scieee Science in your language
[en] (orig)
ProCycle Integrierte Unterst¨
utzung
des Prozesslebenszyklus
Barbara Weber, Werner Wild, Manfred Reichert, Peter Dadam
Aufgrund h¨
aufiger ¨
Anderungen in ihrem Gesch¨
aftsumfeld m¨
ussen Unternehmen in der Lage sein, ihre Gesch¨
aftsprozesse und
die sie unterst¨
utzenden Informationssysteme (IS) rasch und flexibel anzupassen. In j¨
ungerer Vergangenheit ist eine neue
Generation von IS entstanden, die eine umfassende IT-Unterst¨
utzung f¨
ur Prozesse zum Ziel haben. Diese Systeme haben
sich jedoch in der Praxis oftmals als zu starr erwiesen. Um wirklich breit einsetzbar zu sein, muss es auch m¨
oglich sein,
in Ausnahmef¨
allen flexibel vom definierten Prozess abzuweichen sowie Prozessimplementierungen rasch an sich ¨
andernde
Rahmenbedingungen, wie beispielsweise neue gesetzliche Anforderungen, anzupassen. Das prozessorientierte IS sollte den
Benutzer im ¨
Anderungsfall durch die Wiederverwendung von ¨
Anderungen unterst¨
utzen sowie den Prozessverantwortlichen bei
der Ableitung von verbesserten Prozessmodellen helfen. Dieser Beitrag stellt mit ProCycle einen implementierten Ansatz vor,
der all diese Funktionalit¨
aten bietet und der aus der Integration adaptiver Prozess-Management-Technologie mit Techniken des
Case-Based Reasoning hervorgegangen ist. Ziel ist es, den kompletten Prozesslebenszyklus in integrierter Form zu unterst¨
utzen.
1 Einleitung
Die ad¨
aquate IT-Unterst¨
utzung ihrer Gesch¨
aftsprozesse stellt f¨
ur
viele Unternehmen eine große Herausforderung dar. Aufgrund
h¨
aufiger ¨
Anderungen in ihrem Gesch¨
aftsumfeld m¨
ussen sie in
der Lage sein, ihre Informationssysteme (IS) an den betriebli-
chen Prozessen auszurichten. Weiters sollten die IS eine flexible
Prozessunterst¨
utzung erm¨
oglichen, gleichzeitig aber ein gewis-
ses Maß an Kontrolle bieten [1]. So m¨
ussen zur Laufzeit Ad-
hoc-¨
Anderungen einzelner Prozessinstanzen (z.B. Einf¨
ugen oder
Verschieben von Prozess-Schritten) m¨
oglich sein, ohne dass dies
die Robustheit und Stabilit¨
at des Gesamtsystems beeintr¨
achtigt.
Nur dann ist eine realit¨
atsnahe Prozessunterst¨
utzung erzielbar
und eine Diskrepanz zwischen rechnergest¨
utzten Workflows und
tats¨
achlich gelebten Prozessen vermeidbar. Eine neue Genera-
tion prozessorientierter IS (engl. Process-Aware IS; PAIS) ver-
sucht dieser Herausforderung zu begegnen, indem Prozesse ex-
plizit beschrieben und damit Prozesslogik und Anwendungscode
separiert werden [2]. Unternehmen versprechen sich dadurch eine
raschere Anpassbarkeit ihrer Prozesse, d.h. mehr Agilit¨
at.
In der Vergangenheit konnte diese Flexibilit¨
at aber nur an-
satzweise realisiert werden, da existierende Technologien (z. B.
Workflow-Management-Systeme) entweder keine oder nur stark
eingeschr¨
ankte Prozess¨
anderungen zur Laufzeit zulassen. Einen
viel versprechenden Ansatz bieten allerdings adaptive Prozess-
Management-Systeme wie ADEPT [1] oder WASA2 [3], die sich
speziell der ¨
Anderungsproblematik von Prozessen und deren Be-
handlung zur Laufzeit verschrieben haben. Sie erlauben es au-
torisierten Benutzern zur Laufzeit, flexibel vom vordefinierten
Prozess abzuweichen, etwa durch dynamisches Einf¨
ugen oder
¨
Uberspringen eines Prozess-Schrittes (z. B. zwecks Behandlung
eines Ausnahmefalls). Weiters gestatten es diese Systeme, die
Implementierung eines PAIS rasch an ver¨
anderte Gegebenheiten
anzupassen. Im letztgenannten Fall k¨
onnen unter gewissen Vor-
aussetzungen sogar bereits laufende Prozessinstanzen noch auf
die neue Abwicklung umgestellt werden.
Obwohl adaptive Prozess-Management-Technologie eine fle-
xible ¨
Anderung von Prozessen sowohl auf Typ- als auch Instanz-
Ebene erm¨
oglicht und somit die Grundlage f¨
ur die systemseitige
Umsetzung von Prozess¨
anderungen schafft, bietet sie noch kei-
ne Hilfestellung f¨
ur die Nutzung vorhandenen ¨
Anderungswissens
oder gar die Ableitung von Prozessverbesserungen. Hier er¨
offnet
eine Integration mit Techniken des Case-Based Reasoning (CBR),
wie sie z.B. in CBRFlow [4] vorgenommen wird, interessante
Perspektiven. Konkret erlaubt es CBRFlow, Abweichungen vom
vordefinierten Prozess mit Hilfe von CBR in annotierter Form
in einer Fallbasis zu speichern und die resultierenden F¨
alle in
¨
ahnlichen Situationen wiederzuverwenden. Dabei dienen h¨
aufig
auftretende, ¨
ahnliche Abweichungen als Ansatzpunkt f¨
ur die Er-
mittlung von Prozessverbesserungen.
In diesem Beitrag zeigen wir anhand der von uns im Projekt
ProCycle vorgenommenen Integration von ADEPT und CBR-
Flow exemplarisch auf, wie durch Zusammenf¨
uhrung von adap-
tiver Prozess-Management-Technologie und CBR-Techniken ei-
ne vollst¨
andige Unterst¨
utzung des Prozesslebenszyklus m¨
oglich
wird. Neben der Durchf¨
uhrung von Prozess¨
anderungen erlaubt
das integrierte System (kurz: ProCycle), aus Erfahrungen zu ler-
nen. Einerseits werden Benutzer auf der Ebene einzelner Pro-
zessinstanzen durch Wiederverwendung von ¨
Anderungsf¨
allen un-
terst¨
utzt, andererseits werden auf Typ-Ebene die aus solchen
F¨
allen gewonnenen Erfahrungen genutzt, um zu verbesserten
Prozessen zu gelangen.
Dieser Artikel gliedert sich wie folgt: Kapitel 2 bietet Hin-
tergrundinformationen in Bezug auf Prozessmanagement, die f¨
ur
das weitere Verst¨
andnis hilfreich sind. Kapitel 3 beschreibt die
Unterst¨
utzung des Prozesslebenszyklus in ProCycle, eine Dar-
stellung des implementierten Systems folgt in Kapitel 4. Kapitel
5 diskutiert verwandte Ans¨
atze und Kapitel 6 fasst die erzielten
Ergebnisse zusammen.
2 Grundlagen
PAIS erlauben es Benutzern, ihre Prozesse explizit zu modellie-
ren, auszuf¨
uhren und zu ¨
uberwachen. Wir skizzieren nachfolgend
die in diesem Zusammenhang gebotene Systemunterst¨
utzung.
Seite 1
KI-Zeitung, 2007 (to appear)
2.1 Prozessmodellierung
Die Orchestrierung der einzelnen Schritte eines Prozesses (sog.
Aktivit¨
aten) basiert auf einem vordefinierten Prozess-Schema.
Dieses legt die durchzuf¨
uhrenden Aktivit¨
aten, deren Kontroll-
und Datenflussbeziehungen, zugeh¨
orige Bearbeiterzuordnungen
sowie Gesch¨
aftsobjekte (zur Versorgung von Aktivit¨
ateneingaben
bzw. ¨
Ubernahme von Aktivit¨
atenausgaben) fest. F¨
ur jeden durch
das PAIS zu unterst¨
utzenden Gesch¨
aftsprozess (z.B. Buchen ei-
ner Gesch¨
aftsreise oder Bearbeiten eines Kreditantrags) wird ein
Prozess-Typ definiert, zu dem es verschiedene Schema-Versionen
geben kann, welche die zeitliche Entwicklung des Prozess-Typs
reflektieren. In Abb. 1 etwa sind Prozess-Schemata S1und S10
zwei unterschiedliche Versionen desselben Prozess-Typs.
B
AC
DEF
Typ-Ebene Prozess-Schema S1
Instanz-Ebene
Prozess Instanz I1 Prozess Instanz I2 Prozess Instanz I3 (modifiziert)
XY
d
XY
d
Typ-Änderung
Prozess-Schema S1‘
Abbildung 1: Typ- und Instanzebene in PAIS
2.2 Prozessausf¨
uhrung
Basierend auf einem Prozess-Schema k¨
onnen neue (Prozess-) In-
stanzen erzeugt, verwaltet und ausgef¨
uhrt werden. Um zur Lauf-
zeit angemessen auf Ausnahmesituationen reagieren zu k¨
onnen,
m¨
ussen wie eingangs erw¨
ahnt Prozessteilnehmer zudem in
der Lage sein, vom vordefinierten Ablauf abzuweichen [1]. Die
Auswirkungen solcher instanzspezifischen ¨
Anderungen sollten lo-
kal bleiben, d.h. es d¨
urfen keine Effekte bezogen auf andere lau-
fende Instanzen desselben Typs resultieren. In Abb. 1 wurde z.B.
Instanz I3zur Laufzeit modifiziert, indem zwei Aktivit¨
aten X
und Ysowie eine Datenabh¨
angigkeit zwischen ihnen eingef¨
ugt
wurden. Durch diese ¨
Anderung weicht das Ausf¨
uhrungsschema
der Instanz I3vom Ausgangsprozess-Schema S1ab.
Da in der Praxis dieselben oder ¨
ahnliche Abweichungen ¨
ofter
auftreten k¨
onnen, sollte ein PAIS die Wiederverwendung von
¨
Anderungen unterst¨
utzen. Dies ist sinnvoll, weil die Neudefiniti-
on von ¨
Anderungen immer mit gewissem Aufwand verbunden ist
und entsprechende Erfahrung seitens des Benutzers bedingt. Um
¨
Anderungen wiederverwenden und somit existierende Erfahrun-
gen nutzen zu k¨
onnen, sollten die Instanz-¨
Anderungen mit ge-
eigneter Kontextinformation (z.B. zum Grund der Abweichung)
annotiert werden. Diese Kontextinformation ist vom PAIS zu
verwalten und kann dann dazu verwendet werden, um in einer
aktuellen Problemsituation F¨
alle zu ¨
ahnlichen, bereits gel¨
osten
Problemen zu suchen. Ferner stellt Kontextwissen sicher, dass
jeweils nur die f¨
ur die aktuelle Situation des Benutzers relevanten
Prozess-¨
Anderungen zur Auswahl angeboten werden [4, 5].
2.3 Prozessmonitoring
Um die Ausf¨
uhrung von Prozessinstanzen und eventuelle Instanz-
¨
Anderungen nachvollziehbar zu machen, verwaltet ein PAIS ent-
sprechende Ausf¨
uhrungs- und ¨
Anderungslogs. Dadurch lassen
sich das Ausf¨
uhrungsschema und der Zustand einer bestimm-
ten Prozessinstanz f¨
ur jeden beliebigen Zeitpunkt rekonstruie-
ren. Ferner k¨
onnen die Log-Daten auch dazu genutzt werden,
Vorschl¨
age f¨
ur Prozessverbesserungen abzuleiten [6, 7], etwa
wenn eine bestimmte Ad-hoc-¨
Anderung wiederkehrend aufge-
treten ist. Die Umsetzung solcher Prozessverbesserungen erfolgt
durch einen Prozessverantwortlichen auf Typebene und f¨
uhrt in
der Regel zu einer neuen Schema-Version des entsprechenden
Prozess-Typs (siehe Abb. 1). ¨
Ublicherweise basieren zuk¨
unftig
erzeugte Instanzen dann auf dieser neuen Schema-Version. Im
Falle von langlaufenden Prozessinstanzen kann es dar¨
uber hin-
aus sinnvoll bzw. notwendig sein, bereits laufende Instanzen auf
die neue Schema-Version zu migrieren (siehe [8] f¨
ur Details).
3 Unterst¨
utzung des Prozesslebens-
zyklus mit Case-Based Reasoning
Abb. 2 zeigt wie in ProCycle der komplette Prozesslebenszy-
klus durch Kombination von adaptiver Prozess-Management-
Technologie und CBR durchg¨
angig unterst¨
utzt wird.
Case BaseS‘
Prozess-
teilnehmer
Examine
patient
Make
appointm
ent
Ente
r
orde
r
Inform
patient
Make
appointm
ent
Schema S:
Prozess-
verantwortlicher
c
Anlegen Prozess-Schema
A B C E
D
Instanzierung
d
Prozessausführung
f
gNotifizierung des
Prozess-
verantwortlichen über
Vorschlag zur
Prozessverbesserung
(häufige Abweichung)
Änderung Prozess-Schema
h
Prozessinstanz I:
A B D
C
Modifizierte Prozess-
instanz I:
Änderung einer
einzelnen Instanz durch
Hinzufügen oder
Wiederverwendung eines Falles
e
iMigration der
Case-Base
Case BaseS
A B D
X
CE
Schema S‘:
Abbildung 2: Integrierter Prozesslebenszyklus
Zum Modellierungszeitpunkt wird eine initiale Repr¨
asentation
des betreffenden Gesch¨
aftsprozesses erstellt. Dies kann entwe-
der durch Prozessanalyse oder durch Anwendung von Process
Mining (d.h. durch die Beobachtung von Prozessausf¨
uhrungen
und deren Aktivit¨
aten) erfolgen (1). Ausgehend von einem so
gewonnenen Prozess-Schema k¨
onnen dann zur Laufzeit neue In-
stanzen erzeugt werden (2). Im Regelfall werden diese gem¨
ihrem Ausgangsschema ausgef¨
uhrt und die jeweils anstehenden
Aktivit¨
aten den Prozessteilnehmern ¨
uber Arbeitslisten verf¨
ugbar
gemacht (3). Treten Ausnahmen auf, die eine bestimmte Instanz
betreffen, k¨
onnen Prozessteilnehmer instanzbezogen vom vorde-
finierten Schema abweichen. Benutzer k¨
onnen dabei entweder
neue Abweichungen definieren und mit Angabe von Gr¨
unden in
der Fallbasis (engl. Case Base; CB) speichern, oder sie k¨
onnen
eine zu einem fr¨
uheren Zeitpunkt in dieser CB abgelegte Ab-
weichung wiederverwenden (4). Des Weiteren ¨
uberwacht das
PAIS, wie h¨
aufig ein bestimmtes Schema instanziiert wird und
wie oft Abweichungen auftreten. Tritt eine bestimmte Abwei-
chung sehr h¨
aufig auf, wird der Prozessverantwortliche dar¨
uber
Seite 2
informiert, dass eine ¨
Anderung auf Typ-Ebene evtl. Sinn macht
(5). Er kann dann das Prozess-Schema entsprechend modifizie-
ren und als neue Schema-Version abspeichern (6). Zus¨
atzlich
werden F¨
alle, die auch f¨
ur die neue Schema-Version relevant
bleiben, in eine neue Version der CB ¨
ubergef¨
uhrt (7).
3.1 Repr¨
asentation und Wiederverwendung
von F¨
allen
In diesem Abschnitt beschreiben wir, wie CBR in ProCycle ein-
gesetzt wird, um die Semantik von Instanz-¨
Anderungen zu be-
schreiben, und wie diese ¨
Anderungen gespeichert, gesucht und in
¨
ahnlichen Problemsituationen wiederverwendet werden. Zudem
gehen wir auf Maßnahmen zur Qualit¨
atssicherung von F¨
allen ein.
3.1.1 Fallrepr¨
asentation
Ein Fall repr¨
asentiert in unserem Ansatz eine konkrete Laufzeit-
abweichung, die f¨
ur eine oder mehrere Prozessinstanzen erfolgt
ist. Neben der vorgenommenen ¨
Anderung selbst beschreibt der
Fall auch den Kontext und die Gr¨
unde f¨
ur die Abweichung. In
der Regel werden neue F¨
alle immer dann ins System eingef¨
ugt,
wenn ein Benutzer eine Abweichung vornehmen will und kein f¨
ur
eine Wiederverwendung geeigneter Fall im System vorliegt.
Ein konkreter Fall cumfasst eine textuelle Problembeschrei-
bung pdc, welche kurz die Ausnahmesituation erkl¨
art, die zur
Abweichung gef¨
uhrt hat. Die Gr¨
unde bzw. der Kontext f¨
ur die
Abweichung werden in unserem Ansatz als Menge von Frage-
Antwort-Paaren qaSetcrepr¨
asentiert, wobei jedes einzelne Frage-
Antwort-Paar qaieine konkrete Bedingung (z.B. das Zutreffen
eines medizinischen Problems) darstellt. Frage-Antwort-Paare
werden von uns auch verwendet, um in einer gegebenen Situa-
tion die bekannten F¨
alle mit ¨
ahnlichem (Problem-)Kontext zu
finden. Der L¨
osungsteil eines Falles solcschließlich besteht aus
einer Liste mit ¨
Anderungsoperationen, die ausgef¨
uhrt worden
sind, um die vorliegende Ausnahmesituation zu beheben.
Beispiel: Nehmen wir an, dass ein Arzt die zur Diagnostik ei-
nes Kreuzbandrisses normalerweise durchzuf¨
uhrende Magnetre-
sonanztomographie nicht anwenden kann, da der Patient einen
Herzschrittmacher hat. Die Gr¨
unde f¨
ur die Abweichung werden
dann als Frage-Antwort-Paar beschrieben (Frage: Hat der Pa-
tient einen Herzschrittmacher?– Antwort: Ja). Der L¨
osungsteil
umfasst die ¨
Anderungsoperationen am Prozess, die zur Behe-
bung des Problems angewendet werden (z.B. Auslassen der Ma-
gnetresonanztomographie und Ausf¨
uhren einer alternativen Un-
tersuchung).
Die Frage eines Frage-Antwort-Paars ist immer Freitext, die
Antwort kann entweder Freitext sein oder Ausdr¨
ucke enthalten.
Ausdr¨
ucke erlauben es uns bereits im System vorhanden Kon-
textinformation zu nutzen und verhindern, dass Daten mehrfach
erfasst werden m¨
ussen. Frage-Antwort-Paare, die Ausdr¨
ucke ent-
halten, werden automatisch vom System ausgewertet, indem
Werte f¨
ur Kontextattribute aus vorhandenen Datenquellen bef¨
ullt
werden. Da diese Kategorie von Frage-Antwort-Paaren keine Be-
nutzerinteraktion erfordert, k¨
onnen Fehler reduziert werden. Au-
ßerdem entf¨
allt der Zeitaufwand f¨
ur die Beantwortung der Fra-
gen durch den Benutzer. Freitextantworten werden verwendet,
wenn keine geeigneten Kontextattribute im System definiert sind
oder der Benutzer zu wenig erfahren ist, um Ausdr¨
ucke zu for-
mulieren. Alle Informationen ¨
uber Instanz-¨
Anderungen, die ein
bestimmtes Prozess-Schema betreffen, werden in einer schema-
spezifischen CB gespeichert.
3.1.2 Suchen und Wiederverwenden von F¨
allen
Wird zur Laufzeit eine Abweichung vom vordefinierten Prozess-
Schema notwendig, initiiert der Benutzer einen Suchdialog in
der CBR-Komponente, um F¨
alle mit ¨
ahnlicher Problemsituation
zu finden. F¨
ur das Suchen wird von uns Conversational Case-
based Reasoning (CCBR) verwendet. CCBR ist eine Erweite-
rung des CBR-Paradigmas und bindet den Benutzer aktiv in den
Suchprozess ein [9]. Ein CCBR-System stellt ein interaktives Sy-
stem dar, welches den Benutzer durch das Stellen von Fragen
und das Anzeigen relevanter Antwortm¨
oglichkeiten bei der Suche
unterst¨
utzt. Im Unterschied zu strukturiertem CBR muss keine
vollst¨
andige Anfrage vor Beginn des Suchprozesses spezifiziert
werden. Stattdessen assistiert das CCBR-System den Benutzer
die aktuelle Situation zu erfassen und relevante F¨
alle zu finden,
auch wenn er unter Umst¨
anden nur vage Vorstellungen dar¨
uber
hat wonach er eigentlich sucht. Benutzer k¨
onnen vorhandene In-
formationen auf ihre Initiative hin jederzeit ins System eingeben.
Aus diesem Grunde ist CCBR besonders geeignet, um unerfahre-
ne Benutzer in Ausnahmesituationen zu unterst¨
utzen, die nicht
automatisch abgehandelt werden k¨
onnen.
Beim Suchen nach ¨
ahnlichen F¨
allen pr¨
asentiert das System
dem Benutzer eine Liste von Fragen; Fragen, f¨
ur die es vordefi-
nierte Antworten mit Ausdruck gibt, werden automatisch durch
das System beantwortet. Andernfalls kann der Benutzer eine
Freitextantwort ausw¨
ahlen. F¨
ur jeden Fall cin der CB wird die
¨
Ahnlichkeit zur aktuellen Problemsituation qberechnet. Die n
¨
ahnlichsten F¨
alle werden dann dem Benutzer, nach ¨
Ahnlichkeit
absteigend sortiert, angezeigt. Die ¨
Ahnlichkeit wird dabei als
Anzahl der korrekt beantworteten Fragen minus der Anzahl der
inkorrekt beantworteten Fragen, dividiert durch die Gesamtan-
zahl der Fragen des Falls, berechnet [6].
sim1(q, c) = same(qaSetq,qaSetc)diff (qaSetq,qaSetc)
|qaSetc|
Damit die ¨
Ahnlichkeit einen Wert zwischen 0 und 1 an-
nimmt, nehmen wir noch folgende Normalisierung vor:
sim2(q, c) = 1
2(sim1(q, c) + 1)
Im Anschluss an die Neuanzeige gefundener F¨
alle kann der
Benutzer (1) weitere Fragen in beliebiger Reihenfolge beantwor-
ten, (2) die Fallbasis filtern (z.B. nur F¨
alle mit einer bestimmten
¨
Anderungsoperation werden betrachtet), oder (3) einen der an-
gezeigten F¨
alle zur Wiederverwendung selektieren. Entscheidet
sich der Benutzer f¨
ur Option 1 (Beantwortung weiterer Fragen)
wird die ¨
Ahnlichkeit entsprechend neu berechnet und die Liste
mit den n¨
ahnlichsten F¨
allen neu aufgebaut. W¨
ahlt der Benutzer
Option 2 (Filtern der CB) werden alle F¨
alle, die nicht dem Fil-
terkriterium entsprechen, aus der Anzeigeliste entfernt. Option 3
(Fall wiederverwenden) f¨
uhrt dazu, dass die ¨
Anderungsoperationen
im L¨
osungsteil des selektierten Falls an das PAIS weitergeleitet
werden und von diesem ausgef¨
uhrt werden.
Seite 3
3.1.3 Qualit¨
at von F¨
allen
Die Wiederverwendbarkeit von F¨
allen wird maßgeblich durch
die Qualit¨
at der in der Fallbasis gespeicherten Informationen
bestimmt [11]. Die F¨
alle werden in der Regel durch norma-
le Prozessteilnehmer und nicht durch erfahrene Benutzer (z.B.
Prozessverantwortliche) erfasst, so dass Maßnahmen zur Qua-
lit¨
atssicherung unumg¨
anglich sind. Aspekte, die sich kritisch auf
die Benutzerakzeptanz unseres CCBR-Ansatzes und damit auf
die resultierende Informationsqualit¨
at auswirken k¨
onnen, sind die
ggf. sehr langen Benutzerdialoge sowie inkonsistente oder feh-
lerhafte Fallinformationen.
Fehlerfreiheit von F¨
allen. Die Fallbasis w¨
achst inkremen-
tell; immer wenn neue Ausnahmesituationen auftreten, werden
neue F¨
alle ins System hinzugef¨
ugt. Unser Ansatz garantiert da-
bei syntaktische Korrektheit des L¨
osungsteils des Falles, d.h.
die Anwendung der ¨
Anderungsoperationen eines Falles auf das
Ausf¨
uhrungsschema einer Prozessinstanz f¨
uhrt im Anschluss wie-
der zu einem korrekten Ausf¨
uhrungsschema (mit konsistentem
Zustand) [1]. Syntaktische Korrektheit alleine reicht allerdings
nicht aus. Da Fallinformationen oftmals von unerfahrenen Be-
nutzern eingef¨
ugt werden, k¨
onnen auch (semantisch) fehlerhafte
F¨
alle in das System gelangen. Deshalb muss sichergestellt wer-
den, dass solche fehlerhaften F¨
alle keine hohe Wiederverwendung
erfahren. In unserem Ansatz k¨
onnen die F¨
alle daher nach ihrer
Anwendung auch hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit bewertet wer-
den. Basierend auf diesen Evaluierungsergebnissen wird ein Re-
putation Score errechnet, der Aufschluss dar¨
uber gibt, wie erfolg-
reich der Fall in der Vergangenheit angewendet wurde [10]. Der
Reputation Score wird Benutzern im Suchdialog angezeigt (sie-
he Abb. 4). F¨
alle mit schlechten Evaluierungsergebnissen bzw.
niedrigem Reputation Score k¨
onnen vom Prozessverantwortli-
chen deaktiviert werden.
Refactoring von F¨
allen. Um den Suchprozess zu beschleu-
nigen und m¨
ogliche Fehleingaben auszuschalten, werden Ant-
worten mit (aus dem Datenkontext automatisch auswertbaren)
Ausdr¨
ucken den Freitextantworten vorgezogen. Allerdings wird
es in der Praxis immer wieder Situationen geben, in denen die
Eingabe von Freitext erforderlich wird, etwa wenn keine ent-
sprechenden Kontextattribute im System definiert sind oder der
Benutzer zu unerfahren ist, um Ausdr¨
ucke zu schreiben. Bei un-
serem Ansatz wird der Prozessverantwortliche informiert, wenn
die Antworth¨
aufigkeit einer Frage einen bestimmten Grenzwert
¨
uberschreitet. Er wird dann darin unterst¨
utzt, ein Refactoring
von Freitextantworten zu Ausdr¨
ucken vorzunehmen, soweit sinn-
voll und m¨
oglich.
Zusammenlegen von F¨
allen. Generell ist es m¨
oglich, dass
mehrere F¨
alle auf eine Prozessinstanz angewendet werden. Durch
Analyse der Log-Daten k¨
onnen insbesondere Abh¨
angigkeiten zwi-
schen F¨
allen erkannt werden. Treten zwei F¨
alle immer in Kombi-
nation auf, kann die Probleml¨
osungseffizienz des Systems durch
Zusammenlegen der F¨
alle verbessert werden. Treten F¨
alle zwar
nicht immer, aber sehr h¨
aufig in Kombination auf, sollte das Sy-
stem den Benutzer bei der Auswahl eines Falles auf die Existenz
eventuell abh¨
angiger F¨
alle hinweisen (f¨
ur Details siehe [11]).
3.1.4 Ableitung von Prozessverbesserungen aus F¨
allen
Tritt eine bestimmte Instanzmodifikation h¨
aufig auf, kann es
sinnvoll sein, diese Abweichung auf Typ-Ebene zu ¨
ubertragen.
Dies bietet den Vorteil, dass das entsprechende Wissen f¨
ur zuk¨
unftige
Instanzen sofort verf¨
ugbar wird und nicht mehr einzeln abgeru-
fen und angewendet werden muss. Daher wird bei ¨
Uberschreiten
einer gewissen Wiederverwendungsrate der Prozessverantwort-
liche entsprechend benachrichtigt. Entscheidet er sich f¨
ur die
¨
Ubernahme der Instanzmodifikation(en), erstellt er eine neue
Schema-Version; durch den Einsatz von ADEPT k¨
onnen auf
Wunsch auch bereits laufende Instanzen auf das neue Schema
migriert werden.
Die Erstellung einer neuen Schema-Version selbst ist kein
automatisierter Prozess, sondern wird vom Prozessverantwortli-
chen unter Zuhilfenahme der CB vorgenommen. Das darin ge-
sammelte Erfahrungswissen zu Ad-hoc-Abweichungen erleich-
tert den ¨
Anderungsprozess. Soll eine in einem Fall beschriebe-
ne ¨
Anderung immer (d.h. f¨
ur alle zuk¨
unftigen Instanzen) wirk-
sam sein, kann der L¨
osungsteil des Falls (d.h. die entsprechen-
den ¨
Anderungsoperationen) in der Regel ohne Anpassungen auf
das Schema angewandt werden. Aufwendiger wird es, wenn ei-
ne ¨
Anderung nur in gewissem Kontext (d.h. nur f¨
ur bestimmte
Instanzen) wirksam werden soll. Hier muss der L¨
osungsteil des
Falls um entsprechende Informationen (z.B. Auswahlpr¨
adikate)
erg¨
anzt werden. Wichtige Informationen hierzu kann der Pro-
zessverantwortliche aus den Frage-Antwort-Paaren des Falles zie-
hen. Weiters wird der Prozessverantwortliche bei der ¨
Ubernahme
von Instanzmodifikationen auf ein Typ-Schema auch dadurch
unterst¨
utzt, dass das System nur syntaktisch korrekte ¨
Anderungen
zul¨
asst. Alle verf¨
ugbaren ¨
Anderungsoperationen besitzen formale
Vor- und Nachbedingungen, welche deren korrekte Anwendung
sicherstellen (z.B. im Hinblick auf die Korrektheit von Daten-
fl¨
ussen).
3.2 Schemaevolution, Instanzmigration und
CB-Migration
Nehmen wir an, dass der Prozessentwickler sich, wie in Ab-
bildung 1 dargestellt, dazu entschieden hat die beiden Akti-
vit¨
aten Xund Yin ein Typ-Schema einzuf¨
ugen. Durch den Ein-
satz von ADEPT k¨
onnen dann laufende Instanzen auf Wunsch
des Prozessverantwortlichen noch auf die neue Schema-Version
S10migriert werden. Dabei muss sichergestellt werden, dass
die migrierten Instanzen weiterhin korrekt ausgef¨
uhrt werden,
d.h. dass Verklemmungen oder fehlerhafte Datenfl¨
usse ausge-
schlossen werden. Dazu ¨
uberpr¨
uft ADEPT zun¨
achst, welche der
laufenden Instanzen mit der neuen Schema-Version vertr¨
aglich
sind. Vereinfacht ausgedr¨
uckt ist dies der Fall, wenn die bishe-
rige Ausf¨
uhrungshistorie der jeweiligen Instanz (d.h. das Log-
file mit Eintr¨
agen zu Start- und Endereignissen von Instanz-
Aktivit¨
aten) auch auf dem neuen Schema erzeugbar ist. ADEPT
stellt dies durch einfache und effizient ¨
uberpr¨
ufbare Regeln (sog.
Compliance-Rules) sicher, die auf einer wohldefinierten, forma-
len Basis fußen (f¨
ur Details siehe [12]). Im Anschluss werden die
vertr¨
aglichen Instanzen migriert, w¨
ahrend alle anderen Instan-
zen weiterhin gem¨
ihres urspr¨
unglichen Schemas ausgef¨
uhrt
werden. Ferner nimmt ADEPT bei der Migration von Instan-
zen auf das neue Schema die erforderlichen Zustandsanpassun-
gen vor, sodass eine konsistente Fortf¨
uhrung der Ausf¨
uhrung
gew¨
ahrleistet ist. Anzumerken ist schließlich noch, dass Sche-
maevolution und Instanzmigrationen in ADEPT auch bei großer
Instanzzahl (d.h. tausenden von Prozessinstanzen) effizient be-
werkstelligt werden.
Die ¨
Anderung eines Prozess-Schemas macht in der Regel
Seite 4
nicht nur die Migration laufender Instanzen notwendig, sondern
f¨
uhrt auch dazu, dass Teile der CB f¨
ur Instanzen der neuen
Schema-Version obsolet werden. Insbesondere kann eine Typ-
¨
Anderung dazu f¨
uhren, dass Teile des bisher in der CB vor-
handenen Wissens nun bereits in der neuen Schema-Version
ber¨
ucksichtigt sind. Deshalb muss f¨
ur Instanzen der neuen Schema-
Version auch eine neue Version der CB erstellt werden. Dabei
werden nur diejenigen F¨
alle in die neue CB-Version migriert, die
weiterhin relevant sind. F¨
alle, die von der Typ-¨
Anderung betrof-
fen sind, m¨
ussen entweder durch den Prozessverantwortlichen
angepasst oder falls sie nicht mehr gebraucht werden von
der Migration ausgeschlossen werden. Details zur Evolution von
Prozess-Schemata und die damit verbundene Migration der CB
finden sich in [10, 12].
4 Realisierung
Im Projekt ProCycle haben wir einen fortschrittlichen Prototyp
entwickelt, der den beschriebenen Prozesslebenszyklus abbildet
und die skizzierte Funktionalit¨
at bereitgestellt.
Das ProCycle-System besteht aus den zwei Komponenten
ADEPT und CCBR-Tool. Die ADEPT-Technologie [4] unterst¨
utzt
die Modellierung, Ausf¨
uhrung und das Monitoring von Prozes-
sen. Dar¨
uber hinaus gestattet ADEPT Ad-hoc-¨
Anderungen auf
Instanzebene sowie Prozess-¨
Anderungen auf Typ-Ebene mit der
damit verbundenen Migration laufender Prozessinstanzen. CCBR-
Tool erlaubt es, die Instanz-¨
Anderungen mit Kontextinformation
zu annotieren. Die resultierenden F¨
alle werden in der CB gespei-
chert und k¨
onnen sp¨
ater mittels CCBR-Tool wiederverwendet
werden. Im Rahmen von ProCycle wurden ADEPT und das Open
Source System CCBR-Tool (CCBR-Komponente von CBRFlow)
zu einem integrierten System kombiniert [13].
Im Folgenden beschreiben wir wie ADEPT und CCBR-Tool
zusammenwirken. Im Normalfall arbeitet der Benutzer mit der
f¨
ur ihn vom ADEPT-System generierten Arbeitsliste, d.h. er
f¨
uhrt die dort aufgef¨
uhrten T¨
atigkeiten aus. Wird es f¨
ur ei-
ne bestimmte Prozessinstanz erforderlich, die geplante Reihen-
folge von Aktivit¨
aten zu ¨
andern, neue Aktivit¨
aten einzuf¨
ugen
oder Aktivit¨
aten zu l¨
oschen, aktiviert der Benutzer die CBR-
Komponente (vgl. Abb. 3).
Abbildung 3: ADEPT-Worklist mit CBR-Aufruf
Suchen von F¨
allen. Nach dem Start von CCBR-Tool ¨
offnet
sich die graphische Benutzeroberfl¨
ache zum Suchen von F¨
allen
(siehe Abb. 4). In der oberen Bildschirmh¨
alfte werden die Fra-
gen angezeigt, die den Benutzer bei der Suche nach geeigne-
ten F¨
allen unterst¨
utzen sollen. Beliebige Fragen k¨
onnen direkt
¨
uber die jeweils nebenstehenden Auswahlboxen beantwortet wer-
den. Damit einhergehend wird jeweils die angezeigte Liste der
¨
ahnlichen F¨
alle (untere Bildschirmh¨
alfte) neu berechnet und sor-
tiert; die relevantesten F¨
alle werden immer an oberster Stelle
angezeigt.
Abbildung 4: Suchen von F¨
allen
Will der Benutzer einen Fall wiederverwenden, selektiert er
diesen und f¨
uhrt ihn aus. Dabei werden die ¨
Anderungsoperationen
aus dem L¨
osungsteil des Falls an das ADEPT-System weiterge-
leitet und auf die betreffende Prozessinstanz angewendet. Zum
Zwecke der Qualit¨
atssicherung hat der Benutzer die M¨
oglichkeit,
den Fall sp¨
ater mittels Feedbackformular zu bewerten. Falls kein
¨
ahnlicher Fall gefunden wird, besteht die M¨
oglichkeit den Such-
dialog abzubrechen und einen neuen Fall anzulegen.
Anlegen eines neuen Falls. Die gew¨
unschten Prozess-
¨
Anderungen werden zun¨
achst im graphischen Editor von ADEPT
vorgenommen. Die ¨
Anderungen werden dann an CCBR-Tool wei-
tergeleitet, wo sie annotiert werden k¨
onnen (siehe Abb. 5). Da-
zu m¨
ussen eine Problembeschreibung erfasst und die Gr¨
unde f¨
ur
die Abweichung in Form von Frage-Antwort-Paaren angegeben
werden. Der Fall wird dann in der CB gespeichert, bevor die
¨
Anderungsoperationen im ADEPT-System ausgef¨
uhrt werden.
Auch hier kann der Benutzer den Fall sp¨
ater mittels Feedback-
formular bewerten.
5 Verwandte Ans¨
atze
Dieser Beitrag hat aufgezeigt, wie durch Kombination von CBR
mit adaptiver Prozess-Management-Technologie eine integrierte
Unterst¨
utzung des Prozesslebenszyklus realisiert werden kann.
Unser Anliegen ist es, aus vergangenen Prozessausf¨
uhrungen zu
lernen und die gewonnenen Erfahrungen f¨
ur Prozessverbesserun-
gen zu nutzen.
Einen alternativen Ansatz zur Verbesserung der Qualit¨
at von
Prozessen bieten Process Mining Techniken [14]. Mittels Pro-
Seite 5
Abbildung 5: Anlegen neuer F¨
alle
cess Mining lassen sich Diskrepanzen zwischen modellierten Pro-
zessen und tats¨
achlichen Prozessausf¨
uhrungen rasch erkennen.
Bei der Delta-Analyse [15] etwa werden die modellierten Pro-
zesse mit einem aus den Ausf¨
uhrungshistorien generierten Mo-
dell verglichen. Im Unterschied dazu vergleicht Conformance Te-
sting [15] die Ausf¨
uhrungshistorie direkt mit einem gegebenen
Prozess-Schema, d.h. es wird ¨
uberpr¨
uft, ob eine vorliegende Pro-
zessausf¨
uhrung konform zu einem gegebenen Prozess-Schema
ist. Obwohl beide Techniken sich dazu eignen, Schwachstellen
und Flaschenh¨
alse aufzuzeigen, bleiben die Gr¨
unde f¨
ur Abwei-
chungen unklar. Wissen ¨
uber diese ist allerdings unabdingbar,
wenn das Prozessmodell geeignet verbessert werden soll.
Der Einsatz von CBR-Techniken zwecks verbesserter Pro-
zessunterst¨
utzung ist nicht neu, allerdings fokussieren bisherige
Ans¨
atze auf einzelne Teilaspekte des Prozesslebenszyklus.
¨
Ahnlich wie unser Ansatz verwendet URANOS [16] CBR
in Verbindung mit der Anpassung von Prozessinstanzen. Um
den Benutzer hierbei zu unterst¨
utzen, werden bereits erfolgte
Anpassungen ¨
ahnlicher Instanzen (bzgl. Struktur und Kontext)
pr¨
asentiert. Im Unterschied zu ProCycle verwendet URANOS al-
lerdings klassisches CBR. Weiters liegt der Fokus in URANOS
auf ¨
Anderungen einzelner Instanzen, Typ-¨
Anderungen werden
momentan nicht ber¨
ucksichtigt.
CAKE [17] kombiniert Prozess-Management-Systeme, Agen-
tentechnologie und CBR-Techniken, um kurzlebige, zeitkritische
Prozesse im Notfallbereich (z.B. Feuerwehr) zu unterst¨
utzen.
CBR-Techniken werden dazu verwendet, Unterprozesse dyna-
misch auszuw¨
ahlen und zuzuweisen. Im Unterschied zu CAKE
ist unser Ansatz durch die Unterst¨
utzung von Schemaevolution
und Instanzmigrationen auch f¨
ur langlebige Prozesse geeignet.
CBR wird auch zur Unterst¨
utzung der Prozessmodellierung
[18, 19, 20], der Konfiguration komplexer Prozesse [21] sowie
der Behandlung von Ausnahmen [22] verwendet.
Planungsans¨
atze aus der K¨
unstlichen Intelligenz (KI), im
Speziellen Mixed Initiative Case-Based Planning (z.B., NaCo-
DAE/HTN [23], MI-CBP [24], SiN [25] und HICAP [26]) sind
komplement¨
ar zu unserem Ansatz. Unser Fokus liegt weniger
auf der Modellierung oder Planung einzelner Instanzen, sondern
vielmehr auf der Ausf¨
uhrung einer großen Zahl von Instanzen
zur Laufzeit. Prozess-Management-Ans¨
atze basieren deshalb in
der Regel auf einem vordefinierten Schema (d.h. Plan), das zur
Laufzeit in hohen Zahlen instanziiert wird. Im Unterschied da-
zu werden bei der KI-Planung die Benutzer bei der Erstellung
von Pl¨
anen unterst¨
utzt, wobei diese zumeist instanzspezifisch
sind und somit die ¨
Anderung eines Plans keine weitere ¨
Anderung
laufender Instanzen (desselben Plans) nach sich zieht. Im Un-
terschied dazu unterst¨
utzt unser Meta-Modell auch komplexe
Kontrollflusselemente (z.B. bedingte Verzweigungen, Schleifen-
und Fehlerr¨
uckspr¨
unge und Synchronisation paralleler Pfade).
Der Bereich des prozessorientierten Wissensmanagements
adressiert wissensintensive Prozesse. Ziel ist es, Benutzer bei
der Ausf¨
uhrung von Aktivit¨
aten zu unterst¨
utzen, indem ihnen f¨
ur
den aktuellen Prozesskontext relevantes Wissen zur Verf¨
ugung
gestellt wird. FRODO TaskMan [27] etwa unterst¨
utzt die inte-
grierte Modellierung und Ausf¨
uhrung von schwach strukturierter
Prozesse. Wie in ProCycle erlaubt FRODO TaskMan Instanz-
¨
Anderungen zur Laufzeit, Typ-¨
Anderungen werden hingegen nicht
unterst¨
utzt. Modelle in FRODO m¨
ussen zum Zeitpunkt der In-
stanziierung nicht vollst¨
andig sein, sondern k¨
onnen zur Laufzeit
erg¨
anzt bzw. verfeinert werden (Late Modelling).
6 Zusammenfassung und Diskussion
Aus der Integration von ADEPT und CBRFlow resultiert eine
neue Generation adaptiver Prozess-Management-Technologie, wel-
che die Implementierung neuer sowie die Adaption existieren-
der Prozesse signifikant erleichtert und beschleunigt. Einerseits
erm¨
oglicht das realisierte ProCycle-System rasche Anpassungen
von Prozessen und die Propagation von Typ-¨
Anderungen auf lau-
fende Instanzen. Andererseits erleichtert das System Benutzern
die Durchf¨
uhrung von Instanz-¨
Anderungen durch Verwendung
von CBR-Techniken. Weiters werden die Prozessverantwortli-
chen bei der Ableitung von Prozessverbesserungen unterst¨
utzt.
Derzeit arbeiten wir in ProCycle an der weiteren Implemen-
tierung des integrierten Systems, welches die Methoden und
Konzepte von ADEPT und CBRFlow kombiniert. Eine Evalu-
ierung ist geplant. Zuk¨
unftig soll der vorgestellte Ansatz dahin-
gehend erweitert werden, dass PAIS agil entwickelt und verwal-
tet werden k¨
onnen. Insbesondere sollen die Aufw¨
ande, die mit
Prozess¨
anderungen verbunden sind, weiter reduziert werden.
7 Danksagung
Die Autoren bedanken sich beim Tiroler Wissenschaftsfond, der
die Entwicklung des integrierten Prototyps mit finanziert hat.
Der Dank gilt außerdem Ulrich Kreher, Markus Lauer, Jakob
Pinggera und Stefan Zugal f¨
ur die Diskussionen und die Mitar-
beit an der Implementierung des integrierten Prototyps.
Literatur
[1] Reichert, M., Dadam, P.: ADEPTflex - Supporting Dynamic
Changes of Workflows without Losing Control. JIIS 10 (1998)
93-129.
[2] Dumas, M., ter Hofstede, A., van der Aalst, W., eds.: Process
Aware Information Systems. Wiley Publishing (2005).
Seite 6
[3] Weske, M.: Workflow management systems: Formal Foundati-
on, Conceptual Design, Implementation Aspects. Habilitations-
schrift, Universit¨
at M¨
unster (2000).
[4] Weber, B., Wild, W., Breu, R.: CBRFlow: Enabling Adaptive
Workflow Management through Conversational CBR. In: ECC-
BR’04 (2004) 434-448.
[5] Rinderle, S., Weber, B., Reichert, M., Wild, W.: Integrating Pro-
cess Learning and Process Evolution - A Semantics Based Ap-
proach. In: BPM’05 (2005) 252-267.
[6] G¨
unther, C., Rinderle, S., Reichert, M., van der Aalst, W.:
Change Mining in Adaptive Process Management Systems. In:
CoopIS’06 (2006) 309-326.
[7] Weber, B., Reichert, M., Rinderle, S., Wild, W.: Towards a Fra-
mework for the Agile Mining of Business Processes. In: BPM
2005 International Workshops (2006) 191-202.
[8] Rinderle, S., Reichert, M., Dadam, P.: Correctness Criteria for
Dynamic Changes in Workflow Systems - A Survey. Data and
Knowledge Engineering 50 (2004) 9-34.
[9] Aha, D.W., Mu˜noz-Avila, H.: Introduction: Interactive Case-
Based Reasoning. Applied Intelligence 14 (2001) 7-8.
[10] Weber, B., Reichert, M., Wild W.: Case-Base Maintenance for
CCBR-based Process Evolution. In: ECCBR’06 (2006) 106-120.
[11] Weber, B., Wild, W., Lauer, M., Reichert, M.: Improving Excep-
tion Handling by Discovering Change Dependencies in Adaptive
Process Management Systems. In: Business Process Manage-
ment Workshops 2006 (2006) 93-104.
[12] Rinderle, S., Reichert, M., Dadam, P.: Flexible Support of Team
Processes by Adaptive Workflow Systems. In: Distributed and
Parallel Databases 1 (2004) 91-116.
[13] http://www.cbrflow.org.
[14] http://www.processmining.org.
[15] van der Aalst, W.: Business Alignment: Using Process Mining as
a Tool for Delta Analysis and Conformance Testing. In: Requi-
rements Engineering Journal 10 (2005) 198-211.
[16] Minor, M., Koldehoff, A., Schmalen, D., Bergmann, R.: Flexible
Workflows for Digital Design in the Nano Era. In: WETICE’06
(2006) 273-278.
[17] Freßmann, A.: Adaptive Workflow Support for Search Processes
within Fire Service Organisations. In: WETICE’06 (2006) 291-
296.
[18] Kim, J., Suh, W., Lee, H.: Document-Based Workflow Mode-
ling: A Case-Based Reasoning Approach. Expert Systems with
Applications 23 (2002) 77-93.
[19] Madhusudan, T., Zhao, J.: A Case-Based Framework for Work-
flow Model Management. In: BPM’03, Eindhoven (2003) 354-
369.
[20] Lu, R., Sadiq, S., Governatori, G.: Utilizing Successful Work
Practice for Business Process Evol.. In BIS’06 (2006) 58-76.
[21] Wargitsch, C.: Ein Beitrag zur Integration von Workflow- und
Wissensmanage- ment unter besonderer Ber¨
ucksichtigung kom-
plexer Gesch¨
aftsprozesse. Dissertation, Universit¨
at Erlangen-
N¨
urnberg (1998).
[22] Luo, Z., Sheth, A., amd J. Miller, K.K.: Exception Handling in
Workflow Systems. Applied Intelligence 13 (2000) 125-147.
[23] Mu˜noz-Avila, H., McFarlane, D., Aha, D., Ballas, J., Breslow, L.,
Nau, D.: Using Guidelines to Constrain Interactive Case-Based
HTN Planning. In: ICCBR’99 (1999) 288-302.
[24] Veloso, M., Mulvehill, A., Cox, M.: Rationale-Supported Mixed-
Initiative Case- Bsed Planning. In: IAAI’97 (1997) 1072-1077.
[25] Mu˜noz-Avila, H., Aha, D., Nau, D., Breslow, L., Weber, R., Ya-
mal, F.: Sin: In- tegrating Case-Based Reasoning with Task De-
composition. In: Proc. IJCAI’01 (2001) 99-104.
[26] Mu˜noz-Avila, H., Gupta, K., Aha, D., Nau, D.: Knowledge Based
Project Plan- ning. In: Knowledge Management and Organiza-
tional Memories. Kluwer Academic Publishers (2002)
[27] Elst, L., Aschoff, F., Bernardi, A., Maus, H., Schwarz, S.:
Weakly-Structured Workflows for Knowledge-Intensive Tasks: An
Experimental Evaluation. In: WETICE’03 (2003) 340-345.
Kontakt
Dr. Barbara Weber
Universit¨
at Innsbruck
Technikerstraße 21a, A-6020 Innsbruck
Tel.: +43 (0)512-507-6474
Fax: ++43 (0)512-507-9871
Email: Barbara.Weber@uibk.ac.at
Bild Barbara Weber ist wissenschaftliche Mitar-
beiterin am Institut f¨
ur Informatik an der
Uni Innsbruck. Ihre Dissertation hat sie zum
Thema ’Integration of Workflow Manage-
ment and Case-Based Reasoning’ verfasst.
Ihr prim¨
ares Forschungsinteresse gilt Metho-
den, Werkzeugen und Architekturen f¨
ur das
agile Management von Gesch¨
aftsprozessen.
Sie ist Mitglied zahlreicher Programmkom-
mitees und Organisator mehrerer internatio-
naler Workshops.
Bild Werner Wild ist seit mehr als 25 Jahren
selbst¨
andiger IT Berater mit Schwerpunkt
auf objektorientierten Software-Technologien
und agilen Entwicklungsmethoden. Er hat
Lehrverpflichtungen an den Universit¨
aten
Innsbruck und Bozen sowie am Management
Center Innsbruck (FH) und besch¨
aftigt sich
in der Forschung mit Gesch¨
aftsprozessen,
CBR und Agilen Methoden. Er leitet die
Expertsgroup Forschung und Innovation der
Wirtschaftskammer Tirol (UBIT).
Bild Manfred Reichert ist seit 2005 Associate
Professor am Lehrstuhl f¨
ur Informationssy-
stem an der Uni Twente. Dort besch¨
aftigt er
sich intensiv mit Prozessmanagement- und
Integrationstechnologien sowie deren Ein-
bettung in Service-orientierte Architekturen.
Daneben leitet er den Forschungsschwer-
punkt E-health, der sich insbesondere mit
der Unterst¨
utzung von Prozessen im Gesund-
heitswesen befasst. Zuvor war er Juniorpro-
fessur an der Uni Ulm.
Bild Peter Dadam ist seit 1990 Professor f¨
ur In-
formatik an der Uni Ulm und leitet dort das
Institut f¨
ur Datenbanken und Informations-
systeme. Seit mehreren Jahren besch¨
aftigt er
sich intensiv mit den technologischen Grund-
lagen von Prozess-Management-Systemen
sowie deren Einsatz in fortschrittlichen An-
wendungen und komplexen Arbeitsumgebun-
gen. Davor leitete er am Wissenschaftlichen
Zentrum der IBM in Heidelberg die For-
schung ¨
uber fortschrittliches Informations-
management.
Seite 7