Herausforderungen bei der Integration von Benutzern
in Datenorientierten Prozess-Management-Systemen
Vera Künzle und Manfred Reichert
Institut für Datenbanken und Informationssysteme, Universität Ulm
{vera.kuenzle,manfred.reichert}@uni-ulm.de
Zusammenfassung
Im Projekt PHILharmonic Flows entwickeln wir ein datenorientierten Prozess-Management-
System der nächsten Generation. In Vorarbeiten haben wir fünf Herausforderungen diskutiert,
die eine generische Komponente zur Unterstützung datengetriebener Prozesse mit einer inte-
grierten Sicht auf Daten und Prozesse erfüllen sollte. In diesem Aufsatz betrachten wir zusätz-
lich die Integration von Benutzern. Dazu stellen wir vier weitere Herausforderungen für die Zu-
griffskontrolle in datenorientierten Prozess-Management-Systemen vor. Letztgenannte stellen
obligatorische und optionale Aktivitäten zur Verfügung. Obligatorische Aktivitäten müssen für
den Fortschritt einer Prozessinstanz zwingend ausgeführt werden, optionale Aktivitäten er-
möglichen dagegen die Pflege und Verwaltung von Daten unabhängig von der Ausführung ei-
nes bestimmten Prozesses. Die Bearbeiterzuordnung für obligatorische Aktivitäten ist dabei
nicht nur von der Aktivität an sich abhängig, sondern auch von den Berechtigungen eines Be-
nutzers zur Durchführung der innerhalb der Aktivität erforderlichen Datenänderungen. Berech-
tigungen für Datenänderungen müssen dazu für verschiedene Objektinstanzen eines Objekt-
typs jeweils unterschiedlich vergeben werden können. Gleichzeitig darf bei der Ausführung op-
tionaler Aktivitäten die Durchführung von Prozessinstanzen nicht fehlerhaft beeinflusst wer-
den. Weiter erweist sich eine getrennte Verwaltung von Anwendungsdaten und Organisati-
onsmodell als zu unflexibel für eine feingranulare Vergabe von Rechten mit möglichst gerin-
gem Administrationsaufwand. Insgesamt bieten datenorientierte Prozess-Management-
Systeme eine integrierte Sicht auf Prozesse, Daten und Benutzer, und eröffnen daher völlig
neue Anwendungsfelder für Prozess-Management-Technologie.
1 Motivation
Prozess-Management-Technologie bietet vielversprechende Perspektiven für die Computerunterstüt-
zung von Geschäftsprozessen unabhängig von einer spezifischen Anwendung. Trotzdem existieren
auf dem Software-Markt immer noch spezialisierte Software-Anwendungen (z.B. ERP-, CRM- oder
SCM-Systeme). In diesen datenorientierten Systemen ist die Prozesslogik jedoch fest im Anwen-
dungscode "verdrahtet". Ursache dafür ist, dass die derzeit auf dem Markt verfügbaren Workflow-
Management-Systeme (WfMS), wie Staffware, AristaFlow BPM Suite [DaRe09a, DaRe09b] und
WebSphere ProcessServer, die technologische Reife für die Realisierung der Prozesse in datenorien-
tierten Anwendungen nicht voll erreicht haben. In [KuRe09b] haben wir die Herausforderungen an ein
neues Workflow-Paradigma zur Unterstützung von datenorientierten Prozessen vorgestellt. Insbeson-
dere haben wir Anforderungen an eine generische Komponente definiert, welche die von Anwen-
dungssystemen her bekannte daten- und funktionsbezogene Sicht mit einer Sicht auf die jeweils un-
terstützten Prozesse integriert. In [KuRe09, KuRe09b] sind wir speziell auf die Integration von Prozes-
sen und Daten sowie die Unterstützung datenorientierter Prozesse eingegangen. In diesem Aufsatz
diskutieren wir einen komplementären Aspekt – die Integration der Benutzer in datenorientierten Pro-
zess-Management-Systemen. Insbesondere zeigen wir, welche zusätzlichen Herausforderungen hin-
sichtlich Zugriffskontrolle für Systeme mit integrierter Sicht auf Prozesse und Daten zu erfüllen sind.
Zunächst stellen wir in Kapitel 2 ein einfaches Beispiel vor, entlang dessen wir die nachfolgenden Aus-
führungen illustrieren. In Kapitel 3 beschreiben wir zunächst den Aufbau und die Arbeitsweise von da-
ten- und funktionsbezogenen Anwendungen sowie von konventionellen WfMS. Im Anschluss fassen
wir die Charakteristika datenorientierter Prozess-Management-Systeme, die wir in [KuRe09, KuRe09b]
bereits vorgestellt haben, nochmals zusammen. Kapitel 4 gibt einen systematischen Überblick über
die Ziele und Maßnahmen für sichere Informationssysteme im Allgemeinen und über Strategien, Mo-
delle und Mechanismen zur Zugriffskontrolle im Speziellen. In diese Systematik ordnen wir die Anfor-
derungen für die Zugriffskontrolle in datenorientierten Prozess-Management-Systemen ein und gren-
zen die in diesem Aufsatz betrachteten Herausforderungen von weiterführenden Anforderungen ab. In
Kapitel 5 beschreiben wir die Herausforderungen an die Zugriffskontrolle für ein datenorientiertes Pro-
zess Management System im Detail. Kapitel 6 stellt existierende Ansätze vor, die bereits auf einzelne
Teil-Problematiken eingegangen sind. Abschließend geben wir in Kapitel 7 einen Ausblick auf unsere
zukünftigen Forschungsarbeiten zu datenorientierten Prozess-Management-Systemen.
2 Beispiel
Um unsere nachfolgenden Ausführungen zu illustrieren, stellen wir zunächst als Fallbeispiel den Be-
arbeitungsprozess einer Bewerbung aus dem Bereich Human Ressource Management vor. Der Ein-
fachheit halber gehen wir nur auf Grundfunktionen und allgemeine Abläufe ein:
Anhand eines Online-Formulars im Internet haben Interessenten die Möglichkeit, sich auf eine offene
Ausschreibung zu bewerben. Ziel des Prozesses ist es, eine Entscheidung darüber zu treffen, welcher
Bewerber zur Besetzung der offenen Stelle eingestellt werden soll. Dazu werden zunächst die Kennt-
nisse der Bewerber mit den Anforderungen der Stelle verglichen. Verschiedene Sachbearbeiter in der
Personalabteilung sind hierbei jeweils für die Bewerbungen zu unterschiedlichen Ausschreibungen
zuständig. Zur weiteren Entscheidungsfindung haben die Sachbearbeiter in der Personalabteilung die
Möglichkeit, die Bewerbungen zwecks Beurteilung den Führungskräften der jeweils zuständigen Fach-
abteilungen vorzulegen. Dazu wird für die Mitarbeiter aus den Fachabteilungen von der Personalabtei-
lung jeweils ein Gutachten angelegt. Diese müssen von den betreffenden Mitarbeitern der Fachabtei-
lung ausgefüllt werden. Anhand eines Ausgabedatums kann die Personalabteilung festgelegen, zu
welchem Zeitpunkt der jeweilige Mitarbeiter das jeweilige Gutachten erstellen soll. Ist dieses Datum
erreicht, kann der Mitarbeiter die zugehörige Bewerbung einsehen, eine Bewertung festlegen und ei-
nen Kommentar vermerken. Des Weiteren muss der Mitarbeiter einen Vorschlag für das weitere Ver-
fahren angeben. Dies kann eine Absage für den Bewerber oder die Einladung zu einem Vorstellungs-
gespräch sein. Nach Rückgabe der Gutachten werden diese von der Personalabteilung ausgewertet
und als Entscheidungsgrundlage (bzw. für die Auswahl einer Folgeaktion) verwendet.
3 Grundlagen
3.1 Daten- und funktionsbezogene Anwendungssysteme
Daten- und funktionsbezogene Anwendungen stellen Funktionen zur Verwaltung und Bearbeitung von
Daten bereit. Sie basieren dazu typischerweise auf einer (objekt-)relationalen Datenbank. Diese spei-
chert Datenobjekte anhand verschiedener Tabellen (sog. Relationen). Eine Tabelle beschreibt jeweils
einen Objekttyp. Einzelne Zeilen repräsentieren hierbei die einzelnen Objektinstanzen, Spalten defi-
nieren die Attribute eines Objekttyps bzw. enthalten die Attributwerte einer Objektinstanz. Anhand von
Primärschlüsselattributen können Objektinstanzen eindeutig identifiziert werden. Beziehungen werden
anhand von Fremdschlüsselattributen beschrieben. Diese Attribute speichern die Werte von Primär-
schlüsseln anderer Objektinstanzen.
Den Zugang zum System bilden meist Übersichtstabellen, in welchen die einzelnen Objektinstanzen
eines bestimmten Objekttyps aufgelistet werden. Ausgehend von diesen Übersichtslisten können
instanzspezifisch die Funktionen zur Einsicht und Änderung der Attributwerte einer Objektinstanz aus-
geführt werden. Die einzelnen Bewerbungen werden beispielsweise innerhalb einer spezifischen
Übersicht aufgelistet. Für jede Objektinstanz, d.h. für jede Bewerbung, kann zum Beispiel eine Funk-
tion zur Änderung der Attributwerte aufgerufen werden. Auch komplexere Geschäftsfunktionen, deren
Ausführung sich jeweils auf eine bestimmte Objektinstanz bezieht, können an dieser Stelle aufgerufen
werden. Eine komplexe Geschäftsfunktion ist z.B. der Vergleich der Kenntnisse eines Bewerbers mit
den Anforderungen einer offenen Stelle. Funktionen zur Neuanlage von Objektinstanzen sowie kom-
plexere Geschäftsfunktionen, deren Ausführung mehrere Objektinstanzen (auch von verschiedenen
Objekttypen) betrifft, können z.B. innerhalb von Programmmenüs aufgerufen werden. Diese Funktio-
nen können keiner spezifischen, bereits existierenden Objektinstanz zugeordnet werden.
Zu erwähnen bleibt, dass die Benutzer dieser Anwendungssysteme meist selbst Teil der Datenbasis
sind und als einzelne Objektinstanzen in speziellen Relationen gespeichert werden. Beispiele hierzu
sind Autoren und Gutachter in Systemen zur Organisation von wissenschaftlichen Konferenzen, Be-
werber und Mitarbeiter in Personalmanagementsystemen oder Kunden und Sachbearbeiter in Syste-
men zur Verwaltung von Versicherungsverträgen.
3.2 Konventionelle Workflow-Management-Systeme
In Workflow-Management-Systemen (WfMS) werden innerhalb des Prozessmodells einzelne Aktivitä-
ten definiert und anhand des Kontrollflusses zu Prozessen verknüpft. Letzterer legt die Reihenfolge
und Ausführungsbedingungen für die Aktivitäten fest. Dazu stehen z.B. Modellierungskonstrukte für
sequentielle, alternative und parallele Abläufe sowie für Schleifen zur Verfügung. Einige WfMS bieten
noch zusätzlich fortschrittlichere Konstrukte [AHKB03]. Schließlich wird für die spätere Ausführung je-
de Prozess-Aktivität mit einem Anwendungsdienst verknüpft.
Innerhalb herkömmlicher WfMS muss zwischen internen und externen Anwendungsdaten differenziert
werden. Interne Anwendungsdaten werden bei der Festlegung des Datenflusses zu Prozessaktivitäten
modelliert und über Ein- bzw. Ausgabeparameter mit einzelnen Aktivitäten verknüpft. Hierbei können
in den meisten WfMS nur atomare Datenelemente definiert werden. Eine Gruppierung der einzelnen
Datenelemente zu Objekten sowie die Definition von Beziehungen zwischen Datenelementen sind in
den meisten WfMS dagegen nicht möglich. Externe Anwendungsdaten werden von den eingebunde-
nen Anwendungen selbst verwaltet. Auf diese Daten hat das WfMS keinen Zugriff. D.h. es kann nicht
gesteuert werden, welche Objekttypen, welche Objektinstanzen und welche Attributwerte jeweils beim
Aufruf einer Aktivität gelesen oder bearbeitet werden können. Je nach Implementierung der eingebun-
denen Funktion des Anwendungsdienstes kann jedoch (z.B. durch Übergabe einer Objekt-ID inner-
halb des Datenflusses) geringer Einfluss genommen werden.
Benutzer werden innerhalb eines Organisationsmodells verwaltet. Interaktiven Aktivitäten, die eine Ak-
tion des Benutzers erfordern, wird zusätzlich ein Bearbeiterausdruck (z.B. eine Benutzerrolle) mit Be-
zug auf das Organisationsmodell zugeordnet. Das Organisationsmodell wird vollständig getrennt von
den internen und externen Anwendungsdaten verwaltet.
Zur Laufzeit wird für jede Ausführung eines Prozesses eine eigene Prozessinstanz angelegt. Alle akti-
vierbaren Aktivitäten werden den jeweils zuständigen Bearbeitern innerhalb ihrer Arbeitsliste zur Aus-
führung angeboten. Bei der Aktivierung wird automatisch die mit der Aktivität verknüpfte Anwendung
gestartet und die benötigten Daten geladen [ReDa00, AaHe04].
3.3 Datenorientierte Prozess-Management-Systeme
Erste Erfahrungen mit datenorientierten Prozessen haben wir im Corepro-Projekt gesammelt [MRH07,
MRH08]. In [KuRe09b] haben wir die Herausforderungen an eine generische Komponente zur Unter-
stützung von datenorientierten Prozessen mit integrierter Sicht auf Daten und Prozesse beschrieben.
Um nachfolgende Ausführungen zur Zugriffskontrolle in datenorientierten Prozess-Management-
Systemen einordnen zu können, fassen wir unsere wichtigsten Erkenntnisse an dieser Stelle noch-
mals zusammen.
Herausforderung 1: Datenintegration
Anwendungsdaten bestehen aus einer variablen Anzahl von Objektinstanzen verschiedener Objektty-
pen, die durch eine Menge von Attributen definiert sind. Auch Beziehungen zwischen Objektinstanzen
werden innerhalb der Objekttypen definiert.
Einer Objektinstanz können mehrere andere Objektinstanzen eines anderen oder desselben Objekt-
typs zugeordnet sein. Alle Daten können innerhalb von optionalen Aktivitäten (unabhängig von Pro-
zessen) zu jedem Zeitpunkt eingesehen und bearbeitet werden. Anwendungsdaten müssen daher
vollständig integriert werden. Hierbei müssen Daten anhand von Objekttypen und nicht nur auf Basis
atomarer Datenelemente verwaltet werden können. Schließlich müssen variable Mengen von Objekt-
instanzen sowie deren Beziehungen untereinander berücksichtigt werden können.
Herausforderung 2: Granularität von Prozessen und Aktivitäten
Für die einzelnen Objekttypen existieren jeweils spezifische Bearbeitungsprozesse (sog. Prozessty-
pen). Die einzelnen Aktivitäten innerhalb eines Prozesstyps bestehen jeweils aus verschiedenen Akti-
onen zur Einsicht oder Änderung der Attribute des zugehörigen Objekttyps. Die Instanziierung eines
Prozesstyps ist unmittelbar mit der Anlage einer zugehörigen Objektinstanz verknüpft.
Bei der Ausführung einer Prozessinstanz für eine spezifische Objektinstanz sind weiterhin Informatio-
nen aus anderen Objektinstanzen, die mit der betreffenden Objektinstanz in Beziehung stehen, rele-
vant. Abhängigkeiten dieser Art werden anhand von Sub-Prozess-Beziehungen zwischen verschiede-
nen Prozesstypen modelliert. Die Zuordnung der Prozesstypen zueinander entspricht somit der Zu-
ordnung der Objekttypen, d.h. es besteht eine Analogie zwischen Prozess- und Datenstruktur. Durch
die variable Anzahl von Objektinstanzen eines Typs ergibt sich eine variable Anzahl von Prozessin-
stanzen. Diese 1:1-Zuordnung zwischen Objekt- und Prozesstyp bzw. zwischen Objekt- und Prozess-
instanz wird in Abbildung 1 illustriert. Für die Objekttypen Bewerbung und Gutachten existiert je-
weils ein eigener Prozesstyp. Bei Anlage einer Objektinstanz wird automatisch eine zugehörige Pro-
zessinstanz erzeugt. Eine Prozessinstanz für eine Bewerbung enthält zur Laufzeit genau so viele
Sub-Prozessinstanzen, wie es Objektinstanzen für Gutachten gibt, die der Objektinstanz der jeweili-
gen Bewerbung zugeordnet sind.
Abbildung 1: Granularität von Prozessen
Herausforderung 3: Datenbasierte Modellierung
Interessanterweise ist der Fortschritt einer Prozessinstanz anhand der Attributwerte der zugehörigen
Objektinstanz erkennbar. Folglich sind einzelne Prozessschritte hier weniger anhand von Aktivitäten,
sondern vielmehr anhand von Datenbedingungen definiert. Zur Erreichung eines bestimmten Pro-
zessschritts, d.h. zur Erfüllung einer Datenbedingung, müssen obligatorische Aktivitäten ausgeführt
werden. Die Aktionen (d.h. die Attributänderungen), die innerhalb einer solchen Aktivität ausgeführt
werden müssen, können anhand der Datenbedingungen ermittelt werden. Obligatorische Aktivitäten
sind im Gegensatz zu den optionalen Aktivitäten für den Fortschritt einer Prozessinstanz zwingend er-
forderlich. Abbildung 2 verdeutlicht die datenbasierte Modellierung entlang des Prozesses für ein
Gutachten einer Bewerbung. Um z.B. ein Gutachten an die Personalabteilung zurückzugeben,
muss das Attribut submit gesetzt werden. Dazu muss dieses Attribut innerhalb des vorhergehenden
Prozessschritts geschrieben werden.
Abbildung 2: Datenbasierte Modellierung
Herausforderung 4: Synchronisation von Prozessen
Eine Prozessstruktur besteht aus hierarchisch angeordneten Prozesstypen. Die Zuordnung von (Sub-)
Prozesstypen erfolgt analog zur Datenstruktur. Zur Laufzeit müssen die unterschiedlichen Prozessin-
stanzen eines Prozesstyps untereinander asynchron ausgeführt werden. Im Gegensatz zu konventio-
nellen WfMS müssen zusätzlich auch die Sub-Prozessinstanzen jeweils asynchron zur übergeordne-
ten Prozessinstanz ausgeführt werden können. Bei dieser Synchronisation müssen die verschiedenen
Mengenbeziehungen berücksichtigt werden.
Für jede Bewerbung existieren zur Laufzeit eine eigene Objekt- und Prozessinstanz. Die Anzahl der
untergeordneten Prozessinstanzen eines Bewerbungsprozesses entspricht der jeweiligen Anzahl an
Gutachten die der Bewerbung zugeordnet sind. Während der Ausführung der Prozessinstanzen für
die Gutachten muss die Prozessinstanz für die Bewerbung weiter ausgeführt werden können. In-
nerhalb der Prozessinstanz der Bewerbung werden die Ergebnisse der Gutachten ausgewertet.
Diese Auswertung kann erst erfolgen, wenn alle Gutachten zurückgegeben worden sind. Die Anzahl
der Gutachten wiederum kann von Bewerbung zu Bewerbung unterschiedlich sein, d.h. sie ist zur
Laufzeit variabel.
Herausforderung 5: Flexibilität
Welche Aktivitäten zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgeführt werden können, ist abhängig vom aktu-
ell erreichten Prozessschritt, d.h. der aktuell gültigen Datenbedingung und nicht von der Ausführung
anderer Aktivitäten. Dies gilt sowohl für obligatorische als auch optionale Aktivitäten. Welche Attribute
bei Bearbeitung einer Objektinstanz jeweils gelesen oder geschrieben werden können, ist abhängig
vom Fortschritt der zur Objektinstanz gehörenden Prozessinstanz. Dadurch können Aktivitäten, solan-
ge die jeweils relevante Datenbedingung weiterhin erfüllt ist, auch wiederholt ausgeführt werden. Ab-
bildung 2 verdeutlicht die Abhängigkeit von Lese- und Schreibberechtigungen für Attributwerte einer
Objektinstanz eines Gutachtens vom Fortschritt der zum Gutachten gehörenden Prozessinstanz.
4 Zugriffskontrolle
Informationssysteme stellen Ressourcen in Form von Daten und Funktionen zur Verfügung. Dabei
müssen die Interessen von Benutzern bezüglich Verfügbarkeit, Integrität und Vertraulichkeit erfüllt
werden [Ber98, FK92]. Insbesondere müssen der Zugang zu Daten und die Ausführung von Funktio-
nen vor unberechtigten Zugriffen (Vertraulichkeit) und unzulässigen Änderungen (Integrität) geschützt
werden. Gleichzeitig muss gewährleistet werden, dass jeder Benutzer Zugang zu allen benötigten Da-
ten und Funktionen hat (Verfügbarkeit).
Um dies zu erreichen, müssen unterschiedliche Maßnahmen implementiert werden. Hierzu ist zu-
nächst einmal eine geeignete Identifizierung der Benutzer, die Authentifizierung, erforderlich. Diese
bildet die Basis für die Zugriffskontrolle, d.h. die Autorisierung, sowie für weitere Mechanismen (z.B.
Verschlüsselung). Auf Grundlage der Zugriffskontrolle bzw. Zugriffsrechte kann kontrolliert werden,
welche Subjekte (z.B. Benutzer) in welcher Form auf welche Objekte (z.B. Daten, Funktionen oder Ak-
tivitäten) des Systems zugreifen können. Zugriffskontrolle kann auf verschiedenen Abstraktionsebe-
nen betrachtet werden [SaVi01]: Strategien, Modelle und Mechanismen (für eine ähnliche Kategorisie-
rung siehe [San00]).
Strategien sind allgemeine Festlegungen, welche Komponenten (z.B. Objekte, Funktionen, Aktivitäten,
etc.) innerhalb eines Systems geschützt werden müssen. Sie legen die prinzipielle Vorgehensweise,
sowie und die benötigten Zugriffsrechte fest. Innerhalb von Modellen wird die formale Repräsentation
der Strategie definiert (z.B. HRU-Modell1 [SaVi01]). Dadurch können Zugriffe vom System kontrolliert
und überwacht werden. Die konkrete technische Implementierung wird anhand eines Zugriffskontroll-
mechanismus festgelegt [SaVi01].
Unterschiedliche Systeme stellen unterschiedliche Anforderungen an die jeweils benötigte Strategie
zur Zugriffskontrolle. Die Zugriffskontrolle kann dazu, je nach Systemfunktionalität, in vier Stufen ein-
geteilt werden [Pfe05]. Auf der ersten Stufe befinden sich Anforderungen an die Zugriffskontrolle in In-
formationssystemen im Allgemeinen, dieser Kategorie sind daten- und funktionsorientierte Anwendun-
gen zuzuordnen. Anforderungen an die Zugriffskontrolle in prozessorientierten Informationssystemen,
zu denen auch WfMS zählen, bilden die zweite Stufe. Bietet ein System die Möglichkeit Prozesse zur
1 Modell nach Harrison, Ruzzo, Ullman (basiert auf 6 Elementaroperationen)
Laufzeit anzupassen [ReRD09], entstehen zusätzliche Anforderungen die innerhalb der dritten Stufe
angeordnet sind. Auf der vierten Stufe sind Anforderungen angeordnet, die entstehen, wenn Prozesse
oder Funktionalitäten über Bereichs-, Unternehmens- oder Sicherheitsgrenzen hinaus reichen.
Abbildung 3 stellt die unterschiedlichen Abstraktionsebenen für die Zugriffskontrolle sowie die ver-
schiedenen Stufen für unterschiedliche Systeme dar.
Abbildung 3: Abstraktionsebenen und Stufen der Zugriffskontrolle
Je nach Art des Systems, d.h. abhängig von der betrachteten Stufe, muss die benötigte Strategie un-
terschiedliche Arten von Rechten unterstützen. Rechte können in Administrations-, Lese-, Ausfüh-
rungs-, Eingriffs- und Änderungsrechte eingeteilt werden [Pfe05]. Abbildung 4 illustriert die für jede
Stufe benötigten Arten von Rechten.
Stufe I Stufe II Stufe III Stufe IV
Ausführungsrechte Funktionen Aktivitäten wie Stufe II Integration ver-
schiedener Strate-
gien
Instanziierung
Leserechte Objekttypen (intern verwaltete)
Daten wie Stufe II
Objektinstanzen
Objektattribute Prozessmodelle
Organisationsmodell
Datenmodell
Funktionsmodell
Prozessinstanzen
Administrationsrechte Rechte Rechte wie Stufe II
Modelle
Eingriffsrechte Berechtigungen Bearbeiterzuordnungen wie Stufe II
Prozessinstanzen
Änderungsrechte Rechte Rechte
Prozessinstanzen
Prozessmodelle
Modelle
Abbildung 4: Rechtearten pro Systemstufe
Weiterhin können Zugriffsrechte in Bezug auf die explizite oder implizite Zuordnung [Pfe05] sowie in
Bezug auf eine passive oder aktive Aktivierung [Tho97] des Rechts kategorisiert werden. Unter explizi-
ten Rechten versteht man die direkte Zuordnung zu Benutzern oder Rollen, implizite Rechte werden
automatisch durch direkte Zuordnung eines anderen Rechts vergeben. Ein Benutzer wird beispiels-
weise explizit als Bearbeiter einer Aktivität zugeordnet und erhält damit implizit die Berechtigungen zu
den von der Aktivität zur Verfügung gestellten Anwendungsdaten. Ist zur Modellierzeit entscheidbar,
ob einem Benutzer eine entsprechende Berechtigung zugeordnet werden kann, spricht man von ei-
nem passiven Recht. Bei aktiven Rechten kann dagegen erst zur Laufzeit, z.B. abhängig von der Uhr-
zeit, entschieden werden, ob die Berechtigung vergeben werden kann.
In diesem Aufsatz beschreiben wir die Anforderungen an eine Strategie für die Zugriffskontrolle in da-
tenorientierten Prozess-Management-Systemen. Wir beschränken uns auf Ausführungsrechte für
Funktionen und Aktivitäten sowie auf Leserechte für Anwendungsdaten. Diese Rechtearten sind in
Abbildung 4 hervorgehoben. Auf Administrations-, Eingriffs- und Änderungsrechte gehen wir nicht ein.
Des Weiteren bleiben Rechte zur Instanziierung von Prozessmodellen sowie Leserechte für unter-
schiedliche Modelle und Prozessinstanzen zunächst ausgeblendet.
4.1 Grundlegende Strategien: DAC, MAC und RBAC
Zu den grundlegenden Zugriffsstrategien gehören Discretionary Access Control (DAC) [Ber98],
Mandatory Access Control (MAC) [Ber98] sowie rollenbasierte Zugriffskontrolle (RBAC) [SaVi01].
Bei der DAC kann festgelegt werden, welche Rechte (z.B. Lese- oder Schreibberechtigungen) ein Be-
nutzer jeweils auf die im System vorhandenen Objekte hat, d.h. die Vergabe von Berechtigungen er-
folgt identitätsbezogen pro Benutzer [Ber98, FK92]. Ein Zugriffsrecht kann anhand einer Relation von
Subjekt, Objekt und Recht beschrieben werden. Die Vergabe der Berechtigungen erfolgt jeweils durch
den Eigentümer des Objekts.
MAC verfolgt einen konträren Ansatz. Die Vergabe von Berechtigungen erfolgt auf Basis von Regeln.
Dazu werden Subjekte und Objekte in verschiedene Klassen (z.B. Sicherheitsstufen) eingeteilt. Zwi-
schen diesen Klassen werden Beziehungen für die jeweils erlaubten Zugriffe definiert [Ber98].
In RBAC schließlich werden Berechtigungen nicht benutzerspezifisch, sondern anhand von Rollen
vergeben. Benutzern werden zu diesem Zweck entsprechende Rollen zugeordnet [FeKu92, SCFY96].
Rollen bilden eine zusätzliche Abstraktionsebene zwischen Subjekten und Objekten, und erlauben ei-
ne weitaus weniger aufwändige Administration. Die Vergabe von Rechten erfolgt durch einen Admi-
nistrator und nicht durch die Eigentümer der jeweiligen Objekte. Dadurch können einheitlichere Regeln
definiert werden. Anhand von rollenbasierten Strategien können sowohl individuelle als auch regelba-
sierte Strategien umgesetzt werden [OSM00].
Durch Weitergabe von Berechtigungen durch den Eigentümer von Objekten kann bei der Verwendung
von DAC meist keine einheitliche Strategie verfolgt werden [Ber98]. In vielen Szenarien sind Benutzer
nicht zwingend Eigentümer der Objekte auf die sie Zugriff haben [FeKu92]. Die Vergabe von Rechten
an jeden einzelnen Benutzer erfordert einen hohen Administrationsaufwand [Ber98]. MAC ist eher
eindimensional auf die Beschränkung von möglichen Informationsflüssen ausgerichtet. Die meisten
Anwendungen erfordern jedoch eine Zugriffskontrolle sowohl in Bezug auf Daten als auch in Bezug
auf die Funktionen die innerhalb der Anwendung zur Verfügung stehen. Hierbei sollte nicht nur die
Funktion an sich, sondern auch die Datenmenge, die als Eingabeparameter für die jeweilige Funktion
verwendet werden kann, berücksichtigt werden [FeKu92]. Ein Benutzer sollte zu jedem Zeitpunkt der
Systemausführung nur die Rechte besitzen, die er tatsächlich für die Ausführung seiner Aufgaben be-
nötigt. Dieses Konzept wird in vielen Arbeiten "Principle of Least Privilege" [FeKu92] genannt. Bei ei-
ner benutzerbasierten Autorisierung, wie sie in DAC und MAC verfolgt wird, ist dies nur schwer sicher-
zustellen. Des Weiteren kann nicht systemunterstützt gewährleistet werden, dass für Benutzer mit den
gleichen Aufgaben auch die gleichen Berechtigungen vergeben werden [FeKu92].
Sowohl in den meisten daten- und funktionsorientierten Anwendungen als auch innerhalb von konven-
tionellen WfMS werden mittlerweile rollenbasierte Strategien verwendet [FeKu92, KS01]. Diese Stra-
tegien können einheitlich von einem System-Administrator konfiguriert werden und erlauben die kon-
sistente Vergabe von Rechten in Bezug auf die Funktionen und Aufgaben, die ein Benutzer innerhalb
eines Unternehmens besitzt. Die zusätzliche Abstraktionsebene zwischen Benutzern und Berechti-
gungen erlaubt eine schnellere und weniger aufwendige Administration der Rechte, da die Anzahl an
Rollen in einem Unternehmen bedeutend kleiner ist als die Anzahl an Benutzern [BFA99]. Des Weite-
ren müssen bei Positionswechseln von Benutzer innerhalb eines Unternehmens die Berechtigungen
nicht jedes Mal angepasst werden [BFA99, OSM00].
4.2 Zugriffskontrolle in daten- und funktionsbezogenen Anwendungen
Die meisten daten- und funktionsbezogenen Anwendungen verfolgen bei der Zugriffskontrolle eine rol-
lenbasierte Strategie. Das jeweilige Modell sowie der verwendete Mechanismus (d.h. die konkrete Im-
plementierung) sind jedoch von System zu System sehr unterschiedlich und in der Regel anwen-
dungsspezifisch realisiert. Anwendungssysteme für die reine Datenverwaltung regeln beispielsweise
lediglich den Zugriff auf Objekte. Ein Benutzer kann dadurch alle vom System angebotenen Funktio-
nen für sämtliche Objekte in seinem Zugriff ausführen. Andere Systeme, wie z.B. webbasierte Anwen-
dungen, beschränken den Zugriff rollenbasiert auf bestimmte Seiten.
Im Folgenden beschreiben wir die Anforderungen, die eine Zugriffskontrolle für daten- und funktions-
bezogene Anwendungssysteme (d.h. Systeme der Stufe I [Pfe05]) erfüllen sollte. Wie erwähnt be-
schränken wir uns in diesem Aufsatz auf Lese- und Ausführungsrechte.
Granularität von Objekten: Die Vergabe von Berechtigungen sollte möglichst feingranular in Bezug
auf einzelne Attribute von Objekten möglich sein. Sowohl Mitarbeiter mit der Rolle Personalabtei-
lung als auch Mitarbeiter mit der Rolle Fachabteilung dürfen Objektinstanzen vom Objekttyp Gut-
achten bearbeiten. Mitarbeiter der Fachabteilung dürfen jedoch andere Attribute der Objektin-
stanz bearbeiten als Mitarbeiter der Personalabteilung. Hierbei sollte weiterhin differenziert wer-
den können, ob eine Berechtigung für alle Objektinstanzen eines Objekttyps oder nur für eine einzelne
Objektinstanz bzw. eine bestimmte Teilmenge von Objektinstanzen gültig ist [KKC02, LS97, TS97,
HW04]. Ein Mitarbeiter mit der Rolle Fachabteilung sollte beispielsweise nur Gutachten bearbei-
ten dürfen, die auch von der Personalabteilung für ihn angelegt wurden. Eine Vergabe von Zu-
griffsrechten in Bezug auf einzelne Objektinstanzen ist sehr aufwändig. Problematisch ist zusätzlich,
dass die Objektinstanzen bei der Administration der Rechte zur Modellierzeit in der Regel nicht be-
kannt sind bzw. noch nicht existieren. Des Weiteren ist der Zugriff auf einzelne Objektinstanzen meist
nicht abhängig von einer Rolle sondern von einem konkreten Benutzer. Dies geht über die Basisstra-
tegien der rollenbasierten Zugriffskontrolle hinaus [SCFY96]. Anforderungen dieser Art sind innerhalb
der meisten Systeme deshalb immer noch hart im Anwendungscode verdrahtet [KKC02].
Kontext: Auch der Kontext, in dem ein bestimmtes Recht zur Anwendung kommt, ist relevant
[KKC02]. Hiermit sind beispielweise ein Ereignis oder eine Zeitangabe gemeint. Ereignisse spiegeln
sich anhand von Attributwerten bestimmter Objektinstanzen wider. Ein Mitarbeiter der Fachabtei-
lung darf ein Gutachten nur solange bearbeiten, bis er es an die Personalabteilung zurückge-
geben hat. Zur Rückgabe eines Gutachtens setzt der Mitarbeiter einen entsprechenden Wert inner-
halb des Attributs submit des Gutachtens. Zeitangaben können absolute Angaben oder relative An-
gaben (z.B. im Bezug auf die Ausführung einer anderen Funktion) sein [HuWe04]. Die Rückgabe ei-
nes Gutachtens muss beispielsweise innerhalb von 14 Tagen erfolgen.
Aufgabentrennung und Aufgabenbindung: Bestimmte Rollen innerhalb eines Unternehmens
schließen sich gegenseitig aus ("Separation of Duties") [SCFY96]. Des Weiteren können sich ver-
schiedene Funktionen in Bezug auf ein Objekt gegenseitig ausschließen. Auch Mitarbeiter können
sich auf ausgeschriebene Stellen bewerben. Ein Mitarbeiter sollte jedoch kein Gutachten für seine
eigene Bewerbung erstellen können. Um Betrugsversuche zu vermeiden, müssen diese Funktionen
von jeweils unterschiedlichen Benutzern durchgeführt werden (Aufgabentrennung). In anderen Fällen
erfordern verschiedene Funktionen die Ausführung von jeweils demselben Benutzer (Aufgabenbin-
dung). Hierzu müssen Bedingungen in Bezug auf Benutzer, Rollen und Rechte formuliert werden kön-
nen [SCFY96].
4.3 Zugriffskontrolle in konventionellen WfMS
Ausführungsrechte werden innerhalb von WfMS in Form von Bearbeiterausdrücken für Aktivitäten
vergeben [KaSa01, RiRe08]. Für jede Aktivität, die eine Interaktion des Benutzers erwartet, kann ein
Bearbeiterausdruck in Bezug auf das Organisationsmodell definiert (z.B. eine Rolle) werden [RHE04].
Kann eine Aktivität zur Laufzeit aktiviert werden, wird sie den jeweiligen Bearbeitern innerhalb von Ar-
beitslisten zugeordnet. Verschiedene Arten und Möglichkeiten für die genaue Zuordnung zur Laufzeit
werden in [RHE04] (Workflow Resource Patterns) beschrieben.
Anwendungsdaten können in WfMS intern und extern verwaltet werden. Externe Anwendungsdaten
werden außerhalb des WfMS von den jeweils eingebundenen Anwendungsdiensten bzw. -systemen
verwaltet und können vom WfMS nur sehr eingeschränkt beeinflusst werden. Je nach Implementie-
rung der Aktivitäten kann anhand von Übergabeparametern (z.B. ID einer Objektinstanz) die Daten-
auswahl innerhalb einer Aktivität beeinflusst werden. Zugriffrechte auf Anwendungsdaten, die inner-
halb des WfMS verwaltet werden, werden implizit bei der Ausführung von Aktivitäten vergeben. Diese
Leserechte gelten jeweils nur für die Dauer der Ausführung der entsprechenden Aktivität [Kin97].
Aufgabentrennung und Aufgabenbindung: Bedingungen zur Aufgabentrennung und -bindung wie
sie Systeme der Stufe I [Pfe05] erfordern, sind gerade für Aktivitäten eines Prozesses von großer Be-
deutung [KaSa01, RHE04].
Granularität von Objekten: In den meisten WfMS können lediglich atomare Datenelemente verwaltet
werden, die Gruppierung zu Objekten ist nicht möglich. Es gibt jedoch fortschrittlichere Ansätze, die
auch auf die Vergabe von Datenberechtigungen anhand von Objekten und deren Attribute [Bot02]
eingehen, sowie auf den Zugriff auf einzelne Objektinstanzen [SSML02] erlauben.
Kontext: Innerhalb von prozessorientierten Anwendungssystemen ist in erster Linie der Ausführungs-
kontext, in welchem ein Recht verwendet wird, von Bedeutung. Rechte für Datenzugriffe sollten für je-
de Aktivität spezifisch vergeben werden können [Bot02, T97].
4.4 Zugriffskontrolle in adaptiven WfMS
Adaptive WfMS [Rei00, WSR09, ReRD09, RiRe06] bieten die Möglichkeit, Prozesse zur Laufzeit an-
zupassen und sind daher der dritten Stufe zugeordnet (siehe Abbildung 3). Wie Abbildung 4 zeigt,
müssen in Systemen dieser Art zusätzlich Änderungsrechte berücksichtigt werden. Für aktivitätsorien-
tierte WfMS haben wir innerhalb des ADEPT-Projekts bereits einige Aspekte in diesem Bereich unter-
sucht. [WRWR05] etwa beschreibt einen Ansatz zur Definition von Änderungsrechten an Prozessmo-
dellen auf Schemaebene und zur Laufzeit. Hierbei kann bei der Vergabe von Berechtigungen für Pro-
zessänderungen der jeweilige Prozess-Kontext berücksichtigt werden. Der Ansatz ermöglicht die Ein-
schränkung der Änderungsoperationen auf bestimmte Benutzer, ohne dabei die durch diese Systeme
gewonnene Flexibilität unnötig einzuschränken.
Zusätzlich zu den Änderungen an Prozessmodellen und Prozessinstanzen müssen auch Änderungen
an Organisationsmodellen sowie Änderungen bei der Vergabe der Rechte selbst (z.B. den Bearbeiter-
zuordnungen) berücksichtigt werden (siehe Abbildung 4). Diese Aspekte haben wir innerhalb des Pro-
jekts CEOSIS [LRDR06, RiRe05, RiRe07, RiRe08] untersucht. Hierbei wurden innerhalb eines Rah-
menwerks, semantisch eindeutige Operatoren für Änderungen an Organisationsmodellen definiert
[RiRe07]. Da sich Bearbeiterzuordnungen auf die Komponenten des Organisationsmodells beziehen,
können Änderungen am Organisationsmodell selbst zu Inkonsistenzen in Bezug auf die definierten
Bearbeiterausdrücke führen. Um dies zu vermeiden sind in [RiRe07] zusätzlich Lösungen beschrie-
ben, die die (teil-automatische) Anpassung der Bearbeiterausdrücke bei Anwendung der definierten
Änderungsoperatoren unterstützen. Darüber hinaus wurden innerhalb des CEOSIS-Projekts auch
mögliche Seiteneffekte solcher Änderungen analysiert. Änderungen an Formeln für die Bearbeiter-
zuordnungen wirken sich auf die Menge der möglichen Bearbeiter aus und erfordern daher eine An-
passung der Arbeitslisten [RiRe08, RiRe09].
4.5 Zugriffskontrolle in grenzübergreifenden WfMS
Auf der vierten Stufe sind Anforderungen angeordnet, die entstehen, wenn Prozesse oder Funktionali-
täten über Bereichs-, Unternehmens- oder Sicherheitsgrenzen hinaus reichen (siehe Abbildung 3).
Hierbei entstehen neue Herausforderungen da heterogene Zugriffskontrollstrategien vereinheitlicht
werden müssen (siehe Abbildung 4). Innerhalb des Projekts PROVIADO [BBR06] haben wir Ansätze
für ein flexibles Monitoring von Prozessen in verteilten Umgebungen beschrieben. Hierbei wurden
auch Lösungen für Zugriffkontrollstrategien in Bezug auf das Monitoring solcher Prozesse berücksich-
tigt. [BRBB09] etwa beschreibt einen Ansatz zur Definition einer neuen Zugriffskontrollstrategie in wel-
cher die Strategien der involvierten Systeme und Prozesse berücksichtigt werden.
5 Anforderungen an die Zugriffskontrolle für datenorientierte
Prozess-Management-Systeme
Ziel von datenorientierten Prozess-Management-Systemen ist es, Benutzern eine integrierte Sicht auf
Daten, Funktionen und Prozesse zur Verfügung zu stellen [KuRe09, KuRe09b]. Dies bringt auch neue
Herausforderungen an die Integration von Benutzern mit sich [KuRe09c]. Die Strategien für die Zu-
griffskontrolle in daten- und funktionsorientierten Anwendungen d.h. Anwendungssystemen der Stufe I
[Pfe05], müssen mit den Strategien für die Zugriffskontrolle in WfMS (d.h. prozessorientierte Anwen-
dungssysteme der Stufe II [Pfe05]) kombiniert und integriert werden.
In diesem Kapitel beschreiben wir die zusätzlichen Herausforderungen an die Zugriffskontrolle bei
Systemen mit integrierter Sicht auf Daten und Prozesse. Bisherige Anforderungen an die Zugriffskon-
trolle für daten- und funktionsorientierte Anwendungen sowie für WfMS bleiben auch für datenorien-
tierte Prozess-Management-Systeme relevant. Dazu zählen:
Bearbeiterzuordnungen
Zugriffe auf Daten, d.h. Zugriffe auf bestimmte Objekttypen und deren Attribute sowie Zugriffe
auf individuelle Objektinstanzen
Berücksichtigung des Kontexts
Unterstützung von Konzepten zur Aufgabentrennung und -bindung
Datenorientierte Prozess-Management-Systeme stellen Basisfunktionen zur Einsicht und Bearbeitung
von Objektinstanzen verschiedener Objekttypen sowie zur Anlage von neuen Objektinstanzen zur Ver-
fügung. Weiterhin können komplexere Funktionen sowohl für einzelne Objektinstanzen als auch in
Bezug auf mehrere Objektinstanzen (vom selben oder von unterschiedlichen Objekttypen) aufgerufen
werden. Der Zugang zu Daten (d.h. die Leseberechtigungen) wird in Systemen dieser Art anhand von
Basisfunktionen für die Einsicht von Objektinstanzen zur Verfügung gestellt. Auf eine Differenzierung
zwischen Lese- und Ausführungsrechten kann deshalb im Folgenden verzichtet werden.
5.1 Herausforderung 6: Horizontale und vertikale Bearbeiterzuordnung
In konventionellen WfMS wird jeder interaktiven Aktivität, die eine Aktion des Benutzers erfordert, ein
Bearbeiterausdruck zugeordnet (sog. horizontale Autorisierung). Dies kann z.B. eine Benutzerrolle
oder eine Organisationseinheit aus dem Organisationsmodell sein. Kann eine Aktivität zur Laufzeit ak-
tiviert werden, wird diese allen Benutzern, die sich für diesen Bearbeiterausdruck qualifizieren, inner-
halb ihrer Arbeitsliste angeboten. Dies ist innerhalb von datenorientierten Prozess-Management-
Systemen nicht mehr ausreichend. Hier müssen, zusätzlich zur Aktivität, die Objektinstanzen, die in-
nerhalb dieser Aktivität verwendet bzw. bearbeitet werden, berücksichtigt werden (sog. vertikale Bear-
beiterzuordnung) [RoMu97, Mue04].
In einem datenorientierten Prozess-Management-System ist die Auswahl möglicher Bearbeiter
nicht nur von der Aktivität abhängig, sondern auch von den Objektinstanzen, die innerhalb ei-
ner Aktivität benötigt wird.
Zu jeder Prozessinstanz existiert eine zugehörige Objektinstanz [KuRe09, KuRe09b], deren Attribut-
werte bei der Ausführung des zugehörigen Prozesses geändert werden. Abbildung 5 illustriert einen
Ausschnitt aus verschiedenen Prozessinstanzen für Bewerbungen. Bei einer ausschließlich horizonta-
len Autorisierung, wie sie in Abbildung 5a zu sehen ist, kann jeder Benutzer, der sich anhand des Be-
arbeiterausdrucks qualifiziert, die Aktivität make decision ausführen. Abbildung 5b verdeutlicht eine
gleichzeitige horizontale und vertikale Autorisierung. Ein Benutzer hat die Berechtigung für die Bear-
beitung von Bewerbungen derjenigen Bewerber, deren Anfangsbuchstaben zwischen A und L liegen,
ein anderer ist für den Bereich zwischen M und Z zuständig.
Abbildung 5: Horizontale und vertikale Bearbeiterzuordnung
5.2 Herausforderung 7: Konsistenz zwischen Daten- und Prozessautorisierung
In Datenorientierten Prozess-Management-Systemen werden Prozesse nicht aktivitäts-, sondern da-
tenbezogen modelliert [KuRe09, KuRe09b]. D.h. die Modellierung der Prozessschritte erfolgt nicht wie
in konventionellen WfMS auf Basis von Aktivitäten, sondern anhand von Datenbedingungen. Für den
Fortschritt einer Prozessinstanz müssen jeweils die innerhalb der Datenbedingung des nachfolgenden
Schrittes geforderten Attribute geändert werden. Des Weiteren steht, zusätzlich zur prozessorientier-
ten Sicht (d.h. der Arbeitsliste mit für den Prozessfortschritt obligatorischen Aktivitäten), eine daten-
und funktionsbasierte Sicht zur Verfügung. Ausgehend von der daten- und funktionsbezogenen Sicht
können optionale Aktivitäten zur Bearbeitung der Attributwerte von Objektinstanzen ausgeführt wer-
den. Optionale Aktivitäten können nicht in die feste Ausführungsreihenfolge der für den Prozess rele-
vanten obligatorischen Aktivitäten eingeordnet werden. D.h. die Attributwerte von Objektinstanzen
können außerhalb des Prozesses geändert werden. Jedoch müssen bei der Ausführung von optiona-
len Aktivitäten fehlerhafte Eingriffe in den Prozessverlauf vermieden werden. Optionale Aktivitäten
können deshalb nicht vollständig unabhängig von den obligatorischen Aktivitäten der für die Objektin-
stanz initiierten Prozessinstanz betrachtet werden. Nach der Rückgabe eines Gutachtens darf der
Mitarbeiter der Fachabteilung das Attribut recommendation nicht mehr verändern.
In Bezug auf die Autorisierung für optionale Aktivitäten muss der Prozessfortschritt der zur
Objektinstanz gehörenden Prozessinstanz berücksichtigt werden.
Für jede Objektinstanz steht zur Laufzeit eine Aktivität zur Verfügung, anhand derer die Attributwerte
eingesehen und geändert werden können. Welche Attribute innerhalb dieser Aktivität jeweils zur Ver-
fügung stehen, ist jedoch abhängig vom Fortschritt der zugehörigen Prozessinstanz [Bot02]. Eine Ver-
gabe von beliebigen Berechtigungen kann bei datenorientierten Prozessen zu fehlerhaften Prozess-
ausführungen und -steuerungen führen. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass für jede obliga-
torische Aktivität auch ein zuständiger Bearbeiter ermittelt werden kann, d.h. obligatorische Aktivitäten
müssen für den Fortschritt des Prozesses zwingend ausgeführt werden.
Für jede obligatorische Aktivität muss mindestens ein Benutzer die Berechtigungen für die
Änderung der im Folgeschritt geforderten Attributwerte besitzen.
Abbildung 6 illustriert eine Objekt- und eine Prozessinstanz sowie die einzelnen Berechtigungen für
ein Gutachten. Lese- und Schreibberechtigungen werden für die einzelnen Attributwerte in Abhängig-
keit vom Fortschritt des Prozesses vergeben. Ein Mitarbeiter der Fachabteilung muss zur Bearbei-
tung eines Gutachtens mindestens die Datenberechtigungen zur Änderung der Attribute
recommendation und submit haben. Berechtigungen zur Ausführung der obligatorischen Aktivitä-
ten sind dunkel gekennzeichnet. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass z.B. die innerhalb
des Gutachtens gemachte Rückmeldung, die recommendation, nach Rückgabe des Gutachtens
an die Personalabteilung nicht mehr verändert werden kann (grau hinterlegte Berechtigungen). Inner-
halb von optionalen Aktivitäten können die Attributwerte einer Objektinstanz jederzeit eingesehen bzw.
geändert werden. Hierbei kann gesteuert werden, welche Attribute jeweils zu welchem Zeitpunkt zur
Verfügung stehen. Diese Berechtigungen sind in Abbildung 6 weiß dargestellt.
process instance
delivery date
is null delivery date
> today recommend.
is not null submit
= true finish
= true
review
object instance
ID-review
ID-application
ID-employee
delivery date
recommendation
grading
comment
submit
finish
attributes
write write
write write
read
read
read
read
read
read
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write
write
read
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write
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Abbildung 6: Autorisierung für obligatorische Aktivitäten
5.3 Herausforderung 8: Berücksichtigung von Beziehungen zwischen Benut-
zern und Daten
Im RBAC-Ansatz [SCFY96] kann nicht zwischen Zugriffsrechten in Bezug auf ein individuelles Objekt
(d.h. eine Objektinstanz) und Zugriffsrechten in Bezug auf eine (Teil-)Menge von Objektinstanzen ei-
nes Objekttyps differenziert werden. Rechte, die ein Benutzer aufgrund seiner Rolle besitzt, müssen
auf eine bestimmte Menge von Objektinstanzen beschränkbar sein (siehe Anforderungen in Systemen
der Stufe I) [HuWe04, KKC02]. Die Zuordnung zwischen Benutzern und Objektinstanzen ist jedoch in
den meisten Situationen nicht willkürlich, sondern unterliegt bestimmten Gegebenheiten [BBU99].
In konventionellen WfMS werden Organisationsmodell und Datenstruktur unabhängig voneinander
modelliert und jeweils isoliert voneinander betrachtet. In datenorientierten Prozess-Management-
Systemen dagegen sind Benutzer selbst Teil der Datenbasis, d.h. Benutzer sind ebenfalls Objektin-
stanzen eines bestimmten Objekttyps. Dazu ist eine Integration von Organisationsmodell und Anwen-
dungsdaten, wie sie auch in einigen daten- und funktionsorientierten Anwendungen zu finden ist, nö-
tig. Benutzer und die einzelnen Komponenten der Organisationsstruktur sollten anhand von Objektty-
pen innerhalb der Datenstruktur modelliert werden können. Benutzer und Organisationseinheiten sind
dadurch ebenso Objektinstanzen eines Objekttyps wie alle anderen Anwendungsdaten. Eine Objekt-
instanz für einen Benutzer kann zur Laufzeit andere Objektinstanzen referenzieren (z.B. für die Zuord-
nung zu einer Organisationseinheit) und ebenso von anderen Objektinstanzen referenziert werden
(z.B. ein Bewerber von einer Bewerbung).
Abbildung 7a verdeutlicht die Integration von Organisationsmodell und Anwendungsdaten. Benutzer
sind hier anhand der Objekttypen Bewerber und Mitarbeiter definiert. Mitarbeiter können Organi-
sationseinheiten, z.B. unterschiedlichen Abteilungen, zugeordnet sein. Anwendungsobjekte sind im
dargestellten Beispiel Ausschreibungen, Bewerbungen und Gutachten. Einem Bewerber können
dadurch zur Laufzeit direkt mehrere Bewerbungen zugeordnet sein. Jede Ausschreibung ist direkt ei-
nem Mitarbeiter aus der Personalabteilung zugeordnet, dieser ist als Sachbearbeiter für die jeweilige
Ausschreibung zuständig. Ein Gutachten für eine Bewerbung ist einem Mitarbeiter aus einer Fachab-
teilung zugeordnet und muss genau von diesem ausgefüllt werden.
Die konkreten Beziehungen zur Laufzeit sind in Abbildung 7b verdeutlicht. Ein Bewerber hat eine Be-
ziehung zu seiner eigenen Bewerbung, nicht aber zu den Bewerbungen von anderen Bewerbern. Ein
Mitarbeiter kann sowohl Sachbearbeiter für Ausschreibungen oder Gutachter für eine Menge von Gut-
achten sein.
Objektinstanzen werden direkt bestimmten Benutzern zugeordnet. Dadurch hat ein Benutzer
zur Laufzeit zu verschiedenen Objektinstanzen eines Objekttyps jeweils unterschiedliche Be-
ziehungen.
Abbildung 7: Integration von Anwendungsdaten und Organisationsmodell
In konventionellen WfMS werden Berechtigungen bzw. Bearbeiterzuordnungen für Aktivitäten durch
Zuordnung von Rollen definiert. Datenorientierte Prozess-Management-Systeme müssen zusätzlich
die innerhalb einer Aktivität benötigten Eingabedaten berücksichtigen (siehe Herausforderung 1), d.h.
die Objektinstanz die innerhalb der betreffenden Aktivität bearbeitet wird. Die Vergabe von Berechti-
gungen zur Einsicht und Bearbeitung von Daten erfolgt auf Basis der einzelnen Objekttypen. Hierbei
ist jedoch weder die alleinige Zuordnung zu bestimmten Rollen noch die direkte Vergabe an bestimm-
te Benutzer ausreichend.
Welche Berechtigungen ein Benutzer für eine Objektinstanz besitzt ist nicht nur abhängig von
seiner Rolle oder Identität, sondern auch von der jeweiligen Beziehung zwischen dem Benutzer
und der betreffenden Objektinstanz [BBU99].
Für die Vergabe von Berechtigungen für einen bestimmten Objekttyp müssen deshalb die einzelnen
Rollen durch Berücksichtigung der möglichen Beziehungen weiter verfeinert werden. Die zur Laufzeit
möglichen Beziehungen können anhand der Datenrelationen auf Typebene ermittelt werden.
Abbildung 8a zeigt die unterschiedlichen Beziehungen eines Benutzers mit Rolle Mitarbeiter in
Bezug den Objekttyp Gutachten. Für einen Mitarbeiter müssen beispielsweise andere Berechtigun-
gen auf die für ihn angelegten Gutachten im Gegensatz zu den Gutachten von anderen Mitarbeitern
vergeben werden. Hierbei sind nicht nur direkte Zuordnungen zwischen Objektinstanzen und Benut-
zern von Bedeutung.
Neben direkten Zuordnungen zwischen zwei Objektinstanzen sollten indirekte Zuordnungen
berücksichtigt werden können.
Indirekte Zuordnungen sind Beziehungen zwischen Objektinstanzen die nicht auf eine unmittelbare
Fremdschlüsselbeziehung zurückzuführen sind. Für diese Beziehungen ist eine rekursive Auflösung
über mehrere zueinander in Beziehung stehende Objektinstanzen hinweg erforderlich. Dies verdeut-
licht Abb. 8. Zu jeder Bewerbung existiert eine Menge von Gutachten. Ein Mitarbeiter hat ande-
re Berechtigungen auf sein eigenes Gutachten als auf die Gutachten von anderen Mitarbeitern.
Abbildung 8: Beziehungen zwischen Benutzern und Objektinstanzen
5.4 Herausforderung 9: Differenzierung zwischen Autorisierung und
Bearbeiterzuordnung
Hat ein Benutzer Berechtigungen für Daten, die zur Ausführung von obligatorischen Aktivitäten benö-
tigt werden, bedeutet dies nicht zwingend, dass er auch als Bearbeiter für die entsprechenden Aktivi-
täten ermittelt werden soll.
Bei der Bearbeiterzuordnung für obligatorische Aktivitäten muss differenziert werden, ob ein
Benutzer eine Attributänderung durchführen darf oder sie innerhalb des Prozesses zwingend
durchführen muss.
Benutzer die eine Änderung zwingend durchführen müssen, sind für die Erfüllung der Datenbedingung
eines Prozessschrittes und dadurch für den Fortschritt des Prozesses verantwortlich. Nur für diese
Benutzer darf die entsprechende obligatorische Aktivität innerhalb ihrer Arbeitsliste berücksichtigt
werden. Andere Benutzer können das Attribut innerhalb einer optionalen Aktivität ändern, sind jedoch
nicht zwingend für die Ausführung einer zugehörigen obligatorischen Aktivität verantwortlich. Dadurch
sind innerhalb von optionalen Aktivitäten, je nach Vergabe der Datenberechtigungen, auch obligatori-
sche Attributänderungen möglich. Der nächste Fortschritt eines Prozesses kann somit auch ohne die
Ausführung einer obligatorischen Aktivität erreicht werden.
Bei einem Wechsel in einen weiterführenden Prozessschritt sollte differenziert werden können,
ob dieser Übergang nur explizit, d.h. durch die Ausführung der zugehörigen obligatorischen
Aktivität oder auch implizit, d.h. durch die Ausführung einer optionalen Aktivität, erfolgen darf.
In manchen Situationen kann ein impliziter Übergang erlaubt bzw. gewünscht sein. In anderen Fällen
ist jedoch eine explizit Überprüfung des angegebenen Attributwerts durch den verantwortlichen Be-
nutzer nötig.
Die beschrieben Herausforderungen verdeutlichen die benötigten Erweiterungen für eine Zugriffskon-
trolle in datenorientierten Prozess-Management-Systemen. Das Organisationsmodell muss vollständig
in die Anwendungsdaten integriert werden. Diese Integration ermöglicht die Modellierung von Bezie-
hungen zwischen Objektinstanzen und Benutzern. Die Bearbeiterzuordnung darf nicht nur horizontal
(d.h. im Bezug auf Aktivitäten) erfolgen. Zusätzlich müssen die innerhalb der Aktivität verwendeten
Eingabedaten berücksichtigt werden. Hier sprechen wir von einer sog. vertikalen Autorisierung. Paral-
lel zu den für die Ausführung der Prozesse entscheidenden obligatorischen Aktivitäten können optio-
nale Aktivitäten ausgeführt werden. Die Autorisierung erfolgt in Bezug auf die einzelnen Objekttypen.
Hierbei müssen jedoch die verschiedenen Schritte des zugehörigen Prozesstyps berücksichtigt wer-
den. Sowohl bei der Autorisierung zur Datenbearbeitung als auch bei der Bearbeiterzuordnung müs-
sen die unterschiedlichen Beziehungen, die zwischen Benutzern und Objektinstanzen möglich sind,
berücksichtigt werden. Dazu ist eine Verfeinerung der Rollen nötig. Bei der Autorisierung muss zwi-
schen obligatorischen und optionalen Rechten unterschieden werden. Benutzer mit obligatorischen
Rechten sind für die Ausführung prozessrelevanter Attributänderungen verantwortlich.
6 Verwandte Arbeiten
Einige der beschriebenen Herausforderungen wurden im Ansatz bereits von anderen Autoren adres-
siert. Diese stellen jedoch nur Teillösungen für einzelne Problematiken bereit.
6.1 Herausforderung 6: Horizontale und vertikale Bearbeiterzuordnung
In speziellen, auf WfMS ausgerichteten Ansätzen hat die Bearbeiterzuordnung immer eine höhere Pri-
orität als die benötigten Datenberechtigungen. [ThSa97] beschreibt einen allgemeinen Ansatz, in wel-
chem einzelne Rechte innerhalb eines sog. Autorisierungsschritts gekapselt werden. Ein Recht be-
schreibt jeweils eine mögliche Aktion eines Benutzers in Bezug auf einen Objekttyp im Kontext einer
bestimmten Aufgabe. Zur Laufzeit werden die Rechte jedoch nicht automatisch vom System aktiviert.
Die Vergabe erfolgt explizit durch Zustimmung anderer Benutzer zu dem Zeitpunkt, an dem ein Benut-
zer die Berechtigung anfordert. Dadurch kann die Berechtigung zur Ausführung der jeweiligen Aufga-
be, unter Berücksichtigung der betroffenen Objektinstanz, aktiviert werden, obwohl die Rechte auf der
Basis von Objekttypen definiert werden.
[SSML02] dagegen ist ein speziell auf WfMS ausgerichteter Ansatz. Dieser beschreibt das Konzept
der sog. "instanzbezogenen Benutzergruppe". Jeder Benutzer, der Bearbeiter von mindestens einer
Aktivität einer Prozessinstanz war, bekommt (entsprechend seiner Rolle) Zugriff auf die innerhalb der
Prozessinstanz verwendeten Objektinstanzen. Dadurch wird ein Bezug zwischen Prozessinstanzen
einerseits und Objektinstanzen andererseits berücksichtigt. Allerdings hat auch hier die Bearbeiter-
zuordnung eine höhere Priorität als die Zugriffsrechte auf Daten. Erst nach Zuordnung eines Benut-
zers als Bearbeiter werden die entsprechenden Datenzugriffsrechte aktiviert. Ein Benutzer sollte je-
doch nur dann als Bearbeiter einer Aktivität überhaupt ausgewählt werden können, wenn er auch die
zugehörigen Berechtigungen für die benötigten Objektinstanzen besitzt.
Diese Anforderung wird auch in [RoMu97] diskutiert. Dieser Ansatz beschreibt eine sog. Prozessob-
jekthierarchie. Für jedes Objekt werden innerhalb des WfMS die prozessrelevanten Eigenschaften
verwaltet und die jeweils zuständigen Rollen verwaltet. Bei der Aktivität werden zusätzlich zum Bear-
beiterausdruck zusätzlich die jeweils relevanten Objekteigenschaften angegeben. Dies führt jedoch zu
einer redundanten Datenhaltung, da die für die Autorisierung relevanten Daten sowohl im WfMS als
auch in den externen Anwendungen verwaltet werden. Dadurch entstehen Inkonsistenzen und ein er-
höhter Pflege- und Verwaltungsaufwand.
6.2 Herausforderung 7: Konsistenz zwischen Daten- und Prozessautorisierung
Alle Ansätze in diesem Bereich beziehen sich auf die Vergabe von Datenberechtigungen bei der Aus-
führung einer zu einem Prozess gehörenden Aktivität. Die Bearbeitung von Daten außerhalb der Akti-
vitäten eines Prozesses wird bisher in keinem Ansatz berücksichtigt. Für die Ausführung einer Aktivität
kann grob zwischen Ansätzen mit impliziten und Ansätzen mit expliziten Datenberechtigungen diffe-
renziert werden. Implizite Datenberechtigungen werden anstatt Benutzern oder Rollen direkt den je-
weiligen Aktivitäten zugeordnet. Benutzer, die zur Laufzeit die entsprechende Aktivität bearbeiten, be-
kommen automatisch die zugehörigen Datenberechtigungen zugeordnet. Diese sind jeweils für den
Zeitraum der Ausführung der Aktivität gültig. In [AWG05] wird zwischen obligatorischen und optionalen
Datenelementen innerhalb einer Aktivität differenziert. Es werden jedoch nur Ausführungsrechte für
Aktivitäten und keine expliziten Berechtigungen für die einzelnen Datenelemente definiert (d.h. implizi-
te Rechte für Datenzugriffe). Jeder Benutzer, der als Bearbeiter für eine Aktivität innerhalb eines sog.
"Case" (d.h. einer Prozessinstanz) zuständig ist, erhält auch Zugang zu allen Datenelementen, die in-
nerhalb dieses "Case" zur Verfügung stehen. Ein ähnlicher Ansatz ist in [SSML02] beschrieben. Ein
Benutzer erhält hier bei der Ausführung einer Aktivität Zugang zu allen Daten, die innerhalb einer Pro-
zessinstanz, in der er als Bearbeiter beteiligt ist oder war, verwendet wurden.
[Bot02] geht über diese Ansätze hinaus. Hier können einzelne Berechtigungen für Datenzugriffe auf
Attributebene pro Aktivität, also in Abhängigkeit vom Prozessfortschritt, jeweils unterschiedlich defi-
niert werden. Verschiedene Objektinstanzen eines jeweiligen Objekttyps können hierbei allerdings
ebenso nicht berücksichtigt werden. Bei expliziten Datenberechtigungen wie sie beispielsweise in
[ThSa97] beschrieben werden, werden Datenberechtigungen weiterhin Benutzern zugeordnet. Zusätz-
lich kann jedoch der jeweilige Ausführungskontext berücksichtigt werden. In [ThSa97] werden hierzu
einzelne Berechtigungen zu einem Ausführungsschritt zusammen und damit zusammengehörige
Rechte im Bezug auf einzelne Aufgaben beschrieben.
6.3 Herausforderung 8: Berücksichtigung von Beziehungen zwischen
Benutzern und Daten
In der Literatur existieren verschiedene Ansätze, die die Einschränkung der Rechte einer Rolle auf ei-
ne bestimmte Menge von Objektinstanzen erlauben [LuSl97, KKC02, T97, HW04, BBU99]. Nicht alle
erlauben jedoch eine Einschränkung der Objektinstanzen in Abhängigkeit von den jeweiligen Bezie-
hungen zu Benutzer.
In [KKC02] können dazu pro Benutzer und Objekt verschiedene sicherheitsrelevante Informationen
definiert werden. Innerhalb der Rollen können Bedingungen in Bezug auf Benutzer- und Objektinfor-
mationen definiert werden. Dadurch können verschiedene Beziehungen zwischen Benutzern und Ob-
jektinstanzen beschrieben werden. Dieser Ansatz geht jedoch von einer getrennten Datenhaltung des
Organisationsmodells und der Anwendungsdaten aus, und erfordert deshalb einen sehr hohen manu-
ellen Administrationsaufwand. Informationen und Beziehungen, die innerhalb einer integrierten Sicht
auf Anwendungsdaten und Organisationsmodell bereits vorhanden sind, müssen manuell definiert
werden. Auch [Tho97] beschreibt einen Benutzer- und einen Objektkontext. Diese sind jeweils inner-
halb eines sog. Teams gültig. Neben der Gruppierung von Benutzern zu Rollen können diese zusätz-
lich in Teams zusammengefasst werden. Benutzer desselben Teams haben jeweils Zugriff auf eine
bestimmte Menge an Objektinstanzen. Dieser Ansatz ist jedoch weniger flexibel da die Beziehungen
zwischen Benutzern und Objekten zur Modellierzeit definiert werden müssen. Ein ähnliches Vorgehen
wird in [HuWe04] beschrieben. Hier können Beziehungen zwischen Subjekten und Objekten anhand
eines so genannten "Context Type" beschrieben werden. Ein Kontexttyp ist zunächst ein einfaches
Merkmal eines Benutzers, z.B. behandelnder Arzt. In Bezug auf die Kontexttypen können Bedingun-
gen definiert werden, die jeweils den einzelnen Rechten zugeordnet werden. [BBU99] geht konkret auf
Beziehungen zwischen Benutzern und Objektinstanzen ein. Diese können trotz einer Trennung von
Anwendungsdaten und Organisationsmodell berücksichtigt werden. Indirekte Beziehungen, die eine
rekursive Auflösung erfordern, können jedoch in keinem der Ansätze ausgedrückt werden.
6.4 Herausforderung 9: Differenzierung zwischen Autorisierung und
Bearbeiterzuordnung
Ansätze, die zumindest teilweise auf Anforderungen dieser Art eingehen, können grob in zwei Grup-
pen eingeteilt werden. In die erste Gruppe können Ansätze eingeordnet werden, die auf verschiedene
Arten von Bearbeiterzuordnungen eingehen [RHE04, BFA99, WBK03]. Der in [AWG05] vorgestellte
Ansatz dagegen kann einer anderen Gruppe zugeordnet werden. Er differenziert in Bezug auf die Da-
tenzugriffsrechte innerhalb einer Aktivität zwischen optionalen und obligatorischen Datenelementen.
In [RHE04] werden verschiedene Zuordnungs- und Aktivierungsmöglichkeiten von Aktivitäten für Be-
nutzer beschrieben. Dabei wird unter anderem zwischen einer direkten Zuordnung einer Aktivität vom
System und zwischen einer freiwilligen Auswahl vom Benutzer unterschieden. In [BFA99] werden Rol-
len hierarchisch angeordnet. Die Zuordnung einer Aktivität erfolgt bei mehreren in Frage kommenden
Benutzern jeweils an den mit der hierarchisch tiefer angeordneten Rolle. Des Weiteren kann direkt
zwischen optionalen und obligatorischen Bearbeiterzuordnungen differenziert werden. In [WBK03] da-
gegen können Prioritäten innerhalb der Bearbeiterzuordnungen angegeben werden.
7 Vision und Ausblick
Unser Ziel ist die Entwicklung eines umfassenden und nachhaltigen Rahmenwerks für ein datenorien-
tiertes Prozess-Management-System. Dadurch soll die generische Unterstützung von datenorientier-
ten Prozessen mit einer engen Integration von Daten, Prozessen und Benutzer möglich werden. Das
System soll die Funktionalität von datenorientierten Anwendungen abbilden können und gleichzeitig
die Vorteile bieten, die konventionelle Workflow-Management-Systeme mit sich bringen. In [KuRe09,
KuRe09b] haben wir dazu fünf fundamentale Herausforderungen in Bezug auf die Integration von Da-
ten und Prozessen definiert. Diese haben wir in diesem Aufsatz um vier weitere grundlegende Heraus-
forderungen im Hinblick auf die Integration von Benutzern ergänzt.
Aktuell entwickeln wir eine grundlegend neue Architektur für ein datenorientiertes Prozess-
Management-System. Innerhalb dieses Rahmenwerks sollen die beschriebenen Anforderungen um-
gesetzt werden können. Weitere Arbeiten bilden die detaillierte Beschreibung der einzelnen Kompo-
nenten und deren Zusammenhänge.
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