Notizen 1355
Die Kristallstruktur von Hexa-//-chloro-//4-
oxo - tetrakis [hexamethy lentetramin -
kupfer(II)], [CU4C160(C6H12N4)4], einem
Kupfer(II)-Komplex mit Berylliumoxoace-
tat-ähnlicher Struktur
The Crystal Structure of Hexa-^-chloro-/^-
oxo-tetrakis [hexamethylenetetraminecopper-
(II)], [Cu4Cl60(C6H12Nl)4], a Copper(II)
Complex with a Structure Related to that of
Beryllium Oxoacetate
Joachim Pickardt* und Norbert Rautenberg
Institut für Anorganische und Analytische
Chemie, Technische Universität Berlin,
Str. des 17. Juni 135, D-1000 Berlin 12
Z. Naturforsch. 37b, 1355-1357 (1982);
eingegangen am 28. Juni 1982
Copper(II) Complexes, Chloro Complexes,
Hexamethylenetetramine, X-ray
By reaction of solutions of CuCl2
•
2H20 and
hexamethylenetetramine, C6H12N4, in acetone,
a complex [Cu4Cl60(C6Hi2N4)] could be ob-
tained as single crystals. An X-ray analysis
shows that the complex has a structure related
to that of basic beryllium acetate. An oxygen
atom is tetrahedrally surrounded by four cop-
per atoms which, together with six chlorine
atoms, form an adamantane-like core. Each
copper atom is bonded via a nitrogen atom to a
hexamethylenetetramine molecule.
Im Verlauf von Untersuchungen über die Reak-
tion von Hexamethylentetramin („HMTA") mit
Halogeniden und Pseudohalogeniden der Metalle
der 1. und 2. Nebengruppe [1, 2] haben wir uns auch
mit der Reaktion dieses Amins mit Kupfer(II)-
chlorid beschäftigt. Daß CuCl2 mit HMTA reagiert,
ist schon lange bekannt. Gibt man zu einer gesättig-
ten, wäßrigen Lösung von CuCl2 eine konzentrierte
HMTA-Lösung, so fällt sofort ein braungelber, käsi-
ger Niederschlag, der nach Vanino und Schinner [3]
die Zusammensetzung 2CuCl2
•
CÖHIONI besitzt,
Nach Duff und Bills [4] handelt es sich dabei jedoch
um eine basische Verbindung der Zusammensetzung
CU(0H)C14
•
CuCl2
•
C6HI2N4
•
HoO.
Wir haben nun versucht, durch geeignete Re-
aktionsführung, z.B. Ineinanderdiffundierenlassen
der Lösungen, ein kristallines Reaktionsprodukt zu
erhalten, was jedoch bei Verwendung von Wasser
als Lösungsmittel nicht gelang. Schließlich erhielten
wir durch Diffusion gesättigter Lösungen von
CuClo
•
2 HoO und HMTA in Aceton eine geringe
Menge kleiner, brauner Kristalle.
Da die Substanzmenge für eine chemische Ana-
lyse nicht ausreichte, haben wir zur Charakterisie-
* Sonderdruckanforderungen an Dr. J. Pickardt.
0340-5087/82/1000-1355/$ 01.00/0
rung der Verbindung eine Röntgenstrukturanalyse
durchgeführt.
Es erwies sich, daß die von uns hergestellte Ver-
bindung mit keiner der oben genannten identisch ist,
sondern die Zusammensetzung Cu4Cl60(C6Hi2N4)4
besitzt. Da die Röntgenstrukturanalyse ergab, daß
die Verbindung eine recht interessante Struktur
aufweist, erscheint uns eine Beschreibung der Er-
gebnisse gerechtfertigt.
Die Verbindung kristallisiert monoklin, die
Gitterkonstanten betragen a = 1941,7(9) pm, b —
978,8(6) pm, c = 2279,2(9) pm und ß = 116,08(3)°,
die Raumgruppe ist A2/a (Nichtstandardaufstel-
lung von C2/c, Nr. 15). Aus der experimentellen
Dichte von 1,76 g/cm3 ergibt sich die Anzahl der
Formeleinheiten in der Elementarzelle zu Z = 4,
die damit berechnete Röntgendichte beträgt
1,78 g]cm3. Gitterkonstantenbestimmung und In-
tensitätsmessung wurden mit einem automatischen
Vierkreisdiffraktometer Syntex P2i unter Verwen-
dung von monochromatischer MoKa-Strahlung
(Graphitmonochromator) durchgeführt. Für die
Messung wurde ein Kristall der ungefähren Ab-
messungen 0,08x0,1 x0,2 mm verwendet. Es wur-
den 3426 unabhängige Reflexe mit 26 <50° nach
der w-Scan-Methode vermessen, von denen 1914
mit Intensitäten 2cr(I) für die Strukturbestim-
mung verwendet wurden. Die Daten wurden einer
Lorentz- und Polarisationskorrektur unterworfen,
eine Absorptionskorrektur erfolgte nicht. Die Struk-
tur wurde mit direkten Methoden (CRYSTAN [5])
gelöst. Die Nichtwasserstoff-Atome wurden aniso-
trop verfeinert, die Positionen der H-Atome wurden
unter Annahme von sp3-Hybridisierung der Koh-
lenstoffatome berechnet und mit festen Tempera-
turfaktoren von 8,0
•
104 pm2 dem Strukturmodell
hinzugefügt. Die Verfeinerung konvergierte bei
einem /?-Wert von 0.064.
Die Atomparameter sind in Tab. I, Bindungs-
längen und -winkel in Tab. II zusammengestellt*.
Die Strukturanalyse ergab, daß es sich bei der
Verbindung um einen vierkernigen Kupfer(II)-
Komplex der Zusammensetzung Cu4Cl60(C6Hi2N4)4
handelt, der in seiner Struktur der des Beryllium-
oxoacetats ähnelt. Die Kupferatome und die Chlor-
atome spannen ein adamantanartiges Gerüst auf
(vgl. Abb. 1). Das Molekül besitzt die Symmetrie
C2v, zwei Chloratome, Cl(2) und Cl(4), besetzen
spezielle Lagen auf einer Spiegelebene. Der mittlere
Kupfer-Chlor-Abstand beträgt 241 pm, der Mittel-
wert für die Cl-Cu-Cl-Bindungswinkel 119°, für die
Cu-Cl-Cu-Winkel 80°.
* Tabellen der anisotropen Temperaturfaktoren und
der berechneten Wasserstoffpositionen sowie eine
Liste der beobachteten und berechneten Struktur-
faktoren sind beim Fachinformationszentrum Ener-
gie Physik Mathematik, D-7514 Eggenstein-Leo-
poldshafen 2, hinterlegt und können dort angefor-
dert werden unter Angabe der Hinterlegungsnum-
mer CSD 50221, des Autors und des Zeitschriften -
zitats.
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1356
Notizen
Tab. I.
Atomparameter
mit
Standardabweichungen.
Atom
X
y
z
BEQ*
Cu(l)
2781(1) 3791(1) 4462(1) 1.84(3)
Cu(2)
1653(1) 1504(1) 4483(1) 2,13(3)
Cl(l)
1661(1) 2750(3) 3564(1) 2,97(7)
Cl(2)
2500(0) 5687(3) 5000(0) 2,67(11)
Cl(3)
3997(1) 2658(3) 4979(1) 3.58(9)
Cl(4)
2500(0)
—
344(4) 5000(0) 7,27(13)
0
2500(0) 2652(8) 5000(0) 1.65(21)
C(l) —
311(6)
—
667(10) 2703(5) 2,86(31)
C(2) —
701(5)
—
844(11) 3554(5) 3,01(31)
C(3)
599(5)
—
788(10) 4351(5) 2,94(30)
C(4)
1002(5)
—
585(10) 3485(5) 2,28(27)
C(5) 72(5)
1005(9) 3538(5) 1,98(26)
C(6)
204(5)
—
2421(10) 3499(5) 3,00(27)
C(7)
3704(5) 5969(10) 4260(5) 2,87(29)
C(8)
4145(6) 5905(11) 3437(6) 2,67(31)
C(9)
3357(5) 4094(9) 3492(5) 2,32(20)
C(10)
3197(6) 7533(11) 3369(5) 2,75(28)
C(ll)
2389(5) 5786(9) 3408(5) 2,67(27)
C(12)
2874(6) 5678(12) 2019(5) 3,75(36)
N(l)
798(4) 239(7) 3949(4) 1,92(20)
N(2) —
558(4) 111(8) 3127(4) 2,65(23)
N(3)
383(4)
—
1471(8) 3079(4) 2,63(20)
N(4) — 21(4)
—
1690(8) 3945(4) 2,61(23)
N(5)
3894(4) 6801(8) 3827(4) 2,71(23)
N(6)
3545(5) 4925(9) 3044(4) 2,57(25)
N(7)
2580(5) 6600(9) 2908(4) 3.11(24)
N(8)
3062(4) 4972(8) 3881(4) 1,79(20)
* BEQ =
l/3(Bn
+ B22 + B33 -f-
2BI3COS/S).
Tab. II.
Bindungslängen
[pm]
Cu(l)-Cl(l)
und
wichtige Bindungswinkel Cu(l)-Cl(2)
[°] mit
Standardabweichungen. Cu(l)-Cl(3)
Cu(2)-Cl(l)
Cu(2)-Cl(3)
Cu(2)-Cl(4)
Cu(l)-0
Cu(2)-0
Cu(l)-N(8)
Cu(2)-N(l)
N(l)-C(3)
N(l)-C(4)
N(l)-C(5)
N(2)-C(l)
N(2)-C(2)
N(2)-C(5)
N(3)-C(
1)
N(3)-C(4)
N(3)-C(6)
Cu(l)-Cl(l)-Cu(2)
Cu (1 )-Cl (2)- Cu (1)'
Cu (1 )-Cl (3 )-Cu (2)'
Cu(2)-Cl(4)'-Cu(2)'
Cl(l)-Cu(l)-Cl(2)
Cl(l)-Cu(l)-Cl(3)
Cl(2)-Cu(l)-Cl(3)
Cl(l)-Cu(2)-Cl(3)'
Cl(l)-Cu(2)-Cl(4)
Cl (3) '-Cu (2 )-Cl (4)
Das
Sauerstoffatom befindet sich
im
Inneren
des
Kupfer-Chlor-,,Käfigs".
Es ist
fast exakt tetra-
edriseh koordiniert.
Der
Mittelwert
für die
Cu-O-Cu-
Winkel beträgt 109.2°,
der
mittlere Cu-O-Abstand
191 pm.
Jedes Kupferatom
ist
ferner
an ein
Stickstoff-
atom
je
eines HMTA-Moleküls gebunden.
Der
mitt-
Abb. 1.
ORTEP-Darstellung
des
Komplexes.
Die Was-
serstoffatome
an den
HMTA-Liganden sind
der
Über-
sichtlichkeit halber nicht eingezeichnet. Symmetrie-
code:
' =
l/2-x,
y, -z.
245,7(3) N(4)-C(2) 147,9(14)
241.5(3) N(4)-C(3) 145,2(14)
239,7(3) N(4)-C(6) 145,8(14)
242,9(3) N(5)-C(7) 144,7(13)
239,5(3) N(5)-C(8) 147,4(14)
238,0(3) N(5)-C(10) 148,1(14)
190,6(5) N(6)-C(8) 147,0(15)
191.1(5) N(6)-C(9) 147,0(14)
200,4(8) N(6)-C(12) 143,8(12)
199,8(8) N(7)-C(
10)
146,4(14)
152,0(13) N(7)-C(ll) 145,1(14)
151,5(13) N(7)-C(12) 147,4(15)
150,6(13) N(8)-C(7) 151,9(13)
146.8(13) N(8)-C(9) 151,8(13)
140,0(13) N(8)-C(ll) 150,0(13)
140,0(13) Cu(l)-Cu(l)' 309,2(2)
146,8(14) Cu(l)-C'u(2) 314,6(2)
144,0(13) Cu(l)-Cu(2)' 311.2(2)
148,1(14) Cu(2)-Cu(2)' 309,2(2)
80,2(1) Cl(l)-Cu(l)-N(8) 95,0(2)
79,6(1) Cl(l)-Cu(l)-0 84,0(2)
81.0(1) N(8)-Cu(l)-0 179,0(3)
81,1(1) Cl(l)-Cu(2)-N(l) 96,1(2)
115.3(1)
Cl(
1 )-Cu(2)-0 84.0(2)
122,5(1) N(l)-Cu(2)-0 177,0(3)
119,1(1) Cu(l)-0-Cu(l)' 108,4(2)
114.2(1) Cu(l)-0-Cu(2) 111,0(2)
122,9(1) Cu(l)-0-Cu(2)' 109.2(2)
120,6(1) Cu(2)-0-Cu(2)' 108,0(2)
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Notizen 1357
lere Cu-N-Abstand ist mit 200 pm deutlich kürzer
als in den anderen bisher von uns untersuchten
Kupfer(II)-HMTA-Komplexen (Cu-N 209-233 pm).
Die Bindungslängen im HMTA-Molekül ent-
sprechen den Erwartungswerten [6], wobei die Bin-
dungen zwischen den Kohlenstoffatomen und dem
komplexierenden Stickstoffatom geringfügig länger
sind.
Das adamantanartige Cu4Cl6-Gerüst mit dem
tetraedrisch koordinierten Sauerstoffatom im Inne-
ren stellt offenbar eine sehr stabile Anordnung dar;
die von uns dargestellte Verbindung ist nicht das
erste Beispiel für eine derartige Struktur, sondern
es sind bereits einige andere vierkernige Kupfer(II)-
Komplexe CU4CI6ÖL4 mit verschiedenen Liganden
L gefunden worden, die dieses Bauelement enthal-
ten. So Avurde ein Cuprat [(CHs^N^CiuClioO] be-
schrieben [7], in dem L = C1~ ist. Auch einige Ver-
bindungen ATon analogem Bau mit komplizierteren
Liganden L sind bekannt, nämlich L = Triphenyl-
phosphinoxid [8], L = 2-Methylpyridin [9] soAvie
eine Verbindung, in der drei Liganden L = N-
Methylpyrrolidin-2-on sind und als ATierter Ligand
ein Wassermolekül fungiert [10]. Die Bindungs-
längen und -Avinkel im C^CUO-Gerüst in diesen
Verbindungen sind mit den im HMTA-Komplex
gefundenen Werten vergleichbar; lediglich im 2-
Methylpyridin-Komplex, in dem das Gerüst infolge
intramolekularer Wechsehvirkungen stark verzerrt
ist, findet man zum Teil wesentlich abA\eichende
Bindungslängen und -AA'inkel.
Komplexe mit einem C^CleO-Grundgerüst sollen
auch als katalytisch Avirksame ZAvischenprodukte
bei der oxydativen Kupplung von aromatischen
Aminen oder Phenolen mit O2 unter Venvendung
von Kupfer(I)-chlorid als Katalysator in Pyridin
oder N-Methylpyrrolidin-2-on als Lösungsmittel
entstehen [11]. Wir haben in diesem Zusammen-
hang qualitative Untersuchungen durchgeführt,
die zeigen sollten, ob auch der HMTA-Komplex
eine solche katalytische Aktivität zeigt; es konnte
jedoch keine derartige Wirkung festgestellt Averden.
Die Struktur Avurde während des Workshops der
Arbeitsgemeinschaft Kristallographie, Erlangen 1982,
gelöst. Herrn Prof. H. Burzlaff danken wir für sein
Interesse und die freundliche Bereitstellung von Re-
chenmöglichkeiten. Der Deutschen Forschungsge-
meinschaft und dem Fonds der Chemischen Industrie
danken wir für finanzielle Unterstützung.
[1] J. Pickardt und Th. Schendler, Z. Naturforsch.
37b, 930 (1982).
[2] J. Pickardt, Z. Naturforsch. 37 b, 110 (1982).
[3] L. Vanino und A. Schinner, Arch. Pharm. 252,
451 (1914).
[4] J. C. Duff und E. J. Bills, J. Chem. Soc. (London)
1929, 411.
[5] H. Burzlaff, R. Böhme und M. Gomm, CRY-
ST AN, Erlangen 1977.
[6] L. N. Becka und D. W. J. Cruickshank, Proc.
Royal Soc. A 273, 435 (1963).
[7] J. A. Bertrand und J. A. Kellev, Inorg. Chem. 8,
1982(1969).
[8] J. A. Bertrand, Inorg. Chem. 6, 495 (1967).
[9] N. S. Gill und M. Sterns, Inorg. Chem. 9, 1619
(1970).
[10] M. R. Churchill und F. J. Rotella, Inorg. Chem.
18, 853 (1979).
[11] G. Davies, M. F. El-Shazly und M. W. Rupich,
J. Chem. Soc. Chem. Commun. 1978, 1045.
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