Johannes Wogatzky
Stressoren und Coping bei Patienten mit Implantiertem Kardioverter-Defibrillator
-Eine Studie über psychosoziale Einflussfaktoren im Krankheitsverlauf-
Geboren am 21.04.1968 in Hamburg
Reifeprüfung am 27.05.1987 in Hamburg
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom WS 89/90 bis WS 96/97
Physikum am 20.08.1991 an der Universität Hamburg
Klinisches Studium in Hamburg und Heidelberg
Praktisches Jahr in Heidelberg und Basel
Staatsexamen am 06.05.1997 an der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Innere Medizin
Doktorvater: Priv.-Doz. Dr. med. G. Bergmann
In der medizinischen Therapie höhergradiger Herzrhythmusstörungen hat sich die Anwendung
eines implantierbaren Kardioverters-Defibrillators (ICD) als Goldstandard etablieren können.
Bei seit 1985 stetig steigenden Implantationszahlen wurde in mehreren Studien bereits auf die
negativen psychosozialen Folgen des ICD und seiner Wirkungsweise hingewiesen.
Die vorliegende Studie mit ICD-Patienten untersuchte nun mit Hilfe einiger psychometrischer
Testbögen (GBB, SVF, STAI, STAXI) sowie mit Hilfe eines halbstrukturierten Interviews die
persönliche Lebenssituation der ICD-Patienten. Dabei wurde insbesondere auf fünf Einflüsse
im Leben eines ICD-Patienten fokussiert, welche als Stressoren definiert wurden. Die exakte
Beschreibung und Untersuchung dieser Stressoren war Inhalt dieser Studie.
Als erster Stressor wurde die erste höhergradige Rhythmusstörung der Patienten untersucht.
Die Frage nach einer ursächlichen Mitbeteiligung emotionaler Faktoren an der Auslösung der
Rhythmusstörungen und die Verarbeitung dieses einschneidenden Ereignisses durch den
Patienten wurde untersucht. Ebenso wurde auch die Situation der zuletzt stattgehabten
höhergradigen Rhythmusstörung mit dem darauf folgenden ICD-Schock untersucht. Die
genaue Analyse der emotionalen Befindlichkeit zum Zeitpunkt kurz vor dem Auftreten der
Rhythmusstörungen mit Hilfe der psychometrischen Tests STAI und STAXI erbrachte für
beide oben genannten Situationen signifikant erhöhte Angst- und Ärgerwerte bei den
Patienten. Auch war „Stress“ oder „extreme Emotion“ im Patienten-Interview die häufigste
Begründungen der Patienten für das Auftreten ihrer Rhythmusstörungen. Von den Emotionen
stand „Ärger“ im Vordergrund.
Dieses Ergebniss ist bedeutungsvoll, da die Mitbeteiligung emotionaler Faktoren in der
Auslösung höhergradiger Rhythmusstörungen einen deutlichen Einfluss auf Coping und
Verhalten der ICD-Patienten hat. Es zeigte sich, daß die Verhinderung von „Ärger und Stress“
den Patienten als sicherstes Konzept zur Verhinderung von Rhythmusstörungen und ICD-
Schocks erschien. Konsekutiv entwickelten viele der Patienten eine starke Tendenz zum
Rückzugs- und Vermeidungsverhalten. Die bei ICD-Patienten beschriebene Häufung von
Angst- und depressive Erkrankungen sowie soziale Isolation könnten hierin begründet sein.
Weiterhin wurden in dieser Studie der Einfluss der plötzlichen Elektroschocks sowie der
Implantation untersucht. Obwohl das Implantationsereignis von einem Großteil der Patienten
als ein massiver Einflussfaktor auf die weitere Lebensgestaltung beschrieben wurde, fand sich
allgemein eine gute Akzeptanz des ICD-Gerätes. Es zeigte sich zudem, daß sich die
Akzeptanz des Gerätes mit stattgehabten Elektroschocks verbesserte, wohingegen der
Umgang mit den ICD-Schocks für die Patienten mit zunehmender Anzahl der stattgehabten
Schocks immer schwieriger wurde
Erstmalig wurde in dieser Studie auch untersucht, in wie weit eine Vorhersehbarkeit der ICD-
Schocks einen Einfluss auf die Krankheitsverarbeitung hat. Zu diesem Zweck wurden die
Patienten danach unterschieden, ob sie vor den ICD-Schocks ihre Herzrhythmusstörungen
wahrnahmen (und somit vor drohenden Schocks gewarnt wurden), oder ob sie die Schocks
aus „heiterem Himmel“ erhielten. Es fand sich mit Hilfe des Streßverarbeitungsbogens (SVF)
ein signifikanter Unterschied in den Ergebnissen dieser Patientengruppen.
Es läßt sich nach diesen Ergebnissen vermuten, daß die Wahrnehmung von
Rhythmusstörungen vor einem ICD-Schock eng mit dem Coping der Patienten
zusammenhängt und einen erheblichen Einflussfaktor für die Schockwahrnehmung und -
verarbeitung der Patienten darstellt.
Ebenso erstmalig wurden in dieser Studie geschlechtsspezifische Unterschiede auf das ICD-
Schock-Coping untersucht. Es zeigte sich, daß die weiblichen Patientinnen dieser
Untersuchung deutlich schlechter mit den ICD-Schocks zurecht kamen als die männlichen
Patienten und sich einer Einflussnahme auf die ICD-Schocks weniger sicher waren.
In den Erklärungsansätzen, wodurch der letzte ICD-Schock möglicherweise ausgelöst wurde,
unterschieden sich die Geschlechter ebenfalls deutlich. Die meisten Patientinnen glaubten an
einen emotionalen Auslöser, wobei dies nur ein geringer Teil der männlichen Patienten
glaubte. Männliche Patienten hielten am häufigsten körperliche Anstrengung für den Auslöser
der ICD-Schocks. Diese Ergebnisse zeigen einen bisher nicht beschriebenen Unterschied der
Schockwahrnehmung und -verarbeitung zwischen den Geschlechtern. Das könnte
weitreichende Konsequenzen für die Nachbetreuung und die Arbeit sogenannter „support-
groups“ haben. Weitere Studien mit größeren Fallzahlen sind daher auch hier nötig um eine
abschließende Aussage dazu machen zu können.
Als letzter Stressor wurde das subjektive Krankheitsempfinden der Patienten untersucht. Die
Beurteilung des Krankheitsverlaufes seit der Implantation fiel hierbei recht positiv aus. In den
Ergebnissen des Gießener Beschwerdebogens (GBB) fand sich hingegen bei ICD-Patienten
eine hochsignifikante (p<0.01) Erhöhung des Beschwerdedrucks im Vergleich zur
Normstichprobe. Die ICD-Patienten gaben im Vergleich zur Norm in allen körperlichen
Bereichen deutlich vermehrte Beschwerden an. Dies läßt sich interpretieren im Sinne eines
„psychosomatisch verstärktem“ Krankheitsgefühls bei ICD-Trägern. Auch die Schockanzahl
und der erstmalig untersuchte Einfluss zeitlich gehäufter ICD-Schocks auf die Patienten
fanden Niederschlag in den Ergebnissen des GBB. Der Beschwerdedruck der Patienten stieg
mit zunehmender Schockanzahl an und einen hochsignifikanten (p<0.01) Zuwachs an
Beschwerdedruck zeigten jene Patienten, die nur einmal seit der Implantation innerhalb
kürzester Zeit gleich mehrfach geschockt wurden. Dies beschreibt deutlich den negativen
Einfluss des ICD-Schockgeschehens auf die psychische Gesundheit der Patienten. In diesem
Zusammenhang erscheint besonders beachtenswert, daß die kardiale Grunderkrankung,
Patientenangaben zu Folge, als Einflussfaktor auf die Lebenssituation eher eine
untergeordnete Rolle spielt.
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß das Krankheitsgeschehen der ICD-Patienten von
vielen Faktoren beeinflusst wird. Die bereits in früheren Studien beschriebene Beeinflussung
der Krankheitssituation durch das ICD-Schockgeschehen sowie eine gute Akzeptanz des ICD-
Gerätes konnte erneut bestätigt werden. Erstmalig in dieser Studie untersuchte
Einflussfaktoren wie: Geschlechtsspezifische Einflüsse auf den Krankheitsverlauf, der
Einfluss zeitlich gehäufter Schockgeschehen auf das Krankheitsgefühl sowie die
Beeinflussung der Schockverarbeitung durch die Vorhersagbarkeit oder Nicht-
Vorhersagbarkeit eventueller Schockgeschen bedürfen weiterer Betrachtung.
Eine wesentliche Mitbeteiligung emotionaler Stressoren bei der Auslösung der ersten
höhergradigen Rhythmusstörung, sowie eine Triggerfunktion bei der Auslösung der letzten
stattgehabten Rhythmusstörung mit folgendem ICD-Schock konnte nachgewiesen werden.