Michaela Hollmann
Dr. med.
Adipositas als Sterilitätsursache: Untersuchungen des Hormon- und Glukose-
Stoffwechsels bei adipösen Frauen mit und ohne Zyklusstörung. Bedeutung der
Gewichtsreduktion.
Geboren am 12.02.1965 in Berlin
Reifeprüfung am 22.05.1984 in Eppingen
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom WS 1984 bis WS 1991
Physikum am 26.08.1986 an der Universität Heidelberg
Klinisches Studium in Heidelberg
Praktisches Jahr in Heidelberg
Staatsexamen am 07.11.1991 an der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Frauenheilkunde
Doktormutter: Prof. Dr. med. I. Gerhard
Bei 58 adipösen Frauen mit Zyklusstörungen (Gruppe 1) wurde ein oraler Glukosetoleranztest
mit Bestimmung des Blutzuckers, Insulins, C-Peptids, verschiedener adrenaler, ovarieller und
hypophysärer Hormone durchgeführt. Als Kontrollgruppen dienten 15 adipöse (Gruppe 2) und
20 normalgewichtige (Gruppe 3) Frauen mit normaler Zyklusfunktion, die wie die Gruppe 1
dem Patientenkollektiv der Sterilitätssprechstunde der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg
entstammten. Aus der Gruppe 1 führten 35 Frauen eine Reduktionsdiät durch. Die adipösen
Gruppen 1 und 2 wiesen höhere Triglyzerid-, Blutdruck- und Harnsäurewerte, Transaminasen
und eine höhere Cholesterin-HDL-Ratio auf. Eine atherogene Blutfett-Konstellation fand sich
zu einem signifikant höheren Prozentsatz in den Gruppen 1 und 2. Bei Unterteilung der
Gruppe 1 nach der Waist-Hip-Ratio zeichneten sich die 18 Frauen mit androider
Fettverteilung durch höhere Werte für den systolischen Blutdruck, den Blutzucker, das
Insulin, das C-Peptid, die Transaminasen, die Triglyzeride und die Cholesterin-HDL-
Cholesterin-Ratio aus. Die mit Adipositas assoziierten metabolischen Störungen, wie erhöhter
Blutdruck und Blutlipide, lassen sich bereits bei jungen Frauen (Altersmedian 28 Jahre)
nachweisen. Die Waist-Hip-Ratio kann der Ausgrenzung der von den metabolischen
Komplikationen besonders bedrohten Patienten mit androider Adipositas dienen, wobei bei
rigoroser Therapie präventivmedizinische Möglichkeiten gegeben sind.
Die beiden adipösen Gruppen 1 und 2 wiesen eine signifikant ausgeprägtere Insulinresistenz
und höhere Insulin-, Androstendion- und DHEA-Werte als die Gruppe 3 auf. Das
Androstendion und DHEAS lagen in der Gruppe 1 am höchsten. In der Gruppe 1 waren die
Insulinresistenz und die LH-FSH-Ratio signifikant größer als in Gruppe 2. Die Adipositas ist
durch die Schaffung des insulinresistenten Zustandes, gemeinsam mit einer besonderen,
eventuell genetisch bedingten Insulin-Sensitivität des ovariellen Gewebes, als
pathogenetischer Faktor in der Entwicklung der Zyklusstörungen und des Syndroms der
Polyzystischen Ovarien (PCO-Syndrom) anzusehen. Das erhöhte Insulin stimuliert über
eigene oder die IGF-Rezeptoren (Insulin-like growth factor) die ovarielle Androgensynthese
im Synergismus mit LH. Lokal im Ovar wirken sich die erhöhten Androgene im Sinne der
Follikelatresie aus, was zur chronischen Anovulation und nach einer gewissen Zeitspanne
zum morphologischen Erscheinungsbild des PCO-Syndroms führt. Die Androgene stellen das
Substrat für die Aromataseaktivität im Fettgewebe dar, die die Umwandlung zu Östrogenen
katalysiert. Eine Hyperöstrogenämie bei Adipositas ließ sich in unserer Studie nicht
nachweisen, unter der Gewichtsreduktion kam es jedoch zur Senkung des Östradiol-17-β.
Dies läßt sich im Sinne einer relativen Hyperöstrogenämie interpretieren, da bei Adipositas
das Sex Hormone Binding Globulin supprimiert ist, was zur Erhöhung des freien Androgen-
und Östrogenanteils führt. Die Hyperöstrogenämie bewirkt eine Erhöhung des LH und
Suppression des FSH. Die Gruppe 2 stellt eine frühere Entwicklungsstufe des
pathogenetischen Prozesses von der Adipositas zum PCO-Syndrom dar, da auch bei diesen
Frauen die Fertilität eingeschränkt war. In der Gruppe der adipösen Frauen mit
Zyklusstörungen ließen sich signifikant mehr Frauen als depressiv einstufen, was eventuell
auch die Zyklusstörung bedingen könnte, da psychische Faktoren das Zyklusverhalten
beeinflussen.
Unter der Gewichtsreduktion von 8.7±1.2 kg (Mittelwert±Standardabweichung) kam es zur
signifikanten Senkung des Blutdrucks, des Blutzuckers, Insulins, Androstendions und DHT.
Die Triglyzeride, das Cholesterin und die Transaminasen konnten ebenfalls gesenkt werden.
Das psychische Befinden der Frauen verbesserte sich signifikant. Das STH stellte sich bei den
Adipösen mit einer ausgeprägten Sekretionsstarre und fehlendem Nüchternanstieg dar, was
durch die Gewichtsreduktion nicht normalisiert wurde. Dies könnte auf eine mögliche
hypothalamische Störung bei Adipositas hinweisen. Das Zyklusverhalten wurde unter der
Therapie zu 80% verbessert, die Schwangerschaftsrate betrug 29%. Die hormonellen und
metabolischen Störungen bei Adipositas sind größtenteils reversibel. Der kausale
Therapieansatz in ihrer Behandlung stellt die Gewichtsreduktion dar.