Von ADEPT zur AristaFlow® BPM Suite – Eine Vision wird Realität
"Correctness by Construction"
und flexible, robuste Ausführung von Unternehmensprozessen
Peter Dadam1, Manfred Reichert1, Stefanie Rinderle-Ma1,
Kevin Göser2, Ulrich Kreher2, Martin Jurisch2
1 Universität Ulm, Institut für Datenbanken und Informationssysteme (DBIS)
{peter.dadam, manfred.reichert, stefanie.rinderle}@uni-ulm.de
www.uni-ulm.de/dbis
2 AristaFlow GmbH, Ulm
{kevin.goeser, ulrich.kreher, martin.jurisch}@aristaflow.com
www.AristaFlow.com
Zusammenfassung
Angeregt durch ein Forschungsprojekt im Bereich klinischer Informationssysteme, wurde von uns
Mitte der 90er Jahre das Forschungsprojekt ADEPT gestartet, welches im Bereich Prozess-Manage-
ment das nahezu Unmögliche anstrebte und mittlerweile auch erreicht hat: Hochgradig flexible Aus-
führung von Unternehmensprozessen, Realisierung robuster prozessorientierter Anwendungen "per
Konstruktion" sowie ein für alle Anwendergruppen (Prozess-Implementierer, Systemadministratoren,
Endbenutzer) einfach zu benutzendes System. Dieser Beitrag beschreibt die Hintergründe des
ADEPT-Projekts sowie unsere Motivation für die gesteckten Ziele, die von uns verfolgte Vision und
deren vollständige Umsetzung in der nunmehr verfügbaren AristaFlow® BPM Suite.
1 Motivation
Infolge der Globalisierung der Märkte stehen heute alle Unternehmen unter einem enormen Druck,
sich rasch auf neue Marktsituationen einzustellen [MRB08]. Erforderliche Reaktionen können z.B.
sein, dass sie ihre Produkte und Dienstleistungen zu niedrigeren Kosten realisieren müssen, um die-
se zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten zu können, dass sie ihre Produkte und Dienstleistungen
in kürzerer Zeit entwickeln und herstellen müssen, dass sie individualisierte Interaktionsformen für
verschiedene Kundengruppen realisieren müssen oder dass sie die Entwicklung und Herstellung
ihrer Produkte anders organisieren, weil Kunden eine entsprechende Partizipation verlangen.
Herausforderungen dieser Art – wenn auch unter anderen Vorzeichen – kennt man in Kranken-
häusern und Universitätskliniken schon lange. Einerseits sehen sich diese einem hohen wirtschaft-
lichen Druck ausgesetzt, der sie zunehmend zwingt, ihre Abläufe zu optimieren und zu standardi-
sieren. Andererseits lassen sich ihre Produkte (z.B. diagnostische Verfahren, chirurgische Eingriffe,
Therapien, etc.) nicht in ein starres Konzept pressen, da sich die Voraussetzungen und Rahmen-
bedingungen von Patienten mehr oder weniger stark unterscheiden können. Dies ist auch der Grund,
warum bis heute Workflow- und Prozess-Management-Systeme [ReDa00] in dieser Domäne nur in
einem sehr geringem Umfang (wenn überhaupt) Fuß fassen konnten [LeRe07]. Und auch
existierende Branchensoftware für Krankenhäuser wird den genannten Herausforderungen in
keinster Weise gerecht, und bietet keine adäquate Unterstützung für Krankenhausprozesse.
Die Anforderungen an eine geeignete Technologie zur Unterstützung von Krankenhausprozessen
sind allerdings auch enorm [DaRe00]. Einerseits müssen sich neue Prozesse einfach und schnell
realisieren lassen, andererseits müssen sie anschließend robust und stabil laufen. Weiter will man
eine gewisse Steuerung des Prozesses durch ein Informationssystem haben, bei Bedarf im Einzelfall
aber vom vorgeplanten Ablauf abweichen können; und dies darf die robuste Ausführung natürlich
nicht gefährden. Auch soll das System diesbezüglich sehr mächtig sein, und dennoch ist eine
einfache Bedienbarkeit ein absolutes Muss. Erschwerend kommt zu alledem hinzu, dass man sich
auf Systemebene nicht auf die einfache Weitergabe elektronischer Dokumente beschränken kann,
sondern dass sich beliebige Anwendungssysteme, z. B. ERP-Systeme, OP-Planungssysteme,
Befundungssysteme und Laborautomaten, integrieren lassen müssen.
Als Mitte der 90er Jahre das ADEPT-Projekt gestartet wurde [Dada95], bildeten diese Herausforde-
rungen aus dem klinischen Bereich die "Messlatte" für unsere Lösungsvorschläge. Zum einen
flossen hier unsere Erfahrungen aus einem Forschungsprojekt im Bereich "Klinische Informations-
systeme" [KRD93, Kuhn94, Kuhn94a] ein, das wir gemeinsam mit mehreren Partnern aus dem Uni-
versitätsklinikum Ulm durchgeführt haben. Zum anderen haben wir Mitte der 90er nochmals ein dedi-
ziertes Workflow-Forschungsprojekt durchgeführt, in dem wir alle relevanten Typen von Prozessen
der Universitäts-Frauenklinik in Ulm systematisch erfasst und analysiert haben [RDMK00].
Diese systematische Untersuchung der fachlichen Anforderungen aus dem klinischen Bereich hatte
zwei Hintergründe: Zum einen wollten wir uns bewusst mit der klinischen Realität auseinandersetzen
(Credo: "Wir definieren kein Problem weg!"), andererseits wollten wir aber auch keine künstlich
überzogenen Ansprüche an die Technologie stellen. Was den letzten Punkt angeht, konnten wir
jedoch "beruhigt" sein. Je tiefer wir in die klinische Materie eintauchten, auf desto mehr
technologische Herausforderungen sind wir gestoßen. Neben wirklich sehr hohen Anforderungen an
die Flexibilität und Ausnahmebehandlungsmöglichkeiten prozessorientierter Krankenhausinfor-
mationssysteme, haben wir es in dieser Domäne z.B. mit sehr komplexen Organisationsstrukturen,
anspruchsvollen Kompetenz- und Vertreterregelungen sowie ressourcenintensiven Prozessen zu
tun. Die Sorge, dass wir in Bezug auf die von uns definierten fachlichen und technologischen
Anforderungen evtl. "zu weit springen" könnten, erwies sich daher als völlig unbegründet [DRK00,
DaRe00]. Es ging uns allerdings nie darum, eine spezielle Technologie für den klinischen
Anwendungsbereich zu entwickeln, sondern es war uns von vornherein klar, dass eine Technologie
für Prozess-Management-Systeme, welche diesen Bereich adäquat "bedienen" würde, auf breiter
Front in verschiedensten Anwendungsbereichen einsetzbar sein wird (was sich später in diversen
Projekten auch bewahrheitet hat [BBKK02, BKK04, Brei06, RüWa07, RüWa08]).
Dieser Beitrag gliedert sich wie folgt: Kapitel 2 diskutiert ausgewählte technologische Herausforder-
ungen für prozessorientierte Informationssysteme. In Kapitel 3 beschreiben wir die von uns im
ADEPT-Projekt verfolgte Forschungsvision, die Antworten auf diese technologischen Herausforder-
ungen liefern soll. Dem schließt sich in Kapitel 4 eine Zusammenfassung ausgewählter Ergebnisse
des ADEPT-Projekts an. Ferner beschreiben wir in diesem Kapitel den aktuellen Übergang vom
Forschungsprototypen zur AristaFlow® BPM Suite. Kapitel 5 fasst den aktuellen Entwicklungsstand
der AristaFlow® BPM Suite zusammen und Kapitel 6 erörtert deren Nutzungsmodalitäten. Kapitel 7
schließt mit einer kurzen Zusammenfassung und einem Ausblick.
2 Die Herausforderungen
Aus Platzgründen verzichten wir hier auf eine detaillierte Begründung der identifizierten technologi-
schen Herausforderungen (siehe [DRK00, DaRe09] für die entsprechenden Hintergründe), sondern
beschränken uns im Wesentlichen darauf, diese nachstehend zu beschreiben.
Robustheit
Prozessorientierte Informationssysteme (POIS) sind inhärent komplexer als herkömmliche, funktions-
orientierte Informationssysteme, da die prozessorientierte "Verschaltung" der Anwendungsfunktionen
bzw. -komponenten eine zusätzliche Fehlerquelle darstellt. Fehler dieser Art können z.B. sein, dass
der Prozess in einen Verklemmungszustand (Deadlock) gerät und nicht mehr weiterschalten kann,
dass ein Zyklus fehlerhaft modelliert wurde, infolgedessen der Prozess in eine Endlosschleife gerät,
oder dass zwingend erforderliche Aufrufparameter von Anwendungsfunktionen zum Aufrufzeitpunkt
nicht versorgt sind. Weitere Fehler können durch ein zu "liberales" Prozess-Meta-Modell entstehen,
das Modellierungen zulässt, die zur Ausführungszeit zu seltsamen Effekten führen (man kennt
diesen Effekt von Programmiersprachen wie Assembler oder C).
Hierzu nur zwei kleine Beispiele: Abb. 1 zeigt einen Prozessgraphen, in dem vergessen wurde, den
Kontrollkonnektor zwischen den Aktivitäten B und C zu zeichnen. Ein Prozess-Management-System,
welches mehrere Startknoten pro Prozess erlaubt, würde zur Ausführungszeit auf beiden Teil-
graphen (A,B) sowie (C,…,L) gleichzeitig mit der Ausführung beginnen. Dies entspricht im
vorliegenden Fall nicht dem gewünschten Verhalten und kann z.B. zu inkonsistenten Daten oder zum
Fehlschlag von Aktivitäten führen. In diesem einfachen Beispiel sieht man das Problem natürlich
sofort auf den ersten Blick, bei komplexen Prozessgraphen mit dutzenden bis hunderten von
Aktivitäten (siehe z.B. [BBR06]), ist das Entdecken eines solches Fehlers in der Regel eine müh-
same und zeitraubende Angelegenheit.
Abb. 1: Vergessener Kontrollkonnektor
Abb. 2 zeigt ein Prozessmodell, bei dem versehentlich der XOR-Split (Knoten F) mit einem AND-
Join-Knoten (Knoten J) abgeschlossen wurde. Wird so etwas von einem Prozess-Management-Sy-
stem als Prozessmodell akzeptiert, hängt das Verhalten zur Ausführungszeit von der konkret imple-
mentierten Schaltlogik des Systems ab. Je nach System treten in einer solchen Situation ein
Laufzeitfehler (Exception) oder ein Deadlock auf, oder aber die Prozessinstanz wird nach Ausführ-
ung von H bzw. I vom System als beendet betrachtet. Alle diese Verhaltensformen sind möglich und
in vielen existierenden Systemen auch vorzufinden. Weitere Beispiele für Fehler dieser Art finden
sich in [KoVa07, KoVa07a]. Es ist unschwer vorauszusehen, dass der Markterfolg von Prozess-
Management-Systemen bzw. POIS ganz entscheidend davon abhängen wird, wie aufwendig es für
die Prozessmodellierer jeweils ist, Fehler dieser Art zu entdecken bzw. zu vermeiden. Aufwendige
Tests, wie bei konventioneller Software-Entwicklung oder Verwendung existierender Workflow-
Management-Systeme üblich, sind aufgrund der zunehmenden Forderung nach rascher Implemen-
tier- bzw. Anpassbarkeit von POIS bei weitem nicht ausreichend und viel zu teuer!
Abb. 2: Mismatch von XOR-Split- und -Join-Knoten
Flexibilität und Adaptivität
Wie in Kapitel 1 erörtert, besteht die große Herausforderung für Unternehmen darin, sich rasch und
flexibel auf sich verändernde Rahmenbedingungen einstellen zu können [RDB03, WRR08]. Ein Teil-
aspekt davon haben wir bereits unter "Robustheit" angesprochen, und zwar die Erfordernis, rasch
neue Prozessmodelle erstellen zu können, die anschließend robust und stabil und mit der vom An-
wender intendierten Semantik ausführbar sind. Flexibilität bedeutet aber auch, im Einzelfall vom vor-
geplanten Ablauf abweichen zu können, falls dies aus fachlicher Sicht nötig wird. Man stelle sich z.B.
einen Patienten vor, bei dem aufgrund von Medikamentenunverträglichkeiten oder sonstigen Kontra-
indikationen gewisse Untersuchungen anders als ansonsten üblich durchgeführt werden müssen.
Oder es wurde im Prozessmodell hinterlegt, dass Auftragsbestätigungen über 50.000 EUR stets von
zwei Prokuristen digital unterschrieben werden müssen. Dies sei aber im konkret vorliegenden Fall
infolge der Abwesenheit der in Frage kommenden Personen wegen Urlaub und Erkrankung tech-
nisch nicht realisierbar. Wenn z.B. von diesen Personen das telefonische OK kommt, dann sollte
(analog zur "manuellen Praxis" ohne POIS) die Prozessausführung in diesem Einzelfall entspre-
chend abgeändert und die beiden digitalen Unterschriften entweder durch eine andere Maßnahme
(z.B. einen entsprechenden Aktenvermerk) ersetzt oder später nachgeholt werden können.
Starre POIS, die es Anwendern trotz Autorisierung nicht gestatten, bei Bedarf ad hoc vom geplanten
Ablauf (d.h. dem modellierten Prozess) abzuweichen, zwingen diese dann dazu, entweder am Sy-
stem vorbei zu arbeiten oder – noch schlimmer – die internen Systemzustände "händisch" zu mani-
pulieren, um die gewünschte Änderung doch noch "irgendwie" realisieren zu können. Beides stellt
aus fachlicher Sicht keine zufriedenstellende Lösung dar, ist infolge der Unzulänglichkeiten exis-
tierender Prozess-Management-Technologie und Branchensoftware aber oftmals der einzige Weg,
um mit Ausnahmesituationen bzw. nicht vormodellierten Fällen umgehen zu können. Unterstützt das
POIS dagegen Ad-hoc-Abweichungen auf Prozessinstanzebene, muss wiederum die Robustheit in
Bezug auf die weitere Ausführung dieser Prozessinstanz gewährleistet sein. Ad-hoc-Abweichungen
ohne solche Zusicherungen anzubieten, wie in einigen Systemen erfolgt, grenzt an Fahrlässigkeit, da
Benutzer in der Regel nur sehr begrenzten Einblick haben, welche systemseitigen Konsequenzen
derartige Prozesseingriffe haben.
Ein weiterer Aspekt betrifft die Anpassung bestehender Prozessmodelle (Prozessschemas) an neue
Gegebenheiten, etwa an Änderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen, an geänderte Inter-
aktionen mit Kunden bzw. Geschäftspartner oder zur Behebung von Mängeln im bisherigen
Prozessablauf [WRR08, WeRe08]. Bei kurz laufenden Prozessen wird man in der Regel die bereits
in Ausführung befindlichen Prozessinstanzen nach dem alten Schema zu Ende kommen lassen und
neue Prozessinstanzen auf Basis des neuen Schemas starten. Falls die Prozesse jedoch lang
laufend sind (Wochen, Monate oder gar Jahre) oder das zu behebende Problem gravierend ist, dann
muss es zwingend eine Möglichkeit geben, die bereits in Ausführung befindlichen Prozessinstanzen
auf das neue Schema zu migrieren (sog. Prozess-Schema-Evolution [RiDa03]). Natürlich muss auch
hier systemseitig wieder garantiert werden können, dass migrierte Instanzen in der Folge keine
Laufzeitfehler verursachen. Einige Systeme erlauben es zwar, ein Prozessschema mit sich in
Ausführung befindlichen Prozessinstanzen strukturell zu modifizieren und die Ausführung aller
Instanzen auf dem neuen Schema fortzusetzen; allerdings kann dies nachweislich zu
schwerwiegenden Inkonsistenzen, Folgefehlern oder gar Systemabstürzen führen. Man stelle sich
einen Krankenhausbetrieb vor, der infolge solcher technischen Unzulänglichkeiten behindert wird.
Schließlich darf es kein Entweder-Oder geben: Also entweder Ad-hoc-Änderungen auf Prozessin-
stanzebene oder Prozess-Schema-Evolution. Beide Änderungsformen sind für die Praxis zwingend
erforderlich und müssen daher auch gemeinsam unterstützt werden.
Einfache Benutzbarkeit
Die oben beschriebenen Anforderungen müssen erfüllt sein, wenn Prozess-Management-Systeme
sich für Einsätze in nicht-trivialen, anspruchsvollen Anwendungsumgebungen empfehlen möchten.
Ein breiter Einsatz dieser Technologie wird jedoch nur dann stattfinden können, wenn sowohl die
Basis-Technologie (d.h. das Prozess-Management-System) als auch die mit ihr realisierten POIS
einfach zu bedienen sind. Die Entwicklung der Datenbanktechnologie kann hier als Beispiel und
Vorbild dienen. Die auf dem hierarchischen oder dem Netzwerk-Datenmodell basierenden Daten-
banksysteme der ersten Generation (verfügbar etwa ab Ende der 60er Jahre) waren funktional
gesehen bereits sehr mächtig. Sie konnten komplexe Datenstrukturen direkt abbilden und boten
auch bereits diverse Möglichkeiten, um systemseitig die Integrität der Daten zu sichern, etwa durch
Wertebereichsüberprüfungen oder durch Gewährleistung der referenziellen Integrität. Was diese
Fähigkeiten angeht (und in Bezug auf Performanz sowieso), waren sie den relationalen Datenbank-
systemen der ersten Stunde, die Anfang der 80er Jahre auf den Markt kamen, haushoch überlegen.
Trotz dieser Fähigkeiten gestaltete sich die Marktdurchdringung der "alten" Datenbanksysteme
relativ zäh, weil ein hoher Schulungsaufwand für die Anwendungsentwickler erforderlich war, um
datenbankbasierte Anwendungen realisieren und pflegen zu können. Diesbezüglich waren die rela-
tionalen Datenbanken um Größenordnungen besser, der Gewinn an Produktivität auf Entwicklerseite
war enorm. Außerdem waren die relationalen Datenbanksysteme in der Lage, nicht nur die
anfänglichen Schwächen zu beseitigen, sondern auch noch eine erheblich größere Funktionalität als
die Systeme der ersten Generation zu bieten. Als Folge wird diese Technologie heute für alle
möglichen Arten von Anwendungen eingesetzt, von einfachen Einzelplatzanwendungen bis hin zu
hochkomplexen, integrierten (ggf. sogar verteilten) Informationssystemen.
Fest steht: Nur wenn es gelingt, für Prozess-Management-Systeme einen ähnlichen Weg zu gehen,
d.h. eine hohe Funktionalität und eine einfache Benutzbarkeit für die verschiedenen Benutzergrup-
pen (Prozess-Implementierer, Service-Implementierer, System-Administratoren und Endbenutzer) zu
realisieren, besteht das Potenzial, dass ihr einmal ein ähnlicher Erfolg beschieden sein wird.
3 Die ADEPT-Forschungsvision
Wir konzentrieren uns im Folgenden auf Forschungs- bzw. Lösungsansätze, die wir im Rahmen des
ADEPT-Projekts [Reic05] verfolgt haben und die technologische Antworten auf die vorangehend be-
schriebenen Herausforderungen bieten. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass das ADEPT-
Projekt erheblich breiter angelegt war und zahlreiche weitere Aspekte von (flexiblen) Prozess-
Management-Systemen einschloss: Unterstützung von Zeitaspekten [Grim97], Inter-Prozess-Koor-
dination [Hein00, Hein01], Zugriffskontrolle [PDA08, Webe05, RiRe05, RiRe07], Performanz- und
Verteilungsaspekte [BaDa00, Baue01, BaRe02, BRD03, ReBa07], Architektur- und Systemimple-
mentierungsfragen [RRD04b, Rind06, RRJK06, Reic08] sowie Implementierungsaspekte von
Anwendungsfunktionen bzw. -diensten [Blas96, Brus99, AADR04, Atki06, AtDa07].
Die ADEPT-Forschungsvision Mitte der 90er Jahre kann man wie folgt charakterisieren:
1. Selbst anspruchsvolle Prozesse müssen rasch realisiert bzw. implementiert werden können.
Weiter müssen Ad-hoc-Abweichungen zur Laufzeit (auf Prozessinstanzebene) möglich sein,
ohne dadurch die robuste und effiziente Ausführung der Prozessinstanzen zu beeinträchtigen.
2. Das Prozess-Management-System sowie das darauf ggf. basierende POIS müssen für
jedermann einfach zu bedienen sein: Prozess-Implementierer, Entwickler von Anwendungs-
funktionen bzw. -services, Systemadministratoren und Endbenutzer.
Das klingt nach "eierlegender Wollmilchsau" und war in der Tat eine Funktionalität, die weit über das
hinausging, was existierende Systeme und Vorschläge aus dem Forschungsbereich seinerzeit zu
leisten im Stande waren.1 Aber eines war uns von vornherein klar: Wenn diese Vision überhaupt re-
alisierbar sein sollte, dann nur wenn es gelingt, die inhärent mit diesen Anforderungen verbundene
Komplexität im Kern des Prozess-Management-Systems zu "verbergen" und "nach oben" seman-
tisch hohe und einfach bedienbare Schnittstellen für die verschiedenen Benutzergruppen anzubieten.
Für den Prozessentwickler sollte die prozessorientierte Komposition von Anwendungsfunktionen im
"Plug & Play"-Stil möglich sein (siehe Abb. 3). Bei dieser Komposition soll weitgehend davon abstra-
hiert werden, wie die den Prozess-Schritten zugeordneten Anwendungsfunktionen und Services
implementiert sind. Darüber hinaus sollen durch systemseitige Prüfungen gewährleistet werden,
dass das resultierende Prozessmodell strukturell keine unerwünschten Eigenschaften aufweist (z.B.
isolierte Knoten oder Verklemmungen). Außerdem soll sichergestellt werden, dass die den ver-
schiedenen Prozessschritten zugeordneten Anwendungsfunktionen bzw. -services in der ge-
wünschten Anordnung auch korrekt "verschaltbar" sind, d.h. unter allen möglichen Prozessausfüh-
rungen, die das Prozessmodell zulässt, stets alle nicht-optionalen Aufrufparameter mit Eingabe-
werten versorgt sein werden.
Process
Templates Application
Functions
Repository
Abb. 3: Komposition von Prozesses mittels "Plug & Play" [Dada97]
Fertige Prozesse sollen "gekapselt" alles mitbringen, was zu ihrer Ausführung benötigt wird. D.h. es
sollen beliebige Anwendungsfunktionen und -dienste integrierbar sein, einschließlich automatisch
ausführbarer Dienste, interaktiver Anwendungsprogramme und existierender Anwendungen. Im Falle
von interaktiven Benutzerschnittstellen sollen sich diese nahtlos in die bestehende Bedieneroberflä-
che einfügen (kein "Fenster-über-Fenster-Terror"!). D.h. nach Übergabe an die Laufzeitumgebung
des Prozess-Management-Systems sollen Prozesse ohne Installations- und Implementierungsauf-
wand ausführbar sein. Diese geforderte Eigenschaft hat dem Projekt auch seinen Namen gegeben:
ADEPT = Application Development based on Encapsulated pre-modeled Process Templates.
Das Prozess-Management-System soll es weiter erlauben, Prozessinstanzen während ihrer Ausführ-
ung individuell zu adaptieren (siehe Abb. 4). Entsprechende Änderungsoperationen sollen eine
normale API-Funktionalität des Prozess-Management-Systems bilden, wobei systemseitig dieselben
Korrektheitsprüfungen wie zur Entwicklungszeit durchgeführt werden sollten. Die Manipulation von
Prozessinstanzen soll nach Möglichkeit das volle Spektrum an Änderungsoperationen umfassen und
auf semantisch hoher Ebene erfolgen, so dass auch einfach zu benutzende, individuelle gestaltete
Endbenutzerschnittstellen mit vertretbarem Implementierungsaufwand realisiert werden können.
1 Eine ausführliche Würdigung des Stands der Technik zu Beginn des ADEPT-Projektes findet sich in [DaRe09];
einen umfassenden Vergleich derzeit existierender Ansätze bieten [WSR09] und [WRR08].
ADEPT Process Execution EngineADEPT Process Execution Engine
Process 11Process 11
Process 10Process 10
Process 9Process 9
Process 8Process 8
Process 7Process 7
Process 14
Process 13
Process 12
Process 14Process 14
Process 13Process 13
Process 12Process 12
Process 6Process 6
Process 5Process 5Process 5
Process 4Process 4
Process 3Process 3
Process 2Process 2
Process 1Process 1Process 1
Abb. 4: Prozess-Engine mit individuell geänderten Prozessinstanzen
Abb. 5 illustriert, wie wir uns eine Ad-hoc-Abweichung durch den Endbenutzer vorgestellt haben:
a) Eine Ausnahmesituation tritt auf b) Benutzer betätigt den „Ausnahmeknopf“
c) Benutzer wählt Art der Änderung d) Benutzer wählt einzufügenden Schritt
e) Die Einbindung des Schrittes wird festgelegt f) System prüft, ob Änderung zulässig
g) Die Änderung kann durchgeführt werden h) Benutzer setzt Tätigkeit fort
Abb. 5: Durchführung einer Ad-hoc-Abweichung aus Benutzersicht [Dada06]
In diesem Beispiel (vgl. [Dada06]) wird angenommen, dass während der Ausführung einer einzelnen
Prozessinstanz, etwa dem Behandlungsprozess eines bestimmten Risikopatienten, eine zusätzliche
Laboruntersuchung benötigt wird, die aber in der zugehörigen Prozessvorlage an dieser Stelle im
Prozess nicht vorgesehen ist (Abb. 5a). Es wird daher – wenn der Änderungswunsch systemseitig
akzeptiert werden kann – die laufende Prozessinstanz (und nur diese!) individuell verändert.
Nachdem der Benutzer den „Ausnahmeknopf“ betätigt hat (Abb. 5b), kann er die Art der gewünsch-
ten Ad-hoc-Änderung angeben (Abb. 5c). Soll eine Einfügung erfolgen, werden kontextabhängig die
zur Verfügung stehenden Anwendungsfunktionen angezeigt (Abb. 5d). Dies können einfache
Funktionen, wie „Brief schreiben“ oder „E-Mail versenden“ sein, aber auch komplexe Anwendungs-
dienste oder sogar ganze Prozesse. Der Benutzer muss jetzt noch angeben, nach welchem Schritt
(bzw. welchen Schritten) die neue Aktivität dem zuständigen Bearbeiter angeboten werden soll und
vor welchem Schritt (bzw. welchen Schritten) ihre Bearbeitung abgeschlossen sein muss (Abb. 5e).
Nach Festlegung der Änderungen prüft das System die Zulässigkeit der resultierenden Ab-
weichungen (Abb. 5f und Abb. 5g).
Auch eine Prozess-Schema-Evolution soll für die damit betrauten Anwender einfach durchführbar
sein. Idealerweise sollte das Prozess-Management-System auf Basis des bisherigen Schemas, des
neuen Schemas, dem aktuellen Zustand einer Prozessinstanz sowie ggf. vorgenommenen instanz-
spezifischen Ad-hoc-Änderungen selbstständig ableiten können, ob die betrachtete Instanz auf das
neue Schema migriert werden kann oder nicht [RRD04, RRD04b, RRW08]. Keinesfalls sollen die An-
wender direkt irgendwelche internen Instanzzustände manipulieren und natürlich sollen bei Migration
von Instanzen auf das neue Schema dieselben Korrektheitskriterien gelten bzw. systemseitigen
Prüfungen angewandt werden, wie bei der Prozesskomposition bzw. bei Ad-hoc-Abweichungen.
Abb. 6a - Abb. 6c illustrieren, wie wir uns den Ablauf einer Prozessschemaevolution aus Benutzer-
sicht vorgestellt haben: Der Prozessmodellierer lädt das Prozessschema aus dem Prozess-Reposi-
tory, nimmt dann die erforderlichen Änderungen an diesem Schema vor und erzeugt eine neue
Schemaversion (vgl. Abb. 6a). Das System bestimmt die erforderlichen Vorbedingungen und Anpas-
sungsmaßnahmen für die laufenden Prozessinstanzen dieses Schemas, soweit diese auf das neue
Schema migriert werden können bzw. sollen (vgl. Abb. 6b + Abb. 6c). Auf Knopfdruck führt das Sy-
stem anschließend die Migration der ausgewählten Prozessinstanzen auf das neue Schema durch
(vgl. Abb. 6d).
a) Durchführen Schemaänderung b) Prüfung Status der laufenden Instanzen
c) Ergebnis der Prüfung d) Durchführung Instanz-Migration
Abb. 6: Prozessschemaevolution [Dada06]
4 Die Umsetzung: Von ADEPT1 über ADEPT2 zur AristaFlow® BPM Suite
Wie bereits in Kapitel 3 erläutert, verfolgten wir das Ziel, die resultierende Komplexität von den An-
wendern dadurch fernzuhalten, dass wir diese im Systemkern "verstecken" und "nach oben"
funktional mächtige, aber dennoch einfach zu bedienende Schnittstellen (API) anbieten. Das Dilem-
ma war, ein Prozess-Meta-Modell zu finden, das einerseits ausdrucksstark genug war, um die Real-
weltprozesse adäquat darstellen zu können, andererseits aber auch über eine solide Theoriebasis
verfügt, um formal fundierte Aussagen über die "Korrektheit" eines Prozessmodells treffen zu
können. Darüber hinaus musste es auch noch geeignet für Ad-hoc-Abweichungen sein und effiziente
Korrektheitsanalysen (auch während der Prozessausführung) zulassen. Nachdem zu diesem
Zeitpunkt kein Prozess-Meta-Modell existierte, das diesen Ansprüchen genügte (siehe [DaRe09] für
eine ausführlichere Diskussion hierzu), entwickelten wir letztlich das ADEPT-Prozess-Meta-Modell
(siehe Abb. 7), das alle gewünschten Eigenschaften in sich vereinigt: Es ist trotz der gewählten
Blockstruktur aufgrund seiner verschiedenen Erweiterungen sehr ausdrucksstark, hat eine solide
formale Basis und erlaubt effiziente Überprüfungen der erstellten Prozessmodelle auf Korrektheit. Im
Kontext von Ad-hoc-Abweichungen ermöglicht es darüber hinaus, sehr rasch zu entscheiden, ob und
wie eine gewünschte Änderungsoperation realisiert werden kann [ReDa98, Reic00].
loop
parallel branching
conditional branching
B I
sequence
GH
A
ET = FAILURE_E
NT = ENDLOOP
ET = LOOP_E
NT=STARTLOOP
L
S
L
E
NT=STARTFLOW NT = ENDFLOW
sequence
workflow
J
Start End
999
4
4
9
ET = SOFT_SYNC_E
C
D
E
F
loop
parallel branching
conditional branching
B IBB II
sequence
GH
GG HH
A
ET = FAILURE_E
A
ET = FAILURE_EET = FAILURE_E
NT = ENDLOOP
ET = LOOP_E
NT=STARTLOOP
L
S
L
E
NT = ENDLOOP
ET = LOOP_E
NT=STARTLOOP
L
S
L
E
NT = ENDLOOP
ET = LOOP_E
NT=STARTLOOP
L
S
L
E
NT = ENDLOOP
ET = LOOP_E
NT=STARTLOOP
L
S
L
E
NT = ENDLOOP
ET = LOOP_E
NT=STARTLOOP
L
S
L
E
NT=STARTFLOW NT = ENDFLOW
sequence
workflow
J
Start End
NT=STARTFLOW NT = ENDFLOW
sequence
workflow
J
Start End
NT=STARTFLOW NT = ENDFLOW
sequence
workflow
J
Start End
sequence
workflow
J
Start End
J
Start End
999
4
4
9999
4
4
9
ET = SOFT_SYNC_EET = SOFT_SYNC_E
C
D
E
F
C
D
E
C
D
CC
D
E
F
Abb. 7: ADEPT Prozess-Meta-Modell
Der entscheidende Durchbruch war die Entwicklung von semantisch hohen Änderungsoperationen
zur Manipulation von Prozessgraphen sowohl bei der Prozessmodellierung als auch bei Ad-hoc-
Abweichungen. Dies ermöglichte nicht nur die sehr viel einfachere und sicherere Manipulation von
Prozessgraphen, sondern führte auch zu einer geänderten Vorgehensweise bei der Modellierung
von Prozessen. Anstelle, wie sonst meist üblich, den Modellierer erst einmal den Prozess (mehr oder
weniger) frei "malen" zu lassen, um anschließend systemseitig zu überprüfen, ob dieser syntaktisch
korrekt ist, werden in ADEPT kontextabhängig nur solche Operationen zugelassen, die einen
konsistenten Prozessgraphen wieder in einen neuen konsistenten Prozessgraphen überführen. Wir
bezeichnen dieses Konstruktionsprinzip als "Correctness by Construction". Es findet auch auf
Prozessinstanzebene im Kontext von Ad-hoc-Abweichungen seine Anwendung (und ist auch, wie
sich noch zeigen sollte, im Zusammenhang mit der Prozess-Schema-Evolution sehr hilfreich).
Abb. 8 und Abb. 9 zeigen am Beispiel von ADEPT2 bzw. dem AristaFlow® Process Template Editor,
wie – abhängig von der gewählten Markierung im Prozessgraph – der Prozessvorlagen-Editor die
verschiedenen Änderungsoperationen kontextsensitiv zur Auswahl anbietet. In Abb. 8a ist nichts
markiert, demzufolge sind in Abb. 9a keine Änderungsoperationen wählbar, außer der hier nicht zu
sehenden Operation "Insert Data Element" (d.h. die Operation zur Einfügung globaler Prozess-
variablen), die stets wählbar ist. In Abb. 8b wurde ein Knoten im Prozessgraph markiert, demzufolge
schaltet der Prozessvorlagen-Editor alle Änderungsoperationen frei, deren Wirkung durch die
Markierung des einzelnen Knotens eindeutig festgelegt ist, und zwar "Insert Surrounding {AND,
XOR, LOOP} Block" und Delete Node (siehe Abb. 9b). In Abb. 8c wurden zwei aufeinanderfolgende
Knoten markiert, wobei die grüne Färbung2 den Anfang und die blaue3 das Ende des markierten
Bereichs anzeigt. Nun kann zusätzlich zu vorher noch ein AND-, XOR- oder LOOP-Block zwischen
die beiden Knoten eingefügt werden. Allerdings ist "Delete Node" dann nicht mehr wählbar (siehe
Abb. 9c), weil unklar wäre, welcher der beiden markierten Knoten gemeint ist.
a)
b)
c)
Abb. 8: Markierungen im Prozessgraph
a) b) c)
Abb. 9: Freigeschaltete Änderungsoperationen
1998 wurde von uns das erste ADEPT-System fertig gestellt (im Folgenden als "ADEPT1" bezeich-
net). Es realisierte bereits das "Correctness by Construction"-Prinzip [Reic00], eine Palette von Oper-
ationen für Ad-hoc-Abweichungen [ReDa98] sowie die Handhabung zeitlicher Constraints [Grim97].
Von ADEPT1 wurden in den Folgejahren noch verschiedene Systemvarianten abgeleitet [RRD03],
etwa zur Unterstützung verteilter Prozess-Ausführungen (unter voller Beibehaltung der Ad-hoc-
Flexibilität) [BaDa00, Baue01, BaRe02, ReBa07] und zur Interprozess-Koordination [Hein00,
Hein01]. Darüber hinaus wurde ADEPT1 in vielen anspruchsvollen Forschungsprojekten mit großem
Erfolg eingesetzt [BBKK02, BKK04, GoGa05, Gola05, Grei05, Grei06, MoAn07, RWRW05,
WRWR05]. Hieraus konnten wir wertvolle Erkenntnisse sowie zahlreiche fachliche Anforderungen für
die Weiterentwicklung der ADEPT-Technologie gewinnen.
Im Jahr 2001 begannen wir dann, uns intensiv mit dem Thema "Prozess-Schema-Evolution" zu be-
fassen. Unser Ziel war es, weitgehend systemseitig bestimmen zu können, welche Prozessinstanzen
auf das neue Schema migriert werden können und welche nicht (vgl. Abb. 6). Auch hier hatten wir
wieder den Anspruch, eine umfassende und anwendungsneutrale Lösung zu entwickeln. Die for-
malen Grundlagen und methodischen Konzepte wurden wieder systemunabhängig entwickelt
[Rind04, RRD04a]. Allerdings zeigte sich, dass die spezifischen Eigenschaften des ADEPT-Prozess-
Meta-Modells in Verbindung mit den semantisch hohen Änderungsoperationen sehr hilfreich für eine
effiziente Realisierung und die Implementierung einfach benutzbarer Schnittstellen ist. Wie anhand
eines "Proof-of-Concept"-Prototyps [RRD04] gezeigt wurde, kann man basierend auf den Ergebnis-
sen dieser Arbeiten eine Lösung implementieren, die im Wesentlichen der in Abb. 6 dargestellten
Vorgehensweise entspricht.
2 hellgrau in einen Graustufen-Ausdruck
3 dunkelgrau in einem Graustufen-Ausdruck
Im Jahr 2004 starteten wir dann – zusammen mit der Universität Mannheim und verschiedenen
Industriepartnern – das AristaFlow-Projekt.4 Ein wesentliches Ziel dieses Projektes war die
Untersuchung, wie der Entwurf und die Entwicklung von Anwendungsfunktionen gestaltet werden
sollte, damit die für das Plug & Play erforderlichen Informationen möglichst ohne Zusatzaufwand
abgeleitet werden können. Ferner sollte untersucht werden, was in diesem Zusammenhang ggf.
noch geleistet werden muss, um ein noch höheres Maß an Robustheit für die hierauf aufbauenden
Prozessimplementierungen zu erzielen [AADR04, Atki06, AtDa07, ABFJ08, AtSt08, AtSt08a]. Ein
anderes wesentliches Ziel, und hier lag der eigentliche Schwerpunkt des Projektes, war der Entwurf
eines "Next-Generation"-Prozess-Management-Systems ("ADEPT2"), das in umfassender und inte-
grierter Weise die Prozesskomposition im "Plug & Play"-Stil, "Correctness by Construction", Ad-hoc-
Flexibilität sowie Prozess-Schema-Evolution zu unterstützen vermag. Dieser Entwurf sollte mit den
Praxispartnern im industriellen Kontext unter verschiedenen Aspekten validiert werden.
Wir hatten beim Entwurf von ADEPT2 den Ehrgeiz, die gewünschte Funktionalität nicht nur "irgend-
wie" zu realisieren, um dann anschließend (wieder) ein schlecht wartbares Experimentalsystem zu
haben, sondern das System so zu konzipieren, dass es trotz der enormen funktionalen Mächtigkeit
immer noch schlank, wartbar und einfach erweiterbar bleibt. Dies resultierte letztlich in einer service-
orientierten Architektur (siehe Abb. 10), bei deren Entwurf sehr darauf geachtet wurde, die bereit-
gestellte Funktionalität – wo immer möglich – generisch zu implementieren, um sie an verschiedener
Stelle im System sowie auf API-Ebene nutzen zu können. So verwenden z.B. der Prozessvorlagen-
Editor, der Workflow-Client für das Monitoring von Prozess-Instanzen sowie der Client für die
Visualisierung und Ad-hoc-Änderung einzelner Prozess-Instanzen dieselbe Codebasis, die durch
entsprechende Parametrisierung jeweils die gewünschte Funktionalität "freischaltet". Auch die in
Abb. 9 dargestellte, kontextabhängige Auswahl an erlaubten Operationen ist nicht etwa im Editor
"hart verdrahtet", sondern dieser erhält diese Information vom ChangeOperations-Service, der auch
die Änderung am Prozessgraphen durchführt. Derselbe ChangeOperations-Service wird auch vom
ADEPT2-Laufzeitsystem im Kontext von Ad-hoc-Änderungen auf Prozess-Instanzebene gerufen und
steht auch auf API-Ebene zur Verfügung, etwa für die Entwicklung anwendungsspezifischer
Workflow-Clients. Weitere Details zur ADEPT2-Architektur und -Implementierung finden sich in
[Rind06, RRJK06, RJR07, Reic08].
Abb. 10: Grobarchitektur von ADEPT2 (BT: Buildtime, RT: Runtime)
Um die Weiterentwicklung von ADEPT2 über das Ende des AristaFlow-Projekts hinaus zu gewähr-
leisten und einen industriellen Einsatz für eine breite Nutzung der Software zu ermöglichen, wurde
Anfang 2008 mit den federführenden Architekten und Entwicklern von ADEPT2 eine Ausgründung
aus dem DBIS-Institut vorgenommen und gemeinsam mit Industriepartnern die AristaFlow GmbH in
Ulm gegründet. Diese wird die ADEPT2-Codebasis zur Produktreife führen und deren Pflege und
Weiterentwicklung als industriell einsetzbares Produkt übernehmen. Das Produkt trägt den Namen
AristaFlow® BPM Suite [Juri08]. In seine Entwicklung sind neben den vorangehend beschriebenen
Forschungsergebnissen auch die langjährigen Erfahrungen unserer Industriepartner aus ihren
zahlreichen Workflow- und Software-Projekten eingeflossen.
4 Das AristaFlow-Projekt wurde von 2004 bis 2007 vom Land Baden-Württemberg im Rahmen des PRIMIUM-
Forschungsverbundes (siehe www.primium.org) gefördert.
5 Stand der Entwicklung
Nachdem sich Vorversionen der AristaFlow® BPM Suite bereits in diversen internen und externen
Einsatztests (z. B. [RüWa07, RüWa08]) bestens bewährt hatten, wurde das Produkt von der
AristaFlow GmbH im Januar 2009 offiziell freigegeben und kann ab sofort bezogen werden (für
nähere Informationen hierzu siehe Abschnitt 6). Die AristaFlow® BPM Suite besteht derzeit aus den
folgenden Software-Komponenten: Process Template Editor, Activity Repository Editor, OrgModel
Editor, TestClient, Client, AutomaticClient, Monitor und Server. Hinzu kommt eine offene API.
Komponenten der AristaFlow® BPM Suite
Der AristaFlow Process Template Editor basiert auf den im vorherigen Abschnitt beschriebenen
Prinzipien des "Correctness by Construction". In Ergänzung dazu werden, nebenläufig zum Model-
lierungsvorgang, weitere Fehleranalysen durchgeführt, etwa um Inkonsistenzen im aktuell modellier-
ten Datenfluss anzuzeigen. In dem in Abb. 11 dargestellten Beispiel etwa wird von Aktivität B lesend
auf das Datenelement X zugegriffen, ohne dass dieses im Prozessablauf zuvor mit einem Wert
versehen wurde. Wird nun z.B. eine Schreibkante von Aktivität A (oder vom Startknoten) zur Aktivität
X gezogen, verschwindet die angezeigte Fehlermeldung wieder. Es können nur solche Prozess-
vorlagen an den AristaFlow-Server (zum Einstellen in dessen Prozess-Repository) übertragen
werden, die keine Fehler mehr aufweisen und die auch ansonsten vollständig sind, d.h. allen
Prozessknoten (mit Ausnahme sog. "Nullknoten") sind ausführbare Komponenten und im Falle
interaktiver Prozess-Schritte auch Bearbeiterzuordnungsausdrücke zugewiesen worden.
Abb. 11: AristaFlow Process Template Editor mit Anzeige eines inkonsistenten Datenflusses
Der AristaFlow Process Template Editor unterstützt das erwähnte "Plug & Play"-Prinzip in vollem
Umfang. Alle im Activity Repository registrierten Aktivitätenvorlagen sind im Process Template Editor
wählbar und können mittels Drag & Drop auf eine Kante im Prozessgraphen (dann wird dort ein neu-
er Knoten eingefügt) oder einen bestehenden Knoten gezogen werden. In Abb. 12 sieht man im link-
en Teilfenster (Activity Repository Browser) Beispiele für speziell konfigurierte Aktivitäten, die sich
auf die Relation "Kunde" beziehen, sowie allgemeine Vorlagen, wie die unter "Generics" aufgeführ-
ten. Neben den im Activity Repository hinterlegten Aktivitätenvorlagen können auch ganze Prozesse
in Aktivitäten eingesetzt werden, was dann zu einem hierarchischen Prozessgeflecht führt. Diese
Sub-Prozesse werden ebenfalls per Drag & Drop in den Prozessgraphen eingefügt. Dabei kann man
zwischen verschiedenen Formen der Einbettung dieses Prozesses in den Hauptprozess sowie
verschiedene Ausführungsmodi (Subprozess oder eigenständiger Prozess) wählen.
Abb. 12: Plug & Play Unterstützung im AristaFlow Process Template Editor
Der AristaFlow Activity Repository Editor dient dazu, Aktivitäten jeder Art dem AristaFlow-System
"bekannt" zu machen. Zu diesem Zweck füllt man typspezifische Formulare aus. Für die in Abb. 12
dargestellte Aktivität "Kunde: freie KdNr bestimmen“ würde man z.B. unter anderem Angaben für den
Verbindungsaufbau zur Datenbank (Abb. 13a) sowie das zu verwendende SQL-Statement (Abb.
13b) hinterlegen. Bei einer allgemeineren Aktivitätenvorlage für einen Datenbankzugriff, würde man
diese Angaben nur teilweise im Activity Repository spezifizieren oder auch ganz weglassen, und sie
dann erst während des "Plug & Play"-Dialogs machen.
a) b)
Abb. 13: Konfigurationsangaben für Datenbankaktivität
Der AristaFlow OrgModel Editor dient zur Erstellung und Pflege des Organisationsmodells. Das
Organisationsmodell von AristaFlow ist sehr ausdrucksstark und erlaubt die Beschreibung auch sehr
komplexer Unternehmensstrukturen. Entsprechend mächtig sind auch die Bearbeiterzuordnungsaus-
drücke, die man – unter Bezugnahme auf das hinterlegte Organisationsmodell – den Aktivitäten bei
Bedarf zuordnen kann. Abb. 14 zeigt in vergröberter Form an, welche Elementtypen das Organisa-
tionsmodell aufweist und welche miteinander in Beziehung gesetzt werden können.
Abb. 14: Grobübersicht – Elemente und Beziehungen des AristaFlow-Organisationsmodells
Der AristaFlow Testclient dient dazu, strukturell korrekte, aber hinsichtlich Zuordnung von ausführ-
baren Diensten und Bearbeiterzuordnungsausdrücken noch nicht vollständige Prozessvorlagen, test-
weise auszuführen. AristaFlow ergänzt in diesem Fall evtl. fehlende "Executables" (d.h. Aktivitäten-
programme) durch automatisch erzeugte Formulare, um Eingabeparameter anzuzeigen sowie Aus-
gabeparameter (die normalerweise von der Aktivität gesetzt werden) von Hand eingeben zu können.
Der AristaFlow Client ist ein "Standard Client", der die anstehenden Aufgaben seines Benutzers in
einer Arbeitsliste anzeigt. Außerdem bietet er ihm die auf dem Server hinterlegten Prozessvorlagen
zum Starten neuer Prozessinstanzen an (sofern der Benutzer für diese die "Startberechtigung"
besitzt). Der Client verfügt zudem über Funktionen wie "Wiedervorlage", "Delegation" und "Nach-
frage". Darüber hinaus kann man sich für die in der Arbeitsliste befindlichen Tätigkeiten (d.h.
Aktivitäten) die zugehörige Prozessinstanz graphisch anzeigen lassen.
Der Automatic Client dient zur Ausführung automatischer Schritte, die keine Benutzerinteraktion er-
fordern. Aus Sicht des AristaFlow-Servers verhält sich der Automatic Client im Wesentlichen wie ein
normaler (d.h. interaktiver) Client. Auch ihm werden die für ihn anstehende Aufträge in seine "Ar-
beitsliste" gestellt. Im Unterschied zum AristaFlow Client wird das zugeordnete Aktivitätenprogramm
dann aber automatisch (d.h. ohne Benutzerinteraktionen) gestartet und ausgeführt. Ein Prozess-
schritt wird zu einem "automatischen Schritt", in dem "automaticclient" als Bearbeiterzuordnungs-
ausdruck gewählt wird.
Der AristaFlow Monitor ist für den Systemspezialisten gedacht und ermöglicht unter anderem, die
laufenden Prozessinstanzen zu überwachen. Beispielsweise können sich autorisierte Benutzer den
aktuellen Zustand oder die Ausführungshistorie einer Prozessinstanz anschauen sowie einen Blick in
die Logdatei des zugeordneten Ausführungsdienstes werfen. Darüber hinaus kann der Monitor auch
eine aktuell fehlgeschlagene Aktivität zurücksetzen sowie Ad-hoc-Änderungen an einer Prozessin-
stanz vornehmen. Dabei steht ihm das volle Spektrum an Änderungsoperationen wie bei der
Prozessmodellierung zur Verfügung. So wurde die in Abb. 15 als fehlgeschlagen markierte Aktivität
"Get Amazon Offer" zunächst zurückgesetzt und dann zusammen mit der nachfolgenden Aktivität
"Get Amazon Price" im Prozessgraph nach hinten verschoben und, wie in Abb. 16 gezeigt, nach der
Aktivität "CheckSpecialOffers" platziert.5 Natürlich wurden auch diese Änderungen systemseitig einer
Korrektheitsprüfung unterzogen.
Der AristaFlow Server ist die Kernkomponente der AristaFlow BPM Suite. Er verwaltet die laufen-
den Prozessinstanzen, die instanziierbaren Prozessvorlagen, das Activity Repository und das Orga-
nisationsmodell. Er setzt intern auf einer relationalen Datenbank auf, wobei das konkret verwendete
5 Der konkrete Ablauf dieser Verschiebeoperation ist wie folgt: (1) Markierung des zu verschiebenden Blocks
durch Markierung der entsprechenden Knoten. (2) Auswahl (der jetzt freigeschalteten) Operation 'Select Nodes
to Move'. (3) Markierung der Einfügestelle: 'CheckSpecialOffers' (grün) und 'Choose offer' (blau). (4) Auswahl
der jetzt freigeschalteten Operation 'Move Nodes'. – Fertig!
System austauschbar ist. Es muss im Wesentlichen lediglich über eine JDBC-Schnittstelle verfügen.
Der Server basiert auf einer erweiterbaren Architektur, in deren Entwurf von Beginn an Aspekte wie
Skalierbarkeit, Performanz und Wartbarkeit einbezogen wurden. Insbesondere sind auch die voran-
gehend diskutierten Systemfunktionen nahtlos in die Architektur integriert. Eine ausführliche Be-
schreibung der Architektur sowie ihrer Komponenten und Entwurfsprinzipien findet sich in [Reic08].
Abb. 15: AristaFlow Process Monitor (1)
Abb. 16: AristaFlow Process Monitor (2)
Abschließend sei angemerkt, dass die AristaFlow BPM Suite eine offene API für alle System-
funktionen bietet. Einerseits kann man das System eigenständig und ohne zusätzliche Software als
Entwicklungs- und Ausführungsplattform für POIS nutzen, unter Verwendung der oben angegebenen
Entwicklungs- und Laufzeitkomponenten. Andererseits erlaubt es das offene API aber auch, Teile
des Systems als Workflow-Service in bestehende Software (z.B. Branchensoftware) einzubauen. Da
das API sowohl Entwicklungs- als auch Laufzeitfunktionen abdeckt, können sich Softwarehäuser bei
Bedarf „maßgeschneiderte“ Client-Anwendungen (inkl. Editoren) entwickeln. Intern bauen alle
Lösungen auf denselben, umfassend dokumentierten Schnittstellen auf.
Umsetzung der ADEPT-Forschungsvision
Die AristaFlow BPM Suite setzt die in Abschnitt 3 beschriebene ADEPT-Forschungsvision vollständig
um und geht sogar noch darüber hinaus. Die vorgenommenen Erweiterungen betreffen z.B. die
folgenden Komponenten bzw. Aspekte: Bereitstellung generischer Aktivitätenvorlagen verschiedens-
ter Art, Definition von Verzweigungsprädikaten mit mächtigem XOR-Prädikat-Composer (der per
Konstruktion garantiert, dass die gewählten Prädikate sowohl überlappungsfrei sind als auch der
gesamte Wertebereich abgedeckt wird), Definition von Bearbeiterzuordnungsausdrücken auf Grund-
lage eines sehr mächtigen Organisationsmodells, mehrstufige Eskalationsmechanismen (für den
Fall, dass die in Arbeitslisten stehende Aktivitäten nicht rechtzeitig bearbeitet werden) und vieles
Andere mehr.
Erste Erfahrungen mit Teilnehmern an Schulungsveranstaltungen haben gezeigt, dass das Ziel,
rasch neue, robust ausführbare Prozesse erstellen zu können, voll erreicht wurde. Die Teilnehmer
waren in der Regel bereits nach einer halbstündigen Einführung in der Lage, selbstständig erste Pro-
zessmodelle zu erstellen und diese zur Ausführung zu bringen. Ähnliches gilt in Bezug auf die von
der AristaFlow BPM Suite gebotenen Möglichkeiten für Prozessinstanzänderungen.
6 Nutzungsmodalitäten der AristaFlow® BPM Suite
Für die Lehre sowie für institutsinterne Forschungsprojekte an Hochschulen wird die AristaFlow-
Software über das vom Institut für Datenbanken und Informationssysteme (DBIS) der Universität Ulm
eingerichtete und betreute Portal AristaFlow-Forum (www.AristaFlow-Forum.de) zur Verfügung
gestellt. Dieses AristaFlow-Forum ist als Selbsthilfeeinrichtung der AristaFlow-Anwender gedacht
und soll der wechselseitigen Hilfe (unter Beteiligung des Instituts DBIS) sowie dem Austausch von
Prozessbeispielen, implementierten Aktivitäten und ähnlich nützlichen Artefakten dienen. Details zu
den Nutzungsmodalitäten der AristaFlow-Software für Forschung und Lehre finden sich auf diesem
Portal bzw. können von uns direkt erfragt werden (siehe Kontaktdaten am Ende des Artikels).
Bei weiterführenden Implementierungsaufgaben, welche die Bereitstellung entsprechender Entwick-
lungsumgebungen sowie eine entsprechende Schulung durch die AristaFlow GmbH erfordern, muss
mit der AristaFlow GmbH eine spezielle Vereinbarung getroffen werden (auch hierzu finden sich
Kontaktdaten am Ende des Artikels). Dasselbe gilt auch, wenn die AristaFlow BPM Suite in einem
extern geförderten Forschungs- und Entwicklungsprojekt einer Hochschule (z.B. BMBF- oder EU-
Projekten) eingesetzt werden soll oder wenn ein direkter Produktsupport durch die AristaFlow GmbH
gewünscht wird. Für einen kommerziellen Einsatz der AristaFlow-Software – auch für einen
testweisen Einsatz – ist ausschließlich die AristaFlow GmbH zuständig.
7 Zusammenfassung und Ausblick
Obwohl mittlerweile eigentlich niemand mehr bestreitet, dass Prozess-Management-Systeme sowie
die auf ihrer Basis entwickelten POIS "flexibel" sein müssen, um wirklich auf breiter Front einsetzbar
zu sein, ist es erstaunlich und zugleich erschreckend, wie wenig die derzeit verfügbaren Produkte
und Forschungsprototypen diesbezüglich zu leisten vermögen [WSR09, WRR08]. Einer der Gründe
hierfür mag sein, dass niemand den Schritt gewagt hat, einmal "gegen den Strom" zu schwimmen
und dass man seitens der Industrie zu viele Schnellschüsse in Form von halbgaren "Standards"
produziert, anstelle nach Lösungen der wirklich fundamentalen Probleme zu suchen.
Vor etwas mehr als 10 Jahren entstand am Institut für Datenbanken und Informationssysteme der
Universität Ulm die Vision eines Prozess-Management-Systems, das einerseits funktional mächtiger
sein sollte als die bis dato verfügbaren Technologien, anderseits aber einfacher und sicherer benutz-
bar sein sollte. Diese Idee war irgendwie verrückt und faszinierend zugleich. Die resultierenden Her-
ausforderungen in Bezug auf das Verstehen der zu beachtenden Aspekte und deren wechselseitige
Abhängigkeiten waren enorm. Und es war keine Vision, die im luftleeren Raum entstanden ist,
sondern durch ganz reale Anwendungen (zunächst) aus dem klinischen Umfeld motiviert war.
Es dauerte auch ca. drei Jahre, bis eine detaillierte Anforderungserhebung durchgeführt, ein mäch-
tiges Prozess-Meta-Modell konzipiert und eine umfassende Theorie entwickelt waren [ReDa98], wel-
che in Kombination miteinander eine geeignete Basis für unser Vorhaben darstellten. Ein erster Pro-
totyp ("ADEPT1") konnte bereits eindrucksvoll demonstrieren, dass die Theorie auch praktisch funk-
tioniert, d.h. dass Ad-hoc-Abweichungen, Robustheit und einfache Benutzbarkeit keine Widersprü-
che sein müssen [Reic00]. Mit den Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zu ADEPT2 wurde dann
eine technologische Stufe erreicht, die weit über das hinausgeht, was andere Systeme derzeit zu
leisten vermögen. Es gibt unseres Wissens weltweit kein System, das einen dermaßen hohen Grad
an Flexibilität (Ad-hoc-Abweichungen, Prozess-Schema-Evolution), mit systemseitigen Korrektheits-
zusicherungen ("Correctness by Construction") und einfacher Bedienbarkeit realisiert. Durch die in
Kapitel 4 beschriebene service-orientierte Architektur kann man das System nicht nur "als Ganzes"
einsetzen, sondern auch Teile davon in anderen Systemen als (interne) Komponente "einbauen".
Durch das im Process Template Editor realisierte "Correctness by Construction"-Prinzip in Verbind-
ung mit dem Plug & Play von Aktivitätenvorlagen (sowie den zur Verfügung stehenden generischen
Aktivitäten) gestaltet sich die Realisierung prozessorientierter Anwendungen sehr einfach und macht
diese Technologie daher auch für Ausbildungszwecke im BPM-Bereich sehr interessant.
Wir freuen uns sehr darüber, dass es gelungen ist, die Weiterentwicklung dieses Prozess-Manage-
ment-Systems durch die Gründung der AristaFlow GmbH auf eine stabile Basis zu stellen und hier-
durch auch einen industriellen Einsatz dieser innovativen Technologie zu ermöglichen. Darüber hin-
aus sind wir fest davon überzeugt, dass durch die gebotenen Möglichkeiten zur Flexibilisierung von
Prozessen die Realisierung von POIS für anspruchsvollere Anwendungsdomänen, etwa der Medizin
oder dem Produktentwicklungsbereich, erst möglich wird.
Wir betrachten ADEPT2- bzw. die AristaFlow-Software aber nicht als Abschluss einer Entwicklung,
sondern als den Einstieg in eine nächste Generation von Prozess-Management-Systemen, welche
völlig neue Möglichkeiten und Einsatzgebiete für die Unterstützung von Prozessen eröffnen. Natür-
lich werfen anspruchsvolle Anwendungen immer wieder auch neue, wissenschaftlich interessante
Fragestellungen auf. Aus diesem Grund befassen wir uns mit einer Reihe weiterer hochgradig rele-
vanter Forschungsfragestellungen, die in diesem Beitrag keine Erwähnung gefunden haben, die aber
in der ein oder anderen Form auch in die Weiterentwicklung der AristaFlow BPM Suite einfließen
wird. Beispielhaft seien an dieser Stelle einige unserer aktuellen Arbeiten genannt: Sicherstellung
von Compliance-Vorschriften [LRD08], Evolution von Organisationsmodellen und Zugriffsregelungen
[RiRe05, RiRe07, RiRe08], Zugriffskontrolle in flexiblen Prozess-Management-Systemen [PDA08,
Webe05], Visualisierung und Monitoring komplexer Prozesse [BBR06, BRB07], Integration von Da-
ten und Prozessen [MRH07,MRH08, RiRe06], Konfiguration und Verwaltung von Prozessvarianten
[HBR08], Assistenz von Benutzern bei der Durchführung von Prozessänderungen [Rind05,
WRWR05] sowie Ableitung von Prozessverbesserungen aus Prozessänderungen [Guen08, LRW08]
genannt. Nähere Informationen zu diesen und anderen aktuellen Forschungsarbeiten finden sich
unter www.uni-ulm.dbis → Forschung.
Danksagung
Der Weg von ADEPT1 über ADEPT2 bis hin zur AristaFlow® BPM Suite wäre nicht möglich ge-
wesen, ohne die Unterstützung und Anregungen, die wir durch Kolleginnen und Kollegen am Institut
DBIS sowie in zahlreichen Forschungsprojekten erfahren haben. Insbesondere gebührt unser Dank
den vielen hoch motivierten Studenten, die im Rahmen ihrer Diplom-, Master- und Bachelorarbeiten,
in Praktika sowie als wissenschaftliche Hilfskräfte im Laufe der Jahre Stück für Stück dazu beige-
tragen haben offene Fragen zu klären sowie Konzepte zu implementieren und zu validieren.
Besonders erwähnen möchten wir an dieser Stelle Dipl.-Inf. Markus Lauer, der zum ADEPT2-Team
der ersten Stunde gehörte, und Ende 2008 leider überraschend und viel zu jung verstorben ist.
Kontakt
Universität Ulm AristaFlow GmbH
Institut für Datenbanken und Informationssysteme Sedanstr. 18
89069 Ulm 89077 Ulm
{peter.dadam, manfred.reichert, stefanie.rinderle}@uni-ulm.de info@aristaflow.com
www.uni-ulm.de/dbis bzw. www.AristaFlow-Forum.de www.AristaFlow.com
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