Christian Gerold Scheuerpflug
Dr. med.
Molekulare und funktionelle Charakterisierung des CD95-SIGNALWEGS bei
peripheren T-Zellen, Tumorzellinien und Patienten mit Leukämien
Geboren am 27.12.1965 in Darmstadt
Reifeprüfung am 19.06.1986 in Seeheim-Jugenheim
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom SS 1987 bis SS 1994
Physikum am 05.04.1989 an der Universität Heidelberg
Klinisches Studium an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Johann Wolfgang von Goethe Universität Frankfurt
Christian Albrechts Universität Kiel
State University of New York (SUNY), New York, USA
Praktisches Jahr an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Harvard Medical School, Boston, USA
Staatsexamen am 10.08.1994 an der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)
Doktorvater: Herr Prof. Dr. med. Klaus-Michael Debatin
Mit der Entdeckung von Apoptose auslösenden Antikörpern vor 10 Jahren wurde die
Bedeutung des programmierten Zelltodes für den multizellulären Organismus in voller
Tragweite erkannt.
Die Apoptose ist schon in der Embryonalentwicklung für die Differenzierung der
Gewebe sehr wichtig, ebenso im ausgewachsenen Körper für ihre Homöostase. Eine
ganz besondere Rolle spielt sie für das Immunsystem. Bereits heute zeigt sich, wie es zu
schweren Erkrankungen kommt, wenn das streng kontrollierte Apoptose-System
fehlerhaft gesteuert wird. Ein Überhandnehmen der Apoptose kann zu Immundefekten
(zum Beispiel AIDS), Degeneration von Nervenzellen (zum Beispiel M. Parkinson) oder
auch zum Verlust von Muskelzellen (Progressive Muskeldystrophie) führen. Dagegen
führt ein zu wenig an Apoptose zu Autoimmun-Erkrankungen (zum Beispiel
Systemischer Lupus Erythematodes) oder auch zu Tumoren (zum Beispiel Leukämien,
Osteosarkome, Neuroblastome).
Ziel dieser Arbeit war es, den Apoptose-Signalweg bei im Kindesalter auftretenden
Leukämien besser zu verstehen. Dazu wurden zuerst normale periphere T-Lympho-zyten
untersucht. Diese sind CD95-resistent und haben den CD95-L auf dem
Transkriptionslevel nur gering exprimiert. Ändert sich der Aktivierungszustand dieser
Zellen, wird der CD95-Rezeptor hoch exprimiert. Unstimulierte periphere
T-Lymphozyten dagegen exprimieren den CD95-Rezeptor auf ihrer Oberfläche nur
gering. Nach Aktivierung mit PHA und IL-2 wird dieser Rezeptor innerhalb von
Stunden hochreguliert, ohne daß die peripheren T-Lymphozyten Apoptose-sensitiv
werden. Erst nach vier Tagen mit IL-2-Stimulierung werden die Zellen CD95-sensitiv,
das CD95-Antigenmuster auf der Oberfläche verändert sich dabei nicht. Es konnte nun
nachgewiesen werden, daß sich Caspase-8 bei den resistenten peripheren T-Lympho-
zyten nicht an den DISC bindet. Dagegen findet man diese Protease bei den sensitiven
peripheren T-Lymphozyten im DISC, und dieser aktiviert dann die Apoptose. Der
Mechanismus der Caspase-Assoziation an den DISC ist noch unbekannt. Durch Verhin-
derung der Caspase-8-Bindung kann jedoch der Apoptose-Typ-1 blockiert werden.
Gleichzeitig wurde eine Korrelation des Apoptose hemmenden Proteins Bcl-xL mit dem
Sensitivitätsverhalten von peripheren T-Lymphozyten gefunden. In unstimulierten
peripheren T-Lymphozyten war Bcl-xL auf RNA- wie auch auf Proteinebene nicht
nachweisbar. Nach der Aktivierung wurde Bcl-xL stark hochreguliert. Wurden die Zellen
nach vier Tagen wieder CD95-sensitiv, war Bcl-xL nicht mehr nachzuweisen. Dieser
Mechanismus hemmt den Apoptose-Typ-2. Das geschieht dadurch, daß Bcl-xL an
Caspase-9 bindet und so die Formierung des Apaf-1/Cytochrom c/dATP/
Caspase-9-Komplexes verhindert. Weil beide CD95-Signalwege bei Tag1-aktivierten
peripheren T-Lymphozyten blockiert sind, kommt es zur vollständigen Resistenz.
Anschließend wurde untersucht, wie sich das CD95-System in T- und B-Leukämie-
Zellinien verhält. Dazu wurden CD95-sensitive mit CD95-resistenten Leukämie-Zellinien
verglichen. Es zeigte sich, daß CD95-sensitive Zellinien im Durchschnitt eine höhere
CD95-Expression auf ihrer Zelloberfläche aufweisen. Darüber hinaus war der CD95-L
konstitutiv nur auf CD95-sensitiven Leukämie-Zellinien nachzuweisen. Nach Stimulation
konnten aber alle Leukämie-Zellinien den CD95-L stark hochregulieren. Verglichen mit
B-Leukämie-Zellinien waren T-Leukämie-Zellinien in der Lage, den CD95-L um mehr
als das 10-fache hochzuregulieren. Die anderen untersuchten Schlüsselmoleküle zeigten
keine Korrelation mit der CD95-Sensitivität. Interessanter-weise wurde Bcl-xL bei allen
untersuchten Leukämie-Zellinien gleichförmig exprimiert, so daß man von einer
generellen Blockade der Typ-2-Apoptose in Leukämiezellen ausgehen kann.
Nach Zugabe des Chemotherapeutikums Doxorubicin in therapeutischer Konzentration
konnte die Apoptose in T-Leukämie-Zellinien aktiviert werden. Überraschender-weise
wurde aber nur eine Hochregulierung der Transkripte des CD95-L gefunden. Alle
anderen wichtigen Signalmoleküle (CD95, fadd, caspase-8), wie auch die Bcl-2-Familie
(bax, bik, bcl-2, bcl-xL) und die Caspasen (ice, ich-1, cpp32) zeigten keine
Veränderung. Das bedeutet, daß die für den programmierten Zelltod nötigen Proteine
bereits in der Zelle vorliegen und nicht erst hergestellt werden müssen. Dafür spricht
auch der rasche Beginn der Apoptose etwa 30 min nach der Stimulation mit
Doxorubicin.
Die Untersuchungen erstreckten sich dann weiter auf Leukämiezellen von Patienten, die
noch keine Therapie erhalten hatten. Dabei zeigte sich zuerst, daß alle Tumorzellen
CD95-resistent waren, und auf der Oberfläche fanden sich unterschiedlich viele
CD95-Rezeptoren. Die Menge von CD95 und die Resistenzstärke ließen sich nicht
korrelieren. Auf der Transkriptionsebene ergab sich, daß diese Zellen den CD95-L nur
gering exprimieren, dafür wurde eine Spleißform des CD95-Rezeptors (sCD95)
vermehrt gebildet. Dieses lösliche Protein konnte in großer Menge im Pleuraexudat eines
Patienten mit einem T-NHL nachgewiesen werden. Der lösliche Rezeptor kann den
CD95-L abfangen und so zu einer CD95-vermittelten Resistenz führen. Auch die
Caspasen zeigten ein aktiviertes Bild. Alle untersuchten Caspasen waren auf
Transkriptionsebene hochreguliert.
Die Wichtigkeit des CD95/CD95-L-Systems bei ALPS und CSS ließ uns nach Muta-
tionen im Bereich der Bindungsdomäne des CD95-L suchen. Es konnte gezeigt werden,
daß das CD95-L-Gen keinen großen Polymorphismus aufweist. In Leukämie-Zellinien
und im Probenmaterial von Patienten mit Morbus Hodgkin fanden sich keine Mutationen
im Bereich von Exon4 des CD95-L.
Die Ergebnisse dieser Arbeit können für die Diagnostik und Therapie von Leukämien
eine weitreichende Bedeutung erlangen. Zum einen konnte gezeigt werden, daß die
histologische und phänotypische Charakterisierung von Leukämiezellen noch nicht aus-
reicht, um diese Tumorzellen zu definieren. Der tumorauslösende Defekt muß
molekular, das heißt auf der DNA-Ebene gesucht werden. Zum zweiten ergibt sich aus
dem genauen Verständnis des CD95-Signalwegs die Möglichkeit, gentherapeutisch ein-
zugreifen. Dadurch können entweder Defekte ganz spezifisch repariert oder Fehler-
möglichkeiten umgangen werden, indem die distale Apoptose über die Caspasen
aktiviert wird. Dies würde zu einer drastischen Reduzierung der unspezifischen Strahlen-
und Chemotherapie führen.