scieee Science in your language
[de] (orig)
Inaugural Dissertation
zur
Erlangung der Doktorw¨
urde
der
Naturwissenschaftlich–Mathematischen Gesamtfakult¨
at
der
Ruprecht Karls Universit¨
at
Heidelberg
vorgelegt von
Diplom–Physiker Joachim Brand
aus Aachen
Tag der m¨
undlichen Pr¨
ufung: 16. September 1999
Optische Potentiale und Dyson-Gleichung
jenseits der Einteilchen-Greensfunktion:
Theorie der
erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen
und der
dynamischen Greensfunktion
Gutachter: Prof. Dr. Lorenz S. Cederbaum
Prof. Dr. Bernhard Schramm
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1 Einteilchen-Greensfunktion 9
1.1 Definition der Einteilchen-Greensfunktion ................. 9
1.2 DieDyson-Gleichung............................ 11
1.3 ZurBedeutungderDyson-Gleichung ................... 16
I Erweiterte Zweiteilchen-Greensfunktionen 19
2 Grundlegender Formalismus 21
2.1 Erweiterte Zweiteilchenzust¨
ande...................... 22
2.2 Das µ-Produkt ............................... 25
2.3 Superoperatoren............................... 27
3 Effektive Zweiteilchenbeschreibung mit orthonormalen Zust¨
anden 31
3.1 ErweiterteZweiteilchen-Greensfunktion.................. 31
3.2 Dyson-GleichungundSelbstenergie .................... 34
3.3 DerstatischeundderdynamischeAnteilderSelbstenergie ....... 36
3.4 Superoperatorentwicklungen ........................ 37
4 Formale Eigenschaften der erweiterten Propagatoren 39
4.1 Erweiterte Teilchen-Loch-Zust¨
ande .................... 40
4.2 Der verallgemeinerte Anregungsenergieoperator ˘
H............ 42
4.3 Die analytische Struktur der erweiterten Teilchen-Loch-Greensfunktion 46
4.4 Die erweiterte Greensfunktion f¨
urreelleArgumente ........... 48
5 Eigenschaften der Selbstenergie 51
5.1 DerstatischeAnteil............................. 51
v
vi INHALTSVERZEICHNIS
5.2 DerdynamischeAnteil ........................... 54
5.3 Die entarteten K-Zust¨
ande......................... 56
6 Teilchen-Loch-Selbstenergie erster Ordnung 59
6.1 Einleitung: N¨
aherungsschemataersterOrdnung ............. 59
6.2 Die FOSEP-N¨
aherung ........................... 62
6.3 DaserweiterteEigenwertproblemunddieRPA.............. 66
6.4 Eigenschaften der FOSEP-N¨
aherung ................... 69
6.4.1 BezugzurRPA........................... 69
6.4.2 Gr¨
oßenkonsistenz der FOSEP-N¨
aherung ............. 71
6.4.3 Unit¨
areTransformationenderEinteilchenbasis.......... 72
6.4.4 St¨
orungstheoretischeAnalysederAnregungsenergien ...... 74
6.4.5 St¨
orungstheoretische Analyse der ¨
Ubergangsmomente...... 77
6.4.6 Die ¨
Aquivalenz von length- und velocity-form der Dipol-
¨
Ubergangsmomente......................... 78
6.5 Anwendung auf ein einfaches Modell ................... 79
6.5.1 Definition und exakte L¨
osungdesModells ............ 80
6.5.2 Ergebnisse f¨
urTDA,RPAundFOSEP.............. 82
6.6 Abschließende Bemerkungen ........................ 84
7 Optische Potentiale f¨
ur Zweiteilchenstreuung 87
7.1 Beschreibung in der Zeitdom¨
ane...................... 88
7.2 Streutheorie................................. 90
7.3 Allgemeine Bedingungen an den Streupropagator . . . ......... 92
7.4 Optisches Potential und Bezug zur T-Matrix............... 95
7.5 Eine effektive Lippmann-Schwinger-Gleichung .............. 96
7.6 EineZweiteilchen-Eigenwertgleichung................... 98
8 Eigenschaften der statischen Streupotentiale 101
8.1 Optische Potentiale f¨
ur Einteilchenstreuung ............... 101
8.1.1 DasoptischePotentialderEinteilchen-Greensfunktion...... 102
8.1.2 DasoptischePotentialnachFeshbach............... 104
8.2 StatischeZweiteilchenpotentiale...................... 106
8.3 Teilchen-Loch-Streuung ........................... 110
INHALTSVERZEICHNIS vii
II Die dynamische Greensfunktion 113
9 Elektron-Molek¨
ul-Streuung 115
10 Die dynamische Einteilchen-Greensfunktion 119
10.1 Definition der dynamischen Greensfunktion ................ 121
10.2DieinelastischeGreensfunktion ...................... 122
10.3Dyson-GleichungunddynamischeSelbstenergie ............. 124
11 Anwendung auf Elektron-Molek¨
ul-Streuung 129
11.1 Die S- und die T-Matrix der inelastischen Streuung ........... 129
11.2 Eine effektive Schr¨
odinger-Gleichung . .................. 131
11.3EinedirekteHerleitungderStreugleichungen............... 134
11.4ApproximativeStreugleichungen...................... 139
11.4.1 Statische N¨
aherungenandasoptischePotential ......... 140
11.4.2 Streuung bei festgehaltenen Kerngeometrien ........... 141
11.4.3 Kerndynamik im optischen Potential: Entwicklung nach Tn... 143
11.4.4 Entwicklung des dynamischen optischen Potentials nach HnE00 145
Zusammenfassung und Ausblick 149
A Formale Definition des Hilbert-Raums Y155
B Die statische Teilchen-Teilchen-Selbstenergie 157
C Die statische Teilchen-Loch-Selbstenergie 159
Literaturverzeichnis 160
Danksagung 169
viii ABK ¨
URZUNGEN
Abk¨
urzungen
ADC(n)(n-th order) algebraic diagrammatic construction scheme (S. 60)
DFT density functional theory (S. 85)
EOM equation of motion (S. 61)
FOSEP first-order static excitation potential (S. 63)
MC-SCF multi-configurational self consistent field (S. 85)
PO projection-operator formalism (S. 116)
RPA random phase approximation (S. 61)
SOPPA second-order polarization propagator approximation (S. 61)
TDA Tamm-Dancoff approximation (S. 60)
Einleitung
Die Schr¨
odinger-Gleichung stellt die Grundlage der quantenmechanischen Beschrei-
bung nichtrelativistischer, mikroskopischer Systeme dar. Die L¨
osungen der Schr¨
odinger-
Gleichung, die Wellenfunktionen, erlauben eine relativ anschauliche Interpretation des
Ergebnisses einer theoretischen Rechnung. Die Schr¨
odinger-Gleichung f¨
ur ein wech-
selwirkendes Vielteilchensystem kann allerdings in der Regel nicht exakt gel¨
ost wer-
den. Zudem sind ihre L¨
osungen auch schwer zu handhaben, da sie von den Koordi-
naten s¨
amtlicher Teilchen im zu beschreibenden System abh¨
angen. Die Vielteilchen-
Wellenfunktionen enthalten so eine F¨
ulle von Informationen, die zur Beantwortung
konkreter Fragen an das physikalische System wie z. B. nach Anregungsenergien oder
Lebenszeiten transienter Zust¨
ande nicht notwendig sind. Oft ist es sinnvoller, auf die
Berechnung der vollst¨
andigen Wellenfunktion zu verzichten und stattdessen reduzier-
te Systemgr¨
oßen zu betrachten, die es erlauben, gezielt auf die relevante Information
zuzugreifen. Ein Beispiel stellt die in den 40er und 50er Jahren entwickelte Theo-
rie der Vielteilchen-Greensfunktionen oder n-Punkt-Funktionen [1–9] dar, durch wel-
che die Propagation eines oder mehrerer Testteilchen bzw. -l¨
ocher im wechselwirken-
den Vielteilchensystem beschrieben wird. Die Greensfunktionen h¨
angen nur noch von
den Koordinaten eines oder weniger Teilchen und von Zeit- oder Energievariablen
ab und enthalten damit nur noch Informationen ¨
uber ganz bestimmte physikalische
Eigenschaften. Eine Hierarchie von n-Teilchen-Greensfunktionen beginnend bei der
Einteilchen-Greensfunktion erm¨
oglicht die Rekonstruktion der vollen Information aus
der Vielteilchen-Schr¨
odinger-Gleichung.
Die Theorie der Greensfunktionen war vor allem deshalb sehr erfolgreich, weil die
Feynman-Dyson-St¨
orungstheorie einen verh¨
altnism¨
aßig einfachen Zugang zu gutar-
tigen N¨
aherungen bietet. Ein praktischer Vorteil von Greensfunktionsmethoden ge-
gen¨
uber der Berechnung einzelner Wellenfunktionen ergibt sich insbesondere bei der
Beschreibung von Anregungs- und Ionisierungsenergien oder ¨
Ubergangsmomenten, da
hierzu die Ber¨
ucksichtigung verschiedener Zust¨
ande notwendig ist. Bei einer getrennten
1
2EINLEITUNG
Berechnung von Ausgangs- und Endzustand aus der Schr¨
odingergleichung, z. B. mit
der Methode der Konfigurationswechselwirkung (configuration interaction, CI), ist es
schwierig, die G¨
ute der N¨
aherungen f¨
ur beide Zust¨
ande auszutarieren. Zudem kann es
auch zu numerischen Schwierigkeiten kommen wenn die Differenz zweier großer Zahlen
berechnet werden muß. ¨
Uber st¨
orungstheoretische N¨
aherungen f¨
ur die entsprechende
Greensfunktion [10–18] k¨
onnen die interessierenden Gr¨
oßen hingegen direkt berechnet
werden, und eine balancierte Behandlung von Ausgangs- und Endzustand wird durch
das st¨
orungstheoretische Verfahren garantiert.
Unter den Greensfunktionen der Vielteilchentheorie nimmt die Einteilchen-
Greensfunktion [9] eine Sonderrolle ein. Einer der Gr¨
unde f¨
ur ihre herausragende Be-
deutung ist die Tatsache, daß die Einteilchen-Greensfunktion die sogenannte Dyson-
Gleichung [4, 5] erf¨
ullt. Die Dyson-Gleichung stellt den Zusammenhang zwischen der
Einteilchen-Greensfunktion und der sogenannten Selbstenergie dar, die eine vereinfach-
te St¨
orungsentwicklung gegen¨
uber der Greensfunktion besitzt. Die Dyson-Gleichung
erm¨
oglicht somit effizientere Zug¨
ange zur n¨
aherungsweisen Berechnung der Einteilchen-
Greensfunktion (f¨
ur Verfahren und Anwendungen siehe Referenzen [19–23]). Ande-
rerseits erlaubt die Dyson-Gleichung, auch zweite Resolventengleichung genannt, die
Einteilchen-Greensfunktion zu invertieren und somit als Resolvente eines effektiven
Einteilchenoperators darzustellen [10]. Damit wird es m¨
oglich, bestimmte Prozesse
in Vielteilchensystemen wie Einteilchenstreuung oder Ionisierung (in der sogenannten
sudden approximation) exakt durch eine Einteilchen-Schr¨
odinger-Gleichung zu be-
schreiben, in der die Selbstenergie die Rolle einer Potentialfunktion ¨
ubernimmt und die
Einfl¨
usse des Vielteilchensystems ber¨
ucksichtigt. Bell und Squires [24] haben erstmalig
gezeigt, daß die Selbstenergie der Einteilchen-Greensfunktion ein sogenanntes optisches
Potential f¨
ur elastische Einteilchenstreuung darstellt. Die Bezeichnung optisches Po-
tential ist durch eine Analogie zum Bereich der Optik entstanden, wo Absorption
von Licht in einem Medium durch einen komplexwertigen Brechungsindex beschrieben
wird. Bei der Streuung von Einteilchenprojektilen an Vielteilchensystemen ist bei aus-
reichender Streuenergie neben der elastischen Streuung immer auch inelastische Streu-
ung m¨
oglich. Der damit einhergehende Verlust an elastischer Streuamplitude l¨
aßt sich
in Analogie zum Brechungsindex mittels eines komplexen Streupotentials beschreiben.
In der Kernphysik werden schon seit langer Zeit optische Modellpotentiale zur
ph¨
anomenologischen Erkl¨
arung von Streuexperimenten eingesetzt. Die Vorteile der ef-
fektiven Einteilchenbeschreibung liegen vor allem darin, daß sie einen anschaulichen
Zugang zur komplexen Problematik der Vielteilchensysteme bietet. Die Streuung an
einem, wenn auch komplizierten Einteilchenpotential l¨
aßt sich viel leichter intuitiv er-
EINLEITUNG 3
fassen als ein echtes Vielkanal-Streuproblem. Auch technisch gesehen bietet der Weg
¨
uber das optische Potential Vorteile bei der Beschreibung von Streuprozessen, da sich
im Gegensatz zu einem Vielteilchen-Streuproblem ein Einteilchenproblem numerisch
quasi exakt l¨
osen l¨
aßt. Ein Teil der Schwierigkeiten ist nun nat¨
urlich auf die Berech-
nung des optischen Potentials verlagert, die der Streurechnung vorausgehen muß. F¨
ur
die ab-initio-Berechnung der elektronischen Selbstenergie in Atomen oder Molek¨
ulen,
vergleichbar mit quantenchemischen Rechnungen an gebundenen Zust¨
anden, stehen je-
doch leistungsf¨
ahige Methoden zur Verf¨
ugung. Das optische Potential hilft somit, das
Gesamtproblem in Streu- und Vielteilchenproblem zu zergliedern, die getrennt vonein-
ander mit den jeweils geeigneten Methoden gel¨
ost werden k¨
onnen.
Das optische Potential f¨
ur ein gegebenes Vielteilchensystem ist in der Regel ein
sehr komplizierter, energieabh¨
angiger Operator, der zudem nicht eindeutig definiert
ist (siehe auch Abbildung 1). Eine Alternative zur Definition ¨
uber die Selbstenergie
der Einteilchen-Greensfunktion wurde von Feshbach etwa zur gleichen Zeit vorgeschla-
gen [25, 26]. Sein durch Projektion der Vielteilchen-Schr¨
odinger-Gleichung gewonne-
nes optisches Potential l¨
aßt sich jedoch nicht direkt st¨
orungstheoretisch berechnen.
Die Unterschiede des optischen Potentials nach Feshbach und der Selbstenergie der
Einteilchen-Greensfunktion wurden in der Literatur eingehend vom formalen [27] und
vom praktischen Standpunkt [28] aus analysiert und deuten eine ¨
Uberlegenheit des op-
tischen Potentials der Greensfunktion an. In Abschnitt 8.1 dieser Arbeit wird zu Teila-
spekten dieses Problems nochmals ausf¨
uhrlicher Stellung genommen. Ein wesentlicher
Unterschied der beiden Potentiale ist, daß die Einteilchen-Greensfunktion und damit
auch die Selbstenergie sowohl Teilchen- als auch Lochpropagation beschreibt, wogegen
bei Feshbach nur Teilchendynamik eine Rolle spielt. Die Kombination von Teilchen-
und Lochpropagation macht die Einteilchen-Greensfunktion exakt und st¨
orungstheo-
retisch invertierbar und erm¨
oglicht so die Dyson-Gleichung. Die dadurch definierte
Selbstenergie bleibt dadurch st¨
orungstheoretisch entwickelbar.
Neben der Einteilchen-Greensfunktion gibt es in der klassischen Vielteilchentheorie
eine Reihe von Zwei- und Mehrteilchenpropagatoren [9, 29], die aber keiner Dyson-
Gleichung gen¨
ugen. Ein Analogon zur Dyson-Gleichung kann noch in der Bethe-
Salpeter-Gleichung f¨
ur Zweiteilchen-Greensfunktionen gesehen werden, die jedoch eine
viel kompliziertere Gleichung darstellt [30,31]. Ihr Integralkern h¨
angt von mindestens
drei voneinander unabh¨
angigen Energie- oder Zeitvariablen ab und ist dementspre-
chend sehr schwer physikalisch zu deuten und zu berechnen. Die vereinfachten Zwei-
teilchenpropagatoren, die an Stelle von vier nur noch von zwei Zeit- bzw. einer Ener-
gievariablen abh¨
angen, sind normalerweise nicht invertierbar und erlauben daher kei-
4EINLEITUNG
ne sinnvolle Definition einer Selbstenergie. In meiner dieser Arbeit zugrundeliegenden
Diplomarbeit [32] wurden erstmalig Zweiteilchen-Greensfunktionen untersucht, die ge-
eignet erweitert wurden, so daß sie einer Dyson-Gleichung gen¨
ugen. In dieser Arbeit
¨
uber verschiedene Varianten der erweiterten Teilchen-Teilchen-Greensfunktion wurde
die Struktur dieser Propagatoren und ihrer Selbstenergie mit Hilfe einer Matrizendar-
stellung untersucht. ¨
Uber Bewegungsgleichungen wurde desweiteren die Selbstenergie
in zweiter Ordnung St¨
orungstheorie entwickelt.
Im Rahmen dieser Doktorarbeit wurden nun
die Untersuchungen an erweiterten Zweiteilchen-
Greensfunktionen fortgesetzt. Es konnte gezeigt
werden, daß die Selbstenergie der erweiterten
Teilchen-Teilchen-Greensfunktion ein exaktes op-
tisches Potential f¨
ur Zweiteilchenstreuung dar-
stellt. Die Untersuchungen wurden auf Teilchen-
Loch-Propagatoren ausgedehnt und ein umfas-
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11
sender Formalismus zur Beschreibung und Berechnung verschiedener Varianten der
erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen entwickelt. Ausgehend von der Teilchen-
Loch-Selbstenergie wurde ein N¨
aherungsschema zur Berechnung von Anregungsener-
gien und ¨
Ubergangsmomenten entwickelt, dessen Eigenschaften ¨
uber st¨
orungstheoreti-
sche Entwicklungen und an Hand eines einfachen Modellsystems ausf¨
uhrlich untersucht
wurde.
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0011
Mit ¨
ahnlichen Konstruktionsprinzipien,
wie sie bei den erweiterten Zweiteilchen-
Greensfunktionen erfolgreich waren, konnte
die sogenannte dynamische Greensfunktion
definiert werden, mit der die Dynamik des
Kernger¨
usts bei elektronischen Prozessen in
Molek¨
ulen ber¨
ucksichtigt werden kann. Die
dynamische Greensfunktion ist eine Einteilchen-
Greensfunktion, die zus¨
atzliche, quantenme-
chanische Freiheitsgrade mit der Einteilchen-
dynamik gleichstellt und ebenfalls eine Dyson-Gleichung erf¨
ullt. Die zugeh¨
orige Selbst-
energie definiert ein exaktes optisches Potential f¨
ur Elektron-Molek¨
ul-Streuung. Auf
diese Weise konnten exakte Streugleichungen in den Koordinaten des streuenden Elek-
trons und des Kernger¨
usts des Targetmolek¨
uls hergeleitet werden, die besonders zur
Beschreibung von Streuprozessen mit sehr langsamen Projektilgeschwindigkeiten ge-
EINLEITUNG 5
eignet sind. Bei sehr langsamen Geschwindigkeiten des streuenden Elektrons werden
n¨
amlich die Zeitskalen der Elektronenbewegung und der Kerndynamik vergleichbar, so
daß die adiabatische oder Born-Oppenheimer-N¨
aherung in diesen F¨
allen aufgegeben
werden muß.
Die vorliegende Arbeit ist folgendermaßen gegliedert: Im ersten Kapitel werden die
formalen Grundlagen des optischen Potentials der Einteilchen-Greensfunktion analy-
siert, indem eine algebraische Herleitung der Dyson-Gleichung vorgestellt wird. Damit
wird das wesentliche Konstruktionsprinzip aufgezeigt, das in der Projektion auf einen
in der Einteilchenbasis vollst¨
andigen Satz von orthogonalen Zust¨
anden liegt. Dieses
Prinzip wird in den folgenden Teilen der Arbeit bei der Konstruktion der erweiterten
Greensfunktionen Anwendung finden.
Der erste Teil dieser Doktorarbeit behandelt erweiterte Zweiteilchen-
Greensfunktionen. Der grundlegende Formalismus f¨
ur eine einheitlichen Behandlung
der verschiedenen Typen von erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen wird in Kapi-
tel 2 abstrakt eingef¨
uhrt. Das sich anschließende dritte Kapitel enth¨
alt die Definition
der Zweiteilchen-Greensfunktionen und die Herleitung der Dyson-Gleichung und ist
so konzipiert, daß es auch ohne die vorherige Lekt¨
ure des mathematischen Prologs
aus Kapitel 2 lesbar sein sollte. In den Kapiteln 4 und 5 werden Eigenschaften der
erweiterten Greensfunktionen und ihrer Selbstenergien am Beispiel der erweiterten
Teilchen-Loch-Greensfunktion untersucht. Dabei steht in Kapitel 4 die Zusammen-
setzung der Erweiterungen und die analytische Struktur der Greensfunktion im
Vordergrund, wogegen Kapitel 5 die Eigenschaften der Selbstenergie behandelt. Hier
wird auch eine Besonderheit der erweiterten Greensfunktionen, n¨
amlich das Auftreten
von entarteten Zust¨
anden in der dynamischen Selbstenergie, eingehend untersucht.
Das sechste Kapitel behandelt ein N¨
aherungsschema zur Berechnung von Anre-
gungsenergien und ¨
Ubergangsmomenten in endlichen Vielteilchensystemen, das aus der
Teilchen-Loch-Selbstenergie erster Ordnung hergeleitet wurde. Die sogenannte FOSEP-
N¨
aherung (first-order static exciation potential) wird verglichen mit der oft ver-
wendeten RPA (random-phase approximation) und der einfacheren TDA (Tamm-
Dancoff approximation), die sich beide ebenfalls durch definierte N¨
aherungen an die
Teilchen-Loch-Selbstenergie herleiten lassen. Eine st¨
orungstheoretische Analyse zeigt,
daß die FOSEP-N¨
aherung eine Inkonsistenz in der Behandlung der Grundzustands-
korrelation bei der RPA korrigiert. Zudem vermeidet die FOSEP-N¨
aherung Instabi-
lit¨
aten der RPA. Diese Ergebnisse werden von einem sehr einfachen Modellsystem,
dem sogenannten Hubbard-Modell f¨
ur H2,best
¨
atigt, bei dem die FOSEP-N¨
aherung im
Gegensatz zur RPA oder TDA die exakten Anregungsenergien liefert.
6EINLEITUNG
Die letzten beiden Kapitel des ersten Teils wenden sich der Streuproblematik zu.
In Kapitel 7 wird gezeigt, daß die Teilchen-Teilchen-Selbstenergie ein exaktes opti-
sches Potential f¨
ur Zweiteilchen-Streuung darstellt. Kapitel 8 befaßt sich eingehender
mit dem energieunabh¨
angigen, dem sogenannten statischen Anteil der effektiven Streu-
potentiale. Nach einem kurzen R¨
uckgriff auf optische Potentiale f¨
ur Einteilchenstreu-
ung, wobei die Potentiale von Feshbach und die Einteilchen-Selbstenergie verglichen
werden, folgt eine Untersuchung der statischen Zweiteilchenpotentiale. In diesem Zu-
sammenhang werden auch Teilchen-Loch-Potentiale diskutiert, die in Analogie zu den
Zweiteilchenpotentialen verstanden werden k¨
onnen.
Die dynamische Einteilchen-Greensfunktion wird im zweiten Teil dieser Arbeit be-
handelt. Nach einer Einf¨
uhrung in Elektron-Molek¨
ul-Streuung in Kapitel 9, die den
Rahmen f¨
ur die nachfolgenden Ausf¨
uhrungen setzt, wird in Kapitel 10 die dynamische
Greensfunktion definiert, ihre Dyson-Gleichung hergeleitet und damit auch ihre Selbst-
energie definiert. In Kapitel 11 werden schließlich effektive Streugleichungen hergeleitet,
in denen die Projektildynamik und die Dynamik der Atomkerne explizit gekoppelt sind
und alle Vielteilcheneinfl¨
usse der Elektronenh¨
ulle des Targetmolek¨
uls im optischen Po-
tential ber¨
ucksichtigt werden. Die n¨
aherungsweise Berechnung des optischen Potentials
mit ab-initio-Methoden wird diskutiert, wobei der Einfluß der Kerndynamik auf das
optische Potential besondere Aufmerksamkeit erh¨
alt.
Aus dieser Doktorarbeit gingen mehrere Ver¨
offentlichungen hervor: In Referenz [33]
wird neben der Definition und einer Herleitung der Dyson-Gleichung f¨
ur die Teilchen-
Teilchen-Greensfunktion gezeigt, daß die Teilchen-Teilchen-Selbstenergie ein optisches
Potential f¨
ur Zweiteilchenstreuung darstellt (Kapitel 7). Der grundlegende Formalismus
in der in Kapitel 2 dargebotenen Form sowie die Untersuchungen der Kapitel 3 bis 5 und
Kapitel 8 sind zur Ver¨
offentlichung eingereicht [34]. In Referenz [35] sind die FOSEP-
N¨
aherung und die Ergebnisse von Kapitel 6 ver¨
offentlicht. Die Untersuchungen an der
dynamischen Greensfunktion aus dem dritten Teil dieser Arbeit wurde ebenfalls zur
Ver¨
offentlichung eingereicht [36].
EINLEITUNG 7
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a) statische Ladungsdichte
b) Austauschwechselwirkung
c) Polarisierung
e) Ionisierung
d) Feshbach-Resonanz
Abbildung 1: Physikalische Effekte bei der Streuung an einem Vielteilchensystem. Die
a) Coulomb- und b) Austauschwechselwirkung an der statischen Ladungsverteilung des
Targets liefern eine energieunabh¨
angige Potentialfunktion, die aber durch den Aus-
tausch zu einem nichtlokalen Operator wird. Die sogenannte dynamische Korrelation
beschreibt u. a. c) die Polarisierung des Targets durch das vorbeifliegende Projektil
und d) Feshbach-Resonanzen. Diese Resonanzen sind metastabile gebundene Zust¨
ande
des Projektilteilchens im Feld des angeregten Targetmolek¨
uls. Reicht die Streuenergie
aus, um inelastische Kan¨
ale, wie e) Ionisierung oder Anregung des Targets zu ¨
offnen,
dann wird das optische Potential komplex, um so dem Verlust von elastischer Streu-
amplitude Rechnung zu tragen. Das optische Potential enth¨
alt somit nichtlokale [b),
d)], energieabh¨
angige [c), d), e)] und komplexwertige Beitr¨
age [e)].
Kapitel 1
Einteilchen-Greensfunktion
In der Hierarchie der Greensfunktionen nimmt die Einteilchen-Greensfunktion ei-
ne Sonderrolle ein und besitzt daher eine herausragende Bedeutung f¨
ur die Viel-
teilchentheorie. Dies ist insbesondere dadurch bedingt, daß sie die Dyson-Gleichung
erf¨
ullt und mit ihrer Selbstenergie ein optisches Potential f¨
ur Einteilchenstreuung
liefert. Die Einteilchen-Greensfunktion f¨
ur nichtrelativistische, fermionische Vielteil-
chensysteme bildet den Ausgangspunkt f¨
ur die in dieser Arbeit vorgestellten Studi-
en zur Konstruktion komplizierterer Greensfunktionen, die viele Eigenschaften der
Einteilchen-Greensfunktion erben werden. In diesem Kapitel soll daher die Einteilchen-
Greensfunktion und ihre wichtigsten Eigenschaften in einer Weise pr¨
asentiert werden,
die eine ¨
Ubertragung auf die sp¨
ater betrachteten Zweiteilchen-Propagatoren (Teil I)
und die dynamische Greensfunktion (Teil II) erm¨
oglicht.
1.1 Definition der Einteilchen-Greensfunktion
Die sogenannte zeitgeordnete Einteilchen-Greensfunktion der nichtrelativistischen
Quantenmechanik wird folgendermaßen definiert [9]:
iG(rt,r0t0)=hΨN
0|ψ(r, t)ψ(r0,t
0)|ΨN
0iθ(tt0)
−hΨN
0|ψ(r0,t
0)ψ(r, t)|ΨN
0iθ(t0t).(1.1)
Der Referenzzustand |ΨN
0isoll hier durch den exakten Grundzustand des betrachte-
ten, wechselwirkenden Systems von NFermionen realisiert werden. Der Feldoperator
im Heisenberg-Bild ψ(r, t) erzeugt ein Teilchen am Ort rund zur Zeit t.Obwohl
im allgemeinen fermionische Teilchen, vor allem Elektronen oder auch Nukleonen, be-
trachtet werden, soll der Einfachheit halber die explizite Notation von Spin-Indizes
9
10 KAPITEL 1. EINTEILCHEN-GREENSFUNKTION
unterdr¨
uckt werden und rf¨
ur das Ort-Spin-Indexpaar (r) stehen. Die Definition der
Heavysideschen Thetafunktion lautet:
θ(t):=
1f
¨
ur t0
0f
¨
ur t<0.(1.2)
Die Einteilchen-Greensfunktion setzt sich aus dem sogenannten Teilchen-
Propagator Gpund dem Loch-Propagator Ghzusammen:
G(rt,r0t0)=Gp(rt,r0t0)+Gh(rt,r0t0).(1.3)
Ber¨
ucksichtigt man die Zeitentwicklung der Heisenberg-Operatoren ψ(r, t) mit dem
Hamilton-Operator des Vielteilchensystems H
ψ(r, t)=eiHtψ(r)eiHt,(1.4)
so lassen sich Teilchen- und Loch-Propagator in folgender Weise umformen:
iGp(rt,r0t0)= hΨN
0|ψ(r)ei[HEN
0](tt0)ψ(r0)|ΨN
0iθ(tt0),(1.5)
iGh(rt,r0t0)=−hΨN
0|ψ(r0)ei[EN
0H](tt0)ψ(r)|ΨN
0iθ(t0t).(1.6)
Hier wurde ausgenutzt, daß der Grundzustand |ΨN
0iein Eigenzustand des Hamilton-
Operators Hmit der Grundzustandsenergie EN
0als Eigenwert ist:
H|ΨN
0i=EN
0|ΨN
0i.(1.7)
An dieser Stelle m¨
ochte ich darauf hinweisen, daß bei Anwendung der Einteilchen-
Greensfunktion zur Beschreibung der elektronischen Struktur von Molek¨
ulen EN
0f¨
ur
die rein elektronische Grundzustandsenergie steht und eine Hyperfl¨
ache im Raum der
m¨
oglichen Kernkonfigurationen Rdarstellt. Ebenso h¨
angen selbstverst¨
andlich auch H
und |ΨN
0iparametrisch von den Kernkoordinaten ab.
Es wird sp¨
ater von Nutzen sein, die Einteilchen-Greensfunktion in der Frequenz-
statt in der Zeitdom¨
ane zu betrachten und eine Orbitaldarstellung an Stelle der Orts-
raumdarstellung einzuf¨
uhren. Der zur Definition (1.1) ¨
aquivalente Ausdruck f¨
ur die
Einteilchen-Greensfunktion lautet dann:
Gpq(ω)=hΨN
0|ap
1
ωH+EN
0+a
q|ΨN
0i
+hΨN
0|a
q
1
ωEN
0+Hap|ΨN
0i.(1.8)
1.2. DIE DYSON-GLEICHUNG 11
Die Fourier-Transformation von der Zeitdom¨
ane in die Frequenzdom¨
ane ist hierbei
folgendermaßen definiert:
f(ω)=Z
−∞ d(tt0)e(tt0)f(tt0).(1.9)
Die positive infinitesimale Gr¨
oße ηim Nenner bleibt von einem Faktor ¨
ubrig, der ein-
gef¨
uhrt werden muß, um die Konvergenz der Fourier-Transformation sicherzustellen.
Der Parameter ηist als kleine, positive Gr¨
oße aufzufassen, die am Ende aller Rech-
nungen im Limes η0+verschwindet. Salopp nennen wir ηdaher gelegentlich auch
Infinitesimale. Das Vorzeichen der Terme h¨
angt mit der Zeitordnung der Greens-
funktion durch die Thetafunktionen in den Gleichungen (1.5) und (1.6) zusammen [9].
Der ¨
Ubergang zur Orbitaldarstellung wird durch eine Transformation der Feldoperato-
ren bewerkstelligt. Der Einfachheit halber nehmen wir an, daß die Menge der Orbitale
{ϕp(r)}peine diskrete aber vollst¨
andige Menge von quadratintegrablen und normier-
ten Basisfunktionen des Einteilchen-Hilbert-Raums ist. Der Erzeugungsoperator f¨
ur
ein (fermionisches) Teilchen im Orbital ϕp(r) wird folgendermaßen definiert:
a
p=Zdr ϕp(r)ψ(r).(1.10)
Wie ¨
ublich impliziert die Orthonormalit¨
at der Orbitale die kanonischen Antivertau-
schungsrelationen {a
p,a
q}=δpq usw.
Der Orbitalsatz wurde nur aus Gr¨
unden der konzeptionellen Klarheit und der einfa-
chen Notation diskret gew¨
ahlt. Die Verallgemeinerung auf kontinuierliche Quantenzah-
len stellt aber kein prinzipielles Problem dar. N¨
utzliche Realisierungen von Orbitalen
mag man in den Hartree-Fock-Orbitalen des N-Teilchen-Zustands |ΨN
0i(zusammen
mit einer geeigneten Diskretisierung des Kontinuums) oder in der Impulsdarstellung
(diskretisiert durch einen großen, endlichen Kasten mit periodischen Randbedingun-
gen) finden.
1.2 Die Dyson-Gleichung
Im Gegensatz zur klassischen Vielteilchentheorie [4,5,9], wo die Dyson-Gleichung ¨
uber
eine diagrammatische St¨
orungsentwicklung der Einteilchen-Greensfunktion mit Hilfe
der Feynman-Dyson-Reihe gewonnen und die Selbstenergie durch unendliche Summa-
tion der sogenannten irreduziblen Diagrammen definiert wird, soll in dieser Arbeit die
Dyson-Gleichung als algebraische Eigenschaft der Greensfunktion aufgefaßt werden.
Dementsprechend werde ich eine rein algebraische Herleitung der Dyson-Gleichung
12 KAPITEL 1. EINTEILCHEN-GREENSFUNKTION
vorstellen und ebenfalls die Selbstenergie ohne Bezug auf unendliche Reihenentwicklun-
gen definieren. Diese Sichtweise der Dyson-Gleichung bildet den Ausgangspunkt f¨
ur die
Konstruktion einer allgemeinen Klasse von erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen,
die im ersten Teil dieser Dissertation im Mittelpunkt stehen werden, wie auch f¨
ur die
Betrachtungen zur dynamischen Greensfunktion im zweiten Teil. Die folgende Herlei-
tung der Dyson-Gleichung ist ¨
ahnlich zu der in den Referenzen [37] und [38] gegebenen.
In der hier vorliegenden Form wurde sie schon in meiner Diplomarbeit [32] vorgestellt.
Der Einfachheit halber verwenden wir die durch Gleichung (1.8) definierte Darstel-
lung der Einteilchen-Greensfunktion Gpq(ω) in der Frequenzdom¨
ane und Orbitaldar-
stellung. Diese Darstellung l¨
aßt sich noch kompakter notieren, wenn man Teilchen-
und Loch-Propagator zusammenfaßt. Dazu f¨
uhre ich die folgenden zusammengesetz-
ten Zust¨
ande oder Vektoren von Zust¨
anden
|Ypi= a
p|ΨN
0i
hΨN
0|a
p!(1.11)
und die Matrix
˜
H=
HEN
00
0EN
0H
(1.12)
ein. Gleichung (1.8) l¨
aßt sich nun umschreiben, indem man formal die Einteilchen-
Greensfunktion als Matrixelement der Resolvente von ˜
Hmit Bezug auf die Zust¨
ande
|Ypischreibt:
Gpq(ω)=hYp|1
ω˜
H|Yqi.(1.13)
Die Terme wurden hier weggelassen, um eine umst¨
andliche Notation zu vermeiden.
Die durch diese Terme bewirkte Zeitordnung ist f¨
ur die meisten Betrachtungen un-
wichtig. Sie bekommt allerdings in der zeitabh¨
angigen Formulierung der Streutheorie
eine gewisse Bedeutung und wird dann an gegebener Stelle diskutiert werden (siehe
Abschnitte 7.1 und 11.1).
Das Skalarprodukt der Vektoren |Ypibeinhaltet jetzt ein Matrix-Vektor-Produkt
und ein gew¨
ohnliches Hilbert-Raum-Skalarprodukt f¨
ur die Komponenten, wobei die
Konvention gelten soll, daß vor der Bildung des Skalarprodukts immer bra-Zust¨
ande
nach links und ket-Zust¨
ande nach rechts wandern. Bez¨
uglich dieses kanonischen Ska-
larprodukts erf¨
ullen die Zust¨
ande |Ypidie folgenden Orthonormalit¨
atsrelationen:
hYp|Yqi=hΨN
0|apa
q|ΨN
0i+hΨN
0|a
qap|ΨN
0i=δpq.
N¨
ahert man die N-Elektronen-Wellenfunktion |ΨN
0idurch eine Slater-Determinante
an, dann enth¨
alt der Vektor |Ypientweder einen Ein-Loch-Zustand, wenn der Index p
1.2. DIE DYSON-GLEICHUNG 13
ein unbesetztes Orbital kennzeichnet, oder einen Ein-Teilchen-Zustand, wenn das Or-
bital ϕpin der Slater-Determinante besetzt ist. Im allgemeineren Fall einer korrelierten
Wellenfunktion |ΨN
0imischen die Vektoren |YpiZust¨
ande mit N+ 1 und N1Elek-
tronen. In jedem Fall und auch f¨
ur beliebige Einteilchen-Indizes pstellen die Vektoren
|Ypiorthogonale Zust¨
ande dar, die einen linearen Raum mit derselben Dimension wie
der des Einteilchen-Hilbert-Raums aufspannen. Diesen von den Vektoren {|Ypi}pauf-
gespannten Raum nenne ich den prim¨
aren Raum. Da die prim¨
aren Zust¨
ande |Ypiund
ihre Linearkombinationen im allgemeinen keine exakten Eigenzust¨
ande des Hamilton-
Operators Hsind, koppeln sie an h¨
ohere Anregungen wie Zwei-Teilchen-Ein-Loch-
Anregungen, Ein-Teilchen-Zwei-Loch-Anregungen usw. Der Raum der h¨
oheren Anre-
gungen wird sekund¨
arer Raum genannt.1Das Konzept der Ein-Loch-, Zwei-Teilchen-
Ein-Loch-Anregungen usw. trifft nat¨
urlich nur dann wirklich zu, wenn der Referenz-
zustand |ΨN
0ivon einer einzelnen Konfiguration dominiert wird; der verwendete For-
malismus ist jedoch unabh¨
angig hiervon g¨
ultig. Im allgemeinen wird |ΨN
0idurch ei-
ne korrelierte Wellenfunktion dargestellt werden und daher k¨
onnen die prim¨
aren und
sekund¨
aren Zust¨
ande nicht einfach durch Basiszust¨
ande mit einzelnen Konfiguratio-
nen ausgedr¨
uckt werden. Eine explizite Konstruktion einer Basis f¨
ur den sekund¨
aren
Raum, die auch zu n¨
utzlichen N¨
aherungen f¨
ur die Einteilchen-Greensfunktion oder
ihre Selbstenergie f¨
uhrt, ist im Rahmen der sogenannten intermediate state represen-
tation m¨
oglich und wird in den Referenzen [37,39] beschrieben. Der in dieser Arbeit
verwendete Formalismus ist zun¨
achst v¨
ollig unabh¨
angig von der expliziten Konstrukti-
on der Basis des sekund¨
aren Raums. Ich werde daher einfach annehmen, daß {|QJi}J
eine beliebige Basis des zusammengesetzten Raumes darstellt, die aus den prim¨
aren
Zust¨
anden {|Ypi}pund einer geeigneten Basis f¨
ur den sekund¨
aren Raum besteht.
Man kann nun die Dyson-Gleichung durch Inversion von Gleichung (1.13) herleiten.
Die Basis {|QJi}Jdes zusammengesetzten Raumes definiert eine Basissatzdarstellung
˜
Hdes Matrix-Operators ˜
H:
[˜
H]IJ =hQI|˜
H|QJi.(1.14)
1Man kann die Vektoren |Ypials Elemente eines zusammengesetzten Hilbert-Raums YGauffassen,
der eine direkte Summe aus dem Hilbert-Raum mit N+ 1 Teilchen und dem Dualraum des (N1)-
Teilchenraums bildet: YG=H(N+1) H(N1),wobeiNdie Anzahl der Fermionen ist (z. B. der Elek-
tronen des betrachteten Molek¨
ules). Der durch die Zust¨
ande |Ypiaufgespannte, sogenannte prim¨
are
Raum ist nur ein (kleiner) Teilraum von YG. Der sekund¨
are Raum wird durch das orthogonale Kom-
plement des prim¨
aren Raumes in YGdefiniert.
14 KAPITEL 1. EINTEILCHEN-GREENSFUNKTION
Durch die Unterteilung der Basis in den prim¨
aren und den sekund¨
aren Teil, erh¨
alt die
Matrix ˜
Heine Blockstruktur:
˜
H=
˜
Haa ˜
Hab
˜
Hba ˜
Hbb
.(1.15)
Der Blockindex abezieht sich auf die prim¨
aren Zust¨
ande {|Ypi}pund bauf den Rest der
Basis {|QJi}J. Der obere linke Block der Matrix l¨
aßt sich mit Hilfe der Gleichungen
(1.11) und (1.12) sofort auswerten. F¨
ur seine Matrixelemente gilt:
h˜
Haaipq =hYp|˜
H|Yqi=hΨN
0|{ap,[˜
H,a
q]}|ΨN
0i.(1.16)
Man sieht nun leicht, daß die Einteilchen-Greensfunktion aus Gleichung (1.13) als
der obere linke Block einer inversen Matrix aufgefaßt werden kann:
G(ω)= 1
ω1˜
H!aa
.(1.17)
In den Beweis dieser Aussage geht die Vollst¨
andigkeit der Basis {|QJi}Jund die Ortho-
normalit¨
at der prim¨
aren Zust¨
ande {|Ypi}pein. Durch einfache Matrix-Partitionierung
kann die inverse Matrix der Greensfunktion G(ω) folgendermaßen ausgedr¨
uckt werden:
hG(ω)i1=ω1˜
Haa ˜
Hab
1
ω1˜
Hbb
˜
Hba.(1.18)
Um die Selbstenergie definieren und damit die ¨
ubliche Form der Dyson-Gleichung
formulieren zu k¨
onnen, f¨
uhre ich wie ¨
ublich eine st¨
orungstheoretische Aufspaltung des
Hamilton-Operators in zwei Teile durch:
H=H0+H1.(1.19)
Dabei enth¨
alt H1die gesamte Zweiteilchenwechselwirkung [siehe auch Gln. (4.1) bis
(4.4)]. Der Anteil H0definiert die nullte Ordnung der St¨
orungstheorie und ist ein
Einteilchenoperator der Form
H0=X
ij
εij a
iaj.(1.20)
Eine geeignete Wahl f¨
ur H0stellt oft der Hartree-Fock-Operator oder der Hamilton-
Operator freier Teilchen (die kinetische Energie) dar. Es soll hier nicht generell an-
genommen werden, daß H0in der gegebenen Orbitalbasis diagonal ist, aber es ist
immer m¨
oglich, eine diagonalisierende Einteilchenbasis zu finden. Falls z. B. H0durch
den Operator der kinetischen Energie realisiert wird, dann wird die Matrix εmit den
1.2. DIE DYSON-GLEICHUNG 15
Matrixelementen hεiij =εij in der Impulsdarstellung diagonal. Die diagonalen Ein-
tr¨
age der Matrix lauten dann einfach εp=p2/2 in atomaren Einheiten. Entsprechend
ist die Wahl von Hartree-Fock-Orbitalen f¨
ur die Einteilchenbasis oft sinnvoll, da der
Hartree-Fock-Operator dann diagonal wird. Bei praktischen Anwendungen auf Atome,
Molek¨
ule oder Atomkerne wird in der Regel so vorgegangen.
Nimmt man an, daß sowohl die elektronische Grundzustandswellenfunktion |ΨN
0i
und -energie E0gutartige St¨
orungsentwicklungen besitzen, dann kann die nullte Ord-
nung der Matrix ˜
Haa leicht aus Gleichung (1.16) berechnet werden. Man erh¨
alt die
Matrix der Orbitalenergien der nullten Ordnung:
˜
H(0)
aa =ε. (1.21)
Man sieht ebenfalls leicht, daß die nichtdiagonalen Bl¨
ocke ˜
Hab und ˜
Hba in nullter
Ordnung verschwinden. F¨
ur die Einteilchen-Greensfunktion nullter Ordnung G(0) findet
mandanngem
¨
Gleichung (1.18):
G(0)(ω)= 1
ω1ε.(1.22)
Die Selbstenergie der Einteilchen-Greensfunktion wird nun folgendermaßen definiert:
Σ(ω)= ˜
Haa ε+˜
Hab
1
ω1˜
Hbb
˜
Hba,(1.23)
womit sich Gleichung (1.18) kompakter fassen l¨
aßt:
G(ω)= 1
ω1εΣ(ω).(1.24)
An dieser Form der Dyson-Gleichung sieht man sch¨
on, daß man die Einteilchen-
Greensfunktion als Resolvente eines effektiven Einteilchen-Hamilton-Operators ε+
Σ(ω) auffassen kann. Damit wird auch bereits deutlich, daß das jeweils betrachte-
te Gesamtproblem in zwei Teilprobleme, die Berechnung der Selbstenergie und die
L¨
osung eines effektiven Einteilchenproblems aufgeteilt werden kann. Wie bereits in der
Einleitung erw¨
ahnt wurde, kann man beispielsweise zeigen, daß die Selbstenergie ein
optisches Potential f¨
ur Einteilchenstreuung darstellt [10,24].
Durch algebraische Umformung und Verwendung von Gleichung (1.22) gelangt man
zur ¨
ublichen Form der Dyson-Gleichung:
G(ω)=G(0)(ω)+G(0)(ω(ω)G(ω).(1.25)
16 KAPITEL 1. EINTEILCHEN-GREENSFUNKTION
Damit die Dyson-Gleichung Sinn macht, m die Greensfunktion als Matrix,
d. h. im gesamten Indexraum, invertierbar sein, wie aus Gleichung (1.24) deutlich
wird. Mit Ausnahme der Nullstellen des Nenners, also z. B. f¨
ur beliebige nichtreelle
Werte von ω, ist die Einteilchen-Greensfunktion G(ω) als Matrix oder als Operator
im gesamten Einteilchenraum invertierbar. Daraus wird auch klar, daß es keinen Sinn
macht, die Dyson-Gleichung f¨
ur einen beliebigen Propagator zu postulieren, um damit
eine Selbstenergie zu definieren. Andererseits garantiert die Dyson-Gleichung auch, daß
die Selbstenergie im gesamten Indexraum definiert ist und damit als Operator im Ein-
teilchenraum aufgefaßt werden kann. Mit Hilfe der Feynman-Dyson-St¨
orungstheorie,
¨
uber welche die Dyson-Gleichung ¨
ublicherweise hergeleitet und die Selbstenergie de-
finiert wird [9], l¨
aßt sich die Selbstenergie st¨
orungstheoretisch entwickeln. Man kann
sogar zeigen, daß die St¨
orungsreihe der Selbstenergie sehr viel einfacher und kompakter
ist als die der Greensfunktion. Im Gegensatz dazu kann z. B. das optische Potential
nach Feshbach [26] bei nicht vollst¨
andig korrelierten Target nicht auf dem gesamten
Einteilchenraum definiert werden. Als Folge davon l¨
aßt es sich auch nicht ohne weiteres
st¨
orungstheoretisch entwickeln. In Abschnitt 8.1 werde ich nochmals auf die Unterschie-
de zwischen der Selbstenergie und dem optischen Potential nach Feshbach eingehen.
Was ist nun aber der Nutzen der Dyson-Gleichung und der durch sie definierten Selbst-
energie? Dieser Frage soll im n¨
achsten Unterabschnitt nachgegangen werden.
1.3 Zur Bedeutung der Dyson-Gleichung
Ein Skeptiker mag nun fragen [40], wozu denn ¨
uberhaupt eine Dyson-Gleichung oder ein
optisches Potential n¨
otig sei? Man k¨
onne doch viele interessieren Gr¨
oßen wie z. B. An-
regungsenergien oder ¨
Ubergangsmomente direkt aus einer geeigneten Greensfunktion
berechnen, die sich auch ohne Umweg ¨
uber eine Dyson-Gleichung n¨
aherungsweise be-
rechnen lassen. Ich sehe folgende Gr¨
unde, an der Dyson-Gleichung festzuhalten:
Das Konzept eines optischen Potentials als physikalische Gr¨
oße stellt ein intui-
tiv ansprechendes Konzept dar. Der technische Vorteil bei Streuproblemen, die
Streurechnung vom Vielteilchenproblem trennen zu k¨
onnen, wurde in der Ein-
leitung schon erw¨
ahnt. Auch in Anwendungen im Bereich gebundener Zust¨
ande
wie der Berechnung von Ionisierungs- oder Anregungsenergien beh¨
alt das Kon-
zept eines optischen Potentials seine Vorteile. Wenn die Selbstenergie nach einem
definierten Schema gen¨
ahert wird und anschließend die Dyson-Gleichung benutzt
wird, um die Greensfunktion zu definieren, dann wird das Streuproblem exakt
1.3. ZUR BEDEUTUNG DER DYSON-GLEICHUNG 17
gel¨
ost und die einzige vorgenommene N¨
aherung betrifft das Potential. Im Rah-
men der St¨
orungstheorie manifestiert sich dieser Gedanke in der Tatsache, daß
die mit Hilfe der Dyson-Gleichung gewonnene Greensfunktion Diagramme belie-
biger Ordnung enth¨
alt, selbst wenn die Selbstenergie nur in endlicher Ordnung
gen¨
ahert wird. Wird stattdessen das Streuproblem nur bis zu einer gegebenen
Ordnung gel¨
ost, so macht man einen zus¨
atzlichen Fehler. Als Beispiel sei hier die
Møller-Plesset-St¨
orungstheorie [41] in der Atom- und Molek¨
ulphysik angef¨
uhrt.
Im Vergleich mit anderen quantenchemischen Methoden wie z. B. st¨
orungstheore-
tisch konsistenten coupled-cluster-Methoden [42] liefert sie sehr schlechte N¨
ahe-
rungen f¨
ur angeregte Zust¨
ande, obwohl sie die direkte Methode darstellt, Anre-
gungsenergien st¨
orungstheoretisch zu berechnen. Es wurde sogar gezeigt, daß die
Møller-Plesset-St¨
orungsreihe in numerischen Studien an atomaren und moleku-
laren Systemen mit sehr großen Orbitalbasen divergieren kann, selbst wenn eine
einzelne Slater-Determinante vorherrscht und damit bereits die nullte Ordnung
nahe am exakten Ergebnis ist [43].
Auch der Fall von Einteilchen-Hamilton-Operatoren verdient Beachtung. Wenn
der Hamilton-Operator des Systems ein Einteilchenoperator ist und damit keine
Zweiteilchenkr¨
afte sondern nur ¨
außere oder gemittelte Felder auftreten, dann
wird die Selbstenergie der Einteilchen-Greensfunktion eine energieunabh¨
angige
Gr¨
oße, deren St¨
orungsreihe nach der ersten Ordnung abbricht, wie sich leicht
zeigen l¨
aßt:
In Gleichung (1.21) wurde bereits die Matrix ˜
Hf¨
ur den Einteilchenoperator H0
berechnet. Lautet der vollst¨
andige Hamilton-Operator des Systems H0+v,wo-
bei v=Pij vija
iajein Einteilchen-Wechselwirkungsoperator ist, dann bleibt die
Struktur der Matrix ˜
Hso wie in nullter Ordnung (mit ˜
Hab =˜
Hba = 0), und
f¨
ur die Selbstenergie bleibt die energieunabh¨
angige Matrix Σpq =vpq ¨
ubrig. Die
Selbstenergie ist damit linear in der Wechselwirkung, wie oben bereits behauptet
wurde.
Eine N¨
aherung der Selbstenergie in erster Ordnung stellt also schon die exakte
L¨
osung dar. N¨
ahert man hingegen den Propagator direkt, also ohne die Dyson-
Gleichung zu verwenden, so bricht die St¨
orungsreihe nicht ab (es sei denn, man
w¨
ahlt eine diagonalisierende Einteilchenbasis).
Numerische Beispiele deuten darauf hin [44], daß die statischen Diagramme der
Feynman-Dyson-Reihe f¨
ur die Einteilchen-Greensfunktion [9] eine schlecht kon-
18 KAPITEL 1. EINTEILCHEN-GREENSFUNKTION
vergierende Reihe ergeben. Sie m¨
ussen renormiert werden. Eine deutlich stabile-
re N¨
aherung f¨
ur die statische Selbstenergie l¨
aßt sich aus dem energieabh¨
angigen
Anteil der Selbstenergie berechnen, wie in Referenz [21] beschrieben ist. Mit
geeigneten numerischen Algorithmen [45] ist die Berechnung der Selbstenergie
zu einer gegebenen Ordnung auch nicht langsamer als die direkte Berechnung
des Propagators, da dieselbe Anzahl an Matrixelementen berechnet werden muß.
Trotzdem wurden in der Literatur auch N¨
aherungsverfahren f¨
ur Eigenschaften
gebundener Zust¨
ande vorgeschlagen, welche die Einteilchen-Greensfunktion ohne
Dyson-Gleichung n¨
ahern [46,47].
Ein weiteres Argument f¨
ur die N¨
utzlichkeit der durch die Dyson-Gleichung de-
finierten Selbstenergie wird das in dieser Arbeit vorgestellt FOSEP-N¨
aherungs-
schema sein. In Kapitel 6 wird gezeigt werden, daß die einfachste nichttrivia-
le N¨
aherung f¨
ur die Selbstenergie der erweiterten Teilchen-Loch-Greensfunktion
ein gutartiges, hermitesches Schema hervorbringt. Durch diese N¨
aherung werden
Nachteile der ¨
ublicherweise verwendeten RPA, welche sich vom traditionellen
Polarisierungspropagator ableitet, vermieden. Eine st¨
orungstheoretische Analyse
und Untersuchungen an einem einfachen Modell werden zeigen, daß dies darauf
zur¨
uckzuf¨
uhren ist, daß Beitr¨
age der Grundzustandskorrelation zu Anregungs-
energien in der Selbstenergie erster Ordnung konsistent ber¨
ucksichtigt werden.
Teil I
Effektive Zweiteilchenbeschreibung
mit erweiterten
Zweiteilchen-Greensfunktionen
19
Kapitel 2
Grundlegender Formalismus
Viele der algebraischen Eigenschaften der Einteilchen-Greensfunktion, insbesondere die
Erf¨
ullung der Dyson-Gleichung, lassen sich auf Zweiteilchenpropagatoren ¨
ubertragen,
wenn sie ausgehend von einem orthonormalen Satz von prim¨
aren Zust¨
anden kon-
struiert werden. Im folgenden sollen Propagatoren G(ω) mit der Hilfe von erweiterten
Zust¨
anden |A, B) konstruiert werden, die in diesem Kapitel definiert werden. Die be-
sondere Eigenschaft dieser Zust¨
ande ist, daß sie orthonormal sind, wenn f¨
ur Aund
Bkanonische Erzeugungs- und Vernichtungsoperatoren eingesetzt werden. Die erwei-
terten Greensfunktionen k¨
onnen dann folgendermaßen definiert werden:
G(ω)=(A, B |1
ω˘
H|A0,B0).(2.1)
Die runden Klammern stehen hier f¨
ur das sogenannte µ-Produkt, das eine Verallge-
meinerung des Skalarprodukts im Hilbert-Raum mit einer indefiniten Metrik darstellt.
Der erweiterte Operator ˘
H¨
ubernimmt die Rolle eines Anregungsenergieoperators,
der wie die erweiterten Zust¨
ande |A, B) in einem erweiterten Hilbert-Raum Ylebt.
Alle diese Objekte werden in diesem Kapitel formal definiert. Beim ersten Lesen k¨
onnen
diese formalen Definitionen zun¨
achst ¨
ubersprungen werden.
Der in diesem Kapitel eingef¨
uhrte, abstrakte Formalismus bildet das Fundament der
Theorie der erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen. Der Zugang ist sehr allgemein
und erlaubt eine umfassende Behandlung der verschiedenen, erweiterten Zweiteilchen-
Greensfunktionen, die in dieser Arbeit untersucht wurden. Da die betrachteten Propa-
gatoren auf ganz unterschiedliche physikalische Situationen angewandt werden k¨
onnen,
liegt die Betonung zun¨
achst auf der vereinheitlichenden mathematischen Struktur. Der
Formalismus wird simultan f¨
ur fermionische und bosonische Teilchen entwickelt. Die
erweiterten Zust¨
ande, mit denen der Modellraum f¨
ur die erweiterten Greensfunktionen
21
22 KAPITEL 2. GRUNDLEGENDER FORMALISMUS
aufgespannt wird werden allgemein definiert. Unter dem µ-Produkt, dessen Definition
vorgestellt wird, erf¨
ullen die erweiterten Zust¨
ande Orthonormalit¨
atsrelationen. Schließ-
lich wird eine kanonische Erweiterung f¨
ur gew¨
ohnliche Fock-Raum-Operatoren und
Superoperatoren auf dem Raum der erweiterten Zust¨
ande eingef¨
uhrt. Dieses Kapitel
basiert auf Referenz [34].
2.1 Erweiterte Zweiteilchenzust¨
ande
Definition Seien |ψiund |ϕinormierte Vielteilchenzust¨
ande, d. h. Elemente des
physikalischen Fock-Raums mit hψ|ψi=hϕ|ϕi= 1, und sei Q=1−|ψihψ|der
orthogonale Projektor auf das Komplement von {|ψi}.Dannistdererweiterten
Zustand |A, B)f
¨
ur lineare Fock-Raum-Operatoren Aund Bdurch den Vektor
|A, B)=
QAB |ψi
hψ|ABQ
hϕ|A⊗hψ|B∓hϕ|B⊗hψ|A
A|ϕi⊗hψ|BB|ϕi⊗hψ|A
(2.2)
definiert, wobei das obere bzw. untere Vorzeichen f¨
ur Operatoren Aund Bmit fermio-
nischem bzw. bosonischem Charakter gilt.
Eigenschaften
1. Der erweiterte Zustand |A, B) ist linear in den beiden Argumenten Aund B.
2. Wenn die beiden Operatoren Aund Bantikommutieren (kommutieren), dann ist
der erweiterte Zustand |A, B) antisymmetrisch (symmetrisch) bez¨
uglich Vertau-
schung von Aund B:
|A, B)=∓|B,A) falls [A, B]±=0.(2.3)
Die eckigen Klammern [., .]±bezeichnen den ¨
ublichen Antikommutator (Kom-
mutator). Das obere bzw. untere Vorzeichen gilt wieder im Fall von Fermionen
bzw. Bosonen.
3. Mit Hilfe der folgenden kanonischen Regeln f¨
ur direkte Summen und Tensor-
produkte [48] kann man f¨
ur die erweiterten Zust¨
ande ein Skalarprodukt (inneres
Produkt) konstruieren:
2.1. ERWEITERTE ZWEITEILCHENZUST ¨
ANDE 23
Bei einer direkten Summe addieren sich die Produkte der Komponenten:
*
|Ai
hB|
,
|Ci
hD|
+=hA|Ci+hD|Bi.(2.4)
In diesem Beispiel wurde als zweite Komponente ein sogenannter bra-
Zustand gew¨
ahlt. Wir wollen solche bra-Zust¨
ande als Elemente des Dual-
raums zum Hilbert-Raum der entsprechenden ket-Zust¨
ande verstehen. Im
Sinne des Rieszschen Darstellungssatzes [48] ist die Zuordnung zwischen bra
und ket eineindeutig.
Bei Tensorprodukten multiplizieren sich die Skalarprodukte der Komponen-
ten:
D|Ai⊗|Bi,|Ci⊗|DiE=hA|CihB|Di.(2.5)
Sp¨
ater werden wir an Hand eines Beispiels sehen [Gleichung (2.12)], wie Skalar-
produkte der erweiterten Zust¨
ande (2.2) ausgewertet werden.
4. Die erweiterten Zust¨
ande |A, B) sind Elemente eines Hilbert-Raums Y,der
sich durch direkte Summen und Produkte von Komponentenr¨
aumen zusammen-
setzt und das unter Punkt 3 beschriebene Skalarprodukt besitzt. Die erweiterten
Zust¨
ande |A, B)k
¨
onnen nat¨
urlich nur Elemente eines Hilbert-Raums sein, wenn
alle Komponenten wie in der Quantenmechanik ¨
ublich eine endliche Norm haben.
Ausgehend von einem Satz erweiterter Zust¨
ande ist die Definition des zugeh¨
ori-
gen Hilbert-Raums Ynicht eindeutig. In Anhang A wird eine formale Definition
des minimalen Hilbert-Raums Yvorgestellt. Es ist wichtig zu beachten, daß der
Raum Yim allgemeinen nicht zu einem Teilraum des physikalischen Fock-Raums
isomorph ist. Dies r¨
uhrt daher, daß die Tensorprodukte in der dritten und vierten
Komponente in Gleichung (2.2) nicht die korrekte Symmetrie von Wellenfunktion
f¨
ur Systeme ununterscheidbarer Teilchen aufweisen (d. h. im Falle von Fermionen
das Pauli-Prinzip verletzen).
Beispiel W¨
ahlt man f¨
ur die beiden Referenzzust¨
ande |ψiund |ϕiden N-
Teilchengrundzustand |ΨN
0ieines fermionischen Systems, dann erh¨
alt man f¨
ur die
sogenannten erweiterten Teilchen-Loch-Zust¨
ande |a
r,a
s), die sp¨
ater noch
ausf¨
uhrlich diskutiert werden:
|a
r,a
s)=
Qa
ras|ΨN
0i
hΨN
0|a
rasQ
hΨN
0|a
r⊗hΨN
0|as−hΨN
0|as⊗hΨN
0|a
r
a
r|ΨN
0i⊗hΨN
0|asas|ΨN
0i⊗hΨN
0|a
r
.(2.6)
24 KAPITEL 2. GRUNDLEGENDER FORMALISMUS
Hier sind a
rund ardie Erzeugungs- und Vernichtungsoperatoren f¨
ur ein Fermi-
on in dem Einteilchenzustand (Orbital) |ϕriund Q=1−|ΨN
0ihΨN
0|ein Pro-
jektionsoperator. Die erweiterten Zust¨
ande |a
r,a
s) sind Elemente eines Hilbert-
Raums Y, welcher als direkte Summe von vier Komponentenr¨
aumen dargestellt
werden kann. Die erste Komponente Qa
ras|ΨN
0iist Element des physikalischen
N-Teilchen-Hilbert-Raums HN.Mankannsien
¨
aherungsweise als Teilchen-Loch-
Anregung verstehen. Der zweite Eintrag hΨN
0|a
rasQist ein bra-Zustand und da-
her ein Element des Dualraums (HN)des physikalischen N-Teilchen Hilbert-
Raums. Der zweite Eintrag kann ebenfalls als approximativer Anregungszustand
interpretiert werden, aber die Einteilchenindizes rund shaben ihre Funktion zur
Beschreibung von Loch- bzw. Teilchenposition im Vergleich mit dem ersten Bei-
trag getauscht. Die beiden letzten Komponenten im erweiterten Zustand |a
r,a
s)
aus Gleichung (2.6) bestehen ihrerseits aus direkten Summen von Produkten aus
bra- und ket-Zust¨
anden, z. B. gilt
hΨN
0|a
r⊗hΨN
0|asH(N1)H(N+1).(2.7)
Damit lautet der zusammengesetzte Hilbert-Raum Yim betrachteten Fall folglich
Y=HNHNhH(N1)H(N+1)H(N+1)H(N1)i
hH(N+1) H(N+1)H(N1) H(N1)i.(2.8)
Eine Basis f¨
ur diesen Raum kann leicht durch entsprechende Summen- und Pro-
duktbildung aus den Basen der Komponentenr¨
aume, welche selbst aus Slater-
Determinanten aufgebaut sein k¨
onnen, gewonnen werden. Die Dimension des
zusammengesetzten Hilbert-Raums Yist bedeutend gr¨
oßer als die des physika-
lischen N-Teilchen-Raums HN, welcher alle teilchenzahlerhaltenden Anregungen
enth¨
alt. Gleichung (2.8) erlaubt jedoch lediglich eine grobe Absch¨
atzung der Di-
mension des relevanten Raumes, durch die man eine obere Grenze erh¨
alt. Un-
ter Ausnutzung von Symmetrien kann die Dimension des tats¨
achlich ben¨
otigten
Raums eventuell noch drastisch reduziert werden. Dadurch, daß beide Referenz-
zust¨
ande in Gleichung (2.6) gleich gew¨
ahlt wurden, ist es beispielsweise m¨
oglich,
die dritte Komponente der erweiterten Zust¨
ande durch 2hΨN
0|a
r⊗hΨN
0|aszu
ersetzen. Dadurch f¨
allt der Term H(N+1)H(N1)aus der direkten Summe
(2.8) heraus. Auch dem physikalischen System inh¨
arente Symmetrien k¨
onnen die
Dimension des Raumes Yverringern. F¨
ur eine exakte, aber nicht konstruktive De-
finition des minimal notwendigen Raumes Ysei der Leser nochmals auf Anhang
A verwiesen.
2.2. DAS µ-PRODUKT 25
Eine M¨
oglichkeit zur Konstruktion einer Basis f¨
ur den Raum Yk¨
onnte auch dar-
in bestehen, Operatormengen Aund Bzu definieren, so daß die Menge von
Zust¨
anden {|A, B)|A∈A,B ∈B}den Hilbert-Raum Yaufspannt. In der
Theorie der traditionellen Ein- und Zweiteilchenpropagatoren wurden derartige
vollst¨
andige Operatormannigfaltigkeiten gefunden und erfolgreich zur Herleitung
von N¨
aherungsschemata eingesetzt (siehe z. B. Referenz [49] und dort zitierte
Literatur). Im vorliegenden Fall ist eine ¨
ahnliche Konstruktion jedoch aufgrund
der komplizierten Natur der erweiterten Zust¨
ande |A, B) fragw¨
urdig.
5. Lineare Operatoren im Raum Ysind im allgemeinen durch beliebige 4 ×4Ma-
trizen von Operatoren gegeben. In dieser Arbeit werden allerdings nur diagonale
Matrixoperatoren eine Rolle spielen, welche die verschiedenen Komponenten des
Y-Raumes nicht mischen. Ein derartiger diagonaler Matrixoperator Owird durch
Spezifizierung der Operatoren Oibestimmt, die in den verschiedenen Teilr¨
aumen
von Ywirken. Man schreibt
O= diag(O1,O
2,O
3,O
4).(2.9)
In einem Dualraum agieren die Operatoren von rechts. F¨
ur die zweite Kompo-
nente gilt zum Beispiel
hO|A, B)i2=hψ|ABQO2.(2.10)
Man beachte, daß es zun¨
achst keine kanonische M¨
oglichkeit gibt, die Anwendung
eines allgemeinen Fock-Raum-Operators auf einen Zustand aus dem Raum Yzu
definieren. Sp¨
ater werde ich jedoch zeigen, wie man sogenannte erweiterte Ope-
ratoren, die auf dem Hilbert-Raum Ydefiniert sind, aus Fock-Raum-Operatoren
konstruieren kann.
2.2 Das µ-Produkt
Das Skalarprodukt (oder innere Produkt) h., .iim Hilbert-Raum Yergibt sich gem¨
der Regeln f¨
ur Skalarprodukte in direkten Summen und Tensorprodukten von Hilbert-
r¨
aumen, wie weiter oben schon angemerkt wurde. Wir benutzen die ¨
ubliche Dirac-
Schreibweise f¨
ur das Matrixelement hY|O|Zieines Operators Ound der Vektoren
|Yiund |Ziim Hilbert-Raum Y.
26 KAPITEL 2. GRUNDLEGENDER FORMALISMUS
Definition Das µ-Produkt zwischen zwei Zust¨
anden |Yi,|Zi∈Ywird durch das
Matrixelement hY|µ|Zidefiniert, wobei µ= diag(1,1,1,±1) den sogenannten me-
trischen Operator darstellt. Hier wie auch im folgenden bezieht sich das obere Vor-
zeichen auf den fermionischen Fall und das untere auf den bosonischen. F¨
ur die gem¨
Gleichung (2.2) definierten, erweiterten Zust¨
ande f¨
uhren wir die folgende Kurzschreib-
weise ein:
(A, B |C,D)=D|A, B)|C, D)E.(2.11)
Eigenschaften
1. Man beachte, daß der metrische Operator µmit allen diagonalen Operatoren im
Y-Raum kommutiert.
2. Die durch das µ-Produkt induzierte Metrik ist indefinit. Dies bedeutet, daß
hY|µ|Yinicht notwendigerweise positiv sein muß, sondern auch negativ werden
oder verschwinden kann, auch wenn |Yinicht der Null-Vektor ist.
3. Das µ-Produkt der erweiterten Zust¨
ande |A, B) und |C, D) berechnet sich
(gem¨
der oben erw¨
ahnten kanonischen Regeln) zu
(A, B |C, D)=hψ|[BA,CD]|ψi
+hϕ|[C,A]±|ϕihψ|DB|ψi+hϕ|[D,B]±|ϕihψ|CA|ψi
+hϕ|[C,B]±|ϕihψ|DA|ψi+hϕ|[D,A]±|ϕihψ|CB|ψi.(2.12)
Dieser Ausdruck vereinfacht sich erheblich, wenn sich die Antikommutatoren
(Kommutatoren) eines beliebigen Paares der Operatoren A,B,Cund Ddurch
komplexe Zahlen ausdr¨
ucken lassen:
(A, B |C, D)=[A,C]±[B,D]±[A,D]±[B,C]±.(2.13)
Man beachte, daß dieses Ergebnis unabh¨
angig von der Wahl der Referenzzust¨
ande
|ψiund |ϕiist.
Beispiel Seien a
rund arErzeugungs- und Vernichtungsoperatoren, welche die kanoni-
schen Vertauschungsrelationen erf¨
ullen ([a
r,a
s]+=δrs, usw.). Die erweiterten Zust¨
ande
|a
r,a
s) sind dann normiert und bilden bez¨
uglich des µ-Produkts einen orthogona-
len Satz:
(a
r,a
s|a
r0,a
s0)=δrr0δss0.(2.14)
2.3. SUPEROPERATOREN 27
Definition Eine Menge von Zust¨
anden {|YIi}IYheißt µ-orthonormal,wenn
hYI|µ|YJi=±δIJ (2.15)
gilt. Das Vorzeichen sei hier unbestimmt (und zwar sowohl im fermionischen als auch
im bosonischen Fall).
Anmerkungen
1. Ein µ-orthonormaler Satz von Zust¨
anden ist notwendigerweise linear unabh¨
angig.
2. Ein (abz¨
ahlbarer) Satz linear unabh¨
angiger Zust¨
ande {|˜
YIi}IYmit nicht-
verschwindender µ-Norm kann mit Hilfe des Gram-Schmidt-Verfahrens µ-
orthonormiert werden.
3. In diesem Kapitel wird sowohl die Notation des µ-Produkts mit runden Klam-
mern wie auch die ¨
ubliche Dirac-Schreibweise des Skalarprodukts mit eckigen
Klammern f¨
ur erweiterte Zust¨
ande verwendet. W¨
ahrend sich die Schreibweise
als µ-Produkt als sehr praktisch im Zusammenhang mit Superoperatorentwick-
lungen erweist, liegt der Hauptvorteil der Dirac-Schreibweise darin, die Hilbert-
Raum-Natur des Formalismusses zu betonen, was ein intuitives Verst¨
andnis von
Basisentwicklungen und Matrixdarstellungen erlaubt.
2.3 Superoperatoren
Die Bezeichnung Superoperator ist in der quantenchemischen und physikalisch-
chemischen Literatur f¨
ur lineare Abbildungen von Fock-Raum-Operatoren gebr¨
auch-
lich. Es ist sehr hilfreich, dieses Konzept auf die erweiterten Zust¨
ande zu ¨
ubertragen
und die Anwendung von Superoperatoren auf den erweiterten Zustand |A, B)¨
uber die
Wirkung auf die Operatoren Aund Bzu definieren. Sp¨
ater wird klar werden, wie die-
se Definition uns zu einer kompakteren Notation von iterierten Bewegungsgleichungen
und St¨
orungsentwicklungen verhelfen kann. In bestimmten F¨
allen ist die Anwendung
eines Superoperators ¨
aquivalent zur Anwendung eines Operators im Hilbert-Raum Y.
Das alternative Konzept der Operatoren im Y-Raum erlaubt dann N¨
aherungen durch
endliche Basisdarstellungen der Operatoren auf wohldefinierte und durchsichtige Art
und Weise durchzuf¨
uhren. Im folgenden soll ausschließlich von Superoperatoren die
Rede sein, die folgendermaßen konstruiert sind:
28 KAPITEL 2. GRUNDLEGENDER FORMALISMUS
Definition Ausgehend von einem Fock-Raum-Operator Udefinieren wir ˆ
Uals die
lineare Abbildung, die einen Operator Aauf den Kommutator von Umit Aabbildet:
ˆ
U(A)=[U, A].(2.16)
Man nennt ˆ
Uden dem Operator Uzugeordneten Superoperator.
Die Anwendung des Superoperators ˆ
Uauf die erweiterten Zust¨
ande |A, B)wirdf
¨
ur
beliebige Operatoren Aund Bfolgendermaßen definiert:
ˆ
U|A, B)=|ˆ
U(A),B)+|A, ˆ
U(B))
=|[U, A],B)+|A, [U, B]).(2.17)
Beispiel Sei a()
rein fermionischer Operator wie oben und sei v=Pij vija
iajein
Einteilchenoperator in zweiter Quantisierung. Dann beschreibt
(a
r,a
s|ˆv|a
r0,a
s0)=vrr0δss0vs0sδrr0(2.18)
ein Matrixelement, welches ausschließlich durch den Operator vund die Einteilchen-
basis bestimmt wird, aber unabh¨
angig von den Referenzzust¨
anden |ψiund |ϕiist.
Eigenschaften Sind die Zust¨
ande |ψiund |ϕiEigenzust¨
ande eines selbstadjungier-
ten Operators Umit Eigenwerten uψund uϕ, so ist die Anwendung des Superoperators
ˆ
Uauf die erweiterten Zust¨
ande v¨
ollig ¨
aquivalent zur Anwendung des diagonalen Ope-
rators
˘
U= diag(Uuψ,u
ψU, uϕU1+uψ1U, U 1uϕ+uψ1U).(2.19)
Die Behauptung ˆ
U|A, B)= ˘
U|A, B) soll am Beispiel der Wirkung auf die zweite
Komponente illustriert werden. Weil Qmit Uvertauscht, gilt
h˘
U|A, B)i2=hψ|ABQ(uψU)=hψ|UABQ−hψ|ABQU
=hψ|[U, AB]Q=hˆ
U|A, B)i2.(2.20)
Definition Man nennt ˘
Uden dem selbstadjungierten Fock-Raum-Operator Uzu-
geordneten erweiterten Operator im Raum Y.
Anmerkungen
1. Die Symbole ˆ und ˘ sind als Operationen zu verstehen, die einen Fock-Raum-
Operator auf den entsprechenden Superoperator bzw. Operator im Raum Yab-
bilden.
2.3. SUPEROPERATOREN 29
2. Ein dem Superoperator ˆ
Uentsprechender Y-Raum-Operator existiert im allge-
meinen nur dann, wenn |ψiund |ϕiEigenzust¨
ande von Usind.
3. Die Operationen ˆ und ˘ sind linear in folgendem Sinne: Ist der Operator Udurch
eine Linearkombination von Fock-Raum-Operatoren Vund Wgegeben
U=aV +bW (2.21)
mit komplexen Zahlen aund b, dann gilt auch f¨
ur den zugeordneten Superope-
rator
ˆ
U=aˆ
V+bˆ
W. (2.22)
Falls weiterhin |ψiund |ϕiEigenzust¨
ande von Vund Wsind, gilt auch f¨
ur die
zugeordneten erweiterten Operatoren
˘
U=a˘
V+b˘
W. (2.23)
4. Wie man leicht sieht, ist der dem selbstadjungierten Operator Uzugeordnete
erweiterte Operator ˘
Uebenfalls selbstadjungiert:
D|A, B)˘
U|C,D)E=D˘
U|A, B)|C,D)E.(2.24)
Entsprechendes gilt f¨
ur zugeordnete Superoperatoren.
Kapitel 3
Effektive Zweiteilchenbeschreibung
mit orthonormalen Zust¨
anden
Im vorhergehenden Abschnitt wurde eine in sich geschlossene Einf¨
uhrung in den ab-
strakten Formalismus der erweiterten Zust¨
ande und des µ-Produkts gegeben. Viele
wichtige Eigenschaften der erweiterten Zust¨
ande werden aber auch im folgenden Text
erkl¨
art werden. In diesem Kapitel wird gezeigt werden, wie man f¨
ur die erweiterten
Zweiteilchenzust¨
ande eine Dyson-Gleichung herleiten und eine Selbstenergie definieren
kann. Diese Herleitung wurde in Referenz [33] f¨
ur das Beispiel der erweiterten Teilchen-
Teilchen-Greensfunktion und in Referenz [35] in dem hier dargestellten allgemeineren
Zusammenhang ver¨
offentlicht. Die vorgestellte Herleitung gilt f¨
ur eine allgemeine Klas-
se von fermionischen wie auch bosonischen erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen.
Die Analogie zur algebraischen Herleitung der Dyson-Gleichung f¨
ur die Einteilchen-
Greensfunktion ( [37], s. a. Abschnitt 1) spiegelt sich im benutzten abstrakten Forma-
lismus wider, welcher die zugrundeliegenden Konzepte deutlich werden l¨
aßt.
3.1 Erweiterte Zweiteilchen-Greensfunktion
Die erweiterten Greensfunktionen G(ω) werden nach folgendem Schema aus erweiterten
Zust¨
anden |A, B) und |A0,B0), dem verallgemeinerten Anregungsenergieoperator ˘
H
und einer Energievariablen ωgebildet:
G(ω)=(A, B |1
ω˘
H|A0,B0).(3.1)
Die Wahl der Operatoren A,A0und B,B0bestimmt den Typ des konstruierten Pro-
pagators. Der Hamilton-Operator und der in der Definition der erweiterten Zust¨
ande
31
32
KAPITEL 3. EFFEKTIVE ZWEITEILCHENBESCHREIBUNG MIT
ORTHONORMALEN ZUST ¨
ANDEN
(2.2) enthaltene Referenzzustand |ψilegen dagegen das betrachtete physikalische Sy-
stem fest. Im Folgenden werden drei verschiedene Greensfunktionen untersucht werden,
die sich vom formalen Standpunkt aus sehr ¨
ahneln, aber die Beschreibung unterschied-
licher physikalischer Situationen erlauben:
(a) Die erweiterte Teilchen-Loch-Greensfunktion wird folgendermaßen defi-
niert:
G(ph)
rs,r0s0(ω)=(a
r,a
s|1
ω˘
H|a
r0,a
s0),(3.2)
Sie beinhaltet Informationen ¨
uber teilchenzahlerhaltende Anregungen und
linear-response-Eigenschaften wie z. B. Polarisierbarkeiten von Molek¨
ulen. Die
ihrer Konstruktion zugrundeliegenden Zust¨
ande |Y(ph)
rs i=|a
r,a
s)heißenerwei-
terte Teilchen-Loch-Zust¨
ande.
(b) Die erweiterte Teilchen-Teilchen-Greensfunktion wird durch
G(pp)
rs,r0s0(ω)=(a
r,a
s|1
ω˘
H|a
r0,a
s0) (3.3)
definiert und kann zur Beschreibung von Zweiteilchen-Anlagerungsprozessen oder
Streuprozessen verwendet werden. Sie wird aus den erweiterten Teilchen-
Teilchen-Zust¨
anden |Y(pp)
rs i=|a
r,a
s) konstruiert.
(c) Die erweiterte Loch-Loch-Greensfunktion wird definiert durch
G(hh)
rs,r0s0(ω)=(ar,a
s|1
ω˘
H|ar0,a
s0).(3.4)
Sie erlaubt die Beschreibung von Prozessen, bei denen zwei Teilchen entfernt wer-
den, wie z. B. den atomaren oder molekularen Auger-Zerfall. Die entsprechenden
erweiterten Loch-Loch-Zust¨
ande sind durch |Y(hh)
rs i=|ar,a
s) gegeben.
Die Operatoren a
rund arbezeichnen hier die kanonischen Erzeuger und Vernichter
f¨
ur Fermionen. Im Folgenden werde ich nicht weiter auf bosonische Greensfunktionen
eingehen, obwohl ein Großteil der in diesem Kapitel entwickelten Ableitungen auch f¨
ur
bosonische Greensfunktionen gilt.
Als vorl¨
aufige Rechtfertigung f¨
ur die oben gegebene Einteilung der erweiterten
Greensfunktionen und erweiterten Zust¨
ande m¨
ochte ich anf¨
uhren, daß die erste oder
physikalische Komponente des Vektors |A, B)gem
¨
Definition (2.2) durch den
Zustand AB |ψibestimmt wird. Im folgenden soll der zun¨
achst nicht n¨
aher bestimmte
3.1. ERWEITERTE ZWEITEILCHEN-GREENSFUNKTION 33
Referenzzustand |ψidie exakte Grundzustandswellenfunktion |ΨN
0ieines wechselwir-
kenden N-Fermionen-Systems beschreiben. Die physikalischen Komponenten der er-
weiterten Zust¨
ande |Y(ph)
rs i,|Y(pp)
rs iund |Y(hh)
rs ibeschreiben folglich Zust¨
ande mit N,
N+2bzw.N2 Teilchen. Die ¨
ubrigen Komponenten des Vektors |A, B)beschrei-
ben andere physikalische Situationen und sollen als unphysikalische Komponen-
ten klassifiziert werden. Diese zus¨
atzlichen Komponenten sind n¨
utzlich, da durch sie
die besonderen algebraischen Eigenschaften, die im Folgenden besprochen werden, er-
reicht werden k¨
onnen. Sp¨
ater wird ihre Bedeutung insbesondere im Zusammenhang
mit N¨
aherungsl¨
osungen genauer untersucht werden.
Die Zust¨
ande {|Yrsi}, deren Indizes runs sjeweils ¨
uber den gesamten Satz von Ein-
teilchenindizes laufen, spannen den sogenannten prim¨
aren Raum oder Modellraum
auf und werden auch prim¨
are Zust¨
ande oder Y-Zust¨
ande genannt. Die prim¨
aren
Zust¨
ande bilden in jedem der drei oben genannten F¨
alle jeweils einen µ-orthonormalen
Satz von Zust¨
anden (im Sinne von Abschnitt 2.2):
(a
r,a
s|a
r0,a
s0)=δrr0δss0,(3.5)
(a
r,a
s|a
r0,a
s0)=(ar,a
s|ar0,a
s0)=δrr0δss0δrs0δsr0.(3.6)
Diese Relationen folgen direkt aus der formalen Eigenschaft (2.13) der erweiterten
Zust¨
ande |A, B).
Man beachte, daß sich die obigen Gleichungen auch ohne Benutzung der µ-Produkt-
Schreibweise (·|·)schreibenl
¨
aßt. Stattdessen kann man die ¨
ubliche Dirac-Schreibweise
des Skalarprodukts im Hilbert-Raum Yverwenden. In diesem Fall taucht der (in Ab-
schnitt 2.2 definierte) metrische Operator µexplizit auf und Gleichung (3.5) wird zu
hY(ph)
rs |µ|Y(ph)
r0s0i=δrr0δss0.(3.7)
Im Weiteren werden beide Schreibweisen verwendet werden, da jede ihre spezifischen
Vorteile besitzt.
Die Orthogonalit¨
atsrelation (3.5) f¨
ur den Teilchen-Loch Fall (a) unterscheidet sich
von der Relation (3.6) f¨
ur die F¨
alle (b) und (c). F¨
ur die beiden letzteren F¨
alle dr¨
uckt
Gleichung (3.6) Antisymmetrie bez¨
uglich der Vertauschung der Einteilchenindizes r
und s,bzw.vonr0und s0aus. Antisymmetrie bez¨
uglich der Vertauschung von Einteil-
chenindizes tritt auch bei den zugeh¨
origen erweiterten Zust¨
anden |Y(pp)
rs iund |Y(hh)
rs i
auf, wie in Abschnitt 2.1 gezeigt wurde. Folglich spannen die prim¨
aren Zust¨
ande {|Yrsi}
in den F¨
allen (b) und (c) einen Modellraum auf, der isomorph zum physikalischen
Hilbert-Raum f¨
ur zwei ununterscheidbare Fermionen ist. Im Teilchen-Loch-Fall (a)
34
KAPITEL 3. EFFEKTIVE ZWEITEILCHENBESCHREIBUNG MIT
ORTHONORMALEN ZUST ¨
ANDEN
hingegen ist diese Symmetrie gebrochen und die prim¨
aren Zust¨
ande {|Y(ph)
rs i} spannen
einen Modellraum auf, der zum physikalischen Raum zweier unterscheidbarer Teilchen
isomorph ist.
Die oben definierten Zust¨
ande |Yrsisind Elemente des erweiterten Hilbert-Raums Y,
was in Abschnitt 2.1 ausf¨
uhrlich diskutiert wurde. Im Raum Y¨
ubernimmt der auf dem
¨
ublichen Fock-Raum-Operator basierende erweiterte Operator ˘
H(wie er in Abschnitt
2.3 definiert wurde) die Rolle eines Anregungsenergieoperators. Gleichung (2.19)
zeigt in der Tat, daß der Operator ˘
Hauf die physikalische Komponente der Zust¨
ande
|Yrsiwie HEN
0wirkt, wobei EN
0der Energieeigenwert des N-Teilchengrundzustands
|ΨN
0iist. Man kann folglich sagen, daß ˘
Hdie Energie des Systems relativ zur Grund-
zustandsenergie des N-Teilchensystems mißt.
Die erweiterten Zweiteilchenpropagatoren (3.2) bis (3.4) sind Projektionen der Re-
solvente des Anregungsenergieoperators ˘
Hauf die erweiterten Zust¨
ande |Yrsi.Man
kann daher, ohne einen der F¨
alle (a), (b) oder (c) zu spezifizieren, durch die folgenden
Matrixelemente eine allgemeine erweiterte Zweiteilchen-Greensfunktion G(ω)als
Funktion der Energievariable ωund als Matrix in den Zweiteilchenindizes (rs) definie-
ren:
Grs,r0s0(ω)=hYrs|µ
ω˘
H|Yr0s0i.(3.8)
Diese Gleichung umfaßt gewissermaßen die zuvor gegebenen Definitionen (3.2), (3.3)
und (3.4).
3.2 Dyson-Gleichung und Selbstenergie
Man kann nun eine Dyson-Gleichung herleiten, indem man die inverse Matrix der
erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktion Grs,r0s0(ω) durch eine Matrixdarstellung des
erweiterten Operators ˘
Hausdr¨
uckt. Es wurde schon angemerkt, daß die prim¨
aren
Zust¨
ande {|Yrsi} nur einen Unterraum (den prim¨
aren Raum) des Hilbert-Raums Y
aufspannen. Zur Begr¨
undung sei angemerkt, daß die von den Y-Zust¨
anden repr¨
asen-
tierten Teilchen-Loch-Anregungen in korrelierten Systemen keine exakten Zust¨
ande
bilden, sondern an Zwei-Teilchen–Zwei-Loch- und h¨
ohere Anregungen koppeln. Da die
Zust¨
ande {|Yrsi}µ-orthonormal sind, sind sie auch linear unabh¨
angig und stellen daher
eine Basis des von ihnen aufgespannten Unterraums dar. Die Menge der Paare von Ein-
teilchenindizes (r, s)mußnunf
¨
ur die Teilchen-Teilchen- und Loch-Loch-F¨
alle (b) und
(c) durch die Bedingung r>seingeschr¨
ankt werden, da hier die Zust¨
ande |Yrsianti-
symmetrisch unter Vertauschung von rund ssind. Im Teilchen-Loch-Fall (a) ist keine
3.2. DYSON-GLEICHUNG UND SELBSTENERGIE 35
Beschr¨
ankung notwendig. Die prim¨
aren Zust¨
ande {|Yrsi} k¨
onnen zu einer vollst¨
andi-
gen Basis {|QJi} {|Yrsi} des Hilbert-Raums Yerweitert werden. Außerdem kann
man fordern, daß die Zust¨
ande |QJiµ-orthonormal sind:
hQI|µ|QJi=±δIJ.(3.9)
Da die Metrik µindefinit ist, treten auch Zust¨
ande mit negativer Norm auf. Dies ist
eine Konsequenz des Sylvesterschen Tr¨
agheitssatzes [50]. Die diagonale ¨
Uberlappmatrix
µsei definiert durch
hµiIJ := hQI|µ|QJi.(3.10)
Entsprechend wird die Matrixdarstellung Hdes erweiterten Operators ˘
Hdurch die
Matrixelemente
hHiIJ := hQI|µ˘
H|QJi(3.11)
definiert. Durch die Einteilung der Basis {|QJi} in die prim¨
aren Zust¨
ande {|Yrsi} und
den Rest ergibt sich eine Blockstruktur f¨
ur die Matrix H:
H=
Haa Hab
Hba Hbb
.(3.12)
Der prim¨
are Block Haa ist dabei gerade die Projektion des Operators ˘
Hauf die
prim¨
aren Zust¨
ande {|Yrsi}:
hHaairs,r0s0=hYrs|µ˘
H|Yr0s0i.(3.13)
Die erweiterte Greensfunktion G(ω) kann nun als obere linke Ecke einer inversen
Matrix aufgefaßt werden:
G(ω)=
1
ωµ H
aa
.(3.14)
Durch diese Gleichung wird letztlich ausgedr¨
uckt, daß man die erweiterte Greensfunk-
tion G(ω) als Projektion einer Operatorresolvente auf eine Menge µ-orthonormaler
Zust¨
ande auffassen kann. Man beachte, daß die Matrix Hhermitesch ist, falls der
Hamilton-Operator Hdes Vielteilchensystems hermitesch ist, wovon in dieser Arbeit
durchgehend ausgegangen wird. Mit Hilfe von Matrixpartitionierung l¨
aßt sich die in-
verse Matrix der Greensfunktion folgendermaßen ausdr¨
ucken:
hG(ω)i1=ω1Haa Hab
1
ωµbb Hbb
Hba.(3.15)
36
KAPITEL 3. EFFEKTIVE ZWEITEILCHENBESCHREIBUNG MIT
ORTHONORMALEN ZUST ¨
ANDEN
Diese Gleichung ist eine alternative Formulierung der Dyson-Gleichung und stellt das
wichtigste Ergebnis diese Kapitels dar. Um nun die Zweiteilchen-Selbstenergie S(ω)zu
definieren und den Bezug zur ¨
ublichen Darstellung der Dyson-Gleichung herzustellen,
ist die Einf¨
uhrung einer st¨
orungstheoretischen Sichtweise n¨
otig, in der eine geeignete
Einteilchenbeschreibung (zum Beispiel die Hartree-Fock-N¨
aherung) die nullte Ordnung
definiert. Sp¨
ater wird man sehen, daß die Kopplungsbl¨
ocke Hab und Hba in einer Ein-
teilchenbeschreibung verschwinden. In diesem Fall ist die erweiterte Greensfunktion die
echte Resolvente des prim¨
aren Blocks nullter Ordnung H(0)
aa , welcher als Operator im
physikalischen Zweiteilchenraum verstanden werden kann:
G(0)(ω)= 1
ω1H(0)
aa
.(3.16)
F¨
uhrt man nun die Zweiteilchen-Selbstenergie
S(ω)=Haa H(0)
aa +Hab
1
ωµbb Hbb
Hba (3.17)
ein, so l¨
aßt sich Gleichung (3.15) in die folgende Form bringen:
G(ω)= 1
ω1H(0)
aa −S(ω).(3.18)
Durch Umformung erh¨
alt man die ¨
ubliche Form einer Dyson-Gleichung:
G(ω)=G(0)(ω)+G(0)(ω)S(ω)G(ω).(3.19)
3.3 Der statische und der dynamische Anteil der
Selbstenergie
Die in Gleichung (3.17) definierte Selbstenergie S(ω) hat eine ¨
ahnliche analytische
Struktur wie die in Abschnitt 1 besprochene Selbstenergie [11, 37] der Einteilchen-
Greensfunktion. In der komplexen ω-Ebene treten entsprechend dem Eigenwertspek-
trum des sekund¨
aren Blocks Hbb Pole erster Ordnung und Verzweigungsschnitte entlang
der reellen Achse auf. F¨
ur hohe Energien ω, die weit außerhalb des Eigenwertspektrums
des Hamiltonoperators liegen hat die Selbstenergie S(ω) einen endlichen Limes. Diese
sogenannte statische Selbstenergie S() besteht aus den Beitr¨
agen h¨
oherer Ord-
nung zum prim¨
aren Block Haa:
S()=Haa H(0)
aa .(3.20)
3.4. SUPEROPERATORENTWICKLUNGEN 37
Diese Gleichung liefert einen geschlossenen Ausdruck f¨
ur die statische Selbstenergie. Ih-
re physikalische Bedeutung besteht darin, die Wechselwirkungen und Austauschph¨
ano-
mene zwischen zwei Testteilchen (bzw. -l¨
ochern) und der (statischen) Ladungsdichte
des isolierten N-Teilchensystems zu beschreiben. Auch die zus¨
atzlichen, unphysikali-
schen Komponenten der erweiterten Zust¨
ande nehmen hier Einfluß. Die Diskussion
der statischen Zweiteilchen-Selbstenergien und ihrer physikalischen Bedeutung ist ein
wichtiges Ziel der Kapitel 6 sowie 8.
Der verbleibende energieabh¨
angige Teil M(ω) der Selbstenergie wird dynamische
Selbstenergie genannt:
M(ω)=S(ω)−S()=Hab
1
ωµbb Hbb
Hba.(3.21)
Dieser Teil ber¨
ucksichtigt die dynamische Korrelation zwischen den Testteilchen und
dem Vielteilchensystem und wird zur vollst¨
andigen Beschreibung von Zweiteilchen-
anregungen ben¨
otigt. Auch in dieser Gr¨
oße spielen selbstverst¨
andlich Einfl¨
usse der
unphysikalischen Komponenten der erweiterten Zust¨
ande eine Rolle.
W¨
ahlt man die Zust¨
ande |Yrsigem¨
der drei zu Beginn des Kapitels besprochenen
F¨
alle,dannerh
¨
alt man drei verschiedene Sorten von Zweiteilchen-Selbstenergien. Bevor
diskutiert werden soll, inwiefern sich diese Selbstenergien f¨
ur eine effektive Zweiteilchen-
beschreibung diverser Vielteilchenprobleme eignen, soll kurz ein n¨
utzlicher Zugang zur
Berechnung der Selbstenergie skizziert werden.
3.4 Superoperatorentwicklungen
In der bisherigen Argumentation wurde ein Bild von Operatoren benutzt, wie z. B. ˘
H
und µ, die im Hilbert-Raum Yauf Zust¨
ande wie |Yrsiund |QIiwirken. Zur Herlei-
tung von st¨
orungstheoretischen Argumentationen ist es dagegen oft n¨
utzlich, auf das
komplement¨
are Konzept von Superoperatoren zur¨
uckzugreifen, die so auf Fock-Raum-
Operatoren wirken, wie es in Abschnitt 2.3 beschrieben wurde. Unter Benutzung des
Superoperators ˆ
Hkann die Definition der erweiterten Teilchen-Loch-Greensfunktion
aus Gleichung (3.2) folgendermaßen umgeschrieben werden:
G(ph)
rs,r0s0(ω)=(a
r,a
s|1
ωˆ
H|a
r0,a
s0).(3.22)
Die Superoperatorresolvente 1
ωˆ
Hdefiniert man wie ¨
ublich durch Reihenentwicklung.
Die Anwendung von ˆ
Hauf die erweiterten Zust¨
ande |a
r0,a
s0) wurde in Gleichung (2.17)
38
KAPITEL 3. EFFEKTIVE ZWEITEILCHENBESCHREIBUNG MIT
ORTHONORMALEN ZUST ¨
ANDEN
definiert. St¨
orungsentwicklungen der Greensfunktion und der Selbstenergie gewinnt
man leicht durch Entwicklungen der Superoperatorresolventen in Verbindung mit
St¨
orungsentwicklungen der Referenzzust¨
ande. F¨
ur die Einteilchen-Greensfunktion wur-
de dieses Verfahren explizit von Kutzelnigg und Mukherjee durchgef¨
uhrt [51]. Sie konn-
ten zeigen, daß man die ¨
ubliche Feynman-Dyson-Reihe auf diese Weise ohne Ausnut-
zung des Wickschen Theorems erhalten kann. Sie konnten auch geeignete St¨
orungsent-
wicklungen angeben, die von Multikonfigurationszust¨
anden als Referenzzust¨
anden null-
ter Ordnung ausgingen. Ihre Techniken k¨
onnen auch auf die erweiterten Zweiteilchen-
Greensfunktionen ¨
ubertragen werden, was sehr hilfreich ist, da das Wicksche Theorem
hier nicht zur Verf¨
ugung steht. Man kann diese Entwicklungen nicht auf dieselbe Weise
wie in Referenz [51] rechtfertigen, da sich die mathematischen Konzepte, mit denen
dort Eigenwertspektren von Superoperatoren beschrieben werden, nicht direkt auf die
erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen ¨
ubertragen lassen. Man kann aber leicht
eine entsprechende Argumentation f¨
uhren, indem man die ¨
Aquivalenz zwischen dem
Superoperator ˆ
Hund dem Anregungsenergieoperator ˘
Hausnutzt (siehe Abschnitt 2.3).
Im folgenden Kapitel sollen einige Eigenschaften wie die Polstruktur sowie eine
N¨
aherung erster Ordnung f¨
ur die Selbstenergie am Beispiel der erweiterten Teilchen-
Loch-Greensfunktion besprochen werden. Im Zusammenhang mit Streupotentialen
werden sp¨
ater (Abschnitt 8) auch noch Analogien zwischen der Teilchen-Teilchen- und
der Teilchen-Loch-Selbstenergie diskutiert werden.
Kapitel 4
Formale Eigenschaften der
erweiterten Propagatoren
Verschiedene formale Eigenschaften der im voranstehenden Kapitel definierten erwei-
terten Zust¨
ande, Greensfunktionen und Selbstenergien [Gleichungen (3.2) (3.4) und
(3.17)] sollen nun diskutiert werden. Insbesondere m¨
ochte ich die Bedeutung der ein-
zelnen Komponenten der erweiterten Zust¨
ande betrachten und auf Auswirkungen der
Erweiterungen eingehen, die sich f¨
ur Entartungen der erweiterten Zust¨
ande und f¨
ur die
analytische Struktur der Greensfunktionen ergeben. In diesem Kapitel wird exempla-
risch nur der Teilchen-Loch-Fall [Fall (a) in Abschnitt 3.1] diskutiert, obwohl sich die
meisten Eigenschaften auch analog auf die anderen F¨
alle ¨
ubertragen lassen. Die hier
gegebene Darstellung basiert auf Referenz [34].
Wir betrachten ein nicht n¨
aher spezifiziertes, endliches nichtrelativistisches System
von ununterscheidbaren Fermionen, die ¨
uber statische Zweiteilchenkr¨
afte miteinander
wechselwirken und gegebenenfalls unter dem Einfluß ¨
außerer statischer Felder stehen.
Um St¨
orungstheorie zu erm¨
oglichen, spalten wir den Hamilton-Operator wie ¨
ublich auf:
H=H0+H1. Der Einteilchenoperator H0=Piεia
iaiwird hier diagonal gew¨
ahlt und
definiert die nullte Ordnung der St¨
orungstheorie. Er wird durch die diagonalisierende
Basis der Einteilchenorbitale {|ϕii} und die Einteilchenenergien {εi}charakterisiert.
Der verbleibende Wechselwirkungsanteil
H1=v+V(4.1)
enth¨
alt in der Regel Beitr¨
age von einem Einteilchenoperator vund einer Zweiteilchen-
Wechselwirkung V:
v=X
i,j
vij a
iaj,(4.2)
39
40
KAPITEL 4. FORMALE EIGENSCHAFTEN DER ERWEITERTEN
PROPAGATOREN
V=1
2X
i,j,k,l
Vijkl a
ia
jalak.(4.3)
Bei der Møller-Plesset-Aufteilung des Hamilton-Operators wird die nullte Ordnung H0
durch die Hartree-Fock-N¨
aherung definiert. F¨
ur einen nichtentarteten Grundzustand
lauten die Matrixelemente vij des Einteilchenanteils von H1aus Gleichung (4.2) dann
folgendermaßen:
vHF
ij =X
k
nkVik[jk].(4.4)
Hier steht Vrs[r0s0]=Vrsr0s0Vrss0r0f¨
ur antisymmetrisierte Matrixelemente der Zwei-
teilchenwechselwirkung und nrf¨
ur die Besetzungszahl des Orbitals ϕrin der Slater-
Determinante |ΦN
0ider nullten Ordnung des Grundzustands:
|ΦN
0i=h|ΨN
0ii(0) =Y
i
nia
i|vaki.(4.5)
4.1 Erweiterte Teilchen-Loch-Zust¨
ande
In der Definition der erweiterten Teilchen-Loch-Greensfunktion G(ph)
rs,r0s0(ω)vonGlei-
chung (3.2) treten die folgenden erweiterten Zust¨
ande |Y(ph)
rs iauf:
|Y(ph)
rs i=|a
r,a
s)=
Qa
ras|ΨN
0i
hΨN
0|a
rasQ
hϕ|a
r⊗hΨN
0|as−hϕ|as⊗hΨN
0|a
r
a
r|ϕi⊗hΨN
0|asas|ϕi⊗hΨN
0|a
r
.(4.6)
Die Wahl des sekund¨
aren Referenzzustands |ϕiist irrelevant f¨
ur die algebraischen
Umformungen des vorangegangenen Kapitels wie auch f¨
ur die folgende Diskussion
der formalen Eigenschaften. Sinnvollerweise k¨
onnen f¨
ur |ϕiz. B. der N-Teilchen-
Grundzustand |ΨN
0ioder das Vakuum |vakigew¨
ahlt werden. Die Freiheiten bei
der Wahl des Fock-Raum-Zustands |ϕiwerden in Abschnitt 8.2 genauer betrachtet.
Der Operator Qbezeichnet den Projektor, der auf das orthogonale Komplement des
prim¨
aren Referenzzustands |ΨN
0iprojiziert.
Die erste Komponente Qa
ras|ΨN
0ides erweiterten Teilchen-Loch-Zustands |Y(ph)
rs i
bestimmt die physikalischen Situationen, die beschrieben werden sollen. In diesem Fal-
le sind das die teilchenzahlerhaltenden Anregungen des Systems. Die ¨
ubrigen Kom-
ponenten sind lediglich notwendig, um die Orthogonalit¨
atsrelation (3.5) zu erf¨
ullen
und damit die Herleitung der Dyson-Gleichung in Abschnitt 3.2 zu erm¨
oglichen. Die
4.1. ERWEITERTE TEILCHEN-LOCH-ZUST ¨
ANDE 41
µ-Orthogonalit¨
at (3.5) der erweiterten Zust¨
ande ist in zweifacher Hinsicht beachtens-
wert: Erstens erstreckt sie sich ¨
uber den gesamten Indexraum von zwei unabh¨
angigen
Einteilchenindizes, und zweitens gilt sie v¨
ollig unabh¨
angig von den Referenzzust¨
anden
|ΨN
0iund |ϕi. Die Orthonormalit¨
at gilt daher auch in allen Ordnungen St¨
orungstheo-
rie.
Es ist hilfreich die nullte Ordnung der erweiterten Teilchen-Loch-Zust¨
ande zu be-
trachten, um zu verstehen, wie die Orthogonalit¨
at zustande kommt. Die Rolle der
einzelnen Komponenten kann hier auf einfache Weise verstanden werden, wenn wir
f¨
ur den prim¨
aren und den sekund¨
aren Referenzzustand die Slater-Determinante |ΦN
0i,
welche die nullte Ordnung der Wellenfunktion |ΨN
0idarstellt, w¨
ahlen:
|Y(ph)
rs i(0) =
Q(0)a
ras|ΦN
0i
hΦN
0|a
rasQ(0)
hΦN
0|a
r⊗hΦN
0|as−hΦN
0|as⊗hΦN
0|a
r
a
r|ΦN
0i⊗hΦN
0|asas|ΦN
0i⊗hΦN
0|a
r
ph
hp
hp
pp, hh
.(4.7)
Die auf der rechten Seite gegebene Klassifizierung der Eintr¨
age bezieht sich auf den
Charakter der Einteilchenindizes. Dabei soll der Index rals Teilchenindex (p)be-
zeichnet werden, wenn er sich auf ein Einteilchenorbital ϕr(x) bezieht, welches in der
Grundzustands-Slater-Determinante |ΦN
0iunbesetzt (virtuell) ist. Im Gegensatz dazu
kennzeichnet ein Lochindex (h) ein besetztes Orbital in |ΦN
0i. Dementsprechend wird
die erste Komponente von |Y(ph)
rs i(0) in Gleichung (4.7) mit ph klassifiziert, da sie nur
dann beitr¨
agt, wenn rein Teilchen- und sein Lochindex ist. Genauso verschwinden die
zweite und die dritte Komponente falls das Indexpaar (r, s) nicht hp-Charakter besitzt
und die vierte Komponente tr¨
agt nur f¨
ur hh-oderpp-Indexpaare bei.
Die Rolle der Komponenten der erweiterten Zust¨
ande |Y(ph)
rs il¨
aßt sich nun auf
folgende Weise interpretieren: Gem¨
der Orthogonalit¨
atsrelation (3.7) haben die er-
weiterten Zust¨
ande immer die µ-Norm 1. Da die erste und physikalische Komponente
in nullter Ordnung nur f¨
ur ph-Indexpaare beitr¨
agt, m¨
ussen in den anderen F¨
allen die
¨
ubrigen Komponenten (die Erweiterungen) Beitr¨
age liefern. Die zweite Komponente
des erweiterten Zustands aus Gleichung (4.6) oder (4.7) ist eine Art symmetrischer
Partner der ersten Komponente und tritt auch im ¨
ublichen Polarisierungspropagator
der traditionellen Vielteilchentheorie auf. Die zweite Komponente alleine liefert einen
negativen Beitrag zum µ-Produkt hY(ph)
rs |µ|Y(ph)
r0s0i, da die Metrik µein Minuszeichen
42
KAPITEL 4. FORMALE EIGENSCHAFTEN DER ERWEITERTEN
PROPAGATOREN
f¨
ur diese Komponente beitr¨
agt:
µ=
1000
0100
0010
0001
.(4.8)
Die dritte Komponente des erweiterten Zustands |Y(ph)
rs im daher diesen Beitrag
¨
uberkompensieren, um eine positive µ-Norm sicherzustellen. Dies bedeutet aber, daß
bei einem hp-Indexpaar zwei Komponenten beitragen. Folglich m es auch linear
unabh¨
angige Partner der Y-Zust¨
ande mit negativer µ-Norm geben. Sp¨
ater wird
man sehen, daß diese Zust¨
ande, die ich K-Zust¨
ande nennen werde, in nullter Ordnung
zu den Y-Zust¨
anden entartet sind und zum energieabh¨
angigen Teil der Selbstenergie
beitragen. Die vierte Komponente der prim¨
aren Zust¨
ande |Y(ph)
rs itr¨
agt in den beiden
¨
ubrigen F¨
allen von pp- und hh-Indexpaaren bei. Sie enth¨
alt Tensorproduktzust¨
ande,
wie es auch bei der dritten Komponente der Fall ist.
Auf den ersten Blick erscheint es etwas fragw¨
urdig, eine indefinite Metrik zu benut-
zen und sich dadurch negative Beitr¨
age einzuhandeln, die kompensiert werden m¨
ussen.
Der Grund f¨
ur diesen seltsamen Mechanismus, mit dem die Orthogonalit¨
atsrelation
(3.7) unabh¨
angig vom Referenzzustand gew¨
ahrleistet wird, liegt darin, daß die erste
Komponente des erweiterten Zustands |Y(ph)
rs izum µ-Produkt hY(ph)
rs |µ|Y(ph)
r0s0idie Zwei-
teilchendichte des Grundzustands enth¨
alt:
hΨN
0|a
sarQa
r0as0|ΨN
0i=hΨN
0|a
sara
r0as0|ΨN
0i−hΨN
0|a
sar|ΨN
0ihΨN
0|a
r0as0|ΨN
0i.(4.9)
Die zweite Komponente f¨
uhrt entsprechende Beitr¨
age mit einem Minuszeichen ein. Zu-
sammengenommen ergibt sich so der Kommutator [a
sar,a
r0as0]=as0a
sδrr0+ara
r0δss0,
wodurch die Zweiteilchendichten zu Einteilchendichten reduziert werden. Die dritte und
die vierte Komponente kompensieren dann noch die verbleibenden Einteilchendichten.
4.2 Der verallgemeinerte Anregungsenergieopera-
tor
˘
H
Der Operator ˘
Hist der dem Hamilton-Operator Hzugeordnete erweiterte Operator
aus Abschnitt 2.3. Er stellt eine geeignete Verallgemeinerung des Anregungsenergie-
operators f¨
ur die erweiterten Greensfunktionen dar. Der Anregungsenergieoperator ˘
H
erscheint in den Definitionen der erweiterten Greensfunktion Grs,r0s0(ω) in Gleichung
4.2. DER VERALLGEMEINERTE ANREGUNGSENERGIEOPERATOR ˘
H43
(3.8) und der Matrix H, aus der die Selbstenergie S(ω) aufgebaut wird, in Gleichung
(3.11). Bei gew¨
ohnlichen (einkomponentigen) Propagatoren steht an der Stelle von ˘
H
normalerweise die Differenz des (Fock-Raum-) Hamilton-Operators Hund der Grund-
zustandsenergie EN
0. Dieser Operator mißt die Anregungsenergie bezogen auf den N-
Teilchen-Grundzustand |ΨN
0i. Da sich die erweiterten Greensfunktionen von den vier-
komponentigen Zust¨
anden |Yrsiableiten, ist der Operator ˘
Heine 4×4 Matrix. Die f¨
ur
die Teilchen-Loch-Greensfunktion geeignete Wahl ist gem¨
Gleichung (2.19) gegeben
durch
˘
H=
HEN
0000
0EN
0H00
00A0
000B
(4.10)
mit
A=EϕH1+EN
01H, (4.11)
B=H1Eϕ+EN
01H. (4.12)
Hier bezeichnet Eϕden zum Referenzzustand |ϕigeh¨
origen Eigenwert des Hamilton-
Operators H. Gegen Ende dieses Unterabschnitts wird der Operator ˘
Hexplizit durch
seine Eigenwerte und Eigenzust¨
ande charakterisiert werden. Zun¨
achst soll aber noch
auf den zum Anregungsenergieoperator ¨
aquivalenten Superoperator eingegangen wer-
den.
Das Matrixelement von ˘
H, das auf die erste (und physikalische) Komponente der
erweiterten Zust¨
ande |Yrsiwirkt, mißt tats¨
achlich die Anregungsenergie. Die genaue
Form der anderen Komponenten kann man am besten durch eine Herleitung ¨
uber den
in Abschnitt 2.3 definierten Superoperator ˆ
Hmotivieren. ˆ
Hist der dem Hamilton-
Operator Hzugeordnete Superoperator und wirkt auf die erweiterten Zust¨
ande, indem
er die kanonischen Operatoren a
rund asfolgendermaßen durch den Kommutator mit
dem Hamilton-Operator ersetzt:
ˆ
H|a
r,a
s)=|[H,a
r],a
s)+|a
r,[H,a
s]).(4.13)
Falls der Referenzzustand |ϕiein Eigenzustand des Hamilton-Operators Hist, kann
der Superoperator ˆ
Hdurch den zugeordneten erweiterten Operator ˘
Haus Gleichung
(4.10) ersetzt werden:
˘
H|a
r,a
s)= ˆ
H|a
r,a
s),falls H|ϕi∝|ϕi.(4.14)
44
KAPITEL 4. FORMALE EIGENSCHAFTEN DER ERWEITERTEN
PROPAGATOREN
W¨
ahrend das Konzept des (Hilbert-Raum-) Operators ˘
Hdie M¨
oglichkeit er¨
offnet, die
Matrix Haus Gleichung (3.11) als Matrixdarstellung eines gew¨
ohnlichen Operators
zu interpretieren, bietet die ¨
aquivalente Formulierung mit dem Superoperator ˆ
Hein
ansprechendes, alternatives Konzept. Die Superoperatorformulierung bietet nicht nur
eine einfache und einheitliche M¨
oglichkeit, einen Anregungsenergieoperator f¨
ur alle in
dieser Dissertation behandelten Familien von Zweiteilchen-Greensfunktionen zu defi-
nieren, sondern sie vereinfacht auch st¨
orungstheoretische Entwicklungen. Superope-
ratorentwicklungen von traditionellen Vielteilchenpropagatoren sind schon seit vielen
Jahrzehnten ein beliebtes Werkzeug zur Herleitung von N¨
aherungsschemata [19, 52].
Den praktischen Vorteil erkennt man, wenn man den Hamilton-Operator in einen An-
teil nullter Ordnung und einen Wechselwirkungsanteil aufspaltet:
ˆ
H|a
r,a
s)= ˆ
H0|a
r,a
s)+ ˆ
H1|a
r,a
s).(4.15)
Der erste Term auf der rechten Seite l¨
aßt sich sehr einfach und vor allem unabh¨
angig
von N¨
aherungen oder einer bestimmten Wahl f¨
ur die Referenzust¨
ande |ΨN
0iund |ϕi
in Gleichung (4.6) berechnen:
ˆ
H0|a
r,a
s)=(εrεs)|a
r,a
s).(4.16)
Die Differenz von Einteilchenenergien εrεserscheint hier als eine Art Eigenwert. In
einem ersten Schritt zur physikalischen Interpretation der Zust¨
ande |Y(ph)
rs i=|a
r,a
s)
kann man nun den Index reinem Test-Teilchen und den Index seinem Test-Loch
zuordnen, welche mit dem Vielteilchensystem wechselwirken. Ohne Wechselwirkung
bewegen sich die Test-Teilchen wie freie Teilchen (bzw. L¨
ocher) und werden durch die
Differenz der Einteilchenenergien εrεskorrekt charakterisiert.
Gleichung (4.16) gilt f¨
ur beliebige Referenzzust¨
ande. Sie wird zu einer echten Ei-
genwertgleichung, wenn man in Gleichung (4.6) die Slater-Determinante |ΦN
0ials Refe-
renzzustand w¨
ahlt. Dies bedeutet n¨
amlich, daß der erweiterte Zustand |Y(ph)
rs i=|a
r,a
s)
durch seine nullte Ordnung |Y(ph)
rs i(0) aus Gleichung (4.7) ersetzt wird. In diesem Fall
kann man den Superoperator ˆ
H0durch den entsprechenden erweiterten Operator ˘
H(0),
welcher die nullte Ordnung des Operators ˘
Hdarstellt, ersetzen (vgl. Abschnitt 2.3):
˘
H(0)|Y(ph)
rs i(0) =(εrεs)|Y(ph)
rs i(0).(4.17)
Tats¨
achlich sind also die erweiterten Zust¨
ande nullter Ordnung Eigenzust¨
ande der null-
ten Ordnung des Anregungsenergieoperators. Man beachte, daß die St¨
orungsentwick-
lung des erweiterten Operators ˘
Him Gegensatz zum Superoperator ˆ
Him allgemeinen
4.2. DER VERALLGEMEINERTE ANREGUNGSENERGIEOPERATOR ˘
H45
nicht nach der ersten Ordnung abbricht, da die Grundzustandsenergie EN
0eine allge-
meine Funktion der Wechselwirkungsst¨
arke darstellt.
Schließlich m¨
ochte ich eine explizite Diagonaldarstellung des erweiterten Operators
˘
Hin der Form
˘
H=X
q
ωq|qihq|(4.18)
angeben und dabei die Eigenvektoren |qiund Eigenwerte ωqcharakterisieren. Wenn
man Entartungen zwischen den physikalisch unterschiedlichen Komponentenr¨
aumen
ausschließt, dann sind die Eigenvektoren von ˘
Heinkomponentige Zust¨
ande in dem
vierkomponentigen Raum Y, wie man aus den Gleichungen (4.10) bis (4.12) sehen
kann. Die Projektoren |qihq|auf die Eigenzust¨
ande sind daher zu den 4 ×4Projek-
tionsmatrizen Piproportional, in denen alle Elemente bis auf das in der i-ten Reihe
und i-ten Spalte verschwinden, welches eins ist. Z. B. ist
P3=
0000
0000
0010
0000
.(4.19)
W¨
ahlt man f¨
ur den sekund¨
aren Referenzzustand |ϕi=|ΨN
0i,dannl
¨
aßt sich Gleichung
(4.18) explizit folgendermaßen schreiben:
˘
H=X
ν
(EN
νEN
0)←−
|ΨN
νi −→
hΨN
ν|P1
+X
ν
(EN
0EN
ν)←−
hΨN
ν| −→
|ΨN
νiP2
+X
κ,µ
(2EN
0EN1
κEN+1
µ)←−
hΨN1
κ|⊗hΨN+1
µ|−→
|ΨN1
κi⊗|ΨN+1
µiP3
+(X
µ,λ
(EN+1
µEN+1
λ)←−
|ΨN+1
µi⊗hΨN+1
λ|−→
hΨN+1
µ|⊗|ΨN+1
λi
+X
κ,σ
(EN1
κEN1
σ)←−
|ΨN1
κi⊗hΨN1
σ|−→
hΨN1
κ|⊗|ΨN1
σi)P4(4.20)
Die Notation |qihq|f¨
ur den Projektionsoperator auf den ket-Zustand |qiwurde hier
allgemeiner mit ←−
|qi−→
hq|notiert, da nicht alle Eigenzust¨
ande von ˘
Hket-Vektoren
sind, sondern manche aus bra-Vektoren hp|oder Tensorproduktzust¨
anden hp|⊗hq|
bestehen. Selbstverst¨
andlich kann man auf Tensorproduktzust¨
ande wie hp|⊗hq|ge-
46
KAPITEL 4. FORMALE EIGENSCHAFTEN DER ERWEITERTEN
PROPAGATOREN
nauso projizieren, wie man auf ket-Zust¨
ande projiziert. In der f¨
ur diesen Projektions-
operator gew¨
ahlten Notation
P=←−
hp|⊗hq| −→
|pi⊗|qi
deuten Pfeile die relevanten Richtungen an, in die Skalarprodukte gebildet werden
k¨
onnen. Wenn man in dem gegebenen Beispiel Pauf einen Produktzustand ha|⊗hb|
anwendet, erh¨
alt man
P(ha|⊗hb|)=ha|pihb|qi(hp|⊗hq|).
Dieser Zustand ist ein zu hp|⊗hq|proportionaler Produktzustand mit der Proportio-
nalit¨
atskonstante ha|pihb|qi.
Alle Summen in Gleichung (4.20) laufen ¨
uber die vollst¨
andigen Mengen der Eigen-
vektoren der entsprechenden Hilbert-R¨
aume. Insbesondere laufen die Summen ¨
uber
den Index ν¨
uber alle exakten Zust¨
ande mit NTeilchen, µund λsind die Indizes der
Summen ¨
uber die (N+1)- und κund σdie Indizes ¨
uber die (N1)-Teilchen-Zust¨
ande.
Wie schon in der Diskussion des Hilbert-Raums Yaus Gleichung (2.8) angesprochen
wurde, k¨
onnen Symmetrie¨
uberlegungen die Anzahl der Zust¨
ande, die an die prim¨
aren
Zust¨
ande koppeln, drastisch verringern. Zusammen mit einem verkleinerten Hilbert-
Raum Ywerden auch in der Diagonaldarstellung (4.20) von ˘
Hweniger Terme ben¨
otigt.
Das in Gleichung (4.20) enthaltene Eigenwertspektrum des erweiterten Anregungs-
energieoperators ˘
Hbestimmt die Polstruktur der erweiterten Greensfunktion, die im
folgenden Abschnitt besprochen wird.
4.3 Die analytische Struktur der erweiterten
Teilchen-Loch-Greensfunktion
Die analytische Struktur der Teilchen-Loch-Greensfunktion G(ph)(ω) als Funktion der
komplexen Variable ωwird durch einfache Pole und Verzweigungsschnitte bestimmt,
deren Positionen sich aus dem Eigenwertspektrum des verallgemeinerten Anregungs-
energieoperators ˘
Hergeben. Dies sieht man leicht, wenn man den (im Raum Y)
vollst¨
andigen Satz von Eigenvektoren |qidieses Operators mit Eigenwerten ωqin die
Definition von G(ph)(ω) [in Gleichung (3.8) oder (3.2)] einsetzt:
G(ph)
rs,r0s0(ω)=X
q
hY(ph)
rs |qimqhq|Y(ph)
r0s0i
ωωq
.(4.21)
4.3. DIE ANALYTISCHE STRUKTUR DER ERWEITERTEN
TEILCHEN-LOCH-GREENSFUNKTION 47
a)
b)
c)
Im ω
Re
Re
Re
ω
ω
ω
1. Komponente
2. Komponente
3. und 4. Komponente
Abbildung 4.1: Skizze der Polstruktur der erweiterten Greensfunktion G(ω)inder
komplexen ω-Ebene. Kreuze markieren einfache Pole und Linien Verzweigungsschnitte.
Teil a) zeigt die von der ersten Komponente der erweiterten Zust¨
ande |Y(ph)
rs iherr¨
uhren-
den Pole, die bei den physikalischen Anregungsenergien des Systems liegen. Da nur
Anregungen aus dem Grundzustand auftreten, sind alle Energien nicht-negativ. Der
Anfang des Verzweigungsschnittes markiert die Schwellenenergie zur Ionisierung eines
Teilchens. Teil b) zeigt die von der zweiten Komponente eingef¨
uhrten Pole und Schnit-
te. Sie entsprechen den Polen und Schnitten der ersten Komponente gespiegelt an der
imagin¨
aren Achse. Die Beitr¨
age der dritten und vierten Komponente sind in Teil c)
aufgetragen. Im allgemeinen ergibt sich ein Schnitt entlang der gesamten reellen Achse.
Hier bezeichnet mq=±1 die Eigenwerte des metrischen Operators µ.
Die Eigenwerte ωqund Eigenvektoren |qiwurden schon explizit in Gleichung (4.20)
f¨
ur |ϕi=|ΨN
0iund unter der Annahme eines diskreten Eigenwertspektrums angege-
ben. Im allgemeinen f¨
uhren die diskreten Eigenwerte ωqvon ˘
Hgem¨
Gleichung (4.21)
zu einfachen Polen in der erweiterten Greensfunktion. Entsprechend verursachen konti-
nuierliche Anteile im Eigenwertspektrum Verzweigungsschnitte in der Greensfunktion.
Die ¨
Uberlappintegrale hq|Y(ph)
r0s0ik¨
onnen allerdings auch verschwinden, wenn die Kom-
ponenten von |Y(ph)
rs iaus Symmetriegr¨
unden von exakten angeregten Zust¨
anden oder
ganzen Klassen angeregter Zust¨
ande entkoppeln. In diesem Fall beeinflussen die zu-
geh¨
origen Eigenwerte die Polstruktur der erweiterten Greensfunktion nicht.
48
KAPITEL 4. FORMALE EIGENSCHAFTEN DER ERWEITERTEN
PROPAGATOREN
Abbildung 4.1 veranschaulicht die Beitr¨
age der verschiedenen Komponenten zum
Eigenwertspektrum von ˘
Hund damit zur Polstruktur von G(ph)(ω). Die sich von der
ersten, physikalischen Komponente von ˘
Hableitenden Eigenwerte ωqsind die exak-
ten (diskreten und kontinuierlichen) Anregungsenergien EN
qEN
0des untersuchten
N-Teilchen-Systems. Da EN
0die Grundzustandsenergie darstellt, sind diese Energien
immer positiv. Meistens existieren einige diskrete Anregungsenergien, doch oberhalb
der Schwellenenergie f¨
ur die Ionisierung eines Teilchens ist das Eigenwertspektrum
kontinuierlich. Die zweite Komponente von ˘
Hspiegelt das Anregungsspektrum der
ersten Komponente auf die negative, reelle Halbachse. Die Anteile des Spektrums,
die von der dritten und der vierten Komponente herr¨
uhren, sind nicht so leicht zu
interpretieren. Wie man aus Gleichung (4.20) sehen kann, werden durch diese Kom-
ponenten u. a. die Eigenwertspektren des (N+ 1)- und des (N1)-Teilchen-Systems
eingef¨
uhrt. Von der vierten Komponente von ˘
Hkommen insbesondere die Energiedif-
ferenzen (EN+1
µEN+1
λ) und (EN1
κEN1
σ) hinzu. Da das Eigenwertspektrum des
Hamilton-Operators in (N±1)-Teilchen-Systemen im allgemeinen nach oben unbe-
schr¨
ankt ist und von einem kontinuierlichen Anteil abgeschlossen wird, darf man den
Schluß ziehen, daß das Spektrum der letzten Komponente des verallgemeinerten Anre-
gungsenergieoperators ˘
Hdie gesamte reelle Achse umfaßt. Man kann das auch schon
an der nullten Ordnung sehen, wo die prim¨
aren Zust¨
ande |Y(ph)
rs i(0) die Eigenwerte
εrεsbesitzen. Da die Indizes rund svirtuelle Orbitale oder Streuorbitale mit belie-
biger, positiver Energie bezeichnen k¨
onnen, kann die Differenz εrεsjeden beliebigen
(reellen) Wert annehmen.
4.4 Die erweiterte Greensfunktion f¨
ur reelle Argu-
mente
Um die erweiterte Greensfunktion G(ω)f¨
ur reelle Argumente ωzu definieren, m¨
ussen
die Verzweigungsschnitte, die durch das Eigenwertspektrum von ˘
Heingef¨
uhrt werden,
von der reellen Achse in die komplexe Ebene hineinverschoben werden. ¨
Ublicherweise
erreicht man dies, indem man einen positiven (infinitesimalen) Parameter ηeinf¨
uhrt,
den man nach allen Rechnungen und formalen Manipulationen durch Grenzwertbil-
dung η0+wieder verschwinden l¨
aßt. Auf diese Weise l¨
aßt sich durch G(E±)
eine retardierte,bzw.avancierte erweiterte Greensfunktion definieren, wobei E
nun als reelle Energievariable dient. Das Konzept einer retardierten oder avancierten
Greensfunktion wird traditionell mit den Eigenschaften der Fourier-transformierten
4.4. DIE ERWEITERTE GREENSFUNKTION F ¨
UR REELLE ARGUMENTE 49
Greensfunktion in der Zeitdarstellung verkn¨
upft. Die Fourier-Transformation von der
Energie- in die Zeitdarstellung kann unter Benutzung des Residuensatzes durchgef¨
uhrt
werden und erzeugt eine Funktion der Zeit, die entsprechend dem Vorzeichen von
nur f¨
ur positive oder negative Zeiten beitr¨
agt [9].
Die formale Definition (3.8) der erweiterten Greensfunktion impliziert eine Sum-
me von Propagatoren entsprechend der verschiedenen Komponenten der erweiterten
Zust¨
ande. Die durch die Produktzust¨
ande eingef¨
uhrten Terme k¨
onnen, wenn wir uns
auf reelle Energien festlegen, durch Faltungen von Einteilchenpropagatoren darge-
stellt werden. F¨
ur die retardierte Version der erweiterten Teilchen-Loch-Greensfunktion
G(ph)
rs,r0s0(ω) aus Gleichung (3.2) erh¨
alt man
G(ph)
rs,r0s0(E+)=Π
ph
rs,r0s0(E+)Πhp
rs,r0s0(E+)
+1
ihϕ|a
r0
1
EEϕ+H+ar|ϕi∗hΨN
0|as0
1
EEo+H+a
s|ΨN
0i
+hΨN
0|a
r0
1
EEo+H+ar|ΨN
0i∗hϕ|as0
1
EEϕ+H+a
s|ϕi
+hϕ|ar
1
EH+Eϕ+a
r0|ϕi∗hΨN
0|as0
1
EEo+H+a
s|ΨN
0i
+hΨN
0|a
r0
1
EEo+H+ar|ΨN
0i∗hϕ|a
s
1
EH+Eϕ+as0|ϕi.(4.22)
Der Stern bezeichnet hier die Faltung mit Bezug auf die Energievariable E:
f(E)g(E)= 1
2πZ
−∞ dE0f(E0)g(EE0).(4.23)
Der Teilchen-Loch-Teil Πph
rs,r0s0(ω) und der Loch-Teilchen-Anteil Πhp
rs,r0s0(ω) des wohlbe-
kannten Polarisierungspropagators [9] sind folgendermaßen definiert:
Πph
rs,r0s0(ω)=hΨN
0|a
sar
Q
ωH+EN
0
a
r0as0|ΨN
0i,(4.24)
Πhp
rs,r0s0(ω)=hΨN
0|a
r0as0
Q
ωEN
0+Ha
sar|ΨN
0i.(4.25)
Eine andere M¨
oglichkeit, erweiterte Greensfunktionen f¨
ur reelle Energien zu defi-
nieren, besteht darin, verschiedene Infintesimale oder verschiedene Vorzeichen f¨
ur
auf die verschiedenen Komponenten des Propagators zu verteilen. Dies ist z. B. der Fall
bei den sogenannten zeitgeordneten Greensfunktionen der traditionellen Vielteilchen-
Theorie [9]. In dem hier beschriebenen Formalismus kann man eine unterschiedliche
Behandlung der Komponenten erreichen, indem man die imagin¨
aren Infinitesimalen
mit entsprechend gew¨
ahltem Vorzeichen zu jeder Komponente des verallgemeinerten
50
KAPITEL 4. FORMALE EIGENSCHAFTEN DER ERWEITERTEN
PROPAGATOREN
Anregungsenergieoperators ˘
Haus Gleichung (4.10) addiert. Dies hat den Effekt, daß
die Eigenwertspektren der verschiedenen Komponenten in die komplexe Ebene verscho-
ben werden und folglich das Argument ωder erweiterten Greensfunktion reell gew¨
ahlt
werden darf. Bei der erweiterten Teilchen-Teilchen-Greensfunktion, die ich in Abschnitt
7 besprechen werde, werden sinnvollerweise die Vorzeichen von so gew¨
ahlt, daß die
physikalische Komponente (in diesem Fall die pp-Komponente) ein positives Vorzeichen
tr¨
agt, w¨
ahrend bei allen anderen Komponenten das Vorzeichen negativ gew¨
ahlt wird.
F¨
ur die Fourier-transformierte Greensfunktion in der Zeitdarstellung hat dies die Kon-
sequenz, daß f¨
ur positive Zeiten nur die physikalische Komponente beitr¨
agt, wodurch
eine korrekte Beschreibung von Streuprozessen gew¨
ahrleistet wird.
Bisher wurde nur die Polstruktur der erweiterten Teilchen-Loch-Greensfunktion
besprochen, die sich unmittelbar vom Eigenwertspektrum des verallgemeinerten Anre-
gungsenergieoperators ˘
Hableitet. Formal gesehen, hat die Selbstenergie eine ¨
ahnliche
analytische Struktur wie die Greensfunktion, aber die Pole und Verzweigungsschnit-
te erscheinen bei anderen Energien. Der Zusammenhang zwischen der Polstruktur
der Greensfunktion und ihrer Selbstenergie wird nat¨
urlich durch die Dyson-Gleichung
(3.18) bestimmt. Im folgenden Kapitel sollen nun Eigenschaften der erweiterten Selbst-
energie besprochen werden.
Kapitel 5
Eigenschaften der Selbstenergie
Die erweiterte Selbstenergie S(ω)kanngem
¨
Gleichung (3.21) in einen eindeutig be-
stimmten statischen, d. h. energieunabh¨
angigen Anteil S() und den sogenannten
dynamischen Anteil M(ω) zerlegt werden:
S(ω)=S()+M(ω).(5.1)
W¨
ahrend die statische Selbstenergie S() von erster Ordnung ist, tr¨
agt der dynami-
sche Teil erst ab zweiter Ordnung St¨
orungstheorie zur Selbstenergie bei. Im Gegen-
satz zur Einteilchen-Greensfunktion, bei der die Selbstenergie ausgehend von einem
Hartree-Fock-Ansatz in erster Ordnung verschwindet, ergibt bereits die erste Ordnung
der Teilchen-Loch-Selbstenergie ein interessantes, nicht-triviales Modell f¨
ur die erwei-
terte Teilchen-Loch-Selbstenergie.
Nach einer kurzen Betrachtung des statischen Teils der Selbstenergie und seiner be-
sonderen Bedeutung f¨
ur Einteilchenpotentiale sollen in diesem Kapitel die Bedeutung
und die analytische Struktur des dynamischen Anteils der Selbstenergie besprochen
werden. Abschließend werde ich auf die entarteten K-Zust¨
ande eingehen, die eine be-
sondere Klasse der zum dynamischen Teil beitragenden Zust¨
ande bilden. Das physika-
lische Modell, welches hinter einer N¨
aherung der Teilchen-Loch-Selbstenergie in erster
Ordnung steht, wird dann ausf¨
uhrlich in Kapitel 6 behandelt werden. Die in diesem
Kapitel vorgestellten Untersuchungen wurden in Referenz [34] ver¨
offentlicht.
5.1 Der statische Anteil
Die statische Selbstenergie S() ergibt sich gem¨
der Gleichungen (3.20) und (3.13)
aus dem prim¨
aren Block Haa der Matrix Haus Gleichung (3.12) abz¨
uglich seiner null-
51
52 KAPITEL 5. EIGENSCHAFTEN DER SELBSTENERGIE
ten Ordnung. Einen expliziten Ausdruck findet man am leichtesten durch Anwendung
des Superoperator-Formalismusses und unter Verwendung der Definition der erweiter-
ten Zust¨
ande (4.6):
hHaairs,r0s0=(a
r,a
s|ˆ
H|a
r0,a
0
s)
=hΨN
0|ha
sar,hH,a
r0as0ii|ΨN
0i
+hϕ|nhH,a
r0i,a
ro|ϕihΨN
0|as0a
s|ΨN
0i
+δrr0hΨN
0|[H,a
s0]a
s|ΨN
0i
+hΨN
0|hH,a
r0iar|ΨN
0iδss0
+hΨN
0|ara
r0|ΨN
0ihϕ|n[H,a
s0],a
so|ϕi.(5.2)
F¨
ur den Einteilchenanteil H0+vdes Hamilton-Operators H=H0+v+Vvereinfacht
sich dieser Ausdruck zu:
(a
r,a
s|ˆ
H0v|a
r0,a
0
s)=δrr0δss0(εrεs)+vrr0δss0vs0sδrr0.(5.3)
In dem Spezialfall eines Systems ohne echte Zweiteilchenwechselwirkung V,indem
lediglich Wechselwirkungen mit externen Kr¨
aften oder gemittelten Einteilchenpoten-
tialen (mean fields) ber¨
ucksichtigt werden m¨
ussen, stellt der einfache Ausdruck (5.3)
die exakte L¨
osung f¨
ur den prim¨
aren Block Haa und somit f¨
ur die statische Selbstenergie
dar. Weiterhin verschwindet in diesem Fall der dynamische Anteil der Selbstenergie, wie
in K¨
urze gezeigt werden wird. Folglich ist die Teilchen-Loch-Selbstenergie f¨
ur Systeme
mit Einteilchenwechselwirkungen energieunabh¨
angig und wird durch den Ausdruck
Srsr0s0=vrr0δss0vs0sδrr0(5.4)
gegeben. Man beachte, daß diese exakte L¨
osung f¨
ur die Selbstenergie linear (d. h. von
erster Ordnung) in der Wechselwirkung und v¨
ollig unabh¨
angig vom Grundzustand des
Vielteilchensystems oder dem sekund¨
aren Referenzzustand ist. Dies sollte man selbst-
verst¨
andlich f¨
ur effektive Einteilchensysteme auch erwarten. Offensichtlich l¨
aßt sich die
Matrix Haa aus Gleichung (5.3) durch eine geeignete Wahl der Einteilchenorbitale dia-
gonalisieren und nimmt dann die Form des Anteils nullter Ordnung δrr0δss0(ε0
rε0
s)an.
Folglich beschreibt die Selbstenergie aus Gleichung (5.4) Teilchen-Loch-Anregungen
in einem System unabh¨
angiger Teilchen. Die unphysikalischen Komponenten in den
erweiterten Zust¨
anden |Y(ph)
rs idienen hier gewissermaßen dazu, das Pauli-Prinzip zu
umgehen, da die Gleichungen (5.3) und (5.4) Anregungen von jedem Orbital in ein be-
liebiges anderes Orbital erlauben, unabh¨
angig von der Besetzung dieser Orbitale in dem
5.1. DER STATISCHE ANTEIL 53
Vielteilchenzustand |ΨN
0i. Dem Auftreten von unphysikalischen, d. h. nach dem Pauli-
Prinzip verbotenen Anregungen, steht die Tatsache gegen¨
uber, daß die physikalischen
Anregungen schon in erster Ordnung exakt beschrieben werden. In der traditionel-
len Vielteilchentheorie ist dies keineswegs selbstverst¨
andlich und kann im allgemeinen,
z. B. beim Polarisierungspropagator [9], nur dann erreicht werden, wenn von vornherein
die diagonalisierende Einteilchenbasis zur Darstellung der Propagatoren benutzt wird.
Ein entsprechendes Verhalten gegen¨
uber Einteilchenpotentialen wie bei der Teilchen-
Loch-Greensfunktion findet man auch bei den anderen in dieser Arbeit behandelten
erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen, sowie bei der traditionellen (zeitgeordne-
ten) Einteilchen-Greensfunktion. Das Verhalten der Einteilchen-Greensfunktion wurde
in Abschnitt 1 angesprochen. Auf eine ausf¨
uhrliche Diskussion der anderen erweiterten
Zweiteilchen-Propagatoren verzichte ich hier, da diese F¨
alle ganz analog zur Teilchen-
Loch-Greensfunktion zu behandeln sind.
Der Grund f¨
ur das erstaunliche Verhalten der erweiterten Selbstenergie gegen¨
uber
Einteilchenpotentialen l¨
aßt sich auf zwei Eigenschaften der behandelten Theorie
zur¨
uckf¨
uhren: zum einen auf die Benutzung von orthonormalen Zust¨
anden bei der
Konstruktion der erweiterten Greensfunktionen, zum anderen auf die Tatsache, daß
der Anregungsenergieoperator ˘
H¨
aquivalent zum Superoperator ˆ
Hist, was zu leicht
auszuwertenden Kommutatorausdr¨
ucken (5.2) f¨
uhrt. Um dies zu verdeutlichen, be-
trachten wir den zu einem beliebigen Einteilchenoperator A=Pij a
iajAij assoziierten
Superoperator ˆ
A. Angewandt auf die erweiterten Zust¨
ande |Y(ph)
rs iergeben sich Line-
arkombinationen der prim¨
aren Zust¨
ande:
ˆ
A|Y(ph)
rs i=|[A, a
r],a
s)+|a
r,[A, a
s])
=X
kl
(Arkδsl Alsδrk)|Y(ph)
kl i.(5.5)
Folglich verschwinden die µ-Produkte mit Basiszust¨
anden aus dem sekund¨
aren Raum
|QIi∈{|Y(ph)
rs i}
hQI|µˆ
A|Y(ph)
rs i=0 (5.6)
und somit auch die nicht-diagonalen Bl¨
ocke Hab und Hba. Im Falle eines reinen
Einteilchen-Hamilton-Operators ist die Selbstenergie also in der Tat rein statischer
Natur und liefert die exakten Energieeigenwerte f¨
ur Anregungen vom Teilchen-Loch-
Typ. Die h¨
oheren Anregungsklassen, wie z. B. Zwei-Teilchen–Zwei-Loch-Anregungen
entkoppeln hingegen vollst¨
andig und tragen nicht zur erweiterten Greensfunktion bei.
54 KAPITEL 5. EIGENSCHAFTEN DER SELBSTENERGIE
Im allgemeinen Fall eines korrelierten Systems verschwindet der dynamische Anteil
der Selbstenergie nat¨
urlich keineswegs und folglich stellen die Eigenwerte des prim¨
aren
Blocks Haa nur grobe N¨
aherungen f¨
ur die exakten Anregungsenergien dar.
5.2 Der dynamische Anteil
Der dynamische Anteil der erweiterten Selbstenergie M(ω) als Funktion der kom-
plexen Energievariable ωhat eine analytische Struktur, die der Struktur der zuvor
untersuchten erweiterten Greensfunktion G(ω) (siehe Abschnitt 4.3) sehr ¨
ahnlich ist.
Die Selbstenergie wurde durch Partitionierung der Matrix Haus Gleichung (3.12) defi-
niert, wodurch sich der Ausdruck (3.21) f¨
ur den dynamischen Anteil ergab. Aus Formel
(3.21) ist ersichtlich, daß der dynamische Teil der Selbstenergie einfache Pole oder Ver-
zweigungsschnitte an den Stellen hat, an denen der Nenner singul¨
arwird,d.h.wenn
gilt:
det(ωµbb Hbb)=0.(5.7)
Durch Anwendung einer ¨
Ahnlichkeitstransformation, welche die Matrizen µbb und Hbb
simultan diagonalisiert, kann Gleichung (3.21) in die Form von Gleichung (4.21) ge-
bracht werden. Der Unterschied zwischen Greensfunktion und Selbstenergie ist hier,
daß die Pole und Schnitte der Greensfunktion G(ω) bei den (verallgemeinerten) Eigen-
werten der vollen Matrix Herscheinen, wohingegen die Polstruktur der Selbstenergie
durch die (verallgemeinerten) Eigenwerte des Blocks Hbb allein bestimmt wird. Die
Beziehung der Eigenwertspektren des Blocks Hbb und der vollen Matrix Hh¨
angt we-
sentlich von den Kopplungsbl¨
ocken Hab und Hba =H
ab ab.
Im Grenzfall verschwindender Kopplung Hab = 0 ist das Eigenwertspektrum von
Hbb eine Teilmenge des Spektrums von H. Gleichzeitig verschwindet aber dann auch
der dynamische Anteil der Selbstenergie und die Selbstenergie wird energieunabh¨
angig.
Dies ist z. B. der Fall, wenn der Hamilton-Operator ein Einteilchenoperator ist und
keine echten Zweiteilchenkr¨
afte enth¨
alt, wie im letzten Abschnitt (5.1) besprochen
wurde.
Im allgemeinen Fall eines vollst¨
andig korrelierten Systems tragen alle h¨
oheren An-
regungen zur dynamischen Selbstenergie bei. Falls die Kopplung dieser Anregungen
schwach genug ist, liefert bereits die (diagonale) nullte Ordnung der Matrix Hbb einen
guten Anhaltspunkt f¨
ur die Lage der Pole der Selbstenergie. Nat¨
urlich k¨
onnen durch
die Kopplung die Lage der Pole verschoben und gegebenenfalls auch Entartungen auf-
gehoben werden, wie es f¨
ur den Fall der Einteilchen-Greensfunktion in Referenz [11]
5.2. DER DYNAMISCHE ANTEIL 55
gezeigt wurde. In der nullten Ordnung der Matrix Hbb treten ¨
ahnlich wie bei den erwei-
terten Greensfunktionen physikalische und unphysikalische Eigenwerte auf. Wie zuvor
erscheinen die physikalischen Pole der Selbstenergie bei positiven Energien. Sie liegen
¨
uber der Schwelle, bei der Doppelanregungen (2p-2h)m
¨
oglich werden. Die Schwelle
f¨
ur Doppelanregungen ins Kontinuum markiert die untere Grenze des physikalischen
Verzweigungsschnittes in der analytischen Struktur der Selbstenergie. Der dynamische
Anteil der Selbstenergie enth¨
alt aber auch verschiedene Pole und Schnitte, die ihren
Ursprung in den unphysikalischen Komponenten der erweiterten Zust¨
ande |Y(ph)
rs iaus
Gleichung (4.6) haben. Insbesondere die sogenannten K-Zust¨
ande, die im folgenden
Abschnitt eingef¨
uhrt werden, f¨
uhren zu Polen der dynamischen Selbstenergie, die in
nullter Ordnung zu Polen aus dem prim¨
aren Block entartet sind. Dies betrifft allerdings
nur einen Teil des Eigenwertspektrums, der bei negativen Energien liegt und ohnehin
unphysikalisch ist. Das Auftreten dieser entarteten K-Zust¨
ande l¨
aßt sich auf die Entar-
tung der zweiten und dritten Komponente beide sind unphysikalisch der erweiterten
Zust¨
ande |Y(ph)
rs iin Gleichung (4.7) zur¨
uckf¨
uhren. Diese beiden Komponenten treten
in den Y-Zust¨
anden nullter Ordnung gemeinsam auf, werden also gewissermaßen ge-
mischt. Erweitert man nun die Menge der prim¨
aren Y-Zust¨
ande um die K-Zust¨
ande, so
erh¨
alt man eine minimale Erweiterung des prim¨
aren Blocks Haa, in dem die entarteten
Komponenten entkoppeln k¨
onnen. Interessanterweise f¨
uhrt die auf dem Hartree-Fock-
Ansatz aufbauende N¨
aherung erster Ordnung f¨
ur diesen erweiterten prim¨
aren Block
Hext
aa
(1) zur wohlbekannten random phase approximation (RPA) [9, 53–55]. In Ab-
schnitt 6.3 werde ich eine universale unit¨
are Transformation vorstellen, die das erwei-
terte Eigenwertproblem auf die RPA transformiert.
An dieser Stelle m¨
ochte ich kurz darauf eingehen, daß die Selbstenergie S(ω)aus
Gleichung (3.17) durch die Dyson-Gleichung (3.18) oder (3.19) nur f¨
ur solche Energi-
en ωvollst¨
andig bestimmt ist, bei denen die Greensfunktion G(ω) invertiert werden
kann. Capuzzi und Mahaux haben am Beispiel der Einteilchen-Greensfunktion gezeigt,
daß die Selbstenergie an isolierten Nullstellen der Greensfunktion modifiziert werden
kann und weiterhin die Dyson-Gleichung erf¨
ullt [38]. Diese Modifikationen k¨
onnen be-
nutzt werden, um Dispersionsrelationen f¨
ur Teile der Selbstenergie maßzuschneidern,
aber sie haben keine physikalischen Implikationen. Die in Referenz [38] gef¨
uhrte Argu-
mentation kann problemlos auf die erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen ¨
ubert-
ragen werden.
56 KAPITEL 5. EIGENSCHAFTEN DER SELBSTENERGIE
5.3 Die entarteten K-Zust¨
ande
Im Folgenden soll beispielhaft eine Klasse von Zust¨
anden besprochen werden, die au-
ßerhalb des Modellraums der prim¨
aren Y-Zust¨
ande liegen. Die betrachteten Zust¨
ande
heißen K-Zust¨
ande und spielen eine besondere Rolle, da sie in nullter Ordnung zu
Zust¨
anden aus dem prim¨
aren Raum entartet sind, aber in erster Ordnung koppeln.
Die ¨
ubrigen Zust¨
ande im sekund¨
aren Raum sind im allgemeinen nicht zu Y-Zust¨
anden
entartet, obwohl zuf¨
allige Entartungen nat¨
urlich trotzdem auftreten k¨
onnen.
Es wurde schon fr¨
uher angemerkt, daß f¨
ur ein gegebenes Indexpaar (r, s) nur ganz
bestimmte Komponenten der prim¨
aren Zust¨
ande nullter Ordnung |Y(ph)
rs i(0) aus Glei-
chung (4.7) entsprechend der Klassifikation der Indizes als p-oderh-Indizes beitragen.
F¨
ur hp-Indexpaare tragen zwei Komponenten der erweiterten Zust¨
ande gleichzeitig bei
und besitzen dieselben Energien (in nullter Ordnung), da die erweiterten Zust¨
ande in
nullter Ordnung Eigenzust¨
ande des verallgemeinerten Anregungsenergieoperators ˘
H
sind. Folglich existiert eine linear unabh¨
angige, entartete Kombination dieser beiden
Komponenten. Eine geeignete Wahl f¨
ur diese Zust¨
ande lautet:
|K(ph)
αn i=
0
2hΦN
0|a
αan
1
2hΦN
0|a
α⊗hΦN
0|an−hΦN
0|an⊗hΦN
0|a
α
0
,(5.8)
wo die Indizes αbzw. nbesetzte (h) bzw. virtuelle (p) Orbitale bezeichnen. Man kann
sich leicht davon ¨
uberzeugen, daß die Zust¨
ande |K(ph)
αn idie folgenden Orthogonalit¨
ats-
relationen erf¨
ullen (wobei α, α0besetzte, n, n0virtuelle und rund sbeliebige Orbitale
bezeichnen sollen):
hK(ph)
αn |µ|Y(ph)
rs i(0) =hY(ph)
rs |(0)µ|K(ph)
αn i=0,(5.9)
hK(ph)
αn |µ|K(ph)
α0n0i=δαα0δnn0.(5.10)
Die Zust¨
ande |K(ph)
αn isind offensichtlich Elemente des zusammengesetzten Hilbert-
Raums Y, liegen aber außerhalb des prim¨
aren Raums (nullter Ordnung), der von den
Zust¨
anden {|Y(ph)
rs i(0)}aufgespannt wird. Folglich tragen die entarteten Zust¨
ande
|K(ph)
αn izum dynamischen, ω-abh¨
angigen Teil M(ω) der Selbstenergie S(ω)ausGlei-
chung (3.21) bei, wohingegen die prim¨
aren Zust¨
ande {|Y(ph)
rs i} die statische Selbstener-
gie S() definieren.
Die Entartung der K- und der Y-Zust¨
ande in nullter Ordnung wird in der Spek-
traldarstellung der vollst¨
andig wechselwirkenden Greensfunktion aufgehoben. Die ex-
akten Eigenzust¨
ande entkoppeln zu N-Teilchenzust¨
anden in der zweiten Komponente
5.3. DIE ENTARTETEN K-ZUST ¨
ANDE 57
und zu Tensorprodukten von (N1)- und (N+ 1)-Teilchenzust¨
anden in der dritten
Komponente. Auf die Bedeutung der entarteten Zust¨
ande |K(ph)
αn iim Zusammenhang
mit der niedrigsten Ordnung der statischen Selbstenergie S() wird in Abschnitt 6.3
noch ausf¨
uhrlich eingegangen werden.
Der Vollst¨
andigkeit m¨
ochte ich noch anmerken, daß sich die K-Zust¨
ande auch
gem¨
der Definition (2.2) als erweiterte Zust¨
ande in der Form |A, B) schreiben lassen.
Der bequemeren Schreibweise halber f¨
uhre ich den Teilchenzahloperator N=Pia
iai
ein und definiere m=(N−N)2+1,wobeiNdie Anzahl der Teilchen im Zustand
|ΨN
0ibezeichne. Die K-Zust¨
ande lassen sich dann auch folgendermaßen schreiben:
|K(ph)
αn i=2|a
α,a
nm1)(0).(5.11)
Außer den K-Zust¨
anden gibt es noch andere Zust¨
ande nullter Ordnung außerhalb
des prim¨
aren Raumes, die in erster Ordnung an die Y-Zust¨
ande koppeln. Sie set-
zen sich aus h¨
oheren Anregungen der Komponenten der Y-Zust¨
ande nullter Ordnung
aus Gleichung (4.7) zusammen. Z. B. gibt es Zust¨
ande mit einer Zwei-Teilchen–Zwei-
Loch-Konfiguration a
na
n0aα0aα|ΦN
0iin der ersten oder zweiten Komponente, Zust¨
ande
mit einem Tensorprodukt aus einer Zwei-Loch–Ein-Teilchen- und einer Ein-Teilchen-
Konfiguration in der dritten Komponente, usw. Alle diese Zust¨
ande tragen in zweiter
Ordnung zur dynamischen Selbstenergie bei, da sie in erster Ordnung, d. h. ¨
uber direkte
Zweiteilchen-Coulomb-Wechselwirkung an die Y-Zust¨
ande koppeln. H¨
ohere Anregun-
gen koppeln entsprechend erst in h¨
oherer Ordnung, wie es auch f¨
ur die Einteilchen-
Greensfunktion der Fall ist [39].
Kapitel 6
Die Teilchen-Loch-Selbstenergie in
erster Ordnung: ein
N¨
aherungschema f¨
ur
Anregungsenergien und
¨
Ubergangsmomente
Die Ergebnisse dieses Kapitels wurden bis auf Abschnitt 6.3, der auf Referenz [34]
beruht, in Referenz [35] ver¨
offentlicht.
6.1 Einleitung: N¨
aherungsschemata erster Ord-
nung
Die traditionelle Vielteilchentheorie hat verschiedene Standardn¨
aherungsschemata zur
Berechnung von Eigenschaften angeregter Atome, Molek¨
ule und Atomkerne hervor-
gebracht. Ausgehend von einer geeigneten Einteilchenbeschreibung wie zum Bei-
spiel der Hartree-Fock-N¨
aherung f¨
uhren diese Verfahren ¨
ublicherweise zu Matrix-
Eigenwertproblemen. Diese liefern dann N¨
aherungen f¨
ur die Anregungsenergien und
die ¨
Ubergangsoperator-Matrixelemente des betrachteten Systems. Ausgangspunkt die-
ser Verfahren ist oft der wohlbekannte Polarisierungspropagator [9], eine Zweiteilchen-
Greensfunktion der nichtrelativistischen Vielteilchentheorie. Er setzt sich aus zwei sym-
metrischen Beitr¨
agen zusammen (siehe z. B. [13]), die in den Gleichungen (4.24) und
59
60 KAPITEL 6. TEILCHEN-LOCH-SELBSTENERGIE ERSTER ORDNUNG
(4.25) bereits definiert wurden:
Πrs,r0s0(ω)=Π
ph
rs,r0s0(ω)+Π
hp
rs,r0s0(ω).(6.1)
Der sogenannte Teilchen-Loch-Beitrag Πph(ω)enth
¨
alt schon die gesamte, physikalisch
relevante Information und hat einfache Pole als Funktion der Energievariablen ωbei
den exakten Anregungsenergien des Systems. Der Leser sei daran erinnert, daß die
Bezeichnungen ph oder Teilchen-Loch-Teil sich darauf beziehen, daß dieser Propaga-
tor in nullter Ordnung der Vielteilchen-St¨
orungtheorie nur dann beitr¨
agt, wenn rund
r0Teilchenorbitale (p), d. h. in der Slater-Determinante |ΦN
0iunbesetzte (virtuelle)
Orbitale, und sund s0Lochorbitale (h), d. h. in der Slater-Determinante besetzte Or-
bitale, indizieren. Der Teilchen-Loch-Anteil beschreibt also vorrangig Anregungen, die
im Einteilchenbild als Anheben eines (fermionischen) Teilchens aus einem besetzten
Orbital in ein unbesetztes Orbital beschrieben werden k¨
onnen. In einem korrelierten
System gibt es allerdings keine vollst¨
andig besetzten oder vollst¨
andig unbesetzten Ein-
teilchenzust¨
ande und daher tr¨
agt der exakte Teilchen-Loch-Teil Πph auch f¨
ur andere
Indexpaare (r, s) als Teilchen-Loch-Indizes bei.
Die unterschiedlichen N¨
aherungsschemata k¨
onnen nach der Ordnung klassifiziert
werden, in der die Korrelation ber¨
ucksichtigt wird. Ein weiteres Kriterium zur Eintei-
lung ist, welche Teile des Polarisierungspropagators gen¨
ahert werden.
Ein einfaches N¨
aherungsschema erster Ordnung ist die Tamm-Dancoff-N¨
aherung
(Tamm-Dancoff approximation, TDA [9,55]), die man als N¨
aherung erster Ordnung
an die Matrix-Inverse des Teilchen-Loch-Teils Πph sehen kann. Aus quantenchemischer
Sicht l¨
aßt sich die TDA auch als Methode auffassen, die sowohl den angeregten als auch
den Grundzustand n¨
ahert. Hierbei werden die angeregten Zust¨
ande auf dem Niveau
der Konfigurationswechselwirkung mit Einzelanregungen (single-excitation configura-
tion interaction, SCI [56]) gen¨
ahert, w¨
ahrend dem Grundzustand eine unkorrelierte
(Hartree-Fock-) Beschreibung zugrundeliegt. Die sogenannte ADC-N¨
aherung (alge-
braic diagrammatic construction [13,18]) ist ein Beispiel f¨
ur eine Familie von syste-
matischen N¨
aherungen h¨
oherer Ordnung f¨
ur den Teilchen-Loch-Teil Πph.
Eine weitere Gruppe von N¨
aherungen ergibt sich bei Hinzunahme des zweiten
Teils des Polarisierungspropagators Πhp.DieserzuΠ
ph symmetrische Teil wird Loch-
Teilchen-Teil genannt, weil seine nullte Ordnung verschwindet, wenn nicht sowohl r
und r0Lochindizes als auch sund s0Teilchenindizes sind. Der Loch-Teilchen-Teil tritt
zusammen mit dem Teilchen-Loch-Teil in der bereits ausf¨
uhrlich besprochenen erwei-
terten Teilchen-Loch-Greensfunktion auf. Die Pole von Πhp treten im Gegensatz zu Πph
bei den mit negativem Vorzeichen versehenen Anregungsenergien auf. Das fundamen-
6.1. EINLEITUNG: N ¨
AHERUNGSSCHEMATA ERSTER ORDNUNG 61
tale N¨
aherungsschema erster Ordnung, welches beide Teile des Polarisierungspropaga-
tors gleichermaßen ber¨
ucksichtigt, ist die sogenannte random phase approximation
(RPA [9,53–55]). Unter den vielen verschiedenen M¨
oglichkeiten, die RPA herzuleiten,
m¨
ochte ich die Rolle der RPA als N¨
aherung erster Ordnung der Matrixinversen des Po-
larisierungspropagators (6.1) hervorheben. Diese Matrix umfaßt jetzt nat¨
urlich zus¨
atz-
lich zu den Teilchen-Loch- auch die Loch-Teilchen-Konfigurationen und hat daher die
doppelte Dimension der entsprechenden TDA-Matrix. Unter den N¨
aherungsschemata
h¨
oherer Ordnung, die beide Teile des Polarisierungspropagators n¨
ahern, m¨
ochte ich die
SOPPA- (second-order polarization propagator [12,14,17]) und die EOM- (equation
of motion [54,57]) Methoden erw¨
ahnen.
Im Bild der Konfigurationswechselwirkung (CI) kann man die RPA so verstehen,
daß sie die Grundzustandskorrelation zus¨
atzlich zu der in die TDA eingehende Korre-
lation der angeregten Zust¨
ande ber¨
ucksichtigt [14, 58]. Die Grundzustandskorrelation
geht allerdings auf nichtvariationelle Weise in die RPA ein und es ist daher nicht
sicher, daß die RPA gegen¨
uber der TDA verbesserte Resultate hervorbringt. Man
kann im Gegenteil beobachten, daß die mit RPA gen¨
aherten Anregungsenergien in be-
stimmten F¨
allen schlechter sind als die TDA-Ergebnisse, selbst in Systemen, in denen
die Grundzustandskorrelation eine besondere Rolle spielt. Einige numerische Verglei-
che kann man in den Referenzen [42, 59] finden. Tats¨
achlich werde ich sp¨
ater zeigen,
daß die Grundzustandskorrelation in den RPA-Anregungsenergien nicht konsistent mit
Rayleigh-Schr¨
odinger-St¨
orungstheorie ber¨
ucksichtigt wird (siehe auch Referenz [13]).
Desweiteren wird in diesem Abschnitt ein einfaches Modellsystem vorgestellt werden,
f¨
ur das die RPA viel schlechtere Ergebnisse liefert als die TDA. F¨
ur dieses spezielle
Beispiel liefert die im Rahmen dieser Doktorarbeit entwickelte FOSEP-N¨
aherung (first-
order static excitation potential) die exakten Ergebnisse, obwohl sie auf ein Matrix-
Eigenwertproblem derselben Dimension wie die RPA f¨
uhrt. Auch eine st¨
orungstheore-
tische Untersuchung belegt, daß FOSEP die Grundzustandskorrelation auf konsistente
Weise ber¨
ucksichtigt.
Die FOSEP-Methode basiert auf der N¨
aherung der erweiterten Teilchen-Loch-
Selbstenergie in erster Ordnung, wobei man von der Hartree-Fock-N¨
aherung als nullte
Ordnung ausgeht. Damit stellt FOSEP ein N¨
aherungsschema erster Ordnung dar, das
sich von einer Erweiterung des Polarisierungspropagators ableitet. Zus¨
atzlichzudem
Teilchen-Loch- und dem Loch-Teilchen-Anteil treten noch andere Terme auf, die Kom-
binationen aus Einteilchenpropagatoren entsprechen [siehe Gleichung (4.22)].
In den folgenden Abschnitten sollen nun die N¨
aherungen erster Ordnung an die
Teilchen-Loch-Selbstenergie ausf¨
uhrlich diskutiert werden. Nach der Definition der
62 KAPITEL 6. TEILCHEN-LOCH-SELBSTENERGIE ERSTER ORDNUNG
FOSEP-N¨
aherung und ersten Diskussion des sich stellenden Eigenwertproblems wird
in Abschnitt 6.3 ein erweitertes Eigenwertproblem untersucht, das sich durch Hinzu-
nahme von entarteten Bl¨
ocken aus der dynamischen Selbstenergie zur FOSEP-Matrix
definiert. Es stellt sich heraus, daß dieses erweiterte Eigenwertproblem ¨
aquivalent zur
RPA ist. Abschnitt 6.4 behandelt verschiedene Eigenschaften der FOSEP-N¨
aherung
auf rein formalem Niveau. Anschließend wird die N¨
aherung an einem sehr einfachen
aber illustrativen Modell ¨
uberpr¨
uft und mit der RPA und TDA verglichen.
6.2 Die FOSEP-N¨
aherung
Die erweiterte Teilchen-Loch-Greensfunktion wurde in Abschnitt 3.1 und ihre Selbst-
energie in Abschnitt 3.2 eingef¨
uhrt. Nach Gleichung (3.20) berechnet sich die statische
Teilchen-Loch-Selbstenergie Sph() aus dem prim¨
aren Block Haa der Matrixdarstel-
lung Hdes verallgemeinerten Anregungsenergieoperators ˘
Him erweiterten Hilbert-
Raum Y. Der prim¨
are Block Haa besteht [nach Gl. (3.13)] aus den Matrixelementen
des Operators ˘
H(im µ-Produkt) bez¨
uglich der erweiterten Teilchen-Loch-Zust¨
ande
|Y(ph)
rs i:
hHaairs,r0s0=hY(ph)
rs |µ˘
H|Y(ph)
r0s0i=(a
r,a
s|ˆ
H|a
r0,a
s0).(6.2)
Die nullte Ordnung dieses Ausdrucks ist sehr leicht auszuwerten, da nach Gleichung
(4.17) die µ-orthonormalen Zust¨
ande |Y(ph)
rs iin nullter Ordnung Eigenzust¨
ande von ˘
H
mit dem Eigenwert εrεssind:
hH(0)
aa irs,r0s0=hεirs,r0s0=(εrεs)δrr0δss0.(6.3)
Bei voller Wechselwirkung gilt f¨
ur die Matrix Haa der Ausdruck (5.2). F¨
ur den se-
kund¨
aren Referenzzustand |ϕisoll in diesem Kapitel der wechselwirkende Grundzu-
stand |ΨN
0ides betrachteten Vielteilchensystems gew¨
ahlt werden. Man ¨
uberzeugt sich
leicht, daß die nullte Ordnung des Ausdrucks (5.2) Gleichung (6.3) ergibt. Auch die
Auswertung in erster Ordnung bereitet keine besonderen Schwierigkeiten, da man hier
den wechselwirkenden Grundzustand |ΨN
0idurch die Slater-Determinante |ΦN
0ierset-
zen kann. F¨
ur die Beitr¨
age erster Ordnung zur (statischen) Selbstenergie erh¨
alt man
hS()i(1)
rs,r0s0=hHaai(1)
rs,r0s0=vrr0δss0vs0sδrr0
+Vrs0[sr0](nrnsnrns)(nr0ns0nr0ns0)
+δss0X
k
nkVrk[r0k]δrr0X
k
nkVs0k[sk].(6.4)
6.2. DIE FOSEP-N ¨
AHERUNG 63
Hier wurde die Notation nr=1nreingef¨
uhrt, wobei nrdie Besetzungszahl (0 oder 1)
des Einteilchenzustands |ϕriist. In der Møller-Plesset-St¨
orungstheorie, wo man von der
Hartree-Fock-N¨
aherung als nullter Ordnung ausgeht, vereinfacht sich die erste Ordnung
noch weiter, da man Gleichung (4.4) f¨
ur das Einteilchenpotential vij verwenden kann.
Die erhaltene N¨
aherung soll mit der Abk¨
urzung FOSEP f¨
ur first-order static excitation
potential belegt werden:
hSFOSEPirs,r0s0=Vrs0[sr0](nrnsnrns)(nr0ns0nr0ns0).(6.5)
Da der energieabh¨
angige Teil der Selbstenergie erst Beitr¨
age ab zweiter Ordnung liefert,
stellt SFOSEP die korrekte N¨
aherung der erweiterten Teilchen-Loch-Selbstenergie in
erster Ordnung Møller-Plesset-St¨
orungstheorie dar. ¨
Uber die Dyson-Gleichung definiert
SFOSEP auch eine entsprechende N¨
aherung f¨
ur die erweiterte Greensfunktion. Um die
Pole der erweiterten Greensfunktion in diesem Modell zu berechnen, m das folgende
Eigenwertproblem gel¨
ost werden:
ε+SFOSEPX=ωX.(6.6)
Die (physikalischen) Eigenwerte ωliefern N¨
aherungen f¨
ur die Anregungsenergien des
Systems und der zugeh¨
orige Eigenvektor Xkann zur Berechnung von Matrixelemen-
ten von ¨
Ubergangsoperatoren (¨
Ubergangsmomenten) herangezogen werden. Die ¨
Uber-
gangsmomente des Dipoloperators definieren die sogenannten Oszillatorst¨
arken, welche
von großer Bedeutung f¨
ur Photoabsorptions- und Photoemmissionsprozesse sind [14].
Bei der erweiterten Teilchen-Loch-Greensfunktion wie auch beim herk¨
ommlichen Po-
larisierungspropagator lassen sich ¨
Ubergangsmomente aus den Residuen der Pole des
zugeh¨
origen ¨
Ubergangs berechnen. Die FOSEP-N¨
aherung f¨
ur ¨
Ubergangsmomente lau-
tet
hΨN
0|T|ΨµiFOSEP =X
ij
TijXµ
ij,(6.7)
wobei Tij die Matrixelemente des (Einteilchen-) ¨
Ubergangsoperators T=Pij Tija
iaj
sind. Xµ
ij bezeichnen die Komponenten des zur Anregung in den Zustand |Ψµigeh¨
ori-
gen Eigenvektors.
Aufgrund der in den prim¨
aren Zust¨
anden |Y(ph)
rs ienthaltenen Erweiterungen ent-
sprechen jedoch nicht alle Eigenwerte und -vektoren aus Gleichung (6.6) physikali-
schen Anregungen. Ein besseres Verst¨
andnis der Zusammenh¨
ange kann man erlangen,
wenn man sich die besondere Blockstruktur des Eigenwertproblems vor Augen f¨
uhrt.
Diese zeigt sich, wenn man die Menge der Indexpaare entsprechend der Besetzung der
64 KAPITEL 6. TEILCHEN-LOCH-SELBSTENERGIE ERSTER ORDNUNG
einzelnen Orbitale aufteilt. In nullter Ordnung bleibt nur die Diagonalmatrix ε¨
ubrig
und die Aufteilung in physikalische und unphysikalische N¨
aherungen ist offensicht-
lich, da der Grundzustand des betrachteten Systems durch eine Slater-Determinante
gen¨
ahert wird. In diesem Fall sind Anregungen eines einzelnen Teilchens nur dann
physikalisch m¨
oglich, wenn sie aus einem besetzten in ein unbesetztes Orbital erfolgen.
Daher ist nur der ph-ph-Block physikalischer Natur. In der (FOSEP-) N¨
aherung erster
Ordnung hat die S¨
akularmatrix die folgende Struktur:
ε+SFOSEP =
εhh 000
0εph +V W 0
0˜
W˜εph +˜
V0
00 0 εpp
hh
ph
hp
pp
.(6.8)
Der Stern () soll an dieser Stelle f¨
ur die komplexe Konjugation stehen. Die Tilde (˜)
bezeichnet die simultane Transposition der beiden Indexpaare, die ein Matrixelement
kennzeichnen, was lediglich eine Umnummerierung der Reihen und Spalten der ent-
sprechenden Matrix zur Folge hat:
h˜
Airs,r0s0=hAisr,s0r0
Zun¨
achst stellt man fest, daß die FOSEP-Selbstenergie SFOSEP f¨
ur Indexpaare,
bei denen beide Orbitale besetzt (hh) oder beide unbesetzt (pp) sind, gar nicht bei-
tr¨
agt. Folglich entkoppeln die hh-hh- und pp-pp-Bl¨
ocke vom Rest der Matrix und das
Eigenwertproblem (6.6) wird f¨
ur diese Bl¨
ocke, die ohnehin schon diagonal sind, trivi-
al und liefert einfach die Differenzen der Hartree-Fock-Orbitalenergien. Offensichtlich
werden diese Bl¨
ocke in erster Ordnung nicht korreliert. Die Entkopplung der hh-hh-
und pp-pp-Bl¨
ocke ist allerdings eine Besonderheit der Møller-Plesset-Partitionierung
des Vielteilchen-Hamilton-Operators einerseits und der speziellen Wahl der erweiterten
Zust¨
ande |Y(ph)
rs i(mit |ΨN
0ials prim¨
arem und sekund¨
arem Referenzzustand) anderer-
seits. W¨
ahlt man insbesondere den sekund¨
aren Referenzzustand anders (z. B. bietet
sich |ϕi=|vakian), dann findet keine Entkopplung statt, wie man leicht ausgehend
von Gleichung (5.2) nachrechnet. Die Entkopplung f¨
uhrt zu einer beachtlichen Verrin-
gerung des numerischen Aufwands bei der L¨
osung des Eigenwertproblems und recht-
fertigt daher die getroffene Wahl. Viele der im Folgenden besprochenen Eigenschaften
der FOSEP-N¨
aherung lassen sich jedoch leicht auf andere F¨
alle verallgemeinern.
Der ph-Block der ε-Matrix εph enth¨
alt die Energien, die zu den einfachen Teilchen-
Loch-Anregungen im Einteilchenbild geh¨
oren:
hεphinα,mβ =δnmδαβ(εnεα).(6.9)
6.2. DIE FOSEP-N ¨
AHERUNG 65
Die Indizes αund βkennzeichnen hier besetzte (h), nund munbesetzte Orbitale (p).
Der Beitrag der Wechselwirkungsmatrix
hVinα,mβ =V[αm](6.10)
im ph-ph-Block beschreibt die Wechselwirkung der unkorrelierten Slater-Determinante
mit einer einfach angeregten Konfiguration. In der Tat liefert die Diagonalisierung des
ph-ph-Blocks εph +Valleine die wohlbekannte Tamm-Dancoff-N¨
aherung (TDA) [9].
Die Kopplung Wan den hp-hp-Block kann man als Einbeziehung der Grundzustands-
korrelation verstehen. Diese Aussage soll sp¨
ater anhand von st¨
orungstheoretischen Ar-
gumenten noch untermauert werden. Eine ¨
ahnliche Kopplung tritt auch in der RPA
auf [9]. Die Beziehung zwischen der vorgestellten FOSEP-N¨
aherung und der RPA wird
im weiteren Verlauf dieses Kapitels, insbesondere in Abschnitt 6.3, noch detailliert
erl¨
autert werden.
Der hp-hp-Block alleine scheint keinen physikalischen Charakter zu haben. Die An-
regungsenergien nullter Ordnung sind negativ und resultieren von der Erzeugung eines
Lochs in einem virtuellen Orbital und eines Teilchens in einem besetzten. Allerdings
koppelt der hp-hp-Block ¨
uber die Matrix
hWinα,mβ =Vnm[αβ](6.11)
an den physikalischen ph-ph-Block und f¨
uhrt dadurch zus¨
atzliche Korrelation in die
Tamm-Dancoff-Anregungsenergien ein.
Aufgrund der angesprochenen Entkopplung der pp- und hh-Bl¨
ocke bleibt ein Eigen-
wertproblem zu l¨
osen, welches die Bl¨
ocke der FOSEP-Matrix mit ph- und hp-Indizes
umfaßt:
MFOSEP x=ωx (6.12)
MFOSEP =ε+SFOSEPph- und hp-Bl¨
ocke
=
εph +V W
˜
W˜εph +˜
V
(6.13)
Im Gegensatz zur RPA findet man hier ein hermitesches Eigenwertproblem das immer
reelle Eigenwerte liefert. In den meisten F¨
allen wird die Matrix MFOSEP sogar reell-
symmetrisch sein.
Solange die Wechselwirkung schwach genug bleibt, lassen sich physikalische und
unphysikalische Eigenwerte der FOSEP-Matrix MFOSEP am Vorzeichen dieser Ener-
gien unterscheiden. Auch bei st¨
arkerer Wechselwirkung mag diese Unterscheidung im-
mer noch zutreffen. Dies kann man leicht an einem einfachen Modell verstehen, wo der
66 KAPITEL 6. TEILCHEN-LOCH-SELBSTENERGIE ERSTER ORDNUNG
ph-ph-Block die Dimension 1 hat und alle Matrixelmente reell sind: MFOSEP ist dann
eine 2 ×2-Matrix und ihre Eigenwerte lauten
±qεph2+W2+V.
Man erh¨
alt also einen positiven und einen negativen Eigenwert vorausgesetzt, daß
V2
ph2+W2
gilt. Diese Bedingung sagt nun, daß der schon in der TDA eingef¨
uhrte Beitrag der
Korrelation Vklein genug sein m im Vergleich zur Anregungsenergie in nullter Ord-
nung und dem zus¨
atzlichen Wechselwirkungsterm W. Wenn diese Bedingung verletzt
wird oder allgemeiner gesagt die Anzahl der positiven und negativen Eigenwerte in
einer gegebenen Symmetrie nicht gleich sind, dann kann es n¨
otig sein, die Eigenvekto-
ren heranzuziehen, um zwischen physikalischen und unphysikalischen Eigenwerten zu
unterscheiden. Trotzdem kann man wohl im allgemeinen die physikalische N¨
aherung
durch die obere H¨
alfte der Eigenvektoren definieren.
6.3 Das erweiterte Eigenwertproblem erster Ord-
nung und die RPA
Die im vorangegangenen Abschnitt definierte FOSEP-N¨
aherung stellt eine gewisserma-
ßen nat¨
urlich vorgegebene erste N¨
aherung an die Teilchen-Loch-Selbstenergie Sph(ω)
und daher auch an die Matrix Hdar. Andere N¨
aherungen erh¨
alt man zum Beispiel,
indem man die Menge der prim¨
aren Zust¨
ande (Y-Zust¨
ande) erweitert, und somit einen
gr¨
oßeren Block der Matrix Hn¨
ahert. Ein spezielle N¨
aherung, die in diese Kategorie
f¨
allt und die bereits besprochenen K-Zust¨
ande (5.8) mit einbezieht, soll in diesem
Abschnitt vorgestellt werden. Ich werde zeigen, daß das resultierende erweiterte Eigen-
wertproblem mit Hilfe einer unit¨
aren Transformation in das RPA-Eigenwertproblem
transformiert werden kann.
Wir betrachten dieselbe N¨
aherung erster Ordnung an den Block Haa, der die
FOSEP-N¨
aherung definiert, und beziehen zus¨
atzlich die Kopplung an die K-Zust¨
ande
aus Gleichung (5.8) mit ein. Die Zust¨
ande |K(ph)
αn istellen aufgrund ihrer in Ab-
schnitt 5.3 diskutierten Entartung zu den Y-Zust¨
anden eine sinnvolle minimale Er-
weiterung der Menge der prim¨
aren erweiterten Zust¨
ande {|Y(ph)
rs i} dar. Gem¨
der
Gleichungen (3.9) bis (3.11) erh¨
alt man nun zus¨
atzlich einen Block Hbb und die Kopp-
lungsbl¨
ocke Hab und Hba. Die Matrixelemente dieser Bl¨
ocke bis zu erster Ordnung
6.3. DAS ERWEITERTE EIGENWERTPROBLEM UND DIE RPA 67
berechnen sich zu
hHbai(1)
αm,rs =hK(ph)
αm |µˆ
H|Y(ph)
rs i(0) =2Vαs[rm](nrns),(6.14)
hHbbi(0)+(1)
αm,α0m0=δαα0δmm0(εαεm)2Vαm0[α0m].(6.15)
Unter Beachtung der Blockstruktur der Matrix Haa in der FOSEP-N¨
aherung sieht
man, daß die pp-pp- und hh-hh-Bl¨
ocke der prim¨
aren Matrix auch nicht an die K-
Zust¨
ande koppeln. Die Struktur der nun betrachteten N¨
aherung an die Matrix Hsieht
also folgendermaßen aus:
Hext =
0000
0∗∗0
0∗∗0
0000
0∗∗0
hh
ph
hp
pp
K(hp)
.(6.16)
L¨
aßt man die nicht an den Rest der Matrix koppelnden hh- und pp-Reihen und Spal-
ten weg, bleibt eine 3 ×3-Blockmatrix mit quadratischen Bl¨
ocken ¨
ubrig, die man auf
folgende Weise schreiben kann:
Mext =
εph +V W 2W
Wεph +V2V
2W2V εph +2V
ph
hp
K(hp)
.(6.17)
Die Matrix nullter Ordnung εph und die Kopplungsbl¨
ocke erster Ordnung Vund W
sind wie in Abschnitt 6.2 definiert. Der Einfachheit halber wurde angenommen, daß
alle Matrixelmente reell sind. Außerdem wurden hier die Zeilen und Spalten der Bl¨
ocke
in den mit hp und K(hp) gekennzeichneten Zeilen vertauscht, wodurch die Tilde (˜)
gegen¨
uber Gleichung (6.8) wegf¨
allt.
Das Eigenwertproblem der verbleibenden Matrix Mext lautet
Mextx=ωS x. (6.18)
Die diagonale ¨
Uberlappmatrix Sist der zu Mext passende Teil der Matrix µaus Glei-
chung (3.10), die in Blockschreibweise folgendermaßen aussieht:
S=
100
01 0
001
ph
hp
K(hp)
.(6.19)
68 KAPITEL 6. TEILCHEN-LOCH-SELBSTENERGIE ERSTER ORDNUNG
Man kann nun das Eigenwertproblem (6.18) unter Beibehaltung der Eigenwerte mit
einer Transformationsmatrix Ttransformieren, die orthogonal bez¨
uglich der Metrik S
ist:
TS T =S. (6.20)
Mit Hilfe der inversen Matrix
T1=S1TS(6.21)
l¨
aßt sich Gleichung (6.18) umformulieren und ergibt dann
TMextT T1x=ωTS T T1x. (6.22)
F¨
uhrt man nun die folgenden Gr¨
oßen ein
M0=TMextT, (6.23)
x0=T1x, (6.24)
dann erh¨
alt man f¨
ur die transformierte Eigenwertgleichung
M0x0=ωS x0.(6.25)
Mit der speziellen Wahl
T=
100
021 1
0121
ph
hp
K(hp)
(6.26)
f¨
ur die Transformationsmatrix l¨
aßt sich das Eigenwertproblem (6.18) weiter entkoppeln:
M0=
εph +V0W
0εph 0
W0εph +V
.(6.27)
L¨
aßt man die entkoppelte mittlere Reihe und Spalte dieser Blockmatrix weg, so bleibt
das folgende 2 ×2 Blockmatrix-Eigenwertproblem ¨
ubrig:
εph +VW
W εph +V
x00 =ω
1 0
01
x00.(6.28)
Dies ist das RPA-Eigenwertproblem, auf welches anschließend noch n¨
aher eingegangen
werden soll und wie es in ¨
ahnlicher Notation in Referenz [60] diskutiert wird.
6.4. EIGENSCHAFTEN DER FOSEP-N ¨
AHERUNG 69
Wie wir gesehen haben, f¨
uhrt also die in diesem Abschnitt besprochene N¨
aherung
Hext
aa an die Matrix Hzur RPA. Vom Standpunkt der Selbstenergie aus wird in dem hier
diskutierten Modell der statische Teil der Selbstenergie wie in der FOSEP-N¨
aherung
beschrieben und zus¨
atzlich ein Teil der dynamischen Selbstenergie hinzugenommen.
Im dynamischen Teil der Selbstenergie werden allerdings nur die in nullter Ordnung
zu den prim¨
aren Zust¨
anden entarteten K-Zust¨
ande ber¨
ucksichtigt. Die resultierende
N¨
aherung (die RPA) ist selbstverst¨
andlich genau wie die FOSEP-N¨
aherung von erster
Ordnung. Zur zweiten Ordnung w¨
are die Ber¨
ucksichtigung aller in erster Ordnung an
die prim¨
aren Zust¨
ande koppelnden Konfigurationen im sekund¨
aren Raum notwendig,
so z. B. die Kopplung an 2p-2h-Anregungen.
Es ist leicht zu zeigen, daß die aus der N¨
aherung Hext
aa resultierende Beschreibung
der ¨
Ubergangsmomente die RPA ergibt. Die so gen¨
aherten ¨
Ubergangsmomente haben
folglich auch alle Eigenschaften der RPA, wie z. B. die ¨
Aquivalenz von length- und
velocity-Form der Dipol-¨
Ubergangsmomente, auf die ich in Abschnitt 6.4.6 noch
n¨
aher eingehen werde.
6.4 Eigenschaften der FOSEP-N¨
aherung
In diesem Abschnitt sollen einige allgemeine Eigenschaften der FOSEP-N¨
aherung be-
sprochen werden. Um den Zusammenhang mit den bekannten N¨
aherungsschemata
TDA und RPA zu beleuchten, werde ich die RPA kurz in die bisher benutzte Notation
umschreiben. Anschließend sollen zwei fundamentale Invarianzen betrachtet werden,
die FOSEP mit der RPA und der TDA teilt, n¨
amlich die Gr¨
oßenkonsistenz und die In-
varianz unter unit¨
aren Transformationen der Einteilchenbasis. Um die Unterschiede der
drei N¨
aherungen zu untersuchen, wird eine st¨
orungstheoretische Analyse der N¨
aherun-
gen f¨
ur Anregungsenergien und ¨
Ubergangsmomente durchgef¨
uhrt werden. Zum Schluß
wird noch die ¨
Aquivalenz zwischen length- und velocity-Form der Dipol-¨
Uber-
gangsmomente angesprochen.
6.4.1 Bezug zur RPA
Die RPA [9, 55] zur Berechnung von Anregungsenergien und ¨
Ubergangsmomenten in
endlichen Fermi-Systemen kann auf viele verschiedene Weisen hergeleitet und verstan-
den werden. Traditionell wird die RPA durch die unendliche Summation von Diagram-
men eines bestimmten Typs in der Feynman-Dyson-St¨
orungsreihe des Polarisierungs-
propagators hergeleitet [53]. Alternativ kann man die RPA aber auch als N¨
aherung
70 KAPITEL 6. TEILCHEN-LOCH-SELBSTENERGIE ERSTER ORDNUNG
erster Ordnung an den Integralkern der Bethe-Salpeter-Gleichung [61] oder als speziel-
le N¨
aherung erster Ordnung an die Bewegungsgleichung des Polarisierungspropagators
verstehen [14,54]. Hier m¨
ochte ich die RPA in einer Form vorstellen, die einen Vergleich
mit FOSEP erm¨
oglicht.
Die auf der Hartree-Fock-N¨
aherung als nullter Ordnung aufbauende RPA ist durch
das folgende Eigenwertproblem definiert [60]:
ε m +Rx=ωmx(6.29)
Die Matrixelemente von εsind wie in Gleichung (6.3) definiert, aber die Indexmenge f¨
ur
alle Matrizen und Vektoren ist hier auf Paare von Einteilchenindizes eingeschr¨
ankt, die
entweder ph-oderhp-Charakter haben (also entweder unbesetzt-besetzt oder besetzt-
unbesetzt). Der RPA-Kern Rbesteht aus den Matrixelementen Rrs,r0s0=Vrs0[sr0]und
die metrische Matrix maus
hmirs,r0s0=δrr0δss0(nrnsnrns).(6.30)
Man beachte, daß min Blockschreibweise folgendermaßen geschrieben werden kann:
m=
1 0
01
,(6.31)
wobei jeder Block dieser Matrix die Dimension eines ph-(bzw.hp-) Blocks hat.
Das RPA-Eigenwertproblem hat also dieselbe Dimension wie die FOSEP-Gleichungen
(6.12). Der entscheidende Unterschied besteht im Auftreten der indefiniten Metrik mim
RPA-Fall, wodurch die RPA-Gleichungen zu einem nichthermiteschen Eigenwertpro-
blem werden. Als Konsequenz dieser Nichthermitezit¨
at kann die RPA instabil werden
und komplexe Eigenwerte liefern [14]. Der RPA-Kern Rist auf folgende Weise mit der
FOSEP-Selbstenergie SFOSEP verkn¨
upft:
SFOSEP =m R m. (6.32)
F¨
uhrt man die Matrix
MRPA =ε m +SFOSEPph und hp Bl¨
ocke
=
εph +V W
˜
W˜εph +˜
V
(6.33)
mit derselben Nomenklatur wie in den Gleichungen (6.10) und (6.11) ein, dann l¨
aßt
sich das RPA-Eigenwertproblem folgendermaßen schreiben:
MRPA x0=ωmx0(6.34)
6.4. EIGENSCHAFTEN DER FOSEP-N ¨
AHERUNG 71
mit x0=m x. Vergleicht man nun die RPA-Gleichungen (6.34) und (6.33) mit dem
FOSEP-Eigenwertproblem (6.12) und (6.13), so f¨
allt auf, daß beide Gleichungssysteme
dieselbe Dimension besitzen und dieselben Ausgangsdaten ben¨
otigen und der Unter-
schied eigentlich nur in einigen Minuszeichen besteht. Bevor die sich daraus ergebenden
Unterschiede beider N¨
aherungen eingehender untersucht werden sollen, m¨
ochte ich die
Aufmerksamkeit des Lesers auf zwei grundlegende Eigenschaften richten, die f¨
ur beide
N¨
aherungen zutreffen.
6.4.2 Gr¨
oßenkonsistenz der FOSEP-N¨
aherung
Die Frage der Gr¨
oßenkonsistenz einer Vielteilchenmethode besteht darin, ob die resul-
tierenden N¨
aherungen f¨
ur physikalische Gr¨
oßen korrekt mit der Gr¨
oße des untersuchten
Systems skalieren [62,63]. Diese Frage ist schwer in voller Allgemeinheit zu beantwor-
ten. In der Regel m man sich auf einfache Modelle oder numerische Rechnungen
beschr¨
anken. Trotzdem wird die Frage der Gr¨
oßenkonsistenz bei Anwendungen auf
große oder ausgedehnte Systeme sehr wichtig.
Im Bereich endlicher Systeme (z. B. f¨
ur Molek¨
ule) ist das Modell der separier-
ten Fragmente sehr hilfreich, um das Skalierungsverhalten eines N¨
aherungsschemas
zu ¨
uberpr¨
ufen. Betrachten wir dazu ein Vielteilchensystem, das aus zwei oder mehr
getrennten (nicht-wechselwirkenden) Teilsystemen (Fragmenten) besteht. Gr¨
oßenkon-
sistenz der Anregungsenergien und ¨
Ubergangsmomente bedeutet dann, daß eine An-
regung, die an einem Teilsystem lokalisiert ist, mit demselben Ergebnis gen¨
ahert wird,
wenn das N¨
aherungsschema auf das gesamte System oder nur auf das betroffene Frag-
ment angewandt wird. Eine ausreichende aber nicht notwendige Bedingung f¨
ur diese
Eigenschaft ist, daß die S¨
akulargleichungen des N¨
aherungsschemas bei lokalen Anre-
gungen an Subsystemen in unabh¨
angige Gleichungssysteme f¨
ur die Fragmente zerfallen.
Diese a priori-Entkopplung von unabh¨
angigen lokalen Gleichungen nennt man Sepa-
rabilit¨
at [64].
Die Separabilit¨
at von FOSEP und RPA beweist man mit den folgenden Argumen-
ten: Im Modell der separierten Fragmente ist der Hamilton-Operator des Gesamtsy-
stems eine Summe aus den Hamilton-Operatoren der Subsysteme. Dies impliziert, daß
die (Hartree-Fock-) Einteilchenzust¨
ande ϕrlokal f¨
ur jedes Fragment gew¨
ahlt werden
k¨
onnen und daß die Matrixelemente der Zweiteilchen-Wechselwirkung Vijkl verschwin-
den, wenn nicht alle vier Indizes i,j,kund lOrbitale bezeichnen, die zum selben
Subsystem geh¨
oren. Aus den Definitionen der FOSEP-Matrix (6.5) und (6.13) und
der RPA-Matrix (6.33) wird daher sofort klar, daß beide Methoden separabel sind und
72 KAPITEL 6. TEILCHEN-LOCH-SELBSTENERGIE ERSTER ORDNUNG
man sie daher auch als gr¨
oßenkonsistent bezeichnen kann. Dieselben Argumente treffen
auch auf die TDA zu, auf die sich FOSEP und die RPA im Falle des Verschwindens des
Kopplungsblocks Wreduzieren, wie in Abschnitt 6.2 gezeigt wurde. Im Falle von nicht-
lokalen Anregungen (bei denen ein Loch an einem bestimmten Fragment lokalisiert ist
und ein Teilchen an einem anderen) werden die Anregungsenergien in allen drei Sche-
mata durch Differenzen der Einteilchenenergien gen¨
ahert. In diesem Fall stimmt das
Niveau der N¨
aherung mit dem auf Koopmans Theorem beruhenden Schema ¨
uberein,
welches eine in erster Ordnung St¨
orungstheorie konsistente Beschreibung liefert. Ich
m¨
ochte hier noch darauf hinweisen, daß die Separabilit¨
atseigenschaft f¨
ur die genaueren
N¨
aherungsmethoden der Vielteilchentheorie wie z. B. f¨
ur die CI-Methode [56] in keiner
Weise selbstverst¨
andlich ist.
6.4.3 Unit¨
are Transformationen der Einteilchenbasis
Um den Einfluß der endlichen N¨
aherung der zugrundeliegenden Einteilchenbasis
von den systematischen Unzul¨
anglichkeiten eines N¨
aherungsschemas unterscheiden zu
k¨
onnen, ist es wichtig, daß die N¨
aherung invariant unter Rotationen (d. h. unit¨
aren
Transformationen) der zugrundeliegenden Einteilchenbasis ist. Eine globale Invarianz
ist nur f¨
ur sogenannte exakte Methoden wie full CI 1selbstverst¨
andlich. Systema-
tisches Abschneiden der CI-Matrix, bei dem man Einfach-, Doppel- oder Dreifachan-
regungen bez¨
uglich einer gegebenen Referenzkonfiguration mitnimmt, sind immerhin
noch invariant unter solchen Transformationen, die besetzte und virtuelle Orbitale nicht
miteinander mischen. Eine derartige Invarianz trifft auf st¨
orungstheoretische Propaga-
tormethoden im allgemeinen nicht zu. Die FOSEP-Methode wie auch die RPA und
die TDA teilen diese Invarianz mit der CI-Methode, wohingegen die N¨
aherungsver-
fahren h¨
oherer Ordnung dies normalerweise nicht tun. Bei der SOPPA-Methode, einer
N¨
aherung zweiter Ordnung an den Polarisierungspropagator, wurden die Einfl¨
usse von
Rotationen der Einteilchenbasis numerisch untersucht [65].
Eine physikalische Motivation f¨
ur eine Modifikation der Einteilchenfunktionen kann
man daraus beziehen, daß die virtuellen Hartree-Fock-Orbitale ein zu¨
atzliches Teil-
chen in einem gemittelten Feld beschreiben und daher eher diffuse Funktionen darstel-
1Mit full configuration interaction (full CI) bezeichnet man die Diagonalisierung des Vielteilchen-
Hamilton-Operators in einer Basis, die sich aus allen m¨
oglichen Slater-Determinanten (Konfiguratio-
nen) aus einer gegebenen endlichen Einteilchenbasis mit vorgegebener, fester Teilchenzahl zusammen-
setzt. Die zugrundegelegte endliche Einteilchenbasis kann die Physik nat¨
urlich nur n¨
aherungsweise
beschreiben, aber darauf aufbauend wird dann das Vielteilchenproblem exakt gel¨
ost.
6.4. EIGENSCHAFTEN DER FOSEP-N ¨
AHERUNG 73
len, wohingegen die wesentlichen Effekte der Korrelation eher bei kleinen Abst¨
anden
auftreten, da hier Abschirmungseffekte noch nicht so wirksam sind wie bei gr¨
oßeren
Abst¨
anden. Folglich kann man hoffen, durch Transformation auf Orbitale, die st¨
arker
lokalisiert sind als Hartree-Fock-Orbitale, eine bessere Beschreibung der Korrelation
zu erreichen.
In einem st¨
orungstheoretischen Ansatz kann eine unit¨
are Transformation in der
Menge der virtuellen Einteilchenzust¨
ande realisiert werden, indem man ein (hermite-
sches) Einteilchenpotential zu H0aus Gleichung (1.20) addiert, das nur auf die virtu-
ellen Zust¨
ande Einfluß nimmt. Dieses Einteilchenpotential wird von H1aus Gleichung
(4.1) wieder abgezogen. Die neue Einteilchenbasis wird dann als die Orbitalbasis de-
finiert, die den modifizierten Hamiltonoperator nullter Ordnung diagonalisiert. Offen-
sichtlich ist nun die neue Basis mit der urspr¨
unglichen durch eine unit¨
are Transforma-
tion verkn¨
upft, welche die besetzten Einteilchenzust¨
ande nicht ver¨
andert und auch die
Slater-Determinante |ΦN
0iunber¨
uhrt l¨
aßt, wodurch die Unterscheidung zwischen be-
setzten und virtuellen Orbitalen erhalten bleibt. Aus den Definitionen (6.3) und (6.5)
der Matrizen εund SFOSEP kann man sehen, daß eine solche Transformation der Ein-
teilchenbasis auch eine unit¨
are Transformation der S¨
akulargleichung (6.6) bewirkt, die
ihre Blockstruktur (6.8) erh¨
alt. Das FOSEP-Eigenwertproblem (6.12) und (6.13) wird
also transformiert, ohne daß sich die Eigenwerte ¨
andern. Diese Argumentation l¨
aßt sich
analog auch auf die verwandten N¨
aherungen RPA und TDA ¨
ubertragen. Zusammenfas-
send kann man sagen, daß sowohl die FOSEP-N¨
aherung wie auch die RPA und die TDA
invariant unter unit¨
aren Transformationen innerhalb der Menge der virtuellen Einteil-
chenorbitale sind. Diese Eigenschaft l¨
aßt sich leicht auf unit¨
are Transformationen der
Orbitalbasis verallgemeinern, die besetzte und unbesetzte Orbitale nicht mischen.
In einem viel allgemeineren Sinn ist die Matrix Haa, die den prim¨
aren Block der
Matrixdarstellung Hdes verallgemeinerten Anregungsenergieoperators ˘
Hdarstellt, in-
variant unter beliebigen unit¨
aren Transformationen im Einteilchenraum. Da die einzige
unbekannte Gr¨
oße bei der Auswertung von Haa aus Gleichung (5.2) der exakte Grund-
zustand |ΨN
0iist (wir haben hier |ϕi=|ΨN
0igew¨
ahlt), folgen die Invarianzeigen-
schaften einer N¨
aherung an Haa aus der f¨
ur den Grundzustand gew¨
ahlten N¨
aherung.
In anderen Worten: Die Eigenwerte der Matrix Haa aus Gleichung (5.2) h¨
angen nur
von der gew¨
ahlten N¨
aherung f¨
ur den Grundzustand ab und nicht von den Einzelheiten
der Einteilchenbasis. Im speziellen Fall eines Systems von Teilchen, die nur mit Ein-
teilchenpotentialen wechselwirken, ist der prim¨
are Block Haa sogar unabh¨
angig vom
Grundzustand. In diesem schon in Abschnitt 5.1 diskutierten Fall liefert die erste Ord-
74 KAPITEL 6. TEILCHEN-LOCH-SELBSTENERGIE ERSTER ORDNUNG
nung der Matrix Haa schon die exakte L¨
osung f¨
ur die Anregungsenergien, die nat¨
urlich
invariant unter beliebigen unit¨
aren Transformationen der Einteilchenbasis ist.
6.4.4 St¨
orungstheoretische Analyse der Anregungsenergien
Um die Unterschiede zwischen der FOSEP-N¨
aherung, der RPA und der TDA zu un-
tersuchen, soll nun eine st¨
orungstheoretische Analyse der Anregungsenergien bis zu
zweiter Ordnung Rayleigh-Schr¨
odinger-St¨
orungstheorie ¨
ahnlich der in Referenz [13]
gegebenen durchgef¨
uhrt werden. Die Rayleigh-Schr¨
odinger-St¨
orungsreihe stellt selbst
keine zuverl¨
assige Methode zur Berechnung der Energien angeregter Zust¨
ande dar, ist
aber zur Analyse und zum Vergleich verschiedener N¨
aherungsmethoden sehr n¨
utzlich.
Wir nehmen an, daß die von der einfach angeregten Slater-Determinante
|Φαβi=a
αaβ|ΦN
0i(6.35)
ausgehende Rayleigh-Schr¨
odinger-Reihe gegen den angeregten Zustand |Ψαβikonver-
giert. Man beachte, daß hier αein Teilchenindex und βein Lochindex sein muß. Einen
Ausdruck f¨
ur die Anregungsenergie zweiter Ordnung erh¨
alt man, indem man den Aus-
druck zweiter Ordnung f¨
ur die Grundzustandsenergie EN
0vom entsprechenden Aus-
druck f¨
ur die Energie des angeregten Zustands Eαβ abzieht.
F¨
ur die Grundzustandsenergie zweiter Ordnung gilt der bekannte Ausdruck
E0(2) = E0(1) + U(2p2h)
0,(6.36)
wobei E0(1) = hΦN
0|ˆ
H|ΦN
0idie Grundzustandsenergie erster Ordnung darstellt. Der
Term
U(2p2h)
0=X
i<j
k<l
Vij[kl]
2
εi+εjεkεl
ninjnknl(6.37)
bezeichnet die Beitr¨
age zweiter Ordnung zur Grundzustandskorrelation. Die in der
Quantenchemie sehr gebr¨
auchliche N¨
aherung (6.36) f¨
ur die Grundzustandsenergie
bezeichnet man auch als Møller-Plesset-N¨
aherung zweiter Ordnung (MP-2). In der
Sprache der CI-Methode kann der Term zweiter Ordnung U(2p2h)
0als Wechsel-
wirkung der Grundzustands-Slater-Determinante |ΦN
0imit Zwei-Teilchen-Zwei-Loch-
Konfigurationen interpretiert werden. Die Energie des angeregten Zustands in zweiter
Ordnung kann ebenfalls leicht ausgewertet werden. Man findet den entsprechenden
Ausdruck in Referenz [13].
6.4. EIGENSCHAFTEN DER FOSEP-N ¨
AHERUNG 75
Die Anregungsenergie in zweiter Ordnung lautet dann
Eαβ(2) = Eαβ(2) E0(2)
=∆Eαβ(1) + U(ph)
αβ +U(2p2h)
αβ +Rαβ (6.38)
wobei Eαβ(1) = εαεβVαβ[αβ]die Anregungsenergie erster Ordnung ist. Die Terme
U(ph)
αβ und U(2p2h)
αβ bezeichnen Beitr¨
age zweiter Ordnung zur Energie des angeregten
Zustands, die von Wechselwirkungen der Konfiguration |Φαβimit anderen p-h- und
mit 2p-2h-Konfigurationen herr¨
uhren und in Referenz [13] zu finden sind. Der Teil Rαβ
ist der Rest einer teilweisen Ausl¨
oschung des Korrelationsanteils U(2p2h)
0der Grundzu-
standsenergie aus Gleichung (6.37) mit einem Beitrag zur Korrelation des angeregten
Zustands. Man kann ihn als Summe dreier Terme schreiben:
Rαβ =R1
αβ +R2
αβ +R3
αβ,(6.39)
wobei
R1
αβ =X
j,k,l
k<l
k,l6=β
Vαj[kl]
2
εα+εjεkεl
njnknl
R2
αβ =X
i,j,l
i<j
i,j6=α
Vij[βl]
2
εi+εjεβεl
ninjnl(6.40)
R3
αβ =X
j,l Vαj[βl]
2
εα+εjεβεl
njnl
Diese Terme verbleiben von U(2p2h)
0und entsprechen den Summanden aus Gleichung
(6.37) mit i=αoder k=β.Die¨
ubrigen Terme von U(2p2h)
0heben sich mit Beitr¨
agen
des angeregten Zustands weg.
Wir k¨
onnen nun Ausdruck (6.38) mit den Anregungsenergien zweiter Ordnung der
TDA, der RPA und der FOSEP-Methode vergleichen. Die N¨
aherungen f¨
ur die Anre-
gungsenergien in diesen Schemata findet man durch L¨
osen des entsprechenden Matrix-
Eigenwertproblems. Einfache St¨
orungstheorie f¨
ur Matrizen f¨
uhrt zur N¨
aherung zweiter
Ordnung f¨
ur die Eigenwerte. Man findet die folgenden Ausdr¨
ucke:
ETDA
αβ (2) = Eαβ(1) + U(ph)
αβ (6.41)
ERPA
αβ (2) = Eαβ(1) + U(ph)
αβ R3
αβ (6.42)
EFOSEP
αβ (2) = Eαβ(1) + U(ph)
αβ +R3
αβ (6.43)
76 KAPITEL 6. TEILCHEN-LOCH-SELBSTENERGIE ERSTER ORDNUNG
Alle drei N¨
aherungen sind also in erster Ordnung konsistent mit dem Ausdruck der
Rayleigh-Schr¨
odinger-Theorie (6.38). Demnach bezeichnet man sie gerechtfertigterwei-
se als N¨
aherungsschemata erster Ordnung. Die Beitr¨
age nullter und erster Ordnung
Eαβ(1) stammen aus den diagonalen Matrixelementen des ph-ph-Blocks (also des
TDA-Blocks) der Matrizen MFOSEP und MRPA der Gleichungen (6.12) und (6.33),
wohingegen die Terme zweiter Ordnung durch die Diagonalisierung erzeugt werden.
Selbstverst¨
andlich reproduziert keines der drei Schemata den Rayleigh-Schr¨
odinger-
Ausdruck zweiter Ordnung (6.38) vollst¨
andig. Eine konsistente Beschreibung in zweiter
Ordnung erreicht man nur mit genaueren und aufwendigeren N¨
aherungen wie ADC(2)
oder SOPPA.
Der Term U(ph)
αβ beschreibt einen Teil der Korrelation zweiter Ordnung des angereg-
ten Zustands, wie man aus Gleichung (6.38) sieht. Er stellt den einzigen Beitrag zweiter
Ordnung zur TDA-Anregungsenergie dar und stammt aus dem außerdiagonalen Teil
der TDA-Matrix, welche ja auch als ph-ph-Block Teil der FOSEP-Matrix MFOSEP ist.
In den FOSEP- und den RPA-Ausdr¨
ucken kommt zus¨
atzlich noch der Term R3
αβ vor,
der schon als Teil der Grundzustandskorrelation identifiziert wurde. Vergleicht man mit
der St¨
orungsentwicklung (6.38) der exakten Anregungsenergie, so f¨
allt auf, daß dieser
Term in der RPA-Anregungsenergie (6.42) mit falschem Vorzeichen auftritt. Bei der
FOSEP-N¨
aherung (6.43) hingegen ist das Vorzeichen mit der Rayleigh-Schr¨
odinger-
Entwicklung konsistent. Der Term R3
αβ entsteht durch die Kopplung des ph- mit dem
hp-Block in der FOSEP-Matrix MFOSEP aus Gleichung (6.12), bzw. in der RPA-Matrix
MRPA aus Gleichung (6.33). Der Leser sei daran erinnert, daß der einzige Unterschied
zwischen den FOSEP- und den RPA-Gleichungen in negativen Vorzeichen im hp-hp-
Block der S¨
akulargleichungen und der RPA-Metrik bestand. Diese Vorzeichen ziehen
sich hier in die Ausdr¨
ucke zweiter Ordnung durch und zeigen die Inkonsistenz der RPA
mit der Rayleigh-Schr¨
odinger-St¨
orungstheorie.
Interessanterweise liefern alle drei Teile von Rαβ aus Gleichung (6.40) positive Kor-
rekturen zur Anregungsenergie. Daher liegen die RPA-Anregungsenergien in zweiter
Ordnung immer niedriger als die TDA-Werte, wohingegen die FOSEP-N¨
aherung im
Einklang mit dem Vorzeichen des vollst¨
andigen Terms Rαβ die TDA-Energie nach
oben korrigiert. Ber¨
ucksichtigt man, daß die TDA die Grundzustandsenergie mit der
variationellen Hartree-Fock-Methode approximiert, dann ist es sinnvoll, eine Vergr¨
oße-
rung der Anregungsenergie zu erwarten, wenn Grundzustandskorrelation zus¨
atzlich
ber¨
ucksichtigt wird. Folglich k¨
onnen wir den Schluß ziehen, daß die FOSEP-Methode
im Gegensatz zur RPA Grundzustandskorrelation auf konsistente Weise ber¨
ucksichtigt.
6.4. EIGENSCHAFTEN DER FOSEP-N ¨
AHERUNG 77
DerinallendreiN
¨
aherungen fehlende Term U(2p2h)
αβ aus der Rayleigh-Schr¨
odinger-
Entwicklung zweiter Ordnung (6.38) tr¨
agt kein definiertes Vorzeichen, wie man aus
Gleichung (68c) in Referenz [13] sehen kann. Dieser Beitrag kann nat¨
urlich auch die
Anregungsenergie absenken und m¨
oglicherweise den Einfluß der Grundzustandskorre-
lation ¨
uberkompensieren. In diesem Fall kann die RPA also durch zuf¨
allige numerische
Kompensation zu besseren Ergebnissen f¨
uhren.
6.4.5 St¨
orungstheoretische Analyse der ¨
Ubergangsmomente
Ich m¨
ochte nun zeigen, daß mit FOSEP auch die Matrixelemente eines ¨
Ubergangsope-
rators zwischen dem Grundzustand und einem angeregten Zustand im Gegensatz zur
RPA in erster Ordnung konsistent gen¨
ahert werden k¨
onnen. Betrachten wir hierzu das
¨
Ubergangsmoment
Tαβ =hΨN
0|T|Ψαβi(6.44)
des (Einteilchen-) ¨
Ubergangsoperators Tf¨
ur den Teilchen-Loch-angeregten Zustand
|Ψαβi, der im letzten Abschnitt eingef¨
uhrt wurde. Bis zu erster Ordnung lautet die
St¨
orungsentwicklung
Tαβ(1) = hΦN
0|T|Φαβi+hΦN
0|T|Ψ(1)
αβi+hΨ(1)
o|T|Φαβi.(6.45)
Explizite Ausdr¨
ucke f¨
ur diese Terme erh¨
alt man durch direkte Anwendung der
Rayleigh-Schr¨
odinger-St¨
orungstheorie und kann man in Referenz [13] finden.
In analoger Weise zum vorangegangenen Abschnitt kann man den obigen Ausdruck
nun mit den Ergebnissen der Matrix-St¨
orungstheorie f¨
ur die TDA, die RPA und die
FOSEP-N¨
aherung f¨
ur ¨
Ubergangsmomente vergleichen. Man sieht so leicht, daß das
FOSEP-Eigenwertproblem (6.6) und (6.12) zusammen mit der N¨
aherung f¨
ur die ¨
Uber-
gangsmomente (6.7) zu einer konsistenten N¨
aherung erster Ordnung der ¨
Ubergangs-
momente f¨
uhrt. F¨
ur die TDA, die RPA und die ADC-Schemata erster und zweiter Ord-
nung wurde die st¨
orungstheoretische Analyse in Referenz [13] ausgef¨
uhrt. Dort wurde
gezeigt, daß der TDA-Ausdruck in erster Ordnung unvollst¨
andig ist, weil der Term
hΨ(1)
o|T|Φαβifehlt. Dieser Term beschreibt Grundzustandskorrelation erster Ordnung,
die in der TDA vernachl¨
assigt wird. In der RPA wird dieser Term korrekt beschrieben
und folglich die ¨
Ubergangsmomente in erster Ordnung konsistent gen¨
ahert. Diese Tat-
sache mag die Einsch¨
atzung rechtfertigen, das die RPA im Gegensatz zur TDA Grund-
zustandskorrelation ber¨
ucksichtigt. Ich m¨
ochte hier noch erw¨
ahnen, daß die ¨
Ubergangs-
momente auch in der ADC(1)-N¨
aherung in erster Ordnung konsistent beschrieben wer-
78 KAPITEL 6. TEILCHEN-LOCH-SELBSTENERGIE ERSTER ORDNUNG
den. ADC(1) ist ¨
aquivalent zur TDA, was die N¨
aherung von Anregungsenergien betrifft,
unterscheidet sich aber in der Behandlung der ¨
Ubergangsmomente [13].
6.4.6 Die ¨
Aquivalenz von length- und velocity-form der
Dipol- ¨
Ubergangsmomente
Die ¨
Ubergangsmomente des Dipoloperators spielen in vielen physikalischen Systemen
eine besondere Rolle. Aus ihnen berechnet man die sogenannten Oszillatorst¨
arken [66],
die als wichtige Parameter die Wechselwirkung eines Vielteilchensystems mit Strah-
lung charakterisieren. F¨
ur die exakten Dipol-¨
Ubergangsmomente gibt es eine Hier-
archie von ¨
aquivalenten Darstellungen ausgehend von der length- und der veloci-
ty-Darstellung. Die ¨
Aquivalenz der length- und der velocity-Darstellungen der Dipol-
¨
Ubergangsmomente wird durch die Identit¨
at
(EµE0)hΨµ|Z|ΨN
0i=ihΨµ|Pz|ΨN
0i(6.46)
ausgedr¨
uckt. Die rechte und linke Seite dieser Gleichung definieren gleichzeitig
die length- bzw. velocity-Darstellungen der Dipol-¨
Ubergangsmomente. Ohne Be-
schr¨
ankung der Allgemeinheit betrachten wir nur die z-Komponente Zdes Dipol-
operators. Die z-Komponente des Impulsoperators Pzist mit dem Dipoloperator
durch [H,Z]=iPzverkn¨
upft, vorrausgesetzt der Hamilton-Operator enth¨
alt nur
lokale Potentiale, wie es z. B. f¨
ur Coulomb-wechselwirkende Elektronen in Ato-
men oder Molek¨
ulen der Fall ist. Gleichung (6.46) folgt dann aus der Identit¨
at
(EµE0)hΨµ|Z|ΨN
0i=hΨµ|[H,Z]|ΨN
0i.
Es ist eine ganz besondere Eigenschaft der RPA, diese ¨
Aquivalenz exakt zu erhalten,
vorrausgesetzt die zugrundeliegende Hartree-Fock-Basis ist vollst¨
andig [67]. Tats¨
achlich
haben Hansen und Bouman [58] sogar gezeigt, daß man die RPA-Gleichungen mit
ihrer besonderen, nichthermiteschen Struktur ausgehend von einer CI-Darstellung der
Wellenfunktionen des Grund- und des angeregten Zustands herleiten kann, wenn man
spezielle hyperviriale Beziehungen fordert, die man als direkte Verallgemeinerung
der ¨
Aquivalenz von length- und velocity-Darstellung verstehen kann. In Hinsicht auf
die exakte Erf¨
ullung dieser Relationen m man also die RPA als einzigartig ansehen.
Um die st¨
orungstheoretische Entwicklung durchsichtig zu machen, f¨
uhre ich den
¨
ublichen St¨
orparameter λim Hamilton-Operator H=H0+λH1ein. Die Diskre-
panzfunktion µ(λ) sei dann definiert durch die Differenz der linken und der rechten
Seite von Gleichung (6.46). Sie ist eine Funktion von λ, die bei voller Wechselwirkung
6.5. ANWENDUNG AUF EIN EINFACHES MODELL 79
(d. h. λ= 1) verschwindet. F¨
ur λ= 0, was der Hartree-Fock-N¨
aherung f¨
ur die ¨
Uber-
gangsmomente entspricht, verschwindet sie jedoch keineswegs, da das Hartree-Fock-
Potential nichtlokal ist, womit die oben gegebene Argumentation f¨
ur die ¨
Aquivalenz
von length- und velocity-Darstellung nicht mehr zutrifft. Die St¨
orungsentwicklung von
µ(λ) verschwindet daher auch nicht Term f¨
ur Term, sondern wird im allgemeinen in
jeder Ordnung einen eigenen, nicht-verschwindenden Beitrag liefern.
Die TDA n¨
ahert nur die nullte Ordnung der Diskrepanzfunktion µ(λ) korrekt
und macht daher bereits einen Fehler von erster Ordnung in λ. Die FOSEP-N¨
aherung
reproduziert µ(λ) dagegen in erster Ordnung korrekt und macht somit einen Feh-
ler in zweiter Ordnung. Das gleiche gilt auch f¨
ur die RPA, die aber zus¨
atzlich noch
die besondere Eigenschaft hat, die Nullstelle ∆(λ= 1) = 0 zu reproduzieren. Der
Vollst¨
andigkeit halber soll erw¨
ahnt werden, daß ADC(1) [68] die Funktion µ(λ)in
erster Ordnung n¨
ahert, w¨
ahrend SOPPA [69] und ADC(2) [68] in zweiter Ordnung
konsistent sind. Keine dieser N¨
aherungen reproduziert jedoch das Verschwinden der
Diskrepanzfunktion bei λ=1.
Die FOSEP-N¨
aherung verh¨
alt sich also in Bezug auf die ¨
Aquivalenz von length- und
velocity-Darstellung so, wie man es von einer konsistenten N¨
aherung erster Ordnung
erwarten kann. Die verbleibende Diskrepanz der beiden Darstellungen, also der Fehler
zweiter Ordnung zur Diskrepanzfunktion µ(λ)l
¨
aßt sich als Test f¨
ur die G¨
ultigkeit
der N¨
aherung n¨
utzlich verwerten. In Abh¨
angigkeit von den besonderen Zielen einer
N¨
aherungsrechnung mag dies gegen¨
uber einer a-priori-Erf¨
ullung der ¨
Aquivalenz wie
bei der RPA, durch die der tats¨
achliche Fehler einer N¨
aherung verschleiert werden
kann, vorteilhaft erscheinen.
6.5 Anwendung auf ein einfaches Modell
In diesem Abschnitt sollen die Ergebnisse der FOSEP-N¨
aherung f¨
ur die Anregungs-
energien eines sehr einfachen Modellsystems mit denen der RPA, der TDA und den
exakten Ergebnissen verglichen werden. Das untersuchte Modell ist als Hubbard-Modell
f¨
ur das Wasserstoff-Molek¨
ul H2bekannt [70]. Im Rahmen dieses Modells k¨
onnen alle
Anregungsenergien in Abh¨
angigkeit von zwei Parametern berechnet werden, welche die
Auswirkungen der Coulomb-Wechselwirkung simulieren k¨
onnen.
80 KAPITEL 6. TEILCHEN-LOCH-SELBSTENERGIE ERSTER ORDNUNG
6.5.1 Definition und exakte L¨
osung des Modells
Im Hubbard-Modell f¨
ur das Wasserstoffmolek¨
ul wird jedes der beiden Atome durch
ein einziges elektronisches Energieniveau (Atomorbital) modelliert. Jedes Niveau, im
Folgenden mit |Riund |R’ibezeichnet, kann bis zu zwei Elektronen mit entgegen-
gesetztem Spin aufnehmen. Der Einteilchenteil hdes Hamilton-Operators enth¨
alt den
diagonalen Beitrag
hR|ˆ
h|Ri=hR’|ˆ
h|R’i=E,(6.47)
der eine Energie Ef¨
ur jedes Elektron beisteuert. Der nebendiagonale Term beschreibt
eine Anziehung durch den benachbarten Atomkern und stellt eine Amplitude f¨
ur das
Tunneln oder Springen eines Elektrons von einem Kern zum anderen dar:
hR|ˆ
h|R’i=hR’|ˆ
h|Ri=t(<0).(6.48)
Zus¨
atzlich gibt es eine Zweiteilchen-Wechselwirkung, die einen positiven Energiebei-
trag Uliefert, wenn ein Niveau gleichzeitig von zwei Elektronen besetzt wird. Dieser
Term soll die intraatomare Coulomb-Abstoßung zweier lokalisierter Elektronen mo-
dellieren. Man beachte, daß alle Wechselwirkungen unabh¨
angig vom Elektronenspin
sind.
Im Folgenden betrachten wir ein neutrales Wasserstoffmolek¨
ul [d. h. zwei Elektro-
nen in zwei Orbitalen]. Die L¨
osung der Hartree-Fock-Gleichungen liefert die beiden
(molekularen) Orbitalfunktionen
|gi=1
2(|Ri+|R’i) (6.49)
|ui=1
2(|Ri−|R’i) (6.50)
mit den zugeh¨
origen Hartree-Fock-Einteilchenenergien εg/u =E∓t+1
2U. In der Hartree-
Fock-Grundzustands-Slater-Determinante |ΦN
0i=|gg↓iist das Orbital |gidoppelt
besetzt. Um den ¨
Ubergang zwischen der Hartree-Fock-N¨
aherung zum korrelierten Pro-
blem deutlich zu machen, f¨
uhren wir wieder den St¨
orparameter λein, indem wir den
Hamilton-Operator
H=H0+λH1mit λ[0,1] (6.51)
verwenden. Der Fock-Operator H0und der Wechselwirkungsteil H1sind hierbei wie
zuvor definiert [Gleichungen (4.1) bis(4.4)]. Die Matrixelemente der Zweiteilchenwech-
selwirkung Vijkl, die H1definieren, sind durch die Transformation (6.49) und (6.50) ins
Bild der Atomorbitale bestimmt.
6.5. ANWENDUNG AUF EIN EINFACHES MODELL 81
F¨
ur die Zwei-Elektronen-Eigenzust¨
ande des Systems gibt es sechs unabh¨
angige
L¨
osungen. Entsprechend der m¨
oglichen Kombinationen der Elektronenspins findet man
drei Zust¨
ande mit Singulett-Symmetrie |Ψ0/1iund |Suiund einen entarteten Triplett-
Zustand |T1/0/1i:
|Ψ0iλ=αλ|gg↓i+βλ|uu↓i,
|Ψ1iλ=βλ|gg↓i+αλ|uu↓i,
|Sui=1
2(|ug↓i |gu↓i),
|T0i=1
2(|ug↓i+|gu↓i),
|T1i=|ug↑i,
|T1i=|ug↓i,
(6.52)
wobei
αλ=4t+16 t2+λ2U2
rλ2U2+4t+16 t2+λ2U22,
β2
λ=1α2
λ.
(6.53)
Die Abh¨
angigkeit vom St¨
orparameter λzeigt den Einfluß der Korrelation an, die nur
zwischen den Singulett-Slater-Determinanten |gg↓i und |uu↓i mit gerader
Symmetrie auftritt wird. Zur Vereinfachung der Notation soll im Folgenden der In-
dex λweggelassen werden. Man beachte, daß der unkorrelierte Fall λ= 0 entspricht,
in dem α= 1 und β= 0 sind. Dabei wird deutlich, daß |ΨN
0iaus dem Hartree-
Fock-Grundzustand |ΦN
0i=|gg↓i entsteht, wogegen |Ψ1imit der angeregten
2p-2h-Konfiguration |uu↓i verkn¨
upft wird und daher von den hier besprochenen
N¨
aherungsschemata erster Ordnung nicht approximiert wird. Die exakten Energieei-
genwerte der Zust¨
ande (6.52) lauten
E0=2E+Uλ
2Uq4t2+λ2
4U2,
E1=2E+Uλ
2U+q4t2+λ2
4U2,
ESu=2E+U,
ET=2E+UλU.
(6.54)
Die Anregungsenergien Eiwerden wie ¨
ublich durch die Differenz der Energien der
angeregten Zust¨
ande Eimit der Grundzustandsenergie E0definiert. Die zur Anregung
in den Triplett-Zustand ben¨
otigte Energie lautet z. B.
ET=ETE0=λ
2U+s4t2+λ2
4U2.(6.55)
Man beachte, daß die Entwicklung der Eiin einer Potenzreihe in λ(um λ= 0) die
Rayleigh-Schr¨
odinger-Reihe der Anregungsenergien liefert.
82 KAPITEL 6. TEILCHEN-LOCH-SELBSTENERGIE ERSTER ORDNUNG
6.5.2 Ergebnisse f¨
ur TDA, RPA und FOSEP
Da die Anregung vom Grundzustand in den Zustand |Ψ1inicht mit den behandel-
ten N¨
aherungen erster Ordnung approximiert werden kann, verbleibt eine Singulett-
Anregung von |ΨN
0iin den Zustand |Suiund die Anregung in einen der drei
Triplett-Zust¨
ande |Tii. Die Triplett-Anregung nach |T1iwird zum Beispiel durch eine
Teilchen-Loch-Anregung vom |g↓i in das |u↑i Orbital beschrieben. Die TDA-Matrix
f¨
ur diese Triplett-Anregung ist eindimensional, da der angeregte Zustand unkorreliert
ist. Das TDA-Ergebnis f¨
ur diese Triplett-Anregung
ETDA
T=2tλ
2U(6.56)
stimmt mit der ersten Ordnung der Rayleigh-Schr¨
odinger-St¨
orungstheorie ¨
uberein.
Die FOSEP-Matrix MFOSEP wie auch die RPA-Matrix sind jedoch wegen der Kopp-
lung an die entsprechende Loch-Teilchen-Konfiguration zweidimensional. Die FOSEP-
Matrix f¨
ur die Triplett-Anregung lautet
MFOSEP
T=
2tλ
2Uλ
2U
λ
2U2tλ
2U
.(6.57)
F¨
ur ihre Eigenwerte findet man
EFOSEP(p/u)
T=λ
2U±s4t2+λ2
4U2.(6.58)
Wie in Abschnitt 6.2 ausgef¨
uhrt, erh¨
alt man physikalische und unphysikalische Ei-
genwerte, von denen die letzteren keine physikalisch relevante Information tragen. Die
Unterscheidung zwischen physikalischem und unphysikalischem Eigenwert ist im vorlie-
genden Fall klar, da EFOSEP(p)
Tstets nicht-neagtiv ist, w¨
ahrend EFOSEP(u)
Tf¨
ur keine
Wahl der Parameter positiv wird. Man beachte, daß der physikalische Eigenwert hier
die exakte Anregungsenergie reproduziert, d. h. EFOSEP(p)
T=∆ET!
Der enge Zusammenhang des RPA-Eigenwertproblems mit der FOSEP-Matrix wur-
de schon in Abschnitt 6.4.1 aufgezeigt. Die L¨
osungen der RPA-Gleichungen f¨
ur die
Triplett-Anregungen lauten
ERPA(p/u)
T=±4t22λtU. (6.59)
Offensichtlich kann der Ausdruck unter der Quadratwurzel bei entsprechender Wahl
der Parameter durchaus negativ werden. In diesem Fall wird die RPA instabil.
6.5. ANWENDUNG AUF EIN EINFACHES MODELL 83
Anregungsenergie E
Störparameter λ
0.2 0.4 0.6 0.8 1
-4
-2
0
2
4
6
8
0.2 0.4 0.6 0.8 1
-6
-4
-2
0
2
TDA
RPA(p)
RPA(u)
FOSEP(u)
FOSEP(p)
Singulett
Triplett
TDA
FOSEP(u)
RPA FOSEP(p)
Abbildung 6.1: Eigenwerte der
FOSEP-, RPA- und TDA-
Gleichungen f¨
ur die Triplett-
und Singulett-Anregung wie im
Text beschrieben. F¨
ur die Pa-
rameter des Hubbard-Modells
wurde t= 1 und U=10
gew¨
ahlt. Die physikalischen
FOSEP-Anregungsenergien
EFOSEP(p)(in der Abbildung
mit FOSEP(p)bezeichnet) stim-
men jeweils mit den exakten
Anregungsenergien ¨
uberein.
F¨
ur die Triplett-Anregung
bricht die RPA zusammen und
liefert f¨
ur λ>0.2 komplexe
Eigenwerte.
Der obere Teil von Abbildung 6.1 zeigt die L¨
osungen der FOSEP-, der RPA- und
der TDA-Gleichungen f¨
ur die Triplett-Anregung als Funktion des St¨
orparameters λf¨
ur
eine bestimmte Wahl der Hubbard-Parameter tund U. Bei dieser Wahl der Parameter,
die einer starken intraatomaren Coulomb-Abstoßung entspricht, wird die RPA instabil.
WieimRahmenderst
¨
orungstheoretischen Analyse in Abschnitt 6.4.4 besprochen, liegt
die RPA- unter der TDA-L¨
osung, wohingegen die FOSEP-N¨
aherung dar¨
uber liegt. Wie
schon erw¨
ahnt wurde, ist in diesem Modell nur der Grundzustand |ΨN
0ikorreliert,
w¨
ahrend der angeregte Zustand |T1iunkorreliert ist. Die Grundzustandskorrelation
wird hier von der FOSEP-N¨
aherung aber nicht von der RPA richtig ber¨
ucksichtigt.
Man beachte, daß diese Aussage hier, d. h. f¨
ur das betrachtete Modell, auch jenseits
der zweiten Ordnung gilt. Damit liefert diese Modellstudie zur st¨
orungstheoretischen
Analyse von Abschnitt 6.4.4 komplement¨
are Information ¨
uber die Behandlung der
Grundzustandskorrelation.
F¨
ur die Singulett-Anregung findet man ¨
ahnliche Ergebnisse wie f¨
ur die Triplett-
Anregung. Das FOSEP-Ergebnis EFOSEP(p)
Sustimmt wieder mit der exakten Anre-
gungsenergie ESu=ESuE0¨
uberein. Das TDA-Ergebnis lautet
ETDA
Su=2t+λ
2U, (6.60)
84 KAPITEL 6. TEILCHEN-LOCH-SELBSTENERGIE ERSTER ORDNUNG
w¨
ahrend man mit der RPA
ERPA(p)
Su=4t2+2λtU (6.61)
erh¨
alt. Diese Ergebnisse sind mit denselben Parametern wie im Triplett-Fall im unteren
Teil von Abbildung 6.1 gezeigt.
Da die Wellenfunktion des |Sui-Zustands nicht durch eine einzelne Slater-
Determinante gegeben ist, kann sie nicht durch einfache Teilchen-Loch-Anregung er-
reicht werden. Stattdessen koppelt die Anregung von |g↑i nach |u↑i in der TDA-
Matrix mit der Anregung von |g↓i nach |u↓i. Bei Diagonalisierung der TDA-Matrix
entkoppeln diese p-h-Anregungen zu reinen Singulett- und Triplett-Anregungen. Ent-
sprechend hat hier die FOSEP- wie auch die RPA-Matrix die Dimension vier, wenn
man von reinen Teilchen-Loch-Anregungen ausgeht. Unter Ber¨
ucksichtigung der Spin-
Symmetrien zerfallen beide Matrizen in zweidimensionale Matrizen.
Die in Abbildung 6.1 verwendeten Hubbard-Parameter wurden so gew¨
ahlt, daß die
Unterschiede zwischen den drei besprochenen N¨
aherungen groß und deutlich sind. Bei
einem niedrigeren Abstoßungs-Parameter Ugegen¨
uber dem Tunnel-Parameter twird
die RPA stabil und die Unterschiede zwischen den N¨
aherungen werden kleiner. Aus
Gleichung (6.53) kann man sehen, daß Udie Quelle der Grundzustandskorrelation in
diesem Modell darstellt. Die vorgestellte Analyse unterst¨
utzt daher die Ergebnisse aus
Abschnitt 6.4.4 und f¨
uhrt zu dem Schluß, daß unter den drei vorgestellten N¨
aherungen
nur die FOSEP-Methode die Grundzustandskorrelation in konsistenter Weise ber¨
uck-
sichtigt.
Nat¨
urlich ist es eine außergew¨
ohnliche Besonderheit des vorgestellten, einfachen
Modells, daß die FOSEP-N¨
aherung die korrekten Anregungungsenergien liefert. Dieses
Modell ist selbstverst¨
andlich nicht angemessen, um R¨
uckschl¨
usse auf das Verhalten der
FOSEP-N¨
aherung f¨
ur realistische, große endliche Quantensysteme vorherzusagen, die
ja ein m¨
ogliches Hauptanwendungsgebiet darstellen. Das vorgestellte Modell sollte da-
her auch nicht als Test f¨
ur große numerische Rechnungen verstanden werden, sondern
eher als das einfachst m¨
ogliche System, an dem der Einfluß der Grundzustandskorre-
lation beleuchtet und analytisch untersucht werden konnte.
6.6 Abschließende Bemerkungen
Der Nutzen der FOSEP-N¨
aherung f¨
ur Rechnungen an realistischen Systemen m sich
noch erweisen. Vom derzeitigen Standpunkt der Untersuchungen aus hat die FOSEP-
Methode beste Aussichten auf eine weite Verbreitung. Insbesondere zur Kl¨
arung der
6.6. ABSCHLIESSENDE BEMERKUNGEN 85
elektronischen Struktur von gr¨
oßeren Molek¨
ulen, bei denen die Grundzustandskor-
relation eine wichtige Rolle spielt, k¨
onnte sie sehr hilfreich sein. Die Anwendbar-
keit der FOSEP-Methode k¨
onnte dadurch ausgeweitet werden, daß man von einem
aus mehreren Konfigurationen aufgebauten Referenzzustand anstatt der Hartree-Fock-
Slater-Determinante |ΦN
0iausgeht (z. B. im Rahmen der multi-configurational-self-
consistent-field-Methode, MC-SCF [56]). Dies w¨
urde eine angemessene Behandlung
offenschaliger und anderer Systeme erlauben, in denen starke Grundzustandskorrela-
tion die Beschreibung durch eine einzige Slater-Determinante in nullter Ordnung ver-
bietet. Die statische Teilchen-Loch-Selbstenergie ist f¨
ur eine solche Erweiterung ideal
geeignet, da die zu diagonalisierende Matrix (5.2) im Gegensatz zur RPA- oder TDA-
Methode prim¨
ar ohne Referenz auf besetzte oder unbesetzte Hartree-Fock-Orbitale
definiert ist. Daher stellt die Einbeziehung von Referenzzust¨
anden, die mehrere Konfi-
gurationen enthalten, eine nat¨
urliche Erweiterung des FOSEP-Schemas dar. Nahelie-
gende N¨
aherungen f¨
ur die statische Teilchen-Loch-Selbstenergie lassen sich auch von
einer Beschreibung des Grundzustands mit Hilfe der Dichtefunktionalmethode (den-
sity functional theory, DFT [71]) ableiten. Obwohl die DFT schon sehr erfolgreich bei
der Berechnung von Grundzustandseigenschaften ist, stellt die Beschreibung angereg-
ter Zust¨
ande ein lebendiges und offenes Feld der aktuellen Forschung dar [59,72–74]. In
dieser Beziehung scheint sich eine Adaption der statischen Teilchen-Loch-Selbstenergie
an die Dichtefunktionaltheorie anzubieten, da sie ein einfaches Modell f¨
ur Anregungs-
eigenschaften darstellt, das lediglich eine vern¨
unftige n¨
aherungsweise Beschreibung von
Ein- und Zweiteilchendichten des Grundzustands ben¨
otigt. Andererseits k¨
onnte auch
eine direkte Formulierung der Teilchen-Loch-Selbstenergie durch Dichtefunktionale zu
leistungsf¨
ahigen N¨
aherungen f¨
uhren. Eine weitere offene Frage stellt sich nach der Ent-
wicklung von N¨
aherungen h¨
oherer Ordnung f¨
ur die Teilchen-Loch-Selbstenergie. Eine
Realisierung von systematischen N¨
aherungen h¨
oherer Ordnung k¨
onnte dem in den Re-
ferenzen [39, 75] entwickelten Konzept der sogenannten intermediate state represen-
tations folgen und verbleibt als Aufgabe f¨
ur die Zukunft.
Kapitel 7
Optische Potentiale f¨
ur
Zweiteilchenstreuung
In diesem Kapitel soll gezeigt werden, daß erweiterte Zweiteilchen-Greensfunktionen,
die eine Dyson-Gleichung erf¨
ullen, benutzt werden k¨
onnen, um effektive Zweiteilchen-
gleichungen f¨
ur die Streuung von aus zwei Fermionen bestehenden Projektilen an ei-
nem korrelierten Vielteilchensystem herzuleiten.1Die Herleitung erfolgt hier am Bei-
spiel der in Gleichung (3.3) definierten erweiterten Teilchen-Teilchen-Greensfunktion,
ist jedoch etwas allgemeiner gehalten, indem sie von einem zun¨
achst nicht n¨
aher spe-
zifizierten, sogenannten Streupropagator ausgeht, der alleine ¨
uber seine Eigenschaften
definiert wird. Der Umweg ¨
uber den Streupropagator l¨
aßt nicht nur deutlich werden,
welche Eigenschaften der erweiterten Greensfunktionen f¨
ur das optische Potential not-
wendig sind, sondern erlaubt auch die elegante Beschreibung beliebiger gebundener
oder ungebundener Zust¨
ande des Zweiteilchenprojektils. Ich werde zeigen, daß die re-
duzible Selbstenergie des Streupropagators mit der T-Matrix der Streutheorie iden-
tifiziert werden kann. Im ¨
ubrigen wird eine effektive Lippmann-Schwinger-Gleichung
und eine der Schr¨
odinger-Gleichung analoge Eigenwertgleichung f¨
ur eine Zweiteilchen-
Streuamplitude mit optischem Potential hergeleitet. Das optische Potential ist dabei
durch die (gew¨
ohnliche, d. h. irreduzible) Selbstenergie des Streupropagators gegeben.
Die Ergebnisse dieses Kapitels wurden in Referenz [33] ver¨
offentlicht.
Mit den Zweiteilchen-Greensfunktionen des in dieser Arbeit untersuchten Typs kann
man unmittelbar elastische Streuprozesse eines Zweiteilchenprojektils an einem Viel-
teilchentarget beschreiben. Elastisch soll in diesem Zusammenhang bedeuten, daß das
1Eine fr¨
uhere Arbeit ¨
uber optische Zweiteilchenpotentiale im Zusammenhang mit Streuung von
Deuteronen am Atomkern findet man in Referenz [76].
87
88 KAPITEL 7. OPTISCHE POTENTIALE F ¨
UR ZWEITEILCHENSTREUUNG
Target nach dem Streuprozeß in demselben Zustand vorzufinden ist, in dem es vorher
pr¨
apariert wurde. In dem hier benutzten Zweiteilchenformalismus ist aber eine beliebige
Zustands¨
anderung des Zweiteilchenprojektils vorgesehen, so z. B. auch das Auseinan-
derbrechen eines gebundenen Zustands. Somit k¨
onnen also auch spezielle inelastische
Prozesse beschrieben werden. Der Einfachheit halber nehmen wir an, daß alle Teilchen
ununterscheidbare Fermionen sind, obwohl eine Verallgemeinerung auf unterschiedliche
Teilchensorten, z. B. zur Beschreibung des Positroniums, einfach durchgef¨
uhrt werden
k¨
onnen und die durchzuf¨
uhrenden Rechnungen in der Regel sogar vereinfachen.
7.1 Beschreibung in der Zeitdom¨
ane
Zu Beginn des zu beschreibenden Streuprozesses befinde sich das Target in einem
(nichtentarteten,) gebundenen Grundzustand |ΨN
0imit Nfermionischen Teilchen. Das
Projektil mag im einfachsten Fall aus zwei (asymptotisch) freien Fermionen bestehen;
d. h. der Zustand l¨
aßt sich schreiben als a
pa
q|vaki. Dies ist ein Eigenzustand des
Hamilton-Operators f¨
ur freie Teilchen, der mit dem Hamilton-Operator nullter Ord-
nung H0identifiziert werden kann.
Die gesamte relevante Information ¨
uber den Streuprozeß ist nun im Teilchen-
Teilchen-Anteil Πpp(ω) des bekannten Teilchen-Teilchen-Propagators (particle-particle
propagator) [77] enthalten:
Πpp
rs,r0s0(ω)=hΨN
0|asar
1
ωH+EN
0
a
r0a
s0|ΨN
0i.(7.1)
Der im Teilchen-Teilchen-Propagator ebenfalls enthaltene Loch-Loch-Anteil Πhh(ω)
enth¨
alt keinerlei im Zusammenhang mit dem betrachteten Streuprozeß relevante Infor-
mationen. Die erweiterte Teilchen-Teilchen-Greensfunktion G(pp)
rs,r0s0(ω) aus Gleichung
(3.3) stellt in dem gleichen Sinne eine Erweiterung des herk¨
ommlichen Teilchen-
Teilchen-Propagators dar, wie die in Kapitel 4 diskutierte erweiterte Teilchen-Loch-
Greensfunktion eine Erweiterung des Polarisierungspropagators ist [siehe z. B. Glei-
chung (4.22)].
Zur Beschreibung von Streuprozessen wird durch eine Formulierung in der Zeit-
dom¨
ane eine gr¨
oßere Anschaulichkeit und auch konzeptionelle Klarheit erreicht als in
der Energiedom¨
ane. Dazu betrachten wir kurz die Fourier-Transformation der verwen-
deten Propagatoren in die Zeitdom¨
ane. Dabei wird der Fourier-Transformation folgende
Konvention zugrundegelegt:
f(t):=Z
−∞
2πetf(ω).(7.2)
7.1. BESCHREIBUNG IN DER ZEITDOM ¨
ANE 89
In ¨
Ubereinstimmung mit der ¨
ublichen Notation definiere ich
Grs,r0s0(t, t0):=Grs,r0s0(tt0),
Πrs,r0s0(t, t0):
rs,r0s0(tt0).
Einen expliziten Ausdruck f¨
ur die erweiterte Teilchen-Teilchen-Greensfunktion
G(pp)
rs,r0s0(t, t0) findet man ¨
uber einen zu Gleichung (4.22) analogen Ausdruck ausgehend
von der Definition (3.3) f¨
ur G(pp)
rs,r0s0(ω). Entsprechend der Diskussion der erweiterten
Greensfunktionen f¨
ur reelle Argumente in Abschnitt 4.4 k¨
onnen wir die Zeitordnung
der erweiterten Greensfunktionen durch die Wahl der Vorzeichen des infinitesimalen
Parameters f¨
ur die einzelnen Komponenten jeweils frei w¨
ahlen. Eine geeignete Wahl
f¨
ur das Zweiteilchen-Streuproblem besteht darin, den Teilchen-Teilchen-Anteil Πpp f¨
ur
Zeiten t>t
0beitragen zu lassen, alle anderen Komponenten dagegen f¨
ur Zeiten t<t
0.
Setzt man den sekund¨
aren Referenzzustand mit |ϕi=|vakian, ergibt sich folgender
Ausdruck:
G(pp)
rs,r0s0(t, t0)=Π
pp
rs,r0s0(t, t0)Πhh
rs,r0s0(t, t0)
+θ(t0t)1
ihvak|as(t)a
s0(t0)|vaki·hΨN
0|a
r0(t0)ar(t)|ΨN
0i
−{r←→ s}−{r0←→ s0}+{r←→ s, r0←→ s0}.(7.3)
Die Zeitdarstellung der Komponenten des Teilchen-Teilchen-Propagators Πpp
rs,r0s0(t, t0)
Πhh
rs,r0s0(t, t0)lautet
Πpp
rs,r0s0(t, t0)=1
iθ(tt0)hΨN
0|ar(t)as(t)a
s0(t0)a
r0(t0)|ΨN
0i
Πhh
rs,r0s0(t, t0)=1
iθ(t0t)hΨN
0|a
s0(t0)a
r0(t0)ar(t)as(t)|ΨN
0i.(7.4)
Die kanonischen Erzeugungs- und Vernichtungsoperatoren stehen hier im Heisenberg-
Bild, das f¨
ur einen beliebigen Operator Aim Schr¨
odinger-Bild folgendermaßen definiert
ist:
A(t)=eiHtAeiHt.(7.5)
Die Heavysidesche Thetafunktion ist gem¨
Gleichung (1.2) definiert. Die Zeitordnung,
d. h. das Vorzeichen des Arguments der Thetafunktion wird wie ¨
ublich jeweils vom
Vorzeichen des Parameters geerbt [9]. Die Zeitordnung ist bei der Beschreibung
von Streuprozessen in der Zeitdom¨
ane wichtig, da durch sie die Randbedingungen
kontrolliert werden. F¨
ur die algebraischen Eigenschaften ist die Zeitordnung allerdings
90 KAPITEL 7. OPTISCHE POTENTIALE F ¨
UR ZWEITEILCHENSTREUUNG
ohne Bedeutung. Die Dyson-Gleichung f¨
ur die erweiterten Greensfunktionen liest sich
daher unabh¨
angig von der Zeitordnung
Grs,r0s0(t, t0)=G(0)
rs,r0s0(t, t0)
+X
pq
p0q0Z
−∞ dt1Z
−∞ dt2G(0)
rs,pq(t, t1)Spq,p0q0(t1,t
2)Gp0q0,r0s0(t2,t
0).(7.6)
Die erweiterte Teilchen-Teilchen-Greensfunktion in nullter Ordnung lautet in der Zeit-
dom¨
ane
G(pp)(0)
rs,r0s0(t, t0)=(δrr0δss0δrs0δsr0)1
iei(εr+εs)(tt0)
×[nrnsθ(tt0)(1 nrns)θ(t0t)].(7.7)
Solange der Parameter ηnicht verschwindet, ist die Selbstenergie in der Zeitdom¨
ane
eindeutig definiert. Selbstverst¨
andlich wirkt sich die Zeitordnung der Greensfunktion
auch auf die Selbstenergie aus; die Dyson-Gleichung (7.6) gilt aber in jedem Fall.
7.2 Streutheorie
Wir wollen nun zur Beschreibung eines allgemeineren Projektils ¨
ubergehen. Der Zwei-
teilchenzustand |Kisei Eigenzustand des Hamilton-Operators Hp, der das freie Pro-
jektil (ohne Wechselwirkung mit dem Streutarget) beschreibt:
Hp|Ki=EK|Ki(7.8)
|Ki:= A
K|vaki(7.9)
wobei A
Kder Erzeugungsoperator f¨
ur das Projektil ist:
A
K=Zdp dq φK(p, q)a
pa
q.(7.10)
Der kumulative Index Kumfaßt alle Quantenzahlen, die n¨
otig sind, um den Zweiteil-
chenzustand Kmit Energie EKzu charakterisieren. Die Parameter pund qkennzeich-
nen Einteilchenquantenzahlen, die z. B. Impuls pund Spin σbeinhalten, d. h. p=
(p). Da es bei der Beschreibung von Streuproblemen nat¨
urlicher erscheint, kontinu-
ierliche S¨
atze von Quantenzahlen zu verwenden als diskrete Orbitale, wird in diesem
Abschnitt von der bisherigen Notation abgewichen und Summen ¨
uber Ein- und Zwei-
teilchenindizes durch Integrale ersetzt. Dies ist nat¨
urlich nur ein rein formaler Schritt,
insbesondere da die Integrale auch weiterhin diskrete Summen enthalten, z. B. ¨
uber
7.2. STREUTHEORIE 91
Spinindizes. Die Operatoren a
pund a
qerzeugen Einteilchenzust¨
ande mit den gegebenen
Quantenzahlen. Die Gr¨
oße φK(p, q) spielt die Rolle einer Zweiteilchen-Wellenfunktion.
Der einfache Fall eines Projektils, das aus zwei freien Teilchen besteht, ist als Spe-
zialfall in der allgemeinen Behandlung enthalten. Der Hamilton-Operator Hpf¨
ur das
freie Projektil reduziert sich auf den Operator der kinetischen Energie und die Opera-
toren a
pund a
qk¨
onnen als Erzeuger f¨
ur ebene Wellen gew¨
ahlt werden. In diesem Fall
kann die Wellenfunktion die Form
φK(p, q)=δk1pδk2q(7.11)
annehmen, wobei K(k1,k
2) gilt. Die im Folgenden zu entwickelnde Theorie wird
f¨
ur einen allgemeinen Projektilzustand ausgearbeitet, wobei es aber hilfreich sein wird,
gelegentlich auf den einfacheren Fall der freien Projektilteilchen zur¨
uckzukommen.
Die wichtigste, theoretisch berechenbare Gr¨
oße zur Beschreibung der Ergebnisse
von Streuexperimenten ist die sogenannte Streumatrix oder kurz S-Matrix:
S(KK0)=hΨ
K|Ψ+
K0i.(7.12)
Wir m¨
ochten die elastische Streuung der Zweiteilchenzust¨
ande |Kibeschreiben. Die
S-Matrix gibt dann die Wahrscheinlichkeitsamplitude f¨
ur die Streuung des Zweiteil-
chenprojektils |K0iam Targetzustand |ΨN
0iin den Projektilzustand |Kian, wobei
das Target in dem Zustand |ΨN
0iverbleibt. Gleichung (7.12) definiert die S-Matrix als
Skalarprodukt der sogenannten station¨
aren Streuzust¨
ande:
|Ψ±
Ki= lim
t→∓∞A
K(t)|ΨN
0ieiEKt.(7.13)
Der Erzeugungsoperator f¨
ur das Projektil A
Ksteht hier in dem in Gleichung (7.5)
definierten Heisenberg-Bild. Die station¨
aren Streuzust¨
ande k¨
onnen als Zust¨
ande im
Heisenberg-Bild aufgefaßt werden, die sich asymptotisch in der fernen Vergangenheit
bzw. Zukunft wie ein freies Projektil |Kiund Target |ΨN
0iohne Wechselwirkung
verhalten.
Streng genommen konvergiert der Grenzwert in Gleichung (7.13) nicht im ¨
ublichen
Sinn und sollte als Abelscher Limes [78] verstanden werden:
|Ψ±
Ki= lim
ε&0Z∓∞
0 e±ετ A
K(τ)|ΨN
0ieiEKτ.(7.14)
Eine derartige Beschreibung von Streuzust¨
anden geht auf Gell-Mann und Goldberger
[79] zur¨
uck. Im Folgenden wird diese Beschreibung mit dem Abelschen Limes ohne
weiteren Hinweis immer dort verwendet, wo sie angebracht ist.
92 KAPITEL 7. OPTISCHE POTENTIALE F ¨
UR ZWEITEILCHENSTREUUNG
F¨
ur die S-Matrix findet man nun
S(KK0) = lim
t→∞
t0→−∞
eiEKthΨN
0|AK(t)A
K0(t0)|ΨN
0ieiEK0t0.(7.15)
Benutzt man die Definition (7.10) des Erzeugungsoperators A
Kf¨
ur das Zweiteilchen-
projektil, so l¨
aßt sich die S-Matrix folgendermaßen umformen:
S(KK0) = lim
t→∞
t0→−∞
ei(EKt−EK0t0)Zdp dq dp0dq0
×φ
K(p, q)hΨN
0|aq(t)ap(t)a
p0(t0)a
q0(t0)|ΨN
0iφK0(p0,q0) (7.16)
= lim
t→∞
t0→−∞
ei(EKt−EK0t0)Zdp dq dp0dq0
×φ
K(p, q
pp
pq,p0q0(t, t0)φK0(p0,q0).(7.17)
Das letzte Gleichheitszeichen folgt aus der Definition (7.1) des Propagators Πpp(ω)in
der Zeitdom¨
ane. Gleichung (7.17) zeigt, daß der Teilchen-Teilchen-Anteil Πpp(ω)des
Teilchen-Teilchen-Propagators die gesamte relevante Information ¨
uber den Streupro-
zeß enth¨
alt. Offensichtlich kann man Πpp(ω) durch die erweiterte Teilchen-Teilchen-
Greensfunktion G(pp)(ω) oder auch durch den Teilchen-Teilchen-Propagator ersetzen,
wenn die Zeitordnung der zus¨
atzlichen Komponenten entsprechend gew¨
ahlt ist, da die
Zeitrichtung t>t
0in Gleichung (7.17) vorgegeben ist.
7.3 Allgemeine Bedingungen an den Streupropaga-
tor
Wie schon fr¨
uher angemerkt, soll dieses Kapitel im Wesentlichen zeigen, wie die
erweiterte Zweiteilchen-Greensfunktion benutzt werden kann, um das Vielteilchen-
Streuproblem auf effektive Zweiteilchen-Streugleichungen zu reduzieren. Die im fol-
genden gegebene Herleitung beruht aber nur auf wenigen fundamentalen Eigenschaf-
ten dieser Greensfunktionen. Die wesentlichen Voraussetzungen f¨
ur die Herleitung von
effektiven Streugleichungen mit einem gutartigen optischen Potential sind, daß die be-
nutzte Greensfunktion den Propagator Πpp(ω) (bzw. den einfachsten, die physikalische
Situation beschreibenden Propagator) enth¨
alt und die Dyson-Gleichung erf¨
ullt. Da man
m¨
oglicherweise andere Greensfunktionen als die vorgestellten erweiterten Greensfunk-
tionen mit den geforderten Eigenschaften finden kann oder die gegebene Herleitung auf
andere physikalische Situationen (z. B. Excitonenprobleme als Teilchen-Loch-Streuung)
7.3. ALLGEMEINE BEDINGUNGEN AN DEN STREUPROPAGATOR 93
¨
ubertragen k¨
onnen m¨
ochte, soll das Symbol ˜
GK,K0(t, t0)f
¨
ur den sogenannten Streupro-
pagator eingef¨
uhrt werden, der durch die weiter unten beschriebenen Eigenschaften
charakterisiert wird. Der Einfachheit halber wird dieser Propagator mit Zweiteilchen-
quantenzahlen wie Kund K0indiziert, welch die Paare von Einteilchenindizes ersetzen.
Zwischen den beiden M¨
oglichkeiten, die Zweiteilchen-Greensfunktionen zu indizieren,
vermittelt eine Transformation, die durch (einen vollst¨
andigen Satz von) Zweiteilchen-
Wellenfunktionen φK(p, q) wie in Gleichung (7.10) gegeben ist.
Im Folgenden sollen die ben¨
otigten Eigenschaften f¨
ur den Streupropagator
explizit genannt werden.
(i) F¨
ur Zeiten t>t
0reduziert sich der Streupropagator auf den transformierten
Teilchen-Teilchen-Anteil Πpp(ω) des Teilchen-Teilchen-Propagators:
i˜
GK,K0(t, t0)=hΨN
0|AK(t)A
K0(t0)|ΨN
0if¨
ur t>t
0(7.18)
Diese Bedingung erlaubt die Verkn¨
upfung der S-Matrix aus Gleichung (7.15) f¨
ur die
S-Matrix mit dem Streupropagator. Die zweite Bedingung verlangt die wichtigste neue
Eigenschaft der erweiterten Zweiteilchenpropagatoren:
(ii) Der Streupropagator erf¨
ullt eine Dyson-Gleichung:
˜
GK,K0(t, t0)= ˜
G(p)
K,K0(t, t0)
+ZdK1dK2dt1dt2˜
G(p)
K,K1(t, t1)˜
SK1,K2(t1,t
2)˜
GK2,K0(t2,t
0).(7.19)
Hier erscheint der Propagator ˜
G(p), der das freie Projektil beschreibt:
i˜
G(p)
K,K0(t, t0)=θ(tt0)δK,K0eiEK(tt0),(7.20)
wobei Koder K0einer Teilmenge von Zweiteilchenquantenzahlen angeh¨
oren, mit
der die m¨
oglichen Projektilzust¨
ande beschrieben werden.
Die Integrale ¨
uber Kiin Gleichung (7.19) laufen ¨
uber den gesamten Zweiteilchenraum.
Die Deltafunktion δK,K0steht f¨
ur eine geeignete Normierungsbedingung. Die tats¨
achli-
che Form dieser Bedingung h¨
angt von dem benutzten Satz an Zweiteilchenquantenzah-
len ab. Im Beispiel zweier freier Projektilteilchen lautet die Normierungsbedingung
δK,K0=δk1k0
1δk2k0
2δk1k0
2δk2k0
1.(7.21)
Der antisymmetrische zweite Term auf der rechten Seite tr¨
agt der Ununterscheidbarkeit
der fermionischen Komponententeilchen des Projektils Rechnung. Im Falle eines gebun-
denen Zustands als Projektil kann der Index Kandererseits eine interne Quantenzahl
94 KAPITEL 7. OPTISCHE POTENTIALE F ¨
UR ZWEITEILCHENSTREUUNG
ndes Projektils mit einem Wellenvektor des Massenschwerpunkts ~
kzusammenfassen
und eine zugeh¨
orige Delta-Funktion lautet
δK,K0=δnn0δ~
k~
k0.(7.22)
Die dritte Bedingung besitzt einen eher unbedeutenden, technischen Grund. Die
in der Zeitdom¨
ane definierten Greensfunktionen, die von zwei Zeitvariable abh¨
angen,
lassen sich in der Regel auch als Funktion der Zeitdifferenz auffassen, wenn die totale
Energie des betrachteten Systems erhalten bleibt. Dementsprechend wird gefordert:
(iii) Als Konsequenz der Energieerhaltung sollen die Funktion ˜
Gund die anderen
Funktionen, die in der Dyson-Gleichung (7.19) vorkommen, nur von der Zeitdif-
ferenz tt0abh¨
angen.
Man sieht leicht, daß diese Bedingungen von der erweiterten Teilchen-Teilchen-
Greensfunktion G(pp)
k1k2,k0
1k0
2(t, t0) aus Gleichung (7.3) erf¨
ullt wird, wenn das Projektil aus
zwei asymptotisch freien Teilchen besteht und dementsprechend K(k1,k
2) gilt. Die
Greensfunktion nullter Ordnung G(pp)(0)
k1k2,k0
1k0
2(t, t0) aus Gleichung (7.7) kann dann mit dem
Propagator f¨
ur das freie Projektil ˜
G(p)
K,K0(t, t0) identifiziert werden.
Im allgemeineren Fall eines Projektils, das sich in einem beliebigen, m¨
oglicherweise
gebundenen Zweiteilchenzustand befindet, erf¨
ullt die transformierte Funktion
˜
GK,K0(t, t0):=Zdp dq dp0dq0φ
K(p, q)Gpq,p0q0(t, t0)φK0(p0,q0) (7.23)
die Bedingungen. Falls der Projektilzustand |Kikeine Slater-Determinante ist und
daher auch kein Eigenzustand eines Einteilchenoperators, was normalerweise f¨
ur ge-
bundene Zweiteilchenprojektile der Fall ist, m man noch Vorsicht walten lassen. Da
der in der Vielteilchen-St¨
orungstheorie verwendete Hamilton-Operator nullter Ord-
nung H0ein Einteilchenoperator sein muß, wird sich der Propagator des freien Projek-
tils ˜
G(p)(t, t0) aus Gleichung (7.20) normalerweise von der erweiterten Greensfunktion
nullter Ordnung G(pp)(0)(t, t0) sowohl in den Phasen wie auch in dem Satz der Quan-
tenzahlen, die diesen Propagator diagonalisieren, unterscheiden. Dies stellt aber kein
wirkliches Problem dar, da die Dyson-Gleichung (7.6) f¨
ur Gauch problemlos so umge-
schrieben werden kann, daß G(0) durch den Projektilpropagator ˜
G(p)ersetzt wird. Diese
Prozedur beinhaltet eine triviale Renormierung des energieunabh¨
angigen (statischen)
Teils der Selbstenergie S(ω), die sich aus Gleichung (3.17) ergibt.
Falls auch f¨
ur echte Zweiteilchen-Projektilzust¨
ande die Verbindung zur St¨
orungs-
theorie in dem Sinn gewahrt bleiben soll, daß ˜
G(p)die nullte Ordnung von ˜
Gdar-
stellt, m ein Weg gefunden werden, den Projektil-Hamilton-Operator Hp, der prim¨
ar
7.4. OPTISCHES POTENTIAL UND BEZUG ZUR T-MATRIX 95
einen Operator im Zweiteilchen-Hilbert-Raum darstellt, in den Fockraum-Hamilton-
Operator nullter Ordnung H0einzuschließen. Man m dann daf¨
ur sorgen, daß der
Zustand |Kides freien Projektils orthogonal zum Grundzustand des Targets in null-
ter Ordnung, der Slater-Determinante |ΦN
0i, ist, damit beide Zust¨
ande Eigenzust¨
ande
eines neu zu konstruierenden Operators ˜
H0sein k¨
onnen. Dies kann man z. B. errei-
chen, indem man den Projektilzustand nur aus virtuellen (Hartree-Fock-) Orbitalen
konstruiert, wie es in Referenz [76] beschrieben wird.
7.4 Optisches Potential und Bezug zur T-Matrix
Unter Benutzung der ersten geforderten Eigenschaft (7.18) k¨
onnen wir nun mit Hilfe
von Gleichung (7.15) die S-Matrix durch den Streupropagator ausdr¨
ucken:
S(KK0) = lim
t→∞
t0→−∞
i˜
GK,K0(t, t0)ei(EKt−EK0t0).(7.24)
Um die Verbindung mit der popul¨
aren T-Matrix-Beschreibung der Streutheorie her-
zustellen, schreiben wir die Dyson-Gleichung (7.19) um, indem wir die sogenannte
reduzible Selbstenergie oder T-Matrix der Greensfunktion ˜
TK,K0(t, t0) einf¨
uhren:
˜
G=˜
G(p)+˜
G(p)˜
T˜
G(p)
˜
T=˜
S+˜
S˜
G(p)˜
T(7.25)
In der hier benutzten Kurznotation sind Gr¨
oßen wie ˜
GMatrizen mit den Paaren
(K, t) und (K0,t
0) als Indizes. Das Matrixprodukt beinhaltet dabei die Integration ¨
uber
alle inneren Indizes, d. h. ¨
uber die Zweiteilchen-Quantenzahlen und die Zeitvariable.
Zum Beispiel gilt:
˜
G(p)˜
T˜
G(p)(K,t)(K0,t0)
=
ZdK1dK2dt1dt2˜
G(p)
K,K1(t, t1)˜
TK1,K2(t1,t
2)˜
G(p)
K2,K0(t2,t
0).(7.26)
Wie man leicht durch Einsetzen von (7.25) in den Ausdruck (7.24) f¨
ur die S-Matrix
unter Benutzung der Eigenschaft (i) sieht, gilt
S(KK0)=δKK02πi ˜
TK,K0(EK)δ(EK−EK0).(7.27)
Die Gr¨
oße ˜
TK,K0(EK) bezeichnet hier die Fourier-Transformierte der reduziblen Selbst-
energie ˜
TK,K0(t, t0) bei der Energie EK. Die Fourier-Transformation der reduziblen
96 KAPITEL 7. OPTISCHE POTENTIALE F ¨
UR ZWEITEILCHENSTREUUNG
Selbstenergie ˜
Tauf eine einzelne Energievariable ist m¨
oglich, da ˜
Tnur Funktion der
Zeitdifferenz ist, was aus der Eigenschaft (iii) folgt.
Gleichung (7.27) erlaubt nun, die reduzible Selbstenergie ˜
TK,K0(EK) mit der soge-
nannten on-shell-T-Matrix t(KK0) der Streutheorie [80] zu identifizieren, die
folgendermaßen definiert wird:
S(KK0)=δKK02πiδ(EK−EK0)t(KK0).(7.28)
Damit ist nun die Verbindung zwischen der Zweiteilchen-Greensfunktion ˜
Gund den
effektiven Zweiteilchengr¨
oßen der Streutheorie, n¨
amlich der S- und der T-Matrix her-
gestellt. In Gleichung (7.25) ¨
ubernimmt die Selbstenergie ˜
Sdie Rolle des Streupotenti-
als und kann daher mit dem optischen Potential f¨
ur Zweiteilchenstreuung identifiziert
werden. Im analogen Fall der Einteilchenstreuung am korrelierten Vielteilchentarget
¨
ubernimmt die Einteilchen-Greensfunktion G(t, t0) die Rolle des Streupropagators. In
diesem Zusammenhang sind auch die in den Referenzen [10,55] gegebenen Herleitungen
f¨
ur Einteilchenstreuung mit dem optischen Potential der Einteilchen-Greensfunktion
von Interesse.
7.5 Eine effektive Lippmann-Schwinger-Gleichung
Die Analogie zur Einteilchenstreuung soll nun weitergef¨
uhrt und effektive Streuglei-
chungen hergeleitet werden. Dazu definiere ich zun¨
achst Streuamplituden, welche die
Rolle von effektiven Zweiteilchen-Wellenfunktionen einnehmen werden:
fK0+(K, t):=hΨN
0|AK(t)|Ψ+
K0i.(7.29)
Diese Amplituden enthalten schon die gesamte f¨
ur den Streuprozeß relevante Informa-
tion, da man die S-Matrix durch
S(KK0) = lim
t→∞eiEKtfK0+(K, t) (7.30)
ausdr¨
ucken kann. Die Beziehung zur Greensfunktion erh¨
alt man unter Verwendung von
(7.18):
fK0+(K, t) = lim
t0→−∞i˜
GK,K0(t, t0)eiEK0t0.(7.31)
Die Zeitabh¨
angigkeit ihrer Streuamplituden l¨
aßt sich aus der Definition berech-
nen, wenn man ber¨
ucksichtigt, daß |ΨN
0iund |Ψ+
K0iEigenfunktionen des Hamilton-
Operators sind:
fK0+(K, t)=hΨN
0|AK(t)|Ψ+
K0i
7.5. EINE EFFEKTIVE LIPPMANN-SCHWINGER-GLEICHUNG 97
=hΨN
0|eiHtAKeiHt |Ψ+
K0i
=eiEK0tfK0+(K).(7.32)
Das letzte Gleichheitszeichen definiert die zeitunabh¨
angige Streuamplitude.F
¨
ur
sie gilt:
fK0+(K)=eiEK0tfK0+(K, t) (7.33)
=hΨN
0|AK|Ψ+
K0i.(7.34)
Man kann nun die Dyson-Gleichung f¨
ur ˜
Gausnutzen, um eine effektive Lippmann-
Schwinger-Gleichung f¨
ur die zeitunabh¨
angige Streuamplitude fK0+(K) herzuleiten.
Setzt man die Dyson-Gleichung (7.19) in Gleichung (7.31) ein und benutzt Gleichung
(7.33), dann gelangt man nach einigen einfachen Manipulationen zu den folgenden
Gleichungen:
fK0+(K) = lim
t0→−∞ie
iEK0t˜
GK,K0(t, t0)eiEK0t0
=δKK0+ lim
t0→−∞iZdK1dK2dt1dt2×
eiEK0t˜
G(p)
K,K1(t, t1)˜
SK1,K2(t1,t
2)˜
GK2,K0(t2,t
0)eiEK0t0(7.35)
Ausf¨
uhren der Zeitintegration unter Ausnutzung von Eigenschaft (iii) des Streupropa-
gators f¨
uhrt zur gew¨
unschten Arbeitsgleichung f¨
ur die zeitunabh¨
angige Streuamplitude:
fK0+(K)=δKK0+ZdK1dK2˜
G(p)
K,K1(EK0)˜
SK1,K2(EK0)fK0+(K2).(7.36)
Diese Integralgleichung kann benutzt werden, um die Streuamplitude z. B. iterativ
auszurechnen, wenn die Selbstenergie ˜
S(ω) bekannt ist. Gleichung (7.36) steht in star-
ker Analogie zur Lippmann-Schwinger-Gleichung der herk¨
ommlichen Streutheorie. Die
Selbstenergie steht hier an Stelle des Potentials. Damit wurde also eine exakte Be-
schreibung unseres vorgegebenen Vielteichen-Streuproblems in einem optischen Mo-
dell hergeleitet: Das urspr¨
ungliche (N+ 2)-Teilchen-Problem wurde reduziert auf das
Problem der Streuung von zwei Teilchen an einem optischen Potential. Das durch die
Selbstenergie ˜
S(ω) realisierte optische Potential ist im allgemeinen energieabh¨
angig,
nichtlokal und m¨
oglicherweise komplex und ber¨
ucksichtigt vollst¨
andig die Korrelati-
on innerhalb des Targets wie auch die Wechselwirkung zwischen dem Target und den
Projektil-Teilchen. Wie bereits in Abschnitt 5.1 f¨
ur die Selbstenergie der erweiterten
Teilchen-Loch-Greensfunktion gezeigt wurde, wird die Selbstenergie energieunabh¨
angig
und nahezu trivial f¨
ur Systeme, bei denen nur Wechselwirkungen mit Einteilchenpo-
tentialen und keine echten Zweiteilchenkr¨
afte eine Rolle spielen.
98 KAPITEL 7. OPTISCHE POTENTIALE F ¨
UR ZWEITEILCHENSTREUUNG
Diese Formulierung der Zweiteilchenstreuung entwickelt sich also in vollst¨
andiger
Analogie zur elastischen Streuung eines Fermions an einem Vielteilchentarget. Dort
¨
ubernimmt die Selbstenergie Σ(ω) der Einteilchen-Greensfunktion die Rolle des op-
tischen Potentials [10, 24, 55, 81], das f¨
ur Einteilchenpotentiale unabh¨
angig von der
Energie wird.
7.6 Eine Zweiteilchen-Eigenwertgleichung
In der herk¨
ommlichen Streutheorie stellt die Lippmann-Schwinger-Integralgleichung
eine Alternative zu Schr¨
odingers Eigenwertgleichung dar. Man kann folglich erwarten,
daß es durch eine Beschreibung im Rahmen eines optischen Modells ebenfalls m¨
oglich
ist, eine effektive Eigenwertgleichung f¨
ur die Streuamplituden zu formulieren. Multipli-
ziert man die Integralgleichung (7.36) mit der Energiedifferenz (EK0−EK), erh¨
alt man
durch Fourier-Transformation der Gleichung (7.20) die gew¨
unschte Gleichung:
(EK−EK0)fK0+(K)+ZdK2˜
SK,K2(EK0)fK0+(K2) = 0 (7.37)
Dies ist eine Eigenwertgleichung im Hilbert-Raum f¨
ur zwei Teilchen. Sie wurde in
einer Basis von Zweiteilchen-Wellenfunktionen formuliert, die den in Abschnitt 7.2
definierten Hamilton-Operator f¨
ur das freie Projektil Hpdiagonalisieren. F¨
uhrt man
Hpwieder ein und wechselt von der Darstellung in Quantenzahlen zur abstrakten
Dirac-Schreibweise, kann man Gleichung (7.36) folgendermaßen umschreiben:
{Hp+S(EK0)}fK0+E=EK0fK0+E.(7.38)
Die effektiven Streuzust¨
ande |fK0+isind die abstrakten Vektoren der ¨
uber
die Zust¨
ande der freien Projektilteilchen |Kiaus Gleichung (7.9) gewonnenen
Zweiteilchen-Streuamplituden
hK|fK0+i=fK0+(K).(7.39)
Der Operator S(EK0)wird¨
uber seine Matrixelemente definiert:
hK1|S(ω)|K2i=˜
SK1,K2(ω).(7.40)
Die Greensfunktion ˜
GK1,K2(ω)l
¨
aßt sich nun interpretieren als eine Darstellung der
Resolvente G(ω), die folgende Operatoridentit¨
at im Zweiteilchenraum erf¨
ullt:
{Hp+S(ω)ω}G(ω)id.(7.41)
7.6. EINE ZWEITEILCHEN-EIGENWERTGLEICHUNG 99
Hier dr¨
uckt sich also aus, daß der Streupropagator, der ja durch eine erweiterte
Zweiteilchen-Greensfunktion realisiert wird, die Resolvente des f¨
ur die Zweiteilchen-
streuung zutreffenden effektiven und energieabh¨
angigen Hamilton-Operators ist.
Ich m¨
ochte an dieser Stelle noch kurz auf eine ¨
altere Arbeit von Junkin und Villars
aus dem Jahr 1967 eingehen, in der auch schon ein optisches Potential f¨
ur Zweiteil-
chenstreuung beschrieben wird [76]. In dieser Arbeit wird ein optisches Potential aus-
gehend von dem Teilchen-Teilchen-Anteil Πpp(ω) des Teilchen-Teilchen-Propagators
aus Gleichung (7.1) ohne Erweiterungen konstruiert. Formal l¨
aßt sich ein effektiver
Zweiteilchen-Hamilton-Operator auch durch Inversion dieses Propagators definieren.
Der so definierte energieabh¨
angige Zweiteilchenoperator enth¨
alt allerdings einen linear
mit der Energievariablen ωanwachsenden Term, der bei großen Energien divergiert,
wie im analogen Fall der Einteilchenstreuung von Capuzzi und Mahaux angemerkt
wurde [27]. Um diese Divergenz zu umgehen, m¨
ussen Junkin und Villars das Projektil-
teilchen so einschr¨
anken, daß es nur aus virtuellen Hartree-Fock-Orbitalen aufgebaut
sein kann. Sie entwickeln dann das optische Potential in den Potenzen einer Rest-
wechselwirkung, die keine Streuung zwischen unbesetzten Orbitalen erlaubt. Das in
dieser Arbeit vorgestellte optische Potential f¨
ur Zweiteilchenstreuung erscheint vom
konzeptionellen Standpunkt aus betrachtet befriedigender, da keine Beschr¨
ankungen
des Zweiteilchen-(Projektil-)Raums n¨
otig sind. Generell wird nicht zwischen besetzten
und unbesetzten Orbitalen unterschieden. Auch das in Abschnitt 5.1 besprochene Ver-
halten der erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen gegen¨
uber Einteilchenpotentia-
len bietet einen Kontrast zwischen beiden Vorgehensweisen. W¨
ahrend die erweiterten
Zweiteilchen-Greensfunktionen Einteilchenpotentiale schon in erster Ordnung exakt
ber¨
ucksichtigen, f¨
uhrt der Ansatz von Junkin und Villars zu einer unendlichen Reihe.
Zusammenfassend k¨
onnen wir nun folgendes vermerken: Ausgehend von einem be-
liebigen Propagator sind es die Eigenschaften (i), (ii) und (iii) aus Abschnitt 7.3, die zu
den zuletzt besprochenen effektiven Streugleichungen f¨
uhren. Der Nutzen dieser Glei-
chungen f¨
ur die n¨
aherungsweise Berechnung von Streuparametern ergibt sich aus den
Eigenschaften der Selbstenergie. Wie an verschiedenen Stellen schon gezeigt wurde,
besitzen die Selbstenergien der erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen eine gutar-
tige, zur Einteilchen-Greensfunktion analoge analytische Struktur und verhalten sich
sinnvoll gegen¨
uber Einteilchenpotentialen. Aus diesen Gr¨
unden stellen die erweiter-
ten Zweiteilchen-Greensfunktionen ein n¨
utzliches Werkzeug f¨
ur Zweiteilchenstreuung
dar. Im folgenden Kapitel soll nun der statische Anteil des optischen Potentials f¨
ur
Zweiteilchenstreuung weitergehend analysiert werden.
Kapitel 8
Eigenschaften der statischen
Streupotentiale
In diesem Kapitel soll die statische Selbstenergie der erweiterten Zweiteilchen-
Greensfunktionen in ihrer Funktion als statisches Streupotential weiter untersucht
werden. Da das optische Potential f¨
ur ein gegebenes Streuproblem nicht eindeutig be-
stimmt ist [27], erscheint es sinnvoll, das hergeleitete optische Potential vom formalen,
praktischen und intuitiven Standpunkt aus kritisch zu beurteilen. Man kann dabei eine
n¨
utzliche Analogie zum etablierten optischen Potential f¨
ur Einteilchenstreuung aus der
Einteilchen-Greensfunktion ziehen. Ich beginne daher mit einer Betrachtung der Ein-
teilchenstreuung und vergleiche dabei die alternativen Beschreibungen ¨
uber die Greens-
funktion und das optische Potential von Feshbach. Die eingehende Diskussion der
Einteilchenpotentiale wird dann hilfreich sein, einzelne Terme der Teilchen-Teilchen-
Selbstenergie zu identifizieren. Die Betrachtung eines Coulomb-wechselwirkenden Sy-
stems in Ortsraumdarstellung erlaubt es, die wichtigsten Terme im energieunabh¨
angi-
gen Teil des optischen Potentials zu interpretieren. Schließlich soll die Interpretation
der statischen Selbstenergie als Streupotential auch auf die Teilchen-Loch-Selbstenergie
¨
ubertragen werden. Die in diesem Kapitel vorgestellten Betrachtungen basieren auf Re-
ferenz [34].
8.1 Optische Potentiale f¨
ur Einteilchenstreuung
Wir betrachten im Folgenden die physikalische Situation der Streuung von einem ein-
zelnen Teilchen an einem N-Teilchen-Target, das sich im gebundenen Grundzustand
|ΨN
0ibefindet. Alle Teilchen sind ununterscheidbare Fermionen und wir betrachten nur
101
102 KAPITEL 8. EIGENSCHAFTEN DER STATISCHEN STREUPOTENTIALE
den elastischen Streukanal, also die Streuereignisse, bei denen das Target sich auch nach
dem Streuprozeß wieder im Grundzustand |ΨN
0ibefindet. Die Einfl¨
usse der Wechsel-
wirkung des Projektilteilchens mit dem Vielteilchentarget k¨
onnen durch ein optisches
Potential ber¨
ucksichtigt werden [82]. Wie schon in der Einleitung angemerkt wurde,
ist das optische Potential hier ein energieabh¨
angiger, nichtlokaler Operator im Einteil-
chenraum, der es erlaubt durch L¨
osung von Einteilchen-Streugleichungen die Effekte
des Vielteilchentargets exakt zu ber¨
ucksichtigen. Falls inelastische Streuung energetisch
m¨
oglich ist, wird das optische Potential zu einem nichthermiteschen Operator, der den
Verlust von Streuamplitude in inelastische Kan¨
ale beschreiben kann.
8.1.1 Das optische Potential der Einteilchen-Greensfunktion
Von Bell und Squires [24] wurde gezeigt, daß die Selbstenergie Σ(ω) der Einteilchen-
Greensfunktion ein exaktes optisches Potential f¨
ur elastische Einteilchenstreuung dar-
stellt. Traditionell wird die Selbstenergie durch eine unendliche Summation irre-
duzibler Diagramme aus der Feynman-Dyson-St¨
orungsentwicklung der Einteilchen-
Greensfunktion definiert [9]. Die algebraische Herleitung der Dyson-Gleichung und die
entsprechende Definition der Selbstenergie [37,38] lieferten die Motivation zur Entwick-
lung der erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen und wurden in Kapitel 1 ausf¨
uhr-
lich besprochen.
¨
Ahnlich wie bei den erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen kann auch die
Einteilchen-Greensfunktion als Resolvente eines energieabh¨
angigen effektiven Hamil-
tonoperators im Einteilchenraum verstanden werden [siehe Gleichung (1.24)]:
G(ω)= 1
ω1H(G)(0)
aa Σ(ω).(8.1)
Betrachten wir nun den statischen, d. h. energieunabh¨
angigen Teil des optischen
Hamilton-Operators der Einteilchen-Greensfunktion:
R(G)
pq := hH(G)(0)
aa ipq
pq()=hΨN
0|ap,hH,a
qi+|ΨN
0i.(8.2)
Die Kommutatoren der Erzeugungs- und Vernichtungsoperatoren mit dem Hamilton-
Operator Haus (1.19), (1.20) und (4.1) (4.3) sind leicht auszuwerten. Wir erhalten
den Ausdruck
R(G)
pq =εpδpq +vpq +V(G)
pq (8.3)
f¨
ur den statischen Anteil des effektiven Hamilton-Operators der Einteilchen-
Greensfunktion. Die ersten beiden Terme auf der rechten Seite sind leicht als
8.1. OPTISCHE POTENTIALE F ¨
UR EINTEILCHENSTREUUNG 103
Auswirkungen des Einteilchen-Anteils des Hamilton-Operators wie die kinetische
Energie und externe Kr¨
afte auf das Projektilteilchen zu interpretieren. Der dritte
Term
V(G)
pq =hΨN
0|aphV,a
qi+|ΨN
0i
=X
kl
Vpk[ql]ρlk (8.4)
beschreibt die Zweiteilchenwechselwirkungen zwischen dem Projektil und den Target-
Teilchen. Die Einteilchendichte ρij ist folgendermaßen definiert:
ρij =hΨN
0|a
jai|ΨN
0i.(8.5)
Der Wechselwirkungsteil der statischen Selbstenergie wird anschaulich zug¨
angli-
cher, wenn man ein lokales Wechselwirkungspotential ber¨
ucksichtigt und die For-
meln in die Ortsraumdarstellung ¨
ubertr¨
agt. Wir betrachten im folgenden Coulomb-
wechselwirkende Elektronen, bei denen das Wechselwirkungsmatrixelement im Orts-
raum
Vr1r2r0
1r0
2=δr1r0
1δr2r0
2
|r1r2|(8.6)
lautet. Die Indizes r=(r) sind aus einem Ortsvektor rund einem Spin-Anteil σ
zusammengesetzt. Die zutreffende Delta-Funktion lautet hier δrr0:= δ(rr0)δσσ0.
In der Ortsraumdarstellung lautet der Wechselwirkungsanteil der statischen Selbst-
energie (oder des energieunabh¨
angigen Anteils des optischen Hamilton-Operators der
Einteilchen-Greensfunktion)
V(G)
rr0=δrr0Zdr1
ρr1
|rr1|ρrr0
|rr0|,(8.7)
wobei die Integration hier ¨
uber den dreidimensionalen Konfigurationsraum l¨
auft und
zus¨
atzlich eine Summation ¨
uber die Spinindizes beinhaltet. Die Gr¨
oße ρr=ρrr be-
zeichnet den diagonalen Anteil der Einteilchendichte. Im Falle eines Targets, das sich
in einem nichtentarteten Singulett-Zustand befindet, l¨
aßt sich der Spinanteil leicht ab-
separieren und der folgende r¨
aumliche Anteil bleibt ¨
ubrig [83]:
V(G)(r,r0)=δ(rr0)Zdr1
ρ(r1)
|rr1|ρ(r,r0)
|rr0|.(8.8)
Hier wird offensichtlich, daß die statische Selbstenergie die Coulomb-Abstoßung des
Projektils von der statischen Ladungsdichte des Targets beschreibt. Diese Repulsion
wird allerdings dadurch vermindert, daß sich das Projektil-Elektron mit einem der
104 KAPITEL 8. EIGENSCHAFTEN DER STATISCHEN STREUPOTENTIALE
Target-Elektronen austauschen kann. Diesem Austauschprozeß wird durch den zwei-
ten Term auf der rechten Seite Rechnung getragen. Falls die Wellenfunktion des Streu-
targets durch eine Slater-Determinante gen¨
ahert wird, dann approximiert der stati-
sche effektive Streu-Hamilton-Operator R(G)die Projektil-Target-Wechselwirkung auf
dem sogenannten static-exchange Niveau. Berechnet man dagegen R(G)mit einer
korrelierten Grundzustandsdichte, so erh¨
alt man die sogenannte correlated static-
exchange N¨
aherung [84–86]. Diese N¨
aherungen k¨
onnen selbstverst¨
andlich Effekte,
die durch die ¨
Anderung der Wellenfunktion des Targets in Antwort auf das ankommen-
de Projektil entstehen, nicht ber¨
ucksichtigen. Diese als dynamische Effekte bezeichne-
ten Einfl¨
usse werden durch den energieabh¨
angigen (dynamischen) Teil der Selbstenergie
ber¨
ucksichtigt.
8.1.2 Das optische Potential nach Feshbach
Das optische Potential von Feshbach [26] war das erste optische Potential, das streng
hergeleitet wurde. Es gibt jedoch unendlich viele physikalisch ¨
aquivalente optische Po-
tentiale. Die mathematischen Eigenschaften von einigen effektiven Einteilchenpotentia-
le wurden von Capuzzi und Mahaux untersucht [27]. Eine ¨
aquivalente Formulierung des
von Feshbach hergeleiteten effektiven Hamilton-Operators, der die kinetische Energie
f¨
ur das Projektilteilchen und das optische Potential enth¨
alt, lautet in Matrixschreib-
weise
h(F)(E)=[R(F) +D(E)]σ1.(8.9)
Der Zusammenhang mit den von Feshbach angegebenen Formeln [26] findet sich in
Referenz [27]. Die Matrix σsteht f¨
ur die Differenz der Einheitsmatrix und der Einteil-
chendichte des Grundzustands mit den Matrixelementen
σpq =hΨN
0|apa
q|ΨN
0i
=δpq ρpq.(8.10)
Man beachte, daß die Eigenwerte dieser Matrix durch Eins abz¨
uglich der nat¨
urlichen
Besetzungszahlen des Grundzustands des Targets gegeben sind. Falls das Target einen
unkorrelierten Kern (hard core) enth¨
alt, verschwinden Eigenwerte der Matrix σund
sie kann nicht im ganzen Einteilchenraum invertiert werden. Stattdessen m man den
unkorrelierten Kern explizit von dem f¨
ur die Projektil-Wellenfunktion zug¨
anglichen
Raum ausschließen. Wenn die Wellenfunktion gar durch eine Slater-Determinante be-
schrieben wird, wird die Matrix σzum Projektor auf den Raum der virtuellen Orbitale.
8.1. OPTISCHE POTENTIALE F ¨
UR EINTEILCHENSTREUUNG 105
Die Matrix R(F) nennen wir den statischen Teil des effektiven Hamilton-Operators
nach Feshbach. Sie wird durch die Matrixelemente
R(F)
pq =hΨN
0|ap[H,a
q]|ΨN
0i(8.11)
definiert. Der dynamische Teil D(E) (siehe Referenz [27]) besitzt Pole, die man Reso-
nanzen von Zwei-Teilchen-Loch- und h¨
oheren Anregungen zuordnen kann, und einen
Verzweigungsschnitt oberhalb der Ionisierungsschwelle. Die analytische Struktur des
dynamischen Teils ist vom formalen Standpunkt aus gesehen ¨
ahnlich zur dynamischen
Selbstenergie (3.21). Das ist nicht sehr ¨
uberraschend, da die Projektionsmethode, mit
der das Feshbach-Potential hergeleitet wird [26], formal sehr der in Kapitel 1 oder in
den Referenzen [37,38] beschriebenen Herleitung der Dyson-Gleichung ¨
ahnelt. Bei der
Einteilchen-Greensfunktion wird eine Partitionierung durchgef¨
uhrt, die eine Projekti-
on auf einen von orthonormalen Zust¨
anden aufgespannten prim¨
aren Raum bewirkt.
Beim Feshbach-Potential dagegen wird auf die nichtorthogonalen Zust¨
ande a
r|ΨN
0i
projiziert.
Wie beim optischen Potential der Selbstenergie im vorausgegangenen Abschnitt
soll nun der statische Anteil R(F)
pq von Feshbachs optischem Hamilton-Operator n¨
aher
untersucht werden:
R(F)
pq =εpσpq +X
j
vpjσjq +V(F)
pq ,(8.12)
wobei
V(F)
pq =hΨN
0|[ap,V]a
q|ΨN
0i.(8.13)
Zun¨
achst bemerkt man, daß der reine Einteilchenanteil in h(F)(E) nach herausk¨
urzen
der Matrix σin (8.9) mit dem Einteilchenanteil des optischen Hamilton-Operators der
Einteilchen-Greensfunktion ¨
ubereinstimmt. Der Wechselwirkungsteil V(F)
pq unterschei-
det sich jedoch von der analogen Gr¨
oße der Greensfunktion V(G)
pq aus Gleichung (8.7)
dadurch, daß er die Zweiteilchendichte
γijkl =hΨN
0|a
la
kaiaj|ΨN
0i(8.14)
des Target-Zustands enth¨
alt. Die Zweiteilchendichte spielt hier eine Rolle, weil der Er-
wartungswert hΨN
0|[ap,V]a
q|ΨN
0iProdukte von je drei Erzeugungs- und drei Ver-
nichtungsoperatoren enth¨
alt. Nachdem je ein Erzeuger und ein Vernichter durch Aus-
werten des Kommutators verschwindet, bleibt eine Zweiteilchendichte ¨
ubrig. Um einen
¨
ubersichtlichen Ausdruck f¨
ur V(F)
pq herzuleiten, beachte man nun, daß die Zweiteilchen-
dichte einer Slater-Determinante gem¨
γSd
ijkl =ρikρjl ρilρjk (8.15)
106 KAPITEL 8. EIGENSCHAFTEN DER STATISCHEN STREUPOTENTIALE
in Produkte von Einteilchendichten zerf¨
allt. Wenn man nun die verbleibende Zweiteil-
chendichte
˜γijkl =γijkl γSd
ijkl (8.16)
einf¨
uhrt, so kann man R(F)
pq folgendermaßen ausdr¨
ucken:
R(F)
pq =X
iR(G)
pi σiq +X
jkl
˜γpljiVijlq.(8.17)
Im Fall eines unkorrelierten (also durch eine Slater-Determinante beschriebenen) Tar-
gets, reduziert sich der statische Anteil des optischen Hamilton-Operators nach Fesh-
bach (8.9) also auf die wohlbekannte static-exchange-N¨
aherung. Bei korrelierten Tar-
gets bleibt jedoch ein Term ¨
ubrig, der von dem nicht-faktorisierenden Anteil ˜γplji der
Zweiteilchendichte herr¨
uhrt und nicht leicht anschaulich gedeutet werden kann. Wir
schließen daraus, daß im Vergleich mit dem Feshbach-Potential das optische Poten-
tial der Einteilchen-Greensfunktion, das auch f¨
ur nur teilweise korrelierte Targets im
gesamten Einteilchenraum wohldefiniert ist, den einfacher zu berechnenden und intui-
tiveren statischen Anteil besitzt. Der Vollst¨
andigkeit halber soll noch erw¨
ahnt werden,
daß der Zugang von Feshbach auch im dynamischen Anteil des optischen Potentials
mehr Probleme mit sich bringt, die sich bei Studien an Kernmaterie zumindest f¨
ur
niedrige Energien in einer komplizierteren Energieabh¨
angigkeit und Nichtlokalit¨
at ma-
nifestieren [27,87].
8.2 Statische Zweiteilchenpotentiale
In Kapitel 7 wurde gezeigt, daß die Selbstenergie der erweiterten Teilchen-Teilchen-
Greensfunktion G(pp)(ω) ein exaktes optisches Potential f¨
ur elastische Streuung von
zwei Projektilteilchen an einem Vielteilchentarget darstellt. Wenn beide Projektilteil-
chen asymptotisch frei sind, kann man einfach die kinetische Energie als Projektil-
Hamilton-Operator Hpund als nullte Ordnung H0w¨
ahlen. Der effektive Hamilton-
Operator f¨
ur das Zweiteilchen-Streuproblem ist dann wie gew¨
ohnlich die Summe des
Anteils nullter Ordnung H(pp)(0)
aa , der jetzt die kinetische Energie der beiden Projektil-
teilchen beschreibt, und der Selbstenergie S(pp)(E), welche die gesamte Wechselwirkung
ber¨
ucksichtigt. Wechselwirkung tritt sowohl zwischen den Projektilteilchen untereinan-
der auf, als auch zwischen den Projektil- und Targetteilchen, innerhalb des Targets und
gegebenenfalls mit externen Kr¨
aften auf. Der statische Teil des optischen Hamilton-
Operators lautet
R(pp)
rs,r0s0=hH(pp)
aa irs,r0s0=(a
r,a
s|ˆ
H|a
r0,a
s0).(8.18)
8.2. STATISCHE ZWEITEILCHENPOTENTIALE 107
Die Beitr¨
age des Einteilchenanteils des Hamilton-Operators Hk¨
onnen wegen der Li-
nearit¨
at der Superoperatoren ˆ
H=ˆ
H0v+ˆ
Vwieder einfach abgespalten werden:
R(pp)
rs,r0s0=(εr+εs)(δrr0δss0δrs0δrs0)+Srs,r0s0() (8.19)
mit
S(pp)
rs,r0s0()=vrr0δss0+δrr0vss0vrs0δrs0δrs0vrs0+V(pp)
rs,r0s0.(8.20)
Die kinetische Energie und der Einfluß ¨
außerer Kr¨
afte wird also schon durch den stati-
schen Anteil des effektiven Hamilton-Operators exakt beschrieben und ist unabh¨
angig
von m¨
oglichen N¨
aherungen an der Targetwellenfunktion. Man beachte, daß sich die
M¨
oglichkeit, die beiden mit rund sgekennzeichneten Projektilteilchen auszutauschen,
explizit im Einteilchenanteil des effektiven Hamilton-Operators niederschl¨
agt. Aus den
Gleichungen (8.19) und (8.20) sieht man, daß die von der kinetischen Energie und von
¨
außeren Feldern herr¨
uhrenden Teile antisymmetrisch bez¨
uglich Vertauschung der In-
dizes sind. Der ebenfalls antisymmetrische Wechselwirkungsteil V(pp)
rs,r0s0der statischen
Selbstenergie l¨
aßt sich durch Anwendung der Definitionen (2.2) und (2.11) aus Kapitel
2 berechnen:
V(pp)
rs,r0s0=(a
r,a
s|ˆ
V|a
r0,a
s0)
=hΨN
0|hasar,hV,a
r0a
s0ii|ΨN
0i+
(hϕ|hhV,a
r0i,a
ri+|ϕihΨN
0|a
s0as|ΨN
0i+
δss0hΨN
0|hV,a
r0i+ar|ΨN
0i)
(rs)(r0s0)+(rs&r0s0),(8.21)
wobei der Ausdruck in geschweiften Klammern insgesamt vier mal mit vertauschten
Indizes auftritt, wie in der letzten Zeile von Gleichung (8.21) angedeutet wird. Betrach-
tet man wieder den Fall von Coulomb-wechselwirkenden Elektronen und transformiert
die Gleichung (8.21) in die Ortsraumdarstellung, so erh¨
alt man, bedingt durch die
vielen M¨
oglichkeiten, die beiden Elektronen miteinander und mit den Targetteilchen
auszutauschen, eine Vielzahl von Termen. In Anhang B sind alle auftretenden Terme
aufgef¨
uhrt. Im Folgenden sollen nur die wichtigsten Terme motiviert und besprochen
werden.
Auf den ersten Blick erwartet man zun¨
achst Terme, welche die Abstoßung der Pro-
jektilteilchen untereinander und die Coulomb-Wechselwirkung der Projektilteilchen mit
108 KAPITEL 8. EIGENSCHAFTEN DER STATISCHEN STREUPOTENTIALE
der statischen Ladungsverteilung des Targets beschreiben. Diese Terme treten auch
dann auf, wenn die Projektilteilchen von den Targetteilchen unterscheidbar sind, al-
so z. B. f¨
ur Streuung von Positronen oder Protonen an einem elektronischen Target
(z.B.AtomoderMolek
¨
ul). Um diese Terme zu isolieren, f¨
uhre ich daher positronische
Erzeugungs- und Vernichtungsoperatoren c
rund crein, die mit elektronischen Ope-
ratoren a
rund arvertauschen. Ber¨
ucksichtigt man nun die Coulomb-Wechselwirkung
der Positronen im Wechselwirkungsoperator Vcomposite f¨
ur das zusammengesetzte Sy-
stem aus Elektronen und Positronen1, so ergibt sich der folgende Ausdruck f¨
ur den
Wechselwirkungsteil der statischen Selbstenergie f¨
ur die erweiterte Teilchen-Teilchen-
Greensfunktion:
V(Positronen)
rs,r0s0=(c
r,c
s|ˆ
Vcomposite|c
r0,c
s0)
=(δrr0δss0δrs0δrs0) 1
|rs|Zdr1
ρr1
|r1r|Zdr1
ρr1
|r1s|!.(8.22)
Dieses sehr intuitive Ergebnis zeigt, daß die statische Teilchen-Teilchen-Selbstenergie
bereits die gesamte Zweiteilchenwechselwirkung im Projektil wie auch die Coulomb-
Wechselwirkung mit der statischen Ladungsdichte des Targets enth¨
alt. Die M¨
oglichkeit
des Austausches der beiden Projektilteilchen ist in Gleichung (8.22) explizit durch die
antisymmetrischen Delta-Funktionen gegeben.
Kehrt man zur¨
uck zur Streuung von Projektilteilchen, die ununterscheidbar von den
Teilchen des Targets sind, erwartet man zus¨
atzliche Austauschterme. Diese Terme tre-
ten tats¨
achlich auf und die Berechnung aus Gleichung (8.21) ergibt neun verschiedene
Terme:
(a
r,a
s|ˆ
V|a
r0a
s0)=A+B+C+D+E+F+G+I+J
(rs)(r0s0)+(rs&r0s0).(8.23)
Wie zuvor schon erw¨
ahnt, sind alle Terme in Anhang B aufgef¨
uhrt. Man beachte, daß
außerhalb des Target, d. h. wenn die Positionen r,r0,sund s0so gew¨
ahlt werden,
daß die Einteilchendichte des Targets dort verschwindet, nur die Terme Aund Bmit
ihren antisymmetrischen Kombinationen ¨
ubrigbleiben. Diese Terme reproduzieren bis
auf den offensichtlichen Wechsel im Vorzeichen der Projektil-Target-Wechselwirkung
wieder Gleichung (8.22).
1Der zu illustrativen Zwecken gew¨
ahlte Operator Vcomposite wurde aus Referenz [88] ¨
ubernommen
und ber¨
ucksichtigt die statische Coulomb-Wechselwirkung aber keine relativistischen Effekte, insbe-
sondere nicht die M¨
oglichkeit der Paarvernichtung.
8.2. STATISCHE ZWEITEILCHENPOTENTIALE 109
Von den ¨
ubrigen Termen l¨
aßt sich der Term C=δss0ρrr0
|rr0|am einfachsten
identifizieren. Dieser Beitrag stellt eine Art Austauschwechselwirkung eines einzel-
nen Projektilteilchens mit dem Target dar, die schon bei der Einteilchenstreuung in
Gleichung (8.7) aufgetreten ist. Alle anderen Terme m¨
ussen entweder als Coulomb-
Wechselwirkung innerhalb des Projektils mit simultanem Austausch zwischen Projek-
til und Target (DG) gedeutet werden oder als Austausch zwischen Projektil und
Target mit simultaner Projektil-Target-Wechselwirkung (Iund J). Das Auftreten von
Zweiteilchen-Dichten in den Termen Fund Ierscheint in diesem Zusammenhang nicht
unnat¨
urlich, obwohl sich diese gemischten oder simultanen Austauschterme einer in-
tuitiven Interpretation entziehen.
Man beachte, daß die Terme Gund Jzur Einteilchendichte ρϕ
ij =hϕ|a
jai|ϕides se-
kund¨
aren Referenzzustands |ϕiproportional sind, der in der Definition (2.2) der erwei-
terten Zust¨
ande |A, B) eingef¨
uhrt wurde. Die Wahl dieses Referenzzustands hat keine
Auswirkungen auf die algebraischen Eigenschaften der erweiterten Zust¨
ande, insbeson-
dere nicht f¨
ur die Herleitung der Dyson-Gleichung. F¨
ur die hier betrachtete statische
Selbstenergie ergeben sich offensichtlich Unterschiede und die Freiheit in der Wahl des
sekund¨
aren Referenzzustands kann nun genutzt werden, um die statische Selbstener-
gie zu modifizieren. Die einzige Bedingung an |ϕiist, daß |ϕieine Eigenfunktion des
Hamilton-Operators im Fock-Raum Hsein m (vgl. Abschnitt 2.3). Die beiden auf
der Hand liegenden Wahlm¨
oglichkeiten f¨
ur |ϕisind der Targetzustand |ΨN
0iund das
Vakuum des Fock-Raums |vaki.W
¨
ahlt man das Vakuum, so verschwinden die Terme
Gund J, da die Teilchendichte im Vakuum verschwindet. W¨
ahlt man stattdessen den
Grundzustand |ΨN
0ides Targets, so ¨
ahneln die Terme Gund Jden Termen Fund I,
die Zweiteilchendichten mit entgegengesetztem Vorzeichen enthalten. Unterstellt man
eine Faktorisierung der Zweiteilchendichten [vgl. Gleichung (8.15)], k¨
onnen sich diese
Terme also teilweise wegheben.
Wie schon bei der Einteilchenstreuung gibt es auch bei der Zweiteilchenstreu-
ung andere M¨
oglichkeiten, um optische Potentiale zu definieren. Ohne zu sehr ins
Detail zu gehen, sollte erw¨
ahnt werden, daß ein zum effektiven Hamilton-Operator
von Feshbach (8.9) analoger Ausdruck auch f¨
ur Zweiteilchenstreuung hergeleitet
werden kann. Der statische Teil R(F) enth¨
alt hier die Matrixelemente R(F)
rsr0s0=
hΨN
0|asar[H,a
r0a
s0]|ΨN
0i. Nimmt man Positronen als Projektilteilchen (also vom
Target unterscheidbare Teilchen), so erh¨
alt man dasselbe Ergebnis wie in Gleichung
(8.22). In diesem Spezialfall sind die statische Teilchen-Teilchen-Selbstenergie und der
statische Teil des Feshbach-Potentials identisch. Falls jedoch alle Teilchen (also von
Projektil und Target) ununterscheidbare Fermionen sind, dann beinhaltet R(F) Drei-
110 KAPITEL 8. EIGENSCHAFTEN DER STATISCHEN STREUPOTENTIALE
teilchendichten, die sehr m¨
uhsam auszuwerten und noch schwieriger zu interpretieren
sind.
8.3 Teilchen-Loch-Streuung
Die strenge formale Analogie zwischen den in den Kapitel 2 und 3 vorgestellten erwei-
terten Zweiteilchen-Greensfunktionen legt es nahe, im Zusammenhang der Deutung
der Teilchen-Teilchen-Selbstenergie als optisches Potential auch ¨
uber den Nutzen der
Teilchen-Loch-Selbstenergie nachzudenken. Die Teilchen-Loch-Selbstenergie k¨
onnte als
optisches Potential z. B. in der Festk¨
orperphysik Anwendung finden: In ausgedehnten,
elektronisches Systemen ziehen sich Teilchen und L¨
ocher bekanntermaßen gegenseitig
an und bilden gebundene Zust¨
ande, die sognannten Exzitonen. Die Exzitonen k¨
onnen
dann ihrerseits wieder als Projektile wirken und an Defekten, an anderem m¨
oglichen
Wechselwirkungszentren oder auch nur durch die Anwesenheit der elektronischen Kor-
relation gestreut werden.
Ein Ausdruck f¨
ur den statischen Teil des effektiven Hamilton-Operators f¨
ur das
Teilchen-Loch-Problem kann aus Gleichung (5.2) gewonnen werden:
(a
p,a
q|ˆ
H|a
p0,a
q0)=δpp0δqq0(εpεq)+S(ph)
pqp0q0().(8.24)
Man sieht hier, daß der Anteil der kinetischen Energie zwei unterscheidbare Teilchen
mit Massen von entgegengesetztem Vorzeichen beschreibt2. Die Wechselwirkung mit
externen (und Einteilchen-) Potentialen ist in der statischen Selbstenergie enthalten
und zeigt auch verschiedene Vorzeichen wie f¨
ur Teilchen, die entgegengesetzte Ladun-
gen tragen:
S(ph)
pqp0q0()=vpp0δqq0δpp0vq0q+(a
p,a
q|ˆ
V|a
p0,a
q0).(8.25)
Das Wechselwirkungspotential (a
p,a
q|ˆ
V|a0†
p,a
0
q) beschreibt die Zweiteilchen-
Wechselwirkungen und l¨
aßt sich wiederum leichter interpretieren, wenn man zur
Ortsraumdarstellung ¨
ubergeht. Der sich so ergebende Ausdruck ist immer noch ziem-
lich kompliziert und kann in Anhang C gefunden werden. Der Wechselwirkungsteil
der statischen Selbstenergie vereinfacht sich wieder sehr stark, wenn sich die Projek-
tilteilchen außerhalb des Targets aufhalten, d. h. an Orten, wo die Einteilchendichte
2W¨
ahlt man f¨
ur H0wieder den Operator der kinetischen Energie f¨
ur Elektronen, so sollten die
Einteilchenindizes pund qin Gleichung (8.24) als Impulsraumdarstellung verstanden werden, in der
dann die kinetische Energie diagonal ist. Sp¨
ater wird dann in die Ortsraumdarstellung ¨
ubergegangen
(mit Indizes rund s), wo sich das lokale Coulomb-Potential vereinfacht.
8.3. TEILCHEN-LOCH-STREUUNG 111
auf Null zur¨
uckgegangen ist. In dieser ¨
außeren Region bleibt nur die Coulomb-
Wechselwirkung zweier entgegengesetzt geladener Teilchen mit der Ladungsdichte des
Targets ¨
ubrig:
(a
r,a
s|ˆ
V|a
r0,a
s0)¨außere Region
=δrr0δss0Zdr1
ρr1
|r1r|δrr0δss0Zdr1
ρr1
|r1s|.(8.26)
In der ¨
außeren Region gibt es keine direkte Kopplung zwischen dem Teilchen und
dem Loch. Es gibt jedoch keine formalen Beschr¨
ankungen, die es dem Loch verbieten
w¨
urden, sich außerhalb des Targets aufzuhalten. In Gebieten mit verschwindender Tei-
chendichte bewegen sich L¨
ocher mit negativer Masse und wechselwirken mit positiver
Ladung mit den externen Potentialen und der Ladungsdichte des Targets. Innerhalb
des Targets kommt es allerdings zu Wechselwirkungen zwischen Teilchen und L¨
ochern.
Man sieht dies am besten, wenn man den Wechselwirkungsteil weitergehend durch die
Annahme vereinfacht, daß alle Zweiteilchendichten in Gleichung (C.1) faktorisieren.
Dies ist in dem Fall exakt, wenn der Targetzustand durch eine Slater-Determinante
beschrieben werden kann. W¨
ahlt man außerdem f¨
ur den sekund¨
aren Referenzzustand
|ϕidie Wellenfunktion des Targets, so erh¨
alt man den folgenden Ausdruck:
(a
r,a
s|ˆ
V|a
r0,a
s0)faktorisiert
=δrr0δss0Zdr1
ρr1
|r1r|δss0
ρrr0
|rr0|
δrr0δss0Zdr1
ρr1
|r1s|+δrr0
ρs0s
|ss0|
δrr0Zdr1
ρs0r1ρr1s
|r1r|
δss0Zdr1
ρrr1ρr1r0
|r1s|
+ρrr0ρs0s 1
|rs0|+1
|r0s|!
+VA
rs,r0s0.(8.27)
Zus¨
atzlich zu den Termen aus Gleichung (8.26) finden wir nun die ¨
ublichen Austausch-
terme f¨
ur das Teilchen (zweiter Term auf der rechten Seite) und einen analogen Aus-
tauschterm f¨
ur das Loch (vierter Term). Die folgenden beiden Terme (der f¨
unfte und
der sechste) beschreiben attraktive Kr¨
afte zwischen dem Teilchen und dem Loch, die
¨
uber das Target vermittelt werden. Dies wird vor allem klar, falls die Einteilchendich-
ten nahezu diagonal werden. Der vorletzte (siebte) Term kann als Austauschkorrektur
zu den vorangegangenen Coulomb-Termen gedeutet werden. Der letzte Term VA
rs,r0s0
wird Anihilationspotential genannt und lautet
VA
rs,r0s0=ρrsρs0r0 1
|rr0|+1
|ss0|1
|rs0|1
|r0s|!.(8.28)
112 KAPITEL 8. EIGENSCHAFTEN DER STATISCHEN STREUPOTENTIALE
Er spielt eine besondere Rolle, da die auftretenden Einteilchendichten Teilchen- (r,
r0) und Lochindizes (s,s0) mischen. Dieser Term entspringt daher der M¨
oglichkeit von
Teilchen-Loch-Anregungen zu zerfallen. Man beachte auch, daß dieser Term verschwin-
det, wenn sich das Target in einem Singulett-Zustand befindet (wie auch bisher immer
angenommen wurde) und das Teilchen-Loch-Paar eine Triplett-Anregung darstellt, also
z. B. die Spins entgegengesetzt stehen [r=(r,), und s=(s,)].
Teil II
Die dynamische Greensfunktion
113
Kapitel 9
Elektron-Molek¨
ul-Streuung
In der traditionellen Vielteilchentheorie [9] werden Systeme mit ununterscheidbaren
Teilchen behandelt. Bei Anwendungen auf Molek¨
ule und insbesondere bei der Behand-
lung von Elektron-Molek¨
ul-Streuung wird in der Regel nur die Elektronenbewegung
mit den Methoden der Vielteilchentheorie behandelt, w¨
ahrend die Kernkoordinaten
bei der elektronischen Rechnung festgehalten (fixed nuclei, fn) werden und damit nur
parametrisch in die Bewegungsgleichungen eingehen. In den meisten Streurechnungen
wird auch das elektronische Problem nur als effektives Einteilchenproblem behandelt,
indem die Eigenschaften des komplexen Vielteilchentargets mit einem ph¨
anomenologi-
schen Polarisationspotential modelliert werden [89] (siehe dazu auch Abbildung 1 auf
Seite 7). Es wurden aber auch erfolgreich Streurechnungen mit ab-initio-berechneten
optischen Potentialen durchgef¨
uhrt, die sich entweder auf Feshbachs Herleitung des op-
tischen Potentials [26] oder auf die Selbstenergie des Einteilchen-Greensfunktion [24]
st¨
utzen (siehe auch Abschnitt 8.1).
Numerische Anwendungen mit Feshbachs optischem Potential wurden bisher durch
Projektion von Matrizen aus der Konfigurationswechselwirkungsmethode (CI) reali-
siert [90, 91], gingen aber selten ¨
uber eine unkorrelierte Hartree-Fock-Beschreibung
der Grundzustandswellenfunktion des Targets hinaus. Die Beschreibung des Targets
mit korrelierten, d. h. aus mehreren Konfigurationen bestehenden Wellenfunktionen
stellt in diesem Zusammenhang ein delikates Problem dar [92, 93]. Das durch die
Dyson-Gleichung definierte optische Potential der Einteilchen-Greensfunktion (siehe
Kapitel 1) hat sich dagegen in numerischen Rechnungen bew¨
ahrt. Mit leicht zug¨
ang-
lichen st¨
orungstheoretischen N¨
aherungen wird eine ausgewogene Ber¨
ucksichtigung der
Grundzustandskorrelation automatisch erreicht. F¨
ur die Berechnung der Selbstener-
115
116 KAPITEL 9. ELEKTRON-MOLEK ¨
UL-STREUUNG
gie von Molek¨
ulen stehen verschiedene N¨
aherungsschemata zur Verf¨
ugung [15,21,94].
Anwendungen auf Elektron-Molek¨
ulstreuung findet man in den Referenzen [28,95–98].
F¨
ur die L¨
osung der Einteilchenstreugleichungen bei festgehaltenen Kerngeometri-
en gibt es eine Vielzahl von Methoden und numerischen Verfahren. So haben sich
z. B. die R-Matrix-Methode [99–101], das sogenannte Schwinger-variational- [102],
das complex-Kohn- [103,104] und das close-coupling-Verfahren [89,105] etabliert.
Die Dynamik des Kernger¨
usts der Targetmolek¨
ule wird oft nachtr¨
aglich im Rahmen
der Born-Oppenheimer-N¨
aherung ber¨
ucksichtigt. Bei dieser sogenannten adiabatic-
nuclei-N¨
aherung [89, 106, 107] werden die Elemente der fixed-nuclei-S-Matrix ¨
uber
verschiedene Kerngeometrien Rgemittelt, wobei sie mit den Kernwellenfunktionen des
isolierten Targetmolek¨
uls gewichtet werden. Diese N¨
aherung bricht jedoch f¨
ur niedri-
ge Projektilenergien und insbesondere bei resonanter Vibrationsanregung zusammen
(siehe z. B. Referenz [108]). Wenn Situationen auftreten, in denen sich die Projektil-
elektronen mit vergleichbaren Geschwindigkeiten wie die Atomkerne bewegen, wird es
schließlich unabdingbar, die Kopplung von Projektil- und Kernbewegung explizit zu
ber¨
ucksichtigen.
Eine direkte Methode, um die nichtadiabatische Kopplung von Kern- und Projek-
tilbewegung zu ber¨
ucksichtigen, stellt die close-coupling-Methode dar [89, 105]. In
diesem Formalismus wird die Wellenfunktion des vollen, molekularen Streuproblems
(in den Koordinaten der Atomkerne und der N+ 1 Elektronen!) in einer endlichen
Menge von Basisfunktionen entwickelt, welche gem¨
exakter und ungef¨
ahrer Erhal-
tungsgr¨
oßen gew¨
ahlt werden. In der Regel ist eine Einbeziehung angeregter Target-
zust¨
ande in die close-coupling-Entwicklung nicht durchf¨
uhrbar. Diese Zust¨
ande sind
jedoch notwendig, um Polarisationseffekte korrekt zu beschreiben. Um diesen Miß-
stand zu beheben, sind in der Literatur sind bisher in der Regel ph¨
anomenologisch
motivierte Modellpotentiale verwendet worden [89,109–111]. Ein weiteres Problem des
close-coupling-Formalismusses besteht darin, daß die numerischen Rechnungen bei sehr
niedrigen Projektilenergien schlecht konvergieren [112].
Im Gegensatz zur direkten, gekoppelten Behandlung der Kernbewegung im close-
coupling-Formalismus steht die L¨
osung des Streuproblems in zwei Schritten im
Rahmen des sogenannten Projektionsoperatorformalismusses (projection-operator-
Formalismus, PO [113–115]). Der PO-Formalismus fußt auf der Annahme, daß es eine
Resonanz in der Elektronenstreuung bei festgehaltenen Kerngeometrien gibt. Das ent-
spricht einem metastabilen, anionischen Zustand des (starren) Targetmolek¨
uls. Ausge-
hend von dieser Annahme, kann man mit der PO-Methode die Kerndynamik jenseits
der adiabatic-nuclei N¨
aherung behandeln. Im PO-Formalismus wird das elektronische
117
Streuproblem durch Feshbach-Projektion von der Behandlung der Kerndynamik ge-
trennt, so daß nur einige Resonanzparameter aus der Streuung bei festgehaltenen
Kerngeometrien die zu l¨
osenden Gleichungen f¨
ur die Kerndynamik bestimmen. Die
Kopplung an das Kontinuum elektronischer Wellenfunktionen geht in die Kerndyna-
mik als komplexes, nichtlokales Potential ein. Verschiedene Ebenen von N¨
aherungen
f¨
ur die nichtadiabatische Kopplung der elektronischen Dynamik mit der Kerndynamik
werden durch lokale und nichtlokale Modelle f¨
ur das komplexe Potential erreicht [113].
Die PO-Methode hat viele Aspekte resonanter Elektron-Molek¨
ul-Streuung erfolgreich
erkl¨
art und kann ein sehr anschauliches Bild f¨
ur die Mechanismen verschiedener physi-
kalischer Prozesse vermitteln, wie z. B. resonante Vibrationsanregung [114]. Anderer-
seits ist sie per se keine exakte Methode, da nur resonante Betr¨
age zur Streuamplitude
behandelt werden k¨
onnen. Es gibt immer nichtresonante Beitr¨
age, sogenannte Hinter-
grundbeitr¨
age, die im PO-Formalismus nicht berechnet werden k¨
onnen, aber bei Streu-
ung außerhalb von Resonanzen die Wirkungsquerschnitte sogar dominieren k¨
onnen. In
manchen F¨
allen ist keine vorherrschende Resonanz vorhanden, und manchmal tragen
zahlreiche Resonanzen bei, die sich nur schwer identifizieren und voneinander tren-
nen lassen. In diesen F¨
allen scheitert letztendlich die getrennte Behandlung von Kern-
und Elektronenbewegung. Auch wird die Nichtlokalit¨
at des komplexen Potentials f¨
ur
sehr langsame Streuelektronen sehr kompliziert und schwer zu modellieren: Details
der Elektron-Molek¨
ul-Wechselwirkung und der dynamischen Kopplung der elektroni-
schen, Schwingungs- und Rotationsfreiheitsgrade werden wichtig, wenn die Zeitskalen
der Projektil- und Kernbewegung vergleichbar werden. Als Beispiel sei die Streuung
an einem polaren Molek¨
ul mit einem superkritischen Dipolmoment genannt. Es ist be-
kannt, daß ein superkritischer, nichtrotierender Dipol (D>1,625 Debeye) ein zus¨
atz-
liches Elektron binden kann. Dieser gebundene Zustand wird aber geschw¨
acht oder
verschwindet, wenn der Dipol rotieren kann [116]. Es ist sehr schwierig, die Kopplung
der Rotationsfreiheitsgrade im Modell des nichtlokalen, komplexen Potentials korrekt
zu ber¨
ucksichtigen.1Daher kann eine voll dynamische Rechnung, die alle relevanten
Freiheitsgrade einschließt, notwendig werden, um die Physik der Elektronenstreuung
mit sehr niedriger Energie an polaren Molek¨
ulen richtig zu beschreiben.
Meines Wissens wurde bisher keine strenge Herleitung eines optischen Potentials
f¨
ur Elektron-Molek¨
ulstreuung vorgestellt, das die Kernbewegung vollst¨
andig ber¨
uck-
1In der Literatur wurde bisher immer nur der Fall J= 0 behandelt und damit den Problemen
bei h¨
oheren Drehimpulsen aus dem Weg gegangen. Grunds¨
atzlich k¨
onnen im PO-Formalismus auch
h¨
ohere Drehimpulse ber¨
ucksichtigt werden, aber es ist schwierig, ihre Kopplungen direkt zu berechnen
oder zu modellieren (siehe z. B. Referenzen [117,118]).
118 KAPITEL 9. ELEKTRON-MOLEK ¨
UL-STREUUNG
sichtigt. Mit dem zweiten Teil dieser Arbeit soll diese L¨
ucke geschlossen werden. Im
folgenden Kapitel wird ein optisches Potential vorgestellt, das sich vom gew¨
ohnli-
chen optischen Potential der Einteilchen-Greensfunktion ableitet, es aber zus¨
atzlich
erlaubt, die Kernbewegung gleichberechtigt zur Projektilbewegung zu behandeln. Die-
ses sogenannte dynamische optische Potential wird durch die Selbstenergie der dynami-
schen Greensfunktion definiert, welche eine Erweiterung der gew¨
ohnlichen Einteilchen-
Greensfunktion unter Einbeziehung der kinetischen Energie der Atomkerne darstellt.
Das dynamische optische Potential ist ein optisches Potential f¨
ur die Prozesse der
Elektron-Molek¨
ul-Streuung, die elastisch in Bezug auf die elektronischen Anregungen
des Targets sind, aber inelastisch bez¨
uglich der Kernbewegung sein d¨
urfen. Darun-
ter fallen inbesondere Rotations- oder Schwingungsanregung, Umlagerungsreaktionen,
dissoziative Anlagerung und assoziative Dissoziation. Die einzige Annahme, die den
folgenden Betrachtungen zugrundeliegt, ist, daß die Born-Oppenheimer-N¨
aherung f¨
ur
den elektronischen Grundzustand des Targets gilt. Ansonsten ist das dynamische op-
tische Potential exakt. Es ber¨
ucksichtigt die Vielteilcheneffekte der Elektronstreuung
einschließlich der Polarisation und des Austausches und erm¨
oglicht die nichtadiabati-
sche Kopplung zwischen Projektilbewegung und Kernbewegung des Targets. Die her-
zuleitenden Ausdr¨
ucke f¨
ur das exakte optische Potential k¨
onnen den Weg zur Auswahl
geeigneter Modellpotentiale weisen, sind aber auch ab-initio-N¨
aherungen zug¨
anglich
und k¨
onnen mit quantenchemischen Standardmethoden berechnet werden. Im sich an-
schließenden Kapitel 10 wird die dynamische Greensfunktion definiert und ihre Dyson-
Gleichung hergeleitet. Der Bezug zur Elektron-Molek¨
ulstreuung wird dann in Kapitel
11 hergestellt, wo auch diskutiert wird, wie man das dynamische optische Potential
n¨
aherungsweise berechnen k¨
onnte. Die in den Kapiteln 10 und 11 vorgestellten Ergeb-
nisse wurden in Referenz [36] ver¨
offentlicht.
Kapitel 10
Die dynamische
Einteilchen-Greensfunktion
Bei Anwendungen der Vielteilchentheorie in der Molek¨
ulphysik oder Quantenchemie
setzt man in der Regel eine Entkopplung der Elektronenbewegung von der Kernbewe-
gung an und ber¨
ucksichtigt nur die elektronischen Freiheitsgrade explizit. Mittels der
in Kapitel 1 definierten Einteilchen-Greensfunktion G(rt,r0t0) wird dann ein System
von Elektronen, die sich im statischen Potential der Kernkonfiguration Rbewegen,
beschrieben. Wir werden im Folgenden die Funktion G(rt,r0t0), die nur parametrisch
von Rabh¨
angt, auch die rein elektronische Greensfunktion nennen. Die R-Abh¨
angig-
keit der elektronischen Greensfunktion Gergibt sich aus ihren Konstruktionselemen-
ten |ΨN
0i,Hund EN
0, wie man aus den definierenden Gleichungen (1.5) und (1.6)
bzw. (1.8) erkennen kann. Hist hier der rein elektronische Hamilton-Operator, die
elektronische Grundzustandsenergie EN
0und -wellenfunktion |ΨN
0isind sein niedrig-
ster Eigenwert und der zugeh¨
orige Eigenzustand [siehe Gleichung (1.7)]. Um die Be-
wegung des Molek¨
uls vollst¨
andig zu beschreiben, d. h. um die gekoppelte Dynamik der
konstituierenden Elektronen und Atomkerne zu ber¨
ucksichtigen, m der elektronische
Hamilton-Operator Hdurch den vollst¨
andigen Hamilton-Operator Hmol des Molek¨
uls
ersetzt werden:
Hmol =Tn+H. (10.1)
Der Operator Tnbeschreibt die kinetische Energie der Kernbewegung. Die Coulomb-
Abstoßung der Atomkerne untereinander, eine R-abh¨
angige Potentialfunktion, ist nach
Konvention im elektronischen Hamilton-Operator Henthalten und steuert lediglich
einen hinsichtlich der Elektronenbewegung konstanten Energiebeitrag bei. Der elektro-
nische Hamilton-Operator Henth¨
alt außerdem noch die kinetische Energie der Elek-
119
120 KAPITEL 10. DIE DYNAMISCHE EINTEILCHEN-GREENSFUNKTION
tronen und die Coulomb-Anziehung zwischen Elektronen und Kernen sowie die ab-
stoßenden Coulomb-Kr¨
afte zwischen den Elektronen untereinander. Der Operator der
kinetischen Energie der Kerne Tnbeschreibt im allgemeinen alle Vibrations-, Rotations-
und Translationsbewegungen der Kerne. Der Einfachheit halber soll angenommen wer-
den, daß die Translation des Gesamtmolek¨
uls absepariert worden ist. Rotation, Vibra-
tion, Dissoziation und bei gr¨
oßeren Molek¨
ulen eventuell Umlagerungen sind dann die
verbleibenden Freiheitsgrade. In jedem Fall ist Tnein Differentialoperator in den Kern-
koordinaten R. Daher vertauscht Tnauch nicht ohne weiteres mit Hoder EN
0, die ja
beide Funktionen der Kernkoordinaten sind. Der Kommutator von Tnmit der Wellen-
funktion des elektronischen Grundzustands |ΨN
0isoll dagegen vernachl¨
assigt werden.
Dies bedeutet, daß die G¨
ultigkeit der Born-Oppenheimer-N¨
aherung f¨
ur den elektroni-
schen Greundzustand des Target-Molek¨
uls angenommen wird. Hierzu d¨
urfen die |ΨN
0i
bestimmenden elektronischen Konfigurationen nur schwach von den Kernkoordinaten
abh¨
angen.
Wir f¨
uhren nun den Hamilton-Operator der Kernbewegung Hnein:
Hn=Tn+EN
0.(10.2)
Man beachte, daß EN
0eine Funktion der Kernkoordinaten Rist und hier die Rolle
der Potentialhyperfl¨
ache des elektronischen Grundzustandes spielt. Die Wellenfunktion
φk(R) sei Eigenfunktion von Hnzum Eigenwert E0k:
Hnφk(R)=E0kφk(R).(10.3)
Im Folgenden soll gelegentlich auch von der abstrakten Dirac-Notation |φkif¨
ur die Ei-
genzust¨
ande der Kernbewegung Gebrauch gemacht werden. Die Wellenfunktion φk(R)
ist dann die Koordinatendarstellung des Zustands |φkidurch φk(R)=hR|φki.
Unter der Annahme, daß Tnmit |ΨN
0ivertauscht, sieht man leicht, daß die Produkt-
wellenfunktion |ΨN
0iφk(R) einen molekularen Eigenzustand mit Energie E0kdarstellt:
Hmol |ΨN
0iφk(R)=E0k|ΨN
0iφk(R).(10.4)
Dieses Born-Oppenheimer-Bild ergibt gew¨
ohnlich eine ad¨
aquate Beschreibung f¨
ur Mo-
lek¨
ule mit einer abgeschlossenen Elektronenschale im elektronischen Grundzustand
(auch closed-shell-Molek¨
ule genannt). Die Vernachl¨
assigbarkeit des Kommutators
[Tn,|ΨN
0i] ist die einzige fundamentale Annahme der Theorie, die im Folgenden ent-
wickelt werden soll. Gegen Ende von Abschnitt 11.3 werde ich nochmals die G¨
ultigkeit
dieser N¨
aherung diskutieren und zeigen, wie die Theorie verallgemeinert werden kann,
10.1. DEFINITION DER DYNAMISCHEN GREENSFUNKTION 121
falls diese Annahme nicht zutrifft. An dieser Stelle soll nochmals betont werden, daß
die Born-Oppenheimer-N¨
aherung nur auf die Kerndynamik im elektronischen Grund-
zustand angewandt wird. Es wird weder f¨
ur das Streuelektron noch f¨
ur die elektronisch
angeregten Targetzust¨
ande adiabatisches Verhalten angenommen!
10.1 Definition der dynamischen Greensfunktion
Die dynamische Greensfunktion G(rt,r0t0) wird nun als Summe zweier Komponen-
ten f¨
ur Teilchen- und f¨
ur Loch-Propagation definiert:
G(rt,r0t0)=Gp(rt,r0t0)+Gh(rt,r0t0).(10.5)
Der Teilchenanteil Gpsei dabei durch den folgenden Ausdruck gegeben:
iGp(rt,r0t0)=hΨN
0|ψ(r)ei(HmolE00)(tt0)ψ(r0)|ΨN
0iθ(tt0).(10.6)
Dieser Propagator ¨
ahnelt dem gew¨
ohnlichen Teilchen-Propagator Gpaus Gleichung
(1.5), im Unterschied zu dem bei Gpder elektronische Hamilton-Operator Hdurch den
molekularen Hamilton-Operator Hmol ersetzt ist und die molekulare Grundzustands-
energie E00 an Stelle der elektronischen Grundzustandsenergie EN
0steht. Man beachte,
daß Hmol jetzt auch die kinetische Energie der Kerne Tnund damit einen Differential-
operator in den Kernkoordinaten Renth¨
alt. Daher stellt auch Geinen Operator in
Rdar. Wie in Abschnitt 11.4.4 explizit gezeigt werden wird, kann man die dynami-
sche Greensfunktion Gauch als nichtlokalen Integraloperator in den Kernkoordinaten
auffassen:
hR|G(rt, r0t0)|φi=ZdR0G(rRt, r0R0t0)φ(R0).(10.7)
Der Einfachheit halber wird die Notation der R-Abh¨
angigkeit der dynamischen Greens-
funktion Gunterdr¨
uckt.
Der Teilchenteil Ghwird mit einem modifizierten Hamilton-Operator definiert, was
bei der sp¨
ater erfolgenden Formulierung der Dyson-Gleichung Vorteile hat:
iGh(rt,r0t0)=hΨN
0|ψ(r0)ei[HmolE002(HnE00)](tt0)ψ(r)|ΨN
0iθ(t0t).(10.8)
Der Hamilton-Operator der Kernbewegung Hnwurde in Gleichung (10.2) definiert. So-
lange Streu- oder Anlagerungsprozesse beschrieben werden sollen, tr¨
agt nur der Teil-
chenanteil Gpder dynamischen Greensfunktion eine physikalische Bedeutung und die
Propagation mit dem falschen Hamilton-Operator Hmol E00 2(HnE00) spielt
122 KAPITEL 10. DIE DYNAMISCHE EINTEILCHEN-GREENSFUNKTION
f¨
ur die Physik keine Rolle. Falls jedoch Ionisierungsprozesse untersucht werden sollen,
bei denen der Lochanteil die physikalische Relevanz besitzt, dann m die Definition
der dynamischen Greensfunktion Gso modifiziert werden, daß Ghmit dem korrekten
Hamilton-Operator Hmol E00 propagieren kann. In diesem Fall kann man dann Gp
entsprechend ab¨
andern, um eine gutartige Dyson-Gleichung zu erhalten. Im Folgenden
soll die Wahl der Gleichungen (10.6) und (10.8) beibehalten werden, da die Streupro-
blematik in diesem Teil der Arbeit im Vordergrund stehen soll.
Man beachte, daß sich der Teilchenteil Gpals Erwartungswert eines Produktes von
Heisenberg-Feldoperatoren schreiben l¨
aßt:
iGp(rt,r0t0)=ei(HnE00)thΨN
0|ψm(rt)ψ
m(rt0)|ΨN
0iei(HnE00)t0θ(tt0).(10.9)
Im Gegensatz zur Definition (1.1) der rein elektronischen Einteilchen-Greensfunktion
wird die Zeitentwicklung der Feldoperatoren ψm(rt) und ψ
m(rt0) nun durch den gesam-
ten molekularen Hamilton-Operator Hmol =Tn+Hbestimmt und enth¨
alt damit auch
die Dynamik der Atomkerne. Der Teilchenteil Ghl¨
aßt sich nicht auf so einfache Weise
ausdr¨
ucken wie Gpin Gleichung (10.9).
Zum Abschluß dieses Abschnittes betrachten wir noch den Ausdruck f¨
ur die dyna-
mische Greensfunktion in der Frequenzdom¨
ane und Orbitaldarstellung:
Gpq(ω)=hΨN
0|ap
1
ωHmol +E00 +a
q|ΨN
0i
+hΨN
0|a
q
1
ω2Hn+E00 +Hmol ap|ΨN
0i.(10.10)
Dieser Ausdruck ist v¨
ollig ¨
aquivalent zur Definition der dynamischen Greensfunktion
in der Zeitdom¨
ane (10.5) bis (10.8). Die Transformation in die Frequenz- und Orbi-
taldarstellung ist dabei wie in Kapitel 1 [siehe Gleichung (1.8)] definiert.
10.2 Die inelastische Greensfunktion
Wie schon der rein elektronische Propagator Gstellt die dynamische Greensfunktion
Geine Matrix (oder den Kern eines Integraloperators) in der Zeit und in den Koor-
dinaten eines einzelnen Elektrons dar. Dar¨
uberhinaus ist Gauch ein Operator in den
Kernkoordinaten R.Daessp
¨
ater n¨
utzlich sein wird und den direkten Vergleich mit
der inelastischen Theorie von Referenz [119] erm¨
oglicht, definiere ich die sogenannte
inelastische Greensfunktion G[m,n]durch das Matrixelement von Gbez¨
uglich der
Kernwellenfunktionen φn(R) und φm(R) aus Gleichung (10.3):
G[m,n](rt, r0t0)=hφm|G(rt,r0t0)|φni.(10.11)
10.2. DIE INELASTISCHE GREENSFUNKTION 123
Diese inelastische Greensfunktion steht in direkter Beziehung zur S-Matrix der inela-
stischen Streuung zwischen verschiedenen Rotations- oder Vibrationsniveaus, wie wir
sp¨
ater sehen werden.
Der Bezug zu der elektronisch inelastischen Greensfunktion, die von Cederbaum
[119] untersucht wurde, wird deutlich, wenn man den Teilchenteil von G[m,n]betrachtet.
Ich f¨
uhre dazu noch die symbolische Notation |0kii f¨
ur den molekularen Zustand
|ΨN
0iφk(R) aus Gleichung (10.4) ein. Dieser Zustand beschreibt eine (ro-)vibratorische
Anregung im elektronischen Grundzustand, die durch die Quantenzahl kcharakterisiert
ist. Aus den Gleichungen (10.3) und (10.9) folgt dann, daß sich der Teilchenteil der
inelastischen Greensfunktion folgendermaßen schreiben l¨
aßt:
iG[m,n]+(rt,r0t0)=hh0m|ψm(rt)ψ
m(rt0)|0niiei[(E0mE00)t(E0nE00)t0]θ(tt0),(10.12)
wobei die Doppelklammern hh·|·ii sowohl die Integration ¨
uber die elektronischen Ko-
ordinaten wie auch ¨
uber die Freiheitsgrade der Kernbewegung kennzeichnen. Der Aus-
druck (10.12) ist in direkter Analogie zur Definition der elektronisch inelastischen
Greensfunktion in Referenz [119] zu sehen. W¨
ahrend dort inelastische Streuung zwi-
schen verschiedenen elektronischen Anregungen des Targets betrachtet wird und die
Freiheitsgrade der Kernbewegung außer Acht gelassen werden, stehen hier inelastische
Prozesse bez¨
uglich der Vibrationen und Rotationen in derselben elektronischen Kon-
figuration im Vordergrund. Im Gegensatz zu Referenz [119], wo das Projektilteilchen,
z. B. ein Positron, von den Targetelektronen unterscheidbar ist, betrachten wir hier ein
Elektron und ber¨
ucksichtigen die ununterscheidbare Natur von Projektil- und Target-
elektronen. Aus diesem Grund wird die Einbeziehung des Lochteils Ghnotwendig, der
zugegebenermaßen eine weniger intuitive Form als der Teilchenteil Gpaufweist, aber
sp¨
ater zur Formulierung der Dyson-Gleichung n¨
utzlich sein wird.
Ich m¨
ochte jetzt zeigen, wie die dynamische Greensfunktion Gin die gew¨
ohnliche
elektronische Greensfunktion G¨
ubergeht, wenn die Kerndynamik keine Rolle spielt.
Formal kann der ¨
Ubergang von Gzu Gerreicht werden, wenn man annimmt, daß der
Hamilton-Operator der Kernbewegung Hn=Tn+EN
0durch seinen kleinsten Eigen-
wert E00 ersetzt werden kann. Dabei sei der Leser daran erinnert, daß die elektronische
Grundzustandsenergie EN
0im Gegensatz zur molekularen Grundzustandsenergie E00
von den Kernkoordinaten Rabh¨
angt. Wenn man die kinetische Energie der Kernbewe-
gung Tnim molekularen Hamilton-Operator Hmol =Tn+Hdurch HnEN
0ausdr¨
uckt
und Hndurch E00 ersetzt, dann reduzieren sich die beiden Teile der dynamischen
Greensfunktion Gpund Ghin den Gleichungen (10.6) und (10.8) auf die konventionel-
len Ausdr¨
ucke (1.5) und (1.6) f¨
ur die elektronische Greensfunktion Gpund Gh.Auchim
124 KAPITEL 10. DIE DYNAMISCHE EINTEILCHEN-GREENSFUNKTION
inelastischen Formalismus kann der ¨
Ubergang zur rein elektronischen Greensfunktion
erreicht werden. Die Komponente des elastischen Kanals G[0,0] kann durch die rein elek-
tronische Greensfunktion ausgedr¨
uckt werden, wenn man annimmt, daß die kinetische
Energie Tnmit dem elektronischen Hamilton-Operator Hvertauscht:
G[0,0](rt,r0t0)[Tn,H]0
−→ ZdRφ
0(R)G(rt,r0t0)φ0(R).(10.13)
10.3 Dyson-Gleichung und dynamische Selbstener-
gie
In diesem Abschnitt soll die Dyson-Gleichung f¨
ur die dynamische Greensfunktion her-
geleitet und die zugeh¨
orige dynamische Selbstenergie definiert werden. Wir werden
sehen, daß die dynamische Selbstenergie leicht als Verallgemeinerung der rein elek-
tronischen Selbstenergie aufgefaßt werden kann. Die Herleitung der Dyson-Gleichung
folgt in sehr strenger Analogie der in Abschnitt 1 gegebenen Herleitung f¨
ur die tradi-
tionelle Einteilchen-Greensfunktion unter besonderer Beachtung der Freiheitsgrade der
Kernbewegung.
Die dynamische Greensfunktion Gaus Gleichung (10.10) kann ebenso wie die
rein elektronische Greensfunktion Gin Gleichung (1.13) durch Zusammenfassen des
Ionisierungs- und Anlagerungsanteils sehr kompakt geschrieben werden. Mit den zu-
sammengesetzten Zust¨
anden |Ypiaus Gleichung (1.11) und dem elektronischen Matrix-
Hamilton-Operator ˜
Haus Gleichung (1.12) l¨
aßt sich der Ausdruck (10.10) f¨
ur die dy-
namische Greensfunktion folgendermaßen umschreiben:
Gpq(ω)=hYp|1
ω˜
HHn+E00 |Yqi.(10.14)
Die -Terme wurden hier der Einfachheit halber wieder ebenso weggelassen wie die
2×2 Einheitsmatrix, die es erlaubt, die Gr¨
oßen ω,Hnund E00 auf den zweikompo-
nentigen Vektor |Ypianzuwenden. Die besonders einfache und kompakte Erscheinung
des Ausdrucks (10.14) mag man als vorl¨
aufige Rechtfertigung f¨
ur die spezielle Wahl
des Lochteils Gin der Definition (10.8) sehen. Die Dyson-Gleichung kann nun analog
zu Kapitel 1 hergeleitet werden.
Vergleicht man mit dem Ausdruck (1.13) f¨
ur die elektronische Greensfunktion, dann
sieht man, daß in der dynamischen Greensfunktion in Gleichung (10.14) nur der Term
Hn+E00 zus¨
atzlich auftritt. Die molekulare Grundzustandsenergie E00 ist lediglich
eine Konstante, die den Nullpunkt der ω-Skala definiert. Der Hamilton-Operator der
10.3. DYSON-GLEICHUNG UND DYNAMISCHE SELBSTENERGIE 125
Kernbewegung Hn=Tn+EN
0f¨
uhrt den Operator der kinetischen Energie der Kern-
bewegung Tnein, der einen Differentialoperator in den Kernkoordinaten Rdarstellt.
Es ist daher notwendig, die R-Abh¨
angigkeit aller Gr¨
oßen zu betrachten, die in der
Dyson-Gleichung vorkommen.
Der Matrix-Operator ˜
Henth¨
alt den elektronischen Hamilton-Operator Hund die
elektronische Grundzustandenergie EN
0. Da beide Gr¨
oßen von den Kernkoordinaten R
abh¨
angen, vertauschen ˜
Hund Hnnicht. Wir wollen vor¨
ubergehend annehmen, daß
die Basis der elektronischen Orbitale, welche die Erzeugungsoperatoren a
pdefiniert,
nicht von den Kernkoordinaten Rabh¨
angt. Dies ist z. B. der Fall bei Verwendung
der Orts- oder Impulsdarstellung. Diese Einschr¨
ankung vereinfacht die Herleitung der
Dyson-Gleichung, aber sie ist nicht notwendig. In Abschnitt 11.3 wird klar werden,
wie diese Einschr¨
ankung aufgehoben werden kann. Die R-Abh¨
angigkeit der zusam-
mengesetzten Zust¨
ande |Ypiaus Gleichung (1.11) leitet sich daher vollst¨
andig vom
elektronischen Grundzustand |ΨN
0iab. Wie schon in Abschnitt 10.1 erw¨
ahnt, set-
zen wir voraus, daß die Born-Oppenheimer-N¨
aherung f¨
ur den elektronischen Grundzu-
stand gilt und daher die kinetische Energie Tnmit |ΨN
0ivertauscht. Folglich vertauscht
dann auch der Hamilton-Operator der Kernbewegung Hnmit den zusammengesetzten
Zust¨
anden |Ypi.Wirk
¨
onnen weiterhin davon ausgehen, daß die Basiszust¨
ande |QJi
des sekund¨
aren Raumes geeignet gew¨
ahlt sind, so daß der Kommutator mit Tnoder
Hnvernachl¨
assigt werden kann.1Der Hamilton-Operator der Kernbewegung Hnkann
folglich aus jedem Matrixelement von Basiszust¨
anden des zusammengesetzten Raumes
herausgezogen werden und die Matrixdarstellung von Hnin dieser Basis ist folglich
proportional zur Einheitsmatrix:
hQI|Hn|QJi=δIJHn.(10.15)
In Analogie zu Gleichung (1.17) kann man die dynamische Greensfunktion Gals den
oberen linken Block einer inversen Matrix auffassen:
G(ω)= 1
(ωHn+E00)1 ˜
H!aa
.(10.16)
1Die hier vorgestellte Herleitung der Dyson-Gleichung kann auch ohne Bezug auf eine konkrete
Basis des prim¨
aren oder sekund¨
aren Raumes mit der Hilfe von Projektionsoperatoren durchgef¨
uhrt
werden [38]. Die R-Abh¨
angigkeit der Projektionsoperatoren ist wohldefiniert und leitet sich direkt vom
elektronischen Grundzustand |ΨN
0iab. In Abschnitt 11.3 werde ich diese Technik im Zusammenhang
mit der Herleitung von Streugleichungen aufgreifen.
126 KAPITEL 10. DIE DYNAMISCHE EINTEILCHEN-GREENSFUNKTION
Die Elemente dieser Matrix sind jetzt Operatoren bez¨
uglich der Kernkoordinaten. Man
kann nun in formaler Analogie zum Fall der elektronischen Greensfunktion Matrixpar-
titionierung anwenden.
Durch die Aufteilung (1.19) des elektronischen Hamilton-Operators Hin den Ope-
rator der nullten Ordnung und den Wechselwirkungsanteil ergibt sich f¨
ur die dynamisch
Greensfunktion in nullter Ordnung
G(0)(ω)= 1
(ωHn+E00)1 ε,(10.17)
wobei εwieder die Matrix der Einteilchenenergien in nullter Ordnung aus Abschnitt 1.2
ist. Im einfachen Fall, in dem die elektronische kinetische Energie als nullte Ordnung
f¨
ur den elektronischen Hamilton-Operator gew¨
ahlt wird, ist die Matrix εdiagonal in
der Impulsdarstellung und unabh¨
angig von den Kernkoordinaten R, wie in Abschnitt
1.2 bereits erw¨
ahnt wurde. Die dynamische Greensfunktion ist dann in nullter Ord-
nung diagonal und beschreibt sowohl die Vibrationen bzw. Rotationen des isolierten
Targetmolek¨
uls wie auch die davon unabh¨
angige Bewegung eines freien Elektrons.
Im allgemeineren Fall, wenn die Matrix εvon Rabh¨
angt (z. B. wenn H0den R-
abh¨
angigen Hartree-Fock-Operator beschreibt), dann beschreibt der Propagator null-
ter Ordnung G(0) die gekoppelte Bewegung eines vibrierenden bzw. rotierenden Mo-
lek¨
uls im elektronischen Grundzustand mit einem Elektron, daß sich im R-abh¨
angigen
Hartree-Fock-Potential (einem sogenannten mean field) bewegt. Da der elektroni-
sche Hamilton-Operator nullter Ordnung H0einen Einteilchenoperator darstellt, ist
die Bewegung des streuenden Elektrons von den Targetelektronen entkoppelt. Der ef-
fektive Hamilton-Operator f¨
ur die gekoppelte Projektil- und Kernbewegung ist daher
unabh¨
angig von der Streuenergie und lautet einfach Hn+H0E00. Die Greensfunktion
nullter Ordnung G(0) ist die Resolvente dieses effektiven Hamilton-Operators.
F¨
ur die vollst¨
andig korrelierte dynamische Greensfunktion findet man
G(ω)= 1
(ωHn+E00)1 ε−A(ω),(10.18)
wobei die dynamische Selbstenergie Afolgendermaßen definiert wird:
A(ω)= ˜
Haa ε+˜
Hab
1
(ωHn+E00)1 ˜
Hbb
˜
Hba.(10.19)
Im Vergleich mit der nullten Ordnung ber¨
ucksichtigt die dynamische Selbstenergie
A(ω) jetzt die Vielteilchennatur des molekularen Targets. Im folgenden Kapitel werde
ich zeigen, daß A(ω) auch ein optisches Potential f¨
ur (elektronisch elastische) Elektron-
Molek¨
ul-Streuung darstellt. Es ist bemerkenswert, daß der Hamilton-Operator der
10.3. DYSON-GLEICHUNG UND DYNAMISCHE SELBSTENERGIE 127
Kernbewegung Hnin der Selbstenergie A(ω) zusammen mit der Energievariablen ω
auftritt und Ableitungen nach den Kernkoordinaten einf¨
uhrt. Wie wir sp¨
ater noch im
Detail sehen werden, wird die dynamische Selbstenergie dadurch ein nichtlokaler Ope-
rator und zwar nicht nur in den elektronischen sondern auch in den Kernkoordinaten.
In Abschnitt 11.4 werde ich die Bedeutung des Auftretens von Hnin der dynamischen
Selbstenergie diskutieren und auf m¨
ogliche N¨
aherungen eingehen.
Auf sehr formale Weise kann die dynamische Selbstenergie A(ω) auch durch die
elektronische Selbstenergie Σ(ω) ausgedr¨
uckt werden:
A(ω)=Σ(ωHn+E00).(10.20)
Bevor wir uns der Diskussion der S-Matrix der Streutheorie und des optischen Po-
tentials zuwenden, m¨
ochte ich noch die Dyson-Gleichung f¨
ur die inelastische Greens-
funktion G[m,n]aus Gleichung (10.11) besprechen. Die Analogie zum inelastischen For-
malismus von Referenz [119] erlaubt es, im n¨
achsten Kapitel die dynamische Selbstener-
gie mit dem optischen Potential zu identifizieren. Außerdem beleuchtet der inelastische
Formalismus die Dyson-Gleichung von einer etwas anderen Seite, da die Einf¨
uhrung
von Eigenfunktionen der Kernbewegung φn(R) formal zu einer gleichberechtigten Be-
handlung der elektronischen Freiheitsgrade und der Freiheitsgrade der Kernbewegung
f¨
uhrt.
An Stelle der rein elektronischen Basis {|QJi}Jbenutze ich die Produktbasis
{|QJi⊗|φni}J,n,wobei |φniweiterhin die abstrakte Notation f¨
ur die Kernwellen-
funktion φn(R) ist. Der Ausdruck (10.11) f¨
ur die inelastische Greensfunktion in der
Frequenzdom¨
ane und Orbitaldarstellung lautet dann
G[m,n](ω)=hφm|hYp|1
ω˜
HHn+E00 |Yqi|φni.(10.21)
Die ¨
außere der beiden Klammern steht hier f¨
ur eine Integration ¨
uber die Kernkoordina-
ten R. Die Herleitung der Dyson-Gleichung kann nun mit der durch die Produktbasis
definierten Matrixdarstellung wiederholt werden. Im Folgenden werden Matrizen in
den Indizes der Kernzust¨
ande n, m durch Fettdruck und Matrizen in den Indizes der
elektronischen Zust¨
ande I,J,p,q durch doppeltes Unterstreichen gekennzeichnet. In
nullter Ordnung lautet die inelastische Greensfunktion
G(0)(ω)= 1
(ω+E00)1Hn1ε.(10.22)
Die Matrix des Hamilton-Operators der Kernbewegung Hnist diagonal, da seine Ei-
genzust¨
ande als Basis der Kernwellenfunktionen gew¨
ahlt wurden:
[Hn][m,n]=δmnE0n.(10.23)
128 KAPITEL 10. DIE DYNAMISCHE EINTEILCHEN-GREENSFUNKTION
Die vollst¨
andige inelastische Greensfunktion l¨
aßt sich jetzt folgendermaßen ausdr¨
ucken:
G(ω)= 1
(ω+E00)1Hn1εA(ω),(10.24)
wobei
A(ω)= ˘
Haa ε+˘
Hab
1
(ω+E00)1Hn1˘
Hbb
˘
Hba (10.25)
die inelastische Selbstenergie darstellt. Matrixprodukte und -inversion beziehen sich
jetzt nat¨
urlich auf beide Sorten von Matrixindizes. Durch Umformung erh¨
alt man die
Dyson-Gleichung f¨
ur die inelastische Greensfunktion:
G(ω)=G(0)(ω)+G(0)(ω)A(ω)G(ω).(10.26)
Man beachte, daß die inelastische Selbstenergie Alediglich eine andere Darstellung
der dynamischen Selbstenergie Aist. Der Zusammenhang ergibt sich wie folgt:
A[m,n]
pq (ω)=hφm|A
pq(ω)|φni.(10.27)
Kapitel 11
Anwendung auf
Elektron-Molek¨
ul-Streuung
In diesem Kapitel soll die dynamische Greensfunktion auf die Elektron-Molek¨
ul-
Streuung angewandt werden. Dazu werde ich die S- und T-Matrizen einf¨
uhren, die
hinsichtlich der elektronischen Targetzust¨
ande elastische aber bez¨
uglich der Kernbe-
wegung inelastische Streuung beschreiben. Diese Gr¨
oßen k¨
onnen mit Hilfe der dynami-
schen Greensfunktion und dem im vorangegangenen Kapitel entwickelten Formalismus
berechnet werden. In einer effektiven Schr¨
odinger-Gleichung ¨
ubernimmt die dynami-
sche Selbstenergie die Rolle eines optischen Potentials. Eine direkte Herleitung dieser
effektiven Schr¨
odinger-Gleichung wird gegeben und m¨
ogliche N¨
aherungen an die exak-
ten Gleichungen besprochen. Dieses Kapitel beruht auf Referenz [36].
11.1 Die S- und die T-Matrix der inelastischen
Streuung
Die Beziehung der dynamischen Greensfunktion zur S- und zur T-Matrix der Streu-
theorie ist sehr ¨
ahnlich wie bei der elastischen Elektronenstreuung an Atomen oder
starren Molek¨
ulen (fixed-nuclei-Streuung) [10, 55] und verh¨
alt sich v¨
ollig analog zum
Fall der elektronisch inelastischen Streuung [119]. Die Herleitung wird daher nur knapp
zusammengefaßt.
Die S-Matrix f¨
ur den betrachteten Prozeß lautet
S(p0mpn)=hhΨm
p0|Ψn+
pii,(11.1)
129
130 KAPITEL 11. ANWENDUNG AUF ELEKTRON-MOLEK ¨
UL-STREUUNG
wobei die station¨
aren Streuzust¨
ande |Ψm±
pii mit einlaufenden () oder auslaufenden
(+) Randbedingungen folgendermaßen definiert sind:
|Ψn±
pii = lim
t→∓∞ei(εp+E0nH)ta
p|ΨN
0i|φni.(11.2)
Die Doppelklammern stehen hier wieder f¨
ur Integration sowohl ¨
uber die Freiheitsgra-
de der N+ 1 Elektronen des Streusystems wie auch ¨
uber die Kernkoordinaten R.Die
asymptotischen Zust¨
ande bestehen nach Gleichung (11.2) aus einem freien Elektron mit
Impuls pund Energie εp=p2/2 (in atomaren Einheiten) und aus einem Molek¨
ulzu-
stand |ΨN
0i|φnimit NElektronen im n-ten angeregten Vibrations-/Rotationszustand
und im elektronischen Grundzustand mit Energie E0n. In diesem Kapitel wird der Ein-
fachheit halber f¨
ur den elektronischen Hamilton-Operator H0die kinetische Energie
der Elektronen, also der Hamilton-Operator der freien Elektronen, gew¨
ahlt.
Die S-Matrix l¨
aßt sich nun durch den Teilchenteil der inelastischen Greensfunktion
aus Gleichung (10.11) ausdr¨
ucken, wie aus der Definition (10.6) und den Gleichungen
(11.1) und (11.2) folgt:
S(p0mpn) = lim
t+
t0→−∞
ei(εp0+E0mE00)tG[m,n]p
p0p(t, t0)ei(εp+E0nE00)t0.(11.3)
Aus zwei Gr¨
unden kann man den Teilchenteil G[m,n]pauch durch die volle Greensfunk-
tion G[m,n]ersetzen:
Der Lochteil G[m,n]htr¨
agt in Gleichung (11.3) nicht bei, da die S-Matrix nur
Informationen ¨
uber die asymptotische Region der Streuung enth¨
alt, wo G[m,n]h
verschwindet, da ap|ΨN
0iverschwindet. F¨
ur die anschließend hergeleiteten effek-
tiven Einteilchen-Streugleichungen bedeutet dies, daß eine Beachtung der kor-
rekten auslaufenden Randbedingungen eine Kontamination der Wellenfunktion
durch unphysikalische Beimischungen verhindert.
Der Lochteil G[m,n]htr¨
agt im betrachteten Zeitlimes aufgrund der Theta-
Funktionen nicht bei, die explizit in den Gleichungen (10.6) und (10.8) auftreten.
Wenn die Zeitordnung korrekt beachtet wird, darf man also den Teilchenteil durch
die volle dynamische Greensfunktion ersetzen.
In Analogie zur reduziblen Selbstenergie (auch improper self energy) der tradi-
tionellen Einteilchen-Greensfunktion [9,55] f¨
uhre ich jetzt die inelastische reduzible
Selbstenergie T(ω) ein. Dazu wird Gleichung (10.26) wie ¨
ublich umgeschrieben:
G(ω)=G(0)(ω)+G(0)(ω)T(ω)G(0)(ω),(11.4)
T(ω)=A(ω)+A(ω)G(0)(ω)T(ω).(11.5)
11.2. EINE EFFEKTIVE SCHR ¨
ODINGER-GLEICHUNG 131
Obwohl der Terminus reduzible Selbstenergie seinen Ursprung in der diagrammati-
schen St¨
orungstheorie hat, die sich nicht unmittelbar auf die dynamische Greensfunk-
tion anwenden l¨
aßt, ¨
ubernehme ich hier diesen Begriff aufgrund der starken Analogie
zur elektronischen Einteilchen-Greensfunktion. Folgt man den Herleitungen aus den
Referenzen [55, 119], so l¨
aßt sich die S-Matrix durch die reduzible Selbstenergie aus-
dr¨
ucken:
S(p0mpn)=δnmδpp02πiT[m,n]
p0p(εp+E0n)δ(εp0+E0mεpE0n).(11.6)
Die inelastische reduzible Selbstenergie T[m,n]ausgewertet bei der Streuenergie εp+E0n
kann folglich mit der sogenannten on-shell T-Matrix der Streutheorie identifiziert
werden. Durch Vergleich mit der Theorie der Streuung am Potential [80] sieht man aus
Gleichung (11.5), daß die inelastische Selbstenergie A[m,n](ω)dasPotential f¨
ur den
Streuprozeß darstellt. A[m,n]ist damit das optische Potential f¨
ur Vielkanalstreuung,
wobei die Kan¨
ale durch die Eigenzust¨
ande |φnider Kernbewegung definiert werden.
Der Zusammenhang zwischen der inelastischen reduziblen Selbstenergie Tund der
reduziblen Selbstenergie der gew¨
ohnlichen (elektronischen) Einteilchen-Greensfunktion
(siehe Referenzen [9, 55] und auch [51] f¨
ur explizite Ausdr¨
ucke, die zur Berechnung
n¨
utzlich sein k¨
onnen) kann in Analogie zu Gleichung (10.20) folgendermaßen dargestellt
werden:
T[m,n](ω)=hφm|T(ωHn+E00)|φni.(11.7)
Man beachte, daß dieser formale Ausdruck tats¨
achlich eine ziemlich komplizierte Be-
ziehung zwischen der rein elektronischen reduziblen Selbstenergie und der T-Matrix
der inelastischen Streuung beschreibt, da die in Hnenthaltene kinetische Energie der
Kernbewegung Tnformal als Energievariable der Gr¨
oße T(ω) auftritt, die ihrerseits
eine komplizierte Abh¨
angigkeit von den Kernkoordinaten Raufweist. Falls jedoch in
diesem Ausdruck Tnvernachl¨
assigt und Hndurch EN
0ersetzt wird, dann erh¨
alt man
die wohlbekannte adiabatische N¨
aherung (auch adiabatic-nuclei, an) der Elektron-
Molek¨
ul-Streuung:
T[m,n](an)
p0p(ω)=hφm|Tp0p(ωEN
0+E00)|φni.(11.8)
11.2 Eine effektive Schr¨
odinger-Gleichung
Im vorangegangenen Abschnitt wurde die inelastische Selbstenergie A[m,n]mit dem
optischen Potential f¨
ur Vielkanalstreuung identifiziert. Folglich lassen sich effekti-
132 KAPITEL 11. ANWENDUNG AUF ELEKTRON-MOLEK ¨
UL-STREUUNG
ve Einteilchengleichungen von der Art einer Lippmann-Schwinger- oder Schr¨
odinger-
Gleichung herleiten. Im Bild der Vielkanalstreuung erh¨
alt man Systeme gekoppelter
Gleichungen und zwar eine Gleichung f¨
ur jede Kombination von Eingangs- und Aus-
gangskanal. Anstatt diese Gleichungen, die in Referenz [119] f¨
ur den analogen Fall der
elektronisch inelastischen Streuung zu finden sind, von neuem herzuleiten, soll im Fol-
genden direkt die zeitunabh¨
angige Schr¨
odingergleichung in der Ortsraumdarstellung
besprochen werden.
Jede effektive Einteilchengleichung m explizit in den Koordinaten des Streuelek-
trons und den Indizes der Eigenzust¨
ande der Kernbewegung oder den dazu ¨
aquivalenten
Kernkoordinaten Rformuliert werden. An Stelle der vollst¨
andige Streuwellenfunktion
|Ψn+
p(R)i=hR|Ψn+
pii
= lim
t→−∞ei(εp+E0nH)ta
p|ΨN
0iφn(R),(11.9)
welche die Kernkoordinatendarstellung der Streuwellenfunktion aus Gleichung (11.2)
ist und eine Wellenfunktion in den Kernkoordinaten aber einen abstrakten ket im
N+ 1-Teichen-Raum darstellt, f¨
uhre ich die effektive oder optische Wellenfunktion
f(r, R) ein:
f[n]+
p(r, R)=hΨN
0|ψ(r)|Ψn+
p(R)i.(11.10)
Die optische Wellenfunktion kann auch aus der dynamischen Greensfunktion berechnet
werden:
f[n]+
p(r, R) = lim
t0→∞Zdr0hR|G(r, 0; r0,t
0)|φniϕp(r0)ei(εp+E0nE00),(11.11)
wobei ϕp(r) eine ebene Welle darstellt. Die Beziehung zur S-Matrix ist folgendermaßen
[10,119] gegeben:
S(p0mpn)=ZdRZdr φ
m(R)ϕ
p0(r)f[n]+
p(r, R).(11.12)
Eine effektive Schr¨
odinger-Gleichung f¨
ur das betrachtete Streuproblem lautet
[H0+Hn+A(E)E00]f[n]+
p(r, R)=Ef[n]+
p(r, R),(11.13)
wie aus Analogie zu [10,55,119] folgt. Eine alternative Herleitung dieser Gleichung mit
Hilfe von Projektionsoperatoren wird in Abschnitt 11.3 vorgestellt werden. In der ef-
fektiven Schr¨
odinger-Gleichung (11.13) steht Ef¨
ur die totale Energie bezogen auf den
durch die molekulare Grundzustandsenergie E00 definierten Nullpunkt. Dieser Null-
punkt bezieht sich auf die Situation, in der das Streuelektron und das Targetmolek¨
ul
11.2. EINE EFFEKTIVE SCHR ¨
ODINGER-GLEICHUNG 133
in Ruhe sind, das Elektron so weit entfernt ist, daß es keine vom Target ausgehen-
den Kr¨
afte mehr sp¨
urt, und das Targetmolek¨
ul sich im Grundzustand befindet. Der
elektronische Hamilton-Operator nullter Ordnung H0ist ein Operator, der nur auf die
Koordinaten rdes Streuelektrons wirkt. Gem¨
der in Abschnitt 11.1 getroffenen Wahl
besteht er aus der elektronischen kinetischen Energie und beschreibt die Bewegung
eines freien Elektrons. Gleichung (11.13) gilt jedoch ebenso, wenn der Hartree-Fock-
Operator als nullte Ordnung gew¨
ahlt wird. In diesem Fall enth¨
alt H0zus¨
atzlich das
static-exchange-Potential des Targetmolek¨
uls. Der Hamilton-Operator der Kernbe-
wegung Hnwirkt nur auf die Kernkoordinaten Rund beschreibt die Kerndynamik des
Targetmolek¨
uls auf der Potentialfl¨
ache des elektronischen Grundzustands. Die dyna-
mische Selbstenergie A(E) aus den Gleichungen (10.19) und (10.20) erscheint hier in
der Koordinatendarstellung und ber¨
ucksichtigt die komplexe Vielteilchennatur des mo-
lekularen Targets. Sie wirkt als nichtlokaler (Integral-) Operator in den elektronischen
Koordinaten und in den Kernkoordinaten:
A(E)f(r, R)=ZdR0Zdr0A(r, R,r0,R0,E)f(r0,R0).(11.14)
Mit dem Operator
L(E)=H0+Hn+A(E)E00,(11.15)
der als Analogon zum Layzer-Operator [120] der gew¨
ohnlichen Einteilchen-
Greensfunktion gesehen werden kann, l¨
aßt sich die effektive Schr¨
odinger-Gleichung
(11.13) folgendermaßen schreiben:
L(E)f(r, R)=Ef(r, R).(11.16)
Dies ist formal eine Pseudoeigenwertgleichung, da der Eigenwert Eauch den Operator
L(E) bestimmt. Bei Streuenergien E>0 gibt es nat¨
urlich f¨
ur jeden Wert von Eeine
L¨
osung, und das Problem besteht darin, f¨
ur eine gegebene Energie Eeine Wellenfunkti-
on f(r, R) mit den richtigen Randbedingungen zu finden, die Gleichung (11.16) erf¨
ullt.
In der Regel werde ich die dynamische Selbstenergie A(E) mit dem optischen Potential
gleichsetzen, obwohl A(E) nicht die einzige nicht kinetische Energiekomponente von
L(E) aus Gleichung (11.15) darstellt.
Die effektive Schr¨
odinger-Gleichung (11.13) oder (11.16) ist zun¨
achst eine exakte
Gleichung. Um den Operator L(E) zu bestimmen, m¨
ussen jedoch in der Regel N¨
aherun-
gen eingef¨
uhrt werden. Einige M¨
oglichkeiten dazu werden in Abschnitt 11.4 besprochen.
Die beste Strategie, um dann Gleichung (11.13) zu l¨
osen, h¨
angt sicherlich vom betrach-
teten physikalischen Problem und von dem Niveau ab, auf dem L(E)gen
¨
ahert wurde.
134 KAPITEL 11. ANWENDUNG AUF ELEKTRON-MOLEK ¨
UL-STREUUNG
Eine Vielzahl von Methoden steht hierf¨
ur zur Auswahl. Mit close-coupling [89,105] oder
einer anderen der in Kapitel 9 erw¨
ahnten Methoden kann die Gleichung (11.13) direkt
nach Streuwellenfunktionen gel¨
ost werden. Resonanzen k¨
onnen auch mit gew¨
ohnlichen
Methoden f¨
ur gebundene Zust¨
ande berechnet werden, indem man z. B. Koordinaten-
rotation in die komplexe Ebene (complex rotation [121, 122]) , die Methode der
komplex-absorbierenden Potentiale (complex absorbing potentials [123–125]) oder
die Stabilisierungsmethode [126] anwendet. Falls n¨
otig k¨
onnen die Eigenwerte Edurch
Iteration gefunden werden. Da die effektive Schr¨
odinger-Gleichung auch in die entspre-
chende Lippmann-Schwinger-Gleichung oder die zeitabh¨
angige Schr¨
odinger-Gleichung
¨
ubergef¨
uhrt werden k¨
onnen, stehen auch noch weiter M¨
oglichkeiten zur L¨
osung des
effektiven Streuproblems offen.
11.3 Eine direkte Herleitung der Streugleichungen
Im Folgenden werde ich zeigen, wie die effektive Schr¨
odinger-Gleichung (11.13) di-
rekt aus der Schr¨
odinger-Gleichung des vollen Streuproblems, welches N+1 Elek-
tronen und die Kernbewegung umfaßt, hergeleitet werden kann. Diese Herleitung ist
v¨
ollig ¨
aquivalent zu der in Abschnitt 11.1 skizzierten Herleitung. Obwohl die dynami-
sche Greensfunktion und ihre Dyson-Gleichung nicht explizit vorkommen, basiert die
direkte Herleitung, die Projektionsoperatoren in einem zusammengesetzten Hilbert-
Raum mit Teilchen- und Lochzust¨
anden benutzt, auf der Theorie der Vielteilchen-
Greensfunktionen. W¨
ahrend die traditionelle Vielteilchentheorie m¨
achtige Methoden
bereith¨
alt, mit denen das dynamische optische Potential approximativ berechnet wer-
den kann (siehe Abschnitt 11.4), erm¨
oglicht die Formulierung der Dyson-Gleichung
mit Projektionsoperatoren [38] eine komplement¨
are Betrachtungsweise des Zugangs
¨
uber Greensfunktionen und seiner Beziehung zur Feshbach-Projektion. Im Folgenden
kann durch die alternative Formulierung der Herleitung von Abschnitt 10.3 die Rolle
einer R-Abh¨
angigkeit in der elektronischen Einteilchenbasis und dem elektronischen
Grundzustand |ΨN
0igekl¨
art werden. Ebenfalls wird die Bedeutung von unphysikali-
schen Beimischungen in der optischen Wellenfunktion diskutiert.
Den Ausgangspunkt der Herleitung bildet die zeitunabh¨
angige Schr¨
odinger-
Gleichung f¨
ur das volle Streuproblem der N+ 1 Elektronen und der Atomkerne:
(Hmol E00)|Ψtot(R)i=E|Ψtot(R)i.(11.17)
Die Gesamtwellenfunktion |Ψtot(R)isei hier eine beliebige L¨
osung der Schr¨
odinger-
Gleichung wie z. B. die Streuwellenfunktion |Ψn+
p(R)iaus Gleichung (11.9). Der Ei-
11.3. EINE DIREKTE HERLEITUNG DER STREUGLEICHUNGEN 135
genwert Ehat die Bedeutung der Energie des Streusystems relativ zur molekularen
Grundzustandsenergie E00.Gem
¨
Gleichung (10.1) besteht der molekulare Hamilton-
Operator Hmol aus dem elektronischen Teil Hund der kinetischen Energie der Kerne
Tn. Addiert und subtrahiert man das elektronische Grundzustandspotential EN
0und
f¨
uhrt den Hamiltonoperator der Kernbewegung Hn=Tn+EN
0aus Gleichung (10.2)
ein, so erh¨
alt man
[HEN
0+HnE00]|Ψtot(R)i=E|Ψtot(R)i.(11.18)
F¨
uhrt man nun die 2 ×2 Matrix von Operatoren ˜
Haus Gleichung (1.12) ein, so l¨
aßt
sich Gleichung (11.18) auch als zweikomponentige Gleichung schreiben:
h˜
H+(HnE00)12i |Ψtot(R)i
0!=E |Ψtot(R)i
0!,(11.19)
wobei 12die 2 ×2 Einheitsmatrix darstellt. Da die zweite Komponente des Vek-
tors ( |Ψtot(R)i,0)tauf Null gesetzt ist, bleibt Gleichung (11.19) selbstverst¨
and-
lich v¨
ollig ¨
aquivalent zur urspr¨
unglichen Schr¨
odinger-Gleichung (11.17). Der Vektor
(|Ψtot(R)i,0)tkann jedoch nun auch als Element des zusammengesetzten Hilbert-
Raums YG(siehe Fußnote von Seite 13) aufgefaßt werden. Ich f¨
uhre nun den Projekti-
onsoperator Pein
P=X
q|YqihYq|,(11.20)
der auf den von den Vektoren {|Ypi} aus Gleichung (1.11) aufgespannten prim¨
aren
Raum projiziert. Gem¨
seiner Definition wirkt der Operator Pprim¨
ar auf die elek-
tronischen Freiheitsgrade. Wir m¨
ussen jedoch auch seine Abh¨
angigkeit von den Kern-
koordinaten Rber¨
ucksichtigen, da die in Hnenthaltene kinetische Energie der Kern-
bewegung TnAbleitungen nach Renth¨
alt. Die Kernkoordinatenabh¨
angigkeit von
Pleitet sich nach Gleichung (1.11) direkt von der elektronischen Grundzustands-
Wellenfunktion |ΨN
0iab, da die Basis der elektronischen Einteilchenorbitale ϕp(r)
unabh¨
angig von den Kernkoordinaten gew¨
ahlt werden kann. Der prim¨
are Raum und
damit der Projektor Psind jedoch invariant unter einem Wechsel der Orbitalbasis.
Solange also eine vollst¨
andige Einteilchenbasis gew¨
ahlt wird, ist die Aussage gerecht-
fertigt, daß Pdieselbe R-Abh¨
angigkeit wie |ΨN
0ibesitzt, selbst wenn die einzelnen
Orbitalfunktionen von Rabh¨
angen, wie das z. B. bei Hartree-Fock-Orbitalen der Fall
ist. Mit Hilfe der Projektionsoperatoren Pund Q=1Pformulierte Gleichungen sind
also unabh¨
angig von der Wahl der Orbitalbasis, und daher spielt eine R-Abh¨
angigkeit
der Orbitale keine Rolle.
136 KAPITEL 11. ANWENDUNG AUF ELEKTRON-MOLEK ¨
UL-STREUUNG
Wie schon in Abschnitt 10.3 angemerkt, wird f¨
ur den elektronischen Grundzustand
|ΨN
0idie Born-Oppenheimer-N¨
aherung zugrundegelegt. Insbesondere kann daher ei-
ne vernachl¨
assigbare R-Abh¨
angigkeit der Wellenfunktion |ΨN
0iangenommen werden.
Folglich kommutiert dann der Projektionsoperator Pmit der kinetischen Energie der
Kerne Tnund mit Hn:
[P,T
n]=[P,H
n]=0.(11.21)
Hier soll nochmals betont werden, daß die Born-Oppenheimer-N¨
aherung nur f¨
ur die
Kernbewegung im elektronischen Grundzustand des N-Elektronen-Molek¨
uls angenom-
men wird, was f¨
ur viele Molek¨
ule physikalisch sinnvoll ist. Das bedeutet jedoch weder
Adiabatizit¨
at f¨
ur das Streuelektron noch f¨
ur den Streukomplex. Im Gegenteil wird die
nichtadiabatische Kopplung von Projektil- und Kernbewegung, die f¨
ur langsame Pro-
jektile sehr wichtig sein kann, in dem vorgestellten Formalismus explizit ber¨
ucksichtigt.
Definiert man mit dem Operator Q=1Peinen Projektor auf den sekund¨
aren
Raum (1 ist hier der Identit¨
atsoperator im Raum YG), so l¨
aßt sich Gleichung (11.19)
leicht partitionieren und in eine effektive Gleichung im prim¨
aren Raum umformen.
Ausgehend von Gleichung (11.19) f¨
ugt man zun¨
achst die Identit¨
at 1 = P+Qin ein
und erh¨
alt:
˜
H(P+Q) |Ψtot(R)i
0!=(EHn+E00) |Ψtot(R)i
0!.(11.22)
L¨
aßt man nun von links Qwirken und benutzt [Q, Hn]=0,wasaus[P, Hn] = 0 folgt,
so ergibt sich eine Gleichung f¨
ur die Komponente der Wellenfunktion im sekund¨
aren
Raum Q(|Ψtot(R)i,0)t:
˜
HQP P |Ψtot(R)i
0!=(EHn+E00 ˜
HQQ)Q |Ψtot(R)i
0!.(11.23)
Dabei steht die Notation ˜
HQP f¨
ur das Produkt Q˜
HP,˜
HQQ f¨
ur Q˜
HQ, usw. Benutzt
man nun Gleichung (11.23), um die Komponente des sekund¨
aren Raums aus der P-
Projektion von Gleichung (11.22) zu eliminieren, dann f¨
uhrtdaszurgew
¨
unschten Glei-
chung f¨
ur die Komponente der Wellenfunktion im prim¨
aren Raum:
h˜
HPP +HnE00
˜
HPQ
1
EHn+E00 ˜
HQQ
˜
HQP iP |Ψtot(R)i
0!=EP |Ψtot(R)i
0!.(11.24)
Dies ist das Ergebnis f¨
ur die in den prim¨
aren Raum projizierte zeitunabh¨
angige
Schr¨
odinger-Gleichung. Die projizierte Komponente der Wellenfunktion gen¨
ugt einer
11.3. EINE DIREKTE HERLEITUNG DER STREUGLEICHUNGEN 137
Pseudoeigenwertgleichung mit einem energieabh¨
angigen Operator auf der linken Seite.
Dieser Operator wirkt auf die Kernkoordinaten Rund auf die elektronischen Koor-
dinaten, die nun auf den zum physikalischen Einteilchenraum isomorphen prim¨
aren
Raum eingeschr¨
ankt sind (siehe dazu auch Abschnitt 1.2).
Nun m¨
ochte ich an die Formulierung der vorangegangenen Abschnitte anschließen
und die Selbstenergie der dynamischen Greensfunktion mit dem optischen Potential
identifizieren. Die Komponente der Wellenfunktion im prim¨
aren Raum l¨
aßt sich fol-
gendermaßen ausdr¨
ucken:
P |Ψtot(R)i
0!=X
q|Yqi"DYq |Ψtot(R)i
0!#=X
q|Yqifq(R),(11.25)
wobei fq(R)=hΨN
0|aq|Ψtot(R)idie effektive Wellenfunktion aus Gleichung (11.10) in
der Orbitaldarstellung ist. Nimmt man nun das Skalarprodukt von Gleichung (11.24)
mit hYp|von links, so erh¨
alt man
X
q hYp|˜
H|Yqi+(HnE00)δpq
−hYp|˜
HQ 1
EHn+E00 ˜
HQQ
Q˜
H|Yqi!fq(R)=Efp(R).(11.26)
Der erste Term in der Summe auf der linken Seite kann als der prim¨
are Block Haa aus
Gleichung (1.16) identifiziert werden, der nach Gleichung (10.19) in die Matrix der Or-
bitalenergien in nullter Ordnung εund den statischen (d. h. energieunabh¨
angigen) Teil
der Selbstenergie A() zerf¨
allt. Auch der energieabh¨
angige Teil der Selbstenergie kann
in Gleichung (11.26) entdeckt werden, wenn eine Basisdarstellung f¨
ur den Projektor
auf den sekund¨
aren Raum Qgew¨
ahlt wird:
Q=X
J
0|QJihQJ|.(11.27)
Die Summe P0l¨
auft nur ¨
uber die Basiszust¨
ande |QJides sekund¨
aren Raumes [vgl. mit
den Gleichungen (1.14) und (1.15)]. Aus Gleichung (11.26) wird nun
X
q
[εpq +(HnE00)δpq +Apq(ω)] fq(R)=Efp(R).(11.28)
Man erh¨
alt die effektive Schr¨
odinger-Gleichung in der Form von Gleichung (11.13),
wenn man die Koordinaten- an Stelle der Orbitaldarstellung w¨
ahlt und realisiert, daß
die Matrix εdie Orbitaldarstellung des elektronischen Hamilton-Operators nullter Ord-
nung H0aus Gleichung (1.20) im Einteilchenraum ist. Wie zuvor schon diskutiert wur-
de, sind die Operatoren Pund Qv¨
ollig unabh¨
angig von der Wahl der Einteilchenbasis
138 KAPITEL 11. ANWENDUNG AUF ELEKTRON-MOLEK ¨
UL-STREUUNG
und folglich gilt Gleichung (11.28) in der Impuls-, Koordinaten- und einer beliebi-
gen Orbitaldarstellung. Auch f¨
ur H0kann jeder Einteilchenoperator mit beliebiger R-
Abh¨
angigkeit gew¨
ahlt werden, wobei der Hartree-Fock-Operator sicher eine geeignete
Wahl f¨
ur die Elektron-Molek¨
ul-Streuung darstellt, da sich dadurch die Berechnung der
Selbstenergie A(ω) vereinfacht. In diesem Fall enth¨
alt H0außer der kinetischen Energie
des Streuelektrons auch noch das static-exchange-Potential des Targets.
Bisher wurde gezeigt, daß die optische Wellenfunktion f(r, R) aus Gleichung
(11.10), die eine Projektion der physikalischen Streuwellenfunktion darstellt, die effek-
tive Schr¨
odinger-Gleichung (11.13) erf¨
ullt. Es gibt aber auch unphysikalische L¨
osungen
dieser Gleichung, die aufgrund der Einf¨
uhrung der zweiten Komponente in Gleichung
(11.19) m¨
oglich werden. Die unphysikalische Komponente lebt im Hilbert-Raum der
N1 Elektronen, die an dieselben Freiheitsgrade der Kernbewegung gekoppelt sind wie
die physikalische Komponente. Da der Hamilton-Operator f¨
ur die zweite Komponente
von Gleichung (11.19) folgendermaßen lautet:
EN
0H+HnE00 =[HTn2EN
0+E00],(11.29)
wird die Kerndynamik nicht korrekt behandelt, um ein ionisiertes Molek¨
ul zu beschrei-
ben, da Hund Tnentgegengesetzte Vorzeichen haben. Wenn der Formalismus des
dynamischen optischen Potentials auf die Dynamik von ionisierten Molek¨
ulen ange-
wendet werden soll, dann m die Definition des Hamilton-Operators entsprechend
ge¨
andert werden.
Wie kann man nun unphysikalische L¨
osungen identifizieren und erkennen, ob die
unphysikalische Komponente die physikalischen L¨
osungen st¨
oren kann? Dieses Problem
kann leicht durch Beachtung der korrekten Streurandbedingungen gel¨
ost werden: Da
der elektronische Grundzustand des Streutargets |ΨN
0iein gebundener Zustand ist,
wird jeder ¨
Uberlapp hΨ|ψ(r)|ΨN
0ieine quadratintegrable Funktion von rdarstellen
und f¨
ur |r|→∞asymptotisch verschwinden. Dasselbe trifft folglich f¨
ur eine effektive
Wellenfunktion funphys(r, R) zu (als Funktion von r), die zu einer unphysikalischen
L¨
osung von Gleichung (11.19) geh¨
ort:
funphys(r, R)="hY(r)| 0
hΨN1
unphys(R)|!#=hΨN1
unphys(R)|ψ(r)|ΨN
0i.(11.30)
Solange man die effektive Schr¨
odinger-Gleichung (11.13) oder die entsprechende
Lippmann-Schwinger-Gleichung mit den korrekten Streurandbedingungen f¨
ur die ef-
fektive Wellenfunktion f(r, R)l
¨
ost, bekommt man daher eine physikalische L¨
osung.
11.4. APPROXIMATIVE STREUGLEICHUNGEN 139
Auch eine eventuelle Kontamination der physikalischen L¨
osung mit einer unphysika-
lischen Beimengung von kurzer Reichweite wird keine sch¨
adlichen Auswirkungen f¨
ur
Streurechnungen haben, da bei der Berechnung der S-Matrixelemente nur das asymp-
totische Verhalten der effektiven Wellenfunktion eingeht.
Betrachten wir nun noch kurz die einzige N¨
aherung, die in der Herleitung von Glei-
chung (11.24) angewandt wurde. Ohne die Born-Oppenheimer-N¨
aherung f¨
ur den elek-
tronischen Grundzustand des Targetmolek¨
uls (11.21), welche das Vertauschen des Ope-
rators der kinetischen Energie der Kerne Tnmit den Projektionsoperatoren Pund Q
erlaubt, treten in der projizierten Schr¨
odinger-Gleichung Terme auf, die proportional zu
PHnQund QHnPsind. Diese Terme beschreiben virtuelle Anregungen vom prim¨
aren
in den sekund¨
aren Raum, die eine elektronische Anregung im Targetmolek¨
ul bedeuten,
welche durch die kinetische Energie der Kernbewegung vermittelt wird. Diese Terme
konkurrieren mit Anregungen durch den elektronischen Hamilton-Operator beschrie-
ben durch PHQ und QHP, gegen die sie gew¨
ohnlich vernachl¨
assigt werden k¨
onnen.
Die einzige Ausnahme mag in F¨
allen gegeben sein, in denen die Born-Oppenheimer-
N¨
aherung f¨
ur den elektronischen Grundzustand zusammenbricht und sich die Poten-
tialfl¨
achen des elektronischen Grundzustands und angeregter elektronischer Zust¨
ande
des Targetmolek¨
uls nahe kommen. In diesen seltenen F¨
allen m¨
ussen vibronische Wech-
selwirkungen ber¨
ucksichtigt werden und eine diabatische Darstellung f¨
ur den Grundzu-
stand mag angemessen sein. Das dynamische optische Potential m dann um Terme
erweitert werden, welche die entsprechenden vibronischen ¨
Uberg¨
ange beschreiben.
11.4 Approximative Streugleichungen
In diesem Abschnitt sollen verschiedene N¨
aherungen an die exakten Streugleichungen
und die durch sie implizierten physikalischen Modelle diskutiert werden. Die ersten bei-
den Unterabschnitte behandeln M¨
oglichkeiten, wohlbekannte N¨
aherungen f¨
ur Elektron-
Molek¨
ul-Streuung zu erhalten, indem in der exakten Gleichung (11.16) entweder das
energieabh¨
angige optische Potential vernachl¨
assigt wird oder die Kernkoordinaten ein-
gefroren werden. Die letzten beiden Unterabschnitte behandeln das optische Poten-
tial selbst. Neben einer Diskussion des Einflusses der Kerndynamik auf das optische
Potential werden M¨
oglichkeiten zur ab-initio-Berechnung des dynamischen optischen
Potentials er¨
ortert.
140 KAPITEL 11. ANWENDUNG AUF ELEKTRON-MOLEK ¨
UL-STREUUNG
11.4.1 Statische N¨
aherungen an das optische Potential
Zun¨
achst betrachten wir die einfachste N¨
aherung f¨
ur das optische Potential A(ω), die
darin besteht, es v¨
ollig zu vernachl¨
assigen. Formal ist diese N¨
aherung dazu ¨
aquivalent,
den Wechselwirkungsteil H1im elektronischen Hamilton-Operator Haus Gleichung
(1.19) zu vernachl¨
assigen. Diese ¨
Aquivalenz folgt leicht aus Gleichung (10.20), in der
die dynamische Selbstenergie A(ω) mit der gew¨
ohnlichen, elektronischen Selbstenergie
Σ(ω)verkn
¨
upft wird, die definitionsgem¨
mindestens von erster Ordnung in H1ist.
Anders ausgedr¨
uckt ist die effektive Schr¨
odinger-Gleichung (11.13) unter Vernachl¨
assi-
gung der dynamischen Selbstenergie A(ω) in solchen physikalischen Systemen korrekt,
in denen das Streuelektron nicht mit den anderen Elektronen des Systems korreliert ist
und durch H0gut beschrieben wird. Der Einteilchenoperator H0kann selbstverst¨
and-
lich gemittelte (mean fields) oder durch die Atomkerne oder ¨
außere Felder verur-
sachte Kr¨
afte enthalten.
Die Qualit¨
at der N¨
aherung, die durch den statischen (d. h. energieunabh¨
angigen)
Layzer-Operator Lst =H0+HnE00 erreicht wird, h¨
angt von der Wahl des Operators
H0ab:
W¨
ahlt man f¨
ur H0den Operator der kinetischen Energie der Elektronen, so
erh¨
alt man einen Layzer-Operator Lst, der die separable Bewegung eines freien
Elektrons und eines vibrierenden oder rotierenden Molek¨
uls im elektronischen
Grundzustand beschreibt.
W¨
ahlt man hingegen f¨
ur H0den R-abh¨
angigen Hartree-Fock-Operator, so be-
schreibt der zugeh¨
orige Layzer-Operator die Bewegung von Streuelektron und
Kernfreiheitsgraden. Das Streuelektron sieht den Einfluß der Coulomb- und Aus-
tauschwechselwirkung mit der statischen Ladungswolke des Targetmolek¨
uls auf
Hartree-Fock-Niveau und die Kernbewegung erfolgt im ¨
ublichen Grundzustand-
spotential EN
0, das durch die Coulomb-Anziehung zwischen den Kernen und dem
elektronischen Projektil modifiziert wird. Diese N¨
aherung liefert eine konsisten-
te Beschreibung der Elektron-Molek¨
ul-Streuung im strikten Einteilchenbild. Die
Bewegung von Projektil und Atomkernen ist vollst¨
andig gekoppelt, aber die Na-
tur dieser statischen N¨
aherung schließt Polarisationseffekte und die M¨
oglichkeit
von elektronischen Anregungen des Targetmolek¨
uls aus, die durch den Elektro-
nenstoß verursacht werden k¨
onnten. Ein anderer Mangel dieser auf der Hartree-
Fock-N¨
aherung basierenden static-exchange-N¨
aherung ist, daß die statische
11.4. APPROXIMATIVE STREUGLEICHUNGEN 141
Ladungsdichte des Targetmolek¨
uls durch die Hartree-Fock-Wellenfunktion nur
n¨
aherungsweise (unkorreliert) beschrieben wird.
Eine andere, naheliegende M¨
oglichkeit f¨
ur eine energieunabh¨
angige N¨
aherung an
das optische Potential besteht darin, den Limes der Selbstenergie f¨
ur hohe Energien
A()zuber
¨
ucksichtigen, der auch statische Selbstenergie genannt wird. Der statische
Teil der dynamischen Selbstenergie A() ist identisch zur rein elektronischen Selbst-
energie Σ(), wie man aus den Gleichungen (1.23) und (10.19) [siehe auch Gl. (10.20)]
sieht. Wie in Abschnitt 8.1 gezeigt wurde [83], korrigiert dieser nichtlokale Operator die
Hartree-Fock-Beschreibung der Wellenfunktion des Targets, indem er ihre Korrelation
ber¨
ucksichtigt. Diese N¨
aherung an den Layzer-Operator Lcse =H0+Hn+A()E00
ist unabh¨
angig von der Wahl des Hamilton-Operators nullter Ordnung H0in Gleichung
(1.19), da die statische Selbstenergie den Wechselwirkungsanteil H1ber¨
ucksichtigt. Der
Layzer-Operator Lcse entspricht einem Streupotential, das seinen Ursprung in der korre-
lierten aber statischen Ladungsverteilung des Targetmolek¨
uls hat und auch correlated
static exchange potential (cse) genannt wird.
N¨
aherungen an den energieabh¨
angigen Teil des dynamischen optischen Potenti-
als werden in den Abschnitten 11.4.3 und 11.4.4 untersucht. In dem folgenden Ab-
schnitt wird ein vereinfachter Fall besprochen, in dem die Kerndynamik vollst¨
andig
vernachl¨
assigt wird.
11.4.2 Streuung bei festgehaltenen Kerngeometrien
Mit Hilfe von Gleichung (10.20) l¨
aßt sich der volle Layzer-Operator Lfolgendermaßen
ausdr¨
ucken
L(E)=H0+Tn+EN
0(ETnEN
0+E00)E00.(11.31)
Im Grenzwert unendlich schwerer Atomkerne kann die kinetische Energie der Kern-
bewegung Tnvernachl¨
assigt werden. Dieser Grenzwert wird fixed-nuclei-Limes (fn)
oder Limes der festgehaltenen Kerngeometrien genannt, da der Layzer-Operator
Lfn(E)=H0(EEN
0+E00)+EN
0E00 (11.32)
und die zugeh¨
orige Wellenfunktion f(r, R) aus Gleichung (11.13) jetzt nur noch pa-
rametrisch von den Kernkoordinaten Rabh¨
angen. Der Operator Lfn(E) ist abge-
sehen von der R-abh¨
angigen Energieverschiebung EN
0E00 identisch mit dem in
142 KAPITEL 11. ANWENDUNG AUF ELEKTRON-MOLEK ¨
UL-STREUUNG
der Literatur benutzten Layzer-Operator f¨
ur Streuung an Atomen oder starren Mo-
lek¨
ulen [10,24,120]. Die Energieverschiebung setzt den Nullpunkt der Energieskala von
E00 auf EN
0.
Im vorliegenden Fall der Streuung bei festgehaltenen Kerngeometrien wird das op-
tische Potential durch die rein elektronische Selbstenergie Σ(ω) bestimmt. Wie schon
erw¨
ahnt wurde, verbessert der statische Teil Σ() das static-exchange-Potential hin-
sichtlich der Korrelation der elektronischen Grundzustandswellenfunktion des Streu-
targets. Der energieabh¨
angige Teil M(ω)=Σ(ω)Σ() lautet nach Gleichung (1.23)
M(ω)= ˜
Hab
1
ω1˜
Hbb
˜
Hba.(11.33)
Der Einfachheit halber wird hier wieder die schon fr¨
uher eingef¨
uhrte Matrixnotation
f¨
ur die elektronischen Koordinaten verwendet. Selbstverst¨
andlich k¨
onnen die Matrizen
auch in der Koordinatendarstellung ausgedr¨
uckt werden. M(ω)ber
¨
ucksichtigt die so-
genannte dynamische Korrelation einschließlich der Polarisation des Targets durch das
ankommende elektronische Projektil [127]. Die Energieabh¨
angigkeit von M(ω) wurde
in der Literatur bereits diskutiert [11]. Auch die Folgen einer Energieabh¨
angigkeit des
optischen Potentials f¨
ur Streusysteme wurden studiert [25]. An dieser Stelle soll noch
folgendes bemerkt werden:
Der energieabh¨
angige (oder dynamische) Teil der elektronischen Selbstenergie M(ω)
f¨
uhrt Pole und Verzweigungsschnitte in das optische Potential ein, die durch Diago-
nalisieren des Nenners von Gleichung (11.33) gefunden werden k¨
onnen. In der nullten
Ordnung, z. B. der Hartree-Fock-N¨
aherung, ist die Matrix ˜
Hbb aus dem Nenner bereits
diagonal. Die Diagonalelemente entsprechen den elektronischen Anregungen des N+1
und N1 Elektronen-Systems und k¨
onnen durch Konfigurationen vom 2ph-, 3p2h-,
bzw. p2h-, 2p3h-Typ usw. klassifiziert werden. Explizite Matrixdarstellungen f¨
ur
˜
Hab,˜
Hba und ˜
Hbb findet man in Referenz [37].
Zur Berechnung von Σ(ω) stehen verschiedene Standardn¨
aherungsverfahren zur
Verf¨
ugung. Basierend auf der Vielteilchen-St¨
orungstheorie liefert das sogenannte ADC-
Schema (algebraic diagrammatic construction) [21] zum Beispiel eine Hierarchie von
N¨
aherungen f¨
ur Σ(ω), die im Gegensatz zur gew¨
ohnlichen St¨
orungstheorie die analyti-
sche Struktur von Σ(ω) als Funktion von ωbewahren. Die ADC-N¨
aherung f¨
ur Σ(ω)hat
dieselbe Struktur wie Gleichung (1.23), aber die Matrizen ˜
Hij werden im ADC-Schema
n-ter Ordnung so konstruiert, daß die approximative Selbstenergie ΣADC(ω) bis zur n-
ten Ordnung in H1mit der ¨
ublichen Feynman-Dyson-Reihe von Σ(ω)¨
ubereinstimmt.
11.4. APPROXIMATIVE STREUGLEICHUNGEN 143
Da die dem ionisierten Molek¨
ul zugeh¨
origen Pole und Verzweigungsschnitte bei
negativen Energien auftreten, haben sie nur einen geringen Einfluß auf die Energie-
abh¨
angigkeit des optischen Potentials bei den relevanten Streuenergien. Die Pole und
Schnitte bei positiven Energien k¨
onnen dagegen den angeregten Zust¨
anden des phy-
sikalischen Streusystems mit N+ 1 Elektronen zugeordnet werden. Signaturen von
Feshbach-Resonanzen k¨
onnen daher im energieabh¨
angigen Teil des optischen Potenti-
als gefunden werden, obwohl die genaue Position und Breite der Resonanz nat¨
urlich mit
dem vollst¨
andigen effektiven Hamilton-Operator berechnet werden m¨
ussen. Oberhalb
der ersten elektronischen Anregungsenergie des Molek¨
uls erscheint ein Verzweigungs-
schnitt in der analytischen Struktur der Selbstenergie, da bei gen¨
ugend großer Streu-
energie mit der elektronischen Anregung ein neuer Streukanal ge¨
offnet wird, d. h. in-
elastische Streuung m¨
oglich. Der Schnitt von Σ(ω) hat zur Folge, daß das optische
Potential eine imagin¨
are Komponente enth¨
alt, also nichhermitesch wird, womit dem
Verlust von Streuamplitude in den inelastischen Kanal Rechnung getragen wird.
11.4.3 Kerndynamik im optischen Potential: Entwicklung
nach Tn
Im Folgenden soll der Einfluß der Kerndynamik auf das optische Potential A(E) dis-
kutiert werden. Die durch Gleichung (10.19) gegebene dynamische Selbstenergie A(E)
besteht aus einem energieunabh¨
angigen (statischen) Teil A() und einem energie-
abh¨
angigen Teil M(E)=A(E)−A(), der bei hohen Energien Everschwindet. Der
energieabh¨
angige Teil M(E) beinhaltet wieder die Effekte der dynamischen Korrela-
tion einschließlich Polarisation. Im Unterschied zur fixed-nuclei-Streuung aus dem
vorangehenden Abschnitt wird M(E) nur durch den Einfluß der Kernbewegung mo-
difiziert. Wie aus Gleichung (10.19) folgt, lautet der energieabh¨
angige Teil in Matrix-
schreibweise
M(E)= ˜
Hab
1
[ETnEN
0+E00]1 ˜
Hbb
˜
Hba.(11.34)
Wie zuvor bezeichnet Tndie kinetische Energie der Kernbewegung, EN
0das (elektroni-
sche) Grundzustandspotential und E00 die molekulare Grundzustandsenergie. Die Ma-
trizen ˜
Hij sind Teile der in Abschnitt 1.2 eingef¨
uhrten Matrixdarstellung des zweikom-
ponentigen elektronischen Anregungsenergieoperators ˜
Hund h¨
angen von den Kernko-
ordinaten Rab. M¨
ochte man nun den Nenner diagonalisieren, um die Polstruktur von
M(E) zu berechnen, so werden nicht nur die Eigenvektoren von ˜
Hbb, die den elektroni-
schen Eigenzust¨
anden im sekund¨
aren Raum entsprechen, ben¨
otigt, sondern es m¨
ussen
144 KAPITEL 11. ANWENDUNG AUF ELEKTRON-MOLEK ¨
UL-STREUUNG
auch die zus¨
atzlichen Freiheitsgrade der Kernbewegung ber¨
ucksichtigt werden. Da die
Energieskala der Kernbewegung normalerweise deutlich unter den typischen elektroni-
schen Anregungsenergien liegt, k¨
onnen wir annehmen, daß die Grobstruktur der Ener-
gieabh¨
angigkeit von M(E) nicht wesentlich vom Fall der fixed-nuclei-Streuung aus
Abschnitt 11.4.2 abweicht. Die Kerndynamik wird jedoch eine Feinstruktur bedingen,
die sehr wichtig werden kann. Dies kann entweder bei Energien auftreten, bei denen
elektronische Anregungen m¨
oglich oder fast m¨
oglich sind, oder in Situationen die sehr
empfindlich f¨
ur kleine St¨
orungen des Streupotentials sind, so z. B. in der N¨
ahe von
vibratorisch inelastischen Schwellen.
Solange die Streuenergien weit genug von Feshbach-Resonanzen oder elektronisch
inelastischen Schwellen entfernt sind, kann der Einfluß der Kerndynamik auf das op-
tische Potential entweder vernachl¨
assigt werden oder n¨
aherungsweise durch Entwick-
lungen des Nenners in Gleichung (11.34) ber¨
ucksichtigt werden.
Der n¨
achste logische Schritt jenseits der fixed-nuclei-N¨
aherung ist die Annah-
me, daß Tnals kleine St¨
orung aufgefaßt werden kann, was die folgende Entwicklung
nahelegt:
M(E)= ˜
Hab
1
[EEN
0+E00]1 ˜
Hbb
X
ν=0
Tn
1
[EEN
0+E00]1 ˜
Hbb
ν
˜
Hba.(11.35)
Der erste Term dieser Entwicklung (f¨
ur ν= 0) soll hier adiabatisches optisches
Potential (aop) genannt werden:
Aaop(E)= ˜
Haa ε+˜
Hab
1
[EEN
0+E00]1 ˜
Hbb
˜
Hba
(EEN
0+E00).(11.36)
Formal gesehen ist das adiabatische optische Potential Aaop(E) identisch mit dem
in der fixed-nuclei-Streuung verwendeten optischen Potential aus Abschnitt 11.4.2.
Der Unterschied liegt darin, daß die Kernkoordinaten Rnun dynamische Variable dar-
stellen. Das adiabatische optische Potential Aaop(E) ist ein lokaler Operator in den
Kernkoordinaten R,daEN
0und die Matrizen ˜
Hij von Rabh¨
angen, aber in Aaop(E)
keine Ableitungen nach Rvorkommen. Da Aaop(E)f
¨
ur jedes Raus der rein elektro-
nischen Selbstenergie Σ(E) berechnet werden kann, lassen sich hier Standardverfahren
zur Berechnung der elektronischen Selbstenergie wie die in Abschnitt 11.4.2 erw¨
ahnte
ADC-Methode zur Anwendung bringen.
11.4. APPROXIMATIVE STREUGLEICHUNGEN 145
Der Layzer-Operator, der die gerade diskutierte approximative Behandlung des
optischen Potentials Aaop(E) beschreibt, lautet
Laop(E)=H0+Hn+Aaop(E)E00.(11.37)
Obwohl das dynamische optische Potential hier in einer adiabatischen N¨
aherung be-
handelt wird, beschreibt der Layzer-Operator Laop(E) die vollst¨
andig nichtadiabatisch
gekoppelte Bewegung des Projektilelektrons und der Atomkerne mit einem vereinfach-
ten optischen Potential. In dieser N¨
aherung wird die Kernbewegung in den elektro-
nisch angeregten Zust¨
anden des Targetmolek¨
uls adiabatisch behandelt! Obwohl diese
N¨
aherung nicht geeignet sein mag, um Experimente zu beschreiben, bei denen die
elektronische Anregungsstruktur des Targetmolek¨
uls im Detail abgetastet wird, ist die
Situation bei niedrigen (aber nicht zu niedrigen) Streuenergien anders. Wenn elektro-
nische Anregungen wegen der Energieerhaltung nicht erlaubt sind, weil die Stoßener-
gie des ankommenden Elektrons zu niedrig ist, dann kann die adiabatische N¨
aherung
Aaop(E) sehr gut sein. Bei niedrigen Streuenergien k¨
onnen elektronische Anregungen
als virtuelle Prozesse auftreten und zur Polarisation des Molek¨
uls f¨
uhren, sind aber der
Energie-Zeit-Unsch¨
arferelation unterworfen. Wenn die typischen Zeiten f¨
ur diese virtu-
ellen Anregungen sehr viel kleiner sind als die Zeitskala der Molek¨
ulschwingungen, was
gew¨
ohnlich der Fall sein d¨
urfte, dann sollte die adiabatische N¨
aherung f¨
ur das optische
Potential Aaop(E) angemessen sein.
F¨
ur sehr langsame Streuelektronen andererseits kann es notwendig sein, die N¨
ahe-
rung Aaop(E) zu verbessern, wenn die Wirkungsquerschnitte das optische Potential
sehr genau abtasten. In dem adiabatischen optischen Potential Aaop(E) wird die dyna-
mische Relaxation des Kernger¨
ustes nicht korrekt beschrieben, die w¨
ahrend der Polari-
sation der elektronischen Ladungswolke durch das ankommende Projektil stattfindet.
Bei sehr kleinen Projektilgeschwindigkeiten, bei denen die zugeh¨
origen Trajektorien
besonders empfindlich auf die Kopplung an die Kernbewegung reagieren, kann dies ein
wichtiges Manko der Theorie bedeuten. In diesem Fall kann die im folgenden Abschnitt
beschriebene Entwicklung des dynamischen optischen Potentials sinnvoll sein, die eine
n¨
aherungsweise Ber¨
ucksichtigung der vernachl¨
assigten Effekte erlaubt.
11.4.4 Entwicklung des dynamischen optischen Potentials
nach HnE00
Der Operator der kinetischen Energie der Kerne Tnf¨
uhrt in die Terme der Entwicklung
(11.35) mit ν1 Ableitungen nach den Kernkoordinaten Rein. In der Regel werden
146 KAPITEL 11. ANWENDUNG AUF ELEKTRON-MOLEK ¨
UL-STREUUNG
diese Terme schwer zu berechnen sein, da die approximativen und exakten Matrizen
˜
Hij aufgrund der enthaltenen Coulomb-Abstoßung zwischen Elektronen und Kernen
stark von den Kernkoordinaten Rabh¨
angen. Eine Entwicklung, die sich besser f¨
ur
N¨
aherungen h¨
oherer Ordnung eignet erh¨
alt man, wenn man Tn+EN
0E00 =Hn
E00 als kleine St¨
orung ansieht. Diese Annahme ist dann gerechtfertigt, wenn die
Energien der im Laufe des Streuprozesses auftretenden Anregungen der Kerndynamik
klein im Vergleich mit den elektronischen Anregungsenergien des Targets sind. Die
entsprechende Entwicklung des energieabh¨
angigen Teils der dynamischen Selbstenergie
lautet
M(E)= ˜
Hab
1
E1˜
Hbb
X
ν=0
(HnE00)1
E1˜
Hbb
ν
˜
Hba.(11.38)
Der erste Term M0(E) dieser Entwicklung (f¨
ur ν= 0) kann mit dem energieabh¨
angi-
gen (dynamischen) Teil der rein elektronischen Selbstenergie (11.33) identifiziert wer-
den und soll Nullpunkt-optisches-Potential genannt werden, da es das optische
Potential der Kernbewegung im molekularen Grundzustand des Targets widerspiegelt:
M0(E)= ˜
Hab
1
E1˜
Hbb
˜
Hba =M(E)
Das Nullpunkt-optische-Potential ist wie das zuvor besprochene adiabatische optische
Potential Maop(E) ein lokaler Operator bez¨
uglich der Kernkoordinaten R.
Die h¨
oheren Terme in der Entwicklung f¨
ur ν1 sind hingegen Differential-
operatoren in den Kernkoordinaten. Man kann sie in nichtlokale Integraloperatoren
Mν(E)f(R)=RdR0Mν(E,R,R0)f(R0) transformieren, indem man eine Darstellung
der Identit¨
at bez¨
uglich der Kernbewegung Pk|φkihφk|einf¨
ugt. In der Koordinaten-
darstellung f¨
ur die Freiheitsgrade der Kernbewegung Rlautet der Integralkern f¨
ur den
zweiten Term in der Entwicklung (11.38)
M1(E,R,R0)=X
k
˜
Hab(R)1
E1˜
Hbb(R)φk(R)[E0kE00]φ
k(R0)1
E1˜
Hbb(R0)
˜
Hba(R0).
(11.39)
Die Kernkoordinatenabh¨
angigkeit der Matrizen ˜
Hij wurde hier ausnahmsweise explizit
angegeben. Die numerische Realisierung dieser N¨
aherung ist nicht sehr schwierig, da
die Eigenwerte E0kund Eigenfunktionen φk(R) der Kernbewegung leicht aus dem
Grundzustandpotential EN
0(R) berechnet werden k¨
onnen. N¨
aherungen f¨
ur die Matrizen
˜
Hij gewinnt man z. B. wie in Abschnitt 11.4.2 beschrieben durch die ADC-N¨
aherung.
Gleichung (11.39) ist auch insofern interessant, da sie uns erlaubt, die Bedeutung
der Terme h¨
oherer Ordnung in der Entwicklung (11.38) abzusch¨
atzen. Falls die Kern-
dynamik im Targetmolek¨
ul trotz virtueller Anregungen durch das Streuelektron gut
11.4. APPROXIMATIVE STREUGLEICHUNGEN 147
durch die Nullpunktsschwingung des isolierten Molek¨
uls im elektronischen Grundzu-
stand gen¨
ahert werden kann, dann k¨
onnen alle Terme mit k6= 0 in Gleichung (11.39)
vernachl¨
assigt werden. Da jedoch die Energiedifferenz [E0kE00]f
¨
ur k= 0 verschwin-
det, liefern M1(E) und die Terme h¨
oherer Ordnung in Gleichung (11.38) keinen Bei-
trag. In anderen Worten: M(E) ist ein lokaler Operator in den Kernkoordinaten, wenn
die Kernkoordinatenabh¨
angigkeit der effektiven Streuwellenfunktion f(r, R) durch die
Eigenfunktion φ0(R) bestimmt wird und die R-Abh¨
angigkeit der Matrizen ˜
Hbb und
˜
Hba vernachl¨
assigt werden kann. Dies wird aber nicht immer der Fall sein. W¨
ahrend
einer Rechnung k¨
onnte jedoch ¨
uberpr¨
uft werden, f¨
ur welche Werte von kdas Integral
ZdRφ
k(R)1
E1˜
Hbb(R)
˜
Hba(R)f(R) (11.40)
den gr¨
oßten Beitrag liefert. Die N¨
aherung M0(E) kann dann durch Entwicklung um
Hn˜
Estatt um HnE00 verbessert werden, wobei ˜
Eeine geeignet gew¨
ahlte mittlere
Energie der Kernbewegung darstellt. Damit ergibt sich dann folgende nullte N¨
aherung:
M˜
0(E+E00 ˜
E)Σ() (11.41)
und entsprechende h¨
ohere N¨
aherungen wie in Gleichung (11.38).
Der Unterschied zwischen dem adiabatischen optischen Potential Aaop(E) und dem
Nullpunkt-optischen-Potential A0(E) oder der verbesserten L¨
osung A˜
0(E) liegt in dem
Bezugspunkt des Energienenners des optischen Potentials. Man kann erwarten, daß
A0(E)oderA˜
0(E) geeignete N¨
aherungen f¨
ur A(E) darstellen, wenn die Kernbewe-
gung mehr oder weniger auf die unmittelbare Umgebung der Gleichgewichtskonfigu-
ration Req des Molek¨
uls beschr¨
ankt bleibt. Die adiabatische N¨
aherung Aaop(E)wird
hingegen besser geeignet sein f¨
ur Prozesse, bei denen verschiedene Ebenen der Potenti-
alfl¨
ache involviert sind wie es bei assoziativer Abspaltung oder dissoziativer Anlagerung
vorkommt. Ich m¨
ochte hier noch einmal betonen, daß die Kerndynamik innerhalb des
optischen Potentials sicherlich weniger wichtig ist als die unmittelbare Kopplung zwi-
schen Projektil- und Kernbewegung in der effektiven Schr¨
odinger-Gleichung (11.13),
solange die Streuenergie deutlich unterhalb der Schwelle f¨
ur elektronische Anregun-
gen des molekularen Targets liegt. Die Entwicklung (11.38) stellt eine systematische
M¨
oglichkeit dar, das adiabatische oder Nullpunkt-optische-Potential zu verbessern. Sie
l¨
aßt sich anwenden, wenn der Streuprozeß zu geringe Energie hat, um elektronisch
angeregte Zust¨
ande des Targets zu erreichen. Der Term erster Ordnung M1aus Glei-
chung (11.39) und die entsprechenden h¨
oheren Ordnungen erm¨
oglichen systematische
Verbesserungen der diskutierten N¨
aherungen, die mit ab-initio-Methoden der Quan-
tenchemie berechnet werden k¨
onnen. Diese Verbesserungen k¨
onnen n¨
otig sein, um die
148 KAPITEL 11. ANWENDUNG AUF ELEKTRON-MOLEK ¨
UL-STREUUNG
dynamischen Kopplungen in Prozessen mit sehr niedriger Streuenergie korrekt zu be-
schreiben, bei denen eine hohe Empfindlichkeit bez¨
uglich der genauen Form des op-
tischen Potentials vorliegt. Falls die Streuenergie oberhalb oder in der unmittelbaren
N¨
ahe der elektronischen Anregungsschwelle des Targetmolek¨
uls liegt, bleibt die effekti-
ve Schr¨
odinger-Gleichung nat¨
urlich richtig, aber es m¨
ussen andere N¨
aherungen f¨
ur das
optische Potential als die in diesem Abschnitt vorgestellten angewendet werden.
Zusammenfassung und Ausblick
Im Rahmen dieser Arbeit wurden verschiedene erweiterte Zweiteilchen-Greens-
funktionen und die sogenannte dynamische Greensfunktion vorgestellt. Diesen Pro-
pagatoren ist gemein, daß sie eine Dyson-Gleichung erf¨
ullen und damit eine Selbst-
energie definieren. Die Selbstenergie ¨
ubernimmt die Funktion eines optischen Po-
tentials, das zur effektiven Beschreibung von Vielteilchenproblemen in einer stark
reduzierten Anzahl von Koordinaten geeignet ist. Die erweiterten Zweiteilchen-
Greensfunktionen und die dynamische Greensfunktion erlauben damit eine Auswei-
tung der f¨
ur die Einteilchen-Greensfunktion bekannten Eigenschaften auf zus¨
atzliche
Freiheitsgrade. Um die Konstruktion der erweiterten Greensfunktionen zu motivieren,
wurden zun¨
achst am Beispiel der Einteilchen-Greensfunktion die der Dyson-Gleichung
zugrundeliegenden Prinzipien demonstriert. Dabei wurde gezeigt, daß es im Wesentli-
chen darauf ankommt, daß die Greensfunktion sich als Projektion einer Vielteilchenre-
solvente auf einen vollst¨
andigen, orthonormalen Satz von Zust¨
anden formulieren l¨
aßt.
Im ersten Teil dieser Arbeit wurde eine allgemeine Theorie der erweiterten
Zweiteilchen-Greensfunktionen vorgestellt und als exemplarische Anwendung der Theo-
rie ein N¨
aherungsschema erster Ordnung f¨
ur Anregungsenergien und ¨
Ubergangsmo-
mente vorgestellt und n¨
aher untersucht. Zun¨
achst wurde ein allgemeiner Formalis-
mus entwickelt und benutzt, um drei Sorten erweiterter fermionischer Zweiteilchen-
Greensfunktionen zu definieren: die Teilchen-Loch-, Teilchen-Teilchen- und Loch-Loch-
Funktionen. Das fundamentale Konstruktionsprinzip, das zur Erf¨
ullung der Dyson-
Gleichung f¨
uhrt, ist die Definition der Greensfunktion ausgehend von einem orthonor-
malen Satz von Zust¨
anden. Um diese Orthogonalit¨
at zu erreichen, m¨
ussen die physi-
kalischen Zweiteilchenzust¨
ande durch zus¨
atzliche unphysikalische Komponenten er-
weitert und es m eine indefinite Metrik eingef¨
uhrt werden. Die neuen Komponenten
bedingen zus¨
atzliche Pole und Verzweigungsschnitte in der analytischen Struktur der
erweiterten Greensfunktionen. Wenn die Greensfunktionen f¨
ur reelle Argumente de-
finiert werden, kann man jedoch die Singularit¨
aten immer noch manipulieren, indem
149
150 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
man sie nach Bedarf in die komplexe Ebene verschiebt oder in Hauptwertsingularit¨
aten
verwandelt. Eine weitere Folge der Erweiterungen ist das Auftreten von in nullter Ord-
nung entarteten Zust¨
anden.
Viele Eigenschaften der erweiterten Greensfunktionen erkl¨
aren sich durch die
konstruktionsbedingte starke Analogie zur Einteilchen-Greensfunktion: Die Dyson-
Gleichung definiert eine Selbstenergie, die sich st¨
orungstheoretisch entwickeln l¨
aßt. Es
konnte sogar gezeigt werden, daß die Teilchen-Teilchen-Selbstenergie ein exaktes opti-
sches Potential f¨
ur Zweiteilchenstreuung darstellt. Der Untersuchung der Selbstenergie-
operatoren und vor allem ihren statischen Anteilen wurde besondere Aufmerksamkeit
gewidmet. In dem Spezialfall eines Vielteilchensystems ohne echte Zweiteilchenkr¨
afte,
in denen die Teilchen nur mit externen oder ¨
uber gemittelte Felder wechselwirken, neh-
men die Selbstenergien der erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen eine besonders
einfache, energieunabh¨
angige Form an. Die erste Ordnung der Selbstenergie l¨
ost dann
schon das exakte Problem in strenger Analogie zur Einteilchen-Greensfunktion.
F¨
ur ein vollst¨
andig korreliertes Vielteilchensystem stellt sich heraus, daß die sta-
tische N¨
aherung erster Ordnung schon eine nichttriviale N¨
aherung mit g¨
unstigen
Eigenschaften darstellt. In diesem Zusammenhang wurde ausf¨
uhrlich das FOSEP-
Schema (first-order static excitation potential) untersucht, das auf eine N¨
aherung
an die Teilchen-Loch-Selbstenergie zur¨
uckgeht. Die resultierenden N¨
aherungen f¨
ur An-
regungsenergien und ¨
Ubergangsmomente erweisen sich als konsistent mit den Ergeb-
nissen in erster Ordnung St¨
orungstheorie, ber¨
ucksichtigen aber auch Terme h¨
oherer
Ordnung. Ausgehend vom Einteilchenbild des Hartree-Fock-Modells liefert die FOSEP-
N¨
aherung ein Matrix-Eigenwert-Problem von derselben Dimension wie die wohlbe-
kannte random-phase approximation (RPA). Im Gegensatz zur RPA stellt FOSEP
ein hermitesches Eigenwertproblem dar und vermeidet somit die Instabilit¨
aten der
RPA. Obwohl die FOSEP-N¨
aherung viele Eigenschaften mit der RPA gemein hat wie
die Gr¨
oßenkonsistenz und die Invarianz bez¨
uglich unit¨
arer Transformationen der un-
besetzten Hartree-Fock-Orbitale, finden sich auch grunds¨
atzliche Verschiedenheiten.
Mit einer st¨
orungstheoretischen Analyse bis zu zweiter Ordnung wurde gezeigt, daß
die FOSEP-N¨
aherung f¨
ur Anregungsenergien Beitr¨
age der Grundzustandskorrelation
auf konsistente Weise ber¨
ucksichtigt, wogegen sich die RPA in dieser Hinsicht als in-
konsistent erweist. Diese Erkenntnis wird durch die Ergebnisse eines sehr einfachen,
exakt l¨
osbaren Modells gest¨
utzt. In dem betrachteten Hubbard-Modell f¨
ur H2ist der
Grundzustand im Gegensatz zu den untersuchten, angeregten Zust¨
anden korreliert.
Es zeigt sich, daß die FOSEP-N¨
aherung exakte Ergebnisse f¨
ur die Anregungsenergi-
en liefert, wogegen die RPA noch schlechtere N¨
aherungswerte liefert als die einfachere
ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK 151
Tamm-Dancoff-N¨
aherung (TDA). Die ¨
Aquivalenz von length- und velocity-Form der
¨
Ubergangsmomente wurde ebenfalls untersucht. Die exakte Erhaltung dieser ¨
Aquiva-
lenz ist eine einzigartige Eigenschaft der RPA. Innerhalb der FOSEP-N¨
aherung wird
diese ¨
Aquivalenz nur in erster Ordnung gewahrt, wie es f¨
ur ein N¨
aherungsschema er-
ster Ordnung zu erwarten ist. Der auftretende Fehler in zweiter Ordnung kann sich
jedoch zum Absch¨
atzen der Anwendbarkeit der N¨
aherung als sehr n¨
utzlich erweisen.
Im Gegensatz zum FOSEP-Schema und der RPA ist die TDA hingegen nicht in der
Lage, ¨
Ubergangsmomente in erster Ordnung konsistent zu beschreiben.
Das FOSEP-Schema n¨
ahert die Teilchen-Loch-Selbstenergie in erster Ordnung aus-
gehend von einer Hartree-Fock-Einteilchenbeschreibung und stellt damit die n¨
achstlie-
gende, nichttriviale N¨
aherung dar. Interessanterweise k¨
onnen sowohl die TDA, wie auch
die RPA, ebenfalls als spezifische N¨
aherungen an die Teilchen-Loch-Selbstenergie ver-
standen werden. Die TDA erh¨
alt man durch Ausschluß der unphysikalischen Zust¨
ande
nullter Ordnung und die RPA durch Hinzunahme einer Klasse von in nullter Ord-
nung entarteten Zust¨
anden, die zum energieabh¨
angigen, dynamischen Teil der Teilchen-
Loch-Selbstenergie beitragen.
Die statische Selbstenergie der erweiterten Zweiteilchen-Greensfunktionen wurde
schließlich auch noch auf ihre Eignung als statisches Streupotential hin untersucht.
Am Beispiel Coulomb-wechselwirkender Elektronen konnten verschiedene Terme des
statischen Teils der Teilchen-Teilchen-Selbstenergie durch Vergleich mit Feshbachs op-
tischem Potential und der Selbstenergie f¨
ur Einteilchenstreuung interpretiert werden.
Es konnte auch eine Analogie zur statischen Selbstenergie der erweiterten Teilchen-
Loch-Greensfunktion gezogen werden. Abgesehen von den Wechselwirkungen zwischen
Projektil und Target treten auch Kr¨
afte innerhalb des Projektils auf, die durch das
Targetsystem vermittelt werden. Eine denkbare Anwendung optischer Teilchen-Loch-
Potentiale ist die Streuung von Exzitonen in ausgedehnten Systemen.
Die Entwicklung von N¨
aherungen an die Selbstenergie jenseits der f¨
uhrenden Ord-
nung stellt sicher eine Herausforderung f¨
ur die Zukunft dar. In diesem Zusammenhang
wird auch noch zus¨
atzliche Erkenntnis ¨
uber die Struktur und Bedeutung der ener-
gieabh¨
angigen Anteile der Selbstenergie ben¨
otigt. ¨
Uberlegungen zur Anwendung und
Ausweitung der FOSEP-N¨
aherung wurden schon in Abschnitt 6.6 angestellt. Die zu-
grundeliegenden Konzepte des vorgestellten Formalismusses, insbesondere die Benut-
zung eines orthonormalen Satzes von prim¨
aren Zust¨
anden, der unter einem Wechsel
der Einteilchenbasis invariant ist, stellen ein solide Grundlage f¨
ur die Entwicklung von
leistungsf¨
ahigen N¨
aherungsschemata dar. Diese N¨
aherungen k¨
onnen ¨
uber die von einer
einzelnen Slater-Determinante ausgehenden St¨
orungstheorie hinausgehen, da die Wahl
152 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
des Referenzzustands |ΨN
0iin der Definition der Greensfunktion in keiner Weise einge-
schr¨
ankt ist. Wellenfunktionen aus Multikonfigurations-, coupled-cluster- oder Dichte-
funktionaln¨
aherungen k¨
onnen hier Verwendung finden. Die Freiheit bei der Wahl des
sekund¨
aren Referenzzustands |ϕikann andererseits genutzt werden, um N¨
aherungen
mit spezifischen Eigenschaften zu erzeugen.
Im zweiten Teil dieser Arbeit wurde eine exaktes optisches Potential f¨
ur die
gekoppelte Bewegung des Projektilelektrons und der Atomkerne in der Elektron-
Molek¨
ulstreuung hergeleitet. Das dynamische optische Potential ist besonders geeignet
f¨
ur die Untersuchung der nichtadiabatischen Kopplung der Projektil- und Kernbe-
wegung bei Streuung in der N¨
ahe inelastischer Schwellen, wo die Projektilgeschwin-
digkeit mit den typischen Geschwindigkeiten der Kerndynamik vergleichbar ist. Der
Vielteilchenformalismus der optischen Potentiale wurde damit ¨
uber die N¨
aherung fest-
gehaltener Kerngeometrien hinaus erweitert. Andererseits geben die strenge Herleitung
und die expliziten Ausdr¨
ucke f¨
ur das dynamische optische Potential eine Rechtfer-
tigung und eine Perspektive f¨
ur die Weiterentwicklung der in close-coupling- und
R-Matrixrechnungen oft verwendeten Modellpotentiale zur Beschreibung der Polari-
sierung und anderer Effekte der dynamischen Korrelation.
Das dynamische optische Potential kann alle Arten von elektronisch elastischen
Streuprozessen wie elastische Streuung, Schwingungs- und Rotationsanregung und -
abregung, dissoziative Anlagerung und assoziative Abspaltung beschreiben. Auch wenn
elektronische Anregungen energetisch m¨
oglich sind, kann das dynamische optische Po-
tential verwendet werden, um die (elektronisch) elastischen partiellen Wirkungsquer-
schnitte wie auch Resonanzpositionen und -breiten zu berechnen.
Ein zentrales Ergebnis dieser Untersuchungen ist, daß f¨
ur Streuenergien, die weit
genug von elektronischen Anregungen des Targets entfernt liegen, das dynamische op-
tische Potential in einer ersten N¨
aherung durch das gew¨
ohnliche static-exchange-
Potential erweitert durch die Selbstenergie Σ(ω) der rein elektronischen Greensfunk-
tion gegeben ist. Diese N¨
aherung liefert einen lokalen Operator bez¨
uglich der Kernko-
ordinaten f¨
ur das optische Potential, die durch eine Hierarchie von nichtlokalen Termen
verbessert werden kann. Wegen dem engen Bezug zur gew¨
ohnlichen Selbstenergie Σ(ω)
k¨
onnen alle Terme mit ab-initio-Methoden unter Benutzung von wohldefinierten Stan-
dardn¨
aherungen berechnet werden.
Das dynamische optische Potential stellt eine solide Grundlage f¨
ur theoretische
Untersuchungen der gekoppelten Projektil- und Kerndynamik f¨
ur Elektron-Molek¨
ul-
Streuung bei besonders niedrigen Energien dar, die sich aufgrund von j¨
ungsten experi-
mentellen Fortschritten (siehe z. B. Referenz [128]) zu einem aktuellen Forschungsge-
ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK 153
biet entwickelt. Die in dieser Arbeit vorgestellten effektiven Streugleichungen k¨
onnen
z. B. mit Hilfe von close-coupling-Entwicklungen oder anderen zeitunabh¨
angigen
Techniken gel¨
ost werden. Besonders aufschlußreiche Einblicke in die Mechanismen der
Streuprozesse kann man aber von zeitabh¨
angigen Wellenpacketrechnungen erwarten.
Die L¨
osung dieser Gleichungen stellt sicher eine numerisch anspruchsvolle Aufgabe dar,
die aber mit modernen Rechnern und Dank dem Fortschritt bei numerischen Metho-
den [129] in den Bereich der Machbarkeit r¨
uckt.
Anhang A
Formale Definition des
Hilbert-Raums Y
Die folgende formale Definition des Raumes Ybezieht sich auf eine gegebene Wahl
der Referenzzust¨
ande |ψiund |ϕi[aus Gleichung (2.2)], die eigentliche Eigenzust¨
ande
des Hamilton-Operators Him Fock-Raum sind. Die in diesem formalen Abschnitt
verwendeten mathematischen Konzepte sind in gebr¨
auchlichen Lehrb¨
uchern der Funk-
tionalanalysis nachzulesen wie z. B. in Referenz [48].
Definition Gegeben sei eine Menge von prim¨
aren Zust¨
anden P={|A, B)|A∈A,
B∈B}, die durch Mengen von Fock-Raum-Operatoren Aund Bdefiniert wird. Wir
definieren den Raum Yals den kleinsten abgeschlossenen Vektorraum, der Pals Teil-
menge enth¨
alt [P⊂Y] und unter der Anwendung des erweiterten Operators ˘
Habge-
schlossen ist, d. h.
|yi∈Y˘
H|yi∈Y.(A.1)
Anmerkungen
1. Der kleinste Raum, der die geforderten Bedingungen erf¨
ullt, ist wie ¨
ublich als
Durchschnitt aller R¨
aume definiert, welche die Bedingungen erf¨
ullen.
2. Es sollte klar sein, daß diese Definition eines minimalen Raumes Yangebracht ist,
da die erweiterten Greensfunktionen ¨
uber Matrixelemente der Resolvente von ˘
H
zwischen den prim¨
aren Zust¨
anden definiert werden. Folglich sind alle Zust¨
ande
relevant, die ¨
uber ˘
Han die prim¨
aren Zust¨
ande koppeln.
Lemma Zusammen mit dem kanonischen Skalarprodukt aus Abschnitt 2.1 bildet
der Raum Yeinen Hilbert-Raum.
155
156 ANHANG A. FORMALE DEFINITION DES HILBERT-RAUMS Y
Dies kann man folgendermaßen zeigen: Ein beliebiges Element |pivon Pist gem¨
Gleichung (2.2) durch direkte Summen und Produkte von Komponentenzust¨
anden |φii
definiert:
|pi=|φ1i⊕|φ2i⊕|φ3i⊗|φ4i⊕|φ5i⊗|φ6i⊕|φ7i⊗|φ8i⊕|φ9i⊗|φ10i.(A.2)
Die Komponenten |φiisind Elemente physikalischer Hilbert-R¨
aume Himit definierter
Teilchenzahl (falls dies die Operatormengen Aund Bzulassen). Der erweiterte Zustand
|piist daher ein Element des zusammengesetzten Raumes C, der durch die folgende
Summe von Tensorproduktr¨
aumen gegeben ist:
C=H1H2H3H4H5H6H7H8H9H10.(A.3)
Aufgrund seiner Definition durch direkte Summen und Tensorprodukte von Hilbert-
R¨
aumen ist der Raum Cselbst ein Hilbert-Raum. Da der Hamilton-Operator Hein
die Teilchenzahl erhaltender Operator ist (wir betrachten hier nur nichtrelativistische
Systeme), f¨
uhrt die Anwendung von Hauf einen Komponentenzustand |φiinicht aus
dem entsprechenden Komponentenraum Hiheraus. Es ist auch leicht zu sehen, daß
eine Anwendung von ˘
Hauf einen erweiterten Zustand |pi(oder eine beliebiges anderes
Element von C) nicht aus dem Raum Chinausf¨
uhrt. Folglich ist der oben definierte
Raum Yein linearer Teilraum von C. Ein abgeschlossener Teilraum eines Hilbert-
Raums ist aber selbst wieder ein Hilbert-Raum. Damit ist der Beweis des Lemmas
abgeschlossen.
Offensichtlich ist die oben gegeben Definition f¨
ur einen minimalen Raum Ynicht
konstruktiv. F¨
ur die meisten Zwecke ist es nicht wirklich notwendig, den minimalen
Raum genau zu kennen und man kann stattdessen den Raum Cverwenden. Eine Basis
f¨
ur den Raum Ckann man leicht aus den Basen der Teilr¨
aume Hikonstruieren, die
man ihrerseits problemlos aus Slater-Determinanten aufbauen kann.
Anhang B
Die statische
Teilchen-Teilchen-Selbstenergie f¨
ur
Elektronen
Als Erg¨
anzung zu Abschnitt 8.2 sollen im Folgenden alle Terme der statischen Teilchen-
Teilchen-Selbstenergie f¨
ur Coulomb-wechselwirkende Elektronen in der Ortsraumdar-
stellung angegeben werden. Wie ¨
ublich berechnet sich die statische Selbstenergie fol-
gendermaßen:
S(pp)
rsr0s0()=(a
r,a
s|ˆ
H1|a
r0,a
s0)
=δrr0vss0δsr0vrs0δrs0vsr0+δss0vrr0
+(a
r,a
s|ˆ
V|a
r0,a
s0).(B.1)
Wertet man den Anteil der Zweiteilchenwechselwirkung (a
r,a
s|ˆ
V|a
r0,a
s0) nach Glei-
chung (8.21) aus, so erh¨
alt man insgesamt neun verschiedene Terme:
(a
r,a
s|ˆ
V|a
r0,a
s0)=A+B+C+D+E+F+G+I+J
(rs)(r0s0)+(rs&r0s0).(B.2)
Jeder der neun Terme erscheint mehrfach mit vertauschten Einteilchenindizes, wie
in der zweiten Zeile von Gleichung (B.2) angedeutet wird. Die statische Selbstener-
gie wird dadurch antisymmetrisch in Bezug auf Vertauschung der Einteilchenindizes
innerhalb des ersten oder zweiten Indexpaares. Diese Antisymmetrie beruht auf der
ununterscheidbaren Natur der Projektilteilchen. In der in Abschnitt 8.1 eingef¨
uhrten
Ortsraumdarstellung findet man folgende Ausdr¨
ucke f¨
ur die neun Terme:
A=δrr0δss0
2|rs|,(B.3)
157
158 ANHANG B. DIE STATISCHE TEILCHEN-TEILCHEN-SELBSTENERGIE
B=δrr0δss0Zdr1
ρr1
|r1r|,(B.4)
C=δss0
ρrr0
|rr0|,(B.5)
D=δss0
ρrr0
|rs|,(B.6)
E=δss0
ρrr0
|r0s|,(B.7)
F=γrsr0s0
|rr0|,(B.8)
G=ρss0
ρϕ
rr0
|rr0|,(B.9)
I=δss0Zdr1
γrr1r0r1
|r1s|,(B.10)
J=δss0ρrr0Zdr1
ρϕ
r1
|r1s|.(B.11)
Die Gr¨
oßen ρrund ρrr0bezeichnen wie gew¨
ohnlich die diagonale bzw. volle Einteilchen-
dichte im Targetzustand |ΨN
0i. Der hochgestellte Index ϕbedeutet, daß die Dichte
ρϕ
rr0=hϕ|a
r0ar|ϕibez¨
uglich des sekund¨
aren Referenzzustands |ϕidefiniert ist [siehe
dazu auch die Definition (2.2) der erweiterten Zust¨
ande]. F¨
ur die Wahl |ϕi=|ΨN
0i
stimmt ρϕmit der gew¨
ohnlichen Einteilchendichte im Target ¨
uberein; f¨
ur |ϕi=|vaki
verschwindet ρϕ. Die Zweiteilchendichte γijkl wurde in Gleichung (8.14) definiert.
Anhang C
Die statische
Teilchen-Loch-Selbstenergie f¨
ur
Elektronen
Der Wechselwirkungsteil (a
p,a
q|ˆ
V|a
p0,a
q0) der statischen Teilchen-Loch-Selbstenergie
wird in Abschnitt 8.3 behandelt und soll im Folgenden f¨
ur Coulomb-wechselwirkende
Elektronen in Ortsraumdarstellung angegeben werden. Mit der Darstellung (8.6) der
Coulomb-Wechselwirkung Verh¨
alt man den Wechselwirkungsteil entweder direkt aus
der Definition (2.2) der erweiterten Zust¨
ande oder aus Gleichung (5.2):
(a
r,a
s|ˆ
V|a
r0,a
s0)=δrr0δss0Zdr1
ρϕ
r1
|r1r|δss0
ρϕ
rr0
|rr0|
δrr0δss0Zdr1
ρr1
|r1s|+δrr0
ρs0s
|ss0|
+δss0Zdr1
γrr1r0r1
|r1s|δss0ρrr0Zdr1
ρϕ
r1
|r1s|
+δrr0Zdr1
γs0r1sr1
|r1r|δrr0ρs0sZdr1
ρϕ
r1
|r1r|
γrs0r0s
|rr0|+ρϕ
rr0ρs0s
|rr0|
γrs0r0s
|ss0|+ρϕ
s0sρrr0
|ss0|
+γrs0r0s
|rs0|+γrs0r0s
|r0s|.(C.1)
Hierbei wurde dieselbe Nomenklatur wie in Anhang B und Kapitel 8 benutzt.
159
Literaturverzeichnis
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odinger’s Equation,her-
ausgegeben von C. Cerjan (Kluver Academic Publishers, Dodrecht, 1993).
Danksagung
Herrn Prof. Dr. Lorenz S. Cederbaum danke ich f¨
ur die interessante Themenstellung.
Die motivierende und ausgezeichnete wissenschaftliche Betreuung trug wesentlich zum
Gelingen dieser Arbeit bei.
Ich danke Herrn Prof. Dr. Jochen Schirmer f¨
ur zwar teils kontroverse aber auch
anregende Diskussionen.
Bei Frau Eva Zanders bedanke ich mich f¨
ur ihre freundliche Hilfe in allen
b¨
urokratischen Belangen.
Ich bedanke mich herzlich bei Elke Pahl f¨
ur das sorgf¨
altige Korrekturlesen dieser
Arbeit, was stets mit wertvollen Anregungen einherging.