Ingo Kolb
Dr. med. dent.
Verbesserung der röntgenologischen Diagnostik kariöser Läsionen
durch digitale Manipulation
Geboren am 01.08.1966 in HN-Sontheim
Reifeprüfung am 11.06.1986 in HN-Böckingen
Studiengang der Fachrichtung Zahnmedizin vom WS 1989 bis WS 1995
Physikum am 26.03.1993 an der Universität Heidelberg
Klinisches Studium in Heidelberg
Staatsexamen am 17.01.1996
Promotionsfach: Mund-Zahn-Kieferheilkunde
Doktorvater: Priv.-Doz. Dr. med. dent. P. Eickholz
Die Behandlungskonzepte initialer kariöser Läsionen haben sich geändert.
Die einmalige Feststellung des Vorliegens einer kariösen Läsion ist nicht
mehr unbedingt gleichbedeutend mit der Indikation für eine invasive
restaurative Therapie. Kariöse Läsionen liegen in 4 unterschiedlichen
Verlaufsformen vor:
- rasch fortschreitend, langsam fortschreitend, stagnierend oder
remineralisierend.
In den meisten Fällen liegen langsam fortschreitende bzw. stagnierende
Läsionen vor. Nicht das alleinige Vorliegen einer Karies entscheidet über
die Indikation zur restaurativen Therapie, sondern ihre Progressionsrate in
Abhängigkeit vom individuellen Kariesrisiko des Patienten; beide können
durch präventive Maßnahmen beeinflußt werden. Um eine Aussage über
die Progression einer Läsion zu bekommen, bedarf es einer Untersuchung
zu zumindest 2 Zeitpunkten (Kariesmonitoring). Die Feststellung des
Vorliegens und der Ausdehnung approximaler Karies ermöglichen
Röntgenaufnahmen. Um eine Aussage auch über geringe Veränderungen
der Ausdehnung einer Karies während eines definitiven Zeitintervalls
(Progression, Remineralisation) machen zu können, bedarf es einer
diagnostischen Methode mit geringem Meßfehler bzw. hoher
Reproduzierbarkeit. Bisher gelten approximale kariöse Läsionen, die auf
den Schmelz begrenzt sind, als sichere Indikation für das
Kariesmonitoring. Die Tatsache, daß die röntgenologische Darstellung
approximaler Läsionen die tatsächliche Ausdehnung der Karies, wie sie
mittels histologischer Methoden möglich ist, unterschätzt, spricht gegen
ein Monitoring von Dentinläsionen. Könnte die Validität der Diagnostik
approximaler Karies verbessert werden, wäre es möglich, auch
Dentinläsionen in das Kariesmonitoring einzubeziehen.
Von den Methoden zur Bildmanipulation, die durch digitale
Röntgenverfahren ermöglicht werden, wird eine Verbesserung der
röntgenologischen Diagnostik erwartet. Das Ziel der vorliegenden Studie
war es deshalb, den Effekt verschiedener Manipulationsmodi auf
digitalisierte Röntgenbilder approximaler Karies zu untersuchen und die
intraindividuelle Reproduzierbarkeit sowie die Validität der Messung der
Kariestiefe (CD) in Abhängigkeit von Vergrößerung und Kariestyp
(Schmelz-/Dentinläsion) zu bestimmen. Von 34 extrahierten menschlichen
Zähnen mit Approximalkaries wurden standardisierte Röntgenbilder
angefertigt. Alle Röntgenbilder wurden mit einem Flachbettscanner
digitalisiert (Auflösung: 600x1200 dpi). Mittels der Friacom-Software
wurde die zentrale Tiefe jeder Läsion auf dem digitalisierten aber
unveränderten Röntgenbild und nach Anwendung 5 verschiedener
Bildbearbeitungsmodi (Filter: Struktur, Invers, Hochpaß, Mittelwert,
Spreizen) bei 7- und 18-facher Vergrößerung gemessen. Alle Messungen
wurden von einem Untersucher durchgeführt (IK) und nach 1 Woche
wiederholt. Alle Zähne wurden dann histologisch aufbereitet.
Histometrisch wurde die zentrale Tiefe der Läsionen bei 20-facher
Vergrößerung vermessen (Goldstandard). 10 Läsionen waren auf den
Schmelz begrenzt und 14 Läsionen reichten bis ins Dentin. Eine
multifaktorielle Varianzanalyse ergab keine statistisch signifikanten
Unterschiede, weder zwischen den Doppelmessungen
(Reproduzierbarkeit), noch zwischen den Differenzen von
röntgenologischen und histometrischen Messungen der zentralen Tiefe der
kariösen Läsionen (Validität) für einen der 5 Filter. Messungen der
zentralen Tiefe in Dentinläsionen zeigten eine statistisch signifikant
höhere Variabilität (Betrag der Differenz von Doppelmessungen der
zentralen Tiefe der kariösen Läsionen) als Messungen von
Schmelzläsionen (Dentin: 0,16 ± 0,15 mm; Schmelz: 0,11 ± 0,10 mm; p =
0,001).
Die Standardabweichung der Einzelmessungen der zentralen Tiefe betrug
0,15 mm (Dentin) und 0,11 mm (Schmelz). 18-fache Vergrößerung
ermöglichte validere Messungen als 7-fache Vergrößerung (p < 0,001).
Bei 18-facher Vergrößerung unterschätzten die Röntgenbilder die
histometrische Kariesausdehnung um bis zu 0,2 mm. In der vorliegenden
Studie konnten digitale Manipulationen Messungen der zentralen Tiefe
approximaler kariöser Läsionen nicht statistisch signifikant verbessern.
Nur höhere Vergrößerung führte zu valideren Messungen der zentralen
Tiefe. Bei 18-facher Vergrößerung kamen die röntgenologischen
Messungen dem histometrischen Goldstandard sehr nahe.