Jutta Maier
Dr. med.
Zur Geschichte der Nierentransplantation
Geboren am 19.05.1965 in Heidelberg
Reifeprüfung am 23.05.1984 in Sandhausen
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom SS 1989 bis WS 1994/95
Physikum am 21.03.1990 an der Universität Marburg
Klinisches Studium in Marburg
Praktisches Jahr in Fulda
Staatsexamen am 10.11.1994 an der Universität Marburg
Promotionsfach: Chirurgie und Geschichte der Medizin
Doktorvater: Prof. Dr. med. S. Pomer und Prof. Dr. med. W.U. Eckart
Ausgangspunkt der vorliegenden medizinhistorischen Darstellung war die Frage,
unter welchen zeitlichen, medizinisch-fachlichen und das Akteursspektrum
spiegelnden und sich nach dem 2. Weltkrieg entscheidend erweiternden
Netzwerkstrukturen sich die heute gängige Praxis der Nierentransplantation
herausgebildet hat. Konkret ging es darum, einzelne voneinander zu
unterscheidende Entwicklungsstränge zu benennen und in eine historische
Gesamtschau unter der Voraussetzung des Zusammenwirkens medizinischer und
außermedizinischer Faktoren zu integrieren.
Als historisches Strukturierungsmerkmal der vorlegenden Arbeit wurden drei
Entwicklungsphasen zugrundegelegt, die das hier geschichtlich einzuordnende
medizinische Prozeßgeschehen einer notwendigen systematisierenden
Betrachtungsweise zugänglich machten. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung der
Nierentransplantation nach dem 2. Weltkrieg, einer als Neubeginn bezeichneten
Phase, in der sich die Standardisierung und Professionalisierung in den Etappen
der Konstituierungs-, Etablierungs- und Optimierungsphase und der sich
anschließenden Ciclosporinära vollzog.
Bei der Wandlung der Nierentransplantation von einem Zweig der Medizin mit hohem
experimentellem Charakter zu einer gängigen Standardtherapie hatten
richtungweisende Fortschritte auf dem Gebiet der Immunsuppression entscheidenden
Anteil. Insbesonders der Einsatz des Ciclosporin A und seine Auswirkungen auf
die Überlebensraten werden als eine Zäsur innerhalb der
Nierentransplantationspraxis bewertet. Bei der Relevanz der
Gewebeverträglichkeit für die klinische Praxis der Nierentransplantation wurde
neben der Entdeckung des HLA-Systems vor allem auch medizinisch-technischen
Innovationen im Zusammenhang mit der routinemäßigen Untersuchung der
Histokompatibilität ein besonders hoher Stellenwert zugemessen. Nicht zu
vernachlässigende Fortschritte wurden auch auf dem Gebiet der Präservation des
Nierentransplantats ebenso wie auf dem Gebiet der Chirurgie erzielt. Infolge der
besseren klinischen Ergebnisse der Nierentransplantation erfuhr der medizinische
Transformationsprozeß im Hinblick auf die Indikationsstellung zur
Transplantation sowie bei der Vorbereitung von Spender und Empfänger deutliche
Veränderungen.
Der heutige Standard der Nierentransplantationspraxis ist abseits dieser
medizinischen und technischen Innovationen gleichwohl nicht denkbar ohne die
sich parallel vollziehenden Änderungen bzw. Neuerungen der
transplantationspraktischen Voraussetzungen, zu denen einerseits neben der
Organisation der Gewinnung, Entnahme und Transplantation der gespendeten Organe
die Allokation derselben ebenso gehört wie die Lösung finanzieller Probleme und
die Etablierung einer effizienten und situationsgerechten Öffentlichkeitsarbeit.
Festmachen läßt sich der Stellenwert dieser außermedizinischen Einflußfaktoren
exemplarisch an den gegenwärtig in der Bundesrepublik Deutschland die komplexe
Organisation der Nierentransplantation gewährleistenden nationalen und
supranationalen Organisationen.
Wie stark sich im Hinblick auf jene außermedizinischen Voraussetzungen die
Komplexität des Transplantationsgeschehens ausdehnte, verdeutlichen auch die
heftigen Kontroversen, die um den ethisch-moralischen Stellenwert der
Nierentransplantation kreisten. Sie waren speziell festzumachen an der in dieser
Arbeit ausführlich dargestellten Hirntoddebatte, die in der Bundesrepublik
Deutschland insbesondere im Vorfeld der im Frühsommer 1997 erfolgten
Verabschiedung eines Transplantationsgesetzes geführt wurde.
Die Praxis der Nierentransplantation stellt aus dieser Perspektive einen in
dieser Arbeit historisch systematisierten Prozeß dar, der sich aus
medizingeschichtlicher Warte in mehreren voneinander klar zu unterscheidenden
Phasen vollzogen hat. Dabei handelt es sich um ein Geschehen, das nicht nur
medizinisch-theoretischen, sondern auch in der differenzierenden Bewertung nicht
zu vernachlässigenden außermedizinischen Einflüssen unterlag. Diese
Interdependenz beider Einflußsphären bildete sich sehr deutlich seit der zweiten
Hälfte der sechziger Jahre heraus, als die Nierentransplantation
medizinhistorisch gesehen in die Etablierungs- und Optimimierungsphase
eingetreten war.