Silke Heindl
Dr. med.
Infektionen als Risikofaktor für akute zerebrovaskuläre Ischämien. Eine
multivariate Analyse.
Geboren am 13.02.1968 in Aschaffenburg
Reifeprüfung am 26.06.1987 in Aschaffenburg
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom SS 1988 bis SS 1995
Physikum am 16.03.1990 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Klinisches Studium in Heidelberg
Praktisches Jahr in Heidelberg und Lyon
Staatsexamen am 18.05.1995 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Promotionsfach: Neurologie
Doktorvater: Prof. Dr. med. W. Hacke
Besonders bei Kindern und jungen Erwachsenen werden Infektionen als Risikofaktor
für akute zerebrovaskuläre Ischämien diskutiert. Zur Untersuchung des
Zusammenhangs zwischen Infektionen und transitorischen bzw. persistierenden
zerebralen Ischämien bei älteren Personen führten wir 1991/92 an der
Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg eine Fall-Kontroll-Studie mit 197
Patienten zwischen 18 und 80 Jahren und 197 zufällig aus der Bevölkerung
ausgewählten Kontrollpersonen durch. Die Kontrollpersonen waren den Patienten
nach Alter, Geschlecht und Wohngegend angeglichen. In der vorliegenden Arbeit
wurde mittels deskriptiven, univariaten und multivariaten statistischen
Verfahren analysiert, ob akute Infektionen ein unabhängiger Risikofaktor für
zerebrale Ischämien auch bei Erwachsenen bis 80 Jahre sind. Dabei wurden eine
Reihe weiterer Faktoren berücksichtigt, deren Bedeutung für die Entstehung von
zerebrovaskulären Ischämien gesichert ist oder derzeit diskutiert wird.
Akute Infektionen in den 7 Tagen vor der Befragung kamen häufiger bei den
Patienten (38 von 197) als bei den Kontrollpersonen vor (10 von 197; rR 4,5; 95%
KI 2,1-9,7; univariate Analyse). Dabei überwogen bei den Patienten Infektionen
des oberen und unteren Respirationstraktes. Meist handelte es sich um
bakterielle Infektionen. Akute Infektionen in den letzten 8 bis 28 Tagen waren
dagegen nicht mit zerebrovaskulären Ischämien assoziiert.
In einer multiplen bedingten logistischen Regressionsanalyse mit den Faktoren
arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, aktuelles Rauchen, frühere
TIAs/Hirninfarkte, TIAs/Hirninfarkte in der Familienanamnese und Koronare
Herzkrankheit bestätigten sich akute Infektionen als ein signifikanter und
unabhängiger Risikofaktor für akute zerebrovaskuläre Ischämien in der
Gesamtgruppe (rR 4,4; 95% KI 1,6-12,2) und bei den Männern unseres Kollektivs
(rR 6,6; 95% KI 1,7-26,2). Bei den Frauen dagegen fand sich in der multivariaten
Analyse keine Assoziation von akuten Infektionen und zerebralen Ischämien.
Rezidivierende Bronchitiden - nicht jedoch andere rezidivierende Infektionen -
waren bei den Patienten tendentiell häufiger als bei den Kontrollpersonen. In
der multivariaten Analyse bestand jedoch kein Zusammenhang zwischen
rezidivierenden Bronchitiden und zerebralen Ischämien.
Unter den übrigen von uns untersuchten Faktoren waren in Übereinstimmung mit
fast allen anderen Studien Hypertonus und Diabetes mellitus signifikante
Risikofaktoren für zerebrale Ischämien. Allerdings war die Bedeutung einer
arteriellen Hypertonie in unserer Studie etwas geringer als in einigen älteren
Untersuchungen, was durch verbesserte Möglichkeiten der antihypertensiven
Therapie bedingt sein könnte.
Früher erlittene TIAs und Hirninfarkte erwiesen sich in unserer Untersuchung als
ein signifikanter Prädiktor für zerebrale Ischämien. Eine Koronare
Herzerkrankung war besonders bei den Männern mit zerebrovaskulären Ischämien
assoziiert. Der im Hinblick auf Schlaganfälle umstrittene Risikofaktor Rauchen
war zwar in unserer univariaten Analyse nicht mit zerebralen Ischämien
assoziiert, erreichte jedoch in der multivariaten Analyse vor allem bei den
Männern statistische Signifikanz.
Weitere in der Literatur diskutierte Faktoren wie TIAs/Hirninfarkte in der
Familienanamnese und eine periphere arterielle Verschlußkrankheit der Beine
spielten in unserer Untersuchung eine untergeordnete Rolle.
Hypercholesterinämie, erhöhter Alkoholkonsum und Herzinfarkte in der
Familienanamnese waren in unserer Studie nicht mit zerebrovaskulären Ischämien
assoziiert. Dabei ist die Einschätzung der Bedeutung von erhöhten
Cholesterinwerten in nicht-prospektiven Studien generell problematisch, da in
den ersten Tagen nach einem Hirninfarkt die Cholesterinwerte oft erniedrigt
sind.
Bei der kritischen Beurteilung der vorliegenden Untersuchung muß eingeräumt
werden, daß einige Risikofaktoren für akute zerebrale Ischämien, allen voran die
absolute Arrhythmie bei Vorhofflimmern, nicht berücksichtigt wurden.
Alle untersuchten Risikofaktoren bis auf die Hypercholesterinämie waren gleich
häufig bei den Patienten mit Infektion und den Patienten ohne Infektion. Dabei
kann die Tendenz zu niedrigen Cholesterinwerten bei den Patienten mit Infektion
durch eine Senkung des Cholesterinspiegels im Rahmen von akuten Infektionen
hinreichend erklärt werden. Aufgrund des gleichen Risikofaktorenprofils von
Patienten mit und ohne Infektion vermuten wir, daß akute Infektionen zumindest
bei älteren Patienten mit vorbestehenden Risikofaktoren einen kurzfristig
wirksamen Auslösefaktor für zerebrovaskuläre Ischämien darstellen könnten.
Akute Infektionen erhöhen wahrscheinlich über eine Aktivierung des
Gerinnungssystems das Risiko für zerebrale Ischämien. Der genaue
Pathomechanismus ist jedoch unbekannt. Die Identifizierung von akuten
Infektionen als Risikofaktor für zerebrovaskuläre Ischämien könnte neue
Perspektiven in Bezug auf die Schlaganfallprävention eröffnen.