Von funktionsorientierten zu prozessorientierten
Informationssystemen
– Herausforderungen und Lösungsansätze –
Peter Dadam, Manfred Reichert, Stefanie Rinderle
Universität Ulm, Fakultät für Informatik
Abt. Datenbanken und Informationssysteme
89069 Ulm
Schlüsselworte:
Prozessorientierung, prozessorientierte Informationssysteme, Adaptivität, Prozess-
Management-Systeme, Workflow-Management, Anwendungsintegration
Zusammenfassung
Prozessorientierung und, damit einhergehend, die Implementierung prozessorientierter Infor-
mationssysteme, wird für die Unternehmens-IT in den nächsten Jahren ein "Mega-Thema"
werden. Die Einführung von Prozesstechnologie darf jedoch nicht dazu führen, dass Unter-
nehmen inflexibel werden und dass spätere Änderungen am (Geschäfts-)Prozess mit hohen
Kosten oder hohen Fehlerrisiken verbunden sind. Dieser Beitrag beschreibt Anforderungen an
Prozess-Management-Systeme aus Benutzersicht, erläutert die dafür notwendigen technologi-
schen Grundlagen und kommentiert den aktuellen Stand sowie das Potenzial dieser Systeme.
1. Einleitung und Überblick
Die zunehmende Globalisierung der Märkte übt einen massiven Kosten- und Wettbewerbs-
druck auf die Unternehmen in fast allen Branchen aus. In immer kürzeren Entwicklungszyk-
len müssen neue Produkte und Dienstleistungen zur Marktreife gebracht sowie neue Formen
der Zusammenarbeit zwischen dem Unternehmen und seinen Kunden, Partnern und Zuliefe-
rern realisiert werden. Diese Entwicklungen haben naturgemäß einen massiven Einfluss auf
die betrieblichen Abläufe (Prozesse), die deshalb ebenfalls in immer kürzerer Folge an die
neuen Erfordernisse angepasst werden müssen. Die Fragen, die sich hierbei stellen, sind:
• Wie rasch geht die Implementierung eines neuen Prozesses? – Sprechen wir hier über Ta-
ge, Wochen, Monate oder gar Jahre?
• Zu welchen Kosten ist diese Prozessimplementierung realisierbar?
• Welches Fehlerrisiko ist damit verbunden? – D.h. wie groß ist die Gefahr, dass infolge der
Einführung eines neuen Prozesses existierende Prozesse nicht mehr korrekt funktionieren,
etwa wegen Überforderung der Mitarbeiter oder wegen Softwarefehlern?
Keynote (P. Dadam), Tagungsband 17. Deutsche Oracle-Anwender-Konferenz, Mannheim, November 2004
• Wie teuer sind spätere Änderungen am Prozess?
• Wie entgeht man der "Wartungsfalle"? – D.h. wie vermeidet man, dass die eingesetzte
Software durch diese ständigen Änderungen einen Komplexitätsgrad erreicht, der nicht
mehr vernünftig handhabbar ist?
Diese Fragen bzw. Herausforderungen werden dazu führen, dass in den nächsten Jahren das
Thema "Prozessorientierung" sowie damit verbundene IT-Lösungen – die prozessorientierten
Informationssysteme – in den Unternehmen sehr stark in den Mittelpunkt des Interesses rü-
cken werden. Diese Systeme müssen dann allerdings hinsichtlich Flexibilität und Adaptivität
weit über das hinausgehen, was derzeitig Workflow-Management- und EAI-Systeme zu leis-
ten im Stande sind, wenn sie den Erfordernissen wirklich gerecht werden wollen. Die Be-
schreibung der Anforderungen an prozessorientierte Informationssysteme bzw. die zugrunde
liegende Basis-Technologie – im Folgenden als Prozess-Management-Systeme (PMS) be-
zeichnet – aus Anwendersicht sowie die Vorstellung technologischer Lösungsansätze bilden
die Schwerpunkte dieses Beitrages.
Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut: Im nächsten Kapitel erläutern wir, was wir unter Prozess-
Management-Systemen und prozessorientierten Informationssystemen verstehen und wie die-
se beiden Dinge zusammenhängen. In Kapitel 3 gehen wir dann zunächst auf die Anforderun-
gen an prozessorientierte Informationssysteme aus Anwendersicht ein, um dann in Kapitel 4
näher zu betrachten, welche technologischen Herausforderungen die Realisierung dieser An-
forderungen für PMS nach sich zieht. Hierzu werden wir dann einige Lösungsansätze aufzei-
gen. Der Beitrag endet mit abschließenden Bemerkungen und Empfehlungen in Kapitel 5.
2. Was sind Prozess-Management-Systeme und prozessorientierte Informationssysteme?
Die Wirkungsweise von Prozess-Management-Systemen – wir vermeiden hier bewusst den so
vielseitig deutbaren Begriff "Workflow-Management-System" – lässt sich am besten in Ana-
logie zu Datenbank-Management-System (DBMS) erläutern. Wir orientieren uns dabei an den
relationalen DBMS.
• Ein DBMS verwaltet Meta-Daten über Daten (Relationen-Schemata) – ein PMS verwaltet
Meta-Daten über Prozesse (Prozess-Schemata).
• Ein DBMS manipuliert (Instanz-)Daten von Relationen-Schemata (Update, Insert, Delete
von Tupeln) – ein PMS manipuliert Prozess-Instanzen (Änderung des Prozess-Status, Än-
derung von Prozess-Instanz-Variablen).
• Ein DBMS ändert Relationen-Schemata (ALTER TABLE ...) und propagiert diese Ände-
rungen auf die (Daten-)Instanzen – ein PMS (Ziel!) ändert Prozess-Schemata und propa-
giert diese Änderungen auf laufende Prozess-Instanzen.
Der Zusammenhang zwischen PMS und prozessorientierten Informationssystemen ist nun
analog wie bei DBMS und DBMS-gestützten Informationssystemen. DBMS und PMS sind
jeweils die (anwendungs-)neutralen Basis-Systeme. Kommen anwendungsbezogene Daten
und Funktionen hinzu, dann sprechen wir von einem Informationssystem.
Ein wichtiges Anliegen prozessorientierter Informationssysteme ist die klare Trennung von
(Geschäfts-)Prozesslogik und Anwendungsfunktionen. D.h. der Prozess als solcher wird im
zugrundeliegenden PMS hinterlegt und in gewisser Weise dort "ausgeführt". Aus Benutzer-
sicht gestaltet sich diese "Ausführung" so, dass eine ausführbare Tätigkeit allen oder ausge-
wählten Benutzern, die über die entsprechende Berechtigung ("Rolle") verfügen, in ihre Ar-
beitsliste gestellt wird. Wählt der Benutzer aus dieser Arbeitsliste eine Tätigkeit aus, so startet
das PMS die dieser Tätigkeit zugeordnete Anwendung. Beendet der Benutzer diesen Arbeits-
schritt, "schaltet" das PMS weiter und stellt wiederum die nachfolgende(n) Tätigkeit(en) den
jeweiligen Benutzern in deren Arbeitsliste. – Unter der Oberfläche kann der Ablauf hierbei
erheblich komplexer aussehen. Im allgemeinen Fall sind nicht nur menschliche Benutzer in-
volviert, sondern es werden PMS-seitig auch automatische Schritte ausgeführt und ggf. unter-
schiedliche Anwendungssysteme auf diese Weise integriert (siehe Abb. 1).
Abb. 1: Prozessorientiertes Informationssystem
Bei den auszuführenden Programmen kann es sich um einfache Formulare, um die Ausfüh-
rung von einfachen Desktop-Programmen, aber auch um den Aufruf von komplexen Busi-
ness-Functions in einem ERP-System handeln. Im allgemeinen Fall muss man davon ausge-
hen, dass das PMS in der Lage sein muss, beliebige Programme (z.B. auch Webservices) auf-
zurufen, diese mit Aufrufparametern bzw. Eingabedaten zu versorgen und eventuelle Rück-
gabewerte wieder entgegenzunehmen. Diese Rückgabewerte wiederum müssen bei Bedarf
nachfolgenden Prozessschritten wieder als Aufrufparameter oder Eingabedaten zur Verfügung
gestellt werden.
3. Was müssen Prozess-Management-Systeme leisten? – Die Anwendersicht
Eine ganz wesentliche Forderung ist sicherlich, dass neue prozessorientierte Anwendungen
bzw. prozessorientierte Informationssysteme erheblich rascher als heute realisiert werden
können. Das Ziel ist, prozessorientierte Informationssysteme im "Plug & Play"-Stil zu reali-
sieren, wie in Abb. 2 angedeutet. Der Prozess-Modellierer wählt aus einer Bibliothek von
Anwendungskomponenten die geeignete aus und ordnet sie einem Prozessschritt zu.
Es reicht allerdings nicht aus, nur das "Zusammen-Clicken" einer Anwendung in der skizzier-
ten Art zu unterstützen (was einige Systeme ansatzweise heute schon leisten). Die daraus re-
sultierenden prozessorientierten Anwendungen sollten anschließend auch robust und stabil
laufen. Böse Überraschungen zur Laufzeit, etwa der Art, dass Anwendungskomponenten
nicht mit den erforderlichen Aufrufparametern versorgt werden können und es deshalb zu
Laufzeitfehlern kommt, müssen bereits zur Modellierungszeit durch systemseitige Konsis-
tenzüberprüfungen (Build-Time) ausgeschlossen werden. Ähnliches gilt für prozessinterne
Blockierungszustände, unerwünschte Zyklen und anderes mehr.
Prozess-
Templates Application
Components
Repository
check dataflow
check forcycles
......
all checksOK!
Go!Go!
Abb. 2: Realisierung eines prozessorientierten Informationssystems mittels "Plug & Play"
Ist das Problem der raschen Entwicklung prozessorientierter Anwendungen gelöst, dann kön-
nen, wenn die betrieblichen Prozesse erfasst, optimiert und im PMS hinterlegt wurden, im
Prinzip alle bislang "manuellen" Prozesse nunmehr rechnergestützt ausgeführt werden. Was
geschieht aber, wenn zur Ausführungszeit Fälle bzw. Probleme auftreten, die zur Modellie-
rungszeit des Prozesses nicht bekannt waren oder nicht bedacht worden sind? Erklären wir
dann z.B. unserem Kunden, nachdem bereits fünf Aufträge "schiefgelaufen" sind, dass noch
zehn weitere seiner Aufträge leider ebenfalls fehlschlagen werden, weil wir jetzt PMS-
Technologie einsetzen und an den bereits angestoßenen Prozessen leider nichts ändern kön-
nen? Oder arbeiten wir am PMS vorbei, d.h. wir tun so, als ob wir den hinterlegten Prozess
ausführen, machen in Wirklichkeit aber etwas anderes (falls wir das überhaupt noch können)?
Die Herausforderung ist, prozessorientierte Informationssysteme zu realisieren, die mit sol-
chen Ausnahmesituationen umgehen können, d.h. bei Bedarf auch Ad-hoc-Abweichungen im
Einzelfall vom vorgeplanten Ablauf zulassen. Ganz wichtig ist hierbei, dass der Anwender
diese Änderungen durchführen kann, und zwar ohne hierfür über irgendwelche tiefgehenden
Systemkenntnisse verfügen zu müssen. Hierzu muss eine semantisch hohe Sicht auf Prozesse
und auf Änderungen angeboten werden.
In Abb. 3.a - 3.f wird in Anlehnung an das ADEPT-System [ReDa98] skizziert, wie eine sol-
che Benutzerschnittstelle aussehen könnte: Der Benutzer bearbeitet einen Fall, der eine Aus-
nahmebehandlung erfordert (a). Er betätigt einen "Ausnahme-Button" (nicht dargestellt) und
das System erfragt in einem Dialog die Art der gewünschten Ausnahmebehandlung (z. B.
Aktivität einfügen, löschen oder verschieben). Der Benutzer entscheidet sich in diesem Bei-
spiel für "Aktivität einfügen" und bekommt eine Liste der in diesem Kontext prinzipiell wähl-
baren Aktivitäten angeboten (b). Anschließend erfragt das System, ab wann im Prozessverlauf
der neue Schritt den zuständigen Bearbeitern angeboten und bis wann im Prozessverlauf des-
sen Bearbeitung abgeschlossen werden soll (c). Das System prüft nun, ob die gewünschte
Änderung in diesem Kontext durchgeführt werden kann und meldet ein positives Ergebnis (d,
e). Anschließend fährt der Benutzer mit der Bearbeitung des Falles fort (f). – Bitte beachten:
Geändert wurde nur dieser eine Fall, d.h. diese eine Prozess-Instanz. Alle anderen Prozesse
dieses Typs sind von dieser Änderung nicht betroffen.
Untersuchungen
Untersuchungen
U Maier, Elke
U Müller, Anna
U Schmidt, Karin
U Abel, Isolde
Ausnahmefall –wir
brauchen eine zusätzliche
Laboruntersuchung !
Ausnahmefall –wir
brauchen eine zusätzliche
Laboruntersuchung !
a)
Untersuchungen
U Maier, Elke
U Müller, Anna
U Schmidt, Karin
U Abel, Isolde
Bitte Aktivität auswählen
Konsil -Untersuchung anforderen
Labor -Untersuchung
Patient für OP vorbereiten
Patient informieren
Patient waschen
Termin vereinbaren
.........
b)
Untersuchungen
Untersuchungen
U Maier, Elke
U Müller, Anna
U Schmidt, Karin
U Abel, Isolde Aufklärung
OP - Risiken
Röntgen
Abklärung
Anästhesie
Untersuchung
Aufklärung
OP - Risiken
Röntgen
Abklärung
Anästhesie
Untersuchung
Ende
Ende
Start
Start Gleich anordnen, muss
bis zur OP - Aufklärung
da sein
Gleich anordnen,
c
)
UntersuchungenUntersuchungen
U Maier, Elke
U Müller, Anna
U Schmidt, Karin
U Abel, Isolde
Aufklärung
OP-Risiken
Röntgen
Abklärung
Anästhesie
Untersuchung
Aufklärung
OP-Risiken
Röntgen
Abklärung
Anästhesie
Untersuchung
EndeEnde
StartStart
ADEPT
Einfügung ist möglich!
ADEPT
Einfügung ist möglich!
Super !!
Super !!
d
)
Untersuchungen
Untersuchungen
U Maier, Elke
U Müller, Anna
U Schmidt, Karin
U Abel, Isolde Aufklärung
OP
-
Risiken
Röntgen
Abklärung
Anästhesie
Untersuchung
Aufklärung
OP
-
Risiken
Röntgen
Abklärung
Anästhesie
Untersuchung
Labor
-
untersuchung
Labor
-
untersuchung
e
)
UntersuchungenUntersuchungen
U Maier, Elke
U Müller, Anna
U Schmidt, Karin
U Abel, Isolde
OK, jetzt weiter mit der
Untersuchung !
OK, jetzt weiter mit der
Untersuchung !
Aufklärung
OP-Risiken
Röntgen
Abklärung
Anästhesie
Untersuchung
Labor -
untersuchung
Aufklärung
OP-Risiken
Röntgen
Abklärung
Anästhesie
Untersuchung
Aufklärung
OP-Risiken
Röntgen
Abklärung
Anästhesie
Untersuchung
Labor -
untersuchung
Labor -
untersuchung
f
)
Abb. 3: Ad-hoc-Abweichung aus Benutzersicht
Möglichkeiten zu Ad-hoc-Änderungen der beschriebenen Art sind ein sehr mächtiges Mittel,
um auf individuelle Sonderfälle reagieren zu können oder um übergangsweise Modellierungs-
fehler im Prozessablauf auf Einzelfallbasis zu korrigieren. Diese Fähigkeit wird derzeit von
kommerziellen Systemen bislang entweder überhaupt nicht oder nur in stark eingeschränkter
Form angeboten (oder sie wird angeboten, kann aber zu gravierenden Konsistenzproblemen
bzw. Laufzeitfehlern führen). – Die Gründe hierfür werden ersichtlich, wenn wir auf die not-
wendigen Voraussetzungen für Fähigkeiten dieser Art im nächsten Kapitel zu sprechen kom-
men.
(Geschäfts-)Prozesse sind naturgemäß im Zeitablauf Änderungen unterworfen: Gesetzliche
Rahmenbedingungen ändern sich, Interaktionsformen mit Kunden oder Zulieferern werden
geändert, es wird unternehmensintern umorganisiert usw. Man wird also irgendwann den Pro-
zess(typ) ändern und neue Prozesse ab diesem Zeitpunkt nach dem neuen Schema ausführen
wollen. Die Frage ist in diesem Fall, was mit bereits gestarteten Prozessinstanzen geschehen
soll, die auf Basis des alten Prozessschemas erzeugt wurden. Bei kurz laufenden Prozessen
wird es in vielen Fällen genügen, dass das PMS eine Koexistenz von Prozessinstanzen, basie-
rend auf verschiedenen Versionen des Prozessschemas, unterstützt. D.h. die "alten" Prozess-
instanzen werden einfach noch nach dem alten Schema zu Ende geführt. In vielen Fällen, ins-
besondere in Verbindung mit Prozessen, die über mehrere Monate oder Jahre laufen, reicht
das jedoch nicht aus. Es müssen deshalb Mittel und Wege gefunden werden, die bereits lau-
fenden Prozessinstanzen auf das neue Schema zu migrieren.
Im Prinzip könnte man dieses Problem zwar auch mit den oben skizzierten Möglichkeiten für
Ad-hoc-Abweichungen lösen, dies wäre jedoch für die betroffenen Benutzer sehr aufwendig
und insgesamt – insbesondere wenn viele Instanzen zu ändern sind – auch sehr fehlerträchtig.
Die ideale Lösung wäre deshalb, die Migration der Prozessinstanzen auf das PMS zu übertra-
gen. Der Prozessverantwortliche würde das Prozessschema ändern (genauer: eine neue Versi-
on des Prozessschemas erzeugen), er würde das PMS prüfen lassen, welche der laufenden
Instanzen systemseitig migrierbar sind und würde deren Migration dann quasi per "Knopf-
druck" erledigen. Für die nicht migrierbaren Instanzen kann systemseitig ein entsprechendes
Analyseprotokoll erstellt werden, so dass anschließend entschieden werden kann, welche In-
stanzen ggf. inspiziert und evtl. manuell mittels Ad-hoc-Änderung migriert werden.
Die Realisierung prozessorientierter Informationssysteme mittels Plug & Play, die Unterstüt-
zung von Ad-hoc-Abweichungen, von Prozessschemaevolution und einer Reihe weiterer
wünschenswerter Systemfähigkeiten wird jedoch nur dann Realität werden können, wenn die
gesamte damit verbundene Komplexität nicht zu Lasten des Anwendungs- bzw. Komponen-
tenentwicklers geht. Wie bei den relationalen DBMS, wo viele der komplizierten Dinge, wie
z.B. Concurrency Control, Logging, Recovery, Caching, Anfrageoptimierung, komplett ins
DBMS verlagert wurden, muss dies entsprechend auch bei den PMS geschehen.
4. Wie können Prozess-Management-Systeme dies leisten? – Die Systemsicht
Die große Herausforderung ist, dass viele verschiedene Aspekte, wie formales Prozessmodell,
Ad-hoc-Flexibilität, Unterstützung temporaler Aspekte, Prozessschemaänderungen, Propaga-
tion von Schemaänderungen auf laufende Prozessinstanzen, Benutzerschnittstellen, trans-
aktionale Eigenschaften, komponentenorientierte Softwareentwicklung, Systemarchitektur-
fragen, effiziente Speicherung und Verwaltung von Prozessinstanzen, Antwortzeitverhalten
und anderes mehr nicht isoliert, sondern im Zusammenhang und Zusammenwirken betrachtet
und verstanden werden müssen.
loop
parallel branching
conditional branching
B I
sequence
GH
A
ET = FAILURE_E
NT = ENDLOOP
ET = LOOP_E
NT=STARTLOOP
LSLE
NT=STARTFLOW NT = ENDFLOW
sequence
workflow
J
Start End
999
4
4
9
ET = SOFT_SYNC_E
C
D
E
F
loop
parallel branching
conditional branching
B IBB II
sequence
GH
GG HH
A
ET = FAILURE_E
A
ET = FAILURE_EET = FAILURE_E
NT = ENDLOOP
ET = LOOP_E
NT=STARTLOOP
LSLE
NT = ENDLOOP
ET = LOOP_E
NT=STARTLOOP
LSLE
NT = ENDLOOP
ET = LOOP_E
NT=STARTLOOP
LSLE
NT = ENDLOOP
ET = LOOP_E
NT=STARTLOOP
LSLE
NT = ENDLOOP
ET = LOOP_E
NT=STARTLOOP
LSLE
NT=STARTFLOW NT = ENDFLOW
sequence
workflow
J
Start End
NT=STARTFLOW NT = ENDFLOW
sequence
workflow
J
Start End
NT=STARTFLOW NT = ENDFLOW
sequence
workflow
J
Start End
sequence
workflow
J
Start End
J
Start End
999
4
4
9999
4
4
9
ET = SOFT_SYNC_EET = SOFT_SYNC_E
C
D
E
F
C
D
E
C
D
CC
D
E
F
¹Basis-Konstrukte
-Sequenz
- bedingte Verzweigung
- parallele Verzweigung
- Schleifen
¹fortschrittliche Konstrukte
- Rücksprungkanten
- Spezielle Sync-Kanten
¹Blockstruktur
¹aussagefähige Markierungen
Abb. 4: Konstrukte des ADEPT-Prozess-Metamodells
So sollte z.B. das Prozess-Metamodell, also die Art und Weise, wie und mit welchen Kon-
strukten Prozesse modelliert werden (Knotentypen, Kantentypen, Arten von Markierungen,
Art der Datenflussmodellierung usw.) einerseits ausdrucksmächtig genug sein, um alle rele-
vanten Anwendungsfälle möglichst adäquat darstellen zu können, anderseits sollte es aber so
strikt sein, dass es formalen Analysen (z.B. alle Datenflüsse korrekt, blockierungsfrei usw.)
zugänglich ist. – Man kann auch hier wieder eine Parallele zu den relationalen DBMS ziehen.
Auch dort hat man ein formales Datenmodell (die Relation) sowie Operationen auf diesem
Modell (Relationenalgebra: Selektion, Projektion, Join, ...). Erst durch ein solches Modell mit
seinen formalen Eigenschaften wurde die systemseitige Anfrageoptimierung möglich. Nur
wenn eine solche Basis vorhanden ist, kann man eine Anfrage Q in eine andere Anfrage Q'
transformieren und formal zeigen (mit Satz und Beweis), dass bzw. unter welchen Vorbedin-
gungen diese Transformation korrekt ist, d.h. die Ausführung von Q zum selben Anfrageer-
gebnis wie Q' führt.
Dies gilt, im übertragenen Sinne, auch für Ad-hoc-Änderungen und Prozessschemaevolution
in PMS. Darüber hinaus wird man in diesem Kontext aber noch fordern müssen, dass die je-
weiligen Analysen effizient durchführbar sind. Sehr hilfreich ist in diesem Zusammenhang,
wenn man den Bereich, in dem die Prozessinstanz analysiert werden muss, systemseitig ein-
zuschränken vermag. Aus diesem Grund ist z.B. das von uns entwickelte ADEPT-Metamodell
den an sich sehr mächtigen Petri-Netzen in dieser Hinsicht überlegen. Durch Blockstrukturie-
rung, verschiedene Kantentypen, explizite Schleifenkanten sowie durch Markierungen, die
erkennen lassen, auf welchem Weg ein bestimmter Zustand erreicht worden ist, kann man im
ADEPT-Modell (siehe Abb. 4) in vielen Fällen bereits durch Analyse eines recht begrenzten
Bereichs Korrektheits- und Konsistenzaussagen treffen (siehe [ReDa98, SRD04] für eine aus-
führliche Beschreibung).
Noch dramatischer sind die Effekte und Unterschiede im Kontext Prozessschemaevolution.
Das Problem ist an sich schon recht verzwickt (siehe Abb. 5 und 6 zur Illustration des Prob-
lems sowie Abb. 7 für die diversen Fälle, die (mindestens) unterschieden werden müssen).
Mit dem "richtigen" Prozess-Metamodell kann man diese Komplexität jedoch zu einem gro-
ßen Teil vor dem Benutzer verbergen. Mit dem "falschen" Prozess-Metamodell kann Prozess-
schemaevolution jedoch leicht zum Alptraum werden. Unter Umständen muss der Prozess-
verantwortliche selbst Abbildungsregeln vom alten in das neue Prozessschema definieren, mit
all den damit verbundenen Risiken (siehe [RRD04a] für eine Diskussion der verschiedenen
Ansätze und entsprechende Beispiele).
get
order compose order
confirm
order pack goods
deliver goods
Schema S:
collect
data
get
order compose order
confirm
order pack goods
deliver goods
Schema S:
collect
data get
order compose order
confirm order pack goods
deliver goods
send
invoice
invoice
invoice
make
invoice
S‘:
collect
data
get
order compose order
confirm order pack goods
deliver goods
send
invoice
invoice
invoice
make
invoice
S‘:
collect
data
Prozessinstanz unverträglich mit S'
migratemigrate
migratemigrate
I1:
I2:
In:
I1:
I2:
In:
migratemigrate
Abb. 5: Prozessschemaevolution mit Instanzen ohne Ad-hoc-Änderungen
I1:
I2:
In:
I1:
I2:
In:
get
order compose order
confirm
order pack goods
deliver goods
Schema S:
collect
data get
order compose order
confirm order pack goods
deliver goods
send
invoice
invoice
make
invoice
S‘:
collect
data
get
order compose order
confirm order pack goods
deliver goods
send
invoice
invoice
make
invoice
S‘:
collect
data
migratemigrate
?
migratemigrate
migratemigrate
Notwendig:
Allgemeines, formales
Korrektheitskriterium
Prozessinstanz unverträglich mit S'
XAd-hoc-Änderung
XX
XAd-hoc-Änderung
XX
Abb. 6: Prozessschemaevolution bei Instanzen mit Ad-hoc-Änderungen
Neben den notwendigen formalen Grundlagen ist jedoch noch eine weitere Voraussetzung für
Ad-hoc-Flexibilität und Prozessschemaevolution unabdingbar: Einzeln manipulierbare Pro-
zessinstanzen! Dies dürfte für die meisten der am Markt befindlichen Systeme für Prozess-
Management (Workflow-Management-Systeme, EAI-Systeme) derzeit nicht der Fall sein. Sie
verwenden mittlerweile zwar alle ein graphisches Prozessmodell zur Modellierung, generie-
ren aus diesem jedoch Programmcode, Datenbank-Trigger oder eine Kombination aus beiden.
D.h. sie erzeugen aus dem Graphmodell letztlich einen sog. endlichen Automaten (zentral
oder verteilt realisiert), der Prozesse bzw. Prozessinstanzen "hart verdrahtet" ausführt.
user
constraints
laufende
Instanzen
user
constraints
user
constraints
laufende
Instanzen
Migration gewünschtMigration gewünscht
Migration nicht gewünschtMigration nicht gewünscht
unveränderte Instanzenunveränderte Instanzen individuell veränderte Instanzenindividuell veränderte Instanzen
Instanzen
ohne überlappenden
Veränderungsbereich
Instanzen
ohne überlappenden
Veränderungsbereich
Instanzen
mit überlappendem
Veränderungsbereich
Instanzen
mit überlappendem
Veränderungsbereich
"migrations-
verträgliche"
Instanzen
"migrations-
unverträgliche
Instanzen
"migrations-
verträgliche"
Instanzen
"migrations-
unverträgliche
Instanzen
"migrations-
verträgliche"
Instanzen
"migrations-
unverträgliche
Instanzen
"migrations-
verträgliche"
Instanzen
"migrations-
unverträgliche
Instanzen
"migrations-
verträgliche"
Instanzen
"migrations-
unverträgliche
Instanzen
"migrations-
verträgliche"
Instanzen
"migrations-
unverträgliche
Instanzen
Abb. 7: Fallunterscheidungen bei Prozessschemaevolution
Auf einer solchen Technologiebasis sind echte Ad-hoc-Abweichungen gar nicht und Prozess-
schemaevolution nur in extrem eingeschränkter Weise möglich. – Diese PMS entsprechen in
gewisser Weise (als Analogie gesehen) den DBMS der ersten Generation, wo aus dem Daten-
bankschema letztlich Records mit Verkettungsstrukturen erzeugt und Datenbankoperationen
im Anwendungsprogramm direkt in Routinen übersetzt wurden, um bestimmte Zeigerketten
zu durchlaufen. Wurde an der physischen Struktur der Datenbank etwas geändert, so mussten
meist auch die Anwendungsprogramme neu übersetzt werden.
5. Abschließende Bemerkungen und Empfehlungen
Prozessorientierung wird für die Unternehmens-IT in den nächsten Jahren ein "Mega-Thema"
werden. Das Problem wird von vielen IT-Verantwortlichen derzeit noch völlig unterschätzt.
Sie sehen es immer noch vor allem als Problem der Anwender und überlassen die Entwick-
lung von Lösungen (fast) völlig den Fachabteilungen. Hierdurch entstehen oft sehr heterogene
Lösungen, die in den nächsten Jahren zu immensen Integrationsproblemen führen werden.
Die zentrale Forderung wird sein, Prozesse sehr viel rascher und kostengünstiger als heute
realisieren zu können. Prozessmanagementsysteme werden deshalb (ob man sie mag oder
nicht) verstärkt realisiert werden müssen. Aber: Die Flexibilität des Unternehmens darf durch
den Übergang zu dieser Technologie nicht leiden. Mit heutiger Technologie besteht diesbe-
züglich ein erhebliches Risiko.
PMS der vorgestellten Art haben ein sehr großes technologisches Potenzial und können eine
Reihe der oben beschriebenen Probleme auf sehr elegante und effiziente Weise lösen. Sie
haben das Potenzial, die Entwicklung flexibler, prozessorientierter Informationssysteme ganz
entscheidend zu vereinfachen und zu verbessern. Aber: Diese Funktionalität muss von den
Anwendern bei den Herstellern auch eingefordert werden. Die Hersteller entwickeln seit eini-
gen Jahren zunehmend sehr (kunden)anforderungsbezogen und mit immer kleineren zeitli-
chen Entwicklungshorizonten. Sie treiben den Aufwand zur Entwicklung echter technologi-
scher Innovationen nur dann, wenn die Kunden diese Innovationen explizit nachfragen. Die
Anwender kennen in vielen Fällen jedoch überhaupt nicht die technologischen Alternativen
und fordern deshalb häufig nur Verbesserungen entlang des eingeschlagenen Weges. Der
Verzicht auf die Erarbeitung eigener vorausschauender Perspektiven auf Anwenderseite kann
sich hier auf mittlere Sicht bitter rächen bzw. zu einem späten Zeitpunkt sehr teure Kurskor-
rekturen notwendig machen. – Deshalb die Empfehlung:
• Mit den Entwicklungen und Fragestellungen im Forschungsbereich auseinandersetzen.
• Eine eigene Meinung bilden, was Ihr Unternehmen mittel- und langfristig braucht.
• Bisherige Ansätze ggf. ruhig auch einmal grundsätzlich in Frage stellen.
• Sich auf den Kenntnisstand bringen, die Anforderungen in adäquater Weise zu artikulieren.
Literatur und weiterführende Information
[ReDa98] Reichert, M.; Dadam, P.: ADEPTflex - Supporting Dynamic Changes of
Workflows Without Losing Control. Journal of Intelligent Information Systems,
Kluwer Academic Publ., Vol. 10, No. 2, March/April 1998, pp. 93-129
[RRD04] Rinderle, S.; Reichert, M.; Dadam, P.: Flexbile Support of Team Processes by
Adaptive Workflow Systems. Distributed and Parallel Databases, Vol. 16, No. 1,
2004, pp. 91-116
[RRD04a] Rinderle, S.; Reichert, M.; Dadam, P.: Correctness Criteria for Dynamic Changes
in Workflow Systems - A Survey. Data and Knowledge Engineering, Vol. 50, No.
1, 2004, pp. 9-34
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