Robert Erhard Greim
Dr.med.
Einfluß der suppressiven Schilddrüsenhormongabe auf den Knochenstoffwechsel
bei Patienten mit papillärem und follikulärem Schilddrüsenkarzinom
Geboren am 27.10.1972 in Heidelberg
Reifeprüfung am 10.07.1991 in Bad Tölz
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom WS 1992 bis SS 1998
Physikum am 07.07.1994 an der Universität Heidelberg
Klinisches Studium in Heidelberg
Praktisches Jahr in Heidelberg und der Schweiz
Staatsexamen am 26.10.1998 an der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Nuklearmedizin
Doktorvater: Herr Prof. Dr. med. P. Georgi
Über den Einfluß TSH suppressiver Thyroxindosen bei Patienten mit Struma maligna
wird uneinheitlich diskutiert. Da vor allem die papillären und follikulären
Schilddrüsenkarzinome unter den Malignomen eine doch recht günstige Prognose
haben und die Lebenserwartung gegegenüber der Normalbevölkerung häufig nicht
signifikant reduziert ist, sollte man hierbei den therapeutischen Maßnahmen
hinsichtlich ihrer Nebenwirkungen besonderes Augenmerk zukommen lassen. An erster
Stelle seien hier Knochenumbauprozesse genannt.
Fragestellung:
Anhand unserer Studie an 217 Patienten mit papillärem und follikulärem
Schilddrüsenkarzinom sollte der Einfluß TSH suppressiver Thyroxindosen auf den
Knochenstoffwechsel untersucht werden.
Material und Methodik:
Insgesamt wurden im Rahmen der Studie 258 Patienten mit papillärem oder
follikulärem Schilddrüsenkarzinom untersucht. 41 Patienten, die einen postoperativen
Hypoparathyreoidismus hatten, wurden aus der Studie genommen. Die 217 Patienten
setzten sich aus 60 Männern und 157 Frauen zusammen. Unter den Frauen waren 46
praemenopausal, 80 postmenopausal ohne Östrogenersatz und 31 postmenopausal mit
Östrogenersatz. Bei den Patienten führten wir eine ausführliche Datenerhebung durch,
die sich in drei Teile gliederte: Patientenanamnese (anthropometrische Daten,
Gewohnheiten, Medikamente, etc.), Knochendichteuntersuchung und laborchemisch
ermittelte Daten (TAP, OC, DPD-Crosslinks, FT4, FT3, PTH, TSH, TG, 25-OH
Vitamin D2, Calcitonin, CA, P), als auch retrospektiv erhobene Daten
(Tumorcharakteristika, Radiojodtherapie, etc.). Die Konzentration von OC im Serum
wurde mittels eines Lumineszensimmunoassays, die der DPD-Crosslinks mittels
ELISA, und die der TAP im Serum mit Hilfe eines standardisierten photometrischen
Verfahrens ermittelt.
Ergebnisse:
Die Patientengruppen unterschieden sich hinsichtlich anthropometrischer Daten nicht
signifikant von einander. Auch hinsichtlich der Thyroxinanamnese (T4 aktuell, T4/kg
Körpergewicht, T4 kumulativ) waren keine signifikanten Unterschiede festzustellen.
Bezüglich der Knochenstoffwechselparameter läßt sich sagen, daß hierbei die Gruppe
der postmenopausalen Frauen ohne Östrogenersatz signifikant höhere Werte als die
übrigen Gruppen, insbesondere als die Gruppe der postmenopausalen Frauen mit
Östrogenersatz. zeigte. Anhand einer multivarianten Regressionsanalyse konnten wir
feststellen, daß bei Frauen vor allem das Alter einen signifikant positiven Einfluß auf
die Knochenstoffwechselparameter hatte, wohingegen bei Männern andere
Einflußgrößen, wie Alkohol, BMI, Nikotin und Koffein eine Rolle spielten. Mittels
einfacher Spearman Korrelationen ließ sich in sämtlichen Patientengruppen eine
signifikant positive Korrelation zwichen der Knochendichte und den
Knochenstoffwechselparametern nachweisen. In den Subgruppen zeigte sich bei
postmenopausalen Frauen mit Östrogenersatz eine positive Korrelation mit dem Alter,
bei postmenopausalen Frauen ohne Östrogenersatz sowohl eine positive Korrelation
mit der Dauer der Wechseljahre, als auch FT3 und FT4, was nur in dieser Gruppe
anzutreffen war. Mit den Schiddrüsenhormonen (T4 aktuell, T4/kg Körpergewicht, T4
kumulativ) zeigten sich keine Korrelationen. Des weiteren fanden sich in der Gruppe
der postmenopausalen Frauen ohne Östrogenersatz signifikant mehr Patienten mit
unspezifischer Knochenstoffwechselerhöhung als in den übrigen Gruppen.
Diskussion und Schlußfolgerung:
Die Ergebnisse verschiedener Veröffentlichungen über den Einfluß einer endogenen
Hyperthyreose, als auch den Einfluß der Thyroxinsubstitutionstherapie, sind recht
einheitlich. Demgegegenüber wird über den Einfluß TSH suppressiver
Thyroxintherapie kontrovers diskutiert. In unserer Studie zur Überprüfung des
Einflusses TSH suppressiver Thyroxindosen auf den Knochenstoffwechsel fanden wir
heraus, daß der Knochenstoffwechsel postmenopausaler Frauen ohne Östrogenersatz
erhöht war und ein positiver Einfluß von FT3 und FT4 vorzufinden war. Diese
Erhöhung bewegte sich innerhalb des Normbereiches; die Knochendichte war nicht
signifikant erniedrigt. In den übrigen Gruppen hatten andere Faktoren, wie der BMI,
Alkohol, Nikotin, Koffein und das Alter einen bedeutenderen Einfluß auf den
Knochenstoffwechsel als die TSH suppressive Thyroxingabe. Dies und vorher gesagtes
läßt den Schluß zu, daß der Knochenstoffwechsel postmenopausaler Frauen ohne
Östrogenersatz einerseits per se eine erhöhte Aktivität aufweist, und andererseits durch
Schilddrüsenhormone stärker beeinflußbar ist. Somit sollte man diesem
Patientenkollektiv erhöhte Aufmerksamkeit widmen, und sowohl einen möglichen
Östrogenersatz in Erwägung ziehen als auch eine wohl kontrollierte TSH suppressive
Thyroxindosis berücksichtigen.