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[en] (orig)
Abbildbarkeit unstrukturierter
Prozessmodelle auf strukturierte Workflows
Eine Untersuchung am Beispiel BPMN und ADEPT
Bachelorarbeit
der Fakultät für Ingenieurwissenschaften und
Informatik der Universität Ulm
vorgelegt von
Nicolas Mundbrod
August 2008
Prüfer der Arbeit:
Professor Dr. Manfred Reichert
Institut für Datenbanken und Informationssysteme
Amtierender Dekan: Prof. Dr. Helmuth Partsch
Gutachter: Prof. Dr. Manfred Reichert
Tag der Abgabe: 15. August 2008
Eidesstattliche Erklärung
Hiermit erkläre ich an Eides statt, dass ich diese Bachelorarbeit selbständig angefertigt
und keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt habe. Alle
wörtlich oder sinngemäß übernommenen Ausführungen wurden als solche gekenn-
zeichnet. Weiterhin erkläre ich, dass ich diese Arbeit in gleicher oder ähnlicher Form
nicht bereits einer anderen Prüfungsbehörde vorgelegt habe.
Ulm, den 15. August 2008 Nicolas Mundbrod
Danke
Zu allererst möchte ich meinen Betreuern Prof. Dr. Manfred Reichert und Jens Kolb
meinen Dank für ihre Hilfe bei der Erstellung dieser Arbeit aussprechen.
Die Diskussionen mit ihnen, ihre Ratschläge und ihre große Hilfsbereitschaft haben
mir bei der Erstellung der Arbeit sehr geholfen.
Weiterhin möchte ich mich bei meiner Freundin Sarah Fritz für ihren großen Rückhalt
während der Erstellung dieser Arbeit bedanken.
Nicht zuletzt möchte ich meiner Familie danken, die mir durch ihre uneingeschränkte
Unterstützung das Studium und somit auch diese Arbeit ermöglichten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
1.1 Prozessorientierung ............................... 1
1.2 Problemstellung und Zielsetzung ....................... 3
1.3 Struktur der Arbeit ............................... 5
2 Grundlagen 6
2.1 Prozesse ..................................... 6
2.2 Workflows .................................... 8
2.3 Zusammenhang und Abgrenzung ...................... 10
3 Strukturelle Eigenschaften 13
3.1 Strukturelle Klassifizierung von Workflows ................. 13
3.2 Bewertung und Folgen struktureller Eigenschaften ............. 18
4 Modellierung 25
4.1 Bekannte Formen ................................ 25
4.2 BPMN ...................................... 26
4.3 ADEPT ...................................... 32
5 Abbildbarkeit der BPMN auf ADEPT 39
5.1 Äquivalenz .................................... 39
5.2 Grundlagen der Abbildbarkeit ........................ 41
5.3 Abbildbarkeit von Modellen mit strukturellen Mängeln .......... 44
5.4 Automatisierbarkeit ............................... 53
6 Schlussbetrachtung 56
i
Zusammenfassung
Die letzten Jahre haben eine Vielzahl an unterschiedlichen Notationen zur Modellie-
rung von Prozessen oder Workflows hervorgebracht. Die Notationen unterscheiden
sich neben ihrer unterschiedlichen Symbolik besonders in der Ausdrucksmächtigkeit.
So existieren Notationen ohne Einschränkungen bis hin zu Notationen mit sehr weit
reichenden syntaktischen Restriktionen, wie z.B. die Blockstruktur. Das Voraussetzen
von strukturellen Einschränkungen vereinfacht es Workflow-Management-Systemen
(WfMS) Analysen durchzuführen und z.B. Deadlocks zu erkennen. Die zur Model-
lierung benötigten Notationen weisen durch syntaktische Restriktionen im Vergleich
zu syntaktisch uneingeschränkten Notationen eine höhere Komplexität und oftmals ei-
ne geringere Ausdrucksmächtigkeit auf. Daher existiert eine Konkurrenzsituation zwi-
schen den Ausdrucksmöglichkeiten und der Ausdrucksmächtigkeit der Notation, so-
wie den Anforderungen der WfMS um unabdingbare Eigenschaften des Workflows zu
sichern.
Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Abbildbarkeit unstrukturierter Prozessmodelle auf
strukturierte Workflows wissenschaftlich zu untersuchen und den Stand der bereits
publizierten Verfahren zu erfassen. Es werden Muster innerhalb eines unstrukturierten
Prozess-Modells identifiziert, die eine Abbildung auf strukturierte Modelle ausschlie-
ßen. Darüber hinaus soll versucht werden, die Abbildungen in automatische, semi-
automatische und manuelle zu unterteilen.
Zur Veranschaulichung wurden die Business Process Modeling Notation (BPMN) der
Object Management Group (OMG) als unstrukturierte Notation und ADEPT1des Insti-
tuts für Datenbanken und Informationssysteme (DBIS) als strukturierte Notation aus-
gewählt.
1ADEPT steht für Application Development based on Encapsulated Premodelled Process Templates
Kapitel 1
Einleitung
Die meiste Zeit geht dadurch verloren, daß man nicht zu Ende denkt.
Alfred Herrhausen (1930-1989)
dt. Bankier, Vorstandsspr. Dt. Bank
1.1 Prozessorientierung
Fritz Nordsieck, einer der Hauptvertreter der betriebswirtschaftlichen Organisations-
lehre, erkannte schon 1932 in seiner Dissertation Die schaubildliche Erfassung und Unter-
suchung der Betriebsorganisation den Vorteil einer Orientierung an Prozessen:
Der Betrieb ist in Wirklichkeit ein fortwährender Prozess, eine ununterbrochene Leistungs-
kette. [...] Anzustreben ist in jedem Fall eine klare Prozessgliederung.“[1]
Im Zuge des stärker werdenden globalen Wettbewerbes, der einen zusätzlichen
Kosten- und Preisdruck verursacht, rücken die Flexibilität auf neue Marktgegebenhei-
ten zu reagieren und eine hohe Automatisierbarkeit in den Fokus.
Eine Prozessorientierung bietet in diesem Fall Vorteile, denn es wurde erkannt, dass je-
des von einem Unternehmen angebotene Produkt (Geschäftsziel) das Resultat einer ko-
ordinierten Abfolge von Aktivitäten (Geschäftsprozess) ist. Ein Geschäftsprozess und
das daraus entstehende Produkt sind folglich zwei Seiten einer Medaille (Schaubild
1.1).
=
Prozess Produkt
Schaubild 1.1: Prozess und Produkt zwei Seiten einer Medaille
Diese Erkenntnis ist wichtig, folgt doch aus ihr, dass durch die Verbesserung des
Geschäftsprozesses, die dabei entstehenden Produkte ebenfalls verbessert werden kön-
1
nen. Angehörige der Wirtschaftswissenschaften sind deshalb daran interessiert, Ge-
schäftsprozesse im Bezug auf Effizienz und Qualität optimieren zu können. Sie wollen
unter anderem die „Time-to-Market“ neuer Produkte wie auch die Anpassungszeit be-
stehender Produkte an neue Marktgegebenheiten minimieren, die Kosten verringern
und die Kundenzufriedenheit steigern.
Um Geschäftsprozesse zu analysieren und zu optimieren, werden in der Regel Model-
le anhand einer graphischen Notation erstellt. Bis heute hat sich keine Notation den
Stellenwert in der Prozessmodellierung erworben, der vergleichbar wäre mit zum Bei-
spiel der von der Object Management Group (OMG, http://www.omg.org) publizier-
ten Unified Modeling Language (UML, [2]) für objektorientiertes Design und Analyse.
Doch strebt die OMG mit ihrer Notation zur Prozessmodellierung namens Business
Process Modeling Notation (BPMN) ebenfalls eine Standardisierung in diesem Bereich
an. Die OMG präzisiert die Ziele der BPMN in der Spezifikation der BPMN vom Fe-
bruar 2008 im Vorwort des Textes wie folgt:
The primary goal of BPMN is to provide a notation that is readily understandable by
all business users, from the business analysts that create the initial drafts of the processes, to
the technical developers responsible for implementing the technology that will perform those
processes, and finally, to the business people who will manage and monitor those processes. [3]
Gerade durch das Ziel der leichten Verständlichkeit aller am Prozess beteiligten Per-
sonen und der entsprechenden Umsetzung erreichte die BPMN in kurzer Zeit einen
relativ hohen Verbreitungsgrad [4], obwohl sie die direkte Unterstützung der Prozesse
durch Informationstechnik nicht anbietet.
Die Wurzeln des Gedankens, Geschäftsprozesse durch Informationssysteme zu unter-
stützen und zu begleiten, findet sich in den 1970er Jahre, ebenfalls angesprochen durch
Fritz Nordsieck:
Denken wir [...] an eine moderne Datenverarbeitung. Auch sie stellt einen deutlichen Pro-
zeß dar, der sogar in verschiedenen Abschnitten mit dem Betriebsprozeß verknüpft ist und ihn
ständig begleitet, wenn nicht sogar steuert.“[5], S.9
Um einen Geschäftsprozess oder Teile dessen zu automatisieren, können Workflows
(dt. Arbeitsfluss) verwendet werden (Definition und Details siehe später in Kapitel 2).
Kurzgefasst könnte ein Workflow als die verfeinerte, operative technische Sicht auf
einen zuvor fachlich, eventuell abstrakt erstellten Geschäftsprozess, oder auf Teile des-
sen, angesehen werden. Während bei einem Geschäftsprozess das Hauptaugenmerk
darauf liegt, was und in welcher Reihenfolge etwas getan wird, erweitert man in Bezug
auf den Workflow die Sicht hauptsächlich wie etwas und von wem etwas getan wird.
Ein Software-System, das die Ausführung von Workflows definiert, vornimmt und ver-
waltet, wird als Workflow-Management-System (WfMS) bezeichnet. Die Spezifikation
eines Workflows für die Ausführung durch ein WfMS findet, analog zur Modellierung
von Prozessen, durch Modelle statt. Jedoch setzt ein WfMS zumeist strukturelle An-
forderungen an das Modell eines Workflows, damit Laufzeitfehler, wie zum Beispiel
2
Deadlocks, verhindert werden.
Das WfMS ADEPT21des Institutes für Datenbanken und Informationsysteme (DBIS)
der Universität Ulm setzt für die Modellierung der Workflows in der zum System ge-
hörenden Notation ADEPT eine Blockstruktur für die Modellierung von Workflows
voraus. Damit können die aus einer fehlerhaften Modellierung resultierende Laufzeit-
fehler von vornherein ausgeschlossen werden. Jedoch bietet ADEPT zusätzliche Kan-
ten zur Synchronisation an, die die Ausdrucksstärke der blockstrukturierten Notation
zusätzlich erweitert (siehe Kapitel 4).
1.2 Problemstellung und Zielsetzung
Der Übergang von der Erfassung und Analyse von Geschäftsprozessen durch eine No-
tation wie BPMN hin zur Umsetzung der Prozesse durch Workflows, in zum Beispiel
ADEPT, ist leider nicht als nahtlos anzusehen und resultiert aus den konzeptionellen
Unterschieden der Notationen zu Modellierung von Geschäftsprozessen und Work-
flows.
Die Geschäftsprozessmodelle werden in der Regel von Personen erstellt, die einem
der Informatik fremden Umfeld zuzuordnen sind. Notation zur Modellierung von Ge-
schäftsprozessen sollten somit den technischen Aspekt der späteren Umsetzung ver-
nachlässigen, damit die Prozessmodelle leicht verständlich sind und als Diskussions-
grundlage dienen können. Die Modellierung der Prozesse kann nur gelingen, wenn
die entsprechenden Fachkräfte der Abteilungen in die Modellierung der Prozesse mit
eingebunden werden. Die Geschäftsleitung, wie auch der Modellierer selbst, sind eben-
falls an einer möglichst selbsterklärenden Notation interessiert. Nicht zuletzt sollen Ge-
schäftsprozesse auch sehr abstrakt und generell erfasst werden können.
Um möglichst effizient und ungebunden die Prozesse erfassen zu können, ist der
Wunsch nach einer Notation, die möglichst ausdrucksstark und keinerlei Beschrän-
kungen unterworfen ist, ebenfalls verständlich. Deshalb setzt die BPMN in der Mo-
dellierung der Geschäftsprozesse keinerlei strukturelle Einschränkungen, die für eine
eventuell spätere Ausführung durch eine WfMS notwendig wären, voraus.
Falls nun ein Geschäftsprozess, oder ein Teil dessen, durch IT untersützt und dies durch
ein WfMS geschehen soll, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob es möglich ist, die be-
reits existenten Prozessmodell in das WfMS übernehmen zu können und diese gege-
benfalls „nur“ noch um technische und operative Details verfeinern zu können. Des-
halb ist es das Ziel dieser Arbeit, den Stand der bereits publizierten Arbeiten über die
Abbildbarkeit von unstrukturierten Prozessmodellen auf (block-)strukturierte Work-
flows zu untersuchen, um zu ergründen, ob und in wie weit die Lücke zwischen der
Prozessmodellierung und Workflowmodellierung zu schließen ist. In Bezug auf kom-
plexe, gr dimensionierte Prozessmodelle wäre eine Abbildung ein erheblicher Vorteil
gegenüber einer expliziten Nachmodellierung der Modelle für das WfMS. Ohne gene-
1Die Entwicklung von ADEPT2 wurde durch das Land Baden-Württemberg im Rahmen des
AristaFlow-Projektes (http://www.aristaflow.de) finanziert
3
relle Aussagen zur Abbildung einzuschränken, sollen zur Konkretisierung und Ver-
anschaulichung zwei Notationen in die Untersuchung mit eingebunden werden. Zum
Einen die bereits erwähnte BPMN als unstrukturierte Notation und zum Anderen die
Notation ADEPT des gleichnamigen WfMS des Instituts DBIS der Universität Ulm als
blockstrukturierte Notation.
Um die Zielsetzung dieser Arbeit zu präzisieren, sollen an dieser Stelle für diese Un-
tersuchung der Abbildbarkeit relevante Fragen aufgeführt werden. Nach der Untersu-
chung der Abbildbarkeit sollen diese Fragen während der Schlussbetrachtung in Kapi-
tel 6 nochmals aufgegriffen und beantwortet werden.
Ist jedes Prozessmodell modelliert in der BPMN auf ADEPT abbildbar?
Falls nicht, existiert eine Teilmenge an Elementen in der BPMN, die eine vollständige
Abbildung nach ADEPT ermöglichen?
Kann jedes Prozessmodell, das erfolgreich beendet werden kann (well-behaved), in einen
in ADEPT modellierten Workflow umgewandelt werden?
Gibt es bereits existente Abbildungen der BPMN auf andere blockstrukturierte Notatio-
nen als ADEPT?
In welcher Form wirken sich Erweiterungen der blockstrukturierten Notation ADEPT
auf die Abbildbarkeit aus?
Könnte die blockstrukturierte Notation ADEPT um weitere Elemente bzw. Konstrukte
erweitert werden, um die Abbildbarkeit zu erhöhen?
4
1.3 Struktur der Arbeit
An dieser Stelle soll ein Überblick über den weiteren Verlauf dieser Arbeit gegeben
werden. So sollen im folgenden Kapitel 2 die Begriffe Prozess und Workflow präzisiert
werden und der Zusammenhang dieser Begriffe erläutert werden. In Kapitel 3 wird die
Bedeutung und Folgen von Struktur in einem Modell eines Prozesses bzw. eines Work-
flows untersucht werden. Dazu werden unstrukturierte und blockstrukturierte Model-
le klar definiert und die Unterschiede dieser Modelle betont. Die Folgen von struktu-
rellen Mängeln, die in unstrukturierten Modellen auftreten können, werden ebenfalls
aufgeführt und eingeordnet. Kapitel 4 soll die Notationen BPMN und ADEPT vorstel-
len und zuvor einen kurzen Anriss über weitere Möglichkeiten zur Modellierung von
Prozessen geben. Es sollen die für eine Abbildung interessanten Elemente vorgestellt
werden und anschließend die Modellierung von grundlegenden Modellen anhand von
Schaubildern aufgezeigt werden. Eine Einbeziehung der Ergebnisse aus Kapitel 3 er-
folgt ebenfalls.
Nach der Schaffung der Grundlagen soll in Kapitel 5 die Untersuchung der Abbild-
barkeit der Notation BPMN auf die Notation ADEPT durchgeführt werden. Es wird
zuerst der Begriff der Äquivalenz von Prozessmodellen und Workflows erläutert, um
dann anhand von Ergebnisse aus bereits publizierten Arbeiten die Abbildbarkeit zu
untersuchen. Es wird außerdem auf die Automatisierbarkeit der Abbildungen Bezug
genommen.
Abschließend findet in Kapitel 6 eine Zusammenfassung und Bewertung der Ergebnis-
se statt.
5
Kapitel 2
Grundlagen
Denn wer schwimmen will, muss zu den Flüssen gehen.
Isaac Newton (1643-1727)
englischer Physiker und Mathematiker
Hinter den Begriffen Prozessmodell,Workflow,BPMN und ADEPT aus dem Titel die-
ser Arbeit verbergen sich viele Begriffe und Themen, die in den folgenden Seiten näher
erläutert und präzisiert werden sollen. Die Begriffe werden auch erläutert um Missver-
ständnissen vorzubeugen, da in der Literatur oftmals Begriffe wie Prozess und Workflow
unterschiedlich und wechselseitig verwendet werden. Es soll weiterhin der Zusam-
menhang zwischen Prozessen und Workflows herausgestellt werden.
2.1 Prozesse
In der Einleitung dieser Arbeit wurde bereits die Idee der Prozessorientierung kurz vor-
gestellt. Um eine spätere Untersuchung von Prozessmodellen zu erlauben, bietet es sich
zuerst an, zuerst die Bedeutung des Wortes „Prozess“ im deutschen Sprachgebrauch zu
ergründen. Neben der Bedeutung der gerichtlichen Durchführung von Rechtstreitigkeiten,
die im Folgenden nicht berücksichtigt wird, präzisiert der Duden das Wort Prozess mit
den Worten Vorgang,Ablauf,Verfahren und Entwicklung. Ein präzise Definition erfolgt
durch die Literatur in [6]:
Definition 2.1 Ein Prozess ist ein allgemeiner Ablauf mehrerer Abschnitte, bei denen es sich
um Aufgaben, Ausführungen, Arbeitsschritte o.ä. handeln kann. Zwischen diesen Prozessab-
schnitten bestehen bestimmte Abhängigkeiten.
Intuitiv stellt ein Prozessmodell ein Modell eines Prozesses dar. Es folgt aber auch hier
eine ausführliche Definition analog zu [6].
Definition 2.2 Ein Prozessmodell beschreibt die Struktur eines realen Prozesses. Es be-
stimmt alle möglichen Pfade entlang des Prozesses und bestimmt die Regeln für die Wahl der
Pfade. Weiterhin bestimmt das Prozessmodell alle Aktivitäten, die ausgeführt werden müssen.
6
Die praktische Umsetzung der Modellierung eines Prozesses soll anhand eines Bei-
spiels aufgezeigt werden. Betrachtet werden soll ein Bestellprozess eines fiktiven Ver-
sandhandels. Dieser Prozess besteht aus einer Menge an Aktivitäten, die in koordinier-
ter Form ausgeführt werden. Nach Eingang einer Bestellung wird eine Rechnung ver-
sandt und gleichzeitig soll der Artikel für den Versand vorbereitet werden. Nach Erhalt
des Betrags der Rechnung und nach Abschluss der Vorbereitungen wird das bestellte
Produkt versandt. Das Schaubild 2.1 soll diesen kleinen Beispielprozess anhand eines
Prozessmodells illustrieren.
Bestelltung
A
rtikel
Versand Rechnung
Versand
vorbereiten
Betrag
eingegangen
Versand Artikel
Schaubild 2.1: Einfacher Bestellprozess eines Versandhandels
Man erkennt, dass Modelle besser geeignet sind, Abhängigkeiten zwischen Aktivi-
täten darzustellen, als textuelle Beschreibungen. Im Speziellen für großdimensionierte
und damit im zunehmenden Maße komplex werdende Prozesse sind Modelle uner-
lässlich, da sie textuell kaum in einem angemessenen und verständlichen Rahmen zu
erfassen wären. Außerdem ist es möglich, Prozesse abstrakt zu modellieren, den techni-
schen Aspekt der Realiserung zu vernachlässigen, und somit den Schwerpunkt auf die
Prozessstruktur und die Interaktion zwischen abstrakten Aktivitäten zu setzen. Dies ist
ein bedeutender Punkt, da Prozessmodelle somit prinzipiell nicht an bestimmte Strate-
gien oder Plattformen zur Umsetzung gebunden sind.
Natürlich kann die graphische Modellierung von Prozessen in verschiedenen Arten
und Notationen erfolgen. Die Granularität der Modellierung, also wie detailliert der
Prozess modelliert wird, kann ebenfalls variieren und ist, wie die Wahl der Notati-
on, dem Modellierer überlassen. Zur Modellierung des Beispielprozesses wurde eine
vereinfachte Version der Business Process Modelling Notation (BPMN) verwendet, die
später in Kapitel 4 ausführlich beschrieben wird. Die Ausführungsbeschränkungen,
die zuvor textuell beschrieben wurden und die sich darauf beziehen, welche Aktivi-
tät wann ausgeführt wird, werden durch Kontrollflusselemente realisiert.
Im Beispiel sind dies die Pfeile und die Rauten. Ein Pfeil von Aktivität „Versand Rech-
nung“ nach „Empfange Betrag“ bedeutet, dass erst die Rechnung verschickt wird und
danach der Betrag in Empfang genommen werden kann. Die erste Raute mit dem Plus
in der Mitte bedeutet, dass die Zweige, in denen einerseits die Rechnung verschickt und
7
danach die Zahlung eingeht und anderseits der Artikel zum Versand vorbereitet wird,
parallel ablaufen. Die zweite Raute mit dem Plus, in der die zwei paralellen Zweige
einmünden, bedeutet, dass der Artikel erst versandt wird, wenn die Aktivitäten beider
einmündeten Zweige beendet sind. Nach dem Versand des Artikels ist der Prozess be-
endet.
Prozesse, wie der Beispielprozess, die sich auf ein Unternehmen und der Verwirkli-
chung dessen Geschäftsziele beziehen, werden als Geschäftsprozesss (GP) oder aus
dem Englischen ebenfalls gebräuchlich als Business Processes (BP) bezeichnet. In den
neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstand ein deutlicher Trend zur Orien-
tierung nach Prozessen innerhalb von Unternehmen. Unter anderem legten Michael
Hammer und James Champy in ihrer Arbeit [7] aus dem Jahr 1993 den Grundstein
für das sogenannte Business Process Reengineering und empfahlen die radikale Neu-
gestaltung der Geschäftsprozesse eines Unternehmens. Selbst in der Neufassung der
Normenreihe des Qualitätsmanagement (ISO 9000 ff.) im Jahr 2000 wurde der Prozess-
gedanke in den Vordergrund gestellt [6].
In der Folge soll die Definition eines Geschäfsprozesses nach [8], basierend bzw. ähnlich
zu den Definitionen in [7], [9] und [6], erfolgen:
Definition 2.3 Ein Geschäftsprozess besteht aus einer Menge an Aktivitäten, die koordiniert
in einem organisatorischem und fachlichem Umfeld ausgeführt werden. Diese Aktivitäten ver-
wirklichen gemeinsam ein Geschäftsziel. Jeder Geschäftsprozess wird von einer einzelnen Orga-
nisation durchgeführt, aber er kann mit Geschäftsprozesse anderer Organisationen interagieren.
Um Irritationen zu vermeiden soll angemerkt werden, dass wenn in der Folge von
Prozessen oder Prozessmodellen die Rede ist, in der Regel Geschäftsprozesse bzw.
Geschäftsprozessmodelle gemeint sind.
2.2 Workflows
In Bezug auf die Automatisierbarkeit spielen Informationssysteme eine wichtige Rolle.
Der Wunsch in einer durchgängigen, vorgangsorientierten Rechnerunterstützung von
Teilen oder des gesamten Geschäftsprozesses mündet im Begriff des „Workflows“, zu
Deutsch „Arbeitsablauf“.
Definition 2.4 Ein Workflow ist ein teilweise oder vollständig automatisierter Geschäftspro-
zess, in dem Dokumente, Informationen oder Aufgaben zwischen Teilnehmern entsprechend
einer Menge von Ausführungsregeln übertragen werden.
Kurzgefasst ist ein Workflow die verfeinerte, operative technische Sicht auf einen zu-
vor fachlich, eventuell abstrakten Geschäftsprozess oder auf Teile dessen. Während bei
einem Geschäftsprozess das Hauptaugenmerk darauf liegt, was und in welcher Rei-
henfolge etwas getan wird, erweitert man in Bezug auf den Workflow die Sicht haupt-
sächlich auf wie etwas und von wem etwas getan wird. Die Definition des Workflows
8
hält sich weitgehend an die Defintion der Workflow Management Coalition (WfMC)
[10]. Die WfMC wurde im August 1993 gegründet um die Aktivitäten von Herstellern,
Benutzern und Akademikern rund um das Thema Workflow zu bündeln. Heute hat
die WfMC über 300 Mitglieds-Organisationen. Unter Hersteller sind hauptsächlich die
Produzenten von Workflow Management Systeme (WfMS) zu verstehen. Eine Präzisie-
rung dieser Systeme erfolgte ebenfalls durch die WfMC [8]. Die folgende Definition ist
daran angelehnt.
Definition 2.5 Ein Workflow Management System ist ein Softwaresystem, das mit Hilfe
von Software die Ausführung von Workflows definiert, vornimmt und verwaltet. Es basiert
auf einer oder mehreren Workflow-Engines und ist in der Lage, Definitionen von Prozessen
zu interpretieren, mit Beteiligten des Workflows zu interagieren und, falls es erfordlich ist, die
Nutzung von IT-Werkzeuge und IT-Programme in Anspruch zu nehmen.
Unter der „Definition von Prozessen“ in der Definition des WfMS ist die Spezifikation
der Workflows, typischerweise durch ein Modell, zu verstehen. Die Modellierung der
Workflows erfolgt weitesgehend analog zur bereits vorgestellten Modellierung eines
Prozesses. Im Vordergrund steht koordinierte Abfolge von Aktivitäten. Jedoch werden
in Modellen für Workflows weitaus mehr die operativen technischen Faktoren berück-
sichtigt und es werden sehr oft strukturelle Eigenschaften der Modelle vorausgesetzt,
damit die Workflows korrekt ausgeführt werden können (detailiert in Kapitel 3). Das
Wort Workflow wird, wie im Titel dieser Arbeit, oft auch synonym für die entspre-
chende Spezifikation oder Modell des Workflows verwendet. Eine Übersicht, welche
Konzepte und Begriffe mit dem Term „Workflow“ abgedeckt und verbunden werden,
ist in der Arbeit [11] von Diimitrious Georgakopoulos et al. zu finden.
Natürlich sind Workflow-Management-Systeme nicht die einzige Möglichkeit, einen
Geschäftsprozess oder Teile dessen durch IT zu untersützten. Gegenüber einer viel-
leicht klassischen Lösung, bei der eine maßgeschneiderte Software zur Unterstüt-
zung des Prozesses geschaffen wird, oder Spezialsoftware wie zum Beispiel ein CRM-
System1, führt jedoch ein WfMS den Prozessgedanken zu Ende, da es die Vorteile der
Prozessorientierung übernimmt. Die klassische Lösung einer maßgeschneiderten Soft-
ware würde der Prozessorientierung des Unternehmens eventuell nicht gerecht wer-
den, da es die Flexibilität in der Anpassbarkeit der Prozesse stark beeinträchtigen wür-
de. Nach einer Änderung eines Prozesses würde die entsprechende Software für diesen
Fall umgeschrieben oder eventuell sogar neugeschrieben werden müssen, was oftmals
mit enormen Kosten und Zeitaufwand verbunden ist. Workflows sind, durch ihre ex-
plizite Repräsentierung in Modellen, leichter anpassbar. Die Progammlogik ist in den
Anwendungen, die zur Unterstützung der einzelnen Aktivitäten vorhanden sind oder
geschaffen werden, gekapselt. Der Wunsch nach Integration von heterogener Unter-
nehmenssoftware und Komposition in Prozessen mündet auch in dem aktuellen stark
aufkommenden Interesse in service-orientierten Architekturen (SOA) und BPEL. Lei-
der fehlt es der BPEL bisher in der Unterstützung der menschliche Interaktion mit
Prozessen, die in Workflows realisierbar ist. Abhilfe soll hier der Draft BPEL4People
1CRM-System = System zur Kundenpflege
9
schaffen. Die Vorstellung dieser Bestrebung und SOA im Generellen würde aber den
Rahmen dieser Arbeit sprengen. Es sei hier auf entsprechende Literatur wie [12] ver-
wiesen.
Zusätzlich reizvoll am Workflow-Konzept ist die Überlegung, die fachlich erstellten
Prozessmodelle eventuell „nur“ verfeinern und um operative technische Aspekte er-
weitern zu müssen. Doch sind die Anforderungen der WfMS bzw. der BPMS hinsicht-
lich eines ausführbaren Modells ausgeprägter. Die Modelle müssen unter anderem Be-
nutzerzuordnungen und Datenspezifikation enthalten und es müssen zur Bearbeitung
von Aktivitäten zum Beispiel Standardsoftware eingebunden werden. Eine unabding-
bare Anforderung eines jeden WfMS muss es sein, dass die Workflowmodelle nicht zu
Laufzeitfehlern des Systems führen. Deshalb setzen WfMS im Allgemeinen strukturel-
le Eigenschaften ihrer Modelle voraus, da diese die Modellierung von inkorrekten Mo-
dellen, die zum Beispiel Deadlocks verursachen, verhindern. Es wird später im Detail
darauf eingegangen und gezeigt, dass es Konstrukte innerhalb von Prozessmodellen
gibt, die nicht ausführbar sind und sein dürfen. Beispielsweise werden, um Verklem-
mungen, die das erfolgreiche Beenden eines Workflows verhindern, zu vermeiden,
Schleifen nur in bestimmter, geordneter Weise zugelassen. Bei den blockstrukturier-
ten Modellierungssprachen, die strukturell am stärksten eingeschränkten Notationen,
korrespondiert sogar jede spezifische Verzweigung im Kontrollfluss mit einem gleich-
bedeutenden Zusammenführen des Kontrollflusses und ergeben somit einen Block. Es
kann bewiesen werden, dass diese Modelle keine Verklemmungen verursachen und
somit den Anforderungen des WfMSs gerecht werden. Aalst et al. zeigen in ihrer Ar-
beit Workflow Patterns [13], dass alle aktuellen WfMS blockstrukturierten Workflow-
modelle unterstützen. Außerdem bieten viele von ihnen sogar die Möglichkeit an, das
Laufzeitverhalten der Workflows vor der Einführung zu simulieren und entsprechend
zu prüfen.
2.3 Zusammenhang und Abgrenzung
Nach Klärung der erwähnten Begrifflichkeiten ist es nun möglich, Beziehungen und
Abhängigkeiten zu identifizieren und eine Einordnung vorzunehmen. Rund um das
Thema Prozessorientierung innerhalb eines Unternehmens ergeben sich vielfältige
Aufgaben. Das Modellieren und Erfassen von Geschäftsprozssen, unabhängig ob diese
hinzukommen oder schon bestehen, ist ein Grundvorgang. Wie schon erwähnt stellt
sich bei diesem Vorgang unter anderem die nicht unerhebliche Frage, in welcher Form
Prozesse erfasst werden sollen.
Nach der Modellierung ergibt sich zwangsläufig die Frage nach der Umsetzung der
Geschäftsprozesse. Unter der Annahme, dass zumindest Teile aus den Geschäftspro-
zessen durch IT unterstützt werden sollen, stellt sich das Problem, wie dies geschehen
soll. Es ist natürlich dem Unternehmen überlassen, ob es auf ein Workflow Manage-
ment System, auf eine Business Rules Engine2oder auf eine Spezialsoftware, wie zum
2Ein System zur effizienten Ausführung von Geschäftsregeln (Business Rules)
10
Beispiel ein CRM-System, zurückgreift. Natürlich ist wie bereits erwähnt eine eigens in
Auftrag gegebene Software denkbar.
Der Umsetzung folgend sollte die Ausführung der Prozesse möglich sein. Dies bedeu-
tet die Prozesse nach den gegebenen Modellen instanziieren zu können und sie dabei
überwachen zu können. Hierbei sollten Kennzahlen über die Ausführung festgehalten
werden um zum Beispiel den Status einer Prozessinstanz erfassen zu können. Eventuell
unterstützt die Ausführungsplattform auch Anpassungen der Prozesse in der Laufzeit.
Diese Anpassungen sollten ebenfalls dokumentiert werden.
Die Metriken und Dokumentation der Anpassungen erweisen sich als nützlich, wenn
die Prozesse evaluiert werden sollen. Die Evaluation sollte regelmäßig erfolgen und hat
den Sinn einer konstanten Hinterfragung und Optimierung der Prozesse. Eine Anpas-
sung der Prozesse würde selbstverständlich wieder in einer Modellierung bzw. Verfei-
nerung bestehender Prozesse münden.
Die erwähnten Vorgänge der Modellierung, Umsetzung, Durchführung und Evaluati-
on können im Begriff des Geschäftsprozessmanagement (GPM) zusammengefasst wer-
den. Die englische Version „Business Process Management“ (BPM) ist im deutschen
Sprachraum ebenfalls häufig vorzufinden. Eine präzise Definition erfolgt analog nach
[8]:
Definition 2.6 Geschäftsprozessmanagement beinhaltet Konzepte, Methoden und Techni-
ken für das Design, die Administration, die Konfiguration, das Erlassen und die Analyse von
Geschäftsprozessen.
Um eine Einordnung vorzunehmen, wird in Schaubild 2.2 die Idee des höllandischen
Forschers Will van der Aalst aufgenommen, der in [14] die Kernaspekte des GPM erläu-
tert und anschaulich als sogenannten Business Process Lifecycle (dt. Geschäftsprozess
Lebenszyklus) darstellt.
Prozessanalyse
und
Prozess-
modellierung
Prozess-
ausführung
Prozess-
implementierung
Prozess-
evaluation
Schaubild 2.2: Geschäftsprozess-Lebenszyklus
Das Schaubild soll die Grundidee des Geschäftsprozessmanagement unterstrei-
chen, dass nach der erfolgreichen Umsetzung und laufenden Durchführung die Be-
11
trachtung der Prozesse nicht abgeschlossen ist, sondern durch die Evaluation eine neue
Phase in der Modellierung, Umsetzung und anschließender Durchführung beginnt.
Geschäftsprozesse sind damit einem ständigen Verbesserungsprozess unterworfen und
sind in dieser Weise der Wirklichkeit sehr nahe. Die Anforderungen an Unternehmen
und an ihre Produkte unterliegen gerade im Zuge der Globalisierung einem ständigen
Wandel und deshalb nimmt die Bedeutung der Fähigkeit, die Produkte rasch den neu-
en Gegebenheiten anzupassen zu können, immer mehr zu.
Es ist anzumerken, dass Hersteller der klassischen Workflow Management Systeme ih-
re Systeme dahingehend anpassen, dass sie den kompletten Zyklus des Geschäftspro-
zessmanagements unterstützen wollen [14]. Der Wandel in diese Richtung betrifft auch
die Begrifflichkeiten der „Prozesse“ und „Workflows“ dahingehend, dass die Terme
Prozess und Workflow sich mehr und mehr in ihrem Gebrauch und Bedeutung über-
lappen. Die Entwicklung der WfMS in Richtung Geschäftsprozessmanagement spiegelt
sich in der Einführung der sogenannten Geschäftsprozessmanagementsysteme wider
(nach [8]):
Definition 2.7 Ein Geschäftsprozessmanagementsystem ist ein generisches Softwaresys-
tem, das durch die explizite Prozessrepräsentation angetrieben, die Ausführung von Ge-
schäftsprozessen koordiniert.
Ob Notationen, die ursprünglich zur Modellierung von Workflows erdacht wurden,
zur Modellierung von abstrakten und fachlichen Prozessen geeignet sind, sollte durch-
aus kritisch hinterfragt werden. Gerade in Unternehmen wäre eine einheitliche Nota-
tion zu Modellierung von Prozessen und Workflows als Diskussionsgrundlage beson-
ders interessant. Die wirft aber weitere Fragen auf, die im nächsten Abschnitt detailiert
behandelt werden.
12
Kapitel 3
Strukturelle Eigenschaften
Zeitmanagement ist Unsinn. Sie können die Zeit nicht managen - nur Ihr Verhalten.
Michael Kastner (*1946)
dt. Psychologe u. Hochschullehrer
In diesem Kapitel sollen die bereits erwähnten, für eine Abbildung interessanten
strukturellen Eigenschaften von Prozessen bzw. Workflows untersucht werden. Es wur-
de bereits erläutert, dass WfMS strukturelle Merkmale der Workflow-Modelle für eine
korrekte Ausführung voraussetzen. Falls erweiternde Aspekte außen vor gelassen wer-
den und Prozesse wie auch Workflows hauptsächlich aus einer zeitlichen Koordination
von Elementen betrachtet werden, ist eine strukturelle Klassifikation von Prozessen
prinzipiell gleichbedeutend mit einer Klassifikation von Workflows. Deshalb wird an-
gemerkt, dass der Begriff Workflow in diesem Fall synonym für Prozessmodell bzw.
Workflow-Modell verwendet wird. Dies erklärt sich aus dem Umstand, dass ein Work-
flow die betont operative technische Sicht eines Prozesses ist. Da das Ziel dieser Arbeit
eine Abbildung eines Prozessmodelles auf einen Workflow ist, ist die Semantik der Ele-
mente in Bezug auf die Ausführung im Besonderen von Bedeutung.
3.1 Strukturelle Klassifizierung von Workflows
Die folgenden Passagen werden eine Klassifizierung von Workflows vornehmen, um
Aussagen über ihr Verhalten und Eigenschaften treffen zu können. Workflows können
anhand ihrer unterschiedlichen strukturellen Restriktionen unterschieden werden. Die
mächtigste Klasse sind die strukturell unbeschränkten Workflows. Sie unterliegen kei-
nerlei Beschränkung und besitzen deshalb eine hohe Ausdruckskraft. Aber es obliegt
der Veranwortung des Modellierers einen Workflow korrekt, also z.B. ohne Deadlocks,
zu modellieren und ist deshalb für die Anwendung in unternehmenskritischen Berei-
chen keinesfalls zu empfehlen. Strukturell beschränkte Notationen hingegen besitzen
strukturelle Einschränkungen in der Modellierung eines Workflows. Sie besitzen aber
den Vorteil, dass sie durch ihre Struktur per Definition schon Eigenschaften, wie zum
Beispiel die Verhinderung von Deadlocks, besitzen.
13
Um theoretische Grundlagen zu schaffen, und die Ergebnisse nicht durch spezielle Ei-
genschaften einer bestimmten Notation zu verfälschen, sollen im Folgenden zwei Meta-
notationen, die auf gemeinsamen Elementen basieren, zur Modellierung von unstruk-
turierten und blockstrukturierten Workflows definiert werden.
Die Metanotationen bilden die Grundlage für die theoretischen Ergebnisse der folgen-
den Abschnitte und beschränken sich dabei auf reine Kontrollaspekte ohne syntak-
tische Zusätzen, die in Notationen in der Praxis zwangsläufig von Nöten sind. Au-
ßerdem ist durch die Schaffung entsprechender Grundlagen in diesen Notationen ei-
ne Transportierung der Ergebnisse für die beiden Notationen BPMN und ADEPT gut
möglich.
3.1.1 Unstrukturierte Workflows
Definition 3.1 Ein unstrukturierter Workflow ist ein aus Aktivitäten, Kontrollelementen
und Kanten bestehender gerichteter Graph (nach [15]). Formal defniert ist ein unstrukturierter
Workflow ein Tripel Γu={A, E, K}.EsseiAdie Menge der Aktivitäten, Edie Menge der
Kanten und Kdie Menge der Kontrollelementen.
Es gelten folgende Annahmen:
1. Jedes Kontrollelement κKist von einem der folgenden Typen: Start, Ende, Split-
Parallel1, Join-Parallel2, Split-Auswahl, Join-Auswahl.
2. Kanten werden benützt, um Aktivitäten und Kontrollelemente zu verbinden. Eine Kante
eEvon Element u zu Element v (u, v AK) wird durch =(u, v)repräsentiert.
3. Der Eingangsgrad d(n)gibt die Anzahl der Kanten an, die in einen Knoten (Kontroll-
element oder Aktivität) n innerhalb eines Modells einmünden. Der Ausgangsgrad d+(n)
gibt an, wie viele Kanten von diesem Knoten n ausgehen.
4. Jedes Modell hat einen Start- und einen Endknoten. Es gilt für einen Startknoten gK
vom Typ Start: d(g)=0und d+(g)=1. Für einen Endknoten fKvom Typ Ende
gilt: d(f)=1und d+(f)=0. Die Beschränkung auf einen Startknoten bzw. Endkno-
ten ist keine Einschränkung der Ausdrucksmächigkeit, da das Verhalten von mehreren
parallelen Startknoten oder Endknoten durch Kontrollelemente nachbildbar wäre.
5. Jede Aktivität aAhat genau einen Vorgänger und einen Nachfolger, es folgt: d(a)=
d+(a)=1.
6. Ein Kontrollelement sKvom Typ Split-Parallel oder Split-Auswahl hat genau einen
Vorgänger und zwei Nachfolger: d(s)=1und d+(s)=2.
Ein Kontrollelement jKvom Typ Join-Parallel oder Join-Auswahl hat genau zwei
Vorgänger und einen Nachfolger: d(j)=2und d+(j)=1. Somit kann durch den
Eingangs- und Ausgangsgrad bestimmt werden, ob ein Kontrollelement ein Split- oder
1engl. to split = sich teilen
2engl. to join = verbinden
14
ein Join-Element ist.
Die Festlegung auf zwei eingehende bzw. ausgehenden Kanten ist keine Einschränkung,
da Kontrollelemente hintereinander ausführbar sind, und dient rein der besseren An-
schaulichkeit in diesem Kapitel.
7. Es wird festegelegt, dass in mindestens einem Pfad von einem Split- zu einem Join-
Element eine Aktivität vorhanden sein muss.
8. Jede Aktivität bzw. jedes Kontrollelement liegt auf mindestens einem Pfad vom Start- zum
Endknoten. Folglich gibt es keine Elemente, die nicht mit dem Workflow verbunden sind.
Die Elemente eines von uns definierten Workflows wurden in der folgenden Abbil-
dung 3.1 graphisch dargestellt.
(a) Start (b) Ende (c) Aktivität (d) Split-Parallel (e) Join-Parallel (f) Split-Auswahl (g) Join-Auswahl
and or
ES or
and
Schaubild 3.1: Graphische Notation der Workflow-Elemente
3.1.1.1 Ausführungssemantik
Um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen und die Vorstellung der Notationen
BPMN und ADEPT zu erleichtern, soll auf die Semantik der definierten Elemente de-
taillierter eingegangen werden.
Die Kanten eines Workflows dienen als Kontrollkanten, die den zeitlichen Ablauf inner-
halb eines Workflows definieren. Beispielsweise wird bei einer Kante von Aktivität A
nach Aktivität B, B erst dann ausgeführt, wenn A erfolgreich beendet wurde. Die nach
einem Split-Parallel nachfolgenden Pfade werden zeitlich parallel ausgeführt. Analog
folgt, dass ein Join-Parallel nur dann ausgeführt werden kann, wenn beide eingehen-
den Pfade als erfolgreich ausgeführt markiert wurden. Wir setzen außerdem voraus,
dass nach einem Split-Auswahl-Kontrollelement genau ein Pfad ausgeführt wird. Dies
entspricht einer sogenannten XOR-Semantik. Eine Or-Semantik, also einer Auswahl m
aus n Pfade, wobei 1mn, ist durch die Kombination von Split-Parallel- und Split-
Auswahl-Kontrollelementen darstellbar.
Für das Join-Auswahl-Kontrollelement ergeben sich für die Bewertung der eingehen-
den Kanten zwei Möglichkeiten:
1. Diskriminator - Einfache Ausführung: Das Join-Auswahl Element wird genau dann
einmal ausgeführt, wenn der erste eingehende Pfad ausgeführt wurde. Der zwei-
te Pfad werden nach seiner Ausführung nicht beachtet und verworfen.
2. Mehrfache Ausführung: Jede erfolgreich ausgeführte eingehende Kante bewirkt das
Ausführen des Kontrollelementes. Dabei werden die Aktivitäten nach dem Kon-
trollelement eventuell mehrmals ausgeführt, was zu Korrektheitsproblemen des
Workflows führen kann.
15
Eine Untersuchung der Folgen der unterschiedlichen Semantik des Join-Auswahl
Elementes findet in Abschnitt 3.2.1.2 statt.
3.1.2 Blockstrukturierte Workflows
Ein blockstrukturierter Workflow soll aus den Elementen, die bereits durch vorige De-
finition der strukturell unbeschränkten Workflows bekannt sind, definiert werden. Ob-
wohl die Syntax und Semantik der Elemente identisch sind, wird durch die Form der
Definition eine Struktur in der Anordnung der Elemente explizit vorgegeben.
Definition 3.2 Ein blockstrukturierter Workflow Γs={A, E, K}ist ebenfalls ein Tripel
aus Aktivitäten, Kontrollelementen und Kanten. Der Aufbau der Modelle sei jedoch über die
Kontrollelemente Start S und Ende E (S, E K) und einen strukturellen Platzhalter X
definiert. Es existieren eine Kante von S zu X und eine Kante von X zu E. Dieser Sachverhalt
ist zur Anschauung in Schaubild 3.2 dargestellt.
X
Schaubild 3.2: Strukturierter Workflows Basisstruktur
Der Platzhalter X kann durch eine einzelne Aktivität oder durch eines der Konstrukte, die
im Folgenden definiert werden, ersetzt werden. Es ist außerdem möglich, X durch eine Kante
vom Kontrollelement Start zum Kontrollelement Ende zu ersetzen, und somit einen Workflow
ohne Aktivitäten und nur einem Start und Ende zu konstruieren.
Für die Definition der Konstrukte werden die Variablen Y und Z ebenfalls als Platzhalter
benutzt. Sie können wie X wiederum durch eines der Konstrukte oder durch eine einzelne
Aktivität ersetzt werden. Des Weiteren ist es möglich, innerhalb der Sequenz-, der Auswahl-
und der Schleifen-Struktur, eine der Variablen (also entweder Y oder Z) inklusive der einmün-
denen und ausgehenden Kante durch eine Kante vom Vorgänger- zum Nachfolger-Element zu
ersetzen. Beispiele hierzu sehen Sie in der Abbildung 3.4.
Seien Y und Z strukturelle Platzhalter. Eine Konkatenation der strukturellen Platzhalter
Y und Z, bei der eine Kante von Y nach Z führt, wird Sequenz genannt.
Seien sKein Split-Auswahl Element, jKein Join-Choice Element, Y und Z
strukturelle Platzhalter. Das Modell mit den Kanten (s,Y), (Y,j), (s,Z) und (Z,j) stellt
eine Auswahl-Struktur dar.
Seien sKein Split-Parallel Element, jKein Join-Parallel Element, Y und Z
strukturelle Platzhalter. Ein Konstrukt mit den Kanten (s,Y), (Y,j), (s,Z) und (Z,j) stellt
eine Parallele-Struktur dar.
16
Seien jKein Join-Auswahl Element, sKein Split-Auswahl Element, Y und Z
strukturelle Platzhalter. Ein Konstrukt mit den Kanten (j,Y), (Y,s), (s,Z) und (Z,j) stellt
eine Schleifen-Struktur dar.
Sequenz Parallel-Struktur
YZ
Y
Z
and
and
Y
Z
or
or Y
Z
Auswahl-Struktur Schleifen-Struktur
jss j j s
Schaubild 3.3: Strukturierte Workflows Konstrukte
Wie bereits angeführt, Beispiele für Variationen der Basiskonstrukte als Schaubild:
Sequenz ohne Z
Y
Y
or
or
Z
Auswahl-Struktur ohne Z Schleifen-Struktur ohne Y
js js
Schaubild 3.4: Strukturierte Workflows Variationen der Konstrukte
Die Definition der Platzhalter Y und Z verhindern das Benötigen sogenannter
„Null-Aktivitäten“, um zum Beispiel den direkten Weg eines Split-Elements zu einem
Join-Element zu simulieren.
Um anschaulich zu verdeutlichen, dass ein blockstrukturiertes Modell aus den korrekt
ineinander verschachtelten Grundkonstrukten besteht und diese dann „Blöcke“ bilden,
wurde Schaubild 3.5 gewählt.
or or C
Y
Z
and
and
Y
Z
Schaubild 3.5: Strukturierte Workflows - Veranschaulichung der Blockstruktur
Es ist anzumerken, dass jede Aktivität innerhalb eines blockstrukturierten Work-
flows wie aus Schaubild 3.5 auch selbst wiederum einen blockstrukturierten Workflow
darstellen kann.
Diese hierarchische Verschachtelung, in der eine Akvität auch auch ein Subworkflow
bzw. ein Subprozess darstellen kann, ist nicht auf blockstrukturierte Modelle beschränkt
und kann natürlich auch in unstrukturierten Modellen existieren.
17
3.1.3 Weitere Formen
Natürlich existieren Zwischenformen innerhalb der Spanne zwischen den strukturell
unbeschränkten unstrukturierten Workflows und den strukturell stark eingeschränk-
ten blockstrukturierten Workflows. Einige WfMS, wie z.B. IBM MQ Series/Workflow
und InConcert, lassen die Modellierung strukturell unbeschränkter azyklischer Work-
flows zu, während die Modellierung von Schleifen auf ein vorgefertigtes Konstrukt
eingeschränkt wird [16]. Die Klasse der Workflows mit eingeschränkten Schleifen (engl.
Restricted Loop Workflow Models, RLWM) soll aber nicht Gegenstand weiterer Unter-
suchungen sein. Der Grund hierfür ist, dass die Ergebnisse dieser Untersuchung auf
diese Klasse portierbar sind. Im folgenden Abschnitt wird dies ersichtlich werden.
3.2 Bewertung und Folgen struktureller Eigenschaften
Ein wesentliches Bestandteil der blockstrukturierten Workflows ist es, dass durch den
Umstand der Einschränkung der Modellierung auf blockstrukturierte Konstrukte eine
eins-zu-eins Beziehung zwischen jedem Split- und Join-Element desselben Typs gibt.
In einem unstrukturierten Workflow kann diese Beziehung ebenfalls auftreten, ist aber
keineswegs eine Voraussetzung. Folglich kann festgestellt werden, dass die Klasse der
blockstrukturierten Workflows eine Teilmenge der Klasse der strukturell unbeschränk-
ten Workflows ist. Um einen Zusammenhang zur Ausdrucksmächtigkeit einer Notati-
on herzustellen, soll dieser Begriff erläutert werden.
Definition 3.3 Die Ausdrucksmächtigkeit einer Notation sei definiert als Anzahl der ver-
schiedenen Modelle, die in einer Notation modellierbar sind.
Es folgt somit, dass unstrukturierte Workflows eine höhere Ausdrucksmächtigkeit
besitzen als blockstrukturierte Workflows. Diese Sachverhalte ergeben sich unmittel-
bar aus den Definitionen des blockstrukturierten Workflows und bedürfen keines Be-
weises. Eine Einordnung der Klasse der Workflow-Modelle mit beschränkten Schlei-
fen als Teilmenge der strukturell unbeschränkten Workflows und als Obermenge der
blockstrukturierten Workflows ist ebenfalls in der Literatur gegeben [16]. Insgesamt er-
gibt sich ein Zusammenhang dieser drei Klassen, der in Schaubild 3.6 grafisch illustriert
wurde.
18
strukturell unbeschränkte Workflows
Workflows mit eingeschränkten Schleifen
blockstrukturierte Workflows
Schaubild 3.6: Zusammenhang der Workflow-Klassen
Eine Untersuchung der Abbildungsmöglichkeiten von unstrukturierten Modellen
auf blockstrukturierte schließt durch diesen Zusammenhang die Untersuchung der Ab-
bildung der Klassen der Workflows mit eingeschränkten Schleifen auf blockstrukturier-
te Workflows mit ein.
Der unterschiedliche Grad an Struktur innerhalb der Workflow-Modelle impliziert Fol-
gen für die Modellierung, die im folgenden Abschnitt untersucht werden sollen. Es
wird auf die zwei Hauptprobleme in diesem Zusammenhang, namentlich Deadlocks
und multiple Instanzen einer Aktivität im Detail eingegangen.
Abschließend soll ein Zusammenhang zwischen Ausdrucksmächtigkeit und Sicherheit
gegenüber Fehlern aus strukturellen Mängel hergeleitet werden, um das Kapitel abzu-
runden.
3.2.1 Folgen struktureller Mängel
Durch die, gegenüber blockstrukturierten Workflows, erweitertenden Möglichkei-
ten der Modellierung ist es in unstrukturierten Workflows möglich, Konstrukte zu
modellieren, die schwerwiegende Folgen für die spätere Instanziierung der Modelle
haben können. Gerade bei Workflows, die in einem hohem Maße wichtig für den
Geschäftsbetrieb eines Unternehmens sind, kann dies schwerwiegende Folgen mit
sich ziehen. So können beispielweise Produktionsausfälle und Datenverluste mit
den entsprechenden Folgen für ein Unternehmen verursacht werden. Bei Workflows
im klinischen Umfeld sind Laufzeitfehler eventuell mit noch gravierenderen Kon-
sequenzen verbunden. Es ist deshalb notwendig mit gebotener Sorgfalt zu prüfen,
ob ein Workflow strukturelle Mängel besitzt und welche Folgen diese Mängel mit
sich ziehen. Im Folgenden wird auf die zwei Hauptprobleme im Näheren eingegangen.
19
3.2.1.1 Deadlocks
Durch die mangelnde Vorschrift an Struktur für unstrukturierte Workflows, kann der
Modellierer Konstrukte modellieren, die zu Verklemmungen (engl. Deadlocks) führen.
Verklemmungen haben zur Folge, dass der Endzustand, also hier das Kontrollelement
Ende, niemals erreicht werden kann. Das Schaubild 3.7 zeigt einen einfachen Workflow,
der in dieser Form niemals den Endzustand erreichen wird. Der Join-Parallel kann erst
Aktivität C aktivieren, wenn in den beiden einmündenden Pfade alle Aktivitäten, in
diesem Fall A und B, ausgeführt wurden. Da nur ein Pfad durch den Split-Auswahl
zur Ausführung gebracht wird, kann somit Aktivität C niemals ausgeführt werden.
and
or
A
B
C
Schaubild 3.7: Erste Deadlock-Variante
Das Modell in Schaubbild 3.8 zeigt einen verschachtelten Workflow, in dem der
letzte Join-Parallel ebenfalls zwei erfolgreich ausgeführte Pfade erwartet. Durch den
rot gekennzeichneten Split-Auswahl wird aber nur ein Pfad ausgeführt werden. Der
Workflow kann somit nicht terminieren.
and
and
or
and
A
B
C
D
E
F
Schaubild 3.8: Zweite Deadlock-Variante
Einen Sonderfall spiegelt der folgende Workflow in Schaubild 3.9 wider. Ein Schlei-
fe, die in dieser Form durch einen Join-Parallel und einen Split-Parallel konstruiert wur-
de, führt ebenfalls dazu, dass der Workflow nicht terminieren kann. Da der Join-Parallel
auf die beiden eingehenden Kanten wartet, aber eine Kante nur ausgeführt werden
kann, wenn der Join-Parallel bereits geschaltet wurde, ist eine Verklemmung die Folge.
20
and and
B
A
Schaubild 3.9: Dritte Deadlock-Variante
3.2.1.2 Multiple Instanzen einer Aktivität
Neben Deadlocks, die eine Terminierung des Workflows verhindern, ergeben sich
durch die fehlende strukturelle Einschränkung bei unstrukturierten Workflows eine
weitere Problemquelle. Es wurde bereits erwähnt, dass der Join-Auswahl semantisch
einerseits als Diskriminator wirken kann oder andererseits eine mehrfache Ausführung
unterstützt. Falls der Join-Auswahl eine mehrfache Ausführung unterstützt, ergeben
sich durch die Modellierung bestimmter Konstrukte innerhalb eines Modells Folgen,
die in der Literatur als Problem der multiplen Instanzen einer Aktivität oder als Problem
der fehlenden Synchronisation bezeichnet werden.
Der Workflow in Schaubild 3.10 soll dieses Problem illustrieren. Nach dem Split-
Parallel werden beide Pfade aktiviert und die Aktivitäten A und B ausgeführt.
Nachdem die Aktivitäten erfolgreich beendet wurden, wird Aktivität C zweimal
ausgeführt, da der Join-Auswahl bei entsprechender Semantik der mehrfachen Aus-
führung Aktivität C zweimal aktiviert. Besonders kritisch ist dieser Fall, falls Aktivität
C nun auf Ressourcen wie Daten zugreift. So kann es beispielsweise zu unvorgesehe-
nem Verhalten kommen, falls nachdem Aktivität C das erste Mal beendet wurde und
die Ressource für eine andere Aktivität freigegeben wird, aber die zweite Instanz der
Aktivität C nochmals auf die Ressource zugreift. Ebenfalls kritisch zu sehen ist der Fall,
dass nach dem Beenden der ersten Instanz von C, der Workflow terminiert werden
soll, obwohl eine zweite Instanz der Aktivität C eventuell noch nicht beendet wurde.
or
and
A
B
C
Schaubild 3.10: Multipl. Instanzen einer Aktivität erste Variante
In Schaubild 3.11 treten prinzipiell die gleichen Probleme wie in Schaubild 3.10 auf.
Es soll aber auch aufgezeigt werden, dass es, wie in Schaubild 3.8, schwieriger ist, das
Problem zu identifizieren.
21
or
and
and
and
A
B
C
D
E
F
Schaubild 3.11: Multipl. Instanzen einer Aktivität zweite Variante
Das Schaubild 3.12 zeigt eine Schleifenvariante, die ebenfalls zu multiplen Instan-
zen einer einzelnen Aktivität führen kann. Ein weiteres Problem ist es, dass diese Schlei-
fe niemals beendet werden kann und somit eine Endlosschleife innerhalb des Work-
flows darstellt.
or and
B
AC
Schaubild 3.12: Multipl. Instanzen einer Aktivität dritte Variante
3.2.2 Zusammenhang Ausdrucksmächtigkeit und Sicherheit
Durch die vorgestellten Folgen struktureller Mängel kann es also vorkommen, dass
Workflows nicht erfolgreich terminieren können. Eine erfolgreiche Beendigung eines
Workflow beinhaltet das Erreichen des Kontrollelements Ende, ohne dass weitere Ak-
tivität zu diesem Zeitpunkt vor der Ausführung stehen oder in diesem Moment aus-
geführt werden. Es wird deshalb der Begriff well-behaved (zu deutsch brav, artig) analog
zu [17] verwendet:
Definition 3.4 Ein Workflow ist well-behaved, wenn er unter allen Ausführungsmöglichkei-
ten erfolgreich terminiert.
Jeder blockstrukturierte Workflow ist automatisch well-behaved. Dies folgt durch den
Umstand, dass blockstrukturierte Workflows rein aus der Komposition der Grundkon-
strukte bestehen und diese nicht zu Deadlocks führen können [16]. Die Umkehrung
dieses Satzes gilt aber nicht. Es gibt also Workflows, die nicht blockstrukturiert sind,
aber dennoch well-behaved sind.
Ein Beispiel für diesen Sachverhalt gibt der Workflow in Schaubild 3.13.
22
and
and
and
and
A
B
C
D
E
F
Schaubild 3.13: Beispiel - Well-behaved und nicht blockstrukturierter Workflow
Die Behauptung, dass dieser Workflow keine blockstrukturierte, äquivalente Form
besitzt, soll bewiesen werden.
Beweis 1 Als Beweis ist zu betrachten, dass die Aktivitäten B und C nicht voneinander ab-
hängig sind. Sie müssen deshalb in einer blockstrukturierten Variante des Workflows in einer
parallelen Struktur auf verschiedenen Pfaden sein. Es ist ebenfalls zu beobachten, dass die Ak-
tivität D von Aktivität B abhängt und die Aktivität E von Aktivität C abhängt. Deshalb muss
Aktivität D innerhalb der parallelen Struktur nach B kommen und Aktivität E nach C. Aktivi-
tät D kann nicht außerhalb der Struktur sein, da sie dann auch von C abhängen würde. Falls
E außerhalb der Struktur wäre, würde diese Aktivität erst nach Aktivität D ausgeführt wer-
den. Die bisherigen Erkenntnisse sind zum besseren Verständnis im folgenden Schaubild 3.14
dargestellt.
and
and
D
E
B
C
Schaubild 3.14: Beweisskizze unstrukturierte artige Workflows
Da aber Aktivität E von den Aktivitäten B und C abhängt, ist ein Widerspruch gegeben.
Denn Aktivität E muss sich, wie bereits erklärt, innerhalb der parallelen Struktur befinden. Es
gibt also für diesen unstrukturierten Workflow kein blockstrukturiertes Äquivalent.
Im folgenden Kapitel wird im Rahmen der Vorstellung von ADEPT die Erweiterung
der blockstrukturierten Notationen um Synchronisationkanten aufgezeigt. Mit Zuhil-
fenahme dieser Kanten ist es möglich, einen blockstrukturierten Workflow mit den
entsprechende Eigenschaften zu modellieren, der äquivalent zum Workflow in Schau-
bild 3.13 ist. Nach dem Beweis, dass es Workflows gibt, die well-behaved, aber nicht
blockstrukturiert sind, soll ein Zusammenhang zwischen den strukturellen Einschrän-
kungen, die zu einer Verminderung der Ausdrucksstärke einer Notation führen, und
der wachsenden Sicherheit gegenüber einer Modellierung von Laufzeitfehlern verur-
sachenden Konstrukten hergestellt werden.
Es wurde bereits erläutert durch welche Konstrukte Deadlocks oder multiple Instanzen
einer einzelnen Aktivität aufreten können. Äquivalente blockstrukturierte Abbildun-
gen dieser Konstrukte sind nicht möglich, da diese ebenfalls zu Deadlocks oder mul-
tiplen Instanzen führen müssten und diese in einer blockstrukturierten Notation nicht
23
vorkommen können. Außerdem verhindern die Klasse der Workflows mit beschränk-
ten Schleifenkonstrukten die Modellierung von Deadlocks und multiplen Instanzen
über Schleifenkonstrukten. Es werden also die Möglichkeiten zur Modellierung von
Laufzeitfehlern eingeschränkt, wenngleich nicht vollkommen ausgeschlossen.
Aus diesen Erkenntnissen folgt, dass die Sicherheit einer Notation vor Modellierung
von Laufzeitfehler SNwie z.B. Deadlocks reziprok proportional zur Ausdrucksmäch-
tigkeit einer Notation ANist. Der Sachverhalt, illustriert in Schaubild 3.15, ist rein von
qualitativer Aussage und keinesfalls quantitativ zu verstehen.
strukturell unbeschränkte Workflows
Workflows mit eingeschränkten Schleifen
blockstrukturierte Workflows
Ausdrucksmächtigkeit AN
Sicherheit vor Laufz.-Fehlern SN
Schaubild 3.15: Vergleich Ausdrucksmächtigkeit u. Sicherheit v. Notationen
Mit dieser Erkenntnis soll dieses Kapitel abgeschlossen werden. Eine im höchsten
Maße ausdrucksstarke Notation, die gleichzeitig das Modellieren von Laufzeitfehlern
verhindert, kann somit als konzeptioneller Widerspruch angesehen werden.
24
Kapitel 4
Modellierung
Niemand plant, zu versagen, aber die meisten versagen beim Planen.
Lee Iacocca (*1924)
amerik. Manager und Rhetoriker
Nach den theoretischen Ausführungen über den Zusammenhang von Ausdrucks-
stärke und Sicherheit vor Laufzeitfehlern, sowie der theoretischen Einführung der un-
strukturierten wie blockstrukturierten Notationen in Kapitel 3, sollen nun die zwei No-
tationen BPMN und ADEPT1vorgestellt werden. Weiterhin werden die Ergebnisse aus
Kapitel 3 auf diese Notationen übertragbar. Zuvor soll ein kurzer Überblick über die
verschiedenen Möglichkeiten der Modellierung erfolgen.
4.1 Bekannte Formen
Bei der Wahl einer Notation zu Modellierung von Prozessen oder Workflows stellt
sich die Frage nach dem Zweck der Modellierung und ebenfalls dem fachlichen Hin-
tergrund des Modellierers. Für eine Erfassung, Analyse und Optimierung von Ge-
schäftsprozessen auf strategischem Level ist eine Notation zur Modellierung von Work-
flows möglicherweise zu überladen und bietet eventuell zu wenig Abstraktionsmög-
lichkeiten. Dazu können, wie bereits angeführt, die Details und strukturellen Beschrän-
kungen, die für eine spätere Ausführung benötigt werden, ein Hindernis darstellen.
Jedoch enthalten die bereits erwähnten BPMS proprietäre Notationen, die zur Mo-
dellierung der strategischen Geschäftsprozesse und späteren Verfeinerung dienen sol-
len. Bekannte herstellerunabhängige Notationen, die sich zur Modellierung von Ge-
schäftsprozessen auf strategischem Level anbieten sind die bereits erwähnte BPMN,
die in diesem Kapitel detaillierter vorgestellt wird, die ereignisgesteuerten Prozessket-
ten (EPK), die wesentlicher Bestandteil des ARIS-Konzeptes sind und die UML Aktivi-
tätendiagramme [2].
Auf eine explizite Nennung herstellerbezogenene Notationen zur Modellierung von
1ADEPT steht für Application Development based on Encapsulated Premodelled Process Templates
25
Workflows für ein WfMS soll an dieser Stelle verzichtet werden. Ein Überblick bekann-
ter Notation zur Modellierung von Workflows ist beispielsweise in [18] und [19] gege-
ben. In diesen Arbeiten werden die Notation unter anderem anhand von Workflow-
Patterns [13] bezüglich ihrer Ausdrucksmächtigkeit und Angemessenheit evaluiert.
Um Ausführungseigenschaften der Workflows zu analysieren beruhen einige Notatio-
nen auf formale Modelle, wie beispielsweise die Petri-Netze [20].
Das WfMS ADEPT2 [21, 22] des Insitituts für Datenbanken und Informationssysteme
der Universität Ulm besitzt mit der Notation ADEPT eine eigene Notation zur Model-
lierung von Workflows, die ebenfalls auf einer fundierten formalen Grundlage beruht
[23]. In ADEPT wurde neben der Sicherheit der Workflows vor Laufzeitfehleren, wie
Deadlocks, der Schwerpunkt auf ein, für eine blockstrukturierte Notation, hohes Maß
an Flexibilität gelegt. Eine detailierten Vorstellung erfolgt in Abschnitt 4.3.
4.2 BPMN
Die BPMN wurde ursprünglich von der BPMI (Business Process Management Initiati-
ve) entwickelt [3]. Diese schloss sich 2003 mit der OMG zusammen, so dass die BPMN
unter dem Dach der 1993 gegründeten OMG weiterentwickelt wird. Die Notation setzt
ihren Schwerpunkt auf den Kontrollfluss. Die momentan aktuelle Version 1.1 ist da-
tiert auf den 6. Februar 2006, eine verbesserte Version 2.0 ist in Planung. Die Ziele der
OMG [24] waren es, eine Notation zu spezifizieren, die von allen Beteiligten eines Ge-
schäftsprozesses schnell verstandenden wird. Nach einer Analyse in [4] wurde dieses
Ziel erreicht, da BPMN im geschäftlichem Umfeld (u.a. Prozessdokumentation, Prozes-
soptimierung, Unternehmensanalyse) wie im technischen Bereich (u.a. Prozesssimu-
lation) gleichermaßen Akzeptanz findet. Nach der Auffassung der OMG soll BPMN
sich zum Standard für die Modellierung von Pozessen entwickeln, vergleichbar in der
Bedeutung mit der Unified Modeling Language (UML) für objekt-orientiertes Design
und Analyse [8]. Im Juni 2008 unterstützen laut der OMG (www.bpmn.org) 47 Her-
steller von Werkzeugen zur Modellierung von Geschäftsprozessen BPMN. Es ist zwar
möglich, neben abstrakten Prozessen auch bis zu einem gewissen Grad operative Pro-
zessmodelle zu modellieren, jedoch unterstützt die BPMN nicht nativ die direkte Aus-
führung der Modelle. Doch existieren bereits Abbildungen [25, 26, 27] zum Beispiel
zur ausführbaren Business Process Execution Language for Web Services (BPEL4WS
oder BPEL, [28]), dem de facto Standard in der Implementierung von Geschäftspro-
zessen auf Basis von Web-Services [12]. Es kann aber festgehalten werden, dass es ohne
Nacharbeiten nicht möglich ist, operative Prozesse mit BPMN zu modellieren und diese
direkt nach der Abbildung in BPEL auszuführen. Eine Arbeit bezüglich den konzeptio-
nellen Unterschieden der BPMN und BPEL stellt [27] dar.
Die Modelle werden in der BPMN in einem sogenannten Business Process Diagramm
erfasst, das aus den BPMN-Elementen besteht. Im Folgenden werden nur die Kernele-
mente der BPMN, die relevant für eine spätere Untersuchung der Abbildung sind, vor-
gestellt. Analysen und Bewertungen der BPMN und die Spezifikationen der Elemente
der BPMN sind in [3, 29, 8, 30] zu finden.
26
4.2.1 Elemente
Viele der folgenden Elemente haben ein Äquivalent in der bereits in Kapitel 3 vorge-
stellten unstrukturierten Metanotation. Eine deutsche Kurzübersicht über alle vorhan-
denen Elemente der BPMN inklusive kurzen Erläuterungen ist auf der Webseite des
Hasso-Plattner-Instituts2der Universität Potsdam zu finden.
Analog zur Metanotation besitzt ein Modell in BPMN ein Start- und ein End-Ereignis
und natürlich Aktivitäten. Bezüglich der Möglichkeiten der Anordnung der Elemente
in der BPMN sei an dieser Stelle auf die Spezifaktion in [3] verwiesen. Im Folgenden
werden rein die für eine kontrollflussbasierte Untersuchung der Abbildung relevan-
ten Elemente gemäß der Spezifikation vorgestellt. In jedem Abschnitt wird durch ein
Schaubild die Symbolik illustriert und die Bedeutung durch Ergänzungen festgelegt.
4.2.1.1 Aktivitäten
Eine Aktivität wird in der BPMN als Rechteck mit gerundeten Kanten dargestellt. Un-
ter anderem haben zum Beispiel Subprozesse ebenfalls die gleiche Erscheinung. Diese
sind aber mit einem Plus in einem kleinen Quadrat innerhalb des Rechteckes zusätzlich
gekennzeichnet. Schaubild 4.1 zeigt eine Aktivität in BPMN.
A
Schaubild 4.1: BPMN Aktivität
4.2.1.2 Kanten
Es gibt in BPMN drei verschiedene Kanten. Den Sequenzfluss, den bedingten Fluss,
dem eine Bedingung angeheftet ist, und den Standardfluss. Der bedingte Fluss ermög-
licht es in BPMN, eine Verzweigung ohne ein Kontrollelement zu realisieren und die-
ser Verzweigung eine Bedingung zu Grunde zu legen. Die Verzweigung ohne Gateway
wird in Abschnitt 4.2.1.4 behandelt. Mit dem Standardfluss ist es möglich, bei einer Ver-
zweigung den Pfad zu kennzeichnen, der gewählt werden soll, wenn die Bedingungen
der restlichen Pfade nicht zutreffen. Der Sequenzfluss ist jedoch die Kante der Wahl
um auszudrücken, dass eine Aktivität nach einer anderen ausgeführt werden soll. Sie
ist die Kante, die wir in der Untersuchung der Abbildbarkeit berücksichtigen werden,
da die weiteren Kanten eine Untersuchung der Abbildung komplexer werden lassen.
2dt.BPMN-Poster:http://bpt.hpi.uni-potsdam.de/pub/Public/BPMNCorner/BPMN1_
1_Poster_DE.pdf
27
Sequenzfluss Bedingter Fluss Standardfluss
Schaubild 4.2: BPMN Kanten
4.2.1.3 Ereignisse
Um in BPMN den Start- bzw. das Ende eines Prozesses auszudrücken, werden Ereig-
nisse (auch Events genannt) verwendet. Das Startereignis ist ein symmetrischen Kreis
mit einfacher Kontur. Das Endereignis zur Markierung des Endes eines Prozesses ist
ebenfalls ein symetrischer Kreis. Dieser besitzt aber eine deutlichere Kontur. BPMN
erlaubt es die Kreise mit dem Grund des Ereignisse zu füllen, also z.B. könnte das Ein-
treffen einer Nachricht den Start eines Prozesses auflösen. Auf diese Erweiterungen soll
in dieser Arbeit verzichtet werden, da diese von keiner Relevanz für diese Arbeit sind.
Ebenfalls weitgehend vernachlässigt werden sogenannte Zwischenereignisse, die wäh-
rend eines Prozesses auftreten können oder den Prozess verzögern können. Beispiele
für Zwischenereignisse sind das Ereignis des Empfangs oder Versands einer Nachricht.
Details zu Ereignissen sind in [3] und in kürzerer Fassung in [8] zu finden.
Startereignis Zwischenereignis Endereignis
Grundform
Beispiel für
eine Erweiterung
Schaubild 4.3: BPMN Ereignisse
4.2.1.4 Gateways
Gateways dienen in BPMN zur Steuerung des Kontrollflusses. Das parallele Gateway
besitzt wie das Daten-basierte exklusive Gateway (im Verlauf der Arbeit schlicht als
„exklusives Gateway“ benannt) eine Entsprechung in den Kontrollelementen der
Metanotation aus Kapitel 3. So bringt das parallele Gateway, wenn es als Split-Element
eingesetzt wird, zum Ausdruck, dass die ausgehenden Pfade parallel ausgeführt
werden sollen. Wenn das parallele Gateway als Synchronisierer mehrerer Pfade dient,
28
wird der ausgehende Pfad nur im Falle der erfolgreichen Ausführung aller eingehen-
den Pfade aktiviert. Bei der Verwendung des exklusiven Gateway als Split-Element
wird genau ein Pfad zur Ausführung ausgewählt, während bei der Verwendung zur
Synchronisation der ausgehende Pfad, nachdem ein eingehender Pfad erfolgreich
ausgeführt wurde, aktiviert wird. Die restlichen eingehenden Pfade werden nicht
ignoriert und somit erlaubt das exklusive Gateway die Ausführungssemantik einer
mehrfachen Ausführung. Das exklusive Gateway kann einerseits als Raute ohne Inhalt
oder als Raute mit dem Buchstaben „X“ als Markierung dargestellt werden.
Neben diesen zwei für die Untersuchung hauptsächlich relevanten Elemente existieren
noch das Ereignis-basierte exklusive Gateway, das inklusive Gateway und das komplexe
Gateway. Das Ereignis-basierte exklusive Gateway dient als exklusives Split-Element,
das auf den Eintritt von Ereignissen wartet. Das inklusive Gateway erlaubt eine Aus-
wahl m aus n Pfaden (für 1mn) sowie das Synchronisieren der entsprechenden
Pfade. Das komplexe Gateway als Split-Element ist zur Ausführung von komplexen
Bedingungen für die Pfade zu verwenden. Eine Simulation der Bedingungen durch
parallele und exklusive Gateways sollte möglich sein, wenngleich diese Umwandlung
von komplexer Natur sein kann. Als Join-Element kann das komplexe Gateway, mit
den entsprechenden Attributen versehen, zur Verwendung als Diskriminator in BPMN
dienen. Das so eingesetzte komplexe Gateway aktiviert somit nach erfolgreicher
Ausführung eines Pfades das folgende Element und ignoriert alle weiteren erfolgreich
ausgeführten Pfade.
Exklusives
Gateway
Ereignis-basiertes
exklusives Gateway
Paralleles
Gateway
Inklusives
Gateway
Komplexes
Gateway
Schaubild 4.4: BPMN Gateways
BPMN erlaubt im Gegensatz zu der Metanotation aus Kapitel 3 und ADEPT die
Modellierung von Verzweigungen und Synchronisationen ohne entsprechende Split-
und Join-Elemente. Eine Verzweigung von zwei (oder mehr Kanten) kann in ein par-
alleles Gateway (mehrere parallele Gateways) transformiert werden. Die Berücksich-
tigung von bedingtem Fluss und Standardfluss würde in einer Transformation von
diesen Kanten in exklusive und eventuell parallele Gateways münden. Schaubild 4.5
zeigt ein Prozessmodell mit einer Verzweigung ohne Gateway. Diese Verzweigung ent-
spricht einer Verzweigung durch ein paralleles Gateway.
Das Schaubild 4.5 zeigt außerdem ein Beispiel für das Zusammenführen zweier Kan-
ten in eine Aktivität ohne ein Gateway. Diese Form der Modellierung ist gleichwertig
zur Modellierung mit einem exklusiven Gateway. Dieses Prozessmodell besitzt also das
29
Problem der multiplen Instanzen einer Aktivität.
A
B
C
D
Schaubild 4.5: BPMN Prozessmodell ohne Gateways
Es sei darauf hingewiesen, dass die Verzweigungen bzw. das Zusammenführung
von Kanten ohne Gateways für die Untersuchung der Abbildbarkeit in Kapitel 5 in
äquvialente Formen mit Gateways, wie bereits vorgestellt, überführt werden.
4.2.1.5 Daten
Die Dokumentation der Zugriffe auf Daten durch Aktivitäten erfolgt durch Datenob-
jekte. Die Verbindung dieser Objekte zu Aktiviäten wird durch Assoziationen, die als
gestrichelte Linien aufgeführt sind, hergestellt. Assoziationen können Richtungen ha-
ben, die durch Pfeile ausgedrückt werden. Es kann somit der Schreibvorgang oder der
Lesevorgang einer Aktivität auf ein Datenobjekt dargestellt werden.
Datenobjekt ungerichtete
Assoziation
gerichtete
Assoziation
beidseitig gerichtete
Assoziation
Schaubild 4.6: BPMN Daten
4.2.1.6 Weitere Elemente
Auf eine detaillierte Vorstellung weiterer Elemente, wie zum Beispiel Swimlanes und
Pools, die zur Repräsentation von Rollen dienen, oder Transaktionen, die zur Fehler-
behandlung in Prozessen genutzt werden können, wird an dieser Stelle verzichtet. Der
Grund liegt im zeitlichen Rahmen dieser Arbeit.
4.2.2 Grundlegende Modelle in BPMN
Um einen Eindruck in die Modellierung von Modellen durch die BPMN zu vermit-
teln, werden in den folgenden Schaubildern die Modellierung der blockstrukturierten
Grundkonstrukten gezeigt. Außerdem soll ein ausführlicher, unstrukturierter Beispiel-
prozess gezeigt werden. Für die Konstrukte wurde auf das Einfügen der Start- und
30
Endereignisse verzichtet, da diese bei einer Abbildung in der Regel nicht alleinstehend,
sondern innerhalb eines größeren Modelles vorkommen werden.
Die Schaubilder 4.7, 4.8 und 4.9 dürften aufgrund der Vorstellung der Elemente in vor-
hergehenden Abschnitten und den Ergebnisse aus Kapitel 3 selbsterklärend sein. Ei-
ne Besonderheit stellt die Modellierung von Schleifen in BPMN dar. Schleifen können
beispielsweise wie in Schaubild 4.10 modelliert werden. Natürlich ist das exklusive
Gateway als Join-Element nicht notwendig, da die Kante auch direkt in die folgende
Aktivität münden könnte. Es existeren aber auch noch weitere Sonderelemente in der
BPMN zur Modellierung von Schleifen. Es darf aber darauf hingewiesen werden, dass
diese Elemente sich prinzipiell auf das Konstrukt in Schaubild 4.10 abbilden lassen.
Task Task
Schaubild 4.7: BPMN grundl. Modelle Sequenz
Task
Task
Task
Task
Schaubild 4.8: BPMN grundl. Modelle Auswahlstruktur
Task
Task
Task
Task
Schaubild 4.9: BPMN grundl. Modelle Parallele Struktur
31
Task
Task
Task
Schaubild 4.10: BPMN grundl. Modelle Schleifenmöglichkeit
Um die Modellierung eines kompletten Prozesses in BPMN zu demonstrieren, wur-
de Schaubild 4.11 ausgewählt. Es wurde bewusst auf ein blockstrukturiertes Modell
verzichtet, um die Modellierung unstruktrurierte Modelle in BPMN zu demonstrieren.
Task
Task
Task
Task
Task Task Task Task
Schaubild 4.11: BPMN grundl. Modelle Beispiel eines kompl. Prozesses
4.2.3 Einordnung
Die BPMN schreibt für die Modellierung der Modelle bzw. der Diagramme keine
Vorgaben bezüglich der Einschränkung von Schleifen oder der Schaffung von syme-
trischen Blöcken vor. Die Ergebnisse für unstrukturierte Workflows aus Kapitel 3 sind
damit auf BPMN übertragbar. Damit ist BPMN eine sehr ausdrucksstarke Notation, die
keinerlei strukturellen Einschränkungen besitzt, um die Modellierung von Deadlocks,
multiplen Instanzen einer Aktivität oder Endlosschleifen zu verhindern.
4.3 ADEPT
Nach der Vorstellung der unstrukturierten Notation BPMN soll nun die blockstruktu-
rierte Notation ADEPT vorgestellt werden. ADEPT entstand im Zusammenhang mit
der Entwicklung des gleichnamigen WfMS am Institut für Datenbanken und Infor-
mationssysteme der Universität Ulm [31]. Die erste verfügbare Version des Workflow-
Management-Systems ADEPT stammt aus dem Jahr 1998. Die Grundlagen für die Ent-
32
wicklung dieses WfMS liegen unter anderem in Forschungsarbeiten zur Demonstrati-
on von Adhoc-Flexibilität in einer blockstrukturierten Notation [23] und der verteilten
Ausführung von Workflows [32]. Um neuen Forschungsergebnissen gerecht zu wer-
den, wurde die Entwicklung und Implementierung des WfMS ADEPT2 im Rahmen
des AristaFlow-Projektes3im Jahre 2004 begonnen. Im Jahr 2008 erfolgte die Ausgrün-
dung in die AristaFlow GmbH und die Entwicklung zur Produktreife.
In die Implementierung des WfMS ADEPT2 sollen aktuelle Forschungskonzepte ein-
fließen. So soll ADEPT2 durch Eigenschaften bestechen, die in zu dieser Zeit ver-
fügbaren Workflow-Management-Systemen wenn überhaupt nur bedingt unterstützt
werden. Beispiele hierfür sind die Prozess-Schema-Evolution, die Prozesskomposition
per „plug-and-play“ oder die Beachtung von semantischen Einschränkungen [31]. Das
Prinzip der Prozess-Schema-Evolution [33] erlaubt es, Änderungen am Workflowmo-
dell (Schema) vorzunehmen und diese Änderungen, falls der Zustand der Instanzen
dies erlaubt, auf bereits laufende Instanzen zu übertragen.
4.3.1 Elemente
Die Modellierung in ADEPT erfolgt wie in BPMN graphisch als gerichteter Graph. Im
Gegensatz zu BPMN ist die Menge an Symbolen jedoch überschaubarer. Jedes Modell
besteht grundsätzlich aus Knoten und Kanten. Kontrollelemente, die zum Aufbau
von z.B. parallen Strukturen benötigt werden, sind bezüglich ihrer Darstellung an
die Knoten angeheftet. Knoten und Kanten werden durch ihren Typ unterschieden.
Jedes Modell eines Workflows in ADEPT besitzt ebenfalls wie die Metanotation
und BPMN einen Start- und einen End-Knoten. Im Folgenden werden die für eine
kontrollflussbasierte Untersuchung der Abbildung relevanten Elemente vorgestellt
(nach [23]). In jedem Abschnitt wird durch ein Schaubild die Symbolik illustriert und
die Bedeutung durch Ergänzungen erläutert.
4.3.1.1 Knoten
Ein Knoten in ADEPT wird generell als Rechteck dargestellt. Ein Knoten ohne nähe-
re Typbezeichung sei im Folgenden als Aktivität zu betrachten und entspricht somit
der Aktivität der Metanotationen sowie der Aktivität in BPMN. Die Knoten, die den
Start bzw. das Ende eines Workflows repräsentieren, besitzen jeweils einen eigenen
Typ. So ist der eindeutige Startknoten vom Typ (in Schaubildern annotiert mit NT,
engl. nodetype, dt. Knotentyp) „STARTFLOW“ und der eindeutige Endknoten vom
Typ „ENDFLOW“. Ebenfalls einen eigenen Typ besitzen die Knoten zum Starten (NT
= STARTLOOP) und zum Beenden (NT = ENDLOOP) eines Schleifenkonstruktes. Die
Modellierung eines Schleifenkonstrukts wird in Abschnitt 4.3.2 vorgestellt.
3http://www.aristaflow.de
33
NT = STARTFLOW
NT = ENDFLOW
NT = STARTLOOP
NT = ENDLOOP
Aktivität
Schaubild 4.12: ADEPT Knoten
4.3.1.2 Kanten
Kanten können, wie die bereits vorgestellten Knoten, von unterschiedlichem Typ (in
Schaubildern annotiert mit ET, engl. edgetype, dt. Kantentyp) sein. Die Kante zur Kenn-
zeichnung der sequentiellen Abfolge zweier Aktivitäten ist vom Typ „CONTROL_E“.
Kanten werden generell durch einen einfachen Pfeil mit gefüllte Pfeilspitze dargestellt
(vgl. Schaubild 4.13).
Die Kante zur Verbindung des letzten Knotens einer Schleife (NT = ENDLOOP) mit
dem ersten Knoten der Schleife (NT = STARTLOOP) besitzt den Typ „LOOP_E“. Wei-
tere existente Kanten sind Kanten, die nach dem Auftreten eines Fehlers bei einer Ak-
tivität einen Rücksprung erlauben (ET = FAILURE_E) und sogenannte Synchronisati-
onskanten. Die Kanten zum Abfangen und Behandeln von Fehlern werden aufgrund
des zeitlichen Rahmens nicht behandelt.
Synchronisationskanten erweitern jedoch die Ausdrucksstärke der blockstrukturierten
Notation ADEPT. Anschaulich werden die Linien der Synchronisationskanten gestri-
chelt dargestellt. Sie unterstützen die Synchronisation der zeitlichen Ausführung von
Aktivitäten aus unterschiedlichen Zweigen einer parallelen Struktur. Es werden zwei
Arten der Synchronisation unterstützt:
Sanfte Synchronisation: Eine Synchronisationskante vom Typ „SOFT_SYNC_E“
von einer Aktivität A zu Aktivität B bedeutet, dass B erst dann ausgeführt wird,
wenn entweder A erfolgreich ausgeführt wurde, oder A nicht mehr ausgeführt
werden kann.
Strikte Synchronisation: Eine Synchronisationskante vom Typ „STRICT_SYNC_E“
von einer Aktivität A zu Aktivität B bedeutet, dass B erst dann ausgeführt wird,
wenn zuvor A erfolgreich ausgeführt wurde.
Um redundante Ausführungseinschränkungen zwischen Aktivitäten zu vermei-
den, unterliegt die Nutzung der Synchronisationskanten Einschränkungen. Wie bereits
erwähnt sollen nur Aktivitäten aus unterschiedlichen Zweigen einer parallelen Struk-
tur verbunden werden. Weiterhin ist eine Verbindung einer Aktivität innerhalb einer
Schleife mit einer Aktivität außerhalb dieser untersagt.
34
Schaubild 4.13 zeigt einen durch Synchronisationskanten erweiterten blockstrukturier-
ten Workflow in ADEPT, der außerdem äquivalent zum unstrukturierten Prozessmo-
dell aus Schaubild 3.14 (aus Kapitel 3) ist. Durch die Nutzung von Synchronisati-
onskanten ist es folglich möglich, für bestimmte unstrukturierte Prozessmodelle ein
blockstrukturiertes äquivalentes Modell zu finden, das lediglich durch Synchronisata-
tionskanten erweitert wurde. Synchronisationskanten erweitern also die Ausdrucks-
mächtigkeit einer blockstrukturierten Notation.
NT = STARTFLOW NT = ENDFLOW
ET = SOFT_SYNC_E
BD
AF
CE
Schaubild 4.13: ADEPT Beispiel für Synchronisationskanten
4.3.1.3 Kontrollelemente
Im Gegensatz zur BPMN besitzen Elemente zum Aufteilen oder Synchronisieren des
Kontrollflusses in ADEPT keine freistehende Symbole, sondern werden an die Aktivitä-
ten angeheftet. Das Split-Element an die vorhergehende Aktivität, das Join-Element an
die Nachfolgende Aktivität. Es existieren AND- und OR-Splits, sowie AND- und OR-
Joins. Im Vergleich zur blockstrukturierten Metanotation entspricht ein OR-Split einem
Split-Auswahl, ein OR-Join einem Join-Auswahl, ein AND-Split einem Split-Parallel
und ein AND-Join einem Join-Parallel. Die Semantik eines OR-Joins in ADEPT ist die
eines Diskriminators (siehe Abschnitt 3.1.1.1).
OR-Split OR-Join AND-Split AND-Join
Schaubild 4.14: ADEPT Kontrollelemente
4.3.1.4 Daten
Die Eingabe- und Ausgabe-Daten einer Aktivität und der Fluss der Daten zwischen
Aktivitäten repräsentieren eine bedeutenden Aspekt innerhalb eines WfMS. In ADEPT
35
wird durch verschiedene Maßnahmen [23] die Konsistenz der Daten gewährleistet. An-
notiert werden die Daten, wie in Schaubild 4.15 gezeigt, ähnlich zur BPMN durch An-
notationskanten und einem Datensymbol.
Datenobjekt Datenfluss
d1
Schaubild 4.15: ADEPT Daten
4.3.2 Grundlegende Modelle in ADEPT
Analog zu Abschnitt 4.2.2 während der Vorstellung von BPMN sollen an dieser Stelle
grundlegende Konstrukte gezeigt werden, die in ADEPT modelliert wurden. Gleich-
zeitig stellen diese Konstrukte auch die Basis der blockstrukturierten Notation ADEPT
dar. Die Modelle in ADEPT bestehen prinzipiell, wie die in Kapitel 3 vorgestellten
blockstrukturierten Workflows, rein aus der Komposition der hier vorgestellten Grund-
konstrukte. Natürlich sind die Split- und Join-Elemente nicht auf zwei aus- bzw- ein-
gehende Kanten beschränkt.
In den Schaubildern 4.16, 4.17, 4.18 und 4.19 sind die 4 grundlegenden Konstrukte Se-
quenz, Auswahlstruktur, parallele Struktur und Schleife illustriert.
AB
Schaubild 4.16: ADEPT grundl. Modelle Sequenz
A
B
Schaubild 4.17: ADEPT grundl. Modelle Auswahlstruktur
36
A
B
Schaubild 4.18: ADEPT grundl. Modelle parallele Struktur
NT = STARTLOOP NT = ENDLOOP
Schleifenbedingung
A
ET = LOOP_E
Schaubild 4.19: ADEPT grundl. Modelle Schleife
ADEPT erweitert die Basis der Grundkonstrukte im Gegensatz zu den blockstruk-
turierter Workflows aus Kapitel 3 um das Konstrukt „parallele Struktur mit finaler Aus-
wahl“. In diesem Konstrukt werden zwei oder mehr Pfade parallel ausgeführt. Der OR-
Join aktiviert nach dem erfolgreichen Beenden eines Pfades den nachfolgenden Pfad
und behandelt die restlichen Aktivitäten auf den noch nicht beendeten Pfaden gemäß
ihr Status, indem sie abgebrochen oder rückgängig gemacht werden [23].
A
B
Schaubild 4.20: ADEPT grundl. Modelle parallele Struktur mit finaler Auswahl
Um einen Einblick in die Modellierung durch ADEPT zu geben, wurde der Beispiel-
workflow in Schaubild 4.21 ausgewählt. Die Einbeziehung einer Synchronisationskante
ist ebenfalls dargestellt.
37
NT = STARTFLOW
NT = STARTLOOP
NT = ENDFLOW
NT = ENDLOOP
Schleifenbedingung
D
FC
B
A
E
H
I J
G
ET = SOFT_SYNC_E
ET = LOOP_E
Schaubild 4.21: ADEPT grundl. Modelle Beispielworkflow
4.3.3 Einordnung
Die Modellierung in ADEPT erfolgt in blockstrukturierter Weise, wie es bereits in Ka-
pitel 3 vorgestellt wurde. Dies bedeutet, es existieren in ADEPT keine überlappende
Blöcke, sondern nur korrekt verschachtelte Modelle. Die Grundkonstrukte bilden die
Modelle, die in Abschnitt 4.3.2 vorgestellt werden. Die Sequenz, das parallele Kon-
strukt und das bedingte Konstrukt sind äquivalent zu den Modelle aus Kaptel 3. Das
Schleifenkonstrukt kann keine Aktivitäten auf der rückwärts gerichteten Kante besit-
zen. Dies stellt aber keine Einschränkung dar, da hierfür eine Transformation existiert.
Die parallele Struktur mit finaler Auswahl ist als Erweiterung zu sehen, und produziert,
da der Join-Auswahl als Diskriminator wirkt, keine multiplen Instanzen nachfolgender
Aktivitäten. Die Intention dieses Konstruktes ist es, Aktivitäten in den Zweigen paral-
lel auszuführen. Nachdem alle Aktivitäten eines einzelnen Zweiges vollständig ausge-
führt wurden, aktiviert die Join-Auswahl die nachfolgenden Aktivitäten und ignoriert
das erfolgreiche Beenden weiterer Zweige.
Neben dem Konstrukt parallele Struktur mit finaler Auswahl wurde die zweite Erwei-
terung des blockstrukturierten Ansatzes durch ADEPT, namentlich die Synchronisa-
tionkanten bereits in Abschnitt 4.3.1.2 vorgestellt. ADEPT besitzt also, im Vergleich zu
einer klassischen blockstrukturierten Notation zwei Erweiterungen, die aber erwiese-
nermaßen die Sicherheit vor Deadlocks und multiplen Instanzen einer Aktivität nicht
beeinträchtigen [23].
38
Kapitel 5
Abbildbarkeit der BPMN auf ADEPT
Der gute Redner wird Vergleiche anwenden und Beispiele vorbringen.
Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.)
röm. Redner u. Schriftsteller
Nach der Schaffung von, für die Untersuchung der Abbildbarkeit bedeutenden
Grundlagen durch die vorigen Kapitel, soll im Folgenden die Abbildbarkeit unstruktu-
rierte Prozessmodelle auf blockstrukturierte Workflows anhand der Notationen BPMN
und ADEPT untersucht werden. Hierzu werden die Ergebnisse bereits publizierter Ar-
beiten aufgegriffen und angepasst. Anpassungen sind unter anderem durch die vor-
gestellten Erweiterungen der blockstrukturierten Notation ADEPT durch zum Beispiel
Synchronisationskanten nötig.
Um die Abbildbarkeit zu evaluieren, wird zuvor in Abschnitt 5.1 das Prinzip des Nach-
weises der Äquivalenz zweier Modelle angeführt. Anschließend wird die Abbildbar-
keit von BPMN und ADEPT anhand einer Fallunterscheidung erörtert. Abschließend
soll die Automatisierbarkeit der Abbildungen betrachtet und eine Möglichkeit zur
kombinierten Analyse und Transformation vorgestellt werden.
5.1 Äquivalenz
Um Abbildungen auf ihre Richtigkeit zu verifizieren, ist es von Nöten eine Definition
zu geben, die festlegt, wann zwei Workflows unter den Gesichtspunkten des Kontroll-
flußes äquivalent sind. Ähnlich zu Kapitel 3 ist hier unter einem Workflow die zeitlich
koordinierte Abfolge von Aktivitäten zu verstehen und ermöglicht somit die Übertra-
gung der Ergbnisse auf die Äquivalenz von Prozessmodellen mit Modellen von Work-
flows.
Eine Möglichkeit die Äquivalenz von zwei Workflows zu zeigen ist das Prinzip der
„bisimulation games“, das u.a. in [16] vorgestellt wird. Das Konzept der „bisumulati-
on games“ beruht prinzipiell auf der Nachahmung des Kontrollflußes eines Workflows
durch den anderen Workflow. Dazu eine Definition:
Definition 5.1 Workflow A und Workflow B sind äquivalent, wenn Workflow A jeden Schritt
39
(z.B. das Starten des Workflows, eine Aktivität starten/beenden, etc.) von Workflow B imitieren
kann und Workflow B jeden Schritt von Workflow A imitieren kann.
Um die Schritte besser vergleichbar zu machen, können Modelle zweier Notationen
beispielsweise auf einen Formalismus wie Petri-Netze abgebildet werden [16]. Auf-
grund der Vorstellung des Prinzips dieses Vorgehens sollen aber diese Details außen
vor bleiben.
Es soll weiterhin festgehalten werden, dass es neben äquivalenten Workflows noch so-
genannte quasi-äquivalente Workflows gibt.
Definition 5.2 Ein Abbildung von Workflow A auf Workflow B ist quasi-äquivalent, wenn
Workflow A Workflow B simulieren kann, aber Workflow B nicht Workflow A simulieren kann.
Um das Verständnis für einen quasi-äquivalenten Workflow zu fördern, soll in
Schaubild 5.1 ein in der BPMN notiertes Beispiel gezeigt werden. Hier stellt Workflow
A gegenüber Workflow B eine quasi-äquivalente Abbildung dar.
X
Y
Z
Workflow A
Workflow B
X
Y
Z
Schaubild 5.1: Äquivalenz Quasi-Äquivalent Beispiel
Aus dem Schaubild geht hervor, dass Workflow A ausdrucksstärker als Workflow B
ist. Mögliche Ausführungspfade1der Aktivitäten für Workflow A sind XYZ, YXZ, XZY
und YZX. Workflow B besitzt nur die Ausführungspfade XYZ und YXZ. Deshalb kann
Workflow A die Ausführungschritte von Workflow B simulieren. Der inverse Fall trifft
nicht zu.
1Ausführungspfad = Reihenfolge für die Beendigung unter der Annahme einer Serialisierung
40
5.2 Grundlagen der Abbildbarkeit
Die Untersuchung bezüglich der Abbildbarkeit legt ihren Schwerpunkt auf den Kon-
trollfluss. Es wurde bereits erwähnt, dass auf die Abbildung von Details wie zum Bei-
spiel von Rollen in Form von Swimlanes und Pools, speziellen Ereignissen oder die
Behandlung von Fehlern durch Kompensationsprozesse aus zeitlichen Gründen ver-
zichtet wird.
5.2.1 Abbildungen der Elemente
Um die Abbildbarkeit zu gewährleisten, müssen als Basis die Abbildungen der einzel-
nen Elemente aus BPMN auf entsprechende Elemente in ADEPT aufgeführt werden.
Dies erfolgt in den folgenden Abschnitten.
5.2.1.1 Aktivitäten
Die Aktivitäten in BPMN haben ihr äquivalentes Pendant in den Knoten in ADEPT.
Schaubild 5.2 illustriert diesen Zusammenhang.
Aktivität
Task
Schaubild 5.2: Abbildungen der Elemente Aktivitäten
5.2.1.2 Ereignisse
Die Abbildung des Start- und End-Ereignisses aus Modellen in der BPMN erfolgt in-
tuitiv auf den Startknoten und Endknoten in ADEPT. Zwischenereignisse sollen, wie
bereits bei ihrer Vorstellung erwähnt, auf eine Aktivität in ADEPT abgebildet werden.
So soll je nach Bedeutung des Ereignisses, das Senden und Empfangen eines Signals
durch eine für diesen Zweck erschaffene Aktivität behandet werden. Eine detailierte
Behandlung der vielfältigen Ereignisse aus der BPMN ist aus zeitlichen Gründen nicht
möglich.
41
Aktivität
NT = STARTFLOW
NT = ENDFLOW
Ereignisse
in BPMN
Knoten
in ADEPT
Schaubild 5.3: Abbildungen der Elemente Ereignisse
5.2.1.3 Gateways
Die in der BPMN vorhandenen exklusiven Gateways (XOR) und die parallelen Ga-
teways besitzen je nach ihrer Funktion als Split- oder Join-Element ein Äquivalent in
ADEPT. Dies ist im folgenden Schaubild verdeutlicht dargestellt.
Split Join
Schaubild 5.4: Abbildungen der Elemente Gateways
Das komplexe Gateway soll, wenn es als Join-Element mit der Semantik des Dis-
kriminators fungiert, auf das entprechende Element in ADEPT abgebildet werden. Zu
inklusiven Gateways ist anzuführen, dass das inklusive Gateway, wenn es als Split-
Element dient, durch ein paralleles Gateway und exklusive Gateways simuliert werden
kann. Ein Join durch ein inklusives Gateway ist ebenfalls rekonstruierbar.
Das Ereignis-basierte Gateway, das an sich nur als Split-Element eingesetzt wird, kann
durch ein Hilfskonstrukt (Schaubild 5.5) simuliert werden. Aktivität A wartet dabei, bis
ein entsprechendes Ereignis eingetreten ist und speichert dies bei Eintreten dement-
sprechend in ein Datenobjekt. Aktivität B wählt anhand des Datenobjekts den ge-
wünschten Pfad aus.
42
d1
...
...
... AB
C
D
Schaubild 5.5: Abbildungen der Elemente Hilfskonstrukt Ereignis-basiertes Gateway
5.2.1.4 Daten
Falls eine Aktivität A in BPMN auf ein Datenobjekt zugreift und eine Aktivität B das
Objekt liest, sollte in ADEPT der selbe Zugriff auch nach einer Abbildung gewährleistet
sein. Da ADEPT komplexe Regeln für den korrekten Zugriff auf Datenobjekte voraus-
setzt, ist die korrekte Abbildung der Datenobjekte kein Trivialität und soll in dieser
Arbeit ausgeblendet werden.
5.2.2 Abbildungen von blockstrukturierten Grundmustern
Es sollen in den folgenden Schaubildern 5.6, 5.7, 5.8, 5.9 und 5.10 die Abbildungen
von in der BPMN modellierten blockstrukturierten Konstrukten auf die äquivalente
Konstrukte in ADEPT illustriert werden. Diese Abbildungen stellen den Fall dar,
dass innerhalb eines Modells in der BPMN die blockstrukturierten Basiskonstrukte
identifiziert werden können. Diese Konstrukte innerhalb eines Modells in BPMN
könnten durch einzelne pseudo Aktivitäten ersetzt werden, und das Modell weiter
analysiert werden. Das Modell würde sich, falls es blockstrukturiert wäre, neben dem
Start- und dem Endknoten auf eine einzelne (pseudo) Aktivität reduzieren.
Schaubild 5.6: Abbildungen Grundmuster Sequenz
43
Schaubild 5.7: Abbildungen Grundmuster Auswahlstruktur
Schaubild 5.8: Abbildungen Grundmuster Parallele Struktur
NT = STARTLOOP NT = ENDLOOP
Schleifenbedingung
ET = LOOP_E
Schaubild 5.9: Abbildungen Grundmuster Schleife
Schaubild 5.10: Abbildungen Grundmuster Parallele Struktur mit finaler Auswahl
5.3 Abbildbarkeit von Modellen mit strukturellen Mängeln
Durch die Reduzierung eines Prozessmodells in BPMN um die abbildbaren Grundmus-
ter, werden, falls das Modell nicht blockstrukturiert ist, die Konstrukte, die eine Abbil-
dung des Modells verhindern könnten, sichtbar. Die Reduktion eines Prozessmodells
kann also zu Identifizierung der „Problemstellen“ einer Abbildung innerhalb eines Pro-
zessmodells dienen. Dieses Prinzip der kombinierten Analyse und Identifikation von
44
unstrukturierten Konstrukten wird in [34] im Detail erläutert. Auf die Behandlung von
strukturellen Mängeln innerhalb eines Modells soll im folgenden Abschnitt eingegan-
gen werden.
5.3.1 Formen struktureller Mängel
Um eine Untersuchung von Konstrukten mit strukturellen Mängeln in angemessener
Form zu ermöglichen, werden an dieser Stelle zwei Annahmen getroffen.
Es soll zum Einen eine möglichst weitgehende Transformation der inklusiven, kom-
plexen und Ereignis-basierten Gateways in Konstrukte aus exklusiven und parallelen
Gateways stattfinden. Es wurde bewusst der Term „möglichst weitgehend“ gewählt,
denn ein Transformation der exklusiven Gateways und inklusiven Gateways, die als
Join-Elemente dienen, ist nicht unter allen Umständen möglich. Das Einbeziehen die-
ser beiden Gateways soll in späteren Ergebnissen dieser Arbeit ebenfalls noch möglich
sein. Ein kurzes Beispiel soll auf diesen Sachverhalt eingehen. Schaubild 5.11 zeigt ein
Prozessmodell, das ein inklusives Gateways als Split-Element über zwei Aktivitäten
mit einem komplexen Gateway (als Diskriminator) verbindet. Eine Transformation des
inklusiven Gateways in zwei exklusive und ein paralleles Gateway ist möglich. Um
jedoch die Semantik des Diskriminators aufrechtzuerhalten, wird das komplexe Gate-
way weiterhin benötigt (Schaubild 5.12).
A
B
C
D
Schaubild 5.11: Beispiel Diskriminator in BPMN
A D
B
C
B
C
Schaubild 5.12: Beispiel Diskriminator in BPMN Transformation
Für die folgenden Untersuchungen soll außerdem vorausgesetzt werden, dass je-
des Split-Gateway mit mehr als zwei ausgehenden Pfaden in zwei oder mehrere Ga-
teways mit jeweils zwei ausgehenden Pfaden aufteilt werden soll. Jedes Join-Gateway,
das mehr als zwei eingehende Pfade besitzt, soll analog in zwei oder mehrere Gateways
mit jeweils zwei eingehenden Pfaden aufteilt werden.
45
Aufgrund dieser Voraussetzungen kann folgende Definition nach [15] eingeführt wer-
den und für die folgenden Abschnitte verwendet werden.
Definition 5.3 Ein Split-Gateway s korrespondiert zu einem JOIN-Gateway j, wenn zwei
minimale Pfade, die aus den zwei verschiedenen Ästen von s ausgehen, als erstes in j münden.
Das korrespondieren Paar wird mit (s,j) bezeichnet.
Mit dem Wort „minimal“ soll zum Ausdruck gebracht werden, dass kein anderes
Gateway auf einem Teil des Pfades die korrespondierende Eigenschaft mit s besitzt.
Zusätzlich wird in [15] erläutert, dass jedes Split-Element mindestens ein korrespon-
dierendes Join-Element besitzen muss. Dadurch können in der Folge Paare von Gate-
ways identifiziert werden, die zu multiplen Instanzen oder Deadlocks führen können
(Schaubild 5.13).
Definition 5.4 Ein Paar korrespondierender Gateways (s,j) ist falsch zugeordnet, wenn s ein
exklusives und j ein paralleles Gateway (Deadlock) oder s ein paralleles Gateway und s ein
exklusives Gateway (multiple Instanzen) ist.
Deadlock
multiple Instanzen
einer Aktivität
Task
Task
X
Y
s
s
j
j
Schaubild 5.13: Falsch zugeordnete Paare in BPMN
Es ergeben sich also, wie bereits in Kapitel 3 vorgestellt, die Probleme der Deadlocks
und multiplen Instanzen einer Aktivität durch missbräuchliche Gegenüberstellung von
bestimmten Gateways. Um die Ergebnisse aus Kapitel 3 vollständig aufzugreifen, er-
gibt sich in BPMN neben falsch zugeordneten Paaren auch die unzulässige Verschach-
telung als das zweite Problem bei einer Abbildung von Prozessmodellen in der BPMN
auf Workflows in ADEPT. Die blockstrukturierte Notation ADEPT erlaubt es, wie der
Name es schon sagt, keine „Überlappungen“ der von den Gateways gebildeten Blöcke.
Schaubild 5.14 zeigt den Fall einer solchen Überlappung in der BPMN.
46
AD
C
B
u
s
j
v
Schaubild 5.14: Beispiel einer unzulässigen Verschachtelung
Es folgt für diese Art der Überlappungen eine Defintion nach [15].
Definition 5.5 Ein Paar korrespondierender Gateways (s,j) ist unzulässig verschachtelt mit
einem anderen Paar korrespondierender Gateways (u,v), wenn s (oder j) in einem (bestimmten)
Pfad von u nach v ist, aber j (oder s) nicht in diesem Pfad ist.
Der Pfad von Gateway u, über das Gateway s, weiter zur Aktivität C und schließlich
nach Gateway v zeigt, dass das Modell aus Schaubild 5.14 unzulässig verschachtelte
Paare an Gateways besitzt.
5.3.2 Azyklisch unstrukturierte Modelle
Falls ein Prozessmodell eine oder mehrere unzulässige Verschachtelungen vorweist,
müssen diese analysiert werden, ob es möglich ist, die Verschachtelungen in äquiva-
lente blockstrukturierte Konstrukte zu transformieren.
Für ein unzulässig verschachteltes Konstrukt, das nur aus exklusiven Gateways besteht
und somit keine Parallelität vorweisen, ist eine vollständige Transformation in ein
blockstrukturiertes Modell möglich. Das Vorgehen wird in [15] wie folgt beschrieben
(angepasst):
Die Aktivitäten, die zwischen zwei benachbarten exklusiven Join-Gateways liegen, wer-
den dupliziert und über das vordere Gateway geschoben und anschließend werden die zwei
exklusiven Join-Gateways vertauscht.
Anmerkung: Mit dem „vorderen Gateway“ ist das Gateway gemeint, das sich
näher am Anfang des Konstruktes befindet.
Angewandt auf das Prozessmodell aus Schaubild 5.14 ergibt sich ein äquivalentes
blockstrukturiertes Prozessmodell illustriert in Schaubild 5.15. Die Abbildung dieses
dann blockstrukturierten Prozessmodells nach ADEPT erfolgt durch die in Abschnitt
5.2.2 bereits vorgestellten Abbildungen der blockstrukturierten Grundmuster.
47
A
D
B D
C
Schaubild 5.15: Unzulässige Verschachtelung aus exklusiven Gateways
Es wurde bereits in Abschnitt 4.3.1.2 während der Vorstellung der Synchronisati-
onskanten gezeigt, dass das unzulässig verschachtelte Modell in Schaubild 5.16 eine
äquivalente Form in ADEPT besitzt, jedoch kein rein blockstrukturiertes Pendant.
Task
Task
Task
Task
Schaubild 5.16: Unzulässige Verschachtelung aus parallelen Gateways
Es wäre mühsam und nicht sachgerecht, jede einzeln Möglichkeit der unzulässigen
Verschachtelung gesondert mit einem Beispiel anzuführen. Deshalb soll anhand der
Prozessmodelle pm1 und pm2 aus den Schaubildern 5.17 und 5.18 und der Tabelle
5.1 eine Übersicht über die Möglichkeiten der Abbildungen dieser Konstrukte gegeben
werden. Die Tabelle lehnt sich an Ergebnisse aus [15] an und wurde entsprechend für
die Abbildung der BPMN auf ADEPT modifiziert.
D
E
A
B
C
G1S G1J
G2J
G2S
Schaubild 5.17: Muster unzulässiger Verschachtelungen - pm1
48
G1S G1J
G2J
G2S
B
A
D
E
C
Schaubild 5.18: Muster unzulässiger Verschachtelungen - pm2
Die Split-Gateways G1S und G2S können entweder ein exklusives Gateway oder
ein paralles Gateway sein. Die Join-Gateways können entweder ein paralleles Gateway,
ein exklusives Gateway, ein inklusives Gateway oder auch ein komplexes Gateway (als
Diskriminator) sein.
Es wurde deshalb bei den Eigenschaften und der Aussage über die Abbildbarkeit der
Modelle der Typen 3, 7, 13, 15 und 16 eine Markierung in Form eines Sterns (*) angefügt.
Dies soll bedeuten, dass wenn das „OR“ oder die „OR“s in einer Tabellenzeile durch
inklusive oder komplexe Gateways ersetzt werden, ist das unstrukturierte Konstrukt
well-behaved und es exisitiert eine äquivalente Abbildung nach ADEPT, die meistens
zusätzlich durch Synchronisationskanten realisiert werden.
Falls aber in einem Konstrukt eines der Join-Gateways in Form eines exklusiven Gate-
ways realisiert wird, wird das Konstrukt zu multiplen Instanzen einer Aktivität führen
und es existiert nur eine quasi-äquivalente Abbildung.
Typ G1S G1J G2S G2J Eigenschaften Abb. ADEPT
1OR OR OR OR Well-behaved Ja
2OR OR OR AND Deadlock Nein
3OR OR AND OR * mult. Inst. * qu.-äquiv.
4OR OR AND AND Deadlock Nein
5AND AND OR OR Deadlock Nein
6AND AND OR AND Deadlock Nein
7AND AND AND OR * mult. Inst. * qu.-äquiv.
8AND AND AND AND Well-behaved Ja
9OR AND OR OR Deadlock Nein
10 OR AND OR AND Deadlock Nein
11 OR AND AND OR Deadlock Nein
12 OR AND AND AND Deadlock Nein
13 AND OR OR OR * mult. Inst. * qu.-äquiv.
14 AND OR OR AND * mult. Inst. * qu.-äquiv.
15 AND OR AND OR Deadlock Nein
16 AND OR AND AND * mult. Inst. * qu.-äquiv.
Tabelle 5.1: Abbildbarkeit unzulässig verschachtelter Konstrukte
49
Die Modelle pm1 und pm2 sind generischer Natur, da die Aktivitäten auch als re-
duzierte Teilprozesse angesehen werden können. Trotzdem ergeben sich neben der un-
zulässigen Überlappung von zwei korrespondierenden Gateways auch Situationen, in
denen mehrfache Überlappungen auftreten können. Einige können nicht durch die Ab-
bildungen aus Tabelle 5.1 aufgelöst werden.
Ein Problem ist das Auftreten des Sachverhalts innerhalb eines Modelles, der in Schau-
bild 5.19 dargestellt ist.
Task
Task
Schaubild 5.19: Unzulässige Verschachtelung Erweiterung
Falls sich dies als das „Ende“ einer sogenannten überlappenden Struktur (engl.
overlapped structure, Schaubild 5.20) heraustellt, existiert eine äquivalente blockstruk-
turierte Abbildung, die in Schaubild 5.21 durch BPMN illustriert wird. Diese nach
ADEPT abzubilden, sollte durch ihre blockstrukturierte Form keine Umstände berei-
ten.
A
C
B
G
D
E
F
J
I
K
Schaubild 5.20: Unzulässige Verschachtelung Überlappende Struktur
50
A
C
B
G
D
E
F
J
I
J
I
K
Schaubild 5.21: Unzulässige Verschachtelung - Blockstr. Abbildung überlappende
Struktur
5.3.3 Zyklische unstrukturierte Modelle
Bisher wurden nur azyklische Modelle in der Untersuchung berücksichtigt. Jedoch
wurde in Kapitel 3 bereits angemerkt, dass neben falsch zugeordneten Paaren und der
unzulässigen Verschachtelung, auch Schleifen eine Quelle von Deadlocks und multi-
plen Instanzen sein können. Obwohl an dieser Stelle auf eine Nachmodellierung der
Schleifen-Konstrukte aus Abschnitt 3.2.1, die zu Deadlocks oder multiplen Instanzen
führen, verzichtet wird, sei festgehalten, dass diese Konstrukte, in der BPMN model-
liert, natürlich nicht nach ADEPT abbildbar sind.
Weiterhin wurde bereits in Abschnitt 5.2.2 gezeigt, dass die Abbildung eines
blockstrukturierten Schleifenkonstruktes aus der BPMN nach ADEPT möglich ist.
Neben der „falschen Konstruktion“ einer Schleife existieren aber leider zyklische Kon-
strukte, die in ihrer Form ähnlich zu den unzulässigen Verschachtelungen in azykli-
schen Modellen sind. So bedarf es für den Eintritt sowie des Austritts aus einer Schlei-
fenkonstruktion einer weitergehenden Untersuchung. Die Schaubilder 5.22 und 5.23
illustrieren die Muster des unzulässigen Eintritts in eine Schleife sowie des unzulässi-
gen Austritts aus einer Schleife.
D
B E
A
G2J
G2S
Schaubild 5.22: Unzulässiger Eintritt in eine Schleife
51
G2S G2J
B E
D
A
Schaubild 5.23: Unzulässiger Austritt aus einer Schleife
Es gibt ebenfalls Aufstellungen über die Abbildbarkeit dieser Konstrukte aus [15]
und sie wurden wie zuvor für die Abbildung der BPMN auf ADEPT modifiziert. Die
Tabellen 5.22 und 5.23 geben damit Aufschluss über die Abbildbarkeit der Konstrukte
des unzulässigen Eintritts in eine Schleife und des unzulässigen Austritts aus einer
Schleife. Analog zu Abschnitt 5.3.2 wurde eine Kennzeichnung (*) verwendet, falls das
Modell well-behaved ist, wenn das Join-Gateway G2J durch ein inklusives Gateway
oder durch ein komplexes Gateway mit der Wirkung eines Diskriminators anstatt eines
exklusiven Gateways ersetzt wird.
Die Möglichkeiten zur Ersetzung der Gateways G2S und G2J sind ebenfalls analog nach
Abschnitt 5.3.2 gegeben.
Typ G2S G2J Eigenschaften Abb. ADEPT
1N AND OR * multiple Instanzen * quasi-äquivalent
2N OR AND Deadlock Nein
3N OR OR Well-behaved Ja
4N AND AND Deadlock Nein
Tabelle 5.2: Abbildbarkeit unzulässiger Eintritt in eine Schleife
Typ G2S G2J Eigenschaften Abb. ADEPT
1A AND OR * multiple Instanzen Nein
2A OR AND Deadlock Nein
3A OR OR Well-behaved Ja
4A AND AND Well-behaved Nein
Tabelle 5.3: Abbildbarkeit unzulässiger Austritt aus einer Schleife
Es soll auf drei Ergebnisse gesondert eingegangen werden, da diese Ergebnisse für
eine Untersuchung der Abbildung von Relevanz sind. Zum Einen soll auf die Form
der blockstrukturierten Abbildung des Konstrukts 3A eingegangen werden und zum
Anderen auf den Umstand, weshalb die Konstrukte 1A und 4A keine äquivalente
blockstrukturierten Pendants besitzen.
Ein Konstrukt von Typ 3A besitzt eine äquivalente Abbildung nach ADEPT, die aller-
52
dings nur durch das Einbeziehen von Hilfsvariablen konstruierbar ist. Hilfsvariablen
sind in diesem Kontext Datenobjekte, die dazu dienen, den gewählten Kontrollfluss
festzuhalten und diese Information zu einem späteren Zeitpunkt wieder verfügbar zu
machen. Beispielsweise kann in einem Datenobjekt der gewählte Pfade an einem ex-
klusives Split-Gateway gespeichert werden, um später anhand dieser Information den
Pfad bei einer weiteren Verzweigung auswählen zu könne. Für einen Beweis, dass das
Konstrukt 3A nur durch das Einbeziehen von Hilfsvariablen in einer blockstrukturier-
ten Form konstruierbar ist, sei auf [15] verwiesen. Aufgrund der Größe des Schaubilds
sei an dieser Stelle auf eine Illustration verzichtet. Es sei jedoch festgehalten, dass unter
der Einführung von Hilfsvariablen die Nachvollziehbarkeit des Kontrollflusses eines
Prozessmodells bzw. eines Workflows erheblich leidet.
Es soll weiterhin der Beweis erbracht werden, dass ein unzulässige Austritt aus einer
Schleife vom Typ 1A nicht in eine blockstrukturierte Form gebracht werden kann (nach
[15]). Der Beweis erfolgt durch Widerspruch.
Beweis 2 Unter der Annahme, dass eine blockstrukturierte Abbildung des Konstruktes vom
Typ 1A existiert, müsste diese Abbildung aus einer parallelen Struktur und einem Schleifen-
Konstrukt bestehen. Die parallele Struktur würde Aktivität E und D enthalten. Wenn die par-
allele Struktur innerhalb der Schleife wäre, stellt dies ein Widerspruch dar, da D sich außerhalb
der Schleife befindet. Wäre die parallele Struktur außerhalb der Schleife, wäre dies ebenfalls ein
Widerspruch, denn E liegt innerhalb der Schleife. Es folgt, dass die Annahme einen Widerspruch
darstellt.
Ein Nachweis, dass für ein Konstrukt vom Typ 4A ebenfalls keine Abbildung existiert,
würde analog erfolgen. Damit ist festzuhalten, dass das Konstrukt vom Typ 4A, obwohl
es well-behaved ist, keine Abbildung nach ADEPT besitzt.
5.4 Automatisierbarkeit
Durch die vorigen Abschnitte wurde bereits aufgezeigt, dass es für Konstrukte inner-
halb eines Prozessmodells äquivalente, quasi-äquivalente und auch keine Abbildungen
gibt.
Die Abbildungen von Konstrukten, die ein blockstrukturiertes Pendant besitzen, kön-
nen automatisiert, ohne das Mitwirken einer Fachkraft, erfolgen. Bei Konstrukten, für
die nur eine quasi-äquivalente Abbildung existiert, könnte sich der Umstand ergeben,
dass eine Abbildung in dieser Form vom Modellierer nicht gewünscht wird. Es sollte
bei einer Abbildung eine Abfrage, ob eine Abbildung in ein quasi-äquivalentes Mo-
dell durchgeführt werden soll, erfolgen. Eine Software könnte die Abbildung begleiten
bzw. auch durchführen, und diese Form der Rücksprache realisieren. Auch die Behand-
lung von erkannten Deadlocksituation bei unzulässig verschachtelten Gateway-Paaren
könnte in dieser Form realisiert werden, wenngleich die Erkennung eines Vorschlags
für die Abbildung des Deadlock sich weitaus schwieriger gestalten kann.
Ein Beispiel für solch einen Ansatz könnte die Behandlung des Deadlocks des unzuläs-
53
sig verschachtelten Konstrukts vom Typ 4 sein (siehe Tabelle 5.1). Ein Vorschlag für die
Behandlung des Konstrukts ist in Schaubild 5.24 zu sehen.
ET = SOFT_SYNC_E
B
A
E
C
D
Schaubild 5.24: Vorschlag einer Abbildung der unzulässigen Verschachtelung Typ 4
Natürlich existieren Konstrukte, die Deadlocks verursachen, für die sich ein, bezüg-
lich der Ausführungsemantik möglichst naheliegender Vorschlag, nicht finden lässt.
Ein Deadlock vom Typ 2 aus den unzulässigen Verschachtelungen ist hierfür eventuell
ein Beispiel.
5.4.1 Kombinierte Analyse und Transformation
Die Forscher Hauser et al. stellen in ihrer Arbeit Combining Analysis of Unstructured
Workflows with Transformation to Structered Workflows [17] einen Algorithmus vor, mit
dem es möglich sein soll, die Analyse und eine Abbildung zu automatisieren.
Ein vollständige Vorstellung der Details der Arbeit würde dem zeitlichen Rahmen der
Arbeit nicht gerecht. Es soll aber an dieser Stelle auf die Prinzipien dieser Arbeit einge-
gangen werden.
5.4.1.1 Algorithmus
Das Ziel des Algorithmus ist es, einen sogenannten Regionenbaum eines Modells auf-
zubauen. Dieser Baum wird durch den Algorithmus über Regeln aufgebaut. Prinzipiell
wird jedem Element eines Modells eine einzelne, eindeutige Region zugewiesen. In
der Arbeit wurden Regeln identifiziert, die es erlauben, zwei Regionen zu einer neuen
zusammenzufassen, wenn diese den Regeln entsprechen. Die Regeln sind so gewählt,
dass wenn die zwei Regionen konform zu einer Blockstruktur sind, es die neue Region
ebenfalls ist. Im Modell ersetzt die neue Region die zwei vorigen. Durch das wieder-
holte Ausführen dieses Vorgangs lässt sich ein Binärbaum von den Blättern zur Wurzel
aufbauen. Gleichzeitig reduziert der Algorithmus, falls das Modell blockstrukturiert
ist, das Modell auf eine einzelne Region. Ein Beispiel für einen Regionenbaum und das
dazugehörige Modell wird in den Schaubildern 5.25 und 5.26 dargestellt.
54
Task
Task Task
Task
Task Task
Task
Task
Task
Task Task
Task Task
Task
Schaubild 5.25: Algorithmus Beispielprozess
R1+2+3+4+5+6+7+8+9+10 (Pst)
R1+2+3+4+5+6+7+8 (Pt)R9+10 (Pt)
R1+2+3+4 (Pt)R5+6+7+8 (Cst)
R5+6+7 (Cst)R2+3+4 (Pt)
R5+6 (Ct)
R5R6
R9R10
R1
R3+4 (Cst)
R3+4 (L)R2
R3R4
R8
R7
Schaubild 5.26: Algorithmus Regionenbaum des Beispielprozesses
Für den Fall, dass zwei benachbarte Regionen nicht zusammengefügt werden kön-
nen, weil keine der Regeln für eine blockstrukturierte Abbildung zutreffen, existiert ein
weiterer Satz von Regeln, der das Identifizieren von Deadlocks oder multiplen Instan-
zen einer Aktivität ermöglicht. Nach der Identifikation eines bestimmten Falls, könnte
das Eingreifen einer Fachperson erfolgen.
Der Algorithmus ist in einer allgemeinen, generellen Form verfasst. Um einer Abbil-
dung der BPMN auf ADEPT gerecht zu werden, sind Anpassungen vor allem der Re-
gelsätze von Nöten. Nichtsdestotrotz stellt der Ansatz aus [17] eine hilfreiche Mög-
lichkeit dar, eine Automatisierbarkeit im Sinne eines Mittelwegs aus automatisierbaren
Abbildungen und Eingreifen einer Fachperson zu realisieren.
55
Kapitel 6
Schlussbetrachtung
Wer recht erkennen will, muß zuvor in richtiger Weise gezweifelt haben.
Aristoteles (384-322 v. Chr.)
griech. Philosoph
Nach der Untersuchung der Abbildbarkeit der Notation BPMN auf ADEPT soll
abschließend eine Zusammenfassung der Ergebnisse gegeben werden. Dazu bietet
es sich an, die in der Einleitung aufgeführten Fragen zu beantworten, um damit die
Resultate dieser Arbeit zu erörtern.
Ist jedes Prozessmodell modelliert in der BPMN auf ADEPT abbildbar?
Die Antwort dieser Frage ist leider „Nein“. Es wurde in Kapitel 5 gezeigt, dass es
eine Vielzahl an Mustern innerhalb eines Prozessmodells in BPMN gibt, die kein
Äquivalent in ADEPT besitzen. Die Gründe hierfür liegen in der Konzeption der
Notation BPMN und ADEPT. BPMN wurde klar mit dem Grundsatz der leichten
Verständlichkeit für die Modellierer gechaffen. Die damit implizierten Folgen in Form
des Mangels an strukturellen Vorschriften sind das Kernproblem einer Abbildung auf
ADEPT. Des Weiteren steigert die hohe Vielfalt an Elementen in BPMN die Komplexität
eines Algorithmus, der eine Abbildung inklusive einer Behandlung der strukturellen
Mängel durchführen könnte.
Existiert eine Teilmenge an Elementen in BPMN, die eine vollständige Abbildung nach
ADEPT ermöglichen?
Es wurde bereits erwähnt, dass es für jedes Modell ohne Parallelität (ohne parallele
Gateways) eine blockstrukturierte Abbildung existiert. Natürlich ist das Ausschließen
der parallelen Gateways nicht realitätsnah. Mit dem Einbinden der parallelen Gate-
ways treten aber die Probleme auf, die im vorigen Kapitel bereits erläutert wurden.
Zu diesen zählen eben Laufzeitfehler wie Deadlocks und multiple Instanzen einer
Aktivität, die in einem Workflow nicht auftreten dürfen.
Kann jedes Prozessmodell, das erfolgreich beendet werden kann (well-behaved), in einen
in ADEPT modellierten Workflow umgewandelt werden?
56
Nein. In Abschnitt 5.3.3 wurde gezeigt, dass ein Austritt aus einer Schleife vom Typ 4A
zwar well-behaved ist, aber keine äquivalente blockstrukturierte Form besitzt. Es gibt
somit Konstrukte, die einerseits in ADEPT nicht darstellbar sind und andererseits keine
Laufzeitfehler, wie Deadlocks oder multiple Instanzen einer Aktivität, verursachen.
Gibt es bereits existente Abbildungen der BPMN auf andere blockstrukturierte Notatio-
nen als ADEPT?
Es existieren diverse Untersuchungen [25, 35, 26, 27] der BPMN auf die blockstruktu-
rierte BPEL. In der BPEL existieren wie in ADEPT blockstrukturierte Grundkonstrukte
und die Vorschrift, Schleifen nur durch ein entsprechendes Grundkonstrukt modellie-
ren zu können. Jedoch bietet BPEL Erweiterungen wie die Elemente „flow“ und „link“,
die unstrukturierte parallele Konstrukte ermöglichen, sowie den sogenannten „event
handler“ [35]. Viele dieser Arbeiten orientieren sich sehr stark an der Überwindung
der Abbildungsbarrieren anhand dieser Sonderkonstrukte. Das Ziel dieser Arbeit ist
es, die Abbildbarkeitsbarrieren zwischen BPMN und ADEPT zu erläutern.
In welcher Form wirken sich Erweiterungen der blockstrukturierten Notation ADEPT
auf die Abbildbarkeit aus?
Ein interessantes Resultat ist die Erweiterung der Abbildungsmöglichkeiten einer
unstrukturierten Notation auf eine blockstrukturierte Notation durch Synchronisation-
kanten. Diese erlauben eine Abbildung unzulässig verschachtelter Konstrukte, die nur
aus parallelen Gateways bestehen, in eine äquivalente blockstrukturierte Form.
Könnte die blockstrukturierte Notation ADEPT um weitere Elemente bzw. Konstrukte
erweitert werden, um die Abbildbarkeit zu erhöhen?
Eine Erweiterung könnte das Einfügen eines Elementes wie das inklusive Gateway
sein. Die Semantik des inklusiven Gateway als Join-Element, bei dem das Gateway auf
alle aktivierten Pfade wartet und erst nach erfolgreicher Ausführung aller aktivierten
Pfade den nachfolgenden Pfad aktiviert, fehlt in dieser Form als einzelnes Element
in ADEPT. Ein blockstrukturiertes Konstrukt zur Modellierung dieses Umstands ist
natürlich durch exklusive und parallele Gateways simulierbar, wäre aber subjektiv
über ein eigenes Element intuitiver modellierbar.
Nach der Beantwortung ausgewählter Fragen zur Abbildbarkeit der BPMN auf
ADEPT bleibt insgesamt festzustellen, dass die mangelnde vollständige Abbildbarkeit
unstrukturierter Prozessmodelle auf Workflows auf die Konzeption der Notationen
zurückzuführen ist. Der Wunsch der strukturell uneingeschränkten Modellierung
ist nicht mit den unabdingbaren Ansprüchen der Software, die die Prozesse bzw.
Workflows ausführen sollen, nach Sicherheit vor Ausführungsfehlern zu vereinbaren.
Es sollte aber möglich sein, durch angepasste Algorithmen eine weitestgehende
Abbildung der unstrukturierten Prozessmodelle durchzuführen, um die Workflows
nicht komplett nachmodellieren zu müssen.
57
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60