etwas außerhalb der Dichotomie „rege-
lungstechnisch“ vs. „psychologisch“. Für erstere gilt, dass diese aufgrund steigender Komplexität
und der Integration von psychologischen Elementen in die Modellierung zunehmend mensch-
ähnlichere Daten generieren, wobei der Abstraktionsgrad für viele Anwendungen weiterhin zu
hoch bleibt. Letztere können zwar realistische Datensätze erzeugen, jedoch fehlt konstruktions-
bedingt eine nachvollziehbare, deterministische Interpretation der den Daten zugrunde liegenden
Algorithmen.
Eine Möglichkeit zur Lösung der beschriebenen Probleme bietet eine hybride Modellierung:
Die Kombinationen von verschiedenen Modellierungskonzepten kann deren Vorteile vereinen,
ohne deren Nachteile zu übernehmen. So sollte ein hybrid modelliertes Fahrermodell in der
Lage sein, die komplette menschliche Informationsverarbeitungskette, also Wahrnehmung von
Informationen, Treffen von Entscheidungen und schlussendlich das Handeln nachzubilden.
Erste Ansätze für eine hybride Modellierung finden sich beispielsweise im Fahrermodell DRI-
VEM
37
von Wolf & Barrett [
WB78
], welches elf Standardmanöver mit teilweise unterschied-
lichen Modellen (sowohl steuernd als auch regelnd) abfahren kann. Diese Modelle bestehen
aus mehreren Modulen, in denen bereits menschliche Informationsverarbeitung – wenn auch
recht rudimentär – nachgebildet wurde. Weitere Ansätze bis zur Mitte der 90er Jahre werden
von Willumeit & Jürgensohn [
WJ97
] zusammengefasst. Boyraz et al. [
BSHJ09
] haben verschie-
dene Fahrermodelle – insbesondere mit regelungstechnischem Hintergrund – verglichen und
entwickeln daraufhin ein hybrides Fahrermodell, das stochastische Modellierung mit regelungs-
technischen Modellierungsmethoden verbindet. Die Längsregelung wird hierbei durch Hidden
Markov Models abgebildet (vgl. Abschnitt 2.2.3), die Querregelung basiert auf Hess & Modjta-
hedzadeh [HM90], wobei dem Algorithmus ein Complacency-Term hinzugefügt wurde. Dieser
37driver-vehicle effectiveness model
51
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
stellt die Selbstzufriedenheit des Fahrers und somit den Wunsch des Fahrers dar, Korrekturen am
eigenen Fahrverhalten vornehmen zu wollen.
Kraus [
Kra12
] verwendet eine situationsadaptive Reglerparametrierung für die Querregelung,
für die er einen „Hybrid-Faktor“ einführt, welcher stellvertretend für ein bestimmtes Regelziel
steht. So entspricht beispielsweise ein Hybrid-Faktor
H=1
einer hohen Sollwertfolgegüte,
ein Hybrid-Faktor
H=0
hat jedoch ein ruhiges Regelverhalten zur Folge. Auch wenn die
verwendete Regelung eher einen ingenieurtechnischen Ansatz verfolgt, so kann diese jedoch
aufgrund des Vorhandenseins sowohl kontinuierlicher als auch ereignisdiskreter Regelstrukturen
als eine hybride Modellierung verstanden werden.
Jürgensohn [
Jür97
] unterscheidet prinzipiell zwischen typischen Ingenieursmethoden sowie
Methoden der KI und kognitiven Modellierung. Er kritisiert die generelle Fixierung der Fah-
rermodellierung auf regelungstechnische Methoden ob ihrer Begrenztheit der Simulation der
Fahrerhandlungen. Er entwickelt eine Methodologie der hybriden Modellbildung und grenzt
hybride Modelle im Gegensatz zu rein mathematischen oder systemtheoretischen Modellierungs-
ansätzen durch folgende drei Merkmale ab:
1.)
Heterostrukturierung: Eine einzelne quantitative Theorie kann den menschlichen Fahrer
nicht umfassend beschreiben, daher sind unterschiedliche Modellierungsmethoden für
verschiedene zu modellierende Konstrukte zu verwenden.
2.)
Fremdstrukturierung: Die verwendeten quantitativen Modelle müssen auf wissenschaftlich
abgesicherten Theorien basieren.
3.)
Anwendungsorientierung: Wegen des Fehlens allgemeingültiger abgesicherter quantitativer
Modelle des Menschen sollte sich die Modellstruktur an der Anwendung orientieren.
Im europäischen Forschungsprojekt ITERATE
38
wurde eine hybride Modellstruktur entwickelt,
die ein realistisches dynamisches Verhalten des Modells basierend auf beobachtbaren Parametern
ermöglichen soll. Cacciabue et al. [
CEST13
] beschreiben das UMD
39
genannte Modell basierend
auf den Arbeiten von Oppenheim & Shinar [
OSC+10
], [
OED+10
] ,[
SO11
]. SiMUD
40
ist eine
Implementierung des UMD, in welcher die fünf Parameter Attitüde,Erfahrung,Fahrzustand,
Aufgabenanforderung und Kultur mit bestimmten messbaren Eigenschaften des Fahrers ver-
knüpft werden. Es wurden umfangreiche Simulationen mit Parametersätzen für verschiedene
Fahrertypen durchgeführt. Mittels einer Simulatorstudie auf einem Autobahnszenario konnten
die Parametrierungen des UMD validiert werden.
Klimke et al. stellten eine hybride Fünf-Ebenen-Modellstruktur vor ([
KKE15
], vgl. auch Ab-
schnitt 2.2). Für Längs- und Querführung werden beispielhaft die Modelle von Wiedemann
[
Wie74
] und Salvucci et al. [
SG04
] verwendet. Eine Integration in PELOPS wurde ebenfalls
realisiert [KE17].
38IT for Error Remediation And Trapping Emergencies
39Unified Model of Driver Behaviour
40Simulation Model of Universal Driver
52
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Die folgend vorgestellten hybriden Fahrermodelle stehen beispielhaft für die verschiedenen
Ansätze zur Implementierung hybrider Fahrermodelle. Zum einen sind dies eigenständige Archi-
tekturen, in denen die Entwicklung von kognitiven Fahrermodellen möglich ist. Im Unterschied
zu den im Abschnitt über kognitive Architekturen (Abschnitt 2.2.4) beschriebenen Modellen, die
Fahrverhalten als eine Ausprägung menschlichen Verhaltens betrachten, sind die aufgeführten
Modelle zwar ebenso in der Lage, menschliche Denkprozesse zu beschreiben, jedoch werden
ausschließlich die für das Fahren notwendig zu simulierenden Prozesse betrachtet. Welche das
im Einzelnen sind, ändert sich je nach Modellierungskontext und Abstraktionsgrad des Mo-
dells. Im Allgemeinen wird jedoch der menschliche Informationsfluss (Informationsaufnahme,
Informationsverarbeitung, Handlung) mit entsprechenden Zwischenspeichern modelliert.
2.2.5.1 COSMODRIVE
Das COSMODRIVE-Modell
41
wurde in Frankreich Ende der 90er Jahre entwickelt (Tattegrain-
Veste et al. [
TVBPC96
] bzw. Bellet [
Bel98
]) und bei INRETS
42
weiter verbessert (Bellet et
al. [
BBMG06
]). Es basiert auf der Analyse von Realfahrten sowie Laboruntersuchungen und
zielt auf die Reproduktion von Fahrerverhalten in unterschiedlichsten Umgebungen ab. Der
Schwerpunkt liegt hauptsächlich auf der Möglichkeit, kognitive Prozesse zu simulieren bzw. die
Informationsverarbeitung des Fahrers zu erklären (vgl. Abbildung 2.27).
Abbildung 2.27:
Informationsfluss innerhalb der kognitiven Architektur von COSMODRIVE
nach Bellet et al. [BBMG06]
Im Gegensatz zu den bisher beschriebenen Modellen wurde für COSMODRIVE keine bereits
vorhandene kognitive Architektur verwendet, vielmehr wurden Methoden und Vorgehensweisen
aus der kognitiven Modellierung für eine eigene, modellspezifische Architektur herangezogen.
Das Modell besteht aus einem strategischen Modul für die Routenplanung, einem taktischen
41COgnitive Simulation MOdel of the DRIVEr
42
Institut national de recherche sur les transports et leur sécurité, ehemaliges staatliches französisches Institut für
Verkehrs- und Sicherheitsforschung
53
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Modul, welches mentale Modelle der aktuellen Situation erzeugt, einem operativen Modul für
die Auswahl einer adäquaten Handlung sowie einem Notfallmanagement-Modul, welches in
Extremsituationen aktiviert wird. Das Ressourcenmanagement-Modul erkennt diese Situatio-
nen und ist dafür verantwortlich, das strategische und taktische Modul bei Bedarf durch das
Notfallmanagement-Modul zu ersetzen. Die Schnittstellen zur Außenwelt bilden das Perzeptions-
Modul, welches die notwendigen Informationen über die Umwelt liefert sowie das Ausführungs-
Modul, welches für die Durchführung der ausgewählten Handlung zuständig ist. Das in diesem
Modellierungsansatz wohl wichtigste Modul – das taktische – besitzt einige erwähnenswerte
Besonderheiten: Innerhalb des Moduls werden – basierend auf der aktuellen Situation – mögliche
zukünftige Entwicklungen antizipiert und aus diesen diejenige ausgewählt, welche auf Grundlage
von Zeitgewinn und Risiko das bestmögliche Ergebnis liefert. Dieses wird folgend mit dem
erwarteten Ergebnis abgeglichen, wobei bei Differenzen neue Verhaltensweisen erzeugt werden
können, womit eine Art Lernen innerhalb der Simulation stattfinden kann.
PADRIC
Ein auf COSMODRIVE basierendes Fahrermodell ist PADRIC
43
, welches im Rah-
men des kalifornischen PATH-Programms der University of California entstand und in die Mi-
kroverkehrssimulation SmartAHS
44
implementiert wurde (Song et al. [
SDV00
] bzw. Delorme &
Song [
DS01
]). Das COSMODRIVE-Modell wurde hierfür auf verschiedenen Ebenen vereinfacht.
Die Modellstruktur (vgl. Abbildung 2.28) erlaubt es, sich gleichzeitig mit zeitdiskreten sowie
zeitkontinuierlichen Ereignissen zu beschäftigen. Dies bedeutet, dass die Entscheidungslogik,
Kategorisierung sowie das Regelverhalten auf diskreten Ereignissen basieren, beim Auslösen des
diskreten Ereignisses jedoch die entsprechende zeitkontinuierliche Handlung stattfindet, bis ein
weiteres diskretes Ereignis ausgelöst wird. Endliche Automaten steuern diesen Mechanismus.
Die Veränderungen zum Originalmodell finden sich zum größten Teil innerhalb des taktischen
Moduls (vgl. Abbildung 2.29). Dieses kann auf zwei Arten mit dem visuellen Modul interagieren:
Es reagiert entweder auf bestimmte Ereignisse oder exploriert selbständig die Umgebung, dies
erlaubt die Simulation von Verhalten wie Reaktion und Antizipation. Innerhalb des taktischen
Moduls können drei Strukturen unterschieden werden: kognitive Prozesse, mentale Repräsen-
tationen sowie eine Wissensbasis. Die kognitiven Prozesse simulieren die Repräsentation der
Straßeninformationen, das Mobilisieren des entsprechenden Wissens mittels Kategorisierung
und Klassifizierung der Informationen, die Entscheidung über das zu wählende Verhalten sowie
das Treffen von Annahmen über zukünftiges Verhalten. Die mentale Repräsentation wird als
eine zeitlich begrenzte Struktur beschrieben, in der die vorhandenen Informationen über die
aktuelle Situation mit zunehmender Zeit verfallen. In der Wissensbasisdatenbank befindet sich
allgemeines Wissen über das Fahren mit weiteren Unterkategorien.
Die kleinste Wissenseinheit wird als „Driving Schema“ bezeichnet, ein solches ist beispielsweise
das Auffahren auf eine Autobahn. Ein „Driving Schema“ besteht aus Umfeldinformationen
43PATH DRIVer Cognitive
44Smart Automated Highway System.
54
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Abbildung 2.28: Struktur des Human Driver Models aus Delorme & Song [DS01]
(Straße), einem lokalen Ziel (z.B. komfortables Fahren während des Schemas „Folgefahrt“),
Aktionen und erwarteten Ereignissen. Wenn es durch die Entscheidungslogik – die Schemata
sind gleichzeitig Zustände eines endlichen Automaten – aktiviert wird, werden die entsprechend
hinterlegten Handlungen bzw. Regelungen, die in diesem „Driving Schema“ hinterlegt sind,
im Operations-Modul ausgeführt, welches dann die Handlungsausgaben als Eingaben an das
Fahrermodell sendet.
Fazit
COSMODRIVE basiert im Gegensatz zu den bisher beschriebenen psychologisch basier-
ten Fahrermodellen auf einer eigenständigen, aufgabenspezifischen Struktur. Diese wurde speziell
für die Simulation von Fahrverhalten bzw. den dahinter liegenden kognitiven Prozessen entwi-
ckelt. Ein positiv hervorzuhebendes Feature besteht in der Möglichkeit, während der Simulation
die aktuell ablaufenden kognitiven Vorgänge grafisch darzustellen. Des Weiteren sind vorhandene
Kreuzungsszenarien hervorzuheben, da die Mehrzahl der vorgestellten Fahrermodelle im Ver-
gleich simplere Szenarien verwenden. COSMODRIVE wird aktuell in verschiedenen Projekten
verwendet und stetig weiterentwickelt, beispielsweise integrierten Bellet et al. [
BMB+12
] COS-
MODRIVE in eine Simulationsumgebung. Bornard et al. [
BSB16
] verwendeten COSMODRIVE,
um menschliches Verhalten bei Linksabbiegesituationen vorherzusagen. Das Modell bzw. die
kognitive Architektur ist jedoch nicht öffentlich zugänglich, einer Verwendung steht zusätzlich
die größtenteils in französischer Sprache vorhandene Dokumentation im Wege.
55
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Abbildung 2.29:
Aufbau des taktischen Moduls im Human Driver Model aus Delorme & Song
[DS01]
Das PADRIC-Modell erweitert das COSMODRIVE-Modell um eine hybride Modellstruktur
(vgl. auch folgendes Kapitel). Die Verwendung von „Driving Schemas“ – also Manövern – als
kleinste Wissenseinheit des taktischen Moduls stellt einen vielversprechenden Ansatz dar. Zu
kritisieren ist der enge Fokus des Modells, da lediglich Fahren auf einer mehrspurigen Straße
simuliert werden kann (Folgefahrt und Überholen). Eine tiefer gehende Beurteilung erscheint ob
der nicht ausreichenden Faktenlage als schwierig.
2.2.5.2 SSDRIVE
Amantini & Cacciabue [
AC09
] sowie Cacciabue & Carsten [
CC10
] beschreiben eine Implemen-
tierung des Fahrermodells SSDRIVE
45
. Das Fahren wird innerhalb des Modells als eine Menge
von grundlegenden Aufgaben mit sich ständig ändernden Zielen verstanden, wobei es zwei unter-
schiedliche Aufgabentypen gibt: permanente und reguläre Aufgaben. Erstere, beispielsweise
das Einhalten lateraler Sicherheitsabstände, werden zu jedem Zeitpunkt der Simulation ausge-
führt und können laut den Autoren dem fertigkeitsbasierten Handeln nach Rasmussen [
Ras83
]
zugeordnet werden. Reguläre Aufgaben jedoch sind Resultat eines Entscheidungsprozesses (z.B.
Überholen oder Anhalten). Zusätzlich verwendet das Modell Parameter, um das Fahrverhalten
zu beeinflussen, diese sind: Attitüde/Persönlichkeit, Erfahrung, Fahrerzustand/körperliche Be-
einträchtigung, Beanspruchung, sowie Situationsbewusstsein, wobei die ersten beiden während
einer Simulation konstant sind – die drei zuletzt genannten können sich während einer Simulation
45Simple Simulation of DRIVEr Performance.
56
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
verändern. Die Parameter werden basierend auf Variablen aus der Fahrer-Fahrzeug-Umgebung
bestimmt und beeinflussen das Verhalten des Fahrers (vgl. Abbildung 2.30), beispielsweise ist
die gewählte Geschwindigkeit eine Variable für den Parameter „Attitüde“. Das dynamische
Fahrverhalten wird durch einfache Regeln, welche auf Aufgabenanalyse beruhen, der Auswer-
tung der fünf Parameter sowie der Informationen aus den kognitiven Prozessen, einschließlich
Fehlererzeugung, generiert. Kognitive Funktionen unterscheiden zwischen normalem und de-
skriptivem Verhalten. Normales Verhalten tritt auf, wenn FAS keinen oder nur geringen Einfluss
auf das Fahrverhalten des Modells haben. Normalverhalten wird als „Intention“ formuliert,
wobei Kosten/Nutzen verwendet werden, um Fahraufgaben zu priorisieren. Einer Fahraufgabe
werden „pre-conditions“ und Ziele zugeordnet, als Beispiele für Fahraufgaben führen Cacciabue
et al. Anhalten, Linksabbiegen oder Überholen an [
CRM06
]. SSDRIVE verwendet das bekannte
Informationsverarbeitungs-Paradigma (Perzeption, Informationsverarbeitung, Ziele formulieren,
Aufgaben auswählen, Ausführung der Aktionen). Die Längsregelung ist als Beschleunigungs-
regelung basierend auf Realdaten implementiert. Die Querregelung des Fahrzeugs funktioniert
als Regelung der Querabweichung der Mitte der Spur zur Fahrzeugposition in Vorausschau,
angelehnt an Ungoren & Peng [UP05].
(a)
Variablen, Parameter und Verhalten in
SSDRIVE
(b)
Datenfluss in der SSDRIVE-Simulation
Abbildung 2.30:
Das Fahrermodell SSDRIVE nach Amantini & Cacciabue [
AC09
] sowie Cac-
ciabue & Carsten [CC10]
Fazit
Das Fahrermodell SSDRIVE legt den Fokus auf die Generierung menschlichen Fahr-
verhaltens mit einem Schwerpunkt auf das Erzeugen von Fehlern in einer echtzeitfähigen
Modellarchitektur. Das Modell soll sowohl zum Testen von Fahrerassistenzsystemen als auch zur
Erstellung eines sog. „Co-Drivers“, welcher ein Modell des Fahrers für ein intelligentes Automo-
bil der Zukunft darstellt, dienen [
CC10
]. Aufgrund der umfangreichen theoretischen Vorarbeiten
stellt es ein vielversprechendes Modellkonzept dar, ist jedoch nicht öffentlich zugängig und kann
daher nicht abschließend bewertet werden.
57
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Abbildung 2.31: Hybrides Fahrermodell aus Kiencke & Nielsen [KN05]
2.2.5.3 Hybrides Fahrermodell von Kiencke & Nielsen
Kiencke & Nielsen [
KN05
] sind ebenfalls der Meinung, dass es nicht möglich ist, jede denkbare
Fahrsituation mit einem einzigen Modell beschreiben zu können. Somit muss ein Rahmenmodell
in der Lage sein, diverse Aufgaben mittels unterschiedlicher Modelle parallel simulieren zu
können. Das vorgeschlagene Modell orientiert sich am Prozess der menschlichen Informations-
verarbeitung (vgl. Abschnitte 3.1, 3.2 und 3.3) und kombiniert diskrete Entscheidungen mit
klassischen Reglermodellen (vgl. Abbildung 2.31). Die Qualität der Regelung hängt von der Ver-
fügbarkeit der relevanten Informationen ab, sowie von Erfahrung und Persönlichkeitsparametern.
Es wird ein Gedächtnis implementiert, welches die aktuellen Zustandsvariablen speichert, auf
deren Basis Längs- und Querregler agieren.
Menschähnlichkeit soll durch die Möglichkeit des Verwendens von nicht mehr aktuellen Daten
– beispielsweise weil durch zu hohe Belastung des Fahrers Informationen übersehen werden –
erreicht werden. Für die Informationsgewinnung verwendet das Modell den visuellen sowie den
vestibulären Kanal (vgl. Abschnitte 3.1.1 und 3.1.4). Jeder dieser Kanäle ist als Warteschlange
modelliert. Als Hauptstruktur für die verschiedenen Fahrzustände dient ein Mealy-Automat
46
mit den Zuständen Geradeausfahrt,Annäherung an Kurve,Bremsen,Kurveneingang,Kurve und
Beschleunigen und den Ausgabewerten
vref
,
ay,ref
und
ax,ref
. Die Regelung der Längsdynamik
wird mittels zweier Regler, einem „Fahrregler“ und einem „Bremsregler“ realisiert, wobei jeweils
46
Ein Mealy-Automat ist ein endlicher Automat, dessen Ausgabe nur von seinem aktuellen Zustand und seiner
Eingabe abhängt.
58
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Abbildung 2.32: Primärebene des Fahrermodells von Mai [Mai17]
nur einer der beiden aktiv sein kann. Der Querregler soll den lateralen Versatz zur Ideallinie
minimieren und basiert auf einer Vorausschauregelung.
Fazit
Das beschriebene Modell stellt ein prototypisches Beispiel für ein hybride Modellierung
dar: Ein Entscheidungsmodell basierend auf der Warteschlangentheorie agiert unabhängig von
den für die Fahrzeugführung verantwortlichen Längs- und Querregelungsmodellen. Nachteilig
ist die fehlende Möglichkeit der Verwendung von Fremdverkehr, wodurch ein wichtiger Aspekt
des menschlichen Verhaltens während des Autofahrens nicht betrachtet wird. Des Weiteren fehlt
eine Unterstützung für Sekundäraufgaben, womit eine Verwendung zum Testen von FAS nur
eingeschränkt möglich ist. Die Implementierung der Perzeption mittels Warteschlangennetzwerk
erlaubt ebenso keine parallele Verarbeitung von gleichzeitig eintreffenden Informationen.
2.2.5.4 Fahrermodell von Mai
Ein Fahrermodell, welches für die prospektive, stochastische Bewertung von FAS im Hinblick auf
deren Wirkung auf die Verkehrssicherheit verwendet werden kann, hat Mai [
Mai17
] vorgestellt.
Er ordnet das Modell selbst den prädiktiven Modellen zu, also Modellen die die Nachbildung
menschlichen Verhaltens auf Grundlage empirischer Beobachtungen zum Ziel haben. Das Mo-
dell basiert auf Arbeiten von Seidl [
Sei12
] sowie Prokop et al. [
PMS+12
] und wurde für ein
Szenario einer Kollision eines Fahrzeugs mit einem Fußgänger, der bei einer TTC von
4s
für den
Fahrer des Ego-Fahrzeugs sichtbar wird, entwickelt. Es wurde die gesamte für dieses Szenario
notwendige Informationsverarbeitungskette implementiert, so dass sowohl kognitive als auch
rein regelungstechnische Elemente in diesem Modell vorhanden sind (vgl. Abbildung 2.32). Der
Fahrer ist in der Lage, vorgegebenen Strecken zu folgen und – bei erkanntem Hindernis – ein
Bremsmanöver durchzuführen.
Ein Hauptaugenmerk des Modells liegt auf der Verwendung der
τ
-Variablen, mit deren Hilfe
der Mensch die TTC direkt „ablesen“ kann, ohne die Informationen „Abstand“ und „Relativ-
geschwindigkeit“ kennen zu müssen (vgl. auch Abschnitt 3.1.5.2). Der Aufbau des Modells ist
folgendermaßen gelöst: Es existieren die vier Teilmodelle „Informationsaufnahme“, „Informati-
onsverarbeitung und Entscheidungsfindung“, „Handlungsauswahl“ und „Handlungsausführung“.
59
2 Stand der Technik – Fahraufgabe und Fahrermodelle
Im ersten Teilmodell werden Reize (Objekte im Verkehrsraum) sowie Warnungen (optisch sowie
akustisch) im Innenraum des Fahrzeugs abhängig von der Blickrichtung bzw. des Gesichtsfelds
detektiert und darauf basierend entsprechende Blickbewegungsmuster initiiert. Ohne einen er-
kannten Reiz wird eine stochastische Blickbewegung durchgeführt, bei erkanntem Reiz eine
reizgesteuerte Blickbewegung. Im nächsten Teilmodell – „Informationsverarbeitung und Ent-
scheidungsfindung“ – wird zum einen eine Reaktionszeit basierend auf einer Verteilungsdichte-
funktion berechnet. Des Weiteren erfolgt eine Situationsanalyse sowie eine Situationsbewertung.
In ersterer werden Bewertungsmaße (z. B. die bereits erwähnte
tau
-Variable) berechnet, die
folgend in einer Situationsbewertung herangezogen werden, um die Notwendigkeit bzw. Dring-
lichkeit einer Verhaltensanpassung basierend auf einem vierstufigen Dringlichkeitsindex (hoch,
gering, unbekannt, normal) zu berechnen. Im nächsten Teilmodell, der „Handlungsauswahl“
werden Führungsgrößen für Längs- und Querführung erzeugt, wobei die Querführung ledig-
lich zur Spurführung dient – Spurwechselmanöver oder Ähnliches sind nicht modelliert. Das
Teilmodul „Handlungsausführung“ beinhaltet Längs- und Querregelung (angelehnt an Donges
mit einer antizipatorischen Steuerung und einer kompensatorischen Regelung, vgl. Abschnitt
2.2.1.1) sowie ein Modul, welches menschliche Beschränkungen (Umsetzzeit zwischen Pedalen,
maximaler Lenkwinkel, Betätigungsgradienten usw.) simuliert.
Fazit
Das beschriebene Modell wurde für eine spezielle Situation entwickelt und bildet da-
her eine abgeschlossene Einheit für einen bestimmten Anwendungszweck. Der Fokus liegt
dementsprechend nicht auf der Abbildung allgemeinerer typisch menschlicher Fahreigenschaf-
ten sondern in der physikalisch nachvollziehbaren Modellierung der beschriebenen Situation.
Menschähnlichkeit ist in Form von physikalischen Beschränkungen sowie der Verwendung der
τ
-Variablen implementiert. Daher kann das Modell zu einem Typ-II-Modell gezählt werden.
Eine Erweiterung zu einem Typ-III-Modell erscheint ob der abgeschlossenen Struktur und bisher
nicht verwendeten psychologischen Konzepten nur schwer möglich.
2.2.5.5 Zusammenfassung
Obwohl seit den 80er Jahren der Bedarf nach hybriden Fahrermodellen erkannt worden ist, sind
nur eine Handvoll Modelle entstanden, die den von Jürgensohn formulierten Anforderungen
entsprechen. Die beiden in der Fahrermodellierung vorherrschenden Denkschulen „ingenieurtech-
nisch“ und „psychologisch“ bewegen sich zwar aufeinander zu, was entweder zu um kognitive
Module erweiterte regelungstechnischen Modellen oder zu immer komplexer werdenden kogni-
tiv modellierten Systemen führt, welche auf vergleichsweise einfache Regelungsmechaniken
zurückgreifen. Eine echte hybride Modellbildung scheint jedoch nicht stattzufinden. Viele zeit-
genössische Fahrermodelle, auch wenn diese nicht explizit als „hybrid“ beschrieben werden,
können jedoch implizit als solche betrachtet werden – reine kognitive oder regelungstechnische
Modellierung ist im Kontext der Fahrermodellierung heute nicht mehr denkbar.
60
2.2 Fahrermodelle: Unde Venis? – Quo Vadis?
Menschähnlichkeit
Eine Bewertung hinsichtlich der Menschähnlichkeit ist bei hybriden
Modellen allein auf Basis ihrer Kategoriezugehörigkeit zu diesen nicht möglich. Hybride Model-
lierung beschreibt im Gegensatz zu den im Vorhinein vorgestellten Methoden keinen inhaltlich
zu definierenden Modellierungsansatz. Sie beschreibt ein strukturelles Konzept, innerhalb dessen
Ansätze aus unterschiedlichen Domänen integriert werden können. Eine konkrete Aussage wie
„Mit hybriden Modelle können Typ-X-Modelle erstellt werden.“ kann somit nicht getätigt wer-
den. Trotzdem – oder gerade deswegen – erscheint eine Typ-III-Modellierung möglich, so denn
entsprechende „Typ-III-fähige“ Modellierungsansätze verwendet werden. Im Kapitel 5 wird
mit Hilfe hybrider Modellierung ein solcher Ansatz vorgestellt. Aufgabenspezifische kognitive
Modelle sind bezüglich ihres Menschähnlichkeitspotentials analog zu kognitiven Modellen zu
bewerten. Aufgrund des stärker auf der Fahraufgabe liegenden Fokus stellt sich die Modellie-
rung eines menschähnlichen Systems als weniger komplex dar, daher sind aufgabenspezifische
kognitive Fahrermodelle zur Zeit jene, die als am meisten menschähnlich klassifiziert werden
können. Eine abschließende Beurteilung kann jedoch nur anhand der Literatur stattfinden, da
keines der vorgestellten Modelle frei verfügbar ist.
61
3 Theoretische Grundlagen des
menschlichen (Fahr-)Verhaltens
„Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen wäre.“
Thomas von Aquin
Die Simulation von menschähnlichem Fahrverhalten lässt sich ohne tiefere Beschäftigung mit
den theoretischen Grundlagen menschlichen Verhaltens im Allgemeinen kaum befriedigend er-
reichen. Das „Fahren“ an sich ist keine aus dem menschlichen Informationsverarbeitungsapparat
entkoppelbare Handlung – vielmehr besteht es aus der Anwendung unterschiedlichster Problem-
lösungsstrategien, basierend auf Informationen aus verschiedensten Quellen. Die dem Menschen
beim Fahren zur Verfügung stehende Aktuatorik stellt hierbei die größte Beschränkung der
Handlungsoptionen dar: Obwohl der Mensch zur Durchführung hochkomplexer Bewegungsab-
läufe imstande ist, werden für das Fahren koordinativ eher simple, eindimensionale Handlungen
wie die Handhabung eines Lenkrads, der Pedalerie und anderer Bedienelemente verwendet.
Abgesehen von Renn- und Testfahrern stellt das Führen eines Fahrzeug somit vergleichsweise
geringe physische Anforderungen an den Fahrer. Die kognitiven Anforderungen hingegen hängen
stark von der zu bewältigenden Fahraufgabe ab.
Betrachtet man einfache Fahraufgaben, wie beispielsweise eine Fahrt auf einer Landstraße ohne
jeglichen Verkehr, so kann das menschliche Handeln – also das Fahren – für die überwiegende
Anzahl an Teilaufgaben als behavioristisch beschrieben werden: Der Mensch fungiert als „Black
Box“, welche Reaktionen generiert, die aufgrund von inneren und äußeren Reizen erzeugt werden.
Angelehnt an das beschriebene Landstraßenszenario bestünde ein dieser Aufgabe angepasstes
Fahrermodell aus einem simplen (Regler-)Modell des Lenkens eines Fahrzeugs basierend auf
seiner Querabweichung zur Fahrbahnmitte. In der Realität treten jedoch weitaus komplexere
Probleme während der Tätigkeit „Fahren“ auf: Informationen vielfältiger Art müssen wahrge-
nommen und interpretiert werden, mögliche Probleme müssen erkannt und Entscheidungen
zur Behebung dieser getroffen werden. Auf eine Modellierung der inneren Beweggründe für
bestimmte Verhaltensweisen des Fahrers kann daher nicht verzichtet werden. Aus dieser Ar-
gumentation heraus ergibt sich, dass das behavioristische Paradigma nicht beibehalten werden
kann, da zwar konkrete Ein- und Ausgabewerte im Problemkonstrukt „Fahren“ vorliegen, ei-
ne – möglichst einfache – Modellierung der informationsverarbeitenden Prozesse des Fahrers
63
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
jedoch unumgänglich ist, um möglichst menschähnliches Verhalten in komplexen Situationen
nachbilden zu können.
Basierend auf diesem Paradigma werden folgend die drei Elemente Reiz bzw. Wahrnehmung,
Informationsverarbeitung und Reaktion bzw. Handlung Bezug nehmend auf menschlichen
Fahrens untersucht und Bewertungen für die Relevanz innerhalb eines Prozesses zur Erstellung
eines möglichst menschähnlichen Fahrermodells getroffen.
3.1 Wahrnehmung
Das Führen eines Fahrzeugs ist ein hochdynamischer Prozess, innerhalb dessen der Informati-
onsaufnahme eine besondere Bedeutung zukommt. Es stellt im menschlichen Alltag hinsichtlich
der Anforderungen an diese eine Ausnahme dar: Aufgrund hoher Geschwindigkeiten – auch
der anderen Verkehrsteilnehmer – ergibt sich die Notwendigkeit, in kurzer Zeit kritische Infor-
mationen wahrzunehmen und zu verarbeiten. Dies wird zusätzlich dadurch erschwert, dass die
menschliche Wahrnehmung evolutionär gesehen nicht auf hohe Geschwindigkeiten hin optimiert
wurde und daher der kognitive Aufwand zur Erlangung dieser Informationen vergleichsweise
hoch ist.
Nach Goldstein lässt sich der menschliche Wahrnehmungsprozess als eine Folge von Einzel-
schritten betrachten [
Gol07
], vgl. auch Abbildung 3.1. Ein verfügbarer Stimulus wird durch
Aufmerksamkeit auf diesen zu einem beachteten Stimulus, welcher dann physisch an den ent-
sprechenden Rezeptoren anliegt. Durch Transduktion wird der entsprechende Reiz in elektrische
Signale umgewandelt, die es der neuronalen Verarbeitung erst ermöglichen, die sensorischen
Informationen wahrzunehmen. Das entsprechend wahrgenommene Objekt wird nun erkannt –
also einer Kategorie zugeordnet, weitere Handlungen (z.B. das Bewegen des Kopfes oder die
Bewegung hin zu einem anderen Ort) dienen dazu, neue Informationen aufnehmen zu können.
Inhaltlich kann die menschliche Wahrnehmung in die bekannten fünf Sinne des Menschen
unterteilt werden (visuelle, auditive, taktile, olfaktorische sowie gustatorische Wahrnehmung).
Im Kontext der Fahrzeugführung wird auf eine tiefer gehende Betrachtung der beiden zuletzt
genannten verzichtet, da diese für die menschliche Handlung des Fahrens keine unmittelbare
Relevanz besitzen.
Es gab Versuche, den Stellenwert der einzelnen Sinneskanäle zu quantifizieren: Kupfmüller
[
Kup59
] sowie Bhise & Rockwell [
BR71
] postulierten, dass etwa
87%
aller Informationen über
den visuellen Kanal,
10%
über den auditiven Kanal und etwa
3%
somatosensorisch verarbeitet
würden. Derart präzise Werte sind mit Vorsicht zu genießen, jedoch bleibt die Hauptaussage
unbestritten, dass der visuelle Kanal mit Abstand die wichtigsten für die Fahrzeugführung
notwendigen Informationen liefert (vgl. auch Sivak [
Siv96
]) und bestätigt somit den subjektiven
Eindruck eines jeden Fahrers. In bestimmten Situationen (z. B. beim Hören eines Martinshorns
64
3.1 Wahrnehmung
verfüg-
barer
Stimulus
beachteter
Stimulus Stimulus
an den
Rezep-
toren
Trans-
duktion
neuronale
Verar-
beitung
Wahrneh-
mung
Erkennen
Handlung
Wissen
Abbildung 3.1: Zyklischer Wahrnehmungsprozess nach Goldstein [Gol07]
oder dem Erfühlen einer Querbeschleunigung) spielen andere Sinne jedoch ebenfalls eine
wichtige Rolle – dies ist jedoch stark situationsabhängig.
Die folgenden Abschnitte widmen sich somit zuerst der visuellen Wahrnehmung (Abschnitt
3.1.1), gefolgt von der auditiven Wahrnehmung (Abschnitt 3.1.2) sowie der Sensibilität, welche
die taktile Wahrnehmung noch um weitere „Körpersinne“ ergänzt (Abschnitt 3.1.3).
3.1.1 Visuelle Wahrnehmung
Die visuelle Wahrnehmung ist der mit Abstand wichtigste Sinneskanal für den Menschen,
um Informationen aus der Umgebung aufnehmen zu können. So sind die allermeisten für die
Fahrzeugführung unbedingt notwendigen Informationen, wie z.B. eine korrekte Verortung des
eigenen Fahrzeugs im Raum, das Erkennen von Hindernissen und des Straßenverlaufs etc. nur
über die visuelle Wahrnehmung zu erhalten. Für die zeitliche und räumliche Vorausschau bzw.
Vorausplanung ist die visuelle Wahrnehmung als „Fernsinn“ – in zunehmendem Maße bei
höheren Geschwindigkeiten – besonders wichtig.
3.1.1.1 Physiologie der visuellen Wahrnehmung
Ein Großteil des menschlichen Gehirns ist ständig damit befasst, visuelle Informationen zu
verarbeiten, ca.
60%
der Großhirnrinde sind mit der Wahrnehmung, Interpretation und Reaktion
auf visuelle Reize verknüpft (Gegenfurtner [
Geg15
]). Diese Reize (Licht des elektromagneti-
65
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Abbildung 3.2: Verarbeitungskapazitäten der Sinne aus Kupfmüller [Kup59])
schen Spektrums von 400nm bis 700 nm) treffen über die Hornhaut (Kornea), die Pupille sowie
durch die Linse hindurch auf die Netzhaut (Retina) und gelangen von dort über den Sehnerv
(Nervus opticus) zum Gehirn (vgl. Abbildung 3.3). Alle so aufgenommenen Informationen sind
ihrem Wesen nach zuerst rein zweidimensional. Die dritte, für die räumliche Einschätzung der
Umgebung unbedingt notwendige Dimension, wird erst im Gehirn vor allem aus der retina-
len Disparität – dem seitlichen Versatz der zweidimensionalen Objekte auf den Netzhäuten –
erzeugt.
Abbildung 3.3: Aufbau des menschlichen Sehapparats aus Gegenfurtner [Geg15]
66
3.1 Wahrnehmung
Ein detailliertes Bild eines sichtbaren Objektes kann das menschliche Auge nur in einem kleinen,
etwa
2°
Öffnungswinkel des Blickkegels großen Bereich wahrnehmen. Dieser Bereich des
schärfsten Sehens wird als Fovea Centralis oder auch „gelber Fleck“ bezeichnet. An diesem Ort
auf der Netzhaut ist die Dichte der optischen Rezeptoren, vor allem die der Zäpfchen, welche
für Farbsehen und scharfes Sehen verantwortlich sind, am höchsten. Der die Fovea Centralis
umgebende Bereich, der sich etwas bis
10°
erstreckt, wird Parafovea genannt. Das parafoveale
Sehen besitzt etwa 30% des Auflösungsvermögens der Fovea Centralis, wobei sich jedoch
bereits bei einer Entfernung von etwa
3°
vom Ort der Fixation die Sehschärfe um etwa die
Hälfte verringert (Schmidtke & Bernotat [
SB93
]), was an der verringerten Dichte der Zäpfchen
in diesem Bereich liegt. Alles, was sich zwar außerhalb der beschriebenen Bereiche, jedoch
innerhalb des Blickfeldes befindet und somit wahrgenommen werden kann, wird als periphere
Sicht bezeichnet. Dort befindet sich fast nur noch der zweite im menschlichen Auge vorhandene
Rezeptortyp, die Stäbchen, welche vor allem für die Kontrastwahrnehmung verantwortlich sind.
Da mittels peripherem Sehen keine Farbwahrnehmung möglich ist und dieses im Vergleich zur
fovealen, aber auch zur parafovealen Wahrnehmung sehr unscharf ist, können in der peripheren
Sicht vor allem Größe und Bewegung von nicht fixierten Objekten sowie Helligkeitsänderungen
erkannt werden.
Nach Vollrath & Krems [
VK11
] erfüllen sowohl foveales als auch peripheres Sehen für die
Fahraufgabe wichtige Funktionen: Das foveale Sehen dient dem Erkennen des Straßenverlaufs
und von Hindernissen sowie der Regulation von Geschwindigkeit und Abständen, das peri-
phere Sehen jedoch dazu, Objekte und Veränderungen in der Peripherie zu erkennen und die
Aufmerksamkeit darauf zu richten. Die auf diese Art und Weise erkannten Objekte bilden die
Grundmenge für eine eventuell folgende Fixation. Um ein Objekt, welches eine größere Fläche
einnimmt, komplett und scharf wahrnehmen zu können, muss der Blick nacheinander auf mehre-
re Stellen des zu betrachtenden Objekts gerichtet werden. Diese „sakkadischen“ Bewegungen
(genauer: Rotationsbewegungen des Augapfels) zwischen den einzelnen, zu fixierenden Punkten
erreichen Geschwindigkeiten von bis zu
500°/s
(Grüsser & Grüsser-Cornehls [
GGC87
]) bzw.
1000°/s
(Boff & Lincoln [
BL88
]), die Dauer einer Sakkade beträgt meist zwischen 10ms und
80ms (Unema [
Une95
]). Da es sich hierbei um ballistische Bewegungen (vgl. auch Abschnitt
3.3.2) handelt, ist eine Korrektur während der Ausführung der Bewegung nicht möglich. Sollte
sich das zu fixierende Objekt nach Abschluss der Sakkade nicht in der Fovea Centralis ab-
bilden lassen, ist eine (kleinere) Korrektursakkade notwendig, um eine erfolgreiche Fixation
zu erreichen. Während einer Sakkade findet keine Informationsaufnahme statt, diese erfolgt
ausschließlich während einer Fixation. Eine Fixation dauert mindestens 100ms (Young & Sheena
[
YS75
], Karsh & Breitenbach [
KB83
]). Dies kann physiologisch durch die saccadic suppressi-
on (Volkmann et al. [
VRMW78
]) begründet werden, welche die Einschränkung des visuellen
Wahrnehmungsvermögens in einem Zeitraum vor und nach einer Sakkade erklärt. Eine typische
Fixation dauert etwa 200ms bis 600ms und kann mehrere Sekunden aufrecht erhalten werden
(Joos et al. [
JRV03
]), wobei jedoch auch extrem kurze „Express-Fixationen“ mit einer Dauer
67
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
von etwa 50ms bis 100ms nachgewiesen wurden (Velichkovsky et al. [
VSP97
]). Des Weiteren
existieren sog. „Folgebewegungen“: Diese bezeichnen unwillkürlich gesteuerte Augenbewegun-
gen, welche zum Ziel haben, das momentan fixierte Objekt auf der Fovea Centralis zu halten und
erreichen Geschwindigkeiten von max.
60°/s
[
GGC87
]. Deren Genauigkeit nimmt jedoch mit
zunehmender Geschwindigkeit ab, zusätzlich verengt sich der Bereich, in denen Objekten derart
gefolgt werden kann [Une95].
Abbildung 3.4: Foveales, parafoveales und peripheres Sehen aus Schweigert [Sch02]
3.1.1.2 Gesichtsfeld/Blickfeld/Nutzbares Sehfeld
Der geometrische Bereich, in welchem der Mensch mittels seiner Augen Informationen wahr-
nimmt, kann auf unterschiedliche Art und Weise definiert werden. Physiologisch betrachtet wird
zwischen Gesichtsfeld und Blickfeld unterschieden.
Das Gesichtsfeld repräsentiert nach Schmidt et al. [
SLH07
] den für ein unbewegtes Auge (also
während einer Fixation) sichtbaren Raum und berücksichtigt auch Objekte, die nicht direkt fixiert
werden. Es beträgt in horizontaler Richtung etwa
180°
bis zu
220°
, in vertikaler Richtung bis zu
130° (Biedermann [Bie84], vgl. auch Abbildung 3.5).
Das Blickfeld hingegen kann nach Schweigert [
Sch02
] als die Gesamtheit aller fixierbaren Punkte
bei bewegten Augen und unbewegtem Kopf definiert werden. Da sich die Augen etwa
40°
nach
oben/unten sowie etwa
60°
seitlich bewegen können, ergibt sich ein maximales Blickfeld von
vertikal 80° sowie horizontal 120°, in dem Fixationen möglich sind.
Des weiteren existiert das psychologische Konstrukt des Nutzbaren Sehfeldes, welches auf der
Erkenntnis basiert, dass die rein physiologisch, also durch die Augenbewegungen definierten
Begrenzungen des Gesichts- bzw. Blickfeldes nicht identisch mit den psychologisch nachge-
68
3.1 Wahrnehmung
Abbildung 3.5:
Darstellung des binokularen Gesichtsfelds für weißes Licht aus Negele [
Neg07
]:
Der helle Bereich kann von beiden Augen abgedeckt werden. In der Ordinate ist
der jeweilige Blickwinkel aufgetragen, außen die Blickrichtung.
wiesenen sind. Mackworth [
Mac76
] definiert dieses (engl. „Useful Field Of View“ – UFOV)
folgendermaßen: „Das nutzbare Sehfeld wird als derjenige Bereich um die Fixationsstelle defi-
niert, aus dem Informationen während einer gegebenen visuellen Aufgabe entweder gespeichert
oder verwendet werden“. Es liefert somit Erklärungen für Wechselwirkungen zwischen Gesichts-
bzw. Blickfeld und Aufmerksamkeit und variiert bei verschiedenen Beobachtern und Situationen
(Hristov [Hri09]).
Mackworth [
Mac65
] vermutete eine mit steigender Geschwindigkeit zunehmende Verengung
des nutzbaren Sehfelds, was er als „tunnel vision“ bezeichnete (siehe auch Rantanen & Goldberg
[
RG99
]). Auch Babkov [
Bab75
] nahm eine geschwindigkeitsabhängige Verengung basierend
auf Blickbewegungsmessungen an (vgl. Abbildung 3.6). Verschiedene Studien widerlegten dies
und führten die Ergebnisse auf komplexere Verkehrssituationen im Allgemeinen und einer damit
einhergehenden tieferen Verarbeitung der einzelnen Fixationen zurück (z.B. Miura [
Miu86
]).
Dies führt nach Schulz [
Sch12
] zu der Annahme, dass bei höherer Beanspruchung nicht etwa
eine Verkleinerung des UFOV stattfindet, sondern eine Aufmerksamkeitsverlagerung innerhalb
desselben. Eine Einschränkung des UFOV wird als abnehmende Effizienz beschrieben, mit
der jemand Informationen aus einer komplexen visuellen Szene extrahieren, speichern und
darauf reagieren kann (Sekuler et al. [
SBM00
]). In gewissem Maße kann die Größe des UFOV
trainiert werden, da es stark vom Fahrer abhängt, ab wann eine Überbeanspruchung vorliegt.
Spezifische Angaben über die Größe des UFOV existieren nicht, jedoch ist der Bereich bis etwa
30° Sehwinkel laut Lachenmayr von „kardinaler Bedeutung“ im Verkehr [Lac06].
Es kann zusammenfassend gesagt werden, dass die Fahrgeschwindigkeit einen bedeutenden
Einfluss auf das Wahrnehmungsverhalten von Kraftfahrern ausübt. Bei hohen Geschwindigkeiten
konzentrieren sich die Häufigkeitsverteilungen der Fixationen verstärkt um den Fixationsschwer-
69
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Abbildung 3.6:
Nutzbares Sehfeld in Abhängigkeit von gefahrener Geschwindigkeit aus Babkov
[Bab75]
punkt – der zeitliche Anteil der Fixation fahraufgabenrelevanter Objekte steigt. Bei hohen
Fahrgeschwindigkeiten findet somit eine deutliche Konzentration des Blicks um den Fluchtpunkt
der Straße statt (Hristov [
Hri09
]). Jedoch ist zu beachten, dass die geschwindigkeitsabhängigen
Einflüsse auf die Wahrnehmung nicht den Schluss zulassen, dass diese eine physiologische
„Einschränkung des Sehfeldes“ darstellen (Kayser et al. [KSH89]).
3.1.1.3 Optischer Fluss
Während das foveale Sehen primär der Objekterkennung dient, werden Bewegungen größtenteils
mittels peripherem Sehen wahrgenommen. Basierend auf der Helmholtz’schen Definition der
Bewegungsparallaxe, welche die perspektivische Verschiebung entfernter Objekte in unterschied-
licher Tiefe als Folge einer veränderten Beobachterposition beschreibt, führte Gibson [
Gib50
]
den Begriff des optischen Flusses bereits 1950 ein. Der optische Fluss (vgl. Abbildung 3.7)
ist demnach das „expandierende oder kontrastierende auf die Bildebene projizierte visuelle
Feld auf der Retina, das durch die Eigenbewegung des Beobachters hervorgerufen wird“ (aus
Bubb [
BBGV15
] nach Gibson [
Gib50
]) oder anders formuliert „die auf die Bildebene projizierte
Relativbewegung zwischen dem Beobachter und den sichtbaren Raumpunkten“ (Chatziastros
[
Cha03
]). Er wird durch die Eigenbewegung des Beobachters – oder dessen Bewegung in einem
sich bewegenden Objekt, im Allgemeinen ein Fahrzeug – erzeugt. Ohne die Wahrnehmung des
optischen Flusses ist es dem Beobachter nur schwer möglich, überhaupt eine Bewegung wahrzu-
nehmen, andererseits ist eine eigene Bewegung Voraussetzung für die Existenz des optischen
Flusses.
70
3.1 Wahrnehmung
Abbildung 3.7:
Optischer Fluss aus Cockpitsicht während eines Horizontalfluges aus Gibson
[Gib50]
Im Kontext der Fahrzeugführung spielt der optische Fluss für die Erkennung und Regelung der
Bewegungsrichtung eine wichtige Rolle (Lappe et al. [
LBv99
]). Der zentrale Punkt des Bildes
des optischen Flusses, an dem keine Bewegung stattfindet, wird als „Focus of Expansion“ (FoE)
oder „singulärer Punkt“ bezeichnet. Genau genommen handelt es sich eher um ein Feld, dessen
Größe im umgekehrten Verhältnis zur Bewegungsgeschwindigkeit steht. Mathematisch betrachtet
steht der FoE für die Quelle der Geschwindigkeitsvektoren des optischen Flusses. Anhand des
optischen Flusses können nach Cavallo & Laurent [
CL88
] Schätzungen über mögliche Kolli-
sionszeitpunkte zwischen dem Betrachter und einem sich nähernden Objekt getroffen werden.
Unter Voraussetzung bestimmter Annahmen kann mittels optischem Fluss der zurückgelegte
Weg durch Schätzen und Integrieren der Geschwindigkeit recht genau berechnet werden (Lappe
et al. [LGB+00] bzw. Frenz & Lappe [FL05]).
Als Messmethode für absolute Entfernungen zu einem bestimmten Objekt oder auch dessen
Geschwindigkeit lässt sich der optische Fluss jedoch nicht anwenden (Kemeny & Panerai
[
KP03
]). Problematisch erweist sich die Extraktion der Bewegungsrichtung aus dem optischen
Fluss, da dieser als solches nicht beim Menschen existiert. Vielmehr muss er als retinaler
Fluss, also als Abbildung des optischen Flusses auf der Retina, interpretiert werden, wobei
beachtet werden muss, dass er sich wegen möglicher Augenbewegungen vom optischen Fluss
unterscheiden kann. Der retinale Fluss hingegen könnte eine Rolle bei der Detektion von Über-
und Untersteuern eines Fahrzeugs spielen, beispielsweise bei einer Kreisfahrt, während der
Fahrer seinen Blick auf ein bestimmtes, stationäres Ziel richtet (Wilkie & Wann [
WW03
], Lappi
[Lap14]).
71
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
3.1.1.4 Tiefenwahrnehmung
Tiefenwahrnehmung bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, mittels der Augen eine Quantifizie-
rung von Abständen vorzunehmen. Für das Erhalten dieser Informationen kann das menschliche
Gehirn auf unterschiedliche Interpretationsmechanismen zurückgreifen: Zum einen können die
Bildinformationen der Augen verwendet werden, dies kann monokular, also sich nur auf die
Informationen aus einem einzigen Auge beziehend, oder binokular, also sich auf die gekoppelten
Bildinformationen aus beiden Augen beziehend, geschehen. Zum anderen können okulomotori-
sche Reize verwendet werden, um, vor allem im Nahbereich – durch Fixierung eines Objektes –
Entfernungsinformationen zu erhalten. Dabei kommt der Naheinstellungstrias zum Tragen, wel-
cher das gleichzeitige Auftreten von Konvergenz, Akkommodation und Pupillenreflex beschreibt,
welche in einem neurophysiologischen Regelkreis gekoppelt sind. Konvergenz beschreibt in
diesem Kontext die Rückmeldung der Augenmuskeln an das Gehirn über die Drehung der Augen
nach innen. Das Ausmaß dieser Konvergenzbewegung steht hierbei in einem direkten Verhältnis
zur Akkommodationsleistung (Sachsenweger [Sac75]).
Für sich nicht in unmittelbarer Nähe befindliche Objekte liefert binokulares Sehen Informationen
mittels Querdisparation: Horizontale Verschiebungen zweier Bilder eines Objektes werden vom
Gehirn als Tiefeninformation der dreidimensionalen Umgebung interpretiert. Die Einschätzung
von Abständen in größeren Entfernungen ist aufgrund der zu geringen Winkelunterschiede
nicht möglich, da die Augen dann schon beinahe parallel ausgerichtet sind, in diesem Fall
kommt das monokulare Sehen zur Anwendung, welches mittels unterschiedlicher Methodiken
Tiefeninformationen liefern kann. Dies kann bewegungsinduziert (während einer Bewegung des
Betrachters) oder bildhaft (also aus einem statischen Bild entnommen) geschehen.
Bewegungsinduzierte Maße:
•Bewegungsparallaxe
: Verschiebung von sich nahe am Beobachter befindenden Objekten
bei Kopf- oder Eigenbewegungen des Beobachters
•Verdeckung und Überlappung: Verdecktes wird als weiter hinten wahrgenommen
Bildhafte Maße:
•Relative Höhe im Gesichtsfeld
: mit Horizont: Gegenstände weiter oben sind näher/ ohne
Horizont: Gegenstände weiter unten sind näher
•Relative Größe im Gesichtsfeld
: gleichförmige Gegenstände werden bei im Vergleich
zu einem anderen Gegenstand geringerer Fläche als weiter entfernt eingeschätzt
•Atmosphärische Perspektive
: weiter entfernte Gegenstände sind unscharf („Luftver-
schmutzung“)
•Gewohnte Größe von Gegenständen
: semantisches Wissen setzt Größe und Entfernung
in einen Zusammenhang
72
3.1 Wahrnehmung
•Lineare Perspektive
: parallele Linien konvergieren in der Entfernung, stärkere Annähe-
rung entspricht somit größerer Entfernung
•Texturgradient
: gleichmäßig verteilte Objekte auf einer Fläche erscheinen mit zunehmen-
dem Abstand dichter gepackt
Cutting & Vishton [
CV95
] identifizieren neun visuelle Informationsquellen für die Generierung
von Entfernungsinformationen. Eine Zusammenfassung sowie eine subjektive Bewertung der
Relevanz für die Fahraufgabe ist Tabelle 3.1 zu entnehmen.
Name Typ Entfernung Relevanz
Akkommodation okulomotorisch <2m [CV95]
0−6m [Sil12]
-
Konvergenz okulomotorisch <2m[CV95]
<3m [Zim92]
-
Querdisparation binokular ≈10m [CV95]
<6m [Sch10]
<30m [KP03],[PKS14]
o
Bewegungsparallaxe monokular ≈10m [CV95] -
Verdeckung und
Überlappung
monokular 0,5−5000m [CV95] +
Relative Höhe
im Gesichtsfeld
monokular >2m [Zöl15] -
Relative/Gewohnte
Größe
im Gesichtsfeld
monokular 0,5−5000m [CV95] +
Atmosphärische
Perspektive
monokular >30m [Zöl15] -
Tabelle 3.1:
Formen der menschlichen Tiefenwahrnehmung: Werte aus Cutting & Vishton
[
CV95
], Silbernagl [
Sil12
], Schimmel [
Sch10
], Kemeny & Panerai [
KP03
], Pape et
al. [PKS14] und Zöller [Zöl15]
Cavallo & Laurent [
CL88
] schließen aus ihren Experimenten, dass binokulares Sehen nur im Nah-
bereich bei geringen Geschwindigkeiten eine gewisse Relevanz besitzt. Nach Aasman [
Aas95
]
dominiert das monokulare Sehen während der Fahrzeugführung, die durch Querdisparation
gewonnenen Informationen besitzen hingegen keine besondere Relevanz, da einäugige Fahrer
keine übermäßigen Schwierigkeiten ob des fehlenden Binokularsehens besitzen.
Für die Modellierung eines menschähnlichen Fahrermodells kann geschlussfolgert werden, dass
eine unbedingte Notwendigkeit der Implementierung binokularer Tiefenwahrnehmung nicht von
Nöten ist. Eine physiologisch exakte Nachbildung einzelner monokularer Mechanismen erscheint
ob der unvollständigen Erkenntnisse bezüglich einzelner Anteile bestimmter Mechanismen an
der gewonnenen Tiefeninformation ebenfalls unnötig.
73
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Menschliche Tiefenwahrnehmung
Okulomotorisch
Akkommodation Konvergenz
Monokular
Bildhaft
Verdeckung Rel. Höhe Rel./Gew. Größe Athm. Perspektive
Bewegungsinduziert
Bewegungsparallaxe
Binokular
Querdisparation
Abbildung 3.8: Mögliche systematische Gliederung der visuellen Wahrnehmung
3.1.2 Auditive Wahrnehmung
Die auditive Wahrnehmung stellt zwar nicht die primäre Informationsquelle im Kontext der
Fahrzeugführung dar, jedoch erklärt sich ihre Relevanz in der Unterschiedlichkeit der wahrge-
nommenen Informationen, sowie der Art ihrer Aufnahme. So ist es fast unmöglich, sich eines
bestimmten akustischen Signals durch „Weghören“ zu entziehen, da dieses – unabhängig von
der aktuellen Kopfposition und der Aufmerksamkeitssituation und bei entsprechender Lautstärke
– zwangsweise wahrgenommen wird, so es denn stark genug ist. Diese Unmittelbarkeit bzw.
Instationarität (Transienz) des akustischen Signals birgt jedoch auch den Nachteil in sich, dass
bei Nichtbeachtung oder Störung des Signals (z.B. durch Überlagerung) die zu übertragende
Information möglicherweise unwiederbringlich verloren ist.
Bis zu 20 Signale pro Sekunde kann der Mensch als einzelne, voneinander getrennte Ereignisse
unterscheiden, höhere Frequenzen werden im menschlichen Gehör als zusammenhängende Töne
wahrgenommen. Auf diese Art und Weise können Schwingungen mit bis zu 20kHz erfasst
werden, wobei zwischen 2kHz und 5kHz die Empfindlichkeit des Ohres am höchsten ist, was
bedeutet, dass Signale in diesem Frequenzbereich eine geringere Schallintensität benötigen, um
wahrgenommen werden zu können. Mit steigendem Alter steigt die Schwelle des Schalldruckes,
bei der ein Signal gerade noch wahrgenommen wird – besonders für hohe Frequenzen – stark
an.
Nach Abendroth & Bruder [
AB15
] existieren drei Grundfunktionen, welche das Ohr bei der
Aufnahme auditiver Informationen erfüllt: Adaption, also der Anstieg der Hörschwelle zur Diffe-
renzierung des Hörvorgangs, auditorische Mustererkennung zur Identifizierung des Signaltyps
sowie akustische Raumorientierung, welche durch binaurales Hören gewährleistet werden kann.
Im Kontext der Fahrzeugführung sind besonders die zuletzt aufgezählten wichtig. Beispielsweise
kann ein erfahrener bzw. professioneller Fahrer bestimmte Muster erkennen, welche einem
ungeübten Fahrer nicht auffallen würden, z.B. Reifengeräusche, welche eine Abnahme der
Reifenhaftung andeuten oder auch das Fahren auf partiell nasser Strecke. Die akustische Raum-
74
3.1 Wahrnehmung
Abbildung 3.9: Hörfläche des menschlichen Gehörs aus Gegenfurtner [Geg15]
orientierung spielt vor allem bei der Einschätzung des (nicht sichtbaren) Fremdverkehrs eine
Rolle, so kann ein wahrgenommenes Martinshornsignal über die Richtung eines beispielsweise
sich nähernden Rettungswagens Auskunft geben.
Allgemein gehören fahrspezifische Geräusche zum Autofahren dazu, so dass stetig und ohne
speziell darauf achten zu müssen, Informationen über Motordrehzahl, Geschwindigkeit sowie
Längs- und Querbeschleunigungen akustisch wahrgenommen werden können. Fahrgeräusche
übermitteln dem Fahrer auch eine Vielzahl von handlungsrelevanten Informationen und können
den Fahrspaß und die emotionale Stimmungslage in positiver oder negativer Weise beeinflussen.
So wird beispielsweise der Gang meist unbewusst auf Grundlage des Frequenzbereichs des
Motorgeräuschs gewechselt oder das Fahrverhalten angepasst, wenn die Reifen durch Quietschen
das Erreichen der Haftgrenze ankündigen (Fiala [
Fia06
]). Zu diesen sinnvoll zu interpretierenden
Fahrgeräuschen kommen jedoch auch eine ganze Anzahl von Störgeräuschen hinzu, hierbei
handelt es sich zum großen Teil um Abrollgeräusche, Windgeräusche, Geräusche von Lüftern
und Gebläsen, sowie Knarz- und Klappergeräusche (Heißing & Brandl [
HB02
]), welche es gilt,
während der Fahrt bestmöglich zu ignorieren.
3.1.3 Somatosensorische Wahrnehmung
Die Somatosensorik bzw. Sensibilität beschreibt den „Körpersinn“ oder auch den „fünften Sinn“
und bezeichnet jedwede Empfindung, die aus dem sensorischen System der Nerven resultiert.
75
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Sie lässt sich auf unterschiedliche Weise kategorisieren. Angelehnt an Treede [
Tre07
] kann diese
basierend auf der Art und Weise der wahrgenommenen Informationen in folgende Bereiche
untergliedert werden:
• Mechanorezeption (Wahrnehmung mechanischer Kräfte)
• Propriozeption (Wahrnehmung von Körperbewegung und -lage)
• Viszerozeption (Wahrnehmung eigener Organe)
• Thermorezeption (Temperatursinn)
• Nozizeption (Schmerzsinn)
Mechanorezeption stellt hierbei eine durchaus zu berücksichtigende Informationsquelle für
die somatosensorische Wahrnehmung dar: im Allgemeinen ist von dieser die Rede, wenn von
„Gefühl“ (im Sinne von Empfindlichkeit für mechanische Reize) gesprochen wird. Sie ist von
besonderer Bedeutung für die haptische bzw. taktile Wahrnehmung. Propriozeption hingegen
ermöglicht das Erkennen wichtiger Informationen wie z.B. Bewegungsrichtungen, darauf wird
im Abschnitt über kinästhetische Wahrnehmung näher eingegangen. Im Kontext der Fahrzeug-
führung spielen Thermorezeption und Nozizeption üblicherweise keine Rolle bzw. sollten keine
Rolle spielen, daher wird auf diese nicht weiter eingegangen. Die Viszerozeption kann als sog.
„Kinetose“, welche ein bewegungsbedingtes Unwohlsein bezeichnet, einen gewissen Einfluss
auf den Fahrer haben, auf diese wird jedoch im Rahmen dieser Arbeit ebenfalls nicht weiter
eingegangen.
Haptische Wahrnehmung
Angelehnt an Silbernagl [
Sil12
] sowie Abendroth & Bruder
[
AB15
] kann haptische Informationsaufnahme über den taktilen und/oder den kinästhetischen
Wahrnehmungskanal erfolgen. Die taktile Wahrnehmung bzw. Oberflächensensibilität erkennt
Verformungen der Haut, die über durch Rezeptoren vermittelte Druck-, Berührungs- und Vibrati-
onsempfindungen übertragen werden. Die kinästhetische Wahrnehmung bzw. analog Tiefensen-
sibilität nimmt die Dehnung von Muskeln und die Bewegung der Gelenke über unterschiedliche
Arten von Rezeptoren, die sich an den Muskelspindeln, im Bereich der Gelenke und der Bänder
befinden, wahr. In vielen Publikationen, in denen Haptik im Fahrzeugkontext thematisiert wird,
ist zuvorderst taktile Wahrnehmung durch Mechanorezeption gemeint, also Druck, Berührung,
Vibration, Oberfläche, Form (Förster [
För92
], Bubb [
Bub01
]). Haptische Wahrnehmung funktio-
niert also vor allem durch die Fusion der Informationen aus den Stellungsrezeptoren der Muskeln
und Gelenke, sowie der Mechanorezeptoren der Haut und der Thermorezeptoren (Barthenheier
[Bar04]).
Im Bereich der Ergonomie werden manchmal haptische und taktile Wahrnehmung anders, und
zwar basierend auf der jeweiligen Zielgerichtetheit definiert, so wird haptische Wahrnehmung
oft als für eine aktive Exploration der Umgebung verwendete Art der Informationsaufnahme
76
3.1 Wahrnehmung
bezeichnet, taktile Wahrnehmung hingegen als passives Berühren bzw. Berührtwerden darge-
stellt.
Da haptische Informationen im Vergleich zu visuellen Informationen wegen ihrer auf unterbe-
wusster Ebene höheren Verarbeitungsgeschwindigkeit (vgl. Abbildung 3.2) dem Fahrer zeitlich
vor visuell wahrnehmbaren Änderungen zur Verfügung stehen, können diese bei entsprechen-
der Fahrerfahrung unterbewusste Reaktionen oder reflexhafte Handlungen auslösen. Dies ist
beispielsweise bei der Schwingungswahrnehmung zu beobachten: Andauernd auftretende, har-
monische Schwingungen werden nach einer gewissen Zeit nicht weiter beachtet, wohingegen
Auffälligkeiten bezüglich Amplitude oder Frequenz vom Fahrer frühzeitig bemerkt werden und
ebenso zu den eben erwähnten Reaktionen führen können. Negele [
Neg07
] führt hier das Bei-
spiel eines erfahrenen Fahrers an, welcher reflexartig seine Geschwindigkeit aufgrund einer am
Lenkrad wahrgenommenen Schwingung, die er als Überschreiten der Haftgrenze bei zu schneller
Kurvenfahrt interpretiert, reduziert. Bei anspruchsvollen Fahraufgaben, z.B. der Stabilisierung
des Fahrzeugs, kann die Bedeutung von haptischen (jedoch auch von akustischen) Informationen
weiter zunehmen (Schmidtke & Bernotat [SB93]).
Haptik spielt im Gegensatz zur visuellen Wahrnehmung auch eine bedeutende Rolle als direktes
Feedback der Fahrerhandlungen. Haptische Größen nimmt der Fahrer vor allem über die Pedalerie
(Pedalweg und Pedalkraft) sowie das Lenkrad (Rückstellmoment) wahr. So wird beispielsweise
eine „direkte“ Lenkung gelobt, was nichts anderes heißt, als das ein schnelles haptisches Feedback
ohne „Spiel“ vorhanden ist. Auch sind kraft- und wegfreie Stellbewegungen vegleichsweise
unpräzise bzw. werden als unpräzise empfunden (Förster [
För92
]). Im Gegensatz dazu werden
wegproportionale Kraftänderungen vom Fahrer positiv bewertet.
Die kinästhetische Wahrnehmung des Menschen, die Propriozeption, bezeichnet die Fähigkeit der
Wahrnehmung der Lage des eigenen Körpers im Raum sowie der Stellung der Gliedmaßen, aber
auch von Fahrzeugbewegungen, sowie Bewegungen des eigenen Körpers relativ zum Fahrzeug.
Die Fähigkeit, Körperbewegungen wahrzunehmen und zu steuern wird auch Kinästhesie genannt.
Nach Förster [
För92
] sind kinästhetische Signale Rückmeldungen aus motorischen Handlungen,
die im Fahrzeug über die Stellorgane übertragen werden (bei der Lenkung über das Lenkrad,
die Hände und Arme, beim Gasgeben und Bremsen über die Pedale, Füße und Beine). Die so
übertragenen Informationen sind schon nach bereits etwa 0,15s bis 0,2s vorhanden und stellen
somit die wichtigsten Informationen für die Stabilitätskontrolle dar.
Erfahrene Fahrer verwenden zur Wahrnehmung der Fahrzeugbewegung primär haptische, sowie
kinästhetische Informationen und können daher schneller auf Veränderungen reagieren (vgl. auch
Jürgensohn [
JK08
]). Laut Schieben et al. [
SDK+08
] bzw. Bolte [
Bol91
] manifestiert sich dies
u.a. in einer im Vergleich zur ausschließlichen Benutzung des visuellen Wahrnehmungskanals
nur etwa halb so großen Totzeit bei Regelungsaufgaben im Fahrzeug.
77
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
3.1.4 Vestibuläre Wahrnehmung
Die vestibuläre Wahrnehmung ermöglicht dem Menschen die Orientierung im Raum. Die hierfür
benötigten Informationen werden aus dem Vestibular- bzw. Gleichgewichtsorgan extrahiert,
welches sich im menschlichen Innenohr befindet. Mit dessen Hilfe können Linear- und Win-
kelbeschleunigungen detektiert werden (Zenner [
Zen07
]). Diese Informationen werden für die
Gleichgewichtserhaltung sowie Auslösungen der Stellreflexe zur Normalhaltung des Kopfes und
der Augen verwendet. Beim Autofahren trägt der vestibuläre Sinneskanal zur Wahrnehmung
von Geschwindigkeit und Beschleunigung des eigenen Fahrzeugs bei (Abendroth & Bruder
[
AB15
]). Beim Führen eines Fahrzeugs werden üblicherweise anzunehmende Bewegungen des
Fahrzeugs und somit auch des Fahrzeugführers durch visuelle Vorausschau antizipiert, somit
können Informationen aus der vestibulären Wahrnehmung mit den getroffenen Annahmen entwe-
der übereinstimmen oder diesen widersprechen, was zum Erkennen einer „falschen Bewegung“
führen kann (Förster [
För92
]). In Tabelle 3.2 sind vestibuläre Wahrnehmungsschwellen für
verschiedene fahrdynamische Bewegungsgrößen zusammengefasst.
Bewegungsgröße Größensymbol Wahrnehmungsschwelle
Querbeschleunigung ay0,18 m
s2
Ruck in Querrichtung ...
y0,09 m
s3
Giergeschwindigkeit ˙
Ψ5°
sbis 12°
s
Gierbeschleunigung ¨
Ψ2°
s2bis 6°
s2
Gierruck ...
Ψ1°
s3bis 3°
s3
Tabelle 3.2:
Vestibuläre Wahrnehmungsschwellen aus Abendroth & Bruder [
AB15
] nach Tomas-
ke [Tom83]
3.1.5 Wahrnehmung relevanter Informationen
In den vorigen Kapiteln wurden die für der Fahrzeugführung relevanten Informationskanäle
beschrieben. Es stellt sich nun die Frage, welche Informationen der menschliche Fahrer mittels
dieser Informationskanäle aufnimmt und – noch wichtiger – welche Bedeutung diese für die
Bewältigung der Fahraufgabe haben. Durch die Steuerung seines Blickes bzw. Kopfes legt der
Fahrer fest, welche visuellen Informationen er potentiell aufnehmen kann. Des Weiteren nimmt
der Fahrer fahrdynamische Informationen auf, welche ihm fortwährend Informationen über
den Zustand des eigenen Fahrzeugs liefern und unmittelbar für den Menschen zu erfahren sind.
Situative Informationen hingegen werden aus der Interaktion mit anderen Verkehrsteilnehmern
gewonnen.
78
3.1 Wahrnehmung
3.1.5.1 Fahrdynamische Informationen
Für die Bewältigung der Fahraufgabe ist die Information über den aktuellen fahrdynamischen
Zustand des eigenen Fahrzeugs unabkömmlich. Diese Informationen werden zu einem großen
Teil visuell wahrgenommen – zumeist durch Blicke in die Umgebung, teilweise aber auch über
Instrumente im Fahrzeug (vgl. Tabelle 3.3). Einige Informationen können nur auditiv oder
vestibulär wahrgenommen werden, oftmals gibt es eine gewisse Redundanz bzw. übernehmen be-
stimmte Wahrnehmungskanäle eine Art Validierungsfunktion bzw. können bei widersprüchlichen
Informationen auf Probleme hindeuten.
visuell vestibulär haptisch akustisch
Längs-
/Quergeschwindigkeit
x
Längs-
/Querbeschleunigung
x x
Abstand zum vorausfah-
renden Fahrzeug
x
Fahrtgeräusch x
Gas-/Bremspedalstellung x
Querabweichung x
Wank-/Nickwinkel x x
Gierwinkel x
Kräfte in Stellgliedern x
Lenkradwinkel x x
Giergeschwindigkeit x x
Gierbeschleunigung x
Tabelle 3.3: Herkunft fahrdynamischer Informationen angelehnt an Zöller [Zöl15]
Querabweichung
Die laterale Spurposition bzw. Querabweichung
yδ
bezeichnet den seitli-
chen Versatz des Fahrzeugs zu einer Bezugslinie entlang der Fahrbahn. Diese kann die seitliche
Markierung des Fahrstreifens oder auch die – geschätzte – Fahrbahnmitte sein. Die Querabwei-
chung wird rein visuell wahrgenommen, wobei das genaue Einschätzen des Abstands zur Grenze
des Fahrstreifens Erfahrung und Kenntnis des eigenen Fahrzeugs erfordert, da die Begrenzungen
der Fahrbahn oft durch das eigene Fahrzeug verdeckt werden. Der Rückspiegel kann daher dazu
dienen, die eigene Position besser wahrnehmen zu können. Die Fahrbahnmitte ist im Gegensatz
zur seitlichen Fahrbahnbegrenzung zwar nicht verdeckt, jedoch ist die genaue Positionierung
derselben wegen der lateral verschobenen Sitzposition des Fahrers schwierig einzuschätzen.
79
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Geschwindigkeit
Die aktuelle Geschwindigkeit des eigenen Fahrzeugs kann über verschiede-
ne Informationskanäle wahrgenommen werden. Die einfachste – und genaueste
1
– Möglichkeit
ist die visuelle Wahrnehmung über das Tachometer des Fahrzeugs. Des Weiteren kann die
Geschwindigkeit über den optischen Fluss (vgl. Abschnitt 3.1.1.3) wahrgenommen werden, in
Kurven ist die gefühlte Querbeschleunigung ein weiterer Anhaltspunkt. Über das Motorgeräusch
sowie den aktuell eingelegten Gang können ebenso Annahmen über die Fahrgeschwindigkeit
getroffen werden. Zusätzlich lassen allgemein Fahrgeräusche (Reifen, Wind) sowie haptische
Rückmeldungen aus dem Lenkrad eine grobe Orientierung zu. Die eigene Fahrgeschwindigkeit
wird jedoch häufig unterschätzt (Conchillo et al. [CRNR06]).
Beschleunigung
Für die Längs-, aber auch für die Querbeschleunigung gilt, dass beide vor
allem vestibulär wahrgenommen werden, eine haptische Rückmeldung über das Lenkradrück-
stellmoment kann jedoch ebenfalls zur Einschätzung der Querbeschleunigung genutzt werden
(Tomaske [
Tom83
]). Die Längsbeschleunigung stellt für den Fahrer im Normalfall eine der weni-
ger relevanten Informationen dar – die Beschleunigungen (es wird besonders stark gebremst oder
beschleunigt) resultieren ja aus den vom Fahrer eingeleiteten Veränderungen der Stellungen von
Gas- oder Bremspedal. Ein anderes Bild ergibt sich beispielsweise bei einem Auffahrunfall: Hier
stellt die Beschleunigung eine wichtige Informationsquelle dar, um das Ausmaß des Aufpralls
einschätzen zu können. Bei Kurvendurchfahrten kann die Querbeschleunigung ein wichtiges
Kriterium für die Stabilitätssituation des eigenen Fahrzeugs darstellen.
Stellung des Fahrzeugs im Raum und abgeleitete Maße
Der Gierwinkel
ψ
bezeichnet
die Richtung des eigenen Fahrzeugs, diese ist dem Fahrer bezüglich der Weltkoordinaten zumeist
nicht bekannt bzw. stellt keine relevante Information dar. Er dient jedoch als Bezugspunkt
für die Wahrnehmung des Gierwinkelfehlers
∆ψ
, der aus dem Gierwinkel und einer an einem
gedachten Sollkurs gebildeten Tangente gebildet wird. Der Gierwinkelfehler stellt nach Donges
[
Don77
] bzw. Negele [
Neg07
] die bedeutendste
2
Größe für die Querregelung des Fahrzeugs dar.
Davon zu unterscheiden ist der Kurswinkel
ν
– dieser entspricht der Bewegungsrichtung des
Fahrzeugs, die Differenz aus Gier- und Kurswinkel ist der Schwimmwinkel
β
. Die Wahrnehmung
des Kurswinkels kann zum einen über die Zeit geschehen, des Weiteren kann die Stellung des
Lenkrads dabei behilflich sein, die aktuelle Fahrtrichtung zu bestimmen.
Die Gierwinkelgeschwindigkeit bzw. Gierrate
˙
ψ
bezeichnet die Drehgeschwindigkeit des Fahr-
zeugs um die Hochachse und wird vor allem optisch mit Hilfe von Bildverschiebungsvektoren
wahrgenommen (Wolf [Wol09]).
1
Hierbei ist zu beachten, dass die angezeigte Geschwindigkeit stets größer als die reale Geschwindigkeit ist, da die
angezeigte Geschwindigkeit laut EU-Richtlinie 75/443/EWG nie über der realen Geschwindigkeit liegen darf.
Erlaubt sind laut Paragraph 57 StVZO 10% + 4km/h Abweichung.
2Es folgen Krümmungsdifferenz ∆κsowie Querabweichung yδ.
80
3.1 Wahrnehmung
Die Gierwinkelbeschleunigung
¨
ψ
hingegen wird ausschließlich vestibulär wahrgenommen
(Schweigert [
Sch02
]) und stellt eine wichtige Informationsquelle für die Fahrzeugreaktion
dar, da beispielsweise beim Einfahren in eine Kurve die Gierwinkelbeschleunigung früher als
die Gierwinkelgeschwindigkeit bzw. der Gierwinkel wahrgenommen werden können.
Wank- und Nickwinkel spielen im normalen Straßenverkehr kaum eine Rolle (der Wankwinkel evtl.
bei zu schnellen Kurvenfahrten, er kann sowohl visuell als auch vestibulär wahrgenommen wer-
den). Bei Bremsmanövern oder starken Beschleunigungen kann sowohl visuell als auch vestibulär
ein Nicken des Fahrzeugs wahrgenommen werden. Bei starken Steigungen können die visuell
wahrgenommenen Informationen bzgl. des Nickwinkels den vestibulären widersprechen.
Straßenkrümmung
Die Straßenkrümmung wird visuell wahrgenommen und ist eine ent-
scheidende Information für die Planung der Geschwindigkeit für eine zu befahrende Kurve.
Jürgensohn et al. [
JNW89
] bzw. Land & Lee [
LL94
] haben das Blickverhalten bei Kurvenfahrten
untersucht und kamen zu dem Schluss, dass die Information über die Kurvenkrümmung mittels
des Tangentenpunkts abgeleitet werden kann. Dieser wird etwa 1s bis 2 s vor Einfahrt in die
Kurve fixiert und mit dem aktuellen Gierwinkel des Fahrzeugs verglichen.
Spreizwinkel
Ein weiteres Maß für die Orientierung auf der Fahrbahn ist der Spreizwinkel
(engl. „splay angle“, Beall & Loomis [
BL97
]). Dieser beschreibt den Winkel zwischen der
Senkrechten und einem ebenfalls linearen Element, zumeist der äußeren Fahrbahn- oder Fahr-
spurmarkierung, Leitplanken oder andere lineare Reize (z.B. aufgereihte Bäume) können jedoch
ebenso als Informationsquelle verwendet werden. Die Größe des Spreizwinkels hängt umgekehrt
proportional von der Höhe des Betrachters sowie direkt proportional vom seitlichen Abstand zur
äußeren Linie ab. Eine Positionsregelung relativ zur Fahrbahnmitte ist bei geraden Straßen somit
mittels Spreizwinkel möglich – eine mittige Position ist dann erreicht, wenn linker und rechter
Spreizwinkel etwa gleich groß sind. Jedoch muss beachtet werden, dass ein Offset zwischen
Fahrzeugmitte und Fahrerposition vorhanden ist.
φ φ
Abbildung 3.10:
Spreizwinkel von Fahrbahnbegrenzungen: Bei lateraler Positionsänderung in
Richtung des rechten Fahrbahnrandes verringert sich der der Spreizwinkel φ.
81
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Solltrajektorie
Eine etwas abstraktere – jedoch für Regelungsalgorithmen unverzichtbare –
Information bietet die Solltrajektorie
3
, welche den gedachten zukünftigen Pfad beschreibt, den
der Fahrer abzufahren wünscht. Die Existenz einer solchen für den menschlichen Fahrer ist im
besten Fall umstritten, in bestimmten Kontexten jedoch nachvollziehbar vorhanden, z.B. bei
Rennfahrern, aber auch bei sehr engen Strecken – im letzteren Fall wird diese dann durch die
Spurmitte festgelegt und entspricht dann einer Erweiterung des Konzepts der Querabweichung
zur Spurmitte um eine Dimension, wobei diese zeitlich oder örtlich (s-Koordinate) interpretiert
werden kann.
Eine Art „Minimalsollkurs“ beschreibt das Zwei-Punkt-Modell von Land [
Lan01
]: Er fasst die
unterschiedlichen Beiträge des Fern- und Nahsehens auf das Fahrverhalten folgendermaßen
zusammen: Die weit entfernten Regionen der Straße (inklusive des Tangentenpunkts) versorgen
den Fahrer mit Informationen über die zukünftige Straßenkrümmung, das nahe Sichtfeld hilft
beim Bestimmen der Position innerhalb der Spur (analog zum Zwei-Ebenen-Modell in [
Don78
]).
Salvucci & Gray [
SG04
] argumentieren ähnlich: Menschliche Autofahrer benötigen mehr als
nur die Informationen eines Punktes, sondern zumindest einen Fernpunkt mit einer Zeitlücke
von maximal zwei Sekunden sowie einen Nahpunkt, der sich etwa fünf Meter mittig vor dem
Fahrzeug befindet.
Informationen aus dem Fahrzeug
Die Stellungen bzw. Rückmeldungen der Bedienelemen-
te des Fahrzeugs bilden eine weitere Informationsquelle für den Fahrer. Der Lenkradwinkel
beschreibt die aktuelle Position des Lenkrads und wird in Grad angegeben. Der Mensch kann
diese Information optisch wahrnehmen, die Information verliert mit steigender Geschwindigkeit
jedoch an Bedeutung, da der Bereich, in dem sich das Lenkrad befinden kann entsprechend
kleiner wird. Bei stehendem Fahrzeug kann über die Information der Stellung des Lenkrads auf
die Stellung der Räder geschlossen werden, so kann eine erwartete Fahrrichtung beim Losfahren
erzeugt werden. Das Lenkradmoment hingegen gewinnt mit steigenden Geschwindigkeiten als
Informationsquelle an Bedeutung, da ein direktes Feedback zum (dynamischen) Fahrverhalten
des Fahrzeugs vorhanden ist.
Die Gaspedalstellung wird haptisch wahrgenommen, und hilft bei der Einschätzung, ob die
aktuelle Geschwindigkeit beibehalten wird oder es zu Beschleunigung bzw. Verzögerung des
Fahrzeugs kommen wird. Die Position des Bremspedals – die Bremspedalstellung – wird vor
allem über den Bremsdruck, jedoch ebenfalls haptisch wahrgenommen. Diese Information dient
vor allem der Regelung der Verzögerung.
3.1.5.2 Situative Informationen
Die in diesem Abschnitt zusammengefassten Informationen haben gemeinsam, dass sie relative
Kenngrößen darstellen, welche nur bei Vorhandensein weiterer Referenzgrößen – zumeist andere
3Exakt formuliert verwendet ein technischer Regler zumeist nur einen aktuellen Sollwert.
82
3.1 Wahrnehmung
Verkehrsteilnehmer – existieren. Diese Informationen werden zum überwiegenden Teil visuell
aufgenommen bzw. basieren auf visuell aufgenommenen Informationen. Sie sind teilweise
nur indirekt als gelernte bzw. geübte Interpretationen von fahrdynamischen Informationen des
eigenen sowie des Bezugsfahrzeugs wahrnehmbar.
Informationen über das vorausfahrende Fahrzeug
Eine wichtige Information für die
Folgefahrt (vgl. Abschnitt 3.5.1) ist die longitudinale Distanz zum vorausfahrenden Fahrzeug.
Diese kann zum einen direkt über die menschliche Tiefenwahrnehmung, z.B. anhand bekannter
Größenrelationen, oder indirekt, z.B. mit Hilfe der eigenen Geschwindigkeit und den in einer
bestimmten Zeit zurückgelegten Weg, abgeschätzt werden.
Es existieren differentielle Wahrnehmungsschwellen für die minimal wahrzunehmenden Än-
derungen, diese werden als „just noticeable difference“ (JND) bezeichnet. Für die relative
Geschwindigkeit, die auch als zeitliche Veränderung des Sehwinkels beschrieben werden kann,
liegen die JND-Werte bei etwa
0,003 rad
s
(Hoffman & Mortimer [
HM94
]). Für die relative Distanz
liegt die JND bei etwa 10% des Abstandes (Brackstone & McDonald [BM99].
Die Winkelrichtung bezüglich eines Objektes kann gierwinkelbezogen (also relativ zur Fahr-
zeuglängsachse) oder kurswinkelbezogen (relativ zur Fahrzeugbewegung) gemessen werden.
Bezüglich weiterer wahrgenommener Objekte entspricht die Ableitung der Winkelrichtung der
Bewegungsparallaxe (Grzesik [Grz09]).
Aus dem Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug sowie den Geschwindigkeiten der Fahrzeuge
lassen sich mehrere Maße ableiten:
Änderung des Abstands zum Bezugsfahrzeug
Eine Änderung des Abstands zu einem
Bezugsfahrzeug wird rein visuell wahrgenommen. Ein negativer Wert – also eine Verringerung
des Abstandes – ist für den Fahrer von größerer Bedeutung und wird nach Todosiev [
Tod63
] auch
früher wahrgenommen, da eine potentiell gefährlichere Situation entstehen kann. Daher wird
die Wahrnehmung eines hohen negativen Wertes (bei einem vorausfahrenden Fahrzeug) zumeist
durch aufleuchtende Bremslichter des Fahrzeugs unterstützt. Abstandsänderungen können nur
oberhalb einer bestimmten Wahrnehmungsschwelle erkannt werden, nach Filzek [
Fil02
] hängt
dies bei „größeren“ Relativgeschwindigkeiten nach Untersuchungen von Michaels [
Mic63
] vom
Abstand und der Relativgeschwindigkeit bzgl. des entsprechenden Fahrzeugs ab. Zusätzlich
spielt es eine Rolle, inwiefern die Aufmerksamkeit des Fahrers auf das Bezugsfahrzeug gerichtet
ist.
Geschwindigkeitsdifferenz
Die Geschwindigkeitsdifferenz bzw. Relativgeschwindigkeit be-
zeichnet die Differenz der Geschwindigkeit eines Bezugsfahrzeugs und der des eigenen Fahr-
zeugs. Nach Wiedemann [
Wie74
] stellt die Änderung der Bildgröße, die über die Winkel-
verhältnisse direkt von der Größe und der Entfernung des beobachteten Objekts abhängt, für
83
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
die Relativbewegung den entscheidenden Reiz dar. Die Wahrnehmungsschwelle für negative
Relativgeschwindigkeiten liegt nach Todosiev [
Tod63
] ebenso unter der positiver Relativge-
schwindigkeiten. Die Wahrnehmungsschwellen
∆v+
und
∆v−
aus den Simulatorversuchen für
die Folgefahrt betragen ca. 2% bis 10% der Eigengeschwindigkeit.
Längsbeschleunigungsdifferenz
In bestimmten Situationen kann diese Größe zur Konkre-
tisierung der Situation beitragen, sie beschreibt die Differenz der Beschleunigungen eines
Fremdfahrzeugs und des eigenen Fahrzeugs. Beispielsweise kann dieser Wert bei einer geringen
TTC darüber Auskunft geben, wie sich die TTC in Zukunft entwickeln wird (beispielsweise
beim Auffahren auf ein stark bremsendes Fahrzeug).
Zeitlücke
Die Zeitlücke (
∆
T) in Sekunden, beschreibt die Zeit, welche vergeht, bis das eigene
Fahrzeug eine Straßenposition befährt, auf welcher sich das vorausfahrende Fahrzeug noch
unlängst befand. Die Zeitlücke kann nicht direkt wahrgenommen werden, da zu mehreren
Zeitpunkten bewusst gemessen werden muss. Winner [
WBFL03
] fasst zusammen, dass bei
reinen Folgefahrten Zeitlücken von
1,1
s bis
1,7
s gemessen wurden. Die Bruttozeitlücke ergibt
sich mathematisch aus dem Abstand des Vorderfahrzeugs zum Ego-Fahrzeug (Bug-zu-Bug)
geteilt durch die Geschwindigkeit des Ego-Fahrzeugs. Die Nettozeitlücke kann dementsprechend
anhand des Heck-zu-Bug-Abstandes des vorherfahrenden Fahrzeugs bestimmt werden.
∆TBrutto =∆FFZBug
vEGO
(3.1)
∆TNetto =∆FFZHeck
vEGO
(3.2)
Time-To-Collision
Die Time-To-Collision (TTC, vgl. Abbildung 3.11) gibt die Zeit in Sekun-
den an, in welcher zwei Verkehrsteilnehmer bei angenommener konstanten Relativgeschwindig-
keit und ebenso konstantem Kurs kollidieren, wobei Werte unter
1,5
s als kritisch gelten (Bubb,
[
BBGV15
]). Im Unterschied zur Zeitlücke wird eine – jedoch konstante – Relativgeschwindig-
keit verwendet, was die Validität einer Kollisionsvorhersage bedeutend erhöht. Der Mensch
nimmt die TTC nach Lee [
Lee76
] bzw. [
Lee80
] vor allem über den optischen Fluss wahr: Die
τ
-Variable beschreibt die reziproke Korrelation der Ausdehnungsgeschwindigkeit eines retinalen
Abbilds des betrachteten Objekts und der TTC.
Somit kann der Mensch die TTC direkt „ablesen“ und muss diese nicht aus den Informationen
„Abstand“ und „Relativgeschwindigkeit“ herleiten. Diese Fähigkeit ist in mehreren Untersuchun-
gen validiert worden (z.B. von Bootsma [
BO93b
], Gray & Regan [
GR98
] sowie von Cavallo
& Laurent [
CL88
]). Ein Ergebnis dieser Untersuchungen ist, dass für eine sinnvolle Schätzung
die Winkelgeschwindigkeit des Objekts oberhalb eines Schwellwerts von ca.
0.003 rad/s
liegen
84
3.2 Informationsverarbeitung
(a) Time-To-Collision (TTC) (b) Time-To-Linecrossing (TLC)
Abbildung 3.11: TTC und TLC aus Bubb [BBGV15]
sollte. Die alleinige Herleitung über die
τ
-Variable wird jedoch auch kritisiert (z.B. Tresilian
[
Tre99
]), so können situationsspezifisch auch andere Informationen für die TTC verwendet
werden. Typisch ist, dass die TTC oft unterschätzt wird (die Werte liegen nach Cavallo & Cohen
[
CC01
] etwa
20%
bis
30%
unter dem realen Wert). Nach Hoffmann & Mortimer [
HM94
] wer-
den große Werte (über 10 Sekunden) zumeist ungenau geschätzt, kleinere TTC-Werte jedoch
recht genau.
TTC =∆FFZ
vEGO −vFFZ
mit (vEGO −vFFZ)>0 (3.3)
Time-To-Linecrossing
Die Time-To-Linecrossing (TLC, vgl. Abbildung 3.11) umschreibt
die Zeit bis zu einem möglichen – seitlichen – Verlassen der aktuellen Fahrspur bei angenomme-
ner Unveränderlichkeit bestimmter Fahrzeugzustände. Oft werden Lenkradwinkel bzw. Gierwin-
kel sowie Fahrzeuggeschwindigkeit verwendet, jedoch kann auch die Gierwinkelgeschwindigkeit
verwendet werden. Die TLC kann als die Zeit, in der der Fahrer noch die Möglichkeit zur
Kurskorrektor besitzt, interpretiert werden. Nach Aasman [
Aas95
] kann die TLC ähnlich der
TTC vom Fahrer visuell wahrgenommen werden, jedoch wird die Wahrnehmung nicht weiter
beschrieben. Versuche von Godthelp et al. [
GMB84
] ergaben, dass Fahrer bei TLCs kleiner
1,3
s
anfangen, den Kurs zu korrigieren. Bubb nennt eine mittlere TLC bei Simulatoruntersuchungen
von
3,7
s (Bubb [
BBGV15
]). Ein ähnliches Maß ist die Time-To-Intersection (TTI), also die Zeit
bis zur nächsten Kreuzung.
3.2 Informationsverarbeitung
Die menschliche Informationsverarbeitung stellt die Summe der mentalen Prozesse zwischen
Informationsaufnahme und Handlung dar. Seit einem guten Jahrhundert wird bereits daran
geforscht, diese kognitiven Prozesse zu beschreiben und zu verstehen. Im Allgemeinen werden
85
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
diesen Begriffe wie Aufmerksamkeit,Problemlösen,Gedächtnis etc. zugeordnet. Dieses Kapitel
widmet sich diesen im Kontext des menschlichen Fahrens.
Modell der menschlichen Informationsverarbeitung nach Wickens
Die Verarbeitung
von Informationen zum Behufe der Generierung von Handlungsanforderungen ist eine der Haupt-
aufgaben des menschlichen Gehirns. Im Allgemeinen wird diese Verarbeitungskette als eine
sequentielle angenommen: Die mittels der dem Menschen zur Verfügung stehenden Sensorik
aufgenommenen Stimuli (vgl. Abschnitt 3.1) werden innerhalb des Gehirns in kognitive Reprä-
sentationen umgewandelt, mit deren Hilfe mittels unterschiedlicher Prozesse Vorgaben für die mo-
torischen Prozesse erzeugt werden. Ein einfaches sequentielles Modell der Funktion der mensch-
lichen Informationsverarbeitung wurde bereits 1868 von Donders als Reiz-Reaktionsmodell
vorgestellt [
Don68
]. Er nannte die drei wesentlichen Verarbeitungsstufen „Wahrnehmen“, „Ent-
scheiden“ und „Handeln“. Im in der Ingenieurspsychologie gängigen Vier-Stufen-Modell der
menschlichen Informationsverarbeitung nach Wickens [
WH00
] (vgl. Abbildung 3.12) besteht
die serielle Verarbeitungskette aus vier Komponenten:
1.)
sensorischer Kurzspeicher: Die wahrnehmbaren Informationen müssen an den dem Men-
schen zur Verfügung stehenden Sensoren anliegen, um vom Gehirn weiterverarbeitet
werden zu können. Die Signale werden im sensorischen Gedächtnis für wenige Sekunden
zwischengespeichert (Abschnitt 3.2.1).
2.)
Wahrnehmung: Vorhandene Informationen aus den Sensoren werden in diese Stufe verar-
beitet und interpretiert. Dieses geschieht sehr schnell im Vergleich zu den Operationen,
welche kognitive Prozesse benötigen. Zum einen geschieht dies basierend auf den vorhan-
denen Sensoreingaben („bottom-up“), zum anderen basierend auf Informationen aus dem
Langzeitgedächtnis, was einem „top-down“ bzw. erwartungsbasierten Verhalten entspricht
(Abschnitt 3.1).
3.)
Entscheidung: Nachdem mittels unterschiedlicher kognitiver Prozesse mehrere Handlungs-
alternativen generiert wurden, wird sich für eine dieser Handlungen entschieden (Abschnitt
3.2.3).
4.) Handlungsausführung: Die Ausführung der ausgewählten Handlung (Abschnitt 3.3).
Weitere Komponenten beeinflussen die vier beschriebenen Stufen maßgeblich:
•
Aufmerksamkeit: Aufmerksamkeitsprozesse bestimmen, welche kognitiven Ressourcen
für die Wahrnehmung bzw. Verarbeitung von Informationen verwendet werden (Abschnitt
3.4.1).
•
Gedächtnis: Unterschiedliche Gedächtnisse existieren für sich unterscheidende Typen von
zu speichernder Information. Im Langzeitgedächtnis werden dauerhaft Daten gespeichert,
während das Kurzzeitgedächtnis nur wenige Informationen für kurze Zeitspannen auf-
86
3.2 Informationsverarbeitung
Abbildung 3.12: Schema der menschlichen Informationsverarbeitung nach Wickens [WH00]
rechterhalten kann. Das Arbeitsgedächtnis liefert Informationen, die für die momentan
stattfindenden kognitiven Prozesse notwendig sind (Abschnitt 3.2.1).
•
Kognition: Eine Vielzahl von unterschiedlichen Prozessen, die im Gehirn stattfinden, bei-
spielsweise Kategorisieren,Planen,Problemlösen oder Lernen werden unter der Kategorie
„kognitive Prozesse“ zusammengefasst. Im Hinblick auf die Fahrzeugführung wird auf
diese im Abschnitt 3.2.2 vertiefend eingegangen.
Ähnliche Modelle (z.B. COCOM
4
[
Hol93
]) verwenden ebenfalls vier Hauptkomponenten, um
menschliche Informationsverarbeitung zu beschreiben. Hollnagel kritisiert an einer derartigen
Modellstruktur jedoch, dass der Mensch als zu reaktiv im Sinne eines geschlossenen Regelkreises
modelliert wird und proaktives, zielorientiertes Verhalten somit keine Beachtung findet [
Hol02
].
Eine Erweiterung des Wickens’schen Modells um die Einflussgrößen Motivation und Emotion
beschreibt Trimmel (Integratives Motivation-Emotion-Modell (IMEK), [
Tri15
], vgl. Abbildung
3.13).
Während des Führens eines Fahrzeugs wird mitnichten für jede erzeugte Handlung die komplette
Informationsverarbeitungskette durchlaufen. Je nach aktueller Fahraufgabe werden die Infor-
mationen wissensbasiert, regelbasiert oder fertigkeitsbasiert verarbeitet (Rasmussen [
Ras83
],
vgl. auch Abbildung 2.6). Das Wicken’sche Modell lässt diese „Abkürzungen“ innerhalb des
Modells zu: Wird regelbasiert agiert, so müssen weniger kognitive Kapazitäten für eine Planung
der Ausführung aufgewendet werden, da auf bekannte Handlungsweisen zurückgegriffen werden
4Contextual Control Model
87
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Abbildung 3.13: Integratives Motivation-Emotion-Modell aus Trimmel [Tri15]
kann. Auf der Ebene der fertigkeitsbasierten Handlungen – aus denen das Führen eines Fahrzeugs
(zumindest für geübte Fahrer) größtenteils besteht – werden die meisten kognitiven Prozesse
direkt übersprungen, so dass die Handlungsausführung durch Reiz-Reaktions-Automatismen
(„automated patterns“) direkt erfolgen kann.
3.2.1 Gedächtnis
Ein elementarer Bestandteil des menschlichen Informationsverarbeitungsapparats ist das mensch-
liche Gedächtnis. Analog zu jedem anderen funktionierenden Datenverarbeitungssystem kommt
dieser nicht ohne eine (Zwischen-)Speicherung von Daten aus. Man unterscheidet zwischen sen-
sorischem Gedächtnis,Kurzzeitgedächtnis und Langzeitgedächtnis. Im sensorischen Gedächtnis
(auch Ultrakurzzeitgedächtnis genannt) werden Informationen der Sinnesorgane für eine sehr
kurze, sinnesmodalitätsspezifische Zeit zwischengespeichert. Beispielsweise können visuelle
Signale im sogenannten ikonografischen Gedächtnis für wenige
100
ms gespeichert werden
(Haber & Standing [
HS70
], Long [
Lon80
]). Auditive Signale werden im echoischen Gedächtnis
für etwa 2s zwischengespeichert (Darwin et al. [DTC72]).
Durch Zuwendung von Aufmerksamkeit werden Informationen aus den sensorischen Speichern
aufgenommen und an das Kurzzeitgedächtnis übertragen. Die grundlegenden Einheiten, auf
welche im Kontext des Gedächtnisses immer wieder referenziert wird, ist ein Chunk, das Kurz-
88
3.2 Informationsverarbeitung
zeitgedächtnis kann etwa
7±2
dieser Chunks speichern (Miller et al. [
Mil56
]), wobei neuere
Untersuchungen teilweise geringere Werte ergaben, zumeist im Bereich von
3−4
Chunks
(Cowan [
Cow08
]). Die Reihenfolge der im Kurzzeitgedächtnis gespeicherten Informationen
entspricht der ihres Eintreffens, neue Informationen ersetzen die zuerst gespeicherten, aus infor-
matischer Sicht kann man sich den Aufbau ähnlich dem eines Ringpuffers vorstellen. Neben der
kapazitiven Obergrenze existiert ebenso eine zeitliche: Nach etwa
10−15
Sekunden (Wickens
& Hollands [
WH00
]) verfallen Informationen im Kurzzeitgedächtnis (ohne Auffrischen der
Informationen). Das Langzeitgedächtnis, welches Informationen dauerhaft speichert, kann in
das deklarative (explizite) sowie das prozedurale (implizite) Gedächtnis unterteilt werden. Im
deklarativen Gedächtnis werden Fakten gespeichert, welche semantischer, also abstrakter und
begriffsbezogener Natur oder episodische Fakten, die z.B. autobiographische Informationen
sein können. Das prozedurale Gedächtnis hingegen speichert Erinnerungen, die beinhalten, wie
bestimmte Handlungen, beispielsweise das Autofahren durchgeführt werden. Diese Erinnerungen
an Fertigkeiten werden nicht bewusst abgerufen.
sensorischer Speicher
(visuell, haptisch, auditiv)
Merkmalsextraktion
Mustererkennung
Zerfall von
nicht beachteter
Information
Kurzzeitgedächtnis
Interferenz
durch neue
Information
Kontrollprozesse:
Wiederholung,
Elaboration,
Umkodierung
Langzeitgedächtnis
(episodisch,
prozedural,
semantisch)
Interferenz
oder Zerfall
von Spuren
Reizinformation Aufmerksamkeit Transfer
Abruf
Abbildung 3.14: Dreistufiges Gedächtnismodell nach Atkinson & Shiffrin [AS68]
3.2.1.1 Arbeitsgedächtnis
Das Konzept des Arbeitsgedächtnisses ist im Kontext der kognitiven Modellierung von besonde-
rer Relevanz. Es unterscheidet sich von dem des Kurzzeitgedächtnisses vor allem darin, dass
im Gegensatz zu diesem die Möglichkeit zur Manipulation und Verarbeitung der gespeicherten
Informationen besteht. Wickens & Hollands [
WH00
] fassen daher Arbeitsgedächtnis und Kogni-
tion zu einer gemeinsamen Stufe des Informationsverarbeitungsprozesses zusammen, da diese
permanent interagieren. Baddeley & Hitch [
BH74
] beschreiben das Arbeitsgedächtnis als ein aus
mehreren Komponenten bestehendes komplexes System, welches selbst Informationen speichert
und manipuliert und sich physisch vom Kurzzeitgedächtnis unterscheidet. Es besteht aus einer
zentralen, kontrollierenden Exekutive, welche für einen kurzen Zeitraum für die momentane
89
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Informationsverarbeitung und Speicherung von Informationen sowie für die Verbindung zum
Langzeitgedächtnis zuständig ist, einer phonologischen Schleife, welche auditorische Informa-
tionen speichert, dem räumlich visuellen Notizblock, in dem optische Informationen gespeichert
werden sowie dem episodischen Puffer, der für multimodale, zusammenhängende Informationen
zuständig ist (vgl. Abbildung 3.15). Der episodische Puffer wurde später von Baddeley [
Bad00
]
hinzugefügt, nachdem eine Beteiligung des Langzeitgedächtnisses ausgeschlossen wurde. Erst
Cowan [
Cow08
] beschreibt das Arbeitsgedächtnis als „Kurzzeitgedächtnis, kombiniert mit un-
terschiedlichen Verarbeitungsmechanismen, mit deren Hilfe das Kurzzeitgedächtnis sinnvoll
verwendet werden kann“. Gugerty [
Gug97
] führt ein dynamisches räumliches Arbeitsgedächtnis
(„dynamic spatial working memory“) für die mentale Repräsentation des Umgebungsverkehrs ein.
Auch nach Baumann & Krems [
BFK08
] existiert eine mentale Repräsentation des Umgebungs-
verkehrs, welche mit Hilfe des Arbeitsgedächtnisses erzeugt wird. Dies konnte experimentell
nachgewiesen werden. Ericsson & Kintsch [
EK95
] erweitern das Arbeitsgedächtniskonzept um
das eines Langzeit-Arbeitsgedächtnisses. Dieses beschreibt, dass Teile des Langzeitgedächtnis-
ses als Arbeitsgedächtnis dienen können, womit sich die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses
theoretisch unbegrenzt erhöhen ließe. Einschränkend wirkt jedoch, dass die Verwendung des
Langzeit-Arbeitsgedächtnisses vor allem auf Expertenwissen anwendbar ist.
Zentrale Exekutive
Arbeitsgedächtnis
Episodischer
Puffer
Visuell-räumlicher
Notizblock
Phonologische
Schleife
Episodisches
Langzeitgedächtnis
Visuelle
Semantik Sprache
Abbildung 3.15:
Schema des Arbeitsgedächtnisses nach Baddeley & Hitch [
BH74
] bzw. Badde-
ley [Bad00]
Fazit
Im Bereich der Fahrermodellierung spielt das Gedächtnis eine erhebliche Rolle. So
müssen beispielsweise die grundlegenden Verkehrsregeln als Faktenwissen in einer Art deklara-
tivem Gedächtnis gespeichert werden, um im Bedarfsfall abgerufen werden zu können. Auch
das prozedurale Gedächtnis wird – wenn auch nicht explizit – mit jedem regelungstechnischen
Fahrermodell mitmodelliert. Des Weiteren sind fahrertypabhängige Unterschiede zu beachten:
Ein Renn- oder Testfahrer fährt im Vergleich zum Normalfahrer viel mehr „aus dem Gedächt-
nis“. Das Konzept des Arbeitsgedächtnisses erlaubt die Modellierung von realistische(re)n
Datengrundlagen menschähnlicher Fahrermodelle. Neben dem Arbeitsgedächtnis spielt das
90
3.2 Informationsverarbeitung
Langzeitgedächtnis für die Fahraufgabe ebenfalls eine wichtige Rolle: In ihm sind beispielswei-
se die Verkehrsregeln oder komplexere Handlungsabläufe, die dem wissensbasierten Handeln
zuzuordnen sind, hinterlegt.
3.2.2 Kognitive Prozesse
Im menschlichen Gehirn werden jederzeit – bewusst oder unbewusst – Informationen aufgenom-
men, verarbeitet und gespeichert. Birgt einer dieser Prozesse ein Mindestmaß an Abstraktion und
Komplexität, so bezeichnet man diesen als einen kognitiven Prozess. Nach Volz [
Vol00
] grenzen
sich kognitive Prozesse gegen folgende Sachverhalte ab: rein physiologische Vorgänge auf Zell-
und Synapsenebene, neuronale Prozesse auf Zellebene (z.B. Reaktionen von Nervenzellen)
oder auch einfache Wahrnehmungsleistungen (z. B. das Erkennen einfacher Muster). Anderson
& Lebiere beschreiben Kognition schlicht als „process of thought“ [
AL98
]. Im Allgemeinen
werden gedankliche Vorgänge wie Wahrnehmen, Assoziieren, (komplexes) Mustererkennen,
Kategorisieren, Problemlösen, Planen, Erinnern, Lernen, Sprache bis hin zu Wollen oder Glauben
als „kognitiver Prozess“ bezeichnet. Wickens & Hollands [
WH00
] beschreiben die Hauptei-
genschaften kognitiver Prozesse als „bewusste Aktivitäten, die Informationen transformieren
oder speichern“, welche sich von den anderen Stufen ihres Modells unter anderem durch ihre
langsamere Verarbeitungsgeschwindigkeit und ihren Bedarf an Aufmerksamkeitsressourcen
unterscheiden. Wie diese Definition schon zeigt, ist die Abgrenzung von anderen innerhalb des
Wickens’schen Informationsverarbeitungsparadigmas genannten Verarbeitungsstufen schwierig,
ebenso wird die Reduktion auf bewusst ablaufende Prozesse oft nicht vorgenommen, beispiels-
weise definiert Schmidt [
SLH07
] kognitive Funktionen als „alle bewussten und nicht bewussten
Vorgänge, die bei der Verarbeitung von organismusexterner oder -interner Information ablaufen“.
Wahrnehmungs-, wie auch Gedächtnis- oder Aufmerksamkeitsprozesse können daher zu einem
großen Teil ebenso als kognitiv bezeichnet werden, wurden jedoch schon in vorangegangenen
Abschnitten beschrieben. In Rasmussens Modell [
Ras83
] sind kognitive Problemlöseprozesse
notwendig mit der wissensbasierten Ebene verbunden. Nach Muthig [
Mut90
] ist weder eine
strikte Definition bzw. Trennung noch eine voneinander unabhängige Untersuchung kognitiver
Prozesse möglich.
Im Kontext dieser Arbeit wird daher in diesem Abschnitt auf jene kognitive Prozesse näher
eingegangen, die Vorgänge im Gehirn bezeichnen, die im Kontext der Fahrzeugführung mit-
tels Verarbeitung von Informationen dazu führen, Entscheidungen zu treffen und Handlungen
ausführen zu können. Konzepte wie mentale Modellbildung,Antizipation,Problemlösen sowie
Handlungsplanung stehen daher im Mittelpunkt dieses Abschnitts. Diese Prozesse haben ge-
mein, dass sie eng mit dem Arbeitsgedächtnis verbunden sind, da sie Informationen aus diesem
verwenden und manipulieren. Entscheidungsfindung sowie Risikoabschätzung werden im Sinne
von Wickens & Hollands [WH00] separat behandelt.
91
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
3.2.2.1 Mentale Modellbildung und Antizipation
Die Einschätzung der aktuellen Situation geschieht basierend auf der mittels Wahrnehmung
erlangten, eingeordneten und interpretierten Informationen über die Umwelt. Die im Arbeitsge-
dächtnis (vgl. Abschnitt 3.2.1.1) vorhandene Repräsentation eines wahrgenommenen Objekts
oder einer Aufgabe mitsamt der ihm zugeordneten Eigenschaften wird als inneres oder mentales
Modell bezeichnet. Mentale Modelle sind nach Norman [
Nor83
] inhärent unvollkommen (da
oft stark vereinfacht), unbeständig (durch Vergessen gehen Inhalte verloren), nicht voneinander
abgrenzbar (unterschiedliche mentale Modelle können sich überlappen) unwissenschaftlich (im
Sinne einer Black Box können in dieser durchaus auch mystische Elemente vorhanden sein)
und unökonomisch (manche Handlungen werden nicht optimiert, da sie ja funktionieren). Trotz
all dieser Mängel stellen mentale Modelle die für einen Menschen zu jedem Zeitpunkt einzig
vorhandene Wahrheit dar, auf deren Grundlage er handelt. Mentale Modelle werden nicht be-
wusst erzeugt und können daher bei geringer Inanspruchnahme kognitiver Ressourcen verwendet
werden. Des Weiteren ändern sich mentale Modelle durch Erfahrung sowie Feedback, ebenso
beeinflussen sie die Steuerung der Aufmerksamkeit und somit auch das Situationsbewusstsein.
Für die zweite Stufe des Situationsbewusstseins (Verstehen) ist die Existenz mentaler Modelle
zwingend notwendig.
Im Kontext der Fahrzeugführung ergibt die Summe der mentalen Modelle (des eigenen Fahrzeugs,
anderer Verkehrsteilnehmer und Objekte, der Straßengeometrie usw.) ein durch die kognitiven
Fähigkeiten bzw. Einschränkungen des Fahrers gefiltertes, subjektives Abbild der realen Situation.
Mentale Modellbildung ist ein Prozess, der sich bezüglich Rasmussens Schema in die Ebenen der
regel- und wissensbasierten Handlungen einordnen lässt. Wenn also sensumotorische Programme
für die momentan zu lösende Problemstellung vorhanden sind, werden mentale Modelle nicht
oder in nur sehr geringem Umfang verwendet.
Die Annahme über zukünftiges Verhalten ist ebenso ein Bestandteil mentaler Modelle. Die
Verortung dieser Antizipationsprozesse im Wickens’schen Schema der Informationsverarbeitung
ist jedoch nicht eindeutig vorzunehmen, da diese zum einen im Bereich der Wahrnehmung
anzusiedeln sind, aber auch Einfluss auf den Entscheidungsprozess haben. In Endsleys Definition
des Situationsbewusstseins (vgl. auch Abschnitt 3.4.3) ist Antizipation die dritte und letzte Stufe.
Sommer [
Som13
] hingegen interpretiert Antizipation als eigenständige Stufe in einem eben-
falls vierstufigen Informationsverarbeitungsmodell (bestehend aus sensorischer Wahrnehmung,
kognitiver Verarbeitung, Antizipation und Entscheidung).
Ein weiterer Aspekt der mentalen Modellbildung besteht aus der Einordnung eines Objekts in
eine bestimmte Kategorie. Mit zunehmender Erfahrung nimmt die Anzahl der Modelle bzw.
Modellkategorien zu, so dass eine immer genauere Einschätzung und somit eine zunehmende
Annäherung des subjektiven mentalen Modells an die objektiven Eigenschaften stattfindet. Dies
gilt ebenso für die Wahrnehmung von Situationen, beispielsweise können Vorfahrtsregelungen in
komplexen Kreuzungssituationen gelernt werden, so das die kognitive Leistung nicht mehr aus
92
3.2 Informationsverarbeitung
dem kompletten Durchdringen der Situation besteht, sondern „nur“ noch das richtige mentale
Modell ausgewählt und parametriert werden muss.
Bezüglich eigener Handlungen unterscheidet Bubb [
BBGV15
] bei mentalen Modellen zwischen
„Wahrnehmungs-Handlungs-Modellen“und „Handlungs-Wahrnehmungs-Modellen“. Erstere be-
stehen aus den aus der Wahrnehmung abgeleiteten motorischen Handlungen, beinhalten also
eine Vorstellung einer noch durchzuführenden Handlung, während letztere die Vorstellung der
zukünftig wahrzunehmenden Situation aufgrund einer Handlung darstellen. Bei Übereinstim-
mung bzw. geringen Abweichungen der Vorstellungen vom wahrgenommenen Ergebnis bleibt
der komplette Vorgang im Bereich des Unbewussten. Bei wahrgenommenen Unterschieden
(z.B. einer unvorhergesehenen Aktion eines anderen Verkehrsteilnehmers oder nicht geplantem
Verhalten des eigenen Fahrzeugs) werden hingegen Entscheidungsprozesse notwendig, der Pfad
des Unbewussten wird verlassen. Ein (gutes) mentales Modell ist nicht unmittelbar von den
wahrnehmbaren Informationen abhängig: So kann ein momentan verdecktes Fahrzeug – falls das
mentale Modell ein plötzliches Verschwinden oder Anhalten nicht beinhaltet – in der Vorstellung
des Fahrers immer noch vorhanden sein. Ähnliches gilt auch reziprok: Ein sichtbares Fahrzeug
muss nicht zwangsläufig als mentales Modell existieren, wenn es aufgrund kognitiver Überlas-
tung oder fehlender Aufmerksamkeit übersehen wird. Mentale Modelle können analog zu Chunks
interpretiert werden: Aktuell verwendete mentale Modelle befinden sich im Arbeitsgedächtnis,
die Anzahl gleichzeitig vorhandener Modelle ist somit begrenzt. Die Genauigkeit eines mentalen
Modells bezüglich der objektiven Eigenschaften des real existierenden Objekts ist stark von den
individuellen Eigenschaften des Fahrers (z.B. Erfahrung oder Ortskenntnis) abhängig.
Fazit
Mentale Modelle stellen im Kontext der Fahrermodellierung ein sinnvolles Werkzeug
dar, um die dem Fahrer präsenten Informationen modellieren zu können. Nichtsdestoweniger
bildet die Parametrierung eines solchen Modells immer die subjektive Sicht des Modellierers
ab, da objektive Daten über mentale Modelle aus offensichtlichen Gründen nicht existieren.
Mittels des Chunking-Konzepts lassen sich jedoch realistisch die Grenzen der kognitiven Verar-
beitungskapazität bezüglich bewusster Prozesse in komplexen Verkehrssituationen simulieren.
Mentale Modelle bilden in der menschlichen Informationsverarbeitung die Grundlage für den
Entscheidungsprozess.
3.2.2.2 Problemlösen und Handlungsplanung
Problemlösen kann nach Freud als „inneres Probehandeln“ beschrieben werden (Blech [
Ble10
]).
Diese kurze Definition beschreibt diesen kognitiven Prozesses erstaunlich treffend. Anders aus-
gedrückt besteht Problemlösen aus einer gedachten Handlung, die von einem (unbefriedigenden)
Istzustand zu einem (befriedigenden) Sollzustand führt. Etwas technischer beschreibt dies Newell
[
NS72
]: Ein Problem besteht demnach aus drei Teilen: einem Ausgangszustand, einem Zielzu-
stand sowie einer Menge an Operationen, welche die Schritte beschreiben, die vom Ausgangs-
93
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
zum Zielzustand führen. Die sich stellende Aufgabe besteht somit darin, eine Superposition
der zur Verfügung stehenden Operationen zu finden, welche das Problem löst. Um ein Problem
lösen zu können, muss eine innere Repräsentation des Problemraumes erzeugt werden. Problem-
lösen besteht also zu einem Großteil aus planerischen Prozessen: Bekannte und ausführbare
Handlungen und Handlungssequenzen werden im Bereich des dem Auszuführenden möglichen
parametriert und kombiniert, so dass das gedachte Ziel erreicht werden kann. Funke [
Fun06
]
beschreibt nach Dörner [Dör89] den Ablauf von Problemlöseprozessen folgendermaßen:
1.)
Phase der Zielausarbeitung: Es wird eine Zielvorstellung entwickelt, die entweder präzise
oder komparativ formuliert werden kann. Zielkonflikte sind möglich („Polytelie“).
2.)
Modellbildung und Informationssammlung: Ein genaues Bild der Situation wird generiert,
relevante Informationen werden extrahiert (vgl. Abschnitt über mentale Modellbildung).
3.)
Prognose und Extrapolation: Es werden Abschätzungen über die weitere Entwicklung
der Situation getätigt, wobei die Dynamik der beteiligten Objekte bzw. Prozesse beachtet
werden muss, nichtlineare Dynamiken sind hierbei weitaus komplizierter zu antizipieren
als lineare Dynamiken.
4.)
Phase der Planung von Aktionen: Die Handlungsplanung findet auf Basis der gewonnenen
Informationen statt.
5.)
Phase der Entscheidung und Durchführung von Aktionen. Die geplanten Aktionen werden
durchgeführt.
6.)
Phase der Effektkontrolle und Revision der Handlungsstrategien. Es wird geprüft, ob das
gewünschte Ergebnis erreicht worden ist.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Definition des Begriffs „Ziel“: Nach Schmidt &
Kleinbeck [
SK06
] sind Ziele „Vorwegnahmen von Handlungsfolgen, die mehr oder weniger
bewusst zustande kommen“ und „beziehen sich auf zukünftige Handlungsergebnisse“. Diese
angestrebten Zielzustände sind aus technischer Sicht nichts anderes als Sollwerte (sowie teilweise
Handlungen, deren Ergebnis das Erreichen desselben darstellt), die entweder selbst gebildet oder
basierend auf externen Vorgaben erzeugt werden.
Im Kontext der Fahrzeugführung setzt sich der Fahrer größtenteils selbst Ziele, die auch auf
verschiedenen zeitlichen Ebenen existieren können. So ist beispielsweise Ziel
A
„Ich möchte so
schnell wie möglich ankommen“ ein für die komplette Fahrt gültiges Ziel, Ziel
B
„Ich möchte
den vorausfahrenden LKW überholen“ ein lokales Ziel, welches jedoch als Teilziel für Ziel
A
interpretiert werden kann. Diese Teilziele muss sich der Fahrer während einer Fahrt immer
wieder neu selbst definieren, um das größere Hauptziel erreichen zu können. Im Normalfall
existieren mehrere Hauptziele parallel: Das Ziel „Ich möchte sicher ankommen“ ist üblicherweise
bei jedem Fahrer zu jeder Zeit vorhanden. Somit kommt es oft zu Situationen, in denen sich
Ziele widersprechen und der Fahrer eine Priorisierung der unterschiedlichen Ziele durchführen
94
3.2 Informationsverarbeitung
Abbildung 3.16:
Prototypischer Ablauf des Problemlösens aus kognitiv-funktionalistischer Sicht
aus Blech [
Ble10
]. Explorationsziele sind den Handlungs- oder Sollwertzielen
bzw. Sollzuständen zeitlich und logisch vorgeordnet.
oder einen Kompromiss für ein lokales Ziel aushandeln muss, z. B. „ich werde so schnell und so
sicher wie möglich überholen“.
Problemlösen findet sich im Kontext der Fahrzeugführung zum einen im Bereich der Navigation
und ist bei unbekannten Strecken auf der wissensbasierten Ebene einzuordnen. Die aus der Ent-
wicklung von Handlungsstrategien zum Erreichen lokaler Ziele resultierenden Handlungen sind
zumeist Fahrmanöver (vgl. Abschnitt 4.1.1). Aus einem dem Fahrer durch seine Wahrnehmungs-
und Gedächtnisfähigkeiten bekannten Ausgangszustand und der darauf basierenden erzeugten
mentalen Modelle heraus generiert der Fahrer einen lokalen Plan. Die entsprechende Strategie
zur Problemlösung wird durch persönliche Charakteristika des Fahrers, beispielsweise Fahrer-
fahrung oder Risikobereitschaft parametriert. Dieses Art des Problemlösens findet zumeist auf
der fertigkeitsbasierten Ebene statt und betrifft daher Handlungen bzw. Handlungsstrategien,
die dem Fahrer bekannt, aber an die aktuelle Situation angepasst werden müssen. Nach Jür-
gensohn [
JBGS18
] ist bezüglich der Fahrzeugführung der Anteil der Prozesse, die bewusstes
Problemlösen verwenden, sehr gering.
Fazit
Das Problemlösen im kognitionspsychologischen Sinne spielt im Kontext der Fahrzeug-
führung quantitativ gesehen eine eher geringe Rolle, zum Großteil werden eingeübte Handlungs-
strategien verwendet oder unbewusst gehandelt. Bei unbekannten oder besonders komplexen
Situationen hingegen sind Handlungsstrategien, die mit Hilfe von kognitiven Problemlöseprozes-
sen generiert wurden, die einzig mögliche Alternative zu einer Nichthandlung.
3.2.3 Entscheidungsfindung und Risiko
Entscheidungen bezeichnen die Wahl zwischen mindestens zwei Handlungsalternativen. Einer
Entscheidung geht immer ein Entscheidungsprozess voraus, in welchem Ziele definiert, entspre-
chende Informationen aufgenommen und verarbeitet sowie mögliche Handlungen geplant und
die daraus folgenden Konsequenzen antizipiert werden. Neben den subjektiven – jedoch als
95
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Abbildung 3.17: Entscheidungsmodell nach Wickens & Hollands [WH00]
objektiv wahrgenommenen – Informationen (vgl. Ribbeck [
Rib
]) über die aktuelle Situation wird
die Entscheidungsfindung von Motivationen, Emotionen (vgl. Abschnitte 3.4.4 und 3.4.5) sowie
einer Reihe anderer sehr individueller Faktoren beeinflusst. Es wird zwischen „Entscheidung
unter Risiko“ – bei bekannten Wahrscheinlichkeiten für die Folgen des Handelns – und „Entschei-
dung unter Ungewissheit“ – bei unbekannten Wahrscheinlichkeiten unterschieden. Des Weiteren
spielt der Faktor Zeit bei der Entscheidungsfindung eine bedeutende Rolle: Entscheidungen unter
Zeitdruck sind, da sie auf mit weniger kognitiven Ressourcen generierten mentalen Modellen
basieren, naturgemäß öfter fehleranfällig als Entscheidungen, die in Ruhe getroffen werden
können. Nach dem Wickens’schen Modell der Entscheidungsfindung (vgl. Abbildung 3.17) sind
die wichtigsten Elemente bezüglich einer zu treffenden Entscheidung Selektive Aufmerksamkeit,
Diagnose und Reaktionsauswahl.Selektive Aufmerksamkeit wurde bereits im Abschnitt 3.4.1
beschrieben, Diagnose fasst die kognitiven Prozesse zusammen, welche für die Bewertung der
aktuellen Situation (Situationsbewusstsein, vgl. Abschnitt 3.4.3) verantwortlich sind. In der Reak-
tionswahl werden nun die im Arbeitsgedächtnis generierten mentalen Modelle mit Informationen
aus dem Langzeitgedächtnis kombiniert, um die Folgen der verschiedenen Handlungsalternativen
abzuschätzen und sich für eine der Handlungsalternativen zu entscheiden.
Für das Fahren gilt, dass Entscheidungen auf verschiedenen Ebenen der Fahraufgabe (wis-
sensbasiert, regelbasiert oder fertigkeitsbasiert bzw. auf der strategischen, taktischen- oder
Regelungsebene) getroffen werden können (vgl. Rasmussen [
RL82
] bzw. Michon [
Mic85
] und
Donges [
Don82
]). Bezüglich des Schemas von Rasmussen kann konstatiert werden, dass wissens-
basierte Entscheidungen ein hohes Maß an kognitiven Ressourcen verwenden, Routenplanung
oder komplexe bzw. unbekannte Kreuzungssituationen können hier als Beispiel dienen. Regelba-
sierte Entscheidungen hingegen erfordern nur die Auswahl einer adäquaten Handlung aus dem
Erfahrungsschatz des Fahrers (z. B. die Auswahl eines passenden Manövers, welches vom Fahrer
beherrscht wird). Fertigkeitsbasierte Entscheidungen, z.B. wie stark gelenkt oder gebremst
werden muss, geschehen hingegen unbewusst. Schaut man sich die Donges’sche Einteilung der
96
3.2 Informationsverarbeitung
Fahraufgabe an, so lässt sich Ähnliches feststellen: In der Navigationsebene werden Entscheidun-
gen über die Routenwahl getroffen, geschieht dies vor Fahrtantritt, steht für die entsprechenden
Diagnoseprozesse ausreichend Zeit zur Verfügung, falls während der Fahrt eine Änderung der
Routenplanung stattfinden muss (z.B. weil eine Straße kurzfristig gesperrt wurde), findet dies
jedoch oft unter Zeitdruck statt, so dass die Wahrscheinlichkeit für Fehlentscheidungen steigt.
In der Führungsebene hingegen wird entschieden, welche der aktuellen Situation angepassten
Zielgrößen (Abstände, Geschwindigkeiten, Spurwahl) gelten. Eine Handlungsauswahl (bzw.
die Auswahl eines Fahrmanövers) ist in dieser Ebene jedoch nicht vorgesehen. Die taktische
Ebene aus dem Michon-Modell erlaubt diese hingegen. Eine solche Auswahl kann mit oder
ohne Zeitdruck erfolgen und beansprucht je nach Komplexität und Erfahrung unterschiedliche
kognitive Ressourcen. Auf der Stabilisierungsebene getroffene Entscheidungen betreffen vor
allem Regelungsprozesse (Bedienung von Lenkrad und Pedalerie), welche im Allgemeinen
unbewusst ablaufen und daher kaum kognitive Ressourcen verwenden.
Nach Bubb [
BBGV15
] wird während eines Entscheidungsprozesses ein inneres Modellpaar
(bestehend aus Wahrnehmungs-Handlungspaar sowie Handlungs-Wahrnehmungspaar, vgl. Ab-
schnitt 3.2.2.1) ausgewählt. Bei mehreren möglichen Modellpaaren wird nun gedanklich jedes
Handlungs-Wahrnehmungs-Modell ausgewählt und eine Abschätzung über die Konsequenz
getroffen, danach wird jenes mit dem größten angenommenen Nutzen ausgewählt. Dieser (augen-
blickliche) Nutzen hängt von vielen Faktoren, u.a. Motivation, Emotion, Situationsbewusstsein
usw. ab und muss mit dem möglichen Schaden abgewogen werden. Das Erwartung-mal-Wert-
Modell erklärt Entscheidungen folgendermaßen: Die Attraktivität eines zu erreichenden Ziels
(Wert) wird mit der Wahrscheinlichkeit, das Ziel zu erreichen (Erwartung) verrechnet. Nach
Fiala [
Fia06
] können mehrere Sekunden vergehen, bis eine bewusste Entscheidung getroffen
wird. Auch den Untersuchungen von Sommer [
Som13
] zufolge werden die einzelnen Stufen
der Informationsverarbeitung in einem Zeitfenster von 7 bis 5 Sekunden vor einem handlungs-
relevanten Merkmal durchlaufen, wobei die tatsächliche Handlungsentscheidung etwa 4 bis 2
Sekunden vor diesem stattfindet.
Entscheidungsfindung und Risiko sind während des Autofahrens untrennbar miteinander ver-
knüpft. Aufgrund der systemimmanenten Gefahr, die von einem sich zumindest potentiell sehr
schnellen und mehrere Tonnen schweren Gefährt ausgeht, muss bei dessen Bedienung das Risiko
der entsprechenden Handlung mitberücksichtigt werden. Schon 1938 hat Gibson [
GC38
] das
Konzept der Sicherheitsreserve beim Fahren postuliert; ein „field of safe travel“ wird mittels
visueller Raumwahrnehmung eines Fahrers erzeugt, in dem sich gefahrlos bewegt werden kann.
Nach Taylor [
Tay64
] sind Autofahrer bestrebt, während der Fahrt einen konstanten Angstpegel
aufrechtzuerhalten. In aktuellen Veröffentlichungen wird eher das subjektive Risiko als die
hauptsächliche Einflussgröße bei der Entscheidungsfindung beim Autofahren betrachtet (Ra-
kotonirainy [
RS09
]). Als subjektives Risiko wird das Produkt eines subjektiven Wertes eines
unangenehmen Ereignisses und der subjektiven Wahrscheinlichkeit dessen Eintreffens bezeich-
net. Das beobachtbare Verhalten, dass sich mit objektiv zunehmender Sicherheit (z. B. durch
97
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Sicherheitssysteme im Fahrzeug oder bessere Straßen) ein riskanteres Fahrverhalten einstellt,
wird Risikokompensation genannt. Es gibt unterschiedliche Ansätze, um dieses Verhalten zu
erklären:
1.)
Null-Risiko-Theorie nach Näätänen & Summala [
NS74
], („zero-risk-theory“): Das vom
Fahrer gewünschte subjektive Risiko, das zusätzlich von Vigilanz und anderen motivationa-
len Faktoren beeinflusst wird, soll jederzeit „Null“ betragen. Später wurde dies verworfen
und gegen akzeptierte Sicherheitsspielräume („safety margins“) ersetzt, an denen sich
der Fahrer orientiert und mit deren Hilfe er sein Verhalten regelt (Näätänen & Summala
[NS74], [NS76])
2.)
Risikohomöostase von Wilde [
Wil82
] („risk homeostasis“): Im Gegensatz zur „zero-risk-
theory“ hat der Fahrer nach Wilde ein persönlich akzeptiertes Risiko, welches er versucht,
während der Fahrt konstant zu halten. Demnach ergibt sich das objektive Risiko ausschließ-
lich aus der persönlichen Risikoakzeptanz des Fahrers – objektive Sicherheitsverbesse-
rungen hätten somit keinerlei Einfluss. Gruendl [
Grü05
] bezeichnet die Theorie daher
auch als „provokant“ bzw. „extrem und pessimistisch“. Der Rückgang der Unfallzahlen in
den letzten Jahrzehnten widerspricht der Theorie ebenso (wenn man davon ausgeht, dass
Sicherheitssysteme einen gewissen Anteil daran haben).
3.)
Aufgabenschwierigkeitshomöostase nach Fuller [
Ful84
] („task difficulty homeostasis“):
Nicht das Risiko, sondern die Aufgabenschwierigkeit bestimmt das Verhalten und so-
mit Entscheidungen des Fahrers. Dieser ist bestrebt, ein bestimmtes Niveau der Auf-
gabenschwierigkeit aufrechtzuerhalten. Die Aufgabenschwierigkeit ergibt sich aus dem
Spannungsfeld zwischen den Anforderungen der aktuellen Aufgabe und den vorhanden
Fähigkeiten bzw. Ressourcen des Fahrers, diese zu erfüllen. Im TCI
5
-Modell [
Ful05
] wird
dies näher spezifiziert. Die Aufgabenschwierigkeit passt der Fahrer vor allem durch die
gewählte Geschwindigkeit an.
3.2.3.1 Entscheidungsmodelle für die Fahrermodellierung
Die realistische Modellierung menschlicher Entscheidungsprozesse stellt eine der größten Her-
ausforderungen im Kontext der Fahrermodellierung dar. Die hierfür notwendige Annahme, dass
Entscheidungen instantan aufgrund bestimmter und bekannter Parameter getroffen werden –
nicht anders entscheiden Algorithmen – lässt sich nur schwer mit den im menschlichen Gehirn
zum Teil unbewusst ablaufenden Prozessen in Einklang bringen. Nichtsdestoweniger wurden bis-
her unterschiedliche Versuche unternommen, menschliche Entscheidungsprozesse zu simulieren,
auf einige wird folgend eingegangen.
Salvucci [
Sal06
] integrierte eine simple Entscheidungskomponente mittels ACT-R in sein Fah-
rermodell, welche Entscheidungen bezüglich Spurwechselmanövern basierend auf der aktuellen
5„Task Capability Interface“
98
3.2 Informationsverarbeitung
Umgebung des Fahrzeugs tätigt. Wenn die Entscheidung für einen Spurwechsel getroffen wurde,
folgt die davon abhängige, zweite Entscheidung über den Zeitpunkt des Spurwechsels.
Boer & Hoedemaker [
BH98
] entwickelten basierend auf Rasmussens und Michons Modellen
und der „satisficing decision theory“ von Goodrich et al. [
GSF98
] ein Modell für menschli-
che Entscheidungsfindung beim Autofahren. Die Theorie des „satisficing decision makings“
– auf deutsch etwa „Treffen von zufriedenstellenden Entscheidungen“ – geht davon aus, dass
der Mensch keine optimale Lösung für bestimmte Problemstellungen sucht, sondern eine zu-
friedenstellende. Daher werden keine (im Sinne von Berechnungskosten) teuren Suchen nach
einer Optimallösung durchgeführt, da die Suche nach einer Lösung beendet wird, sobald ein
unterer Schwellwert für eine akzeptable Lösung überschritten worden ist. Das Modell besteht
analog zu Michons Modellvorschlag [
Mic85
] aus einer strategischen, einer taktischen und einer
operationalen Ebene. Sogenannte „decision makers“ regeln den Informationsfluss zwischen den
Ebenen (vgl. Abbildung 3.18) und bestimmen, welche mentalen Modelle aktiviert werden (vgl.
Abschnitt 3.2.2.1). Allgemein wird „Fahren“ als eine Aufgabe beschrieben, in welcher perma-
nent bestimmte Bedürfnisse befriedigt werden müssen und dies letztendlich bestimmt, welche
Fahrmanöver wie ausgeführt werden. Hierbei werden solche Entscheidungen für bestimmte
Aktionen getroffen, deren Nutzen letztendlich größer als deren entsprechende Kosten sind.
MM Needs
Strategic DM Strategy Selection
MM’s Task Set
Route
Situation
Performance
Tactical DM Task Scheduler/Attention Manager
MM’s Car Following ... Lane Keeping
Operational DMs
(actors) Car Following ... Lane Keeping
Abbildung 3.18:
Modell von Fahrerentscheidungen nach Boer & Hoedemaker [
BH98
]: Strategi-
sche,taktische und operative Entscheider („DM“) aktivieren unterschiedliche
mentale Modelle („MM“)
Konkret wird in der höchsten – der strategischen – Ebene die aktuelle Befriedigung ausgewertet
und falls diese eine bestimmte Schwelle unterschreitet, wird das mentale Modell „Routenfindung“
ausgewertet, um mögliche – befriedigendere – Routen zu generieren. Auf der taktischen Ebene
99
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
werden die Aufmerksamkeitsressourcen und jene für die Handlungen auf der operationalen Ebene
verteilt und Vorhersagen für die aktuelle und alternative Handlungen an die jeweils höhere Ebene
kommuniziert. Die Auswertung dieser mentalen Modelle für bestimmte Handlungsalternativen
wird nur bei Unterschreiten der Befriedigungsschwelle vorgenommen. Boer & Hoedemaker
teilen Fahrerbedürfnisse in unterschiedliche Klassen ein, z.B. Risikoverhalten (riskant vs. sicher),
Fahrvergnügen (werden bestimmte Routen bevorzugt oder nicht) sowie ökonomische Kosten.
Ein Modellierungsansatz, welcher Entscheidungsprozesse beinhaltet, ist im COSMODRIVE-
Modell integriert (vgl. Abschnitt 2.2.5.1). Entscheidungen werden basierend auf „envelope
zones“ (vgl. Abbildung 3.19) getroffen, die für jedes Fahrzeug existieren. Während des Fahrens
werden mögliche zukünftige Überlappungen vom Fahrermodell antizipiert und basierend auf
einer Entscheidungsmatrix, in welcher die entsprechenden Risikoklassen verzeichnet sind, wird
eine adäquate Fahrerhandlung ausgewählt (Bornard et al. [BSB16]).
Abbildung 3.19:
Umhüllende Zonen („envelope zones“) im COSMODRIVE-Modell aus Bornard
et al. [BSB16]
Irmscher [
Irm01a
] beschreibt einen auf Motivationen basierenden mehrstufigen Entscheidungs-
prozess zum Überholen. Eine Entscheidungslogik basierend auf Fuzzy Decision Making bestimmt,
ob ein Fahrermodell einen Überholvorgang initiiert oder im Folgemodus verharrt. Ein nachgeord-
neter Entscheidungsvorgang bestimmt den Zeitpunkt des Spurwechsels. Die Entscheidung auf
der sensumotorischen Ebene zwischen der Bedienung des Gas- oder Bremspedals wird ebenfalls
modelliert. Die Handlungsalternativen unterscheiden sich durch bestimmte Merkmale voneinan-
der, eine Entscheidung wird vom Fahrer basierend auf dem konkreten Nutzen – bestimmt durch
die Bewertung der Merkmale – getroffen. Die Merkmale liegen beim Fuzzy Decision Making in
Form linguistischer Variablen vor, die mit Nutzwertfunktionen verknüpft sind. Im Falle des Über-
holvorgangs sind dies „relativer Abstand“ und „relative Geschwindigkeit des vorausfahrenden
Fahrzeugs“ sowie „Geschwindigkeit des eigenen Fahrzeugs“ und eine Situationseinschätzung
des Fahrers (vgl. Abbildung 3.20).
Al-Shibabi & Mourant [
ASM01
], [
ASM03
] implementierten in ihr Fahrermodell-Framework
ebenfalls eine „decicion-making unit“ (DMU) basierend auf Fuzzy-Techniken, welche taktische
Manöverentscheidungen – ebenfalls angelehnt an Michons Drei-Ebenen-Modell – trifft. Ein
„decision-implementation unit“ (DIU) verwirklicht die vom DMU getroffenen Entscheidungen
auf der operationalen Ebene. Die Entscheidungen hängen von aktuellen Informationen sowie
dem momentanen emotionalen Status des Fahrers ab. Strategische Entscheidungen (Routenwahl)
100
3.3 Handlungsausführung
Abbildung 3.20: Entscheidungsprozesse beim Überholen nach Irmscher [Irm01a]
werden von einem externen „traffic controller“ herbeigeführt und sind nicht Teil der Simulation.
Entscheidungen werden mit dem Ziel getroffen, den emotionalen Zustand des Fahrers zu verbes-
sern, in dem entweder die Befriedigung erhöht oder ein vorhandenes Unbehagen verringert wird
– je nach aktueller Priorität.
Fazit Der Prozess der Entscheidungsfindung ist im Straßenverkehr nicht ohne Risikoabschät-
zung denkbar. Die Frage, wie ein menschlicher Fahrer diese Abschätzung durchführt, welche
Prioritäten er dabei setzt oder wie sich das subjektive Risiko bei sich ändernder objektiver
Sicherheitslage verändert, kann mit unterschiedlichen Theorien beantwortet werden. Die Be-
rücksichtigung eines subjektiven Risikos kann jedoch dazu dienen, Entscheidungen des Fahrers
(gewünschte Geschwindigkeiten, Start von Manövern etc.) besser nachvollziehen zu können. Ein
berechnetes Maß für das subjektive Risiko bzw. die subjektive Aufgabenschwierigkeit kann in
einem menschähnlichen Fahrermodell dazu dienen, realistischere, individuelle und situativ „rich-
tigere“ Sollwerte für Längs- und Querregelung zu erzeugen. Entscheidungsalgorithmen in bisher
implementierten Fahrermodellen orientieren sich zumeist an einem Kosten-Nutzen-Verhältnis.
Es werden unterschiedliche Attribute (Zufriedenheit, emotionaler Zustand, Risiko usw.) als Maß
verwendet, welches es durch bestimmte Manöver zu verbessern gilt.
3.3 Handlungsausführung
Dem Informationsverarbeitungsparadigma von Wickens folgend wird in der Ebene der Hand-
lungsausführung eine Handlung mittels Muskeln und Gelenken so vollzogen, dass das gewählte
Ziel erreicht wird [
WH00
]). Die physische Ausführung einer Handlung stellt die Verbindung
des Menschen zu seiner Umwelt her, nur durch sie kann auf diese eingewirkt und somit auf
101
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
das Erreichen eigener Ziele hingearbeitet werden. Durch die Rückkopplung mit der sich ver-
ändernden Umwelt können neue Informationen aufgenommen werden, welche wiederum zu
neuen Handlungen führen können. Die Begrifflichkeit der Handlung grenzt sich nach Leontjew
[
Leo12
] durch das Vorhandensein eines zugeordneten Ziels von einer Tätigkeit ab, kleinere und
kürzere Teilhandlungen können als Operationen definiert werden. Das Fahren ist dementspre-
chend eine Tätigkeit. Ein Fahrmanöver, das ein bestimmtes Ziel besitzt (z B. das Überholen eines
vorausfahrenden Fahreugs) ist somit eine Handlung (vgl. Abschnitt 4.1.1). Die Bedienung des
Lenkrads sowie der Pedalerie sind – so sie denn voneinander abgrenzbar und keine permanent
stattfindende Regelung sind – Operationen. Das Kapitel 4 beschäftigt sich ausführlich u.a. mit
der hier dargestellten Problematik der Abgrenzung von zeitlich abgrenzbaren Manövern im
Gegensatz zu homöostatischen Regelungshandlungen des Fahrers.
Tätigkeit
Handlung A
Operation 1 Operation 2
Handlung B
Operation 1 Operation 2 Operation 3
Abbildung 3.21: Strukturelle Einordnung von Tätigkeiten, Handlungen und Operationen
3.3.1 Der Handlungsbegriff, Handlungsregulation und Volition
Eine Handlung ist nach Hacker „eine zeitlich in sich geschlossene, auf ein Ziel gerichtete sowie
inhaltlich und zeitlich gegliederte Einheit der Tätigkeit“, welche sich durch das bewusste Ziel
von Tätigkeiten abgrenzt [
Hac99
]. Die Zielgerichtetheit einer Handlung sowie deren bewusste
Ausführung stellt eine zentrale Annahme von Handlungsregulationstheorien dar. Diese beschrei-
ben, wie Menschen psychische Ressourcen und gegebene Werkzeuge einsetzen, um zielgerichtet
Aufträge zu erfüllen, in dem Handlungen in „komplexe aber dennoch hochflexibel an aktuelle
Umstände anpassbare Hierarchien von Operationen, Teilhandlungen und Bewegungen umgesetzt
werden, um ein Ziel zu erreichen“ (Timpe, [
TJK02
]). Miller et al. [
MGP60
] erläutern bereits
1960 eine Systematik zur Beschreibung von zielstrebigem Handeln (TOTE-Modell: Test - Opera-
te - Test - Exit). Eine Handlung wird hier als Aneinanderreihung von Prüf- und Aktionsphasen
beschrieben: Einer Testphase, in der ein Soll- mit einem Istwert verglichen wird, folgt bei In-
kongruenz der Werte eine Aktionsphase, in der eine Operation durchgeführt wird, welche zum
Ziel hat, den Istwert dem Sollwert anzugleichen. Bei Kongruenz der Werte wird die Rückkopp-
lungsschleife verlassen (vgl. Abbildung 3.22). Der Begriff „Handlungsregulationstheorie“ geht
auf die Arbeiten von Hacker [
Hac73
] bzw. Volpert [
Vol74
] zurück. Es werden drei Regulations-
ebenen eingeführt: Die intellektuelle, die perzeptiv-begriffliche und die sensumotorische. Die
Handlungsausführung stellt in diesem Kontext die unterste Regulationsebene dar.
102
3.3 Handlungsausführung
Abbildung 3.22: Handlungsmodell aus Jürgensohn [Jür97] nach Miller et al. [MGP60]
Handlungen können zumeist mit Hilfe einer hierarchisch-sequentiellen Struktur dargestellt wer-
den und sind daher in Algorithmen abbildbar. Die kleinsten Elemente – die Grundbausteine
menschlichen Handelns – innerhalb dieser Struktur nennt Volpert „zyklische Einheiten“ [
Vol83
].
Diese bestehen aus einem Ziel und Transformationen, mit deren Hilfe sich dem Ziel schrittweise
genähert werden kann. Diese Transformationen bestehen aus einfachen Bewegungen, die durch-
aus auch automatisiert ablaufen können. Ziele und Teilziele der Handlungen und Teilhandlungen
ergeben einen Handlungsplan. Teilziele können – im Unterschied zu Zielen – auch mit geringem
Anteil bewusster kognitiver Prozesse erreicht werden. Eine einzelne Transformation kann ebenso
als zyklische Einheit aufgefasst werden, so dass eine hierarchische Ordnung bzw. ein pyramidales
Gebilde entsteht (vgl. Abbildung 3.23). Bei Übereinstimmung von
(Teil-)Ziel
und Transforma-
tionsergebnis wird dies der nächsthöheren Ebene übermittelt, was solange durchgeführt wird,
bis das Ziel der obersten Handlungsebene erreicht und die Handlung somit erfolgreich beendet
werden kann.
Abbildung 3.23: Hierarchisch-sequentielles Handlungsmodell nach Volpert [Vol83]
Handlungen lassen sich ebenso zeitlich gliedern. Frese & Zapf [
FZ94
] beschreiben sechs Phasen
einer Handlung: In der ersten Phase, der Zielbildung, wird die Ausrichtung auf ein bestimmtes
Ziel festgelegt bzw. bei mehreren möglichen Zielen wird sich für ein bestimmtes Ziel entschieden.
In der zweiten Phase, der Orientierungsphase, werden mögliche Ausführungen eruiert. In der
dritten Phase, der Planungsphase, werden ein oder mehrere Pläne für die Handlung entworfen,
103
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Abbildung 3.24: Rubikonmodell der Handlungsphasen nach Heckhausen [Hec89]
wobei Komplexität eines solchen Plans im Allgemeinen mit zunehmender Länge der Handlung
abnimmt. In der fünften, der Entscheidungsphase, wird einer der entwickelten Pläne ausgesucht
und in der sechsten Phase, der Ausführungsphase, abgearbeitet. In der letzten Phase, dem Feed-
back, werden Informationen der Umwelt verwendet, um den Grad der Planerfüllung feststellen
zu können. Die einzelnen Phasen dieses Modells sind jedoch nicht als starr von einander abge-
grenzt zu verstehen, auch können während eines Handlungsprozesses unterschiedliche Phasen
übersprungen werden.
Betrachtet man die Handlung aus der Perspektive des Handelnden, so stellt sich die Frage nach
seiner Motivation während der Handlung bzw. deren Beibehaltung. Der Begriff der Volition
beschreibt die Umsetzung von Motiven in Handlungen bzw. die Bereitschaft zur Handlung
und die Verpflichtung gegenüber den Zielen der Handlung. Volition ist somit immer an ein
Ziel geknüpft. Blech [
Ble10
] beschreibt Volition als „willentliche Verhaltenskontrolle“ mit der
Aufgabe, sich an Ziele zu binden und diese gedanklich aufrecht zu erhalten. Das „Rubikon-
Modell“ der Handlungsphasen nach Heckhausen [
Hec89
] betrachtet diese Problematik und
beschreibt ebenso volitionale Prozesse, also Prozesse der bewussten Handlungsregulation (vgl.
Abbildung 3.24). Aus der subjektiven Sicht des Handelnden gliedert sich eine Handlung in
vier Phasen: Die erste Phase, die prädezisionale Phase, ist eine motivationale, hier werden
Handlungsoptionen gegenübergestellt und abgewogen. In der zweiten, der präaktionalen Phase,
setzt die volitionale Kontrolle ein, die Handlung wird geplant und initiiert. Während der dritten,
der aktionalen Phase, wird die Handlung mit der durch die Volitionsstärke definierten Stärke bzw.
Ausdauer durchgeführt. Bei Erreichen des Zielzustands wird die letzte, die postaktionale Phase,
begonnen und das Ergebnis der Handlung bezüglich des Ziels bewertet. Der Übergang von der
prädezisionalen zur präaktionalen Phase beschreibt die nicht wieder rückgängig zu machende
Festlegung für eine bestimmte Handlung und wird daher mit dem Übertritt des Grenzflusses
Rubikon durch Julius Caesar verglichen.
Fazit
Handlungsregulationsmodelle sind nützlich, um die Art und Weise, wie sich Handlungen,
die von Maschinen durchgeführt werden, von denen, die von Menschen durchgeführt werden,
104
3.3 Handlungsausführung
unterscheiden. Das Konzept der volitionalen Handlungskontrolle erlaubt es, Handlungen nicht
nur als rein kybernetische Konstrukte zu betrachten, sondern – je nach Volitionsstärke – die
Art und Weise der Durchführung der Handlung zu beeinflussen. Die hierarchisch-sequentielle
Strukturierung einer Handlung ermöglicht eine rekursive algorithmische Umsetzung („divide-and-
conquer“) und ist daher aus Programmierersicht eine effizienter Ansatz für eine Modellierung.
3.3.2 Sensumotorik
Die Interaktion der menschlichen Aktoren durch motorische Aktionen mit ihrer Umwelt kann mit
dem Begriff Sensumotorik umschrieben werden. Oftmals wird auch der Begriff Psychomotorik
gebraucht, wegen der unscharfen Definition dieses Begriffs sowie dessen Verwendung in anderen
Gebieten wird er in dieser Arbeit jedoch nicht weiter verwendet. Im Unterschied zu kognitiven
Prozessen, welche ebenso auf Informationen aus der Wahrnehmung zurückgreifen können, sind
sensumotorische Prozesse direkt mit motorischen Aktionen gekoppelt. Im Drei-Ebenen-Modell
des menschlichen Verhaltens nach Rasmussen [
RL82
] sind die sensumotorischen Aktionen
daher basaler Bestandteil des fertigkeitsbasierten Handelns (vgl. Abbildung 2.6 bzw. Abschnitt
3.3.2).
Einerseits sind sensumotorische Prozesse für die Durchführung von Handlungen bzw. Handlungs-
plänen zuständig, welche mittels kognitiver Prozesse erzeugt wurden, andererseits existieren auch
solche, die ohne jede Verbindung zur Kognition existieren. Erstere nennt Jürgensohn „kognitiv-
sensumotorisch“, letztere „rein sensumotorisch“ – beispielsweise das Aufrechterhalten einer
konstanten Kraft bei äußeren Störeinflüssen [
JBGS18
]. Eine reine Dichotomie zwischen beiden
Interpretationen sollte jedoch nicht angenommen werden, vielmehr ergibt sich ein Spektrum
zwischen „kognitiv-sensumotorisch“ und „rein sensumotorisch“. Zumeist existiert ein Einfluss
der Kognition auf die Sensumotorik, sei es als überwachendes oder als zielgebendes Element. Es
kann davon ausgegangen werden, dass der kognitive Einfluss auf sensumotorische Prozesse mit
zunehmender Expertise einer bestimmten Handlung abnimmt, die – langsameren – Regelanteile
nehmen dementsprechend zugunsten der – schnelleren – Steuerungsanteile ab.
Die direkte Verbindung zum sensorischen Input bedeutet, dass sensumotorische Operationen
vornehmlich unterbewusst ausgeführt werden, die übergeordnete Handlung ist jedoch – im
Unterschied zu vegetativen Funktionen – eine durch kognitive Prozesse bewusst erzeugte (vgl.
Abschnitt 3.2.2.2). Diese sensumotorischen Prozesse lassen sich regelungstechnisch sehr genau
beschreiben (z. B. durch das „Crossover-Modell“, Jürgensohn [
Jür97
]) und laufen bei gut geübten
Tätigkeiten ohne den „Umweg“ über kognitive Prozesse ab, so dass eine direkte Rückkopplung
zwischen Kognition und Sensumotorik besteht.
Menschliche Bewegungen können gesteuert oder geregelt ausgeführt werden. Gesteuerte Be-
wegungen bezeichnet man auch als ballistisch, da – wie bei einer ballistischen Flugbahn eines
Geschosses – nach dem Start der Bewegung diese nicht weiter modifiziert werden können.
Ballistische Bewegungen bestehen aus zwei Phasen: Beschleunigen und Bremsen, menschliche
105
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Willkürbewegungen (Blicksakkaden, Zeigebewegungen) sind typisch ballistische Bewegungen.
Geregelte Bewegungen hingegen zeichnen sich – wegen ständiger Anpassungen – durch einen
glatteren Verlauf aus. Im Allgemeinen bestehen Bewegungen aus Anteilen beider Bewegungsar-
ten, wobei der ballistische Bewegungsanteil bei hoch geübten Handlungen ansteigt.
Generalisierte Motorprogramme
Ein Konzept zur Beschreibung bestimmter, parametrier-
barer Bewegungsmuster ist das der Generalisierten Motorprogramme. Die von Schmidt [
Sch75
]
entwickelte Theorie postuliert eine prototypische Bewegungsabfolge, welche aus einzelnen
Bewegungen zusammengesetzt wird und sich mittels bestimmter Parameter modifizieren lässt.
Eine so erzeugte Bewegung hat den Vorteil, dass sie deutlich weniger kognitive Ressourcen
beansprucht, jedoch flexibler ist als fest gespeicherte Muskelkommandos. Als Invarianten kom-
men relative Zeitintervalle und Kräfte in Frage (Grzesik [
Grz09
] erwähnt zusätzlich invariante
Bewegungsdauern). Freie Parameter sind beispielsweise die Dauer der Gesamtbewegung, deren
Stärke oder Geschwindigkeit. Angelehnt an diesen Ansatz wurde von Jürgensohn & Kupschick
[
JK08
] ein Fahrermodell implementiert, welches basierend auf Realdaten von Testfahrern in der
Lage war, hochdynamische Handling-Szenarien (z. B. Doppelter Spurwechsel) menschähnlich
zu durchfahren.
Fazit
Die Verwendung (kognitiv-)sensumotorischer Prozesse zum Behufe einer maximal men-
schähnlichen Modellierung eines Fahrers erscheint aus verschiedenen Gründen als sinnvoll:
Beispielsweise lassen sich spezielle Charakteristika wie z.B. Fahrerfahrung durch einen er-
höhten Anteil von gesteuertem gegenüber geregeltem Verhalten abbilden. Weiterhin können
sehr individuelle Bewegungsmuster mit entsprechenden Parametersätzen verwendet werden, um
bestimmte Fahrweisen modellieren zu können (vgl. „Handschrift des Lenkens“, Jürgensohn et al.
[JJW97]).
3.3.3 Physiologische Aspekte
Die physikalische Ausführung einer Handlung wird durch die menschliche Muskulatur vor-
genommen, mit deren Hilfe Gelenke so bewegt werden können, dass die gewünschte Aktion
durchgeführt werden kann. Eine solche, physische Handlung ist immer auch das Ergebnis komple-
xer neuronaler Prozesse: Ein Beweggrund für eine Handlung, erzeugt in den Motivationsarealen
des Gehirns oftmals aufgrund eines Stimulus
6
, wird zunächst in einen Bewegungsplan umge-
setzt. Dann wird ein Bewegungsprogramm entwickelt, dessen Ausführung vom Motorkortex
überwacht und von der Skelettmuskulatur durchzuführen ist. Eine Bewegung ist somit durch
eine hierarchische Kaskade aus Planung, Programmierung und Durchführung gekennzeichnet
(Schmidt et al. [SLH07]).
6Die Auslösung einer Bewegung kann jedoch auch willkürlich ohne Stimulus oder unwillkürlich erfolgen.
106
3.3 Handlungsausführung
Bewegungen werden über Motoneurone, also efferente Nervenzellen aus dem ZNS, gesteuert. Je
weniger Muskelfasern mit einem Motoneuron verbunden sind, desto genauer kann die erzeugte
Bewegung geregelt werden. Man unterscheidet zwischen oberen (UMN - „Upper Moto Neuron“)
und unteren Motoneuronen (LMN - „Lower Moto Neuron“). Erstere befinden sich in der motori-
schen Rinde des Gehirns und können bewusste Bewegungen auslösen bzw. steuern, jedoch nur
indirekt über die Verbindung zu den LMN. Diese hingegen befinden sich in der „grauen Substanz“
des Rückenmarks und können durch Innervation einzelner oder mehrerer Muskelfasern eine
Kontraktion dieser bewirken, sodass eine Kraft an den Gelenken anliegt, welche die gewünschte
Bewegung erzeugt. Prinzipiell existieren zwei Möglichkeiten, Bewegungsprogramme zu den
Muskeln zu leiten: Schnelle und grobmotorische Bewegungen werden über
α
-Motoneurone ins
Rückenmark transportiert, feinmotorische Bewegungen über
γ
-Motoneurone. Die Feinmotorik
wird hierbei jedoch von der Grobmotorik überlagert. Im Rückenmark wird festgestellt, ob der
gewünschte Sollzustand erreicht wurde. Diese „direkte“ Rückkopplung ohne den Umweg über
das Gehirn wird Eigenreflexbogen genannt, diese Reaktion ist etwa vier mal schneller als die
über die Kognition (Gillet [Gil99]).
Nach Bubb [
BBGV15
] existieren bezüglich des Hand-Arm-Systems zwei parallele Regelkreise,
mit denen der Mensch Handlungen vollzieht: Längenservomechanismus (auch: Wegservomecha-
nismus) und Kraftservomechanismus. Ersterer übernimmt die Regelung eines Weges mit dem
Ziel, diesen störungsfrei einstellen zu können. Mittels Kraftservomechanismus hingegen kann
eine konstante Kraft im Muskel eingeregelt werden. Dem Längenservomechanismus kommt
eine etwa
5−10
mal stärkere Bedeutung als dem Kraftservomechanismus zu, daher ist der
Mensch dazu in der Lage, den Weg feiner als die Kraft zu regeln (Bolte [Bol91]). Ausführliche
Beschreibungen der neurophysiologischen Prozesse finden sich u.a. bei Grzesik [
Grz09
], Wolf
[Wol09], Bubb [BBGV15] und Schmidt [SLH07].
Reaktionszeit
Wichtige Aspekte bei der Beurteilung der Fähigkeiten des Menschen, hochdy-
namische Prozesse zu regeln, sind Informationen über die Größe physischer Signallaufzeiten
sowie Verarbeitungsgeschwindigkeiten von Informationen. Allein bei einer typischen Fahrge-
schwindigkeit von
130
km/h auf einer Autobahn bewegt sich der Mensch pro Sekunde um etwa
36
m fort. Unterschiede von einigen Zehntelsekunden können daher – etwas pathetisch formuliert
– den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Die menschliche Reaktionszeit wird
allgemein als „Zeitspanne zwischen dem Eintreten eines bestimmten Reizes und dem Beginn der
ersten darauf gerichteten Handlung“ definiert.
Laut Wolf [
Wol09
] ergibt sich die menschliche Reaktionszeit aus der sensorischen Empfindungs-
latenzzeit und der effektorischen Latenzzeit und hat im Normalfall eine Größenordnung von
etwa 200ms, falls keine willentlichen Verzögerungen vorhanden sind (vgl. Abbildung 3.25).
Typische Stelleingriffe des Fahrers zur Kompensation von Regelabweichungen auf der Stabili-
sierungsebene liegen nach Donges [
Don77
] im Bereich einiger
100
ms, oftmals sei jedoch zu
107
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
beobachten, dass Totzeiten bei geschlossenem Regelkreis selten kleiner als eine halbe Sekunde
sind. Bei unerwarteten Ereignissen sind die Zeiten noch größer, diese liegen im Bereich von
etwa 2 bis 3 Sekunden, bei höherer Komplexität kann die Reaktionszeit weiter ansteigen. Nach
Winner [
Win15
] liegen die Reaktionszeiten von Autofahrern bei erwarteten Situationen bei etwa
0,7
s, bei unerwarteten, aber bekannten Situationen bei etwa
1,25
s und bei bis zu
1,5
s bei
überraschenden Situationen.
Reaktionszeiten unterscheiden sich des Weiteren abhängig vom verwendeten Informationskanal:
Bei visueller Informationsaufnahme werden oft Zeiten von 200 ms bis 400 ms angenommen, auf
auditiv wahrgenommene Informationen kann innerhalb von 100ms bis 150ms reagiert werden,
am schnellsten ist eine Reaktion bei haptischem Input möglich – wegen des „kurzen Weges“ über
den Eigenreflexbogen im Rückenmark kann bereits nach 80ms bis 150ms reagiert werden.
Abbildung 3.25:
Minimale Reaktionszeit bei optischer Informationsaufnahme aus Wolf [
Wol09
]
Für die Fahrzeugführung ist ebenfalls die Umsetzzeit interessant. Diese beschreibt die Zeit, die
der Fahrer benötigt, um vom Gas- auf das Bremspedal zu wechseln. Diese beträgt laut Winner
[Win15] etwa 0,2 Sekunden und muss gegebenenfalls zur Reaktionszeit addiert werden.
Fazit
Das Wissen um die Art und Weise, wie der Mensch Handlungen physikalisch ausführt,
kann helfen, realistischere Fahrermodelle zu generieren. Allein die Implementierung typisch
menschlicher Kenngrößen, wie z.B. vom Wahrnehmungskanal abhängige Reaktionszeiten, kann
zu einem realitätsnäheren Modell führen. Eine komplexe Simulation der neurophysiologischen
Vorgänge mag für spezielle Anwendungsfälle, beispielsweise bei der Simulation von Fahrern mit
gewissen Einschränkungen, nützlich sein, zumeist scheint der Aufwand der Implementierung
den Nutzen jedoch nicht rechtfertigen zu können.
108
3.3 Handlungsausführung
Abbildung 3.26:
Motorik des Lenkens – links: Modellierung der Gelenkmomente und Lenkkräfte
bei Lenkvorgängen; rechts: potentiell am Lenkvorgang beteiligte Muskeln, aus
Pick & Cole [PC06]
3.3.4 Handlungsausführung beim Autofahren
Die Handlungsausführung beim Autofahren erfolgt zum einen über die Hände/Arme zur Lenk-
radbetätigung und zum anderen über die Füße/Beine für das Betätigen der Pedalerie. Weitere
Bedienelemente, wie Schaltung, Navigations- bzw. Entertainmentsystem usw. werden ebenfalls
mit den Händen bedient, sind jedoch bezüglich des Kontextes der Fahraufgabe von untergeordne-
ter Bedeutung. Das Lenken – im Kontext der Handlungsausführung kann dies als „Ausführung
von Lenkhandlungen“ interpretiert werden – kann somit als die Hauptaufgabe eines Fahrzeugfüh-
rers bezeichnet werden. Nach Pick & Cole [
PC06
] sind am Lenkvorgang vor allem der vordere
und mittlere Deltamuskel (musculus deltoideus), der lange Kopf des dreiköpfigen Armmuskels
(triceps brachii) sowie der Brustbein-Rippenteil (pars sternocostalis) des großen Brustmuskels
(musculus pectoralis major) beteiligt. Diese Muskeln erzeugen durch Anheben bzw. Absen-
ken von Arm und Schultern tangentiale Kräfte, welche das Lenkrad in Bewegung setzen (vgl.
Abbildung 3.26).
Es existieren verschiedene Modelle, die die Physis des Menschen bzgl. des Lenkens abbil-
den. Gemeinsam ist diesen Modellen, dass die Dynamik der Arme, also Dämpfung, Trägheit
usw. sowie die sensorischen Rückmeldungen der Position des Lenkrads und des anliegenden
Lenkmoments modelliert werden (z.B. bei Pick & Cole [
PC03
]). Ein Modell für das Lenken
in diesem Kontext ist in Abbildung 3.27 dargestellt, die Modelle für die Muskulatur basieren
zumeist auf dem Modell Hills von
1938
[
Hil38
]. Dieses beschreibt einen Muskel basierend auf
drei Komponenten: ein eine aktive Kraft erzeugendes kontraktiles Element (CC), ein serielles
elastisches Element (SEC) sowie ein paralleles elastisches Element (PEC). SEC und PEC stehen
für die passiven, weichen Bindegewebe und Sehnen, sowie nicht aktive Muskelfasern, CE sind
aktive Muskelfasern. Eine Übersicht über weitere Muskelmodelle und deren Implementierung ist
in der Arbeit von Henning zu finden [Hen06].
109
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Abbildung 3.27:
Modell des neuromuskulären Systems während des Lenkens aus Pick & Cole
[PC03]
Die Umsetzung der Fahraufgabe in physiologische Handlungen geschieht über die im Abschnitt
3.3.3 beschriebenen Regelkreise (Längen- bzw. Kraftservomechanismus). Betrachtet man die
Lenkhandlung etwas genauer mit Bezug auf die beiden Regelungsmechanismen, so stellt sich
die Frage, wann genau welcher der beiden Mechanismen zum Einsatz kommt. Nach Rühmann
[
Rüh78
] (zitiert nach Wolf [
Wol09
]) wird durch eine Kraft eine initiale Bewegung gestartet,
welche durch entsprechende Rezeptoren (Tiefensensibilität) kontrolliert wird. Solange der Fahrer
in der Lage ist, den Weg bzw. eine Längenänderung zu regeln, wird er dies tun, bis dieses nicht
mehr möglich ist – dann setzt die Regelung der Kraft ein. Für das Lenken eines Fahrzeugs lässt
sich somit schlussfolgern, dass das konstante Halten eines Lenkwinkels mittels Kraftregelung
umgesetzt wird, das Einstellen eines bestimmten Lenkwinkels jedoch über eine Wegregelung
realisiert wird (vgl. Abbildung 3.28). Diese Mechanismen werden während Notsituationen
ausgesetzt, da nicht genügend kognitive Ressourcen für eine Regelung vorhanden sind – das
schnellstmögliche Herumreißen des Lenkrads ist eine gesteuerte Handlung, die Regelung setzt
dann wieder ein, sobald genügend Ressourcen verfügbar sind.
Eine Problematik bei der Handlungsausführung bezüglich des Lenkens besteht in der Kopplung
mit der Fahrgeschwindigkeit: Bei niedrigen Geschwindigkeiten müssen im Allgemeinen größere
Amplituden des Lenkwinkels aufgebracht werden, so dass der Lenkradstellung eine größere
Bedeutung beigemessen werden kann. Bei höheren Geschwindigkeiten hingegen sinkt der nutz-
bare Bereich der Lenkradposition, so dass der Fahrer nun vor allem über das Rückstellmoment
regelt.
Des Weiteren muss laut Beruscha [
Ber12
] beachtet werden, dass bei bestimmten einarmigen
Lenkvorgängen aufgrund der Nutzung unterschiedlicher Muskeln zwischen einer Lenkraddre-
hung im Uhrzeigersinn und einer Drehung gegen den Uhrzeigersinn unterschieden werden muss.
110
3.3 Handlungsausführung
Abbildung 3.28: Blockschaltbild des Lenkvorgangs aus Wolf [Wol09]
Dies kann dazu führen, dass fahrerseitig bestimmte Prioritäten für Handlungen in eine bestimmte
Richtung existieren.
Die Regelung der Geschwindigkeit des Fahrzeugs wird über die Pedalerie geregelt, direkten
Einfluss haben hierbei das Gas- sowie das Bremspedal. Im Gegensatz zum Lenken ist die Ge-
schwindigkeitsregelung mittels Pedalerie eine eindimensionale Aufgabe. Die Bedienung von
Gas-und Bremspedal unterscheidet sich jedoch voneinander: So ist ein stetiger Druck auf das
Gaspedal die normale Verhaltensweise, da aufgrund physikalischer Gegebenheiten dem Mo-
tor kontinuierlich Kraftstoff zugeführt werden muss, um eine gewünschte Geschwindigkeit
aufrechtzuerhalten. Das Bremspedal hingegen wird nur verwendet, wenn die Geschwindigkeit
schneller, als es die Reibungskräfte zulassen, verringert werden muss. Der Bremsvorgang ist
ebenso wie das Lenken eine geregelte Handlung – der Bremswunsch des Fahrers wird durch das
Bremssystem des Fahrzeugs in einen Bremsdruck umgesetzt, der zu einer Geschwindigkeits-
verringerung des Fahrzeugs führt. Der Mensch nimmt zum einen die Reaktion des Fahrzeugs
(vor allem Position, Geschwindigkeit, Beschleunigung, aber auch Nick- und Gierwinkel sowie
deren Ableitungen), zum anderen aber auch haptische Informationen über das Bremspedal auf
(Pedalweg und Pedalkraft, vgl. Abbildung 3.29).
Für die Ausführung der motorischen Aktionen des Bremsvorgangs (Heben des Fußes und
Aufrechterhalten einer bestimmten Fußposition) ist vor allem der vordere Schienbeinmuskel
111
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Abbildung 3.29:
Bremsregelkreis nach Grzesik [
Grz09
]): Der Fahrer setzt den Bremswunsch
an das Bremssystem um. Zurückgeführt werden die haptischen Variablen der
Pedaldynamik sowie die Kinematik der Fahrzeugbewegung
(musculus tibialis anterior) verantwortlich (Sendler et al. [
SAFA06
]). Ein Fahrermodell für eine
menschähnliche Bremsstrategie haben z.B. Kim et al. [KOK+05] implementiert. Des Weiteren
gibt es verschiedene kinematische Menschmodelle, die für ergonomische Untersuchungen die
menschliche Physis detailgenau abbilden, beispielsweise RAMSIS, JACK und andere (eine
Zusammenfassung findet sich u.a. in Bubb [BBGV15]).
Fazit
Die menschliche Aktuatorik begrenzt durch ihre physikalischen Limitationen die Ausfüh-
rungsgeschwindigkeiten der geplanten Aktionen bzw. die Planung auf ausführbare Handlungen.
Für die vom menschlichen Fahrer durchführbaren Handlungen (also Bedienung von Lenkrad und
Pedalerie) ist eine Implementierung physiologischer Modelle zumeist nicht notwendig. Für hoch-
dynamische Simulationen sollten jedoch zumindest Reaktionszeiten im Modell berücksichtigt
werden.
3.4 Einflussfaktoren
Unterschiedliche Einflussfaktoren wirken permanent oder temporär auf bestimmte Elemente des
menschlichen Informationsverarbeitungsprozesses. Wichtige, während des Fahrens zu beachten-
de Faktoren wie Aufmerksamkeit,kognitive Beanspruchung,Situationsbewusstsein,Motivation
und Emotion werden in diesem Abschnitt behandelt und hinsichtlich ihrer Modellierbarkeit bzw.
der Notwendigkeit der Modellierung betrachtet.
112
3.4 Einflussfaktoren
3.4.1 Aufmerksamkeit
Das psychologische Konstrukt „Aufmerksamkeit“ stellt kein scharf umrissenes und klar definier-
tes Gebilde dar. Vielmehr beinhaltet es unterschiedliche Aspekte, die alle gemein haben, dass
sie etwas mit der Fähigkeit, bestimmte wahrnehmbare Informationen erkennen und verarbeiten
zu können, zu tun haben. Versteht man Aufmerksamkeit als Auswahl und Weiterverarbeitung
bestimmter Reize, so kann diese als ein Selektionsmechanismus verstanden werden, interpretiert
man sie als eine Art konzentrierte Bereitschaft, neue Informationen aufnehmen zu können, so
betrachtet man eher die Dimension der Aufmerksamkeitsintensität. Innerhalb des Themengebiets
„menschliches Fahren“ sind beide von großer Bedeutung.
Aufmerksamkeitsselektivität
Selektive Aufmerksamkeit umschreibt die Fähigkeit, aus dem
vielfältigen Reizangebot der Umwelt einzelne Reize oder Reizaspekte auszuwählen und bevor-
zugt zu betrachten, andere dagegen zu übergehen und zu unterdrücken. Da ein oder mehrere
Reize gezielt fokussiert werden, sprich man auch von gerichteter Aufmerksamkeit. Die Auswahl
der Reize wird hierbei durch vier Faktoren beeinflusst: Salienz (das Hervorstechen bestimmter
Reize, „bottom-up“), Erwartung, Nutzen (beide „top-down“) und Aufwand (zitiert aus Wickens et
al. [
WGLL98
] nach Miliˇ
ci´
c [
Mil10
]). Geteilte Aufmerksamkeit hingegen bedeutet, dass mehrere
Informationsquellen gleichzeitig abgefragt werden, im Kontext der Fahrzeugführung entspräche
dies beispielsweise der Bedienung eines Navigationsgerätes während des Fahrens. Jedoch ist
es möglich, die parallele Durchführung zweier komplexer kognitiver Aufgaben zu erlernen
(Spelke et al. [
SHN76
]) und ist umso besser umsetzbar, je mehr sich die zu bewältigenden
Aufgaben voneinander unterscheiden (Navon & Gopher [
NG79
]). Des Weiteren existiert das
Konzept der visuell-räumlichen Aufmerksamkeitsselektivität. Dieses beschreibt das Verschieben
des Aufmerksamkeitsfokus von einer zur anderen Informationsquelle, dies kann durch Kopf-
oder Augenbewegungen oder auch verdeckt geschehen.
Aufmerksamkeitsintensität
Betrachtet man das psychologische Konstrukt „Aufmerksam-
keit“ nach Zimbardo als einen „Zustand konzentrierter Bewusstheit, welcher von einer Bereit-
schaft des zentralen Nervensystems, auf Stimulation zu reagieren, begleitet wird“ [
Zim92
], so
stellt sich im Kontext der Fahrzeugführung zum einen die Frage nach dem Grad der Konzen-
tration, weiterhin kann die Zeitdauer des Zustands von Bedeutung sein. Die Intensität dieser
ungerichteten Aufmerksamkeit kann durch die Aktiviertheit beschrieben werden. Hier kann
zum einen zwischen tonischer Wachheit, welche ein für eine längere Zeit gleichbleibendes
Aktivierungsniveau (z.B. abhängig von der Tageszeit) beschreibt, und phasischer Wachheit, die
eine abrupte Erhöhung des Aktivierungsniveaus (zumeist wegen eines starken Reizes) beschreibt,
unterschieden werden. Eine für eine längere Zeit andauernde Konzentration auf eine bestimmte
Sache wird als Daueraufmerksamkeit bezeichnet. Falls eine geringe Reizfrequenz bei der Be-
wältigung der entsprechenden Aufgabe vorhanden ist, beim Auftreten jedoch schnell gehandelt
113
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
werden muss, so spricht man von Vigilanz. Besonders im Kontext der Fahrzeugführung ist solch
ein Zustand von Bedeutung. Als Beispiel sei hier eine Autobahnfahrt mit sich wenig verändernder
Landschaft und wenig Verkehr genannt, bei der jedoch aufgrund der hohen Geschwindigkeiten
schnell auf beispielsweise plötzlich auftretende Hindernisse reagiert werden muss.
Aufmerksamkeit ist von multiplen Faktoren abhängig, zum einen haben endogene Faktoren wie
Erschöpfung, Müdigkeit oder ein zu geringes Erregungsniveau einen Einfluss, zum anderen
können exogene Faktoren Unterforderung (z. B. hohe Vorhersehbarkeit der Verkehrssituation,
„langweilige“ Fahrt), aber auch Überforderung (lang andauernde Fahrten bei hoher Verkehrsdichte
und hohen Geschwindigkeiten) hervorrufen (Bubb, [BBGV15]).
3.4.1.1 Aufmerksamkeit als Ressource
Die Anzahl der Reize, welche gleichzeitig verarbeitet werden können, ist beschränkt. Schon
Donders [
Don68
] nahm für sein Reiz-Reaktionsmodell an, dass mentale Prozesse seriell ab-
laufen und Zeit kosten. Nach Broadbent [
Bro58
] sind die Beschränkungen für den Fluss der
Informationen durch das kognitive System flaschenhalsartiger Natur. Er nimmt an, dass man
sich nur des Kommunikationskanals bewusst sein kann, auf welchen man die Aufmerksamkeit
richtet („single channel theory“); andere Informationen werden zwar zwischengespeichert, nicht
jedoch aktiv weiterverarbeitet. Dem Prinzip der Sequentialität wird in Kaskadenmodellen (z.B.
McClelland [
McC79
]) zusätzlich das der Gleichzeitigkeit hinzugefügt: Ein Prozess
n+1
kann
bereits starten, bevor der vorherige Prozess
n
vollständig abgearbeitet ist. Im Gegensatz zu den
sequentiellen Modellen wird bei Ressourcenmodellen kein zeitlicher Ablauf modelliert. Das
Hauptaugenmerk liegt in diesen Modellen auf der zur Verarbeitung eines Reizes aufzuwendenden
Energie (z.B. Kahneman [
Kah73
]). Ein großer Vorteil dieser Modelle besteht in ihrer Fähigkeit,
Ressourcenkonflikte darzustellen, was für eine möglichst menschähnliche Modellierung eines
Fahrers eine eminent wichtige Eigenschaft darstellt.
Eine Zusammenführung von Stufen- und Ressourcenmodell stellt das vierdimensionale Modell
der multiplen Ressourcen nach Wickens [
Wic08
] dar (vgl. Abbildung 3.30). Die Grundaussage
dieses Modells besteht darin, dass zwei Aufgaben, die unterschiedliche Ressourcen beanspru-
chen, leichter parallel auszuführen sind, als solche, welche auf ähnliche Typen von Ressourcen
zurückgreifen. Wickens beschreibt vier grundsätzliche Dimensionen der Ressourcen:
1.) Verarbeitungsstufen
: Es gibt derer drei: Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und
Reaktion. Wickens weist jedoch die perzeptiv-kogntitive Prozesse – inklusive des Arbeits-
gedächtnisses – einer Verarbeitungsstufe zu.
2.) sensorische Modalitäten
: Es wird zwischen visueller und auditiver Wahrnehmung unter-
schieden.
3.) visuelle Kanäle
: Wickens unterscheidet zwischen fokalem und Umgebungssehen, biolo-
gisch stimmt dies größtenteils mit fovealem bzw. peripherem Sehen überein [Wic02].
114
3.4 Einflussfaktoren
Abbildung 3.30:
Links: multiples Ressourcenmodell aus Wickens [
Wic08
], rechts: POC-Kurven
4.) Verarbeitungscodes
: Die Informationen können sprachlich oder räumlich verarbeitet
werden. Die entsprechenden Reaktionen sind somit ebenso sprachlich oder motorisch bzw.
räumlich.
Gerade im Hinblick auf die Fahrzeugführung erscheint die Wickens’sche Taxonomie als ein
hilfreiches Werkzeug, um einige einem Autofahrer bekannte Phänomene zu erklären. So ist
es in den meisten Fällen dem Fahrer problemlos möglich, während der Fahrt Konversation zu
betreiben, eine (zusätzliche) visuelle Aufnahme von Informationen (z.B. Lesen, Schauen von
Videos) führt jedoch zu größeren Problemen bei der Bewältigung der Fahraufgabe. Des Weiteren
können neben den aus fokalem Sehen gewonnene Informationen aus der Peripherie „automatisch“
wahrgenommen werden (z. B. Wahrnehmung der Geschwindigkeit mittels peripherem Sehen),
eine gleichzeitige Fokussierung auf mehrere Objekte ist dem Menschen hingegen nicht möglich.
Kritisieren kann man an dem Modell, dass es strikt an einer Dichotomie der jeweiligen Ressour-
cen festhält, so fehlen beispielsweise einige Wahrnehmungskanäle und somit auch deren Einfluss
auf die Verteilung der Ressourcen. Die Existenz einiger Untersuchungen, deren Ergebnisse den
Annahmen der multiplen Ressourcentheorie widersprechen sowie die ungenaue Definition der
einzelnen Ressourcen gibt ebenfalls Anlass zur Kritik (Vollrath & Totzke [VT03]).
Die Wirkung, welche eine Aufgabe, die auf unterschiedliche Ressourcen zugreift, bei gleichzeiti-
ger Verwendung dieser auf die Leistung der entsprechenden Einzelaufgaben hat, kann mittels
„Performance Operating Characteristic“ (POC) dargestellt werden (vgl. Abbildung 3.30). Es
ergeben sich somit verschiedene Funktionen für die Leistung der Aufgaben abhängig von der Ver-
wendung gemeinsamer Ressourcen. In der Grafik sind drei mögliche Abhängigkeiten dargestellt:
Der Graph (a) beschreibt die Leistung zweier Aufgaben ohne Möglichkeit der Aufteilung der
Ressource, Graph (b) erlaubt eine gewisse Parallelnutzung, Graph (c) beschreibt eine Ressource,
welche ohne Verluste parallel genutzt werden kann.
115
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
3.4.1.2 Visuelle Aufmerksamkeit und Fahrzeugführung
Im Kontext der Fahrzeugführung spielt die visuelle Aufmerksamkeit eine herausragende Rolle.
Die Führung eines Fahrzeugs erfordert eine möglichst ununterbrochene visuelle Aufmerksamkeit
(Akyol et al. [
ALK01
]). Visuelle Aufmerksamkeit kann als eine Art Scheinwerfer verstanden
werden, der auf bestimmte Bereiche des visuell zu erfassenden Bereichs gerichtet werden kann
(Anderson [
And01
]). Je größer der so abgedeckte Bereich ist, umso schlechter werden die in die-
sem Bereich vorhandenen Informationen verarbeitet. Eine optimale Informationsaufnahme findet
bei minimaler Größe des „Scheinwerfers“ statt, diese liegt bei etwa
2−3°
Sehwinkel. Der Fokus
der visuellen Aufmerksamkeit stimmt im Allgemeinen mit dem aktuellen Fixationsort überein
[
JRV03
], auch nach Schulz [
Sch12
] kann der Zusammenhang zwischen Blickrichtung und Auf-
merksamkeitsfokussierung als gesichert gelten. Timpe [
Tim01
] interpretiert Blickbewegungen
ebenso als Indikator kognitiver Prozesse.
Eine Messung von (selektiver) visueller Aufmerksamkeit ist somit mittels des Instruments
Blickanalyse möglich. In einer Vielzahl von Studien (Underwood et al. [UCB+03], Schweigert
[
Sch02
], Schulz [
Sch12
] usw.) wurde gemessen, wann, wie oft, wie lange und wohin Autofahrer
ihre Blicke wenden. Trotz mannigfaltiger Untersuchungen zu dieser Thematik gibt es bisher
jedoch weder universelle noch so etwas wie „richtige“ oder „falsche“ Blickstrategien des Fahrers,
diese sind vielmehr stark von der jeweilige Situation abhängig.
Ganz allgemein kann man jedoch zwei Arten von Blickbewegungen unterscheiden: gesteuer-
te (willkürliche) und getriggerte (unwillkürliche) Blickbewegungen. Erstere sind Teil eines
Top-Down-Prozesses mit willentlich festgelegtem Fixationsziel, letztere geschehen vor allem
aufgrund von Schlüsselreizen, die nur schwer zu unterdrücken sind und werden daher als Bottom-
Up-Prozess angesehen (Schweigert [
Sch02
]). Für die Fahrzeugführung sind vorrangig gesteuerte
Blickbewegungen von Bedeutung, da der Fahrer aus diesen einen Großteil seiner Informationen
erlangt. Als Beispiel führt Schweigert eine Rechts-vor-links-Situation an, in der der Fahrer will-
kürlich auf die von rechts einmündende Straße blickt, um ein potentiell von dort auftauchendes
Fahrzeug rechtzeitig erkennen zu können. Voraussetzung hierfür ist die korrekte Deutung der
aktuellen Verkehrssituation. Vorwissen kann die Blickstrategien ebenso beeinflussen: Beispiels-
weise kennen Fahrer mit Ortskenntnis die lokalen Vorfahrtsregelungen und schauen daher nicht
so oft auf die entsprechenden Verkehrszeichen, was bei Änderungen dieser oftmals zu erhöhten
Unfallzahlen führt. Ein weiterer Einflussfaktor auf die Blickstrategie ist das Kurzzeitgedächtnis:
So wird ein erfahrener Fahrer, der sich vor wenigen Sekunden vergewissert hat, dass beispielswei-
se die Spur rechts von ihm frei ist, dies zumeist erst wieder überprüfen, wenn die physikalische
Möglichkeit besteht, dass sich ein Fahrzeug dort befinden kann.
Zusätzlich kann zwischen „Scanning“- und „Processing“-Blicken unterschieden werden (Co-
hen [
Coh76
]). „Scanning“-Blicke haben den Zweck, möglichst viele Informationen über die
aktuelle Situation zu erhalten, also über den Straßenverlauf, Verkehrsschilder sowie andere
Verkehrsteilnehmer. Ihre Dauer beträgt etwa
400
ms (Schweigert [
Sch02
]). Die Scanning-Rate,
116
3.4 Einflussfaktoren
also die Anzahl der Fixationen pro Sekunde während des „Scannings“, liegt zwischen
0,8
Hz
und
5
Hz. Als „Processing“-Blicke bezeichnet man Blicke auf bekannte Orte bzw. AOIs (z.B.
Tachometer), um eine bestimmte Information, die inhaltlich mit diesen Orten verbunden ist und
welche erwartet wird, aufzunehmen. Die Dauer dieser „Processing“-Blicke beträgt etwa das
Doppelte der „Scanning“-Blicke.
Schweigert [Sch02] identifiziert drei visuelle Grundaufgaben des Fahrers:
1.)
Kontinuierliche Kontrolle der eigenen Bewegung: Da die Bewegung des eigenen Fahrzeugs
zumeist nicht für längere Zeit extrapoliert werden kann, muss eine visuelle Überprü-
fung des Sollzustands stattfinden. Dies geschieht bei erfahrenen Fahrern zumeist mittels
peripherem Sehen.
2.)
kontinuierliche Überwachung des Fremdverkehrs: Um eine rechtzeitige Reaktion auf
eintretende, potentiell gefährliche Ereignisse gewährleisten zu können, muss die Fahrum-
gebung regelmäßig abgesucht werden. Dieses „explorative Scanning“ (Cohen [
Coh76
])
dient zur Wahrnehmung der anderen Verkehrsteilnehmer.
3.)
situativ erforderliches Blickverhalten: Diese Aufgabe ist nur schwer zu spezifizieren, da sie
stark von den lokalen, situativen Gegebenheiten abhängt. Sobald etwas Unvorhergesehenes
geschieht, wird die visuelle Aufmerksamkeit zumeist darauf gerichtet, das Blickverhalten
passt sich der Situation an.
Die Untersuchungen von Underwood et al. [
UCB+03
] haben ähnliches feststellen können:
Neben individuellen bzw. situationsspezifischen Blickmustern existieren ein Vorausschaumuster,
in dem abwechselnd nahe und entfernte Straßenbereiche fixiert werden sowie ein seitliches
Scanningmuster, in dem, ausgehend von der eigenen Fahrspur, seitlich vorhandene Fahrspuren
auf mögliche Hindernisse überprüft werden.
Schulz [
Sch12
] fasst nach Wierda & Aasman [
WA92
] zusammen, dass etwa
25%
aller Fixatio-
nen der Spurhaltung dienen, wobei dieser Anteil (gemeint ist das foveale Sehen) bei schwierigen
Streckenbedingungen zunimmt. Er betont ebenso, dass die Spurführungsaufgabe vor allem
bei erfahrenen Fahrern überwiegend mittels peripheren Sehens im Nahbereich bewältigt wird.
Nach Schweigert [
Sch02
], zitiert aus Bubb [
BBGV15
], beanspruchen Fixationen auf den Flucht-
punkt und auf das vorausfahrende Fahrzeug etwa
50%
der Fixationszeit. Zumeist wird in einer
Entfernung von
1
s bis
1,5
s voraus visuell abgetastet (Bubb [
BBGV15
]),
30%
bis
50%
der
Gesamtzeit während einer Autofahrt ist die visuelle Aufmerksamkeit eines Fahrers jedoch nicht
fahrbezogenen Objekten gewidmet (Hughes & Cole [HC86]).
Antizipation
Nach Sommer [
Som13
] wird Antizipationsleistung im Straßenverkehr „als Kom-
petenz verstanden, auf der Grundlage von Wissen und aktueller Wahrnehmung zukünftige
Verkehrssituationen (und damit auch das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer) richtig einschät-
zen zu können“. Rauch [
Rau09
] hingegen fasst den Begriff etwas enger, hier beschränkt sich
117
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Abbildung 3.31: Einflussfaktoren auf das Blickverhalten aus Schweigert [Sch02]
Antizipation darauf, „handlungsrelevante Situationselemente rechtzeitig zu erkennen und darauf-
hin die Situation richtig zu interpretieren, um angemessen in ihr agieren und auf sie reagieren zu
können“.
Im konkreten Kontext des Autofahrens stellt sich die Frage, in welchem Bereich die erwähnten
Informationen aufgenommen werden können. Lorenz definiert eine vorauslaufende Erfassungs-
sichtweite, welche den in den nächsten
10
Sekunden (gefahrlos) zu befahrenden Weg beschreibt
[
Lor71
]. Eine Antizipationszeit im Bereich von bis zu
10
Sekunden nehmen auch Hoffmann &
Mortimer [
HM94
] sowie Deutschle [
Deu05
] an (zitiert jeweils nach Sommer [
Som13
]). Eine
Antizipation im Bereich über
10
Sekunden Vorausschauzeit kann bei sehr niedrigen Geschwin-
digkeiten in Betracht gezogen werden, zumeist ist jedoch davon auszugehen, dass sie sich dar-
unter befindet. Eine weitere Größe im Antizipationskontext bezeichnet die von Dilling [
Dil73
]
eingeführte Erkennbarkeitssichtweite, welche die Entfernung, „in der ein Streckenabschnitt
einwandfrei zu überschauen ist“ beschreibt. Diese wird zwischen
80
m und
650
m angesiedelt.
Untersuchungen von Leutner [
Leu74
] bezüglich der fokussierten Gebiete während des Autofah-
rens ergaben, dass zwischen drei Zonen mit erhöhter Aufmerksamkeit des Fahrers unterschieden
werden kann:
•
Zone 1 – Fernorientierung und Information (
600m−250m
): Diese Zone wird durch die
maximale Entfernung, in der Objekte vom Menschen erkennbar sind, definiert. Dieser
118
3.4 Einflussfaktoren
Abstand liegt für bewegte Objekte bei etwa
600m−800m
, unbewegte Objekte können
bis zu einem Abstand von 400m−500m erkannt werden.
•
Zone 2 – Bereitschaft und Entscheidung (
250m−75m
): Die Entfernung beruht auf der An-
nahme von Lorenz , dass bei einer Geschwindigkeit von
90km/h
der Fahrer innerhalb von
10s
etwa
250m
zurücklegt. Für höhere Geschwindigkeiten erhöhen sich die Entfernungen
entsprechend.
•
Zone 3 – Nahorientierung und Handlung (
<75m
): In diesem Bereich handelt der Fahrer,
die Entfernung basiert auf der Erkennbarkeitssichtweite von Dilling [
Dil73
], der diese
aufgrund von Fahrerhandlungen etwa
2,5s−3s
vor einer Kurve und einer angenommenen
Geschwindigkeit von
90
km/h bei etwa
75
m festlegt (vgl. auch Abschnitt „Reaktionszeiten“
in Kapitel 3.3.4).
Die vom Fahrer anvisierten Koordinaten werden meist nach
2
bis
5
Sekunden befahren, somit
kann der übliche Vorausschauhorizont auf eben diese Zeitspanne eingegrenzt werden [
LS01
].
3.4.1.3 Modellierung visueller Wahrnehmung
Eine Modellierung visueller Wahrnehmung eines Autofahrers sollte sowohl foveale, jedoch auch
periphere Wahrnehmung beinhalten (vgl. Abschnitt 3.1.1). Die Kopf- und Augenbewegungen des
Fahrers legen fest, in welchen Bereich seine Aufmerksamkeit gelenkt wird und welche Informa-
tionen aufgenommen werden können. Miura [
Miu86
] hat visuelle Aufgaben bei verschiedenen
Fahrsituationen und Fahrmanövern untersucht und Situationen nach Blickverhalten kategorisiert
(vgl. Abbildung 3.32). Demnach wird allein die Spurhaltung in bestimmten Situationen rein
peripher wahrgenommenen, das Überwachen von Fahrzeugen auf gleicher Höhe sowie das
Achten auf die Straßenbegrenzungen geschieht teilweise peripher, in allen anderen beschriebenen
visuellen Aufgaben wird auf foveale Sicht zurückgegriffen.
Ein Modell zur Nachbildung von Blickbewegungen des Fahrers ist das EMMA
7
-Modell von Sal-
vucci [
Sal01
]. Es basiert lose auf dem „E-Z reader model“ von Reichle et al. [
RPFR98
], welches
Blickbewegungen während des Lesevorgangs nachbildet. EMMA simuliert Blickbewegungen
durch Änderungen der visuellen Aufmerksamkeit, wobei sowohl zeitliche als auch räumliche
Aspekte beachtet werden. Das Modell beschreibt, ob und wann Blickbewegungen auftreten und
worauf geschaut wird. Es kann an kognitive Modelle (z.B. mittels ACT-R erzeugte) angebunden
werden, so dass die simulierten kognitiven Prozesse die Aufmerksamkeit steuern und das Modell
abhängig davon vorhersagt, wohin geschaut wird.
Blickbewegungen innerhalb eines Objekts sowie unfreiwillige Sakkaden sowie andere Arten von
Blickbewegungen außer „normalen“ Sakkaden können mit Hilfe dieses Modells nicht abgebildet
werden. Das EMMA-Modell besteht aus drei Hauptkomponenten:
7EMMA steht für „eye movements and movement of attention,"
119
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Abbildung 3.32: Visuelle Aufgaben nach Miura [Miu86] aus Jürgensohn & Timpe [SRJ01]
1.)
Visual Encoding: Die (externe) Aufmerksamkeitssteuerung wählt einen Bereich aus, in
welchem die dort vorhandenen Objekte als mögliche Ziele für eine Fixation gespeichert
werden. Bei Auswahl eines der möglichen Objekte wird dieses als interne Repräsentation
gespeichert und eine Zeit
Tenc
für diesen kognitiven Prozess berechnet. Diese hängt u.a.
von der Distanz des Objekts zur aktuellen Blickposition sowie der Häufigkeit, mit der das
Objekt in der Vergangenheit abgetastet wurde, ab.
2.)
Eye Movements: Die Augenbewegung durchläuft die Phasen Vorbereitung und Ausführung.
Die Vorbereitungsphase beschreibt die „labile“ Phase des Bewegungsprogramms, welche
noch abgebrochen werden kann. Die Ausführungsphase hingegen beinhaltet „nicht-labile“
Prozesse, die nicht rückgängig gemacht werden können („ballistische“ Bewegungen).
Das Modell setzt für die Dauer der Vorbereitungsphase (
Tprep
)
135
ms an, die Dauer der
Ausführungsphase (
Texec
) berechnet sich aus
50
ms für „non-labile“ Programmierung,
20ms für die Ausführung sowie 2ms für jeden zurückgelegten Grad Sehwinkel.
3.)
Control Flow: In dieser Komponente wird modelliert, wie Kognition, visuelle Kodierung
und Augenbewegungen miteinander interagieren. Bei einer Anforderung einer Aufmerk-
samkeitsänderung hin zu einem neuen Objekt wird das Objekt enkodiert, während die
Bewegung vorbereitet und ausgeführt wird. Falls eine Änderung der Aufmerksamkeit wäh-
120
3.4 Einflussfaktoren
rend der Vorbereitungsphase geschieht, kann die Bewegung noch abgebrochen werden, bei
einer Änderungsanforderung während der Ausführungsphase muss die aktuelle Bewegung
zu Ende gebracht werden (vgl. Abbildung 3.33).
Abbildung 3.33:
Darstellung eines Blickvorgangs mit Hilfe des EMMA-Modells nach Salvucci
[Sal01]
Fazit
Das psychologische Konstrukt „Aufmerksamkeit“ spielt im Kontext der Fahrermodellie-
rung eine bedeutende Rolle: Ein bisher ausschließlich biologisch (u. a. durch die Eigenschaften
des menschlichen Sehapparats) eingeschränkter, also ein „lokal allwissender“ Fahrer kann so
in ein realitätsnahes Modell überführt werden. Betrachtet man die visuelle Aufmerksamkeit, so
kann diese für die Modellierung als Auswahlprozess der vom biologischen Sensor „Auge“ bereit-
gestellten visuellen Informationen dienen. Informationen, welche nicht in einem wie auch immer
modellierten „Aufmerksamkeitsspot“ liegen, können dem Fahrermodell dementsprechend nicht
für die weitere Verarbeitung zur Verfügung stehen. Vom Fahrer benötigte Informationen (z.B.
die genaue aktuelle Geschwindigkeit, das Vorhandensein anderer Verkehrsteilnehmer im Be-
reich hinter dem eigenen Fahrzeug usw.) können mittels Modellierung spezieller Blickstrategien
erhalten werden. Interpretiert man Aufmerksamkeit zusätzlich als Mechanismus zur Ressourcen-
verwaltung, so können hiermit sowohl Beschränkungen der menschlichen kognitiven Verarbei-
tungskapazitäten, als auch die Fähigkeiten dieser bei multimodaler Informationsaufnahme- und
Verarbeitung modelliert werden. Beispielsweise können so während der Fahrt zu bewältigende
Nebenaufgaben, welche vor allem visueller Aufmerksamkeit bedürfen, betrachtet werden.
3.4.2 Belastung und Beanspruchung
Das menschliche Gehirn – wie im Abschnitt 3.2.1.1 beschrieben – ist begrenzt bezüglich seiner
Fähigkeit, sich gleichzeitig mit einer bestimmten Anzahl an Aufgaben zu beschäftigen. Die
psychologischen Konzepte der Belastung und Beanspruchung und daraus abgeleitet auch das
der Performanz beschäftigen sich mit dieser Thematik. Die Begriffe „Belastung“ und „Be-
anspruchung“ wurden von Rohmert & Rutenfranz [
RR75
] aus dem Ingenieurswesen in die
Arbeitspsychologie überführt. Belastungen bezeichnen von außen auf den Menschen einwir-
kende Einflüsse, Beanspruchungen dementsprechend die Wirkungen dieser im Menschen. Des
Weiteren kann zwischen physischer und psychischer Beanspruchung unterschieden werden,
121
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
letztere lässt sich in mentale und emotionale Beanspruchung unterteilen. Mentale Beanspru-
chung kann weiterhin in kognitive, perzeptive und sensumotorische Beanspruchung untergliedert
werden, wobei im Kontext der Fahrzeugführung zumeist kognitive Beanspruchung thematisiert
wird. Physische Beanspruchung (also die Wirkung auf Muskeln, Gelenke, Kreislauf etc.) tritt
heutzutage nur noch bei extremen Fahraufgaben (z.B. bei Autorennen, Rallye- oder Testfahrten)
auf und wird daher nicht weiter betrachtet. Nach Wieland-Eckelmann unterscheidet sich emotio-
nale von mentaler Beanspruchung vor allem dadurch, dass erstere durch ausführungsspezifische
Belastungsfaktoren (Zeitdruck, Lärm, Hitze, Gestank, Gefahren, Stress, soziale Faktoren usw.)
verursacht werden, welche mit negativen Emotionen wie Angst, Hilflosigkeit, aber auch Wut oder
Ärger verknüpft werden ([
WE92
], vgl. auch Abschnitt 3.4.5). Mentale Beanspruchung hingegen
wird durch aufgabenspezifische Belastungsfaktoren (Schwierigkeit und Komplexität der Aufgabe,
aber auch Ermüdung) ausgelöst. Somit kann mentale Beanspruchung auch als ein Verhältnis
der entsprechenden Anforderungen und der individuellen Leistungsfähigkeit des menschlichen
Informationsverarbeitungsapparats aufgefasst werden. Intraindividuelle Unterschiede, z. B. ta-
geszeitabhängige Faktoren wie Müdigkeit oder Biorhythmus können die Anzahl der gleichzeitig
zu verarbeitenden Informationen verringern und erhöhen somit die mentale Beanspruchung.
Beanspruchung
physisch psychisch
mental
kognitiv perzeptiv sensumotorisch
emotional
Abbildung 3.34: Kategorien von Beanspruchung
Eine scharfe Trennung zwischen emotionaler und mentaler Beanspruchung mag auf der theoreti-
schen Ebene sinnvoll sein, praktisch gesehen ist diese jedoch nicht möglich. „Rein kognitive“
Prozesse – also jene, auf die sich mentale Beanspruchung bezieht, existieren in der Realität nicht,
sie werden zu jeder Zeit von emotionalen und motivationalen Faktoren beeinflusst (Edelmann
[Ede00]).
In diesem Kontext spielt der Zusammenhang zwischen mentaler Belastung und der entspre-
chenden Beanspruchung bzw. der erbrachten Leistung eine Rolle. Nach [
DW96
] durchlaufen
beide dieser Größen bei steigender mentaler Belastung sechs Stufen (vgl. Abbildung 3.35). Bei
geringer Belastung und daher geringer Leistung wird eine hohe Beanspruchung empfunden
(Zone
D
), dies kann mit dem Konzept der Vigilanz erklärt werden. In den Zonen
A1−A3
ist die
Performanz hoch, die Beanspruchung folgt einem U-Verlauf und hat ihr Minimum in
A2
. Dies
122
3.4 Einflussfaktoren
Abbildung 3.35:
Zusammenhang zwischen mentaler Belastung und Leistung nach De Waard
[DW96]
interpretiert De Waard folgendermaßen: In
A1
ist die Aufgabe bereits schwer genug, um nicht
zusätzlichen Aufwand für die Konzentration auf eine wenig anstrengende Aufgabe aufwenden zu
müssen, in
A2
kann die Aufgabe trotz steigender Belastung mühelos erfüllt werden, in
A3
wird
die Aufgabe als anstrengender empfunden, kann jedoch weiterhin – zeitlich begrenzt – erfüllt
werden. Im Bereich
B
hingegen sinkt die Leistung aufgrund zu hoher Beanspruchung, im Bereich
Dist der Fahrer bereits überfordert, die Leistung ist nur noch sehr gering.
3.4.2.1 Müdigkeit
Ein besonderer Fall von sowohl psychischer als auch physischer Beanspruchung stellt das
Phänomen „Müdigkeit“ dar. In der DIN
33405
wird Müdigkeit als „eine vorübergehende Beein-
trächtigung der psychischen und körperlichen Funktionstüchtigkeit, die von Intensität, Dauer
und Verlauf der vorangegangenen psychischen Beanspruchung abhängt“ beschrieben. Müdigkeit
(engl. „fatigue“) verändert sich tageszeitabhängig und hängt ebenfalls mit der Zeit, in der eine
Aufgabe bereits bearbeitet wird („time-on-task“), zusammen (Shinar & Oppenheim [
SO11
]).
Prinzipiell kann zwischen den individuell wahrgenommenen Auswirkungen, den messbaren
physischen Veränderungen sowie dem im Fahrverhalten festzustellenden Einfluss von Müdigkeit
unterschieden werden. Erstere äußern sich vor allem im Wunsch des Ermüdeten nach Erholung
oder Schlaf bzw. im Wissen um seinen aktuellen physischen und psychischen Zustand. Müdigkeit
wirkt sich vor allem auf die informationsverarbeitenden Prozesse, insbesondere die das Arbeits-
123
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
gedächtnis betreffenden, sowie auf neuromuskuläre Aktivitäten aus. Die Folgen von psychischer
Ermüdung sind Leistungsschwankungen, verminderte Aufmerksamkeit und Fehlhandlungen
(Platho et al. [
PPK13
]). Die Auswirkungen von Ermüdung sind in vielen Fällen mit denen von
Alkoholgenuss vergleichbar, z. B. was das Spurhalten betrifft (Oppenheim et al. [OSC+10]).
Bezüglich des Fahrverhaltens kann konstatiert werden, dass sich Müdigkeit in Form von ver-
längerten Reaktionszeiten und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von Schreckreaktionen auf
vergleichsweise harmlose Ereignisse auswirkt (Gründl [
Grü05
]). Vor allem bei jüngeren Fah-
rern ist das Risiko eines müdigkeitsbedingten Unfalls besonders hoch (Holte [
Hol12
]). Konkret
ersichtlich wird dies darin, dass mit steigender Müdigkeit die Frequenz von großen Lenkradbe-
wegungen – bei einer Abnahme der Gesamtzahl von Lenkradbewegungen – zunimmt. Nach Witt
et al. [
WWPK17
] tendieren ermüdete Fahrer zu höheren Geschwindigkeiten. In einer Simulator-
studie kamen Itoh et al. [
III15
] zu dem Ergebnis, dass erhöhte Müdigkeit zu mehreren messbaren
Effekten des Fahrverhaltens führt: Die Schwankungen des lateralen Spurversatzes nehmen zu,
ebenso die des Lenkwinkels und des Abstands zum vorausfahrenden Fahrzeug.
Fazit
Psychische Beanspruchung kann im Kontext der Fahrzeugführung einen wichtigen Ein-
fluss auf die informationsverarbeitenden Vorgänge haben, eine Unterforderung kann ebenso wie
eine Überforderung dazu führen, dass die aktuelle Fahraufgabe nicht oder nur unvollständig
bearbeitet wird. Hierbei sind die Wechselwirkungen zwischen mentaler und emotionaler Bean-
spruchung zu beachten. Müdigkeit aufgrund physiologischer oder aufgabenbezogener Belastung
ist ein in der Fahrzeugführung wichtiger Aspekt, diverse Auswirkungen auf das Fahrverhalten
sind bekannt, eine Berücksichtigung für eine Modellierung scheint daher angebracht. Schwierig
ist jedoch die Modellierung des Vorgangs der Ermüdung – diese stellt aus psychologischer Sicht
einen Zustand („state“) dar und ist somit während einer Fahrt veränderlich. Für eine Modellierung
muss daher strikt zwischen Modellen, die Ermüdung als Ergebnis einer Modellierung und denen,
die jene nur als Eingabewert verwenden, unterschieden werden.
3.4.3 Situationsbewusstsein
Eine weiteres wichtiges psychologisches Konstrukt bezüglich der menschlichen Informationsver-
arbeitung ist das Situationsbewusstsein („situation awareness“). Es beschreibt das Sich-bewusst-
sein aller gegenwärtig für die aktuelle Aufgabe wichtigen Informationen sowie deren korrekte
Interpretation. Es ist daher das Ergebnis verschiedener kognitiver Prozesse und ist selbst als ein
kognitiver Zustand zu betrachten. Das Bewusstsein über eine sich entwickelnde Situation befindet
sich größtenteils im Arbeitsgedächtnis und nimmt in dem Maße ab, in dem Ressourcen an andere
Aufgaben vergeben werden. Ein optimales Situationsbewusstsein hängt somit direkt von der
Zuteilung der selektiven Aufmerksamkeit ab (Wickens & Hollands [
WH00
]). Es muss zwischen
dem Prozess der Aufrechterhaltung von Situationsbewusstsein, welches eben von Aufmerksam-
keit und Arbeitsgedächtnis abhängt und dem Situationsbewusstsein an sich unterschieden werden.
124
3.4 Einflussfaktoren
Weiterhin muss beachtet werden, das Situationsbewusstsein ein kontextspezifisches Konstrukt ist,
ein „allgemeines“ Situationsbewusstsein existiert nicht. Der Entscheidungs- sowie Handlungsaus-
führungsprozess gehören nicht zum Situationsbewusstsein, dieses stellt vielmehr die Grundlage
dar, auf dessen Basis Entscheidungen getroffen werden können (Endsley [
ESS00
]). Ein hohes Si-
tuationsbewusstsein muss jedoch nicht bedeuten, dass richtige Entscheidungen getroffen werden,
es bietet nur die Basis für die Möglichkeit zum Treffen ebendieser Entscheidungen. Ebenso kann
es vorkommen, dass trotz niedrigen Situationsbewusstseins „zufällig“ die richtige Entscheidung
getroffen wurde.
Endsley beschreibt Situationsbewusstsein kurz als „knowing, what is going on“ (Endsley
[
End95
]). Das ursprünglich aus der Luftfahrt
8
stammende Konzept findet heutzutage auch im
Bereich der Fahrzeugführung Anwendung. Endsley hat es als ein aus folgenden drei aufeinander
aufbauenden Ebenen bestehendes System definiert (vgl. Abbildung 3.36):
1.)
Wahrnehmen: Informationen müssen aufgenommen werden („perception of elements in
the environment“), dies beinhaltet das Überwachen der Umgebung, das Erkennen von
Signalen sowie das Wahrnehmen des eigenen Zustands.
2.)
Verstehen: Die Bedeutung der Informationen muss verstanden werden („comprehension of
the current situation“), die Relevanz der Informationen muss erkannt und ein Gesamtbild
der Situation erstellt werden.
3.)
Antizipieren: Mittels der erhaltenen Erkenntnisse können zukünftige Zustände abgeschätzt
werden („projection of future status“).
Jede dieser drei Stufen beschreibt einen Zustand, in dem sich der Fahrer befindet, während er sich
einer bestimmten Fahraufgabe widmet. Ein Fahrer in der ersten Stufe des Situationsbewusstseins
befände sich in der Lage, die vorhandenen Informationen aufzunehmen, kann diese jedoch
nicht adäquat einordnen und somit weder ein brauchbares Abbild der Situation erstellen, noch
abschätzen, wie sich die anderen Objekte bzw. das eigene Fahrzeug zukünftig verhalten werden.
Als Beispiel sei das Erkennen einer Warnleuchte im eigenen Fahrzeug bzw. eines unbekannten
Verkehrsschildes ohne die Möglichkeit der Interpretation dieser genannt. Ähnliches gilt für die
zweite Stufe: Die momentane Situation kann zwar akkurat geschätzt werden, die Antizipation
schlägt jedoch fehl. Beispielsweise wäre dies auf einen Fahrer übertragbar, der zwar sieht, dass
die Bremslichter des Vordermanns leuchten und ebenso versteht, dass dies bedeutet, dass dieser
momentan bremst, er jedoch anhand der Geschwindigkeit und des Abstands des Vorderfahrzeugs
die notwendige Bremsung zu spät/nicht stark genug durchführt.
Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang auch das Konzept der Gegenwärtigkeit. Menschen
erleben Zeit in Einheiten von etwa 2 bis 3 Sekunden (Pöppel [
Pöp97
]), womit sich die gefühlte
Gegenwart auf ebendiese Zeit beschränkt. Dementsprechend ergibt sich ein „Antizipations-
horizont“ ebendieser Zeitspanne sowie eine entsprechend von der aktuellen Geschwindigkeit
8
Ziel einiger Untersuchungen war es, herauszufinden, was sog. „Fliegerasse“ von normalen Piloten unterscheidet, es
ergab sich, dass u.a. höheres Situationsbewusstsein entscheidenden Einfluss innehat.
125
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Abbildung 3.36: Schema des Situationsbewusstseins nach Endsley [End95]
abhängige Entfernung. Die Fähigkeit, sich in zeitkritischen Situationen bei begrenzter Verarbei-
tungsgeschwindigkeit die richtigen („kritischen“) Informationen herauszusuchen, stellt einen
gewichtigen Teil von Fahrerfahrung dar, dies konnte beispielsweise von Sukthankar bestätigt
werden [Suk97].
Fazit
Das Konzept des Situationsbewusstseins kann helfen, bestimmte (vor allem fehlerhafte)
Verhaltensweisen des Fahrers verstehen und somit letztendlich modellieren zu können. Beispiels-
weise kann ein „looked-but-failed-to-see“-Fehler mittels durch Ablenkung verursachtes niedriges
Situationsbewusstsein erklärt und simuliert werden.
3.4.4 Motivation
Die Frage, warum ein Mensch so handelt, wie er handelt, bzw. weshalb er überhaupt eine Hand-
lung ausführt, gehört zu den ältesten philosophischen Fragestellungen. Als Motive werden in
diesem Kontext die grundlegenden Beweggründe (lat. „motivare“- bewegen) einer Handlung
bezeichnet. Die Befriedigung dieser Motive stellt das Ziel jedweden Handelns dar; Motivation
hingegen beschreibt die Gesamtheit alle momentan aktiven Motive und bestimmt somit die
aktuelle Zielsetzung, beeinflusst aber auch kognitive Prozesse und Motorik. Mook definiert
Motivationen als „Prozesse, die ein zielgerichtetes Verhalten auslösen und aufrechterhalten“
[
Moo87
], Heckhausen beschreibt Motivation als eine „momentane Gerichtetheit auf ein Hand-
lungsziel, zu deren Erklärung man die Faktoren weder nur auf Seiten der Situation oder der
126
3.4 Einflussfaktoren
Person, sondern auf beiden Seiten heranziehen muss“ [
Hec89
]. Der Begriff des Bedürfnisses
spielt in diesem Zusammenhang ebenfalls eine wichtige Rolle. Nach Holte [
Hol94
] kann ein Be-
dürfnis durch einen erlebten physiologischen oder psychologischen Mangelzustand beschrieben
werden, welcher Motive auslösen kann, die zu zielgerichteten Handlungen führen. Die Stärke
des jeweiligen Motivs steht hierbei in einem direkten Zusammenhang mit der Intensität des
Mangelzustands. Motive selbst sind jedoch nicht zielgerichtet, nach Jürgensohn [
Jür01
] erklä-
ren diese „nur Tendenzen und Aspekte von Handlungen und keine Handlungen selbst“, daher
werden Motive oft mit so weichen Begriffen wie „Streben“ oder „Kräfte“ assoziiert. Um die
Motivation(en) eines Menschen verstehen zu können, müssen zuerst seine Motive bekannt sein.
Es gibt allerdings in der Motivationsforschung keine allgemeine Theorie, die die Ursache(n) für
jegliches Motiv erklären kann, die meisten der bekannten motivationspsychologischen Theorien
können jedoch auf einer zweidimensionalen Skala mit den Achsen „Zeit“ und „Ort“ platziert
werden. Auf der Zeitachse interessiert, ob das Motiv aus etwas Vergangenem rührt, es sich auf
aktuelle Probleme im Hier und Jetzt bezieht oder auf zukünftig zu erreichende Ziele fokussiert
ist. Die Ortsachse beschreibt den Ursprung des Motivs, wobei zwischen intern (also basierend
aus den Eigenschaften, Erfahrungen usw. der Person) und extern (aus der Umgebung der Person
stammend) unterschieden wird. Motive sind des Weiteren „äquifinal“, d. h. unterschiedliche
Endsituationen von Handlungen können aufgrund eines einzigen Motivs entstehen. Jedoch sind
Motive ebenso „multideterminiert“ – unterschiedliche Motive können zu ein und demselben
Verhalten führen.
Motivationen wirken nach Huguenin [
Hug88
] bezüglich des Wickens’schen Informationsverar-
beitungsmodells auf alle Komponenten, bis auf die Wahrnehmung. Es können jederzeit mehrere,
sich zum Teil widersprechende Motive gleichzeitig aktiv sein, ebenso können sich die jeweiligen
Motivstärken – und damit auch die Motivation – und damit letzten Endes auch die entsprechenden
Ziele während einer Handlung ändern. Motive können durch äußere Einflüsse angeregt werden
bzw. können einige Motive erst bei bestimmten Umgebungseigenschaften aktiviert werden (das
„Konkurrenz“-Motiv kann beispielsweise erst aktiviert werden, wenn ein Objekt, das diese Kon-
kurrenz darstellen kann, vorhanden ist). Resultierende Motivationen sind zeitlich nicht konstant,
sie stehen in einem stetigen Wechselspiel zwischen innerem Antrieb und äußeren Reizen.
3.4.4.1 Motivation und Fahrzeugführung
Transformiert man die Frage nach dem Beweggrund für aktuelle Handlungen auf die Ebene
der Fahrzeugführung, so kann man die möglichen Motive stark eingrenzen – die Frage lautet
nun: „Was bewegt den Fahrer, so zu fahren, wie er fährt?“. Im Allgemeinen folgt jeder Fahrer
den Grundmotiven, sein Ziel möglichst schnell, bequem, sicher und mit wenig Aufwand zu
erreichen. Angelehnt an die von Klebelsberg [
Kle82
] beschriebenen Verhaltenstendenzen in
Konfliktsituationen (Leistungstendenz mit Fokus auf Zielerreichung bzw. Sicherheitstendenz
mittels Vermeidung negativer Konsequenzen) lassen sich daraus die Hauptmotive Leistung und
127
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Sicherheit ableiten. Weitere, sog. „Extramotive“ wurden durch Näätänen & Summala [
NS76
]
eingeführt, diese sind u.a. Selbstbestätigungsdrang, Fahrspaß, Erleben der eigenen Kompetenz,
aber auch „Risiko um des Risikos Willen“. Des Weiteren beschreibt Holte [
Hol94
] Motive
der sozialen Anerkennung sowie Machtmotive. In diesem Kontext kommen Motive wie Angst
vor Zurückweisung, Ablehnung oder Ausschluss zum Tragen, ebenso Erwartungen, die bei
Zugehörigkeit zu einer speziellen Bezugsgruppe auftreten können.
Jürgensohn definiert Motive als „kausale Quellen von Verhalten, die vollständig in uns liegen
und nicht direkt auf eine äußere Situation bezogen sind“ [
Jür01
]. Mit Hilfe dieser Definition
lässt sich sehr gut der Unterschied zum kognitiv-deterministischen Handeln darstellen: Die
durch die vorgegebene äußere (Verkehrs-)Situation und die kognitiven Fähigkeiten des Fahrers
logisch folgende Handlung wird u.a. wegen dem Fahrer innewohnenden Motiven bzw. aktuell
wirksamen Motivationen nicht genau so durchgeführt. Vielmehr wirken die einzelnen Motive
auf verschiedene Arten und Weisen auf die Handlung ein, welche entsprechend der Stärke der
Motivation verändert wird. Ein und dasselbe Verhalten kann jedoch auch durch verschiedene
Motive determiniert sein.
Motive können bezogen auf einzelne Handlungen, welche im Bereich des Autofahrens zumeist
nur wenige Sekunden dauern, als zeitlich konstant angenommen werden. Zwar können sich
Motive mit der Zeit ändern, jedoch nicht in einem Maße, welches einen Einfluss auf eine aktuelle
Handlung – in diesem Kontext: ein Fahrmanöver – hat. Die Erfüllung eines Handlungsziels und
somit auch die Befriedigung des entsprechenden Motivs und die daraufhin folgende Änderung
der aktuellen Motivation widersprechen dem nicht, da die Handlung dann bereits abgeschlossen
ist. Unerwartete Änderungen der Situation führen daher nicht zu Modifikationen von Motiven,
sondern zu einer Veränderung der Gewichtung der aktiven Motive bzw. dazu, dass entsprechende
Motive aktiviert oder deaktiviert werden, was zu einer Veränderung der aktuellen Motivation
führen kann.
Nach einer Untersuchung von Berger et al. [
BBD75
] können folgende sechs verschiedene
Fahrmotive unterschieden werden:
1.)
Thrill: Dieses Fahrmotiv kann durch Lust am schnellen Fahren bzw. den Genuss des Ge-
schwindigkeitsrauschs beschrieben werden. Zunehmende Gefährlichkeit der Fahraufgabe
steigert den Thrill. Das Hauptziel besteht aus dem Überwinden von Risiko und Gefahr,
dem Überstehen von riskanten Situationen, hierbei stehen Verlust von Sicherheit und
Wiedergewinnen dieser in einer stetigen Wechselbeziehung.
2.)
Kraftentfaltung: Dieses Fahrmotiv äußert sich durch das Zurschaustellen der eigenen
Dynamik oder auch durch Demonstration der eigenen Potenz mittels Überholmanövern,
dichtem Auffahren und hohen Beschleunigungen. Dies bringt mit sich, dass durch das
Überholtwerden entsprechend negative Gefühle aktiviert werden, wodurch das Motiv
Kraftentfaltung erneut verstärkt wird.
128
3.4 Einflussfaktoren
3.)
Erproben: Im Gegensatz zu den Fahrmotiven und Kraftentfaltung kann das Motiv Erpro-
ben durch die Bewältigung von besonders schwierigen Fahraufgaben befriedigt werden.
Komplizierte Situationen werden gezielt gesucht, nicht jedoch – im Gegensatz zum Thrill
– primär wegen des Risikos, sondern um diese mit dem eigenen Können zu überstehen.
4.)
Autonomie: Die Gefühle von Freiheit und Unabhängigkeit dominieren dieses Fahrmotiv.
Eine konkrete Definition einzelner Ziele ist bezüglich Autonomie nur schwer möglich.
Eine allgemeine Zufriedenheit beim Wissen um die eigenen Handlungsmöglichkeiten und
damit verbunden eine gewisse Lockerheit ist Ausdruck hoher Autonomie.
5.)
Gleiten: Dieses Fahrmotiv kann durch besonders ruhiges und entspanntes Fahren befriedigt
werden; es wird angestrebt, das Ziel möglichst komplikationslos zu erreichen. Gefahren
liegen hierbei in zu entspannter Fahrweise, was sich u.a. in Vermeidung großer Beschleu-
nigungen ausdrücken kann, dies kann zu gefährlichen Situationen aufgrund beispielsweise
zu geringer Spurtreue oder zu geringer Abstände führen.
6.)
Pilotieren: Dieses Fahrmotiv wird als das Motiv, welches objektiv zu am meisten Sicherheit
führt, beschrieben. Eine möglichst perfekte Fahrweise stellt hier das Hauptziel des Fahrers
dar. Dies äußert sich in möglichst fehlerfreiem und stabilem Fahren.
Irmscher [
Irm01b
] hat unter anderem untersucht, welche konkreten Auswirkungen auf das
Fahrverhalten bestimmte Motive während des Autofahrens hervorbringen (vgl. Tabelle 3.4).
3.4.4.2 Modellierung von Motivation
Die Modellierung von menschlichen Motivationen bzw. Motiven in der Fahrermodellierung wur-
de von Jürgensohn bereits umfassend theoretisch beschrieben [
Jür01
]. Nachdem ein deskriptives
Modell eines Motivs vom Modellierer erzeugt wurde, können daraus Konsequenzen für das
formale Modell abgeleitet werden. D.h. es werden nicht die Motive an sich, sondern deren Kon-
sequenzen auf eine vom Modell durchzuführende Handlung modelliert. Dies können zeitliche
Aspekte (Wann beginnt oder endet die Handlung? Wie schnell wird sie durchgeführt?) oder auch
die Stärke der Handlung betreffende Aspekte sein (Mit welcher Intensität wird die Handlung
durchgeführt?). Jürgensohn interpretiert „Denken“ als eine „mentale Handlung“ [
Jür01
], somit
wirken Motive auch auf kognitive Prozesse. Letzten Endes können Motive ähnlich wie Parameter
in Dynamikmodellen verwendet werden, folgende Regeln sollten dabei beachtet werden:
•
Parametrischer Einfluss: Motive sind durch Parameter repräsentiert, diese liegen eine
Ebene oberhalb der zu parametrierenden Variable.
•
Stärke: Motive sind eindimensionale Parameter, diese sind üblicherweise positive reelle
Zahlen, können jedoch auch qualitative bzw. Fuzzy-Maße annehmen und sollten in einem
begrenzten Intervall liegen.
129
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Motiv Grundmotive
nach Murray
Auswirkungen auf den Fahrer
Frustration
Misserfolgs-
vermeidung
unberechenbares Verhalten, jedoch kooperativ
(im Sinne von defensiv-partnerschaftlichem
Fahrstil)
Spaßerleben Spiel
verminderte Leistung und Aufmerksamkeit,
Nebenaktivitäten
Eile Leistung
höhere und unregelmäßige Geschwindigkeit,
mehr Überholvorgänge, höhere Aktiviertheit
und Konzentration, kontinuierliche Strategie,
wenig kooperativ, wenige Nebenaktivitäten
Risikovermeidung Leidvermeidung
geringe Geschwindigkeit, große Abstände, we-
nige Nebenhandlungen, sehr kooperativ
Machtstreben, Wett-
bewerb
Machtausübung,
Selbstdarstellung
hohe Geschwindigkeit, geringe Abstände, we-
nig kooperativ, wenig konzentriert, viele Ne-
benhandlungen
Aggression Aggression
dichtes und schnelles Auffahren, blinken,
schneiden, kommunikativ, aber wenig koope-
rativ
Erprobung eigener
Fähigkeiten
Spiel, Unabhängig-
keit
hohe Geschwindigkeit, hohe Konzentration,
geringe Abstände, wenig kommunikativ, je-
doch kooperativ
Tabelle 3.4: Motive und ihre Auswirkungen nach Irmscher [Irm01b]
•
Objektivierung und Validierung: Eine optimale Modellbildung kann nur bei maximalem
Basiswissen des Modellierers erfolgen – Ein Modell ist somit umso valider, je differenzier-
ter die Modellvorstellungen des Modellierers sind.
Für die Modellierung sollte des Weiteren beachtet werden, dass Motive und Motivationen auf
unterschiedlichen Abstraktionsniveaus existieren – eine Implementierung von impliziten Motiven
wie z.B. dem Wunsch nach körperlicher Unversehrtheit ist nur sehr schwer bzw. unmöglich
umzusetzen. Je spezifischer ein Motiv beschrieben werden kann, womöglich verbunden mit einer
konkreten Handlungsabsicht und einem bestimmten Ziel, desto besser kann eine menschähnliche
Umsetzung in ein Modell gelingen – und desto realistischer, da die Zusammenhänge für den
Modellierer in konkreten Situationen besser nachzuvollziehen sind, verhält sich das resultierende
Modell. Dies bedeutet letzten Endes, dass eine Modellierung von Motiven so geschieht, wie
sich diese der Modellierer vorstellt, eine rein formale Modellbildung (also z.B. basierend auf
experimentell erhobenen Daten) ist unrealistisch bzw. umso unrealistischer, je unspezifischer
sich das Motiv darstellt.
Praktisch umgesetzt wurde die Modellierung von menschlichen Motivationen bzw. Motiven in
verschiedenen (Fahrer-)Modellen zumeist auf handlungsnahen Abstraktionsebenen. So wirken
130
3.4 Einflussfaktoren
Abbildung 3.37:
Fahrermodell bei einem Überholvorgang auf einer Autobahn nach Irmscher
[Irm01b]
Motive in der PSI-Theorie der Handlungsregulation (Dörner [
DS98
]) als Parameter auf das
Systemverhalten ein. Irmscher hat beobachtbare Verhaltensvariationen in einen Zusammenhang
mit einigen Grundmotiven gestellt (vgl. Tabelle 3.4). In ihrem Fahrermodell wurden konkret die
Motive „Eile“ und „Risikofreude“ umgesetzt, da sich diese für den Kontext des Modells – eine
Überholsituation auf der Autobahn – am besten eigneten (vgl. Abbildung 3.37). Motivationen
beeinflussen nach diesem Ansatz Zielsetzung, kognitive Prozesse sowie Motorik.
Dagli [
DR02
] verwendete Motivationen, um das Fahrverhalten von anderen Verkehrsteilnehmern
vorherzusagen. Innerhalb eines Autobahnszenarios wurden die Motivationen Timing, Sicherheit,
persönliche Motivationen (z. B. „Fahrer fährt ungern hinter LKW“) und Navigation implemen-
tiert. Benmimoun [
Ben04
] entwickelte ein motivationales Spurwechselmodell und führt einen
Spurwechsel auf vier unterschiedliche Motivationen zurück: Erreichen einer Zielspur, Verlassen
einer endenden Spur, Überholen eines langsameren Fahrzeugs sowie Einhalten des Rechtsfahr-
gebots. Schäfer definiert eine short term motivation, derart, dass diese ein Parameterset für die
folgende Regelungsaufgabe darstellt [
Sch04
]. Als Beispiel für so eine short term motivation führt
er das Fahren mit einem möglichst minimalen Abstand zur Solltrajektorie durch Verringerung
des Winkelabstands zum Sollkurs bei minimaler Querabweichung an.
Fazit
Der Einfluss der Motivation auf das Fahrverhalten ist ein oft nicht offensichtlicher,
jedoch das Fahrverhalten durchaus prägender. Motive bestimmen, welche Ziele momentan aktiv
131
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
sind und mit welcher Vehemenz diese erreicht werden sollen. Vor allem für die Modellierung
bzw. notwendigerweise die Erklärung von intraindividuellen Unterschieden können Motive
bzw. Motivation als theoretische Grundlage herangezogen werden. Eine Motivation ist eine
zutiefst menschliche Eigenschaft, erkennt man diese, so fällt die Einschätzung des Fahrers und
somit auch die Antizipation seines zukünftigen Verhaltens leichter und führt somit zu mehr
Sicherheit – ob in der Simulation oder in der Realität. Für die Simulation von realistischem
Verkehr sind unterschiedliche Fahrertypen nötig, Motivationen sind ein wichtiger Aspekt, um
diese Unterschiede generieren zu können. Situationsabhängige Aktivierungen von Motiven
können den Grad des Realismus weiter erhöhen. So hat beispielsweise das Vorhandensein anderer
Verkehrsteilnehmer starken Einfluss auf bestimmte Motivationen – das Motiv „Konkurrenz“
kann beispielsweise aktiviert werden, sobald zwei sportliche Fahrertypen, die vielleicht sogar
mit „rivalisierenden“ Pkw-Marken an einer roten Ampel stehen (und kein stärkeres Motiv,
beispielsweise ein Polizeiwagen, hinter den beiden aktiv ist). Sich unterscheidende bzw. sich
ändernde Motivationen können somit in einem Fahrermodell, welches möglichst menschähnliche
Verhaltensweisen an den Tag legen soll, das „Salz in der Suppe“ darstellen, vgl. auch Kapitel
3.4.4.2.
3.4.5 Emotion
Ebenso wie Motivationen können Emotionen („emovere“ lat. für „Herausbewegen“) Beweg-
gründe für Handeln sein. Eine Emotion kann als mehrdimensionales psychologisches Konstrukt
aufgefasst und gegenüber anderen affektiven Zuständen abgegrenzt werden. Die Dimensionen
Dauer,Intensität sowie Objektgerichtetheit können hierbei Aufschluss über den Typus des
vorhandenen affektiven Befindens geben: Emotionen zeichnen sich hierbei durch eine geringe
Dauer, eine hohe Intensität und den Bezug zu einem Objekt aus. Ein Affekt ist einer Emotion
bezüglich dieser Kategorien recht ähnlich, er ist jedoch kürzer und intensiver, des Weiteren
kann eine gewisse Unkontrollierbarkeit der resultierenden Handlungen diagnostiziert werden.
Im Gegensatz dazu sind Stimmungen langanhaltender, weniger intensiv und ohne konkreten
Objektbezug.
affektiver Zustand
Affekt Emotion
Wut Freude Trauer
Stimmung
Abbildung 3.38: Kategorien affektiver Zustände
Emotionen sind komplexe, konkrete psychophysiologische Prozesse; Personen, die eine Emotion
empfinden, haben ein charakteristisches Erleben, es treten bestimmte physiologische Verände-
132
3.4 Einflussfaktoren
rungen und Verhaltensweisen auf. Emotionen können, so sie denn zukunftsgerichtet sind und
dementsprechend ein Ziel formulieren, auch eine motivationale Komponente aufweisen, so geben
sie beispielsweise Rückmeldungen über das Erreichen bestimmter Ziele. Ein Gefühl ist in diesem
Kontext kein eigener affektiver Zustand, da es lediglich das subjektive Erleben einer Emotion
darstellt. Dieses Emotionserlebnis kann entweder angenehm oder unangenehm sein, bzw. positive
oder negative Gefühle entstehen lassen, die Stärke der jeweiligen Emotion ist hierbei durchaus
quantifizierbar. Je nach Quelle wird von einer Anzahl von 50 bis 100 Emotionen ausgegangen,
wobei es nach Ekman [
Ekm92
] sechs Basisemotionen bzw. „Familien“ von Emotionen gibt: Wut,
Abscheu, Angst, Freude, Trauer und Überraschung. Es wird angenommen, dass Basisemotionen
angeboren sind, ihre Anzahl schwankt je nach Autor zwischen fünf und zehn. Laut Johnson-Laird
& Oakley [
JLO89
] können alle Emotionen auf diese Basisemotionen zurückgeführt werden,
Nicht-Basisemotionen unterscheiden sich von diesen vor allem in ihrer Intensität.
Abbildung 3.39:
Die sechs Basisemotionen nach Ekman [
Ekm92
], von links nach rechts: Wut,
Abscheu, Angst, Freude, Trauer und Überraschung
Im Gegensatz zu den diskreten Kategorien des basisemotionalen Ansatzes können Emotionen
jedoch auch in einem zwei- bzw. dreidimensionalen Koordinatensystem abgebildet werden (z.B.
nach Russell [
Rus80
]): Bei zwei Dimensionen werden die Achsen „Valenz“ und „Aktivierung“
verwendet, eine dritte Achse wäre die Dimension „Dominanz“ (mit Hilfe dieser dritten Dimension
lassen sich beispielsweise „Wut“ und „Angst“ besser differenzieren).
Abbildung 3.40: Dimensionales Emotionsmodell aus Russel [Rus80]
133
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Im Kontext der Informationsverarbeitung und als Einflussfaktor auf kognitive Prozesse spielen
Emotionen eine wichtige Rolle. Sie beeinflussen Aufmerksamkeit sowie Entscheidungsprozesse,
so können mit deren Hilfe beispielsweise akute Bedrohungen erkannt und konstant Bewertungen
der aktuellen Situation vorgenommen werden. Die Theorie der somatischen Marker (Damasio
[
Dam94
]) beschäftigt sich näher mit diesen Prozessen. Laut ihr geschehen wichtige Entscheidun-
gen vor der bewussten Entscheidung, also bevor eine Entscheidung mittels mentaler Modelle
(vgl. Abschnitt 3.2.2.1) getroffen wird. Damasio beschreibt dies als „Bauchgefühl“ (engl. „gut
feeling“), als Konsequenz wird die Aufmerksamkeit auf die möglicherweise negativen Konse-
quenzen einer Handlung gerichtet, er bezeichnet dies als eine Art „Alarmsignal“, welches vor
zukünftigen Verlusten schützt und die Anzahl der möglichen Handlungsalternativen verringert.
Toda hingegen beschreibt jede Emotion als Entscheidungsvorgang („each emotion is a decision
routine“) [
Tod80
]. Als Beispiel führt er die Emotion „Wut“ an, welche bei einer bestimmten
kognitiven Bewertung einer Situation hervorgerufen wird. Die Ausgangssituation verlangt, ob
mit oder ohne Wut, nach einer Entscheidung, die hervorgerufene Emotion „Wut“ führt nur
dazu, dass die Informationsverarbeitung nurmehr aus weniger Handlungsalternativen auswäh-
len kann, da sich durch die Wut die Handlungsplanung auf die unmittelbare Situation und
das Wut auslösende Objekt konzentriert. Je stärker die Emotion, so Toda, desto schwieriger
wird es, die Langzeitfolgen einer unter dem Einfluss dieser Emotion getroffenen Entscheidung
abzuschätzen.
Mesken [
Mes06
] beschreibt den Emotionsprozess wie folgt: Ein Ereignis muss als relevant
für ein Ziel wahrgenommen werden, dann muss entschieden werden, ob sich dieses Ereignis
positiv oder negativ auf besagtes Ziel auswirkt. Falls entscheidende Auswirkungen prädiziert
werden, folgt eine mögliche Handlung, inklusive physiologischer Reaktionen. Emotionen können
somit auch als Mittel zum Zweck interpretiert werden, deren Aufgabe es ist, Verhalten so zu
beeinflussen, dass bestimmte Ziele trotz oder wegen aktueller Umwelteinflüsse erreicht werden
können. Zielorientierte Verhaltensweisen werden unter dem Einfluss von Emotionen verstärkt.
Nach Lazarus [
Laz91
] kann anhand von sechs Merkmalen bestimmt werden, welche Emotion
bei einer bestimmten Situation auftritt, diese Merkmale lauten:
1.) Zielrelevanz: In welchem Ausmaß ist das Ereignis für die persönlichen Ziele relevant?
2.) Zielübereinstimmung: Steht das Ereignis im Widerspruch zu den Zielen oder nicht?
3.)
Selbstmiteinbeziehung: Hat das Ereignis Einfluss auf die persönliche Befindlichkeit oder
Identität?
4.)
Schuld/Verdienst: Kann jemand (inklusive das Selbst) für das Ereignis (im negativen, wie
auch im positiven Sinne) verantwortlich gemacht werden?
5.) Bewältigungspotential: Kann etwas an der Situation geändert werden?
6.)
Zukunftserwartung: Wird sich die Situation zukünftig eher verbessern oder verschlechtern?
134
3.4 Einflussfaktoren
So kann beispielsweise die Emotion „Stress“ beschrieben werden, welche auftritt, wenn eine
den eigenen Zielen schädigende Situation ohne eigenes Bewältigungspotential erkannt und als
schädlich für die eigene Person eingeschätzt wird.
3.4.5.1 Emotion und Fahrzeugführung
Prinzipiell sind alle Emotionen, dazu in der Lage, die Fahraufgabe negativ zu beeinflussen, da
sie die Aufmerksamkeit weg von der ursprünglichen Aufgabe lenken. Lazarus [
Laz91
] benennt
mehrere dieser Mechanismen: Interferenz beschreibt, dass unter dem Einfluss einer Emotion
viele Reize Aufmerksamkeit erfordern, die mit der eigentlichen Aufgabe nichts zu tun haben.
Ein Motivkonflikt entsteht hingegen, wenn die aktuelle Aufgabe Handlungen erfordert, die sich
im Widerspruch zu denen durch die Emotion ausgelösten Handlungen befinden. Bei Überein-
stimmung kann jedoch die Performanz ebenso ansteigen, so können positive Rückmeldungen
über den Grad der Zielerreichung eines bestimmten durch ein Motiv angestrebtes Ziel positive
Emotionen verursachen. Kognitive Bewältigungsprozesse führen dazu, dass das Individuum die
Emotion bewältigt, jedoch die aktuelle Aufgabe vernachlässigt.
Für die Bewältigung der Fahraufgabe besitzen die Emotionen Wut und Angst den größten Ein-
fluss auf diese, wie auch auf die Wahrscheinlichkeit, Verkehrsregeln aufgrund von aggressivem
und riskantem Fahren zu übertreten (Arnett et al. [
AOF97
]). Emotionen wie Kränkung,Stolz
oder Rache können ebenso zu gefährlichen Situationen führen. Angst hingegen führt zu einer
erhöhten Anzahl von Fahrfehlern. Des Weiteren muss beachtet werden, dass durch identische
Situationen – je nach Fahrertyp – durchaus unterschiedliche Emotionen hervorgerufen werden
können. Emotionen können zwei prinzipielle Effekte hervorrufen: Einerseits das Auslösen kon-
kreter Aktionen, wie z.B. bei aggressiven Emotionen wie Ärger, Wut und Zorn, aber auch Ekel
oder Angst, zum anderen der Einfluss auf kognitive Prozesse. Mesken [
Mes06
] beschreibt drei
konkrete Ausprägungen dieser Beeinflussung: Optimismus-Bias,Selbsteinschätzungs-Bias und
Kontrollillusion. Optimismus-Bias beschreibt die zu optimistische Einschätzung von Gefah-
ren, Selbsteinschätzungs-Bias die zu optimistische Selbsteinschätzung und Kontrollillusion die
Überschätzung der eigenen Möglichkeiten, einer gefährlichen Situation entrinnen zu können.
Vaa [
Vaa03
], [
Vaa05
] verwendet drei Grundannahmen aus Damasios Theorie der somatischen
Marker [Dam94] für ein Konzept eines Fahrerverhaltensmodells:
1.) Das fundamentale Motiv des Menschen ist Überleben.
2.)
Um das Überleben zu gewährleisten, muss der Mensch spezielle Fähigkeiten besitzen, um
Gefahren zu erkennen.
3.) Der „Monitor“, um die Gefahren zu erkennen, ist der menschliche Körper.
Das zentrale Konzept der Theorie besteht darin, dass ein Fahrer zu jeder Zeit versucht, eine funk-
tionale Balance zu erreichen, welche mittels eines optimalen Gefühls („best feeling“) detektiert
werden kann (vgl. Abbildung 3.41). Dieses permanente Streben geschieht jedoch unbewusst
135
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
– der Fahrer gewichtet ständig anhand der eigenen, wahrgenommenen Gefühle verschiedene
Szenarien und wählt jenes aus, welches sich am besten anfühlt. Daraus schlussfolgert Vaa: Falls
keine Emotionen wahrgenommen werden, findet keine Evaluation – und somit auch keine Ent-
scheidung – statt. Dies kann als eine Erweiterung der Wilde’schen Risikohomöostase verstanden
werden: Das Zielrisiko wird durch ein Zielgefühl ersetzt.
Abbildung 3.41: Struktur des „Monitor“-Modells nach Vaa [Vaa03]
3.4.5.2 Modellierung von Emotion
Die Modellierung von Emotionen wurde bisher nur in einigen wenigen Fahrermodellen umgesetzt.
So haben Al-Shihabi & Mourant [
ASM01
], [
ASM03
] in ihrem Fahrermodell eine „Emotion Unit“
implementiert, in welcher die emotionalen Reaktionen des Modells auf seine Umwelt modelliert
wurden. Das Ziel des Modells ist zu jeder Zeit, die Optimierung seines emotionalen Zustands.
Angelehnt an Fuller [
Ful84
] beeinflusst dies sein Risikoverhalten bei Planung sowie Umsetzung
der Handlungen. Es werden die sich gegenüberstehenden Faktoren „Sicherheit“ „und „Effizienz“
betrachtet. Bei Unzufriedenheit bzgl. der erreichten Effizienz – vor allem also bei zu geringer
Geschwindigkeit – werden Entscheidungen getroffen, die diese Faktoren erhöhen und damit
ebenfalls zu einem erhöhten Gesamtrisiko führen. Ein als zu hoch empfundenes Risiko hingegen
führt dementsprechend zu geschwindigkeitsvermindernden Entscheidungen. Eine Emotion wird
– basierend auf der Kategorisierung Picards [
Pic95
] – aus den Eigenschaften „Typ“, „Intensität“,
„Ursprung“ und „soziale Regeln der Umgebung“ gebildet.
Kraus [
Kra12
] gibt einen umfassenden Überblick über computergestützte Emotionsmodelle: Im
„Cathexis“-Modell von Velasquez [
Vel96
] werden, basierend auf Rosemans [
RSJ90
] Theorie,
136
3.4 Einflussfaktoren
fünf kognitive Dimensionen zur Bestimmung einer Emotion verwendet: die Motivation hin zu
einem erwünschten Zustand, der Abgleich zwischen diesem und einer vorliegenden Situation,
sowie das Dasein, die Verdientheit und die Quelle der auslösenden Ereignisse. Einzelne Module
(„proto-specialists“) vertreten eine bestimmte Basisemotion, die Module lassen sich kombinie-
ren, sodass der Raum der möglichen Emotionen umfassend abgebildet werden kann. Ortony,
Clore & Collin [
OCC90
] entwickelten ein Computermodell („OCC-Modell“), welches Art und
Intensität der Emotionen basierend auf einer Einschätzung der aktuellen Situation ermittelt.
Es werden 22 unterschiedliche Emotionen erkannt, welche in drei Hauptkategorien unterteilt
werden können: Konsequenzen aus Ereignissen, Handlungen (eigene bzw. die anderer) sowie
objektbezogene Aspekte. Die Klassifizierung bezüglich der Hauptkategorien wird mittels der
Haltung des Fahrers gegenüber Ereignissen (Zielerreichung), Aktionen (Einhaltung von Normen)
und Objekten (persönliche Einstellung zu diesen) durchgeführt. Die Intensität wird ebenso mittels
der Hauptkategorien ermittelt: die Erwünschtheit von Ereignissen, die Löblichkeit von Aktionen
sowie die Attraktivität von Objekten werden bewertet. Als positiv kann die hohe Anzahl an
vorhandenen Emotionen angesehen werden, der nicht vorhandene zeitliche Aspekt hingegen
muss als nachteilig bewertet werden.
Kraus [
Kra12
] implementierte basierend auf dem OCC-Modell ein eigenes Emotionsmodell,
in welchem die Emotionspaare auf vier reduziert wurden: „love-hate“, „admiration-reproach“,
„joy-distress“ und „hope-fear“. Emotionen können Werte von „
−1
“ bis „
+1
“ annehmen. Als Bei-
spiel für die Implementierung soll hierbei das Emotionspaar „joy-distress“ dienen. Das Hauptziel
„zeiteffizientes Zielerreichen“ wird mit diesem Emotionspaar verknüpft, so dass eine „
+1
“ bei
vollständiger Erfüllung des Ziels erreicht wird, analog eine „
−1
“ bei vollständiger Verfehlung des
Ziels. Zeiteffizientes Zielerreichen wird bei „unabhängigem“ (freiem Fahren) sowie „flüssigem“
(Folge-)Fahren erreicht. „Unabhängig“ kann bei Ausnutzung der maximal erlaubten Höchst-
geschwindigkeit gefahren werden. „Flüssig“ wird gefahren, falls nicht gebremst werden muss.
Dem Emotionspaar „hope-fear“ wird das Ziel des unfallfreien Fahrens zugeordnet, „love-hate“
berechnet sich aus einer Bewertung der Straßenklassifikation angelehnt an Fastenmeier [
FG92
],
„admiration-reproach“ richtet sich nach dem Bußgeld für eine Regelübertretung.
Fazit
Emotionen beeinflussen das Fahrverhalten auf unterschiedlichen Ebenen, sowohl was
Dauer oder Stärke der Beeinflussung betrifft, als auch deren Wirkung auf unterschiedliche psy-
chologische, wie auch physiologische Prozesse. Ähnlich dem motivationalen ist der emotionale
Aspekt ebenfalls einer der Gründe für das Nichtdeterministische des menschlichen Fahrens. Im
Gegensatz zu Motivationen sind Emotionen jedoch weniger geplant oder kontrolliert, allein
deren große inter- und intraindividuelle Varianz sowie die oftmals objektiv „banalen“ Auslöser
stellen eine besondere Schwierigkeit der Implementierung in ein Fahrermodell dar. Des Weiteren
muss beim Thema „Modellierung von Emotionen“ zwischen „Modellierung des Entstehens von
Emotionen beim Fahren“ und „Modellierung der Auswirkung von Emotionen auf das Fahrver-
137
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Abbildung 3.42: OCC-Modell nach Ortony, Clore & Collin [OCC90] aus Kraus [Kra12]
halten“ differenziert werden bzw. es sollten für die Implementierung in ein menschähnliches
Fahrermodell beide Aspekte berücksichtigt werden.
3.5 Individualität menschlichen Fahrverhaltens
Ein Fahrermodell mit ideal modellierten kognitiven Parametern mag sich – so man nur eine
bestimmte Situation betrachtet – menschähnlich verhalten. Der in einem solchen Fahrermodell
steckende Determinismus der Aktionen stellt jedoch einen bedeutenden Unterschied zu einem
Realfahrer dar. Bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und identischen Situationen würde solch
ein Modell eben auch identische Reaktionen zeigen – genau das würde man von solch einem
Modell erwarten. Ebenso erwartbar ist, dass unterschiedliche Fahrer in nahezu identischen
Verkehrssituationen unterschiedlich reagieren. Jedoch zeigen identische Fahrer in identischen
Situationen mitunter völlig verschiedene Verhaltensweisen. Diese komplett in ein Fahrermodell
zu integrieren ist mithin unmöglich, nichtsdestoweniger kann man sich diesen annähern. Dazu
werden in diesem Kapitel mehrere Ursachen dieser „nicht-objektiven“ Verhaltensweisen näher
betrachtet.
3.5.1 Situationen und Manöver
Während einer Autofahrt erlebt der Fahrer unterschiedliche Szenarien mit jeweils szenarios-
pezifischen Situationen und damit verbunden unterschiedlichen psychischen und physischen
Anforderungen an die Fahraufgabe. Phasen des Kaum-Handelns wechseln sich mit kognitiv
fordernden Phasen ab, wobei die jeweilige Einordnung der aktuellen Situation inter- und intrain-
dividuell unterschiedlich vorgenommen werden kann. Eine rein „objektive“ Kategorisierung, also
138
3.5 Individualität menschlichen Fahrverhaltens
eine, die ohne Kenntnis der Motivationen bzw. Ziele des jeweiligen Fahrers eine Situation nur an-
hand der Umgebungsinformationen interpretiert, beschreibt den „wirklichen“ Zustand demnach
nicht vollumfänglich. Ebenso fehlen der Einschätzung aus Fahrersicht oft wichtige Informationen
über die Umgebung bzw. andere Verkehrsteilnehmer. Eine „objektive“ Situationsbeschreibung
kann als „Verkehrssituation“ bezeichnet werden. Reichart [
Rei01
] definiert diese als „objektiv
gegebene räumliche und zeitliche Konstellation, der verkehrsbezogenen Einflussgrößen der „ Ar-
beitsumgebung der Verkehrsteilnehmer“. Eine Verkehrssituation entsteht schlussendlich aus den
vielen Verhalten der Verkehrsteilnehmer und kann ein Ziel bzw. ein Ergebnis einer Modellierung
darstellen. Der subjektiv vom Fahrer wahrgenommene und eingeordnete dynamische Zustand
seines Fahrzeugs in der Welt sowie die Informationen über Umwelt und andere Verkehrsteilneh-
mer wird als „Fahrersituation“ bezeichnet. Der Begriff „Fahrsituation“ hingegen beschreibt die
theoretisch wahrnehmbaren Informationen des Fahrers in einer bestimmten Verkehrssituation und
stellt somit das Maximum der verwendbaren Informationen des Fahrers dar. Der Situationsbegriff
wird im folgenden Abschnitt entsprechend den Anforderungen an den Modellierungskontext
weiter spezifiziert.
Es gibt eine Vielzahl von Situationsdefinitionen in der einschlägigen Literatur. So definiert
Fastenmeier [
Fas95
] Situationen als räumlich und zeitlich abgrenzbare Elemente einer Fahrt, die
durch Fahrerhandlungen (z. B. das Überfahren einer Kreuzung) oder Änderungen der Umgebung
(z.B. das Wegfallen einer Fahrspur) beendet bzw. initiiert werden können. Eine Klassifizierung
wird basierend auf Straßentyp (innerorts, Landstraße, Autobahn), Straßenausbau (Anzahl Fahr-
spuren, Krümmung usw.), Trassierungsmerkmale (Steigung, Kreuzung, Art der Vorfahrt usw.)
sowie Verkehrsablauf (Hindernisse, Fahrtrichtungsänderungen usw.) vorgenommen. Insgesamt
können mit Hilfe dieser Taxonomie, da
8
Variablen mit jeweils 2 bis 9 Kategorien verwendet
werden, bis zu
3150
unterschiedliche Situationen definiert werden (Bauer [
Bau11
]). Schweigert
[
Sch02
] erweitert die Taxonomie um die Variablen „andere Verkehrsteilnehmer“ sowie „zuläs-
sige Geschwindigkeit“, somit können nun auch „dynamische“ Situationen betrachtet werden.
Reichart hingegen [
Rei01
] grenzt Fahrersituationen zeitlich durch einen Wechsel der fahrtbezo-
genen Handlungsprogramme des Fahrers voneinander ab. Weitere Definitionen bzw. Sichtweisen
auf den Situationsbegriff können bei Schneider [
Sch09
] sowie Kraus [
Kra12
] nachgeschlagen
werden.
3.5.1.1 Variable Situationsmerkmale
Die bisher verwendeten Situationsdefinitionen sind bezüglich der „intrasituativen“ Faktoren
wenig aussagekräftig. Eine Vielzahl von zeitlich kurzfristigen Einflüssen wirkt auf eine Situation,
so dass dieser Kontext zwei auf dem Papier völlig identische Situationen – mit dementspre-
chend unterschiedlichem Fahrerverhalten – erzeugen kann. Die wichtigsten Einflussfaktoren und
beispielhaft Zusammenhänge zum Fahrverhalten werden folgend tabellarisch dargestellt.
139
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Faktor Ausprägung Wirkzusammenhang
Tageszeit Tageslicht Normalverhalten
Dämmerung evtl. Blendungen durch tiefstehende Sonne
Nacht allgemein schlechtere Sicht,
evtl. Blendungen durch Scheinwerfer
Wetter
Bedeckter
Himmel
Normalverhalten
Sonne Normalverhalten
Regen evtl. Blendungen bzw. Beeinträchtigungen durch
Sonnenbrille
Schnee evtl. Glätte, Überdeckungen von Straßenschildern
bzw. Scheinwerfern durch Schnee
Nebel stark beeinträchtigte Sicht
Fahrbahn Trockenheit gutes bzw. „normales“ Bremsverhalten
Nässe verlängerter Bremsweg, Aquaplaning
Glatteis extrem verlängerter Bremsweg
Fahren nur bei sehr niedrigen Geschwindigkeiten möglich
Innenraum
Klimaanlage
defekt
erhöhte Temperaturen, evtl. erhöhte Frustration etc.
Laute Musik verminderte Aufnahmefähigkeit auditorischer Kanal
(Martinshorn, Hupe überhören)
Tabelle 3.5: Wichtige, das Fahren beeinflussende Umweltfaktoren
Die in Tabelle 3.5 aufgezählten Faktoren stellen nur einen Teil der denkbaren Umwelteinflüsse auf
das Fahrverhalten dar und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Zusammenhänge
zum Fahrverhalten gelten im Allgemeinen nur für „Normalfahrer“. Je nach Fahrerfahrung,
medizinischen Prädispositionen bzw. Lust und Laune beeinflussen diese das Fahrverhalten
stärker oder schwächer.
Für die psychosozialen Faktoren in Tabelle 3.6 gilt die Aussage analog zu den Umweltfaktoren:
Sie repräsentieren nur einige der denkbaren Einflussgrößen. In diesem Fall hängt der Wirkzu-
sammenhang weitaus stärker mit der Persönlichkeit des Fahrers sowie dessen Beziehung zu den
Mitfahrern, den Fahrzeugeigentümern usw. ab. In den Abschnitten 3.4.4.1 und 3.4.5.1 wird auf
motivationale und emotionale Einflussfaktoren vertieft eingegangen.
3.5.1.2 Modi der Längsführung
Betrachtet man das Geschwindigkeitsverhalten von menschlichen Fahrern, so können primär
zwei Modi identifiziert werden: „freie Fahrt“ und „Folgefahrt“ (bzw. nach Fastenmeier [Fas95]
„ungebundene“ und „gebundene Fahrt“). Als „freie Fahrt“ wird im Allgemeinen ein Fahrzustand
bezeichnet, in welchem der Fahrer nicht durch andere vorausfahrende Fahrzeuge beeinflusst wird.
Vor allem für die Geschwindigkeitswahl ist dieser Zustand von Bedeutung, da diese nur durch
140
3.5 Individualität menschlichen Fahrverhaltens
Faktor Ausprägung Wirkzusammenhang
Gruppen-
dynamik
Alleinfahrt Normalverhalten
Beifahrer
vorhanden
sicheres und langsames Fahren, besonders bei Kindern als
Passagier
Ausnahme: junge Fahrer, hier teilweise riskantere und
schnellere Fahrweise
Eigentum Leihwagen teilweise rücksichtslosere Fahrweise
eigenes Auto
teilweise rücksichtsvollere Fahrweise
Fahrttyp Fahrt zur
Arbeit
evtl. größerer Zeitdruck, riskanteres Fahren
„Cruisen“ maximal entspanntes Fahren, langsamer
Notfall stark erhöhte Geschwindigkeiten
Tabelle 3.6: Psychosoziale Faktoren
eventuell vorhandene Geschwindigkeitsbeschränkungen sowie die durch die Streckenbeurteilung
des Fahrers (Kurvenkrümmung, Untergrund, Sichtweite) begrenzt wird. Es gibt unterschiedliche
Kriterien zur Abgrenzung der freien Fahrt von anderen Fahrzuständen: Nach Fastenmeier [
Fas95
]
ist eine Zeitlücke von mindestens
2
Sekunden zum vorausfahrenden Fahrzeug ein Kriterium.
Zöller [Zöl15] legt für ihre Untersuchungen eine Zeitlücke von mindestens 3 Sekunden fest.
Als „Folgefahrt“ wird die Fahrt hinter einem Fahrzeug beschrieben, somit ist die Geschwindig-
keitswahl (nach oben) entsprechend eingeschränkt. Die bereits beschriebene Zeitlücke von
2
Sekunden stellt einen groben Anhaltspunkt für eine Differenzierung für Folgefahrt und freie
Fahrt dar, jedoch kann diese nicht als alleiniges Maß dienen: Die Geschwindigkeitswahl kann
bei niedrigen Geschwindigkeiten auch bei größeren Zeitlücken vom vorausfahrenden Fahrzeug
beeinflusst werden, ebenfalls kann – bei wahrgenommener wachsender Zeitlücke – bei hohen
Geschwindigkeiten eine kleine Zeitlücke „freie Fahrt“ bedeuten, z.B. bei einem geplanten Über-
holvorgang. Dem Kontext kommt also eine große Bedeutung zu, ebenso dem Fahrer und seiner
Interpretation der Situation. Während der Folgefahrt regelt der Fahrer somit nicht zuvorderst
die eigene Fahrgeschwindigkeit, sondern den Folgeabstand, welcher sich aus dem aktuellen
Abstand und der Relativgeschwindigkeit zum vorausfahrenden Fahrzeug sowie der eigenen
Geschwindigkeit berechnet (Fecher [
Fec05
]), vgl. auch Abschnitt 3.1.5.2. Ein weiteres Kriterium
ist die Zeit, für welche die Zeitlücke die geforderten
2
Sekunden unterschreitet, Fecher [
Fec05
]
setzt diese bei
10
Sekunden an, Zöller [
Zöl15
] verwendet
3
Sekunden. Des Weiteren kann eine
Mindestgeschwindigkeit sinnvoll für die Abgrenzung von Stop-and-Go-Situationen sein, Fasten-
meier [
Fas95
] sieht die Grenze für eine Kolonnenfahrt bei
30
km/h, bei Zöller [
Zöl15
] sind es
10m/s, also 36km/h.
Eine „freie Fahrt“ im strengen Sinne – also einer, in der der Fahrer völlig unbeeinflusst von
anderen Fahrzeugen seine Geschwindigkeit wählt – kommt im alltäglichen Straßenverkehr nur
bei freier Strecke vor. Sobald sich andere Fahrzeuge auf derselben Fahrbahn befinden, trifft der
141
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Fahrer Voraussagen über das Verhalten, bewertet Risiken und trifft abhängig davon Entschei-
dungen, die sich auf die Geschwindigkeitswahl auswirken (Wird es einen Ausschervorgang auf
die eigene Spur geben? Steht ein Bremsmanöver kurz bevor?). Im Gegensatz zur Geschwin-
digkeitswahl, welche oftmals anhand Geschwindigkeitsbegrenzungen, Wirtschaftlichkeits- oder
Risikobetrachtungen getroffen wird, geschieht die Abstandswahl im „Folgefahrt“-Modus weniger
„datenbasiert“. Zum einen liegt dies an fehlenden Instrumenten im Fahrzeug, des weiteren legen
Untersuchungen nahe, dass eine fahrerspezifische als angenehm oder sicher geltende Zeitlücke
existiert (Bauer et al. [
BGR10
], Ehmanns [
Ehm01
], Fecher [
Fec05
]). Geregelt wird nicht der
Abstand, sondern eine persönlich präferierte Zeitlücke. Somit entbindet das Hinterherfahren den
Fahrer von einigen Entscheidungsprozessen, die Regelung der Zeitlücke geschieht vor allem
sensumotorisch.
Eine Möglichkeit der Modellierung von längsdynamischem Verhalten bietet das Verkehrsflussmo-
dell von Wiedemann [
Wie74
]: Er beschreibt vier unterschiedliche Zustände, welche von Abstand
und Geschwindigkeitsdifferenz zum vorausfahrenden Fahrzeug abhängen. Bei Abständen zum
Vorderfahrzeug von über
150
m befindet sich der Fahrer im Zustand „unbeeinflusstes Fahren“,
dies ist mit der bereits beschriebenen „freien Fahrt“ gleichzusetzen. Im Zustand „unbewusst
beeinflusstes Fahren“ folgt der Fahrer einem Fahrzeug mit einem bestimmten Abstand – dies
entspricht der beschriebenen „Folgefahrt“. Im „bewusst beeinflussten Fahren“ findet sich zum
einen ein Annäherungsvorgang bis zu einem bestimmten angepeilten Folgeabstand, falls die-
ser unterschritten wird, muss gebremst werden (vgl. Abbildung 3.43). Über unterschiedliche
Wahrnehmungsschwellen für Relativgeschwindigkeiten sowie unterschiedliche Minimal- und
Wunschabstände kann eine gewisse Menschähnlichkeit des Modells erzeugt werden. Des Weite-
ren existieren Toleranzen für die Abweichungen vom Wunschabstand, so dass Fahrerhandlungen
nicht instantan bei erkannten Abweichungen durchgeführt werden.
Fazit
Für den Normalfahrer ist anzunehmen, dass das freie Fahren der erwünschte Zustand
ist, falls das nicht möglich ist, muss das Folgefahren gewählt werden. Nichtsdestoweniger hängt
die zeitliche Verteilung der Zustände stark vom Umgebungsverkehr, der Straßenkategorie sowie
dem Fahrverhalten des entsprechenden Fahrers ab. Für die Modellierung lässt sich zusammen-
fassen, dass das Wissen um den aktuellen „Längsregelungszustand“ durchaus relevant ist. Je
nach Fahrertyp – aber auch abhängig vom aktuellen Erschöpfungszustand – wird „freie“ oder
„Folgefahrt“ präferiert. Des Weiteren ist eine Klassifikation des Zustands für den Fahrregler von
Bedeutung (Regelung der Geschwindigkeit bzw. des Abstands/der Zeitlücke). Für die Regelung
der Querdynamik existieren keine vergleichbaren Fahrmodi, da die Breite der Fahrspur die
Freiheiten des Fahrers genügend eingrenzt.
142
3.5 Individualität menschlichen Fahrverhaltens
Abbildung 3.43: Folgemodell aus Wiedemann [Wie74]
3.5.1.3 Manöver
Ein Manöver bezeichnet im Kontext der Fahrzeugführung eine zeitlich und örtlich begrenzte
Fahrhandlung mit einem bestimmten Ziel. Im Drei-Ebenen-Modell nach Michon [
Mic85
] sind
Manöver auf der mittleren – der taktischen bzw. Manöverebene – einzuordnen. Die Ziele der
Manöver müssen bestimmte Kriterien, die in der strategischen Ebene definiert wurden, erfüllen.
In den Ebenenmodellen – die hierarchische Modelle sind – können Manöver jederzeit stattfinden,
da keinerlei Zeitverhalten in den Modellen steckt. Damit diese Sichtweise aufrecht erhalten
werden kann, wird zwischen „ständigen“ und „komplexen“ Manövern unterschieden (z. B. Bubb
[
BBGV15
]). Ein „ständiges Manöver“ ist beispielsweise das „Folgen des Straßenverlaufs“, als
Beispiel für ein „komplexes“ Manöver wird das „Folgen eines vorausfahrenden Fahrzeugs“ ge-
nannt, es wird sogar ein „sehr komplexes Manöver“ – das Überholen eines Fahrzeugs aufgezählt.
Jürgensohn [
JBGS18
] grenzt Manöver auf einer zeitlichen Ebene von anderen Handlungen ab:
Manöver können nach dieser Definition alle Teile der Fahraufgabe sein, die zum einen länger als
automatisierte Handlungen im Millisekundenbereich, jedoch kürzer als Planungsvorgänge auf
der strategischen Ebene andauern.
Eine Kategorisierung der von Fahrmanövern wurde u. a. von Nagel & Enkelmann vorgenommen
[
NE91
]. Die Autoren beschrieben
17
Fahrmanöver, mit deren Hilfe es möglich sei, sowohl
innerstädtischen als auch Verkehr auf Autobahnen zu beschreiben. Später wurde ein
18.
Manö-
ver („Stillstand“) hinzugefügt (Bajcsy & Nagel [
BN96
]). Tölle [
Töl96
] verringerte die Anzahl
auf
9
basale Manöver, in dem er „virtuelle“ Objekte einführte und somit die Unterscheidung
zwischen realen Verkehrsteilnehmern und Bezugsobjekten der Straße (z.B. Haltelinien) aufhob.
143
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
Nagel & Enkelmann Tölle
Anfahren Anfahren
hinter einem anfahrenden Fahrzeug anfahren Anfahren
Straßenzug folgen Folgen
rückwärts fahren Folgen
einem Fahrzeug folgen Folgen
Kreuzung überqueren
Kreuzung überqueren
Fahrspurwechsel nach links/rechts Fahrspurwechsel
Überholen Fahrspurwechsel
links/rechts abbiegen Abbiegen
am rechten Straßenrand anhalten Annähern
Stillstand Annähern
Annähern an ein sich vor dem Fahrzeug befindendes Objekt Annähern
vor einem Gegenstand anhalten Annähern
Kehre links/rechts Umkehren
Fahrtrichtung umkehren Umkehren
links/rechts an einem Gegenstand vorbeifahren Passieren
in eine Parklücke einfahren Parken
aus einer Parklücke herausfahren Parken
Tabelle 3.7: Fahrmanöver nach Nagel & Enkelmann [NE91] und Tölle [Töl96]
Die Manöver werden in drei Klassen eingeteilt; M1: „Fahrmanöver ohne Berücksichtigung
von Verkehrsobjekten“, M2: „Fahrmanöver mit Berücksichtigung von Verkehrsobjekten“ und
M3: „Parkmanöver“. Die Manöver sind jedoch nicht aus Fahrersicht betrachtet, sondern sollen
Beschreibungen bzw. Fahrmissionen für von autonom fahrenden Fahrzeugen durchführbare
Manöver darstellen. In Tabelle 3.7 sind die originalen bzw. reduzierten Manöver gegenüberge-
stellt.
Schreiber [
Sch11
] evaluierte den Ansatz von Nagel bzw. Bajcsy und entwickelte daraufhin
das Konzept von expliziten bzw. impliziten Manövern. Explizite Manöver sind vom Fahrer
aktiv gewünschte und vom Fahrerassistenzsystem umzusetzende Manöver (z.B. Wechsel der
Fahrbahn). Implizite Manöver hingegen sollen von der Manöverassistenz auch ohne expliziten
Fahrerwunsch ausgeführt werden (z.B. das In-der-Spur-bleiben), diese Art von Manöver kann
theoretisch unbegrenzt andauern. Des Weiteren kann zwischen taktischen und strategischen Ma-
növern unterschieden werden (Siedersberger, [
Sie03
]). Taktische Manöver beschreiben reaktive
Handlungen, die aufgrund von bestimmten Verkehrskonstellationen durchgeführt werden (z.B.
das Überholen eines Fahrzeugs). Strategische Manöver hingegen sind im Vorhinein bekannt
(z.B. ein Spurwechsel zum Zweck des Abfahrens von einer Autobahn). Einige Manöver (z.B.
ein Spurwechselmanöver) kann sowohl taktisch als auch strategisch durchgeführt werden, diese
unterscheiden sich somit vor allem in ihrer Motivation.
Die Unterscheidung zwischen aktiv gewünschten und „im Hintergrund“ ablaufenden Manövern
ist ebenso auf menschliches Fahrverhalten anzuwenden. Unter „Manöver“ verstehen Testfahrer
144
3.5 Individualität menschlichen Fahrverhaltens
Abbildung 3.44: Fahrerfähigkeiten nach Siedersberger [Sie03]
bestimmte Fahraufgaben, also abzufahrende Kurse mit bestimmten Rahmenbedingungen (z.B.
Doppelter Spurwechsel, Slalom etc.) – jedoch nicht das womöglich stundenlange Fahren auf
einer Autobahn. Dementsprechend wird im Rahmen dieser Arbeit eine alternative Definition
des Begriffs „Manöver“ verwendet: Ein Manöver bezeichnet eine zeitnahe Reaktion auf eine
Situationsänderung aufgrund extrinsischer oder intrinsischer Reize. Diese Reaktion beinhaltet
eine (Fahr-)Handlung sowie kognitive Planungs- und Entscheidungsvorgänge.
Wie schon aus den erwähnten Manöverkatalogen ersichtlich, gibt es Fahrmanöver unterschied-
licher Komplexitätsklassen. Beispielsweise kann das Manöver „links überholen“ in die Teil-
manöver „Spurwechsel links“ und „Spurwechsel rechts“ unterteilt werden (so man nur die
Querdynamik betrachtet). Führt man diesen Gedanken weiter, so erhält man letztendlich be-
stimmte Basis-Fahrhandlungen. Siedersberger [Sie03] nennt diese „Fahrerfähigkeiten“
Offensichtlich ist eine Trennung von Längs- und Querhandlungen sinnvoll, da die Längs- und
Querführung mittels unterschiedlicher Bedienelemente durchgeführt wird. Viele dieser Fertig-
keiten finden auf der sensumotorischen Ebene – und somit zumeist unbewusst – statt. Manöver
beschreiben also eine bestimmte Klasse von Handlungen, welche eine spezifische Problemstel-
lung im Kontext der Fahrzeugführung lösen.
3.5.2 Fehler
In der Psychologie existieren eine Vielzahl von Fehlerdefinitionen und -klassifikationen. Der
Begriff „Fehler“ kann aus zwei Sichtweisen betrachtet werden: Zum einen als eine Verhal-
tensabweichung von einem Soll- oder Normverhalten, zum anderen als Nichterreichen eines
bestimmten Handlungsziels durch den Handelnden. Eine entscheidende Eigenschaft, die eine
Handlung innehaben muss, um als „fehlerhaft“ definiert werden zu können, ist deren Vermeid-
145
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
barkeit (Zapf et al. [
ZFB+99
]). Damit einhergehend gilt für die nicht erreichten Handlungsziele,
dass es eine Möglichkeit zur Erreichung dieser gegeben haben muss, um das Nichterreichen
als Fehler bezeichnen zu können. Bei der Untersuchung menschlichen Fahrverhaltens fallen
unweigerlich die mannigfaltigen Möglichkeiten menschlicher Fehlhandlungen während des
Fahrens auf. Betrachtet man die Fahraufgabe mit Hilfe des Wickens’schen Modells der Informati-
onsverarbeitung, so kommt man zu dem Schluss, dass Fehlhandlungen im Allgemeinen in all den
beschriebenen Stufen des Modells ihren Ursprung haben können. Michon [
Mic85
] schlussfolgert
daher, dass prinzipiell vier Fehlertypen existieren: Fehler der Wahrnehmung, des Verstehens, der
Entscheidung und der Handlung. Rasmussens [
Ras82
] Modell des Handlungsablaufs bei Fehlern
hingegen beschreibt ausnahmslos fehlerhafte Handlungen, die zwischen Signaldetektion und
Handlungsausführung geschehen. Er geht von einem sequentiellen Verlauf der Informationsver-
arbeitung aus und ordnet jedem Schritt einen spezifischen Fehlertyp zu. Zimmer [
Zim01
] hat
das Modell des Handlungsablaufs bei Fehlern von Rasmussen an die Fahraufgabe adaptiert (vgl.
Abbildung 3.45). Folgende Fehlertypen können demnach beim Fahren auftreten:
•
Struktureller bzw. mechanischer Fehler: Die Fehlhandlung liegt außerhalb der Fahrerhand-
lung bzw. ist eine Folge einer im Vorfeld begangenen Fehlhandlung, die einen nicht mehr
abwendbaren Fehler nach sich trägt (z.B. bei einem unabwendbaren Unfall oder einem
technischen Defekt).
•
Informationsfehler: Wichtige Informationen werden nicht bzw. zu spät wahrgenommen
(z.B. Übersehen einer roten Ampel).
•
Diagnosefehler: Die Situationseinschätzung ist fehlerhaft (z. B. Verhalten anderer Ver-
kehrsteilnehmer).
•
Zielsetzungsfehler: Ein Ziel wird ausgewählt, das nicht der (objektiven) Situation angepasst
ist (z.B. ein riskantes Ausweichmanöver wegen eines kleinen Tieres).
•
Methodenfehler: Es wird eine nicht adäquate Handlung zur Zielerreichung gewählt (z.B.
beim Autofahren Lenken, Bremsen, Beschleunigen – da es zumeist nur eine Methode gibt,
um ein Ziel zu erreichen, kommen Methodenfehler beim Autofahren so gut wie nie vor,
denkbar wäre z.B. „untersteuerndes Lenken mit Handbremse bei Schnee“ vs. „normales
Lenken“).
•
Handlungsfehler: Die Handlung wird fehlerhaft ausgeführt (z. B. zu starkes Lenken,
Bremsen).
•
Bedienungsfehler: Ein Fehler ist bei der Betätigung des Bedienelements aufgetreten (z. B.
Abrutschen von einem Pedal).
Gruendl [
Grü05
] hat Unfallursachen mit Hilfe dieser Fehlertaxonomie untersucht, diese hatte
zum Ergebnis, dass Informationsfehler bei weitem überwiegen (vgl. Abbildung 3.46).
Eine etwas andere Kategorisierung nahm Reason vor [
Rea90
]. Er unterscheidet in seinem
„Modell der gefährdenden Verhaltensweisen“ zwischen intendierten und nicht intendierten sowie
146
3.5 Individualität menschlichen Fahrverhaltens
Abbildung 3.45: Fehlerkategorien von Zimmer [Zim01] nach Rasmussen [Ras82]
Inf.-aufnahme
Handlung
Diagnose
Strukturell
Zielsetzung
Bedienung
0
50
100
150
200
250 240
38 24 23 18 6
Anzahl Fehler
Abbildung 3.46: Unfallursachen nach einer Untersuchung durch Gründl [Grü05]
147
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
zwischen sicherheitsorientierten und effektivitätsorientierten Verhaltensweisen. Ein Verstoß
unterscheidet sich somit von Fehlern dadurch, dass er bewusst und aufgrund eines falschen
Effektivitätsverständnisses hervorgerufen wird (vgl. Tabelle 3.8).
Verhalten sicherheitsorientiert effektivitätsorientiert
nicht intendiert
Aufmerksamkeitsfehler,
Gedächtnisfehler
Zielsetzungsfehler
intendiert – Verstoß
Tabelle 3.8: Fehlerarten nach Reason [Rea90]
Jones & Endsley [
JE00
] entwickelten eine Fehlertaxonomie basierend auf dem Konzept des
Situationsbewusstseins (vgl. Abschnitt 3.4.3) und unterschieden drei Fehlerebenen:
•
Ebene 1 – Fehler in der Situationswahrnehmung: Die Situation wird nicht korrekt wahrge-
nommen (Informationen sind nicht verfügbar, schwer zu erkennen, wurden falsch erkannt
oder vergessen).
•
Ebene 2 – Fehler im Situationsverständnis: Die Situation wird z.B. aufgrund schlechter
oder falscher mentaler Modelle falsch eingeschätzt.
•
Ebene 3 – Fehler in der Situationsprognose: Die zukünftige Entwicklung der Situation
wird aufgrund schlechter oder falscher mentaler Modelle falsch extrapoliert.
Bezüglich dieser Kategorisierung haben die meisten Unfälle ihre Ursachen in Fehlern der Ebene
1 – also der Situationswahrnehmung.
Hacker [Hac98] unterscheidet zwischen drei Ursachen menschliches Fehlverhaltens:
• Objektives Fehlen von Informationen
•
Fehlende Nutzung objektiv vorhandener Informationen: Übersehen, Vergessen, Über-
gehen, Informationsreduktion bei Redundanzausnutzung, Zeit- bzw. kapazitätsbedingte
Verarbeitungsdefizite
•
Falsche Nutzung objektiv vorhandener Informationen: falsches Orientieren, falsches Ent-
werfen von Aktionsprogrammen, falsches Entscheiden, unzutreffende Bedingungseinord-
nung von Aktionsprogrammen
Betrachtet man aktuelle Daten des statistischen Bundesamtes, so erhält man als Hauptunfall-
ursachen bei Fahrzeugführerinnen und -führern im Jahr
2017
Fehler beim Abbiegen, Wenden,
Rückwärtsfahren sowie beim Ein- und Anfahren (
16%
). Am zweithäufigsten wurde die Vor-
fahrt beziehungsweise der Vorrang anderer Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer missachtet
(
15%
). Oft wurde auch der Abstand nicht eingehalten (
14%
) beziehungsweise die Geschwindig-
keit nicht angepasst (12%).
148
3.5 Individualität menschlichen Fahrverhaltens
Abbildung 3.47: Unfälle nach Fehlerkategorien im Jahr 2017 [Bun18]
Es stellt sich nun die Frage nach der Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Fehlertyps bzw. der
Häufigkeit seines Vorkommens. Die HEP (Human Error Probability) beschreibt die Anzahl
der fehlerhaft durchgeführten Aufgaben des Typs „A“ geteilt durch alle Aufgaben des Typs
„A“ (Bubb [
BBGV15
]). Bei hochgeübten (fertigkeitsbasierten) Handlungen werden Fehlhand-
lungswahrscheinlichkeiten von
10−3
erwähnt (nach Swain & Guttman [
SG83
], basierend auf
Untersuchungen im Kontext von Atomkraftwerken), für wissensbasierte Handlungen sind die
Wahrscheinlichkeiten um mehrere Größenordnungen erhöht (
10−1
bis-
10−2
). Bubb nimmt eine
„interne Zykluszeit des Menschen“ von
3
Sekunden für hochgeübte Tätigkeiten und
2
Sekunden
für neuartige Tätigkeiten an und berechnet daraus eine MTBF (Mean Time Between Failures)
von ca.
50
min (
3000
s bei
10−3
). Bei einer Fehlhandlungswahrscheinlichkeit von
10−4
betrüge
die MTBF entsprechend 500min.
Fazit
Ein Fahrermodell, welches nicht in der Lage ist, menschliche Fehlhandlungen zu simulie-
ren, kann schwerlich als „menschähnlich“ bezeichnet werden, da das Vorhandensein von Fehlern
eine systeminhärente Eigenschaft menschlicher Handlungsweisen ist. Je nach Modellierungs-
ziel, Typ der Menschähnlichkeit und Modellierungsressourcen können Fehler in verschiedenen
Ebenen eines Fahrermodells implementiert werden. Bei einer Modellstruktur basierend auf dem
Wickens’schen Informationsverarbeitungsmodell bietet sich die Rasmussen’sche Taxonomie an,
eine Erweiterung bezüglich situativer Elemente sollte jedoch – siehe Kapitel 4.1 – angedacht
werden.
149
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
3.5.3 Lernen
Als Lernen wird ein Prozess definiert, der zu Veränderungen im Verhalten führt und auf Erfah-
rung aufbaut. Erfahrungen sind hierbei gesammelte Erkenntnisse über Reaktionen der Umwelt
auf (eigene) Handlungen. Außerhalb der Fahrschule findet das Erlernen des Autofahrens vor
allem durch informelles Lernen, also nicht bewusst angestrebtes Lernen, bzw. noch genauer als
implizites Lernen, also als Lernen, dessen Verlauf und Ergebnis dem Lernenden nicht bewusst
sind, statt. Beim Erlernen des Autofahrens wird nicht die eine Fähigkeit „Autofahren“ erlernt,
vielmehr werden viele unterschiedliche Kombinationen der Koordination von sensorischen und
motorischen Signalen erlernt, beim Autofahren sind dies insbesondere das Lenken, Bremsen,
Wechseln des Gangs und Kuppeln, Verwendung der Rückspiegel, Beachten der Verkehrsschilder,
Beobachten der anderen Verkehrsteilnehmer und vieles mehr [Lan06].
Bezüglich Rasmussens Modell des zielgerichteten Verhaltens „wandern“ Fähigkeiten während
des Lernens von der wissensbasierten (obersten) Ebene zur fertigkeitsbasierten (untersten) Ebene.
Bei einem „erfahrenen“ Fahrer finden nach einer gewissen Zeit (bzw. Anzahl gefahrener Kilome-
ter) viele, vor allem sensumotorische Prozesse automatisch bzw. unbewusst statt
9
. Für kognitive
Prozesse während des Fahrens bedeutet Lernen eine immer genauere Präzisierung mentaler
Modelle (Modelle des eigenen Fahrzeugs, der Voraussage von Handlungen, von Umweltein-
flüssen usw.). Umfangreiche Ausführungen zu diesem Thema sind bei Jürgensohn [
JBGS18
]
nachzulesen.
Eine Implementierung von „Lernen“, welches eben genannter Beschreibung entspricht, in Fah-
rermodelle wurde bisher aus Komplexitätsgründen nicht unternommen. Im Kontext der Fahrer-
modellierung beschränkt sich „Lernen“ zumeist auf unterschiedliche Formen des maschinellen
Lernens, diese sollen jedoch nicht menschliches Lernen simulieren, sondern stellen im Allge-
meinen eine Optimierung bestimmter Funktionen des Fahrreglers dar und sind daher in diesem
Kontext nicht von Bedeutung.
Fazit
Im Allgemeinen ändern sich Fahrerfahrung bzw. die Fertigkeit des Fahrens nur sehr
langsam, eine Implementierung des Lernvorgangs in ein Fahrermodell, welches üblicherweise
einzelne Fahrten durchführen soll, erscheint daher als vergleichsweise aufwändig und inef-
fizient. Im Hinblick auf unterschiedliche Fahrertypen ist die Verwendung eines bestimmten
Lernfortschritts – also der Fahrerfahrung – jedoch möglich.
3.6 Unterschiede im Fahrverhalten und ihre Ursachen
Wenn von „menschlichem“ oder „menschähnlichem“ Verhalten die Rede ist, dann werden alle
Verhaltensweisen, die für einen Menschen denkbar sind, zusammen betrachtet. Während der
9
Es dauert ca.
7
Jahre bzw.
100000
km Fahrleistung, bis ein niedriges Unfallniveau erreicht wird (Donges [
Don15
]),
dies ist unabhängig vom Alter bei Erwerb des Führerscheins
150
3.6 Unterschiede im Fahrverhalten und ihre Ursachen
Bewältigung der Fahraufgabe trifft der Fahrer permanent Entscheidungen, somit zählen alle
daraus abgeleiteten Handlungen zu „menschlichem“ Fahrverhalten. Es gibt eine Vielzahl von
Einflussfaktoren, die auf die einzelnen kognitiven und sensumotorischen Prozesse wirken und
dazu führen, dass sich menschliche Handlungen voneinander unterscheiden. Dies betrifft sowohl
interindividuelle als auch intraindividuelle Verhaltensunterschiede. Letztere wurden im Abschnitt
3.4 dieses Kapitels ausführlich erläutert, vor allem beeinflussen Motivationen und Emotionen
Variationen im Fahrverhalten eines Fahrers. Einige dieser Faktoren sind während einer Fahrt
konstant bzw. ändern sich so langsam, dass von einer Konstanz ausgegangen werden kann, andere
sind von bestimmten Umgebungsbedingungen bzw. Situationen abhängig und können daher
während der Fahrt variieren. Eine Simulation von menschähnlichem Fahrverhalten muss jedoch
all diese Einflussfaktoren berücksichtigen, um ein möglichst hohes Maß an Menschähnlichkeit
erreichen zu können.
Die Individualität des menschlichen Fahrverhaltens wird jedoch durch die Beschränkung seiner
Handlungsmöglichkeiten begrenzt – zum einen physikalisch durch die ihm zur Verfügung stehen-
den Bedienelemente und die Bewegung in einem Fahrzeug und zum anderen auch bezüglich des
Handlungsraums durch das recht starre Regelwerk des Straßenverkehrs. Nichtsdestoweniger wird
das Fahrverhalten eines Menschen durch unterschiedliche Faktoren seiner Psyche, aber auch
seiner Physis beeinflusst. Diese Eigenschaften, welche Unterschiede zwischen Menschen bzw. in
deren Fahrverhalten beschreiben, sind zum einen spezifische kognitive und körperliche Fähig-
keiten, aber auch Erfahrung und die damit einhergehenden Fertigkeiten. Weiterhin spielen auch
demografische Eigenschaften wie Alter und Geschlecht, aber auch kulturelle Prädispositionen
eine gewisse Rolle.
Carsten [
Car07
] extrahiert aus einer Vielzahl von Untersuchungen und Modelltheorien fünf
Haupteinflussfaktoren für das Fahrverhalten, von denen die ersten beiden interindividuelle und
die letzten drei intraindividuelle Unterschiede beschreiben.
1) (innere) Einstellung/Persönlichkeit („attitudes/personality“)
2) Erfahrung („experience“)
3) Fahrerzustand („driver state“)
4) Aufgabenanforderung („task demand“)
5) Situationsbewusstsein („situation awareness“)
Kratzsch [
Kra11
] verwendet für sein Modell zur fahrerzentrierten Beschreibung der integralen
Fahrzeugsicherheit folgende Kategorien, auch hier wird nicht explizit zwischen intra- und
interindividuellen Unterschieden getrennt.
1) Alter (<21, 21−59, >59)
2) Geschlecht (weiblich vs. männlich)
3) Fahrstil (sportlich, moderat oder komfortabel)
151
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
4) Fahrleistung (wenig, mittel oder viel)
5) Aufmerksamkeit (aufmerksam vs. nicht aufmerksam)
6) Beanspruchung (wenig, mittel oder stark)
Folgend werden die Kategorien „Persönlichkeit“ (inkl. Demografie), „Fahrerfahrung“ und „Fahr-
stil“ näher betrachtet.
3.6.1 Persönlichkeit
Heutzutage besteht Einigkeit in der Forschergemeinde, dass eine Kategorisierung einer Persön-
lichkeit mittels fünf Hauptdimensionen („Big Five“) gut möglich ist. Diese sind „Extraversion“,
„Neurotizismus“, „Gewissenhaftigkeit“, „Verträglichkeit“ und „Offenheit“. Ein Einfluss die-
ser – aber auch anderer – Persönlichkeitsfaktoren auf das Fahrverhalten existiert und wurde
in verschiedenen Studien nachgewiesen (z.B. Ulleberg [
Ull02
], Dahlen [
DMRK05
] oder Hol-
te [
Hol12
]). So korreliert eine geringe Ausprägung an Gewissenhaftigkeit mit einer erhöhten
Unfallgefahr. Eine hohe Ausprägung der Variablen Extraversion sowie Neurotizismus wird mit
einem Anstieg der Unfallhäufigkeit und Regelübertretungen in Verbindung gebracht, letztere
zusätzlich noch mit Aggressionen während des Fahrens. Für Verträglichkeit und Offenheit sind
die Zusammenhänge weniger deutlich. Ein weiteres Konstrukt – welches jedoch nicht direkt
aus den Big Five hergeleitet werden kann – ist das des „Sensation Seekings“. Es beschreibt
nach Zuckerman [
Zuc94
] einen „Trait, der definiert ist durch das Bedürfnis nach wechselnden,
neuen und komplexen Erregungen und der Bereitschaft, um dieser Erregungen Willen physische
und soziale Risiken auf sich zu nehmen“. Somit sind Fahrer mit hohem „Sensation Seeking“
prädestiniert für eher rücksichtsloseres Fahrverhalten, hohe „Sensation Seeking“-Werte sind mit
erhöhten Unfallzahlen, höheren Geschwindigkeiten und anderen unsicheren Verhaltensweisen
verknüpft – ähnliches gilt für „Driving Anger“, also dem Wütendwerden während des Fahrens.
Schulze [
Sch99
] untersuchte den Zusammenhang der Zugehörigkeit von Fahrern zu verschiede-
nen Lebensstiltypen und deren Fahrverhalten. Die Lebensstiltypen „Action-Typ“, „Fashion-Typ“,
„häuslicher Typ“, „kritischer Typ“ und „kicksuchender Typ“ unterscheiden sich in bestimmten,
verkehrssicherheitsrelevanten Merkmalen deutlich voneinander. Vor allem der Action- und der
kicksuchende Typ fallen durch eine signifikant höhere Gefährdung der Verkehrssicherheit und
riskantere Verhaltensweisen auf. Sie können durch hohes „Sensation Seeking“ und eine starke
Ausprägung einiger Extramotive charakterisiert werden. Vor allem jüngere Fahrer, insbesondere
Männer, sind in diesen Gruppen stark überrepräsentiert.
152
3.6 Unterschiede im Fahrverhalten und ihre Ursachen
3.6.2 Demografie
Neben der Persönlichkeit beeinflusst auch die Zugehörigkeit des Fahrers zu einer bestimmten
demografischen Gruppe – zumindest statistisch – bis zu einem gewissen Maße sein Fahrverhal-
ten.
Alter
So fahren jüngere Fahrer durchschnittlich schneller und riskanter, was – neben der
fehlenden Fahrerfahrung – in Defiziten bei der Wahrnehmung wichtiger Informationen, der
Situationseinschätzung, der Aufmerksamkeitssteuerung sowie beim Fahrzeughandling begründet
ist (Grattenthaler et al. [
GK09
]). „Typische“ Unfälle für jüngere Fahrer sind das Abkommen
von der Fahrbahn, die Gründe für Unfälle bei Jüngeren sind zumeist Verstöße, also bewusste
Regelübertritte (Gründl, [
Grü05
]). Jüngere Fahrer zeichnen sich zudem durch eine riskantere
Fahrweise aus. Dies äußert sich beispielsweise durch dichtes Auffahren, überhöhte Geschwindig-
keit oder Bei-gelb-über-die-Ampel-fahren. Ursächlich für die riskante Fahrweise sind sowohl
Selbstüberschätzung als auch die Unterschätzung von Risiken.
Ältere Fahrer leiden jedoch an vergleichbaren Problemen – eine Verlangsamung kognitiver
Prozesse sowie motorischer Aktionen kann beobachtet werden (Meyer et al., [
MGM+01
]). Nach
Abendroth & Bruder [
AB15
] verschlechtern sich mit zunehmendem Alter die Rezeptorfähig-
keiten, somit können weniger Informationen aufgenommen werden. Eine Einschränkung des
Sichtfelds ist ebenso zu beobachten, dies führt u.a. zu Detektionsproblemen von sich bewe-
genden Objekten im peripheren Gesichtsfeld (Ball & Owsley [
BO93a
]). Die Wahrnehmbarkeit
von hohen Frequenzen verschlechtert sich ebenso wie der Gleichgewichtssinn und die taktile
Wahrnehmungsempfindlichkeit. Vor allem in komplexen, neuen Situationen tritt die insgesamt
schlechtere Aufmerksamkeitsleistung zutage, was letztendlich zu Fehlern führen kann (vgl.
Abschnitt 3.5.2). Ältere sind eher für Unfälle im Kreuzungsbereich verantwortlich, die Grün-
de hierfür sind oftmals Informationsfehler, die auf Probleme in der Wahrnehmung bzw. der
kognitiven Verarbeitung zurückzuführen sind (Gründl, [Grü05]).
Geschlecht
Während in einigen Untersuchungen geschlechtsspezifische Unterschiede im
Fahrerverhalten festgestellt wurden, konnten in anderen Untersuchungen keine Unterschiede
im Hinblick auf das Risikoverhalten sowie das Geschwindigkeitsverhalten bestätigt werden.
Unterschiede sind aber in der Wahrnehmung des Unfallrisikos bei Männern und Frauen fest-
zustellen: Männer schätzen ihr Fahrkönnen besser ein als Frauen, dabei neigen Frauen eher zu
einer Unterschätzung ihrer Leistungsfähigkeit, während Männer eher zu einer Überschätzung
tendieren. Außerdem beurteilten männliche Fahrer bestimmte Verhaltensweisen als weniger ge-
fährlich und weniger unfallträchtig als weibliche. Laut Gründl [
Grü05
] führen Männer, die einen
Unfall verursacht haben, etwa doppelt so oft wie weibliche Unfallverursacher eine „gefährdende
Routine“ durch (dazu zählen z.B. Verhalten wie „zu schnelles Fahren“ oder „Unterschreiten des
Sicherheitsabstands“). Nach Holte [
Hol12
] fahren Männer etwa viermal öfter unter Alkoholein-
153
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
fluss als Frauen und überholen etwa anderthalb mal so oft fehlerhaft. Frauen zeigten erhöhtes
Fehlverhalten bei Vorfahrtsverletzungen (
+40
%) sowie beim Abbiegen (
+15
%). Dies lässt eben-
falls vermuten, dass von Männern verursachte Unfälle vermehrt Verstöße zum Ausgangspunkt
haben, bei Frauen hingegen Fehler in der Informationsaufnahme bzw. Situationswahrnehmung
dominieren (Sommer [Som13]).
3.6.3 Fahrerfahrung
Eine Vielzahl von Unterschieden bezüglich des Fahrverhaltens kann auf unterschiedliche Fahrer-
fahrung zurückgeführt werden. Im Gegensatz zu unerfahrenen Fahrern haben erfahrene Fahrer
viele komplexe Situationen bereits erlebt und müssen die erfolgreich angewandten Strategien für
eine neue Situation nur leicht modifizieren. Ebenfalls können Reaktionen des eigenen Fahrzeugs
bzw. die anderer Verkehrsteilnehmer von erfahrenen Fahrern besser antizipiert werden, was zu
einer besseren Risikoeinschätzung führt. Fast alle Handlungen erfahrener Fahrer sind auf der
fertigkeitsbasierten Ebene bzw. der Ebene der sensumotorischen Regelung zu verorten, was zu
einer geringeren Ausnutzung kognitiver Ressourcen führt. Dem ist jedoch entgegenzusetzen,
dass dem subjektiven Gefühl des Könnens und der Sicherheit auch objektiv schlechte Verhaltens-
weisen einhergehen: Bestimmte Gewohnheiten (weniger Kontrollblicke, zu dichtes Auffahren)
sind bei erfahrenen Fahrern vermehrt anzutreffen.
Nach Abendroth & Bruder [
AB15
] unterscheiden sich Anfänger von erfahrenen Fahrern unter
anderem durch spätes Beschleunigen, schlechteres bzw. inkonsistenteres Lenken, eine höhere
Lenkfrequenz sowie langsamere Gangwechsel. Ebenfalls werden entfernte Gefahren später
erkannt, da öfter im Nahbereich fixiert wird. Erfahrene Fahrer fahren in Kurven höhere Ge-
schwindigkeiten, verzögern jedoch auch stärker.
Erfahrene Fahrer zeichnet des Weiteren ihre weiter entwickelten Antizipationsfähigkeiten aus,
nach Fuller [
Ful05
] verhalten sich erfahrene Fahrer vorausschauender, da sie bereits vor dem
Auftreten möglicher Gefahren ihre Fahrweise so anpassen, dass diese eliminiert wird (somit
bleibt das Niveau der Fahraufgabe konstant). Unerfahrene Fahrer hingegen reagieren später, aber
gezwungenermaßen stärker. Des Weiteren erkennen diese weiter entfernte Hindernisse signifikant
schlechter als erfahrene Fahrer und erinnern sich an deutlich weniger Informationen.
3.6.4 Fahrstile
Als Fahrstil kann eine spezifische Art und Weise der Lösung der Fahraufgabe bezeichnet wer-
den. Die Einflussfaktoren Persönlichkeit,Demografie und Fahrerfahrung sind ursächlich bzw.
modifizieren Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Fahrers. Diese beeinflussen seine kognitiven
und motorischen Prozesse während des Fahrens, wobei bestimmte Ausprägungen bei einzelnen
Aspekten der Fahraufgabe zu einem Fahrstil zusammengefasst werden können. Eine Fähigkeit
beschreibt in diesem Kontext das Potential allgemeiner psychischer und physischer Leistungsfä-
154
3.6 Unterschiede im Fahrverhalten und ihre Ursachen
higkeit (z.B. Intelligenz, Körperkraft usw.), eine Fertigkeit hingegen ein (komplexes) gelerntes
Handlungsmuster bezüglich einer konkreten (Fahr-)Aufgabe, beispielsweise „Bremsen auf glatter
Fahrbahn“. Des Weiteren muss zwischen den Begrifflichkeiten Fahrstil und Fahrertyp unterschie-
den werden: Ersterer beschreibt eine konkrete Art und Weise des Fahrens, letzterer charakterisiert
einen Fahrer, der bestimmte Fahrstile anderen vorzieht. Ein aggressiver Fahrertyp wird statis-
tisch gesehen öfter einen aggressiven Fahrstil an den Tag legen, dies geschieht jedoch nicht
permanent.
Die Beschreibungen von Fahrstilen sind vielfältig. Abendroth & Bruder [
AB15
] benutzen für
Lkw-Fahrer die Begriffe „lahm-lasch“, „eckig-abrupt“ und „zügig-flott“, für Pkw-Fahrer „eher
langsam und komfortbewusst“, „durchschnittlich mit hohem Sicherheitsbewusstsein“ sowie
„schnell und sportlich“, wobei die Beurteilungen anhand der Kenngrößen Geschwindigkeit,
Längsbeschleunigung und Abstand zum Vorausfahrenden getroffen wurden.
Nach Ebersbach [
Ebe06
], der zwischen drei Fahrertypen differenziert, unterscheiden sich diese
vor allem in der auftretenden maximalen Querbeschleunigung, der auftretenden Längsverzö-
gerung /-beschleunigung und der kumulierten Geschwindigkeitsänderung während einer Fahrt.
Bezüglich der Beschleunigungen können g-g-Diagramme bzw. g-g-v-Diagramme verwendet
werden, um die fahrertypabhängigen Beschleunigungsgrenzen grafisch darzustellen, letztere
sind geschwindigkeitsabhängige g-g-Diagramme (Fischer et al. [
FBEV11
]). Nach Lewandowitz
[
Lew14
] werden in der Literatur maximale Querbeschleunigungswerte für den Normalfahrer von
3m/s2
bis
4m/s2
angegeben. Wegscheider & Prokop [
WP05
] untersuchten das Geschwindigkeits-
verhalten unterschiedlicher Fahrertypen auf Landstraßen: „Defensive“ Fahrer bevorzugten eine
Geschwindigkeit von
100
km/h, „dynamische“ Fahrer wünschten sich eine um
16
km/h erhöhte
Geschwindigkeit.
Im Projekt S.A.N.T.O.S
10
(Ebersbach [
Ebe06
]) wurden folgende fünf Fahrertypen definiert:
„sportlich-draufgängerisch“, „dynamisch-progressiv“, „routiniert-abgeklärt“, „unauffällig-kon-
servativ“ sowie „ängstlich-zurückhaltend“. Eine andere Einteilung innerhalb des Projekts ergab
sechs Fahrertypen, die sich von Typ
1
– „gelassen“ bis Typ
6
– „dynamisch“ erstrecken. Zu
einer ähnlichen Taxonomie gelangt Aasman [
Aas95
], er beschreibt fünf Klassen von Typ
1
–
„ruhig, diszipliniert“ bis Typ
5
– „aggressiv, aufdringlich“. Oftmals wird aus Gründen der Ein-
gängigkeit eine Kategorisierung in drei Fahrertypen favorisiert, die zumeist die drei Fahrertypen
„sportlich/aggressiv“, „normal“ und „entspannt“ abbilden sollen. Fahrertypen werden in der
Unfallpsychologie nach Erfahrungsgrad (erfahren vs. unerfahren) und Fahrstil (vorsichtig vs.
risikobereit) unterteilt (Heinrich [Hei16]).
Kulturelle Prägung
Das Autofahren an sich unterscheidet sich rein technisch in unterschiedli-
chen Ländern nur wenig. Ein Hauptunterschied ist hier die standardmäßig zu befahrende Fahrspur,
die sich auch auf das Design der Fahrzeuge auswirkt (Links- bzw. Rechtslenker). In einem Fahr-
10Situations-Angepasste und Nutzer-Typ-zentrierte Optimierung von Systemen zur Fahrerunterstützung
155
3 Theoretische Grundlagen des menschlichen (Fahr-)Verhaltens
system ungeübte Autofahrer müssen sich zunächst an die veränderten Regeln gewöhnen. Es ist
daher anzunehmen, dass in dieser Eingewöhnungszeit Fahrfehler vermehrt auftreten. Weitere
kulturelle Unterschiede beschreibt Färber [
Fär15
]: So unterscheidet sich beispielsweise der Grad
der Regelbefolgung in unterschiedlichen Kulturen stark – Das Beharren auf das Vorfahrtsrecht
ist in Deutschland besonders ausgeprägt, als Beispiel wird das Einholen des Einverständnisses
für ein Einschermanöver angeführt. Weiterhin wird ein besonderes gleichmäßiges und spurbe-
zogenes Fahren für die USA beschrieben, was sich z.B. gerade nicht für den Verkehr in China
aussagen lässt: Dort zeichnet sich das Fahren (bislang) durch eine geringe Regelbefolgung aus.
Özkan et al. [
ÖLC+06
] beschreiben ebenfalls kulturelle Unterschiede im Fahrverhalten, wobei
sich auf Verletzungen der Verkehrsregeln konzentriert wird. Es wird zwischen „gewöhnlichen“
und „aggressiven“ Verstößen unterschieden, wobei sich vor allem bei letzterem Unterschiede
zwischen nord-/westeuropäischen sowie südeuropäischen und Fahrern aus dem Nahen und Mitt-
leren Osten zeigen. Sivak et al. fanden länderspezifische Unterschiede in Risikowahrnehmung
[SST89a], eingegangenem Risiko [SST89b] sowie Fahrerselbsteinschätzung [SST89c].
Fazit
Unterschiede im menschliches Fahrverhalten bestehen aufgrund vielerlei Ursachen: In-
traindividuelle Unterschiede lassen sich vor allem durch Motivationen und Emotionen erklären,
längerfristig betrachtet spielt die Fahrerfahrung eine weitere wichtig Rolle. Interindividuelle
Unterschiede existieren zuvorderst basierend auf Persönlichkeitsmerkmalen, aber – damit zusam-
menhängend – auch auf der Zugehörigkeit des Fahrers zu einer bestimmten sozio-kulturellen
Gruppe, wobei Geschlecht und Alter ebenfalls bezüglich bestimmter Handlungsweisen eine
Rolle spielen können. Für die Modellierung kann daher die (triviale) Aussage getroffen werden,
dass der zu modellierende Fahrertyp umso besser modelliert werden kann, je mehr Informationen
über diesen sowie bekannte Implikationen für das zu modellierende Fahrverhalten vorhanden
sind.
156
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
„An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“
1. Johannes 2,1-6
Um Vorhersagen über menschliches Verhalten treffen zu können bzw. bereits geschehenes
Verhalten besser verstehen zu können, ist die Modellierung, also das „Vermathematisieren“
von psychologischen Theorien unausweichlich. Nur durch Modellbildung ist man überhaupt
in der Lage, (komplexe) psychologische Konstrukte mit menschlichem Verhalten vergleichen
und so eine quantifizierbare Aussage über deren Validität treffen zu können. Dementsprechend
ist und bleibt die realistische Modellierung der menschlichen Informationsverarbeitung eine
der großen Herausforderungen, um eine möglichst wirklichkeitsnahe Simulation menschlichen
Fahrverhaltens zu erreichen. In diesem Kapitel werden Eigenschaften, die menschähnliche
Fahrermodelle besitzen sollten, diskutiert und bezüglich ihrer Modellierbarkeit bewertet. Daraus
wird ein Modellierungskonzept abgeleitet, mit dessen Hilfe typisch menschliche Aspekte des
Fahrens abgebildet werden können.
Die Frage, wie weit die mathematische Nachbildung des menschlichen Fahrens gehen kann,
ist nicht einfach zu beantworten. Anhand der eingeführten Stufen der Menschähnlichkeit eines
Fahrermodells (vgl. Abbildung 1.2) wird dargelegt, welche Aspekte des menschlichen Fahrens
durch mathematische Modellierung abgebildet werden können bzw. an welche natürlichen
Grenzen die Modellierung stoßen muss.
Der Prozess der Modellierung geht immer auch mit der Vereinfachung bestimmter Eigenschaften
des zu modellierenden Objekts einher. Ebenso kann mittels eines mathematischen bzw. algorith-
mischen Modells ausschließlich formalisierbares Verhalten modelliert werden. Eine Vielzahl
von kognitiven Prozessen bzw. die daraus resultierenden Handlungen laufen jedoch unbewusst
ab. Solche Handlungen können zwar beobachtet werden und befinden sich somit (teilweise) im
Raum des Modellierbaren, deren kausalen Gründe lassen sich jedoch oft nicht erschließen, was
eine Modellierung dieser zusätzlich erschwert.
Ein weiteres Argument gegen eine vollständige Modellierung eines Objekts basiert auf der
„Unnatürlichkeit“ bzw. daraus abgeleiteten „Überkomplexität“ des Konzepts der formalen Mo-
dellbildung: Selbst für einfache Handlungen, die sich mit wenigen Worten beschreiben lassen,
muss vom Modellierer eine weitaus komplexere Transformationsleistung erbracht werden, um
die Handlung algorithmisch beschreiben zu können. Daraus lässt sich zwar keine theoretische
157
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
Grenze für menschähnliche Modellierung herleiten, aus ökonomischen Gesichtspunkten ist eine
Modellierung ab einem gewissen Grad an Menschähnlichkeit jedoch nicht mehr effizient.
Nähert man sich von technischer Seite der Problemstellung an, so kann man Minimalanforde-
rungen für ein Fahrermodell ableiten: Ein Fahrermodell muss die ihm gestellte Fahraufgabe
lösen. Ein sehr reduziertes Reglermodell, welches per Längs- und Querregelung die – ebenso
entsprechend reduzierte – Fahraufgabe löst, besitzt somit eine „minimale Menschähnlichkeit“.
Daher stellt sich die Frage, „wie viel“ Menschähnlichkeit maximal effizient modellierbar ist.
Auch dies lässt sich nur anhand der gestellten Fahr- bzw. Modellierungsaufgabe beantworten.
Der Modellierer steht letztendlich vor der Aufgabe, sowohl die Komplexitätsstufe der Model-
lierungsaufgabe einzuschätzen, als auch die Modellierungsmethode mit maximal effizienter
Modellierungskomplexität zu wählen.
Für die Bewertung eines Modells hinsichtlich der Qualität „Menschähnlichkeit“ ist eine stringente
Definition des Begriffs vonnöten. Ein naiver Ansatz verwendet die Dichotomie „menschähn-
lich“ und „nicht menschähnlich“, die letztendlich für alle möglichen autonomen Systeme so
getroffen werden kann. Die Gesamtbeurteilung kann sich bei einem so komplexen Vorgang
wie „Fahren“, der sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Handlungen zusammensetzt, nur
aus den Bewertungen der Einzelhandlungen zusammensetzen. Aus der Frage „Verhält sich das
Modell menschähnlich?“ ist somit die Frage „Ist die konkret definierte Handlung des Modells in
dieser Situation menschähnlich?“ entstanden. Fokussiert man nun auf einzelne Handlungen, so
kann man weiter differenzieren: Wird die Handlungswirkung, die Handlungsausführung oder
die Handlungsinitiierung betrachtet? Dies führt zu den im Einführungskapitel dieser Arbeit
eingeführten Modelltypen, vgl. auch Abbildung 1.2:
Typ
0 Fahrer-Fahrzeug-Ensemble verhält sich nicht menschähnlich
Typ
I Fahrer-Fahrzeug-Ensemble verhält sich menschähnlich
Typ
II motorische Aktionen des Fahrers sind menschähnlich
Typ
III kausale Ursachen der motorischen Aktionen des Fahrers sind menschähnlich
Tabelle 4.1: Typen von Menschähnlichkeit
Dem Begriff der Ähnlichkeit kann sich basierend auf diesen Typen genähert werden. Eine ein-
fache Schlussfolgerung ist somit: Ein Fahrermodell ist umso menschähnlicher, je höher seine
Menschähnlichkeitskategorie ist. Das löst jedoch nicht das Problem, die Ähnlichkeit innerhalb
einer Kategorie zu bestimmen. Da sich die einzelnen Kategorien signifikant voneinander un-
terscheiden, muss eine kategoriespezifische Betrachtung der Menschähnlichkeit vorgenommen
werden.
Für Typ-0 bzw. Typ-I-Modelle („Fahrer-Fahrzeug-Ensemble verhält sich (nicht) menschähnlich“)
kann ein Konzept ähnlich zum Turing-Test verwendet werden: Wenn ein Mensch anhand des
Fahrverhaltens keinen Unterschied zwischen einem durch ein Fahrermodell und einem durch
einen menschlichen Fahrer gesteuertes Fahrzeug erkennt, dann ist das Fahrermodell als „men-
schähnlich“ anzusehen. Nun ist hierbei das offensichtliche Problem, dass simple Situationen
158
(z.B. Folgefahrt hinter einem Fahrzeug) viel einfacher menschähnlich zu modellieren sind,
als komplexe Überholsituationen mit mehreren Verkehrsteilnehmern. Eine Möglichkeit, ein
maximal menschähnliches Typ-I-Modell zu erhalten, könnte eine Bewertung unterschiedlicher
Fahrsituationen durch menschliche Beobachter darstellen: Man erhielte so einen Katalog von
Situationen, die entweder als menschähnlich oder eben nicht-menschähnlich erkannt würden.
Die Anteil der als menschähnlich eingestuften Situationen käme dann einem prozentualen
„Menschähnlichkeitswert“ gleich.
Für Typ-II-Modelle („motorische Aktionen des Fahrers sind menschähnlich“) gilt prinzipiell
eine analoge Herangehensweise: Es müssen neben den Bewegungen des Fahrzeugs auch die
des Fahrers in die Bewertung aufgenommen werden. Dabei spielen zusätzlich zu den – auch
bei Typ-I-Modellen vorhandenen – Plausibilitätsbetrachtungen auch physikalische Grenzen eine
Rolle (z.B. Bewegungsgeschwindigkeiten, Reaktionszeiten usw.).
Bei Typ-III-Modellen („kausale Ursachen der motorischen Aktionen des Fahrers sind men-
schähnlich“) gestaltet sich eine Quantifizierung der Menschähnlichkeit als komplexer. Zum
einen lassen sich kausale Ursachen von Aktionen nicht per se erkennen – es müsste also für
die Bewertung zusätzliche Informationen geben, die über die Ursache bestimmter Handlungen
informieren. Einhundertprozentige Sicherheit bezüglich der Ursachen bestimmter Verhaltens-
weisen besteht selbst für menschliche Fahrer nicht – eine „Ähnlichkeit“ zu einem nicht klar
definierten Konstrukt herzustellen, gestaltet sich somit zumindest als schwierig. Somit kann nur
das Bewertungsprädikat „Nachvollziehbarkeit der Handlungen“ des Modells zu Rate gezogen
werden. Falls die Möglichkeit bestünde, in den „Kopf“ des Modells zu schauen, also die internen
Ziele per „Debugmodus“ zu erhalten, so könnten diese in puncto Menschähnlichkeit bewertet
werden.
Eine weitere Problematik der Bewertung der Menschähnlichkeit durch menschliche Bewerter
liegt in der Subjektivität der Beobachter begründet: Handlungen bzw. kausale Ursachen können
für Beobachter A plausibel – also „menschähnlich“ wirken, vom Beobachter B aber als „völlig
unrealistisch“ eingestuft werden.
Auch nach dem Herunterbrechen des Vorgangs „Fahren“ auf einzelne Handlungen und der
Spezifizierung des zu bewertenden Fahrermodells basierend auf den definierten Typen sind die
Definitionen der Klassen „menschähnliche Handlung“ und “nicht-menschähnliche Handlung“
noch sehr diffus. Da menschliches Fahrverhalten als Normalverhalten angesehen werden kann,
ist die Frage nach der Definition des Nicht-Menschlichen eventuell zielführender. Bei Fahrer-
modellen liegt eine Ursache für deren Nichtmenschlichkeit in der Zielsetzung der Modellierung
begründet: Das Ziel der Modellierung ist zumeist nicht die Nachbildung eines menschlichen
Fahrers, sondern die Konstruktion eines Modells, welches eine bestimmte Fahraufgabe zu lösen
imstande ist. Somit Fehlen den Modellen typisch menschliche Eigenschaften, die sich auf die
Bewältigung der Fahraufgabe niederschlagen, aber im jeweiligen Modellkontext eher schädlich
wirken würden – dies sind vor allem Fehler. Das Nicht-Menschliche ist daher in vielen Kontexten
159
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
das Perfekte, das Deterministische, das Rationale; kurzum: Das Fehlen der Fehler. Ein weiterer
Aspekt – der jedoch erst bei mehreren simulierten Verkehrsteilnehmern und deren Interaktion
bzw. beim mehrfachen Beobachten ein und der selben Situation zum Vorschein tritt ist das Fehlen
intraindividueller Unterschiede bei algorithmisch gelenkten Fahrzeugen. Es sind die emotionalen,
motivationalen, psychosozialen und physischen Einflüsse, die starken Schwankungen unterliegen
und das Fahrverhalten stark beeinflussen können.
Wünschenswert wäre daher eine Modellierungsarchitektur, welche sich an die Komplexität der
zu modellierenden Aufgabe anpasst, beispielsweise ein „leeres“ Typ-III-Modell, welches je nach
Fahraufgabe mit den zur Lösung dieser benötigten Module gefüllt werden kann. Ein Modell
basierend auf diesem Ansatz wird in Kapitel 5 vorgestellt.
Zusammenfassend lassen sich vier wichtige Aspekte bezüglich der Menschähnlichkeit eines
Fahrermodells aufzählen:
• Nachvollziehbarkeit/Plausibilität von Zielen und Handlungen
• Vorhandensein von intra- und interindividuellen Unterschiede der Fahrer
• Erkennbarkeit eines bestimmten Maßes an Variabilität („nicht roboterhaftes Fahren“)
•
Vorhandensein von Fehlern, sowohl auf der Ebene der Zielbildung, als auch in der Hand-
lungsausführung
Weiterhin kann geschlussfolgert werden, dass eine Quantifizierung des Konstrukts „Mensch-
ähnlichkeit“ für Typ-I sowie Typ-II-Modelle möglich erscheint, für Typ-III-Modelle jedoch
objektiv nicht sinnvoll durchzuführen ist – nichtsdestoweniger können erfahrene Beobachter für
bestimmte Szenarien eine Plausibilitätsbewertung bezüglich der beschriebenen Eigenschaften
des Fahrermodells vornehmen, ein objektives Maß für die „Menschähnlichkeit“ eines Modells
lässt sich daraus jedoch nicht herleiten.
4.1 Modell menschähnlicher Fahrhandlungen
Aufbauend auf den im Kapitel 3 beschriebenen Erkenntnissen wird in diesem Abschnitt ein
Konzept für die Struktur eines kognitiven und menschähnlichen Fahrermodells vorgestellt. Be-
züglich des Drei-Ebenen-Modells der Fahraufgabe nach Michon [
Mic85
] konzentriert sich das
Modell auf die taktische bzw. die Manöverebene. Die Navigationsebene spielt während einer
Fahrt zumeist nur eine sehr untergeordnete Rolle und kann somit entweder außerhalb des Modell-
rahmens simuliert, vorgegeben oder vernachlässigt werden. Für die Ebene der sensumotorischen
Regelung hingegen steht eine Vielzahl von Modellen zur Verfügung, die eine realistische Längs-
bzw. Querführung gewährleisten (vgl. Abbildung 4.1).
160
4.1 Modell menschähnlicher Fahrhandlungen
Inputs:
wahrgenommene
Informationen
(andere Verkehrsteilnehmer,
eigene Route,
eigenes Fahrzeug)
Situationserkennung Entscheidungsfindung
Fahrereigenschaften
und -zustände
Outputs:
Sollgrößen
(Manöverentscheidung,
lokale Ziele,
Parameter bzgl.
Durchführung)
Abbildung 4.1:
Modellgrenzen des vorgestellten Ansatzes: Wahrnehmung und Handlungsaus-
führung liegen außerhalb des Modells, Prozesse bzgl. Situationserkennung und
Entscheidung werden von Fahrereigenschaften und -zuständen (z.B. Motivatio-
nen, Emotionen) beeinflusst.
4.1.1 Fahrhandlung
Das Lösen der Fahraufgabe kann als eine Abfolge von Handlungen beschrieben werden. Eine
Handlung kann – wie in Abschnitt 3.3.1 beschrieben – in mehrere Phasen unterteilt werden.
Es gilt hierbei, dass die Phasen „Zielbildung“, „Handlungsausführung“ und „Zielevaluation“
Bestandteile jeder Fahrhandlung sind. Dies ist für einfachste, rein sensumotorische Handlun-
gen, wie beispielsweise das Regeln einer Geschwindigkeit mittels des Gaspedals der Fall (vgl.
Abbildung 4.2) und wird daher als für alle Fahrhandlungen gültig angenommen.
Ziele definieren Handlung
durchführen
Ziel
erreicht? Handlung beendet
ja
nein
Wunschgeschwindigkeit
definieren
Geschwindigkeit
regeln
(z.B. Gaspedal)
Geschwindigkeit
überprüfen
(z.B. Tachometer)
keine weitere
Handlung notwendig
Abbildung 4.2:
Vereinfachte Darstellung einer Fahrhandlung am Beispiel des Regelns einer Ge-
schwindigkeit: Nach der Zieldefinition (Festlegen einer Wunschgeschwindigkeit)
wird eine Handlung (Einstellen des Gaspedals) solange ausgeführt, bis durch
eine Zielevaluation (Erreichen der Wunschgeschwindigkeit) festgestellt wird,
dass das Ziel erreicht wurde.
Die Tatsache, ob der Fahrer die Handlung bewusst oder unbewusst ausführt, spielt hier kei-
ne Rolle: auch unbewusste Handlungen benötigen ein Ziel, unabhängig davon, ob der Fahrer
sich dies vergegenwärtigen kann oder nicht. Eine Handlung existiert somit in einem Zeitraum
beginnend mit der Existenz des Handlungsziels bis zur Erkenntnis des Erreichens dieses bzw.
161
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
einem vorzeitigen Abbruch der Handlung. Allgemein können zwei unterschiedliche Arten von
Fahrhandlungen unterschieden werden: Komplexe Handlungen, deren Planung eine Vielzahl
kognitiver Ressourcen verwendet und deren Ziele bewusst formuliert werden, sowie solche,
die zum Großteil unbewusst ablaufen und aus einfachen sensumotorischen Handlungen beste-
hen. Erstere werden im Kontext dieser Arbeit als Manöver bezeichnet: Ein Manöver benötigt
als Bedingung für die Bestimmung des Handlungsziels das Vorhandensein einer bestimmten
potentiell manöverauslösenden Situation (kurz: M-Situation). Technisch betrachtet tritt eine M-
Situation dann auf, wenn der Fahrer eine Abweichung zwischen einem Ist- und einem Sollwert
feststellt, die größer ist, als die von ihm maximal akzeptierte Abweichung zur entsprechenden
Bezugsgröße.
Im Kontext dieser Arbeit bezeichnen Sollwerte im Allgemeinen vom Fahrer gewünschte und
messbare physikalische Größen des Fahrzeugs bzw. aus diesen ableitbare Größen bzw. Rela-
tionen zu Objekten in der Umgebung des Fahrzeugs, die durch bestimmte Fahrhandlungen
erreicht werden sollen. Ein einfaches Beispiel für eine Sollgröße ist die vom Fahrer gewünschte
Geschwindigkeit des Fahrzeugs
vwunsch
. Diese wird über das Gaspedal eingestellt und kann u.a.
über das Tachometer abgelesen werden. Jede vom Fahrer erkennbare Größe, für die eine Grenze
existiert, die der Fahrer nicht über- bzw. unterschreiten möchte, kann als Sollgröße dienen.
Eine M-Situation wird hingegen durch die Erkenntnis des Fahrers definiert, dass eine Notwendig-
keit zur Änderung seines Verhaltens besteht, unabhängig davon, ob er dies selbst wünscht oder
die Verhaltensänderung auf einer Reaktion auf eine Änderung der Verkehrsumgebung basiert. Im
Normalfall wechseln sich somit M-Situationen und Nicht-M-Situationen und dementsprechend
ebenso Manöver- und Nicht-Manöverphasen ab. Der Zustand des Nichtvorhandenseins einer
M-Situation wird folgend als Homöostase bezeichnet.
Homöostase M-Situation
erkannt?
Ziel(e)
definieren Manöver
M-Situation
Ziel
erreicht?
ja
nein
ja
nein
Abbildung 4.3:
Homöostase und Manöver: Solange keine manöverauslösende Situation erkannt
wird, befindet sich der Fahrer im Fahrmodus Homöostase. Bei Erkennen der
M-Situation werden Ziele für das Manöver definiert und das Manöver wird bis
zur Zielerreichung gefahren (andere Abbruchkriterien wurden der Einfachheit
halber in diesem Schaubild weggelassen).
Entscheidend für die Erkennung von M-Situationen sind die wahrgenommenen und interpre-
tierten Informationen des Fahrers (vgl. auch Abschnitt 3.1.5). Basierend auf diesen kann er
seine Situation einschätzen und möglichen Handlungsbedarf erkennen. Während einer Fahrt
162
4.1 Modell menschähnlicher Fahrhandlungen
verfolgt der Fahrer zumeist parallel mehrere Ziele, die über Motive bzw. Motivationen erzeugt
und von Emotionen beeinflusst werden. So ist das fundamentale Motiv des Menschen zu jeder
Zeit das des Überlebens, woraus sich während der Autofahrt eine Vielzahl von Zielen ableiten
bzw. entsprechende Sollgrößen generieren lassen. Fahrertypabhängig kommen weitere Motive
hinzu, etwa „möglichst entspanntes Fahren“ oder „möglichst schnelle Zielerreichung“, welche
entsprechende Ziele/Sollgrößen erzeugen. Ein Ziel kann somit als ein auf einer Motivation ba-
sierter formulierbarer Wunsch des Fahrers definiert werden, welcher räumlich und/oder zeitlich
begrenzt ist (vgl. Abschnitt 3.2.2.2). Obwohl mehrere Ziele parallel existieren können, kann der
Fahrer oftmals nicht all diesen Zielen gleichzeitig folgen, da sich diese u.U. widersprechen. Eine
gewisse Priorisierung von Zielen bzw. der Reihenfolge der Bewältigung möglicherweise parallel
auftretender M-Situationen ist somit notwendig. Darauf wird in Abschnitt 4.1.3 eingegangen.
Eine Gegenüberstellung des in diesem Kapitel vorgestellten Modellkonzepts mit dem Wi-
ckens’schen Informationsverarbeitungsmodell (vgl. Abbildung 4.4) führt zu der Erkenntnis,
dass die sich auf ein Manöver beziehenden Konzepte bei Wickens im Bereich „Entscheidung und
Reaktionsselektion“ verortet werden können. Wenn eine manöverauslösende Situation erkannt
wird, wirken eine Vielzahl kognitiver Prozesse an der Lösung der aktuellen Fahraufgabe mit.
Die tatsächliche Ausführung der Handlung liegt bereits in der „Reaktionsausführung“ – falls ein
Manöver erkannt wurde, werden hier die Steuerungs- und Regelprozesse ausgeführt, die nötig
sind, um das Manöver zu bewältigen. Falls jedoch kein Manöver erkannt wurde, werden die
entsprechenden – größtenteils sensumotorischen – Prozesse während des Fahrmodus Homöostase
ausgeführt.
Aus technischer Sicht betrachtet zeichnet sich der Zustand Homöostase durch eine andere Regler-
parametrierung als die eines Manövers aus. Dynamische Fahrer mit einem Bedürfnis nach einem
vergleichsweise hohen Aufgabenschwierigkeitsniveau – als Extremfall seien Rennfahrer ange-
führt – erzeugen sich durch ihr stetes Streben nach besseren Rundenzeiten ihre M-Situationen
durch die permanente Diskrepanz zwischen Soll- und Istwerten selbst, bedingt durch vergleichs-
weise (betragsmäßige) geringe Werte für untere und obere Situationsgrenzen
1
. Es ist daher davon
auszugehen, dass sich Rennfahrer so gut wie nie in einem homöostaseartigen Zustand befinden.
Eine Homöostasephase beginnt in dem Moment, in dem der Fahrer keine M-Situation erkennt
und endet dementsprechend bei der Erkennung einer solchen.
Die unterschiedlichen Regelungsmechanismen für Längs- und Querdynamik bedeuten für den
Homöostase-Zustand ebenfalls eine Unterteilung zwischen Längs- sowie Querhomöostase. Wenn
eine Situation erkannt wird, die beispielsweise nur ein Längsmanöver erfordert, so wird die
Querhomöostase beibehalten. Als Beispiel dient die Situation „zu geringe TTC zum voraus-
fahrenden Fahrzeug“: Das durchzuführende Manöver beschränkt sich ausschließlich auf die
Längsdynamik – mittels Gas- bzw. Bremspedal wird die Geschwindigkeit des eigenen Fahrzeugs
so verringert, dass die Situation aufgelöst wird. Die Querdynamik bleibt davon jedoch unbeein-
1Gmin bzw. Gmax, siehe folgende Abschnitte
163
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
flusst und somit kann der Fahrer während des Längsdynamikmanövers in der Querhomöostase
verharren. Dies gilt ebenso für die Längshomöostase. Handlungen während der Homöostase
beschränken sich allgemein auf das Einstellen bzw. Halten bestimmter Sollwerte. Beispiele für
die Längshomöostase sind die Sollgrößen „Motordrehzahl“, „Geschwindigkeit“ oder „Zeitlücke“.
Für die Querhomöostase sind dies beispielsweise die Sollgrößen „Abstand zum Fahrbahnrand“
bzw. „Abstand zur Spurmitte“.
Signaldetektion Wahrnehmung Entscheidung und Reaktionsselektion Reaktionsausführung
WahrnehmungSignaldetektion
Manöver-
auswahl
Manöver-
planung
Situations-
erkennung
Manöver-
durchführung
homöostatische
Handlung
Stufen der Informationsverarbeitung nach Wickens
Manöver
Homöostase
Abbildung 4.4:
Verortung der im Modellierungskonzept beschriebenen Bereiche bzgl. des Wi-
ckens’schen Informationsverarbeitungsmodells
Die bisher erwähnten Gedanken zur konkreten Modellbildung zielen darauf ab, eine möglichst
nachvollziehbare – und damit menschähnliche – Zielbildung zu definieren, auf deren Grundlage
Fahrerhandlungen modelliert werden können. In den folgenden Abschnitten werden die beiden
Fahrmodi Homöostase (Abschnitt 4.1.2) und Manöver (Abschnitt 4.1.3) ausführlich beschrieben.
Ein weiteres Konzept, welches in die Modellierung miteinbezogen wird, ist das des menschlichen
Fehlers. Basierend auf einer Taxonomie, die jedem der Schritte der menschlichen Informations-
verarbeitung spezifische Fehlertypen zuweist, können Fehler im Fahrverhalten erzeugt werden
bzw. entstehen als Konsequenz der Modellierung (Abschnitt 4.1.4). Abschließend wird die
Modellierung inter- und intraindividueller Unterschiede in Abschnitt 4.1.5 betrachtet.
164
4.1 Modell menschähnlicher Fahrhandlungen
4.1.2 Homöostase
Die Handlung „Fahren“ kann, wie in Abbildung 4.3 dargestellt, in zwei Hauptzustände unterteilt
werden: Homöostase und Manöver. Der Zustand der Homöostase ist als der Grundzustand
anzusehen. Dies basiert auf der Annahme, dass in den Phasen, in denen keine manöverauslösende
Situation aktiv ist, nur wenige kognitive Ressourcen für die Fahraufgabe verwendet werden und
die Handlungen zum Großteil aus Sensumotorik bestehen. Er lehnt sich an den biologischen
Begriff eines Gleichgewichtszustands bzw. an den Wilde’schen Begriff der Risikohomöostase
[
Wil82
] an, hier jedoch mit dem Bestreben nach möglichst geringer Veränderung und einem
entspannten, unangestrengten Fahren. Mit dieser Beschreibung der Homöostase geht auch eine
entsprechend geringe Aufgabenschwierigkeit einher. Der Zustand der Homöostase ist für die
Mehrzahl der Fahrertypen als Ideal- bzw. Zielzustand anzusehen.
Im Gegensatz zu einem Manöver folgt der Fahrer in der Homöostasephase nicht bewusst bestimm-
ten Sollwerten. Vielmehr kann das Handlungsziel während der Homöostase als das Verbleiben
innerhalb einer vom Fahrer akzeptierte Abweichung von einem bestimmten Sollwert betrachtet
werden, dies wird nachfolgend als impliziter Sollwert bezeichnet. Ein impliziter Sollwert
Si
besteht demnach aus einem 4-Tupel:
Si= [Gmin,Hmin,Hmax,Gmax]
wobei
Gmin
die untere Situationsgrenze,
Hmin
die untere Handlungsgrenze,
Hmax
die obere Hand-
lungsgrenze und
Gmax
die obere Situationsgrenze definieren. Solange sich der wahrgenommene
aktuelle Ist-Wert
Istwahr
innerhalb der Handlungsgrenzen befindet, wird keine Korrekturhand-
lung durchgeführt. Mit Hilfe dieses Konzeptes können beispielsweise Toleranzen des Fahrers
bezüglich Wahrnehmung oder Fahrstil abgebildet werden. Fahrerhandlungen finden somit nur
dann statt, wenn das Verlassen des „Nichthandlungsbereichs“ wahrgenommen wird. Davon
zu unterscheiden ist die maximal akzeptierte Abweichung (die Situationsgrenze): Sobald eine
Überschreitung dieser in eine Richtung zu erkennen ist, wird die Homöostase beendet, eine ma-
növerauslösende Situation erkannt und letztendlich ein entsprechendes Manöver durchgeführt:
Handlung des Fahrers :
keine, wenn Hmin <=Istwahr <=Hmax
Korrektur, wenn Gmin <=Istwahr <Hmin
Korrektur, wenn Hmax <Istwahr <=Gmax
Manöver, wenn Istwahr <Gmin
Manöver, wenn Istwahr >Gmax
Die Handlungs- sowie Situationsgrenzen werden von fahrertypabhängigen sowie situativen
Parametern beeinflusst, beispielsweise Straßenbeschaffenheit, aktueller Geschwindigkeit oder
Ähnlichem. Implizite Sollwerte sind immer mit dem Zustand „Homöostase“ verknüpft. Das
165
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
Konzept ist an das „Action-Point-Model of the Driver Vehicle System“ angelehnt, welches
auf Wahrnehmungsschwellen für Geschwindigkeitsdifferenzen basiert und ein Fahrverhalten
beschreibt, in dem der Fahrer in Folgefahrt um einen Wunschabstand pendelt (Todosiev [
Tod63
]).
Verhaltensänderungen treten nur an den „Action Points“ auf – also den Punkten einer wahrge-
nommenen Geschwindigkeitsänderung zuzüglich Reaktionszeit.
Längshomöostase
Im Zustand der Längshomöostase versucht der Fahrer, längsdynamische
Sollwerte einzustellen bzw. konstant zu halten. Es existieren zwei Modi der Längshomöostase:
Folgefahrthomöostase und Freie-Fahrt-Homöostase (vgl. Abschnitt 3.5.1.2). Sie unterscheiden
sich durch die für die Homöostase relevanten impliziten Sollwerte. Für die Folgefahrthomöostase
kann beispielsweise eine Zeitlücke
tgap
verwendet werden, für die Freie-Fahrt-Homöostase
eine Wunschgeschwindigkeit
vwunsch
. In Abbildung 4.5 ist der Ablauf schematisch dargestellt:
Zu beachten ist, dass sich die Wahrnehmung sowie die damit einhergehende Interpretation
des Istwertes innerhalb der Homöostase befindet. Damit soll angedeutet werden, dass eine
sensumotorische Regelung immer auch die Wahrnehmung des zu regelnden Wertes beinhaltet, es
handelt sich somit um zumeist unbewusst aufgenommene Informationen.
Wahrnehmung tgap <St
v<Sv
tgap >Ht
v>HvKorrekturhandlung
Manöver
Längshomöostase
ja
nein
nein
ja
Abbildung 4.5:
Ablauf Längshomöostase: Solange die wahrgenommene Geschwindigkeit
v
in-
nerhalb der Handlungsgrenzen
[Hmin,Hmax]
liegt, wird nicht gehandelt. Liegt
v
hingegen zwischen
H
und
S
, wird eine Handlung innerhalb der Längshomöosta-
se durchgeführt. Ist
v
hingegen größer als die Situationsgrenze
S
, so wird der
Zustand Längshomöostase verlassen und eine Situation beginnt. Dies gilt analog
für die Folgefahrt und die erkannte Zeitlücke tgap
Die impliziten Sollwerte für die Folgefahrthomöostase ergeben sich aus:
166
4.1 Modell menschähnlicher Fahrhandlungen
Handlung des Fahrers :
Manöver wenn tgap <Gmin (1)
Korrektur wenn Gmin <=tgap <Hmin (2)
keine wenn Hmin <=tgap <=Hmax (3)
Korrektur wenn Hmax <tgap <Gmax (4)
neue Fahrsituation wenn Gmax <tgap (5)
Fall
(1)
bedeutet, dass dem vorausfahrenden Fahrzeug zu nah gekommen wird und ein (Brems-)
Manöver eingeleitet werden muss. Alternativ kann auch ein Ausweichmanöver gefahren werden.
Die Fälle
(2)
und
(4)
beschreiben die normalen Korrekturmanöver, die – im Allgemeinen mittels
Gaspedal – vorgenommen werden müssen, um die gewünschte Zeitlücke einzuhalten. In Fall
(3)
muss der Fahrer keine Handlungen ausführen, das Konstanthalten des Gaspedals stellt in
diesem Kontext keine Handlung dar. In Fall
(5)
wird der Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug
zu groß, der Fahrer befindet sich nicht mehr im Modus „Folgefahrt“. Dies kann dazu führen,
dass in die Freie Fahrt gewechselt oder z.B. ein Beschleunigungsmanöver durchgeführt wird –
die Folgefahrthomöostase wird jedoch zunächst verlassen. In Abbildung 4.6 sind die impliziten
Sollwerte für die Folgefahrthomöostase grafisch dargestellt.
Im Gegensatz zur optisch wahrgenommenen Zeitlücke kann die Fahrzeuggeschwindigkeit (als
Sollwert während der Freien Fahrt) mit Hilfe unterschiedlicher Informationen wahrgenommen
werden. Eine genaue Bestimmung findet jedoch über das Ablesen des Tachometers statt. Die
impliziten Sollwerte sowie die Situations- und Handlungsgrenzen für die Längshomöostase
während der Freien Fahrt ergeben sich somit als:
Handlung des Fahrers:
Manöver wenn v<Gmin (1)
Korrektur wenn Gmin <v<Hmin (2)
keine wenn Hmin <=v<=Hmax (3)
Korrektur wenn Hmax <v<Gmax (4)
neue Fahrsituation wenn Gmax <v(5)
Fall
(1)
führt zu einem Beschleunigungsmanöver. Die Fälle
(2)−(4)
können analog zur Fol-
gefahrthomöostase interpretiert werden. Im Gegensatz zur Folgefahrthomöostase zieht Fall
(1)
nicht zwangsläufig
2
ein Brems- oder Ausweichmanöver nach sich. Der Fahrer hat jedoch
wahrgenommen, dass er zu schnell fährt und kann basierend auf dieser Erkenntnis weitere
Entscheidungen treffen (z.B. ein Bremsmanöver einleiten oder das Fahrzeug ausrollen lassen).
Die impliziten Sollwerte sind in Abbildung 4.7 grafisch dargestellt.
2
Der Fahrer hat immer die Option einer Nicht-Handlung. Dies würde für Fall
(1)
bei Folgefahrthomöostase jedoch
höchstwahrscheinlich zu einem Kontakt mit dem vorausfahrenden Fahrzeug führen.
167
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
Folgefahrt-Homöostase
verlassen
Korrekturhandlung
keine Handlung
Korrekturhandlung
Manöver
Gmin
Hmin
Hmax
Gmax
Abbildung 4.6:
Implizite Sollwerte während der Längshomöostase (Folgefahrt): Der Zustand
der Längshomöostase ist aktiv, solange sich die wahrgenommene Zeitlücke
tgap
innerhalb der Situationsgrenzen
[Gmin,Gmax]
befindet. Innerhalb der Hand-
lungsgrenzen
[Hmin,Hmax]
handelt der Fahrer nicht, außerhalb dieser werden
Korrekturhandlungen durchgeführt. Außerhalb der Situationsgrenzen wird ent-
weder ein Brems- bzw. Ausweichmanöver vorgenommen (
tgap <Gmin)
oder
der Zustand der Folgefahrthomöostase zugunsten der Freie-Fahrt-Homöostase
verlassen (tgap >Gmax).
Querhomöostase
Während der Querhomöostase versucht der Fahrer, einen bestimmten Be-
reich auf der Fahrbahn nicht zu verlassen. Der Bereich definiert sich analog zur allgemeinen
Beschreibung der während einer Homöostasephase vorhandenen und für den Fahrer zu beachten-
den Größen:
Handlung des Fahrers :
Manöver wenn qist <Slinks (1)
Korrektur wenn Slinks <=qist <Hrechts (2)
keine wenn Hlinks <=qist <=Hrechts (3)
Korrektur wenn Hrechts <qist <Srechts (4)
Manöver wenn Srechts <qist (5)
Der Bereich, in dem keine Handlung notwendig ist – der Nichthandlungsbereich – wird auf der in
Fahrtrichtung linken Seite durch die linke Handlungsgrenze
Hlinks
und auf der rechten Seite durch
die rechte Handlungsgrenze
Hrechts
begrenzt. Der linke Handlungsbereich erstreckt sich zwischen
168
4.1 Modell menschähnlicher Fahrhandlungen
Beschleunigungsmanöver
Korrekturhandlung
keine Handlung
Korrekturhandlung
Manöver
Gmin
Hmin
Vsoll Hmax Gmax
Abbildung 4.7:
Implizite Sollwerte während der Längshomöostase (Freie Fahrt): Der Zustand
der Längshomöostase ist aktiv, solange sich die wahrgenommene Geschwin-
digkeit innerhalb der Situationsgrenzen
Gmin
und
Gmax
befindet: Falls sich die
aktuell wahrgenommene Geschwindigkeit zusätzlich innerhalb der Handlungs-
grenzen
[Hmin,Hmax]
befindet, so findet keine Handlung statt, ansonsten wird eine
Korrekturhandlung vorgenommen, um die gewünschte Geschwindigkeit
Vsoll
zu erreichen. Die Korrekturhandlungen beschränken sich auf die Verwendung
des Gaspedals. Falls die wahrgenommene Geschwindigkeit kleiner als
Gmin
ist,
so wird ein Beschleunigungsmanöver durchgeführt, falls diese größer als
Gmax
ist, so muss entschieden werden, ob ein Bremsmanöver durchgeführt oder die
Geschwindigkeit durch Ausrollen verringert werden soll.
Hlinks
und linker Situationsgrenze
Slinks
, der rechte Handlungsbereich dementsprechend zwischen
Hrechts
und rechter Situationsgrenze
Srechts
. Wird eine der Situationsgrenzen überschritten
(1)
bzw.
(5)
, so wird der Zustand der Querhomöostase verlassen und ein Manöver eingeleitet.
Korrekturhandlungen werden bei
(2)
bzw.
(4)
vorgenommen, falls
(3)
aktiv ist, wird keine
Lenkhandlung durchgeführt (vgl. auch Abbildung 4.9).
Dies ist schematisch in Abbildung 4.8 dargestellt. Zu beachten ist, dass der Übergang zwischen
Querhomöostase und einem Manöver nur eine Möglichkeit beschreibt, die Querhomöostase auf
Grund von Verhaltensweisen innerhalb dieses Zustands zu verlassen. Es gibt eine Vielzahl von
Kausalitäten außerhalb der Querhomöostase, die zum Verlassen des Homöostasezustands führen,
beispielsweise neu gebildete Ziele, unvorhergesehenes Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer
oder des eigenen Fahrzeugs.
169
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
Wahrnehmung q<=∆Sq>∆HHandlung
durchführen
Manöver
Querhomöostase
ja
nein
nein
ja
Abbildung 4.8:
Ablauf Querhomöostase: Solange die wahrgenommene Querabweichung
q
in-
nerhalb der Handlungsgrenzen
∆H
liegt, wird nicht gehandelt. Liegt
q
hingegen
zwischen
H
und
S
, wird eine Handlung innerhalb der Querhomöostase durch-
geführt, ist
q
jedoch größer als die Situationsgrenze
S
, so wird der Zustand
Querhomöostase verlassen.
4.1.3 Manöver
Im Modellkontext bezeichnet ein Manöver eine Fahr-Handlung, die mit Hilfe bestimmter Be-
dienelemente durchgeführt werden kann und eine (geplante oder erzwungene) Zustandsänderung
des Fahrzeugs bewirkt. Eine solche Zustandsänderung bezieht sich entweder auf die Relation
des Fahrzeugs zur Fahrbahn bzw. zu anderen Verkehrsteilnehmern oder direkt auf das eigene
Fahrzeug. Wenn es – basierend auf den in Abschnitt 3.5.1 beschriebenen Merkmalen – zu einer
Veränderung der subjektiven Verkehrssituation kommt, so kann dies ein Manöver auslösen.
Solange der Fahrer „zufrieden“ mit den dynamischen Verhältnissen zwischen dem eigenen und
den Fremdfahrzeugen sowie dem eigenen Fahrzeugs bezüglich der Fahrbahn ist, hat dieser keine
Veranlassung, ein Manöver einzuleiten. Durch Handlungen der anderen Verkehrsteilnehmer kön-
nen diese Verhältnisse jedoch geändert werden, so dass eine Notwendigkeit zur Durchführung
eines Manövers entsteht. Diese existiert zeitlich betrachtet ab dem Zeitpunkt, an dem der Fahrer
eine manöverauslösende Situation erkennt. Er hat nun mehrere Möglichkeiten, diese M-Situation
mittels unterschiedlicher Fahr-Handlungen zu verlassen, um den Zustand der Homöostase für
sich zurückzugewinnen. Eine M-Situation ist für den Fahrer solange aktiv, bis entweder ein
geplantes Manöver zu Ende geführt wird oder durch Handlungen anderer Verkehrsteilnehmer
oder Änderungen der Umgebung die Ausgangsbedingung für das Eintreten der Situation auflösen
bzw. diese als aufgelöst erkannt wird.
Damit eine M-Situation aktiv wird, muss der Fahrer zunächst eine Diskrepanz (bzw. eine Kombi-
nation aus Diskrepanzen) eines Ist- und eines Sollwertes feststellen. Das Vorhandensein einer
solchen Ist-Soll-Diskrepanz (kurz: ISD) stellt daher eine notwendige Bedingung für die Ausfüh-
rung eines Manövers dar. Weiterhin muss die ISD die persönlich akzeptierte Toleranzschwelle
des Fahrers überschreiten, um als aktive Diskrepanz zu gelten. Ist dies der Fall, so ist ab diesem
170
4.1 Modell menschähnlicher Fahrhandlungen
Manöver Manöver
Korrekturhandlung
links
Korrekturhandlung
rechts
keine
Handlung
Hlinks Hrechts
linke
Fahrbahngrenze
rechte
Fahrbahngrenze
Slinks Srechts
Abbildung 4.9:
Implizite Sollwerte während der Querhomöostase: Der Zustand der Querhomöo-
stase ist aktiv, solange sich die wahrgenommene Querabweichung innerhalb
der Situationsgrenzen befindet. Lenkhandlungen finden nur innerhalb des Hand-
lungsbereichs statt.
Zeitpunkt ein Manöverwunsch vorhanden. Ein Manöver kann jedoch erst durchgeführt werden,
wenn weitere Bedingungen, zumeist bezüglich verschiedener Sicherheitsaspekte, erfüllt werden.
Einem Manöver
M
können somit zunächst eine ISD
3I
sowie weitere Bedingungen
B
zugeordnet
werden.
Anders als bei homöostatische Fahrhandlungen, die theoretisch unbegrenzt andauern können,
sind Manöver durch ein klar definiertes Ziel definiert und dauern im Regelfall (falls es nicht
zu einer Unterbrechung des Manövers kommt) solange an, bis dieses Ziel erreicht wird. Ein
solches Ziel wird als expliziter Sollwert formuliert. Ein expliziter Sollwert beschreibt einen
vom Fahrer bewusst angestrebten Zielwert innerhalb einer gewissen Toleranz. Im Gegensatz
zur Homöostase, in der das Ziel das Nichtverlassen eines bestimmten Akzeptanzkorridors ist
(dessen sich der Fahrer nicht unbedingt bewusst sein muss), existiert während eines Manövers
ein aktiver Wunsch des Fahrers zur Erfüllung des definierten Ziels der entsprechenden Vorgabe.
Im Kontext der Fahraufgabe können im Allgemeinen nur je ein expliziter Sollwert für die Längs-
sowie Querführungsaufgabe zeitgleich aktiv sein. Eine aktive M-Situation hat somit immer zur
Folge, dass mindestens ein expliziter Sollwert für das entsprechende Manöver generiert wird.
Eine genaue Ausregelung des expliziten Sollwerts ist zumeist nicht nötig – oder auch aufgrund
der „menschlichen“ Messungenauigkeiten gar nicht möglich. Somit werden jedem expliziten
Sollwert „Zufriedenheitsgrenzen“ zugeordnet, die bestimmen, ob ein Sollwert als „erreicht“
aufgefasst wird. Diese beschreiben gleichzeitig die Bedingungen zum Verlassen der M-Situation.
Ein expliziter Sollwert Sebesteht aus einem 3-Tupel:
3
Eine ISD muss sich nicht zwangsläufig auf einen Wert beziehen. Sie kann ebenso aus beliebigen logischen
Verknüpfungen von durch den Fahrer wahrnehmbare Informationen bestehen.
171
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
Se= [Gmin,S,Gmax]
wobei
Gmin
und
Gmax
die untere bzw. obere Zufriedenheitsgrenze beschreiben. Sobald sich der
wahrgenommene Istwert innerhalb der Zufriedenheitsgrenze befindet, gilt der Sollwert
Se
als
erreicht (vgl. auch Abbildung 4.10). Die Formulierung „expliziter Sollwert“ bedeutet nicht, dass
ein Sollwert genau eingeregelt wird. Der Bereich ∆S=Gmax −Gmin kann vergleichsweise groß
ausfallen (z.B. bei einem Überholmanöver und sehr breiten Fahrbahnen). Einem expliziten
Sollwert fehlt im Gegensatz zu einem impliziten Sollwert der „Nichthandlungsbereich“ – wäh-
rend eines Manövers versucht der Fahrer, den Bereich
∆S
zu erreichen, wohingegen er in der
Homöostase bestrebt ist, den Bereich ∆H=Hmax −Hmin nicht zu verlassen.
Ein Manöver Mkann demnach als 3-Tupel definiert werden:
M= [IM,BM,SM]
Die ISD
IM
kann aus beliebig logisch verknüpften Ist-Soll-Diskrepanzen
IM1...IMn
bestehen,
sobald der verknüpfte Wert WAHR ist, ist die Manövereingangsbedingung erfüllt und der
Manöverwunsch aktiv. Ähnliches gilt für
BM
: Die Bedingungen
BM1...BMn
müssen (jedoch
UND - verknüpft) WAHR sein, um das Manöver beginnen zu können. Falls das Manöver aus
mehreren Teilmanövern besteht, kann der explizite Sollwert
SM
als eine Menge nacheinander
geltender Sollwerte
[SM1...SMn]
dargestellt werden. Ein einzelner expliziter Sollwert
SMi
besteht
entweder aus einem Tupel [Slong,Slat]mit
SM:
[Slong,/0]wenn Längsmanöver
[/0,Slat]wenn Quermanöver
[Slong,Slat]wenn kombiniertes Manöver
Zeitlich kann ein Manöver wie folgt beschrieben werden: Nachdem eine M-Situation erkannt
wurde, wird zuerst geprüft, ob eine eventuell höher priorisierte M-Situation aktiv ist. Falls dies
nicht der Fall ist, wird ein Manöver ausgewählt, um die M-Situation aufzulösen. Ein stattfindendes
Manöver kann jederzeit während der Durchführung abgebrochen bzw. durch Handlungen anderer
M-Situationen ersetzt werden. Wenn beispielsweise während eines Querführungsmanövers
mit dem Ziel, die Mitte der Fahrbahn zu erreichen (z.B. bei erkannter Situation „Fahrzeug
hat Fahrbahn unbeabsichtigt verlassen“), eine neue M-Situation erkannt wird, beispielsweise
„Hindernis auf der Fahrbahn“, dann kann die aktuelle M-Situation verlassen und das aktuelle
Manöver durch eines, welches in der Lage ist, die neue M-Situation aufzulösen, ersetzt werden.
Eine Priorisierung von M-Situationen hängt stark von den individuellen Eigenschaften und
Vorlieben des Fahrers ab, so können beispielsweise M-Situationen, die durch Motivationen wie
172
4.1 Modell menschähnlicher Fahrhandlungen
„Komfort“ oder „schnelles Erreichen des Ziels“ entstehen, je nach Fahrer stark unterschiedlich
gewichtet werden.
Sollbereich
um Slat herum
Slinks Srechts
Slat
Abbildung 4.10:
Explizite Sollwerte während eines (Teil-)Quermanövers: Sobald der Sollbe-
reich
[Smin,Smax]
um den lateralen Sollwert
Slat
herum erreicht wird, wird das
(Teil-)Manöver abgeschlossen.
In Tabelle 4.2 wird eine Situationspriorisierung vorgeschlagen: Die höchste Priorität erhalten
Situationen, in denen eine Gefahr für Leib und Leben für den Fahrer oder Passagiere erkannt
wird, gefolgt von ähnlichen Gefahren für andere Verkehrsteilnehmer (in diesem Fall stellt zumeist
das eigene Fahrzeug die Gefahr dar). Weitere, für den Fahrer vergleichsweise hoch priorisierte
Manöver stellen solche dar, die aufgrund von starken Motivationen oder Emotionen zustande
kommen (besondere Eile oder Angst führt oft zum Übertreten von Verkehrsregeln). Das Einhalten
von Verkehrsregeln bzw. der Spur kommt im Kontext einer durchschnittlichen Fahrt recht häufig
vor und ist bezüglich seiner Priorität unter den bisher beschriebenen Motivationen für Manöver
anzusiedeln – falls das Nichteinhalten von Verkehrsregeln subjektiv als gefährlich eingestuft
wird, ändert sich somit automatisch auch die Priorität der erkannten Situation.
Manöver lassen sich qualitativ in drei Arten unterteilen: Längsmanöver,Quermanöver sowie
kombinierte Manöver. Längsmanöver beschreiben Handlungen, welche ausschließlich mittels
Manipulation der Längsdynamik des Fahrzeugs ausgeführt werden, analog werden Quermanöver
definiert. Kombinierte Manöver hingegen erfordern zwingend die gleichzeitige bzw. aufeinander
abgestimmte Veränderung von längs- und querdynamischen Zuständen des Fahrzeugs. Des Wei-
teren kann zwischen Manövern, die allein aufgrund der Straßengeometrie durchgeführt werden
müssen und solchen, die aufgrund dynamischer Veränderungen der Umgebung durchgeführt
werden müssen, unterschieden werden (vgl. Beispiele in Tabelle 4.3). Inhaltlich unterscheiden
sich die Sollwerte der Manöver abhängig von deren Ursache: So werden „Permanentmanöver“,
wie beispielsweise das Befahren einer sehr engen Straße (die Fahrbahngrenzen befinden sich
innerhalb der Homöostasegrenzen) so lange durchgeführt, bis die Ursache für das Manöver
nicht mehr vorhanden ist. Der Fahrer weiß also zu Manöverbeginn noch nicht, wie lange das
173
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
Priorität Vorkommen Kategorie Beispiel Handlung
höchste
extrem selten
Lebensgefahr
für Fahrer
oder Insassen
Hindernis auf
Fahrbahn
Ausweichen,
Bremsen,
Beschleunigen
hohe selten Lebensgefahr
für andere Verkehrs-
teilnehmer
anderer Verkehrs-
teilnehmer auf
Fahrbahn
Ausweichen,
Bremsen,
Beschleunigen
erhöht gelegentlich hohe Motivation Eile
mehr Überhol- und
Beschleunigungs-
manöver
erhöht selten starke Emotion Wut, Angst
mehr Überhol- und
Beschleunigungs-
manöver
mittlere sehr häufig Einhalten von
Verkehrsregeln
Geschwindigkeits-
begrenzung
Anhalten
mittlere sehr häufig Einhalten von
Sollvorgaben
Spur verlassen Querregelung
niedrige häufig Komfortaspekte fragile Ladung weniger Manöver
(modifizierte
Sollwerte)
Tabelle 4.2: Vorschlag einer Situationspriorisierung
Manöver auszuführen ist und überprüft die Existenz der Manöverursache fortwährend. Ein
solches Manöver ergibt sich somit direkt aus den aktuellen Fahrumständen, eine Planung oder
Entscheidungsfindung findet in diesem Fall nicht statt. Im Gegensatz dazu wird während Manö-
vern mit eindeutig definiertem Manöverziel („Überholen von Fahrzeug x“, „Stehenbleiben an
Position y“) überprüft, ob das Manöverziel erreicht wurde, die kausale Ursache für das Manöver
spielt im weiteren Verlauf hingegen keine Rolle.
4.1.4 Fehler
Eine wichtige Eigenschaft eines menschähnlichen Fahrermodells ist dessen Möglichkeit, mensch-
liches Fehlverhalten simulieren zu können. Angelehnt an die in Abschnitt 3.5.2 beschriebenen
Fehlerkategorien nach Zimmer [
Zim01
] bzw. Rasmussen [
Ras82
] beim Fahren wird folgend ein
Konzept, welches ebenso auf die Fahrmodi Homöostase und Manöver eingeht, eingeführt.
4.1.4.1 Fehler während der Homöostase
Der Zustand der Homöostase zeichnet sich durch das Nichtvorhandensein starker Korrektur-
maßnahmen aus, da lediglich sensumotorische Regelungsprozesse aktiv sind. Fehlhandlungen
innerhalb der Homöostase können daher zum Verlassen des Zustands führen. Wie in den Abbil-
dungen 4.5 bzw. 4.8 ersichtlich ist, kommen für auftretende Fehler während der Homöostase
174
4.1 Modell menschähnlicher Fahrhandlungen
Manöver
aktiv?
Teilmanöver
(längs)
aktiv?
Teilmanöver (längs)
durchführen
Teilziel (längs)
erreicht?
ja
nein
ja
ja
nein
Teilmanöver
(quer)
aktiv?
Teilmanöver (quer)
durchführen
Teilziel (quer)
erreicht?
ja
nein
ja
nein
Längsmanöver
Quermanöver
Abbildung 4.11:
Schema Teilmanöver: Ein Manöver kann aus mehreren Teilmanövern bestehen.
Längs- und Quer(teil)manöver können hierbei parallel ausgeführt werden
nur die Module „Wahrnehmung“ sowie „Handlungsdurchführung“ in Frage. Somit stellen auf
der einen Seite die wahrgenommenen Istwerte, die mit impliziten Sollwerten verglichen wer-
den und auf der anderen Seite die ausgeführten Handlungen mögliche Fehlerquellen dar. Die
Zielbildung bezüglich der Homöostasephasen geschieht implizit bzw. unbewusst, somit können
keine Fehler auftreten, die mit der Zielbildung konnotiert sind. Bezüglich der Fehlerkategorien
(vgl. Abbildung 4.12) können während der Homöostase Informations- sowie Handlungsfehler
auftreten.
Längshomöostase
Die Längshomöostase wird durch das 4-Tupel des impliziten Sollwerts
Sl= [Gmin,Hmin,Hmax,Gmax]
definiert. Für den Fall der Freien Fahrt kann die eigene Fahrzeug-
geschwindigkeit
vw
fehlerhaft eingeschätzt werden: Je nach Implementierung der menschlichen
Wahrnehmung kann ein Fehler durch einen zu großen Zeitabschnitt zwischen der letzten genauen
Messung (mittels Tachometer) und der aktuell wahren Fahrzeuggeschwindigkeit liegen, jedoch
können auch andere Gründe zur Fehleinschätzung führen. Für den Fall der Folgefahrt kann die
Zeitlücke
tw
falsch interpretiert werden. Entsprechend Tabelle 4.4 können fehlerhafte Informatio-
nen entweder zu vorzeitigem oder zu verzögertem Verlassen der Homöostase führen. Letzteres
175
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
Längsmanöver Quermanöver kombinierte
Manöver
Straße Abbremsen
(Kreuzung, Schilder)
„Permanentmanöver“
(Baustelle, Tunnel)
Abbiegen
Beschleunigen
(Kreuzung, Schilder)
taktischer Spurwechsel Auf-/Abfahrt
Autobahn
Verkehr
Abbremsen wg. vorausfah-
rendem Fahrzeug
Ausweichen wg.
Hindernis
Überholen
Beschleunigen wg. voraus-
fahrendem Fahrzeug (Ab-
stand halten)
Spurwechsel wg. anderen
Verkehrsteilnehmern
Abbiegen
Tabelle 4.3: Kategorisierung von Manövern bzgl. Fahrzeugdynamik sowie deren Ursachen
kann bei einer entsprechend großen Abweichung zum Betätigen des Bremspedals und somit zu
einer weiteren Reaktion des nachfolgenden Verkehrs führen.
Querhomöostase
Der implizite Sollwert wurde für die Querhomöostase als das 4-Tupel
Sq=
[Slinks,Hlinks,Hrechts,Srechts]
definiert. Die wahrgenommene Querabweichung
qw
stellt somit die
erste mögliche Fehlerquelle dar: Je nach Implementierung der menschlichen Wahrnehmung kann
qw
beispielsweise aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit oder schlechter Sichtverhältnisse falsch
eingeschätzt werden. Falls
|qw|<|qist|
ist, so kann die reale Situationsgrenze
S
erreicht werden
(falls dies erkannt wird) und somit die Homöostase verlassen werden. Ist hingegen |qw|>|qist|,
so wird die Handlungsgrenze
∆H
früher erreicht, was zu einer vorzeitigen Lenkhandlung führt,
aber keine weiteren direkten Konsequenzen nach sich zieht. Eine Ausnahme stellt jedoch der Fall
|qw|>|∆S|
dar: Hier nimmt der Fahrer fälschlicherweise an, die Situationsgrenze überschritten
zu haben, was ebenso zum Verlassen der Homöostasephase führt. Eine zweite Fehlerursache
liegt in der Handlungsausführung: Die Korrekturmanöver können falsch parametriert sein, was
entweder zu einem zu starken oder zu schwachen Lenkmanöver führt. Ersteres kann zu einem
Verlassen der Homöostase führen, für den zweiten Fall gilt dies nicht unmittelbar (vgl. Tabelle
4.4).
4.1.4.2 Fehler während einer M-Situation
Im komplexen Fahrzustand der M-Situation können Fehler – zusätzlich zu denen auch während
der Homöostase auftretenden Informations- und Handlungsfehlern (wie in Abschnitt 4.1.4.1
dargestellt) – in weiteren Stufen der Informationsverarbeitung vorkommen. Eine M-Situation ent-
steht, sobald der Fahrer eine Diskrepanz zwischen einem Ist-und einem Sollwert erkennt, welche
größer ist, als die fahrerspezifische akzeptierte Differenz. Basierend auf dieser Definition können
Diagnosefehler definiert werden, welche allgemein eine fehlerhafte Situationseinschätzung be-
schreiben. Technisch betrachtet kann ein Diagnosefehler entstehen, wenn erstens entweder eine
176
4.1 Modell menschähnlicher Fahrhandlungen
Signaldetektion Wahrnehmung Entscheidung und Reaktionsselektion Reaktionsausführung
WahrnehmungSignaldetektion
Manöver-
auswahl
Manöver-
planung
Situations-
erkennung
Manöver-
durchführung
homöostatische
Handlung
Stufen der Informationsverarbeitung nach Wickens
Informationsfehler Diagnose-
fehler
Methoden-
fehler
Zielsetzungs-
fehler Handlungsfehler
Situation
Homöostase
Abbildung 4.12:
Modellierung von Fehlern abgeleitet aus dem Fehlermodell nach Zimmer
[Zim01] bzw. Rasmussen [Ras82]
Differenz einer wahrgenommenen Information und einem Sollwert (ISD) kleiner oder größer als
die reale Differenz ist; zweitens wenn eine ISD erkannt wird, obwohl der Bezugswert objektiv
nicht vorhanden ist („False Positive“) bzw. drittens wenn eine ISD nicht wahrgenommen wird,
obwohl die Werte objektiv vorhanden sind („Miss“).
Ein Miss wird in diesem Kontext so definiert, dass die Situation aufgrund fehlender Informatio-
nen nicht vom Fahrer erkannt wird (beispielsweise aufgrund von Verdeckungen). False Positives
entstehen durch fehlerhaft eingeordnete Informationen, beispielsweise durch Fehlinterpretationen
von Handlungen anderer Verkehrsteilnehmer. Fehler dieser Art sind innerhalb der beschriebenen
Modellstruktur nur bedingt umsetzbar. Vorstellbar sind fehlerhafte Extrapolationen für Kurse
anderer Verkehrsteilnehmer kombiniert mit plötzlichen Richtungsänderungen dieser aufgrund
anderer Umstände. Die Implementierung von „leichten“ Diagnosefehlern (vgl. Tabelle 4.5) ist
vergleichsweise einfach: Sie ergeben sich zumeist als Fehlerfortpflanzungen von Informations-
fehlern. Die Umsetzung „schwerer“ Diagnosefehler, wie „looked-but-failed-to-see“-Fehlern
kann hingegen nicht ohne eine Modellierung von Situationsbewusstsein bzw. Aufmerksamkeit
geschehen.
Nachdem eine Situation erkannt wurde, können sich weitere Fehler während der Informati-
onsverarbeitung (also der Manöverauswahl, der Zieldefinition und -evaluation) ereignen. Ein
Methodenfehler kann auftreten, wenn während der Manöverauswahl ein solches ausgewählt wird,
177
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
|qw|<=|qist| |qw|>|qist|
|qw|<|∆H|Handlung zu spät, Handlung zu früh,
kein Verlassen
der Homöostase
kein Verlassen
der Homöostase
|∆H|<=|qw|<|∆S|Handlung zu spät, Handlung zu früh,
kein Verlassen der Homöostase
obwohl ∆Sevtl. erreicht
kein Verlassen
der Homöostase
|∆S|<=|qist|Handlung zu spät, Handlung zu früh,
zu spätes Verlassen
der Homöostase
unnötiges Verlassen
der Homöostase
Tabelle 4.4: Informationsfehler während der Homöostase und ihre Auswirkung
Diagnosefehler Beispiel
ISDw<ISD
Situation wird zu spät erkannt
→
Manöver wird evtl. zu spät
ausgeführt (leichter Fehler)
ISDw>ISD
Situation wird zu früh erkannt
→
Manöver wird evtl. zu früh
ausgeführt (leichter Fehler)
ISDw∈/0∧ISD /∈/0
(„Miss“)
objektiv vorhandene Situation wird nicht erkannt
→
es wird
kein Manöver geplant (schwerer Fehler)
ISDw/∈/0∧ISD ∈/0
(„False Alarm“)
Situation wird erkannt, obwohl objektiv nicht vorhanden
→
es
wird ein unnützes Manöver geplant (schwerer Fehler)
Tabelle 4.5: Diagnosefehler in der Situationserkennung und ihre Auswirkung
welches die Situation objektiv nicht aufzulösen imstande ist: Beispielsweise kann ein Brems-
manöver ausgewählt werden, obwohl ein Ausweichmanöver die bessere Alternative dargestellt
hätte. Wenn dies aufgrund zu geringer Ressourcen für die Planung eines Alternativmanövers
geschieht, dann ist das resultierende – einfachere – Manöver als „Heuristik-Manöver“ bzw.
„Reflex-Manöver“ zu interpretieren. Im Unterschied zur ursprünglichen Definition bezieht sich
ein Methodenfehler im Kontext dieser Arbeit nicht ausschließlich auf die (falsche) Wahl eines
Bedienelementes (Lenken vs. Gas/Bremse), sondern auch auf unterschiedliche Manöver. Ein Me-
thodenfehler lässt sich beispielsweise durch persönliche Präferenzen, Emotionen (z.B. Ängste)
oder Motivationen (bestimmte Motivationen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, riskantere Manöver
auszuwählen) implementieren.
Die Bestimmung der (expliziten) Sollwerte für ein ausgewähltes Manöver kann ebenso fehlerhaft
erfolgen. Ein solcher Zielsetzungsfehler
4
entsteht, wenn Sollwerte definiert werden, auf deren
Grundlage das ausgewählte Manöver nicht bzw. nicht optimal durchgeführt werden kann, bei-
4Dieser ist nicht zu verwechseln mit dem in Abschnitt 3.5.2 beschriebenen.
178
4.1 Modell menschähnlicher Fahrhandlungen
spielsweise ein zu spät gewählter Zeitpunkt oder eine zu gering gewählte Pedalstellung für ein
Bremsmanöver.
Die Implementierung von Bedienfehlern wie z.B. das Abrutschen von einem Pedal sind inner-
halb des vorgestellten Modellkonzepts nicht angedacht – die dazu benötigte (physische bzw.
physikalische) Modellierung des Fahrers bzw. der Bedienelemente liegt weit außerhalb der
Modellgrenzen.
Verstöße hingegen, also vorsätzlich begangene „Fehler“ – bzw. von der Straßenverkehrsordnung
nicht legitimiertes Verhalten, welches zu riskanten Situationen oder Unfällen führt, können
ebenfalls mittels Motivationen, Emotionen und fahrertypspezifischen Parametern modelliert
werden.
4.1.5 Modellierung von Einflussfaktoren
In Abschnitt 3.4 wurden unterschiedliche Einflussfaktoren, die auf menschliches Fahrverhalten
wirken, beschrieben. Eine Modellierung aller behandelten Konstrukte ist jedoch weder effizient,
noch notwendig, um menschähnliches Fahrverhalten generieren zu können. Einflussfaktoren auf
das menschliche Fahrverhalten können in statische und dynamische Faktoren unterteilt werden.
Erstere werden als für eine Fahrt konstant angenommen bzw. ändern sich so langsam, dass ihr
direkter Einfluss auf das Fahrverhalten als sehr gering eingeschätzt wird, eine Implementierung
als Parameter bietet sich daher an. Dynamische Faktoren können sich während einer Fahrt ändern
und sind daher in der Lage, das Verhalten wahrnehmbar zu beeinflussen.
Demographie:
Alter, Geschlecht
Persönlichkeit:
Big Five,
Sensation Seeking,
Lebensstil
Fahrerfahrung:
Fähigkeiten
und
Fertigkeiten
Motive:
Eile, Vorsicht
Emotionen:
Ärger, Angst
Entspanntheit
psychophysisch:
Müdigkeit, Stress
statisch
dynamisch
Abbildung 4.13: Statische und Dynamische Einflussfaktoren auf das Fahrverhalten
179
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
Betrachtet man die Fahraufgabe aus der Perspektive der möglichen Fahrhandlungen, so beste-
hen diese aus einem – definierten – Pool aus Manövern und homöostatischen Fahrhandlungen.
Beide Formen von Fahrhandlungen können mittels eines Sollwerttupels definiert werden (vgl.
Abschnitte 4.1.2 und 4.1.3). Manöver werden durch eine erkannte Ist-Soll-Diskrepanz eingeleitet.
Persönlichkeitseigenschaften und längerfristige Motive hingegen bestimmen die grundsätz-
liche Parametrierung der Situationserkennung sowie die Art und Weise der auszuführenden
Handlungen. In Abbildung 4.14 wird dies grafisch veranschaulicht: Ein Motiv – beispielswei-
se „Eile“ – parametriert Sollwerte und Ist-Soll-Diskrepanzen mehrerer Situationen im Modul
„Situationserkennung“. Als Beispiel dient eine Überholsituation: Eine notwendige Bedingung
für die Erkennung einer solchen ist gegeben, wenn der Wert der Geschwindigkeitsdifferenz
∆v=vwunsch −vvoraus
größer als eine vom Fahrer maximal akzeptierte Geschwindigkeitsdifferenz
∆vmax
ist. Falls also das Fahrmotiv „Eile“ aktiv ist, so wirken die Parameter
PEile
vwunsch
und
PEile
∆vmax
auf
die Eintrittsbedingung. Die Überholsituation wird früher erkannt, da die vom Fahrer aufgrund
eines langsameren vorausfahrenden Fahrzeugs akzeptierte Geschwindigkeitsdifferenz verringert
wird:
∆vEile
max =PEile
vwunsch ·∆vmax mit PEile
vwunsch <1.
Zusätzlich wird die eigene Wunschgeschwindigkeit erhöht:
vEile
wunsch =vwunsch ·PEile
vwunsch .
Für das Motiv „Eile“ kann weiterhin angenommen werden, dass eine genaue Ausführung von
Manövern negativ mit der Stärke des Motivs einhergeht, somit ergibt sich für den expliziten
Sollwert
SEile = [GEile
min ,S,GEile
max]
mit
GEile
min =PEile
Gmin ·Gmin und GEile
max =PEile
Gmax ·Gmax
und den Parametern
PEile
Gmin <1 und PEile
Gmax <1.
Mit Hilfe dieses Konzepts kann somit manipuliert werden, ob und wann eine Situation erkannt
wird, welches Manöver zur Auflösung dieser ausgewählt wird, wann und wie das Manöver ausge-
führt werden soll und wie lange eine Homöostasehandlung andauern wird. Die Beeinflussung von
Wahrnehmung sowie Handlungsausführung durch Motivationen kann mit Hilfe dieses Ansatzes
ebenso modelliert werden – jedoch kann dies nur im Kontext des verwendeten Modells stattfin-
den. Für die Wahrnehmungsmodellierung ist eine Vielzahl von Modellen vorhanden: Mit Hilfe
von Blicksteuerungsmodellen können die notwendigen Informationen zur Verfügung gestellt
sowie Problemstellungen wie Verdeckung, nutzbares Sichtfeld oder visuelle Aufmerksamkeit
realistisch implementiert werden. Für die Handlungsausführung kann ebenfalls aus vielen unter-
180
4.1 Modell menschähnlicher Fahrhandlungen
schiedlichen Reglermodellen, welche an das Konzept der impliziten und expliziten Sollwerte
angepasst werden können, gewählt werden. Hierbei muss zunächst evaluiert werden, wie ein
solches Modell parametriert werden kann: Vorstellbar sind Veränderungen bei Parametern bzgl.
der Bedienelemente, sowie der Reglerparameter. Des Weiteren wirken Emotionen während der
Fahrhandlung sowohl indirekt über Motive (beispielsweise kann die Emotion „Angst“ das Motiv
„Eile“ verstärken) als auch direkt auf einzelne Module.
Einflussfaktor
Ist-Soll-Diskrepanz
Bedingung
expliziter Sollwert impliziter Sollwert
Abbildung 4.14:
Motiv-Handlungs-Kette: Ein Einflussfaktor wirkt auf eine Menge an Ist-Soll-
Diskrepanzen, aus diesen können Bedingungen gebildet werden, um bestimmte
Manöver auszulösen. Des Weiteren können sowohl explizite als auch implizite
Sollwerte durch Einflussfaktoren parametriert werden.
Die Summe aus statischen Einflussfaktoren bildet die Grundlage für die Beschreibung eines
Fahrertyps. Hierfür werden einige spezifische Parametersätze für die jeweiligen expliziten und
impliziten Sollwerte, als auch für Ist-Soll-Diskrepanzen für die Situationserkennung benötigt.
Aus statistischen Daten kann beispielsweise abgeleitet werden, dass sich durchschnittliche Zeit-
lücken für die Folgefahrt bei Autofahrern einer bestimmten Demografie vom Durchschnittswert
der Grundgesamtheit unterscheiden. Die impliziten Sollwerte für die Folgefahrt können dement-
sprechend um diesen Differenzwert zuzüglich Varianz verändert werden. Mit diesem Ansatz
können für definierte Manöver sowie homöostatische Fahrhandlungen sowohl statische als auch
dynamische Einflussfaktoren verwendet werden, um so einen individuellen Fahrer aus einer
bestimmten Grundgesamtheit abbilden zu können.
Fazit
Es wurde ein Ansatz zur Modellierung der Fahrhandlung vorgestellt, welcher ermög-
lichen soll, menschähnliches Fahren zu modellieren. Dies geschieht durch die Aufteilung der
Fahrhandlung in zwei grundlegend unterschiedlichen Fahrmodi: Manöver und Homöostase.
Diese können mathematisch durch Sollwerttupel beschrieben werden. Parameter können auf die
181
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
Sollwerte einwirken und somit das Fahrverhalten verändern. Psychologische Konstrukte wie
Motivation oder Emotion können über diese Parameter ebenfalls auf das Fahrverhalten einwirken.
Auch typisch menschliche Phänomene wie Fahrfehler können mit Hilfe dieses Ansatzes abgebil-
det werden. Fahrertypen, also sich in ihrem Fahrverhalten unterscheidende Gruppen von Fahrern,
können mit Hilfe von ähnlich definierten Parametern erzeugt werden. Teile dieser theoretischen
Ausarbeitung wurden bereits in das in Kapitel 5 vorgestellten Fahrermodell implementiert.
Bezüglich der eingeführten Menschähnlichkeitstypen von Fahrermodellen muss zwischen den
Fahrmodi Homöostase und Manöver unterschieden werden. Fahrhandlungen während der Ho-
möostase sind als sensumotorische Handlungen ohne bewusste kognitive Anstrengungen zu
interpretieren und können daher maximal in die Typ-II-Kategorie eingeordnet werden. Komple-
xere Fahrhandlungen wie Fahrmanöver können – so denn eine Validierung des Sollwertkonzepts
stattgefunden hat – zum Teil in Kategorie III fallen. Die Einordnung kann jedoch auch dann
nur für jeweils einzelne, validierte Manöver vorgenommen werden. Schlussendlich kann das
Modellkonzept als hybrides Typ-II/Typ-III-Modell interpretiert werden, wobei jedoch auf die
Modellierung der Handlungsausführung verzichtet wurde.
4.2 Validierung von Fahrermodellen
Für jeden Modellierungsvorgang stellt sich die Frage, inwiefern die Aussagen, die das Modell
trifft, mit denen aus der Realität gewonnenen übereinstimmen bzw. ob diese ähnlich genug
sind, um ein Modell als valide bezeichnen zu können. Aus dieser Grundproblematik einer jeden
Modellierung leiten sich weitere Fragen ab: Wie ähnlich müssen die Aussagen sein? Ist ein
Modell schon nicht mehr als valide zu betrachten, wenn eine einzige Aussage nicht mit der
Realität übereinstimmt? Gibt es Grade der Modellvalidität? Um auf diese Punkte am Ende
des Abschnitts näher eingehen zu können, wird zunächst das Konzept der Modellvalidierung
aus verschiedenen Standpunkten beleuchtet sowie damit zusammenhängende Begrifflichkeiten
definiert.
Im Umfeld des Begriffs Validierung fällt oft der Terminus Verifikation. Diese bezeichnet den
Prozess für den Nachweis einer formal korrekten Implementierung eines (Computer-)Modells –
nicht mehr und nicht weniger. Validierung hingegen bezieht sich auf den Kontakt des Modells
mit der Wirklichkeit, sie beinhaltet eine Einschätzung, inwiefern dieses für einen bestimmten
Anwendungszweck geeignet ist und weiterhin, wie genau ein Modell der realen Modellvorlage
entspricht bzw. die Realität abbildet. Je nach Kontext und Wissenschaftsfeld variiert die Ge-
wichtung zwischen beiden Interpretationsmöglichkeiten. Für das Erreichen des gewünschten
Modellverhaltens kann ein Modell kalibriert werden, indem Modellanpassungen – zumeist
mittels Parametervariation – vorgenommen werden.
Zunächst ist zu bemerken, dass bisher kein allgemeingültiger Prozess für eine Modellvalidierung
existiert – vielmehr gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Sichtweisen und Prozesse (vgl. auch
182
4.2 Validierung von Fahrermodellen
Viehof & Winner [
VW17
]). Kleindorfer et al. [
KOG98
] beleuchten unterschiedliche philosophi-
sche Denkschulen und bewerten deren Einflüsse auf die Validierung von simulativen Modellen.
Sie kommen zu dem Schluss, dass Validierung als ein ethisches Problem zu betrachten ist, in dem
letztendlich der Anwender auf verantwortliche und professionelle Weise die Berechtigung des
Modells zu vertreten hat, da ein Modell weder als „vollständig validiert“ noch als „vollständig
widerlegt“ betrachtet werden kann.
Nach Klein & Herskovitz [
KH05
] können Modelle analog zu wissenschaftlichen Theorien
behandelt werden, da jedes Modell ebenfalls aus einer Reihe von Aussagen über die Funktions-
weise eines bestimmten Systems besteht. Somit kann jedes Modell anfangs als eine Hypothese
angesehen werden, die besagt, dass das konstruierte Modell innerhalb eines bestimmten Anwen-
dungsrahmens ein zu modellierendes System mit einer angestrebten Genauigkeit abbildet. Diese
Hypothese kann durch den Prozess der Validierung bestätigt oder verworfen werden, wozu u.a.
statistische Methoden verwendet werden können. Das führt zur Schlussfolgerung, dass ein Mo-
dell – je nach Sichtweise – entweder niemals umfassend validiert werden kann, da jede erfolglose
Validierung zum Verwerfen des Modells führen muss und dieses daher bis zu einer solchen nur
als „nicht invalide“ bezeichnet werden kann. Alternativ nimmt man an, dass sich ein Modell auf
einer Nützlichkeitsskala verorten lässt und es sich nach erfolglosen Validierungsversuchen durch
verhältnismäßig kleine Änderungen (Kalibrierungen) „re-validieren“ lässt. Dementsprechend
muss der Ansatz gewählt werden, der mit dem Modellierungsziel weitestmöglich übereinstimmt:
Sollen wissenschaftlich valide Erkenntnisse mittels Extrapolation gewonnen werden, so ist die
falsifikationistische Herangehensweise die zielführendere, bei interpolierenden Modellen – also
bei Modellen, die in Situationen verwendet werden, die den bereits validierten ähnlich sind – ist
eine induktive, verifikationistische Interpretation der Validierung hingegen die sinnvollere.
Die Sichtweise von Law & McComas [
LM01
] ist mit letzterer vergleichbar: Sie bezeichnen ein
Modell als „valide“, wenn es dazu verwendet werden kann, Entscheidungen über ein System zu
treffen, die identisch mit denen sind, die man aus Experimenten mit dem realen System ableiten
würde. „Absolute“ Modellvalidität wird ebenfalls prinzipiell abgelehnt, da diese nur bei Identität
mit dem zu modellierenden System vorliegt und ein Modell sich ja gerade durch Abstraktion und
Vereinfachung der Realität definiert. Dementsprechend kann „absolute“ Modellvalidität weder
Ziel noch Ergebnis einer Modellierung sein.
Konkrete Aussagen über den Validierungsprozess treffen Oberkampf & Trucano [
OT08
]: Sie
fordern, drei Kernaspekte zu berücksichtigen:
1) Bewertung der Modellgenauigkeit durch Vergleich mit Experimentaldaten
2) Interpolation bzw. Extrapolation des Modells für den gedachten Einsatzbereich
3) Entscheidung über die Eignung des Modells für die spätere Benutzung
Sie betonen zusätzlich, dass Experimentaldaten das glaubwürdigste Abbild der Realität zum
Zwecke der Validierung darstellen, dass jedoch auch Fehler- und statistische Unsicherheitsbe-
183
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
trachtungen sowohl auf Modellebene, als auch bezüglich der Experimentaldaten durchgeführt
werden müssen.
Kutluay [
Kut13
] fasst die Problemstellung der Modellvalidierung zutreffend zusammen: Wenn
das Computermodell das mathematische Modell gut abbildet (Verifikation) und das mathema-
tische Modell zur Theorie passt (konzeptuelle Validierung), dann bildet das Computermodell
auch die Theorie gut ab. Wenn die Theorie die Realität gut abbildet, dann bildet das Modell diese
ebenfalls gut ab (operationale Validierung), so denn die verwendeten Daten zuverlässig sind
(Datenvalidität).
Nach Sargent [
Sar10
] existiert eine Vielzahl von Validierungsmethoden, die subjektiv oder
objektiv sein können, wobei statistische bzw. mathematische Techniken als „objektiv“ bezeichnet
werden. Wichtiger im Kontext dieser Arbeit erscheinen die „subjektiven“ Methoden:
• Animation, Vergleich mit anderen Modellen
•
Test auf Extremkonditionen (unwahrscheinliche Kombination von Eingabewerten und
Umgebungsvariablen)
• „Augenscheinvalidität“ (Expertenmeinung über nachvollziehbares Systemverhalten)
• interne Validität (Berücksichtigung der internen Stochastik des Modells)
•
Sensitivitätsanalyse (Variation der vorhandenen Parameter, um deren Effekt bewerten zu
können)
• Turing-Tests (Experten müssen zwischen Modell und Realdaten unterscheiden)
Realitätstreue
Ein weiteres Konstrukt, welches bei der Validierung eines Modells nützlich
sein kann, ist dessen Realitätstreue. Buchholz [
Buc19
] definiert diese folgendermaßen: Sei
VR
ein Verhaltensmaß für das Realsystem und
VS
das Verhalten für das simulierte Modell. Dann
bezeichnet
D(VR,VS)
das Maß für die erkennbaren Verhaltensunterschiede zwischen Realsys-
tem und Modell. Ein Modell gilt demnach als „realitätsgetreu“, wenn
D(VR,VS)
unter einem
bestimmten Grenzwert liegt, der abhängig vom Modellierungsziel spezifiziert werden muss.
Eine Kalibrierung des Modells hat nun zum Ziel, die Verhaltensunterschiede
D(VR,VS)
auf ein
gewünschtes Maß zu reduzieren. Zum einen kann dies durch Strukturänderungen des Modells
geschehen, andererseits durch Änderungen der Modellparameter – ohne Änderungen an der
Modellstruktur.
Eine bestimmte Situation – also eine Kombination aus Modellkonfiguration und Zustand der
Simulationsumgebung – kann als ein Punkt in einem „Situationsraum“ interpretiert werden (vgl.
Abbildung 4.15). Zunächst ist davon auszugehen, dass innerhalb dieses Raumes ein Bereich G
existiert, in dem das Modell valide Modellausgaben generiert und dementsprechend auch ein
Bereich
¬G
, in dem dies nicht so ist. Weiterhin existieren Situationen K, die kalibrierte und
somit validierte Modellkonfigurationen darstellen, die in G liegen. Testet man nun mit einer
(validen) Modellkonfiguration eine unbekannte Situation E, so kann das Ergebnis dieses Tests
184
4.2 Validierung von Fahrermodellen
Abbildung 4.15:
Situationsraum mit Kalibriersituation Kinnerhalb eines Gültigkeitsbereichs
und Experimentalsituation Eaus Buchholz [Buc19]
entweder positiv – dann hat man eine neue validierte Situation gefunden – oder negativ ausfallen.
In beiden Fällen besteht der Erkenntnisgewinn aus neu gewonnenen Informationen über G. Eine
Neukalibrierung des Modells, welche dazu führt, dass E in G läge, würde jedoch dazu führen,
dass vorherige Informationen über G ihre Gültigkeit verlören.
Allgemein kann die Aussage getroffen werden, dass das Modellverhalten bei komplexen Model-
len prinzipiell unbekannt ist und Aussagen über Validität – basierend auf Verhalten in bekannten
Situationen – in unbekannten Situationen schwierig zu treffen sind. Bei sehr ähnlichen Situa-
tionen ist es zwar wahrscheinlicher, dass sich ein Modell in unbekannten Situationen, die sich
„nahe“ an validierten Situationen befinden, ebenfalls valide verhält – mit Sicherheit kann dies
jedoch nicht angenommen werden. Somit steigt zwar das Vertrauen in ein Modell mit der Anzahl
der validen Situationen, dies erhöht jedoch in ähnlichem Maße die Kosten. Ein Kompromiss
zwischen Validierungsaufwand und Modellqualität sollte daher, basierend auf der Zielstellung
der Modellierung, gefunden werden.
Validierung sollte daher als ein Prozess betrachtet werden, der dazu dient einerseits das Modell-
vertrauen des (späteren) Benutzers zu erhöhen, zusätzlich jedoch auch während der Modellierung
Fehler aufzudecken. Balci [
Bal97
] beschreibt drei Fehlertypen, die bei der Modellierung auftreten
können und unbedingt zu vermeiden sind:
•
Typ-I-Fehler treten auf, wenn die Simulationsergebnisse als unbefriedigend interpretiert
werden, obwohl diese durchaus glaubwürdig sind („Risiko des Modellierers“).
•
Typ-II-Fehler beschreiben den gegenteiligen Effekt – die Akzeptanz von objektiv unglaub-
würdigen Simulationsergebnissen („Risiko des Anwenders“ bzw. „’one run looks ok, so
the model is correct’ syndrome“).
185
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
•
Typ-III- Fehler hingegen sind bei Modellen zu finden, die „zweckentfremdet“ eingesetzt
werden und deren Ergebnisse somit nicht zu gebrauchen sind.
Sind die Folgen eines Typ-I-Fehlers noch überschaubar (im schlimmsten Fall erhöhen sich die
Entwicklungskosten des Modells), so können Typ-II- und Typ-III-Fehler dramatische Konse-
quenzen nach sich ziehen.
Aus den bisher zusammengefassten theoretischen Betrachtungen zum Thema Modellvalidierung
lassen sich einige Fragen bezüglich des in dieser Arbeit vorgestellten Modells menschlicher
Fahrhandlungen ableiten, auf die folgend eingegangen wird.
1)
Validierung und Menschähnlichkeit: Welche Aussagen können allgemein über die Validie-
rung von menschähnlichen Fahrermodellen (auch in Zusammenhang mit ihrer Menschähn-
lichkeitsstufe) getroffen werden?
2)
Validierung und Kalibrierung des Modells: Wie und mittels welcher Methodik kann
das vorgestellte Modell validiert werden? Wie und für welche Fahrer(-typen) kann das
vorgestellte Modell kalibriert werden?
3)
Schlussfolgerungen: Welche Aussagen können mit Hilfe des Modells nach einer Validie-
rung bzw. ohne Validierung getroffen werden und welche nicht?
4.2.1 Validierung und Menschähnlichkeit
Bevor auf die Frage eingegangen wird, ob und wie sich das vorgestellte Fahrermodell vali-
dieren lässt, können einige allgemeine Aussagen über die unterschiedlichen Möglichkeiten
der Validierung eines Fahrermodells abhängig von seiner Menschähnlichkeitsstufe getroffen
werden. So könnte ein Typ-I-Modell anhand aufgezeichneter Fahrzeugdaten (Position, Ausrich-
tung, Geschwindigkeit, Beschleunigung usw.) validiert werden. D.h. es müssten Datensätze
von Realfahrern aufgezeichnet werden und mit den Simulationsergebnissen des Fahrermodells
verglichen werden. Die Aufzeichnung dieser Daten ist heutzutage problemlos möglich (z. B. mit-
tels hochgenauem GPS). Für ein Typ-II-Modell müssten die Fahreroutputs (Lenkrad/Pedalerie)
ein bestimmtes Ähnlichkeitsmaß erfüllen. Die Aufzeichnung der entsprechenden Signale ist
technisch ebenfalls möglich. Bei Typ-III-Modellen wäre der Nachweis bestimmter kognitiver
Konstrukte in der Gedankenwelt des Fahrers für eine Validierung des Modells nötig – dies
erscheint sowohl mit dem heutigen Stand der Forschung als auch zukünftig kaum realisierbar.
Zwar können mittels EEG einfache Aktivierungsaktivitäten in bestimmten Hirnarealen, die
beispielsweise eine gewünschte Richtung betreffen, erkannt werden. Eine weitere Verfeinerung
solcher Verfahren hin zur Erfassung von Intentionen bzw. Gedanken erscheint jedoch sowohl
physisch unmöglich, als auch ethisch nicht vertretbar. Somit kann eine rein datengetriebene
Validierung für Typ-III-Modelle ausgeschlossen werden.
Weiterhin kann die Aussage getroffen werden, dass eine „Abwärtsvalidität“ verlangt werden
kann, d.h. dass ein Typ-III-Modell sowohl Typ-II- als auch Typ-I-valide sein und ein Typ-II-
186
4.2 Validierung von Fahrermodellen
Modell dementsprechend alle Bedingungen für Typ-I-Validität erfüllen muss. Für eine mögliche
Validierung des vorgestellten Fahrermodells gilt daher, dass zum einen Typ-I-Validität nachge-
wiesen werden muss, was in diesem Fall bedeutet, dass sich das modellierte Fahrzeugverhalten
im Straßenverkehr so oder so ähnlich beobachten lassen muss. Eine Typ-II-Validität hingegen ist
für das vorgestellte Modell unerheblich, da sich dieses nicht konkret mit menschlichen Fahrhand-
lungen beschäftigt, sondern mit deren kognitiven Ursachen. Diese könnten validiert werden, falls
sich psychologisch nachweisen ließe, dass Konzepte wie Längs- und Querhomöostase während
des Führens eines Fahrzeugs vorhanden sind – dann wäre Typ-III-Validität für dieses Modell
erreichbar.
4.2.2 Validierung und Kalibrierung des Fahrermodells
Zunächst muss definiert werden, was „Validierung“ im Kontext des vorgestellten Modells be-
deutet: Sie soll hier als Prozess verstanden werden, der Aufschluss geben soll, inwiefern eine
realitätsnahe Abbildung bestimmter zu modellierender Eigenschaften erfolgreich durchgeführt
wurde. D. h. die Aussage, dass es sich um ein „valides“ Modell handelt, bedeutet, dass das Modell
nachvollziehbare Ausgaben generiert, welche so oder so ähnlich auch von einem menschlichen
Fahrer hätten produziert werden können. Das impliziert, dass sich das Modell gerade nicht im
Popper’schen Sinne als wissenschaftliche Theorie versteht und somit nicht für die mit einer
gegebenen Sicherheit vorhandenen Vorhersage von menschlichem Verhalten in unbekannten
Situationen verwendet werden kann. Vielmehr soll das Modell einen bestimmten, definierten
Situationsraum abdecken – die Validität des Modells (hier interpretiert als Größe des Gültig-
keitsbereichs) stellt sich somit proportional zur Anzahl von erfolgreich kalibrierten Situationen
dar.
Neben der Validierung mittels Kalibrierung von Situationen können weitere Argumente für eine
Modellvalidität angeführt werden: So stützt sich das Modell der Längs- und Querhomöostase
auf bekannte Konzepte aus der Literatur (vgl. Abschnitt 4.1), womit ebenfalls eine konzeptu-
elle Validität angenommen werden kann. Da eine Implementierung bisher nicht vollständig
stattgefunden hat, stehen sowohl Verifikation der Implementierung als auch der Vergleich mit
Experimentaldaten aus.
Eine Kalibrierung des Modells, um dieses an einen bestimmten Fahrer bzw. Fahrertyp anzupas-
sen, könnte mit Hilfe der Modellparameter vorgenommen werden. Diese bestehen aus dem Tupel
[Si,Se]
mit
Se= [Gmin,S,Gmax]
und
Si= [Gmin,Hmin,Hmax,Gmax]5
und beschreiben die Situations-
und Handlungsgrenzen des Fahrers. Für eine solche Kalibrierung müssten Daten von real existie-
renden Fahrern vorhanden sein, d. h. zunächst müsste eine Untersuchung durchgeführt werden,
um das Vorhandensein dieser internen Grenzwerte belegen zu können. Des Weiteren müssten
diese Werte ermittelt und bei entsprechender Verfügbarkeit geclustert werden, um Gemeinsam-
5
Identische Parameterbezeichnungen für die einzelnen Handlungsgrenzen bezeichnen unterschiedliche Parameter
für Siund Se.
187
4 Menschähnlichkeit und ihre Modellierung
keiten für bestimmte Fahrertypen herausarbeiten zu können. Die Probleme sind offensichtlich:
Zum einen erscheint eine solche Untersuchung aufwändig, vor allem jedoch stellt sich die Frage,
ob bzw. wie solch interne Verhaltensparameter erfasst werden können, da eine Verbalisierung
dieser teilweise während subbewusster Fahrzustände stattzufinden hat. Schlussendlich ist nicht
klar, ob die postulierten Parameter existieren bzw. „ausgelesen“ werden können. Ist das gesamte
Modell daher zu verwerfen? Diese Frage kann ebenfalls nur abhängig vom Anwendungskontext
beantwortet werden: Wenn das Modell „menschähnliches“ Fahrverhalten erzeugt, dann hat es
eine Daseinsberechtigung auch ohne wissenschaftliche Validierung, im besten Fall kann es für
eine Vielzahl von Situationen und Fahrertypen kalibriert werden und somit für die Simulation
menschähnlichen Verhaltens verwendet werden.
Abschließend soll noch einmal auf den Unterschied zwischen „formalen
6
“ und „nichtforma-
len“ Modellen und den Zusammenhang zur Validierbarkeit eines Modells eingegangen werden:
Jürgensohn [
Jür01
] unterscheidet die zwei Modelltypen u.a. bezüglich ihrer Validierbarkeit: For-
male Modelle sind validierbar bzw. überprüfbar, nichtformale jedoch höchstens „einschätzbar“.
Das hier vorgestellte Modell kann insgesamt als „formal“ bezeichnet werden, da mathemati-
sche Abhängigkeiten formuliert wurden und dementsprechend eine Simulation durchführbar
ist. Dennoch existieren nichtformale Komponenten (z. B. Situations- oder Handlungsgrenzen),
deren Modellierung und Parametrierung zuvorderst auf den Vorstellungen des Modellierers
basieren. Da diese Komponenten eben nicht auf objektiv validierbaren Parametern, sondern
auf vom Modellierer angenommenen motivationalen und emotionalen Zuständen fußen, ist
eine Validierung dieser Komponenten zumindest problematisch, wenn nicht unmöglich bzw.
nach Jürgensohn „reine Spekulation“. Somit kann ein solches Modell nicht valide im Sinne der
korrekten Abbildung der Realität sein, sondern nur im Sinne der Erfüllung des Modellauftrags –
eine solche Validierung steht noch aus.
6Ein formales Modell ist im Gegensatz zu einem nichtformalen Modell berechenbar, wohingegen in letzteren eher
vage Zusammenhänge vorkommen (z.B. in deskriptiven Modellen).
188
5 Rahmenmodell für die Erzeugung
parametrierbarer menschähnlicher
Fahrermodelle
„Das beste Modell für eine Katze ist eine Katze. Möglichst dieselbe Katze.“
Norbert Wiener
Basierend auf den Grundlagen der menschlichen Informationsverarbeitung (Kapitel 3), den
Gedanken zu Menschähnlichkeit bzw. einem Konzept der Modellierung menschähnlichen Fahr-
verhaltens (Kapitel 4) wird folgend die Entwicklung eines Rahmenmodells für menschähnliche
Fahrermodelle für unterschiedliche Einsatzgebiete beschrieben. Mit dem Wissen, dass – wie
es vielfach von Entwicklerseite gewünscht wird – die Entwicklung eines allgemeingültigen
Fahrermodells, welches alle denkbaren Thematiken abdeckt, praktisch unmöglich ist, wurde ein
Konzept entwickelt, welches es ermöglicht, spezifische, auf einen bestimmten Anwendungs-
zweck hin optimierte, aus dem Rahmenmodell abgeleitete Fahrermodellinstanzen zu erzeugen.
Kern des Rahmenmodells ist eine Struktur, die die Nachbildung typischer, anwendungsgetriebe-
ner Funktionalitäten menschlichen Verhaltens im Auto erlaubt. Die Rahmenstruktur ermöglicht
das Einbinden von Modulen, die jeweils eine Teilfunktionalität abbilden. Beispielhaft können
Module, die die Querregelaufgabe lösen, die Reaktionen auf Verkehr im Kreuzungsbereich
oder das Bremsverhalten vor Ampeln bei Vorhandensein von Fahrzeugen voraus nachbilden,
angeführt werden. Dabei werden die Module nur dann in die Simulation eingebunden, wenn
es die Aufgabenstellung verlangt. In vielen Anwendungen (z.B. zur Abbildung von individuel-
lem Fremdverkehr in der Simulation) wird von dem Fahrermodell nur eingeschränkt variables
oder intelligentes Verhalten verlangt. Dementsprechend kann das Verhalten des Modells von
menschähnlich-variabel bis hin zu deterministisch-technisch konfiguriert werden.
Folgende vier Designziele sind maßgeblich für die Entwicklung des Fahrerrahmenmodells:
1)
Das Rahmenmodell soll die Entwicklung von dynamischen Modellen des menschlichen
Verhaltens als Führer eines Automobils in prinzipiell beliebigen Verkehrssituationen
erlauben.
2)
Aus dem Rahmenmodell abgeleitete Fahrermodelle müssen sich leicht in dynamische
Simulationsumgebungen (z.B. in Verbindung mit Fahrzeugmodellen oder Fahrsimulatoren)
integrieren lassen.
189
5 Rahmenmodell für die Erzeugung parametrierbarer Fahrermodelle
3)
Die aus dem Rahmenmodell abgeleiteten Fahrermodelle müssen nach Vorgabe des An-
wendungszwecks mit geringem Aufwand erweitert oder modifiziert werden können.
4)
Die aus dem Rahmenmodell abgeleiteten Fahrermodelle dürfen aus modellökonomischen
Gründen nicht mehr „können“, als die Simulationsaufgabe verlangt.
Aus der Anforderung 1) ergibt sich, dass das Rahmenmodell sowohl Längs- und Querrege-
lung beinhalten muss, als auch Verhaltensstrukturen, die Entscheidungsprozesse im Verkehr
abbilden können. In Verbindung mit Forderung 2) ergeben sich Implikationen an das Implemen-
tierungsmittel: Für die Implementierung des Rahmenmodells wird als Programmierumgebung
Simulink sowie Stateflow gewählt, um Echtzeitanforderungen bzw. eine Integration in eine
Hardware-in-the-Loop(HiL)-Simulation zu gewährleisten. Aus der Forderung 3) resultiert das
im Rahmenmodell umgesetzte Baukastenprinzip. Teilfunktionalitäten der mit dem Rahmenmo-
dell implementierten Fahrermodelle werden in Modulen realisiert. Für eine Weiterentwicklung
werden je nach Maßgabe des Einsatzzweckes entweder bestehende Module angepasst oder
neu erstellt. Auf diese Weise lassen sich nach Forderung 4) Fahrermodelle zusammenstellen,
die unterschiedlich komplex sind und klar definierte Fähigkeiten zur Bewältigung spezifischer
Aufgaben besitzen.
5.1 Aufbau und Struktur des Rahmenmodells
Ein Fahrermodell mit typisch menschlichem Verhalten muss in der Lage sein, die grundsätzli-
chen menschlichen und für die Fahraufgabe relevanten Verarbeitungs- und Handlungsprozesse
abbilden zu können. Ein Fahrer nimmt seine Umwelt wahr, er erkennt Situationen und äußere
Umstände, verarbeitet diese, wobei am Ende dieses Prozesses eine Entscheidung steht, welche
zu einer Handlung führt. Diese prinzipielle Struktur ist im Modell durch die Hauptmodule Wahr-
nehmen,Erkennen,Entscheiden und Handeln abgebildet. Weiterhin beeinflussen Informationen
aus den Modulen Motivation/Emotion und Gedächtnis die Prozesse innerhalb der Hauptmodule.
Diese sind zunächst nur leere Hüllen, die allein durch ihre Struktur definiert sind. Im Prozess
der konkreten Fahrermodellbildung werden innerhalb dieser Hauptmodule Teilmodule imple-
mentiert und eingebunden, die jeweils die Nachbildung einer bestimmten Fähigkeit realisieren,
wobei diese Fähigkeiten so elementar wie möglich definiert werden. Letztendlich dient die
Strukturierung vor allem der Übersichtlichkeit und Nachvollziehbarkeit des Informationsflusses
– weder sollen bestimmte Bereiche des menschlichen Gehirns abgebildet werden, noch eine
physische oder anders geartete Abgeschlossenheit der einzelnen Module impliziert werden. Des
Weiteren beeinflussen unterschiedliche Einflussfaktoren die Ausführung der Fahraufgabe. Wie in
Abschnitt 4.1.5 beschrieben, kann zwischen statischen und dynamischen Einflussfaktoren unter-
schieden werden. Diese Einflussfaktoren können als Parameter interpretiert werden, welche die
Ausführung einer oder mehrerer Fähigkeiten beeinflussen. Mehrere Parameter können zeitgleich
auf eine Fähigkeit wirken, technisch werden diese Parameter multiplikativ verknüpft.
190
5.1 Aufbau und Struktur des Rahmenmodells
Fahrermodell
Wahrnehmung Situationserkennung Entscheidung Ausführung
Fähigkeitsparameter
externe Zustände Performanzparameter interne Zustände
Informationen aus
Umwelt und
Fahrzeug
Modellausgaben
(Stellgrößen)
Motivationen
(Eile, Thrill)
Emotionen (Wut, Angst)
energetischer Zustand
(schläfrig, wach)
„In-the-Loop“
Alter, Geschlecht
Persönlichkeit
Wetter
(Nebel/Regen)
Uhrzeit
(Tag/Nacht)
- Fähigkeit
- Parameter
Umwelt:
Fremdverkehr
Verkehrsschilder, Ampeln
Straßengeometrie, Kreuzungen
Fahrzeug:
eigene Position, Geschwindigkeit,
Position der Stellgrößen, Status FAS
Stellgrößen:
Lenkradwinkel
Gas/Bremse
Beleuchtung/Blinker
Betätigung FAS
wahrgenommene
Informationen über
Umwelt und Fahrzeug
aktuell erkannte Situationen
Längsführung:
Abstand zu gering/zu groß
Geschwindigkeit
zu gering/zu groß
Querführung:
Spurabweichung zu groß
falsche Spur
Sollvorgaben für Ausführung
basierend auf Manöverauswahl
bei aktiver M-Situation:
Manöverauswahl + ex-
plizite Sollwerte für
Längs- und Querführung
bei Homöostase:
implizite Sollwerte für
Längs- und Querführung
Abbildung 5.1:
Struktur des Rahmenmodells: Der Kern des Fahrermodells beinhaltet die
4
Hauptmodule „Wahrnehmung“, „Situationserkennung“,
„Entscheidung“ und „Ausführung“, die durch Fähigkeitsparameter beeinflusst werden (dargestellt durch die roten Punkte). Diese
werden aus Performanzparametern, externen sowie internen Zustandsparametern berechnet.
191
5 Rahmenmodell für die Erzeugung parametrierbarer Fahrermodelle
Fähigkeiten
Im Kontext des Fahrermodells bezeichnet der Begriff „Fähigkeit“ die algorithmi-
sche Implementierung eines Vermögens zur Erfüllung einer spezifischen Aufgabe. Ein Fähig-
keitsmodul besteht somit aus Eingabedaten, einer mathematischen Verknüpfung dieser sowie
Ausgabedaten. Eine wichtige Rolle spielen Fähigkeitsparameter: Diese parametrieren bestimm-
te Aspekte des entsprechenden Fähigkeitsalgorithmus, um unterschiedliche Abstufungen der
Ausführung der entsprechenden Fähigkeit abbilden zu können – Sinn und Zweck dieser Struktu-
rierung ist die Abbildung unterschiedlichen menschlichen Verhaltens. Fähigkeiten existieren in
jedem der beschriebenen Hauptmodule und bilden die Basisbausteine des Modells. In Abbildung
5.2 ist eine prototypische Fähigkeit dargestellt.
Fähigkeit
Fähigkeitsparameter
Eingabedaten Ausgabedaten
Abbildung 5.2:
Struktur einer Fähigkeit: Zumeist sind Fähigkeiten als endliche Automaten im-
plementiert, Fähigkeitsparameter beeinflussen die Ausführung der Fähigkeit.
Parameter und Zustände
Die Durchführung einer Fähigkeit kann ausschließlich mittels der
ihr zugeordneten Fähigkeitsparameter beeinflusst werden. Die Ausgaben eines Fähigkeitsmoduls
hängen somit einerseits von der Algorithmusstruktur und andererseits von (zunächst) zeitinvari-
anten, reellwertigen Parametern, zusätzlich jedoch von zeitveränderlichen Zustandswerten ab.
Durch Variation der Parameter können Unterschiede zwischen Individuen einer Fahrermodellspe-
zies, mit Hilfe der Zustände können zeit- und situationsveränderliche Abhängigkeiten abgebildet
werden. Folgende Zustandswerte bzw. Parameter finden im Modell Anwendung:
1)
Fähigkeitsparameter: Fähigkeitsparameter
P
sind notwendig vorhandene bzw. vor einer
Simulation festzulegende Parameter, die jeweils einer bestimmten Fähigkeit zugeordnet
werden. Eine Fähigkeit, welche ohne Fähigkeitsparameter definiert wurde, kann ihr Ver-
halten nicht verändern. Bei der Konstruktion eines Fähigkeitsparameters ist daher schon
die jeweilige Schnittstelle zur Fähigkeit zu berücksichtigen. Vereinfacht ausgedrückt be-
schreibt ein Fähigkeitsparameter wie die entsprechende Fähigkeit ausgeführt wird – er ist
als ein Meta-Parameter zu betrachten, der durch andere Parameter bzw. Zustandswerte
selbst parametriert wird, jedoch ebenfalls als einzelner Wert definiert werden kann. Eine
Fähigkeit kann durch mehrere Fähigkeitsparameter beeinflusst werden.
192
5.1 Aufbau und Struktur des Rahmenmodells
2)
Performanzparameter: Performanzparameter
PP
beschreiben verhaltensbestimmende Para-
meter, die messbare physiologische oder psychologische Eigenschaften des menschlichen
Fahrers umreißen. Beispiele sind „maximale Kraft beim Lenken“, „Sehschärfe“ oder
„Konzentrationsvermögen“, aber auch „Fahrerfahrung“ oder „Alter“. Diese bestimmen
ebenfalls das Verhalten des Fahrermodells, sind aber nicht nur einem Modul zugeordnet,
sondern wirken modulübergreifend. Die Performanzparameter unterscheiden sich von den
Fähigkeitsparametern insbesondere dadurch, dass sie wenig vom Kontext der Aufgabe
abhängen und durch physiologische Messung oder psychologische Tests ermittelbar sind.
Damit sind sie besonders gut geeignet, Fahrertypen zu definieren.
3)
Interne Zustände: Interne Zustände
PI
sind vom Fahrer selbst erzeugte bzw. als Reaktion
auf bestimmte äußere Einflussfaktoren generierte zeitveränderliche Größen, die abhängig
vom entsprechenden internen Zustand auf einen oder mehrere Fähigkeitsparameter wirken.
Typisch menschliche Einflüsse wie Stress oder Müdigkeit, aber auch emotionale oder
motivationale Zustände fallen in diese Kategorie.
4)
Externe Zustände: Externe Zustände
PE
bezeichnen durch den Fahrer nicht zu beein-
flussende von außen einwirkende Einflüsse auf das Fahren. Im Gegensatz zu internen
Zuständen sind diese für andere Verkehrsteilnehmer zu erkennen. Als Beispiele können
Wetter, Tageszeit oder Fahrbahnbeschaffenheit angeführt werden.
Jeder auf eine Fähigkeit wirkende Fähigkeitsparameter
P
ergibt sich als mathematische Ver-
knüpfung aus Performanzparametern
PP
, interner und externer Zustände
PI
und
PE
. Die Anzahl
der so verknüpften Parameter aus einer Parameterklasse ist nicht begrenzt, so können beispiels-
weise mehrere Motivationen gleichzeitig eine Fähigkeit beeinflussen. Ein Fähigkeitsparameter
P
wirkt konkret auf eine oder mehrere Variablen einer Fähigkeit. Daher ist aus Gründen der
Übersichtlichkeit und der einfachen mathematischen Implementierung der Zahlenbereich von
P
als
P∈[−1;1]
definiert. So bewirkt ein Fähigkeitsparameter
P<0
, dass eine parametrierte
Variable in die mathematisch kleinere Richtung beeinflusst wird, diese Beeinflussung erreicht
ihr Maximum für
P=−1
. Analog dazu beschreibt
P=1
eine maximale Abweichung in die
mathematisch größere Richtung. Für
P=0
wird die Fähigkeit nicht beeinflusst und zeigt somit
Standardverhalten
1
. Für einen Fähigkeitsparameter
P
, der aus
NP
Performanzparametern
PP
,
NI
internen Zuständen PIsowie NEexternen Zuständen PEerzeugt wird, gilt dann:
P=
NP
∑
i=1
(PPi)+
NI
∑
i=1
(PIi)+
NE
∑
i=1
(PEi)mit Pmin =−1 und Pmax =1
.
Für jeden Fähigkeitsparameter
P
existiert eine Funktion
fP:[−1;1]7−→ R
, die den Einfluss
des Parameters auf die Fähigkeit mathematisch beschreibt. Diese Transformationsfunktion
fP
muss vom Modellierer für jede Fähigkeit
P
definiert werden. Das Ergebnis dieser Funktion ist
˜
P
1im Sinne von: vom Modellierer eingestelltes Verhalten ohne den Einfluss von Parametern
193
5 Rahmenmodell für die Erzeugung parametrierbarer Fahrermodelle
und beschreibt den die Fähigkeit parametrierenden Wert, der innerhalb der Fähigkeit mit dieser
mathematisch verknüpft wird. Bestimmte Elemente eines Fähigkeitsparameters können sich
während der Simulation ändern, diese Informationen über die Parameter entstammen entweder
der Simulationsumgebung (z.B. Umweltbedingungen, Straßenbeschaffenheit usw.) oder müssen
modellintern mitberechnet werden (vgl. Abschnitt 5.6).
Neben der Festlegung eines Parameters auf einen (mehr oder weniger willkürlich gewählten)
Wert kann dieser auch als Zufallsvariable definiert werden, um bei einer größeren Fahrermo-
dellpopulation oder Wiederholungen eine variable Komponente zu beinhalten. In diesem Fall
wird ein Parameter während der Simulation fortwährend mit einer festzulegenden Streuung
modifiziert, so dass auch intraindividuelle Unterschiede bzw. nichtdeterministisches Verhalten
modelliert werden können.
Beispiel Parameterkonzept
Als Beispiel soll hier die beliebig ausgewählte Fähigkeit „Schät-
zen des Bremswegs“ dienen. Der Wert des aus der Faustformel
s=v2
100
geschätzten Bremswegs
kann auf unterschiedliche Arten und Weisen vom Fahrer beeinflusst werden: Er könnte entweder
das Ergebnis direkt verändern (hier:
s
), Variablen der Formel beeinflussen (hier:
v
) oder eine
Kombination beider Beeinflussungsmöglichkeiten bilden. In diesem Fall soll angenommen wer-
den, dass das Ergebnis der Schätzung zwischen
0.5
s und
1.5
s liegen soll. Dies bedeutet für die
Transformationsfunktion:
fP:[−1;1]7−→ [0.5;1,5]
, beispielsweise
fP(P) = P
2+1
. Ein externer
Zustandsparameter für „besonders guten Grip“ könnte so definiert werden:
PE
Grip =−0,2
. Zusätz-
lich kann eine Motivation vorhanden sein, die den Fahrer ein höheres Risiko eingehen lässt (z.B.
„Eile“) und die dazu führt, dass sich der akzeptierte Bremsweg aufgrund eines „Risikoaufschlags“
verringert:
PI
Eile =−0,4
. Die Summe aller Teilparameter ergibt für dieses Beispiel
P=−0,6
,
somit ergibt sich für
˜
P
ein Wert von
0,7
. Ein „eiliger“ Fahrer auf einer „griffigen“ Fahrbahn
würde einen um 10% höheren Bremsweg akzeptieren, als ein Durchschnittsfahrer auf normaler
Fahrbahn
2
. In Abbildung 5.3 ist dies grafisch dargestellt: Links ist die Transferfunktion
fP
abgebildet, rechts die unparametrierte Fähigkeit (rot) sowie die mit dem Fähigkeitsparameter
P=−0,6 parametrierte Fähigkeit (blau).
5.2 Wahrnehmung
Die möglichst realitätsnahe Modellierung der Informationen, welche ein Fahrer zum Führen
eines Fahrzeugs benötigt, stellt eine notwendige Bedingung für eine akkurate Nachbildung
menschlichen Fahrverhaltens dar. Hierbei muss jedoch beachtet werden, dass sich die „Wirklich-
keiten“ unterschiedlicher Menschen unterscheiden, es existiert kein gemeinsames, objektives
Wissen um die objektive Realität. Jeder Fahrer kann sich mittels der ihm zu Verfügung stehenden
Sensorik seine eigene Rekonstruktion der Welt sowie seine eigenen mentalen Modelle der wahr-
2Die verwendeten Werte sind fiktiv und dienen ausschließlich zur Veranschaulichung des Parameterkonzepts
194
5.2 Wahrnehmung
−2−1 1 2
0.5
1
1.5
2
P
˜
P
20 40 60 80 100 120 140
100
200
300
400
v
s
Abbildung 5.3:
Parametereinfluss anhand der Beispielfähigkeit „Schätzen des Bremswegs“.
Links: Transferfunktion
fP
, rechts: unparametrierte Fähigkeit (rot) sowie mit
P=−0,6 parametrierte Fähigkeit (blau).
genommenen Objekte und Situationen erzeugen. Konkret bedeutet dies für die Modellierung,
dass je nach Anwendungszweck eine entsprechend gewählte Granularität der Modellierung
des Wahrnehmungsapparats des Menschen implementiert werden muss. Die Teilmodule des
Hauptmoduls „Wahrnehmung“ können in „Informationen aus der Umwelt“ und „Informationen
aus dem eigenen Fahrzeug“ untergliedert werden. Die Blätter des in Abbildung 5.4 dargestellten
„Fähigkeitenbaums“ stellen jeweils eine eigene zu implementierende Fähigkeit dar.
Die mittels Wahrnehmungsfähigkeiten aufgenommenen Informationen dienen nun als Grundlage
für die Erkennung von bestimmten Situationen und Zuständen auf deren Basis der Fahrer
Entscheidungen trifft, um bestimmte Handlungen auszuführen.
Eine Wahrnehmungsfähigkeit, ohne die ein Fahrermodell im Allgemeinen nicht auskommt, ist
die Fähigkeit „Geschwindigkeitswahrnehmung“. Für die Umsetzung der Regelung der Fahrge-
schwindigkeit ist es für ein Fahrermodell (wie auch für den Menschen) unerlässlich, die eigene
momentane Geschwindigkeit mit einer von dem Kontext abhängenden Genauigkeit zu kennen.
Für viele Anwendungsfälle von Fahrermodellen genügt es anzunehmen, dass das Modell die
Geschwindigkeit exakt kennt. Die Fähigkeit „Geschwindigkeitswahrnehmung“ besteht in diesem
Fall nur aus einer Signalleitung aus dem Fahrzeugmodell. Wenn es aber darum geht, beispiels-
weise typisch menschliche Regelvorgänge bei der Folgefahrt abzubilden, die sich aus Spezifika
des Wahrnehmungsapparates ergeben, muss der Vorgang des Schätzens von Geschwindigkeiten
differenzierter nachgebildet werden. Ein weiteres Beispiel, bei dem ebenfalls eine umfangreicher
ausgearbeitete Fähigkeit der Geschwindigkeitswahrnehmung benötigt wird, ist die Fahrerassis-
tenzsystementwicklung. Wenn das FAS für seine Bedienung eine entsprechende Blickzuwendung
benötigt, kann ein Fahrer in der Zeit weder die Geschwindigkeit durch Ablesen des Tachos noch
durch Ableiten aus dem optischen Fluss oder perspektivischen Größenänderungen gewinnen.
195
5 Rahmenmodell für die Erzeugung parametrierbarer Fahrermodelle
Wahrnehmung
Umwelt
Straße
physikalisch
Krümmung Steigung Reibwert
logisch
Spur
Anzahl Richtung Breite
Kreuzung
Typ Vorfahrt
Objekte
Fahrzeug
dynamisch
Geschwindigkeit Position
Abbildung 5.4: Exemplarische Struktur der Fähigkeiten des Hauptmoduls „Wahrnehmung“
Um dies im Modell abbilden zu können, müssen die Mechanismen von Blickzuwendungszeiten,
Blickressourcenallokation und Ablesezeiten realisiert sein. Die Detailtiefe und Genauigkeit in
der Realisierung hängt wiederum sehr stark von den Anforderungen der Gesamtaufgabenstellung
ab. Allein für die Teilfunktionalität der Blickressourcenallokation gibt es aus der Grundlagen-
forschung sehr detaillierte Modelle, die in der Regel wesentlich spezifischer sind, als für die
Mehrzahl der Anwendungen benötigt. In Abbildung 5.5 ist ein Beispiel des Ablaufschemas einer
Fähigkeit zur Geschwindigkeitswahrnehmung abgebildet.
5.3 Situationserkennung
Die aus der Wahrnehmung aufgenommenen Informationen dienen dem Fahrer dazu, sich ein
Bild der aktuellen Situation zu verschaffen. An dieser Stelle muss jedoch noch einmal auf
den Situationsbegriff eingegangen werden. Im Abschnitt 3.5.1 wurde eine M-Situation als
ein manöverauslösender Zustand definiert – im Gegensatz zur umgangssprachlichen Deutung
des Wortes „Situation“ für die Gesamtheit der aufgenommenen und interpretierten Informa-
tionen des Fahrers. Das Hauptmodul „Situationserkennung“ fungiert nun gewissermaßen als
aggregierendes und interpretierendes Element, dessen Hauptaufgabe darin besteht, bestimmten
Konglomeraten von Informationen eine neue Bedeutung zuzuweisen. Hier werden alle imple-
mentierten M-Situationen auf Aktivierung geprüft und die entsprechenden Informationen an
das Entscheidungsmodul weitergeleitet. Dementsprechend kann eine Vielzahl unterschiedlicher
196
5.3 Situationserkennung
Blick auf Tachometer
Ausgabe:
abgelesene Geschwindigkeit
Blick nach vorn
Ausgabe:
ungefähre Geschwindigkeit
basierend auf peripherer
Wahrnehmung
Blick woandershin
Ausgabe:
letzte bekannte Geschwin-
digkeit
Wahrnehmung Fahrzeuggeschwindigkeit
Wahrnehmung über Tachometer
Wahrnehmung ohne Tachometer
Tachoblick abgeschlossen
Schild erkannt
Längsmanöver beendet
Start
Nebenhandlung Nebenhandlung
beendet
Abbildung 5.5:
Vereinfachte Statechart-Darstellung der Wahrnehmungsfähigkeit „Geschwindig-
keitswahrnehmung“
M-Situationen gleichzeitig aktiv sein, jedoch können nicht alle gleichzeitig (durch ein Manöver)
aufgelöst werden. Der Umgang mit mehreren aktiven M-Situationen wird im Modul „Entschei-
dung“ beschrieben. Aus der Kenntnis, in welcher M-Situation (bzw. in welchem Manöver) sich
der Fahrer gerade befindet sowie basierend auf den aktuellen Wahrnehmungsinformationen und
denen aus dem Arbeitsgedächtnis kann der Fahrer sich in einer oder mehreren M-Situationen
verorten. Anders formuliert ist eine M-Situation immer dann aktiv, wenn ein bestimmter Sollwert
eine bestimmte Differenz vom zugeordneten Istwert überschreitet.
Als Beispiel für eine Situationsfähigkeit dient die in Abbildung 5.6 dargestellte M-Situation
„Erkennung zu hoher Eigengeschwindigkeit“. Der zur M-Situation gehörende Sollwert
VSoll
entspricht der wahrgenommenen Geschwindigkeitsbegrenzung
VErlaubt
, die – multipliziert mit
dem Fähigkeitsparameter
FVSoll
– die für den Fahrer geltende Zielgeschwindigkeit darstellt. Bei
einer positiven Geschwindigkeitsdifferenz
VDi f f
aus aktuell wahrgenommener Geschwindigkeit
VEgo
und einer Grenzgeschwindigkeit
VGrenz
wird die M-Situation „Geschwindigkeitsreduzierung
wegen Geschwindigkeitsbegrenzung“ aktiviert. Die Grenzgeschwindigkeit
VGrenz
beschreibt
hierbei jene Geschwindigkeit, die der Fahrer bei einer bestimmten aktuellen Fahrzeuggeschwin-
digkeit noch akzeptiert, ohne eine Handlung zur Geschwindigkeitsbegrenzung durchzuführen.
VGrenz
wird als abhängig von der aktuellen Fahrzeuggeschwindigkeit sowie vom Fähigkeitspara-
meter
FVGrenz
angenommen. Wenn nun
Vdi f f >0
, so ist die Bedingung für die Aktivierung der
gleichnamigen M-Situation erfüllt. Dies bedeutet jedoch mitnichten, dass der Fahrer unweiger-
197
5 Rahmenmodell für die Erzeugung parametrierbarer Fahrermodelle
lich ein Manöver initiiert, um diese M-Situation aufzulösen. Vielmehr stellt die beschriebene
Kondition lediglich eine notwendige Bedingung für ein geschwindigkeitsveränderndes Manöver
dar. Dementsprechend wird der Fahrmodus Homöostase bereits aufgrund des Vorhandenseins
einer als „aktiv“ beurteilten M-Situation verlassen.
Geschwindigkeit ok
Eingabe:
VEgo,VSoll,VGrenz
Ausgabe:
keine M-Situation
Geschwindigkeit zu hoch
Eingabe:
VEgo,VSoll,VGrenz
Ausgabe:
M-Situation aktiv
aktuelle Geschwindigkeitsgrenze
Eingabe:
VSoll,FVGrenz
VGrenz =VSoll ·FVGrenz
Ausgabe:
VGrenz
VDi f f >VGrenz VDi f f ≤VGrenz
Erkennung zu hoher Eigengeschwindigkeit
Situation aktiv?
Abbildung 5.6:
Vereinfachte Statechart-Darstellung der Situationsfähigkeit „Erkennung zu hoher
Eigengeschwindigkeit“
5.4 Entscheidung
Die Aufgabe des Entscheidungsmoduls besteht zum einen darin, festzulegen, ob ein oder mehrere
Manöver eingeleitet werden und zum anderen darin, Vorgaben für auszuführende Handlungen zu
generieren. Ein Manöver bezeichnet in diesem Kontext eine Handlung, deren Ziel darin besteht,
eine M-Situation aufzulösen. Ein Manöver kann somit einer oder mehreren M-Situationen zuge-
ordnet werden, ebenso können mehrere M-Situationen durch ein einziges Manöver aufgelöst
werden (n:n-Beziehung). Als Beispiel dient die bereits erwähnte M-Situation „Erkennung zu
hoher Eigengeschwindigkeit“. Dieser M-Situation sind die Manöver „Geschwindigkeitsreduzie-
rung durch Bremsen“ sowie „Geschwindigkeitsreduzierung durch Gaswegnehmen“ zugeordnet
(weitere sind denkbar). Das Manöver „Geschwindigkeitsreduzierung durch Bremsen“ ist ebenso
weiteren M-Situationen, beispielsweise „Time-To-Collision zum vorausfahrenden Fahrzeug zu
gering“ oder „Anhalten wegen Stoppschild“ zugeordnet. Im Entscheidungsmodul wird also
a) festgelegt, welche M-Situationen aufgelöst werden und b) wie dies geschieht. Ein Manöver
muss nicht explizit ein Fahrmanöver sein, auch das Einschalten des Abblendlichts, die Wahl
eines Radiosenders oder weitere fahrfremde Tätigkeiten können unter dem Manöverbegriff
198
5.4 Entscheidung
subsumiert werden. Fahrmanöver sind jedoch elementar für ein Fahrermodell und besitzen daher
eine höheren Stellenwert in der Implementierung. Allgemein gilt, dass nur je ein Fahrmanöver
für Längs- und Querdynamik gleichzeitig aktiv sein kann. Ein Priorisierungsmodul überwacht,
welche M-Situationen aktiv sind und bestimmt bei mehreren gleichzeitig aktiven M-Situationen
anhand der ihr zugewiesenen Prioritätsklasse, welche M-Situation mittels eines Manövers zuerst
aufgelöst werden soll. Dies geschieht zumeist parallel für Längs- und Querdynamikmanöver,
bestimmte Manöver benötigen jedoch die gleichzeitige Kontrolle über Längs- und Querdynamik
(z. B. Überholmanöver), so dass in diesen Fällen nur dieses eine Manöver gefahren werden kann.
Falls aktuell kein Manöver aktiv ist, so werden Vorgaben für die Homöostasefahrt generiert. Die
Ausgaben des Entscheidungsmoduls bestehen dementsprechend aus Sollvorgaben für Längs-
und Querregelung des Fahrzeugs sowie für eventuell zu verwendende Fahrerassistenzsysteme.
In Abbildung 5.7 ist dies schematisch für eine beliebige Manöverfähigkeit dargestellt: So-
lange keine M-Situation erkannt wurde, befindet sich der Fahrer im Fahrmodus Homöostase.
Falls nun im Modul „Situationserkennung“ eine M-Situation erkannt wird und keine weiteren
M-Situationen aktiv sind, wird ein passendes Manöver ausgewählt (vgl. Abbildung 5.8) und
ausgeführt. Während der Ausführung dieses Manövers wird regelmäßig überprüft, ob eventuell
M-Situationen mit höherer Priorität erkannt wurden. Wenn dies der Fall ist, wird das Manöver
abgebrochen und ein höher priorisiertes Manöver gestartet (ein Beispiel ist ein Notbremsmanöver,
welches eine höhere Priorität besitzt als ein Beschleunigungsmanöver zum schnellen Erreichen
einer gewünschten Sollgeschwindigkeit). Falls nach dem Abschluss eines Manövers keine aktive
M-Situation erkannt wird, wechselt der Fahrer zurück in den Homöostase-Modus.
In Abbildung 5.8 wird mittels eines Statechart-Diagramms dargestellt, wie die Manöverauswahl
bei einer aktiven M-Situation (hier: „Erkennung zu hoher Eigengeschwindigkeit“) erfolgt: In
diesem Fall soll die Eigengeschwindigkeit reduziert werden, was mittels der Manöverfähigkeit
„Geschwindigkeitsreduzierung“ erreicht werden kann. Als Fähigkeitsparameter kann hier die
gewünschte Verzögerung
FaWunsch
die Durchführung des Manövers beeinflussen. Bei einer sehr
hohen gewünschten Verzögerung (z. B. bei einem Notbremsmanöver) wird die Geschwindigkeits-
reduzierung mittels Bremspedalregelung als Default-Methode gewählt, bei einer vergleichsweise
geringen gewünschten Verzögerung wird zunächst Gas weggenommen, falls dies jedoch nicht
dazu führt, die gewünschte Verzögerung zu erreichen, wird im Bremsmodus operiert. Falls ein
Manöver ohne Bremsbetätigung geplant ist („kleine“ Verzögerung), so erzeugt die Manöverfähig-
keit so lange Sollvorgaben für das Gaspedal, bis die Differenz aus Soll- und Istwert der aktuellen
Verzögerung eine maximale akzeptierte Differenz
δ
übersteigt. Falls dies der Fall ist, wird in
den Bremspedalmodus gewechselt und dementsprechend eine Sollvorgabe für das Bremspedal
generiert.
199
5 Rahmenmodell für die Erzeugung parametrierbarer Fahrermodelle
Homöostase M-Situation
erkannt?
mehr als eine
aktiv?
M-Situation nach
Priorität auswählen
passendes
Manöver auswählen
Manöver abbrechen
höchste
Priorität?
Manöver
beendet?
ja
nein
ja
nein
ja
nein
nein
ja
Abbildung 5.7:
Schema Entscheidungsmodul: Bei Vorhandensein einer oder mehrerer M-
Situationen wird das zugehörige Manöver ausgewählt
5.5 Ausführung
Das Ausführungsmodul beinhaltet die Regler, um die im Entscheidungsmodul generierten
Sollvorgaben mittels den zur Verfügung stehenden Bedienelementen (diese sind abhängig vom
verwendeten Fahrzeugmodell, bestehen jedoch zumeist aus Gas- und Bremspedal sowie Lenkrad)
umzusetzen. Längs- und Querdynamik werden hierbei getrennt voneinander behandelt. Je nach
gewünschter Menschähnlichkeit der Modellierung bzw. Anforderungen an die Hardware können
unterschiedlich komplexe Regelungsalgorithmen verwendet werden. Besonderen Einfluss auf die
Art und Weise der Umsetzung der Sollvorgaben haben die Performanzparameter, mit deren Hilfe
physikalische Beschränkungen (z.B. maximale Lenkradgeschwindigkeit und -beschleunigung
des Fahrers) abgebildet werden können. Beim Durchführen eines Manövers entstammen die
Sollvorgaben aus der Entscheidungsebene aus den entsprechenden Manöverfähigkeiten. Falls
keine M-Situation aktiv ist, befindet sich der Fahrer im Homöostasezustand, die Sollvorgaben
kommen dann aus den Modulen „Längshomöostase“ und „Querhomöostase“, die parallel zur
Entscheidungsebene angeordnet sind.
200
5.6 Motivations- und Emotionskomponenten
Geschwindigkeitsreduzierug
mittels Gaspedal
Eingabe:
AIst,AWunsch
Ausgabe:
Gaspedalregelung
aktiv
Geschwindigkeitsreduzierung
mittels Bemspedal
Eingabe:
AIst,AWunsch
Ausgabe:
Bremspedalregelung
aktiv
AIst >(AWunsch +δ)
∧Gaspedal == 0
AIst ≤(AWunsch −δ)
Geschwindigkeitsreduzierung
Awunsch klein Awunsch groß
Abbildung 5.8:
Vereinfachte Statechart-Darstellung der Manöverfähigkeit „Geschwindigkeitsre-
duzierung“
In Abbildung 5.9 ist beispielhaft die Ausführungsfähigkeit „Regelung der Fahrzeuggeschwin-
digkeit“ dargestellt: Solange kein aktives Manöver vorhanden ist, wird die Geschwindigkeit
des eigenen Fahrzeugs mittels Gaspedal im Modus der Längshomöostase geregelt. Falls ein
Beschleunigungs- oder Bremsmanöver (oder ein kombiniertes Längs- und Quermanöver) aktiv
ist, ändern sich der entsprechende Parametersatz der Ausführungsfähigkeit sowie der Sollwerttyp
(vgl. Abschnitte 4.1.2 und 4.1.3). Befindet sich der Fahrer im Zustand der Längshomöostase,
werden implizite Sollvorgaben für die Gaspedalregelung verwendet, während eines Längsma-
növers sind die entsprechenden Sollvorgaben hingegen als explizite Sollwerte zu verstehen.
Eine Geschwindigkeitsregelung mittels Bremspedal ist immer einem Manöver zur Geschwin-
digkeitsbegrenzung zugeordnet, da die Benutzung des Bremspedals im Normalfall (vorstellbar
ist eine Geschwindigkeitsregelung in starkem Gefälle mittels Bremspedalregelung) nicht dem
Homöostasefahren zugeordnet wird.
5.6 Motivations- und Emotionskomponenten
Zusätzlich zu den statischen Einflussgrößen (Fähigkeitsparameter, Performanzparameter) sowie
variablen externen Einflussgrößen (externe Zustände) können sich gewisse Fähigkeitsparameter
auch während der Fahrt ändern. Psychologisch betrachtet sind dafür Motivationen und Emotio-
nen zuständig (vgl. Abschnitte 3.4.4 und 3.4.5). Im Modell ist dies folgendermaßen realisiert:
Motivationen werden nicht aus sich heraus erzeugt, sondern haben eine außerhalb des reinen Fah-
rermodells liegende Ursache. Beispielsweise entsteht die Motivation „Eile“ aus einem gewissen
Zeitdruck heraus, der zwar während der Fahrt entstehen kann, jedoch nur in Zusammenhang mit
einem extern generierten Zielwert (z.B. einem Termin). Mittels Motivations-Aktions-Ketten (vgl.
Abschnitt 4.1.5) können die Auswirkungen einer solchen Motivation auf das Modellverhalten
beschrieben werden. Ähnliches gilt für Fahrverhalten, welches durch bestimmte Emotionen
beeinflusst wird. Diese können jedoch – je nach Fahrertyp – durch die aktuelle Verkehrssituation
201
5 Rahmenmodell für die Erzeugung parametrierbarer Fahrermodelle
Gaspedalregelung
Verwendung
impliziter Sollvorgaben
Ausgabe:
Gaspedalstellung
Gaspedalregelung
Verwendung
expliziter Sollvorgaben
Ausgabe:
Gaspedalstellung
Bremspedalregelung
Verwendung
expliziter Sollvorgaben
Ausgabe:
Bremspedalstellung
Regelung Fahrzeuggeschwindigkeit
Manöver
Homöostase
Längsmanöver abgeschlossen
Start Längsmanöver
Bremspedal-
vorgabe
aktiv
keine aktive
Bremspedal-
vorgabe
Abbildung 5.9:
Vereinfachte Statechart-Darstellung der Ausführungsfähigkeit „Regelung der
Fahrzeuggeschwindigkeit“
hervorgerufen, aber ebenfalls durch Motivationen beeinflusst werden. Beispielsweise kann ei-
ne aggressive Stimmung des Fahrers auftreten, wenn dieser a) einem aggressiveren Fahrertyp
zugeordnet werden kann (also eine nicht durch kausale Ursachen nachvollziehbare höhere Grun-
daggressivität besitzt), b) durch bestimmte Motivationen die aggressionssteigernden Auslöser
verändert werden, so dass diese früher eintreten oder c) eine Fahrsituation auftritt, die Potential
für aggressionssteigerndes Verhalten bietet.
Da aggressives Fahrverhalten in vielen fahrerischen Ausprägungen einem „eiligen“ Fahrer
ähnelt (größere Wunschgeschwindigkeit, geringere akzeptierte Abweichungen von dieser etc.),
ist in Abbildung 5.10 als Beispiel für den Einfluss einer Emotion auf das Fahrverhalten ein
entspannter emotionaler Zustand des Fahrers dargestellt: Eine modellierte Motivation bzw.
Emotion besteht aus einem Parametersatz
PM
bzw.
PE
, in dem für jede zu beeinflussende Fähigkeit
eine Vielzahl von Fähigkeitsparametern definiert werden muss. Für die Wahrnehmungsfähigkeit
„Wahrnehmung der Fahrzeuggeschwindigkeit“ ist dies jeweils der Parameter
tNebenhandlung
, der
die Zeit beeinflusst, in der sich der Fahrer stochastisch mit Nebenhandlungen beschäftigt. Hat es
der Fahrer besonders eilig, ist er fokussierter auf die Fahraufgabe, fährt er entspannter, lässt er
sich leichter ablenken. Für die Situationsfähigkeit „zu geringe Fahrzeuggeschwindigkeit“ kann
der Parameter
δv
die Differenz aus Soll- und Istgeschwindigkeit beeinflussen, so dass bei aktiver
Motivation „Eile“ auch kleinere Differenzen dazu führen, die M-Situation zu aktivieren. Analog
dazu verhindert die Emotion “Entspannung“ dies durch ein größeres
δV
. Im Entscheidungsmodul
202
5.6 Motivations- und Emotionskomponenten
Wahrnehmung
Situationserkennung
Entscheidung
Ausführung
Wahrnehmung
Fahrzeuggeschwindigkeit
W.-Fähigkeit A W.-Fähigkeit B
Erkennung zu geringer
Fahrzeuggeschwindigkeit
S.-Fähigkeit A S.-Fähigkeit B
Manöver
Geschwindigkeitserhöhung
E.-Fähigkeit A E.-Fähigkeit B
Regelung
Geschwindigkeit
W.-Fähigkeit A W.-Fähigkeit B
Motivation: Eile
Parameter:
Wahrnehmung:
tNebenhandlung ↓
Situationserkennung:
δv↓
Entscheidung:
Priorität Beschleunigungs-
manöver ↑
Ausführung:
vmax
Gas ↑;amax
Gas ↑
Emotion: Entspannung
Parameter:
Wahrnehmung:
tNebenhandlung ↑
Situationserkennung:
δv↑
Entscheidung:
Priorität Beschleunigungs-
manöver ↓
Ausführung:
vGaspedal ↓;aGaspedal ↓
Abbildung 5.10:
Beeinflussung des Fahrermodellverhaltens durch Motivationen/Emotionen an-
hand einer Motivations-(bzw. Emotions-)-Aktions-Kette für die Längsführung
durch die Motivation „Eile“ bzw. die Emotion „Entspannung“
können Emotionen/Motivationen ebenfalls die Priorität von Manövern für bestimmte Situationen
verändern. Als Beispiel kann eine erkannte „gelbe“ Ampel dienen: Ein hoher „Eile“-Wert
führt dazu, unter bestimmten Umständen ein Beschleunigungsmanöver durchzuführen, ein
entspannter Fahrer würde in dieser Situation ein Bremsmanöver durchführen. Die abgebildete
Ausführungsfähigkeit „Regelung der Geschwindigkeit“ wird ebenso beeinflusst: Maximale
Gaspedalgeschwindigkeiten (
vmax
Gas
) und -beschleunigungen (
amax
Gas
) erhöhen sich bei Eile, bei
entspanntem Fahren werden diese verringert.
Mit Hilfe dieses Konzeptes können beliebige Motivationen bzw. Emotionen so implementiert
werden, dass die Wirkung auf das Fahrverhalten sowohl nachvollziehbar als auch ersichtlich und
– bei Vorhandensein entsprechender Daten – psychologisch valide ist. Möglichst heterogenes
Fahrverhalten, welches nachvollziehbar und menschähnlich sein soll, ist ohne die Einflussnahme
von Motivationen sowie Emotionen auf das Fahrverhalten kaum möglich.
203
5 Rahmenmodell für die Erzeugung parametrierbarer Fahrermodelle
5.7 Arbeitsgedächtnis
Ein weiterer Baustein, um menschliches (Fahr-)Verhalten realistisch beschreiben und somit
simulieren zu können besteht aus der menschlichen Fähigkeit zur Abstraktion, zur Vereinfachung
und Zusammenfassung bestimmter Wahrnehmungen zu einer einfachen und dem jeweiligen
Kontext angepassten Information. Die Ergebnisse eines solchen Prozesses sind Informationen,
ohne die eine Tätigkeit wie „Fahren“, nicht abgebildet werden kann. Die Mehrzahl der für das
Fahren notwendigen Informationen wird visuell aufgenommen und befindet sich in Fahrtrichtung
des Fahrzeugs. Wenn also der Blick des Fahrers auf die zukünftig zu befahrene Strecke gerichtet
ist, so sind die so aufgenommenen Informationen über Strecke und Fremdverkehr zumeist ausrei-
chend für die Fahrzeugführung. In komplexeren Situationen kommen jedoch weitere Faktoren
hinzu: So spielen Fahrzeuge neben und hinter dem eigenen Fahrzeug eine Rolle, weiterhin gelten
je nach Ort unterschiedliche „Spielregeln“ für die Fahraufgabe (Geschwindigkeitsbegrenzungen,
Vorfahrtsregelungen). Ein Speicher für solcherlei Informationen muss demnach vorhanden sein,
um einen situationsbewussten Fahrer modellieren zu können – die Alternativen wären entweder
ein allwissender Fahrer (alle Sensorinformationen sind immer gleichzeitig vorhanden – dies ist
aufgrund physikalischer Beschränkungen unrealistisch) oder ein Fahrer, der nur basierend auf
aktuell wahrnehmbaren Reizen agiert. Letzterer wäre jedoch ausschließlich für das Abfahren
von Strecken zu verwenden, eine komplexe Interaktion mit anderen Verkehrsteilnehmern wäre
auf diese Art und Weise nicht realisierbar.
Ego
vornvorn links vorn rechts
links rechts
hintenhinten links hinten rechts
Abbildung 5.11: 3x3-Matrix des zu beachtenden Fremdverkehrs
Ein Gedächtnismodul muss demnach derartige Informationen beinhalten, die für den Fahrer
momentan nicht wahrzunehmen sind, jedoch weiterhin eine gewisse Relevanz für die Fahrauf-
gabe besitzen. Dies sind vor allem Informationen über andere Verkehrsteilnehmer: Dies kann
in einer matrixartigen Darstellung abgespeichert bzw. vom Fahrer sprachlich definiert werden
204
5.7 Arbeitsgedächtnis
(vgl. Abbildung 5.11). Da sich der Fahrer im Allgemeinen auf einer durch Fahrspuren aufge-
teilten Straße bewegt, werden die anderen Verkehrsteilnehmer die sich in die gleiche Richtung
bewegen, ebenfalls anhand dieser Spuren kategorisiert. Dem vorausfahrenden Fahrzeug wird
hierbei die größte Bedeutung zugemessen: Es dient für bestimmte Fahrphasen (z.B. Folgefahrt)
als grundlegende Informationsquelle bzw. Bezugspunkt – aktuelle Informationen sind daher
sicherheitsrelevant und möglichst oft zu aktualisieren. In einigen Situationen kann auch ein
Fahrzeug, das sich ein oder mehrere Fahrzeuge vor dem vorausfahrenden Fahrzeug befindet,
relevant für das Fahrverhalten sein – z.B. bei sich stauendem Verkehr aufgrund eines langsamen
LKW oder vergleichbare Szenarien. Ähnliches gilt für Fahrzeuge mehrere Positionen hinter dem
eigenen Fahrzeug: Nähert sich ein LKW beispielsweise schnell einem Stauende, so stellt dies
eine genauso wichtige Information dar. Ebenfalls gibt es Situationen, in denen Fahrzeuge, die
sich auf der übernächsten Spur befinden, wichtig für die Manöverplanung sind: Falls ein Spur-
wechsel beabsichtigt wird, so muss abgesichert werden, dass nicht ein weiteres Fahrzeug einen
Spurwechsel auf die eigene Zielspur vollziehen möchte. Fahrzeuge neben dem eigenen Fahrzeug
sind erst von Interesse, wenn ein Spurwechsel beabsichtigt wird, Informationen über Fahrzeuge
in den Positionen schräg vor dem eigenen Fahrzeug werden vor allem bei Überholmanövern be-
nötigt (vor allem die Position vorn links). Die sich schräg hinter dem Ego-Fahrzeug befindenden
Positionen (vor allem auf der linken Seite) werden benötigt, um sich schnell nähernde Fahrzeuge
zu erkennen, die zu einem Konflikt bei einem Überholvorgang führen können.
Für viele Fahrsituationen genügen die Informationen über Fahrzeuge an den erwähnten Po-
sitionen. Je nach Fahrermodell kann es ausreichen, ausschließlich die Information über die
Belegung der entsprechenden Position zu verwenden, mit zunehmender Dynamik gewinnen wei-
tere Informationen wie Abstand, Geschwindigkeit, Beschleunigung und Typ des entsprechenden
Objekts an Bedeutung. Je nach Komplexität der Blickmodellierung kann so mit dem Wissen
über nicht vorhandene Informationen eine Kopf-/Blickbewegung ausgelöst werden, um an die
entsprechende Information zu gelangen. Eine wichtige Eigenschaft einer jeden Information im
so modellierten „Arbeitsgedächtnis“ ist die Verbleibensdauer. So kann die Information über ein
sich neben dem Ego-Fahrzeug befindenden Fahrzeug während des Wartens vor einer Ampel als
so lange gültig angesehen werden, bis die Fahrt fortgesetzt wird – während einer Autobahnfahrt
ist eine solche Information nur von vergleichsweise kurzer Gültigkeit, da sich der dynamische
Zustand der Verkehrsteilnehmer innerhalb weniger Sekunden ändern kann. Im Gegensatz dazu
sind Verkehrsregeln jeweils so lange gültig, bis diese durch andere Verkehrsregeln aufgehoben
bzw. geändert werden (nach der Wahrnehmung einer Geschwindigkeitsbegrenzung ist die In-
formation über diese so lange im Arbeitsgedächtnis zu speichern, bis diese durch ein weiteres
Verkehrszeichen entweder komplett aufgehoben oder geändert wird). In Tabelle 5.1 sind bisher
implementierte Informationen sowie ihre Gültigkeit zusammengefasst.
205
5 Rahmenmodell für die Erzeugung parametrierbarer Fahrermodelle
Information Gültigkeit Überprüfung Wahr-
nehmung
Verkehrsregeln:
aktuelle
Geschwindigkeits-
begrenzung
bis durch anderes Verkehrszei-
chen aufgehoben oder Gültig-
keitsbereich verlassen
einmalig bewusst
Vorfahrtsregeln bis Kreuzung überfahren einmalig
unbewusst
Straßeninformationen:
Anzahl der
Fahrspuren
bis Änderung wahrgenommen permanent
unbewusst
Kurvenradius in
Vorausschau
bis Kurve durchfahren permanent
unbewusst
Information ob
andere Spur frei ist
mehrere Sekunden mehrmals vor
Manöver
bewusst
Information ob
eigene Spur frei
bis Änderung wahrgenommen permanent
unbewusst
eigene Position bis Änderung wahrgenommen permanent
unbewusst
Informationen über
andere Verkehrsteil-
nehmer:
Fzg. vor Ego bis Änderung wahrgenommen permanent
unbewusst
Fzg. links oder
rechts neben Ego
bis zum nächsten Blick einmalig bewusst
Fzg. hinter Ego bis zum nächsten Blick mehrmals vor
Manöver
bewusst
Fzg. vorn links bis Änderung wahrgenommen permanent
unbewusst
Fzg. vorn rechts bis Änderung wahrgenommen permanent
unbewusst
Fzg. hinten links bis zum nächsten Blick bzw.
Manöverende
mehrmals vor
Manöver
bewusst
Fzg. hinten rechts bis zum nächsten Blick bzw.
Manöverende
mehrmals vor
Manöver
bewusst
Tabelle 5.1: Informationen im Arbeitsgedächtnis des Fahrermodells und ihre Gültigkeiten
206
5.8 Fahrertypen
5.8 Fahrertypen
Für die Simulation ist die Verwendung von unterschiedlich parametrierten Fahrermodellen
wünschenswert. Mit Hilfe des vorgestellten Ansatzes lassen sich einzelne Fahrer durch Fähig-
keitsparameter so konfigurieren, dass ein gewünschtes Fahrverhalten abgebildet werden kann.
Eine Parametrierung alleinig über Fähigkeitsparameter ist zwar möglich, erscheint jedoch als
wenig intuitiv. Des Weiteren beeinflussen externe und interne Zustände, sowie Performanzpara-
meter das modellierte Fahrverhalten. Externe Zustände bezeichnen hierbei fahrertypunabhängige
äußere Gegebenheiten und können daher nicht als Parameter für bestimme Fahrertypen herhalten.
Interne Zustände modellieren vor allem menschliche Emotionen und Motivationen. Auch diese
sind als universell anzusehen und kommen daher ebenfalls nicht in Betracht. Performanzparame-
ter hingegen wirken in der Regel auf mehrere Fähigkeitsparameter und verschlanken dadurch den
Parameterraum für die Einstellung des Verhaltens. Für eine Fahrermodellspezies – welche durch
ein bestimmtes Set von Fähigkeiten definiert werden kann – repräsentiert eine Konfiguration
der Performanzparameter ein Fahrermodellindividuum. Auf diese Weise sind unterschiedliche
Fahrertypen für das Modellverhalten realisierbar. Ein Fahrertyp bezeichnet dementsprechend ei-
ne Umgebung im Koordinatensystem der Performanzparameter und eine entsprechende Auswahl
von Fähigkeitsmodulen. Ein Fahrertyp kann somit als n-dimensionale Punktwolke im Koordina-
tensystem der
n
Performanzparameter interpretiert werden. Die Zugehörigkeit eines Fahrers zu
einem bestimmten Fahrertyp kann durch den Abstand des den Fahrer repräsentierenden n-Tupels
zum Mittelpunkt der Fahrertypen-Punktwolke ermittelt werden (vgl. Abbildung 5.12). Die so
definierten Fahrertypen sind zunächst nur abstrakt über ihre Parameterkonstellation beschrieben.
Für den praktischen Einsatz können die Typen mit einem Label wie „erfahrener Fahrer“, „junger
aggressiver Fahrer“ belegt werden bzw. können Parametersätze entsprechend der gewünschten
Charakterisierung zusammengestellt werden.
5.9 Validierung des Rahmenmodells
Für die Validierung des Rahmenmodells können Argumente ähnlich zu denen in Abschnitt 4.2
beschriebenen angeführt werden. Wie schon Salvucci in [
Sal06
] formulierte, kann, da es keine
einzelne Methode oder Maßnahme gibt, die ausreichend ist, um menschliches Fahrverhalten zu
verstehen, dementsprechend auch kein solches Validierungsmaß existieren. Es können zumeist
nur einzelne Subsysteme in bestimmten Szenarien validiert werden. Jedoch kann aus erfolgreich
validierten Submodellen nicht abgeleitet werden, dass das Gesamtmodell ebenfalls als „validiert“
zu betrachten ist.
Zum Einen kann in diesem Fall das Modell als solches keine Validierung erfahren, da es
sich um ein Rahmenmodell handelt. Dementsprechend können nur spezielle Konfigurationen
bzw. Parametrierungen des Modells einer Validierung unterzogen werden. Wichtiger in diesem
Kontext wäre eine Überprüfung der verwendeten Modellparameter: Einzelne könnten im Rahmen
207
5 Rahmenmodell für die Erzeugung parametrierbarer Fahrermodelle
PA
PB
P
C
Fahrertyp T1
Fahrertyp T2
Abbildung 5.12:
Beispiel für den Raum der Performanzparametern für
N=3
. Eine Kugel de-
finiert einen Fahrertypenraum, ein schwarzer Punkt dessen Mittelpunkt (bzw.
den „typischen“ Fahrer eines Fahrertyps). Kleine rote Punkte stehen für einen
bestimmten Fahrer innerhalb dieses Raums.
psychologischer Untersuchungen validiert werden – wobei auch hier letztendlich maximal
festgestellt werden kann, dass die entsprechende Parametrierung „nicht unrealistisch“ erscheint.
Auf eine wie auch immer geartete „Korrektheit“ kann auch auf diese Art und Weise nicht getestet
werden. Das Verhalten, das mittels der Module des Rahmenmodells generiert wird, hängt sowohl
von einzelnen modellierten Abhängigkeiten innerhalb des Modells als auch und vorrangig von
dessen Parametrierung ab. Dementsprechend kann mit Sicherheit gesagt werden, dass mittels
dieses Modellierungsansatzes eine schier unüberschaubare Menge an Verhaltensvariationen
abgebildet werden kann, von denen die meisten als „nicht menschähnlich“ bezeichnet werden
können. Es gilt also, die Parameter so zu setzen, dass ein als „menschähnlich“ zu bezeichnendes
Fahrverhalten erzeugt wird. Diese Entscheidung ist kaum zu objektivieren und hängt somit stark
von den subjektiven Vorstellungen des Modellierers bzw. Nutzers ab.
Eine fiktive Validierungsstudie für eine Modellkonfiguration muss daher dynamische Abhängig-
keiten zwischen Parametern unberücksichtigt lassen und kann nur validieren, ob die verwendete
Konfiguration ein zu bestimmendes Ähnlichkeitsmaß zu Daten eines bestimmten Fahrers auf-
weist. Selbst eine Ähnlichkeit von beispielsweise Lenkwinkeldaten bedeutet im Umkehrschluss
nicht, dass die motivationalen und emotionalen Abhängigkeiten korrekt umgesetzt sind – die
Übereinstimmung kann durchaus zufällig zustande gekommen sein. Wenn man dies außer Acht
ließe, bestünde eine solche Validierungssituation aus einem Parametersatz, einer Menge von
208
5.10 Zusammenfassung & Ausblick
verwendeten Modulen, einem klar definierten Umgebungsszenario und einem Datensatz einer
Person aus einer identischen Situation als „Eichmaß“. Bei Miteinbeziehung der motivationalen
und emotionalen Komponenten ergäben sich schon aufgrund der sowohl inter- als auch intraindi-
viduellen Unterschiede nicht auflösbare Probleme, die eine zufriedenstellende Validierung nicht
zuließen.
Weiterhin ist fraglich, inwiefern die Möglichkeit besteht, valide Vergleichsdaten über die erwähn-
ten psychologischen Konstrukte zu erhalten. Zum einen lassen sich Daten über subbewusste
psychologische Zustände kaum erheben, des Weiteren ist die Formalisierung der ebenfalls teil-
weise subbewusst vorhandenen Einflüsse auf das Fahrerhalten schwierig. Abschließend kann
gesagt werden, dass eine Validierung im klassischen Sinne für das vorgestellte Rahmenmodell,
dessen Konfigurationen jeweils hybride Fahrermodelle sind, die sowohl aus psychologischen als
auch ingenieurwissenschaftlich modellierten Komponenten bestehen, nicht bzw. nur für singuläre
Situationen durchgeführt werden kann.
5.10 Zusammenfassung & Ausblick
Ein aus dem Rahmenmodell abgeleitetes Fahrermodell besteht aus einer Anzahl von in Modulen
implementierten Fähigkeiten, sowie aus Parametern, (interne sowie externe Zustände und Perfor-
manzparameter), die zusammen als Fähigkeitsparameter das Verhalten des Modells beeinflussen
können. Eingangsgrößen in das Fahrermodell sind Informationen aus Umwelt und Fahrzeug,
die als Signale aus der Simulationsumgebung empfangen werden. Dazu gehören neben den für
die reine Fahrtätigkeit notwendigen reellwertigen Informationen wie momentane Querabwei-
chung, Krümmung der Straße in Höhe des Schwerpunkts oder Abstand zum Vorderfahrzeug
auch diskrete Informationen, wie der Zustand der Lichtsignalanlage an der nächsten Kreuzung
oder momentan gültige Geschwindigkeitsbeschränkungen. Die Handlungen des Fahrermodells,
(der Modell-Output) sind Veränderungen der Stellgrößen bzw. Benutzerschnittstellen des Fahr-
zeugs. Dies können Lenkbewegungen, Betätigung der Bremse bzw. des Gaspedals, aber auch
Handhabung des Blinkers, des Radio-Lautstärkereglers oder eines Fahrerassistenzsystems sein.
Abbildung 5.1 zeigt die Grundstruktur des Rahmenmodells.
Die bisher beschriebene theoretische Struktur eines Rahmenmodells für Fahrermodelle wurde
bereits erfolgreich – wenn auch in nicht in allen Hauptmodulen in hochkomplexer Form –
implementiert und in einer echtzeitfähigen Simulatorumgebung eingesetzt. Informationen, wie
beispielsweise die Anzahl der Fahrspuren, deren Breite, sowie vorhandene Beschilderung und
Lichtsignale können aus der Straßenrepräsentation
3
erhalten werden. Unterschiedliche aus dem
Rahmenmodell generierte Fahrermodelle wurden bisher sowohl in Autobahnumgebungen, als
auch in Landstraßen- und Innenstadtszenarien verwendet.
3Eine Schnittstelle zum OpenDrive-Format ist vorhanden.
209
5 Rahmenmodell für die Erzeugung parametrierbarer Fahrermodelle
Mit dem Rahmenmodell für menschähnliche Fahrermodelle ist eine Struktur geschaffen worden,
die die Entwicklung von sehr unterschiedlichen Fahrermodellen ermöglicht. Eine Besonderheit
ist der Fokus auf möglichst hohe Menschähnlichkeit der Modelle. Dies wird gewährleistet,
da die einzelnen Module auf beobachtbaren und teilweise bereits modellierten menschlichen
Verhaltensweisen basieren. Mittels des Rahmenmodells realisierte Fahrermodelle sind daher vor
allem für die Entwicklung und Erprobung von Fahrerassistenzsystemen geeignet. Ebenfalls sind
diese für den Einsatz als intelligente Fahrer in einer Simulatorumgebung prädestiniert.
Zukünftige Modellierungsarbeiten betreffen vor allem die Entwicklung und Implementierung
weiterer spezifischer Module: Im Wahrnehmungsmodul kann eine komplexere Kopf- bzw. Blicks-
teuerung umgesetzt werden. Das Modul für die Situationserkennung kann um ein umfassendes
Arbeitsgedächtnismodell ergänzt werden. Im Entscheidungsmodul kann das im Kapitel 4 vorge-
stellte Modell implementiert werden. Weitere Fahrregler für spezifische Fahrverhalten können im
Ausführungsmodul realisiert werden. Weiterhin können Laboruntersuchungen zur Generierung
von Parametern zur Validierung einzelner Module durchgeführt werden.
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