Dynamische Änderung von Serverzuordnungen in verteilten Workflow-Management-Systemen
Datenbank-Spektrum 4/2002 59
Prozessorientierte Anwendungen lassen
sich nur durch die Verwendung eines
Workflow-Management-Systems (WfMS)
mit vernünftigem Aufwand und zu akzep-
tablen Kosten realisieren. Jedoch stoßen
zentrale WfMS mit nur einem einzigen
Server zur Steuerung aller Workflows
(WF) oftmals sehr schnell an ihre Leis-
tungsgrenze. Zur Erhöhung der Skalier-
barkeit von WfMS werden deshalb zahl-
reiche Ansätze für die Realisierung von
WfMS mit mehreren WF-Servern vorge-
schlagen. Bei vielen dieser Multi-Server-
WfMS wird der konkrete WF-Server zur
Kontrolle einer bestimmten WF-Aktivität
meist durch eine Serverzuordnung festge-
legt. Jedoch entstehen bei solchen verteil-
ten WfMS Probleme, wenn einzelne Kom-
ponenten (WF-Server, Teilnetze oder
Gateways) überlastet sind oder ausfallen.
Eine aus anderen Bereichen der Informa-
tik bekannte Vorgehensweise ist in sol-
chen Fällen, die Hardwarezuordnung
dynamisch zu verändern. In der vorlie-
genden Arbeit wird erstmalig untersucht,
inwieweit durch eine dieser Vorgehens-
weise entsprechende dynamische Ände-
rung von Serverzuordnungen in verteilten
WfMS geeignet auf Überlast- und Aus-
fallsituationen reagiert werden kann.1
1 Einleitung
WfMS ermöglichen die computerunter-
stützte Ausführung von Arbeitsprozessen
(engl. Workflow; kurz: WF) in einer ver-
teilten Systemumgebung (vgl. [AH02,
JBS97, LR00, Obe96]). Der entscheiden-
de Vorteil von WfMS ist, dass sie helfen,
prozessorientierte Anwendungssysteme
überschaubarer und damit besser wartbar
zu gestalten. Dazu wird der applikations-
spezifische Code der benutzten Anwen-
dungen von der Ablauflogik des Ge-
schäftsprozesses (»Prozesslogik«) ge-
trennt. Anstelle eines großen monolithi-
1. Diese Arbeit wurde im Rahmen des von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)
geförderten Projekteslierbarkeit in adaptiven
Workflow-Management-Systemen« erstellt.
schen Programmpakets erhält man ein-
zelne Aktivitäten, welche die Anwen-
dungsprogramme repräsentieren. Ihre
Ablauflogik wird in einer separaten Be-
schreibung festgelegt, welche die Aus-
führungsreihenfolge (Sequenz, bedingte
oder parallele Verzweigung, Schleifen)
der einzelnen Aktivitäten und die Daten-
flüsse zwischen ihnen bestimmt. Durch
die beschriebene Trennung können Ent-
wurfsfehler bzgl. des Prozessablaufs
noch vor Implementierung der eigentli-
chen Anwendungskomponenten entdeckt
werden. Aus denselben Gründen sind
spätere Änderungen der Geschäftspro-
zesse und dadurch notwendige Anpas-
sungen der Anwendungssysteme einfa-
cher durchführbar.
Ausgehend von einem solchen WF-
Modell können berechtigte Benutzer zur
Laufzeit neue WF-Instanzen erzeugen
und starten. Die Ausführung dieser WF-
Instanzen wird vom WfMS über ihre
komplette Lebendauer hinweg koordi-
niert und überwacht. Dabei sorgt das
WfMS dafür, dass jeweils nur solche Ak-
tivitäten einer WF-Instanz bearbeitbar
sind, die der Ablauflogik zufolge aktuell
zur Ausführung anstehen. Diese werden
in die Arbeitslisten berechtigter Benutzer
eingefügt. Welche Personen zur Bearbei-
tung einer bestimmten Aktivität autori-
siert sind, wird dabei meist durch Angabe
einer Rolle festgelegt, die auch den ent-
sprechenden Bearbeitern zugeordnet sein
muss. Dabei ist es möglich, dass mehrere
Benutzer ermittelt werden, die für die Be-
arbeitung einer bestimmten Aktivität in
Frage kommen.
Generell besteht bei (zentralen)
WfMS das Problem, dass der einzelne
WF-Server durch die vielen zu erledigen-
den Aufgaben (z.B. Aktualisieren von
Benutzerarbeitslisten, interpretative Aus-
führung von WF-Graphen, Starten von
Aktivitätenprogrammen) und durch die
hohe Anzahl der zu kontrollierenden WF-
Instanzen überlastet sein kann. Zur Ver-
meidung von Überlastsituationen in
WfMS wurden in der Vergangenheit zahl-
reiche Ansätze für ein verteiltes WF-Ma-
nagement entwickelt (z.B. [Bau01,
MWW+98, SNS99]). Ihnen liegt allesamt
die Idee zugrunde, dass die zu bewälti-
gende Last auf mehrere WF-Server auf-
geteilt wird. Des Weiteren wird üblicher-
weise versucht, für die Kontrolle der Ak-
tivitäten jeweils einen gut geeigneten
WF-Server auszuwählen. Hierfür bietet
sich z.B. der WF-Server desjenigen Teil-
netzes an, in welchem die Mehrzahl der
potenziellen Bearbeiter der jeweiligen
Aktivität angesiedelt ist. Durch die topo-
logische Nähe der entsprechenden WF-
Clients zum betroffenen WF-Server er-
gibt sich bei dieser Art der Serverzuord-
nung ein günstiges Kommunikationsver-
halten (vgl. [Bau01, BD99]), d.h., es re-
sultieren kurze Antwortzeiten und niedri-
ge Kommunikationskosten.
Üblicherweise wird bei den in der
Literatur diskutierten Ansätzen für ver-
teiltes WF-Management der für eine be-
stimmte WF-Aktivität zuständige WF-
Server bereits bei der Modellierung des
betreffenden Workflow festgelegt. In be-
stimmten Situationen kann es jedoch
sinnvoll sein, von diesen vorgeplanten
Serverzuordnungen abzuweichen. Eine
auch aus anderen Bereichen der Informa-
tik bekannte Vorgehensweise ist in die-
sem Zusammenhang, die Zuordnung von
Aufgaben zu Hardwarekomponenten erst
zur Ausführungszeit durchzuführen. Ein
Beispiel hierfür ist das Prozess-Schedu-
ling in Betriebssystemen (vgl. [CK88,
Gos91]). Hier wird der Prozessor für die
Ausführung eines Betriebssystemprozes-
ses meist erst bei dessen Start ausgewählt.
Auch bei der verteilten Systemumgebung
CORBA [OMG95] sowie gängigen Ap-
plikationsservern wird der Server zur Be-
arbeitung eines Methodenaufrufs ggf.
erst zur Laufzeit ausgewählt. Dabei kann
die aktuelle Last- und Ausfallsituation
berücksichtigt werden.
Wird diese weit verbreitete Vorge-
hensweise auf verteilte WfMS übertra-
gen, kann dadurch etwa versucht werden,
die Überlastung einer WfMS-Kompo-
nente (WF-Server, Teilnetz oder Gate-
way) zu kompensieren. Ist zum Beispiel
ein bestimmter WF-Server überlastet,
können Aufgaben, für die er ursprünglich
vorgesehen war, einem anderen, augen-
blicklich weniger belasteten Server über-
tragen werden. Ein anderes Szenario, in
dem von einer dynamischen (also zur
Laufzeit der WF-Instanzen stattfinden-
Thomas Bauer, Manfred Reichert
Dynamische Änderung von Server-
zuordnungen in verteilten Workflow-
Management-Systemen
Diese Arbeit wurde im Rahmen des von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ge-
förderten Projektes »Skalierbarkeit in adaptiven
Workflow-Management-Systemen« erstellt.
Dynamische Änderung von Serverzuordnungen in verteilten Workflow-Management-Systemen
60 Datenbank-Spektrum 4/2002
den) Veränderung der Serverzuordnun-
gen – im Folgenden kurz dynamische Ser-
veränderungen genannt – Gebrauch ge-
macht werden kann, ist der Ausfall von
Komponenten des WfMS. In diesem Fall
kann (dynamisch) ein anderer WF-Server
für die Kontrolle der betroffenen Aktivi-
täten bzw. Aktivitäteninstanzen gewählt
werden.
Aus den dargelegten Gründen er-
scheint die Verwendung dynamischer
Serveränderungen – zumindest bei ober-
flächlicher Betrachtung – sehr vorteilhaft
zu sein. Wir haben deshalb systematisch
untersucht, ob und wie dynamische Ser-
veränderungen zur Lösung der genannten
Probleme (Überlastung bzw. Ausfall von
Systemkomponenten) sinnvoll verwendet
werden können. Interessanterweise hat
sich dabei herausgestellt, dass dynami-
sche Serveränderungen für die Behand-
lung von Ausfall- und Überlastsituatio-
nen nur bedingt geeignet sind. Der Haupt-
beitrag dieser Arbeit besteht darin, aufzu-
zeigen, warum dem so ist und welche
speziellen Schwierigkeiten mit einem
solchen Ansatz verbunden sind. Des Wei-
teren wird dargelegt, wie der Überlastung
und dem Ausfall von WfMS-Komponen-
ten durch alternative Verfahren, wie sie
das von uns entwickelte verteilte WF-
Ausführungsmodell ADEPTdistribution
(vgl. [Bau01, BD97, BRD01b]) bietet,
geeigneter begegnet werden kann.
Der vorliegende Beitrag unterschei-
det sich von unseren bisherigen Veröf-
fentlichungen zu verteiltem Workflow-
Management dadurch, dass die WF-Ser-
ver im ADEPTdistribution-Ausführungs-
modell den Aktivitäten bereits zur Mo-
dellierungszeit zugeordnet werden oder
diese Zuordnung zumindest vorgeplant
wird (vgl. [BD00]). Ziel dabei ist es pri-
mär, die Belastung des Kommunikations-
systems zu reduzieren. In diesem Beitrag
wollen wir untersuchen, welches Potenzi-
al in einer dynamischen Veränderung die-
ser Serverzuordnungen bei der Ausfüh-
rung der WF-Instanzen liegt.
Im nachfolgenden Abschnitt werden
wichtige Grundlagen für verteiltes WF-
Management skizziert. Sie sind für das
weitere Verständnis dieses Beitrags not-
wendig. Abschnitt 3 untersucht, in wel-
chen Zuständen einer WF-Instanz dyna-
mische Änderungen von Serverzuord-
nungen möglich und sinnvoll sind. Der
nachfolgende Abschnitt 4 widmet sich
der Behandlung von Überlastsituationen,
während Abschnitt 5 auf den Ausfall von
Komponenten des verteilten WfMS ein-
geht. Abschnitt 6 behandelt Alternativen
zu dynamischen Serveränderungen, mit
denen sich die beschriebenen Problem-
stellungen besser lösen lassen. Abschnitt
7 diskutiert verwandte Ansätze. Der Bei-
trag schließt mit einer Zusammenfassung
der gewonnenen Erkenntnisse.
2 Verteiltes Workflow-
Management
Wir betrachten im Folgenden unterneh-
mensweite oder -übergreifende WF-An-
wendungen (vgl. [DR99, WWW+96]) im
operativen Einsatz. In [KAGM96, SK97]
etwa werden Szenarien beschrieben, bei
denen die Zahl der Benutzer des WfMS
bis auf einige zehntausend anwachsen
kann oder mehrere zehntausend WF-In-
stanzen gleichzeitig im System ablaufen
können. Durch diese hohe Anzahl von
Benutzern und gleichzeitig ausgeführten
WF-Instanzen wird eine sehr große Last
für die WF-Server und das Kommunika-
tionssystem erzeugt. Als Folge können
Komponenten des WfMS überlastet wer-
den.
Zur Vermeidung von Überlastsituati-
onen wird von verschiedener Seite vorge-
schlagen, eine WF-Instanz nicht nur von
einem einzigen WF-Server kontrollieren
zu lassen, sondern ihren WF-Graphen ge-
eignet zu partitionieren und abschnitts-
weise von verschiedenen WF-Servern zu
steuern. Dieser Ansatz wird auch von
ADEPTdistribution (vgl. [Bau01, BD97]),
der verteilten Variante des von uns entwi-
ckelten ADEPT-WfMS (vgl. [DRK00,
RD98, RBFD01]), verfolgt (vgl. Abb. 1).
Wird nun bei der Ausführung einer
WF-Instanz eines bestimmten WF-Typs
das Ende einer Partition erreicht, wird
ihre Kontrolle an den nächsten WF-Ser-
ver weitergereicht. Um solche Migratio-
nen zu ermöglichen, muss jeweils eine
Beschreibung des Zustands der WF-In-
stanz (aktueller Ausführungszustand und
aktuelle Werte von Parameterdaten der
Aktivitätenprogramme) zu diesem Server
transportiert werden (vgl. [BRD01b]).
Wie bereits erwähnt, verwenden auch
andere Ansätze eine solche Partitio-
nierung von WF-Graphen zur Modellier-
zeit und die zugehörigen Migrationen
während der Ausführungszeit (z.B.
[CGP+96, MWW+98]). Einige dieser
Ansätze verfolgen zusätzlich das Ziel, die
Kommunikationskosten zu minimieren.
Konkrete Erfahrungen mit existierenden
WfMS haben gezeigt, dass zwischen ei-
nem WF-Server und seinen WF-Clients
sehr viel kommuniziert wird und zum
Teil auch große Datenmengen ausge-
tauscht werden (vgl. [Mar01]). Dies kann
dazu führen, dass das Kommunikations-
system überlastet wird. Deshalb wird in
ADEPTdistribution zur Modellierzeit für
jeden Aktivitätentyp automatisch derje-
nige WF-Server berechnet, durch dessen
Verwendung der Gesamtkommunikati-
onsaufwand minimiert wird (vgl. [BD97,
BD00]). In der Regel wird dabei der WF-
Server einer Aktivität so gewählt, dass er
im Teilnetz der Mehrzahl ihrer potenziel-
len Bearbeiter liegt. Allerdings wird bei
der Berechnung der Serverzuordnung
auch berücksichtigt, dass die Migratio-
nen selbst ebenfalls (Netzwerk-)Last ver-
ursachen (vgl. [BD97]).
ADEPTdistribution erfüllt darüber hin-
aus die Konsistenzbedingung, dass die
verteilte Ausführung von Workflows äqui-
valent (bzgl. der den Benutzern ermög-
lichten Aktionen) zu einer von einem zen-
tralen WF-Server gesteuerten WF-Aus-
führung ist (vgl. [Bau01, WW97]). Dabei
Abb. 1: a) Migration einer WF-Instanz und b) daraus resultierender Zustand der WF-Instanz
Dynamische Änderung von Serverzuordnungen in verteilten Workflow-Management-Systemen
Datenbank-Spektrum 4/2002 61
ist die Systemarchitektur von ADEPTdis-
tribution so gestaltet, dass die verschiede-
nen WF-Server auf getrennten (jeweils lo-
kal platzierten) Datenbanken arbeiten. Die
Synchronisation und der Austausch von
Daten zwischen diesen WF-Servern (und
damit auch zwischen den Datenbanken)
erfolgt ausschließlich durch die schon er-
wähnten Migrationen. (Die Anwendungs-
daten werden, soweit dies möglich ist,
ebenfalls vom WfMS verwaltet, so dass
auch diese in Migrationen einbezogen
werden können.)
Die beschriebene Vorgehensweise ist
wesentlich effizienter (vgl. hierzu [BD97,
BD99, BRD01b])1 als etwa eine Replika-
tion der Daten auf Datenbankebene, da
hier zusätzlich Anwendungswissen ge-
nutzt werden kann. Aus demselben
Grund ist das WfMS besser in der Lage,
(durch eine geeignete Serverauswahl) die
Kommunikationslast zu reduzieren, als
dies durch eine tiefer liegende Schicht
(z.B. das Betriebssystem) möglich wäre.
Die WF-Clients sind mit mehreren WF-
Servern verbunden, ggf. sogar mit allen
WF-Servern des WfMS. Allerdings be-
findet sich normalerweise genau ein WF-
Server in ihrer Domäne. Zu diesem be-
steht, wegen dessen lokaler Lage, eine be-
sonders schnelle (und auch kostengünsti-
ge) Verbindung. Deshalb ist es vorteil-
haft, wenn die von einem WF-Client aus-
geführten Aktivitäteninstanzen vom lokal
gelegenen WF-Server kontrolliert wer-
den.
3 Realisierungsvarianten für dyn.
Serveränderungen
Die Art und Weise, wie dynamische Ser-
veränderungen durchgeführt werden, hat
großen Einfluss auf die entstehenden
Kosten und den resultierenden Nutzen. In
diesem Abschnitt untersuchen wir die ge-
nerellen Möglichkeiten zur Durchfüh-
rung von Migrationen, bei denen der Ziel-
server erst zur Ausführungszeit festgelegt
wird (dynamische Migration). Die dyna-
mischen Migrationen sollen dazu dienen,
ein für die Benutzer des WfMS günstiges
Verhalten zu erzielen (Quality of Ser-
vice).
1. In [BRD01b] wird ein Verfahren vorgestellt,
mit dem nicht der gesamte Datenkontext der
migrierten WF-Instanz übertragen werden
muss, sondern nur die tatsächlich für die wei-
tere WF-Ausführung noch benötigten Daten.
Es geht also darum, die Verfügbarkeit
und das Antwortzeitverhalten des WfMS
zu verbessern. Eine Erhöhung des
WfMS-Durchsatzes ist nicht unser Ziel,
da dies für die Benutzer des WfMS kei-
nen unmittelbaren Vorteil bringt. (Eine
Erhöhung des Durchsatzes lässt sich im
Falle von Überlastungen am einfachsten
durch die Suspendierung von WF-Instan-
zen erreichen, allerdings auf Kosten der
Antwortzeiten. Der für die Durchführung
von Migrationen notwendige Aufwand
kann den Gesamt-Systemdurchsatz na-
türlich nur verschlechtern.)
Damit die Reaktion auf die Überlas-
tung oder den Ausfall von WfMS-Kom-
ponenten möglichst zeitnah erfolgen
kann, sollte der WF-Server der aktuell zu
bearbeitenden Aktivität(en) modifiziert
werden. Um eine größere Wirkung zu er-
zielen und um unnötige Migrationen zu
verhindern, empfiehlt es sich dabei, stets
die Serverzuordnung der gesamten aktu-
ellen Partition zu verändern. Entschei-
dend ist hierbei der Zeitpunkt, zu dem
dies geschieht. Prinzipiell bestehen die
folgenden Möglichkeiten (vgl. Abb. 2):
Ansatz 1:
Dynamische Serveränderungen kön-
nen zu beliebigen Zeitpunkten erfolgen
Bei diesem Ansatz werden dynamische
Abweichungen von den zur Modellie-
rungszeit festgelegten Serverzuordnun-
gen zu beliebigen Zeitpunkten zugelas-
sen. Dies hat natürlich zur Folge, dass der
ursprünglich vorgesehene WF-Server alle
in die Bearbeitung der aktuellen Aktivität
involvierten WF-Clients über die Ände-
rung informieren muss. Dies wird not-
wendig, da Rückmeldungen zur aktuellen
Aktivität von den betreffenden WF-Cli-
ents ansonsten an den falschen (nämlich
veralteten) WF-Server gerichtet werden.
Außerdem wird mit diesem Ansatz bei
Serveränderungen meist eine zusätzliche
Migration notwendig.
Ansatz 2:
Dynamische Serveränderungen sind
für bereits aktivierte, aber noch nicht
selektierte Aktivitäten unzulässig
Bei dieser Vorgehensweise erfolgen kei-
ne dynamischen Migrationsentscheidun-
gen, wenn sich die Aktivität (des betrof-
fenen Ausführungszweigs) aktuell im
Zustand ACTIVATED befindet. In die-
sem Zustand wartet das WfMS darauf,
dass einer der (evtl. zahlreichen) potenzi-
ellen Bearbeiter der Aktivität diese aus
seiner Arbeitsliste auswählt und startet
(vgl. [Bau01, RD98]). Der Ausschluss
dynamischer Migrationen für diesen Fall
hat den Vorteil, dass dann noch maximal
ein Client (nämlich derjenige, der die Ak-
tivität tatsächlich bearbeitet) über die Ser-
veränderung informiert werden muss.
Ansatz 3:
Dynamische Serveränderungen sind
nur nach Beendigung von Aktivitäten
erlaubt
Sind dynamische Migrationen nur dann
möglich, wenn aktuell ein Übergang zwi-
schen zwei aufeinander folgenden Akti-
vitäten stattfindet, dann ist augenblick-
lich auch kein WF-Client in den
betrachteten Ausführungszweig der WF-
Instanz involviert. (Die abgeschlossene
Aktivität steht in keiner Arbeitsliste
mehr, wird also nicht mehr bearbeitet,
und für die nachfolgende Aktivität gibt es
noch keine Arbeitslisteneinträge.) Des-
halb muss auch kein WF-Client über die
dynamische Serveränderung informiert
werden; WF-Clients müssen bei Ansatz 3
nicht einmal wissen, dass solche Server-
änderungen zur Laufzeit möglich sind. Es
muss lediglich eine Migration durchge-
führt werden, um die dynamische Server-
änderung umzusetzen.
Ansatz 4:
Dynamische Serveränderungen sind
nur bei ohnehin vorgesehenen Migrati-
onen bzw. Partitionswechseln erlaubt
Werden dynamische Migrationsentschei-
dungen nur gefällt, wenn an der entspre-
chenden Stelle des WF-Graphen zur Mo-
dellierungszeit ohnehin eine Migration
vorgesehen worden ist, dann ist lediglich
der Zielserver der (anstehenden) Migrati-
on zu verändern. Bei dieser Vorgehens-
weise werden insbesondere keine zusätz-
lichen Migrationen notwendig.
Wir wollen nun untersuchen, wie effizient
die vier vorgestellten Varianten sind: Die
Ansätze 1 und 2 sind in ihrer Realisierung
wesentlich aufwendiger als die beiden an-
deren Ansätze, weil in die dynamische
Serveränderung evtl. WF-Clients einbe-
zogen werden müssen. Außerdem erfor-
dern sie mehr Kommunikation und sind
fehleranfälliger. Fehler können z.B. ent-
stehen, wenn ein WF-Client, der vor-
übergehend nicht erreichbar war, nun die
Ausgabedaten eines beendeten Aktivitä-
Dynamische Änderung von Serverzuordnungen in verteilten Workflow-Management-Systemen
62 Datenbank-Spektrum 4/2002
tenprogramms an einen inzwischen veral-
teten WF-Server zurückgeben will.
Der Ansatz 3 erzeugt ebenfalls Kom-
munikationslast, da bei dynamischen Ser-
veränderungen zusätzliche Migrationen
durchgeführt werden müssen. Diese brin-
gen stets einen gewissen Aufwand mit
sich, insbesondere für das Kommunikati-
onssystem (vgl. [BD99]).
Nur der Ansatz 4 erfordert keine zu-
sätzliche Kommunikation und hat auch
keine Auswirkungen auf die WF-Clients.
Da keine Migrationen notwendig werden,
entspricht dieser Ansatz auch am ehesten
den Schedulingverfahren für Betriebssys-
temprozesse (vgl. [Gos91]). Bei diesen
wird normalerweise angenommen, dass
(noch) kein Prozesskontext existiert oder
dass dieser ohnehin auf allen beteiligten
Knoten vorhanden ist. Deshalb müssen
bei einem Prozessorwechsel (fast) keine
Daten übertragen werden. Hierzu ver-
gleichbar ist, dass bei einer dynamischen
Serverwahl kein Aufwand für eine zu-
sätzliche Migration anfällt.
Dynamische Migrationen sind aber
beim Ansatz 4 (aufgrund des geforderten
Bearbeitungszustands) für weniger WF-
Instanzen möglich. Der Grund dafür ist,
dass hier nur solche Instanzen migriert
werden können, bei denen gerade eine
(vorgeplante) Migration erfolgt. Dennoch
dürften sich bei diesem Ansatz weiterhin
genügend WF-Instanzen für dynamische
Migrationen eignen, da ein WF-Server in
dem eingangs beschriebenen Szenario zu
jedem Zeitpunkt sehr viele WF-Instanzen
kontrolliert. Dies gilt insbesondere für die
betrachteten Hochleistungs-WfMS. Ge-
nerell ist ohnehin nicht zu empfehlen, dy-
namische Serveränderungen für zu viele
WF-Instanzen auf einmal durchzuführen,
da dies zur Unterlastung des vormals
überlasteten Servers führen könnte, also
zu einem »Schwingen« der Last.
Um uns nicht unnötig einzuschrän-
ken, werden im Folgenden, trotz der er-
wähnten Schwächen bzw. Nachteile der
Ansätze 1 bis 3, jeweils alle Ansätze wei-
terverfolgt. Dabei wird untersucht, wel-
che Ansätze zur Lösung der jeweiligen
Problemstellung am besten geeignet sind.
4 Behandlung von
Überlastsituationen
Im Folgenden wird untersucht, inwieweit
die Ansätze 1 bis 4 geeignet sind, um eine
Überlastung bestimmter Komponenten
des WfMS zu kompensieren. Dabei wird
zuerst auf Überlastungen einzelner Kom-
ponenten des Kommunikationssystems
(Teilnetze, Gateways) und dann auf Über-
lastungen von WF-Servern eingegangen.
Im Anschluss daran werden Fragestellun-
gen diskutiert, die das Verhalten von dy-
namischen Serveränderungen im Allge-
meinen betreffen.
4.1 Überlastung von Komponenten des
Kommunikationssystems
Überlastung von Teilnetzen
Es wird das in Abbildung 3 dargestellte
Szenario unterstellt: Ein Teilnetz x des
WfMS ist augenblicklich überlastet, so
dass inakzeptable Antwortzeiten entste-
hen. Diese Überlastung soll behoben wer-
den, indem WF-Instanzen, die von dem
WF-Server dieses Teilnetzes kontrolliert
werden sollen, einem anderen WF-Server
zugeordnet werden.
Leider ist es durch dynamische Ser-
veränderungen nicht möglich, das Teil-
netz x zu entlasten, wenn der Großteil der
potenziellen Bearbeiter der anstehenden
Aktivitäten diesem Teilnetz angehört. Die
Kommunikation zwischen den WF-Cli-
ents dieser Benutzer und dem WF-Server
wird in einem solchen Fall weiterhin
durch das Teilnetz x laufen, da die Clients
in diesem Teilnetz angesiedelt sind. Des-
halb wird das überlastete Teilnetz nicht
signifikant entlastet.
Ungünstigerweise bildet die beschrie-
bene Bearbeiterverteilung aber den Re-
gelfall. Meist befindet sich ein Großteil
der potenziellen Bearbeiter im Teilnetz
desjenigen WF-Servers, welcher die ak-
tuelle Partition kontrolliert. Dieser Server
wurde – sinnvollerweise – gerade wegen
dieser Bearbeiterverteilung ausgewählt,
mit dem Ziel Kommunikationskosten
einzusparen (vgl. Abschnitt 2). Dieses
Ziel wird durch Einsatz dynamischer Mi-
grationen jedoch konterkariert.
Wird für die dynamische Serverände-
rung einer der Ansätze 1 bis 3 aus Ab-
schnitt 3 verwendet, so wird die Gesamt-
situation durch die zusätzlich notwendig
werdende Migration zunächst sogar noch
verschlechtert. Der Grund dafür ist, dass
eine Migration mit dem WF-Server des
Teilnetzes x als Quellserver immer auch
zu einer Belastung von Teilnetz x führt.
Eine Verwendung der Ansätze 1 oder 2
verschlechtert die Lastsituation weiter, da
hier die dynamische Serveränderung
auch noch zusätzliche Kommunikationen
mit Clients erforderlich macht.
Überlastung von Gateways
Ist ein Gateway (z.B. eine Fernkommuni-
kationsleitung) überlastet, so kann eine
ähnliche Vorgehensweise wie bei über-
lasteten Teilnetzen gewählt werden: WF-
Instanzen werden dynamisch zu einem
WF-Server migriert, dessen Teilnetz
nicht an dieses Gateway angeschlossen
ist. Allerdings ergeben sich bei dieser
Vorgehensweise ähnliche Probleme wie
im vorherigen Abschnitt beschrieben, so
dass sie als nicht empfehlenswert zu be-
trachten ist. Die erzielten Vorteile sind so-
gar geringer, da mit dem Teilnetz des ur-
sprünglich vorgesehenen WF-Servers
mehrere Gateways verbunden sind, die
durch die dynamische Migration alle ent-
lastet werden. Die Entlastung des Gate-
ways fällt dadurch nur anteilsmäßig aus.
4.2 Überlastung von WF-Servern
Von einem überlasteten WF-Server spre-
chen wir, wenn dieser die aktuell anste-
henden Aufgaben nicht mehr (vollstän-
dig) bewältigen kann. Ein solcher WF-
Server kann entlastet werden, indem WF-
Instanzen von ihm »wegmigriert« werden
bzw. WF-Instanzen, für deren Bearbei-
Abb. 2: Realisierungsvarianten für dynamische Serveränderungen
Dynamische Änderung von Serverzuordnungen in verteilten Workflow-Management-Systemen
Datenbank-Spektrum 4/2002 63
tung er vorgesehen war, erst gar nicht zu
ihm transferiert werden.
Bei diesem Szenario führen dynami-
sche Serveränderungen schon eher zum
gewünschten Ziel, da der WF-Server tat-
sächlich weniger WF-Instanzen kontrol-
lieren muss. Allerdings wird ein überlas-
teter WF-Server bei den Ansätzen 1 bis 3
(vgl. Abschnitt 3) durch die zusätzliche
Migration weiter belastet. Da der Auf-
wand für die zusätzliche Migration (we-
gen der größeren Datenmenge) häufig
wesentlich größer ist als für eine reguläre
Aktivitätenausführung (siehe hierzu
[BRD01b]), kann sich das Verfahren so-
gar als nachteilig erweisen. Bei den An-
sätzen 1 und 2 kommen für den WF-Ser-
ver bei der dynamischen Serveränderung
auch noch Interaktionen mit den aktuel-
len Clients hinzu, was zusätzlichen Auf-
wand bedeutet. Außerdem verschlechtern
die im nachfolgenden Abschnitt beschrie-
benen generellen Nachteile dynamischer
Migrationen bei der Behebung von Über-
lastsituationen die Güte des diskutierten
Ansatzes weiter.
4.3 Allgemeine Betrachtungen
zu dynamischen Serveränderungen
in Überlastsituationen
Nachdem wir die Verfahren für dynami-
sche Migrationen bei Überlastung von
Komponenten des Kommunikationssys-
tems bzw. bei Überlastung von WF-Ser-
vern skizziert haben, wenden wir uns nun
generellen Schwierigkeiten der Verfahren
zu.
Wie alle Verfahren zur Lastbalancie-
rung erfordern auch die vorgestellten An-
sätze einen Austausch von Lastinformati-
on (in irgendeiner Form). Dabei ist irre-
levant, welches Verfahren konkret ver-
wendet wird. Vom verteilten Scheduling
von Betriebssystemprozessen sind hierzu
zahlreiche Varianten bekannt (vgl.
[Gos91]). So kann z.B. periodisch ein
Lastinformationsaustausch zwischen den
WF-Servern stattfinden oder bei einer an-
stehenden Migrationsentscheidung kann
bei potenziellen Zielservern nachgefragt
werden, wie stark diese aktuell belastet
sind. Bei all diesen Varianten trägt die
Verwendung von dynamischen Serverän-
derungen selbst zur Überlastung von
Komponenten des WfMS bei. Allerdings
kann dieser Nachteil durch die Verwen-
dung eines »Huckepack-Verfahrens«
(vgl. [Tan96]) abgeschwächt werden: Die
(relativ kleine) auszutauschende Last-
information wird bei anderen, ohnehin
notwendigen Kommunikationen mitüber-
tragen. Falls angenommen werden kann,
dass zwischen allen Paaren von WF-Ser-
vern ausreichend häufig solche Kommu-
nikationen (z.B. Migrationen) stattfinden,
dann werden für den Lastinformations-
austausch keine zusätzlichen Nachrichten
notwendig, sondern es wird lediglich das
zu übertragende Datenvolumen (gering-
fügig) erhöht.
Ein gravierenderer Nachteil lastab-
hängiger dynamischer Serveränderungen
resultiert aus den in der Praxis häufig auf-
tretenden langen »Pausen« bei der Abar-
beitung einzelner WF-Instanzen. Diese
Pausen können einerseits aus eventuellen
Prioritäten der Bearbeiter resultieren, an-
dererseits gibt es Workflows, bei denen
ein aktivierter Schritt für Tage oder gar
Wochen ruht, bevor er tatsächlich ausge-
führt wird. (Dieser Fall kann z.B. im me-
dizinischen Bereich bei lang andauernden
Therapieprozessen auftreten.) Eine zur
Entlastung einer Komponente dynamisch
migrierte WF-Instanz kann also längere
Zeit ruhen. Folglich wird in diesem Fall
kurzfristig überhaupt keine Entlastung er-
reicht. Die Entlastung der Komponente
findet erst viel später statt, zu einem Zeit-
punkt, an dem sie möglicherweise sogar
unterlastet ist. Bei Verwendung der An-
sätze 1 bis 3 ist die Situation noch
schlechter: Die Migration, die zur Entlas-
tung durchgeführt wird (und bei den An-
sätzen 1 und 2 auch die notwendig wer-
dende Interaktion mit den Clients), wird
sofort ausgeführt, weshalb zusätzlicher
Aufwand zu einem Zeitpunkt entsteht, an
dem die Überlastung noch andauert. Die-
ser negative Effekt ist bei WfMS wesent-
lich stärker ausgeprägt als beim Betriebs-
system-Scheduling, da WF-Instanzen
eine wesentlich größere Datenmenge
umfassen als übliche Betriebssystem-
prozesse. Außerdem werden beim Be-
triebssystem-Scheduling üblicherweise
ausschließlich noch nicht gestartete Pro-
zesse transferiert, so dass kein Prozess-
kontext zu übertragen ist.
4.4 Fazit
In Anbetracht der diskutierten Nachteile
sind dynamische Serveränderungen we-
nig geeignet, um der Überlastung von
Komponenten des Kommunikationssys-
tems begegnen zu können. Lediglich eine
Entlastung von WF-Servern ist theore-
tisch möglich, doch auch diese tritt erst
deutlich verzögert ein. Wird ein entspre-
chendes Verfahren gewählt, so sollte un-
bedingt der Ansatz 4 aus Abschnitt 3 ver-
wendet werden, um den WF-Server nicht
zusätzlich zu belasten. Dynamische Mig-
rationen haben sich in Überlastsituatio-
nen also als eher ungeeignet erwiesen.
5 Behandlung von
Ausfallsituationen
Um auf den Ausfall von WF-Servern,
Teilnetzen und Gateways reagieren zu
können, wird folgende Idee umgesetzt:
(Partitionen von) WF-Instanzen, die von
dem Ausfall betroffen und deshalb blo-
ckiert sind, werden dynamisch einem an-
deren WF-Server zugeordnet. Wie wir
noch sehen werden, spielt es dabei keine
Rolle, ob dadurch der Ausfall eines WF-
Servers oder einer Komponente des Kom-
munikationssystems kompensiert werden
soll. Deshalb werden diese Fälle im Fol-
genden gemeinsam betrachtet.
Abb. 3: Dynamische Änderung von Serverzuordnungen bei Überlastung eines Teilnetzes
Dynamische Änderung von Serverzuordnungen in verteilten Workflow-Management-Systemen
64 Datenbank-Spektrum 4/2002
5.1 Eigenschaften des Verfahrens
Soll auf den Ausfall einer WfMS-Kom-
ponente durch dynamische Veränderung
von Serverzuordnungen reagiert werden,
ist es nicht möglich, die betroffenen WF-
Instanzen von ihrem aktuellen Server
»wegzumigrieren«. Das heißt, die Ansät-
ze 1 bis 3 scheiden aus. Eine solche Mig-
ration würde die Funktionsfähigkeit der
ausgefallenen Komponente voraussetzen.
Für WF-Server und Teilnetze ist diese
Aussage unmittelbar ersichtlich, da diese
Komponenten in einer entsprechenden
Migration stets direkt involviert sind. Der
Ausfall eines Gateways ist nur dann rele-
vant, wenn dies zu einer Partitionierung
des Netzwerkes führt. Andernfalls kann
jeder WF-Server jeden WF-Client weiter-
hin erreichen. Im Falle einer Netzparti-
tionierung wäre aber eine dynamische
Migration in den anderen Teil des Netz-
werkes notwendig, damit der WF-Server
die dort angesiedelten WF-Clients an-
schließend erreichen kann. Eine solche
Migration ist aber aufgrund des Ausfalls
der Kommunikationsverbindung ausge-
schlossen. Aus den erläuterten Gründen
bleibt im Zusammenhang mit der Kom-
pensation von Komponentenausfällen le-
diglich die Verwendung von Ansatz 4.
Für Benutzer, die aufgrund der Blockie-
rung einer WF-Instanz auf die Bearbei-
tung ihrer Aktionen warten müssen, ist
aber mit einem solchen Verfahren keine
Verbesserung zu erzielen. Sie können
weiterhin bestimmte, in ihrer Arbeitsliste
angebotene Aktivitäten nicht starten bzw.
von ihnen aktuell bearbeitete Aktivitäten
nicht beenden, da der zugehörige WF-
Server nicht erreichbar ist. Diese, für den
Anwender sichtbaren Probleme können
durch dynamische Serveränderungen
nicht behoben werden.
Die Verwendung von Ansatz 4 führt
in Ausfallsituationen lediglich dazu, dass
für eine noch anstehende Migration einer
WF-Instanz ein anderer Zielserver ge-
wählt wird. Dies ist aber nur von sehr be-
schränktem Nutzen, weil aktuell keine
Anwender auf die Ausführung einer zu
dieser WF-Instanz gehörenden Aktion
warten (die entsprechende WF-Instanz
befindet sich nämlich in einer Migration,
also unmittelbar vor der Aktivierung der
nachfolgenden Aktivität). Die im vorheri-
gen Absatz beschriebenen, gravierenden
Probleme treten hier also ohnehin nicht
auf. Da außerdem anzunehmen ist, dass
eine ausgefallene Komponente zeitnah
repariert wird, resultiert aus der entste-
henden, nach außen kaum sichtbaren Ver-
zögerung kein Problem, das den für das
vorgestellte Verfahren erforderlichen
Aufwand rechtfertigen würde.
5.2 Fazit
Wie die vorgestellte Analyse ergeben hat,
ist die dynamische Änderung von Server-
zuordnungen ein wenig geeignetes Ver-
fahren, um den Ausfall von Komponen-
ten des WfMS zu kompensieren. Hierfür
sind Verfahren wie die Verwendung von
Backup-Servern (vgl. [KAGM96]) we-
sentlich besser geeignet. Auf entspre-
chende Ansätze wird, ebenso wie auf
Verfahren zur Behandlung der Überlas-
tungsproblematik, kurz in Abschnitt 6
eingegangen.
Wegen der mangelnden Tauglichkeit
dynamischer Serveränderungen erübrigt
es sich hier, die skizzierten Verfahren for-
maler vorzustellen oder mögliche Reali-
sierungsvarianten miteinander zu verglei-
chen (z.B. mögliche Alternativen bei der
Auswahl des Zielservers einer dynami-
schen Migration, d.h. bei der Beantwor-
tung der Fragestellung, wie eine dyna-
misch festgelegte Serverzuordnung kon-
kret aussieht). Aus demselben Grund
macht es ebenfalls wenig Sinn, auf Ver-
fahren zum (effizienten) Erkennen von
Komponentenausfällen näher einzuge-
hen. (Dasselbe gilt für Verfahren zur effi-
zienten Realisierung des Lastinforma-
tionsaustauschs und für Kriterien, ab
wann und wie lange auf eine Überlastung
reagiert werden sollte.) Schließlich erüb-
rigt es sich, die Leistungsfähigkeit der
entsprechenden Verfahren durch eine
Modellrechnung oder Simulation zu eva-
luieren, da ihre Mängel offensichtlich
sind.
6 Alternative Vorgehensweisen
Da sich dynamische Serveränderungen
als wenig geeignet erwiesen haben, um
die Überlastungs- und Ausfallproblema-
tik in (verteilten) WfMS zu lösen, wen-
den wir uns im Folgenden kurz einigen
alternativen Verfahren zu.
Die Fragestellung, wie sich Überlas-
tungen des Kommunikationssystems ver-
meiden lassen, ist schon immer ein zen-
traler Aspekt von ADEPTdistribution ge-
wesen. Dazu haben wir verschiedene Ver-
fahren entwickelt, mit denen die in einem
(verteilten) WfMS zu kommunizierende
Datenmenge erheblich reduziert werden
kann. Diese Verfahren können auch in
Kombination miteinander verwendet
werden.
Das erste Verfahren (vgl. [BD97]) un-
terstützt den WF-Modellierer bei der Be-
stimmung optimaler Serverzuordnungen
für WF-Aktivitäten. Ziel dabei ist die Mi-
nimierung der bei der späteren WF-Aus-
führung entstehenden Gesamtkommuni-
kationskosten. Um dies zu erreichen,
wurden von uns Algorithmen entwickelt,
die ausgehend von dem Prozess- und Or-
ganisationsmodell und unter Verwendung
eines Kostenmodells die bei der WF-Aus-
führung entstehenden Kommunikations-
kosten abschätzen. Unter Nutzung dieser
Information werden dann (möglichst) op-
timale Serverzuordnungen automatisch
berechnet.
Der zweite Ansatzpunkt betrifft vari-
able Serverzuordnungen (vgl. [BD00]),
bei deren Verwendung sich Datenübertra-
gungen immer dann einsparen lassen
(vgl. [BD99]), wenn die potenziellen Be-
arbeiter einer Aktivität von Vorgängerak-
tivitäten abhängen (z.B. eine Aktivität
soll vom selben Benutzer bearbeitet wer-
den wie eine bestimmte Vorgängeraktivi-
tät). In diesen Fällen werden flexible Ser-
verzuordnungen verwendet, bei denen
der tatsächlich ausgewählte WF-Server
ebenfalls von Vorgängeraktivitäten ab-
hängig ist, sich also erst zur Ausführungs-
zeit der WF-Instanz ergibt.
Drittens wurden von uns Verfahren
entwickelt, mit denen die bei Migrationen
zu übertragende Datenmenge deutlich re-
duziert werden kann (vgl. [BRD01b]). So
wird verhindert, dass Zustandsinformati-
on einer WF-Instanz oder Parameterdaten
von Aktivitätenprogrammen durch wie-
derholte Migrationen zum selben WF-
Server mehrfach (redundant) an diesen
übertragen werden (z.B. in Verbindung
mit Schleifen).
Sollten all diese Maßnahmen immer
noch nicht ausreichen, um eine Überlas-
tung des Kommunikationssystems zu
verhindern, müssen kleinere Teilnetze ge-
bildet werden. Da dann von jedem Teil-
netz eine kleinere Anzahl von Benutzern
bedient werden muss, kann dessen Über-
lastung verhindert werden.
Auch die Problematik einer Überlas-
tung von WF-Servern wurde im ADEPT-
Projekt betrachtet. In [Bau01] wird ein
Dynamische Änderung von Serverzuordnungen in verteilten Workflow-Management-Systemen
Datenbank-Spektrum 4/2002 65
Verfahren vorgestellt, durch das eine sol-
che Überlastung ausgeschlossen werden
kann. Dieses ermöglicht die Verwendung
von beliebig vielen WF-Servern in dem-
selben Teilnetz (Domain). Außerdem
kann die zu bewältigende Last in einem
beliebigen (vorzugebenden) Verhältnis
auf diese Server verteilt werden. Da das
Verfahren während der Steuerung von
WF-Instanzen keine zusätzliche Kommu-
nikation generiert, trägt es auch nicht zur
Überlastung des Kommunikationssys-
tems bei.
Dem Ausfall von Komponenten des
Kommunikationssystems oder von WF-
Servern begegnet man am günstigsten
durch den redundanten Einsatz von Hard-
ware, falls eine sehr hohe Verfügbarkeit
gefordert ist. So werden in [KAGM96]
Verfahren vorgestellt, die den Einsatz ei-
nes Backup-Servers erlauben. Die zur
Steuerung der WF-Instanzen notwendige
Information wird dann auch an diesen
Backup-Server ständig übermittelt, so
dass er im Falle eines Serverausfalls die
Kontrolle übernehmen kann. Der Ausfall
von Komponenten des Kommunikations-
systems wird am besten durch redundante
Kommunikationshardware kompensiert
(z.B. durch eine doppelte Ringbildung
wie bei FDDI [Tane96]).
7 Diskussion
Verfahren, die auf der Verwendung von
Lastinformation basieren, werden beim
Scheduling von Betriebssystemprozessen
seit langem mit großem Erfolg eingesetzt
(vgl. [CK88, Gos91]). Bei diesen Verfah-
ren wird (meist aufgrund der aktuellen
Lastsituation) festgelegt, welchem Pro-
zessor ein bestimmter Betriebssystem-
prozess zugeteilt werden soll. Allerdings
wird der entsprechende Prozessor norma-
lerweise schon beim Start eines Betriebs-
systemprozesses bestimmt (non-pre-
emptive Scheduling [CK88]), so dass kein
laufender Prozess transferiert werden
muss. (Dies würde einer Migration ent-
sprechen.)
Zu beachten ist in diesem Zusammen-
hang, dass in Bezug auf unsere Fragestel-
lung die Betriebssystemprozesse nicht
den Prozessinstanzen des WfMS entspre-
chen. Eine WF-Instanz besteht aus Akti-
vitäteninstanzen, die den WF-Servern zu-
geordnet werden sollen, ebenso wie eine
Anwendung aus Betriebssystemprozes-
sen besteht, die den Prozessoren zugeteilt
werden. Betriebssystemprozesse entspre-
chen also den Aktivitäteninstanzen. Bei
der Zuordnung von Aktivitäteninstanzen
zu WF-Servern besteht der Vorteil, dass
nützliche Metainformation zu den Aktivi-
täten zur Verfügung steht (z.B. die Bear-
beiterzuordnung oder die Verteilung der
Benutzer auf die Teilnetze), was bei Be-
triebssystemprozessen normalerweise
nicht der Fall ist. Deshalb ist es beim
Scheduling von WF-Instanzen möglich,
einen bzgl. des resultierenden Kommuni-
kationsverhaltens sehr viel günstigeren
WF-Server auszuwählen, als dies durch
reine Lastbalancierung möglich wäre.
Die Nutzung solcher Informationen ent-
spricht der Verwendung von statischen
Schedulingverfahren (vgl. [CK88]) in
Betriebssystemen anstelle der dort übli-
chen dynamischen Verfahren.
Wir möchten an dieser Stelle auf eine
ausführliche Darstellung von Ansätzen
für verteiltes WF-Management verzich-
ten, da sich eine solche z.B. in [Bau01,
BD99] findet. Die meisten Ansätze legen,
ebenso wie ADEPTdistribution, die Zuord-
nung der Aktivitäteninstanzen zu den
WF-Servern auf Basis des Prozess- und
des Organisationsmodells fest. So wird in
MENTOR [MWW+98] und WIDE
[CGP+96] der WF-Server nahe bei den
potenziellen Bearbeitern der aktuellen
Aktivität allokiert. Dasselbe gilt für MO-
BILE [HS96], wobei allerdings eine WF-
Instanz während ihrer gesamten Lebens-
dauer vom selben WF-Server kontrolliert
wird. Deshalb sind keine Migrationen not-
wendig. Allerdings können bei diesem
Ansatz Subprozesse von einem anderen
WF-Server kontrolliert werden (vgl.
[SNS99]). Dieser wird zur Laufzeit auf-
grund verschiedener Kriterien (z.B. Rech-
te, Gewichte) ausgewählt. Bei METEOR2
[DKM+97], CodAlf [SM96] und BPA-
Frame [SM96] wird der WF-Server stets
nahe bei der zur aktuellen Aktivität gehö-
renden Anwendung gewählt. Schließlich
finden sich in der Literatur auch noch voll
verteilte Ansätzen (z.B. Exotica/FMQM
[AMG+95] und INCAS [BMR96]), bei
denen jeweils der Rechner des aktuellen
Benutzers die Serverfunktionalität über-
nimmt. All diese Ansätze führen das
Scheduling der Aktivitäteninstanzen aber
unabhängig von der aktuellen Last- und
Ausfallsituation durch.
Dass es in WfMS auch möglich ist,
das Scheduling unabhängig von den Pro-
zess- und Organisationsmodellen zu rea-
lisieren, zeigt der Exotica/Cluster-Ansatz
(vgl. [AKA+94]). Bei diesem wird der
WF-Server (Cluster)1 für eine WF-In-
stanz bei deren Start zufällig ausgewählt.
In diesem Cluster verbleibt sie für ihre
gesamte Lebenszeit, es werden also keine
bereits gestarteten WF-Instanzen zu ei-
nem anderen Cluster migriert. Allerdings
verwendet auch dieser Ansatz für die
Auswahl des WF-Servers keine Lastin-
formation. (Er kann aber leicht dahinge-
hend modifiziert werden.) Außerdem
wurde in [Bau01, BD99] gezeigt, dass
sich wegen der fehlenden Nutzung von
Modellinformation bei diesem Ansatz ein
sehr ungünstiges Kommunikationsver-
halten ergibt.
In der WF-Literatur werden auch
CORBA-basierte Ansätze für verteiltes
WF-Management vorgestellt: WASA2
[Wes99] etwa realisiert eine verteilte WF-
Ausführung, indem die Aktivitäten als
CORBA-Objekte betrachtet werden, die
sich Zustandsänderungen signalisieren.
Da diese Objekte auf beliebigen Rechnern
platziert werden können, lässt sich so ein
verteiltes Workflow-Management reali-
sieren. Im MOKASSIN-Projekt wird die
Verteilung (vgl. [JH99]) ähnlich wie beim
vorherigen Ansatz realisiert: Die Aktivi-
täteninstanzen repräsentieren CORBA-
Objekte, die durch Ereignisse miteinander
kommunizieren und die auf beliebigen
Rechnern platziert werden können. Bei
diesen Ansätzen kann durch die CORBA-
Middleware prinzipiell jede beliebige
Verteilung realisiert werden. Dabei wäre
es auch möglich, dass die Verteilung so
vorgenommen wird, dass Last- und Aus-
fallinformation berücksichtigt wird. Al-
lerdings würden bei einer solchen Vor-
gehensweise die in dieser Arbeit disku-
tierten Schwierigkeiten auftreten.
8 Zusammenfassung
In diesem Beitrag haben wir untersucht,
inwieweit durch eine dynamische Verän-
derung von Serverzuordnungen auf Über-
lastsituationen und Komponentenausfälle
1. Genau genommen besteht bei dem in
[AKA+94] beschriebenen Ansatz ein Cluster
aus mehreren WF-Servern mit gemeinsamer
WF-Datenbank. Diese Server sind alle fähig,
die WF-Instanzen des Clusters zu steuern. Da
zwischen diesen Rechnern aber keine Migra-
tionen (in unserem Sinne) stattfinden, wollen
wir sie als einen einzigen WF-Server betrach-
ten.
Dynamische Änderung von Serverzuordnungen in verteilten Workflow-Management-Systemen
66 Datenbank-Spektrum 4/2002
in einem verteilten WfMS reagiert wer-
den kann. Dabei hat sich gezeigt, dass die
Verfahren bei Überlastungen wenig ge-
eignet sind, da sie für Teilnetze und Gate-
ways häufig fast gar keine Entlastung er-
möglichen. Der für das jeweilige
Verfahren notwendige Zusatzaufwand
kann sogar dazu führen, dass sich die Ge-
samtsituation noch verschlechtert. Ledig-
lich eine Entlastung von WF-Servern ist –
allerdings sehr eingeschränkt – möglich.
Auch zur Kompensation von Ausfällen
einzelner WfMS-Komponenten sind dy-
namische Serveränderungen wenig ge-
eignet. Diejenigen Auswirkungen der
Ausfälle, die für den Endanwender wirk-
lich kritisch sind, können durch ihre Ver-
wendung nämlich nicht vermindert wer-
den, weil der Ausfall der Komponente die
Durchführung der dynamischen Migrati-
on verhindert. Insgesamt betrachtet ist
deshalb die Verwendung von dynami-
schen Serveränderungen nicht zu emp-
fehlen.
In diesem Beitrag wurden auch noch
Alternativen zu dynamischen Serverän-
derungen skizziert. Allerdings war es da-
bei nicht das Ziel, diese im Detail zu be-
handeln (dies erfolgte in anderen Publi-
kationen), sondern es sollten nur mögli-
che Alternativen zur Verwendung von
dynamischen Serveränderungen aufge-
zeigt werden. Mit diesen Verfahren ist es
möglich, sowohl Überlastsituationen von
Netzwerkkomponenten und WF-Servern
als auch Ausfällen dieser WfMS-Kompo-
nenten geeignet zu begegnen.
Zusammenfassend lässt sich also fest-
stellen, dass dynamische Migrationen
wenig geeignet sind, um die gegebenen
Problemstellungen zu lösen. Da es Alter-
nativen zu diesem Ansatz gibt, mit denen
die gewünschten Ziele durchaus erreicht
werden können, besteht auch keine Not-
wendigkeit, diese Verfahren einzusetzen.
Danksagung: Wir danken den anonymen Gutach-
tern für ihre hilfreichen Anregungen.
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Dr. Thomas Bauer studierte Informatik in Ulm,
wo er 2001 auch promovierte. Der Titel seiner
Dissertation lautet »Effiziente Realisierung un-
ternehmensweiter Workflow-Management-Sys-
teme«. Seit Januar 2002 arbeitet Dr. Bauer im
DaimlerChrysler Forschungszentrum in Ulm im
Bereich Engineering Process Management.
Dr. Thomas Bauer
DaimlerChrysler Forschung
und Technologie
Abteilung RIC/ED
Postfach 2360
89013 Ulm
Thomas.TB.Bauer@DaimlerChrysler.com
http://www.daimlerchrysler.com
Dr. Manfred Reichert ist wissenschaftlicher As-
sistent in der Abteilung Datenbanken und Infor-
mationssysteme der Universität Ulm. Hier pro-
movierte er im Juli 2000 zum Thema
»Dynamische Ablaufänderungen in Workflow-
Management-Systemen«. Aktuelle Arbeitsgebie-
te sind unternehmensweite und -übergreifende
WF-Anwendungen sowie verschiedene Aspekte
von Workflow-Management-Systemen.
Dr. Manfred Reichert
Universität Ulm
Fakultät für Informatik
Abt. Datenbanken und Informationssysteme
James-Franck-Ring
89069 Ulm
reichert@informatik.uni-ulm.de
http://www.informatik.uni-ulm.de/dbis/