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[en] (orig)
Veränderte Bildungsanforderungen im Zusammenhang
technologischer und ökologischer Umwälzungen in
Südkorea
vorgelegt von Hee-Man Lee
aus Seoul Korea
Von der Fakultät I Geisteswissenschaften der
Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Philosophie
- Dr. –Phil.-
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzende: Prof. Dr. Astrid Albrecht-Heide
Berichterin: Prof. Dr. Helga Thomas
Berichter: Prof. Dr. Werner Siebel
Tag der Wissenschaftlichen Aussprache 18. Januar 2002
Berlin 2002
D 83
1
Danksagung
An erster Stelle danke ich Frau Prof. Dr. Helga Thomas für die Hilfe des
Arbeitskonzeptes, für ihre Unterstützung und ihr Interesse am Fortgang der Arbeit.
Herr Prof. Dr. Werner Siebel hat dankenswerter Weise das Korreferat übernommen
und mit vielen wertvollen Hinweisen und hilfreichen Gesprächen die Arbeit begleitet.
Beide standen mir mit Rat, Kritik und ihrer Diskussionsbereitschaft immer zur Seite.
Mein Dank gilt auch Dr. Anne Hofmann für ihre kritische Durchsicht und Anregungen
von Texten. Weiterhin danke ich Christine von Campenhausen, Gabriele Trilhof,
Thomas Carstensen. Nicht zuletzt möchte ich mich herzlich bei meinem Sohn Ja-
Hoon und meiner Frau bedanken, der sich bei der Entstehung der Arbeit mit Geduld
und Verständnis gezeigt hat.
2
Abstract
Umweltbildung spielte in Korea eine untergeordnete Rolle, gehörte jedenfalls nicht
zu den Themen, mit denen sich die Gesellschaft progressiv und aktiv vorantreiben
konnte. Hauptanliegen der Umweltbildung sind hauptsächlich Verstehen,
problemlösendes Denken und ein Bewußtmachen im Hinblick auf die
Umweltproblematik. Bei der Betrachtung ökologischen Bewußtseins und Verhaltens
muß man berücksichtigen, daß sich die Ebenen symbolischer Bedeutungen,
normativer Geltungen und sozialstruktureller Gruppenzugehörigkeiten
unterschiedlich ändern. Gesellschaftliche Neuerungsdynamik tritt ununterbrochen im
Konflikt und deren Reflexion hinsichtlich ökologischer Fragen in besonderem Maße
zutage. Dies ist auch auf die Veränderungen traditioneller Naturanschauungen
zurückzuführen.
Der Rückblick auf dem Prozeß der Naturzerstörung stößt nach 1960 auf mehrere
Brüche, die bis heute fortwirken. Dafür sind Beispiele zu nennen; die
atemberaubenden wirtschaftlichen Entwicklungsprozesse, die Entwicklung des
technischen Fortschrittes und die Auflösung des Harmonisierungsverhältnisse von
Mensch und Natur sowie der Umstand, die Natur nicht als neutrales Objekt, sondern
als ökonomische Gegenstände zu begreifen. Es erscheint daher sinnvoll, daß man
diese Problematik in verschiedenen religiösen Kontexten verfolgt. Zwar sind ihre
Betrachtungsweisen gegenüber der Natur eigentümlich, stellen aber eine wichtige
Grundlage in bezug auf die ökologische Frage dar. Hierbei ist zu beachten, daß sich
die traditionellen Naturanschauungen von ihren einheitlichen Richtungen z.B.
Harmonie und Ehrfurcht mehr oder weniger verabschieden, um den kritischen Blick
auf das Verhältnis von Mensch und Natur zu richten. Diese theoretischen und
praktischen Betrachtungen müssen objektiv sein, weil die sich aus dem religiösen
Kontext ergebenden Ideen und Gedanken ständig in der Erziehung und dem
gesellschaftlichen Wertesystem beeinflußt worden sind.
Die Frage ist vor allem, aus welchen Gründen sich die Umweltsituation
verschlechtert, obwohl die Harmonierungsprozesse ausdrücklich hervorgehoben
werden, und wie sie sich in der umweltpädagogischen Aufklärung widerspiegeln.
Dabei sind die Erziehung und Bildung oder Schule von besonderer Bedeutung, um
innovative Anstöße zur Einsicht und Bereitschaft zu geben. Dies ist ein wichtiger
Erziehungsprozeß zum Erwerb sogenannter Schlüsselqualifikationen, der ohne
Zweifel eine wichtige Rolle bei der Vertiefung gesellschaftlicher Zusammenhänge
3
spielt, wodurch der Primat der verschiedenen Kompetenzen vor allem für die Schule
gewährleistet sein sollte.
Es gibt aber institutionelle, organisatorische und strukturelle Defizite an
Umweltbildung in der Schule. Insbesondere liegt die wesentliche Ursache der
Rückständigkeit in der Umweltbildung in fehlenden Anreizen, Motivationsschüben
und mangelndem Interesse am Umweltunterricht der Schüler und Lehrer usf.. Zur
Verbesserung der umweltpädagogischen Rückständigkeit ist es unumgänglich, daß
verscheidende Methoden und Konzepte entwickelt werden müssen. Zwar findet der
Umweltunterricht in der Schule statt, aber hauptsächlich kommt lediglich dem
Umweltwissen eine höhere Priorität zu.
Didaktische Konzepte und Methoden sind dabei von entscheidender Bedeutung und
sollten je nach Schulstufe oder Altersstufe unterschiedlich sein, um effektiv
pädagogische Zielsetzung erreichen zu können. Demgemäß sollten
umweltpädagogische Themen, Inhalte und Gegenstände den Kriterien
„Situationsorientierung, Handlungsorientierung und Problemorientierung
entsprechen. In diesem Zusammenhang bieten Projektunterricht, Gruppenarbeit,
Erkundungsaufträge und experimentelles Arbeiten als unverzichtbarer Gegenstand
vielfältige Möglichkeiten, den ganzheitlichen Lernanregungen und als Lernhilfe von
Schülern zu dienen.
Um diese Bedingungen zu erfüllen, müssen pädagogische Mittel bei der
Durchführung eines sinnvollen Lernprozesses verbessert werden, denn es gibt einen
Mangel an produktiven Ausgestaltungen im Unterrichtsprozeß. In diesem Sinne
gewinnen die technischen Medien an Bedeutung, womit die entsprechenden
Bildungsmittel unverzichtbar werden. Die Voraussetzung dafür ist, daß
mediengestützte Präsentationsformen didaktisch sorgfältig geprüft werden müssen,
um möglichst die Wirkung in pädagogischen Feldern zu verwirklichen.
Die ökologischen Probleme drängen auf eine gesellschaftliche Lösung und fordern
auch die Bildung oder Erziehung zu einem Beitrag heraus. Die komplexen
Herausforderungen über Umweltprobleme sind daher durch eine lebenslange und
aktiv partizipationsorientierten Erziehung zu vermitteln. In diesem sinne fällt der
Schule die zentrale Rolle zu, nicht nur das Wissen zu ordnen und sondern auch
unmittelbare Erfahrung zueinander zu setzen, wobei insbesondere aktive
4
Partizipation, Bereitschaft und eigenverantwortliches Handeln für die Schärfung des
umweltorientierten Handeln und Bewußtsein eine wichtige Strategie sind.
5
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung und Problemstellung 7
1. Veränderte Rahmenbedingungen des Umweltbewußtseins in Korea 14
1.1 Grundzüge der Umweltpolitik und Ökologiebewegung in Korea 17
Anfangsphase 18
Dynamisierungsprozeß 27
Aktivitätsphase 32
1.2 Grundlagen der Orientierung des Umweltbewußtseins in der
Bildungsarbeit 44
1.2.1 Das Umweltbewußtsein als Motor der gesellschaftlichen Dynamik und
seine Fortschritte in Korea? 44
1.2.2 Defizite der derzeitigen Umweltbewußtseinsforschung in Verbindung mit
der Umwelterziehung 54
1.2.3 Pädagogische Folgerungen aus dem Umweltbewußtsein 65
2. Kulturelle Ansätze im Kontext der ökologischen Fragen 77
2.1 Die Frage des gesellschaftlichen Wertewandels 77
2.2 ’Freiwillige’ Anpassung oder ´zwangsläufiger´ Widerstand in Richtung
der westlichen Werte und Normen. 84
2.3 Suche nach ökologisch orientiertem Sinneswandel in der traditionell
eigentümlichen Lebensgestaltung im Hinblick auf
Ökologisierungsprozesse 98
3. Gestaltungsprozesse für traditionelle Naturanschauungen aus dem
religiösen Hintergrund 106
3.1 Die Bedeutung der traditionellen Naturanschauungen in der
Lebensgestaltung 106
6
3.2 Einfluß auf veränderte traditionelle Naturanschauungen hinsichtlich
ökologischer Fragen 113
3.3 Kritische Betrachtungen der ökologischen Frage im Rahmen des
Naturverständnisses in den jeweiligen Religionen. 122
Buddhismus 122
Konfuzianismus 130
Taoismus 143
Pungsoo 152
4. Akzeptanz oder Integration ökologischer Fragestellungen in der Pädagogik 162
4.1 Pädagogische Betrachtung auf der Basis traditioneller
Naturanschauungen 162
4.2 Rückständigkeiten in der umweltpädagogischen Aufklärung 173
4.3 Verarbeitung durch die Inhaltsanalyse didaktischer Konzepte 182
4.4 Für Verbesserung durch pädagogische Mittel bei der Durchführung
eines sinnvollen Prozesses 195
5. Zusammenfassende Übersicht über die Aufgabenfelder der Pädagogik bei
ökologisch orientierten Denkstrukturen 200
Literatur 205
7
0. Einleitung und Problemstellung
Die weltweit rezipierte Veröffentlichung zur vielfältigen Verflechtung ökologischer
Krisenphänomene des Club of Rome über „die Grenzen des Wachstums“
diagnostizierte eine bedrückende Zukunft der Menschheit und Erde durch die
Umwelt- und Wachstumsrisiken (Meadows et al. 1972). Erst allmählich setzte sich
die Einsicht durch, daß dank seiner Beiträge zur Prognose für globale ökologische
Situationen mehr öffentliche Achtung auf immer drängender werdende
ökologische Sorgen auch in Korea erforderlich war.
Die spürbaren ökologischen Belastungen, die in bedenklichem Maße die
fundamentalen Risikofaktoren der Folgen des entfesselten technischen
Fortschritts und ein vordringliches praktisches Problem in der Gesellschaft
darstellen, sind schon heute einschneidend geworden. Daraufhin ist auf
gesamtgesellschaftlicher Ebene unaufhaltsam eine breit gelagerte öffentliche
Diskussion über die bedrängenden Probleme einer ökologischen Krise im
komplexen Zusammenhang mit der raschen Bevölkerungsexplosion, der
ausufernden Industrialisierung, den immer komplexeren Auswirkungen auf den
exponentiell wachsenden technischen Fortschritt sowie den wirtschaftspolitischen
Wachstumsmechanismen entfacht worden, was wiederum allerdings selbst eine
anspruchsvolle Aufgabe für die Menschheit darstellt (Hauff 1987; van Dieren
1995; BUND/Misereor 1996).
Die Aktualität der Umweltproblematik äußerte sich in den letzten Jahren in der
Ökologiebewegung Koreas, die sich mit ihrem Kampf für die
Umweltverschmutzung wirklich Gehör verschaffen konnte (Lee, S.-J. 1992a; Ku,
D.-W. 1996; Kim, B.-W. 1994). In dem Maße, wie dank ökologischer Probleme in
Korea eine existentielle Gefahr der menschlichen Lebensgrundlage entsteht,
gewinnt die Ökologiebewegung wachsenden Einfluß auf die politisch-ökologischen
Entscheidungsprozesse und im selben Maße wirkt sie durch ihre praktischen
Anforderungen an der Umweltbildung mit (Beyersdorf/Michelsen/Siebert 1998).
Offensichtlich hat sie also in den Umweltbereichen mehr oder weniger an Boden
gewonnen. Dies mag eine Ursache für das erhöhte Umweltbewußtsein sein, das
primär als praktische Handlungsform zur Verminderung der Umweltprobleme
angesehen wird.
8
Im ersten Kapitel sollen nun Ökologiebewegung und deren wesentliche
Unterschiede zwischen Anfangsphase, Dynamisierungsprozeß und
Aktivitätsphase für eine vergleichende Analyse der Umweltpolitik umrissen
werden. Die Ökologiebewegung richtet sich auf die umweltpolitische Kontrolle und
Lenkung von Impulsen und den Wandel des Umweltbewußtseins, wodurch sich
eine neue gesellschaftliche Verantwortung herausbildet. Der abschließende
Abschnitt erläutert schließlich eine Betrachtung des Umweltbewußtseins, die in
den folgenden Kapiteln in verschiedenen Aspekten weiter ausgebaut wird.
Das mittlerweile erwachte Interesse der Umwelt geht einher mit einem
geschärften Bewußtsein gegenüber der Zerstörung bzw. Belastung der
natürlichen Umwelt in der Öffentlichkeit. Dank der bemerkenswerten Fortschritte
der Ökologiebewegung konnten durch die in Korea stattfindenden öffentlichen
Debatten über umweltorientierte Informationen und Aufklärung, Einsichten und
Verhaltensweisen angeregt werden, welche die aus der fortdauernden
Umweltgefährdung resultierenden katastrophalen Folgen mit öffentlichen
Lerneffekten zu verbinden ist. Dennoch ist das Umweltbewußtsein ein schwacher
Begriff für den „Paradigmenwechsel“ im Sinne von Thomas Kuhn, der zur Zeit die
öffentliche Gesellschaft in Korea erteilt. Unter dieser Voraussetzung kann die
Aufforderung, die Diskussion um eine nachhaltige Entwicklung in der Gesellschaft
zu versachlichen, auch produktive und kreative Funktionen erfüllen, indem
möglichst von den steigenden ökologischen Gefahren abgelenkt wird.
Ungeachtet der theoretisch unterschiedlich fundierten Herangehensweisen und
Kriterien des Gegenstandsbereiches knüpft das Umweltbewußtsein an konkrete
Bedürfnisse und Wünsche nach bestimmten Formen der persönlichen
Wahrnehmung, an Werteorientierung und an die Handlungsabsichten jedes
einzelnen in unterschiedlichen Lebensbereichen im Hinblick auf die Beziehungen
zu seiner natürlichen, sozialen und gebauten Umwelt und steht in einem sozialen
und gesellschaftlichen Kontext mit verschiedenen Rahmenbedingungen, die vor
allem die Wirksamkeit und Durchsetzung umweltbezogener steuerbarer Prozesse
explizit betreffen (Bolscho/Seybold 1996; de Haan/Kuckartz 1996).
Bei der Durchsicht von wissenschaftlichen Belegen zum Umweltbewußtsein gibt
es ein zu beobachtendes Phänomen, daß schlechterdings eine beträchtliche
Diskrepanz zwischen den tatsächlichen umweltverträglichen Veränderungen und
9
der subjektiven Wahrnehmung bzw. der starken Besorgnis über eine erhebliche
Verschlechterung der Umweltqualität in der Bevölkerung vorhanden ist (Bae, K.-H.
1991; Yang, J.-H. 1992; Kim, D.-S. 1995). Der problembezogene ökologische
Sachverhalt wird durch eine Annäherung an einem geeigneten theoriebezogenen
und anwendungsorientierten Verfahren wirksamer betrieben, um so den
eklatanten Mangel an Erklärungen zu beheben (Kim, D.-S. 1995).
Es ist unumgänglich, die enge, übergreifende Zusammenarbeit der Wissenschaft
zu verbessern und die Verbindung zwischen den Wissenschaftsbereichen
auszubauen. Darüber hinaus muß überlegt werden, welche verstärkende
Relevanz Erziehung zu kritischen Problemstellungen in Fragen der Umwelt
erhalten muß und wie Umweltthemen in die Lehrpläne aller Klassenstufen
einzubeziehen sind, wobei aber grundsätzlich ein sachhaltiger Zugang zu
umweltorientierter Bildung ermöglicht werden muß. Die Rolle der Umweltbildung in
den Lehrplänen von Schulen ist daher von fundamentaler Bedeutung, sowohl um
die Diskussion um selbstbewußte Zukunftsorientierung anzukurbeln, als auch um
die Zugkraft der Nachhaltigkeitsbemühungen weiter in Schwung zu halten (Kim,
D.-H. 1997).
Für die tiefgründigeren und weitsichtigeren Verständnisse ist diese Sichtweise
ausgesprochen bedeutsam, welche sich durch unterschiedliche Interessen, Rollen
und Traditionen ergibt und welche auf die dem Verhalten zugrunde liegenden
Werte und Normen in bezug auf die ökologische Frage zukommt. Bei der
Betrachtung ökologischer Dynamik wird man beachten müssen, daß sich die
Ebenen symbolischer Bedeutungen, normativer Geltungen und sozialstruktureller
Gruppenzugehörigkeiten unterschiedlich ändern. Es wird ohne Zweifel
hervorgehoben, daß neben politisch-institutionellen und gesellschaftlichen
Faktoren vor allem kulturelle Elemente verschiedene Kohärenz und Identität
verleihen.
Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels stehen die Änderungen in der
gesellschaftlichen und technologisch-ökonomischen Ordnung als wichtiger Faktor
des Wertewandels. Die Frage ist, welche Konsequenzen die Gesellschaft für die
ökologische Gestaltung hinsichtlich des Wertewandels mit sich bringen. Das
Wichtigste dabei ist, daß der gesellschaftliche Wertewandel im Wesentlichen
einen unumgänglichen Prozeß darstellt, der in Korea durch freiwillige Anpassung
10
einerseits und zwangsläufigen Widerstand im Hinblick auf westliche Werte und
Normen andererseits gekennzeichnet ist.
Der Versuch, wesentlich ausgeprägte gesellschaftliche Sensibilitäten für die
konkreten Besonderheiten der ökologischen Fragen innerhalb des kulturellen
Wertekonstrukts kritisch zu reflektieren, ist im Rahmen der Umweltbildung
unverzichtbar, denn von vornherein scheinen die traditionellen Werte ihren
normierenden Charakter für die Lebensgestaltung in Korea zugunsten einer
Pluralisierung von Wertorientierungen immer mehr zu verlieren (Kim, T.-K 1991).
Dies wird dort am deutlichsten, wo rationale und zweckmäßige Verhaltensmuster
für kritische Umweltprobleme gefragt sind.
Angesichts der sich verschärfenden ökologischen Krise der Gegenwart werden im
wachsenden Maße die orientalischen Naturanschauungen auf durchaus
umfassende Weise erneut aktuell. In jüngerer Zeit hat man in Korea mit
fortschreitender Industrialisierung und der mit Ökonomisierung einhergehenden
Umweltzerstörung in unterschiedlichen kulturellen Gesichtspunkten neue große
Aufmerksamkeit geschenkt (Koreanisches Buddhistisches Institut für
Umweltbildung 1996). Allerdings zeigt sich bei näherer Betrachtung, daß diese
neue Auseinandersetzung im Wesentlichen von ökologischen Fragen getragen ist.
Es erscheint offenbar außerordentlich wichtig, den Blick traditioneller
Naturanschauungen in den jeweiligen Religionen auf ökologische
Zusammenhänge zu berücksichtigen.
Die Entwicklung des technischen Fortschrittes, dem wir heute im großen und
ganzen unseren hohen Lebensstand verdanken, ist mit unkalkulierbaren
Nebenwirkungen und Folgeproblemen verbunden (Beck/Bonß 2001). Die
Komplexität ökologischer Fragen erfordert zudem die Auseinandersetzung mit der
technischen Entwicklung und ihrer fortschreitenden Rationalisierung, wie sie
moderne Gesellschaften kennzeichnen. Um dies zu klären, ist gerade die kritische
Einbeziehung der traditionellen Naturanschauungen vonnöten, die wahrscheinlich
durch technologisch-ökonomische Änderungen wesentlich geprägt sein werden.
„Je nach Zeitströmung, sozialem und kulturellem Hintergrund wird Natur
unterschiedlich gesehen“ (Diekmann/Preisendörfer 2001: 50). Auf der Grundlage
der traditionellen Naturanschauungen als symbolische Dimension von
11
gesellschaftlichen Strukturen sollen Gedanken dazu entwickelt werden, worin die
kulturspezifische Wirksamkeit von Natur in bezug auf die ökologischen Fragen
liegen kann. Wenn man sachgerecht diskutieren will, so gehört es zu den
Aufgaben der Umweltbildung, zu klären, mit welchen Zielsetzungen Umweltfragen
und Umweltprobleme in den verschiedenen Bildungsbereichen thematisiert und
zum Gegenstand eines gezielten pädagogischen Unternehmens gemacht werden
sollen. Darum ist eine Analyse des einschneidenden ökologischen Wandels in der
Gegenwart ohne ausreichende Berücksichtigung der traditionellen
Naturanschauungen allerdings nicht mehr sinnvoll. Hierbei muß man sich in erster
Linie mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur auseinandersetzen.
Das dritte Kapitel liefert eine Bestandsaufnahme zur kulturell-gesellschaftlichen
und geschichtlichen Bedeutung traditioneller Naturanschauungen, wobei die
einschneidenden Veränderungen im Verlauf der Zeit im Hinblick auf Bedeutungen
und Wertungen dargestellt werden. Naturanschauungen sind den Maßregeln
eines verbindlichen gesellschaftlichen und religiösen Systems unterworfen (Lee,
E.-B. 1991). Ohne eine Kenntnis der Besonderheiten des Konfuzianismus,
Buddhismus und Taoismus sowie Pungsoo in Korea sind die verschiedenen
kulturellen Strömungen der Gegenwart nicht verständlich. Um sich nicht nur mit
reinen ökologischen Fragen zu beschäftigen, müßte auch eine
Auseinandersetzung mit den Traditionen als basalen Lebensformen stattfinden,
so daß auch die jeweilige Erziehung ins Blickfeld rückt. Es stellt sich die Frage,
welche Bedeutung die ökologische Frage überhaupt in den jeweiligen Religionen
hat und wie diese Problematik in der Gesellschaft reflektiert wird. Bezüglich dieser
theoretischen Erklärungsmuster kann die jeweils einzelne Religion kritisch
behandelt werden.
Im Laufe der Zeit findet die Umweltproblematik auch innerhalb der Pädagogik
mehr und mehr Gehör. Es ist aber bisher nicht ausreichend gelungen, die
Öffentlichkeit für die Bedeutung der Umweltbildung zu sensibilisieren. Im vierten
Kapitel ergeben sich daher Überlegungen aus der traditionellen Naturvorstellung,
welche Bedeutung eine auch in Zukunft tragfähige Förderung einer
handlungsrelevanten, umweltbewußten Orientierung unter anderem an den
veränderten Lebensbedingungen hat und wie man dabei zusätzlich pädagogisch
sinnvolle Anregungen bekommen kann. Es sind dabei nicht zuletzt
12
Sensibilisierungsprozesse für ökologische Zusammenhänge, die praktische
Anforderungen in pädagogischen Aufgabenfeldern zur Folge haben.
Es wird nun in Anbetracht der komplexeren Bewältigung der ökologischen Frage
um die implizierte Problemperspektive aus pädagogischer Sicht deutlich, daß
heute schon ein spürbarer Mangel an inhaltlich-methodischer Konzeption und an
klaren Willensbildungsstrukturen zur Umweltbildung in Korea zu verzeichnen ist.
Es handelt sich vor allem darum, wie man die gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen verbessern soll, um eine zielgerichtete und sinnvolle
Bewegungskraft der Umweltbildung langfristig und kontinuierlich zu verwirklichen.
Ein so grundlegender Erfolg der Umweltbildung hängt nicht nur vom
gesellschaftlichen Umfeld, sondern auch von der pädagogischen Verbindlichkeit
und von deren produktiven Ausgestaltung im Unterrichtsprozeß ab (Nam, S.-J.
1995). Die entscheidende Frage, mit welchen Inhalten und Gegenständen man
sich im Unterrichtsprozeß auseinanderzusetzen hat, um ein substantielles
Verständnis der Umweltprobleme im Verlauf der Lernprozesse zu vertiefen,
berührt Bereiche kognitiver und emotionaler Elemente.
Kommunikationsmittel vermitteln neue Ideen im Bildungsbereich menschlichen
Handelns und Denkens. Umwälzende Neuerungen der technischen Medien
wandeln durch ihren Einsatz das Erscheinungsbild der pädagogischen Situationen
mehr und mehr. Dies gewinnt zunehmend für die Gestaltungskraft an Bedeutung
und damit werden entsprechende Bildungsmittel unverzichtbar. Trotz
fortschreitender Entwicklung in der Medientechnologie ergeben sich doch auch
Probleme bei den Anwendungsmöglichkeiten bzw. dem Einsatz im Unterricht. Es
stellt sich die Frage, wie mediengestützte Präsentationsformen in Lehr- und
Lernprozesse effektiv eingesetzt werden kann, die möglichst immer wieder
stimulierend wirkt.
Im 5. Kapitel soll versucht werden, den wesentlichen Charakter ökologischer
Veränderungen der Gesellschaft aus pädagogischer Sicht zusammenzufassen,
insoweit sie durch die entscheidende Rolle der Umweltbildung und ihrer Richtung
im Hinblick auf nachhaltige Entwicklung bestimmt sind. Der Ausgangspunkt einer
ökologischen Aktivierung in der Gesellschaft ist vor allem tatkräftige Partizipation
und Engagement. Darüber hinaus ist das nachhaltige Umweltbewußtsein, das vor
13
allem strategische Gestaltung im Bereich des Umweltschutzes bindet, die
notwendige Voraussetzung für ökologische Dynamik.
Hier stellt sich die Frage, wie gesellschaftliche Erwartungen und Anforderungen in
der Umweltbildung erfüllt werden können. Zukunftsorientierten ökologischen
Herausforderungen gerecht zu werden, ist eine wichtige Aufgabe in der Schule,
sowohl mit komplizierten ökologischen Sachverhalten konstruktiv umzugehen, als
auch die damit verbundenen Handlungsanleitungen kritisch zu erfassen und zu
erlernen. Die Beschäftigung mit ökologischen Fragen in der Schule hat daher eine
ganz fundamentale Bedeutung, nämlich den motivierten und aktiven Umgang mit
der Umwelt und Natur zu vermitteln.
14
1. Veränderte Rahmenbedingungen des
Umweltbewußtseins in Korea
Angesichts der zunehmenden Besorgnis bei allen, die unter den verheerenden
Folgen der beschleunigten Umweltzerstörung zu leiden haben, stellt die
ökologische Krise auf Dauer eine Herausforderung für den Diskurs über die
Zukunft des öffentlichen Raumes dar (Brand/Eder/Poferl 1997). Die ökologische
Situation erscheint in einem ziemlich düsteren Bild. Das erdrückende Gefühl
gegenüber der ökologischen Krise ist so zu einem ernstzunehmenden
gesellschaftspolitischen und psychologischen Faktor geworden (Lecher 1997).
Die wichtigste Ursache der vorherrschenden Umweltkrise in Korea, die einen
tiefen Zweifel am tonangebenden Modernisierungsprojekt herbeiführt, liegt „im
steigenden äußeren Lebensstandard, der individuell veränderten Lebensführung“
und dem alltäglich beobachtbaren Wertewandel sowie der unaufhaltsamen
Auflösung traditioneller Institutionen (Kim, B.-W. 1994: 344; Ku, D.-W. 1996: 38).
Insofern trifft die heutige Debatte über die ökologische Krise auf veränderte
gesellschaftliche Rahmenbedingungen.
Bisherige behutsame Richtlinien für die Umweltgesetzgebung helfen kaum zur
Verbesserung der ökologischen Situation (Ahn, B.-O. 1996). Ein neuer
Paradigmenwechsel zu umweltorientiertem Handeln, das nicht von einem
ungezügelten Wachstums- und Fortschrittsdenken geprägt ist, sondern die
kulturellen Werte sieht, ist deshalb nötig (Bae, K.-H. 199; Yang, J.-H. 199; Kim,
D.-S. 199). Darüber hinaus bezieht sich solches Handeln zum Schutz vor dem
Mißbrauch der Natur in einem sehr weiten Sinn auf eine Vision der Zukunft.
Umweltbewußtsein reagiert auf das verbreitete Unbehagen gegenüber der
Verschwendung der natürlichen Ressourcen und darf als ein wesentliches Motiv
für das umweltorientierte Engagement in der Gesellschaft betrachtet werden. Dies
zu fördern, stellt in Zukunft den Schlüssel zur Vermeidung von Umweltproblemen
dar, was zu einer zentralen gesellschaftlichen Aufgabe unserer Zeit geworden ist
(de Haan/Kuckartz 1996).
Angesichts der anhaltenden Gefährdung des ökologischen Gleichgewichts und
der besorgniserregenden Beeinträchtigung, die von dieser ausgeht, sowie der
15
dramatischen Zerstörung des Lebensraumes durch ungezügelte wirtschaftliche
Expansion in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen kommt der
Umweltpolitik eine wesentliche Funktion bei der öffentlichen Förderung und
Unterstützung umweltgerechter Einstellungen und Werthaltungen sowie der
Handlungsbereitschaft in der Bevölkerung zu (Kim, B.-W. 1994).
Es besteht kein Zweifel, daß in Korea aufgrund der immer massiveren
Inanspruchnahme der Natur durch den Menschen und der Ausdehnung der
wirtschaftlichen Aktivitäten langfristige Umweltprobleme in den letzten Jahren im
ganzen Land stark angewachsen sind und deren Auswirkungen sich sichtbar auf
Gesundheit und Wohlergehen der Menschen niederschlagen (Kim, H.-K. 1994:
190). Die sich derzeitig abzeichnenden Umweltbelastungen sind erst in Folge der
außerordentlichen Ausweitung der ökonomischen und technologischen
Möglichkeiten entstanden, woraus sich wiederum ein neuer Umgang mit den
natürlichen Gegebenheiten herausgebildet hat (Choi, K.-A. 1992; Ministry of
Environment Republic of Korea 1996; Kim, D.-H. 1997).
In den letzten Jahrzehnten können tiefgreifende Veränderungen beobachtet
werden, die besonders die kontinuierlich verlaufende Entwicklung des Wirtschafts-
und Lebensstandorts auf dem Land/Dorf betreffen. Die vielfältig gestalteten
Lebensraumfunktionen für Tiere, Pflanzen, Ökosysteme und die vorhandenen
natürlichen Ressourcen sind in wachsendem Maße in Frage gestellt. Im Bereich
der Landwirtschaft und für die Landbevölkerung ergeben sich folgende Probleme
und Veränderungen: Landflucht und das damit verbundene Anwachsen
städtischer Ballungsräume, Verlust ökonomischer Grundlagen auf dem Land,
Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur auf dem Land, Ausrichtung der
Produktion an Methoden, die im industriell-städtischen Bereich üblich sind,
Zusammenbruch des großen Familiensystems und Auflösung des
Gemeinschaftswesens sowie der Wandel in den gesellschaftlichen
Wertevorstellungen umreißen stichwortartig diesen Prozeß (Kim, T.-K. 1991; Lee,
S.-J. 1992b; Kim, H.-K. 1994; Yoon, S.-S. 1997).
Diese erwuchsen aus dem größten schwer kalkulierbaren Risiko, der
ökologischen Krise. Innerhalb der Intention dieses verschlungenen
Beziehungsgefüges treten die ökonomischen und gesellschaftlichen sowie
kulturhistorischen Realitäten, Zwänge und Probleme in ganz erheblichem Maße
16
zutage, die mit den Umweltproblemen unmittelbar in Zusammenhang stehen
(Park, H.-S. 1997: 429f.; Rhee, K.-Y. 1997: 140).
In der vorliegenden Studie werden zunächst die Entwicklung und der Prozeß der
Umweltpolitik und die daraus resultierende Ökologiebewegung, sowie die Genese
des Umweltbewußtseins kritisch betrachtet. Aus dem immer nachdrücklicher
artikulierten Umweltbewußtsein hinsichtlich der immer gravierender
zutagetretenden ökologischen Krise in Korea erwachsen neue Anforderungen an
ein verantwortungsbewußtes Bildungsprogramm, um bei der Bevölkerung mehr
Verständnis für ökologische Aspekte bei den nachhaltigen Entwicklungszielen zu
wecken (Choi, S.-J. et al. 1997). Eine positive Veränderung des
Umweltbewußtseins kann nur „durch eine breit angelegte Kampagne der
Erziehung, der Diskussionen und der Beteiligung der Öffentlichkeit“ erreicht
werden (Hauff 1987: 27).
Der Entstehungsprozeß der Umwelterziehung in Korea ist durch die Umweltpolitik,
die sich entfaltende Ökologiebewegung und auch durch verschiedene
internationale Umweltkonferenzen maßgeblich beeinflußt worden (Nam, S.-J.
1995). So ist die Notwendigkeit eines Umweltbewußtseins im Rahmen der
Zielsetzungen der Umwelterziehung anerkanntermaßen eine immer komplexere,
individuelle und gesellschaftliche Aufgabe, die so unterschiedliche Bereiche wie
Industrie und private Haushalte aber auch die Entwicklung ganzer Regionen
einschließlich ihrer Bevölkerung umfaßt (Ministry of Environment Republic of
Korea 1995).
In der nach wie vor dominanten Sichtweise, gibt es, was die Beziehung zwischen
technischer Machbarkeit und ökologischen Krisen in Korea betrifft, Irrtümer,
Fehler und gewisse Orientierungsmängel in allen gesellschaftspolitischen
Bereichen. Es ist anerkannt, daß die größte Effizienz von Umwelterziehung
dadurch zu erreichen ist, daß zum frühestmöglichen Zeitpunkt und in allen
gesellschaftlichen Bereichen ein Umweltbewußtsein entwickelt wird. Die
Umsetzung effizienter Umwelterziehung innerhalb der Bildungsprogrammbereiche
und die daraus resultierenden Handlungsstrategien setzen wirksame institutionelle
Rahmenbedingungen voraus.
17
1.1 Grundzüge der Umweltpolitik und Ökologiebewegung in Korea
Die Entstehung und Entwicklung der Ökologiebewegung, die die wichtigste
politische Bewegung darstellt, beeinflussen maßgeblich die Veränderung des
Umweltbewußtseins in Korea (Ku, D.-W. 1996: 97). Die Ökologiebewegung hat
ihren Charakter mit der Zeit grundlegend verändert und ist gekennzeichnet von
unterschiedlichen Ansatzpunkten hinsichtlich des politischen Kontextes und der
sozialökonomischen Interessen sowie der kulturellen Grundlage
(Brand/Eder/Poferl 1997). In der Ökologiebewegung Koreas dominieren Konflikte
und Konfrontationen vor Koordination und Kooperation zwischen den Akteuren
und dem politischen System, was sich tief in die Gesellschaft hinein auswirkt
(Choi, K.-A. 1992: Lee, D.-Y. 1993: Kim, B.-W. 1994: Ku, D.-W. 1996).
Einen Einblick vermitteln die Hauptziele und Schwerpunkte der
Ökologiebewegung in ihren unterschiedlichen Ausprägungen der vergangenen
Jahre, woraus sich auch gleichzeitig wichtige Impulse zur Förderung des
Bewußtseins der Öffentlichkeit für die sich rasch ausbreitenden Umweltfolgen
ergeben. Verschieden ist das akute und prognostizierte Ausmaß der Gefährdung
der Umwelt und die Reaktion und Verankerung in der Bevölkerung (Bae, K.-H.
1991; Yang, J.-H. 1992). Die Wechselwirkungen zwischen Ökologiebewegung und
Umweltbewußtsein sind vielfältiger Art und sollen in ihren Erscheinungsbildern
beobachtet werden. Es ist also sinnvoll, den historisch-gesellschaftlichen
Entwicklungsverlauf und die Bilanz der Umweltpolitik und Ökologiebewegung in
Korea aufzuzeigen. Das zusammenhängende Ganze kann in drei Phasen
dargestellt und bewertet werden. Zu der folgenden Darstellung werden auf der
Grundlage der in Korea erzielten Forschungsergebnisse die aktuelle und
potentielle Bedeutung der Entstehung einer Ökologiebewegung und des
Umweltbewußtseins hinsichtlich der politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen
in Korea illustriert. Denn „die Ökologiebewegung hat unzweifelhaft einen
wesentlichen Teil daran, daß Themen der Umweltbildung alltäglicher Gegenstand
der Medien und der Politik sowie auch der Gegenstand des schulischen
Unterrichts und der Erwachsenenbildung geworden sind“ (Beyersdorf 1998: 205).
18
Anfangsphase
„Die Ökologiebewegung in westlichen Demokratien ist Teil einer umfassenderen
Kategorie oder Familie sozialer Bewegungen, die in der Literatur als neue soziale
Bewegungen bezeichnet werden. (...) Innerhalb der neuen sozialen Bewegungen
deckt die ökologische Bewegung ein relativ heterogenes Feld von Akteuren,
Aktionen, Organisationen und Diskursen ab, deren gemeinsamer Nenner im
Versuch zu finden ist, das Gleichgewicht zwischen dem Menschen und seiner
natürlichen Umwelt zu bewahren und zu verbessern“ (Kriesi/Giugni 1996: 324).
Im Gegensatz dazu wurde die Ökologiebewegung in Korea, die in Folge der
großflächigen Umweltschäden und dadurch bedingter stark verminderter
Lebensqualität entstanden war, von den sechziger bis zu den siebziger Jahren in
der Anfangsphase als „Widerstand gegen das wirtschaftspolitische System und
die Luxusgüter“ bezeichnet (Ku, D.-W. 1996: 147). Es gab im politischen Leben in
Korea keine bedeutende soziale Bewegung, die eine erkennbar bessere
gesellschaftliche Alternative eröffnete und die ökologischen Zustände in der
Gegenwart und in der Zukunft in der politischen Diskussion verankerte. Außerdem
gilt es als unbestritten, daß die politische Struktur sehr geschlossen war, so daß
die Umweltaktivisten bis Mitte der achtziger Jahre als unerwünschte
Regimekritiker gegeißelt wurden (Bae, K.-H. 1991: 147; Choi, K.-A. 1992: 4; Lee,
S.-H. 1993).
Aufgrund des staatsgeprägten und autoritätsorientierten politischen Systems und
der entsprechenden politischen Praxis sowie der Nichtbeachtung von
Umweltbelangen in der Öffentlichkeit und nicht zuletzt wegen der festgefahrenen
Diskussionsstruktur gab es kaum die Möglichkeit zu ökologischen
Kommunikationen und kaum Zugang zu angemessenen Informationen, um sich
mit der beispiellosen Umweltzerstörung unter gesellschaftlichen Widersprüchen
und Konflikten zu beschäftigen. Damals vermochte noch niemand die
Umweltfrage befriedigend zu diskutieren. Infolgedessen blieb die Thematisierung
der Umweltkrise und die damit einhergehende politische Willensbildung in der
Öffentlichkeit aus. Diskussionen über Umweltfragen und die Freiheit der
Meinungsäußerung waren in den Massenmedien praktisch nicht zugelassen.
19
Das Verbot des ökologischen Diskurses führte dazu, daß bei näherer Betrachtung
der anstehenden Umweltprobleme den Betroffenen kein hinreichender
Handlungsspielraum zur Verfügung stand und keine Motivationsbasis für
„ökologische Zivilisierung“ vorhanden war (Kösters, 1993). „Die ökologische
Zivilisierung wäre als wichtigster Bestandteil einer umweltgerechten Kultur eine
Daueraufgabe für eine wirksame Umweltpolitik“ (Kösters 1993: 396). Während die
Diskussion über die Notwendigkeit der Umweltpolitik bzw. des
Umweltbewußtseins in Korea ausschließlich von einigen Gruppen in einer
beschränkten Öffentlichkeit geführt wurde, sah die Mehrheit der Bevölkerung ein
stärkeres, eigenes wirtschaftliches Wachstum als wichtiger an als die Frage des
Umweltschutzes (Kim, H.-K. 1994: 191).
Eine technisch-industrielle Wachstums- und Fortschrittsideologie war in der
Vergangenheit stets sinnstiftender Mittelpunkt der Gesellschaft (Yoon, S.-S.
1997). Von Seiten der Regierung gab es ehrgeizige wirtschaftliche Bemühungen
zur Bekämpfung der Armut und Verbesserung des Lebensstandards als Inbegriff
einer umfassenden Strategie bei technischen Industrieprozessen. Es darf freilich
nicht übersehen werden, daß „ehrgeizige Industrialisierungsprogramme die
Subsistenzbasis der ländlichen Bevölkerung untergraben und oft katastrophale
ökologische Folge haben“ (Brand 1997: 9).
Um einen Modernisierungsprozeß als politischen Schritt durchzusetzen, wurden
im Rahmen des ersten Fünfjährigen Wirtschaftlichen Entwicklungsprogramms
unter anderem „Prioritäten im bevölkerungs- und bewaldungspolitischen Bereich“
insbesondere im Zusammenhang mit ökonomisch tragfähigen Leistungen gesetzt
(Kim, H.-K. 1994: 199). Die politischen Maßnahmen dienten mehr oder weniger
der Überwindung wirtschaftlicher Engpässe und könnten gewissermaßen als eine
nationale Umweltplanung bezeichnet werden.
Was die Problematik der Bevölkerungspolitik in Korea angeht, deren vorrangiges
Ziel die Eindämmung der rapiden zunehmenden Bevölkerungswachstumsraten
war, so wurden offensive Programme der Familienplanung in der Tat eingesetzt,
um mit den schweren ökonomischen Folgen fertig zu werden, die die gesamte
Bevölkerung betreffen. „Bevölkerungsdruck und massive Armut können die
Zeitpräferenz drastisch steigern und die betroffenen Menschen dazu zwingen,
Naturkapital zu zerstören, um zu überleben“ (van Dieren 1995: 210). Ein rasantes
20
Bevölkerungswachstum und eine verbreitete Armut hängen nicht nur mit der
ökologischen Krise, sondern auch mit deren verheerenden wirtschaftlichen und
sozialen Folgen zusammen (BUND/Misereor 1996).
Die Folgen der Bevölkerungsexplosion sind eine immer größere Belastung und
führen zur Übernutzung der natürlichen Ressourcen. Demzufolge stellt die immer
dringlichere Lösung des Bevölkerungsproblems gleichsam einen unverzichtbaren
Teil für den Entwicklungsprozeß dar (Hauff 1987; Harborth 1993; Kim, H.-K. 1994;
BUND/Misereor 1996). Innerhalb eines langfristig geplanten nationalen
Aktionsprogramms strebte man an, die Ursache der negativen Auswirkungen von
anthropogenen Umweltveränderungen auf die Bevölkerung zu beseitigen. Korea
war eines der wenigen Länder, in dem das Bevölkerungswachstum maximal
eingegrenzt werden konnte, das ja erheblich zu Umweltbeeinträchtigungen geführt
hatte.
Die Ursachen und Folgen der massiven Waldverwüstungen sind in der Zeit der
japanischen Besetzung Koreas und dem darauffolgenden Korea-Krieg begründet,
deren Auswirkungen unermeßliche und chronische Naturkatastrophen verursacht
haben (Ministry of Environment Republic of Korea 1996: 4). Gleichfalls wurden
Wälder aufgrund industrieller Nutzung und wirtschaftlichen Fortschritts sowie „aus
armutsbedingten Gründen“ auf dem Land in großem Maßstab gerodet (Harborth
1993). Mangelnde Schutzmaßnahmen, wie beispielsweise Aufforstung,
verursachen alljährlich wieder während der regenreichen Sommermonate
erhebliche Umweltschäden in der Landwirtschaft und fordern immer wieder
Todesopfer (Kim, H.-K. 1994: 191).
Umfassendere Aufforstungsmaßnahmen und Bepflanzung der erodierten Berge
und Hügel wurden auf nationaler Ebene gefördert und unterstützt, um so dem
Problem der Reduzierung und der Vorbeugung der ausgelösten Naturschäden
und Gefahren wie Erosion, Überflutung, Wassernot usw. zu begegnen (Yoon, S.-
S. 1997: 3). Die Forstpolitik in Korea war immer schon eng mit den kulturellen
Bezugspunkten verknüpft. Sie ist ein unvermeidbarer Bestandteil der reziproken
Verhältnisse zwischen Menschen und Natur gewesen und mußte bis zuletzt als
Objekt für wirtschaftliche Entwicklung herhalten.
21
Die Rolle und Funktion der Wälder in den Bergen ist nicht nur auf ökonomischer
und ökologischer Ebene zu betrachten, sondern ist auch auf die außerordentlich
vielfältigen Bestandteile der Naturverehrung magischen und schamanistischen
Charakters innerhalb der koreanischen Gesellschaft zurückzuführen (Kim, H.-K.
1994)1. Die Einführung der oben genannten politischen Konzepte diente als
Grundbaustein gesellschaftlichen Fortschrittes, um den Sprung ins Lager der
Industrieländer vorzunehmen.
Dementsprechend entwickelte sich in erster Linie seit den sechziger Jahren2 die
wirtschaftliche Struktur des Landes unter dem Blickwinkel gesellschaftlicher
Modernisierungsprozesse, auch im Hinblick auf die Überwindung der Armut durch
die enorme Steigerung der Produktion und den Urbanisierungsprozeß. Höhere
Produktivität und Wachstum wurden im Wesentlichen nicht nur durch technischen
Fortschritt, sondern auch durch bessere, effizientere Nutzung von „Humankapital“
ebenso wie durch die ungeheuere Ausnutzung der Natur erzielt (Yu, I.-H. 1973).
Letztlich zerstörte das zügellose quantitative Wachstumskonzept irreparabel die
Natur „mit umfassender Totalität und zunehmender Geschwindigkeit“ (Göpfert
1989: 5).
Zwar hat durch diese vielfältigen Beeinträchtigungen eine politische
Auseinandersetzung mit dem Umweltschutz begonnen, aber die aus den
gesellschaftlichen und politischen Verpflichtungen eigentlich zu erwartenden
Umweltverbesserungen wurden kaum sicht- und spürbar (Choi, K.-A. 1992; Lee,
D.-Y. 1993; Kim, H.-K. 1994). „Obwohl das im Jahre 1963 erlassene Gesetz zur
1 Das bedeutet, daß große umfangreiche Waldaufforstung, d.h. mit der kulturellen Theorie
„Pungsoo“ präventive Maßnahmen zur Vermeidung chronischer Naturunglücke und Ehrfurcht
gegenüber den Bergen (Wind-Wasser) verbunden waren (Kim, H.-K. 1994: 191). Die tradierte Form
von Pungsoo ist ein Schlüssel, um die Erfahrung und Wahrnehmung der Natur auch tatsächlich mit
den natürlichen Werten in Einklang zu bringen. Darauf wird im Kapitel 3 ausführlich eingegangen.
2 Eine regelrechte Wirtschaftspolitik existiert in Korea mit dem Beginn der dritten Republik seit
1961. Als Staatsziel legte die Regierung fest, die Armut zu beseitigen, die früher in der
sogenannten Hungersaison im Frühling entstand, und die Wirtschaft schnellstmöglichst in effiziente
Bahnen zu lenken.
22
Verhinderung öffentlicher Belastung in Kraft trat, kamen die gesetzlichen
Vorschriften zur Herausfilterung der akuten Umweltgifte immer noch nicht zur
Wirkung“ (Ahn, B.-O. 1996: 3). Diese Gesetze haben nur einen symbolischen
Wert und formelle Bedeutung, da die zuständigen staatlichen Stellen nicht auf das
Auftreten einer ganzen Reihe von Bedrohungen der Natur und Umwelt reagierten.
Trotz der sich ununterbrochen ereignenden Umweltunfälle und der letztlich damit
verbundenen Zerstörung der Lebensgrundlagen durch die rasche
Industrialisierung fanden Protestaktionen und Demonstrationen der Bewohner,
denen die deutlich sichtbaren Schäden zugefügt wurden, nur in geringem Maße
statt (Lee, S.-H. 1993; Ku, D.-W. 1996). Im großen und ganzen wurde in
Umweltprotesten auf ökonomische Entschädigungen hingewirkt, wobei ihre
Erfolge gering waren, da sie nicht organisiert und polarisiert waren (Choi, K.-A.
1992; Lee, D.-Y. 1993). Die Bevölkerung hatte keine erkennbaren Interessen an
politischen Protestbewegungen und mußte sich zu sehr mit dem andauernden
Kampf um das „ökonomische und physische Überleben“ beschäftigen
(Dunlap/Mertig 1996: 195). Außerdem betrachtet sie wirtschaftsbedingte
Umweltbelastungen lediglich als einen unvermeidbaren oder selbstverständlichen
„Nebeneffekt von industriellem Wohlstand“ und war eher an höherer Produktivität
und an besserer Versorgung mit Nahrungsmitteln, ausreichender Unterkunft,
besserer Bildung usw. interessiert (Hauff 1986: XXI).
Demzufolge spiegelt der ökologische Diskurs weder die objektive Umweltsituation,
noch die Resonanz in der Gesellschaft wieder. Es gibt sozusagen gar keinen
vorbereitenden Diskurs und bei den meisten Bürgern fehlt es an aktiver
Partizipation und ausreichendem Interesse an der Umweltkrise, wozu noch das
geringe Ansehen im Vergleich zu anderen gesellschaftspolitischen Themen
kommt (Bae, K.-H. 1991; Yang, J.-H. 1992; Kim, H.-K. 1994; Kim, D.-S. 1995). In
der damaligen politischen Situation kann von einer massiven Protestbewegung
gegen die Umweltzerstörung noch nicht die Rede sein.
Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit richtete sich zunächst vor allem auf die
zunehmend schlechter werdende Gesundheit der Menschen. Jede symbolische
gesellschaftspolitische Handlungsstruktur beschränkte sich auf die passive
Abwehrhaltung gegen industrieverursachte Umweltverschmutzung (Kim, B.-W.
1994). Damit wurden Richtlinien und Normen für eine umfassende
23
Umweltverträglichkeitsprüfung im Bereich der Wirtschaftsentwicklung kaum in
Angriff genommen (Yoon, S.-S. 1997). Es gab keine verbindlichen
Umweltstandards, die z.B. im Bereich Gesundheitsvorsorge oder Zugang zu
sauberem Trinkwasser für die Bevölkerung beachtet werden mußten. In der Tat
führten die fehlenden umweltpolitischen Standards zu verheerenden alltäglichen
Umweltkatastrophen.
In den siebziger Jahren wurden Umweltkatastrophen und -skandale gnadenlos
unsichtbar gemacht. Es ereigneten sich eine Reihe von großen Unglücksfällen:
Wasser-, Boden- und Luftverschmutzung durch Schädlingsbekämpfungsmittel
sowie Meeresverschmutzung durch Industrieabwässer und Tankerunfälle (Ku, D.-
W. 1996: 147). Die zielgerichtete Gesamtstrategie der wirtschaftlichen
Entwicklung wurde eindeutig eher als Wachstumspolitik denn als Frage der
Verteilungspolitik und des Umweltschutzes gesehen und zu sehr ohne jede
Rücksicht auf das allgemeine Wohl von Land und Bevölkerung betrieben, um mit
den schweren ökonomischen Folgen fertig werden zu können. In diesem
Zusammenhang wurden die Industrieanlagen, die bereits im Ausland
(insbesondere in Japan) als umweltschädlich gebrandmarkt waren, eingeführt und
ununterbrochen in Betrieb gesetzt, da es zum Aufbau der Wirtschaft des Landes
an Technologie und Kapital völlig fehlte (Choi, K.-A. 1992; Ku, D.-W. 1996).
Die naheliegende Begründung lautet, daß in der Phase der vollständigen
Industrialisierung Koreas die energieaufwendigen Branchen wie z. B. die
chemische Industrie, sowie die Stahlindustrie und der Schiffbau besonders
gefördert wurden (Yu, I.-H. 1973). Die gravierende und flächendeckende
Umweltverschmutzung führte nicht nur zur Erschöpfung und fortschreitenden
Zerstörung der Ökosysteme, sondern auch zur Verschlechterung der
Lebensqualität, so daß die Menschen durch Umweltprobleme in großem Ausmaß
belastet wurden (Choi, K.-A. 1992; Lee, S.-H. 1993: 59).
Die unsichtbaren Auswirkungen waren, daß der Mensch und seine natürliche
Umwelt einen schweren Verlust an Lebensqualität in Kauf nehmen mußten, der
sich langsam, aber kumulativ vollzog. Indem der Lebensraum durch negative
Folgewirkungen vernichtet wurde, spitzte sich der tiefgreifende Konflikt zwischen
den unmittelbar betroffenen Bewohnern insbesondere Bauern und Fischer
einerseits und der Regierung und Industrie andererseits zu. Industrieanlagen an
24
der Küste wurden ausnahmslos ohne Zustimmung der betroffenen Bevölkerung
errichtet (Ahn, B.-O. 1996).
Es ging vor allem um die Übernahme der ökonomischen Entschädigung, die
Verpflichtung zu Zwangsumsiedlungen und den wirksamen Schutz vor
umweltbedingten Gesundheitsrisiken und einer chronischen Gefährdung der
Bevölkerung (Lee, S.-J. 1992a). Da es keine professionellen
Umweltorganisationen gab, fand die Protestbewegung aus eigenem Antrieb statt.
Der Charakter der Protestbewegung, die in der Öffentlichkeit nicht viel Beachtung
fand, wurde von nüchterner Selbstverteidigung des Lebens bestimmt (Ku, D.-W.
1996: 149). Die betroffene Bevölkerung hatte kaum eigene Möglichkeiten zur
Abwehr und politischen Mitbestimmung. Die Reaktion der Politik ließ die
psychologische Empfindlichkeit und den sozialen Unmut der Bevölkerung außer
acht.
In eher bescheidenen gesellschaftlichen Verhältnissen waren es allein
Intellektuelle, die Zweifel an einem sich rasch verändernden wirtschaftlichen
Wachstum und Fortschritt hegten und für mehr Klarheit in der öffentlichen
Umweltwahrnehmung sorgten. Zunehmende Konflikte wegen der immensen
Umweltverschmutzung und der Kampf um Naturerhaltung in industriellen
Ballungsgebieten traten allmählich in das mehr oder weniger ausgeprägte
Bewußtsein der Bevölkerung. In diesem Zusammenhang werden
„Umweltprobleme nicht mehr bloß als eine Bedrohung der Lebensqualität
gesehen, sondern als eine fundamentale Bedrohung menschlichen
Wohlergehens“ (Dunlap/Mertig 1996: 205).
Es setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, daß die Verschlechterung der
Qualität der natürlichen Lebensgrundlage eine gesellschaftliche Neuorientierung
mit sich bringen mußte, in der sowohl Konzepte und vertrauensbildende
Maßnahmen in Form der Entwicklung geeigneter umweltpolitischer Instrumente
zur Berücksichtigung der Umweltbelange benötigt werden, als auch Akzeptanz
und Unterstützung durch die Öffentlichkeit sowie Aufklärung über die
ernstzunehmenden Umweltrisiken geleistet werden müssen.
Erst nachdem die Bedeutung und Notwendigkeit politischer Maßnahmen
langfristig zur Vermeidung von Umweltschäden deutlich geworden waren,
25
entstanden Initiativen seitens der Regierung im Jahre 1977, die die gezielte
Entwicklung des Naturschutzes als soziale Entwicklung zum Ziel hatten. Hier ist
als bedeutendste die Naturschutzbewegung zu nennen (Kim, B.-W. 1994: 214;
Kim, H.-K. 1994). Sie wurde scheinbar als Reaktion auf Unbehagen und Unmut
angesichts existentieller Bedrohung ökologischer Systeme, insbesondere die
rücksichtslose Erschließung der Naturlandschaften, in der Öffentlichkeit
angesehen. Bereits zu Beginn bestand das Bestreben dieser
Naturschutzbewegung darin, den Schutz der Natur in den Vordergrund zu stellen
und die Harmonie der Natur nicht zu verletzen. Diesen Bemühungen wurde
letztendlich auf staatlicher Ebene Rechnung getragen.
Das Hauptanliegen der Naturschutzbewegung lag bei folgenden Aspekte:
- Grundlage für die Forderung nach Naturschutz waren durch wissenschaftliche
Untersuchungen begründete Theorien.
- Erstellung einer Bestandsliste der vom Aussterben bedrohten Pflanzen- und Tierarten.
- Förderung des Naturbewußtseins durch Aufklärungs- und Kampagnenarbeit z.B.
Plakat-, Photoausstellungen und regelmäßige Vorträge sowie Veröffentlichungen
(Choi, K.-A. 1992: 70).
Die Ausrichtung der Hauptanliegen macht deutlich, daß die Folgewirkungen der
rasanten technischen Entwicklung auf die Natur nicht kritisch hinterfragt werden,
sondern daß lediglich „restriktive oder passive Bewahrungs- und
Schutzkonzeptionen der Natur gegenüber“ vertreten werden (Ku, D.-W. 1996:
175). Eine wesentliche, für den Naturschutz höchst bedeutsame Schwäche in der
Argumentation besteht darin, daß den komplizierten Vorgängen und
Entwicklungen der Natur nicht Rechnung getragen wird und damit der deutliche
Zusammenhang zwischen menschlicher Einwirkung und Veränderungen in der
Natur nicht berücksichtigt wird. Es werden quasi nur die Symptome, nicht aber die
Ursachen der Umweltveränderungen betrachtet.
Detaillierte Projekte zum Schutz der verbleibenden Natur fehlten völlig. In nicht
geringem Maße fehlte es aber auch an einer Vergewisserung der Gesellschaft
etwa darüber, aus welchen Gründen sie den Naturschutz leisten soll. Naturschutz
braucht im Sinne eines kontinuierlichen Hinterfragens eine gemeinsame
26
Perspektive der umfassenderen Zwecke, in dem nicht rein ökonomische
Anziehungskraft, sondern sämtliche funktionierenden Elemente das konstitutive
Merkmal sind.
Für die Naturschutzbewegung stehen die Anforderungen an naturschonende
Verhaltensweisen der Bevölkerung im Rahmen der „ästhetischen und
kulturhistorischen Begründungen“ im Mittelpunkt (Kim, H.-K./Shin, J.-O. 1994:
202), während Wirtschaft und Industrie von steigender Sensibilität gegenüber
Umweltveränderungen und einem damit verbundenen Verständnis des
menschlichen Erlebens und Verhaltens im Hinblick auf die zu betrachtenden
Umweltfaktoren ganz und gar ausgenommen sind (Ku, D.-W. 1996: 169).
In der Naturschutzbewegung haben ästhetische Konzepte (Vielfalt, Schönheit und
Erhabenheit von Natur und Landschaft), emotionale Wahrnehmung und
Empfindung von Umweltbedrohung ein sehr großes Gewicht. Aufgrund der
Kenntnis der tiefgehenden Auswirkungen der industriellen Entwicklung und der
Bevölkerungsexplosion als Hauptgrund für die sich ständig beschleunigende
Naturzerstörung, wie sie in der „Grünen Charta vom Naturschutz“ beschrieben
sind, kommt es demnach nicht zu umfassenden naturschützerischen Programmen
und Strategien auf gesellschaftlicher Ebene (Choi, K.-A. 1992: 69ff.; Ku, D.-W.
1996: 169f.). Daraus ergibt sich das substantielle Problem, daß eine koordinierte
Vorgehensweise des Naturschutzes durch veränderte ökonomische, politische
und soziokulturelle Rahmenbedingungen offensichtlich nicht berücksichtigt und
infolgedessen die damit zusammenhängenden Handlungsspielräume für die Ziele
des Naturschutzes verdrängt werden. Hier zeigen sich die negativen Aspekte der
Naturschutzbewegung.
Aus inhaltlichen, programmatischen und strukturellen Gründen war das
Fortschreiten der Naturschutzbewegung schließlich nicht lange aufzuhalten (Choi,
K.-A. 1992: 71). Zu den oben dargestellten Faktoren kommt, daß
Naturschutzbemühungen nicht etwa aufgrund von Einsicht in den
Entstehungszusammenhang von Umweltproblemen oder vor dem Hintergrund
ökologischer Zielsetzungen und Entscheidungen innerhalb der Gesellschaft
unternommen wurden, sondern nur gezwungenermaßen auf Anweisung der
Regierung hätten durchgesetzt werden können (Kim, H.-K. 1994: 194). Die
Naturschutzbewegung nahm zwar ihren Auftrag ernst und sorgte so dafür, daß
27
der Umweltzustand stabil blieb, war aber dennoch kaum in der Lage, die
Ursachen und Vernetzung der auftretenden Probleme zu analysieren und daraus
eine gesicherte ökologische Zukunftsperspektive zu entwickeln.
Insgesamt wurde daher ohne Einleitung entsprechender
Umweltschutzmaßnahmen die Wirtschaftspolitik weiterhin weitgehend von
quantitativ-exportorientierten Wachstumsstrategien schlechthin beherrscht (Yu, I.-
H. 1973, 1980). Für die politischen Erwägungen spielten die umweltrelevanten
Informationen und die Rücksichtnahme auf die besonderen Bedürfnisse der
Bevölkerung jedoch kaum eine nennenswerte Rolle. Dieses Verhalten verursachte
beträchtliche Mißverständnisse und sorgte gleichsam für eine Verunsicherung in
der politischen Öffentlichkeit. Zugleich sank das Vertrauen der Bürger in die
Fähigkeit des Staates, sie gegen unvorhergesehene Risiken zu schützen. Die
ökologische Unbekümmertheit in Korea hatte ihre Ursache vor allem in politischer
Taktlosigkeit, schwacher demokratischer Legitimation und mangelnder Effizienz.
Es war eine Folge der Wachstumsversessenheit in Korea, daß nach wie vor ein
Konzept für verbindliche Umweltstandards in überaus weitgehendem Maße fehlte.
Die Unzufriedenheit der Öffentlichkeit mit der allgemein oder persönlich
wahrgenommenen Umweltbelastung und die Angst der Menschen vor den
fortbestehenden Umweltrisiken spielte in der Politik keine bedeutende Rolle. Bis
zum Ende der achtziger Jahre war man sich darin einig, daß die unsichtbare
Gefahr für die Umwelt allgemein unterschätzt wurde (Kim, H.-K. 1994). Angesichts
der allgemeinen Verunsicherung und der Schrecken, die sich teilweise in den
Medien und politischen Protestbewegungen breitmachten, verwies man deshalb
immer auf die ökologische Krise und deren neues tatsächliches
Gefahrenpotential, die für die Zukunft nichts Gutes verhießen.
Dynamisierungsprozeß
Seit den 80er Jahren wird in Korea eine Antwort auf die fundamentale Angst der
Menschen vor einer ökologischen Krise gesucht. „Die ökologische Bewegung hat
Angst vor der ökologischen Katastrophe, die durch einen unkontrollierten und
irrationalen Umgang mit den Ressourcen dieser Welt in greifbare Nähe gerückt
wird“ (Eder 1988: 253). Nach der heftigen Kritik an der von der Regierung ins
Leben gerufenen, und nur oberflächlich operierenden Naturschutzbewegung und
28
an der rein auf Wachstum ausgerichteten Politik am Ende der siebziger Jahre
versuchte die Gruppe der Intellektuellen, die die Grundüberzeugungen der
Demokratie und ökologischen Erneuerungen teilten, in erster Linie gegen die
verringerte Umweltqualität in kleinerem Rahmen zu protestieren (Kim, H.-K. 1994:
194). Meist ging es um „Ein-Punkt-Aktionen, d.h. um konkrete politische
Entscheidungen im lokalen oder regionalen Bereich“, beispielsweise gegen den
Bau eines neuen Industriekomplexes oder Atomkraftwerkes (Opp 1996: 351).
Mit intensivem Engagement griffen die Intellektuellen in die heftige Diskussion
über die rücksichtslose Umweltgefährdung seitens des Menschen durch
ungebremsentes, wirtschaftliches Wachstum ein, um bestehende
umweltmedienspezifische Instrumente zu wirksamem politischen Vorgehen neu
zu gestalten und verfehlte umweltschutzpolitische Einschätzungen schleunigst zu
korrigieren, und erprobten damit neue Formen der Umweltpolitik. So avancierte
der Umweltschutz mehr und mehr zu einem hochsensiblen Bereich der Politik
(Choi, K.-A. 1992: 65).
Als Wendepunkt in der koreanischen Umweltpolitik ist die Gründung des „Office of
Environment“ 1980 zu betrachten. Die Bandbreite der Aufgaben und Aktivitäten in
der Umweltpolitik hatte sich beträchtlich ausgeweitet. Die im Gesetz definierte
Aufgabe des Office of Environment bestand darin, durch die Kontrolle der
Umweltschutzmaßnahmen eine aktive Rolle zu übernehmen. Auch sollten mit
seiner Hilfe die umweltpolitischen Aufklärungsprogramme verbessert und die
Ökologiebewegung in Umweltgruppen tatkräftig unterstützt werden, damit
Einsichten in die Bedingungen individueller und kollektiver
Handlungsmöglichkeiten gewonnen werden können (Kim, B.-W. 1994: 214).
Die Umweltgruppe als sich selbst tragende Institution begann sich für eine
verstärkte Mobilisierung und Unterstützung von Umweltprotesten einzusetzen, um
die zunehmenden Umweltschäden durch den Industrialisierungsprozeß seit den
siebziger Jahren in betroffenen Regionen zu vermindern (Lee, S.-J. 1992a). Die
Ökologiebewegung erstreckte sich über industrielle Ballungszentren hinaus auf
die Städte, wo Wohn- und Lebensqualität massiv beeinträchtigt wurden.
Außerdem zeigte sich, daß sie sich nicht nur auf gesellschaftliches Engagement
für den Umweltschutz, sondern auch auf beachtliche politische Anstrengungen für
einen Demokratisierungsprozeß konzentrierte.
29
Als schlimmste zu beobachtende Umweltschäden werden Luftverschmutzung
durch industrie- und verkehrsbedingte Schadstoffe in den städtischen
Ballungszentren, Bodenerosion, übermäßiger Gebrauch von belastenden
chemischen Düngemitteln und Pestiziden, Probleme und Risiken der Sicherheit
von Atomkraftwerken, sowie die Gewässerbelastung durch Industrieabwasser
angesehen. Die daraus resultierenden Probleme erstrecken sich bis zum Bereich
der menschlichen Gesundheit und des Wohlergehens. Viele Teile Koreas sind
den Problemen einer zunehmenden Belastung ausgesetzt und vielfach ist das
natürliche Ökosystem bedroht; dies hat auf ein ernstes Problem aufmerksam
gemacht3 (Lee, D.-Y. 1993; Yoon, S.-S. 1997). Das gesundheitliche Risiko, daß
durch die Tendenzen des technischen Fortschritts und die wirtschaftliche
Konzentration eine fortschreitende Umweltzerstörung entstanden ist, ist allmählich
bewußt geworden. Darin drückt sich „ein wachsendes Unbehagen als Reaktion
auf die auftretende Bedrohung der Natur“ aus (Kim, H.-K. 1994: 199).
Im Zuge der verstärkten Hinwendung zu einem Demokratisierungsprozeß und
durch unerbittlichen öffentlichen Druck begann die Ökologiebewegung nach 1987
effizient zu arbeiten und geeignete Strategien gegen die Naturzerstörung und die
katastrophenträchtigen Risiken im Rahmen eines schnellen gesellschaftlichen
Wandels zu erarbeiten. Der Umweltschutz war nunmehr Gegenstand öffentlicher
und politischer Interessen und Aktivitäten geworden (Lee, S.-J. 1992a: 323).
Insbesondere signalisierte der Umbruch von 1987 in Korea das Ende der Epoche
eines in sich geschlossenen politischen Systems (Lee, S.-J. 1992a; Kim, B.-W.
1994; Kim, H.-K. 1994; Ku, D.-W. 1996). Er schien den Sieg der Demokratie und
einer politischen Pluralisierung zu markieren, mit deren Hilfe man versuchte,
3 Ein Höhepunkt war erreicht, als die aus der wachstumsorientierten Wirtschaftspolitik resultierende
Umweltzerstörung nicht mehr außer acht gelassen werden konnte (Bae, K.-H. 1991: 78). Der
politische Entscheidungsprozeß bleibt meist eingeschränkt durch ökonomische Überlegungen. Die
sozialen, ökologischen und kulturhistorischen Auswirkungen werden weitgehend vernachlässigt.
30
gesellschaftliche Erneuerung und entscheidende Veränderungen u.a. für die
Umweltfrage nutzbar zu machen.4
Während sich die Ökologiebewegung bis 1987 auf kollektive politische Proteste
im Rahmen der Entschädigung für bereits eingetretene Umweltschäden in den
betroffenen Regionen beschränkte, wurde danach eine ständig zunehmende
Anzahl von professionellen Umweltgruppen aufgebaut, die eine vorbeugende und
öffentlichkeitswirksame Arbeit liefern sollten (Lee, S.-J. 1992a: 337f.; Kim, H.-
K./Shin, J.-O. 1994: 210). Es gab Anstrengungen, nicht nur der staatlichen
Umweltpolitik, sondern auch privater Gruppen, Lösungsansätzen für die
anstehenden Umweltprobleme neues Leben einzuhauchen.
Verschiedene Interessengruppen haben gleichzeitig begonnen zu beobachten,
welche Maßnahmen zur Sicherung eines gesunden Lebensraumes zu ergreifen
sind. Sie fühlten sich den Fragen des Umweltschutzes verpflichtet, wiesen auch
auf verbliebene Aufgaben zur Umsetzung umweltpolitischer Ziele hin und waren
wegbereitend, indem sie politischen Druck auf die staatliche Umweltpolitik
ausübten (Kim, B.-W. 1994; Ku, D.-W. 1996). Gleichzeitig brachten sie allmählich
die zahlreichen Unfälle der hochrisikoreichen industriellen Anlagen ans Licht und
haben die Sensibilität für die Hintergründe der ökologischen Krise geschärft.
Bei der Entwicklung und den Aktivitäten der Ökologiebewegung stehen folgende
Aspekte im Vordergrund:
- ein besserer Zugang zu umweltrelevanten Informationen und der Austausch von
Erfahrungen und Kenntnissen zwischen Umweltgruppen
- ein universeller Anspruch auf durchgreifende Verbesserung der Umweltqualität für die
Bevölkerung
4 Dank der Demokratisierung waren die Massenmedien nicht nur für die Entwicklung der
Ökologiebewegung, sondern auch für die Vermittlung der umweltrelevanten Informationen von
großer Bedeutung, so daß sie mehr oder minder die öffentliche Diskussion in der Gesellschaft
dominierten. Darüber hinaus ist die erhöhte Aufmerksamkeit den sich verschlechternden
Umweltbedingungen gegenüber den Medien zu verdanken, so daß insgesamt dem ökologischen
Thema in Korea eine relativ konstante Bedeutsamkeit erhalten bleibt.
31
- eine ununterbrochene Reihe der Umweltkatastrophen und der daraus entstandene
öffentliche Widerstand gegen die Vernachlässigung des Umweltschutzes
- das Erkennen der zunehmenden Globalisierung von Umweltproblemen
(Kim, H.-K. 1994: 194f.; Lee, D.-Y. 1994: 176).
Eine dynamische Entwicklung der Ökologiebewegung in Korea hat entscheidend
dazu beigetragen, daß die ökologischen Konflikte in der Gesellschaft
wahrgenommen werden und „die Umweltthematik in Politik und Gesellschaft nicht
mehr ausgeklammert werden kann“ (Bolscho/Seybold 1996: 57). Dadurch wird die
Mobilisierung der breiten Öffentlichkeit in der Umweltschutzarbeit sowie der
Kampf gegen die Umweltzerstörung gefördert.
Dennoch kam es zu unterschiedlichen Ausprägungen und wesentlichen
Veränderungen in Strategieform und Handlungsrepertoire bei Umweltfragen,
insofern als die kollektive Protestbewegung bei politischen Konflikten nicht nur
durch die Sensibilisierung für zunehmende Umweltrisiken, sondern auch durch
das damit verbundene Wissen und die Information der Öffentlichkeit zur Lösung
der Umweltprobleme beitrug (Kriesi/Giugni 1996: 343). Angesichts der
tiefgreifenden technologischen und ökologischen Umwälzung, innerhalb derer die
politische und wirtschaftliche Aufmerksamkeit auf umweltorientierte
Werthaltungen, Einstellungen und Handlungsbereitschaft gelenkt wurde, wurde
ein wirkungsvoller und nachhaltiger Umweltschutz in den Vordergrund des
Gesellschaftsinteresses gerückt (Kim, H.-K. 1994; Lee, S.-J. 1992a). Dies
spiegelte sich bei der Bevölkerung in einem wachsenden Bewußtsein und einer
weitverbreitete Unzufriedenheit gegenüber umweltschädigenden Bedingungen
wider.
Von nun an hatte sich die Lage der umweltpolitischen Vorstellungen in der
Öffentlichkeit entscheidend geändert. Die Anti-Atomkraftbewegung
beispielsweise, die eine lange zaudernde Öffentlichkeit endlich in Bewegung
gebracht hat und sodann zunehmenden Widerstand gegen den Plan der
Einrichtung eines großen Komplexes zur Atommüllentsorgung und
Nuklearforschung auf einer kleinen Insel leistete, nimmt in Korea einen
bedeutenden Stellenwert ein. Sie hat, was die positiven Effekte öffentlicher
Aufklärung betrifft, wesentliche Impulse eingebracht. Im Verlauf dieser
32
Entwicklung sind die wachsenden umweltbedingten Konflikte immer deutlicher
zutage getreten und zum Gegenstand heftiger Kontroversen geworden, so daß
ein moralisches Grundgerüst des Umweltbewußtseins in der Gesellschaft mit
einer Vision von der positiv verändernden Kraft einer offenen Demokratie
entstanden ist (Lee, D.-Y. 1993; Kim, H.-K./Shin, J.-O. 1994).
Seit Ende der achtziger Jahre wird dem Umweltbewußtsein, mit Hilfe des aktiven
Engagements der Ökologiebewegung als Promotor ökologischer Belange, eine
sehr viel stärkere Bedeutung beigemessen. Ein steigendes Umweltbewußtsein,
das die Folge von Alltagserfahrungen, Beobachtungen und Krankheiten, sowie
Ängsten ist, hat sich hierbei als unverzichtbares Instrument erwiesen und stärkt
die Veränderung zu umweltgerechtem Verhalten. Eine wesentliche Antriebsfeder
für das Engagement zugunsten der Umwelt lag vor allem in den langfristigen
Bemühungen um den Schutz aller umweltbezogenen Komponenten (Luft, Böden,
Wasser und Wälder usw.) und um den Abbau gravierender Umweltbelastungen,
die zu schwerwiegenden gesundheitlichen und ökologischen Schädigungen
führen.
Aktivitätsphase
Umweltprobleme haben zwar in der allgemeinen Problemwahrnehmung einen
hohen Stellenwert, aber in den neunziger Jahren haben sie gegenüber der
Priorität der wirtschaftlichen Krise etwas an Boden verloren, Umweltfragen werden
als zweitrangig angesehen (Kim, H.-K. 1994). Die ökologische Krise in Korea, die
sich heute in einer äußerst dynamischen Entwicklung befindet, hat kaum
abschätzbare Veränderungen zur Folge. Sie ist zum Teil durch destruktive Folgen
gekennzeichnet (Lee, S.-J. 1992b: 448). Die qualitativ immer gravierenderen
ökologischen Probleme werden in ihrer unüberschaubaren Komplexität
wahrgenommen (Kim, H.-K. 1994; Ku, D.-W. 1996).
So zeigt sich eine Tendenz in der Gesellschaft, ihre Ängste und ihren Zorn auf
Individuen zu projizieren, auf öffentliche Bilder der affektiven Betroffenheit; denn
es geht um den beträchtlichen Verlust der materiellen und immateriellen
Lebensbedingungen der Menschen (Kim, D.-S. 1995). Die Freisetzung von
gefährlichen Stoffen im Gefolge des ununterbrochenen Wirtschaftswachstums
33
und eine weitere Gefährdung der Gesundheit und Umwelt wird als nicht mehr
erträglich empfunden.
Die letzte Phase der neunziger Jahre wird allgemein als ökologische Wende
beschrieben (Ministry of Environment Repbulic of Korea 1996). Entsprechend der
ökologischen Situation hat sich die Regierung im Jahre 1990 entschlossen, das
„Office of Environment“ zum „Ministry of Environment“ zu erheben, um dessen
autonome Politik aktiv voranzutreiben. Obwohl Korea allmählich mit einer Fülle
von Gesetzen und Verordnungen auf verschiedene Umweltschädigungen
reagierte, nahm die Politik erst im nachhinein die allgegenwärtig negativen
Begleiterscheinungen der Umweltprobleme nach dem großen Umweltunfall wahr,
d.h. man war davon ausgegangen, daß es bisher in der Praxis an umfassenden
Handlungsinstrumenten fehlte.
Mit intensiven Bemühungen wollte die Regierung bei der Öffentlichkeit das
‘ramponierte’ Image der Umweltpolitik aufpolieren, um von politischen
Versäumnisse im Umweltschutz abzulenken und damit Vertrauen zu gewinnen.
Auch hat sie als politischer Entscheidungsträger klargemacht, daß die
umweltpolitischen Bereiche zusammen mit den verschiedenen gesellschaftlichen
Institutionen wirken und so effizient miteinander verzahnt werden können.
In der Tat hatte sich im Laufe der neunziger Jahre die Kooperation zwischen Staat
und den verschiedenen Nicht-Regierungsorganisationen in größerem Maße
verdichtet, wobei in erster Linie die notwendigen und auf die Zukunft gerichteten
umweltpolitischen Entscheidungen im gesellschaftlichen Konsens zwischen allen
Beteiligten in Angriff genommen wurden. Trotz vermehrter Bemühungen dauert
die Verschlechterung der Umweltqualität an, die in erster Linie auf die übermäßige
Ausnutzung der natürlichen Ressourcen zurückzuführen ist, und die mit der
Umweltkrise zusammenhängenden Anliegen werden oberflächlich und planlos
behandelt, d.h., es hapert bei der Umsetzung der Gesetze erheblich an
Durchsetzungskraft, erkennbaren Zielen, Sachkompetenz und Konzeptionen (Kim,
H.-K. 1994).
Zwar hat sich das Bewußtsein für die Notwendigkeit eines vorsorgenden Umwelt-
und Gesundheitsschutzes in den neunziger Jahren in Korea geschärft, auch ist
die individuelle Bereitschaft zu umweltgerechtem Verhalten gewachsen, diese
34
befindet sich aber mit den zur Erreichung der umweltpolitischen Zielen
notwendigen Änderungen häufig nicht im Einklang (Lee, S.-J. 1992b: 459; Yoon,
S.-S. 1997: 5). In erster Linie können umweltpolitische Pläne und ihr
Durchsetzungsvermögen wegen der Knappheit der finanziellen Mittel nicht
verwirklicht werden. Das vielbeschworene umweltpolitische Konzept ist daher in
den Anfängen steckengeblieben.
„Eine staatliche Umweltpolitik bei kapital- und technikdeterminierten Faktoren zum
Erhalt der ökologischen Systeme“ ist von entscheidender Bedeutung (Kim, H.-K.
1994: 196). Die Umweltpolitik in Korea beinhaltet überwiegend Bemühungen um
Reparaturmaßnahmen und Kontroll- sowie Regulierungsinstrumente als Antwort
auf die Vielzahl erkannter Umweltschäden und Naturzerstörungen (Kim, B.-W.
1994). Trotz relativ verbindlicher, umfassender Regeln und der damit
verbundenen Ausführungen gibt es noch beträchtliche Lücken und Mängel
hinsichtlich einer gesamtökosystematischen Perspektive und einer
angemessenen Berücksichtigung der Umweltpolitik. Darüber bestand eine
Kontroverse, die sodann vor allem zum Mißtrauen über Umweltpolitik und zur
existentiellen Sorge um die natürliche Lebenswelt in der Öffentlichkeit führte.
Insgesamt hat die Regierung die ganze Tragweite der umweltpolitischen
Herausforderungen noch nicht begriffen.
Aufgrund der nationalen Prioritäten wird in der politischen Praxis den
ökonomischen Interessen der Vorrang vor ökologischen Interessen eingeräumt,
um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und damit das langfristige Überleben
zu sichern (Ku, D.-W. 1996). Die zunehmende Sensibilität für Umweltprobleme
wird unter dem Druck traditioneller Wachstumspolitik und internationaler
Kostenkonkurrenz im Zeitalter der Globalisierung verdrängt. Das Gleichgewicht
zwischen wirtschaftlichem Fortschritt, ökonomischer Rationalität und Schutz der
Umwelt zu bewahren, ist Voraussetzung für umweltpolitische Entscheidungen.
Dies wird von der Regierung in Korea vernachlässigt, so daß die Auswirkungen
von Entscheidungen auf die Ökologie in der Politik nicht in Betracht gezogen
werden (Kim, H.-K. 1994: 196).
Das Ignorieren der mit der Umweltzerstörung zusammenhängenden Probleme ist
ein wesentliches Hindernis für eine umweltpolitisch geeignete
Entscheidungsfindung und Öffentlichkeitsarbeit. Um den Problemen zu begegnen,
35
bedarf es vornehmlich politisch überzeugender Ziele, die bislang der Bevölkerung
nicht mitgeteilt wurden. Die Anliegen des Umweltschutzes sind für die politischen
Entscheidungsträger fast nur noch eine Nebensächlichkeit, auf die sie mit
Passivität reagieren.
In den neunziger Jahren zeigen sich folgende Desiderate;
1. Verbesserung der Trinkwasserqualität und der Trinkwasserversorgung
2. Verbesserung der Umweltmanagementsysteme; Herstellung eines hohen
Sicherheitsstandards und Förderung der umweltfreundlichen und
ressourcensparenden Produktion in der Wirtschaft
3. Unterstützung einer konsequenten Weiterentwicklung und Anwendung
umweltverträglicher Technologien
4. Zu verbessernde Wertehaltung durch den sorgsameren Umgang mit der Natur
5. Umweltschonende Umgangsweise und Sparsamkeit mit den Ressourcen im Alltag,
insbesondere rationale Energienutzung, Abfallverminderung und Recycling von
Abfällen
6. Bemühungen um bessere Koordinierung der internationalen Zusammenarbeit im
Bereich der globalen Umweltprobleme
(Ministry of Environment Republic of Korea 1996: 53f.).
Die hier erwähnten Bereiche beinhalten keine langfristige Perspektive
ökonomischer und ökologischer Art. Betrachtet man sie im Hinblick auf die
Notwendigkeit einer integrativen Sichtweise zum Umweltschutz in Korea näher,
bemerkt man, daß verstärkt kapital- und technikdeterminierte sowie hygienische
Schutzmaßnahmen und deren Anwendungsmöglichkeiten festgelegt werden,
während in wesentlichen ökologischen Bereichen kein Augenmerk auf den Schutz
der Artenvielfalt und wertvoller Naturräume und auf die ständige Verminderung
der Versiegelung des Bodens etc. durch die Wirtschaftsmaschinerie gerichtet wird
(Kim, H.-K. 1994).
Es scheint darüber hinaus ein großes Defizit im Bereich der Erkenntnisse über
den Prozeß der Werte- und Bewußtseinsbildung zur Erreichung einer
grundlegenden Veränderung des Umweltbewußtseins hinsichtlich der
zerstörenden Eingriffe des Menschen in Natur und Umwelt zu bestehen.
36
Umsetzung und Konkretisierung der Einstellungen und Handlungsangebote sowie
Handlungsanreize werden im Prozgesellschaftlich ökologischer Umorientierung
im Rahmen der Bildungsarbeit nicht erarbeitet. Man hat inzwischen erkannt, daß
sich nach wie vor besorgniserregende Umweltkatastrophen ereignen, wodurch
hohe Anforderungen an die Verbesserung der Umweltqualität entstanden sind
und die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den umweltpolitischen Maßnahmen
gewachsen ist. Bis zum Ende der achtziger Jahre ereigneten sich die
Umweltunfälle vornehmlich auf dem Lande oder in Industriezentren.
Im Jahre 1991 hingegen gab es einen der größten, schwer kalkulierbaren
Umweltskandale in einer dicht besiedelten Stadt. Hier wurde das chemische Mittel
Phenol ohne Filterung in den Naktong-Fluß eingeleitet, so daß das ökologische
Ordnungssystem der Stadt mit unübersehbaren Folgen destabilisiert wurde (Ku,
D.-W. 1996: 267). Dies hatte insbesondere eine Vergiftung des Trinkwassers zur
Folge, was umweltbedingte Erkrankungen und verzweifelte Reaktionen in der
Bevölkerung wie Ängste, Befürchtungen, Auflehnung sowie Zorn mit sich brachte.
Die öffentliche Reaktion auf den Umweltskandal war gleichfalls geprägt von tiefem
Mißtrauen, Skrupeln und Zweifeln gegenüber der Industrie und der
umweltpolitischen Praxis, die als Affirmation einer schlechten ökologischen
Realität wahrgenommen wurden.
Dieser Skandal hatte ein Gefühl der Ohnmacht und des Nichtverständnisses
ausgelöst und gab der Öffentlichkeit Anlaß dazu, Gegenmaßnahmen von
politischen Instanzen zu beachten. Trotz sich verschärfender Umweltkonflikte
behielt das ökonomische Interesse Vorrang vor notwendigen umweltpolitischen
Maßnahmen (Lee, S.-J. 1992a: 336). Es wird deutlich, daß vor allem das
Umweltbewußtsein in Richtung einer Förderung erwünschter Verhaltensweisen in
umweltrelevanten Bereichen in inhaltlich-methodischer Hinsicht auf
gesellschaftlicher Ebene kaum berücksichtigt wird, während doch die Umrisse
einer zukunftsfähigen Entwicklung gezeichnet werden sollen.
Das Motto „dem Wirtschaftswachstum soll der Vorrang vor dem Umweltschutz
gegeben werden“ oder „Ökonomie geht vor Ökologie“ stellt bislang ein in der
Gesellschaft vorherrschendes Interesse dar, wonach der Umweltschutz das
Tempo des Wachstums verlangsamen kann und die negativen Folgen der zu
bewältigenden Umweltprobleme mit großtechnischen Maßnahmen konterkariert
37
werden (Bolscho/Michelsen 1996). Wirtschaftliche Priorität droht in Korea,
ökologische Fragen fast vollständig zu relativieren. Ökologie ist so zum
nachgeordneten Thema der Gesellschaft und des einzelnen Bürgers geworden.
Im allgemeinen hat „Ökologie als Thema im politischen Raum derzeit anscheinend
nur dann eine Chance, wenn sie im Bunde mit technischen Innovationen und
zukunftsträchtigen Märkten ins Feld geführt werden kann - falls überhaupt“
(BUND/Misereor 1996: 12).
Demnach sei das kontinuierliche Wachstum in Korea faktisch ein höchst
erstrebenswertes Ziel, mit dessen Hilfe vor allem sichere Arbeitsplätze und ein
entsprechend gestalteter Ausbau der Infrastruktur geschaffen werden.
Insbesondere breiten sich ökonomische Werte unentrinnbar in allen
Lebensbereichen aus und sind auch in den Dingen und Formen des Alltags
weiterhin dominierend. Die Natur als ökonomische Ressource ist immer aktiv
geformt von dem Mensch, der sie bildet. „Die beobachtete Tendenz würde
bestätigt, daß Natur Schritt für Schritt aus dem System der Ökonomie vertrieben
wird“ (Immler 1989: 22). Es liegt auf der Hand, daß einstweilen der Zustand der
natürlichen Umwelt durch die engeren Verflechtungen von menschlichen
Aktivitäten immer weniger mit den Bedürfnissen des Umweltschutzes in Einklang
gebracht werden kann.
Die politische Debatte über das konfliktträchtige Spannungsverhältnis zwischen
Ökonomie und Ökologie findet angesichts steigender wirtschaftlicher Unsicherheit
und der damit einhergehenden Angst in ungewöhnlich geringem Umfang statt,
obwohl die Umweltpolitik auch durch die UNCED-Konferenz in Rio (1992)
maßgeblich beeinflußt wird, bei der das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung
„Sustainable Development“ im Mittelpunkt steht (Harborth 1993; Der Rat von
Sachverständigen für Umweltfragen 1994; BUND/Misereor 1996)5. Die
5 Das Leitbild „Sustainable Development“ ist „eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart
befriedigt, ohne zu risikieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen
können“ (Hauff 1987: 46). „Mit diesem Leitbegriff verbindet sich die Erkenntnis, daß
umweltpolitische Probleme nicht isoliert von der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung betracht
werden können, sondern ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich ist“ (BUND/Misereor 1997: 24). Mit
dem Auftreten des Konzeptes „Sustaninable Development“ wird die Rechtfertigung der Verstärkung
38
argumentative Auseinandersetzung um die bessere Lösung der Zukunftsprobleme
im Hinblick auf die nachhaltige Entwicklung, wie im Einklang mit der Natur
gewirtschaftet werden kann, gehört ins Zentrum des Umweltproblems.
Der Ansatz der nachhaltigen Entwicklung hat seit Anfang der neunziger Jahre im
Leitbild von Koreas Umweltpolitik eine erstaunliche Karriere gemacht. Ungeachtet
der Etablierung des ökologischen Themas „nachhaltige Entwicklung“ in der
Gesellschaft klafft noch eine große Lücke zwischen dem Umweltbewußtsein der
Bevölkerung und der tatsächlichen Bereitschaft des Einzelnen zum konkreten
Engagement (Lee, S.-J. 1992b). Deutliche Anzeichen für die öffentliche Besorgnis
um die dramatisch abnehmende Qualität der Umwelt kommen erst als Ergebnis
einer Forderung von umweltverantwortlichem Bewußtsein zustande, und zwar
einer Forderung nach starkem gesellschaftlichen Engagement und Verpflichtung
auf die Belange der Umwelt im weitesten Sinne. Es kann gleichzeitig in
entsprechendes Verhalten, „den Lebensstil oder den Alltagbetreffend, umgesetzt
werden (Poferl/Schilling/Brand 1997).
Dementsprechend hat die Zahl der Umweltorganisationen im Laufe der Zeit mit
raschem Tempo beträchtlich zugenommen6. Sie prägen maßgeblich die
der Umweltbildung im allgemeinen anerkannt, wo desgleichen erhöhte Partizipation und die
Unterstützung durch die Bürger und die gesellschaftlichen Gruppen in der Öffentlichkeit unter allen
Umständen unverzichtbar sind. Es ist festgestellt worden, daß nachhaltige Entwicklungen in den
vergangen Jahren im Mittelpunkt nicht nur der meisten umweltpolitischen, sondern auch der
umweltpädagogischen Diskussionen standen.
6 Eine kontinuierlich zunehmende Zahl von Umweltorganisationen hängt unmittelbar mit dem tief
verwurzelten Mißtrauen und der Unzufriedenheit gegenüber der Umweltpolitik einerseits und dem
grundlegenden Demokratisierungsprozeß andererseits zusammen (Lee, S.-J. 1992a; Ku, D.-W.
1996). Die Probleme bei den Umweltgruppen liegen in der fehlenden Koordination durch
Zusammenarbeit, in der mangelnden Abstimmung über gemeinsame Strategien zu bestimmten
Umweltschutzthemen, der unzureichenden Professionalität, sowie der Tendenz zur Ideologisierung.
Trotz einer erheblichen Diskrepanz in den Hauptanliegen den Umweltschutz betreffend steht
insbesondere am Ende der achtziger Jahre die Organisation „Korean Federation for Environmental
Movement“ an erster Stelle, die sich mehr an politischen als an ökologischen Motiven orientiert
39
Entwicklung und Gestalt des breiten gesellschaftlichen Konsenses in
Zusammenhang mit der Förderung eines besseren Umgangs mit der natürlichen
Umwelt und einer zukunftsorientierten Entwicklung und werden nach Tendenzen,
Gruppen und politischen Haltungen sowie Ursachenbewertung von
Umweltproblemen klassifiziert, obwohl es auch hier unterschiedliche Bewertungen
gibt (Lee, S.-J. 1992a; Kim, B.-Y. 1994; Ku, D.-W. 1996).
Die zunehmende Verbreitung der Ökologiebewegung verdankt den rasanten
Fortschritt und das größere Engagement ebenfalls wesentlich dem sich
aufbauenden gesellschaftlichen Interesse an der Umwelt. Sie begann sich
verstärkt Großprojekten wie dem Bau von Atommüll-, Abfallanlagen und auch
Flughäfen zuzuwenden und entwickelte hierbei eine Zusammenarbeit und
Mobilisierungsstruktur der beteiligten Gruppen untereinander (Lee, S.-J. 1992b;
Ku, D.-W. 1996). Auffallend ist, daß es sich bis zum Ende der achtziger Jahre in
erster Linie um örtlich und räumlich sehr begrenzte Fälle von
Umweltverschmutzung gehandelt hat. Immer wieder wird deutlich, daß allmählich
über lokale und regionale Probleme hinaus die Wahrnehmung und das Interesse
an sich global auswirkenden Umweltentwicklungen wie der irreversiblen
Schädigung der Ozonschicht, der Zerstörung des primären tropischen
Regenwaldes und den Klimakatastrophen durch den Treibhauseffekt sowie der
Übernutzung der Biodiversität geweckt wird (Lee, S.-J. 1992b: 448; Ku, D.-W.
1996: 158; Yoon, S.-S. 1997).
Initiativen, die von der Gesellschaft der Umweltorganisationen und deren
Bemühungen um Aufklärungskampagnen ausgehen, sind gezwungen,
(Kim, B.-W. 1994: 212). Ihre Entstehung bedeutete den bescheidenen Anfang einer professionellen
Organisation für Umweltschutz. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Informationen über
industrielle Umweltverschmutzung zu sammeln und in einem radikalen Wandel der
Ökologiebewegung unmittelbar mit Bewohnern in den betroffenen Regionen gegen die
Umweltverschmutzung zu kämpfen. Dieser Gruppe kommt mittlerweile eine bedeutende Rolle bei
der Förderung des Umweltbewußtseins in der Bevölkerung und im Bereich der politischen
Einflußnahme zu. Es darf hierbei auch nicht übersehen werden, daß Nicht-
Regierungsorganisationen im außerschulischen Bildungsbereich ohne Zweifel eine wachsende
Bedeutung zukommen.
40
einschneidende Veränderungen des Umweltschutzkonzeptes zu bewirken und
dessen besondere politische Programme im Rahmen der ökologischen und
ökonomischen Basis zu verbessern bzw. zu verstärken. Die Ökologiebewegung ist
in eine neue Phase eingetreten, wo sie sich über die Dimensionen von
Entschädigungsmaßnahmen hinaus immer wieder mit hohen Erwartungen von
Gesellschaft und Umwelt konfrontiert sieht (Lee, S.-J. 1992a: 339). Sie bietet
immer grundsätzlich gute Möglichkeiten, um auch sich wandelnde und neue Ziele
des Umweltschutzes, und die damit verbundenen Lösungsperspektiven für die
Überwindung der Umweltprobleme in der Gesellschaft konstruktiv umzusetzen.
Nun ist nicht zu übersehen, daß die Umweltorganisationen versuchen, die
außerschulische Bildungsarbeit als eine ihrer Hauptaufgaben anzusehen, weil
dadurch das Umweltbewußtsein in der Öffentlichkeit verstärkt geweckt werden
kann. Bei Initiativen der Bildungsprogramme spielen sie eine zunehmende Rolle in
der Arbeit vor Ort, insbesondere auf dem Dorf und in konfliktbeladenen Regionen.
Man gewinnt doch immer den Eindruck, daß die Umweltorganisationen allein nicht
in der Lage sind, von sich aus den grundlegenden Umweltprobleme zu lösen,
weshalb die Erwartungen aber auch durch eine realistischere Sicht eingeschränkt
werden. Die Umweltorganisationen widmen sich nämlich den sich aus den
gesellschaftlichen Widersprüchen ergebenden strukturellen
Umweltbeeinträchtigungen.
Das Haupthindernis liegt in den ökonomischen und politischen Zuständen
einerseits, der Konzeptlosigkeit angesichts der Bewältigung der Problematik
andererseits, sowie in der Herangehensweise an die tatsächliche Teilnahme an
Programmen und an den politischen Entscheidungsprozessen (Kim, B.-W. 1994;
Lee, D.-Y. 1994). In dieser Phase der Ökologiebewegung war es notwendig, nicht
nur bestimmte umweltschutz- und gesundheitsbezogene Zielvorstellungen zu
verfolgen, sondern auch die Suche nach Leitbildern für die nachhaltige
Entwicklung von Natur und Umwelt aufzunehmen.
Der steuernde Einfluß der Umweltorganisationen, die nun zur treibenden Kraft der
ökologischen Erneuerung wurden, ist heute so stark wie nie zuvor und hat seine
Wirkung auch auf das breitere Publikum nicht verfehlt. Dennoch hat die
Ökologiebewegung in den letzten zehn bis zwanzig Jahren ihr Aussehen
gewandelt (Ku, D.-W. 1996). Sie erhält das aufrecht, was von der Wirtschaftsfrage
41
am heftigsten verdrängt wird, und befindet sich in Korea in einem Dilemma. Eine
aktive Tätigkeit im Umweltschutz verliert zusehends an Attraktivität und Prestige.
In Zeiten der Globalisierung, die zwingend zur schroff verschärften
Wettbewerbsfähigkeit führt, droht die Umweltpolitik in Korea zu scheitern. Die
permanente Ausdehnung und Beschleunigung anthropogener Eingriffe in die
Umwelt und die Nutzungsintensität erneuerbarer Ressourcen werden durch die
stetig steigende Produktion und den Konsum massiv verstärkt. Angesichts der
rapiden voranschreitenden Globalisierung hat der Umweltschutz keine
nennenswerte Bedeutung ebensowenig wie Versuche, aktiv auf eine
Handlungsfähigkeit der Gesellschaft in besonderer Weise einzuwirken.
Ein deutlicher Fortschritt in der Ökologiebewegung in Korea ist, daß mehr Gewicht
auf das bessere Verständnis ökologischer Gesetzmäßigkeiten gelegt wird als auf
Steuerung und Bereitschaft zum Handeln „durch Massenmedien, repräsentative
Umfragen und Sprecher verschiedenster Provenienz“ (Kriesi/Giugni 1996: 339).
Man kann auch nicht behaupten, daß eine erhebliche Zunahme der
Umweltberichterstattung in Korea unmittelbar zum Anwachsen der
Ökologiebewegung führt. Unabdingbar ist hier eine stärkere Beteiligung der
Bevölkerung und eine längerfristige verbindliche Zusammenarbeit mit den
einschlägigen Netzen zur Realisierung der konkreten Umsetzungsstrategien und -
programme.
Die Ökologiebewegung in Korea, die offenbar auf eine Veränderung des
Umweltbewußtseins abzielt, wird in der Öffentlichkeit positiv beurteilt (Lee, D.-Y.
1994; Ku, D.-W. 1996). Im Verlauf der Jahre hat sich der allgemeine Aufstieg und
Niedergang der Ökologiebewegung in Korea stärker kristallisiert. Vier
Entwicklungen sind es, die in der Ökologiebewegung in Korea insgesamt in einem
schwächeren Mobilisierungszyklus stattfanden und wie folgt zusammengefaßt
werden können: erstens gab es nur die Bewegung des Ausgleich für die durch die
Industrialisierungsprozesse entstandenen Schäden in den betroffenen Regionen
und keine professionellen Umweltorganisationen; zweitens eine relativ enge
Vernetzung zwischen der Umweltorganisation und den betroffenen Einwohnern,
die durch industrielle Umweltschäden geschädigt wurden; drittens die Vielfältigkeit
politischer Aufklärung nicht nur als Widerstand gegen die Marginalisierung der
Umweltpolitik, sondern auch als umweltfreundlich geprägtes Konsum- und
Lebensverhalten sowie viertens die Vertiefung der praktischen Kooperation
42
zwischen dem Staat und den Umweltorganisationen, Interesse an der globalen
Umweltsituation und danach ein allmähliches Nachlassen des Einflusses der
Fragen des Umweltschutzes auf die öffentliche Wahrnehmung aufgrund der
wirtschaftlichen Stagnation (Kim, B.-W. 1994; Kim, H.-K. 1994; Ku, D.-W. 1996).
Wo immer schon in den letzten Jahrzehnten Aufklärungsarbeit zu leisten war,
sieht man sich hauptsächlich auf durch Medien und Bildung eröffnete
Möglichkeiten des Transfers von Informationen und Sachwissen verwiesen.
Festzustellen ist jedoch schließlich; was am Umweltbewußtsein in der
Bevölkerung gewachsen ist, ist zu einem erheblichen Teil ohne Zweifel auf den
Einfluß der Medien zurückzuführen (Ku, D.-W. 1996: 94). „Im Rahmen von
Umweltpolitik haben immer auch bildungspolitische Aspekte eine Rolle gespielt,
wenngleich bisher nicht an zentraler Stelle. Umweltbildung wird als sogenanntes
persuasives Instrument verstanden, das sich an den einzelnen Menschen wie
auch an unterschiedliche Lebensstilgruppen wendet“ (de Haan u.a. 1997: 4).
Im großen und ganzen wurde der Umweltbildungsbereich, der ohnehin nur sehr
begrenzt gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken in der Lage ist, in den
letzten 40 Jahren in Korea zugunsten sozio-ökonomischer und politischer
Interessen vernachlässigt (Choi, S.-J. et al. 1997). Es stellt sich also die Frage,
wie der Umweltschutz in allen Lebens- und Gesellschaftsbereichen
funktionstüchtig zu machen ist und die fehlende Aufklärungsarbeit im
Bildungssektor im Rahmen der politischen Praxis bewältigt werden soll, um
umweltfreundliche Werte, Einstellungen und Handlungsfähigkeit kontinuierlich und
systematisch vermitteln zu können. Der Stellenwert von Umweltbildung hängt von
staatlicher Umweltpolitik ab. Denn „sie ist als Teil von Umweltpolitik zu verstehen
und in der Lage, entsprechende bildungsrelevante Maßnahmen zu ergreifen“
(Bolscho/Michelsen 1997: 81).
Die Gesamtbilanz der Umweltpolitik in Korea hat sich bisher meist als Prozeß von
„trial and error“ erwiesen und sieht ziemlich dürftig aus, solange die Politik dem
ungezügelten Wettbewerb keine ökologisch begründeten Richtungen setzt (Kim,
H.-K. 1994: 199). Denn durch die Ausdehnung und Beschleunigung
anthropogener Eingriffe müssen die überwiegend verheerenden Folgen für die
Natur als ökologisch kontraproduktiv und schädlich und gesellschaftspolitisch
gefährlich gekennzeichnet werden. Es scheint, als ob sich die Umweltpolitik in der
43
Tat ruckweise bewege. Die immer stärker vorherrschende Tendenz wird also eher
durch die Vorrangigkeit der Ökonomie noch verstärkt.
Beispielsweise gibt es zwar eine Art von gesellschaftlichem Konsens über die
Bedeutung von Umweltbildung, daraus folgt aber zuwenig konkrete Umsetzung in
der politischen Praxis. Eine Verpflichtung „zum Schutz der Umwelt und zur
Einbeziehung ökologischer Überlegungen in die Entwicklungsplanung“ wird in
verschiedenen Bereichen des Umweltschutzes freilich noch weitgehend
vernachlässigt (Hauff 1986: 8). Umweltprobleme insbesondere in Korea und ihre
sozio-ökonomischen, ökologischen und politischen Auswirkungen werden von der
Gesellschaft noch nicht richtig eingeschätzt. „Gerade in bezug auf
Umweltprobleme hat die herkömmliche Diskussion (und die darauf aufbauende
Politik) vermutlich mehr Verwirrung als Klarheit geschaffen“ (BUND/Misereor
1996: 374).
So hat sich der Zustand der Umwelt nicht verbessert, in manchen Bereichen
sogar weiter verschlechtert, obwohl sich nach 1990 das Umweltbewußtsein in der
Öffentlichkeit in Folge der Ansprüche auf bessere Lebensqualität beträchtlich
erhöht hat (Lee, S.-J. 1992a). Mit dem nachsorgenden Umweltschutz, den die
bisherigen politischen Anstrengungen nicht einmal hinreichend hervorgebracht
haben, ist es nicht getan, vielmehr ist für ein Umweltschutzprogramm ein höheres
Maß an Politik erforderlich. Der bislang dominierende Stil der Umweltpolitik hat auf
diesem Gebiet wenig Wirkungsvolles vollbracht.
Insgesamt hängt die strukturell labile Umweltpolitik in Korea davon ab, wie es
gelingt, die in einer konfuzianisch geprägten Wirtschaftspolitik exportorientierte
Entwicklung besser voranzutreiben (Kim, H.-K. 1994). Die sich am
Konfuzianismus orientierende Wirtschaftspolitik ist ein entscheidender politischer
Faktor in Form einer unentrinnbaren ethischen Begründungszwangslage durch
Verordnung immer von oben nach unten, um einen wirtschaftlichen Vorsprung zu
wahren. Es ist daher nicht statthaft, daß insbesondere in der Arbeitswelt durch
Modernisierungsprozesse eigene Freiheit und Flexibilisierung dauerhaft eingeführt
werden. Es gibt in dieser Hinsicht politische Ausnahmen im Umweltbereich in
Korea.
44
„Insofern spiegelt sich in einer Initiative auf staatlicher Ebene die Einsicht, daß
Umweltpolitik nicht auf technische Lösungsvorschläge beschränkt bleiben kann,
sondern daß gleichermaßen Akzeptanz und Wahrnehmung umweltpolitischer
Strategien durch die Menschen einbezogen werden müssen“ (Bolscho/Seybold
1996: 48). In der allgemeinen Enttäuschung in der Öffentlichkeit über den Verlust
an Bedeutung und gesellschaftlichem Bezug liegt der ausschlaggebende Grund,
weshalb sich keine klaren Perspektiven und keine Basis eröffnen, von der aus
sich ökologische Risiken und die damit einhergehenden Folgewirkungen und
Affekte bewältigen lassen.
In der Umweltpolitik, die wirkungsvoller gemacht werden soll, bedarf es einer
umfassenden Neuorientierung nicht nur der gesellschaftlichen Ansprüche,
sondern auch der praktischen Umsetzung individuellen Verhaltens in bezug auf
die Rationalität der politischen Strategien und Verläßlichkeit der
Kontrollstrukturen. Ohne Zweifel: Immer neue Wege zu finden, den wachsenden
Sorgen der Menschen gegenüber der weit verbreiteten ökologischen Gefahren mit
Bildung zu begegnen, ist Verpflichtung der staatlichen Umweltpolitik.
1.2 Grundlagen der Orientierung des Umweltbewußtseins in der
Bildungsarbeit
1.2.1 Das Umweltbewußtsein als Motor der gesellschaftlichen Dynamik und
seine Fortschritte in Korea?
Bisher wurden unternommen, Grundzüge der Umweltpolitik und der damit
verbundenen Ökologiebewegung in Korea vorgestellt. Auch Aspekte des
Umweltbewußtseins wurden bereits wiederholt angesprochen. Es sollen nun
aktuelle wissenschaftliche Theorien und Befunde zum Umweltbewußtsein zur
Diskussion gestellt und in ihren Anwendungsmöglichkeiten für die
Umwelterziehung herausgearbeitet werden. Es soll weiterhin gezeigt werden,
welche Aspekte der Erziehungswissenschaften von Bedeutung sind, um daraus
Konsequenzen für die gesellschaftskritische Beobachtung von Umweltproblemen,
für die entsprechenden Konzeptionen und die zweckmäßige und rationale
45
Zielsetzung der Umwelterziehung ableiten zu können, die von der Politik allzu
häufig verraten werden.
Im folgenden sollen Bedingungen und Problemstellungen der bisherigen Studien
zum Umweltbewußtsein in Korea innerhalb der unaufhörlichen technisch-
ökologischen Umwälzungen und der damit zusammenhängenden
Rahmenbedingungen systematisch resümiert werden. Vor diesem Hintergrund
stellt sich die Frage, wie vielfältige und fruchtbare Anreize für eine breit angelegte
Umwelterziehung als Kernstück im Rahmen einer umfassenden schulischen
Bildung gegeben werden können. Sowohl auf die theoretischen Arbeiten als auch
auf empirische Ergebnisse ökologischer Thematisierung wird eingegangen
werden.
Um die Verwirrung durch die vielfältigen Perspektiven und Überlegungen in den
theoretischen und empirischen Studien zu vermeiden, ist es sinnvoll, den
Terminus Umweltbewußtsein zunächst zu definieren. Umweltbewußtsein,
ökologische Wertvorstellungen, umweltgerechtes Handeln und ähnliche Begriffe
werden zwar in der öffentlichen Diskussion und den politischen Programmen
vielfach verwendet, sind aber in der wissenschaftlichen Literatur nicht einheitlich
definiert (Langheine/Lehmann 1986; Dierkes/Fietkau 1988). Auch sind sie
mittlerweile als feste Bestandteile der Alltagssprache etabliert, die durch
Information, gelenkte Beobachtung und unmittelbare Erfahrung vermittelt werden
(Urban, 1986; Dierkes/Fietkau 1988; Bolscho/Eulefeld/Seybold 1994; de
Haan/Kuckartz 1996; Poferl/Schilling/Brand 1997).
Im Jahre 1978 definierte der Sachverständigenrat für Umweltfragen den viel
benutzten Begriff des Umweltbewußtseins als „die Einsicht in die Gefährdungen
der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen durch diese selbst, verbunden
mit der Bereitschaft zur Abhilfe“ (Der Rat von Sachverständigen für Umweltfragen
1978: 445). In dieser Beschreibung werden allerdings zwei Dimensionen „Einsicht“
und „Bereitschaft“ berücksichtigt. „Einsicht setzt bestimmtes, wie immer
strukturiertes Wissen voraus. Bereitschaft deutet auf Verhaltensdispositionen hin,
die in bestimmtem sozialen Kontext zu tatsächlichem Handeln werden können.
Beide Bereiche sind für Bildung von unmittelbarer Bedeutung“
(Bolscho/Eulefeld/Seybold 1994: 79).
46
Im großen und ganzen spiegeln sich in dem vom Rat von Sachverständigen für
Umweltfragen formulierten Umweltbewußtseinbegriff die Verunsicherungen und
äußeren Gefahren des Menschen wider, die durch die ökologischen Ereignisse
und die wissenschaftstheoretischen Diskussionen des letzten Jahrhunderts
hervorgerufen werden. Das Umweltbewußtsein, das auf ökologische
Veränderungen der Gesellschaft hinweist, ist gebunden an unterschiedliche
Wahrnehmungen und Gefühle von Risiken und Gefahren, die nicht zuletzt jedes
Individuum mit seinen jeweiligen Präferenzen auszeichnen. Dadurch entscheidet
es sich für ein bestimmtes Handeln und setzt es daraufhin in die Tat um (Kim, D.-
S. 1995).
Es ist weitgehend üblich, Umweltbewußtsein nach Billig (1995) als aus den
folgenden drei Dimensionen bestehend zu erfassen:
- „kognitiv über die faktischen Wissen bzw. das Verständnis für ökologische
Sachverhalte;
- affektiv über die persönliche Betroffenheit durch Umweltprobleme und zwar sowohl
faktisch (durch Lärm, Staub, Abgase etc.) als auch gefühlsmäßig in Form von
Ängsten;
- konativ über die Handlungsbereitschaft als verbalisiertes Verhalten“
(Billig 1995: 87).
Vor allem hat Umweltbewußtsein seine Entstehung der konkreten Ausgestaltung
in einer effektiven Umweltpolitik, der regsamen Aktivität der Umweltgruppen und
der wachsenden Sorge um den Zustand der elementaren Lebensgrundlagen in
der Öffentlichkeit zu verdanken (Fietkau 1987: 293; Yang, J.-H. 1992: 114).
„Umweltpolitik hat bis heute mit Nutzungs- und Interessenkonflikten zu tun, die
zwischen einer extensiven und einer eher behutsamen Nutzung natürlicher
Ressourcen durch den Menschen schwanken. Im Umweltbewußtsein von
Menschen stellt sich die Bewertung solcher Konflikte als abhängig von der
Wahrnehmung des Konfliktes, von Vorerfahrungen, von Wissen, von
Eigeninteressen, von Werten, also insgesamt von Merkmalen des sozialen
Kontextes dar“ (Bolscho/Seybold 1996: 41).
47
Umweltbewußtsein ist so ein relativ kompliziertes theoretisches Konstrukt, mit
dessen Hilfe gesellschaftliche Anforderungen zum Ausdruck gebracht werden. Es
ist von verschiedenen gesellschaftlichen Faktoren abhängig und enthält keine
statische Größe, die in einer spezifischen Population zu einem bestimmten
Zeitpunkt rechnerisch ermittelt werden kann. Insofern ist es im Wertekanon einer
Person oder einer gesellschaftlichen Gruppe kein isolierter Sachverhalt und steht
in Verbindung mit anderen persönlichen und gesellschaftlichen Werten und
bewußten Lebensführungen der Öffentlichkeit (Fietkau 1987: 295). Es ist vielmehr
erforderlich, daß Umweltbewußtsein jeweils in die Entwicklungsbedingungen z. B.
seine „struktuelle(n) Veränderungen, gesellschaftliche(n) Ursache und
sozialpsychologische(n) Folge“ zu integrieren bzw. mit ihnen zu konfrontieren ist
(Dierkes/Fietkau 1988: 13). Des weiteren ist es eine auf gesellschaftlichen
Bewertungen beruhende Handlungsdisziplin, die ihre zentrale Aufgabe in den
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für ein prinzipiengeleitetes Handeln
erfüllen kann (Kim, D.-S. 1995).
Die theoretischen und empirischen Studien zum Umweltbewußtsein in Korea sind
erst am Anfang der achtziger Jahre aus umweltpolitischen Gründen entstanden.
„Da vor 1980 keine Grundlagenforschung für das Umweltbewußtsein in den
wissenschaftlichen Disziplinen und Lehrbetrieben vorhanden war“ (Bae, K.-H.
1991: 78), sind insgesamt die bisherigen empirischen Forschungen mit
besonderem Interesse an ökologischen Fragen in den wissenschaftlichen
Bereichen sporadisch, so daß ihre systematische Erforschung nicht weiter
betrieben wird (Kim, D.-S. 1995: 2; Kim, D.-S. 1995: 35). Bis dato blieben die
Analysen der Ergebnisse im einzelnen auf einer sehr anfänglichen Stufe, wobei
ohnehin Zusammenhänge mit einfachen Häufigkeits- und Kreuztabellen angeführt
wurden (Yang, J.-H. 1992: 97; Kim D.-S. 1995).
In dieser Phase gab es eine Reihe von Versuchen Intellektueller zur Besinnung
auf die Funktion ökologischer Theorie und Praxis. Demnach wurde das Ausmaß
der akuten Umweltgefährdungen von einem großen Teil der Bevölkerung und von
der Politik nur in oft winzigen Ausschnitten empfunden. Zugleich fehlten dazu die
umweltorientierten Zielsetzungen und Anleitungen, mit den Ressourcen
sachgerecht umzugehen oder sogar zum Teil ökologische Verantwortung zu
übernehmen.
48
In der Politik wurde dann entsprechend reagiert, wenn die gesellschaftlichen
Probleme wie z. B. die Umweltfrage in der Öffentlichkeit deutlich erkannt und
durch Massenmedien schnell und weiter verbreitet wurden. Denn die realen
ökologischen Konsequenzen der mehr oder weniger absichtlichen und eklatanten
Vernachlässigung des umweltpolitischen Handlungsbedarfes und dessen Folgen
haben seit längerem eine sehr verderbliche Wirkung in Form von Gefährdung
oder Vernichtung natürlicher Ressourcen (Kim, B.-W. 1994; Kim, H.-K. 1994). Die
Atmosphäre, die ein Bewußtsein für die Wichtigkeit des Schutzes des natürlichen
Reichtums der Erde in der Gesellschaft wecken will, entsteht im Kontext der
politischen Möglichkeiten und Erfordernisse, durch die man in der Lage ist, eines
oder mehrere inhaltliche Ziele in vielfältiger Weise zu formulieren.
Angesichts der zunehmenden ökologischen Forderungen und des damit
einhergehenden wachsenden Interesses an der Umwelt wurden erst nach 1980
die im Auftrag des Umweltministeriums von Korea geforderten
Repräsentativerhebungen zum Thema Umweltschutz 1982, 1987 und 1990 sowie
1995 durchgeführt, um die grundsätzliche Ausrichtung der Umweltpolitik und die
umweltschutzrelevante Gesetzgebung zu unterstützen. Vor vornherein stehen
aber hier „die realistische Einschätzung und Akzeptanz umweltpolitischer Anliegen
und die Zufriedenheit mit einzelnen Aspekten der Umweltsituation für die
zukünftige Veränderung der Gesellschaft“ im Vordergrund (Ministry of
Environment Republic of Korea 1995: 24).
Ihr primäres Ziel ist es, ein neues Prinzip der am Wohlstandsmodell orientierten
umweltgerechten Entwicklung und Beeinflussung in Verbindung mit dem
Wirtschaftswachstum und mit der Verbesserung der menschlichen
Lebensgrundlagen aufzuzeigen. Es ist nicht primär von wissenschaftlich-
theoretischem Interesse, sondern im wesentlichen gekennzeichnet von
„Informations- und Argumentationszwecken für Politik und Öffentlichkeit“ (Kösters
1993: 144; vgl. Lecher 1997: 65), die als Entwicklungsgrundlage zu
umweltrelevanten Einstellungen und Verhaltensweisen sowie Ausbildung der
subjektiven Wahrnehmung und Bewertung des Umweltzustandes angesehen
werden müssen (Ministry of Environment Republic of Korea 1995). In der Tat geht
es unter dem Druck öffentlicher Proteste um einen Schritt auf dem Weg zu einer
49
effektiven und im Hinblick auf Zukunftsfragen konsensfähigen Umweltpolitik,
deren wirksame Ziele und Mittel mit den Händen zu greifen sind.
Die in Korea zur Verfügung stehende Umweltbewußtseinsforschung ist durch
Bevölkerungsumfragen vorwiegend in den sozialwissenschaftlich angelegten
Untersuchungen von Bae, Kyu-Han (1991) und Yang, Jong-Hoe (1992)
durchgeführt worden (Ku, D.-W. 1996: 98). Im Verhältnis zu westlichen
Industrieländern sind derartige methodische und theoretische Arbeiten zur
Entwicklung von Instrumenten zur Messung des Umweltbewußtseins in Korea
noch relativ wenig zu finden. Den beiden repräsentativen Untersuchungen ist
zunächst zu entnehmen, daß versucht wird, die verschiedenen ökologisch
relevanten Fragestellungen zu analysieren.
Trotz der unterschiedlich definierten und operationalisierten Untersuchungen zum
Umweltbewußtsein lassen sich zunächst die inhaltlichen Themenfelder der
Fragebögen zu empirischen Befunden allgemein folgenden Bereichen zuordnen:
- wachsende Besorgnis über Umweltprobleme
- Bewertung der Wichtigkeit der Umwelt im Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen
Problemen
- Ausmaß für politische Maßnahmen gegenüber Umweltverschmutzung, Interesse an
wahrgenommenen psychischen Umweltbelastungen
- Ausmaß der Unterstützung von Umweltschutzmaßnahmen im Rahmen der
technologisch-naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte, sowie
- Prioritätensetzung zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum
(Bae, K.-H.: 1991; Yang, J.-H.: 1992).
Bei der Umfrage von Bae stehen hauptsächlich die Bevorzugung politischer
Maßnahmen mit klar zurechtgeschnittenen sozioökonomischen Anreizen, das
dominierende Wachstumsdenken betreffend der Umweltverschmutzung durch
raumzeitlich eingrenzbare Alltagserfahrungen gegenüber, während sich Yang mit
bestimmten soziodemographischen Determinanten wie z. B. Alter, Geschlecht,
Wohnort, Bildung und Einkommen sowie Beruf aus unterschiedlichen Milieus,
Betroffenheit durch Belastungen und Interessenstandpunkt zur
Umweltproblematik in mehr oder weniger starkem Maße beschäftigt (vgl.
50
Langeheine/Lehmann 1986; de Haan/Kuckartz 1996; Poferl/Schilling/Brand 1997:
61).
In beiden Befragungen geht es insbesondere darum, die Sichtweise der
Bevölkerung zu erheben und damit zu überprüfen, ob und inwieweit nachhaltige
Fortschritte bzw. Verbesserungen im Bereich des Umweltschutzes überhaupt zur
Kenntnis genommen werden. Demnach bilden die oben angeführten
Themenfelder keinen spezifischen Gegenstandsbereich, sondern eine allgemein
soziologische Perspektive im Rahmen der ökonomischen Bezüge. Es wird immer
deutlicher, daß nicht zuletzt „verschiedene Messungen des ökologischen
Bewußtseins unterschiedliche Schlußfolgerungen hinsichtlich der Stärke und zum
Teil sogar der Richtung einzelner Einflußfaktoren nahelegen. Auch die Diagnose,
wie sich das Umweltbewußtsein in der Bevölkerung im Zeitablauf entwickelt hat,
hängt von der Art seiner Messung ab“ (Preisendörfer/Franzen 1996: 226).
In bezug auf das allgemeine Phänomen des Umweltbewußtseins läßt sich
folgendes festhalten: Umfragen zum Umweltbewußtsein zeigen, daß nach 1980
der überwiegende Teil der Bevölkerung in Korea kontinuierlich zu einem größeren
Umweltbewußtsein gelangt ist und die ökologische Situation durchweg als ernst
wahrgenommen hat (Bae, K.-H. 1991; Yang, J.-H. 1992). Die Bevölkerung glaubt,
daß sich die Umweltsituation noch verschlechtern wird, und daß deren Haltung in
Zukunft noch kritischer und skeptischer sein wird (vgl. auch Ministry of
Environment Republic of Korea 1995).
Einschlägige Untersuchungen belegen, daß fast allgemein die Ansicht geteilt
wurde, die Bevölkerung würde sich gewissermaßen selbst als Opfer gegenüber
den Umweltproblemen fühlen (Kim, D.-S. 1995). Die kritische Einstellung
gegenüber den Umweltproblemen, die sich in den letzten Jahren ausbreitet, hat
einen realen gesellschaftspolitischen Hintergrund in der ökologischen Situation in
Korea mit den unbeabsichtigten Folgen, daß das physische und psychische
Unbehagen verstärkt wird (Bae, K.-H. 1991; Yang, J.-H. 1992).
Aus der persönlichen Betroffenheit, Erfahrung und einer ungewöhnlich hohen
Sensibilisierung für die Umweltproblematik wie die Gesundheit des Lebensraums
vieler gefährdeter Tiere und Pflanzen ergibt sich, daß die Bevölkerung hinsichtlich
der regionalen Situation und Lebenswelten sowie der Formen und Arten der
51
Umweltbelastungen sehr unterschiedlich reagiert (Kim, D.-S. 1995;
Bolscho/Seybold 1996). Verschüttete Angst vor öffentlichem Unmut, tiefsitzende
Auflehnung und Zorn über bedrängende ökologische Realitäten und die Art, wie
sich die mit der Priorität wachstumsorientierter Wirtschaftspolitik angerichteten
ökologischen Schäden mit den Existenzfragen der Einwohner unmittelbar
verbinden, tritt zum Teil sowohl in den Medien, als auch in der Wissenschaft
zutage (Yang, J.-H. 1992: 90). Das beunruhigende Gefühl, die ständige
Bedrohung und Zukunftsangst vor der ökologischen Katastrophe sind aus den
Umweltproblemen samt ihren verheerenden Begleiterscheinungen entstanden. In
dieser strategischen Situation ist es unerläßlich, durch pädagogische Aufklärung
zu wirken, die den Menschen dazu verhelfen kann, umweltfreundliche
Einstellungen in der Gesellschaft zu schaffen.
Die in der empirischen Forschung zum Umweltbewußtsein sichtbare Tendenz ist
allgemein zu beobachten, daß man sich durch Verschlechterung der
Umweltsituation in starkem Ausmaß persönlich beeinträchtigt fühlt. Persönliche
Erfahrung und die Beurteilung ökologischer Risiken hängen mindestens ebenso
sehr von der Kontinuität des Bewußtseins eines Individuums hinsichtlich seiner
verhaltensprägenden Einstellungen und Erlebnisse ab (Kim, D.-S. 1995). Solche
Erkenntnisse zeigen, daß die unmittelbar persönliche Disposition und Intention
zwar „nicht notwendige Voraussetzung für die Artikulation politischer
Forderungen“ sind, daß sie jedoch eine entscheidende Rolle für das praktische
Interesse an und Engagement für Umweltfragen spielen (Fietkau/Kessel 1981:
374).
Trotz eines kontinuierlichen Zunehmens des Umweltbewußtseins kann sich
zweifellos auch herausstellen, daß deutlich engagierte Bemühungen jedes
einzelnen um mehr oder weniger bewußt zielgerichtetes Handeln im Alltag in
bezug auf den Umweltschutz kaum zur Aktivität führen (Yang J.-H. 1992; Kim, D.-
S. 1995: 51), wenngleich „die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung oder eines
Wirtschaftswachstums ohne Umweltzerstörung“ immer mehr betont werden
(Dunlap/Mertig 1996: 207). Es fehlt der lokalen Bevölkerung häufig sowohl an
Verantwortung und ihrem Handeln an entsprechender Orientierung und
Verhaltensweise, als auch an aktiver Bereitschaft gegenüber ökologisch
alltäglichen Denk- und Handlungsanforderungen (Bae, K.-H. 1991).
52
In diesem Zusammenhang ist zu beobachten, daß sich Interaktion und sinnliche
Wahrnehmung des Individuums gegenüber umweltschädlichen Bedingungen und
eine gesellschaftliche Besorgnis um die substanzielle Qualität der Umwelt nur
oberflächlich widerspiegeln, d.h., die theoretische Erfassung und Bearbeitung der
medialen Umweltbelastung stehen im Vordergrund. Demgemäß wurden die
verschiedenen kulturellen Aspekte bislang als wenig operationalisiertes
Randmotiv behandelt, so daß entsprechende Untersuchungen und die damit eng
verbundenen konzeptionellen Überlegungen sicherlich nicht durchführbar sind.
Die kulturellen Gestaltungskräfte, die dazu dienen sollen, den umweltbewußt
orientierten Sinneswandel und seine öffentliche Akzeptanz zu unterstützen,
werden daher als unentbehrliche Bestandteile der umfassenden
Wertvorstellungen bezeichnet.
Hinzu kommt, daß die ökologischen Belange auf der Skala der wahrgenommenen
politischen Dringlichkeit in Korea im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen
Problemen wie der wirtschaftlichen Entwicklung und Verbrechensbekämpfung
„keinen hohen aktuellen Stellenwert“ einnehmen (Bae, K.-H. 1991; Yang, J.-H.
1992; Kim, D.-S. 1995). Es war daher üblich, daß der Bereitschaft zum
Engagement für die Belange der Umwelt und den Interessen an Umweltaktivitäten
wenig Beachtung geschenkt worden ist (Bae, K.-H. 1991; Yang, J.-H. 1992),
obwohl man daran erkennt, daß „ein beschleunigter ökonomisch-technischer
Prozeß durch die rücksichtslose Entwicklung und die damit verbundenen
Umweltkrisen erfolgt“ (Yu, I.-H. 1973: 870).
Als wichtig erweist sich also die Frage, in welcher Weise die umweltbewußte
Verhaltensweise und die Handlungsbereitschaft der einzelnen und
gesellschaftlicher Gruppen im Alltag verwirklicht werden können.
„Umweltbezogenes Verhalten ist sowohl in verschiedenen Gruppen als auch auf
individueller Ebene sehr unterschiedlich ausgeprägt“ (Poferl/Schilling/Brand 1997:
64). In diesem Zusammenhang hat Bae darauf hingewiesen, daß es aufgrund
veränderter gesellschaftlicher Bedingungen in Korea an einem grundlegenden
Wertwandel und gemeinsam motivierten Verhaltensweisen in Richtung auf den
Umweltschutz in außerordentlichem Maße fehlt (Bae, K.-H. 1991: 106).
Zwar belegen die empirischen Studien die hohe Wertschätzung, die das
Umweltbewußtsein in der Bevölkerung besitzt (Bae, K.-H. 1991; Yang, J.-H.
53
1992). Aber im Hinblick auf eine neue Form von Handlungsrelevanz wird deutlich,
daß eine erhebliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit vorhanden
ist (Kim, D.-S. 1995; Ku, D.-W. 1996). In Wirklichkeit hat man ein verhältnismäßig
hohes Maß an tief sitzendem Mißtrauen gegen die umweltpolitischen
Zielsetzungen und Entscheidungen, und keine hochgesteckten Erwartungen an
die Wirtschaft. Das Versagen, sich um das inhaltlich ökologieorientierte
Bewußtsein zu kümmern, wird zugleich offenbar aus dem zentralen Mangel an
systematischem Angebot und einer gewissen Steuerung der Veranstaltung von
Umwelterziehung (Kim, D.-S. 1995: 33). All dies weist darauf hin, daß die
Koreaner die Umweltprobleme nicht zu begreifen scheinen. Es ist unumgänglich,
in erster Linie mit geeigneten und rechtzeitig angemessenen Maßnahmen das
reflektierte Alltagsverhalten zu verbessern und dieses in der Gesellschaft
dauerhaft zu etablieren.
Es wird allgemein beklagt, daß die anzustrebenden politisch-institutionellen
Bemühungen um den Umweltschutz eher sporadisch und ökologisch nicht sehr
effektiv sind, obwohl sie immer als dringendster Aufgabenbereich staatlicher
Politik und der Wirtschaft angesehen werden (Bae, K.-H. 1991: 105f.; Yang, J.-H.
1992; Kim, D.-S. 1995: 51). Nicht zuletzt werden Umweltprobleme lediglich als
Fehler des technischen Managements betrachtet und im Rahmen bestimmter
Bereiche der Regierung publiziert (Kim, D.-S. 1995: 2).
Insgesamt sind Bae und Yang zu unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich der
Entwicklung des Umweltbewußtseins und seiner Rolle in der Umweltkrise
gekommen. Den Untersuchungsergebnissen von Bae zufolge gab es „einen
grundlegenden Wertewandel in der Wahrnehmung der Umwelt und bezogen auf
das konkrete Handeln im alltäglichen Leben in der Gesellschaft. Die Reaktion der
Bevölkerung beschränkte sich auf die Unzufriedenheit mit der
Umweltschutzmaßnahme der Regierung und Industrie. Das ist insofern
unbefriedigend, als eine langfristig positive Einstellung gegenüber dem
Umweltschutz in den gesellschaftlichen Bereichen kaum entstehen kann“ (Bae,
K.-H. 1991: 106).
Dagegen kam Yang zu anderen Ergebnissen. „Seit den neunziger Jahren breitet
sich das Interesse an den Umweltproblemen relativ kontinuierlich aus. Denn
materielle Bedürfnisse werden dank der beschleunigten
54
Industrialisierungsprozesse und wirtschaftlichen Aktivitäten erfüllt, so daß sich
allmählich ein Wertewandel in Richtung auf die Erhöhung der Lebensqualität
einschließlich der Umwelt beobachten läßt. Darüber hinaus kann man nicht
übersehen, daß die Mehrheit der Bevölkerung die negative Auswirkung von
Umweltproblemen in Form einer Bewußtseinsänderung über den Charakter und
Begriff der Umwelt in der Gesellschaft, zweifellos im Augen behalten wird“ (Yang,
J.-H. 1992: 89).
Blickt man auf das oben ausgeführte Ergebnis, stellt man fest, daß daraus im
umweltorientierten Handlungsbereich bisher kaum Vorschläge und Maßnahmen
abgeleitet worden sind. Erforderlich ist es auch festzustellen, in welcher Form die
notwendige Information für eine reflektiertere ökologische Perspektive auf die
Zukunft der Lebenswelt in der Öffentlichkeit vermittelt werden soll. Trotz
verbleibender Unsicherheiten bezüglich der theoretischen Reflexion und
praktischen Perspektiven eröffnen aber beide Forschungsarbeiten Einsichten in
eine ökologisch motivierte Umorientierung, die dann zunehmend als wichtiger
Bestandteile einer Gesellschaft anerkannt wird (Kim, D.-S. 1995; Ku, D.-W. 1996).
In dieser Hinsicht ist nun die Frage entscheidend, wie eine Aufklärungsstrategie
aus den grundlegenden Einsichten und der Bereitschaft zu elementaren und
rationalen Verhaltensweisen entwickelt, wie ökologische Interessen und Methoden
in welcher Gestalt gesichert werden können und wie eine positive Entwicklung für
den individuellen und gesellschaftlichen Bewußtseinwandel und die
Wahrnehmung sozialer und ökologischer Verantwortung mobilisiert werden kann.
1.2.2 Defizite der derzeitigen Umweltbewußtseinsforschung in Verbindung
mit der Umwelterziehung
Die Sichtweisen der empirischen Untersuchungen in Korea legen nahe, daß
steigendes Umweltbewußtsein nicht gleichzusetzen ist mit tatsächlichem
Umweltverhalten, obwohl die Akzeptanz für ökologische Themen und Lösungen
gesellschaftlich breit verankert ist (Bae, K.-H. 1991; Choi, D.-H. 1991; Yang, J.-H.
1992; Kim, D.-S. 1995). Wegen der hohen gesellschaftlichen Bedeutung des
Umweltbewußtseins wird daher regelmäßig Umweltbildungsarbeit geleistet, die die
konstitutive Grundlage für langfristig wirksamen Umweltschutz ist und die den
55
gesellschaftlichen Herausforderungen zur nachhaltigen umweltgerechten
Entwicklung in besonderem Maße entsprechen kann.
Es sollen im folgenden zwei Bereiche zum Umweltbewußtsein näher betrachtet
werden. Zum ersten, die Defizite der derzeitigen Umweltbewußtseinsforschung in
Korea. Zum zweiten, die damit zusammenhängenden Rahmenbedingungen, die
die Umsetzung der reliablen umweltgerechten Einstellungen der Individuen in der
Gesellschaft ermöglichen. Individuen wiederum sind eingebunden in kollektive
und gesellschaftliche Zusammenhänge, welche die Betrachtung der
„verhaltensbestimmenden Größen“ nachhaltig beeinflussen (Lecher 1997: 76).
Die in den 70er und 80er Jahren auf dem Gebiet der Psychologie begonnene
Umweltbewußtseinsforschung ist ein relativ junges wissenschaftliches
Forschungsfeld, das uns zumindest in bestimmtem Maße abgelagertes und
reflektiertes Wissen nicht nur für ökologische Zusammenhänge, sondern auch für
die unterschiedliche individuelle Empfindlichkeit des Handelns liefert
(Bolscho/Seybold 1996). Ihr dabei zu beachtendes Ziel ist es, die vielfältigen
Wechselbeziehungen und Abhängigkeiten von Mensch und Umwelt zu
beschreiben, wie Einstellung und Verhalten oder Verhaltensabsichten anhand der
„Veränderungsprozesse gesellschaftlicher Orientierungen und individueller
Lebensvorstellungen“ zu ermitteln sind (Lecher 1997: 65).
Die verfeinerte Form der Umweltbewußtseinsforschung ist kein eindeutig
abgeschlossener Forschungsbereich, sondern aus verschiedenen Blickwinkeln
innerhalb der verschiedenen Disziplinen z. B. Soziologie, Psychologie und
Erziehungswissenschaft etc. gekennzeichnet. Dazu wird dem Umweltbewußtsein
eine zunehmende Aufmerksamkeit in ganz unterschiedlicher Weise zuteil, die sich
auf vielen Ebenen zeigt: im engeren ökonomisch-gesellschaftlichen Bereich, im
politischen, aber auch im ethisch-moralischen und pädagogischen sowie
kulturhistorischen Bereich usw. (de Haan/Kuckartz 1996).
Wird zunächst die Umweltbewußtseinsforschung der vorhandenen Arbeiten und
Ideen in Korea betrachtet, sind dennoch zwei Dingen deutlich zu formulieren: Zum
einen sind insbesondere Art und Anzahl der empirischen Befunde auf diesem
Gebiet sehr gering, zum anderen ist das Fehlen von interdisziplinär angelegten
Programmen und Konzepten von besonderem Nachteil. Verschiedene
56
Wissenschaften sind auf die theoretischen Kriterien und Instrumente zur
schwerpunktmäßigen Erfassung ökologischer Fragen nicht hinreichend
vorbereitet.
Eine umfassende gesellschaftliche Thematisierung der komplexen
Beziehungszusammenhänge mit ihren Verbindungen, Einflüssen und
Abhängigkeiten des Umweltbewußtseins Koreas ist also noch nicht im Gange, um
die relevanten wissenschaftlichen Disziplinen einzubinden, bzw. ausreichend zu
berücksichtigen und konstruierte Konzepte und Theorien in einen umfassenderen
Zusammenhang mit der reflektierten Beobachtung gesellschaftlicher
Wirklichkeiten aufzubauen. Das Umweltbewußtsein hat sich in den
wissenschaftlichen Bereichen sehr weit von gesellschaftlicher Wirklichkeit und
Wahrnehmungsdeutung entfernt. Dierkes und Fietkau stellen über das Defizit der
Forschungslage beim Umweltbewußtsein fest, daß „Verbindungen technik- und
umweltbezogener Einstellungen theoretisch kaum strukturiert, wenn man von
einigen wenigen grundlegenden Arbeiten absieht und der Ansatz, die Einstellung
des Menschen zu der Technik zu untersuchen zu undifferenziert sind“
(Dierkes/Fietkau 1988: 94).
Es darf hier nicht unerwähnt bleiben, daß „umweltbewußtes Verhalten“ im
Abendland gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge umfaßt. Dagegen
bezeichnet der Begriff in Korea begrenzte Bereiche: weniger Müll, Benutzung von
weniger Waschmittel, sauberes Wasser und saubere Luft usw. Offenkundig ist die
tatsächliche Ursache, Erscheinungsform und Wirkung der Umweltbelastungen nur
teilweise aufgenommen, so daß die angestrebte Handlungs- und
Entscheidungskompetenz in Auseinandersetzung mit konkreten
Umweltgegebenheiten nicht erreichbar ist. Dies ist kaum überraschend, da die
Handlungsabsichten in der wachstumsorientierten Konsumgesellschaft ebenfalls
sehr begrenzt sind. Es scheinen daher soziales, wirtschaftliches und politisches
Engagement für die Umwelt einerseits und sehr konkrete und individuelle
Möglichkeiten der Förderung von grundlegenden Verhaltensweisen im
Privatbereich andererseits unumgänglich zu sein (vgl. Kösters 1993).
Trotz des zunehmenden Beweises dafür, daß der Umweltschutz in den
wissenschaftlichen Disziplinen eine maßgebliche Rolle bei der Bewältigung der
ökologischen Krise spielt, könnte häufig behauptet werden, daß die
57
diesbezüglichen Forschungen gefördert werden (Yang, J.-H. 1992; Kim, D.-S.
1995). Dementsprechend hat es tatsächlich keine kontinuierliche und
systematische Etablierung ihrer Ergebnisse und der daraus erwachsenden
Verpflichtungen hinsichtlich ihrer Anwendung in den wissenschaftlichen Bereichen
gegeben.
Das Fehlen der entscheidenden Merkmale ist bereits deutlich zu erkennen. In den
wissenschaftlich defizitären Bereichen zum Umweltbewußtsein spielen zwei
Aspekte eine Rolle. Zum einen sind die wissenschaftlich hinterfragbaren,
nachvollziehbaren und zielorientierten Erkenntnisse und Methoden in
unzureichendem Maße bekannt. Daraus ergibt sich, daß mehr oder weniger
zahlreiche Mängel sowohl an systematischer Bewertung und Analyse der
ökologischen Entwicklung, als auch an Grundorientierung und
Bewertungsmaßstäben zutage treten (Noll/Kramer 1996: 521). In diesem Sinne
muß sich die Umweltbewußtseinsforschung einerseits hinsichtlich des
zielgerichteten Bezugsrahmens an realen und konkreten
Entscheidungssituationen orientieren, andererseits muß sie sich mit der
Sichtbarkeit der Problemzusammenhänge und mit der Herausbildung spezifischer
handlungsorientierender Funktionen sowie mit ausreichender Flexibilität unter den
systematischen orientierten Wissenschaften befassen, um eine sinnvolle
Mitgestaltung der gesellschaftlichen Aufgaben zu ermöglichen.
Zum anderen sollte ein intensiver Austausch zwischen den Disziplinen stattfinden,
denn in immer stärkerem Maße bestimmt die wissenschaftliche Interdisziplinarität
die inhaltliche Ausfüllung, Abstimmung und Verzahnung in den umweltrelevanten
Bereichen maßgeblich mit (Choi, D.-H. 1991). Das heißt, daß eine verstärke
interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht nur in anderen sozialwissenschaftlichen,
sondern auch in naturwissenschaftlichen Bereichen erforderlich ist. Es ist
allerdings nicht gelungen, die verschiedenen wissenschaftlichen Anliegen
systematisch mit den grundlegend veränderten Dimensionen in Verbindung zu
bringen.
Anknüpfend an die defizitäre Umweltbewußtseinsforschung stellt sich die Frage,
wie solche theoretischen und methodischen Grundlagen in der Praxis unter
verschiedenen Rahmenbedingungen in der Erziehung umgesetzt werden können
und welche Voraussetzungen zu berücksichtigen sind, um umweltgerechtes
58
Bewußtsein und Handeln durch Erziehung zu schaffen. Es ist nicht leicht
festzustellen, wie die wissenschaftlichen Grundlagen im Erziehungs- und
Bildungswesen berücksichtigt werden können und welche methodisch gesicherten
Erkenntnisse über die Umwelterziehung bei Lehrern und Schülern durch
repräsentative Umfragen zum Umweltbewußtsein gewonnen werden können.
Hier wird der Versuch unternommen, unter Einbeziehung der jüngsten
Forschungsergebnisse zum Umweltbewußtsein in der Erziehungswissenschaft die
von bestimmten Formen der Umwelterziehung verstärkt angestrebten Ziele
nachzuweisen. Nur eine einzige empirische Untersuchung von Choi, Don-Hyung
et al. (1991), die im Umfeld der Erziehungswissenschaft durchgeführt wurde,
orientierte sich an bestimmten Zielgruppen, die besonderen Einfluß bzw.
Einwirkungsmöglichkeiten im Sinne des Umweltschutzes besitzen (vgl. de
Haan/Kuckartz 1996).
Die Umfrageergebnisse zeigen, daß sowohl die Schüler als auch die Lehrer die
zwingende Notwendigkeit der Lösung der Umweltprobleme sowie einer
konsequenten Umwelterziehung anerkennen, aber es gibt große Defizite
bezüglich der bisherigen Rahmenbedingungen in der Schule, hinsichtlich der
Ziele, Inhalte, Lernmethoden und Materialien, die Ausbildung von Lehrern, die
finanzielle Unterstützung usw. (Choi, D.-H. 1991).
Immer häufiger treten inhaltliche Mängel und daraus resultierend Probleme in
Form einer fortschreitenden Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit
zutage, wobei es mangelnde systematische Verbindungen und Koordinationen
zwischen den theoretisch orientierten wissenschaftlichen Erkenntnissen und den
praktisch Umsetzungsinteressen gibt (Choi, D.-H. 1991).
Für eine sinnvolle theoretische und praktische Umsetzung ist insbesondere die
richtige Auswahl der Lernstoffe entscheidend. Hierbei sind folgende Aspekte zu
berücksichtigen:
- Planung zweckmäßiger didaktisch-methodischer Konzepte für die Wissensvermittlung.
- fundamentale Erfordernisse sichtbarer Orientierungen und Zielsetzungen der
Lehrstrategien für die Zukunft.
- Entwicklung praxisorientierter Lehrmaterialien und Evaluationssysteme
59
(Choi, D.-H. 1991: 5).
Die oben genannten Ausführungen richten sich insbesondere auf Veränderungen
der Kriterien bei der Curriculumentwicklung. Sie bieten eine vollständige
Aufstellung der umweltrelevanten Inhalte und praktische Hinweise dafür, wie
Erfahrungen im unmittelbaren Umgang mit der Natur gesammelt werden und sich
in einer stärkeren Berücksichtigung der Umweltbelange niederschlagen können.
Das besondere Beziehungsgefüge von geeigneten Lehrplänen, -zielen, -inhalten
und -formen sowie Methoden und Materialien muß von vornherein entsprechend
der methodischen Ansätze der Umwelterziehung bei der Konzeptualisierung von
Lernprozessen einbezogen werden (Nam, S.-J. 1995; Choi, S.-J. et al. 1997;
siehe Kapitel 4.3.). Die Umwelterziehung muß sich fachübergreifend konsensual
präsentieren, d.h. ein umfassender Wirkungszusammenhang vom forschenden
Lernen oder der Projektarbeit muß systematisch bedacht und sehr nachdrücklich
gestaltet werden.
Doch zurück zu unserer Ausgangsfrage. Eine derartig integrierte Einheit von
präziser Fragestellung, dazugehörigem Methodenspektrum, theoretischem
Grundwissen über ökologische Zusammenhänge und daraus resultierenden
Handlungsmöglichkeiten vermag die besondere Form der notwendigen
Umweltbewußtseinsveränderung, der Interessenentwicklung und der Ausbildung
eines durchaus kritischen Blicks auf das ökologische Problem zu gewährleisten.
Die Ergebnisse der Umweltbewußtseinsforschung in Korea sind zu allgemein, um
sie direkt in die Praxis z. B. im Schulunterricht, umsetzen zu können. Daher
wurden sie in der Gesellschaft wenig reflektiert bzw. verbreitet. Es ist folglich
unumgänglich, das Vertrauen in die Umweltwissenschaft zu stärken und auf eine
Konkretisierung ihrer Ergebnisse hinzuwirken.
Kein isolierter, sondern ein integrierter Aspekt von Umweltbewußtsein, -verhalten
und -wissen in relevanten Lernbereichen muß durch fundierte Argumentationen
und Begründungen bei verschiedenen wissenschaftlichen Diskussionen
ausgeführt werden, die für die grundlegende Zulänglichkeit von
Umwelterziehungsmodellen und -strategien etc. erforderlich sind, damit eine hohe
Akzeptanz und Praktizierung des Umweltschutzes erreicht werden kann. Der
Umweltschutz muß sich daher vermehrt seiner besonderen gesellschaftlichen
Aufgabe bewußt sein. Bislang werden Umsetzungsinstrumente für die langfristige
60
Entwicklung von umweltschonenden Ausrichtungen aller für Natur und Umwelt
relevanten Einsichten und Bereitschaften vernachlässigt.
Es muß hierbei vermehrt berücksichtigt werden, daß „die Charakterisierung der
erreichbaren und verantwortlichen Zielsetzung von Umwelterziehung und
Wissenschaft deutlicher herausgearbeitet werden muß“ (Nam, S.-J. 1995: 113).
Durch die offene Diskussion mit allen gesellschaftlichen Kräften auf breiter
gesellschaftlicher Basis, wie das Ziel mit solider theoretischer Grundlage
postuliert, müssen derartige Leitlinien zur Umwelterziehung gründlich geprüft und
gegebenenfalls verbessert werden, um pädagogische Wirksamkeit
sicherzustellen. Damit stellt sich die Frage, was, wie und welche Inhalte in der
Umwelterziehung stärker transparent gemacht werden sollen. Man kann über
Qualität und Bandbreite der Umwelterziehung unterschiedlicher Auffassung sein.
Es steht dennoch fest, daß ohne Konkretisierung für die theoretische Begründung
und Formulierung der Forschungsfragen ein passendes, in sich konsistentes
Konzept der Umwelterziehung zur Leerformel gerät. Diese komplexe Aufgabe wird
auch gewiß nicht erfüllt, wenn man keine genügenden Experimente und erprobte
Anwendungen bietet.
Das Wissen, die Forschungsmethoden und -inhalte etc., die aus integrativen und
innovativen Konzepten in die Umweltforschung einfließen, müssen aufeinander
abgestimmt werden, damit sich pädagogische Entscheidungen im schulischen
Bereich unmittelbar auf die wirksame Gestaltung des Unterrichts auswirken
können. „Die sachliche Angemessenheit wird meist durch naturwissenschaftliche
und technische Kompetenz verkörpert, die Legitimation und
Kommunikationsfähigkeit der jeweiligen Ergebnisse sind aber vorrangig Themen
der Sozialwissenschaften“ (Renn 1996: 33).
Die Absicht, Umweltbewußtsein auf gesellschaftlich rationalem Konsens
aufzubauen, ist ausschlaggebend für Qualität und Quantität der Einflüsse auf die
Umweltbildung gemäß Untersuchungen der Ursachen, Erscheinungen und
Analysen sowie Folgen der Umweltveränderungen mittels enger Zusammenarbeit
verschiedener Wissenschaftsdisziplinen und geeigneter Erkenntnisgrundlagen,
wodurch das bessere Verständnis von ökologischen Vorgängen geliefert und den
damit verbundenen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen wirksam
begegnet werden kann.
61
Die Basis für die konkrete Realisierung der Umweltbildung ist nicht zuletzt eine
Verbreitung wünschenswerter umweltfreundlicher Einstellungen und
Verhaltensweisen, wodurch komplexes Problembewußtsein, hinreichende
Sachkenntnisse und detaillierte praktische Kompetenz angeeignet werden.
Hiermit eröffnen sich Chancen und Wege für ein umweltverantwortbares
Bewußtsein über die Schule hinaus. Vor allem gleichgewichtige Bildungsvorgänge
können in den relevanten Disziplinen Einfluß auf die Wirksamkeit strategischer
Maßnahmen haben, die zur alternativen Lösung der Umweltfrage beitragen.
Die unzureichenden ökologischen Analysen und Informationen einerseits und die
derzeit noch in Korea vorherrschende Sichtweise, Umweltbildung sei lediglich ein
Teilprogramm der Curriculumentwicklung in der Schule, erschweren es
andererseits, der ökologischen Frage Geltung zu verschaffen. Dadurch bleibt
ungeklärt, wo positives Schutz- und Entwicklungspotential für die Natur- und
Kulturlandschaft vorhanden sein könnte sind und an welcher Stelle
umweltrelevante Gefährdungen und Beeinträchtigungen bestehen. Die
unzureichende Forschung führt dazu, daß letztlich erprobte Inhalte und Methoden
der Forschungsergebnisse für andere Wissenschaftsbereiche, insbesondere in
den Naturwissenschaften, relativ unkritisch ins Schullehrbuch übernommen
werden.
Angesichts der Tatsache, daß vorwiegend wegen der ökonomisch orientierten
Haltung und der gravierenden Defizite hinsichtlich des Umweltschutzinteresses
und der Umweltarbeit allgemein die Umweltbelange nur in wenigen sensiblen
Bereichen berücksichtigt werden, sollten möglichst vielen Menschen vielfältige
Gelegenheiten und langfristige Visionen über ökologisch orientierte Steuerungen
gegeben werden, die dann mittels durch öffentlichkeitswirksamer und effizienter
Information und Reflexion zu durchgängigen gesellschaftlichen Einsichten führen.
„Obwohl eine tragfähige Lösung der Umweltprobleme durch technische
Fortschritte der Naturwissenschaften nicht erreichbar ist, ist die Erwartung an die
Naturwissenschaften höher als an die Geisteswissenschaften“ (Park, B.-K. et al.
1988: 380). Das führt dazu, daß der Integrationsansatz und die Inhalte der
Umweltbetrachtung in ihrer Wirksamkeit in hohem Maße eingeschränkt sind. Die
Umweltprobleme können verschiedene wissenschaftliche Disziplinen betreffen
62
und sind insofern auch unterschiedlich zu analysieren. Folglich gilt es auch, eine
Rückkopplung zwischen den verschiedenen Wissenschaften zu erreichen.
Im Rahmen einer systematischen Auswertung der am besten empirisch
gesicherten Forschungsdaten und Aussagen und der damit verbundenen
Vorschläge tragen die integrierten Ansätze zu einer umfassenden Vermittlung
aller notwendigen Informationen zur Umwelt bei. „Die pädagogische Wissenschaft
kann (...) die Resultate jener Einzelwissenschaft nicht ungeprüft übernehmen, weil
sie das Denken, von dem jene Erhebung ausgegangen sind, selbst in die
philosophische Erörterung der Erziehungsprobleme einbeziehen und kritisieren
muß“ (Flitner 1980: 17f.). In diesem Sinne muß die erziehungswissenschaftliche
Forschung und Lehre in ihrer Rolle und Verantwortung für die Aufarbeitung und
Vermittlung einer konsistenten Bestimmung des umweltrelevanten Bezugs in der
didaktisch-curricularen und organisatorischen Konzeption wirksam werden.
Durch die Erfassung der Fragebogen sollen die Defizite in der bisherigen
Umweltbewußtseinsforschung Koreas herausgestellt werden, die in der
Vernachlässigung der Perspektive spezifischer Orientierungen besteht, die für die
Form von Handlungszwecken des Menschen geltend gemacht werden. Im
folgenden werden die wesentlichen Inhalte der Fragenkomplexe
schwerpunktmäßig in vier Themenbereiche eingeteilt:
- objektive Einstellungen und ausgeprägte ökonomische Interessen
- subjektive Wahrnehmung und interaktive Verhaltensweise
- persönliches Wohlbefinden und Gesundheit sowie Hygiene.
- Aktivität zu der dringend notwendigen Verminderung der Umweltbelastung
(Bae, K.-H. 1991; Yang, J.-H. 1992; Kim, D.-S. 1995; Ministry of Environment Republic
of Korea: 1995).
Wie die oben genannten Themenschwerpunkte belegen, beziehen sich diese
zumeist in begrenztem Maße auf Teilbereiche des Umweltbewußtseins z. B.
persönliche Gefühlsäußerungen und Lebenshaltungen oder auf den
außerordentlichen Einfluß bestimmter technisch-ökonomischer Faktoren. Es ist
auffällig, daß sich die Inhalte der Fragestellungen hauptsächlich nicht an
konkreten Herangehensweisen im unterschiedlichen Verhalten des Menschen
63
orientieren, sondern bereits eine Hypothese im Hinblick auf die „Häufigkeit der
Verschlechterung über die Umweltverschmutzung“ in den Frageinhalten
aufgestellt wird. „Die Probleme derartiger Erhebungen liegen sowohl im
inhaltlichen als auch im meßtheoretischen Bereich: Die Konzepte sind theoriearm
und wenig differenziert, die Operationalisierung - oft nur wenige oder eine Frage
zu einer Variablen - ist unbefriedigend“ (Braun 1983: 22).
Die empirische Studie soll in erster Linie dazu dienen, ein bestimmtes Verständnis
für verschiedene Aspekte und Kriterien auszuarbeiten und die komplexe Messung
bzw. Anwendungsmethode sorgfältig durchzuführen. Ebenfalls werden die oben
skizzierten Themenpfeile objektiv und systematisch in Betracht gezogen, um neue
Steuerungsprogramme für die verschiedenen umweltgerechten Aspekte zu
entwickeln und auf ihre Brauchbarkeit hin zu untersuchen und damit verschiedene
Positionen zur Verfügung zu stehen.
Tatsächlich aber können die Ergebnisse der Fragebogen zum Umweltbewußtsein
oft Bildungsniveau, Charakter und Medienkonsum der Befragten viel mehr
widerspiegeln als Wertehaltungen und Verhaltensweise in bezug auf die
Umweltfragen (Bae, K.-H. 1991: 76). Man darf vermuten, daß in der
Umweltbewußtseinsforschung in Korea eher sozioökonomische Aspekte als
kulturelle Aspekte vorliegen, wie oben bereits bemerkt. Aber die bisherige
Umweltbewußtseinsforschung in Korea hat sich bis auf wenige Beiträge kaum um
die spezifischen Zusammenhänge der optimalen Entfaltung und die notwendige
Erneuerung der pädagogischen Rahmenbedingungen gekümmert. Dies hat zur
Folge, daß die im wesentlichen langfristigen ökologischen Effekte in der
Gesellschaft nicht erreicht werden können (Choi, D.-H. 1991; Nam, S.-J. 1995).
Ein erhebliches Defizit einer derartigen Untersuchung besteht darin, daß zum
einen offenbar die Auswahl der tatsächlich relevanten Variablen sehr begrenzt
verwandt wird und zum anderem damit die letztlich entscheidenden
Bestimmungsfaktoren im gesamtgesellschaftlichen Bereich und die daraus
resultierende Vielfalt wirksamer handlungsorientierter Sichtweisen nicht genau
angegeben werden können. Hinzu kommt, daß sich empirische Untersuchungen
maßgeblich an gängigen Vorstellungen über die wirtschaftliche Betroffenheit von
Menschen orientieren (Lehmann/Gerds 1991: 24f.). Die wachsende
Umweltbelastung in Folge technischer Fortschritte wird als Ergebnis
64
ökonomischer, gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen verstanden. In
diesem Sinne wird versucht, sich „mit einem besonderen Aspekt der
Umweltproblematik, den ökologischen Risiken“ auseinanderzusetzen und darüber
hinaus die sich aus der wissenschaftlichen Herangehensweise ergebenden
Handlungsansätze zu berücksichtigen (Renn 1996: 40).
Man beachtet auch, daß elementare Erklärungsmodelle für unübersehbare
ökologische Zusammenhänge unter Berücksichtigung gesellschaftlicher
Rahmenbedingungen nicht ausreichend sind, um diese Situation zu analysieren.
All dies wird als wesentlichen Ursache für die Fehlentwicklungen der geeigneten
Strukturen, Einsichten und Hypothesen sowie der damit verbundenen gesamten
Analysen angesehen, die sicherstellen sollen, daß mit Hilfe einer präzisen
Konstruktion nachvollziehbare Ergebnisse besser lokalisiert werden können.
„Sowohl unter wissenschaftlichen als auch unter handlungspraktischen
Zielsetzungen ist es damit fertig, die Bedingungen zu verstehen, die zur
Entwicklung von Umweltbewußtsein beitragen und umweltbezogene Handlungen
in konkreten Entscheidungssituationen möglich machen“ (Dierkes/Fietkau 1988:
25).
Gleichzeitig sollte aber auch hier vermehrt berücksichtigt werden, daß inhaltliche
Zielsetzungen und Praxisumsetzungen im Umweltbewußtsein nicht nur auf
wissenschaftlich gut abgesicherten Erkenntnissen, sondern auch im wesentlichen
auf subjektiven Einstellungen des Einzelnen und der Gesellschaft beruhen (Bae,
K.-H. 1991: 89). Umweltgerechte Handlungsweisen, die als unvermeidbar gelten,
erweisen sich im nachhinein als ein wichtiger Faktor für elementare und rationale
Einstellungen und Wertewandel. Die veränderten Wertformulierungen und -
entscheidungen orientieren sich in erster Linie am Ergebnis gesellschaftlicher
Entwicklungen und der in allen Lebensbereichen immer mehr zunehmenden
Industrialisierung, der ausgeprägten Kommerzialisierung und den persönlichen
Lebensstilen sowie den psychischen und sozialen Wohlbefinden (de
Haan/Kuckartz 1996; Brand 1997).
Entscheidend ist aber, inwiefern entsprechende umweltgerechte
Handlungskonstellationen eine hohe verhaltensbestimmende Motivation der
Bevölkerung voraussetzen, die dann den gesamten gesellschaftlichen Bereich,
nicht zuletzt im engerem Sinne den pädagogischen Bereich im Kontext der
65
Umweltbildung durchzieht. Die Aufgaben sind zu bewältigen, wenn die
erforderliche Veränderung der erziehungswissenschaftlichen Handlungskonzepte
vorgenommen wird.
1.2.3 Pädagogische Folgerungen aus dem Umweltbewußtsein
Der im gesellschaftlichen Bereich beherrschende Diskurs, wie Umweltbewußtsein
zu fördern und die Chancen für die Zukunftsvision des Menschen zu geben sei, ist
auf pädagogisch durchdachte und rücksichtsvolle Weise zu berücksichtigen (Choi,
D.-H. 1991; Bolscho/Eulefeld/Seybold 1994). Ausgangsfrage ist dabei, wie das
Umweltbewußtsein den Maßstäben gerecht wird, den Menschen an den Erhalt
und Schutz der Natur und Umwelt anlegen. Denn die Förderung des
Umweltbewußtseins ist nicht in erster Linie eine politische Zielsetzung, sondern
vor allem eine eigenständige und pädagogisch eminent bedeutsame Aufgabe,
wobei die verschiedenen pädagogischen Lösungskonzepte und -strategien für die
Einstellungen des Menschen zur Natur und zur übrigen Umwelt eine große Rolle
spielen.
„Ziel einer Veränderung des Umweltbewußtseins muß es sein, bei allen in die
Umwelt hineinwirkenden Entscheidungen und Handlungen von einzelnen wie von
strategischen Gruppen die ökologischen und sozialen Langzeitwirkungen stärker
zu berücksichtigen als die persönliche Bedüfnisbefriedigung und die unmittelbaren
ökonomischen Auswirkungen“ (Eulefeld 1981: 196). Die Beförderung des
Umweltbewußtseins in der öffentlichen Bildung eröffnet eine ökologisch
langfristige Zukunftsperspektive, damit sich der Anreiz zu mehr Orientierung der
Ökologisierung in der Gesellschaft erhöhen kann (Kim, D.-S. 1995).
Eine konkrete und konsequente Ausgestaltung sowohl der gesellschaftlichen als
auch der pädagogischen Rahmenbedingungen insbesondere hinsichtlich der
Basis der irreversiblen Handlungsmöglichkeiten zeigt sich daran, wie ein
angemessenes Umweltbewußtsein in entsprechendes Verhalten jedes einzelnen
in der Schule umgesetzt werden muß. Für ökologisch sinnvolle und
umweltgerechte Verhaltensänderungen ist vornehmlich „die richtige Auswahl der
Bildungsinhalte und deren konkrete Behandlung im Unterricht“ entscheidend
(Choi, S.-J. et al. 1997). Die Auswahl scheint nach den Kriterien der
66
Konkretisierung von positiven Veränderungen in Richtung auf einen
handlungsorientierten Prozeß getroffen zu sein.
Der positiv verlaufende Prozeß der Verhaltensänderungen kommt vor allem in
folgender Weise programmatisch zum Ausdruck:
- „Umweltwissen bewirkt positive Umwelteinstellungen.
- Umwelteinstellungen wirken auf das Umweltverhalten.
- Umweltwissen wirkt direkt auf das Umweltverhalten - ohne Umweg über die
Umwelteinstellungen“
(de Haan/Kuckartz 1996: 104).
Um beim Menschen die oben genannten Vorgänge auf Dauer zu erhalten, ist es
erforderlich, das Konzept der ökologischen Ansprüche auf die Ebene der
Veränderung des Handlungsbedarfs auszudehnen (Kim, D.-S. 1995). Angesichts
dieser Schwierigkeiten, für die Anliegen des Umwelt- und Naturschutzes eine
breitere Akzeptanz und Effektivität zu erlangen, muß in verantwortungsvoller
Weise besonderes Augenmerk auf die Ingangsetzung eines dauerhaften und
systematischen ökologischen Prozesses als allgemeines Bildungsziel zur
Grundlage für umweltgerechtes Bewußtsein, Einstellungen und Wissen gerichtet
werden (Hwang, M.-I. 1990; Kim, K.-E. 1990: 52).
Für geeignete Funktionen, die den Anforderungen den relevanten
umweltgerechten Einstellungen und Verhalten entsprechen, sind somit zunächst
Schlüsselmerkmale für den Bereich „ökologisches Wissen“ zu bestimmen, das
hierbei von besonderer Bedeutung ist. Ein wesentlicher Bereich ist „ein in
besonderer Weise fundiertes Wissen als unerläßliche Voraussetzung für die
zweckgerichteten Orientierungen und Handlungen, das auf vielfältige Weise dem
optimalen Ergebnis von Umweltbewußtsein dienen kann“ (Kim, D.-S. 1995: 73;
Bolscho/Seybold 1996: 25). Es gibt aber offensichtlich angesichts der
umfangreich inhaltlichen Bandbreite „keinen abgrenzbaren Kanon von
Umweltwissen“ (Bolscho/Seybold 1996: 26).
Trotz der vielfältigen Bestimmungsgrade und der Komplexität wird Umweltwissen
als „Kenntnis- und Informationsstand einer Person über Naturphänomene, über
Trends und Entwicklungen in ökologischen Aufmerksamkeitsfeldern, über
67
Methoden, Denkmuster und Traditionen im Hinblick auf Umweltfragen verstanden“
(de Haan/Kuckartz 1996: 37). Ein derartiges vorhandenes Wissen im Hinblick auf
die Förderung von umweltbewußten Einstellungen und Verhaltensweisen
vermittelt selbstverständliche und unverzichtbare Bestandteile zielbewußten
Handelns für eine wirksame Bewältigung und Wahrnehmung der
Umweltproblematik, die sich in Folge des rücksichtslosen wirtschaftlichen
Wachstums ergeben hat, und ein damit zusammenhängendes Verständnis von
Funktionen und Bedeutungen der dynamischen Umweltprozesse sowie vielfältige
und fundierte Erfahrungen für das eigene Verhalten in der Umweltkrise (Kim, D.-S.
1995: 73; Bolscho/Seybold 1996).
Um diese komplexe Zielsetzung durchsetzen zu können, ist für die rationale
Entscheidung über ökologische Belange und die Wertschätzung der natürlichen
Umwelt, die durch unvergleichliche Eingriffe vernichtet zu werden droht, folgendes
spezifische Fachwissen erforderlich;
- verwertbare Kenntnisse über die unüberschaubare Komplexität von Arten- und
Biotopschutz in seiner Bedeutung und Vielfältigkeit für ökologische
Systemzusammenhänge und mediale Probleme (Erkennen des Kontextes der
gesamten Biosphären)
- die Einsicht, daß der Mensch nicht Herrscher, sondern Mitglied der Natur ist (Ehrfurcht
vor den anderen Lebewesen)
- biosphärische Verpflichtung und Verantwortung
- die verheerenden Folgen der Zerrüttung der natürlichen Lebensgrundlagen
(Achtsamkeit auf Wasser, Luft und Boden sowie sonstige Naturgüter usw.) und ihren
immensen Ressourcenverschleiß durch den Menschen deutlich zu machen
(Kim, D.-S. 1995: 73).
Daraus wird deutlich, daß auch bei ständig wachsenden Kenntnissen und
Fertigkeiten als einer Schlüsselkomponente des Umweltbewußtseins die Einsicht
zu langfristigem Einstellungswandel und konsequentem Handlungswillen führen
muß, um dauerhafte Verbesserungen herbeizuführen. Das Wissen darf zwar von
vornherein nicht unterschätzt werden aber es reicht alleine nicht aus, die
gewachsenen Bedürfnisse, Wünsche und praktischen Verhaltensweisen für die
komplizierten ökologischen Erscheinungen zu erfüllen bzw. zu verbessern (Choi,
68
D.-H. 1991; Nam, S.-M. 1991). In der Regel sollte man sich Wissen, Handeln und
Fähigkeit in allgemeinverständlicher Form aus geeigneten Informationsmedien
aneignen, praktische Fähigkeiten in kritischer Auseinandersetzung mit ganz
verschiedenen Sachverhalten in Erziehung und Bildung erwerben (Kim, D.-S.
1995).
Aber es ist weiterhin unzureichend, daß die Wissensbereiche lediglich auf
naturwissenschaftlich-technische Aspekte von Umweltproblemen begrenzt
werden. Vielmehr muß im Rahmen der gesellschaftlichen, kulturellen und
ethischen Bezüge der Lebenszusammenhang von Menschen und verschiedenen
Naturgütern berücksichtigt werden (Choi, D.-H. 1991; Kim, D.-S. 1995; Nam, S.-J.
1995). Dadurch können ökologische Fortschritte einer Gesellschaft wesentlich
mitgestaltet und auf möglichst effektive und nachhaltige Weise weiterentwickelt
werden.
Hieraus ergibt sich als sinnvolle Vorgehensweise für die Förderung des
Umweltschutzes, sozial-pädagogische Anreize und Möglichkeiten zu schaffen, um
effizient zu einer Verringerung der Inanspruchnahme der Existenzgrundlagen des
Menschen beizutragen. Ein wirkungsorientierter Ansatz ist dabei, daß nicht nur bei
der Formulierung gesellschaftlicher Ziele, sondern auch bei der rationalen
Gestaltung und besseren Umsetzung zur Etablierung des Umweltbewußtseins in
wesentlich höherem Maße die Bildung zentrales und unverzichtbares Instrument
ist, um die Basis für hohe individuelle Motivation zur Durchsetzung des Natur- und
Umweltschutzes zu schaffen (Choi, D.-H. 1991; Nam, S.-J. 1995). Im Hinblick auf
eine dauerhaft-umweltgerechte Entwicklung stellt die Leitidee der nachhaltigen
ökologisch-pädagogischen Aufklärung einen vielschichtigen Prozeß im Rahmen
des Konzeptes der kritischen Reflexion und aktiven Auseinandersetzung mit den
Umweltproblemen durch Bildungsprozesse dar (de Haan/Kuckartz 1996).
„Bildung ist eine unerläßliche Voraussetzung für die Förderung einer nachhaltigen
Entwicklung und die Verbesserung der Fähigkeit, sich mit Umwelt- und
Entwicklungsfragen auseinanderzusetzen“ (Bundesministerium für Umwelt,
Naturschutz und Reaktorsicherheit 1992: 261). Es ist immer offensichtlicher
geworden, daß umweltbewußtes Verhalten durch Verstärkung der erforderlichen
Handlungsanweisungen für pädagogische Verantwortungsträger positiv beeinflußt
wird (Choi, D.-H. 1991; Kim, D.-S. 1995). Entscheidend sind insbesondere die
69
Lernbereitschaft und die Wandlungsfähigkeit. Die ständige Weiterentwicklung ist
die Voraussetzung für den Erfolg des Umweltschutzes. „Wandlungsfähigkeit als
Moment der Bildung bedeutet nicht blinde Anpassungsbereitschaft, sondern
Bereitschaft, auf neue Situationen produktiv zu antworten“ (Klafki 1970: 98).
So ergibt sich die Frage, wie sich in der Gesellschaft gemäß ihren prozessualen
Entscheidungen und konkreten ökologischen Entwürfen die praktische
Verwirklichung individueller und gesellschaftlicher Förderung zum
Umweltbewußtsein vermitteln bzw. stützen läßt. „Eine Vertiefung und Fundierung
des Umweltbewußtseins kann (...) am besten durch die Schule bewirkt werden,
die somit mittel- und langfristig die Grenzen und Möglichkeiten der Umweltpolitik
entscheidend mitbestimmt“ (Der Rat von Sachverständigen für Umweltfragen
1978: 455).
Eine große Rolle spielen dabei neben dem Umweltbewußtsein zwei wesentliche
Faktoren: das Bewußtsein und das Verhalten der Umweltfrage gegenüber, die
allerdings sowohl in der Theorie als auch in der Praxis weiter konkretisiert werden
müssen.
- Motivation: Sie scheint hervorragend geeignet als Mittel und Handlungsanleitung
(Lee, S.-K. 1995). Besonders deutlich werden pädagogische Gegebenheiten,
wenn die Kinder und Jugendlichen selbst durch ein ganzes Bündel bedeutsamer
und charakteristischer Entdeckungen, Erfahrungen und Fertigkeiten sachliche
Zusammenhänge von Umweltsituationen aufdecken bzw. begreifen (Göpfert
1988). Man sollte daher gute Ideen in der Schule zugänglich machen und mit der
wachsenden Kompetenz den Fortschritt sichern.
Es geht darum, wie man durch Empfinden, Gefühle und Instinkt lernen kann, die
natürliche Umwelt bewußt wahrzunehmen und zu erkennen, z. B. Erlebnis der
Natur. „Sinnhafte ganzheitliche Naturerfahrungen und sinnorientierende
Handlungen sowie die damit verbundenen ästhetischen Erlebnisse“ sind in
diesem Zusammenhang offenbar wichtig, um so die Entfremdung von der Natur
zu überwinden (Göpfert 1988: 2). Eine starke emotionale Bindung an die Natur
und ein damit verbundenes Motiv zum Handeln erfordern in ganz bestimmter und
eigentümlicher Weise entsprechende Einstellungen, denen gemäß eine
grundlegende Orientierung in Richtung auf Mitwirkung, Kompetenz und
70
Eigeninitiative gegenüber der Umwelt erfolgen (Trommer 1993). Denn das
Kennenlernen der Natur ist eine gute Gelegenheit für eine ganzheitliche
Wahrnehmung im Licht der ökologischen Situation, wodurch eine eigene Dynamik
in Gang gesetzt werden kann.
- Initiative: Die systematische Erweiterung und eine erhebliche Verbesserung der
praktischen ökologischen Bildungsangebote sind für den Einzelnen und die
Gesellschaft unverzichtbare Bestandteile der Lebensqualität im Rahmen der
ökologischen Erneuerungen, in denen die Menschen zurechtkommen müssen.
Initiative zu ergreifen ist ein wichtiger Prozeß, der mit vertauensbildenden
Maßnahmen und der Rückbesinnung auf gemeinsame Werte beginnt und unter
tatkräftiger Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen an der Problemlösung
entscheidend voranzubringen ist (Siehe Kapitel 4.1).
Die planmäßig organisierte Bewußtseinsbildung für die Belange des
Umweltschutzes wird zum wichtigen Gegenstand der auf die Bildung gerichteten
Initiativen, die sich allerdings bemühen müssen, ihren wertvollen Beitrag zur
Entwicklung einer persönlichen Naturbeziehung und eines nachhaltigen
Lebensstils zu leisten und die damit verbundenen Einstellungs- und
Verhaltensmuster aufzubauen (de Haan/Kuckartz 1996). Darüber hinaus sind es
Prozesse der verstärkten Bewußtseinsbildung, die „Verhaltensangebote und
Handlungsanreize“ für die gewünschten Verhaltensänderungen im Rahmen der
Umweltpolitik nachdrücklich vorantreiben und einer einseitig ökonomischen
Betrachtungsweise gegebenenfalls entgegensteuern (Fietkau 1987;
Schahn/Giesinger 1993).
Es sind in besonderem Maße die zwei oben genannten Funktionen, die durch
konkrete zielorientierte Programme Anleitungen zu umweltgerechteren
Verhaltensweisen liefern. Insbesondere ist der letztgenannte Punkt
hervorzuheben, weil er als wichtiger Beitrag zur Strategie der Umweltaufklärung
und zur positiven Wirkung des Umweltschutzes eingeschätzt werden muß.
Es ist also ausschlaggebend, daß für den Prozeß der Ingangsetzung von
Initiativen die aktive Partizipation und Konsensfindung hinsichtlich eines
plausiblen Gestaltungsprozesses dringend geboten scheinen. Umweltbewußtsein
von gesellschaftlich zielbewußten Subjekten mit Nachdruck instand zu setzen und
71
sogar zu konsolidieren ist dabei die Zielvorgabe. Das veranschaulicht die
Bedeutung des positiven Antriebs, der vom „Prinzip Verantwortung“ ausgeht und
für die Zukunftsleitbilder der umweltrelevanten Bewußtseinsveränderungen zum
Tragen kommen wird (Jonas 1984). „Verantwortungsbereitschaft muß im geistigen
Vollzug der Dialektik von Engagement und Reflexion als Moment der Bildung
selbst gewonnen werden“ (Klafki 1970: 71).
Im Hinblick auf eine stetige Erweiterung ökologischer Handlungskompetenzen und
Mitwirkungen sind umfassende politische Entscheidungsprozesse zwar für einen
konsequenten Umweltschutz erforderlich, finden aber noch immer nicht statt. Geht
es um klare Zielvorgaben bzw. konkrete Maßnahmen im Umweltschutz, so fehlt es
in der Praxis üblicherweise an Akzeptanz und Unterstützung. Das führt dazu, daß
die Aufklärung eines Sachkomplexes im Bereich der Umweltbezüge sowohl in
öffentlichen als auch privaten Einrichtungen nur punktuell und nicht
konzeptorientiert betrieben wird, wodurch in Korea „der Beitrag zur Prävention von
Umweltproblemen angesichts der gesamtgesellschaftlichen Probleme von einer
mehr oder minder marginalen Bedeutung ist“ (Kim, D.-S. 1995: 53).
Ein interessanter Index in der empirischen Forschung in Korea, nämlich die
Beantwortung der Frage nach dem Ausmaß der öffentlichen Unterstützung für
Umweltschutzmaßnahmen, zeigt, daß breite Bevölkerungskreise der
gesellschaftlichen Aufklärung als pädagogisches Anliegen gegenüber dem
technologisch-naturwissenschaftlichen Interesse und den institutionellen
Kontrollen einen erheblichen Vorrang einräumen (Bae, K.-H. 1991; Yang, J.-H.
1992; Kim, D.-S. 1995). Im Hinblick auf langfristige Effekte sind solche rein
technologisch-naturwissenschaftlichen ausgerichteten Maßnahmen wirkungslos,
da die heutige ökologische Zerstörung nicht nur mit der Herrschaft der Technik
und dem damit verbundenen Wissensverständnis zu tun hat (Kim, D.-S. 1995: 3).
Vielmehr sind die komplexen, unübersehbaren und faktisch kaum noch
steuerbaren gesellschaftlichen Prozesse darauf angewiesen, daß „die ökologische
Krise mittels Bildung, Erziehung und Lernen bearbeitet wird“ (Thiel 1996: 36ff.).
Die Umweltbildung sollte dem Umweltbewußtsein auf der Basis der bisher
vorliegenden Untersuchungsergebnisse zum Thema Umweltbewußtsein und der
darauf basierenden Empfehlungen eine von der Gesellschaft gewünschte
Richtung geben. Bildungsprozesse ermöglichen es in diesem Sinne, „die
72
Umweltkrise zu reflektieren und Schlüsselkompetenzen zu ihrer Bewältigung zu
erwerben“ (de Haan/Kuckartz 1996: 284) und streben „die Befähigung zu
vernünftiger Selbstbestimmung“ der Einzelnen an (Klafki 1993: 19). Auf dieser
Basis der Bewußtseinsveränderung kann der Handlungsspielraum jedes
einzelnen vergrößert werden.
Als eine der wichtigsten Empfehlungen zunehmender gesellschaftlicher
Notwendigkeit von Umwelterziehung nach dem Beschluß der Ständigen
Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland
(KMK) deutlich wie folgt formuliert worden: „Erziehung zu Umweltbewußtsein und
Umweltschutz kann damit Verständnis und eine positive Einstellung für die zu
lösenden Probleme gleichermaßen fördern. Es soll dem Schüler dabei auch
deutlich werden, daß zum Schutz der Lebensgrundlagen der Anspruch des
Einzelnen, sich individuell zu entfalten, mit dem Anspruch der allgemeinen
Wohlfahrt in Einklang gebracht werden muß“ (KMK 1980).
Die bestmögliche Umsetzung dieser Empfehlungen zum besonderen
pädagogischen Anliegen des Umweltschutzes zu entwickeln, bedeutet daß:
- Schüler aktiv am Erkennen und Entwickeln von Lösungen von Umweltproblemen, d.h.
durch anthropogene Veränderung der Umwelt hervorgerufenen Problemen,
kompetent teilnehmen können müssen,
- der konstruktive Prozeß der Einsicht und Verantwortung sowie die emotionale
Bindung an die Umwelt freigesetzt werden muß,
- über komplexere sozio-ökologische Zusammenhänge und Hintergründe in
verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen eine Zusammenarbeit stattfinden muß
und dadurch Einblicke in die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt
gewonnen werden müssen,
- auf Problemstellungen verschiedenster Ebenen mit sehr unterschiedlichen inhaltlichen
Akzentuierungen Rücksicht genommen werden muß,
- lebenslanges Lernen in Familie, Kindergarten, Schule und Vereinen sowie
Einrichtungen der Erwachsenenbildung und der beruflichen Fortbildung ermöglicht
werden muß
(Chung, W.-H. 1990: 158; Kim, D.-S. 1995).
73
Um wiederum diesen Einfluß zu kanalisieren, sind die Kriterien der inhaltlichen
und organisatorischen Richtlinien in der Schule verbindlich festzulegen und der
Umweltbildung ist dabei eine wesentliche Rolle einzuräumen. Die oben genannten
Ausführungen zeigen, daß ein sehr wichtiger Schritt zur Entwicklung
umweltbewußten Verhaltens in der Herbeiführung direkter persönlicher
Erfahrungen wie unmittelbarer Anschauung der Natur, durch die den Schülern die
Möglichkeit zum tiefen Verständnis der Umweltprobleme und ein nicht weniger
ausgeprägtes Gefühl für die Verantwortung für die Umwelt gegeben wird, besteht.
Dadurch können darüber hinaus langfristig negative ökologische Folgen
vermindert werden.
„Das Nachdenken über angemessene Lehr- und Lernmethoden, die richtigen
Inhalte und Ziele sowie die organisatorischen Rahmenbedingungen für eine
gesteigerte Sensibilität in ökologischen Fragen wird zum eigenständigen Feld in
der Umweltdebatte“ (de Haan/Kuckartz 1996: 152). Den so organisierten und
institutionalisierten Lernprozessen kommt durch kritische und konkretisierende
Auseinandersetzungen, Diskussionen und Reflexionen die wesentliche Funktion
bei der Herausbildung grundsätzlicher Bereitschaft zur Verhaltensänderung und
der Mitwirkung an Entscheidungsprozessen zu, in denen man unterschiedliche
Fähigkeiten und Selbstwertgefühl ausbilden kann. Demgemäß sollten
umweltpädagogische Themen, Inhalte und Gegenstände den Kriterien
„Milieubezogenheit, Begreifbarkeit und sachgemäßes Faktum“ entsprechen
(Hong, K.-D. 1996: 39).
Die Durchführung eines derartigen Vorhabens erfordert neben konkreten
Methoden und Inhalten einen flexibleren ökologischen Lernprozeß in und
außerhalb der Schule, der auch ökonomische und sozio-kulturelle
Lebensbedingungen der Menschen miteinbeziehen muß. Die zukünftigen
Anforderungen des Umweltschutzes setzen allerdings voraus, daß im
ökologischen Bildungsbereich bestimmte unumgängliche Merkmale erfüllt werden
müssen. In dieser Perspektive sollte die Umweltbildung den grundlegenden
Prinzipien der „Situationsorientierung, Interdisziplinarität, Handlungsorientierung
und Problemorientierung“ entsprechen (Nam, S.-M. 1991: 45; Bolscho/Seybold
1996: 84).
74
Um das oben beschriebene Ziel zu erreichen, sollen folgende organisatorische
Überlegungen für die Koordination und Verstärkung der Umweltbildung
berücksichtigt werden:
- sorgfältige Planung und Entwicklung sowie wirksame Koordination und Förderung der
Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Disziplinen sollen durch
Diskussionsprozesse in der Umweltbildung etabliert werden
- eine Grundlage für politische Entscheidungen zur Umweltbildung soll durch die
entsprechende Forschung und Lehre geschaffen sowie eine ausreichende
Ausstattung bereitgestellt werden
- kontinuierliche Bemühungen zur Hebung des Umweltbewußtseins sollen im
öffentlichen Raum verbreitet und der Stellenwert der Umweltbildung insgesamt erhöht
werden
- die Professionalisierung der in der Umweltbildung tätigen Gruppen und Personen soll
durch finanzielle Unterstützung erhöht werden.
(Chung, W.-H.: 1990).
Die Realisierung dieser Forderungen kann durch eine kontinuierliche und
konstruktive Zusammenarbeit mit allen gesellschaftlichen Gruppen erfüllt werden.
Dies erfordert einen Vorbereitungsprozeß, dem eine wichtige pädagogische
Funktion innewohnt. Diese soll auch innerhalb des sozialen und kulturellen
Kontextes des Leitbildes einer dauerhaften umweltgerechten Entwicklung
systematisch ermittelt bzw. gewährleistet werden. Dabei ist vermehrt zu beachten,
daß Akzeptanz und Wirksamkeit von aufklärerisch-erzieherischen Initiativen und
Maßnahmen durch konstruktive und praktikable Konzepte gesteigert werden
können.
Entscheidend ist dabei, daß der Aufbau von Wertvorstellungen und
Verhaltensweisen im Rahmen des Umweltbewußtseins von Kindern und
Erwachsenen systematisch und aktiv zu schaffen ist. Eine derartige Orientierung
ist notwendig ein langfristiges Unternehmen, da die beobachtbaren
Einzelphänomene ökologischen, ökonomischen, wie die technischen und sozialen
Fakten den Menschen vor Augen gehalten und sodann „die konkreten
Handlungen der Menschen durch gesellschaftliche Prozesse und individuelle
Entscheidungen“ vorbereitet werden müssen (Eulefeld 1981 et al.: 30).
75
Besonders ausgeprägt ist die Bedeutung des Umweltbewußtseins für das
menschliche Wohlergehen in der sich entwickelnden Gesellschaft, aber es betrifft
auch natürlich unmittelbar die eigenen Interessen, die sich im Zusammenhang mit
potentiell möglichen Auswirkungen auf die ökologischen Risikofaktoren
artikulieren. Daher ist „Umweltbewußtsein die Denkvoraussetzung einer
epochalen Veränderung“ (de Haan/Kuckartz 1996: 284). Diese Veränderung des
Umweltbewußtseins ist somit eine Veränderung der eigenen Lebenshaltungen
und Verhaltensweisen im Umgangs mit der Umwelt.
Die Voraussetzung dafür ist, daß es in der Regel eines langfristigen politischen
und gesellschaftlichen Engagements bedarf, um dem Umweltbewußtsein ein
tragfähiges Fundament zu geben. Dementsprechend müssen die kulturellen und
institutionellen Voraussetzungen für eine Anpassung an den ökologischen
Wertewandel geschaffen werden, der positiv bekräftigende Formen der Einsicht in
den Bindungscharakter und die Verantwortlichkeit hervorgebracht und damit eine
neue umweltfreundliche Richtung vorgezeichnet hat.
Nahezu unvermeidlich ist indessen, den kulturspezifischen Charakter des
Umweltbewußtseins zu berücksichtigen und seine alimentierenden Funktionen in
bezug auf die zukünftige Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen, denn er ist ein
wesentlicher Aspekt eines besonders kritischen Denkhorizonts im Sinne einer
verbesserten Risikokommunikation und Risikowahrnehmung. Auf die
kulturspezifischen Faktoren werden wir im folgenden Kapitel näher eingehen. Bei
der Erstellung der ökologischen Konzepte ist es notwendig, die Kenntnisse in der
jeweiligen spezifischen kulturellen Situation und die historische Bedingtheit tief
sitzender Denk- und Handlungsmuster zu reflektieren und wirksam werden zu
lassen.
Diese Tatsache, daß das Umweltbewußtsein immer schon eine kulturelle
Dimension impliziert, rührt daher, daß die Handlungsabsicht angesichts der
Vielfältigkeit der Umweltfrage nicht nur von der sich entfaltenden und bildenden
Individualität, sondern auch von Welt- und Wertbildern in bestimmender Weise
geprägt wird, die in bezug auf das Umweltverhalten durchaus rationale und
zweckmäßige Urteile hervorbringen können. Diese Urteile basieren auf einer
symbolischen oder mystischen Form der Naturanschauung und sind durch
technologische Denkmuster der Neuzeit fast vollständig abgelöst worden. Das
76
Umweltbewußtsein ist also von einer wesentlichen Wichtigkeit, bei der
Beschreibung der gegenwärtigen ökologischen Entwicklung und Tendenzen. Es
ist damit als Indikator für die Erfolgsaussichten eines ökologischen Umbaus der
Gesellschaft.
77
2. Kulturelle Ansätze im Kontext der ökologischen Fragen
2.1 Die Frage des gesellschaftlichen Wertewandels
Was beispielsweise Umweltfragen im Wertesystem angeht, gilt es freilich, alle
verschiedenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Denn
die ökologische Krise hat nicht nur unmittelbar das tägliche Leben der einzelnen,
sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse tiefgreifend verändert. Sie ist
auch „ein kulturelles Konstrukt. Es hängt eben von kulturellen
Symbolisierungsleistungen ab, ob Probleme als Krise wahrgenommen werden
können oder nicht“ (Eder 1988. 245). Individuelle Wertehaltungen und
Einstellungen gegenüber Umweltproblemen spiegeln sich wider in dem
Wertewandel und der damit zusammenhängenden Erfahrung oder dem
Verständnis.
In diesem Sinne verkörpert das Umweltbewußtsein ein vielgestaltiges Gefüge, das
durch die ihm innewohnende Kraft das Urteilsvermögen und die kritische
Willensbildung in bezug auf das ökologische Problem steigert (Kim, D.-H. 1997:
54). Voraussetzung dafür aber ist, daß zunächst auf der Grundlage einer
gemeinsamen normativen Orientierung ein vernünftiger, akzeptabler Konsens
darüber hergestellt wird, auf welchen Prinzipien gesellschaftlich relevante
Verhaltensweisen in bezug auf eine nachhaltige Entwicklung gründen sollen.
Diese Aufgabe betrifft vor allem die kritische Auseinandersetzung mit traditionellen
Wertvorstellungen und ihrer gesellschaftlichen Relevanz und die Erulierung des
fundamentalen Bestimmungsfaktors für neue Formen des Wertewandels und
pragmatischer Orientierungen sowie kultureller Erneuerungen. Durch das
Ausführen einer gestellten Aufgabe versichert sich eine Gesellschaft der eigenen
Handlungsgewohnheit, weil sich Menschen ihre Verhaltensregel ganz bewußt für
den Umgang miteinander schaffen müssen.
Je mehr sich der gesellschaftliche Modernisierungsprozeß hochgradig kompliziert
und ausdifferenziert, desto mehr verändert sich der Maßstab der Werte und der
Grundhaltungen im Rahmen aller gesellschaftlichen Bereiche, auf die sich alle
Menschen verpflichten können. Es ist jedoch sehr schwierig zu sagen, wie der
Maßstab der Werte im gesellschaftlichen Bereich, aber auch im engeren Sinne in
78
der Pädagogik aufrechterhalten werden kann. Noch schwieriger ist es, dafür zu
sorgen, daß in der stärker reflexiven gesellschaftlichen Ordnung Gemeinsinn und
Interesse an allgemeingültigen Werten von allen akzeptiert werden.
Bei der erheblichen Veränderung des gesellschaftlichen Umfelds, von der
existentiellen Tradition bis zur durchgreifenden Transformation durch das Bild
eines anbrechenden Zeitalters der hochentwickelten Informations- und
Kommunikationstechnologie, werden in der sozialen Wirklichkeit und Möglichkeit
„die kollektiv geltenden und vorgegebenen Regeln und Normen gesprengt, die
bisher die Legitimität des Handelns in der Gesellschaft maßgeblich bestimmt
haben“ (Kim, T.-K. 1991). Man hat ständig einen traditionellen kulturellen
Bedeutungsverlust durch das rationale Verhalten und Denken erfahren.
Unübersehbar befindet sich der Wertewandel in einer Phase der dauernden
Neuorientierung, wobei sich dieser massive Prozeß der tiefgreifenden
gesellschaftspolitischen Struktur von innen heraus in auffälliger Weise
beschleunigt hat.
Der fundamentale Antrieb, der die in Gang setzt, ist in Korea das an individueller
Leistungen Prozeß orientierte Prinzip unter dem Diktat des Konkurrenzdenkens
oder ökonomischer Zwänge: Es wird mit westlichen Moden und Trends nach einer
rationalen Lebenspluralität und Konzeption von Wirklichkeit verbreitet und ist zu
der vorherrschenden sozialen Einstellung und Lebensform geworden, die auch
Wertentscheidungen in der Öffentlichkeit beeinflußt. Aufgrund der ungeheuren
Veränderung der vielfältigen gesellschaftlichen Situation und der neuen kulturellen
Unverbindlichkeit werden die Umweltfragen mehr oder weniger mit all diesen
grundsätzlichen Vorstellungen konfrontiert (Ku, D.-W. 1996).
Der Versuch, das bestimmende Element einer zusammenhängenden Bewertung
und begründeten Argumentation für das Bewußtsein und Verhalten der Koreaner
in bezug auf Umweltfragen zu konkretisieren, beginnt mit der Skizzierung der
ethischen Normen und überlieferten Werte, die überdies in hohem Maße mit dem
gesellschaftlichen Wandel und dem tiefgreifenden Wertewandel in Verbindung
stehen, denn Wertefragen haben unmittelbar mit der Beibehaltung der tradierten
Lebensformen und mit der notwendigen Veränderung des Alltagslebens in der
Gesellschaft zu tun. „Aus der Sicht der Wertewandelstheorie stellt sich
Umweltbewußtsein als eine spezifische Konkretisierung eines breiten
79
Veränderungsprozesses gesellschaftlicher Orientierungen und individueller
Lebensvorstellungen dar“ (Dierkes/Fietkau 1988: 26).
Es liegt jedoch nahe, daß Werte als „eine der Schlüsselkategorien, vielleicht die
zentrale Kategorie“ für den Bewertungsmaßstab der Individuen oder Gruppen
anzusehen sind (Joas 1999: 32). Es läßt sich hieraus ableiten, daß „allgemein
geltende Wertsysteme durch mehr oder weniger unterschiedliche gesellschaftliche
Lebensformen und kulturelle Deutungssysteme mitbestimmt werden“ (Kim, T.-K.
1991: 191). Im Gefolge der zunehmenden Vergesellschaftungs- und
Entfremdungstendenzen sind Werte ein wichtiger Indikator, durch den jemand in
verschiedenen Formen bei bestimmten sozialen Handlungen zu beeinflussen ist,
sie werden „als zentrale dispositionelle Orientierungs- und Steuerungsinstanzen
des persönlichen Systems“ verstanden (Klages 1989: 807).
Sie sind zwar ein ausschlaggebendes Element im Zustandekommen unseres
Verhaltens und das Grundfaktum der Gesellschaftsbetrachtung. Gleichermaßen
aber sind sie nicht immer universell gültig, sondern sie hängen in hohem Maß von
den kulturellen Veränderungen und gesellschaftspolitischen Bedingungen ab. „Die
Analyse des Wechselspiels zwischen kultureller und sozialer Integration sowie
zwischen Werten und Normen muß der Beobachtung Rechnung tragen, daß
unterschiedliche Wertsysteme unterschiedliche Nähe zu den Normen haben, die
sich aus den universellen Kooperationsstrukturen ergeben“ (Joas 1999: 273).
Traditionelle Werte und moralische Forderungen, wie beispielsweise
Gemeinsamkeit, Solidarität, Opfer usw. auf sich zu nehmen, haben sich in Korea
in den vergangenen fünf Jahrzehnten auf gesellschaftlicher Ebene dramatisch
gewandelt und an Bedeutung und Gestaltung unwiederbringlich verloren. Der
zunehmende Wertewandel oder der Verfall festgefügter sozialer Normen und
Werten, die sich nach 1945 (Befreiung der Kolonialisierung von Japan) auf
zielorientierte und funktionalisierte Leistungsanforderungen sowie Mammonismus
in der konfuzianistischen Gesellschaft richteten und die immer mehr Menschen
durch aus dem Ausland eingeführte soziale Werte (Wissenschaft, Information und
Bildung), ideologische Werte (Demokratie, Kapitalismus) und kulturelle Werte
(Sprache, Inhalte und Methoden der Lernmaterialien) in Richtung auf selbständige
Lebensführung und -stile unmittelbar beeinflußten, waren in der Gesellschaft
80
deutlich sichtbar, die auf die erfolgreiche Durchsetzungskraft des Einzelnen baute
und Stärke prämierte.
Die eingeführten Normen und Vorstellungen vom Westen wurden durch die
fortschreitende Anpassung im sinnorientierten Bildungskontext und durch die
Transparenz der gesellschaftlichen Institutionen tief verwurzelt, womit die Welt-
und Lebensanschauungen ab den sechziger Jahren vor allem immer im Kontext
mit der wirtschaftlichen Entwicklung als integrierendem Ziel in einen tiefgreifenden
gesellschaftlichen Wandel eingetreten sind und weshalb „inzwischen mehrere
Wertesysteme nebeneinander bestehen und miteinander konkurrieren“ (Ropohl
1985: 74). Darüber hinaus wurden die lebensweltlichen Gebräuche, Werte und
Einstellungen sowie allgemeinen Lebensgewohnheiten immer mehr von den
traditionellen moralischen Maßstäben abgekoppelt. „Die Enttraditionalisierung
betrifft nicht nur die soziale Welt, sondern wirkt auch auf die Umgestaltung der
Natur ein und wird ihrerseits von dieser Umgestaltung beeinflußt“ (Giddens 1997:
126).
Hingegen waren die in tradierten Bestimmungen der eigenen Kultur insbesondere
auf kollektiven Lebensmustern und Bewußtseinsformen beruhenden
schamanistischen Traditionen durch Pragmatismus, Humanisierung und Sinn r
die individuelle Verantwortung tendenziell immer mehr abgekoppelt worden, so
daß dieser psychosoziale und moralische Verfall ein Symptom des abnehmenden
Stellenwerts der Wertestruktur und einer tiefgreifenden Deformation war (Kim, I.-
W. 1983; Kim, T.-K. 1991). In der Tat äußert sich ein gesellschaftspolitisch-
kultureller Wandel in sehr expliziter Form in den geänderten Erziehungszielen und
den vielen weiteren Aspekte des gesellschaftlichen Lebens sowie dessen
veränderten Einstellungen.
Obwohl die traditionellen Werte und Normen von den auf Dauer angelegten
universalen Gemeinsamkeiten und den gesellschaftlichen Solidaritäten als
unumstößliches Regelwerk aus Lebenswelten und Verhaltensweisen in Korea
durch globale Kapitalmärkte und dem daraus resultierenden Konkurrenzkampf
sowie Leistungsdruck in Frage gestellt und die damit einhergehenden
gegenwärtigen Phänomene unter Stichworten wie „Ellenbogenstarker,
Egozentrismus, handfeste materielle Interessen und Selbstsucht sowie der
fortschreitende Verlust des sozialen universalistischen Normgefüges“ in der
81
Gesellschaft verdrängt werden, gibt es immer noch die im folgenden drei Ebenen
mit heute mehr oder weniger festgelegten, zuweilen durchaus wichtigen, auch
beeinflussenden Verhaltensregeln über Art und Form gesellschaftlicher
Orientierung;
- „die die Familie als Mittelpunkt stehenden Werte
- die Ehre der Familie durch Karriere
- die drei grundlegenden menschlichen Beziehungen zwischen Herrscher und Volk,
Vater und Sohn, Mann und Frau und der fünf Punkte umfassende Sittenkodex“ 7
(Kim, T.-K. 1991: 191).
Angesichts des grundsätzlichen Tatbestandes wird in den oben angeführten drei
Kategorien davon ausgegangen, daß „ursprünglich die Familie in ihren
Erscheinungs- und Verhaltensformen als die unverzichtbare Sozialisationsinstanz
und als vorherrschender Prototyp sowie Fundament in allen gesellschaftlichen
Bereichen“ betrachtet wurde (Kim, D.-H. 1994: 194; vgl. Etzioni 1998). Sie bleibt
als eine primäre Sozialinstitution besonderer Art mit einer bestimmten
Rollenstruktur verquickt und vor allem an den tradierten ethisch-moralischen
Vorstellungen ausgerichtet, die die Menschen im Rahmen der jeweiligen
bestehenden gesellschaftlichen Einstellungen und Normen befolgen müssen.
Im traditionellen Sinne ist der Einzelne in Korea stärker in der Gemeinschaft (z. B.
Familie, Institutionen) als Ort integriert, an dem im wesentlichen bestimmte
Wertorientierungen und Sozialisationsprozesse geprägt werden und die
Individuen ihre bestmögliche Erfüllung finden. Die gemeinwohlfundierte Institution
ist ein herausragendes Gebilde und sogar ein Mittel, das dem Ziel dienen soll, den
Menschen identitätsstiftende Kraft wie ein Selbstbewußtsein, eine moralische
7 Diese Punkte sind: Gerechtigkeit ist die größte Tugend zwischen Herrscher und Volk.
Freundlichkeit ist das wichtigste Element in der Beziehung zwischen Vater und Sohn. Die
Rollenverteilung zwischen Mann und Frau ist unantastbar. Die hierarchische Rangordnung
zwischen Erwachsenen und Kindern ist unerschütterlich. Vertrauen zwischen Freunden ist
unumgänglich. Diese Funktionen stehen immer im Mittelpunkt des Interesses der patriarchalen
Familienverhältnisse.
82
Tradition und eine praktische Hilfe zu vermitteln, und fußt auf den elementaren
persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen und Konstellationen.
„In der Tat leiten allein liberale westliche Gesellschaften alle Rechte und Pflichten
aus dem Konzept des autonomen Individuums ab. In Asien dagegen sind die
Menschen von Geburt an in ein Netz von Verpflichtungen den anderen gegenüber
eingebunden, von der Familie bis zum Staat“ (Fukuyama 1998: 3). Die negative
Kehrseite ist aber, daß sich festgefügte Familienstrukturen offensichtlich zu
persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen, willkürlicher Herausbildung bestimmter
Regionen und Herkünfte als Karrierebedingung und rigide vorgegebenen
Hierarchien verschärfen, die auch gesellschaftliche Zwänge repräsentieren.
Beim Konfuzianismus spielen insbesondere familiäre Werte und gesellschaftlicher
Zusammenhang in den moralischen Verpflichtungen, Loyalitäten und
verbindenden Strukturen der menschlichen Gemeinschaft eine viel größere Rolle
(Kim, T.-K. 1991; Lee, J.-M. 1995). Es ist das typische Modell der klassischen
Milieufamilie, das in Korea zum Teil noch immer gut funktioniert. Die sittlichen und
kulturellen Belange der Familie sind die Grundlage der hohen sozialen Kohäsion
einer Gesellschaft und der Entwicklung der Pflichten des Individuums, wobei man
Fürsorge, Unterstützung und das auf Dauer eingestellte Zusammenleben erfährt.
Die traditionelle Einheit der Familie gilt aber auch als ursprünglicher Ort einer
gefühlsmäßigen Bindung und eines funktionierenden sozialen Netzes und
vielfältiger gesellschaftlicher Affinität, als Gegenpol zu der Befriedigung eines
banalen und ungezügelten Egoismus (Park, H.-S. 1997: 436).
Unter der Devise „erst moralische Selbsterziehung, dann Familienführung“
(Konfutse) wird in diesem Sinne ein Gefühl kollektiver Geborgenheit und ein
substantieller Kern eines menschenwürdigen Daseins und Bewußtseins
offensichtlich vermittelt, um sich in der öffentlichen und gemeinschaftlichen
Verhaltensweise zu vervollständigen. Aber allmählich verändert sich
bezeichnenderweise die Perzeption der Familie angesichts eines gesellschaftlich-
geschichtlichen Prozesses und einer zunehmenden Aufsplitterung in immer
begrenztere Gemeinschaften, man kann von einem „Bedeutungswandel von
Familie“ sprechen (Beck 1986: 155). Die charakteristischen Veränderungen der
gegenwärtigen Familie in Korea gehen sicherlich mit dem tiefgehenden
gesellschaftlichen Wandel einher.
83
Aufgrund der zunehmenden Individualisierung8, Pluralisierung und
Ausdifferenzierung von unterschiedlichen Lebensstilen und -formen sowie der
Entkoppelung der Kernelemente sozialer Lage durch die Dynamik des
beschleunigten gesellschaftlichen Wandels werden Werte, die bislang die
Grundlagen der Gesellschaft bildeten und insbesondere auf den Konfuzianismus
in Korea maßgeblich zurückzuführen sind, erheblich modifiziert, und dennoch
prägt sie nach wie vor die unabdingbare Richtlinie der Verbindung des einzelnen
mit einer umfassenderen Gemeinschaft. Demgegenüber sind insbesondere
buddhistische und schamanistische Werte und Lebensgrundlagen in der
Gesellschaft eine nur periphere, vorübergehende Erscheinung (Kim, T.-K. 1991;
Yi, D.-J. 1991).
Der oben dargelegte, grundlegende Gedankengang läßt ein Charakteristikum der
grundsätzlichen Neuorientierung in Korea angesichts der hohen Komplexität der
heutigen gesellschaftlichen Probleme, z. B. im ökologischen Bereich, besonders
deutlich zutage treten. Fragt man, wie das Umweltbewußtsein hinsichtlich der
zunehmenden sozialen und technisch-ökologischen Umwälzungen, die mit
atemberaubender Geschwindigkeit verlaufen sind, in Korea gefördert wird, so
muß man neben der politischen und ökonomischen auch die kulturelle Sphäre in
gleichem Maße beobachten. Die oben genannten Vorstellungen sind zwar keine
direkten und konkreten Hinweise auf umweltbezogene Einstellungen, doch sie
vermitteln immerhin die allgemeinen Zweckbindungen des Menschen im Rahmen
8 Beck wies allerdings darauf hin, daß Individualisierung als ein „historisch widersprüchlicher
Prozeß der Vergesellschaftung“ verstanden werden kann (Beck 1986: 205). Anders ausgedrückt,
sie läßt sich in ihren gesellschaftlichen strukturellen Determinanten als Bruch mit den traditionellen
Werten verstehen, die dadurch einem kontinuierlichen Anpassungsprozeß unterworfen sind. In
Korea geht mit der Individualisierung und der Auflösung der traditionellen Werte eine Erosion der
gesellschaftlichen Beziehungen einher. Trotzdem vertritt man nicht weniger eine öffentlich
verbreitete Auffassung, das Individuum habe sich der Gemeinschaft unterzuordnen. Die
Individualisierung schwächt nach und nach die verbindlichen Strukturen der menschlichen
Gemeinschaft, wobei Möglichkeiten über die strategischen Entscheidungsfelder des einzelnen
Individuums pluralisiert werden und die faktische Wahrheit des Individuums für
Gesellschaftsmitglieder in der alltäglichen Lebensführung exponentiell zunimmt.
84
der sozialen Verträglichkeiten, in denen er eine Verantwortung für sich und andere
zu übernehmen hat.
Von diesem Standpunkt aus muß auch die Umweltfrage berücksichtigt werden,
denn die langfristige Verankerung der Grundaspekte sozialer Verhaltensweisen
kann für das wertorientierte Handeln von Individuen eine ausschlaggebende
Bedeutung gewinnen. „Mit fortschreitender Modernisierung vermehren sich in
allen gesellschaftlichen Handlungsfeldern die Entscheidungen und
Entscheidungszwänge“ (Beck 1986: 190). Das Wertfundament wird immer gemäß
der geschichtlichen Entwicklung und den vielfältigen geistig-kulturellen Strukturen
verändert.
Gleichermaßen wichtig muß erscheinen, daß mit dem fortschreitenden Zerfall
herkömmlicher Milieus in zunehmendem Maße Werteprobleme und -konflikte im
Verlauf des Übergangsprozesses von der agrarisch geprägten zur industriellen
Gesellschaft in Korea nunmehr im Vordergrund stehen (Kim, T.-K. 1991). Im Lauf
der vergangenen Jahrzehnte ist damit der materielle und kommerzielle Erfolg
rasch in sämtlichen Lebensbereichen zum höchsten Wert vom Rang einer
sozialen Tugend geworden, so daß ein fundamentaler Bruch mit der
Vergangenheit -und zwar prinzipiell in bezug auf Wirtschaft, gesellschaftliche
Systeme- deutlich zutage tritt (Etzioni 1998). Eine komplizierte Verflechtung mit
den gesellschaftlichen Verhältnissen bewirkt eine beschleunigte Pluralisierung
und Ambivalenz in bezug auf das zugrundeliegende Werte- und Normgefüge, die
dann in der Bevölkerung zu Irritationen führen, aus denen zuweilen immer
schärfer werdende soziale Konflikte mit der Maßgeblichkeit des ökonomischen
Prinzips entstehen.
2.2 ’Freiwillige’ Anpassung oder ´zwangsläufiger´ Widerstand in Richtung
der westlichen Werte und Normen.
Im folgenden werden wir auf die Ambivalenz, den Konflikt und die Anpassung in
Richtung der westlichen Werte und Normen in Korea im Zusammenhang mit der
„Materialismus-Postmaterialismus These“ von Inglehart eingehen. Folglich wird
zunächst dargestellt, was Inglehart unter materialistischen und
postmaterialistischen Werten versteht und inwieweit sich seine
Forschungsergebnisse auf die Unterstützung der Umweltprobleme vor dem
85
Hintergrund der Relativierung der traditionellen Wurzeln der gesellschaftlichen
Werte und Normen in Korea übertragen lassen. Es muß außerdem geprüft
werden, ob sie übernommen werden können bzw. modifiziert werden müssen.
Das ist in diesem Zusammenhang auf jeden Fall besonders wichtig, denn Korea
entwickelt sich offensichtlich sowohl im politisch-ökonomischen, als auch im
gesellschaftlich-kulturellen Bereich durch eine rasche, sich in Sprüngen
vollziehende Individualisierung und Flexibilisierung, und zwar in einer gemischten
Anpassungsform von westlicher Moderne und Tradition. Es ist interessant zu
beobachten, inwieweit die Inglehartsche These im Hinblick auf eine
Aufrechterhaltung des koreanischen gesellschaftlichen Systems unter
Heranziehung einer Entflechtung der Gesellschaft im Bereich der alltäglichen
Lebensweisen ausgewertet werden kann.
Die berühmteste, den individuellen und gesellschaftlichen Wertewandel und seine
Bedeutung für das Umweltbewußtsein betreffende These ist die von Ronald
Inglehart in den siebziger Jahren vorgelegte, die von den entgegengesetzten
Paradigmen „Materialismus versus Postmaterialismus“ in den westlichen
Industrieländern spricht (Inglehart 1977). Seine empirische Forschung, die sich in
erster Linie auf physiologische Konzepte bezog, wurde von ihm für die
Wahrnehmung und Verarbeitung der vielgestaltigen gesellschaftlichen Realität
des ökologischen Bewußtseinswandels herangezogen.
Postmaterialistische Werte seien die Folge der Verbesserung des Wohlstands
und der Absicherung der materiellen Bedürfnisse in den industrialisierten Staaten
nach dem Zweiten Weltkrieg. Durch die Befreiung von der prekären Knappheit der
materiellen Ressourcen wendeten sich in den siebziger Jahren in den
Industrieländern jüngere Generationen mit gehobenem Bildungstand zunehmend
relativ früh erworbenen postmateriellen Wertvorstellungen zu. Wenn die
grundlegenden Bedürfnisse der Individuen erfüllt, dann sind sie in wachsendem
Maße auf eine höhere Lebensqualität ausgerichtet. Dies ist zumindest „eine
allmähliche Gewichtsverlagerung in der Relevanzordnung des Hoch- und
Höhergeschätzten bzw. des Geringgeachteten“ (Mertens 1988: 21).
Inglehart führt folgende materialistische und postmaterialistische Werte an.
86
Materielle Werte
- beträchtliche Sicherheit durch starke Landesverteidigung
- Verbrechensbekämpfung
- Aufrechterhaltung von Ordnung in einem Land
- Erhaltung einer stabilen Wirtschaft
- Erhaltung eines hohen wirtschaftlichen Wachstums
Postmaterielle Werte
- Anstrengung des Naturschutzes gegen die Umweltverschmutzung
- Mehr Einfluß der Bürger auf die wichtigen Entscheidungen der Regierung
- Schutz der freien Meinungsäußerung
- Mehr Möglichkeiten zur Meinungsäußerung am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft
- Entwicklung zu einer menschlicheren, weniger unpersönlichen Gesellschaft
- Entwicklung zu einer Gesellschaft, für die Ideen wichtiger sind als Geld.
(Inglehart 1977)
Postmaterielle Wertvorstellungen haben in der zunehmend technisch-
wissenschaftlich geprägten Lebenswelt wesentlich zur „Pluralisierung der
Einstellungen und Milieus“ und zur Orientierung des Lebens beigetragen
(BUND/Misereor 1996: 207). Anhand zahlreicher empirischer Untersuchungen
anhand des Indexes des Postmaterialismus von Inglehart ist gezeigt worden, daß
vor allem, wenn die materiellen Bedürfnisse ausreichend befriedigt sind, in den
westlichen Industriegesellschaften ein vielfältiger Übergang von ungehemmten
materialistischen zu postmaterialistischen Werten stattfindet.
„Der Übergang von materiellen zu postmateriellen Werten ist aber nicht allein ein
Prozeß des Bewußtseinswandels, er stellt wahrscheinlich eine der
Voraussetzungen dar, die eine gesellschaftliche Ordnung erlauben, mit der ein
Ausweg aus der ökologischen Krise gefunden werden kann“ (Fietkau 1984: 29).
Es wird immer wahrscheinlicher, daß die koreanische Gesellschaft relativ schnell
87
in eine Post-Industriegesellschaft übergehen wird und damit eine Hinwendung zu
viel stärker postmateriellen Werten bewirkt wird.
„Je konsequenter die postmateriellen Werte in der Öffentlichkeit verbreitet
werden, desto mehr beschleunigt sich anscheinend die Berücksichtigung
umweltfreundlicher Zielsetzungen bei politischen Entscheidungen“ (Kim, B.-W.
1994: 49). Es ist jedoch zweifelhaft, daß die Einführung von postmateriellen
Werten mit der Schaffung der Grundlage für die Bildung einer umweltbewußten
Gesellschaft gleichzusetzen ist. „Das ist in der theoretischen Einordnung
umstritten und auch empirisch nicht belegt, denn in Ingleharts Materialismus-
Postmaterialismus-Katalog (ist) kein umweltpolitisches Ziel enthalten“ (Lecher
1997: 67).
Trotz der breiten Resonanz in den westlichen Industrienationen auf die
wissenschaftliche Forschung von Inglehart ist die Anwendung seiner Ergebnisse
auf koreanische Verhältnisse nur begrenzt möglich, denn ein postmaterialistischer
Wertewandel hat sich in Korea nur teilweise vollgezogen. Es liegt nahe, das zu
begründen. Die Werte und Normen des Westens lassen sich nicht mit den Werten
und Normen in Korea verallgemeinern, aber der westliche Lebensstandard
verbreitet sich mit rasantem Tempo auch in Korea, wie die Wirtschaftsstatistik
zeigt, so daß in der gegenwärtigen Phase auch durch den Einfluß eines neuen
Wertebewußtseins der wachsende materielle Wohlstand, die Freizeit und der
Konsum sowie die Teilnahme an sozialen Bewegungen zu spürbaren
Veränderungen geführt haben. Zwar zeichnen sich krasse Gegensätze zwischen
Tradition und Moderne ab, aber sie sind zugleich Zeit ein wichtiger Aspekt bei der
konsequenten Fortsetzung dieses dynamischen Entwicklungsprozesses in
unterschiedlicher gesellschaftlicher und kultureller Ausprägung.
In enger Verflechtung mit dem politischen und ökonomischen Wandel vollzog sich
ein gesellschaftlicher Umbruch, der mit folgenden Stichworten charakterisiert
werden kann: „Flexibilität, Individualisierung und Stärkung der
Eigenverantwortung“, wobei jeder -nach westlichem Vorbild- seine eigene
biographische Zukunft und subjektive Empfindung in den Mittelpunkt stellt. Es gibt
dementsprechend für die Menschen eine fortlaufende Ausdifferenzierung des
gesellschaftlichen Lebens, „prekäre Subsidiarität und partielle Individualisierung“
(Berger 1986). Der Individualisierungsschub der Industriegesellschaft hat auf der
88
einen Seite zur Chancenvielfalt in unterschiedlichen Lebenssituationen geführt,
auf der anderen Seite zum Zerbrechen der traditionellen sittlichen
Orientierungsmuster beigetragen (Beck 1986: 115f.).
Die unvermeidliche Konfrontation innerhalb der koreanischen Gesellschaft
zwischen den im Westen verwurzelten kulturellen Werten wie Individualismus und
Materialismus bzw. Postmaterialismus einerseits und den auf Konfuzianismus und
Buddhismus oder zum Teil auf Schamanismus beruhenden Werten andererseits
sind in immer kompliziertere Konflikte geraten, so daß „die sich verschärfende
Situation zwischen der älteren und der jüngeren Generation fast nicht zu
bewältigen ist und sich antagonistische Lebensstile in unterschiedlicher Weise bei
allen Menschen bemerkbar machen“ (Kim, T.-K. 1991: 192).
Die ältere Generation hat indes stets ein hohes Arbeitsethos beruhend auf den
sogenannten Primärtugenden wie Fleiß und Disziplin, den Vorrang der
Gemeinschaft vor dem Individuum, Ordnung und Harmonie verteidigt. Nicht
zuletzt wird ein paternalistischer Staat, der sich als antreibender Motor des sich
beschleunigenden gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses betrachtet, von der
älteren Generation bevorzugt. Von dieser vom Autoritätsprinzip geprägten Gruppe
werden der ellenbogenstarke Egozentrismus oder die selbstbezogene
Individualität nicht in den Vordergrund gestellt.
Dagegen konzentriert sich hauptsächlich die jüngere Generation in der
fortgeschrittenen Moderne nicht auf altertümliche Werte, sondern stärker auf die
individuelle „Selbstverwirklichung, Suche nach der eigenen Identität und
Entwicklung der persönlichen Fähigkeiten“ in einer auf das Eigeninteresse
bezogenen Orientierung unter dem Einfluß kultureller Westorientierung, mehr als
auf das Gefühl der Solidarität oder des Zusammenhalts (Beck 1986: 156).
Die jüngeren Generationen verhalten sich apathisch und selbstbezogen oder
verächtlich distanziert zum Gemeinwesen und eignen sich besonders eine
gewisse Neigung zum Konsum an, weil sie sich auf einer breiten Welle materiellen
Erfolgs sicher fühlen und gleichzeitig sowohl befreit von techno-ökonomischen
Erfordernissen und Zwängen, als auch im Besitz von ästhetischer Kreativität und
von Vitalität im Sinne eigener bewußtmachender Erlebnisorientierung sind, was
nach Schulze als „die unmittelbarste Form der Suche nach Glück“ bezeichnet wird
89
(Schulze 1995: 14). Das bedeutet eine pragmatische Orientierung der
individuellen Zielsetzungen und sogar eine charakteristische Ambivalenz in der
Haltung gegenüber gesellschaftlichen Regeln und Mustern.
Schulze stellt die neuen Möglichkeitsräume in einem gesellschaftlich und kulturell
unübersichtlichen Umfeld dar, wobei er auf ein jeweils unterschiedliches soziales
Milieu und deren Status gerichtet ist, z.B. Geld, Zeit und Bildung usw. Ein von
Schulze entwickeltes Paradigma von der „Erlebnisgesellschaft ist eine
Gesellschaft, die (im historischen und interkulturellen Vergleich) relativ stark durch
innenorientierte Lebensauffassungen geprägt ist“ (Schulze 1995: 54). Anhand der
kulturellen Gegebenheiten und gesellschaftlichen Wertesetzungen hat der Ansatz
der diversifizierten Lebensstile, der durch eine unbeständige Pluralität
gekennzeichnet ist, auch in der pädagogischen Diskussion in den letzten Jahren
hinsichtlich der Umweltbildung mehr und mehr an Bedeutung gewonnen. Die
These der Pluralisierung der Lebensstile in ökologischer Hinsicht wird in
unterschiedlichen sozialen Lagern, Gruppen und Milieus und der damit
verbundenen kulturellen Einbettung individuellen Handelns aufgenommen (de
Haan/Kuckartz 1996).
Der immer deutlicher zu Tage tretende Konflikt zwischen der älteren und der
jüngeren Generation führt zur zunehmenden Verwischung der alten Konventionen
oder Regeln. Innerhalb dieser Spaltung gibt es selbstverständlich für die jüngere
Generation Wertvorstellungen eigener Art, die nicht zuletzt durch den Hinweis auf
die praktischen Orientierungen des Lebens, durch eine pragmatische
Willensbildung und die damit einhergehenden rationalen Handlungen
gekennzeichnet sind. Die Instabilität derartiger gesellschaftlicher Muster scheint
mit der unaufhaltsamen Auflösung biographischer Gewißheiten und sozialer
Milieus zu wachsen.
In der Folge zunehmender Pluralisierungen und veränderter individueller
Lebenszusammenhänge gehen „ökologisch relevante Einstellungen und
Wertorientierungen maßgeblich auf sozio-kulturelle Einflußgrößen“ zurück
(Kösters 1993; Kim, D.-H. 1994). Es handelt sich dabei um die Frage, wie
ökologisch realisierbare Zielvorstellungen in der Öffentlichkeit reflektiert und
umgesetzt werden, wie sie sich an vervielfältigten Lebensstilen anlagern usw. Der
Entwicklungsprozeß zu neuen sozialen Bewegungen, die „über die kulturellen
90
Inhalten hinausgehen, deren institutionelle Verkörperung in der herrschenden
Logik der Modernisierung vorgesehen ist“, geht gegenwärtig in Korea nur langsam
und stockend voran (Eder 1988: 265).
Diese neuen sozialen Bewegungen gewinnen dank der demokratischen
Partizipation an Einfluß auf das öffentliche Leben und das gewandelte
Bewußtsein, z. B. im Umweltbereich (Roth/Rucht 1987; Brand/Eder/Poferl 1997).
Um das Primat der Ziele der ökologischen Erneuerungprozesse in politischen
Konzepten und Entwürfen für gesellschaftliche Bereiche aktiv durchsetzen zu
können, sind „Konsensfindung, Partizipation und bessere Praxisorientierung
unabdingbar, die als koordiniertes Instrument für Evaluation und sorgfältige
Kontrolle nicht zuletzt unter dem Aspekt der verbesserten Lebensqualität zu
nennen sind (Park, J.-H. 1994: 30).
Mit dem Verweis auf die undurchschaubare Komplexität der ökologischen Fragen
und die vielfach dadurch bedingten wachsenden Anforderungen an
umweltverträgliche Entwicklungen führte Peritore eine Untersuchung über das
Umweltbewußtsein in Korea im Rahmen des NEP (new environmental paradigm)
und über die traditionellen Werten (unter anderem vermittelt über Konfuzianismus
und Buddhismus) durch (Peritore 1993).
Dabei analysierte er zunächst die ökologische Krise in bezug auf die
wirtschaftliche Entwicklung in Korea und bildete ein Modell des
Umweltbewußtseins aus den Ergebnissen der Untersuchung. Zudem betrachtete
er die Rolle der politischen Kultur und der ökologischen Werte. Er leitete als eine
Konsequenz aus dem Meinungsaustausch von Umweltbeschäftigten wie folgt vier
gesellschaftliche Gruppen ab.
- Eco-opposition: positive Bewertung der Entwicklung umweltschonender Werte
trotz des Mangels an folgerichtigen „Grünen Werten“, verzweifelte Angst vor den
Risiken im Bereich der Weltklimaveränderung, negative Einstellung gegenüber
wissenschaftlich-technologischen Fortschritten, erlahmendes Interesse an
technischen Umweltschutzmaßnahmen, Bevorzugung der Willensbildung in
partizipatorischen Demokratien und kritischer Einblick in die Effizienz der
umweltpolitischen Zielsetzungen.
91
- Establishment: große Angst vor einer vor allem durch ungezügelten
Energieverbrauch hervorgerufenen globalen Klimaveränderung,
Technikoptimismus mit einem am Westen orientierten wirtschaftlichen
Entwicklungsmodell und Befürwortung der Demokratie, neutrale Haltung
gegenüber ökologischen Werten.
- Conservationists: eine optimistische Sicht auf die Zukunft, Bewahren der
traditionellen Werte, konfuzianistisch geprägte Befürwortung des wirtschaftlichen
Wachstums, Skepsis gegenüber dem anthropogen induzierten Treibhauseffekt,
Betonung der hierarchischen Rangordnung in den bestehenden gesellschaftlichen
Strukturen, Kontrolle und Harmonie im Rahmen des Konfuzianismus zwischen der
menschlichen Spezies und der Natur, kein Interesse an Atomenergie und am
Verschleiß fossiler Quellen, eine grundsätzliche Priorität der
Fortschrittstechnologien gegenüber Umweltschutzmaßnahmen, Transparenz der
Umweltinformationen, freiwillige Partizipation an der Umweltschutzbewegung,
Umweltbildung durch öffentliche Aufklärungsarbeit.
- Eco-pessimists: Anforderungen einer dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung im
Rahmen umweltschonender Werte, Pessimismus in bezug auf einen Wandel in
Richtung auf die Ausbildung eines übergreifenden ökologischen Bewußtseins,
Kritik an allzu kurzfristig ausgerichteten umweltpolitischen Entscheidungen und
der durch sie erreichbaren Lösungen und an der Priorität der technologischen
Lösungen gegenüber Umweltschutzmaßnahmen, Befürworten des mit den Mitteln
der Demokratie zu realisierenden Projekts eines ökologisch und sozial
verträglichen Wirtschaftswachstums
(Peritore 1993: 114ff.).
Die oben geschilderten vier Gruppen geben zwar eine unterschiedliche, sogar
gegensätzliche Antwort auf die ökologische Krise, nehmen aber alle den
gravierenden Zustand der Umweltverhältnisse wahr und sind sich darin einig,
konsequente Anstrengungen zur Bewältigung der Umweltkrise auf sich nehmen
zu müssen. Sie sind mit nachsichtigen Konzepten im Bereich des Umweltschutzes
und seiner politischen Umsetzung eindeutig unzufrieden und noch skeptischer
hinsichtlich der Veränderung der Marktstruktur und der Selbstkontrolle der
Industrie im Bereich der staatlichen Umweltpolitik.
92
Aus dieser Betrachtungsweise ergibt sich, daß Peritore nur für ein begrenztes
Spektrum ökologischer Einstellungen plädiert, das nämlich die politische und
wirtschaftliche Seite des Problems einen Beitrag geleistet hat, wobei er gleich am
Ende zu Schlußfolgerungen bezüglich der kulturellen Bedingtheit der
Einstellungen zum Umweltschutz kommt, die jedoch etwas unmotiviert anmuten.
Seine Studie, die dem vorhandenen systematischen Zusammenhang zwischen
dem Umweltbewußtsein und der wachsenden Bedeutung des wirtschaftlichen
Fortschritts nachgeht, erschwert die Orientierung darüber, wie kulturelle Werte zur
Lösung des Umweltproblems beitragen können, durch die selektive Anwendung
von Daten und Fakten ohne ein aussagekräftiges Kriterium zum
Umweltbewußtsein und für die unmittelbare Verbindung der unterschiedlichen
Interessen in der koreanischen Gesellschaft zu liefern.
Dabei ist auch zu berücksichtigen, daß zweifellos beträchtliche Unterschiede
zwischen den „Altersgruppen, dem Bildungsniveau und den regionalen
Rahmenbedingungen sowie den Umweltrisikokalkulationen“ existieren (Yang, J.-
H. 1992; Kim, D.-S. 1995; Ministry of Environment Republic of Korea 1995).
Peritore berücksichtigt diese Merkmale allerdings nicht hinreichend. Aufgrund der
Ausklammerung der konkreten inhaltlichen Parameter können die
gesellschaftlichen Folgen der sich verstärkenden Umweltprobleme und damit die
zukunftsorientierte Vision kaum kritisch reflektiert und entwickelt werden.
Der Grundtenor der Ausführungen von Peritore aber bezüglich der von ihm
unterschiedenen vier Gruppen Eco-opposition, Establishment, Conservationist
und Eco-pessimist ist: „Alle Lebewesen haben ein Recht auf Existenz und die
Anerkennung der Werte des Lebens bzw. der Biodiversität“ (Peritore 1993: 121).
Der Mensch muß entsprechend diesem in Korea allgemein akzeptierten Prinzip
einer moralischen Verpflichtung gegenüber der Natur auf alle Lebewesen
Rücksicht nehmen.
Das von Peritore vorgelegte Untersuchungsergebnis in bezug auf die traditionellen
Werte stellt zunächst einmal folgende fest: „Das Umweltbewußtsein in Korea
basiert auf dem nach innen gerichteten mystischen Buddhismus gemeinsam mit
dem auf Harmonie ausgerichteten Konfuzianismus, die gemeinsam einen Weg
auf der Grundlage einer ökologisch motivierten Orientierung beschreiten helfen,
der dazu führen soll, einen beträchtlichen kulturellen Beitrag zum Schutz der
93
Umwelt zu leisten. Sie scheinen darüber hinaus ein immerwährendes Potential für
die außerordentlich positive Entwicklung eines theoretisch fundierten oder
begründeten Modells der langfristigen Stärkung der Ökologiebewegung
darzustellen“ (Peritore 1993: 121f.).
Man kann daraus die Konsequenz ziehen, daß Buddhismus und Konfuzianismus
für die Beförderung des Umweltbewußtseins zu berücksichtigen sind, da sich
ressourcenschonende und zukunftsfähige Lebensweisen an ihnen orientieren
können. Aber es ist auch in Erwägung zu ziehen, daß unterschiedliche Traditionen
und Symbolisierungsformen in anderen Religionen und Wissenschaften (z.B. im
Taoismus, Schamanismus, Pungsoo usw.) unterschiedlich des Mensch-Natur-
Verhältnisses auszuwerten sind.9
Der im Feld der Umweltbewußtseinsforschung unternommene Versuch von
Peritore hat, wie wir gesehen haben, zu unspezifischen Ergebnissen geführt, denn
die unmittelbare gesellschaftliche Realität ist doch viel komplizierter, da bei der
Geschwindigkeit des sozialen Wandels die Auflösungstendenzen traditionell
fixierter Einstellungen und Verhaltensweisen in verschiedenen
Gesellschaftsbereichen und Institutionen zum Tragen kommen. Darüber hinaus
unterliegen die gesellschaftlichen Erscheinungen derzeit gewaltigen Wandlungen,
durch die die Zukunft ungewiß ist.
Zwar sind die auf Buddhismus und Konfuzianismus beruhenden Werte in der
Gesellschaft als wichtigste Tugenden anzusehen, aber der Zusammenklang
zwischen Konfuzianismus und Buddhismus ist nach wie vor ausgesprochen
prekär, schon weil sie unter der Berücksichtigung universalistischer
Gesichtspunkte erheblich gegensätzliche Interessen und Sichtweisen
repräsentieren und damit unterschiedliche Bezugspunkte für die Thematisierung
gesellschaftlicher Probleme konstituieren. Trotz der beiden widerstreitenden
9 Im 3. Kapital werden verschiedene theoretische Erklärungsansätze bezüglich der
Naturgesichtspunkte als kulturell- philosophische Grundlage der ökologischen Krise in Korea
ausführlich erörtert ebenso wie die Frage, wie der Zusammenhang der Menschen und der
natürlichen Umwelt zugänglich und letztlich verständlich gemacht werden soll, je nach dem jeweils
zugrunde gelegten Ansatz der verschiedenen religiösen Systeme.
94
Auffassungen richten sich die handlungsleitenden Hinweise nicht nur auf
individuell zurechenbare, sondern auch auf irreduzibel soziale Güter.
Hierbei geht es um einen Aspekt der beobachtbaren kulturellen Konfliktformen
und der krassen divergierenden Interessen, die zwischen Konfuzianismus und
Buddhismus mit ihren verschiedenen Ansatzpunkten bezüglich der
Naturanschauung aufbrechen könnten und die mit dem gemeinsamen Ziel nicht
mehr vereinbar wären. „Jede Kultur einhegt die potentiell universelle Moral, indem
sie deren Anwendungsbereiche und -bedingungen definiert“ (Joas 1999: 272). Der
Unterschied hinsichtlich der Reflexion ökologischer Einstellungen zwischen
Konfuzianismus und Buddhismus ist sehr erheblich.
„Eine fruchtbare oder hochbrisante Mischung von Konzepten und Vorstellungen
für Volksglaube, Buddhismus und Konfuzianismus zu erarbeiten, bietet eine
Grundlage der politischen Kultur für vielfältig zum Vorschein gebrachte
umweltfreundliche Werte“ (Peritore 1993: 121). In diesem Zusammenhang stellt
sich nun die zentrale Frage, wie ein angemessenes ausgewogenes Konzept unter
Berücksichtigung der verschiedenen kulturellen Vorstellungen entwickelt werden
kann. Dem Konfuzianismus, der in der Natur „das Privileg des Menschen
beträchtlich rechtfertigt“ und „der sich als andere orientalische Philosophie auf den
Anthropozentrismus explizit richtet“ (Park, E.-M. 1994: 48ff.; Lew, S.-K. 1996: 33),
kommt eine negative Bedeutung bei dem Versuch der Bewältigung der
Umweltprobleme zu. Dieser Widerstand gegenüber einer angemessenen
Berücksichtigung des nichtmenschlichen Lebens wird zum zentralen hemmenden
Aspekt bei der Durchsetzung des Umweltbewußtseins in der koreanischen
Gesellschaft.
Peritore hat diese negative Seite des Konfuzianismus übersehen, wonach der
Konfuzianismus als „seit Jahrhunderten herrschende Ideologie bei der
Veränderung der Lebensstile und des Denkens“ mitgewirkt hat (Yi, D.-J. 1991;
Lee, J.-M. 1995). Man kann dies vor allem anhand der Probleme für die
Einbettung des umweltbezogenen Handelns in den gesellschaftlichen Kontext
betrachten. Hierbei ist auf zwei mögliche negative Folgen des konfuzianistischen
Charakters einzugehen.
95
Zuerst ist einzugehen auf die Durchsetzung und Etablierung von Ideen der
Konservativen im Kontext gesellschaftlicher Macht. Das traditionelle
Establishment, das nach wie vor absolut an verkrustete hierarchische Systeme mit
den aufoktroyierten Normen und Werten glaubt, wie sie nicht nur staatliche
Bürokratien, sondern auch große Unternehmen oder bestehende Privilegien
seitens politischer Institutionen und Machtkonstellationen geprägt haben, hat
keine dieser grundsätzlichen und elementaren Veränderungen und ihre
Konsequenz für die gesellschaftlichen Verhältnisse bewältigt.
Die Fixierung auf Rang und Status erzwingt in besonderer Weise einen sozialen
Zusammenhalt mit „ethischen Werten, Normen und Loyalität sowie
Zugehörigkeiten“, wobei ein von oben nach unten ausgerichtetes
Anweisungsverfahren eingeführt wird, um die herrschende Machtversessenheit
aufrechtzuerhalten (Kim, T.-K. 1991: 191; Kim, D.-H. 1994: 194; Lee, J.-M. 1995).
Ebenso wichtig ist die Einsicht, daß die konfuzianistischen Werte und die
Konzentration auf Integration und Orientierung an Moral und Ethik für die
Hierachisierung mehr oder weniger stark instrumentalisiert werden. Damit werden
sie zum Schrittmacher der gesellschaftlichen Zwänge, der Aufrechterhaltung der
sozialen Ordnung, wobei sie „Treue gegenüber der verbindlichen Kraft der
Institutionen und Verhaltensnormen“ gewährleisten (Yi, D.-J. 1991). Somit hat der
Konfuzianismus beinahe zwangsläufig eine Einbuße an dynamischer Entwicklung
und Kreativität erlitten.
Zweitens ist die Tendenz des Konfuzianismus zu berücksichtigen, jede in der
mehr oder weniger geschlossenen Welt ergriffene Initiative zur Bewältigung
gesellschaftlicher Anforderungen zu lähmen. Der auf dogmatisch durchgesetzte
Vereinheitlichung angewiesene Konfuzianismus ist ursprünglich durch die
Verehrung der Gelehrsamkeit in der Gesellschaft maßgeblich geprägt, während
sein philosophisches Interesse an Technik und Naturwissenschaft vehement in
Abrede gestellt werden muß (Lee, J.-M. 1995). Der Konfuzianismus hat die
Kenntnis der technischen Instrumente für die Entwicklung von Wissenschaft und
Gesellschaft oder eine gesteigerte Produktivität der Arbeit völlig außer Acht
gelassen.
Aus konfuzianistischer Sicht spielte die Technik lediglich unter dem Gesichtspunkt
von Zweckrationalität und ihrer Instrumentalisierung zur Erfüllung der
96
menschlichen Wünsche eine Rolle (Park, H.-S. 1997: 439). So ist es meiner
Meinung nach nicht überraschend, daß es zu einem gewissen gesellschaftlichen
Unbehagen aufgrund der dogmatischen Verengung des staatsgeprägten,
autoritätsorientierten konfuzianistischen Denkens und der mit einem
ausgeklügelten System von Maßregeln einhergehenden Erstarrung gekommen ist.
Durch das Zusammentreffen von gesellschaftlicher Erstarrung, grundsätzlicher
Technikfeindlichkeit, Anthropozentrismus und Zweckrationalismus im Umgang mit
technologischem Fortschritt hat der Konfuzianismus im Hinblick auf die
Umweltproblematik die denkbar schädlichste Wirkung entfaltet.
Die durch den konfuzianistischen Sittenkodex vorgegebene vertikale
Strukturierung der Gesellschaft mit klaren Weisungsbefugnissen von oben nach
unten verhindert konsequent jegliche Erweiterung des Handlungsspielraums für
den einzelnen (Kim, T.-K. 1991). Das Hauptmanko des Konfuzianismus ist die
fehlende soziale Basis und die Instrumentalisierung der zur Verfügung stehenden
politischen Macht zugunsten privilegierter Schichten. Der Konfuzianismus ist ein
fester Bestandteil der alltäglichen Lebenspraxis und läßt unauflösliche
Gegensätze deutlich zutagetreten, die sich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit
auftun. Dieses spezifische Mißverständnis, ja die Verspottung des technischen
Fortschritts ist insofern auch mit dem verkürzten Verständnis von möglichen
Antworten auf die gesellschaftliche Frage verknüpft, als es die Problematik der
technologischen Entwicklung und ihrer gesellschaftlichen Folgen völlig verkennt.
Eine solche lahmende gesellschaftsorganisatorische Vorstellung erschwert die
systematische Einbeziehung von Umweltaspekten und die Schaffung von
Gestaltungsspielräumen für die Umsetzung transparenter Zielvorgaben
hinsichtlich eines wünschenswerten umweltbewußten Verhaltens. Sie wird
vielmehr als Mittel der Durchsetzung ökonomischer und politischer Interessen
benutzt und sogar mißbraucht. Somit verhindert der Konfuzianismus jede
präventive Krisenverhütung, mit der den weitreichenden Herausforderungen der
ökologischen Krise begegnet werden soll. Die immer stärkeren Widersprüche
zwischen konfuzianistischem Wertesystem und gesellschaftlicher Entwicklung
aber führen zu einer Vorurteilsmoral, die sodann als das größte Hindernis bei der
Reform der Werteorientierung bzw. Förderung des Umweltbewußtseins eine
bedeutende Rolle spielt.
97
Die ganze Dimension der nichtmenschlichen Lebenswelt wird im Konfuzianismus
nur randständig einbezogen. Vielmehr besteht sein Charakteristikum darin,
ausschließlich den Interessen der Menschen zu dienen, denn eine der in fünf
grundlegende Kategorien unterteilten Tugenden, die „Menschlichkeit“ ist, im
Konfuzianismus beschreibbar als „Maßstab für tugendhaftes Handeln gemäß als
vernünftig anzusehenden Verhaltensweisen und Fertigkeiten des Menschen und
beruht wesentlich auf Einsicht und Selbstentwicklung“ (Yi, D.-J. 1991: 877).
Menschlichkeit geht vor allem von der engen Verbindung zwischen Menschen als
Individuen aus und macht diese zur Richtschnur für das soziale und politische
Leben.
Es dürfte daher schwierig sein, die an westlichen Maßstäben orientierten Werte in
bezug auf die Entwicklung des ökologischen Gedankens vom Materialismus zum
Postmaterialismus in Korea zu verankern, da der jeweilige kulturhistorische
Standpunkt durch das kulturelle Paradigma und seine unterschiedlichen
Ausformulierungen in der Gesellschaft geprägt ist. Diese haben ihre jeweils
eigenen spezifischen Wurzeln, Geschichte und Ziele, haben sich aber auch
gegenseitig beeinflußt, kritisiert und unterstützt. Dasselbe gilt auch im Hinblick auf
das starre Festhalten an einem traditionellen Wertesystem, das sich von dem des
Westens unterscheidet und das selbst zum Hindernis für gesellschaftlichen
Fortschritt geworden ist.
Unsere besorgte Gegenwartsdiagnose lautet: Die tiefgreifende ökologische Krise
läßt die gesundheitsgefährdenden Risiken immer größer werden. Da die
ökologische Krise - wie gezeigt - immer auch mit kulturspezifischen
Handlungsmustern zu tun hat, muß man je nach Situation entsprechend den
gegebenen kulturellen Voraussetzungen auf sie reagieren. Immer geht es darum,
für die Umweltpolitik eine allgemeine Akzeptanz zu schaffen und das moralische
Selbstverständnis bzw. den Wandel der handlungsleitenden Vorstellungen in
Richtung Umweltbewußtsein als verbindliches Allgemeingut zu etablieren. „Der
konstatierte Wertewandel im Sinne eines ökologischen Humanismus wäre so
gesehen als ideelles Pendant zu diesem strukturellen Wandlungsprozeß zu
verstehen“ (Mertens 1988: 26).
98
2.3 Suche nach ökologisch orientiertem Sinneswandel in der traditionell
eigentümlichen Lebensgestaltung im Hinblick auf Ökologisierungsprozesse
Die öffentliche Sensibilisierung gegenüber ökologischen Problemen, die ein
unbeherrschbares Risiko darstellen, im Rahmen gesellschaftlicher
Zukunftsvorstellungen veranlaßt uns nun, uns verstärkt Umweltschutz und
Umweltbewußtsein in Erinnerung zu bringen. Man hat versucht, Lösungsansätze
für die Umweltproblematik in den Wurzeln der asiatischen Religion oder
Wissenschaften zu finden (Koreanisches Buddhistisches Institut r
Umweltbildung 1996). Die öffentlichen Debatten konzentrieren sich in starkem
Maße auf ökologisch orientierten Wertvorstellungen und das damit einhergehende
Interesse an gemeinsamen Belangen und Standpunkten im Rahmen der
traditionellen kulturellen Einstellungen (Bae, K.-H. 1991; Yang, J.-H. 1992).
Es gibt in jüngerer Zeit systematisch-rationale Überlegungen und ganz konkrete
Vorschläge, wie ökologische Einstellungen innerhalb eines Wertewandels und wie
„Gedanken über ein ökologisch erträgliches Leben in der Gesellschaft und zur
kommunitären Besinnung in kleineren Selbsthilfegruppen durch das
bürgerschaftliche Engagement für das Gemeinwohl und für die gesellschaftliche
Verantwortung“ institutionell vermittelt werden können (Hansalimmoim 1990)10.
Diese Bewegung entwickelte sich vor allem unter der Leitung von kleinen
selbstorganisierten Gruppen als Trägern des sich wandelnden Konsumverhaltens
und der in Gang gesetzten Entwicklung eines alternativen umweltverträglichen
Bewußtseins.
10 Eine umfassende Diskussion der kommunitaristischen Gesellschaftskonzepte als elementare
Grundlage von Person und Institutionen liegt bereits vor (Etzioni 1998). Kommunitarismus wird als
Reaktion auf den Verlust von gesellschaftlichen Orientierungen und Sinnbezügen und den Bruch
gegenüber traditionellen Gesellschaften interpretiert. Etzioni wendet grundsätzlich seine Theorie
zum Grundbestand der gesellschaftlichen Einstellungen, tugendhafte Werte und Normen gegen
Individualisierungs- und Liberalisierungsentwicklungen an. Er betont daher ausdrücklich den
Gemeinsinn als Fundament des Handelns und fordert die durch entsprechende bürgerliche
Selbstverantwortung gesellschaftliche Stärkung lokaler und traditionaler Gemeinschaften.
99
Angesichts der inkonsistenten ökologischen Unübersichtlichkeit, der öffentlichen
Unzufriedenheit der erlahmenden Initiative und einem wachsenden Mißtrauen
gegenüber staatlicher Umweltpolitik dient die auf der Basis von
selbstorganisierten Projekten als freiwillige Gemeinschaftsaufgabe operierende
soziale Bewegung der Anpassung an der dynamischen Veränderung der
Wirklichkeit und dem Anspruch der ökologischen Betrachtungen (Hansalimmoim
1990). Die vermehrte Aufmerksamkeit sowohl in der Wissenschaft als auch in der
politischen Kompetenz, die den Forderungen nach dem gemeinschaftsbezogenen
Interesse am verbesserten Umweltschutz und nach richtungsweisenden und
nachhaltigen Impulsen für zukunftsorientierte Lebensformen durch vielfältige Akte
der Entwicklung von ganzheitlichen ökologischen Denkensansätzen zuteil
geworden sind, wird positiv aufgenommen.
Parallel zu diesen Initiativen verläuft die Wiederbelebung demokratischer
Programme, die umweltpolitische Konzepte und Aufklärung über ökologische
alternativen Lösungen zu ihrem Thema machen und die mit Hilfe von lokaler und
regionaler Vernetzung arbeiten (Choi, K.-A. 1992; Ku, D.-W. 1996). Zu ihrer
vornehmlichen Aufgabe gehört es, Chancen für mehr Selbstverwirklichung und
eine konstruktive Form sozialer Verantwortung sowie partizipativer
Handlungsformen unter Beteiligung der Öffentlichkeit, vor allem für eine
dauerhafte Entwicklung mit einem praxisorientierten Umsetzungsanspruch
prägnant zu formulieren. Auf diese Weise kann eine umweltfreundliche Grundlage
durch die Zusammenarbeit von und den Austausch mit verschiedenen Gruppen
systematisch entwickelt werden. „Selbsthilfegruppen werden in vielen Kontexten
wichtig, in denen sich ständiger technologischer Wandel samt der Denaturierung
der Natur immer wieder den demokratischen Kontrollen entzieht“ (Giddens 1997:
170).
Dieser Versuch richtet sich also nicht primär auf eine feste Zielbestimmung,
sondern ist in erster Linie eine Reaktion auf die verwirrende Vielfalt der
gestiegenen ökologisch bedingten Unsicherheiten. Er ist ohne Zweifel auf
besondere Weise eine Basis für fortschreitende individuelle Selbstbestimmung
und kollektive Selbstregulierung in vielfältigen Formen eines freiwilligen
gemeinschaftlichen und dauerhaften Engagements, wobei man seine Interessen,
100
Ideen und Erfahrungen im Umgang mit den sich unvorhersehbar entwickelnden
Umweltproblemen artikulieren kann.
Dies ist deshalb entscheidend wichtig, weil theoretische Konzepte und
Programme für die Ökologiebewegung und die damit einhergehenden Strategien
verstärkt herausgestellt werden, die darauf zielen, durch Vernetzung und
transparente Kommunikationsprozesse die Bürger zur Übernahme ökologischer
Verantwortung zu bewegen. Dazu gehört einerseits den gesellschaftlichen
Bewußtseinswandel herauszukristallisieren, und andererseits, auch eine
lebenspraktische Verknüpfung und Entwicklung von sinnhaften
Handlungskontexten für ökologische Modelle und Lebensstile mit vielfältigen
Aufklärungsangeboten umzusetzen.
Die wesentlich vitalen Aktivitäten solcher Nicht-Regierungsorganisationen, die vor
allem „als Katalysatoren eines sozialen und ökologischen Wandels „von unten“,
durch „capacity development“ and „empowerment“ auf regionaler und lokaler
Ebene wirken“, gewinnen aus folgendem Grund nennenswerte Bedeutung (Brand
1997: 16). Sie versuchen als am Gemeinwohl orientierte Netzwerke und
maßgebliche Akteure für die systematische Steuerung kultureller Autonomie und
des sozialen Zusammenhalts, zunächst einmal das Anwachsen ökologischer
Probleme und inakzeptabler gesellschaftlicher Gegensätze zu verhindern.
Gleichzeitig sind sie mit dem Anspruch, unmittelbare Einflußnahme auf politische
Entscheidungen auszuüben, am besten dafür geeignet. Durch den Widerstand
gegen die von oben nach unten geordneten, einheitlichen umweltpolitischen
Konzepte und Systeme wird eine Alternative in Form eines dezentralen Systems
mit selbstbestimmten und innovativen Anreizen gestellt. Als Förderung des
gemeinnützigen Bereiches ist sie auch wegweisend für das Interesse an einer
ökologischen Erneuerung, die der Gesellschaft wichtiges Gewicht verleiht.
„Kleinbürgerliche Lebensreformbewegungen, Modelle natürlichen, gesunden
Lebens fungieren als quasi-religiöser Ersatz für Politik- und Gesellschaftskritik“
(Brand/Eder/Poferl 1997: 157).
Um dies zu erreichen, müssen die motivierenden Kräfte kontinuierlich und gezielt
hergestellt werden, die zu effektiven ressourcesparenden, umweltschonenden
Konsum- und Produktionsmodellen führen sowie eine durchgreifende Änderung
101
der individuellen Grundeinstellungen der Menschen und artikulierte
Verhaltensweisen ihrerseits bewirken (vgl. van Dieren 1995: 201). Dieses Konzept
basiert auf der Eigeninitiative und Verantwortung für zukunftsweisende
Entwicklung der Gesellschaft als Motorr die ökologische Erneuerung. Es
ermöglicht eine Verringerung der durch anthropogene Prozesse und Eingriffe
verursachten negativen Umweltauswirkungen.
Diese Gedanken gehen auf den auf „Tonghak basierenden Aufbau der Nation und
Wohlfahrt des Volkes“ zurück (Lee, W.-H. 1983: 261). Historisch gesehen ist
Tonghak eine in Korea existierende einheimische Religion des Himmlischen
Weges, die im Jahre 1859 von Choe, Je-U als synkretistische
Religionsgemeinschaft begründet wurde, die sich dann vor allem zu „sozialen
Reformbewegungen der unteren Schicht“ entwickelte (Shin, I.-C. 1991: 345).
Tonghak beruht weder auf dem Buddhismus noch auf dem Konfuzianismus allein.
„Vielmehr wurden Konfuzianismus und Buddhismus durch die theoretischen
Konzeptionssysteme des Neo-Konfuzianismus kritisiert, wodurch sich eigene
Lehrsätze implizit entwickelten“ (Shin, I.-C. 1991: 347). Bemerkenswert ist dabei
aber, daß „die Tonghak-Religion die westlichen Religionen kritisierte und sogar
paradoxerweise zum Teil aufgenommen wurde“ (Lee, W.-H. 1983: 269).
Bedingt durch die Einführung und die Aufnahme der ökologischen Theorie im
Westen und einer damit einhergehenden Kritik hat man versucht, auf
orientalischen Wissenschaften und Religionen beruhende neue ökologische
Theorieansätze zu entwickeln. Insbesondere das Prinzip des in den letzten
Jahrzehnten fast in Vergessenheit geratenen Tonghaks steht im Mittelpunkt des
Interesses in der Öffentlichkeit. Denn Tonghak als „Religion mit dem angestrebten
Ziel der Überwindung der gesellschaftlichen Widersprüche“ unterstellt sich keinen
willkürlichen Zwecken wie die soziale Reformbewegung, sondern verfolgt ein ganz
bestimmtes Ziel, nämlich die dauerhafte Bewahrung des sozialen Zusammenhalts
im Interesse des gesellschaftlichen Allgemeinwohls, und die höchste Ausprägung
des ethischen Vermögens für Selbstbezogenheit in der Naturwelt (Ro, S.-W.
1994: 143).
Zunächst stellt sich aus der Sicht von Tonghak die Frage, wie die aus
gesellschaftlichen Widersprüchen und aus der ungeheuren Kultivierung der Natur
entstandenden Umweltprobleme vermindert werden können. „Ökologisch
102
motivierter Schutz der natürlichen Umwelt stellt besonders eine wichtige Aufgabe
der Menschheit dar“ (Im, U.-K. 1996: 181). Dabei handelt es sich um eine
Menschlichkeit in einem sich wandelnden gesellschaftlichen Kontext. Zentral ist
die Frage, wie die abhanden gekommene ethische Instanz als gemeinsame
Orientierung wieder gewonnen werden kann.
Im folgenden wird der Versuch unternommen, diese Fragen im Lichte einer
theoretischen Explikation über die Naturanschauung von Tonghak zu
beantworten. Choe, Je-U postuliert in erster Linie „das Universum und Natur als
Lebewesen, das gemeinsam erhaben werden soll“, d.h. das nicht aufgrund
hierarchischer Rangordnung, Beherrschung oder Ausbeutung beliebig partikular
existieren kann, sondern in gleichberechtigten Beziehungen zusammenleben muß
(Im, U.-K. 1996: 184). „Dem Mensch und der Natur sind Hanul unmittelbar
immanent, das weder Gott oder irgendwelche Gegenstände charakterisiert,
sondern das Wesen des Universums“ (Shin, I.-C. 1991: 345).
In dieser Perspektive erscheint der Kernbegriff „Hanul“ als schöpferische Kraft,
gerade auch im Umgang mit der Natur allgemein. In symbolischen Sinne soll
daher er gemäß einem allgemeingültigen Prinzip gerichtet werden, das
„Menschenwürde, Gleichheit und Ehrfurcht vor dem Leben aller Schöpfung“
einschließt (Lee, W.-H. 1983: 268). Im Rahmen von Tonghak bleibt Hanul
insbesondere an die konfuzianistischen Bestandteile der ethischen Inhalte und an
den Volksglauben gebunden. Es darf jedoch nicht verneint werden, daß die
ethische Theorie von Tonghak zum Teil auch modifiziert und weiterentwickelt
wurde.
Choe, Je-U, der ethische Kataloge zur Handlungsanweisung ähnlich den heiligen
Zehn Geboten verfasste, betonte die auf das Gemeinwohl gerichtete ethische
Handlungsorientierung und insbesondere den Naturschutz (Interpretation im
modernen Sinne). Aus Sicht von Tonghak ist vor allem „der Mensch von der Natur
nicht zu trennen, sondern er ist ein Teil von ihr. Alle Lebewesen können ihre
Eigenart und ihr Leben ohne Zutun des Menschen selbst behaupten“
(Hansalimmoim 1990: 131).
Diese Vorstellung behält eindeutig, wie der Ursprung von Tonghak zuvor
beschrieben wurde, konfuzianistische und taoistische Bestandteilen implizit bei.
103
Sie geht auf die „dreifache Verehrungstheorie (Himmel, Mensch und Tier- und
Pflanzenarten)“ zurück (Im, U.-K. 1996: 189). Offensichtlich scheint auch für
ethische Phänomene in der alltäglichen Lebensführung die Verehrungstheorie
und die darin enthaltene Bedeutung unverzichtbar zu sein. An dieser Stelle wird
deutlich, daß sie eine wesentliche Voraussetzung für die sittliche Bildung darstellt.
Des weiteren ist sie grundlegend auf Vermittlung durch Erziehung angewiesen,
deren allgemeines Ziel sich vor allem an „Menschenwürde und Gleichheit“
orientiert (Lee, W.-H. 1983: 268)11.
Choe, Je-U hat ausdrücklich hervorgehoben, daß die Verehrung aller Schöpfung
die höchste moralische Tugend darstellt. Es ist unbestritten, daß es in der
Verehrungstheorie um Rücksicht auf andere Lebewesen geht. Ehrfurcht vor und
Schutz von Tieren und Pflanzen sind substantielle Bestandteile der „Grundstruktur
des menschlichen Handelns, das auch dem ethischen Postulat als Maßstab
entsprechen soll. Sie setzen naturgemäße Erscheinungsformen und die
Entstehung von Pflanzen und Tieren ohne menschliche Eingriffe voraus“ und
sollen nicht losgelöst vom Mensch-Natur-Verhältnis betrachtet werden, da sie
mehr oder weniger mit einem ethischen Prinzip verbunden sind. (Shin, I.-C. 1991:
348).
Darüber hinaus fordert er in seiner Verehrungstheorie auch eine Pflicht der
Individuen und der Gemeinschaft, die in einer Förderung des Gemeinsinns und
der damit einhergehenden Verantwortlichkeit gründet (Lee, W.-H. 1983; Rhee, K.-
Y. 1997: 164). Tonghak stellt wichtigste konzeptionelle Denkformen dar, die als
„Ausdruck eines wichtigen Motives für Naturschutz und ökologisches
Gleichgewicht“ bezeichnet werden können (Shin, I.-C. 1991: 348; Ro, S.-W. 1994;
Im, U.-K. 1996: 191).
11 Tonghak nimmt wie der Konfuzianismus in der Erziehung einen wichtigen Platz ein und spielt
beim Kampf gegen den Analphabetismus eine bedeutende Rolle. Dies zeigt, daß eine Gesellschaft
durch Erziehung weiterentwickelt werden kann. Die wesentliche Aufgabe von Tonghak ist es
insbesondere, wie der theoretische Kernansatz in der Erziehungsidee neu interpretiert bzw.
vielfältig angewendet werden kann.
104
Die oben beschriebenen Sachverhalte von Tonghak zielen auf eine eigenständige
Lebensgestaltung und die entsprechende Handlungspraxis im alltäglichen Leben
durch verbindliche Normen und Werte ab. In seiner Theorie des ethischen
Handlungsbereiches fordert Choe eine Balance zwischen dem, was die Menschen
in der Gesellschaft in Anspruch nehmen müssen und dem, wozu sie verpflichtet
sind.
Besonders was die Ehrfurcht vor aller Schöpfung angeht, könnte man aus diesen
ethischen Erwägungen Konsequenzen für die Überwindung von
Umweltproblemen ziehen. Denn sie fundiert ein realistisches Verständnis der
grundlegenden ökologischen Gesetzmäßigkeiten wie den Wechselwirkungen
zwischen Natur und Mensch und steht dem Phänomen der Entfremdung des
Menschen von der Natur entgegen. Der theoretische Ansatz von Tonghak kann
einen Beitrag zur Entwicklung eines ökologischen Bewußtseins leisten, der auch
in Richtung auf tragfähige Lebensformen entwickelt werden kann. Tonghak wird
daher als zentrale Orientierung für die ökologischen Zusammenhänge im
gesellschaftlichen Leben wiederentdeckt (Ro, S.-W. 1994; Im, U.-K. 1996).
Die Umweltprobleme lassen sich nicht durch ausschließlich technische
Maßnahmen und institutionell geltende Regeln bewältigen. Sie allein machen
ressourcenschonende Lebensstile und freiwillige Partizipation am Umweltschutz
noch nicht attraktiver. Eine tragfähige Lösung der von Menschen hervorgerufenen,
anthropogenen Umweltprobleme müßte im Rahmen der integrierten
Kontrollmechanismen unter verstärkter Einbeziehung von Wertpräferenzen in
einem neubestimmten Mensch-Natur-Verhältnis ernsthaft angestrebt werden (Lee,
D.-Y. 1994: 186). Im naheliegendsten Sinne würde zumindest die
Verehrungstheorie von Tonghak akzeptierte Kriterien oder Regeln für
basisorientierte Schutzmaßnahmenkonzepte im Hinblick auf das sensible
ökologische Gleichgewicht am vorteilhaftesten anbieten (Ro, S.-W. 1994).
Nun ist es doch unumgänglich, darauf aufmerksam zu machen, daß die drohende
ökologische Katastrophe in vielfältigen Formen auftritt und auch unterschiedliche
Vorgehensweisen dagegen verfolgt werden. Das Bild der ökologischen Krise ist
zum „Ausgangspunkt einer Neubestimmung des Verhältnisses von Gesellschaft
und Natur“ geworden (Eder 1988: 54). Die neuere Forschung in Korea bemüht
105
sich allmählich um einen Beitrag zur Lösung dieses globalen Problems, indem sie
die ökologische Frage in die Nähe zu den asiatischen Religionen stellt.
Es wird deshalb im folgenden die Naturanschauung der unterschiedlichen
religiösen Positionen in Korea dargestellt. Welche Leitmotive für das menschliche
Handeln bildet die ethische Einstellung gegenüber der Natur heraus und wie
verändert sich dabei das Verständnis in der historischen Entwicklung? Bei der
Beantwortung dieser Frage werden die jeweiligen religiösen Aspekte des
umsichtigen Naturverhältnisses untersucht. Die darin ausgedrückten Grundideen
vom Mensch-Natur-Verhältnis hinsichtlich der sich verschärfenden
Umweltprobleme werden formuliert, um sowohl die Komplexität ihrer
unterschiedlichen verbindlichen Bezugspunkte zur religiösen Tradition in den Blick
zu bekommen als auch um die Stichhaltigkeit der Argumente in Bezug auf die
ökologische Frage beurteilen zu können.
106
3. Gestaltungsprozesse für traditionelle
Naturanschauungen aus dem religiösen Hintergrund
3.1 Die Bedeutung der traditionellen Naturanschauungen in der
Lebensgestaltung
Da in Korea die Harmonisierung und der Einheitsgedanke des Mensch-Natur-
Verhältnisses als normativer Handlungsbereich in der Gesellschaft traditionell
vorherrschend waren, ist erst allmählich eine Vorstellung von der Beherrschung
oder Ausbeutung der Natur in Folge der allgemeinen und systembestimmten
ökonomischen Rationalisierungen in der sich dauernd ausdifferenzierenden
modernen Gesellschaft dominant geworden (Kim, D.-S. 1995: 36). „Sie [die
moderne Gesellschaft] ist jene Gesellschaft, die die Probleme im Umgang mit der
Natur als ökologische Krise thematisiert“ (Eder 1988: 228).
Zwar führen „die unübersehbaren naturwissenschaftlich-technischen Potentiale
und ihre ökonomische Verwertung im wesentlichen zur Bequemlichkeit im
alltäglichen Leben und zur Planung der Bedürfnisbefriedigung, sie entstehen aber
aus der Zerstörung der natürlichen Umwelt und nicht zuletzt aus der Entfremdung
der Menschlichkeit“ (Rhee, K.-Y. 1997: 139). Eine Art der gegenwartsbezogenen
Umweltproblemsituationen entspringt primär aus durchgreifender Veränderung
der grundlegenden Wahrnehmung des Mensch-Natur-Verhältnisses und bedeutet
gleichzeitig auch einen Bruch mit der traditionellen Kultur. Insofern ist die
ökologische Krise gewissermaßen eine kulturübergreifende Besonderheit, da ihre
weite Verbreitung und ihre kumulativen Effekte in verschiedenen Formen in
Erscheinung treten.
Die traditionelle Sichtweise der Natur und die damit verbundene Ehrfurcht und
Harmonisierung wurde zum großen Teil durch an abendländischen Maßstäben
gemessenen Regeln verändert (Park, T.-S. 1986). Es ist daher selbstverständlich,
daß „angesichts der Naturgewalten der verzaubernde Aspekt einer Suche nach
Harmonie, in der die sich anbahnende Spannung zwischen der tradierten Kultur
und den modernen technischen Rationalitäten ausgeglichen wird, weitgehend
verlorengegangen ist“ (Kim, D.-H. 1994: 191f.).
107
Will man die immer deutlicher erkennbaren ökologischen Probleme in Korea im
Hinblick auf menschliches Denken und Verhalten gegenüber der Natur erklären
und insbesondere eine Antwort auf die Frage geben, welche Funktionen durch die
Verselbständigung technischer Rationalität in der heutigen Lebenswelt im
Rahmen der rituellen und symbolischen Umgangsformen der Menschen mit der
Natur überwiegend aufrechterhalten werden und welche Ursachen für die
Veränderung der Wertmaßstäbe und Orientierungspunkte im Zuge einer dominant
werdenden wirtschaftlichen Modernisierung auf ganz unterschiedliche Weise
auslösend sind, muß man auch den historischen Lebenszusammenhang und
seine jeweilige divergierende kulturspezifische Komponente beobachten.
Die systematischen Zusammenhänge zwischen Natur und Mensch in der
Betrachtung der Religion und der Wissenschaft sind allesamt nach den
Bedeutungen, Zwecken und Zielen, die sie der natürlichen Wahrnehmung
beimessen, zu hinterfragen. Dies geschieht auf einem kritischen Hintergrund im
Rahmen der unterschiedlichen traditionellen Reflexionen (Rhee, K.-Y. 1997). Es
ist deshalb unumgänglich, nicht nur die Art und den Umfang des religiösen und
wissenschaftlichen Einflusses, sondern auch die Wahrnehmung der Natur im
systematisch reflektierenden kritischen Bewußtsein hinsichtlich der Umweltfrage
ansatzweise zu klären, weil dadurch das menschliche Erkennen und die Gefühle
gegenüber der Natur ausgelotet werden können.
Die frühere Tradition einer menschlichen Naturbeziehung oder eines religiös
geprägten Naturbewußtseins in Korea, das heute noch in geringem Ausmaß in
einigen ländlichen Regionen existiert, ist nicht nur durch individuelle
Wohlstandsinteressen, sondern auch am entschiedensten durch die
Hervorbringung wirtschaftstechnischer Innovationen verdrängt worden. „Die
Veränderung der unmittelbar vorgefundenen Natur zu den eigenen Zwecken ist
beim Menschen von vornherein verflochten in den Kampf gegen seinesgleichen,
und erst ganz neuerdings greift das Bestreben um sich, diesen dramatischen
Zusammenhang aufzulösen“ (Gehlen 1957: 7f.).
Unbestritten ist, daß der Mensch als Teil der Natur untrennbar mit der
nichtmenschlichen Umwelt (Pflanzen, Tiere, Landschaft, Bauten usw.) verbunden
ist (Gebhard 2000: 46). Hier zeigt sich heute allzu deutlich, daß die Inkongruenz
von Mensch und Natur unvorhergesehen die ökologische Krise und die damit
108
zusammenhängende Bedrohung der Existenz für den Menschen verursacht. Denn
die Menschen entwickeln sich prächtig, indem sie durch technologische Zugriffe
die natürliche Umwelt zu einer eigenartigen Kulturlandschaft umgestalten.
„Sie (die moderne Ökologiediskussion) identifiziert den Umgang mit der Natur als
gesellschaftliche Praxis und die Beschreibung der Natur als Thematisierung eines
gesellschaftlichen Naturverhältnisses“ (Eder 1988: 153). In den wirtschaftlich
fortgeschrittenen industriellen Ländern scheint die Wichtigkeit des Verhältnisses
von Mensch und Natur bereits erkannt worden zu sein. Die westlichen
Gesellschaften führen eine Debatte darüber, ob die Form der Naturzerstörung
oder -beherrschung noch den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen
angemessen ist, und wie dafür gesorgt werden kann, daß der wirtschaftliche
Fortschritt sich nicht negativ auf die Beschäftigungsmöglichkeiten auswirkt. D.h.,
daß vielfältige Aspekte in den Ökologiediskussionen über das Mensch-Natur-
Verhältnis ausgebildet worden sind (z. B. Birnbacher 1980; Meyer-Abich 1986).
Wirft man einen Blick auf die ökologische Krisendebatte in den verschiedenen
Bereichen in Korea, kommt der ambivalente Charakter zwischen dem Bestreben
der Naturerhaltung und der wachstumsorientierten Wirtschaftspolitik zum
Ausdruck (Ministry of Environment Republic of Korea 1996). Dies ist insbesondere
dann der Fall, wenn es um die ökologische Krise in ihren unterschiedlichen
Formen geht, - sei es, daß Umweltzerstörung durch die wachsende Ausnutzung
und Beherrschung der natürlichen Umwelt für die wirtschaftlichen
Entwicklungspläne verursacht wird, sei es, daß die Legitimität der Harmonie
zwischen Mensch und Natur nicht mehr anerkannt wird.
Daß im traditionellen Kulturkreis in Korea „die harmonische Formel zwischen
Natur und Mensch und moralische Verpflichtung zum Schutz der Natur bislang
meist beherrschend ist, ist ohnehin eine populäre Botschaft“ (Lew, S.-K. 1996:
31). Tatsache ist, daß in Korea seit den letzten 40 Jahren von naturschonenden
Verhaltensweisen zu anthropozentrischen kollektiven Wertvorstellungen
übergegangen wurde, sowohl in den politischen Entscheidungen als auch in der
öffentlichen Aufklärung über Umweltbelange, ohne dabei das ökologische
Gleichgewicht im natürlichen Zustand zu berücksichtigen. Erwiesenermaßen wirkt
sich die Tragweite dieser Erkenntnis praktisch bereits vielfach negativ auf die
Gestaltung der Gesellschaft und die Handlungszusammenhänge aus, so daß sich
109
ein technisches und instrumentelles Naturverhältnis in der Gesellschaft zu großen
Teilen bereits durchgesetzt hat. Die harmonischen Regeln der auf traditionelle
religiöse Werte gestützte Lebenswelt sind daher in rascher Folge der
ausdifferenzierten gesellschaftlichen Umwälzungen entkoppelt worden.
Wenn wir versuchen, auf die historische Dimension des gesellschaftlichen
Naturbezuges einzugehen, ist es unabdingbar, deren traditionelle Grundlagen,
Paradigmen und Wertmaßstäbe zu verfolgen, die inzwischen in alle
gesellschaftlichen Ebenen hineingedrungen sind. Ein zentraler Aspekt der
Naturanschauungen liegt offenbar in der Absicht, die jeweilige eigene
weltanschauliche Position aufzuzeigen und die systematische Suche nach
relevanten Erkenntnissen zu klären.
Die Naturanschauung bedeutet demnach „die fundamentalen Gedankenprinzipien
für die subjektive Auffassung gegenüber der Natur im alltäglichen Leben“ und ist
zugleich auch „das Ergebnis der kognitiven Ordnung der Natur“ (Lee, E.-B. 1991:
902). Darüber hinaus zeigt sich, daß das menschliche Bewußtsein von den
Denkarten und Verhaltensweisen gegenüber der Natur geformt wird, denn die
Naturanschauung knüpft unmittelbar an die sinnlichen Erfahrungen und
Wahrnehmungen jedes einzelnen im Hinblick auf die Natur an. Außerdem liefert
die Naturanschauung keinen Regelkanon, der die Normen für das unmittelbare
Handlungswissen der Natur enthält, sondern sie muß sich ihrem Gegenstand
reflexiv nähern. Dadurch kann ein komplexes und kritisches Denken eingesetzt
werden, das dem vielfältigen ökologischen Gedankengut angemessen ist.
Die von der geschichtlichen Entwicklung bestimmten traditionellen
Naturanschauungen in Korea veränderten ihre Positionen und die ihnen
zugrundeliegenden Gedanken, insbesondere weil sie „von dem
wissenschaftlichen Denken und den Religionen in China unmittelbar beeinflußt“
wurden (Choi, J.-W. 1991: 905). Sie sind für das alltägliche Leben von zentraler
Bedeutung und werden auch als Tao (Weg) in bezug auf die natürlichen
Wandlungsprozesse bezeichnet (Lee, E.-B. 1991: 903; Rhee, K.-Y. 1997: 147).
„Im traditionellen Sinne wird der Begriff „Natur“ als Schöpfung zwischen Himmel
und Erde bezeichnet. Die Natur selber ist kein passives, sondern ein aktives
Dasein als eine ununterbrochene Entstehung und Veränderung im Universum“
110
(Rhee, K.-Y. 1997: 143). Sie ist aus sich selbst „entstehendes Dasein“ (Shin, K.-T.
1997: 117). Es ist jedoch prekär, den Begriff Himmel auf die Natur
einzuschränken, weil so gewissermaßen das prägende Merkmal des Fundaments
der ethischen Frage, der damit einhergehende Charakter der Natur sowie
ästhetische Bestandteile in einem Ganzen vermischt werden. Trotz der
beträchtlichen Schwierigkeiten des Begriffes „Natur“ ist man stets geneigt, bei
seiner Interpretation und Analyse großen Wert auf die ethische Frage zu legen.
Es läßt sich feststellen, daß die Naturanschauungen in Korea nicht nur in der
Literatur und Kunst, sondern auch in Schullehrbüchern aufgenommen werden.
Beim Verständnis der Natur nehmen ästhetische Präferenzen, z. B. die
Wahrnehmung von Schönheit und Erhabenheit der Natur, einen wichtigen Platz
ein. „Die symbolische Bedeutung der Natur, in der Erlebnisse in und mit der Natur
und deren sinnstiftende Valenz zusammenfließen, ein wichtiger Aspekt einer
Ästhetik der Natur, die auf diese Weise neben ökologischen Argumenten zum
Kern des Naturschutzgedankens avanciert“ (Gebhard 2000: 48).
So läßt sich die Geschichte der Naturanschauungen in Korea aus verschiedenen
Blickwinkeln erfassen, z. B. dem zwangsläufigen Zusammenhang mit der
Schicksalsfrage (einschließlich der unbestreitbaren ethischen Fragen), der
perpetuellen Mystifizierung der Natur und dem Widerstand der mechanischen
Prinzipien der Natur. In den Naturanschauungen wird trotz der unterschiedlichen
Akzentuierung und kulturellen Besonderheiten in einzelnen Beiträgen ohne
Zweifel immer der harmonisierende Zusammenklang zwischen Mensch und Natur
nachdrücklich hervorgehoben.
Die natürlichen Bestandteile bestehen hauptsächlich aus astronomischen und
meteorologischen Phänomenen wie Sonne, Stern, Wind und Regen etc. und aus
geographischen und physikalischen Elementen wie Berge, Flüsse, Seen, Wasser,
Feuer etc., die als Götter verehrt werden. Naturphänomene und -gegenstände
werden vor dem Hintergrund der in ihnen symbolisierten göttlichen Kräfte verehrt.
Es steht nach wie vor fest, daß der Natur als Quelle des Lebens schöpferische
Kräfte und auch ästhetische und rituelle Formen innewohnen.
In entsprechender Weise werden Glück und Unglück, Orientierung und
Weltanschauungen von Menschen im alltäglichen Leben durch die sinnliche
111
Erfahrung und Wahrnehmung der Natur und deren Vergötterung maßgeblich
beeinflußt. „Natürliches Unglück gilt als Warnung der Natur gegenüber den
Menschen“ (Rhee, K.-Y. 1997: 162). Die Achtung vor der Natur hat letztlich mit
dem Wohlergehen des Menschen zu tun, d.h. die Mißachtung der Natur war
tabuisiert. Die Natur anzuerkennen und zu respektieren war gleichwohl
unumgänglich in einer traditionellen Einstellung. Kein Mensch und keine Institution
kann davon ausgenommen werden. Da die Naturanschauung durch eine Vielzahl
miteinander verwobener kultureller, gesellschaftlicher und moralischer Faktoren
gekennzeichnet ist, die zu unterschiedlichen Regionen, Kulturen und Epochen
gehören, beruht sie auf verschiedenen Elementen, vor allem auf dem
Buddhismus, dem Konfuzianismus, dem Taoismus und Pungsoo, die allesamt tief
in der koreanischen Kultur verwurzelt sind (Kim, M.-J. 1991; Kwak, S.-H. 1996:
226).
Es hat sich gezeigt, daß das Verhältnis von Mensch und Natur durch die
jeweiligen wesentlichen Charaktereigenschaften „Yeongiron, Menschlichkeit, und
Tao sowie Wind-Wasser“ innerhalb der unterschiedlichen weltanschaulichen
Vorstellungen und der gesetzmäßigen Veränderungen bedeutend gekennzeichnet
ist. Von Alters her bemühte man sich, aus der Umwelt Nutzen zu ziehen und die
schlechten Einflüsse der Außenwelt zu vermeiden. Dazu tragen in Korea
nachhaltig geistige, kulturelle und religiöse Anschauungsweisen bei und
beeinflussen die einzelnen Menschen sowie die ganze Gesellschaft. Gemäß den
vielschichtigen Gedanken über die Naturanschauungen in Asien, insbesondere im
Taoismus, bildet die Natur nicht aufgrund der isolierten, sondern aufgrund der
synthetisierenden Formen wie z. B. Raum, Zeit und Gemeinschaft eine Einheit.
Dies ist nach wie vor eine tragfähige Grundlage für alle weiteren Überlegungen,
die dann aus einem differenzierteren Urteil über die Natur entstehen.
Die Natur selbst beinhaltet das eigentümliche Prinzip und Gesetz, nach dem alle
Lebewesen maßgeblich durch Veränderung, Kontrolle und Gleichgewicht
aufrechterhalten werden. Die Naturanschauung Asiens ist der Objektivierung und
den mechanistischen Prinzipien unterworfen. In ihr sind „intuitive, meditative,
ganzheitliche Erfahrungen von Wirklichkeit neben eine klassifizierende begriffliche
Analyse getreten. Solche verstehenden Wahrnehmungen der Umwelt sind eher
112
auf Pflege und Bewahrung als auf Ausbeutung und Beherrschung“ ausgerichtet
(Michelsen/Siebert 1985: 41).
Die im folgenden beschriebenen unterschiedlichen Aufklärungen über kulturell
äußerst differenzierte Naturerscheinungen, zwischen Religionen und Volksglaube
angesiedelt, sind gesamtgesellschaftlich, was sich über Jahrhunderte gewachsen
nicht zuletzt im pädagogischen Bereich ersehen läßt. Gerade sie nehmen eine
zentrale Rolle bei der Entwicklung von Instrumenten zur Eindämmung der
vielfältigen ökologischen Belastungen und eine andere Perspektive auf das
handlungsleitende Naturverständnis ein.
Vor dem Hintergrund einen Beitrag zur Entwicklung des Umweltbewußtseins in
Korea leisten zu wollen, lohnt es sich, grundsätzlich die Frage der ökologischen
Krise und Spannungen aus Sicht der traditionellen Naturanschauungen zu stellen,
um die allgemeinen alten Vorurteile und neuen groben Klischees zu überwinden.
Durch die sorgfältige Analyse der traditionellen Naturanschauungen erhält man
eine angemessen theoretische Grundlage, um ein Modell der verantwortlichen
Handlungsorientierung für die Bewältigung der entstandenen Umweltprobleme zu
ermitteln.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß „von traditionellen
Naturanschauungen die Ehrfurcht vor der Natur und vor dem Menschen,
Schutzgedanken durch scharfsinniges Begreifen des natürlichen Prinzips gelernt
werden können“ (Rhee, K.-Y. 1997: 165f.). Wichtiger erscheint, daß die
traditionellen Naturanschauungen keine willkürlichen Entscheidungshilfen für die
anzutreffenden ökologischen Probleme bieten, sondern daß sie vielmehr eine
Grundlage für umweltpädagogische Strukturmodelle bilden können. Diese Form
als Primat der zukunftsweisenden Entwicklung stellt einen wichtigen Schritt zum
Schutz für das Ökosystem Erde und zum verantwortlichen Handeln dar. Es liegt
auf der Hand, daß eine Chance darin liegt, durch den Rückgriff auf die
sinnstiftende Funktion von Naturanschauungen die Rückständigkeit im ökologisch
orientierten Denken und in den Verhaltensweisen der koreanischen Gesellschaft
zu überwinden.
113
3.2 Einfluß auf veränderte traditionelle Naturanschauungen hinsichtlich
ökologischer Fragen
Ohne Zweifel ist die Natur, ihre Ressourcen, die ausgeprägte Kontinuität ihrer
fortschreitenden Prozesse und intakten Räumen, die unentbehrliche
Existenzbasis für den Menschen. Gleichwohl wird eine unaufhörlich steigende
Naturzerstörung in der modernen Gesellschaft mehr und mehr zum unauflöslichen
Stigma. „Der Siegeszug des Industriesystems läßt die Grenzen von Natur und
Gesellschaft verschwimmen. Entsprechend können auch die Naturzerstörungen
nicht länger auf die Umwelt abgewälzt werden, sondern werden mit ihrer
industriellen Universalisierung zu systemimmanenten sozialen, politischen,
ökonomischen und kulturellen Widersprüchen“ (Beck 1986: 252).
Die Einsicht der fortschreitenden Naturzerstörung hat zur Beschäftigung mit
historischen und kulturellen Fragen im Rahmen der Religionen und
Wissenschaften geführt (Koreanisches Buddhistisches Institut für Umweltbildung
1996). Deutlich erkennbar ist, daß sich die Auffassung von Natur von traditionellen
symbolisierten und mystischen Formen in der tatsächlichen und objektiven
Bewertung Koreas wandelt. Das Mensch-Natur-Harmonisierungsprinzip war seit
langem ein dominierendes Wertemuster in der traditionellen Naturanschauung der
koreanischen Gesellschaft. Es besteht darin, daß der Natur nicht zu viel
zugemutet werden darf, im Sinne einer Aufrechterhaltung des natürlichen
Gleichheitsprinzipes, entgegen der Realität wonach die Natur zunehmend
ununterbrochen ausgebeutet bzw. beherrscht wird. Die völlig uneingeschränkt
beherrschte und ausgebeutete Natur, d.h. die Zerstörung von Landschaft und
Ökosystem, ist von vornherein als industrielle Produktivkraft und gesellschaftliche
Handlungszwecke an unterschiedliche Interessen fixiert.
Es ist jedoch auffällig, daß die technische Entwicklung offensichtlich zum
erheblichen Teil zu einer veränderten Einstellung gegenüber der Natur führt. Die
Menschen haben sich immer schon an vielfältigen technischen Prozessen
orientiert. Parallel dazu scheint, die Denaturierung des alltäglichen Lebens schon
immer weitverbreitet gewesen zu sein. Im folgenden werden die verschiedenen
Aspekte der eingetretenen Veränderung der Naturanschauungen in bezug auf das
Mensch-Natur-Verhältnis im Rahmen der technischen Entwicklungen und der
kulturellen Hintergründe behandelt.
114
Hinsichtlich der Wandlungsfähigkeit der wissenschaftlich-technischen Strukturen
sind Technik und Kultur als „ein verflochtenes Beziehungsgefüge“ zu begreifen,
das im gesellschaftlichen Wandel die Möglichkeit findet, auf die Regeln und
Normen mittels der gesellschaftlichen Ebene einzuwirken. Die technischen
Möglichkeiten, über die jeder Einzelne heute verfügen kann, sind in ungeahntem
Tempo gestiegen. Technik macht es ohne Zweifel möglich, nicht nur unsere
alltägliche Lebenswelt, sondern auch die damit verbundenen institutionellen
Handlungsfunktionen völlig neu zu gestalten. Es ist daher unumgänglich, die
dynamischen technischen Entwicklungen und die kulturelle Einbettung des
gesellschaftlichen Entscheidungsprozesses in bezug auf die ökologische Frage
darzustellen.
Traditionell war Korea ein Agrarstaat, d.h. die Menschen waren zur Sicherung
ihres Lebensunterhalt völlig auf die Natur angewiesen. Ihre wirtschaftlichen
Tätigkeiten orientierten sich hauptsächlich am Anbauen und Standortbestimmen
und waren mit der Natur untrennbar verbunden. Das bedeutete allerdings
zunächst auch, daß „die Lebenswelt des Menschen durch kontinuierliche
Anpassung der Natur maßgeblich geprägt wurde“ (Park, T.-S. 1986: 21). Die
dynamische Stabilität und die ordnungsgemäßen Prozesse der natürlichen
Umwelt verdankten sich offenbar vor allem deren gesellschaftlichen Willen, mit
dem man hauptsächlich die Anpassung an die vielfältigen natürlichen
Bedingungen und an eine entsprechende Verantwortung für das Wohlergehen der
Menschen kontinuierlich anstreben konnte.
Der historisch relativ konstant gehaltene Naturschutz und die daraus entstandene
vielfältige und artenreiche Erhaltung einer natürlichen Landschaft sowie eines
gesamten ökologischen Systems trat mit dem Ende des 19. Jahrhunderts in
Korea in eine neue Phase ein, in der sich die entscheidenden Veränderungen der
Naturanschauung und der damit verbundenen Handlungszusammenhänge
ereigneten. Die atemberaubende Geschwindigkeit der technologisch-industriellen
Revolution, mit der auch die traditionellen Naturanschauungen zerspalten wurden,
war außerordentlich. Beträchtlich hier sind einschlägige Stichworte wie
„Naturzerstörung und die Veränderung der Naturanschauungen“ zu nennen.
Naturzerstörung und die Veränderung der Naturanschauungen in Korea erwiesen
sich als mehr oder weniger unbeabsichtigtes Auflösungsphänomen der
115
Harmonisierung von Mensch und Natur, die sich vornehmlich durch ständiges
Wechselspiel bei der im Rahmen des Gleichgewichtsgesetzes und durch Schutz
und Ehrfurcht des Menschen vor der Natur ergibt. Dabei drückt sich in der
technischen Dominanzkultur eine gesellschaftliche Entwicklung gegenüber der
Natur aus. „Naturbeherrschung wird in ihrer Generalisierung unterderhand im
wahrsten Sinne des Wortes zur technischen Subjektbeherrschung“ (Beck, 1986:
335).
Dementsprechend tritt die Naturzerstörung vor allem in zwei Varianten auf;
„einmal die gewaltsam von außen aufgezwungene, ausbeuterische
Verschlechterung oder Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen
unterlegener Völker oder Gruppen, und zum anderen die sehenden Auges
hingenommene ökologische Selbstzerstörung“ (Harborth 1993: 17). Wie es heute
aussieht, führt die anthropologische Deutung zu einer unermeßlichen Zerstörung
der Umwelt. Tatsächlich spielt sich die heutige ökologische Krise in Korea in
beiden Varianten ab, die in einem ursächlichen Zusammenhang miteinander
stehen. Dies wird im folgenden begründet.
Der in Gang gesetzte Abbau der natürlichen Ressourcen setzte sich während der
japanischen Herrschaft (1910-1945) mit der rabiaten Abholzungspolitik fort und
erfuhr in dem drei Jahre andauernden Korea-Krieg (1950-1953) in verzerrter
Weise einen neuen Höhepunkt. In der Nachkriegszeit wurden Verschlechterung
und Zerstörung der Natur aufgrund der anhaltend materiellen Knappheit und der
mannigfachen Formen des Elends fortgeführt. „Nicht zuletzt führte der
Modernisierungsprozzur erfahrbaren Beschleunigung des
Urbanisierungsprozesses und zur Auflösung der traditionellen
Dorfgemeinschaften, wo ihre vielfältige Funktionen kontinuierlich
verlorengegangen sind“ (Park, T.-S. 1986: 19). Daher wird „die Natur zum
Sündenbock der Moderne und Knappheit zur Quelle von Gewalt“ (van Dieren
1995: 39).
Die unvorhersehbaren Folgen politischer und gesellschaftlicher Unordnung sowie
wirtschaftlicher Not zeichneten sich ab: Die nicht ausreichenden Nahrungsmittel
führten von vornherein zu Engpässen. Während die Produktivität in der
Landwirtschaft immer mehr gefallen war, verdiente die zwangsläufig Bevölkerung
ihr Geld allein im Holzeinschlag zur Kohlegewinnung. Für große Teile der
116
Bevölkerung war dies die einzige Einkommensquelle, um die Linderung von
Hunger zu erreichen und das allgemeine Elend zu bekämpfen. Aufgrund von mehr
oder minder zielgerichteten Eingriffen von Menschen wurde die Natur so
irreparabel geschädigt, so daß die sich anbahnendende Katastrophe schließlich
nicht abgewehrt werden konnte.
Vor 1960 war das Mensch-Natur-Verhältnis grundsätzlich ein elementares Prinzip
im Hinblick auf die Rücksichtnahme auf Harmonie, Gleichgewicht und
Gesetzmäßigkeit. Der Schutz und die Bewahrung natürlicher Ressourcen, waren
viel wichtiger als der naive ästhetische Genuß oder ökonomische Faktoren, wofür
letztendlich kulturreligiöse Gründe verantwortlich sind. Auf keinen Fall wurde eine
Harmonisierung und eine durchgängige Gesetzmäßigkeit in der Natur in den
asiatischen Religionen und Wissenschaften (Buddhismus, Konfuzianismus,
Taoismus und Pungsoo) in Frage gestellt. Die Politik reagierte auch im
wesentlichen auf naturgemäße Zustände oder Bedingungen, eine sozusagen
humane Politik, in der das Mensch-Natur-Verhältnis immer angemessen
berücksichtigt werden konnte. Die grundlegend naturfreundlichen Vorstellungen
und die darauf zurückzuführenden Handlungen, die von den vielfältigen
traditionellen Werteorientierungen in unmittelbarer Weise abhängig waren, waren
mit verschiedenen, historisch gewachsenen Traditionen des Naturverständnisses
verbunden. Dabei spielten ein individueller Wille und gesellschaftlich kollektive
Aktionen zum Naturschutz eine ausgeprägte Rolle, durch die der Mensch
Solidarität und Gemeinsinn zu fördern versuchte.
Von 1960 bis 1990 ging die ökologische Bedrohung von intensiver Naturnutzung
aus. Wie das Schaubild auf Seite 116 zeigt, entwickelt sich allmählich das
Mensch-Natur-Verhältnis von einer „gegensätzlich, kämpferischen zu einer
harmonisierenden oder friedlichen Richtung“ (Park, H.-S. 1997: 435). Dabei haben
die Technik und die veränderte Verhaltensweise in den alltäglichen Erfahrungen
gegenüber der Natur eine maßgebende Rolle gespielt. Im Zuge der unaufhaltsam
fortschreitenden Rationalisierung einer technisch-wissenschaftlichen Entwicklung
und dem daraus resultierenden unermeßlichen Zerstörungspotential richtete sich
die These „Suche nach menschlicher Freiheit und Befreiung von der Natur“ auf
den Widerstand gegen die Mystisierung der Natur, die Mensch und Gesellschaft
früher anscheinend zu kontrollieren vermochten.
117
Der argumentative Zusammenhang dieser These läßt an einer traditionell
verwurzelten Schonung und dem Mitgefühl gegenüber der Natur nicht den
geringsten Zweifel aufkommen. „Das Prinzip der Eroberung“ (Immler 1990: 57),
die sogenannte Naturbeherrschung und -ausbeutung sowie die Befreiung von den
Naturgewalten herrscht in bezug auf das Mensch-Natur-Verhältnis vor. Gerade
„das industrielle Ausbeutungsverhältnis“, das man zum Charakteristikum der
zunehmenden Herrschaft über die Natur gemacht hat, scheint in der Gesellschaft
voranzutreiben (Eder 1988: 9).
Man hat klar erkannt, daß die Natur nicht mehr als allmächtiges Vorbild, sondern
in zunehmenden Maße als ein Stoffsystem im Universum für ökonomische
Ressourcen im Rahmen von Zweckrationalität und Gewinnmaximierung der
menschlichen Interessen angesehen wurde. „Die ökonomische Praxis müßte ihr
bisheriges Naturbild aufgeben. Vor allem müßte das bisherige Nebeneinander von
biologischen Prozessen und menschlich-sozialen Aktivitäten in einem
einheitlichen Konzept naturbegreifender Ökonomie aufgehoben werden“ (Immler
1990: 52). Das Mensch-Natur-Verhältnis zur Harmonisierung und Abhängigkeit
scheint daher von seiner Umgebung, von der Natur und Umwelt, allmählich
verlorenzugehen (BUND/Misereor 1996: 238).
Infolge der erhöhten Belastung und der sich weiter verschlechternden
großflächigen Zerstörung von Natur ist seit den sechziger Jahren diese Tendenz
zur Loslösung harmonisierender Verhältnisse von Menschen und Natur zuweilen
erkennbar. Es ist auffällig, daß die Rede von der Harmonisierung zwischen Natur
und Mensch zu einem Zustand der Versöhnung in Korea in zentralen Positionen
aufgrund der ökologischen Krise vordringt. Auffällig deshalb, weil Harmonisierung
und Ehrfurcht gegenüber der Natur innerhalb einer erlebbaren Variante der
traditionellen Lebensformen zugerechnet werden, die sich ununterbrochen
verändern.
Unkalkulierte technische Entwicklung und ihre Errungenschaften sind dadurch
gekennzeichnet, daß die gesellschaftlichen Aufgaben immer komplexer werden.
Sie machen einen sehr wesentlichen Teil der nicht berechenbaren Dynamik im
Alltag und in der Lebensgestaltung mit größerer Bequemlichkeit aus. Während es
vor 1960 die Frage nach dem gesellschaftlichen Beitrag zur Technik war, stellte
sich danach die Frage, inwieweit man die ungeheure Ausdehnung und
118
Wirksamkeit der Technik vorantreiben darf. Die beträchtliche Verbreitung der
Technik, mit der materieller Wohlstand erreicht wird, stößt in wachsendem Maße
auf Widerstände, da vor allem die Folgen immer unübersichtlicher werden. Es hat
den Anschein, als ob mit der Fortsetzung einer ganzen Reihe von
Technologisierungen in den verschiedenen Lebenswelten eine Vervielfältigung
ihrer Anwendungsmöglichkeiten einhergeht.
Hinsichtlich der Prioritäten, die ohnehin die Wirtschaftspolitik setzt, lassen sich
durchaus ökologische Fragen aufwerfen. Nach 1990 ist insbesondere der globale
Wettbewerb in starkem Maße auf die Gestaltung des Naturprozesses infolge
unermeßlicher technischer Fortschritte gerichtet. Das dürfte sich vor allem
deshalb wirtschaftlich behaupten, weil ein Höhepunkt in der Ausbeutung und
Übernutzung der Natur in Korea erreicht wurde. „Das ökonomische und soziale
Verhalten zur Natur ist auch auf industriellem Niveau auf räuberische Aneignung
alles Nützlichen aus dem riesigen Vorratslager der Natur gerichtet“ (Immler1990:
57). Deutlich wiederzufinden ist, daß das politische Handeln uneingeschränktes
Wirtschaftswachstum verfolgt.
Den wissenschaftsgestützten technischen Entwicklungen und Kulturen mit ihren
Gestaltungen begegnet man seit den neunziger Jahren dauerhaft in der
Gesellschaft und in nahezu unserem gesamten Alltagsleben. Die technische
Entwicklung ist grundsätzlich als ein sehr bestimmender ökonomischer Prozeß zu
verstehen, der beeinflußt und verändert werden kann. Sie trägt zwar mitunter
dazu bei, daß der Lebensstandard der Menschen stärker erhöht werden kann, es
darf allerdings nicht übersehen werden, daß die höchste Entfaltung des
technischen Vermögens zur Beherrschung und Ausbeutung der Natur führt. „Die
Welt der Technik ist also sozusagen der <große Mensch>: geistreich und
trickreich, lebensfördernd und lebenszerstörerisch wie er selbst, mit demselben
gebrochenen Verhältnis zur urwüchsigen Natur“ (Gehlen 1957: 9).
Eine ganze Reihe technischer Entwicklungen ist längst eine unmittelbare Folge
der allmählichen Auflösung der traditionellen Bindungen, Konventionen,
Wertvorstellungen usw. und der vollständig veränderten Lebensbedingungen und
-weisen, ohne daß man verschiedene unerwünschte Nebeneffekte berücksichtigt.
Sie gewinnen darüber hinaus in der einen oder anderen Weise zunehmend an
vielfältigen Einflußmöglichkeiten auf das individuelle Handeln, Denken und die
119
gesellschaftlich relevanten Entscheidungsprozesse sowie Einstellungen und
werden im selben Maße in neuer Form der kulturellen Anpassung unseres
Alltagsverständnisses im öffentlichen und im privaten Bereich reflektiert. Durch die
technische Entwicklung wird die Natur immer stärker in den Bereich der
gesellschaftlichen Verantwortung einbezogen.
Es besteht also kein Zweifel, daß im Hinblick auf das Ergebnis der
technologischen Umwälzungen des vergangenen Jahrzehntes in Korea
technisches Wissen und seine Zusammenhänge einen immer höheren
Stellenwert erhalten, um das Ziel vom eigenen Leben bewußt und auf reflektierte
Weise zu gestalten bzw. zu verwirklichen. Die vielfältigen wissenschaftlichen
Erkenntnisse und die in technischer Richtung experimentierende Praxis, die durch
die heute vorherrschende ökonomische Sicht der Dinge durchgesetzt worden
sind, haben auch das Naturverständnis des Menschen beeinflußt. „Die technisch-
ökonomische Denkweise unserer Gesellschaft bewirkt (...) ein technologisches
Naturverständnis, das zur Entfremdung des Menschen von der Naturhrt.
Lediglich Modifikationen an dieser industriellen Produktions- und Lebensweise
verändern an der Grundstruktur der Naturausbeutung wenig“ (Bolscho/Seybold
1996: 87).
Was das Mensch-Natur-Verhältnis, politische Richtungen, Religionen sowie
technische Fortschritte, die veränderte Situation und ihre geschichtlichen
Entwicklungsprozesse in Korea angeht, so sind die zuvor genannten Stichworte
im folgenden Schaubild zusammenfassend enthalten.
120
Vor 1960 1960-1990 Nach 1990
Mensch-Natur-
Verhältnis
Nachhaltigkeit der
Natur
Gesetzmäßigkeit,
Harmonisierung,
Gleichgewicht
instrumentelle
Naturbeherrschung,
Befreiung von der
Natur
rücksichtslose
Ausbeutung
Übernutzung der Natur
humanverträgliche
Bewirtschaftung der
Biosphäre, sogenannter
ökologischer
Strukturwandel
Politik humane Politik =
die Reaktion der
Natur als dauerhafte
Sicherung der
natürlichen
Lebensgrundlagen
Wirtschaftspolitik als
Aufgabe mit hoher
Priorität: die
Beseitigung von
anhaltender Armut
und Hunger;
gesetzliche
Maßnahmen gegen
großflächige
Umweltschäden
Globaler Wettbewerb
mit der
Aufgabe: Führung in der
Weltwirtschaft,
Betonung der
„nachhaltigen
Entwicklung“;
mehr vorsorgender
Umweltschutz
Philosophie/Religi
on
Konfuzianismus,
Buddhismus,
Taoismus, Pungsoo
etc.
Zum Teil wesentliche
Veränderungen
religiöser Gedanken
in bezug auf
ökologische Fragen
*12
Technische
Erneuerung oder
Verbesserung
mit Hilfe der Technik:
Erleichterung der
Arbeit, Sachliche
Bedingung und
Anpassung
zunehmende
Rationalisierung aller
Lebensbereiche
Verbesserung des
Lebensstandards,
grundlegende
Entwicklungsdynamik
unbegrenzte
Möglichkeiten: die
computerbeschleunigte
Mobilität,
Fortschreitende
Ausdifferenzierungsproz
esse und Verdrängung
des Arbeitsprozesses
Durch das oben dargestellte Schaubild läßt sicher sehen, daß sich im Laufe der
Zeit eine politisch-ökonomische Strategie und ein harmonisches Mensch-Natur-
Verhältnis immer nachhaltiger irreversibel verändern. Zugespitzt formuliert könnte
man sagen, die Natur wird als Mittel der Befriedigung von materiellen
Bedürfnissen angesehen, ohne dabei die zwangsläufig negativen Auswirkungen
12 Die Anführungszeichen in diesen Feldern bedeuten, daß der philosophisch-religiöse Bereich
sowohl vor 1960, als auch zwischen 1960 und 1990 in Mischformen auftritt, die auf unterschiedliche
ökologische Anforderungen reagieren und deren Folgen intuitiv bewältigen.
121
und die zunehmende Belastung der Umwelt zu ignorieren. Im Laufe der Zeit wird
das Mensch-Natur-Verhältnis in eindeutiger Weise vom Prinzip „Rationalität“
(Weber 1988) mehr als von Ehrfurcht oder symbolischer Bedeutung maßgeblich
beeinflußt.
„Die Weltreligionen könnten neue Wertmaßstäbe schaffen, die die Verantwortung
des einzelnen und der Gemeinschaft für die Umwelt und für ein besseres
gegenseitiges Einvernehmen zwischen Mensch und Umwelt betonen“ (Hauff
1987: 114). Die traditionelle Naturanschauung, die auf Harmonie und
Widerspruchslosigkeit im Mensch-Natur-Verhältnis hin angelegt ist, kann als den
ökologischen Problemen angemessen angesehen werden. Aus solchen
theoretischen Überlegungen, bei denen dem neuen Ausblick auf die
gegenwartsbezogene ökologische Situation eine zentrale Funktion zukommt,
erklärt die traditionelle Naturanschauung in einem umfassenden Sinne einen
relativ einheitlichen Gesichtspunkt vom Mensch-Natur-Verhältnis.
Es ist also ratsam, daß im folgenden der Standpunkt des Naturverständnisses
hinsichtlich der ökologischen Frage in den jeweiligen Religionen vorgestellt wird, in
denen die Aussicht auf zukünftige ökologische Entwicklungen gerichtet werden
könnte. Hiervon ausgenommen, sind sämtliche Phänomene anderer
Naturanschauungen wie z.B. Totemismus und Schaminismus etc., weil der
astrologische Aberglaube, die Fetischisierung der Übermächtigkeit der Natur und
magisch-animistische Traditionen von den vorherrschenden Religionen zum
größten Teil absorbiert wurden. „Sie waren zwar in der Regel zumindest in
damaligen Zeiten eine relativ fortschrittliche kulturelle Deutung und als
Gegenstand religiöser Verehrung ein essenzieller Bestandteil der traditionellen
Naturanschauungen“ (Park, T.-S. 1986: 21). Aber sie entsprachen im Laufe der
Zeit nicht mehr einer vorbildhaften und zukunftsweisenden gesellschaftlichen
Entwicklung und verschwanden somit allmählich. Nicht zuletzt sollte unter
Berücksichtigung dessen, die Naturanschauung den veränderten ökonomischen
und gesellschaftlichen Bedingungen also durchaus zukünftig angepaßt werden.
122
3.3 Kritische Betrachtungen der ökologischen Frage im Rahmen des
Naturverständnisses in den jeweiligen Religionen.
Buddhismus
Für den Buddhismus sind „Schlußfolgerungen über Dinge auf keinen Fall durch
irgendwelche Voraussetzungen und Vorurteile erreicht, sondern er orientiert sich
am Dasein der Welt und des Menschen selbst“ (Rhi, K.-Y. 1991: 499). Der
Buddhismus konfrontiert vor allem mit den wesentlichen Fragen wie
beispielsweise menschliche Existenz, Vergänglichkeit, Tod, Erbarmung und
Vergebung, die sich aus seiner Tradition im alltäglichen Leben herleiten lassen.
Es steht insbesondere das Interesse an der Ehrfurcht des Lebens im Mittelpunkt,
wobei das Eigenrecht aller Lebewesen grundsätzlich berücksichtigt oder
anerkannt wird.13 Die leitenden Prinzipien des Buddhismus beantworten die
Fragen, wie man sich von der Welt der Wahnvorstellungen, Begierden und Leiden
befreien kann, die vornehmlich aus einem wachsenden Bedürfnis zu permanenten
Begehren und der damit einhergehenden Gewinnmaximierung in einer vielfältigen
und komplizierten Gesellschaft entstehen (Rhi, K.-Y. 1991).
Der Grund, weshalb der Buddhismus mit den vielfältigen Umweltproblemen zu tun
hat und wie er die ökologische Krise unter dessen Bezugnahme zu rechtfertigen
sucht und der Mensch eine eindeutig definierbare Stellung findet, wobei ihm in
einem auffälligen Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen die Natur
zukommt, ist tatsächlich prekär. Hier wird vor allem versucht, Umweltprobleme
durch die buddhistische Lehre sichtbar zu machen und grundsätzlich die Frage zu
stellen, über welche Anschauungen der Buddhismus verfügt. Diese Perspektive
wird im Rahmen der buddhistischen Lehre konsequent durchdacht, so daß eine
wesentliche Grundlage der umweltfreundlichen Beobachtung geschaffen werden
kann, obwohl nach Meinung der Experten „der Buddhismus eine relativ
13 Das „Leben“ wird hier als Leitbegriff in einer umfassenderen Weise benutzt und existiert durch
eine immerwährende Veränderung und gegenseitige Verbindung. Es begreift sich in hohem Maße
als „integraler Bestandteil der Naturanschauungen“(Beob Ryun 1996: 128).
123
pessimistische Einstellung gegenüber Weltanschauungen habe“ (Shim, J.-R.
1990: 56ff.).
Eine beobachtbare Besonderheit des Buddhismus besteht vor allem darin, daß es
sich um die Reduktion einer starken emotionalen Bindung, des Verlangens nach
materiellen Gütern handelt. Seine Lehre stellt eine grundlegende Idee der
Lebensgestaltung durch Selbsterkenntnis, -betrachtung und einen Umgang mit
anderen Lebewesen dar. Dieser Ansatz wird nicht durch vereinfachende
Erklärung, sondern eindeutig durch ein kausales Gesetz faktisch behandelt.
Im Buddhismus werden zwar die Abläufe und Sachverhalte der objektiven
Erkenntnisse über Umweltprobleme nicht unmittelbar erörtert, aber er vertritt die
Annahme einer „Befreiung vom Zufügen von Leiden des Menschen“, das „die
Habsucht, das ungebrochene Machtstreben und die Illusion des durch Habsucht
gebrachten Glücks“ verursacht und auch zu der innewohnenden sublimen Sorge,
Unruhe und Qual sowie Angst führt (Choi, S.-H. 1992: 101). Es handelt sich
darum, wie sich „ein stark menschliches Bedürfnis nach Macht, Herrschaft und
Aggression in die Grundsätze der Barmherzigkeit, Weisheit und Liebe verwandeln
kann“ (Rhi, K.-Y. 1991: 499; Choi, S.-H. 1992). Diese Vorstellung und
Lebensweise ermöglicht es durchaus, die ökologische Frage nicht nur mit hohen
symbolischen Ausdrucksformen, sondern auch mit einsichtigen Beobachtungen
und mit der Wahrnehmung des Umgangs mit der natürlichen Umwelt zu
verbinden.
Der Mensch, der hauptsächlich für eine weitestgehende Befriedigung aller
lasterhaften Begierden sorgt, so meint der Buddhismus, werde durch „asketische
Lebensführung“ (Weber 1988) und allumfassende Liebe vom Leiden entschärft.
Asketische Lebensführung wird vorwiegend durch eine Totalität von Gemeinwohl
als radikaler Verzicht auf ununterbrochene menschliche Bedürfnisse erreicht.
Tatsächlich zeigen die wesentlichen Grundzüge des Buddhismus deshalb nicht
obskure Zielen des menschlichen Daseins und moralischen Aporien, sondern es
offenbart sich unter anderem auch die konkrete Frage nach ganz allgemein
vermittelbaren Grundlagen für ein selbständiges Leben, sozusagen der „Inbegriff
des Geistigen“.
124
Die höchste Form für ein grundlegendes menschliches Verhalten im geeigneten
Umgang mit der Natur bzw. Umwelt im Buddhismus ist „die Lehre von der
Seelenwanderung und die moralische Regel für verbindliche Verhaltensrichtlinien,
d. h. niemanden zu verletzen und kein Lebewesen zu töten (Tötungsverbot)“, die
verhältnismäßig freundlichen Anschauungen durch das ethische Kausalgesetz wie
Wohlergehen und Selbstbeherrschung (Shim, J.-R. 1990: 61). In diesem Sinne ist
„der Kernpunkt Barmherzigkeit tief verwurzelt in moralisch-ethischen
Grundpositionen“ (Park, E.-M. 1994: 42). Barmherzigkeit besteht darin, daß man
Rücksicht auf die Ehrfurcht vor dem Leben nehmen muß, d.h. eine prinzipielle
Anerkennung eines Eigenrechtes der Natur (Oh, H.-S. 1992: 59). Darüber hinaus
stellt sie „die Prinzipien von Gewaltlosigkeit und Nicht-Verletzen“ dar (Naess 1997:
204). Dies kann vor allem durch die Liebe erreicht werden.
Von diesem Standpunkt aus gesehen stützt sich Barmherzigkeit auf ein wichtiges
theoretisches Fundament des menschlichen Verhaltens in der Überwindung des
egoistischen Selbst (Chun, J.-S. 1996: 117). Die Pflicht zur Barmherzigkeit, vor
allem bei der Mitwirkung an der grundlegenden Verhaltensänderung ist die
unerläßliche Bedingung für eine vernunftgemäße Ordnung zwischenmenschlicher
Beziehungen, zwischen Menschen und anderen Lebewesen. Hier wird auch der in
höchstem Maße vom Buddhismus vertretene Gedanke deutlich ausgesprochen,
daß eine wirksame Veränderung der gesellschaftlichen Widersprüche durch die
Selbstbildung möglich ist.
Infolgedessen wird „Yeongi“ nach wie vor als ein nicht zu unterschätzendes
Element für das tiefere Verständnis von Welt und Selbst betrachtet, in dem die
einsichtigen und folgerichtigen Denkformen des menschlichen Lebens
zusammengestellt sind. Solche Denkformen haben zwar keine Gesetzeskraft,
können aber eine beachtliche Verbindlichkeit im alltäglichen Leben für sich in
Anspruch nehmen. Die Besonderheit dieser Einstellung liegt allerdings darin, daß
das handfeste Dasein der Dinge in der Erscheinungswelt zu enger Verbindung mit
„In“ (Ursache, unmittelbarer Faktor) und „Yeon“ (Gelegenheit, der Hilfsfaktor) als
konstruktives Prinzip von Begegnung und Trennung oder Werden und Vergehen
vorkommt (Rhi, K.-Y. 1991: 499). In gewisser Hinsicht gibt es Ausgleichsprozesse,
in denen sich alles unentwirrbar verstrickt und nicht zuletzt zu einem
gemeinsamen Ganzen wird. Aus dem merkwürdigen Beziehungsgeflecht dieses
125
Geschehens ergibt sich „ein grundlegendes Koexistenzsystem zwischen
Menschen und Natur“ (Oh, H.-S. 1994: 15).
Der bemerkenswerte Glaubenssatz „Yeongi“ bedeutet, daß alles, was tatsächlich
in der Welt existiert, durch die besondere Verbindungsstruktur mit kausalen
Zusammenhängen und durch unablässig natürliche Veränderungsprozesse von
Einfachheit hin zu systematischer Ordnung in den immerwährenden Kreislauf der
Natur eingebunden ist, in der auch Schönheit, Integrität und dynamische Stabilität
sowie die unermeßliche Vielfalt der Lebensräume schlechthin eingeschlossen sind
(Choi, S.-H. 1992: 101; Oh, H.-S. 1994: 20; Chun, J.-S. 1996).
Die Theorie „Yeongi“ wird bei weitem in der physischen, organischen und
zugrundeliegenden Struktur der Lebewesen und Geisteserscheinungen des
Menschen viel beachtet. Alles im allen wird das Universum als keine dauerhafte
Substanz angesehen, sondern vielmehr als unbeständige Eigenschaften und
Zustände beschrieben, die sich durch regulierende Evolutionsprozesse in allen
Bereichen gesellschaftlichen Lebens systematisch und geschichtlich entwickeln,
wie es quasi naturgemäß vorgegeben ist (Chun, J.-S. 1996: 102). Die
unentbehrliche Voraussetzung der Veränderungsprozesse gesamter Ökosysteme
kann in der Formel „Alles Irdische ist vergänglich“ anschaulich zum Ausdruck
gebracht werden.
Es wird ohne Zweifel in diesem Zusammenhang angedeutet, daß der vielzitierte
Begriff „Yeongi“ mit einer spezifischen Form von Umweltproblemen unmittelbar zu
tun hat (Oh, H.-S. 1992; Chun, J.-S. 1996). „Denn die Bestandteile der Umwelt
sind durchaus kompliziert verflochten. Wenn ein Teil der Umwelt oder Natur
zerstört wird, dann kann ein anderer Teil auch beeinflußt werden“ (Oh, H.-S. 1992:
61). Das bedeutet zugleich aber auch, daß alle Lebewesen untrennbar
miteinander dauerhaft in ein Gleichgewicht gebracht werden müssen, eben
deshalb, weil sie immer in gegenseitigen Abhängigkeiten und Beziehungen
stehen.
Charakteristisch ist in dieser Hinsicht, daß unbestreitbar von einer überwiegend
negativen Erkenntnis der Kausalität ausgegangen wird, die freilich immer ein
implizit enthaltenes Gleichgewichtsprinzip des gesamten Ökosystems beibehalten
muß (Choi, S.-H. 1992: 105). Hierbei wird Umwelt als eine Anzahl komplizierter
126
Systeme betrachtet, die sich mit verschiedenen Subsystemen verbinden und
durch ihre vielfältigen Wechselbeziehungen vollkommene natürliche Harmonie,
Stabilität und Gleichgewicht aggregativ bilden (Oh, H.-S. 1992: 59; Chun, J.-S.
1996: 102).
Aus buddhistischer Sicht geht das Umweltproblem auf „Negationen von und
Mangel an gegenseitigen harmonisierenden Verbindungen“ zurück, die durch die
Koexistenz und Eintracht gekennzeichnet sind (Choi, S.-H. 1992: 105). Es
entsteht durch Destabilisierung und Zerstörung der Wechselwirkungen zwischen
Menschen und Umwelt im Rahmen des Kausalgesetzes und durch unendliche
Begierde der Menschen nach materiellen Bedürfnissen (Shim, J.-R. 1990: 62; Oh,
H.-S. 1994: 23; Chun J.-S. 1996: 115). Die Vergeudung der natürlichen
Ressourcen dient der Befriedigung des Egoismus. Im Buddhismus wird deshalb
sehr entschieden hervorgehoben, daß die Menschen mit den anderen Spezies so
behutsam wie möglich umgehen müssen.
Die nicht mehr zu übersehende ökologische Krise führt letztlich zu unmittelbar
verheerenden Auswirkungen auf die natürlichen Lebensgrundlagen und die
Menschen selbst. Nicht zuletzt kann hier die Abschätzung einer langfristigen
ökologischen Krise als „Karma-Wirkungen“ (die Lehre von dem unabwendbaren
vergeltenden Schicksal), sogenannte „kausale Verbindungen von Ursache-Folge-
Wirkungen“, durchgängig zum Ausdruck gebracht werden (Rhi, K.-Y. 1991: 499).
Unter Karma-Wirkungen wird das indirekte Resultat von schlechten Taten in den
vergangenen Leben verstanden. Karma-Wirkungen entstehen also nicht durch
eine spontane Aktion des Bösen, sondern stets durch kulminierende schwere
Belastungen infolge von Gesetzesübertretung.
Wenn das Umweltproblem in der Logik der Karma-Wirkungen angewandt wird,
dann kann man annehmen, daß die Menschen später selbst die unbeabsichtigten
Folgen und die unerwünschten Nebenwirkungen der Umweltzerstörung tragen
müssen. Denn die angestrebte Lösung konkreter Fragen der Umweltprobleme ist
unmittelbar davon abhängig, wie der Mensch seinen Handlungswillen gegenüber
der Natur aufrechterhält und wie er das Bewußtsein für ökologische
Zusammenhänge verstärken soll (Oh, H.-S. 1994: 33). Aus buddhistischer Sicht
ist zwar die Einheit des Mensch-Natur-Verhältnisses unverfälscht, aber angesichts
127
der rücksichtslosen und ausbeuterischen Haltung des Menschen gegenüber der
Natur ist sie nicht mehr zusammenzuschließen (Choi, S.-H. 1992: 110).
Hierbei wird die Natur auf keinen Fall als Gegenstand der Eroberung und des
Kampfes angesehen, sondern als Gegenstand der Bescheidenheit und
Barmherzigkeit, wodurch sich die Menschen ihre persönliche Handlungsmaxime
vornehmlich durch gegenseitige Harmonie und Kontrolle zu eigen machen sollen
(Choi, S.-H. 1992: 109). Aber die auffindbare Beschreibung der Liebe sollte nicht
kurzfristige Anziehung sein, sondern sie muß profundem Wissen über die Natur,
das Mitgefühl und den Respekt des anderen am konsequentesten entsprechen.
Es ist somit kennzeichnend, daß die Natur mit lebendigen Wesen auf der Erde als
„Ich“ gleichzusetzen ist.
Neben dem zentralen Begriff „Yeongi“ werden „vier edle Wahrheiten“ als
Selbsterkenntnis durch die Kontemplation im Rahmen der ethisch-existentiellen
Dimensionen verstanden. Sie stellen „das Leiden, die Leidensursache von Durst,
Sehnsucht und Begierde, die Aufhebung des Leidens und den Weg zur
Aufhebung des Leidens“ dar (Rhi, K.-Y. 1991: 500; Chun, J.-S. 1996: 109). Das
unaufhebbare Leiden des Menschen ist demnach vornehmlich aus der „Habsucht,
Herrschaft und Illusion“ entstanden, die auch zur Auflösung der gegenseitigen
Verbindungsstruktur von Mensch und Natur führen.(Choi, S.-H. 1992: 110).
Hierbei handelt es sich um die Form zielgerichteten Selbsterkennens, um
Befreiung und Erlösung des Leidens der Menschheit zu erreichen. „Das Gebot
des achtfachen Pfades“ hebt im Rahmen der moralischen Rechtfertigung einen
wichtigen Weg zu konkreten praktischen Handlungspostulaten des Menschen
hervor und ist also durchaus „Rechtes Verständnis, rechte Gesinnung, rechtes
Reden, rechte Handlung, rechter Lebensunterhalt, rechte Anstrengung, rechtes
Überdenken und rechte Konzentration“ (Rhi, K.-Y. 1991: 500).
Obwohl dem buddhistischen Text nicht unmittelbar ein Bezug auf die primär
ökologische Frage anzumerken ist, könnte man doch eine ganze Reihe dieser
ineinander verschlungenen achtfachen Pfade in bezug auf die ökologische Frage
der Zukunft in einer besonderen Weise wahrnehmen oder praktizieren, um den
Menschen zum vernünftigen Umgang mit der Natur zu verpflichten. Diese
128
Entwicklungstendenz zeigt sich bei der ökologischen Aufklärung grundsätzlich auf
dem Weg, der zum richtigen Verhalten und Denken von Menschen führt.
Vor diesem Hintergrund kann weitgehend die Frage nach den menschlichen
Pflichten und Aufgaben gegenüber der anderen Lebewesen gestellt werden und
es ließe sich hier das feste Fundament für die im Mittelpunkt stehenden Werte
Liebe und Barmherzigkeit legen. Die Befreiung menschlichen Leidens von jeder
fesselnden Begierde bedeutet, ein sinnvolles und verantwortliches Leben zu
führen, in dem die positiven Einstellungen meist mit Gefühlen des Vertrauens
verbunden sind. Materialismus und egozentrische Subjektivität führen letztendlich
zu Unbehagen und Unglück.
Der Buddhismus, dem „die explizite Begründung von der ethischen Rechtfertigung
für das Universum„ zugrunde liegt, zeigt auf, daß „das ökologische Leiden ein
sehr erheblicher Teil der menschlichen Leidenschaft ist“ (Park, E.-M. 1994: 42;
Chun, J.-S. 1996: 108). Das ökologische Leiden, das durch den vom Menschen
geprägten wirtschaftlichen Antrieb und den damit einhergehenden
Beschleunigungsprozessen verursacht wird, gilt übrigens nicht nur für den
Menschen selbst, sondern genauso auch für die Natur. „Ohne die präzise
Erkenntnis der ökologischen Gesamtzusammenhänge oder Tatsachen,
insbesondere ohne die Ehrfurcht und miteinander verbindende hingebungsvolle
Liebe kann man den Weg des Umweltschutzes nicht erreichen“ (Choi, K.-D. 1996:
264; Chun, J.-S. 1996: 110).
Das Umweltproblem kann auf keinen Fall durch die kollektive Ökologiebewegung
kuriert werden. Was jedoch die Ökologiebewegung aus buddhistischer Sicht
angeht, gilt es festzustellen, daß bisher in Korea großer Wert auf „einen allzu
zweckorientierten Ansatz hinsichtlich der Kontrollemechanismen nach den
Umweltunfällen“ gelegt wird. (Choi, S.-H. 1996: 127). Sie ist „nicht auf die
notwendige Erneuerung der Gesellschaft ausgerichtet, sondern auf die
Selbstzufriedenheit des Menschen, da sie auf keiner logisch-philosophischen
Basis für weitere Veränderungen besteht und keine Zusammenarbeit zwischen
den Umweltorganisationen fordert“ (Chun, J.-S. 1996: 122). Sie interessiert sich
vielmehr für „kollektive Widerstände, Kämpfe und Verstärkung der institutionellen
Rahmenbedingungen gegenüber den Umweltproblemen sowie eine
fortschreitende Entwicklung der Umwelttechnologie“ (Beob Ryun 1996: 127).
129
Die Veränderung der Grundeinstellung zur Umwelt und die daraus resultierenden
umweltbewußten Handlungsprozesse hängen in starkem Maße davon ab, wie
man das eigene vorrangige Denken und Verhalten gegenüber anderen
Lebewesen zur Verfügung stellen kann, was wiederum de facto das
Vorhandensein von „Liebe und Gewaltlosigkeit“ voraussetzt. Es ist
außerordentlich schwer, in solchen Fragen zu einer sinnvollen einheitlichen
Lösung zu gelangen. Sicher ist jedoch, daß beim Buddhismus das „Leben“ immer
im Mittelpunkt steht (Beob, Ryun 1996: 148). Wenn die Ökologiebewegung von
der „Lebensbewegung“ ausgeht, dann könnte sie sich durch eine von vornherein
geistesgeschichtlich fundierte Vielschichtigkeit des Buddhismus, nicht zuletzt in
herauskristallisierender Gestalt seiner bestimmten Inhalte, entwickeln (Choi, S.-H.
1992).
Tatsache ist aber, daß die theoretisch fundierte Grundlage des Buddhismus, der
stärker auf „Liebe, Ehrfurcht und Gewaltlosigkeit“ setzt, von entscheidender
Bedeutung für die Suche nach einer umweltorientierten Form gesellschaftlicher
Entwicklung ist. Insbesondere hat Meyer-Abich „keine Gewalt gegenüber der
natürlichen Mitwelt“ als „Frieden mit der Natur“ zum Ausdruck gebracht (Meyer-
Abich 1986: 156). Die vielfältigen symbolischen Aspekte der Formel für
buddhistische Immanenz weisen seltsamerweise eine sehr viel aufgeklärtere und
universellere Logik in einem weniger überholten Ton zu konkreten
Handlungspositionen und Handlungsaufforderungen, die immer
Verantwortungsbewußtsein voraussetzen, auf als die anderen orientalischen
Religionen, was man wiederum über die wirklichen Verhältnisse in der Natur
herausgefunden hat.
Inwieweit der Buddhismus umweltfreundliche Ansatzpunkte mit sich bringen wird,
ist unmittelbar nicht zu beantworten: „Dennoch scheint es die Hoffnung auf die
Lösung der Umweltprobleme durch eine kollektive handlungsorientierte Praxis
gemäß buddhistischer Lehre zu geben, die offensichtlich im Mittelpunkt der
Barmherzigkeit und des Interesses an der Befreiung vom Egoismus steht“ (Shim,
J.-R. 1990: 62). Immerhin scheint andeutungsweise sein unanfechtbares Gesetz
„Yeongi-Theorie“ und „die vier edlen Wahrheiten“ als Orientierung, die bestimmten
Handlungsregeln und das kritische Motiv der Hinwendung zur moralisch
130
geprägten Anschaulichkeit in einem sehr umfassenden Sinne konzentrierten
Umweltschutzes auf eine tragfähige Grundlage zu stellen (Park, S.-Y. 1983; 119).
Es kann also sehr wohl sein, daß man sich vor allem hier den Theorieansatz des
Buddhismus in seiner Gesamtheit für unterschiedliche Anwendung in der
ökologischen Frage zu Nutze machen dürfte. Die Art und Weise der Einführung
von buddhistischen Theorieansätzen in die Umweltproblematik scheinen
insbesondere eine konkrete Pflicht des Mensch-Natur-Verhältnisses zu
berücksichtigen. Der Buddhismus beinhaltet daher einen besonderen Ansatzpunkt
in Richtung auf umweltbezogene Einstellungen und Wertvorstellungen, um
umweltgerechteres Verhalten und verstärktes gesellschaftliches Engagement zu
bewegen.
Es gibt keine universalen Antworten in unserer Umweltgefährdung. Trotzdem
kann der Buddhismus wahrscheinlich versuchen, eine vertretbare und mit
wichtigen Argumenten folgerichtig begründete Antwort auf ein ökologisches
Gefüge zu integrieren, das letztlich dem Mitgefühl und der Liebe sowie dem
Respekt vor den natürlichen Lebewesen verpflichtet ist. Es läßt sich darüber
hinaus eine argumentative Grundlinie feststellen, daß sich die anschaulichen
Formeln des Buddhismus bei heiklen Themen der ökologischen Krise sehr wohl
auf eine viel substantiellere Lösung einer konkret beobachtbaren Realität meist
durch Vervielfältigung des Gedankenimpulses des Menschen verständigen und
ökologische Basisbelange ausfindig machen können.
Konfuzianismus
Als andere philosophische oder religiöse Weltanschauung neben z.B.
Buddhismus, Taoismus und Pungsoo sowie Schamanismus ist der
Konfuzianismus seit Jahrtausenden in erster Linie nicht nur bei der
Aufrechterhaltung der grundlegenden Normen und der Moral als fixierte Form der
gesellschaftspolitischen Ordnungssysteme, sondern auch bei der Wirksamkeit für
die inhärenten Menschengedanken in bezug auf den Maßstab für alle
wesentlichen Entscheidungen in der rationalen Lebensführung von
ausschlaggebender Bedeutung (Yi, D.-J. 1991; Kim, D.-H. 1994; Lee, J.-M. 1995).
131
Der gerechte und harmonische soziale Beziehungen entwickelnde
Konfuzianismus ist immerhin die Wiege der orientalischen Gedankenwelt und
vermittelt ein eigentümliches Theorienmodell an Grundfragen des Mensch-Natur-
Verhältnisses und dessen Beantwortung (Needham 1986; Park, H.-S. 1997). Im
allgemeinen wird der Konfuzianismus als „umfassender moralisch-ethischer
Wertmaßstab in der Gesellschaft“ verstanden. Er liefert die Belange der
Lebenspraxis und das richtige Studium der Menschheit (Yi, D.-J. 1991; Kim, D.-H.
1994; Choi, Y.-J. 1996; vgl. Weber 1988: 330).
Der höchste Wert „Menschlichkeit“ ist in der Philosophie von Konfutse insofern
von besonderer Bedeutung, als dessen spirituelle Reichtümer eine Formulierung
der fundamentalen ethischen Vorstellungen aufweist (Kim, D.-H. 1994). Ein
angestrebtes Ziel der „Menschlichkeit“ ist es, Loyalität gegenüber dem Staat und
Pietät gegenüber der Familie, Stabilisierung der Gruppe und Frieden und Achtung
vor dem Individuum zu etablieren sowie der Bildung ein zunehmendes Gewicht zu
verschaffen (Yi, D.-J. 1991: 877; Lee, J.-M. 1995: 258). Dies hat offenbar
wesentlich mit einer bestimmten Rolle der langfristigen Sicherung der Solidarität
und Integration von Gruppen zu tun und charakterisiert gleichzeitig einen
zentralen Ausdruck der Suche nach einer verbindlichen Verpflichtung und nach
allgemeingültigen Werten.
„Die Menschlichkeit etwa wird aus einer als nobel oder männlich zu
übersetzenden, ästhetisch-charakterlichen Haltung des Adligen zu einem
generellen Prinzip der Achtung des anderen als ein Wesen wie ich selbst“ (Roetz
1995: 55). Die Menschlichkeit ist eine bestimmte Art von Verhalten und Haltung
des Menschen. An dieser Stelle ist jedoch zumeist anzumerken, daß in mancher
Hinsicht der Mensch einen eindeutig bestimmten Rang in einem
Wechselverhältnis und in reziproken Verpflichtungen zu anderen Spezies besitzt.
So hat der Konfuzianismus mehr als andere Religionen „seine eigentümlich
theoretische Funktion der Verhältnisse zwischen Mensch und Natur“ (Park, H.-S.
1997: 431).
Die Frage, wie der Konfuzianismus mit einer wissenschaftlichen Analyse der Natur
in Einklang gebracht werden kann, ist zunächst im gemeinsamen Wohlergehen
und Gedeihen des Menschen und der konstituierenden Gesellschaft zu sehen und
findet sich vornehmlich unter besonderer moralischer Berücksichtigung der
132
politischen Systeme mit eingebettet. Dem Konfuzianismus geht es um einen
koordinierten Einfluß nicht um eine Zersplitterung, sondern im wesentlichen um
ein stark ausgeprägtes Gefühl der Zusammengehörigkeit innerhalb der
gesellschaftlichen Gruppen durch moralisch-ethische Regulative. Es handelt sich
hierbei um den kulturspezifischen Hintergrund von Naturanschauungen, deren
Formulierung von anderen Religionen und Wissenschaften weit entfernt sind.
Die Naturanschauung im Kofuzianismus wurde hauptsächlich vom Taoismus und
Buddhismus beeinflußt bzw. zusammengefügt und unterscheidet sich ohne
weiteres kaum von gesellschaftlichen Ordnungen, die auf dem Primat universeller
Harmonisierung gründen (Lee, J.-M. 1995: 253; Park, H.-S. 1997). Es wird danach
getrachtet, eine untrennbare Beziehung zwischen der Gesellschaftsordnung und
der Naturanschauung aufrechtzuerhalten, da die Natur als ein Bestandteil des
sozialen Systems funktionsfähig bleibt. Die Natur muß infolgedessen mit dem
menschlichen Wohlergehen in Einklang gebracht werden, welches wiederum von
der zielgerichteten politischen Tätigkeit des Herrschers oder von der Regierung
unmittelbar abhängig ist.
Es muß dabei von zwei politischen Theorien, „der Himmel-Mandat-Theorie“
einerseits und der „Katastrophen-Theorie“ die auf der Beobachtung von
meteorologischen Erscheinungen beruht, ausgegangen werden. Die beiden
Theorien liefern gleichsam einen Schlüssel für die Erklärung verschiedener
Merkwürdigkeiten des Guten und Bösen und sind im Sinne einer Analogie
zwischen Mensch und Natur verständlich, genauer gesagt, Kosmologie und die
Rolle des Herrschers (Rhee, K.-Y. 1997). „In dieser Hinsicht ist es vorausgesetzt,
daß der Himmel hauptsächlich mit Menschen eine sehr enge Verbindung hat“
(Rhee, K.-Y. 1997: 144f.). Der zentrale Begriff „Himmel“ wird vielfältig verwendet
und kennzeichnet sowohl eine allgemeine Bedeutung als auch die mit den
Menschen verbundenen Frage nach zwangsläufigen Schicksalen, Prinzipien und
der Vorhersehung.
„Über Eingriffe in die Politik, das persönliche Schicksal und in die Natur verfolgt
der Himmel ein einziges Ziel: die Guten zu belohnen und die Schlechten zu
bestrafen, und zwar nicht in einem Jenseits, sondern in der hier und jetzt
erfahrbaren Welt. In allen Erscheinungen waltet sein göttliches Telos“ (Roetz
1995: 34). Dies kann als „das Herzen des Volkes ist der Wille des Himmels“ zum
133
Ausdruck gebracht und auch als „Himmel-Mandat-Theorie“ bezeichnet werden,
die auf den ethischen Anschauungen und dem historischen Bewußtsein des
Menschen basiert (Choi, Y.-J. 1996: 203).
Für das Konzept der „Katastrophen-Theorien“ stellt sich die Kontrolle in erster
Linie als Mißbrauch der Macht und Vernachlässigung von Landwirtschaft,
Vorsorge für das Volk in symbolischen Bedeutungen dar, die vor allem durch
bestimmte kulturelle Konzepte vermittelt werden. „Die Stabilität des Staates zu
gewährleisten hängt entscheidend von der tugendhaften und vorbildhaften
Eigenschaft des Herrschers unmittelbar ab“ (Shin, K.-T. 1997: 119; vgl. Weber
1988: 515). Aus ihrer wesentlich kritischeren Sicht führen politisches
Fehlverhalten und Mißregierung des Herrschers letztlich sogar zur dynamischen
Ursache der merkwürdigen natürlichen Strömungen (z.B. Überschwemmung,
Erdbeben, Sonnenfinsternis, Insektenschäden etc.), die letztlich unberechenbar
sind und die Landwirtschaft wesentlich beeinflussen (Kim, M.-J. 1991: 123; Choi,
Y.-J. 1996: 206). Die verbindliche Aussage über die natürliche Bedeutung
impliziert allerdings die Annahme, daß die Landwirtschaft ausschließlich als ein
Teil einer höchsten zielgerichteten Politik aufrechterhalten bleibt (Lee, J.-M. 1995).
Es ist doch zu beachten, daß „der Mensch im Konfuzianismus in enger
Verbindung mit der Natur und der Gesellschaft interpretiert wird“ (Park, H.-S.
1997: 439). Obwohl das menschliche Individuum den Pflanzen und Tieren
überlegen ist, sind alle Lebewesen aus dem Willen des Himmels entstanden.
Obwohl er über Tiere und Pflanzen oder Schöpfungen herrscht, muß er zuerst
dem Willen des Himmels folgen, dann kann er sich von Gut und Böse im Handeln
durch die Selbstbetrachtung unterscheiden. Falls der Mensch dem Willen des
Himmels nicht folgt, dann warnt der Himmel den Menschen durch eine natürliche
Katastrophe. Bei dem Willen des Himmels und natürlicher Nutzung durch die
Menschen spielt Verehrung durchaus eine geradezu zentrale Rolle (Oh, S.-
B./Ahn, T.-M. 1995: 51). Die Natur wird sowohl als materieller Gegenstand
angesehen als auch als ein symbolisches Dasein mit ihrem eigenen
Gestaltungswillen. Anders ausgedrückt: Die auftauchenden Probleme sind
weitgehend in den unwillkürlichen Funktionsabläufen der äußeren
Naturbedingungen eingebettet.
134
Die Achse beruht im wesentlichen auf der Nutzbarkeit der Natur einerseits und
dem Schutz vor natürlichem Unglück durch Assimilierung der Willensentscheidung
des Himmels andererseits (Oh, S.-B./Ahn, T.-M. 1995: 59). Aus diesen
theoretischen Diskussionen werden zwei fundamentale höchste
Glaubensansätze, „Vereinheitlichung von Himmel und Menschen“ und „Integration
von Subjekt und Objekt“ mit Nachdruck akzentuiert (Choi, Y.-J. 1996: 207). Beides
deutet darauf hin, daß die zentrale Wichtigkeit der universalistischen Prinzipien
nicht nur von den relativ komplizierten Wertschätzungen der unabdingbaren
Richtlinie von menschlichen Verhaltensweisen schlechthin abhängig ist, sondern
auch von der untrennbaren Beziehung zwischen Politik und Naturphänomen.
Aus konfuzianistischer Sicht gilt offensichtlich der Naturverlauf nicht als
existentieller Aspekt oder als etwas Statisches, sondern als der fortwährende,
niemals endende Werden-Veränderungs-Prozeß, in dem ein untrennbarer Nexus
zwischen Himmel und Erde sowie Mensch miteinander in holistischer Hinsicht14
besteht (Park, E.-M. 1994: 54). Die Veränderung der Natur bedeutet demnach
kein ursprünglich geltendes statisch-mechanisches Ordnungsprinzip der Welt,
sondern bedarf bestimmter Ziele und Tragweiten des Lebens oder einer
dynamischen Sichtweise (Choi, Y.-J. 1996: 213). Des weiteren ist die Natur auch
durch eine dynamische Verbindung mit der auf Qi15 basierenden Organismen
gekennzeichnet, die sich durch einen sich stetig wiederholenden natürlichen
Kreislauf von Wechselbeziehungen und existentiellen Abhängigkeiten
aufrechterhalten. „Es ist jedoch bemerkenswert, daß die Natur als Ganzes
beileibe nicht als Konglomerat mechanistischer Bestandteile angesehen wird,
14 Ein holistischer Ansatz geht davon aus, daß „mit wachsender Komplexität vernetzter Gefüge im
Vergleich zu deren Untereinheiten zusätzliche Eigenschaften auftreten, die aus jenen nicht ableitbar
sind, deren Verständnis vielmehr zunächst der ganzheitlichen Erfassung ihres spezifischen
Integrationsniveaus bedarf“ (Mertens 1989: 31).
15 Der umfassende Begriff „Qi“ stellt eine Quelle des Werdens aller Dinge im Universum (z.B. die
Energie der Atmosphäre der Erde des Menschen etc.) dar und „entsteht aus alltäglicher Erfahrung
und praktischen Gedanken mehr als besondere wissenschaftliche Spezialisierung“ (Kim, M.-J.
1991: 125f.).
135
sondern darüber hinaus auch ihre Wirkung auf Seele und Leben auch anerkannt
werden“ (Choi, Y.-J. 1996: 215).
Die Naturanschauung im Konfuzianismus besteht nicht zuletzt darin, daß
„Menschlichkeit“ durch sittliche Gesinnungen von der Natur selbst gebildet werden
soll. „Er verwirft den im Mittelpunkt stehenden Kernbegriff „wu wei“ des Taoismus,
der die Kultivierung der Menschlichkeit nicht allzu oft in Betracht zieht“ (Choi, J.-
W. 1991: 908). „Die Natur wird selbstverständlich nicht durchaus als romantischer,
mystischer und nihilistischer Gegenstand betrachtet, sondern allenfalls die
Menschen verfolgen Harmonie durch Prozesse der elementaren Erfahrung und
Beobachtung von den verschiedenartigsten Gegenständen in konkreten und
entscheidenden Situationen“ (Choi, J.-W. 1991: 908). Nicht minder wichtig ist, daß
Menschen gegenüber der Natur den Weg zur richtigen Versöhnung, d.h. zur
unzerstörbaren Harmonie und zum Einklang in verbreiteter Form ihres
moralischen Gefühls und zur Einheit von Natur und Menschen bahnen (Kwak, S.-
H. 1996: 254).
Grundsätzlich ist das Leben selbst von der Natur entscheidend geprägt, die auch
die Schöpfung der Welt bedeutet. Die wesentliche Funktion von Himmel und Erde
ist Schöpfung. Um dieses Ziel zu erreichen, muß die Assoziation von Erde (Yin)
und Himmel (Yang)16 unablässig aufgenommen werden, die in ständiger
Wechselwirkung dynamisch miteinander stehen. Aus der Interaktion dieser
unverstellbar starken Antriebskräfte wird das Prinzip des unausweichlichen
Schicksals aller Menschen als die Entstehung und der dauernde Wandel aus
konkreten Dingen und Ereignissen plausibel erklärt (Kim, M.-J. 1991: 120). Durch
16 Yin bedeutet passive, weibliche und dunkle Kräfte einerseits, Yang meint aktive, männliche und
helle Kräfte andererseits. Die Yin-Yang-Theorie entwickelt sich nicht nur bei Beobachtungen,
sondern auch bei Klassifizierung der fundamentalen Eigenschaften von Gegenständen. Es kann
insbesondere zwischen Klassifizierung vom dynamischen Yang- und statischen Yin-Blickwinkel
unterschieden werden (Oh, H.-S. 1992: 58). Die Yin-Yang-Theorie zeigt keine grundlegenden
Substanzen, aus denen das Universum besteht. Es geht vielmehr um die reizende Eigenschaft der
Natur und die naturgemäße Ordnung, wobei sich beide Faktoren aus einer Vielzahl von
Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zusammensetzen.
136
eine gemeinsame Orientierung an einem dynamisch-stabilen Gleichgewicht unter
den ursprünglich polaren, komplementären, aber auch antagonistischen Kräften
von Yin und Yang im kosmischen Dualismus beschreiben allen gesellschaftlichen
Geschehens wird ein fundamentaler Entwicklungszyklus des kausal geregelten
Universums verliehen, in dem die Suche nach einem umfassenden Weg zur
Harmonie bzw. zu einem dynamischen Gleichgewicht der Natur verfolgt werden
kann (Oh, H.-S. 1992: 60). So kann das den ganzen Kosmos durchwaltende
natürliche Phänomen aus den wechselseitig aufeinander bezogenen Kräften Yin
und Yang immerhin als „organische Verbindung des Lebens“ bezeichnet werden
(Choi, Y.-J. 1996: 210). Die kosmischen Vorgänge, die ewigen Gesetzen
gehorchen, werden in dieser Perspektive zum unmittelbaren Leitbild und sind
sowohl zugleich Spiegel der Natur, als auch Abbild menschlichen Lebens selbst.
Entscheidend aber ist, daß sich der Konfuzianismus aufgrund des pragmatischen
Handelns mehr als andere religiöse Anschauungen in besonderem Maße am
konkreten menschlichen Leben orientiert, um sich allmählich beim Einzelnen
durch Selbstkultivierung zur sich „herausbildenden Persönlichkeit und Moral zu
entwickeln“ (Cho, J.-S. 1978: 76). Die Moral wird vor vornherein als „die Entfaltung
der geltenden Ordnung und einleitenden Kräfte“ bezeichnet, die den Motor der
gesellschaftlichen Erneuerungen in Gang setzt. (Kwak, S.-H. 1996: 241). Es darf
aber in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, daß es auf scheinbar
paradoxe Art eine heute noch im Gang befindliche aggressive Ausbeutung der
natürlichen Ressourcen und die äußerst bedrückende Realität ökologischer
Mißwirtschaft gibt.
Hier läßt sich erklären, aus welchen Gründen die ökologische Krise in Korea
immer tiefer geraten ist, obwohl das eindimensionale Verhältnis von „Himmel-
Erde-Mensch“ in einer ganz besonders enge Verbindung mit ethischen
Grundlagen im Mittelpunkt steht. Es ist deshalb angemessen, die Frage zu stellen,
ob der Konfuzianismus in unserer unmittelbaren Lebensführung tatsächlich einen
Hinweis auf eine ökologisch orientierte Richtung gibt oder nicht.
In erster Linie ist der Mensch in der Lage, die Natur und deren Schutz zu
kontrollieren (Lew, S.-K. 1996: 33). An dieser Stelle wird festgestellt, daß der
Konfuzianismus unmittelbar auf den Humanismus und Anthropozentrismus
verweist, der die Bewahrung der unverzichtbaren Grundlagen der menschlichen
137
Existenz für die Menschen in ihrer individuellen Tätigkeit unentwegt im Blick hat
und daher das Privileg des Menschen, seine Eigendynamik und die
Selbständigkeit der menschlichen Vernunft offenbar in den Vordergrund stellt
(Park, E.-M. 1994). Damit aber wirken unerbittlich Formalismen und die
scheinbare Vorstellung harmonischer Ganzheitlichkeit der Natur als negative
Folgen bei den Lösungsmöglichkeiten für ökologische Probleme mit.
Möglicherweise führt das Unterbewußtsein über die Instrumentalisierung oder
eine bestimmte Zweckorientierung gegenüber der Natur, die also als „zu nutzende
Ressource zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse“ gilt, in hohem Maße zur
womöglich steigenden Umweltbelastung (Roetz 1995: 65). Die bisher überlieferten
konservativen Anschauungen ergeben sich zwangsläufig aus dem gewichtigsten
Hindernis zur Verminderung der ökologischen Krise in der interessierten
Öffentlichkeit. Denn sie müssen immerhin die traditionellen Werten
aufrechterhalten und eine Art Erfüllung ursprünglichen Gedankenguts verheißen.
Auch ökologische Problemlösungen können sich mit überholten Bestimmungen
und ideologisch fixierten Systemen im praktizierten Umweltschutz oder
Umweltbewußtsein mehr oder weniger messen, wie sie sich an der Zukunft
orientieren müssen.
Es läßt sich scheinbar behaupten, daß der Konfuzianismus zum großen Teil einen
negativen Aspekt der konfligierenden und einfallsreichen Nutzung und des
Schutzes der Natur darstellt. Der Grund dafür ist, daß nicht nur das Fehlen einer
schlüssigen Strategie für die sorgfältige Bewahrung der Natur, sondern auch eine
flexible Anpassungsfähigkeit unter den gegebenen Naturbedingungen im
Konfuzianismus mehr als in anderen Religionen unverkennbar deutlich zutage
treten. Dies mag eine Ursache für das institutionelle Hindernis sein, das der
Förderung des Umweltbewußtseins und dem ökologischen Wandel
entgegensteht.
Mengtse, der einer der bedeutenden Konfuzianer war, repräsentierte
beispielsweise authentisch das realitätsprägende Interesse unter den gegebenen
ökonomischen Bedingungen durch geistige Einflüsse.
„If the farmer`s seasons are not interfered with, there will be more grain in the land
than can be consumed. If closemeshed nets are not allowed in the pools and
138
lakes, there will be more fish and turtles than are required for food. If the axe is
brought to the forest only at the proper time, the supply of timber will exceed the
demand. The people, having more grain and fish than they can eat, and more
timber than they can use, will be able to live their lives and bury their dead without
undue worry and vexation. To ensure this for his people is the first duty of a king
(Mencius 1.3).
Mengtse liefert hierbei eine präzise und bis heute aktuelle Analyse, die den Kern
des gesellschaftlichen Problems wie z.B. der übermäßige Verbrauch von
natürlichen Ressourcen und die damit einhergehenden Umweltzerstörungen
beschreibt. Besonders anschaulich ist dabei die oben zitierte Passage, die im
wesentlichen die wichtige Idee eines verträglichen und nachhaltigen Wachstums
durch eine mannigfaltige Verwendung der Natur oder ökonomisch motivierte
Nützlichkeitsgesichtspunkte beinhalten, wobei „in der Tat der oben zitierte Inhalt
auf die Politik in Korea maßgeblich Einfluß hatte“ (Choi, K.-D. 1996: 261). Die
zitierte Passage dient hierzu meist von vornherein einem durchsichtigen rationalen
Zweck nämlich „die moralische Aufrichtung ausschließlich im Sinne eines
pragmatisierten Humanismus“ durch universalistische Ordnung und eigenes
Gesetz auf besondere Weise zu verstärken (Park, H.-S. 1997: 443).
Sie paßt deshalb nicht zu den unvorhergesehenen ökologischen Ereignissen und
deren verheerende Folgen, weil über zunehmend politische Einflüsse hinaus die
gelegentlich so anstrengende moralisch-ethische Überstrapazierung indessen
mehr oder weniger mit einem prinzipiellen Charakterzug des praktizierten
Zwangssystems in der Gesellschaft einhergehen (Yi, D.-J. 1991; Kim, D.-H. 1994).
Darin bringt Mengtse einen emphatischen Kern seiner konservativen Philosophie
mit dem Rigorismus des Moralischen als irreversible Einsicht zum Ausdruck. Dies
ist daher gewiß in mancher Hinsicht für die Ökologie auf reflektierte Weise nicht
mehr zeitgemäß, und die praktischen Neuerungen bleiben im weiteren Sinne im
Konfuzianismus ambivalent, weil die entlegensten Hinweise auf eine realistische
Herangehensweise an ökologische Themen und Inhalte kaum aufgenommen
werden.
Es geht Mengtse darum, vor allem den tragenden Begriff „angepaßter
Technozentrismus“ hervorzuheben. Er repräsentiert „eine konservative Position,
die das Axiom unbegrenzter Ersetzbarkeit (von Naturkapital) ablehnt und statt
139
dessen eine Politik des dauerhaften Wachstums befürwortet, die sich auf ein
geregeltes Ressourcen-Management stützt“ (Harborth 1993: 83). Aus
konfuzianistischer Sicht von Naturwissenschaft und Technologie ist die Position
ironischerweise kritisch, denn ihr tradiertes Bedeutungsfeld bleibt bei eingehender
Betrachtung ausschließlich im Rahmen der herrschenden ideologisch-politischen
Vorstellungen. Seine weltanschauliche Richtung scheint unaufhaltsam mit einer
hierarchische Konzeption verknüpft zu sein.
Irreführend ist der mehr oder weniger deutliche Ausdruck von „umweltbewußt
orientierten Modellvorstellungen und ökologischen Modernisierungen im
Konfuzianismus“, weil in der Tat von Konfuzianern beschriebene nachhaltige
gesellschaftliche Prozesse und die effektive Anwendung der natürlichen
Ressourcen doch wohl eher ein Phänomen des technischen und ökonomisch
geprägten Zivilisationssystems und der Bewirtschaftung polymorph darstellen
(Lew, S.-K. 1996). Diese wichtigsten Bezugspunkte für die These vom Primat der
individuellen Interessen vor der allgemeinen Gesetzmäßigkeit des „Natürlichen“
sind es also, die mehr oder weniger nicht von unvorhergesehenen und
unbeabsichtigten ökologischen Schäden befreien.
Vielmehr werden ausdrücklich die Zwecke der handlungsleitenden
Bedürfnisorientierung so fixiert, daß nicht nur gesellschaftliche Ansprüche,
sondern auch menschliche Interessen in plausibler Weise vornehmlich durch
flexible Wandlungen und aktiv verankerte Anpassung an Lebensbedingungen
erfüllt werden können. Der Konfuzianismus interessiert sich für den spezifischen
Charakter der Anpassungsfähigkeit der menschlichen Gesellschaft gegenüber
ihrer Umwelt und erschließt dadurch eine grundlegende Überlegenheit gegenüber
anderen Spezies. Der unmittelbar lebensnotwendige Anpassungszwang17 und die
17 Weber zufolge ist die Aufgabe des Konfuzianismus „die rationale Anpassung an die Welt“ (Weber
1988: 527). Der Konfuzianismus erfordert daher „wache Selbstbeherrschung im Interesse der
Erhaltung der Würde und des allseitig vervollkommeten perfekten Weltmannes“ (Weber 1988:
527). Anpassungsfähigkeit, die im weiteren Sinne eng mit dem Begriff der Rationalisierung von
Weber verknüpft ist, wird von Menschen im Hinblick auf ihre künftige Lebenserhaltung gefordert.
„Rationalisierung kommt in der Technologie und in Gestalt der Bürokratie in der Organisation
menschlicher Tätigkeit zum Ausdruck“ (Giddens 1995: 22).
140
Plausibilität im Gesellschaftssystem im Konfuzianismus sind inzwischen „ein
allgemeingültiges Maß an feststellbaren gesellschaftlichen Orientierungsfaktor“
(Kim, D.-H. 1994).
Zwar kann die Bedürfnisbefriedigung durch die sorgfältige Herstellung einer
ganzen Reihe von Produkten anhand des Rhythmus der Natur und der Maßregel
der universalistischen Werte erfolgen. Aber Harmonisierung und Nutzbarkeit im
pragmatischen Sinne durch eine anthropologisch gewendete Konzeption sollen für
Konfuzianer immer tunlichst getrennt behandelt werden, weil sie unablässig
versucht haben, Natur für eigene Zwecke oder den maßgeblichen
Produktionsfaktor mit von Menschen erfundenen Werkzeugen zu bearbeiten.
Dabei wird vorausgesetzt, daß von einem sowohl konventionell-moralischen als
auch aufklärerisch-rationalen Standpunkt aus den Menschen ein verantwortlicher
Umgang mit der ihnen anvertrauten Natur und deren Ressourcen sowie die
entsprechenden Handlungsschritte in der Gesellschaft bewußt zu machen sind.
Der Konfuzianismus begründet also durchweg ein von anthropozentrischem
Regelwerk dominiertes Unterfangen, das als „eine Praxis des durchaus
selbstaufgeklärten Interessenausgleichs verstanden wird und immer dem
höherrangigen Recht auf eine individuelle und freie Willensentscheidung“
unterliegt (Park, E.-M. 1994: 54).
Anthropozentrische Werte bedeuten, daß „der Mensch nicht in einen Gegensatz
zur übrigen Natur gestellt wird, sondern ihm mit seiner Sonderstellung in der
Naturgeschichte das Recht und die Pflicht gegeben wird, Natur unter der
Bedingung zu verändern, zu entwickeln und zu gestalten, daß er sich hierbei
immer seines eigenen Naturwesens bewußt bleibt“ (Immler 1990: 33). Dieses
anthropozentrische Interesse wird vom Konfuzianismus als bestimmendes
Handlungsmotiv des Menschen gegenüber der Natur bezeichnet. Verbeek hat
deutlich gemacht, daß bei anthropozentrischem Weltbild „die gesamte Natur
ausschließlich dem Wohl und Wehe des Menschen zu dienen habe, was uns
diese Umweltprobleme beschert“ (Verbeek 1994: 9).
Es geht offenbar Konfuzianern darum, die eigene moralisch-ethische Souveränität
gegenüber der anderen Sphäre der Politik und der Moral oder der Theorie zu
verteidigen. Konfuzianer zweifeln nicht ernsthaft daran, daß die Menschen
ohnehin unter Berücksichtigung der Belange der natürlichen Systeme und des
141
damit verbundenen produzierenden Gemeinwesens gewissermaßen benutzt
werden können. Sie haben sich durch ihre oberflächliche Interpretation von
technischen Fortschritten weit von den tiefen ökologischen Bewußtseinsstrukturen
entfernt und betrachten die Natur nicht ökologisch-argumentativ, sondern mit Hilfe
des notwendig sittlichen Imperativs. Die Menschen sind aus dieser Sicht oft
gezwungen, durch harte Gemeinschaftsregeln mittels Verzicht und Opfer der
Bevölkerung bei einer skrupellosen Maximierung der natürlichen Ressourcen zu
überfordern. Diese Ansätze sind zu tristen Symbolen von hohen ökologischen
Defiziten verkommen. Es ist sozusagen die Abbildung eines Konfuzianismus, der
sich im wesentlichen mit einer wie auch immer auszuformenden Alternative zu
allen ökologischen Wirksamkeiten und Zweckmäßigkeiten beschäftigt hat.
Wenn wir genauer hinsehen, stellen wir allerdings fest, daß wichtige Einsichten
über die nachhaltige Nutzung als Beweis für das Bedürfnis der Menschen nach
einer umfassenden materiellen Absicherung und für einen verfestigten
Überlegenheitsanspruch gegenüber anderen Spezies in den Vordergrund rücken.
Die immer weiter fortschreitende Entwicklung der Individualität wird durch
bestimmte Aspekte, nicht zuletzt durch Erziehung, verändert. Innerhalb der
utilitaristischen und auch ökonomischen Kategorien wandelt sich die Natur zu
industriellen Produktionsfaktoren aktuelles Beispiel Massentierhaltung und die
damit verbundenen Gefahren und ist so die bedeutendste Lebensquelle für
Menschen.
Mit anderen Worten: Die Natur gilt nicht mehr als Wert an sich im praktischen
Leben, sondern ist als weiterentwickeltes „Mittel zum Selbstzweck besserer
Lebensqualität“ geworden (Rophol 1985: 43). Das der Bewahrung,
Harmonisierung und der romantisiernden Vergöttlichung der Natur
zugrundeliegende Prinzip wird im konfuzianistischen Sinne nicht nur als Ergebnis
der ökologischen Ansprüche gegen Übernutzung oder Ausbeutung verstanden,
sondern auch als Ergebnis einer humanverträglichen Bewirtschaftung der Natur,
die lediglich als ein nützlich erscheinendes Mittel für die breit angelegte
Selbstkultivierung der individuellen Freiheit betrachtet. Solche Darstellungen
werden im Konfuzianismus nicht wirklich ernst genommen, weil sie dazu neigen,
auf die Frage nach den Bedingungen des Harmonisierungsverhältnisses reduziert
zu werden.
142
All dies scheint weit entfernt von den bedrückenden Umweltproblemen, die die
Menschen unmittelbar betreffen. In einem radikalen Sinne könnte man sagen, daß
der Konfuzianismus die umfassende Bedeutung des ökologischen Kontextes
jedoch weitgehend unbeachtet läßt und nicht per se von positiver Wirkung für die
ökologische Realität einer Gesellschaft ist. Konfuzianer haben ausschließlich ihre
natürliche, notwendig gebotene Willensbildung zur Richtschnur für vernünftiges
politisches Handeln gegenüber den gesellschaftlichen Erscheinungsformen
erklärt.
Es wäre daher gewiß ein folgenschwerer Irrtum zu glauben, daß man durch die
konfuzianistische Verbundenheit bedeutsame Mitwirkungsmöglichkeiten an einer
dauerhaften umweltbewußten Haltung geschaffen hätte. In Korea kommt stets
auch der Umweltpolitik der Staaten eine ganz erhebliche Bedeutung aus politisch
und wirtschaftlich motivierter Selektivität zu (Choi, K.-D. 1996: 261). Deshalb gilt
es abzuwägen, ob die konfuzianistische Moralvorstellung durch individuelle
Vervollkommnung und einsichtige Prinzipien für die praktische Umsetzung von
umweltfreundlichen und naturverträglichen Handlungsweisen ausreichend
angemessen scheint, um ein Verhältnis des Vertrauens und der kosmischen
Beziehung zwischen Mensch und Natur zu rechtfertigen.
Es kann auf keinen Fall behauptet werden, daß mit traditionellen
konfuzianistischen Gedanken ein Beitrag zur erheblichen Verminderung der
vielschichtigen Umweltproblematik geleistet werden kann, da der Konfuzianismus
nur auf sehr bestimmte Situationen abzielt und etwa in bezug auf
Naturschutzanliegen als überholt anzusehen ist, um einen im allgemein
umweltorientierten Modell zu einem legitimierbaren Geltungsanspruch zu
verschaffen. Man mag darin einen immanenten Schwachpunkt von
konfuzianistischer Konzeption sehen. Weiterhin könnte durch einen unmittelbaren
Einfluß des Konfuzianismus innerhalb der Gesellschaft die ökologische Krise und
der daraus resultierende Pessimismus gegenüber der Zukunft besonders stark
geprägt werden. In diesem Sinne scheint der elementarste Maßstab des
Konfuzianismus in bezug auf den Lösungsansatz bei ökologischen Fragen mehr
oder minder abhanden gekommen zu sein. Außerdem erscheint der
Konfuzianismus mit seiner stärkeren Betonung auf die Überlegenheit der
143
Menschheit gegenüber anderen Spezies für eine systematische
Auseinandersetzung mit ökologischen Aufgaben ungeeignet.
Nicht zuletzt kann gesagt werden, daß der Konfuzianismus seine ökologischen
Antworten lediglich innerhalb eines begrenzten Rahmens schöpfen kann. Ob er
umweltfreundliche Tendenzen zutage fördern kann, wird nicht entlang der
anthropologischen Vorstellungen entschieden. Es hängt wesentlich davon ab, ob
die Chancen der ökologischen Modernisierung von der Gesellschaft angenommen
und zur Entwicklung einer umweltfreundlichen Kultur genutzt werden. Es ist daher
überaus schwierig, aber dennoch wichtig, den tatsächlichen objektiven Tatbestand
innerhalb der ökologischen Krise Koreas von der vorherrschenden moralischen
Autorität zu befreien.
Taoismus
Während der Konfuzianismus in gesamtgesellschaftlichen Bereichen eine
bedeutende Rolle spielt, scheint hingegen der Taoismus in Korea von
untergeordneter Relevanz zu sein (Lee, N.-Y. 1986). In der Bevölkerung äußert er
sich lediglich als „Zeichen eines praktischen Zauberspruchs zur Beschwörung des
Geistes und im Hinblick auf die mystischen Ursprünge als ein magisches Element“
(An, K.-S. 1994; Choi, K.-D. 1996). Die leitenden Grundsätze des Taoismus
stellen als „Grundlage der Agrargesellschaft die tief verwurzelten Einsichten dar,
welche durch die Natur geprägten unmittelbaren Erfahrungen und die bukolischen
Lebensformen“ widerspiegeln (Lee, N.-Y. 1986: 47). Vor allem aber verfolgt der
Taoismus das äußere Ideal der Natur und deren allumfassende Harmonie über
die irdischen Verhältnisse und bildet die Theorie des Yin-Yang-Dualismus, wobei
dieser ganz offensichtlich den Konfuzianismus beeinflußt hat (Kim, D.-H. 1994:
195).
Einige allgemeine, aber wichtige Einstellungen des Taoismus im Vergleich zum
Konfuzianismus sollen kurz angesprochen werden, um wesentliche Aspekte
aufzuzeigen. Gesellschaftspolitisch vertraten der Konfuzianismus und der
Taoismus in früherer Zeit sehr konträre Positionen. Die Differenzen zwischen
Konfuzianismus und Taoismus lassen sich in folgenden Punkten
zusammenfassen. Zunächst unterscheiden sich im wesentlichen der mystische
Ansatz im Taoismus und der moralisch-ethische im Konfuzianismus radikal
144
voneinander. Bei einem vorwiegenden Interesse an Politik mußten die
Konfuzianer dazu kommen, sich eingehend mit den Fragen zu Bildung und zu
einem moralisch-ethischen Postulat für Gerechtigkeit und sozialen Eigenschaften
auseinanderzusetzen. Im Gegensatz dazu befaßt sich der Taoismus vor allem mit
vielfältigen Funktionsbereichen wie z.B. Literatur, Kunst und Medizin etc.
hinsichtlich der wachsenden Lebensbedürfnisse der Individuen (Lee, K.-S. 1996:
81).
Noch wichtiger ist, daß die Bildung als solche im Konfuzianismus als höchstes
Mittel gesellschaftlichen Ansehens betrachtet wird, aber auch Chancen zu
höchsten politischen Karrieren bietet. Habitualisierung von Wissen spielt beim
Konfuzianismus deshalb eine bedeutende Rolle. Im Gegensatz dazu wendet sich
der Taoismus vehement gegen die vom Konfuzianismus gepredigten Tugenden,
die immer auch auf „normativen Überlegungen und moralischen Entscheidungen“
basieren (Lee, N.-Y. 1986: 50; Nam, M.-S. 1970: 5). Für den Taoismus steht
anders als beim Konfuzianismus nicht die Rolle der Gesellschaft im Vordergrund.
Der Taoismus propagiert keine besondere Bedeutung spezifischerer oder
strengerer Werte und Normen für menschliche Handlungen und deren
Entscheidungsbasis.
Dementsprechend wird im Taoismus die Erziehung als grundsätzliche Einstellung
zu einem „Zurück zur Natur“ oder „Vorbild zur Natur“ angesehen. Erziehung hatte
für Lao-tse nichts mehr mit einer institutionalisierten Form und schon gar nichts
mit gesellschaftlich bedingten Privilegen in einer hierarchisch geprägten
Gesellschaft zu tun. Die Erziehung war für ihn vor allem eine Frage der
Ungetrübtheit und Ausgeglichenheit der Natur. Wahres Wissen ist für den
Taoismus nicht vom Menschen, sondern vor allem durch das Tao geschaffen.
Lao-tse wie Rousseau gingen davon aus, daß der Mensch von Natur aus gut sei.
Infolgedessen sind für sie künstliche Formen der Erziehung auszuschließen, die
allerdings durch die Natur oder in der Natur als höchstes Gut nicht in einer
expressivistisch-romantischen Deutung, sondern in einer schöpferischen
Einbildungskraft betrachtet wird.
Im folgenden sollen die Welt des Taoismus und sein Denksystem im Hintergrund
der fundierenden theoretischen Einsicht in die Vielschichtigkeit der auf Natur
bezogenen Lebensperspektiven zum Werk Lao-tse erläutert werden, in dem er die
145
Plausibilität von Sein und Werden in der Natur beschreibt. Der Taoismus ist in den
orientalischen Religionen und Wissenschaften explizit formuliert worden. „Die
Natur wird in umfassenderen Bereichen über ein sich abzeichnendes
Veränderungsphänomen und die unablässige Zirkulation“ hinaus gewissermaßen
als „ein Primat des Natürlichen“ betrachtet (Lee, N.-Y. 1986: 47).
Der Taoismus geht davon aus, daß sich nicht nur im Universum bei konstanten
zyklischen Veränderungen das Leben allmählich vermehrt, sondern daß es sich
auch unter Kontrolle immanenter Prinzipien zur natürlichen Tendenz entwickelt,
welches die kontemplative Betrachtung des Wirkens der Natur von vornherein
vermittelt, um Harmonie mit der Natur zu erreichen (Lee, N.-Y. 1986: 47). Für Lao-
tse läßt sich seine Passage über die Natur wie folgt am prägnantesten
beschreiben und wird gegenwärtig auch in der Debatte der Naturanschaungen
und bis heute weitergereichten Interpretationen in bezug auf die ökologische
Frage allenthalben parat gehalten:
„Man takes his law from the Earth;
The Earth takes its law from Heaven;
Heaven takes its law from Tao;
but the law of Tao is its own spontaneity“ (Lao-tse 25).
Dieser Satz ist durchaus bemerkenswert, wenn man in Erwägung zieht, daß
verschiedenartige natürliche Phänomene einschließlich des menschlichen
Verhaltens im Wesentlichen auf die Harmonisierung gerichtet sind. Ferner ist es
eine von der Natur bewußt vorgenommene Disposition des menschlichen
Verhaltens. Es finden sich auf die eine oder andere Weise immer diese Passagen
mit sinnlichem Gefühl. Augenscheinlich wird die letzte Zeile als Betonung des
anknüpfenden, verbindenden Elementes für eine unverfälschte Besonderheit der
Natur ausdrücklich hervorgehoben, wobei sich die Menschen von den
auftretenden gesellschaftlichen Bedürfnissen und Vorurteilen gemäß des
Naturgesetzes befreien sollen. „Denken, Reden und Handeln des Menschen aber
auch ein ausgeprägter Sinn und eine Selbständigkeit sind gemäß ewig
bestehendem Naturgesetz und naturgegebenem Fatum zu tradieren“ (Lee, K.-S.
1996: 82).
146
Es erweist sich als unumgänglich, zunächst auf allgemeiner Ebene ein
zutreffendes Verständnis und eine Wertschätzung des Taos zu erreichen und
konkrete Fragen erst darauf aufbauend zu erlangen. Doch gibt es beträchtliche
irreduzible Klüfte zwischen der schöpferischen Idee des Taos und dem, was sich
in der unmittelbaren Wirklichkeit unter seinem Namen und den damit
entsprechenden Bedeutungen darbietet. „Das Tao ist der Weg; nicht der Weg des
Lebens innerhalb der menschlichen Gesellschaft, aber der Weg, den das
Universum geht. Es ist die Ordnung der Natur“ (Needham 1988: 115).
In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, daß das Tao zweifelsfrei ein
tragendes Fundament für das Universum und ein allgemeinverbindliches Prinzip
der Schöpfung ist. „The Tao which can be expressed in words is not the eternal
Tao; the name which can be uttered is not its eternal name. Without a name, it is
the beginning of Heaven and Earth; with a name, it is the Mother of all things“
(Lao-tse: 1). Es ist unbeschreibbar und hat keine artikulierbaren Zwecke und
Absichten, so daß es für sich bleibt. „Denn Tao soll nicht aufgrund der Quelle des
Universums, sondern aufgrund in der Tat unabänderlicher Veränderungen
unbeschrieben bleiben“ (Song, H.-Y. 1996: 66).
Das entscheidende Charakteristikum der Natur im Taoismus ist die „Existenz der
Freiwilligkeit, zweckmäßigen Notwendigkeit und des Wesentlichen“, das
irgendwelche Begriffe erfaßt (Kim, M.-J. 1991: 108). Das Tao erklärt sich
einerseits durch Denken und andererseits durch Betrachtung als Gegenstand der
unbestechlichen Erkenntnisse durch Einsicht der sich verändernder
Naturphänomene. Das Tao läßt sich daher nicht mit anderen Worten beschreiben
oder ersetzen und ist selbst ein höchster Ausdruck des umfassenden Sinnes der
Natur (Lee, N.-Y. 1986: 48; Lee, K.-S. 1996: 85). In diesem Sinne wird der Natur
an sich unverkennbar eine besondere Bedeutung beigemessen. So ist das „Tao“
der Ausgangspunkt des grundlegenden Verständnisses in historischen, religiösen
und philosophischen Bereichen, welches man in den jeweiligen Schriften
herauslesen kann und bedeutet ein Ordnungsprinzip, in dem durch einen wie
auch immer dynamisierten schöpferischen Prozeß die Selbstzufriedenheit als ein
wesentliches Merkmal sowie als ein Weg zur Natur dargestellt wird (Lee, N.-Y.
1986: 47).
147
Das existenziell sich verwirklichende Sein und das Leben des Menschen
einschließlich dem Umlauf des Universums folgen ganz und gar dem Prinzip des
Taos, das „nicht durch Wissen, sondern durch Selbstkultivierung“ erreicht wird
(Song, H.-Y. 1996: 78). Die unmittelbare Wirkung des Tao berührt offensichtlich
viele Aspekte des alltäglichen Lebens und beeinflußt überdies den ganzheitlichen
und kohärenten Charakter der wechselseitigen Handlungsbeziehungen zwischen
dem Menschen und seiner materiellen Umwelt.
Das allgemeine Erscheinungsbild des Taos wird allein durch die Naturkräfte
geprägt, d.h. innerhalb seiner standhaft festgehaltenen Vorstellungen wird
offensichtlich das Natürliche vom Künstlichen getrennt. Es erlaubt uns im Prinzip,
in beiden Bereichen des bestehenden Naturzustandes sich entwickeln zu lassen.
Der unnatürliche Einfluß sollte kontrolliert und der natürliche Prozeß sollte
eingeführt werden. So findet sich immer wieder die Feststellung, daß das Tao eine
Aufklärung über Tatsachen, Dinge und Ideen der Natur zeigt, welche einen
Ursprung der natürlichen Ordnung erkennen lassen.
Durch die natürliche Ordnung wird die herrschende gesellschaftliche Ordnung
aufrechterhalten. „Die natürliche Ordnung ist (...) das Medium der Konstruktion
einer sozialen Ordnung“ (Eder 1988: 110). Also orientiert sich das Tao im
weitesten Sinne an der Mitwirkung eines konkreten Aufbaus menschlicher
Handlungsweisen, Ziele und Wünsche im alltäglichen Leben und leistet eine
Bestimmung des rational geprägten Willens zur kohärenten Wahrnehmung der
Welt durch die Natur und leistet ihren Gesetzen Vorschub. „Dies ist freilich ein
vielfältiger Prozeß, in dem sich die Menschen unmittelbar an einer unverblümt
ökonomischen Grundlage durch verbindliche Regelung und Rechtfertigung eines
durch und durch flexiblen Umgangs mit der Vielfalt der Natur orientieren“ (Kim, D.-
H. 1997: 31).
Also deutet es auf verschiedene Gestalten und Funktionen der natürlichen
Auslese hin und ist mit dem Begriff „Wahrheit“ gleichzusetzen. Als Beispiel dafür
wird angeführt, daß auch die herrschenden Meinungen, die richtig oder falsch sein
können, lediglich von Maßstäben beurteilt werden, die sich nach Lao-tses
Auffassung nur vom Tao leiten lassen können. Nach taoistischer Ansicht erwächst
das menschliche Unglück aus der zunehmenden Konfrontation des Menschen mit
148
der Natur und seiner Entfremdung von derselben, da die Menschen die
unnatürliche Welt der Kultur bilden und von ihr selbst bezaubert werden können.
Nicht als Prinzip der subjektiven natürlichen Welt, sondern als die ursprünglichen
Kräfte kann das Tao dazu befähigt sein, das Universum in einem kontinuierlichen
kosmischen Prozunablässig zu bewegen und zu aktivieren, und wird
schlechthin als eine Totalität der Transzendenz aller Dinge in der Immanenz
genannt (Lee, K.-S. 1996: 85). Sein konsequent übergeordnetes Ziel ist nicht,
durch das Wissen zu erwerben, das dann zur vollständigen Beherrschung und
Kontrolle der Natur systematisch und effektiv genutzt wird, sondern die
Selbstkultivierung des Wissens, die mit der natürlichen Ordnung harmonisiert.
Diese Selbstkultivierung konsequent auszuführen bedeutet demnach,
Lebensformen nach dem Tao naturgesetzmäßig zu führen. Letztendlich sollte
man sich zunehmend von negativen gesellschaftlichen Erscheinungen durch das
Tao in seiner klar umrissenen Einheit entfernen.
In dieser Hinsicht unterscheidet sich das Tao beträchtlich von Gegenständen in
der vielfältigen Erscheinungswelt, die von anderen Dingen weitgehend abhängig
sind und auch geprägt werden. Der sprachlich schwer faßbare Ausdruck einer mit
der Natur mystisch-symbolischen und fundamentalen Idealform „Wu wei“, der
einem häufig begegnet, bedeutet „Nicht-Handeln“ und nimmt neben dem Tao
ebenso selbstverständlich einen bedeutenden Platz ein, wenn man die von den
Dingen bestimmten Beziehungen zur Natur verläßt. Er wird auch oft verwirrend
verwendet und bedeutet unterschwellig nicht, daß „anti-zivilisiertes Verhalten
vorbehaltlos vor allem gegen technische Entwicklungen und fortschreitende
Formen ihrer praktischen Anwendbarkeit gemeint ist, sondern daß Menschen
lediglich gemäß Naturgesetz und -geboten nicht verstoßen und sich von
verstelltem Handeln befreien sollen, so daß ihre Natur befriedigt ist“ (Shim, J.-R.
1990: 62). Im Taoismus wird nicht versucht, Gewalt gegenüber der Natur
anzuwenden. „Nicht-Handeln (oder Tun) bedeutet nicht, nichts zu tun und still zu
sein. Einem jeden Ding gewähre man das zu tun, was es natürlich tut, so daß
seine Natur befriedigt ist. Das Ziel ist nicht Untätigkeit, sondern die Harmonie mit
der Natur“ (Needham, 1988: 128).
„Wu wei“ ist das, was sich als Selbst-Organisierendes geschaffen hat und die
Substanz der Natur darstellt (Kim, M.-J. 1991: 108). Darüber hinaus zeigt „Wu
149
wei“ einen völlig reifen Zustand, wodurch jegliche schlechte Aktivitäten wie
Unwahrheit und Heuchelei etc. des Menschen vermieden werden sollen. „Wu
wei“, unzweifelhaft durch unmittelbare Beobachtung von der Natur zu lernen, ist
nicht nur ein weitaus stärkerer Widerstand gegen zunehmenden Verfall oder
Verlust von Kultur, die aus Unnatürlichkeit oder aus den technisch-künstlich
gebildeten Formen entsteht, sondern warnt auch vor Unbesonnenheit und
Unvernunft über die kulturelle Entwicklung, die zum menschlichen Glück führen
könnte. In einem solchen Ansatz spielt „Wu wei“, das im krassen Gegensatz zur
hochgehaltenen Tugend des Konfuzianismus steht, möglicherweise eine
entscheidende Rolle, so daß Konfuzianer Taoisten als „unverantwortliche
Einsiedler“ bezeichnet haben (Needham 1988: 113). Von den Taoisten kann man
sagen, daß sie sich nach einer bestimmten Art eines einfachen Lebens in einem
Goldenen Zeitalter zurücksehnen (Needham 1988: 140).
Nun ist zu erörtern, wie sich der Taoismus, bezüglich systematischer
Beobachtung von der Natur zu lernen, in der kritischen Phase der
Umweltprobleme in Korea mit seinen theoretischen Entwürfen als eine praktische
Anweisung orientieren soll. Taoisten versuchten, die gesellschaftliche Krise durch
die Anknüpfung an den unvoreingenommenen Charakter der Natur zu
überwinden. Ihr Versuch war es fortan, mit systematischem Zugriff eine natürliche
Wahrnehmung und Erfahrung zu liefern, die keine primär unmittelbaren
Handlungsleitlinien für heutige ökologische Krisendiagnosen ablesen, sondern die
ein Modell für eine konkretisierte Ganzheit des Naturerlebnisses bieten. Darin hat
sich gewissermaßen erneut die ökologische Erkenntnis gezeigt, daß die Taoisten
den komplexen Zusammenhang zwischen Naturwahrnehmung und erfahrener
Natürlichkeit richtig erkannten.
Im wesentlichen geht es hierbei darum, die Einsicht einerseits in das Faktum der
Natürlichkeit und andererseits in die selbstverantwortliche Nützlichkeit des
Menschen zu erlangen und zum Ausgleich zu bringen, dieser im Lichte des
zunehmenden Einsatzes der Technologien, die nicht immer mit der besten
Lösung der Verminderung für vielfältige Umweltprobleme unmittelbar
gleichgesetzt werden. „Der Mensch ist glücklich, wenn er der Natur gemäß lebt“
(Rousseau 1987: 172). Das gilt in besonderer Weise für das ambivalente
Spannungsverhältnis zwischen dem Individuums und der Gesellschaft.
150
Natürlich standen Taoisten der Moderne prinzipiell ablehnend gegenüber, da sie
in der Betonung der im Mittelpunkt stehenden Naturwahrnehmung und ihrer
Bedeutung für die Gewinnung neuer Erkenntnisse eine kulturkritische Einstellung
und ihre Geltungskraft einnahmen. Doch waren sie sich der rasanten technischen
Fortschritte im höchsten Maße bewußt und befaßten sich in ihrer kritischen
Betrachtung und Erforschung des zunehmenden Einflusses der Technologien mit
der Fragestellung, wie eine sinnvolle und moralisch vertretbare Nutzung zu
erzielen wäre. Für den Taoismus besteht die tiefgreifende Ansicht von den
vielschichtigen Nebenfolgen komplizierter Technologien im Hinblick auf die
Dualität von „Natürlichkeit und Nützlichkeit“ (Kim, M.-J. 1991: 115).
Mit Lao-tse ist das grundsätzliche Ziel der ressourcenschonenden, kooperativen
Strategien in Erscheinung getreten. Er sprach sich vehement gegen den
technischen Mißbrauch aus, welches in der konfuzianistischen Lehre verspottet
wird. Lao-tse zufolge trägt einerseits der sachgemäße Gebrauch von technischen
Hilfsmitteln (zum Zwecke technisch verfügbarer Mittel der Herstellung) im hohen
Maße zur Bequemlichkeit des menschlichen Lebens bei. Andererseits hat er
darauf hingewiesen, daß die Abhängigkeit von zur Verfügung stehenden
technischen Mittel die eigene Grundlage des von der Natur angelegten
menschlichen Denkens und Fühlens verlieren könnte. Insofern sollte die
beherrschende Technik aufgrund ihrer praktischen Nützlichkeiten nicht
instrumentalisiert, sondern in bestimmten Anwendungsbedingungen
zweckrationalisiert werden.
Sie soll ohnehin eine immer zielgerichtete Hilfsstruktur durch sorgsamen Umgang
mit der Natur sein, sozusagen eine vernünftige Zweckgebundenheit eines
gegenständlichen Mittels, denn auf der einen Seite wird mit den technischen
Mitteln die Gefährdung der Zivilisation erzeugt, die den menschlichen Zwecken zu
dienen haben und doch über die ursprüngliche Zwecksetzung hinausgehen. Auf
der anderen Seite warnt Lao-tse nicht vor der Technik, sondern vor einem
Mißbrauch der technologischen Anwendungsmöglichkeiten, wenn sie nämlich als
ein Mittel zur Versklavung der Menschen in den Vordergrund tritt (Needham 1988:
139). Man begeistert sich für technische Errungenschaften als besonders
ungenierte Variante einer gesellschaftlichen Entwicklung, statt letztlich über den
unvermeidbaren Kontext technisch-industrieller Anwendung aufzuklären.
151
Wie fortschreitende Technik und die damit verbundene Variabilität durch ihren
mehr oder weniger bestimmten Gebrauch trotz des zweckrationalen Handelns von
Menschen stets als besonders problematisch anzusehen ist, so äußert sich Lao-
tse mehr oder minder ausdrücklich um das uns zur Verfügung stehende
technische Potential, wobei er die „Mittelwege zwischen Natur und Zivilisation“
aufzeigt (Kim, M.-J. 1991: 115). Mit dem Siegeszug des technologischen
Fortschrittes droht ein bestimmter Lebenslauf immer mehr verloren zu gehen.
Dabei gewinnen die Menschen die Fähigkeit eines eigenständigen evaluierenden
Urteilsvermögens und in der zunehmenden Auseinandersetzung mit der Natur an
Durchsetzung.
Die grundlegenden Inhalte und Prinzipien des Taoismus sind wesentliche
Bestandteile der wegweisenden Entscheidungen hinsichtlich unserer Zeit des
technischen Mißbrauches und der damit einhergehenden ökologischen Fragen,
schon weil die konkrete Richtung auf eine Art naturfreundliche Annäherung
hinweist. Aus ökologischer Sicht soll dieses Element durch eine klarsichtige
Beobachtung und eine umfassende Analyse eine prägende Kernsubstanz der
Natur sein. Eine unentrinnbare Tatsache ist, daß selten mit Schärfe und
Klarheiten die unmittelbare Artikulation von Naturvorgängen herausgearbeitet
werden.
Lao-tse hob hervor, daß sein Desinteresse am Materiellen mit der
perspektivischen Auffassung von seinen theoretischen Überlegungen zu
verbinden sei, um den grundlegenden Antrieb des Menschen zu ergründen. Dabei
ist hier, wie für die Interpretation des Taoismus mit seiner Beschreibung einer
zunehmenden Entfremdung von der Natur, als wesentlich festzustellen, daß er
durch die von ihm konzipierten Begriffe „Tao und Wu wei“ einer ziemlich klaren
und präzisen Beobachtung der Natur auf die Spur kam. Tao und Wu wei, das ist
ein bestimmte Kraft, auf die sich Selbstverwirklichung und grundsätzliche
Überlegungen richten. Sie zeigen den unverstellten Blick auf ein Naturverständnis
und helfen, am Problem der Zukunftsfähigkeit gegenwärtiger ökologischer
Betrachtungsweisen zu kommunizieren, weil in den Harmonisierungsprozessen
natürliche Ordnung sichtbar wird.
Darüber hinaus führen sie an den Kern einer systematischen
Grundüberzeugungen der Natur heran, die sich vornehmlich aus
152
Wahrnehmungen und Erfahrungen speisen. Eine wesentliche Ursache der von
Menschen hervorgerufenen, anthropogenen Umweltprobleme sahen Taoisten vor
allem darin, daß das besondere Interesse für menschliche Bedürfnisbefriedigung
und seine reflexhaften Reaktionen nicht mit den natürlichen Rhythmen
übereinstimmten.
Es wird darauf berechtigterweise hingewiesen, daß beim Taoismus als
Folgeerscheinung der Prozessen der Naturbeherrschung in Korea Erneuerungen
und eine tiefe Skepsis gegen die bis heute festgehaltenen Lebensweisen
angebracht werden (An, K.-S. 1994). „Ein ganz unmittelbares Interesse am
Taoismus ist vor allem in der modernen Zivilisation die Wiederherstellung des
Selbst und die Suche nach dem nichtinstrumentellen Umgang mit der Natur sowie
eine immerwährenden Entdeckung der Natur“ (Lee, N.-Y. 1986: 45). Er ist eine
einzigartige kritische Weltanschauung für eine Wiederentwicklung der Sinnlichkeit
gegen bestehende Lebensführungen und widerspricht offensichtlich den
traditionellen Werten und Normen an sich.
Nicht zuletzt aufgrund der kritischen Weltanschauungen im Hinblick auf eine
Entwicklung der natürlichen Sinnlichkeit kamen Lao-tses Schriften die Aufgabe
eines gesellschaftlichen Leitbildes zu, mit dem er das Wesentliche auf die
konstituierten Gegenstände und ihre durchdringende Analyse über die Natur mit
dem Begriff „Tao und Wu wei“ ausdrücklich betonte. Seine Systematisierung bzw.
seine Methode, die konstitutiv tragenden gesellschaftlichen Widersprüche mit
natürlichen Phänomen oder Tatsachen zu erläutern, kann heute noch dazu
genutzt werden, daß auch eine sich steigernde Dynamik der ökologischen
Wahrnehmung von der Stabilität des ökologischen Gebäudes zu erklären ist.
Insofern gilt der Taoismus nicht zuletzt als der Motor und das unverzichtbare
Fundament eines zukünftigen Handlungsmusters im strategischen Umweltbereich,
dem in den verschiedenen Richtungen durch die vielfältige Symobolisierung
einzelner Ausdrücke besondere Bedeutung zukommt.
Pungsoo
Es gibt letztlich keinen relativ prinzipiellen Unterschied zwischen buddhistischen,
konfuzianistischen und taoistischen Naturanschauungen sowie Pungsoo. Es wird
in unterschiedlicher Akzentuierung jeweils auf ihre spezifische Arten der
153
Harmonisierung hingewiesen, die durch untrennbare Beziehung aller Dinge im
Universum für den Buddhismus und die durch den im Mittelpunkt stehenden
moralisch-ethischen Impuls fundamentaler Überlegungen zur „Humanität als ein
moralischer Typus und eine nachhaltige Entwicklung im anthropozentrischen
Sinne“ für den Konfuzianismus, sowie die durch Identifizierung mit Tao und den
Gesetzen der Natur für den Taoismus in plausibler Weise charakterisiert werden.
Weitgehend wird aber die Naturanschauung im heutigen Korea mehr vom
Konfuzianismus als vom Buddhismus oder Taoismus geprägt.
Dennoch gibt es eine sehr lebendige Tradition von Pungsoo auch in Korea. Das
Hauptanliegen ist nun zu zeigen, was Pungsoo eigentlich bedeutet und aus
welchen Gründen es im heutigen koreanischen Pungsoo nach wie vor und auf
längere Zeit eine deutliche Prägungskraft einer harmonischen Betrachtungsweise
über die Natur gibt sowie die langfristige gesellschaftliche Akzeptanz, wodurch es
in kultureller Bedeutung aufrechterhalten geblieben ist. Welchen Einfluß übt
Pungsoo auf die konkret gegebenen Bedingungen für die natürliche Umwelt und
Lebensstile aus, nicht zuletzt nach einer noch heute möglichen Reaktion auf die
ökologische Krise? Dieser Versuch, die Wurzeln und Ursprünge von Pungsoo in
diesem Sinne zu interpretieren und zu beurteilen, findet im Umgang der
Menschen mit den begrenzten natürlichen Ressourcen eine verstärkte Beachtung.
Pungsoo (chinesisch: Feng-Shui; deutsch: Wind-Wasser) ist in erster Linie als
Basis auf dem Ausgleich des ausgewogenen Systems der Yin-Yang Theorie, zwei
gegensätzlicher aber miteinander erzeugender Kräfte des Universums und der
fünf grundlegenden strukturellen Elemente (Metall, Holz, Wasser, Feuer und
Erde) ein traditionelles geomantisches Betrachtungssystem, dessen theoretische
Grundlage sich ursprünglich über zwei Jahrtausende in China entwickelte, in
Korea ebenfalls eine außerordentlich große Akzeptanz und Fortentwicklung erfuhr
und vielfach angewandt wurde (Yoon, H.-K. 1976; Choi, C.-J. 1984, 1994).
Pungsoo ist definiert als „a unique and comprehensive system of conceptualizing
the physical environment which regulates human ecology by influencing man to
select auspicious environments and to build harmonious structures (i.e. graves,
houses, and cities) on them“ (Yoon, H.-K. 1976: 1). Aufbauend auf konkrete und
kumulative Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt, dient Pungsoo
zuweilen auch dazu, „eine Lehre von der Interpretationsmethode über die Erde“
154
zu geben, unter anderem das Klima und die Topographie der verschiedenen
Völker in Korea und China sowie Ostasien zu beschreiben (Choi, C.-J. 1994: 59).
In einem wirklich wirksamen Sinne zielt Pung (Wind) ursprünglich auf das Klima
ab, und Soo (Wasser) beweist alles, was an spezifischen Zusammenhängen mit
Wasser gebunden bleibt. Damit stellt Pungsoo im nachhinein und offensichtlich
eine wichtige Angelegenheit der grundlegenden Blickwinkel über die Erde dar, die
ein lebendiger Organismus ist. Außerdem wird Pungsoo mit den konsequenten
Wertmaßstäben und Kausalgesetzen sowie dem natürlichen
Gesamtzusammenhang von Landschaften in Verbindung gebracht (Kim, M.-J.
1991: 137). Mit Hilfe des Pungsoos läßt sich ohne weiteres deutlich erkennen,
weshalb die positiven und negativen Einflüsse aus der Umwelt bedeutsam sind.
Pungsoo geht es weder um die Suche nach dem Standort mit festen Regeln, die
fast durchgängig den Alltag bestimmen, noch um ein adäquates Management und
die Nutzung sowie deren Verhältnis zu den natürlichen Ressourcen. Vielmehr
behandelt Pungsoo in der Wechselwirkung mit bestimmten synchron laufenden
Prinzipien und Zyklen das menschliche Wohlergehen, die rationalen
Verständnisse und den angepaßten Umgang mit der Natur. Man sollte daher
naturbedingte geographische, klimatische und andere naturbedingte
Gegebenheiten nicht unterschätzen, um den Schritt zur Anpassung erheblicher
Ansprüche an die ökologische Realität machen zu können.
Nach Pungsoo spielt die Lage des Hauses und der Ahnengräber für den
Wohlstand der Familie nach wie vor eine große Rolle. Ohne Zweifel ist Qi ein
wichtiger Begriff für das vertiefte Verständnis von Pungsoo. Es beschreibt ein
Prinzip der unaufhörlichen Bewegung und Existenz des Weltalls (Choi, C.-J. 1994:
71). Anders ausgedrückt: Das natürliche Phänomen zwischen Himmel und Erde
wird als eine allgemeinere Bezeichnung verstanden, so lassen sich z.B. Donner,
Schnee, Hagel usf. auf vielfältige Formen und Verläufe von Qi zurückführen. Ein
entscheidender Faktor ist, daß nach Pungsoo die menschlichen Lebensformen
durch Qi intensiv beeinflußt werden (Choi, K.-D. 1996: 265; Kim, D.-H. 1997: 25).
Im großen und ganzen besteht Pungsoo hauptsächlich aus zwei Systemen; zum
einem ist es ein erfahrungswissenschaftliches logisches System, in dem das
Prinzip über die Erde ausführlich erörtert wird. Zum anderem handelt es sich bei
Erkennungssystemen über die göttliche Wirkungskraft durch Qi je nachdem, wie
155
die Energie der Erde auf die menschlichen Angelegenheiten prinzipiell beeinflußt
werden kann (Choi, C.-J. 1994).
Pungsoo eignet sich zu einer eigenständigen Entwicklungsgeschichte, die in
unterschiedlichen Phasen und durch einen historischen Hintergrund in Korea
betrachtet wird. Pungsoo verbindet sich sogar gelegentlich mit verschiedenen
wissenschaftlichen Erkenntnissen vom Buddhismus, Taoismus und
Konfuzianismus. Im Laufe der Geschichte kam dieses System mit den jeweiligen
gegensätzlichen Weltanschauungen wie dem Buddhismus der Koryo-Dynastie
(918-1392) sowie dem Konfuzianismus in der Chosun-Dynastie (1392-1910) und
nicht zuletzt mit schamanistischen Elementen in Berührung, so daß landeseigene
Charakterzüge eines koreanischen Pungsoo entstanden (Yoon, H.-K. 1976; Choi,
C.-J. 1994: 63; Choi, K.-D. 1996: 265). Später entwickelte sich Pungsoo zwar zur
abergläubischen Religion in enger Verbindung mit der Pietät und dem
Schamanismus, brachte aber grundlegend eine Art des Äquivalenzprinzips zum
Ausdruck.
Es ist darauf hingewiesen worden, daß sich die koreanische Form von Pungsoo
aufgrund des maßgeblich buddhistischen und konfuzianischen Einflusses von der
chinesischen Form unterscheidet, wodurch Pungsoo in Korea stetig zu einem
eigentümlichen kulturellen Phänomen entwickelt wurde (Choi, C.-J. 1984: 1994),
welches die Auswahl des harmonischsten und günstigsten Ortes zum Leben der
Lebenden und auch die Standortbestimmung von Grabstätten der Toten
einschloß (Choi, C.-J. 1994).
Zuweilen wurde Pungsoo auch für politische Zwecke genutzt und gewissermaßen
mißbraucht, z.B. bei der verbindlichen Festlegung der Hauptstadt und bei der
Förderung von Befähigten aus bestimmten Herkunftsregionen. Das aus China
eingeführte Pungsoo wurde zum Volksglaube, wobei man es hauptsächlich als
Mittel zur Auswahl für Grabstätten und für subjektive Nutzungen verwendete. Man
hält Pungsoo mehr für eine Sache des Glaubens denn für gesicherte
wissenschaftliche Erkenntnis. Ein Grund dafür ist, daß die Oberflächlichkeit und
der verschwommene Charakter magischer Mystifizierung durch Pungsoo
übertrieben wird, während logische Denkensansätze, theoretische Einsichten und
ethische Lehren außer Acht gelassen werden (Choi, C.-J. 1994: 70).
156
Nach Pungsoo besteht die Umwelt ebenso aus vier Grundelementen des
Universums, und zwar aus Berg, Wasser, Richtung und Mensch, die miteinander
in organischer Wechselbeziehung stehen (Choi, C.-J. 1984: 32). Als eine Art der
Naturanschauung besagt Pungsoo, daß die Natur eine eigentümlich produktive
Kraft bei der Suche nach Standortbestimmungen von Grabstätten und Häusern
besitze und daß von deren außerordentlicher Wirkung auf den Menschen sein
Wohlstand und sein Glück abhängig sei. Wichtig sei, daß die Umwelt
durchdringende Einflüsse auf das Verhalten der Menschen und die Gesellschaft in
den anthropogenen Einwirkungen und Folgen reguliert werde. Die wichtigsten
Folgen dieses Prozesses, der dem Wunsch nach einer „Wahl eines idealen
Standorts“ entspringt, sind immer noch weit verbreitet, um sich von negativen
Einflüssen zu befreien. Der Standort wird nach den Regeln der Energielehre
„Pungsoo“ erweitert, wobei Kraftlinien und Energiefelder mehr und mehr in
Erwägung gezogen werden.
Interessant ist, daß Pungsoo aus religiöser Sicht in bestimmter Beziehung mit
dem Taoismus zu tun hat. Pungsoo und Taoismus entwickeln sich zu einer
synkretistischen Religion, wobei das Yin-Yang, die fünf Elemente, die
Wahrsagung, die Prophezeiung von Glück und Unglück in der gesellschaftlichen
Zukunft und die astronomischen Gegebenheiten harmonisch ausgeglichen im
Mittelpunkt stehen (Choi, C.-J. 1994: 62). Dem Pungsoo wird generell eine
größere methodische Aufmerksamkeit im Hinblick auf die geographische Lage
und die Voraussicht irdischer Belange gewidmet, während das Transzendentale
der inneren Kräfte der Natur im Taoismus in Betracht gezogen wird (Choi, C.-J.
1994: 63).
In der notwendigen Kritik an Pungsoo werden in erster Linie nicht dessen
theoretische Systeme selbst, sondern die sich darin widerspiegelnden Sitten und
Traditionen innerhalb gesellschaftlicher Probleme im stärkeren Maße
hervorgehoben (Choi, C.-J. 1994: 69). Es kann also kaum verwundern, wenn
verschiedene Positionen sich auf Pungsoos Überlegungen berufen und seine
Richtungen für sich geltend gemacht haben. Beispielsweise ist nach Pungsoo der
Begriff „Umweltbewußtsein“ völlig irreführend. Allem Anschein nach suggeriert er
aber, daß Menschen nicht nur tragfähige Grundlagen für selbstzugewiesene
ökologische Verfahrensregeln haben, sondern auch funktionierende natürliche
Prinzipien im besonderen Maße durch den Umgang mit der Erde erlernen
157
müssen. Dies brachte explizit eine Reihe von auftauchenden Schwierigkeiten für
die systematisch umfangreiche Theorie mit sich, da die komplizierten Strukturen in
ihren Vorstellungen und Konzepten lediglich oberflächlich verstanden wurden.
Trotz der immensen Schwierigkeiten herrscht durchgängig ein tief verwurzelter
Glaube an Pungsoo, aufgrund dessen eine Verehrung und Ehrfurcht durch
geprägte Haltung und fruchtbare Erfahrungs- sowie Denkwege in der Natur
vorzufinden sind. Es ist mithin ein entscheidender Schritt für das Verständnis von
Pungsoo, um einen substantiellen Inhalt zu geben, zum Beispiel als eine
ausreichende Erhaltung natürlicher Gegebenheiten und eine angepaßte
ressourcenschonende Nutzung. Ausschlaggebend sei hierbei die Vorstellung des
Pungsoos einer ambivalenten Charakterisierung zwischen Harmonie und
Widersprüchen gewesen, wobei nach Pungsoo in der Natur die Bestandteile eines
grundsätzlich untrennbaren Entwicklungsprozesses in einem hohen Maße an
Wandlungsfähigkeit verquickt sind, die mit einem Bezug zu den naturbedingten
Realitäten der Gesellschaft zu tun hat.
Zwar werden konkret Art und Methode der Naturerkenntnis durch Pungsoo nicht
angeboten, aber seine Theorie wird seit sehr langer Zeit in einer unverfälschten
Auffassung Erfahrung und Wirkungskraft unter pragmatischen und
zweckrationalen Gesichtspunkten vertreten. Ohne Überprüfung seines selbst
beanspruchten Objektitivtätpostulats und mit Vorurteilen und Ressentiments
gegenüber Pungsoo ist es bisher als eine überwiegend auf abergläubische
Vorstellungen basierende Lehre stigmatisiert worden. Eine breit angelegte
Debatte über Pungsoo ist vornehmlich in den Naturwissenschaften wie
Geographie, Architektur und Landschaftsplanung bereits in vollem Gange.
Pungsoo eignet sich daherr interdisziplinäre Forschungen, da es durch die
wachsende Komplexität der Wechselwirkung von Mensch und Natur in seinen
objektiven und subjektiven Aspekten angemessen analysiert werden kann.
Im Laufe der Zeit erhielt Pungsoo sowohl durch scharfe Kritik als auch durch
Zustimmung in der Gesellschaft zunehmende Beachtung. Pungsoo hat zu allen
Zeiten Kritik hervorgerufen. Kritiker, die sich an praktischer Wissenschaft
orientierten, insbesondere Cheong, Yak-Yong, werfen Pungsoo vor, daß diese auf
abergläubischen Vorstellungen basierende Lehre mit tief verwurzelten Vorurteilen
die ausschweifendste Idee der unverantwortlichen Verschwendung natürlicher
158
Ressourcen mit sich bringt. „Presently, litigation in the courts for grave-sites has
become a troubling problem. About half of the (recent) fighting and assaults
resulting in death are due to this (conflict for grave-sites). Since it is said that the
unfortunate acts of excavating graves [to move them to better places] are
considered within the practice of filial piety by the people, it is necessary to clarify
[the nature of geomancy in order to avoid such bad results]“ (zit. nach von Yoon,
H.-K. 1976: 3).
Denkt man an die darin entwickelte Kritik an den gesellschaftlichen Zielen und
Formen des Pungsoos von Cheong, Yak-Yong, dann konzentriert sie sich weder
„auf seine wissenschaftliche Begründung in einer umfassenden
naturphilosophischen Grundlage, sondern offenbar auf viele gesellschaftlich
verursachten Probleme durch die mißbrauchte althergebrachte Gepflogenheit und
Tradition“ (Choi, C.-J. 1994: 69). Dabei ist auch häufig das Anliegen von Pungsoo
unerquicklich trivialisiert oder mißverstanden worden. Aufgrund seiner subjektiven
Betrachtungsweise zog er den charakteristischen Blick auf eine Vielzahl von
unterschiedlichen Einflußgrößen auf Pungsoo gar nicht in Betracht. Es wäre
deshalb bodenloser Leichtsinn, Pungsoo als Aberglaube, Magie-, Ahnen- und
Totenkult oder Unsinn abzutun.
Zwar stellt Pungsoo nicht immer eine mögliche, erstrebenswerte Alternative zum
angepaßten und ressourcenschonenden Umgang mit der Natur dar, aber es lehrt
ein natürliches Gestaltungsprinzip zur Erreichung dominierender
Betrachtungsweisen eines generellen Gleichgewichts. Darüber hinaus beinhaltet
es synthetische Weltanschauungen, die sinnvollen und gemeinschaftsorientierten
Beziehungen zwischen Mensch und Natur und besondere Kosmosvorstellungen.
Seine Faszination liegt mithin darin, sei es natürlich oder künstlich, sei es
kosmisch oder örtlich, „über seine moderne Interpretation einer zutreffenden
Naturwahrnehmung und -beobachtung zu verfügen und dann auf erweiterte
Gegenstandsbereiche systematisch und zweckdienlich anzuwenden“ (Choi, C.-J.
1994: 86). Damit scheint zugleich auch die Chance zu einem progressiven und
offensiven Umweltbewußtsein und -schutz gegeben zu sein.
Pungsoo ist nicht nur reine geographische Theorie. Es ist hauptsächlich ein
Gedankengebäude aus verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen, die bis
heute noch fest etabliert wirken. Es eröffnet damit zugleich dem Denken ein
159
Paradigma, das eine untrennbare Einheit der Natur aus den Gesetzen der
Standortbindung sinnvoll konstruiert. Obwohl Pungsoo zumindest eine besondere
Form von der hochgelobten naturverträglichen Idealnutzung auf der Erde (im
engeren Sinne bestimmter Orte) kennzeichnet, sind jedoch die in Gang gesetzten
Auswirkungen bzw. Gefahren kritisch zu betrachten. Aufgrund der selektiven
Umsetzung einer Landschaft aus Pungsoos Sicht wurden vor allem die
Umweltveränderungen verursacht. Besonders schwerwiegend wirkt dabei die
Tatsache, daß „die Suche bei der Wahl der günstigen Orte“ als sehr
grundsätzliches und wesentliches Kennzeichen nachweislich drohender
Gefährdungen und Unsicherheit von Lebensräumen bezeichnet und damit bis
heute für individuellen Komfort und Glück verwendet und anscheinend sogar
mißbraucht wird.
Im Laufe der Jahrzehnte in der kulturellen Naturvorstellung Koreas ist Pungsoo
ein wichtiger Indikator für pragmatische Ansatzpunkte zunehmender
Entfaltungsmöglichkeiten in den ästhetischen und schützenswerten
Kulturlandschaften unter Wahrung und Förderung ihrer natürlichen Vielfalt und
gleichzeitig damit auch ein zentrales Instrument, um durch vorhandene
Erneuerungsimpulse ökologischen Gefahren und einem ökologischen Bewußtsein
zum Durchbruch verhelfen zu können. Pungsoo hat ohne Zweifel daher auf eine
sehr produktive Weise eine bemerkenswerte Karriere gemacht. Aber auch daraus
kann ein bewegender Antrieb werden, mit dem sich das öffentliche Interesse mit
großem Nachdruck Geltung verschafft und Anstoß an der Zugrundelegung einer
naturschützenden Richtung gibt.
Nicht zuletzt geht es Pungsoo hier nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse, wie
das oben schon ausführlich erwähnt wurde, sondern darum, wie man einem
kolossalen Mißverständnis sowohl zu einem magischen Element, als auch zu
funktionaler Versachlichung in der Öffentlichkeit entgegentreten muß. Vor allem
jedoch bedarf es auch einer fundierten Herangehensweise und kritischen
Auseinandersetzung in der Wissenschaft gegenüber Pungsoo, um ernsthafte
Folgen für das Gefüge undurchsichtiger Zusammenhänge auszuhebeln.
Trotz dieser weitgehend offenkundigen Schwierigkeit wäre Pungsoo fast
unbemerkt in der Versenkung verschwunden. Von der Pungsoo-Theorie ist zwar
kein ökologisches Patentrezept gegen die Umweltprobleme zu erwarten, aber sie
160
gilt als situationsgemäßes Beurteilungskriterium für eine tragende und
durchsetzende Schubkraft der ökologischen Entwicklung. Die Pungsoo-Theorie
aus jenen Jahrzehnten, die dank ihrer rationalen, kritischen und gestalterischen
Vorstellung durch den programmatischen Entwurf sich mit der Natur messen
konnte, tritt wieder stärker in den Vordergrund.
Allgemeine vorherrschende Vorstellungen über Pungsoo sind durch eine
Beziehung reziproker Abhängigkeit zwischen Himmel und Erde sowie Menschen
mit Nachdruck artikuliert worden. Zudem wird angestrebt die Beseitigung der
bestimmten Ambivalenzen, Widersprüche und Unwägbarkeiten, die bei der
Naturnutzung zu selbstsüchtigem Interesse des Menschen und zu ganz
unbesonnener Ehrfurcht vor der Natur führen. Auf naturfreundlicher Ebene geht
es Pungsoo um eine ostentative, vor allem symbolische Tatsache, die sich in
Regeln zu angemessenem Naturgebrauch und einem Harmonisierungsprinzip
niederschlagen. Aus theoretischer Betrachtung zu Pungsoo ist der Versuch
unternommen werden, diejenige Facette zu erblicken, die sich uns unter den
heutigen ökologischen Verhältnissen zeigt.
Eine ökologische Besorgnis mit einer zerstörerischen Naturbeherrschung und
Ressourcenvergeudung verdeutlicht die sehr erhebliche praktische Bedeutung
von Pungsoo. Aufgrund einer bestimmten Funktion der Natur und einer noch klar
definierten Anwendungsmethode verfolgt Pungsoo nicht obskure und willkürliche
Ziele der Weissagung in der Naturerfahrung, sondern bezieht sich unter anderem
auf spezifische Überlieferungen und auf Denk- und Wahrnehmungsweisen
innerhalb des praktischen Kontextes, um institutionelle Lösungen im Licht
ökologischer Probleme neu zu durchdenken, mit dem Versuch Mensch und Natur
in Übereinstimmung zu bringen.
Die Pungsoo-Theorie geht in der unmittelbaren Beantwortung der ökologischen
Frage nicht auf, sondern sie liefert eine umsetzbare Orientierungshilfe für
umweltorientierte Konzepte oder entsprechende Gesichtspunkte. Ein
charakteristischer Zug von Pungsoo besteht in dieser Hinsicht wesentlich darin,
die attraktiven Symbole der Lebensgestaltung und die zugrundeliegenden Sinn-
und Ideenstrukturen in der Gesellschaft durch verschiedenartige naturnahe
Vorgänge, verschlungene Pfade und Scheidewege zu analysieren. Doch gibt es
nach wie vor die kritische Interpretation einer konstruierenden Wirkung des
161
natürlichen Lebensraums auf den Menschen von Pungsoo mit bezug auf die
heutigen Umweltkonflikte, die es zu bewältigen gilt. Diese theoretische
Herangehensweise an das betrachtende Verhältnis von Mensch und Natur ist
noch relevant.
Durch die Wirkung dieses Pungsoos, das in das Alltagsleben übergegangen ist,
kann das zentrale Paradigma für das ökologische Konzept abgeleitet werden,
wobei sich eine ständig wandelnde politisch-gesellschaftliche Realität in
umweltproblematischen Situationen von steigendem Interesse an konstruktiven
Lösungsansätzen beeinflussen läßt. Wenn wir die relevanten Aussagen von
Pungsoo genauer verfolgen, kommen wir zum Schluß, daß in seiner
ursprünglichen Formulierung Pungsoo wesentlich von einem vernetzten und
vielschichtigen Geflecht komplizierter Wechselwirkungen, Variablen und dem
Zusammenspiel der Natur im Rahmen der Vorstellung eines harmonischen
Gleichgewichts ausgeht.
Diese Theorie, von der die Menschen in ihrem aufgeklärten Umgang mit der Natur
profitieren können, ist in der koreanischen Kultur, Religion, Geschichte und
Tradition fest verwurzelt, wo der historisch-systematische Theoriehintergrund
bestehender gesellschaftlicher Problematik aufgearbeitet werden müßte. An
Pungsoos fortdauernder Bedeutung läßt sich kaum zweifeln, so daß trotz aller
wissenschaftlichen Fragen und über theoretische und praktische Kritik hinaus
Pungsoo das öffentliche, auf Engagement der Menschen angewiesene Interesse
für die Ansprüche an die ökologische Realität erweckt.
162
4. Akzeptanz oder Integration ökologischer
Fragestellungen in der Pädagogik
4.1 Pädagogische Betrachtung auf der Basis traditioneller
Naturanschauungen
Niemand wird bestreiten können, daß eine ganze Reihe von Theorien und
Verhaltensnormen aus den oben dargestellten Religionen Koreas in
umweltschützende Verhaltensweisen eingedrungen ist. Im historischen Verlauf
haben durch tiefgreifende kulturelle Veränderungen entscheidende Wandlungen
stattgefunden. Zudem hat sich die ehemals fest gefügte Ansicht traditioneller
Naturanschauungen im Hinblick auf ihre Beobachtungen, Gesetze und Theorien
gewandelt. Der Grund dafür liegt darin, daß der vollziehende Prozeß einer
Naturvorstellung mit der Zeit zugunsten des nutzungsbedingten menschlichen
Interesses durch rasante wissenschaftliche und technische Fortschritte
grundlegend beeinflußt und umgestaltet worden ist. Im folgenden Abschnitt wird
der Versuch unternommen, anhand der traditionellen Naturanschauungen zu
diskutieren, wie vielfältig eine pädagogische Position in bezug auf ökologische
Fragen und Konsequenzen kritisch angelegt werden kann.
Traditionelle Naturanschauungen kommen aus ganz unterschiedlichen Quellen
und Auffassungen und sind insofern auch auf vielfältiger Weise zu analysieren
und zu erklären. Obwohl sich die jeweiligen Religionen und Wissenschaften
Koreas in verschiedenartiger Akzentuierung bezüglich der Frage nach dem
Mensch-Natur-Verhältnis ausrichten, sind sie sich dennoch zumeist darin einig,
daß ein konstruktiver Umgang mit der Natur erlernt werden muß. Harmonisierung
und Ehrfurcht gegenüber der Natur als Maßstäbe individuellen und
gesellschaftlichen Handelns sind hierfür Stichworte, die sich an nachhaltiger
Gestaltung der natürlichen Lebensgrundlagen unter ökologischem Gleichgewicht
orientieren.
Es ist unbestreitbar, daß die Harmonisierung, welche für das Mensch-Natur-
Verhältnis unverzichtbar ist, eine vornehmlich kulturelle Kraft darstellt. Dennoch
richtet sich die generelle Einsicht, die Natur als eine wichtige und schützenswerte
Ressource anzusehen, stets einseitig auf den jeweiligen willkürlichen
163
Harmonisierungsprozeß. Nicht immer wird der Gesamtzusammenhang der Natur
berücksichtigt, sondern es werden typischerweise die symbolischen und
ästhetischen Bedeutungen (Bewahrung, Vielfalt und Schönheit) beachtet. Im
Gegensatz dazu vermittelt man nicht die dazugehörigen Naturbilder und ihre
faktischen Wertschätzungen in gesellschaftlichen und psychologischen
Betrachtungen (Cho, J.-S. 1978). Werden jedoch nicht beide Aspekte ausreichend
berücksichtigt, so wird ein Spektrum grundlegender Einsicht gemäß individueller
und gesellschaftlicher Naturverhältnisse verfehlt.
Diese einseitige Aufarbeitung des Themas der Naturanschauung ist allerdings
nach wie vor noch unbefriedigend. Dabei treten allerdings auch praktische
Schwierigkeiten auf, nämlich die komplexen ökologischen
Systemzusammenhänge zu durchschauen. Es muß daher eine kritische
Bestandsaufnahme der theoretischen Fundierung traditioneller
Naturanschauungen entfaltet werden. Es wird wiederum deutlich, daß sie einen
umfassenderen Zusammenhang des Verhältnisses von Mensch und Natur
interpretieren. Aus pädagogischer Sicht sollen sie „der Maxime für Erziehung zur
,ökologischen Orientierung’ entsprechen, die eine durch Entfremdung von der
Natur verloren gegangene humane Welt zurückzugewinnen vermag“ (Mertens
1998: 176). Dies ist ein zentraler Faktor bei der Ausrichtung der
Naturwahrnehmung und der Orientierung des ethischen Handelns.
Konsequenterweise führt eine theoretische Fundierung zu einer Vielfalt der
Sichtweisen, Bewertungen und Lösungsvorschläge im Hinblick auf die
Umweltverhältnisse.
Den charakteristischen Ausführungen zu traditionellen Naturanschauungen sind
keinerlei konkrete umweltgerechte Handlungen und Interaktionen in bezug auf
den Naturschutz zu entnehmen. Vielmehr werden sie anhand der Wertehaltung
des Naturobjektes durch unmittelbare und indirekte Erfahrung mit ständigen
Reflexionen auf Ursachen und Wirkungen der Probleme und Alternativen
gewonnen und sollen sich als bedeutende Werte für Menschen und insbesondere
Kinder manifestieren, wobei eine positive Beziehung zur Natur nahe gelegt wird.
Ein grundsätzliches Moment ist aber durch ökonomische Veränderungen, die
durch technologische Mittel bewirkt worden sind, den traditionellen
Naturanschauungen zusehends abhanden gekommen.
164
Man konzentriert sich neuerdings mit besonderem Interesse bei ökologischen
Fragen auf die traditionellen Naturanschauungen und ihre grundlegenden
Eigenschaften, die sich zum Teil aus religiösen Weltanschauungen heraus
konstituiert haben (Shim, J.-R. 1990; Song, S.-Y. 1990; Choi, K.-D. 1996; Choi,
Y.-J. 1996; Lew, S.-K. 1996;). Das Interesse der Natur besteht hiernach darin,
durch unmittelbare Begegnung mit der Natur dieselbe in möglichst vielseitiger
Perspektive besser zu verstehen und die Menschen aus ihrem Eigeninteresse
heraus zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen
zu bewegen, so daß letztlich auch durch Anschaulichkeit, Verständlichkeit und
Erfahrung mit natürlicher Umwelt Aufmerksamkeit und Interesse erzielt werden
kann (Lee, J.-Y./Ahn, T.-M. 1992: 114). Hierzu gehört eine anregende
Erlebniswelt und eine damit verbundene partizipative Erziehung. Damit wird auch
zum Ausdruck gebracht, daß es um das sich beschleunigt wandelnde Verhältnis
von Mensch und Natur gehen soll, welches gerade für die Umweltbildung von
Bedeutung ist.
Wenn wir darüber hinaus den pädagogischen Anreiz bei dem Bemühen um eine
Harmonisierung und eine Balance zwischen Mensch und Natur suchen wollen,
erscheint es sinnvoll, die markanten Veränderungen der traditionellen
Naturanschauungen und deren Sachproblematik zu verfolgen. Diese
eigenständigen kulturspezifischen Faktoren sind in den traditionellen
Naturanschauungen besonders unmittelbar erkennbar. Sie könnten die Idee als
fundierende Grundlage einer Analyse und Auslegung von Problemen für die
ökologische Krise und eine vielseitige Wahrnehmung und Beobachtung
aufgreifen, weil sich ihre Beschreibung mit individueller und gesellschaftlicher
Perspektive unter Einbeziehung der Natur und der Menschen verbindet.
Die traditionellen Naturvorstellungen wurden ständig auch in den verschiedenen
gesellschaftlichen Bereichen insbesondere in der Erziehung in Korea beeinflußt
(Kim, I.-W. 1983). Es geht hier nicht um die Frage, ob denn tatsächlich
traditionelle Naturanschauungen zu Umweltproblemen einen grundlegenden
Beitrag leisten können oder nicht, sondern um die Frage, wie man sich die
Eigentümlichkeit eines natürlichen Gegenstandsbereiches bewußt zu machen hat
und wie sich der Hintergrund der Traditionen und Interessen an der Natur
165
entwickelt, die sich nach praktischen Handlungsanleitungen zugunsten einer
umweltfreundlichen Richtung suchen lassen.
Wichtig ist jedoch der Gedanke, daß sich die Symbolisierung oder das Sinnbild
des Himmel-Erde-Verhältnisses in bezug auf gesellschaftliche Handlungen in fest
gefügten Traditionen, Konventionen und Normen in vielfältiger Weise darstellt.
Dabei ist die über Jahrtausende herangereifte Erfahrung durch Denken und
Einsicht auf sehr verschiedenen Ebenen geprägt worden, welche die
umweltrelevanten Gesichtspunkte verstärkt zum Tragen bringen kann. Außerdem
ist sie auch unmittelbar eingebunden in einen kulturell und sozialgeschichtlich
relevanten Prozeß, der dadurch gekennzeichnet ist, daß im starken Maße eine
Orientierung auf die Natur und eine damit verbundene Motivierung ökologisch
relevanter Bereitschaft zu erkennen ist.
Das umsichtige Naturverhältnis zu erblicken heißt vor allem, über die unmittelbare
natürliche Umgebung hinaus die sinnliche Wahrnehmung und Gefühle sowie
Intuition für Natur in den übergreifenden Zusammenhängen aufzugreifen und
diese Sachbezogenheit praktisch zu erschließen. In diesem Sinne ist es ein
zentrales Anliegen der Umweltbildung für Kinder und Jugendliche die Natur
alltäglich erlebbar zu machen, indem sie konstituierenden Problemperspektiven
und die damit einhergehenden Reflexion vermittelt bekommen (Bögeholz 1999).
„Der persönliche Bezug zu Umweltproblemen - insbesondere bei Kindern und
Jugendlichen - ist wesentlich durch affektiv-emotionale Anteile bestimmt, wie
Krisengefühle (Angst, Hilflosigkeit), Abwehrstrategien, Zukunftshoffnungen und -
angst, aber auch durch positive Aspekte subjektiven Naturerlebens“ (Mayer 1998:
42).
Die Darstellung der Bedeutung der Natur ist in erster Linie für die Umweltbildung
erheblich, da die oben genannte Schaffung einer ökologischen Sensibilität von
Kindern und Jugendlichen eines ihrer wesentlichen Anliegen ist. Die Hinwendung
zur Natur, z.B. durch Naturkontakt und Naturerlebnis, ist eine wichtige Basis für
eine ökologische Dimension (Bögeholz 1999). Es ist ratsam, die gewonnenen
Erkenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten von Kindern und Jugendlichen auch
auf den Unterrichtsprozeß zu beziehen. Das geht einher mit einer grundlegenden
Wirksamkeit zu langfristigen und gezielten Bewußtseins- und
Verhaltensänderungen, was zu positiven Prägungen und Gestaltungen führt.
166
Mit dem Stichwort „Naturerleben“ wird ein unverzichtbares Element
umweltgerechten Handelns im eigenen Verantwortungsbereich gekennzeichnet.
Anregung und Begegnung in und mit der Natur sollten bevorzugt in naturnahen
Lebensumgebungen und Landschaften ermöglicht werden. „Die Erlebnisse
werden in einem komplexen Aneignungsprozeß verarbeitet: Sie werden in
Beziehung zu früheren Erlebnissen gesetzt, zu gemachten Erfahrungen, zu
Stimmungen und Gefühlen, zum Handeln. Erlebnisse sind also mehr als zufällige
Eindrücke und Reaktionen“ (Jank/Meyer 1994: 313). Eine bedeutende
Komponente zur Erlangung von Naturerfahrung besteht aus Exkursionen und
Besuchen in Naturschutzgebieten, die spannende Einblicke in die Vielfältigkeit der
persönlichen Wahrnehmung auf die Natur und Landschaft bieten. Dabei gilt es,
wirksame Lerngelegenheiten, verschiedene Kompetenzen in die Komplexität und
den Kontext der Natur bieten. Solche Erfahrung wird durch die reale Begegnung
und den Selbstkontakt mit der Natur gefördert. Sie ist die fundamentale
Bedingung für die Annäherungsformen zur Natur.
Positiv erlebbare Naturerfahrungen, die zur Erreichung der gewünschten
ökologischen Zielsetzung notwendig sind, haben nach Gebhard zwei Ebenen:
„Zum einen scheinen sie die seelische Entwicklung eher zu fördern und zum
anderen sind sie auch eine Bedingung dafür, sich für den Erhalt der Natur bzw.
Umwelt einzusetzen“ (Gebhard 1994: 73). Elementare naturbezogene
Erfahrungen als zentrale und unverzichtbare Bestandteile für den Erwerb von
Umweltwissen und den damit entsprechenden Umwelteinstellungen können aber
nicht von vornherein von herkömmlichen pädagogischen Institutionen wie Schule
und Unterricht vermittelt werden, sondern nur von Menschen, die in ihrer
alltagspraktischen Orientierung selbst eine aktive Auseinandersetzung mit dem
Sachverhalt vollzogen haben. Sie erhalten auch dadurch eine wachsende
Bedeutung, indem die Verbindung zwischen Kognition und Emotion als Faktor für
die Entwicklung von Handlungsorientierung erkannt wird. Aus dieser auf
Naturerfahrung basierenden Darstellung, worin die gesellschaftlichen
Handlungsprozesse im Rahmen zukunftsbezogener Perspektiven positiv
aufgegriffen werden, wird gleichzeitig deutlich, daß die ganzheitliche
Naturbegegnung beim Aufbau der praxis- und erlebnisorientierten Erfahrung in
der ökologischen und affektiven Dimension eine zentrale Rolle spielt (Kim, D.-H.
1997).
167
In diesem Zusammenhang werden sinnhaftes Erleben, unmittelbare
Wahrnehmungsprozesse und Begreifen der Natur offensichtlich immer wieder als
außerordentlich wichtiges Element auf dem Weg ganzheitlichen Lernens
beschrieben, in dem grundsätzlich „sowohl kognitiv-abstrakte als auch sinnlich-
konkrete Lernprozesse“ ablaufen (Meyer 1989: 272). Immer wird von Bedeutung
sein, daß der Vorstellung vom ganzheitlichen Lernen auch ein Zentrum der
Umweltbildung zugrunde liegt. „Ganzheitliches Lernen versucht, eine möglichst
umfassende sinnliche und kulturelle Wahrnehmung von Phänomenen und
Problemen zu eröffnen, um einseitige (klischeehafte) und vorschnelle
Deutungsmuster zu relativieren. Es versucht, neue und überraschende Zugänge
zu ermöglichen und kulturell oder biographisch vernachlässigte Wahrnehmungs-
und Erlebnisweisen zu aktivieren“ (Reißmann 1998: 79). Dies erstreckt sich über
eine kritische Auseinandersetzung über Sachfragen hinaus zu fundierten
Ansätzen von Leitlinien für die Entwicklung von Lernprozessen und kann beim
Ausgleich der wachsenden Primärerfahrungsdefizite helfen, die allerdings immer
wieder schwer kompensiert werden können.
Langeheine/Lehmann (1986) zeigen in einer empirischen Studie, daß der
unmittelbare Kontakt mit dem naturnahen Lebensumfeld als der wesentliche
Bestimmungsfaktor für die Entstehung umweltbezogener Werterhaltung und des
an den ökologischen Erfordernissen orientierten Verhaltens anzusehen ist,
welches sich auf die Bewahrung natürlicher Umwelt richten kann. Das hat zur
Folge, daß „die Leitlinien für eigene Urteils- und Lernfähigkeit in der Frage des
Natur- und Umweltschutzes gebildet werden“ (Park, J.-H. 1994: 32). Andere
Faktoren durch z. B. schriftliche Materialien und Massenmedien über den
Naturkontakt werden als ausgesprochen nachgeordnet angesehen
(Langeheine/Lehmann 1986).
Interessant ist nun, daß notwendigerweise auch das Thema „Angst und Ekel vor
Tieren“ in Korea explizit vorkommt (Gebhard 1994). Eine Fülle der traditionellen
Naturanschauungen in Korea zeigt uns, daß die Homogenisierung vom Mensch-
Natur-Verhältnis in symbolischer Form in gewisser Weise hervorgehoben wird.
Paradoxerweise ist aber der Schutz der nichtmenschlichen Umwelt vernachlässigt
worden, obwohl die orientalische Religion in diesem Zusammenhang theoretisch
die Ehrfurcht und das Nicht-Töten der nichtmenschlichen Umwelt vielfach
168
ausdrücklich betont (Beob, Ryun 1996; Choi, K.-D. 1996; Chun, J.-S. 1996). Ihre
Theorie vermag den Menschen keine ethische Orientierung zu geben.
Möglicherweise können in der Tat Erziehung und motivierender Unterricht einen
Beitrag dazu leisten, die Angst und den Ekel vor Tieren abzubauen, um
umweltschützendes Verhalten zu fördern, welches zudem eine motivierende
Wirkung auf die psychische und physische Entwicklung von Kindern und
Jugendlichen haben kann. Die Aufklärung über Angst und Ekel oder Vorurteilen
gegenüber Tieren hat in erster Linie eine unterstützende Funktion, in der die
Beziehung zwischen Mensch und nicht-menschlicher Gattung beleuchtet wird.
Unmittelbare Beziehungen, insbesondere zu Tieren zielen letztlich auf eine
positive Ermutigung ab, sich der Natur schonend und pflegerisch anzunähern
(Gebhard 1994). Diese gewisse sittliche Grundhaltung eines Menschen
gegenüber der Natur soll reflektiert werden und sich in den pädagogischen
Lernprozessen niederschlagen.
Hieraus wird die Frage abgeleitet, wie der Mensch die natürliche Mitwelt schützen
muß und welche Werte man im Hinblick auf die Natur festzulegen hat. Die
pädagogische Absicht erstreckt sich im Rahmen kompetenz- und
erfahrungsfördernder Lernprozesse als gesellschaftlicher Handlungsprozeß in
bezug auf den sorgsamen Umgang mit anderen Lebewesen, um die Gesellschaft
vor ökologischen Schäden zu bewahren. Sorgsamer Umgang mit Natur bedeutet
nicht einfach den Schutz der Natur. Vielmehr sollte ein Einblick in die Ganzheit
und Vielseitigkeit der Natur gewonnen werden. Dieser Aspekt spielt eine
entscheidende Rolle bei der zunehmenden Beeinflussung in Richtung auf
Kompetenz, Motivation und Interesse, wobei allerdings positive Gelegenheiten
beim Kontakt mit der Natur genutzt werden können.
Dieser Faktor wirkt ganz offensichtlich über die sinnliche Erfahrung hinaus auf
verschiedene Dimensionen der gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten,
die auch durch die Erziehung vermittelt werden und die pädagogisch aufklärend
zurückwirken. Unter diesem Gesichtspunkt gleicht ein zusammenhängendes Bild
der Natur dem eigenständigen Wahrnehmungsvermögen auf eine erfahrbare
Wirklichkeit. In einer Wertschätzung von Naturerfahrungsbereichen kommen neue
Einsichten und Perspektiven zustande, bauen sich konkrete Vorstellungen gegen
die anstehenden ökologischen Probleme auf.
169
„Aus traditioneller Sicht wird trotzdem die gesellschaftliche Krise in Korea
obendrein aus Mangel an einer Selbstbildung nicht wahrgenommen, die primär als
Medium zur Selbstentwicklung und Selbstbestimmung angesehen wird“ (Park, S.-
Y. 1983: 120). Die ökologische Krise, durch welche die natürliche
Lebensgrundlage zunehmend gefährdet wird, stellt eine permanente
Herausforderung der fundierten Auseinandersetzung mit dem unbefangenen
Verhältnis von Mensch und Natur dar. „Die Suche nach einem vertieften
Naturverhältnis ist auch eine zentrale Frage nach menschlicher Bildung zu reifer
Humanität. Sie kommt gegenwärtig im Rahmen höchst unterschiedlicher
ökologisch-orientierter Erziehungs-/Bildungskonzeptionen zu Wort“ (Mertens
1998: 199). Dies erscheint von unmittelbar wesentlicher Bedeutung hinsichtlich
einer Möglichkeit individueller Persönlichkeitsentwicklung.
Die traditionelle Naturanschauung stellt kein Sammelsurium umweltbezogener
Wertehaltungen dar und beinhaltet primär kein Verhalten, das an den
ökologischen Erfordernissen orientiert ist. Umweltrelevante
Verhaltenskonsequenzen werden vielmehr in einer vielfältigen Weise durch
theoretische und praktische Hinweise auf die Verantwortung des Menschen
gegenüber der Natur mit seiner Suche nach einem umfassenden Sinn und
Begründungszusammenhang im Hinblick auf den Schutz der natürlichen Mitwelt
wie z. B. durch das Erlebnis von Schönheit, durch Interesse und Zuwendung
angeboten. Die traditionelle Naturanschauung orientiert sich an jenem Prototypen,
dem letztendlich ein gemeinsames Wohl und eine gesellschaftliche Verpflichtung
direkt oder indirekt zugrunde liegen.
Auf der Grundlage einer integrativen Konzeption über das eindimensionale
Verhältnis von Mensch und Natur kann eine klare Vorstellung der unmittelbaren
Unsicherheit über die gegenwärtigen Plagen und Probleme der Umwelt geliefert
werden (Ro, S.-W. 1994). Die Intensität der Auseinandersetzung mit der Natur
führt dabei dazu, ökologische Zusammenhänge in vielltigen Formen
aufzugreifen und die Fülle von Gedanken und Impulsen zur Plausibilisierung der
ökologischen Gefahren zur Verfügung zu stellen. Unter der Perspektive der
traditionellen Naturanschauung gewinnt vieles an Zusammenhang, was in
integrierenden Bestandteilen bei den ökologischen Fragen erschien. Sie macht
sich nicht primär Strukturen zur sinnhaften Gestaltung und Auslegung der
170
Umweltsituation zunutze, sondern gibt Orientierungen, die das Handeln des
einzelnen unmittelbar durchdringen.
Aus diesem Blickwinkel pädagogischer Betrachtung ist es notwendig, mit Hilfe der
traditionellen Naturanschauungen die aufklärerische Konzeptuierung und
Umsetzung einer naturgerechten Entwicklung und ihre objektive
Betrachtungsweise in einer Vielfalt von langfristig angelegten Strategien und
Erfahrungen in Angriff zu nehmen, wobei das Entwerfen nützlicher Alternativen als
Formen umweltfreundlicher Bindung, abgestimmt auf eine enge Verbindung
zwischen Mensch und Natur im Vordergrund stehen muß. Vieles, was in den
traditionellen Naturanschauungen dargestellt wird, ist praktisch in der
Umweltbildung in Korea noch nicht genügend abgesichert. Es kann darum gehen,
wie einer konfliktreicheren Zukunft in bezug auf die bedrängenden
Umweltprobleme von vornherein offen ins Auge zu sehen ist und wie man sich auf
ökologische Problemlagen aus pädagogischer Sicht einzustellen hat. Die
Umweltbildung in Korea findet eine Situation vor, die grundlegender Diskussion
und Verbesserung bedarf und muß sich daher als zukunftsweisende Richtung
erweisen.
„Die grundlegende Frage nach dem Mensch-Natur-Verhältnis, also eine natur-
und kulturbezogene Selbstvergewisserung“ (Reißmann 1998: 84) und die damit
einhergehenden tradierten Sinnbezüge, die doch einen ausgesprochen
unmittelbaren Einfluß auf die Lebensbedingungen von Menschen besitzen,
werden im Rahmen unserer Schulbildung sehr marginal behandelt. Ein Grund
hierfür ist sicherlich, daß die Natur lediglich als moralischer und ästhetischer
Ausdruck betrachtet wird, bei dem unter anderem die landschaftliche Schönheit
oder Ehrfurcht hervorgehoben wird. Das Mensch-Natur-Verhältnis muß statt
dessen als unmittelbare Verbindung zu verschiedenen Faktoren gedacht werden,
in denen sich gesellschaftliche Strukturen widerspiegeln.
Es scheint auch so, als ob tendenziell die traditionellen Naturanschauungen im
Erziehungsbereich ausgeblendet werden. Das zu beobachtende Defizit
hinsichtlich der subjektiven Wertschätzung ihrer Naturerfahrungen und
naturnahen Lebensweise muß im Rahmen einer zukunftsoffenen Konfiguration
behoben werden. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Mensch-Natur-
Verhältnis erweist sich bei ökologischen Fragen als besonders wichtig, da
171
angemessene ökologische Belange mit konkreten Auswirkungen auf die durchaus
funktionierende Realität kritisch reflektiert werden. Die gewonnenen Erkenntnisse
werden so zur Optimierung in vielfältigen Formen inhaltlicher Konzepte sinnvoll
genutzt, die durchaus auf umweltgerechtes Verhalten abzielen.
Traditionelle Naturanschauung richtet sich darauf, daß erstens ein
ausgewogeneres Konzept des Natur-Mensch-Zusammenhanges hinsichtlich der
Wahrnehmung und der damit verbundenen Gefühle sowie Werthaltungen durch
Anschaulichkeit und handelndes Lernen sorgfältig zu analysieren und
durchzuführen ist,
- daß dabei zweitens die Grundlage einer zweckorientierten Konzeption zu entwickeln
ist
- und daß drittens dieses nur auf der Grundlage einer didaktischen Bestimmung des
Zusammenhangs von Ziel-, Inhalts- und Methodenentscheidungen möglich ist.
Dabei werden immer wieder Konkretisierungen sichtbar, in denen die zu
erwerbende Kompetenz und das Wissen in problemorientierten Kontexten
hinsichtlich der ökologischen Frage genutzt werden. Umweltbildung als
zielgerichteter Veränderungsprozeß, in dessen Verlauf die Gesellschaft die
Herausforderung über die Umweltprobleme durchaus wahrnimmt, resultiert unter
anderem aus der wachsenden Einsicht, daß sie eine zielgerichtete Form der
konstruktiven Alternativen über die gegenwärtigen Plagen und Probleme der
Umwelt darstellt, d. h. die Befreiung aus der Sackgasse der ökologischen
Rückständigkeiten (Choi, S.-J. et al. 1997; Nam, S.-J. et al. 1994; Mertens 1989).
Diese Rückständigkeiten weisen darauf hin, daß das Umweltproblem in den
letzten Jahren insbesondere in der Schule nicht ausreichend thematisiert worden
ist.
Es zeigt sich dabei, daß Umweltbildung als Teil der Allgemeinbildung verstanden
wird. „Allgemeinbildung muß verstanden werden als Aneignung der die Menschen
gemeinsam angehenden Frage- und Problemstellungen ihrer geschichtlich
gewordenen Gegenwart und der sich abzeichnenden Zukunft und als
Auseinandersetzung mit diesen gemeinsamen Aufgaben, Problemen, Gefahren“
(Klafki 1993: 53). Gesellschaftlich brauchbare Allgemeinbildung hat sich vor allem
hinsichtlich der positiv präventiven Dimensionen der Umweltprobleme als flexibel
172
und anpassungsfähig erwiesen (Choi, D.-H. 1991; Kim, D.-S. 1995; Choi, S.-J. et
al. 1997). Insbesondere zählt Klafki zur Umweltfrage die „epochal typischen
Schlüsselprobleme“, d. h. die in globalem Maßstab zu durchdenkende Frage nach
Zerstörung oder Einhaltung der natürlichen Grundlagen menschlicher Existenz
und damit nach der Verantwortbarkeit und Kontrollierbarkeit der wissenschaftlich-
technischen Entwicklung (Klafki 1993: 58).
„Immer wieder werden pädagogische Maßnahmen zur Lösung gesellschaftlicher
Probleme aller Art angemahnt und in der Regel mit hohen
Wirksamkeitserwartungen bedacht“ (Reißmann 1998: 87). Die grundlegende
Vorstellung, daß die Erziehung und Bildung nicht nur dazu dient, die traditionellen
Werte und das gesellschaftlich verfügbare und rationale Wissen an Einzelne zu
überliefern, sondern auch Kritik an gesellschaftlichen Widersprüchen und den
daraus entstehenden Problemen zu ermöglichen, ist ein aufklärerischer Aspekt,
dem im wesentlichen aufgrund seines spezifischen gesellschaftlichen Beitrags ein
konkret praxisbezogenes Veränderungsmodell zugrunde gelegt werden soll. Es
muß daher in diesem Sinne die Aufgabe der Bildung sein, auf ein durchaus
weiterhin aktuelles Thema wie z. B. die ökologische Krise angemessen zu
reagieren und die damit einhergehende pädagogische Verantwortung
wahrzunehmen.
Das unmittelbare und zu verfolgende Ziel traditioneller Erziehung hinsichtlich der
Natur in Korea bestand hauptsächlich darin, der lokalen Bevölkerung das tradierte
Wissen über den Schutz und die Nutzbarkeit von Pflanzenarten zu vermitteln. Im
Zuge der unerbittlichen Modernisierungs- und Beschleunigungsprozesse wurde
und wird die Naturerziehung völlig überschattet, so daß eine überzeugende
Vorgehensweise und die Einführung der Umweltbildung auf den verschiedenen
Ebenen vorerst kaum zu bewältigen sind. Denn sie wurde nicht als konstruktive
Alternative ins Spiel gebracht, obwohl sie sich im Rahmen eines als ökologisch
sinnvoll erachteten Zieles in der Gesellschaft durchaus umsetzen ließe, da sie
eine allgemeine öffentliche Ausrichtung als Aufklärungsformel für den
beabsichtigten Schutz und die planmäßige Erhaltung natürlicher Bestände
impliziert. Aber es hieß, sie sei nicht mehr zeitgemäß und nicht in der Lage, sich
den veränderten Rahmenvorstellungen unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit
anzupassen. Mit Blick auf künftige Perspektiven einer Umweltbildung wäre es
geboten, die Wahrnehmung der traditionellen Naturerziehung nicht durch die
173
Vermittlung der umweltrelevanten Fertigkeiten zu verstellen. Die Versuche, die
zielgerichtete Umweltbildung durch verschiedene gesellschaftliche Bedingungen
in den Griff zu bekommen, laufen in aller Regel darauf hinaus, die
umweltrelevanten Bezugsdimensionen und die gesellschaftlichen
Herausforderungen zu verdrängen.
4.2 Rückständigkeiten in der umweltpädagogischen Aufklärung
Die Umweltfragen in Korea, die bislang noch niemand befriedigend zu lösen
vermocht hat, sind dadurch in der gesellschaftlichen Atmosphäre geradezu
spürbar, so daß sie zugleich als Gegenstand der Erziehungsprobleme
zwangsläufig in den Vordergrund drängen. Sie weiten sich durch die zunehmende
Globalisierung aus. In allen wissenschaftlichen Bereichen sogar in der Pädagogik
sind zwar innovative Anstöße zum Umdenken und zu anderem Verhalten
gegenüber der Umwelt erkennbar, und die Menschen selbst sind sich dieser
Problematik in zunehmendem Maße bewußt, aber eine fortwährende Ausbreitung
und Intensivierung in Anbetracht der wachsenden Bedeutung der Umweltbildung
in der Öffentlichkeit scheint nur in sehr langsamem Tempo voranzugehen.
Es herrscht von außen immer die zwingende Forderung der langfristigen
gesellschaftlichen Notwendigkeiten, die Umweltbildung einer gegenwärtigen und
insbesondere künftigen Entwicklung zu realisieren. Aber es gibt offenbar so wenig
bildungspolitischen Willen und Innovation, die ausschlaggebend dafür wären,
integrierte Umweltbildung in Angriff zu nehmen. Die erstrebten pädagogischen
Ansprüche, Verbindlichkeiten und Intensitäten schwanken erheblich (Choi, D.-H.
1991; Nam, S.-J. 1994 et al.; Choi, S.-J. et al. 1997), denn es fehlt sowohl an
einem operativen Konzept, als auch an einer Form der institutionalisierten und
organisatorischen Einbindung.
Wenn es hierbei um die pädagogische Aufklärung in der Schule und die damit
verbundenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geht, dann treten die immer
wieder deutlich zutage tretenden Rückständigkeiten auf, die überwunden werden
müssen. Es ist klar, daß über das Manko der gegenwärtigen Rückständigkeit der
umweltpädagogischen Aufklärung und ihre Unentrinnbarkeit zwischen dem
174
Erziehungsystem und seinen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
pädagogische Sichtweisen behandelt werden sollen.
Betrachtet man nunmehr die ökologische Rückständigkeit in der Schule genauer,
so ergeben sich in erster Linie die folgenden negativen Problemkonstellationen.
1. Fehlende Anreize und Motivationsschübe, sich mit ökologischen
Fragestellungen in der Schule auseinanderzusetzen
2. Fehlende Strukturen von Organisationsformen und der darin stattfindenden
Entwicklung, die kaum für aufklärende Prozesse ausreicht.
3. Ungenügende Ausbildung und Fortbildung von LehrerInnen, die unverzichtbare
Bedingung für eine Intensivierung der Umweltbildung sind.
Zu 1
Zwei für diesen Zusammenhang kennzeichnende Merkmale sind: keine
überzeugenden theoretischen Ansätze und die damit verbundene konsequente
Umsetzung in entsprechende Unterrichtspraktiken einerseits, andererseits keine
konsensfähigen Ziele über die allgemeinen pädagogischen Möglichkeiten im
Umweltunterricht, um ökologisch indizierte Verhaltensänderungen und
Fähigkeiten der Schüler zu begünstigen. Es gibt Indizien, daß die Maßnahmen,
die sich auf eine Bewältigung der Gefahren der mit dem technischen Fortschritt
aufgeworfenen ökologischen Probleme beziehen, nur in unzureichendem Maße
ergriffen werden (Nam, S.-J. et al. 1994: 41).
Diese Problematik existiert hauptsächlich im bestehenden Erziehungssystem
Koreas. Es ist immer davon ausgegangen worden, daß Lernen „Aufnehmen und
Speichern von fachspezifischem Wissen und Fertigkeit“ sei. Gemäß dieser
Sichtweise richtet sich Bildung vor allem auf die mehr oder weniger intellektuell-
kognitive Dimension (Wissen, Einsicht usw.). Sie orientiert sich nach wie vor am
Ergebnis eines stark sozialen Ausleseprozesses für den erstrebten Zweck in der
Gesellschaft und unterliegt fast ausschließlich dem Prinzip des ohnehin
leistungsorientierten Konkurrenzkampfes in einem scheinbar unabänderlichen und
stets härter werdenden Wettbewerb. Das leistungs- und qualifikationsbezogene
175
Selektions- und Beurteilungsprinzip ist zumindest ein verbreiteter normativer
Wertmaßstab in der Schule.
Leistung spielt bei dem Auslesekriterium oder dem Bewertungssystem eine immer
größere Rolle. Sie ist fast ausschließlich durch Noten und Zeugnisse zu
Aufnahmeprüfungen an der Universität und Tests gekennzeichnet, d.h. bei der
schulischen Leistung wurden im wesentlichen eine Reihe von funktionellen
Bezügen und Qualifizierungen in den Vordergrund gestellt. Die durch das
Leistungssystem bewirkte Konfiguration des Bildungswesens hat auch neue
gesellschaftliche Verflechtungen mit sich gebracht. Denn der Unterricht orientiert
sich weder an Motivationen, Bedürfnisdispositionen und Interessen der Schüler,
noch an inhaltlicher Vielfältigkeit und Kreativität. Vielmehr entsteht eine starke
Konkurrenz zwischen Schülern.
Gerade die immer deutlicher werdenden Entwicklungstendenzen von
Leistungsmaßstäben spitzen sich zu einem Hemmnis der freien Lernentfaltung
und einer großen Angst vor Prüfungen zu. Zunehmend werden Schüler mit einer
prinzipiellen Priorität des Leistungssystems hinsichtlich zukünftiger
Lebensentwürfe konfrontiert. Es liegt auf der Hand, daß die Betonung der
Leistung in den ökonomischen Sektoren unausweichliche Folgen für die
schulischen Bereiche hat. Dementsprechend gehen mit der Anpassungsfähigkeit
an technologische und strukturelle Bedingungen vorwiegend bestimmte
ökonomische Systeme einher. „In den modernen technisch hochentwickelten
Industriegesellschaften scheint aber die Funktion von Bildung ganz wesentlich in
der Anpassungsleistung an den technologischen Wandel und in der
Selbststärkung von Individuen zu bestehen“ (Apel 1997: 41). Es fehlt demnach
schon immer an einem sozialen und psychologischen Lernpotential hinsichtlich
Selbständigkeit und Kooperation sowie an einer Kritikfähigkeit, die man in der
Schule sehr wohl entwickeln kann.
Der Unterricht in der Schule vermittelt im allgemeinen Wissen, Kenntnisse und
Fähigkeiten und ist in Korea von Zwängen und Belastungen eindimensionaler
Anforderungen einseitiger Einpaukerei noch immer entscheidend geprägt. Im
Unterricht legt man Wert auf das, was hilft, Probleme richtig zu erkennen, sich
Gedanken über die Lösungen zu machen. Es geht hier darum, wie sich Anreize
und Motivation bei den Schülern im Unterricht herbeiführen lassen, um so ihre
176
Kompetenz und Entwicklung im besonderen zu entwickeln, die die Voraussetzung
für Selbstentfaltung und Selbstbestimmung schaffen. Leider wird die vielfältige
Funktion der Schule durch die Einengung auf benotete fachliche Lernleistungen
ignoriert, obwohl im besonderen Maße Selbständigkeit, Phantasie und
Zusammenarbeit mit den anderen Schülern sowie die eigene
Verantwortungsübernahme zunehmend gefragt sind. Daraus ergibt sich eine für
umwelterzieherische Belange negative Form, die von vornherein das ganzheitliche
Lernen behindert.
Zu 2
Empirischen Untersuchungen zufolge wird eine unabdingbare Notwendigkeit, der
Umweltbildung explizit leitende pädagogische Zielsetzungen und
Handlungsvollzüge zuzuschreiben, in allen gesellschaftlichen Ebenen durchaus
konstatiert, wobei immer noch trotz veränderter Anforderungen in der
pädagogischen Praxis mehr oder weniger altbekannte häufig anzutreffende
Bildungsbedingungen im Mittelpunkt stehen. „Es besteht der Eindruck, daß die
verschiedenen politischen Initiativen und Beschlüsse eher eine symbolische
Funktion haben, als daß mit ihnen ernsthaft die Absicht verfolgt wird,
Umweltbildung auf den verschiedenen Ebenen und in den unterschiedlichen
Bereichen auch tatsächlich konkret werden zu lassen“ (Bolscho/Michelsen 1997:
81).
„In the 6th curriculum that will be implemented from 1995, `Environment` subject
was decided as a separate subject for optimal subjects in secondary schools“
(Choi, S.-J. 1995: 166)18. Trotz der Deutlichkeit und Verbindlichkeit solcher
gesellschaftspolitischen Entscheidungen ist die Umweltbildung in der Schule nur
18 Ebenso wie die Ziele und Gegenstände der Umweltbildung der 6. Revision der koreanischen
Lehrpläne unterstützen auch die meisten Länder die Ideen zur Entwicklung zu
verantwortungsvollem Umweltverhalten, um die Qualität der Umwelt und des menschlichen Lebens
zu verbessern. Die meisten Gegenstände der Lehrpläne und Textbücher formaler Bildung sind in
Korea darauf gerichtet, Umweltwissen zu vermitteln und Umweltbewußtsein zu entwickeln, und
einige Gegenstände formulieren Werte und Haltungen in bezug auf die Umwelt, aber nur ein paar
beziehen sich auf Handlungen, um die Umwelt zu schützen (Choi, S.-J. 1995; Kim, K.-O. 1999).
177
oberflächlich durchzuführen. Denn das Fach „Umwelt“ war von der
Aufnahmeprüfung an der Universität ausgenommen worden, so daß in der Schule
lediglich anderen wichtigen Fächern (wie z.B. Koreanisch, Fremdsprachen oder
Mathematik) eine große Bedeutung zukommt. Der Ökologieunterricht ist lediglich
ein Wahlfach. „Zeitknappheit, wenig flexible Organisation und stoffliche
Überlastung sowie Selektionsdruck“ werden als wesentliche Ursache mangelnder
Durchführung der Umweltbildung angesehen (Bolscho/Michelsen 1997: 16). Das
hat zur Folge, daß die Umweltbildung für die zu bewältigende pädagogische
Aufgabe offensichtlich sowohl qualitativ als auch quantitativ nach wie vor nicht
ausreicht, um auf die ökologische Frage und deren Bearbeitung adäquat zu
reagieren. Dazu ist noch zu bemerken, daß die benötigte Autonomie von Lehrern
durch die Schulaufsicht im großen Umfang beschränkt wird.
Die Schule zieht die Konsequenz aus der nicht bezweifelte Tatsache, daß man
Schulen nicht von oben steuern kann, sondern daß sie die Freiheit brauchen,
selbstverantwortlich zu handeln. In dem Maße, wie die Umweltbildung zur
Bewältigung der Umweltproblematik immer notwendiger wird, nimmt entsprechend
die Zahl der ökologisch ausgerichteten Einrichtungen zu, die es ermöglichen,
sowohl für die Aufklärung der Umweltsituation, als auch für die nachhaltige
Unterstützung der Bildungsprogramme einzutreten. Vertiefende Vernetzungen der
verschiedenen Einrichtungen und die Koordination geeigneter Netzwerke wie z.B.
durch Workshops, Seminare und Tagungen etc. sind unverzichtbar, um vermehrte
Erfahrung zwischen Lehrern über ökologische Gedanken und Materialien
auszutauschen und aufzuzeichnen, sowie den Verschlechterungen oder
ausbleibende Verbesserungen der pädagogischen Qualität der Umweltbildung in
der Schule entgegentreten.
Diese Maßstäbe sollen langfristig auf verstärkte Aktivitäten in allen
Bildungsbereichen vielfältig angelegt sein. „Um der Forderung vernetzter
Bildungsinhalte gerecht werden zu können, müssen Einrichtungen untereinander
kooperieren, um ihre gegenseitigen Stärken ergänzend in eine gemeinsame
Angebotspalette zu werfen“ (Apel 1997: 44). Diese ausgebaute Kooperation der
verschiedenen Einrichtungen wird aus unterschiedlichen gesellschaftlichen
Feldern für eine ökologische Fragestellung erarbeitet und für eine
178
qualitätsorientierte Strategie für den Bereich der Umweltbildung in einen
unmittelbaren Wirkungszusammenhang aufgebaut.
Zu 3
Zwar nimmt die Aus- und Fortbildung der Lehrer bezüglich Umweltbildung einen
immer wichtigeren Platz ein, ist aber dennoch in Korea unterrepräsentiert. Dies
erfordert einerseits durch die maßgebliche Bedeutung der Lehrer und Ausbilder
bei der Umsetzung der curricularen Vorgaben den Wissensvermittler und
andererseits durch die hohen inhaltlichen und methodischen Erwartungen an
„gute“ Umweltbildung einen Ausbildenden, der bereits entsprechende
Qualifikationen besitzt (de Haan et al. 1997: 34). Den Lehrern fällt also die
wichtige Aufgabe zu, „auf die Gestaltung von Lernprozessen, die Auswahl der
Bildungsinhalte und deren konkrete Behandlung im Unterricht in der Schule
entscheidend zu beeinflussen“ (Der Rat von Sachverständigen für Umweltfragen
1994: 165).
Das Problem liegt nicht zuletzt darin, daß Lehrer in Korea im Bereich der Umwelt
nicht regelmäßig ausgebildet oder kaum mit Aspekten der Umweltbildung
konfrontiert werden. Daher werden sie nur in beschränktem Maße im Hinblick auf
den Umweltunterricht tätig, weshalb sie offensichtlich Schwierigkeiten haben,
stärkeres Engagement bei der Umweltbildung zu zeigen. Der einzelne Lehrer führt
meistens eine verbal-problemorientierte Behandlung von Umweltthemen durch,
wobei vor allem die Schüler ohne kritische Auseinandersetzung mit den
Unterrichtsinhalten Kenntnisse und Fertigkeiten aufnehmen, während die
didaktischen Kriterien der für die Umweltbildung richtungsweisenden
Ansatzpunkte über Situations-, Handlungs-, System- und Problemorientierung nur
wenig berücksichtigt werden. Dies ist nicht geeignet, „dem Schüler Gelegenheit zu
geben, die Handlungen, die ihm seine Eigenschaften erschließen, am
Gegenstand selbst auszuführen“ (Aebli 1983: 107).
Ein nicht zu unterschätzendes Problem liegt zweifellos darin, daß der übliche 45-
Minuten-Takt im Unterricht hinsichtlich des Interesses der Schüler und ihrer
praktischen Handlungsformen oft nicht sinnvoll ausgeschöpft werden kann. Die
Form des einseitig lehrerzentrierten Unterrichts nach schematischem Frage-
Antwort-Muster ist „monoton, phantasielos und einseitig auf den Kenntniserwerb
179
und die Vermittlung intellektueller Fähigkeiten ausgerichtet“ (Meyer 1988:134). Es
kann ohnehin behauptet werden, daß Gruppenarbeit, vielfältige Kooperationen
und die Besinnung auf gesellschaftliche Verantwortung in der Schule in den
Hintergrund tritt, womit also diejenigen Funktionen, in denen Unterricht vermittelt
werden sollte, gerade nicht konkret verwirklicht werden. „Der Klassenlehrer ist
diejenige Bezugsperson für die Schüler, der in besonderem Maße Vorbild- und
Erziehungsfunktion zukommt. Es ist deshalb das eigene Verhalten, durch
Hinweise und Aufklärung sowie durch pädagogische Gespräche und
gemeinsames Handeln so auf die Schüler einzuwirken, daß sie die weitreichende
Bedeutung der Erhaltung ihrer Umwelt für die Zukunft begreifen und sich bewußt,
emotional und aktiv für sie einsetzen“ (Bolscho/Eulefeld/Seybold 1994: 21).
Die oben genannten Rahmenbedingungen an den Schulen erschweren einen
systematischen umweltbezogenen Unterricht. All diesen Umständen liegt die
Annahme zugrunde, daß die Rückständigkeit durch verschiedene strukturelle
Defizite gekennzeichnet ist, d.h. daß Umweltbildung in geeigneteren inhaltlich-
methodischen Ansätzen, optimierenden Organisationen und einer verbesserten
Ausstattung der Schulen mit Lehr- und Lernmaterialien bestehen sollte, die dann
sowohl die Anreizstruktur als auch die damit einhergehenden
Wirkungsmöglichkeiten schaffen.
Im übrigen scheint es schlicht unmöglich zu sein, die unterschiedlichen
Zugrichtungen zu koordinieren und wichtige Impulse zum eigenverantwortlichen
Lernen in der Schule zu ermöglichen. Dieses ist dadurch gekennzeichnet, daß
eine objektive Zielsetzung für Umweltbildung zur Zeit nicht ausreicht, die
bestehenden Probleme befriedigend zu bewältigen. Eine Verminderung der
„Skepsis gegenüber institutionellen Barrieren“ für die Durchführung der
schulischen Umweltbildung sollte zunächst das Ziel haben, die
Rahmenbedingungen hinsichtlich der Besonderheiten ökologischer
Rückständigkeiten zu verbessern (Bolscho/Seybold 1996: 128). Das
pädagogische Programm der umweltpädagogischen Aufklärung muß strukturiert
und reflektiert werden, bedarf ausdrücklich einer weitgehenden Neugestaltung
über Lerngegenstand, -prozeß und -ziel.
Diese von Zweifeln und Skepsis gekennzeichnete Einstellung der Schule zur
Umweltbildung hat sich im wesentlichen in den letzten Jahrzehnten
180
herauskristallisiert. Konfrontiert man die Verminderung der ökologischen
Rückständigkeiten in der Schule mit den instrumentalen und institutionellen
Rahmenbedingungen, dann wird deutlich, daß die oben genannten drei
Problemkonstellationen weit weniger geeignet sind, den ökologischen Ansprüchen
und deren besonderer Verantwortung gerecht zu werden. Verfolgt man jedoch die
oben genannten ökologischen Rückständigkeiten in der Umweltbildung, so
gelangt man zu dem logisch zwingenden Schluß, daß sich folgende
Konsequenzen und Begründungen für ihre Förderung ergeben:
1. Umweltbildung als zukunftsorientierte und nachhaltige Aufgabe zu betrachten, ist die
grundlegende Basis für die Schule und andere Institutionen der Gesellschaft.
2. Indem Umweltbildung die bereits bestehenden pädagogischen Marginalisierungen
und den damit einhergehenden defizitären Charakter in verschiedener Hinsicht in
Frage stellt, sollen offene und flexible Lernangebote und verbindliche Lernkurse in
den umweltpädagogischen Aufklärungsprozeß in einem erheblichen Maße
einbezogen werden.
3. Eine dauerhafte Kooperation zwischen Schule und außerschulischen Einrichtungen
sowie Umweltorganisationen sollte im Rahmen der Umweltbildung auf verschiedenen
Ebenen fest verankert und herausgebildet werden, wobei eine entsprechende
Ausgestaltung insbesondere im Bereich der Konzeptionen und Problembezügen
besser koordiniert wünschenswert wäre.
Außer den oben genannten Erwägungen, die eine primäre Voraussetzung
erfüllen, pädagogische Anstrengungen für die besondere Förderung von
grundlegender Umweltbildung einzusetzen, sollten auch mehr Engagement,
Interesse und verankerte Bewältigungsstrategien auf gesellschaftlicher Ebene
nicht außer acht gelassen werden. Das heißt, es muß eine bessere Abstimmung
zwischen den pädagogischen Orientierungen und den gesellschaftlichen
Anforderungen und Bedingungen geben, um die integrierten Konzepte und die
ihnen entsprechenden kontextorientierten Strategien aus den Bereichen
Umweltbildung konsequent zu entfalten.
Die Verstärkung der entsprechenden Richtlinien für humanitäre Ziele wie z.B.
Mündigkeit und Verantwortung führt fast regelmäßig dazu, daß die veränderten
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im alltäglichen Leben tatsächlich neu
gestaltet und ermöglicht werden. Insofern sind solche gesellschaftlichen Faktoren
mit der fortschreitenden Rationalisierung der spezifischen Denkform unmittelbar
181
verbunden, um durch verschiedene dauerhafte und grundlegende Strukturen
pädagogisch wirksam werden zu können.
Resümiert man den gegenwärtigen Stand der Umweltbildung, so läßt sich
folgende Entwicklung beschreiben: zwar wurde die Schule in den letzten
Jahrzehnten als Gestaltungsort für die Umweltbildung zunehmend wichtiger, dabei
trat allerdings ihre Rolle und Aufgabe zugunsten leistungsorientierter Anpassung
von Schülern und Lehrern in den Hintergrund. Die Umweltbildung kann daher
„nicht von außen oktroyiert werden, sondern sie muß sich vor dem Hintergrund
der Tradition und Interessen der Betroffenen selbstbestimmt entwickeln“
(Bolscho/Michelsen 1997: 21).
Die oben dargestellten Ausführungen werden der wachsenden gesellschaftlichen
Bedeutung für Umweltbildung in Korea nicht gerecht und als „strukturell defizitäre
Faktoren“ eingeschätzt. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Schulische oder
außerschulische Einrichtungen müssen sich wieder stärker für unmittelbar
ökologische Problemzusammenhänge engagieren, so daß ihre Aufgabe und die
sich vollziehende Entwicklung in einer ganz bestimmten Weise wahrgenommen
wird.
Insgesamt wird deutlich, daß die Verantwortung für die Entwicklung und
Umsetzung von umweltrelevanter Aufklärung nicht allein von den Schulen
getragen, sondern von verschiedenen Trägern übernommen wird. Entscheidend
in diesem Zusammenhang aber ist es, daß Rahmenbedingungen in praktischer
und organisatorischer Hinsicht wesentlich verbessert werden, wodurch es gelingt,
die Umweltbildung als eine zielgerichtete und zukunftsorientierte Bewegungskraft
gegenüber ökologischen Gefährdungen anzusehen. Es soll damit besonders
verdeutlicht werden, daß durch das Inhaltsspektrum, durch die didaktische
Planung des Unterrichtsprogramms und den Zeitanteil usw. die erstrebten
pädagogischen Ansprüche erfüllt werden sollen, um langfristig eine breitere
Umweltbildung in der Schule konsequent zu realisieren.
Auf einen ersten Blick in die Zukunft erscheint es sinnvoll und notwendig, daß
nicht zuletzt infolge veränderten gesellschaftlichen Problembewußtseins
Umweltbildung keine periphere Angelegenheit in der Schule werden darf und die
kritisch orientierten Momente nachhaltig sein müssen, wenn sie von einer
182
gemeinsamen Vorstellung dessen getragen werden, was zukunftsträchtige
Entwicklungen in der nachfolgenden Generation erbringen sollen. Deshalb muß
gefragt werden, welche verbindliche Antwort auf die ökologische Herausforderung
gegeben werden kann, wie es die vielschichtige Situation erfordert, um
Umweltbildung als treibende soziale Kraft in sehr viel stärkerem Maße
durchzusetzen und nicht zuletzt dabei eine zunehmende Akzeptanz der
ökologischen Erneuerung in der Gesellschaft auf unmittelbar nutzbare Weise
aufbauen zu können. Doch dieser generalisierende Allgemeinplatz muß
konkretisiert und in der Praxis im Rahmen der Möglichkeiten praktischen
Handelns umgesetzt werden, um den beabsichtigten Effekt oder die gewünschten
Orientierungen unmittelbar erzielen zu können.
Als Grundlage der Innovationsfähigkeit und Praxisnähe ist beispielsweise das
didaktische Konzept insbesondere auf konkreter Ebene ein unerläßliches
Instrument, um das immer wieder deutlich zutage tretende Defizit mehr oder
weniger zu beheben. Innovative Ideen und theoretische Entwürfe sind
unumgänglich, aber sie reichen nicht aus, um auch die Vielschichtigkeit der
Umweltsituation in den Fächern zu sensibilisieren. Vielmehr geht es darum, wie
sie in einen analytisch-synthetischen Zusammenhang konstruktiv umgesetzt
werden.
4.3 Verarbeitung durch die Inhaltsanalyse didaktischer Konzepte
Dieser Abschnitt befaßt sich mit der Inhaltsanalyse unter besonderer
Berücksichtigung von Komplexität und Vernetzung in der schulischen
Umweltbildung. Ziel dieses Abschnittes ist es, die kritischen Überlegungen
vorzustellen, die zu besseren Möglichkeiten der Durchsetzung von Umweltbildung
angestellt werden. Dies ist besonders in der Schule wichtig, um bei den
Umweltfragen nicht im Vorfeld politisch motivierter Emotionen stecken zu bleiben,
sondern um sich in besonderer Form ausschließlich hinsichtlich verschiedener
gesellschaftlicher Situationen kritisch auseinanderzusetzen, wobei die
anzustrebende umweltbezogene Einstellung tatsächlich durch
Handlungskompetenzen und Bereitschaft stark vergrößert werden sollte.
Es geht vornehmlich hierbei darum, wie man Fortschritte in Richtung einer
unverzichtbaren Integration vom Umweltbewußtsein, -wissen und -verhalten im
183
Lernbereich erzielen kann, um die aggregierten umweltschützerischen
Handlungskompetenzen und Mitwirkungen in der Öffentlichkeit aufzubauen und
die damit verbundene entscheidende Einsicht in die gesellschaftlichen Prozesse
zu gewinnen (Eulefeld et al. 1981). Man sieht sich hierbei die anzutreffenden
Unterrichtsmethoden, -konzepte und -inhalte im Lernprozeß an, prüft, wie
anspruchsvoller Unterricht gestaltet werden könnte, also die Vermittlung von
Wissen zum Zweck der Erzeugung von ökologisch zusammenhängenden
Einstellungen und Verhaltensweisen im Rahmen eines Lehr- und Lernprozesses
zu ermöglichen. „Das Erkennen von ökologischen Zusammenhängen schließt die
Fähigkeit zur Reflexion ein, die das individuelle Verhalten wie auch das
gesellschaftliche Handeln hinterfragt“ (Bolscho/Michelsen 1997: 32f.).
Damit ist gemeint, daß eine grundlegende „ökologische Schlüsselqualifikation“ in
besonderem Maße zu fördern ist, die selbst wieder den erforderlichen Zugang zu
den für das kompetenzorientierte Handeln und die Auseinandersetzung mit der
Umwelt oder der Natur erforderlichen Fähigkeiten und Kompetenzen auf
komplexe Erfahrungsbereiche und auf Mechanismen bei der Bewältigung der mit
der Lebensführung verbundenen Probleme schafft. „Als wichtige Faktoren
ökologisch orientierter Schlüsselkompetenz sind somit Kognition, Reflexion,
Antizipation und Partizipation festzuhalten. Das Verstehen des ökologischen
Schlüsselprinzips der Vernetzung verleiht den Menschen allgemeine
Kompetenzen, die wiederum ein Beitrag zur Allgemeinbildung einer Person sind
und Einfluß auf ihre Verantwortungs- und Sittlichkeitsfähigkeit ausüben“ (Der Rat
von Sachverständigen für Umweltfragen 1994: 165). Eine ökologische
Schlüsselqualifikation spielt ohne Zweifel eine tonangebende Rolle bei der
Vertiefung ökologischer Zusammenhänge, wodurch der Primat der Kompetenzen,
für die vor allem die Schule aufkommen soll, mehr und mehr zunehmend gefragt
wird.
Für eine Inhaltsanalyse unter Berücksichtigung von Lehrplanaussagen sind nach
Klenk drei Qualifikationskriterien klassifiziert.
„1. Sachkompetenz; es geht um Wissen und Kenntnisse über die natürliche, soziale
und gebaute Umwelt, über menschliche Entwicklungen auf die Umwelt, über
Interessenkonflikte und über Möglichkeiten des einzelnen, gesellschaftlicher Gruppen
oder des Staates.
184
2. Handlungskompetenz; es handelt sich um die Verhaltensweisen und Fertigkeiten zu
politischem und individuellem Handeln, sowie zur Gestaltung der eigenen
Lebensweise.
3. Fundamentalkompetenz; hier sind Wertschätzungen der Umwelt und Fähigkeiten zur
kritischen, moralisch-religiös-ethischen Reflexion und Innovation im Umweltbereich
angesprochen“ (Klenk 1987: 143).
Diese Kompetenzen sind im wesentlichen als ein besonderes Kriterium einer
Prägung ökologischer Orientierung anzusehen und in einer entsprechenden
Situation reflexiver Wahrnehmungen durchzuführen, die sich im Umgang mit
Risiko und Unsicherheit kritisch, konstruktiv und aktiv auseinandersetzen. Sie
müssen in einer zukunftsorientierten Vision eingebunden werden, die auf einem
ausschlaggebenden Faktor von vornherein die Möglichkeit einer Lösung im Blick
auf ökologische Zusammenhänge zur Verfügung stellt. Der oben genannten
Methodenvielfalt im Rahmen eines Unterrichtsprozesses muß deshalb ein
besonderer Stellenwert beigemessen werden.
Die Ausgangsfrage ist, welche Pläne auf die Konkretisierung im didaktischen
Konzept eines Unterrichtes, der die Schüler stärker motiviert und den Spaß am
Lernen erhöhen kann, niedergelegt werden sollten. Zur Struktur einer guten
inhaltlichen Ausrichtung gehört, einen einsichtigen und nachvollziehbaren Aufbau
als ein entscheidendes Kriterium in systematischer Weise zu verfolgen. Die
optimalen Bedingungen und institutionellen Aspekte eines systematischen und
inhaltlichen Konzeptes der Umweltbildung bedeuten, die sachlichen
Zusammenhänge und die damit verbundenen Interessen mit unterschiedlichen
Motiven bezüglich eines maximalen Wirkungserfolges kontinuierlich zu
artikulieren. Sie stellen didaktische Maßnahmen dar, die ein wirkungsvolles Mittel
zum sinnvollen Unterricht weisen können, um den wachsenden Erfordernissen
gerecht zu werden und Problemen begegnen zu können. Dabei ist von
vielfältigem Interesse, wie die für die schulische Umweltbildung geforderte
Interdisziplinarität und fachübergreifendes Lernen im Hinblick auf verschiedene
Zielsetzungen und Programme berechtigterweise Anforderungen an die Schule
stellen.
Prägende Beispiele können im Comenius Werk „Große Didaktik“ gefunden
werden. In der Überschrift „Die vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren“
185
hat er deutlich formuliert, wie Menschen gelehrt werden sollen bzw. müssen
(Comenius 1970). Nachdrückliche Anstrengung der Didaktik ist es vor allem, den
Gegenstand logisch, auf die Lösung des Problems bedacht, mit geeigneten
Mitteln anzugehen und sich auf ein systematisches Konzept im Unterricht zu
stützen, wobei ein durchgängiges Prinzip der Optimierung und Effektivität von
Lern- und Lehrvorgängen herangezogen wird.
Ein vom Korean Education Development Institute unten dargestellter Katalog gibt
einen Überblick von situativen und pragmatischen Kontexten in bezug auf Koreas
Umweltbildung, wobei er von der Grundschule bis zur Oberschule in
grundlegender Basis angewandt worden ist (Kim, K.-O. 1999). Es wird zunächst
versucht, die im Rahmen dieser bestehenden Umweltthemen und der dort
angesiedelten thematisch-inhaltlichen Schwerpunkte aufzustellen, um sich dann
mit ihren Zusammenhängen kritisch auseinanderzusetzen, ob diese thematisch-
inhaltlichen Ansatzpunkte in der Schule angemessen sind.
Ein Katalog von inhaltlich-thematischer Schwerpunktsetzung für Umweltbildung in
der Schule
Themenbereich Inhalte
natürliche Ökosysteme natürliche Bestandteile verschiedener
Ökosysteme, geographische Lage
anthropogene Ökosysteme Lebensräume, Verkehr/Kommunikation, Freizeit
und Erholung, Flächenutzung
demographische Aspekte Bevölkerungswachstum/-entwicklung, wachsende
Mobilität, Verteilung und Probleme sowie
verbindliche Maßnahmen der Bevölkerung
Industrialisierung und
Urbanisierung
industrielle Vorgänge und relevante
Problemstellungen sowie die damit
einhergehenden Urbanisierungsprozesse
Ressource Industrialisierung und Verschluß der natürlichen
Ressourcen
Problembereiche der
Umweltbelastung
Wasser, Boden, Luft, Lärm, Nahrungsmittel,
Abfall, radioaktive Gefährdung
Schutzbereich allgemeiner Umweltschutz, ökologisch
ausgerichtetes Handeln im Alltag
Maßnahmenbereich lokale, regionale und nationale sowie globale
Probleme der Umweltschutzmaßnahme
Umwelthygiene gesundheitliches Gefährdungspotential durch
Umweltbelastungen und Krankheit
186
Die oben genannten Bereiche und Inhalte weisen folgende Schwachstelle auf:
(a) Sie sind sehr abstrakt, undifferenziert und oberflächlich dokumentiert, d.h., sie
beziehen sich lediglich auf gesellschaftliche Problemstellungen und ihre
theoretischen Ausformulierungen. Durchgängig finden technisch-
naturwissenschaftliche Aspekte von Umweltproblemen des gegenwärtigen
Industrialisierungsprozesses zur Einhaltung der gesetzlichen Auflagen und
notwendigen Umweltschutzmaßnahmen bezüglich der Verantwortung des
Menschen gegenüber der Natur, während jedoch das grundlegende Mensch-
Natur-Verhältnis und dessen Zuwendung von gesellschaftlich-kulturellen
Zusammenhängen sehr unzureichend verkörpert zu sein scheint.
Um die mannigfaltigen Formen eines komplizierten Sachverhaltes deutlich
gestalten zu können, benötigt man die Hintergründe des Umweltproblems, wobei
es unterschiedliche Lernkonzepte und Organisationen für relevante
Adressantengruppen geben sollte (Mertens 1989: 49; Bolscho/Michelsen 1997).
Eine hinreichende Klassifizierung in themenspezifischen Formen kann dadurch
erreicht werden, daß in gewisser Hinsicht die inhaltliche Bandbreite sorgfältig
dargeboten wird, damit Mißverständnisse und Fallibilität sowie mögliche Irrtümer
beseitigt werden können. Eine problematisierende Bearbeitung und ausdrücklich
systematische Zusammenhänge konzeptioneller Grundlagen sollen konkretisiert
und spezifiziert werden, um thematische Schwerpunkte nach entsprechender
Folgerichtigkeit und Sachhaltigkeit, gemessen an objektiven Gegenständen und
Kontexten, herauszuarbeiten. Angestrebt wird eine verbindliche Beschreibung
einer Komplexität über die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge bei
entscheidenden Sachverhalten und Gegenständen, wobei durch einen roten
Faden die gesamten Kontexte nicht isoliert werden sollen. Den konkreten
Thematisierungen kommt hierbei eine hohe Bedeutung zu.
(b) Sie werden unmittelbar auf der Basis naturwissenschaftlicher und technisch-
ökonomischer Aspekte verfolgt. Sie lassen letztlich die politischen, kulturellen und
sozialen Einflußgrößen des Beziehungsgefüges außer acht, mit denen sich
verschiedene Umweltproblemfelder verbinden. Außer den rein technischen
Problemlösungsverständnissen im Umweltschutz sind offenbar nur selten
187
gesellschaftspolitische Bezüge und ihre unentrinnbaren Konsequenzen dargestellt
(vgl. Eulefeld et al. 1980). Ihre Inhalte und relevanten Themen werden
vornehmlich in den klassischen ökologischen Schulfächern wie Biologie, Chemie
und Geographie eingenommen (Nam, S.-M. 1991: 50; Bolscho/Eulefeld/Seybold
1994: 15). Man muß hier unbedingt auch im Auge behalten, wie die nicht sozio-
kulturellen Zusammenhänge zu reduzieren sind, um die Vielfalt und die damit
verbundene unvorhersehbare Komplexität von ökologischen Sachverhalten
angemessen zu beurteilen. Die explizite Berücksichtigung verschiedener Faktoren
stellt in diesem Zusammenhang einen wesentlichen Schritt dar.
(c) Es zeigt sich, daß offenbar in der Behandlung des inhaltlichen Aspekts meist
nur die auftretenden Phänomene in bezug auf die fortgesetzte Naturzerstörung
und Umweltbelastung sowie ihre Verschmutzungsquelle vielfach beschrieben
worden sind, wohingegen die konkrete Gestalt der Hintergründe und
Folgeerscheinungen in der verschiedenartigen Komplexität der Umwelt und deren
Verhältnis zu Unübersichtlichkeit kaum konsequent aufgegriffen wird. Die
wichtigen Aspekte ökologischer Sachverhalte und Vorgänge bleiben weitgehend
unberücksichtigt. Betrachtet man insbesondere die Themenbereiche „natürliche
und anthropogene Ökosysteme“, stellt man fest, daß wichtige Begriffe u.a.
Kreisläufe, Wechselwirkungen, ökologische Gleichgewichte oder Eingriffe in Natur
und Landschaft und Lebensansprüche“ kaum anzutreffen sind. Es soll vor allem
hervorgehoben werden, daß eine schlüssige strukturtheoretische Erklärung klar
bestimmt sein muß. Der Grund dafür ist, daß die ökologischen Funktionen immer
komplexer, spezieller und für ihren Prozeß bedeutsamer werden.
Dem Themenbereich „anthropogene Ökosysteme“ sind die Begriffe
Verkehr/Kommunikation und Freizeit/Erholung zugeordnet. Dies führt
selbstverständlich nicht zu einer angemessenen Sicht. Denn Freizeit, Verkehr und
Mobilität haben in sozialer Hinsicht hauptsächlich sowohl mit der wachsenden
Geschwindigkeit der unmittelbaren Veränderungen in den gesellschaftlichen
Verhältnissen, als auch mit dem zunehmenden Individualisierungsproz
vielfältiger Art unmittelbar zu tun. Es würde zumindest schwerfallen, das
individuelle Interesse an Freizeit, Mobilität und Verkehrsform in Anbetracht der auf
Wirksamkeit und Schnelligkeit ausgerichteten modernen Lebensverhältnisse und
der damit zusammenhängenden Prozesse reflexiver Modernisierung im
Themenbereich „anthropogene Ökosysteme“ einzubeziehen. Solche
188
Themenbereiche sind vielmehr entweder mit dem demographischen Aspekt oder
mit dem Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozeß verbunden.
Der oben beschriebene defizitäre Vollzug in den Themenbereichen ist auch
meistens von der eigenen alltäglichen Lebens- und Erfahrungswelt getrennt, d.h.
man findet kaum, daß die Interessen der Betroffenen und der gesellschaftliche
Konstitutionszusammenhang innerhalb der Lebensweltbezüge explizit bearbeitet
werden (Lee, S.-K. 1993: 53). Einer in vielfältiger Weise auf Erfahrung
basierenden alltäglichen Wirklichkeit und ihren Vorstellungen wird hohe Priorität
beigemessen, da sie bei der intuitiven Sichtweise der Wahrnehmung für die
Umweltsituation und den daraus resultierenden Dispositionen des Verhaltens der
einzelnen eine konstituierende Rolle spielen. Empirische Evidenzen deuten darauf
hin, daß alltägliche Erfahrungen mit Umwelt oder Natur in unterschiedlichen
soziokulturellen Milieus verschieden stark vertreten sind, dies ist für die Interessen
und Ideen im Unterrichtsprozeß bedeutsam. „Die spontane und situative
Auseinandersetzung mit realen Alltagsproblemen und Konflikten können größere
Lerneffekte erzielen“ (de Haan et al. 1997: 134).
Aufgefallen ist ferner, daß weder die mit dem Alltagsleben verbundenen lokalen
Themen wie z.B. Konsum, Nahrung und Lebensstile, noch ein aktuelles globales
Thema über „Sustainable Development“ in diesem Katalog in ausreichendem
Maße vorliegen (Choi, S.-J. et al. 1997: 13). Insbesondere scheint mit dem Begriff
„Sustainable Development“ eine koordinierte Form gemeint zu sein, die geeignet
ist, globale Zusammenhänge der Umweltentwicklung im Hinblick auf die
Bewältigung der gemeinsamen Zukunft der Menschen einzubeziehen
(Bolscho/Michelsen 1997: 31). Das Ziel von „Sustainable Development“ ist es, für
Umweltqualitäten zu sorgen, die nachhaltig angelegt sind, ohne die natürliche
Lebensgrundlage zu mindern. Was die wohlmeinende Maxime „Lokal handeln,
global Denken“ betrifft, so ist Korea von einem solchen Ziel weit entfernt.
Insgesamt kann man sagen, daß innovative und zukunftsweisende Funktionen,
die dauerhaft wirken müßten, sehr begrenzt sind. In sachlich konkreter Erfassung
der Themenbereiche muß man in erster Linie die jeweiligen Gegenstände scharf
trennen. Uneindeutige Zuordnung scheint hier wenig Sinn zu machen.
„Ökologische Lerninhalte sollen von verschiedenen Fächern in den
unterschiedlichen Schularten wie auch in den unterschiedlichen Schulstufen
189
systematisch verknüpft werden“ (Der Rat der Sachverständigen für Umweltfragen
1994: 172). Dabei geht es aber offensichtlich nicht nur um die Ausarbeitung der
thematischen Inhalte, sondern auch um Fragen des Unterrichtsverfahrens und der
wirksamen Umsetzung auf die Handlungsebene, welche in Hinblick auf die
Erfahrungen entwickelt werden und diese auch zu erweitern suchen.
Es muß insofern angestrebt werden, mit einer systematischen Sichtweise der
Themen auch geeignete Unterrichtsmaterialen miteinzubeziehen, die wirkungsvoll
in die Praxis umgesetzt werden können. Thematische Inhalte sollen einen
zweckrationalen „Begründungs- und Sinnzusammenhang“ einschließen, der
zumeist auch sich in den konstituierenden Bezugspunkten für die Sachlichkeit
ökologischer Bereichen in optimaler Weise darstellt, wodurch die Entwicklung
einer Kompetenz zu tragfähigen Entscheidungen stimuliert werden soll (Eulefeld
et al. 1981; Meyer 1988). Das berührt vor allem die Frage, wie Themen in
konkreten Situationen rekonstruiert werden müssen, um eine oberflächliche
Verarbeitung zu vermeiden und deren Sachkriterien gerecht zu werden.
Hier soll gezeigt werden, wie konkrete Gegenstände, Themen und Probleme im
Unterricht als zielgerichtete Vermittlung von Kompetenzen flexibel strukturiert
werden müßten. Es gibt allerdings erhebliche Unterschiede zwischen ländlichen
Regionen und städtischen Ballungsräumen hinsichtlich der Umweltbelastung, die
durchaus zu beachten sind. Es ist daher unverzichtbar, daß unterschiedliche
Interessen und Betroffenheiten im Zusammenhang mit Umweltproblemen
berücksichtigt werden. „Umweltprobleme stellen sich nach Nähe und Ferne, in der
Wahrnehmung unterschiedlich dar“ (Bolscho/Seybold 1996: 29).
Hierfür sind zwei typische Beispiele in bezug auf das Ziel der
Umweltproblembearbeitung anzuführen. Die Umweltsituation in den städtischen
Gebieten stellt sich wie folgt dar: mehr als 75% aller Schüler in Korea wohnen in
der Stadt, wo anregende sinnlich-unmittelbare Erfahrungen im Umgang mit der
Natur erheblich reduziert worden sind. Insbesondere wird bei den Städten der
Neuschaffung von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen große Bedeutung
beigemessen. Denn es ist sehr schwierig, die meisten Kinder und Schüler in
relativ naturnahen Kontakten zu finden. Der zunehmende Rückgang von primärer
Erfahrung, Kontakte und eigene Wahrnehmung der Natur und den sich daraus
ergebenden Handlungsspielräumen für Kinder oder Jugendliche muß durch
190
zielgerichtete und planmäßige Bildungsprozesse in größerem Maße kompensiert
werden. „Fehlende oder zu monotone Naturerfahrungen haben in der Tat negative
Einflüsse auf die kindliche Psyche“ (Gebhard 1994: 72). Wünschenswert wäre es
deshalb insbesondere, das Thema „Stadtökologie“ im Umweltunterricht
einzuführen, um diesen spezifischen Umweltsachlagen in den Städten wirksam
begegnen zu können.
Anders als in den Städten ist in den Dörfern oder Regionen eine starke
Abwanderung in die Städte und landwirtschaftliche Betriebe sehr aktuell. Ein
wesentliches Kernmerkmal dieses Themenbereiches in den Dörfern gründet sich
auf der Vorstellung, wie weitverbreitete Auflösungsprozesse von
Sozialzusammenhängen und die nunmehr massenhaft auftretenden ökologischen
Probleme in den ländlichen Räumen durch den Prozeß der Verstädterung oder
die Landflucht vermieden werden können, die in Korea zwangsläufig zur
Zerstörung der dörflichen Struktur und zur immer deutlicheren Herausbildung
einer enorm anwachsenden Ungleichheit führen. Die massiven sozialen
Ungleichheiten rührten aus der beschleunigten Industrialisierung Koreas seit
Anfang der siebziger Jahre.
Die mit der intensiven Nutzung des Bodens verbunden mit der Verbesserung der
Ernteerträge angelastete ökologische Frage in den Dörfern war im oben
angeführten Themenbereich von vornherein beschränkt. Bei landwirtschaftlichen
Erzeugnissen hat sich die zunehmende Verwendung von chemischen Mitteln als
eine der gefährlichsten Folgen der Umweltverschmutzung wie z.B. die
Verkarstung und Erosion des Bodens erwiesen (Yu, I.-H. 1973). Den Themen
„Einsatz chemischer Mittel zur Unkrautvernichtung und zur Insektenbekämpfung
im Reisfeld und die daraus resultierende Belastung des Grund- und Trinkwassers“
kommt in diesem Sinne ohnedies eine besondere Priorität zu. Unter diesen
Gesichtspunkten muß diese Frage mit der Auffassung von einer erlebnisbetonten
Naturerfahrung hinsichtlich menschlicher Eingriffe gegenüber der Natur
kollidieren.
Die Beobachtungen sind zudem zwischen Stadt und Dorf oder Region durchaus
unterschiedlich, insofern ein ohne Zweifel immer drängender werdendes
ökologisches Problem. Dessen verschiedene Folgenabschätzung sowie
umweltschutzrelevantes Handlungsfeld hinsichtlich seiner Erscheinungsformen
191
und deren Ursachen von vornherein zu berücksichtigen, ist um
Anwendungsdefiziten zuvorzukommen. Denn die zwei Beispiele, in denen auch
hier mehr oder weniger explizit Schüler situationsmäßige Veränderungen
hinsichtlich der Umweltprobleme begegnen und ihre komplementären
Eigenschaften aufweisen, können die verschiedenen Erfahrungen auf
charakteristische Weise beeinflussen. Es kann daher als sinnvoll angesehen
werden, daß „die lebensweltlichen Fakten und die primären Erfahrungen der
Schüler in ländlichen und städtischen Räumen im Ökologieunterricht eine zentrale
Rolle spielen“ (Eulefeld et al. 1981: 60). An den oben genannten Beispielen läßt
sich zeigen, daß spezifische Situationen unter Umständen differenziert konzipiert
werden sollten, um den Zugang zu ökologischen Wahrnehmungen und
Wirklichkeiten sichtbar zu machen. Daraus folgt, daß der Unterricht von
inhaltlichen Ausfüllungen mit ein und derselben Funktion in den situativen
Zusammenhängen variiert werden sollte. Ein wesentliches Element ist hierbei die
ausgetüftelte Rezeption, die mit den pädagogischen Implikationen und
Konsequenzen verbunden werden und ihnen gerecht werden muß.
Freilich handelt es sich dabei um eine umweltsituationsspezifische Konstruktion
und die dazugehörigen Relevanzen, die sich als geeignet erweisen, die
grundlegenden Unterschiede in besonderer Weise zu verdeutlichen (vgl.
Bolscho/Seybold 1996). Sie stellen den Versuch dar, in diesem Zusammenhang
Ursachenzusammenhänge, Hintergründe und die Konsequenzen in der gesamten
Komplexität sowie ihre fallspezifischen Erscheinungen zu erklären. „Gerade
komplexe Problemsituationen, wie bei Umweltproblemen in aller Regel der Fall,
sind nicht in einem Zugriff zu erkennen und zu bewältigen, sondern sie erfordern
Überlegungen, wie Ziele zur Lösung des Problems gewichtet werden sollen
(Auswahl von Zielen)“ (Bolscho/Eulefeld/Seybold 1994: 89). Im Hinblick auf die
Frage, wie man auf den Umgang mit Umweltproblemen einwirken soll, ist es
sinnvoll, zwischen zwei Inhaltsmodellen zu unterscheiden. Offenbar dienen beide
exemplarischen Inhaltsmodelle dazu, sich an klaren Einsichten über ökologisch
komplexe Zusammenhänge durch präzise Differenzierung und konkrete
Erfassung zu orientieren und in relevanten Umweltsituationen optimale
Alternativmöglichkeiten systematisch zu betreiben. Sie müssen somit ausdrücklich
in Anbetracht der gesellschaftlichen Umwälzungen, des Umgangs mit
wachsenden Risiken und Unsicherheiten schlechthin unentbehrlich sein.
192
Die inhaltlichen Kriterien sind bislang nur auf nationaler Ebene bezogen. Für
lokale oder regionale Inhaltsmodelle und ihre systematische Auswertung liegen
bisher wenig sachgerechte Erfahrungen vor (Hong, K.-D. 1996). Außerdem ist es
wichtig, daß es sich um eine der situationsspezifischen Aufgaben handelt, wie
alltagspraktische Erlebnisse der Betroffenen zu Erfahrungen zu integrieren sind.
Bei allgemeiner Berücksichtigung an einer umweltsituationsspezifischen
Herangehensweise fußt ein sichtbares Ergebnis im Unterrichtsprozeß. „Das
Ergebnis ist nicht bloß die Vorstellung des Vorgangs oder der Sache, sondern die
Einsicht in ihren Aufbau, das Verstehen der Beziehungen der Teile oder Aspekte
des Gegenstandes“ (Aebli 1983: 95).
In den politischen Empfehlungen und Beschlüssen sowie Initiativen wird die
Bedeutung des interdisziplinären und fachübergreifenden Lernens nachdrücklich
hervorgehoben, wohingegen es in der Umweltbildung kaum eine Rolle spielt. Man
muß hier versuchen, „kein neues Ökofach zu schaffen, sondern umweltrelevante
an bestehende Fachinhalte anzuknüpfen“ (Apel 1997: 42). Dies setzt aber voraus,
daß die Vielfältigkeit des ökologischen Problembezuges Interdizisplinarität und
fachübergreifenden Unterricht als wesentliche Bedingung für ein Gelingen
erfolgreicher Lernprozesse erfordert.
In bezug auf die ökologische Frage wird ein fachübergreifender Unterricht kaum
von großem Erfolg gekrönt, der sich auf eine Vertiefung und Bereicherung
ökologischen Wissens und Fertigkeiten auf niedrigem Niveau beschränkt (Choi,
D.-H. 1991). Interdisziplinäre Kooperation und fachübergreifende Arbeiten
machen in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit deutlich, die gesamten
komplexen Sachverhalte in konstruktiver Weise bei heutigen Umweltproblemen
durch „eine mehrperspektivische Betrachtungsweise“ von Inhalten, Situationen
und gesellschaftlichen Prozessen zu erfassen und bewerten zu können (de Haan
et al. 1997: 162). Solange das nicht geschieht, wird eine Umweltbildung wenig
ausrichten. Ihre Aufgabe wird es sein, „die Sichtweisen verschiedener Fächer
verschiedener Traditionen und verschiedenen Erfahrungsweisen auf die
Betrachtung komplexer Sachverhalte anzuwenden. Mit diesem Ansatz auf
Mehrperspektive bleibt das Risiko einer oberflächlichen Phänomenologie relativ
gering“ (Bolscho/Seybold 1996: 134).
193
Die Relevanz von wesentlichen Inhalten, Themen und Funktionen in der
Umweltbildung soll daher von naturwissenschaftlichen Bereichen auf
übergreifendem wissenschaftlichen Terrain ausgeweitet werden. Die Vernetzung
des entscheidungsrelevanten Wissens kann vor allem denjenigen helfen, die
Ursachen und Folgen in einer komplexen Umwelt möglichst genau verfolgen und
so durch praktische Handlungsanreize gegenüber den auftretenden
Umweltproblemen gefordert werden. Faktisch erleichtert die bessere Verbindung
der verschiedenen Disziplinen die strategische Entscheidung, wie man Wissen
und Erkenntnis über die Gesetzmäßigkeiten von Unterrichtsprozessen
hervorbringt, um zu einem neuen Verständnis bzw. zu einer neuen
Handlungsorientierung zu gelangen. „Dabei ist allerdings nicht zu übersehen, daß
die Realisierung von fächer- und disziplinübergreifenden Lehr- und Lernformen
abhängig ist von erweiterten personellen und zeitlichen Ressourcen,
Kooperationsbereitschaft, hohem Qualifikationsniveau und hohem
koordinatorischem Aufwand“ (de Haan et al. 1997: 57).
Angestrebt werden soll ein optimierter und effektiver Lernprozeß, der bestimmte
didaktische Prinzipien und Funktionsweisen den Schülern prägnant
veranschaulicht, durch das fruchtbringende Zusammenwirken der organisierten
Projekte, durch Initiative und die aktive Teilhabe an umweltrelevanten Prozessen,
um Phantasie und Mut zu kreieren und Kreativität ganz besonders zu stärken.
Projektunterricht, Gruppenarbeit, Erkundungsaufträge, experimentelles Arbeiten,
Planspiele und Fallstudien etc. als unverzichtbarer Gegenstand eines mit dem
alltäglichen Leben verbundenen praxisorientierten Prozesses bieten vielfältige
Möglichkeiten, der ganzheitlichen Lernanregung und Lernhilfe von Schülern zu
dienen und zugleich die Umweltprobleme in die verschiedenen
Unterrichtsbereiche flexibel einzufügen (Kim, D.-S. 1995; Thiel 1996: 118). In
solch offenen Lernprozessen und den dafür für unumgänglich gehaltenen
Kompetenzen können Schüler erfahren, wie sie mit den Umweltproblemen
umgehen sollen und was sie aus welchen Gründen tun müssen. Anders
ausgedrückt, die Wahrnehmung, Reaktion und Maßnahme bei der
Umweltbeobachtung werden im alltäglichen Handeln selbst entwickelt, wobei der
Weg umweltorientiertes Verhalten beschreiten kann.
Insofern ist es konsequent, daß Ganzheitlichkeit, Lebensnähe, Experiment und
Beobachtung sowie spielerische Lernformen usw. statt verbal-problemorientierte
194
Behandlung von Umweltthemen im Unterricht gewissermaßen ganz folgerichtig zu
den didaktischen Hauptanliegen gehören. Dieses charakteristische Merkmal der
didaktischen Formen nimmt allerdings einen hohen Stellenwert der Komplexität
der von der Umweltbildung aufgegriffenen Problemlagen ein, damit die konkreten
Lehrpläne und die praktischen Lösungsalternativen angewandt werden und in die
vorhandenen Fächer integriert werden können. Daher sollten die Lernziele
methodisch durchdacht, objektiv und nachvollziehbar sein.
Im Hinblick auf das didaktische Konzept, das darauf gerichtet ist, die
erforderlichen Kenntnisse über die Fähigkeiten im Umgang mit Umweltthemen zu
vermitteln und pragmatische Lösungen und Entwicklungen zu finden, sind jedoch
Ausrichtungen auf unterschiedliche Zielgruppe und Praxisfelder notwendig. Da es
Disparität und unsystematische Verbindungen zwischen Fächern und Schulstufen
bzw. Jahrgangsstufen gibt, spiegeln sich die komplementären Eigenschaften von
Umweltbildung im Unterricht „nicht gut“ wider (Kim, K.-O. 1999). Er konzentriert
sich nur auf Information und instrumentelles Lernen, es findet keine sachliche
Auseinandersetzung oder Vertiefung statt. „Aller Lehrstoff muß den Altersstufen
gemäß so verteilt werden, daß nichts zu lernen aufgegeben wird, was das
jeweilige Fassungsvermögen übersteigt“ (Comenius 1970: 88). Dies gilt
entsprechend auch für die Erarbeitung von den kontextgebundenen
Lösungsmöglichkeiten oder -ansätzen, die entsprechend der jeweiligen
psychischen und physischen Entwicklungsstufe angemessen berücksichtigt
werden müssen.
Wenn diese Ziele verwirklicht werden, dann werden Unterrichtsprozesse in ihren
Abläufen, Inhalten und Zielen flexibel strukturiert werden, um sich auf die
inhaltliche und situationsbezogene Beachtung zu richten. Um so dringlicher ist es,
Umweltwissen in seiner ganzen Komplexität unmißverständlich klar zu vermitteln
und die veränderte Situation in ökologischen Erwägungen langfristig
wahrzunehmen und sich schließlich die konkretisierte Verantwortung und das
ökologisch akzeptable Verhalten weiterhin zu vergegenwärtigen und auf Dauer zu
gewinnen. Dies gilt als ein wesentliches Instrument unvermeidbarer didaktischer
Aufgaben, die selbst auf ein gut funktionierendes Konzept angewiesen bleibt.
195
4.4 Für Verbesserung durch pädagogische Mittel bei der Durchführung eines
sinnvollen Prozesses
Wie im vorherigen Kapitel beschrieben worden ist, daß bei Kindern und
Jugendlichen die primäre Erfahrung geschrumpft ist, sind sie in steigendem Maße
von substanzieller Kommunikation technischer Mittel abhängig, die unser Leben
drastischer verändern werden. „Medien haben heute eine Reichweite, die
erheblich über pädagogisch orientiertes Denken und Handeln hinausgeht“
(Baacke 1994: 314). Die Bildung erfolgt nicht nur in der Schule, sondern auch
durch den vielfältigen Einfluß der Massenmedien. Mit der zunehmenden
Abhängigkeit von spezifischen Kommunikationsmitteln hat sich der Maßstab
gewandelt - der gesellschaftliche Horizont erweitert sich wesentlich und das
pädagogische Wirkungsfeld weitet sich aus - was zur Folge hat, daß die
traditionellen Erziehungsmethoden mehr und mehr durch eine bestimmte Form
der „Zweckrationalität, Effektivität und leistungsorientierten Funktionalität“ ersetzt
worden sind.
Es handelt sich hierbei darum, wie die Medien in vielfältiger Form über die
optimalen Mittel und Instrumentarien zur Erreichung von pädagogischen Zwecken
verfügbar gemacht werden, um effektive Lernprozesse überhaupt zu ermöglichen.
„Die Tendenz zur Visualisierung und zum verstärkten Medieneinsatz im
Schulalltag ist deutlich - und sie korrespondiert mit der wachsenden Bedeutung
der Medien in der Gesellschaft“ (Meyer 1989: 81). Zu den Medien gehört
selbstverständlich auch alles, was die Erziehungs- und Lehr/Lernprozesse im
stärkeren Maße zu unterstützen in der Lage sind. Sie sind zum unentbehrlichen
Hilfsmittel für die Vermittlung aufgerückt, um ein spezifisches Programm des
bestimmten thematischen Interesses zu begünstigen. „Medien wurden spätestens
seit dem „Orbis pictus“ von Comenius immer als didaktische Mittel eingesetzt.
Didaktische Mittel sind aber oft zumindest Teil pädagogischer Institutionen und
stehen im Dienst pädagogischer Zielsetzungen“ (Criblez 1989: 181).
Zufolge der Unesco-Konferenzberichte im Jahre 1977 in Tiflis sind „die
Massenmedien für die Umwelterziehung im schulischen wie auch im
außerschulischen Bereich von wichtiger Bedeutung“ (UNESCO-Kommissionen
1979: 98). Man hat daher empfohlen, „die Verbreitung von Wissen über Schutz
und Gestaltung der Umwelt mit den Mitteln von Presse, Funk und Fernsehen zu
196
fördern“ (a.a.O. : 100). Den Massenmedien verdanken wir daher die öffentliche
Information und die Meinungsbildung der ökologischen Realität. Sie erhöhen die
Aufmerksamkeit für Umweltthemen in der Bevölkerung und dienen damit als
Katalysator der Bildung des Umweltbewußtseins (Thorbrietz 1987; Bae, K.-H.
1991; Yang, J.-H. 1992; Kim, D.-S. 1995; Ministry of Environment Republic of
Korea 1995).
In dieser Hinsicht verweisen die empirischen Untersuchungen darauf, daß sich die
Massenmedien in wachsendem Maße auf die Thematisierung und Einschätzung
der ökologischen Relevanz folgenreich auswirken (Lee, J.-Y./Kim, I.-H./Lee, S.-K.
1996: 32). Insofern sind die Medien eine besondere Form von zumeist in
alternativen Strategien angebotenen Informationen, wobei sie die Effektivität der
Umweltaufklärungsprozesse nennenswert erhöhen können. Besonders verbreitet
ist die Meinung, daß mit Hilfe verständigungsorientierter technischer Medien und
der damit verbundenen Veränderung von Reflexionsfunktionen die
Erfahrungsmöglichkeiten und Interaktion für Kinder und Jugendliche erweitert
werden. Das eigenständige Instrumentarium der Medien ist es, „zunehmend
Realität unter dem Aspekt von Aktualität und Attraktivität zu rekonstruieren“
(Criblez 1989: 183; vgl. Baacke 1994).
Der Sachverhalt, daß audiovisuelle Massenmedien hinsichtlich ihrer Reichweite
und Techniken in Richtung auf die Umweltbildung eine erstaunliche Karriere
gemacht haben, führt zu einer Diskussion über den didaktischen Einsatz im
Unterricht, wie z.B. die intendierten Erziehungsziele und Zweckbestimmungen von
Inhalten, die durch Massenmedien publiziert worden sind, im Hinblick auf
ökologische Anliegen gewonnen werden können und die Art, wie der Inhalt
innerhalb der Medien kommuniziert und wie eine sinnvolle Auswahl und
Anwendung von Mitteln aus dem gewaltigen Informationsstrom getroffen wird, so
daß ihre strukturprägende Wirkung verstärkt werden kann (Nam, S.-J. 1995).
Einer Untersuchung über die Anwendungsmöglichkeiten der in den Medien
dargebotenen Informationen in bezug auf die schulische Bildungspraxis zufolge ist
ein sehr wesentlicher Teil der Lehrer davon überzeugt, daß dieses nicht nur ein
wichtiger Faktor der didaktischen Arbeitsmaterialien ist, sondern auch einen
Beitrag für die kontinuierliche Verbesserung der Umweltsituationen sowie die
Mobilisierung der Lernbereitschaft der Schüler leistet (Nam, S.-M. 1991; Kim, D.-
197
S. 1995; Ministry of Environment Republic of Korea 1995). Es überrascht daher
nicht, daß Schüler durch die Massenmedien, die sich Umweltthemen widmen,
mehr als durch den Unterricht Umweltwissen und Anleitungen zu ökologischem
Denken und Handeln in einem nicht unbeträchtlichen Maß aneignen (Choi, D.-H.
1991: 16). Der Grund hierfür dürfte sein, daß das Fehlen systematischer
Instrumente wie z.B. Lehrpläne, Materialien und Projekte etc. im Rahmen der
Umweltbildung in Korea einen Ausgleich anderer audiovisueller Materialien
erfordert. Mit technischen Medien liegen nun für ökologische Belange
hinreichende Möglichkeiten vor, um auf Menschen eine ausreifende pädagogische
Wirkung auszuüben.
Es muß daher gezeigt werden, wie präzise zutreffende Information und Aufklärung
in ihrer vollen Tragweite spezifischer Umweltprobleme in hohem Maße und in
vielfältiger Weise pädagogisch akribisch strukturiert ist und wie sie in der
schulischen Umweltbildung effizient koordiniert wird. Es kann also um die Frage
nach Kriterien für einen verläßlichen Bezugspunkt gehen, der unter besonderer
Berücksichtigung der Selektivität aus sinnhaften Möglichkeiten präsentiert werden
soll. Die immer umfassendere Aufarbeitung der Informationen in den
Massenmedien erfordert eine systematische Gestaltung, die in praktischer
Erfahrung schwer zu erwerben ist und die Notwendigkeit einer effizienten
Konzeptualisierung noch verstärken wird. „Umwelterziehung in den
Massenmedien wird ein nutzloses Unterfangen sein, wenn die Programme
widersprüchliche, inkonsistente Informationen vermitteln“ (UNESCO-
Kommissionen 1979: 226).
Angesichts der Erfordernisse technischer Medien ist die wachsende
Informationsfülle dahingehend problematisch, daß eine Verzerrung des Bildes
durch vielschichtige Wirklichkeit und Abstraktion gegeben ist. Dabei geht es den
Medien in erster Linie darum, „die gegebene oder sich entwickelnde
Wirklichkeitskonstruktion“ als bezeichnendes Merkmal herauszuarbeiten (Baacke
1994: 324). „Für die ökologische Problematik bedeutsam ist der die Medienrealität
kennzeichnende Verlust an Sinnlichkeit“ (Thorbrietz 1987: 303). Medien können
der wirksamen Vermittlung von Wissen und Aufklärung nur dann dienen, wenn in
besonderem Maße Wert auf die „Glaubwürdigkeit und Sachlichkeit“ gelegt werden
kann, welches für die Informationsquelle zur Grundregel geworden ist (Haase
1995). Diesem Ziel zu entsprechen, den Prozeß sachgerechter
198
Entscheidungsfindung und Überzeugungsbildung in der Gesellschaft konstruktiv
voranzubringen, ist oberstes Gebot.
Von allen diesen Tatbeständen hängt es ab, welche Kriterien bei der Entwicklung
und Nutzung für die Zulässigkeit von Informationen im Hinblick auf ökologische
Programme und Zielsetzungen berücksichtigt werden und wie die schulpraktische
Relevanz eingeschätzt wird. Dabei dürfte es von entscheidender Bedeutung sein,
wie die inhaltliche und praktische Basis von Informationen mit den pädagogischen
Zusammenhängen verbunden wird und wie sie in unterschiedlicher Weise für
Zielgruppen verarbeitet und rezipiert wird. Dies betrifft insbesondere nicht nur die
Frage des technischen Einsatzes als pädagogisches Hilfsmittel, sondern auch den
Aufbau des Unterrichtsgegenstandes.
Angestrebt wird vor allem die Anleitung zu mediengebundenen Kulturtechniken in
bezug auf Visualisierungsmethoden und Problemlösungsstrategien mit
didaktischen Mitteln, wo Lernprozesse effektiv und optimiert durchgeführt werden
können. „Medieneinsatz setzt präzise Lernziel-Formulierungen und eine genaue
und begründete Stoffauswahl voraus“ (Baacke 1994: 332). Bei der Reflektierung
von in den Medien gegebenen Informationen und deren praktischen Gestaltung
spielen vielschichtige Planung, Organisation und Kontrolle sowie Evaluierung eine
große Rolle. Sie sind im großen und ganzen weitgehend von der pädagogisch
zusammenhängenden Konstruktion abhängig und müssen daher im Rahmen
eines geplanten Unterrichtsprozesses und der Projekte zur Curriculumentwicklung
von fachübergreifenden Arbeitsgruppen didaktisch überprüft bzw. überarbeitet
werden (Lee, J.-Y./Kim, I.-H./Lee, S.-K. 1996).
Um eine wünschenswerte und verbesserte Orientierung an fundierter und
wissenschaftlicher Umweltberichterstattung zu ermöglichen, werden verschiedene
Aspekte der didaktischen Ebene berücksichtigt, die durch gewählte ökologische
Informationen im Unterrichtsprozeß effektiv eingesetzt werden, u.a.:
- einen komplizierten Sachverhalt bei Umweltproblemen sprachlich klar angemessen
und in leicht zugänglicher Form zur Verfügung zu stellen (inhaltlich besser
kommunizieren);
- die oberflächliche und bruchstückhafte Information durch wissenschaftlich fundierte
Argumente und Erkenntnisstände zu ersetzen und kritisch zu hinterfragen;
199
- die Auswahl der Information durch Lehrende stärker zu berücksichtigen und
entsprechende Handlungskonzepte zu entwickeln;
- insbesondere spezialisierte und umfassende Informationen über Zustand,
Beeinträchtigungen und Veränderungen der ökologischen Fragen systematisch zu
recherchieren und zu präsentieren;
- geeignete Methoden und kritische Konzepte für die Durchführung von Lehrplänen und
Unterrichtsmaterialien als logische Konsequenzen zu prüfen
(Nam, S.-J. 1995; Voss 1995).
Ausgesprochen deutlich wird hinsichtlich der Nutzung der Informationen auf
Probleme für die Umsetzung des Konzeptes der Umweltbildung hingewiesen,
obwohl in empirischen Untersuchungen in Korea die unverwechselbare
Besonderheit der aktuellen Umweltsituation und der Problematik der
Umwelterfahrung positiv gezeichnet wird. Gerade in diesem Bereich kann ein
anderes Medium im Hinblick auf die Erziehung in großer Vielfalt und mit mehr
Selbstverständlichkeit systematischer und effektiver genutzt werden, um von der
motivierenden Form des individuellen selbstbestimmten Lernens Gebrauch zu
machen und die grundlegenden Einsichten und systematische Aufklärung einer
unabweisbar wahrzunehmenden Probleme mit ökologischen Gefahren zu
gewinnen. „Die Medien werden dazu genutzt, Inhalts- als auch
Beziehungsprozesse zu veranschaulichen und für alle zu dokumentieren. Dabei
sollten sich Medien vorwiegend nicht rezeptiv, sondern aktivierend und im Sinne
eigener Nutzung und Herstellung eignen“ (Reich 1996: 89).
Das Engagement der Medien in der Umweltbildung ergibt, daß offenkundig eine
Reihe von Anreizen und Inhalten der Lernformen gefunden werden kann. Im
Vordergrund steht dabei durchaus auch die Umsetzung in den pädagogischen
Handlungsbereich. Insofern sollen pädagogische Inhalte zum Umweltschutz durch
Umweltberichterstattung in enger Verbindung mit „Kontrollfunktionen“ gestaltet
werden (Choi, S.-J. et al. 1997: 114). Die pädagogischen Bedürfnisse und
Motivationen werden so durch die Auswahl, Organisation und deren Funktion der
Unterrichtmethoden mehr oder weniger determiniert.
200
5. Zusammenfassende Übersicht über die Aufgabenfelder
der Pädagogik bei ökologisch orientierten
Denkstrukturen
Die unmittelbaren Existenzbedingungen für die Menschen, Tiere und Pflanzen
scheinen sich immer mehr zu verschlechtern. Es ist unübersehbar, daß die
heutige ökologische Krise von vielen Problemen und Verwerfungen
gekennzeichnet ist. Die unerwünschten Begleiterscheinungen der
Umweltprobleme werden zu öffentlichen Belangen, die immer dringender nach
gesetzlicher Verankerung und politischen Maßnahmen zum Schutz der Umwelt
verlangen. „Das Umweltverhalten der Bevölkerung ist in vielen Fällen die
unmittelbare Zielgröße umweltpolitischer Aktivitäten. Will man Erfolg oder
Mißerfolg umweltpolitischer Maßnahmen abschätzen, bedarf es der
Verhaltensbeobachtung und Registrierung von Verhaltensänderungen“
(Diekmann/Preisendörfer 2001: 94). Die Realisierung eines Umweltbewußtseins
zu fördern bedarf in besonderer Weise einer dringenden Verstärkung der
umfassenden gesellschaftlichen Anstrengungen, die durchaus auch die
Rahmenbedingungen von Erziehung und Bildung benötigen.
Das Umweltbewußtsein als gemeinsam zu verfolgendes Prinzip zweckmäßigen
Handelns in der Gesellschaft ist für die praktische Bewältigung der
Umweltprobleme notwendig und basiert hier auf einer unverzichtbaren
Voraussetzung, die nicht nur die Qualität der pädagogischen Entscheidungen
berühren, sondern auch die Auswahl der pädagogischen Programme explizit
betreffen. Dies besteht im wesentlichen aus dem ökologischen Interesse
menschlicher Äußerungsformen und wird in gesellschaftlichen
Kristallisationspunkten des Unbehagens zu einem besonders deutlichen Ausdruck
gebraucht. Ein in der alltäglichen Erfahrung anzutreffendes Beispiel für die
unmittelbare Bewältigung der Umweltprobleme ist die Diskrepanz zwischen dem
umweltgerechten Verhalten, das man in einem längeren Zeitraum schaffen kann,
und den gesellschaftlichen Erwartungen, die man hinsichtlich nachhaltiger
Entwicklung bezüglich der gegenwärtigen Umweltprobleme erfüllen kann. Ob eine
Handlungsabsicht und deren Umsetzung tatsächlich in ein ökologisches Verhalten
des Individuums verwirklicht wird, hängt davon ab, wie konkret eine zielgerichtete
Bildung geplant und durchgeführt wird.
201
Unter den ökologischen Krisen findet sich die Auffoderung, grundlegende
Bestandteile der gesellschaftlichen Vorstellungen von Umweltbildung zu
diskutieren (Nam, S.-J. 1995; Choi, S.-J. et al. 1997). Die theoretisch-praktische
und organisatorisch-institutionelle Struktur der Umweltbildung in den
Industrieländern, insbesondere in Deutschland, ist im allgemeinbildenden
Schulwesen zweckbestimmt organisiert worden, wogegen bis jetzt in Korea die
anhaltende Auseinandersetzung mit dem neu aufgetretenen Gesellschaftsthema
„technisch-ökologische Umwälzungen und ihre Folgen aus pädagogischer Sicht“
in den wissenschaftlichen Bereichen rege stattgefunden hat. Es zeigt sich nicht
zuletzt daran, daß die Umweltbildung in der Öffentlichkeit und vor allem in der
Schule nur recht zögernd fortschreitet. Umweltbildung spielt vor allem in Korea
eine untergeordnete Rolle, gehört jedenfalls nicht zu den Themen, mit denen sich
die Schule progressiv auseinandersetzt. Dafür gibt es tiefere Ursachen, die
insbesondere mit dem gängigen Schulleistungssystem zu tun haben.
Im vergangenen Jahrzehnt fallen auch drei entscheidende strukturelle und
institutionelle Veränderungen im Hinblick auf die Entwicklung der Umweltbildung
und ihre systematische Perspektive in Korea ins Auge: eine immer stärkere
Inanspruchnahme des Umweltunterrichts für wichtige Erziehungsaufgaben, die die
Schulen heute aus verschiedenen Gründen nicht mehr erfüllen. Die
Hauptschwierigkeit liegt hier offensichtlich im Fehlen einer eindeutig
pädagogischen Funktion in bezug auf umwelterzieherische Ziele. Dazu zählen vor
allem der fehlende Gestaltungswillen und die Ressourcen, die fehlende
Unterstützung und Akzeptanz in der Gesellschaft sowie die damit verbundene
Wahrscheinlichkeit einer praktischen Umsetzung, eine tiefe Kluft zwischen
Anspruch und Wirklichkeit, das Fehlen an der langfristigen Verankerung des
individuellen Umweltbewußtseins. Daraus wird deutlich, daß die Umweltbildung in
der und außerhalb der Schule nicht resonanzfähig ist.
Die ökologischen Probleme drängen auf eine praktische, gesellschaftliche Lösung
und fordern auch die Bildung oder Erziehung zu einem Beitrag heraus. Ihr Beitrag
zur Umweltfrage liegt vor allem darin, daß sich qua Reflexion die inhaltlich und
methodisch divergierenden Unterscheidungen in der Gesellschaft widerspiegeln.
Umweltbildung ist entstanden als gesellschaftliche Reaktion auf ökologische
Probleme verbunden mit der Frage, wie man einen schonenden Umgang mit den
mehr oder weniger begrenzten natürlichen Ressourcen unter entscheidender
202
Mitwirkung an der Erziehung fördern kann. Sie ist unmittelbar verbunden mit dem
Auftrag, der auf verbesserten Schutzmaßnahmen aus politischem und
gesellschaftlichem Engagement basiert und liefert erklärende Einsichten und auch
das für die Bewältigung der Umweltprobleme relevante Wissen. Es ist
selbstverständlich kein Zweifel, daß sich die Umweltbildung in bezug auf
fachübergreifende Verzahnung und organisatorische Vernetzung unter dem
Primat der Handlungsorientierung ganz wesentlich an der Zukunft orientieren soll.
Die Umrisse gesellschaftlicher Aufgaben für eine zukunftsorientierte
Umweltbildung werden in der Schule wenig entworfen.
Die durchaus konsequente Verwirklichung eines didaktischen Konzeptes zur
unterrichtlichen Vermittlung ökologischer Themen zielt vor allem auf eine vertiefte
Einsicht und Lernfähigkeit nicht nur auf individueller, sondern auch auf
gesellschaftlicher Ebene (Eulefeld et al. 1981). Für einen verbesserten und
verstärkten Einsatz der in den Lehrplänen und Unterrichtsmaterialien enthaltenen
Umweltthemen in der Schule ist es unumgänglich, ganzheitliches und selbständig
erfahrungsorientiertes Lernen in vielfältiger Weise zu fördern, das das Kernstück
eines liebevollen und phantasievollen Verhältnisses der Gegenstände darstellt.
Die Erfahrungen von Schülern werden auch an Unterrichtsgegenständen
ermöglicht (v. Hentig 1993: 255). Die verbreitete Auffassung, daß die Bildung nicht
nur kognitive, sondern auch affektive Steuerung des jungen Menschen zu fördern
habe, unterstellt, daß die Schule zumindest im Zentrum dieser Funktion stehen
müsse. Eine Orientierung der schulischen Bildung an den ökologischen Fragen ist
freilich davon abhängig, ob auf gesellschaftlicher Ebene die gesteigerte
Bereitschaft dazu besteht, die ökologische Verantwortung wahrzunehmen, die
langfristig angelegt ist. Umweltbildung sollte daher als ordentliches Schulfach
gefördert werden, wobei der Schule die zentrale Rolle zufällt, das Wissen zu
ordnen und die Wertmaßstäbe zu setzen sowie die verschiedenen Arten der
Erfahrung zueinander in Beziehung zu setzen.
Das Hauptanliegen der Schule ist der Unterricht, um Fertigkeiten und Wissen zu
vermitteln. Sie müßte ferner auch ein wichtiger „Lebens- und Erfahrungsraum“
sein (v. Hentig 1993: 184). Die Schule ist darüber hinaus den gesellschaftlich-
kulturellen und historischen Entwicklungen und Wandlungen unterworfen und
beteiligt sich immer in besonderer Weise an der Reproduktion und Stabilisierung
der Gesellschaft. In diesem Zusammenhang muß sie sich daher unter
203
Berücksichtigung nicht nur von gesellschaftlichen, sondern auch von
technologisch-ökologischen Änderungen um ihre langfristige Weiterentwicklung
bemühen.
Die komplexen Herausforderungen und undurchsichtigen Zustände über
Umweltprobleme, mit denen die Schule in langfristigen Entwicklungsprozessen
konfrontiert ist, sind nicht mehr in klassischen Arten und Formen des Unterrichts
zu verwirklichen, sondern angesichts der sich wandelnden Problemlagen durch
ein lebenslanges und umfassendes Lernen im Rahmen der zukunfts-, ziel- und
werte- sowie partizipationsorientierten Erziehung zu vermitteln (Choi, S.-J. et al.
1997). Der Schule liegt bezüglich der gesellschaftlichen Anforderungen im
Hinblick auf die ökologische Frage die Annahme zugrunde, daß in besonderer
Weise die Umweltbildung eine kritische Beteiligung an den Aufklärungsprozessen
voraussetzt. Der notwendige Vollzug von Umweltbildung als wichtige Instanz, die
„attraktive Angebote und Sicherstellung eines hohen Kreativitätspotentials“
beinhaltet, ermöglicht eine langfristige und kontinuierliche Gestaltung, wo die
Erziehung anzusetzen ist (v. Hentig 1993: 150).
Bei kreativen Lösungsstrategien ökologischer Probleme oder Problemkomplexen
hat sich die Rolle der Umweltbildung in der Gesellschaft als so grundlegend
erwiesen, daß an beabsichtigte ökologische Effekte ohne sie wohl kaum zu
denken wäre (Choi, D.-H. 1991; Nam S,-J. 1995). Es wird darum gehen, aktive
Partizipation und Bereitschaft zum eigenverantwortlichen Handeln nicht nur in der
Schule, sondern auch in der Öffentlichkeit zu erweitern bzw. auszubauen und das
allgemeine umweltorientierte Bewußtsein zu schärfen. Zur Klärung der Frage, wie
diese Ziele zu erreichen sind, müssen die unterschiedlichen und
kontextspezifischen Ausprägungen der Handlungskompetenz und der
Wissensorientierung bei den Lernprozessen hinreichend erfaßt und reflektiert
werden.
Die beiden Kennzeichen sind relevant, was aber offensichtlich die Chancen der
Veränderung und die Perspektive in einem vielschichtigen Bereich des
Umweltschutzes stärken, sind die neuen Hebel, um umweltgerechtes Denken und
Handeln in Bewegung zu setzen. Diese Anreize, sich auf Neugier, Phantasie und
Motivation etc. in hohem Anteil zu stützen, tragen im wesentlichen dazu bei,
konkrete Vorgänge und ihre Analyse in einer Praxis zu entwickeln, die dann den
204
verbesserten Möglichkeiten und auch der grundlegenden Basis zu einer
sichtbaren Verhaltensänderung gerecht werden kann. Wer sich den
entscheidenden Schub der Umweltbildung erhofft, muß Vorstellungen für die
Zukunftsfähigkeit als tatkräftiges Zeichen relativieren, um sich den bestimmten
Anforderungen einer Verantwortung gegenüber einem von allen zu erstrebenden
ökologischen Ziel zu stellen.
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